Archivradio – Geschichte im Original

SWR
1013
16.10.2026
Beschreibung
Historische Aufnahmen und Radioberichte von den ersten Tonaufzeichnungen bis (fast) heute. Das Archivradio der ARD macht Geschichte hör- und die Stimmung vergangener Jahrzehnte fühlbar. Präsentiert von: Gábor Paál, Lukas Meyer-Blankenburg, Maximilian Schönherr und Christoph König. Ein Podcast von SWR, BR, HR, MDR und WDR. https://archivradio.de | Übersicht über alle Beiträge: http://x.swr.de/s/archivradiokatalog

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Episoden
  1. Kein deutscher Flughafen wurde so schnell gebaut wie der Berliner Flughafen Tegel. Grund war die Berlin-Blockade. Neuer Flughafen in Berlin – innerhalb von 90 Tagen errichtet Alle Zufahrten nach West-Berlin waren durch die Sowjetunion abgeriegelt worden. Die westlichen Besatzungsmächte versorgen die Stadt daraufhin aus der Luft. Um diese Luftbrücke zu verstärken, wird zusätzlich zum Flughafen Tempelhof auf dem ehemaligen, im Krieg völlig zerstörten Luftwaffengelände Tegel innerhalb von nur 90 Tagen ein neuer Flughafen errichtet, mit der damals längsten Start- und Landebahn Europas. Im August 1948 haben die Bauarbeiten begonnen, am 5. November 1948 landet bereits die erste Maschine aus Frankfurt, eine Douglas C-54. Der Flughafen Tegel wird bis zum Jahr 2020 genutzt. Erst mit der Inbetriebnahme des neuen Flughafen Berlin-Brandenburg (dessen Bauzeit um ein Vielfaches länger war) wurde er aufgegeben. Im Bild: Kinder stehen am 5. November 1948 vor einer britischen "Douglas Dakota" auf dem Rollfeld des Berliner Flughafens Tegel. Sie werden wegen des bevorstehenden Winters zu Verwandten in die westlichen Teile Deutschlands geflogen.

  2. Auch der Rechtsanwalt Gregor Gysi spricht auf der Groß-Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz. Gysi gehört der SED an, hat sich aber in den vergangenen Wochen als Anwalt für die Zulassung des oppositionellen Neuen Forums eingesetzt. Darüber spricht er auch jetzt.

  3. Verfassunggebende Versammlung diskutiert heftig über den Namen Mit seiner Gründung 1952 bekommt der Südweststaat den vorläufigen Namen Baden-Württemberg. Aber noch ist nicht ausgemacht, dass es dabei bleibt. Das entscheidet sich erst beim Treffen der verfassungsgebenden Versammlung am 5. November 1953, als über die Namensfrage nochmals heftig diskutiert wird. Einige finden den Doppelnamen zu sperrig und verstehen nicht, warum man dem neuen Bundesland nicht einen kürzeren Namen geben kann, zum Beispiel "Schwaben". Dagegen könne doch niemand etwas haben … Dafür wirbt im folgenden Debattenmitschnitt auch die SPD-Abgeordnete Stefie Restle sowie vor ihr ein Abgeordneter, dessen Name im Archiv leider nicht genannt wird. Weitere Redner: Franz Gurk (CDU) Hermann Saam (FDP/DVP) Viktor Renner (SPD) Baden-Württemberg: Landesverfassung tritt am 19. November 1953 in Kraft Neben dem Namen Schwaben gibt es noch weitere Vorschläge wie "Rheinschwaben", "Staufen" oder "Alemannien". Doch die Entscheidung fällt schließlich mit deutlicher Mehrheit für den Namen Baden-Württemberg – damit sich auch die Badener im Namen wiederfinden. Ab dem 19. November 1953 tritt die neue Landesverfassung und damit auch der Name offiziell in Kraft. Doch die Geschichte ist damit nicht zu Ende. Die Altbadener setzen ihren Widerstand fort und gründen den Heimatbund Badnerland. Sie finden, dass alles nicht mit rechten Dingen gelaufen ist und setzen 1956 vor dem Bundesverfassungsgericht eine erneute Volksabstimmung im badischen Landesteil durch. Die findet – wenn auch erst 1970 – tatsächlich statt. Zur großen Überraschung der Altbadener fühlt sich bis dahin die Mehrheit ihrer Landsleute im neuen Bundesland wohl. Und so bleibt es bei Baden-Württemberg.

