Archivradio – Geschichte im Original

SWR
1013
16.10.2026
Beschreibung
Historische Aufnahmen und Radioberichte von den ersten Tonaufzeichnungen bis (fast) heute. Das Archivradio der ARD macht Geschichte hör- und die Stimmung vergangener Jahrzehnte fühlbar. Präsentiert von: Gábor Paál, Lukas Meyer-Blankenburg, Maximilian Schönherr und Christoph König. Ein Podcast von SWR, BR, HR, MDR und WDR. https://archivradio.de | Übersicht über alle Beiträge: http://x.swr.de/s/archivradiokatalog

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Episoden
  1. Schwedisches Friedensforschungsinstitut Sipri warnt 1980, nach dem Scheitern der Abrüstungsverhandlungen zwischen Ost und West, nimmt das atomare Wettrüsten weiter Fahrt auf. Zum 35. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima warnt das schwedische Friedensforschungsinstitut Sipri vor einem drohenden Atomkrieg in Europa.

  2. 1972 hatten Bund und Länder, SPD und Union noch gemeinsam den Radikalenerlass beschlossen, der Extremisten vom Beamtendienst fernhalten sollte. Doch mit den Jahren rücken einige Länder zunehmend davon ab, ebenso die SPD-geführte Bundesregierung. Aus Sicht von Bundeskanzler Helmut Schmidt schießt der Erlass mit Kanonen auf Spatzen. Auf dem Hamburger Landesparteitag der SPD am 24. November 1978 erklärt Schmidt ausführlich seine Position – die letztlich auch dazu führen, dass seine Bundesregierung, die den Beschluss schon einige Zeit ohnehin nicht mehr anwendet, sich 1979 endgültig von ihm verabschieden wird. Mit dieser Rede stimmt er seine Parteifreunde in Hamburg darauf hin. 1979 verabschiedet sich der Bund vom Radikalenerlass, dann nach und nach auch die Bundesländer, zuletzt Bayern 1991.

  3. Die große UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro gilt als Meilenstein der Klimapolitik. Es ging in Rio zwar auch um den Erhalt der Artenvielfalt und Maßnahmen gegen die Wüstenbildung, aber in Bezug auf den Klimawandel gilt die Rio-Konferenz als der Beginn der globalen Klimapolitik mit ihren seitdem regelmäßigen Gipfeltreffen. Ein Star neben all den Politikern war die damals 12-jährige Severn Suzuki, die einen persönlichen und bewegenden Appell an die Erwachsenen richtete. Wenn die Erwachsenen schon nicht wüssten, wie die Umweltprobleme auf diese Planeten gelöst werden könnten, so die damals 12-Jährige, dann sollten sie zumindest damit aufhören, dem Planeten weiter Schaden zuzufügen. Im Internet kursiert das Video ihrer Rede unter dem Titel: "Das Mädchen, das die Welt für sechs Minuten zum Schweigen brachte." Severn Suzuki, Tochter des Umweltaktivisten David Suzuki, wuchs in Vancouver und Toronto auf. Als Neunjährige gründete sie die Umweltorganisation ECO, eine Umweltorganisation für Jugendliche. Gemeinsam mit Mitgliedern von ECO gelang es Suzuki, Geld zu sammeln, um am Umweltgipfel in Rio 1992 teilnehmen zu können. Was wurde aus Severn Suzuki? Severn Suzuki hat Biologie studiert und ist nach wie vor als Umweltaktivistin tätig. Heute lebt sie mit ihrer Familie in British Columbia.

  4. Es ist die größte politische Zäsur der SPD seit Jahrzehnten: Bundeskanzler Gerhard Schröder kündigt einen Abbau sozialstaatlicher Leistungen an. Einschnitte beim Arbeitslosengeld und der Krankenversicherung und eine Lockerung des Kündigungsschutzes. Viele in der SPD tragen die Hartz-Reformen nur widerwillig mit. Sie führen schließlich zu einer Abspaltung eines Teils der SPD und indirekt vier Jahre später zur Partei Die Linke. Hier die zentralen Aussagen aus Gerhard Schröders Regierungserklärung zur Agenda 2010 am 14. März 2003.

  5. Die berühmten Worte von Günter Schabowski fallen erst ganz am Ende, fast beiläufig, auf der langen Pressekonferenz am Abend des 9. November 1989 in der Berliner Mohrenstraße. Schabowski war Sekretär für das Informationswesen im Zentralkomitee der SED. Hier hören Sie die gesamte Pressekonferenz, an deren Ende Schabowski nicht nur die Öffnung der Mauer begründet, sondern auch in Verlegenheit gerät, als ein ausländischer Korrespondent nach der Zukunft der Mauer fragt.