  4. "Erichs Lampenladen" wird später Tagungsort der Volkskammer Die DDR errichtet auf der Spreeinsel, am damaligen Marx-Engels-Platz, ein repräsentatives Gebäude für die Volkskammer, den Palast der Republik. Aufgrund der umfangreichen Beleuchtungsanlage werden ihn viele später spöttisch "Erichs Lampenladen" nennen. Erich Honecker bei der Grundsteinlegung Der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker war auch bei der Grundsteinlegung am 2. November dabei. So berichtete damals der Rundfunk in der DDR. Der Palast der Republik wurde nach der Wende wegen der hohen Asbestemissionen geschlossen werden und wurde anschließend bis 2008 abgerissen. An seiner Stelle steht heute das wieder aufgebaute Berliner Schloss mit dem Humbodt Forum.

  5. Ist das Weinen eines Kindes mit dem Weinen einer Ente vergleichbar? Ja, wenn es darum geht, nach der Mutter zu rufen und Nahrung zu fordern! Der SWF-Reporter Dieter Menninger erfährt diese Beobachtung vor Ort, als er den Verhaltensforscher Konrad Lorenz im Sommer 1952 in der Max-Planck-Forschungsstelle für Vergleichende Verhaltensforschung bei Buldern in Westfalen besucht. In der Reportage demonstriert Lorenz, wie sich Lautäußerungen wie Weinen oder Freude bei Tierkindern voneinander unterscheiden. 1949 war Lorenz' Bestseller erschienen: "Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen". Südwestfunk. Aus dem Dokumentationsbestand Zeitfunk. Konrad Lorenz – Die Sprache der Tiere.

  6. Die DDR sah sich als "nazifrei". Um das zu beweisen, inszenierte sie schon früh Prozesse gegen NS-Verbrecher – darunter auch hohe BRD-Politiker wie Hans Globke. Die Prozessmitschnitte existieren noch. Gábor Paal im Archivradio-Gespräch mit Maximilian Schönherr (SWR 2023) | Die ausführlichen Prozessmitschnitte gibt es im Podcast "Archivradio – Geschichte im Original" sowie auf http://swr.li/ddr-prozesse-gegen-nazis | Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: wissen@swr2.de | Mehr über uns: http://archivradio.de/ | Folgt uns gerne auf Mastodon: https://ard.social/@Archivradio

  7. Palästina: arabische und jüdische Bevölkerung wollen Unabhängigkeit Die Situation in Palästina hatte Großbritannien 1947 längst nicht mehr im Griff. Die gewaltsamen Spannungen zwischen der arabischen und jüdischen Bevölkerung schienen unlösbar. Beide Seiten wollten Unabhängigkeit, beide aber zu ihren eigenen Bedingungen. Ben-Gurion wirbt für friedliche Koexistenz und jüdisch-arabische Allianz Im April 1947 beantragte Großbritannien schließlich, dass sich die UN (Vereinte Nationen) damit befassen mögen. Die UN-Vollversammlung kam Ende April 1947 zusammen, um zwei Wochen lang über eine Lösung für die Palästinafrage zu beraten. Gegen Ende kam auch David Ben-Gurion (1886 - 1973) dazu, der Kopf der Jewish Agency und damit de facto Sprecher der Juden in Palästina. Ben-Gurion hatte eine durchaus militante Vergangenheit, sah aber schließlich Chancen für eine friedliche Koexistenz eines jüdischen Staats zwischen freien arabischen Nachbarn, mit denen er kooperieren würde. Dafür warb Ben-Gurion auch vor den UN. Ziel sei eine jüdisch-arabische Allianz, in der alle alle – wie er sie zusammenfasste – semitischen Staaten, also der jüdische und die arabischen Staaten, davon wirtschaftlich und sozial profitieren und wirklich unabhängig würden. Teilungsplan für Palästina Am letzten Tag der zweiwöchigen Sitzung, am 15. Mai 1947, beschloss die UN-Vollversammlung schließlich die Einrichtung eines Sonderausschusses zur Lösung der Palästinafrage. Dieser Ausschuss entwarf im weiteren Verlauf den Teilungsplan, den die Vereinten Nationen im November 1947 annahmen. 1948 erklärt Ben-Gurion Israels Unabhängigkeit Am 14. Mai 1948 endete Großbritanniens Mandat über Palästina. Noch am selben Tag erklärte David Ben-Gurion die israelische Unabhängigkeit.

  8. Die Mauer ist zwar noch nicht gefallen, aber die Umbrüche in der DDR bedeuten bereits das Ende einer Fernseh-Legende: "Der Schwarze Kanal". Das war die Propagandasendung im DDR-Fernsehen, in der Chefkommentator Karl-Eduard von Schnitzler Stimmung gegen die Bundesrepublik machte, und die immer mit einer verzerrten Version der bundesdeutschen Nationalhymne begann. "Der Schwarze Kanal" wird am 31. Oktober 1989 nach fast 30 Jahren abgeschafft. Die letzte Folge endet mit einer Erklärung von Karl-Eduard von Schnitzler. Der Süddeutsche Rundfunk berichtet darüber in seiner Sendung Südfunk aktuell.

  9. Das Stadtbezirksgericht Berlin verhandelt im Juni 1983 gegen den DDR-Bürger Heinz Barth (1920 - 2007). Der Angeklagte war im Juni 1944 als Offizier der Waffen-SS am Massaker in dem französischen Dorf Oradour-sur-Glane beteiligt gewesen. In diesem von der Stasi mitgeschnittenen Prozess-Originalton beschreibt er seine Beteiligung an diesem Verbrechen am 10. Juni 1944. Es folgt das Urteil: lebenslänglich.

  10. Beteiligung am Massaker in Oradour-sur-Glane In einem voll besetzten kleinen Saal des Stadtbezirksgerichts Berlin beginnt der DDR-Strafprozess gegen Heinz Barth (1920 - 2007). Barth wird vorgeworfen, im Zweiten Weltkrieg an Erschießungen von tschechischen Zivilisten und am Massaker im französischen Dorf Oradour-sur-Glane beteiligt gewesen zu sein. Heinz Barth in Frankreich in Abwesenheit bereits zum Tod verurteilt 30 Jahre zuvor hatte ein Militärgericht in Bordeaux über die Täter verhandelt und Heinz Barth in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Barth arbeitete in einem Konsum-Geschäft in Gransee und hatte 1981 mit einer Verhaftung durch die DDR-Justiz nicht gerechnet. Teilnahme an Erschießung in Böhmen Der Originalton dokumentiert den Beginn des Verfahrens mit der Anklage und der ersten Vernehmung des Angeklagten. Dieser beschreibt ein Schlüsselerlebnis, nämlich seine Teilnahme an einer Erschießung in Böhmen.

  11. Das Oberste Gericht der DDR verurteilt den Chef des Kanzleramts Hans Globke (1898 - 1973) in Abwesenheit zu lebenslangem Zuchthaus. Wie die westdeutsche Presse damit umging, zeigt sich anhand von zwei Rundfunkbeiträgen. Zunächst eine halbstündige Sendung des Deutschlandfunks, in der auch der spätere Kanzlerkandidat der Union, Rainer Barzel, zu Wort kommt. Im Anschluss daran ein kurzer Kommentar des Südwestfunks Baden-Baden.

  12. Juli 1963. Das Oberste Gericht der DDR verhandelt gegen den Angeklagten Hans Globke (1898 - 1973). Globke war Jurist und während des Nationalsozialismus in Hitlers Reichsinnenministerium maßgeblich mit der Formulierung der Rassengesetzgebung beschäftigt. Auf ihn gehen Mechanismen der Nazis zurück, wie man angeblich Juden erkennen kann. Die DDR führte diesen Schauprozess in Abwesenheit des Angeklagten durch, denn dieser war Kanzleramtschef unter dem ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer in Bonn. Auch wenn Globke 1963 in den Ruhestand ging, schadete der DDR-Prozess seinem Ansehen nachhaltig. Die Tonqualität des von der Stasi angefertigten Prozessmitschnittes ist nicht überragend. Nach dem Staatsanwalt ist die Verteidigung zu hören, dann das Urteil und schließlich ein Teil der Urteilsbegründung.