  6. Philipp Scheidemanns Rede "Arbeiter und Soldaten: furchtbar waren die vier Kriegsjahre ... Der unglückselige Krieg ist zu Ende, das Morden ist vorbei ... Die Niederlage ... ist uns nicht erspart geblieben. Unsere Verständigungsvorschläge wurden sabotiert, wir selbst wurden verhöhnt und verleugnet. Die Feinde des werktätigen Volkes ... die Deutschlands Zusammenbruch verschuldet haben, sind still und unsichtbar geworden. ... Alles für das Volk, alles durch das Volk ... Das Alte und Morsche, die Monarchie, ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue, es lebe die deutsche Republik". Aufnahmedatum: Januar 1920 (nachgesprochen) Quelle: Deutsches Rundfunkarchiv (DRA) Das Foto wurde nachgestellt.

  7. Horst Stern war Mitbegründer des BUND, entwickelte die Umweltzeitschrift "Natur" und er machte mit seinem Buch "Rettet den Wald" als einer der ersten auf das sogenannte Waldsterben aufmerksam. 1980er-Jahre in Deutschland: Der Klimawandel war für die Deutschen noch kein großes Thema – dafür aber das "Waldsterben", das zusammen mit dem Schlagwort "saurer Regen" damals die Umweltdebatte prägte. Im Rückblick sagen heute viele, dass die düsteren Prognosen vom Waldsterben übertrieben waren. Doch immerhin, sie haben auch dazu geführt, dass Abgase besser gereinigt wurden und dass Katalysatoren in Autos Pflicht wurden. Wie sich der Wald ohne diese Luftreinhaltungsmaßnahmen entwickelt hätte, ist heute schwer zu sagen. Horst Stern hat mit seinem Engagement und seinem Buch "Rettet den Wald" die Diskussion wesentlich vorangetrieben. "Der Titel ist ein bisschen dramatisiert", sagt er selbst. Durch den Bau neuer Siedlungen, Industrieanlagen oder Straßen werde der deutsche Wald, so Stern, immer weniger. Aufgrund der zunehmenden Luftverschmutzung gebe es außerdem kaum mehr einen Baum ohne chronische Giftschäden. Und drittens werde aus dem deutschen Mischwald immer stärker ein Nadelwald, der für den Forstwirt sehr viel lukrativer ist. Damit gerate aber das ökologische Gleichgewicht durcheinander. Sein Engagement für den Wald konnte auch provozieren. In seiner Reihe "Bemerkungen über den Rothirsch" erklärte er den Hirsch zum Problem für den Wald: "Sie hören richtig, meine Damen und Herren. Es ist nicht dringlich zurzeit, den Hirsch zu schonen. Es ist dringlich zurzeit, ihn zu schießen. Man rettet den deutschen Wald ja nicht, indem man 'O Tannenbaum' singt". Stern sieht jedoch nicht schwarz: "Der deutsche Wald ist ziemlich mustergültig", so der Journalist. Er dürfe nur nicht als Müllplatz angesehen oder immer stärker für den Ausbau von Trimm-Dich-Pfaden hergenommen werden. Quelle: Süddeutscher Rundfunk. Südfunk aktuell. Moderator: Siegfried Höfermann Zum Tod von Horst Stern Horst Stern, geboren am 22. Oktober 1922, starb am 17. Januar 2019. Er wurde 96 Jahre alt. SWR Intendant Peter Boudgoust würdigte das Schaffen Sterns: "Mit Horst Stern haben wir einen der bedeutendsten Dokumentarfilmer des Landes verloren. Für den damaligen SDR hat er mit der Reihe 'Sterns Stunde' in den 1970er-Jahren Meilensteine des dokumentarischen Tierfilms und gleichzeitig die Grundlage für einen kritischen Naturjournalismus geschaffen. Horst Stern war nicht nur ein herausragender Journalist, sondern auch ein unermüdlicher Kämpfer für Tierethik und ein ökologisches Bewusstsein. Dabei war sein Vorgehen oft provokativ, aber stets reflektiert und von großem Sachverstand geprägt."

  8. "Oh blühe fort, du deutscher Sang, wahr in Wort und rein im Klang." Quelle: Männerchor, Mozart-Verein New York Rede – dem deutschen Kaiser gewidmet vom Mozart-Verein in New York "Begeistert durch die glänzenden Waffentaten unserer deutschen Brüder und deren Verbündeten und beseelt von dem Wunsche, dass der große Völkerkrieg den endgültigen Sieg für die Verbündeten im Gefolge haben möge, erlaubt sich der Mozart-Verein, New York, Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser und dem deutschen Volke Gruß und Huldigung in echter Sängerweise darzubringen. Dem obersten Kriegsherrn des Deutschen Reiches, Seiner Majestät Kaiser Wilhelm II. und seinen hohen Verbündeten ein dreifaches Hurra." – Männer: "Hurra! Hurra! Hurra!" Nach der Heimat möcht ich wieder "Nach der Heimat möcht ich wieder nach dem teuren Vaterort wo man singt die frohen Lieder wo man spricht ein trautes Wort. Teure Heimat, sei gegrüßt in der Ferne sei gegrüßt Sei gegrüßt in weiter Ferne Teure Heimat, sei gegrüßt Doch mein Schicksal will es nimmer durch die Welt ich wandern muss Trautes Heim, dein denk´ ich immer Trautes Heim, dir gilt mein Gruß Teure Heimat, sei gegrüßt in der Ferne sei gegrüßt Sei gegrüßt in weiter Ferne Teure Heimat, sei gegrüßt" Quelle: Männerchor, Mozart-Verein New York Aufnahmedatum: ca. 1916, Aufnahmeort: New York Quelle: Deutsches Rundfunkarchiv (DRA)

  9. Wie schüchtere ich Menschen wirkungsvoll ein? Wie befrage ich das Umfeld von Verdächtigen? Tonaufnahmen belegen, wie die Stasi ihre Mitarbeiter in „Operativer Psychologie“ schulte. Gábor Paál im Gespräch mit Maximilian Schönherr (SWR 2020) | Die vollständigen Aufnahmen unter http://archivradio.de

  10. Der nach 2 Jahren Haft in die DDR zurückgekehrte Mann spricht das 1986 auf Tonband. Um „operativ im Feindgebiet zu arbeiten, ist psychische und physische Stärke notwendig“ Es sei ein revolutionäres Abenteuer, bei dem man sich wie ein angegriffener Igel zu verhalten habe: einrollen und Stachel ausfahren. Der Bandkarton trägt keinen Namen. Wir wissen also nicht, wer dieser Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit ist. Er gibt den Genossen Tipps, wie sie sich im Falle einer Festnahme zu verhalten hätten. Ein Kernelement ist die Aussageverweigerung, ein anderes die Bestellung eines Rechtsanwalts über die Ständige Vertretung der DDR. Beides gelingt und wird von den westlichen Behörden nicht behindert. Der politische Gegner, so die Aussage, schlage niemanden mehr brutal zusammen und foltere auch nicht, wie es die Nationalsozialisten getan hätten. Vielmehr sei die „gegnerische Klassenjustiz raffinierter“. Er kritisiert vor allem das Umgarnen auf scheinbar freundschaftlichem Niveau, um Aussagen über Hintermänner zu bekommen. Nach der Festnahme brachte man ihn zum Bundesgerichtshof nach Karlsruhe, wo ihm der Ermittlungsrichter (zurecht) die „Ausspähung für eine fremde Macht“ unterstellte. In der Untersuchungshaft empfand er es als Belastung, dass die meisten Mitgefangenen psychisch gescheiterte, sich am kapitalistischen System bereichernde Verbrecher waren, etwa „Zuhälter und Homosexuelle, Steuerhinterzieher und Bankräuber“. Nach der Verurteilung ließ er sich von seinem Rechtsanwalt aus der Ständigen Vertretung der DDR die Tageszeitung Neues Deutschland bringen, die ihn „klassenmäßig bestärkte. Genossen, das war ein tägliches Fest!“ Als er in verschiedenen Abteilungen des Gefängnisses für „kapitalistische Großunternehmen“ arbeitete, erhielt er einen Stundenlohn von unter 1 DM. Dadurch hätten sich Haftanstalt und BRD-Industrie an ihm bereichert. Das Band fand sich in Gera. Signatur MfS BV Gera/Tb/453