  13. Friedrich Georg Knöpfke: Direktor der Funkstunde Berlin Am 29. Oktober 1923 begann der Rundfunkbetrieb. Friedrich Georg Knöpfke (1874 - 1933) sprach die berühmten Worte "Achtung, Achtung! Hier ist die Sendestelle Berlin, im Vox Haus. Auf Welle 400 Meter." Friedrich Georg Knöpfke war Direktor der Funkstunde Berlin. Er fuhr fort: "Meine Damen und Herren, wir machen Ihnen davon Mitteilung, dass am heutigen Tage der Unterhaltungsrundfunkdienst mit Verbreitung von Musikvorführungen auf drahtlos-telefonischem Wege beginnt. Die Benutzung ist genehmigungspflichtig. Als erste Nummer bringen wir: Cellosolo mit Klavierbegleitung, Andantino von Kreisler, gespielt von Herrn Kapellmeister Otto Urak, am Flügel Herr Fritz Goldschmidt." Das Vox-Haus war das Gebäude der Vox Sprechplatten- und Sprechmaschinen AG in der Potsdamer Straße. Von dort wurde die Funkstunde gesendet. Bei der Ansage von Friedrich Georg Knöpfe handelt es sich nicht um einen Original-Mitschnitt der ersten Sendung, Er hat sie vielmehr später noch einmal aufgenommen. Rundfunk-Beitrag: 350 Milliarden Mark Es gab damals, im Oktober 1923, genau 253 Personen, die sowohl ein Radio-Empfangsgerät besaßen als auch eine Lizenz zum Zuhören. Wer das Programm hören wollte, musste nämlich bei der Post eine Lizenz kaufen, eine sogenannte "Hör-Gewährung" – sozusagen ein früher Rundfunk-Beitrag ... Der Preis damals: 350 Milliarden Mark. Es war die Zeit der großen Inflation. Hans Bredow hat den Sendestart spontan entschieden Ebenfalls an jenem Abend mit dabei war Otto Urak – das war der Kapellmeister, den Knöpfke am Ende seiner Ansage angekündigt hat. 1953 – zum 30-jährigen Rundfunkjubiläum erzählt Otto Urak in einem Radiointerview mit dem Sender Freies Berlin, dass Hans Bredow sehr spontan entschieden hat, dass an jenem Abend die erste Sendung stattfinden solle. Alfred Braun sprach regelmäßig Ansagen Auch der Schauspieler und spätere Reporter Alfred Braun sprach regelmäßig die Ansagen. Von ihm existiert eine Aufnahme aus dem Jahr 1925.

  14. Bilder malten Menschen schon in der Steinzeit. Texte wurden schon im Mittelalter vervielfältigt, doch erst 1860 entstand in Frankreich die älteste Tonaufnahme. Die Erfindung des Telefons und das Funken mit Radiowellen waren weitere wichtige Etappen, bis 1923 der reguläre Rundfunkbetrieb in Deutschland begann – maßgeblich vorangetrieben vom weitgereisten Ingenieur und Ministerialdirektor Hans Bredow. Gábor Paál im Archivradio-Gespräch mit Hans-Ulrich Wagner, Leibniz-Institut für Medienforschung (SWR 2023) | Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: wissen@swr2.de | Mehr über uns: http://archivradio.de/ | Folgt uns auf Mastodon: https://ard.social/@Archivradio

  15. April 1960. Das Oberste Gericht der DDR verhandelt gegen Theodor Oberländer (1905 - 1998) wegen seiner Betätigungen im Nationalsozialismus. Der Angeklagte ist zu der Zeit Minister im Kabinett des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer. Deswegen findet der Strafprozess in Abwesenheit statt. DDR-Schauprozess, aber Bundesminister muss seinen Posten aufgeben Die DDR inszeniert das Verfahren als Schauprozess, wegen dem Oberländer jedoch wenig später seinen Westdeutschen Ministerposten aufgeben muss. Zeugen berichten detailliert über die Lage in der ukrainischen Großstadt Lwiw, als die Wehrmacht und Oberländers Geheimdiensttruppe "Nachtigall" Ende Juni 1941 ankamen. In der folgenden Woche wurden dort 10.000 Menschen von den Nazis umgebracht. Das Gericht spielt in der Beweisaufnahme auch einen kurzen Originalton des Angeklagten ab. Zuletzt der Urteilsspruch vom 29. April 1960.

  16. April 1960. Das Oberste Gericht der DDR verhandelt gegen den Angeklagten Theodor Oberländer (1905 - 1998). Oberländer war während des Nationalsozialismus Professor für Agrarökonomie. Mit seinen Veröffentlichungen stellte er einen akademischen Rahmen für Hitlers Vorstellung von "Volk und Raum" her, insbesondere, sich den Osten untertan zu machen. Welche Rolle spielte Oberländer bei den Morden in Lemberg 1941? Als die Wehrmacht 1941 die Sowjetunion angriff, war Oberländer an vorderster Front und marschierte als Oberleutnant mit einer eigenen Truppe namens "Nachtigall" in der westukrainischen Stadt Lwiw ein. Innerhalb einer Woche wurden dort 10.000 Menschen von den Nazis umgebracht. Mit der Gründung von Bundesrepublik und DDR 1949 stieg Theodor Oberländer in die Politik ein und wurde Vertriebenenminister unter dem ersten Bundesdeutschen Kanzler Konrad Adenauer in Bonn. Das war seine Position, als die DDR in Abwesenheit den Prozess gegen ihn abhielt – einen Schauprozess. Theodor Oberländer musste danach seinen Ministerposten in Bonn räumen. Hier ist der erste Teil der Verhandlung, mit der Eröffnung und Anklage.

  17. Das ist auch eine Reaktion auf die Ereignisse von 1968. Brandt dekliniert "Mehr Demokratie wagen" durch: Herabsetzung des Wahlalters, Herabsetzung der Volljährigkeitsgrenze, mehr Diskurs, mehr Mitbestimmung. Über all das redet er gleich am Anfang. Weitere Themen sind: Europa und das deutsch-deutsche Verhältnis, das er entkrampfen will.

  18. Demonstranten haben sich vor dem Rostocker Rathaus versammelt. Schließlich kommt Oberbürgermeister Henning Schleiff heraus und beginnt eine längere Diskussion mit den Protestierenden auf dem Thälmannplatz – über alle möglichen Missstände, die die Bürger beschäftigen, die Wohnungsnot, die Ausreiseproblematik oder die Vergünstigungen, die Stasi-Mitarbeiter bekommen. Es handelt sich um einen so nie im Radio gesendeten Roh-Mitschnitt.

  19. Transkript des Gesprächs mit Marcel Reich-Ranicki Interviewer: Yoram Kaniuk, der Autor von "Bekenntnis eines guten Arabers", ein israelischer Autor, der hier gewesen ist, hat gesagt, die deutsche Nachkriegsliteratur ist judenrein. Nun kündigen Sie ein erstes jüdisches Literaturforum vorerst mit fünf Lesungen an. Mit welcher Intention? Marcel Reich-Ranicki: Zunächst einmal findet hier kein jüdisches Literaturforum statt. Schon diese Formulierung ist ganz und gar missverständlich. Es ist genau als das Umgekehrte gedacht. Es findet im jüdischen Gemeindezentrum eine Literaturreihe statt. Sie hat aber mit Juden so gut wie gar nichts zu tun. Das jüdische Gemeindezentrum stellt sein Gebäude zur Verfügung und lädt die Autoren ein. Das heißt, ich schlage sie vor. Und es ist eine Reihe, die nichts anderes will, als zeitgenössischen deutschen Autoren zur Öffentlichkeit, zum Publikum zu verhelfen. Interviewer: Die Veranstaltungsreihe im jüdischen Gemeindezentrum stellt die Frage, impliziert die Frage nach der jüdischen Literatur in Deutschland. Jurek Becker hat gesagt: "Nein, ich bin kein Jude. Ich bin ein Schriftsteller, und ich möchte als Schriftsteller rezipiert werden, nicht als Jude." Gibt es überhaupt so etwas wie eine jüdische Literatur im Nachkriegsdeutschland? Marcel Reich-Ranicki: Nein, ich glaube nicht, ich glaube nicht und ich weiß auch nicht recht, was jüdische Literatur in der Weimarer Republik war. Wir, die Literatur, wird meiner Ansicht nach klassifiziert, vor allem nach der Sprache, in der sie entsteht. Ich glaube nicht, es ist ein ganz anderes Thema, aber ich darf es hier mit einem Satz anführen: Ich glaube nicht recht an die Existenz der österreichischen oder der schweizerischen Literatur. Ich glaube an die deutschsprachige Literatur unserer Zeit, zu der österreichische und schweizerische Schriftsteller einen sehr wesentlichen Beitrag leisten. Ganz ähnlich ist es vielleicht mit den Juden. Es gibt ja praktisch kaum noch Juden, die Deutsch schreiben. Nach 45 gab es noch die ältere Generation der Deutsch schreibenden Juden. Das waren Emigranten, die beinahe alle nicht zurückgekehrt sind nach Deutschland, sondern dann allmählich im Ausland gestorben sind, die aber zum literarischen Leben in der Bundesrepublik und in der DDR sehr wesentlich beigetragen haben. Ganz bedeutend war die Rolle der Philosophen, der Juden in Deutschland der 60er-Jahre etwa. Da war ja die Philosophie weitgehend von Juden beherrscht, möchte man sagen. Wer war es also? Theodor W. Adorno, Ernst Bloch, Max Horkheimer, Herbert Marcuse, der nicht mehr lebende Walter Benjamin, der damals nicht mehr Lebende; heute sind sie ja alle diese Philosophen inzwischen tot. Also Walter Benjamin, auch Gershom Scholem. Sie sehen eine große Reihe hervorragender Philosophen, deren Schüler heute eine große Rolle spielen. Nun weiter. Es gab nach 45 eine Anzahl von Juden, die in der deutschen Literatur eine Rolle gespielt haben, die nicht Emigranten waren oder Autoren der Weimarer Republik, die noch lebten, sondern solche Autoren, die erst nach 45 oder in den 50er-Jahren zu schreiben begonnen haben. Ein paar Namen: Paul Celan, Peter Weiss, Erich Fried, auch der von ihnen eben genannte Jurek Becker. Aber was Celan oder Fried oder Jurek Becker geschrieben haben, ist deutsche Literatur deutscher Sprache. Natürlich kann man die Frage stellen: Und hatte das Judentum auf diese Literatur gar keinen Einfluss? Oh ja, es hatte schon einen Einfluss, bewusst und unbewusst. Natürlich konnten diese Schriftsteller deren, die ja alle noch vor dem, das Dritte Reich erlebt haben oder wie Jurek Becker während des Dritten Reichs geboren wurden, aber ihre Kindheit noch im Dritten Reich erlebt haben, Becker in einem KZ. Natürlich sind diese Erlebnisse nicht ohne Einfluss gewesen. Das gilt für die Themen der Lyrik von Erich Fried oder von Paul Celan. Das gilt natürlich auch für die Themen mehrerer Romane von Jurek Becker, vor allem seines berühmtesten und besten Romans "Jakob der Lügner". Interviewer: Jüdische Literatur oder jüdische Existenz in Deutschland, in Polen, im – in Europa beinhaltet viele Faktoren. Der Talmud ist eine die Grenzerfahrung, die Erfahrung als Minderheit zu leben, ist eine andere [sic]. Es gibt noch viele andere Faktoren, die die Produktion von Literatur ausmachten. Marcel Reich-Ranicki: Ja, sehen Sie: Die Erfahrung, als Minderheit innerhalb einer nichtjüdischen Gesellschaft zu leben, diese Erfahrung haben alle diese Autoren allesamt von Moses Mendelssohn über Heine und Börne bis hin zu Thomas Brasch, haben diese Erfahrung machen müssen. Und ich bin überzeugt davon, dass die Erlebnisse dieser Autoren innerhalb der nichtjüdischen Welt auf ihr Werk einen sehr starken Einfluss hatten. Wie stark dieser Einfluss war, erfahren wir oft erst jetzt, weil man das nicht so leicht am Werk erkennen kann, wohl aber an anderen Schriften dieser Autoren, nämlich Briefe, Tagebücher, Erinnerungen. Die sind zum großen Teil erst nach dem Tod veröffentlicht worden. Das ist eine sehr wichtige Rolle, und das hat nichts mit der Kenntnis des Talmuds oder jüdischer Überlieferung zu tun, sondern einfach mit dem Alltag eines Juden innerhalb einer nichtjüdischen, oft genug antisemitischen Gesellschaft.

  20. Regierungskritische Töne nun auch in der Berichterstattung des DDR-Rundfunks. Hier in einer Reportage von Radio DDR über die Leipziger Montagsdemonstrationen am 24. Oktober 1989. Der Name des Reporters ist leider nicht archiviert.