  11. Der Text ist wie eine präzise wissenschaftliche Abhandlung formuliert. Der Vortrag lautet „Methodik zur Bestimmung psychischer Abweichungen des Autors eines anonymen Dokumentes an Hand der schriftlichen Rede und der Handschrift“. Er dauert im Original 5 Stunden und dreht sich um eine Theorie der Beurteilung von Handschriften psychisch kranker Personen. Der Anlass dafür, so ist der Sprecherin zu Beginn zu entnehmen, ist die Erfahrung, dass die Absender der meisten anonym ans MfS gesandten Nachrichten seelische Defekte aufwiesen. Offenbar war dem Ministerium daran gelegen, diese Briefe nach bestimmten wissenschaftlich erarbeiteten Kriterien schnell und effektiv auszusortieren, um sich auf andere zu konzentrieren. Allerdings weisen die Detailverliebtheit und Redundanz des O-Tons auch auf eine Art der Selbstbeschäftigung der Operativen Psychologie hin. Es ist unwahrscheinlich, dass diese theoretisch klingende Arbeit mit einigen praktischen Beispielen irgendetwas in der Stasi bewirkten. Aber sie passt ins Themenfeld der Operativen Psychologie. Unter den psychischen Defekten wird hier vor allem verstanden, dass die Verfasser der anonymen Briefe sich nicht ins sozialistische System eingliederten, sondern Anstoß daran nahmen. Im Rahmen des Diktats fallen Begriffe wie pathologische Weltanschauung und Wahnideen, Zwangsvorstellungen und Epilepsie. Die Sprecherin gibt ein Raster zur Beurteilung der Einsendungen mit einer „Makro- und Mikroanalyse“ vor. Quasi: Wenn der Text keine Auffälligkeit als Ganzes aufweist, muss man Details untersuchen. Als ein Beispiel wird ein angeblich „gestörter“ Absender zitiert, der auf einen Atomkrieg der Amerikaner hofft, damit sich endlich ein gerechtes neues System entwickeln könne. „Ich werde diesem Land viel Böses tun.“ Die Vortragende, deren Namen wir nicht kennen, spricht hier von einer Verzerrung des Verallgemeinerungsprozesses. Weil der Autor auch die russische Sprache ins Spiel bringt, russische Textteile in lateinischer Schrift formuliert, mit zwei Tintenfarben, nämlich blau und rot, wird die Analyse komplex, kommt aber zum Schluss, dass eine „Störung der Symbolisierung“ hier nicht angezeigt sei. Die Kassetten sind undatiert. Manchmal kommt es zu Gleichlaufschwankungen, und die Stimme wird höher und schneller, weil die Batterien des Diktiergeräts zu Ende gehen. Im Stasi-Unterlagenarchiv haben die Kassetten die Signatur MfS HA IX/Ka/3-6. Die Hauptabteilung IX war für strafrechtliche Untersuchungen durch das Ministerium für Staatssicherheit zuständig.

  12. Das folgende Band stammt aus dem Frühjahr 1985 und ist ein Parcours durch Probleme mit Stasi-Mitarbeitern. Einer bereichert sich, ein anderer bekommt vom Liebhaber seiner Frau einen Trabant geliefert, einer missbraucht Kinder. In den Gefängnissen sitzen viele MfS-Mitarbeiter, die Schäden gehen in die Hunderttausende Mark, und der „Genosse Minister“ mahnt an, dass Vorgesetzte Unregelmäßigkeiten melden müssten. Die Kaderkonferenz fand an der Juristischen Hochschule Potsdam statt. Oberstleutnant Klaus Fügner spricht über den militärischen Dienstgrad und die komplizierte Klassenkampfsituation. Es folgt Oberstleutnant Ferdinand Jonak, Lehrstuhlleiter der Operativen Psychologie. Weil viele in der Stasi an Schlafstörungen leiden, spricht er auch über mögliche Therapien. Auch Witze, so Jonak, seien als Befriedigung sozialer Bedürfnisse wichtig. Aber der Witz müsse die richtigen Werte treffen. Am Ende des Tonbands verweist der Moderator der Veranstaltungen auf aktuelle Entwicklungen in der Prager Botschaft. Signatur: MfS HA VIII/Tb/15-17

  13. Dieser Originalton dreht sich um Strategien und Taktiken, mit einer von der DDR-Führung als besonders schwierig angesehenen Bevölkerungsgruppe umzugehen, nämlich den Menschen, die einen Ausreiseantrag in den Westen stellten. Diese „Genossen“ vertrauten dem politischen System nicht, waren also Aussteiger. Würde man die Ausreise genehmigen, könnten sie dem politischen Gegner, eben der BRD, durch ihre Kenntnisse in die Hände spielen. Der Vortrag von „Genosse Oberstleutnant Dr. Fendel“ (vielleicht auch Vendel oder Wendel; der Name ist auf dem Band nicht notiert) gibt den anwesenden Stasi-Kollegen psychologische Tipps im Umgang mit Ausreisewilligen und macht dabei keinen Hehl daraus, dass die wachsende Zahl der Antragsteller ein großes Problem für die DDR darstellt. Die Aufnahme entstand wahrscheinlich 1985 im Rahmen einer Weiterbildungsveranstaltung der Hauptabteilung Inneres. Die Bänder fanden sich in der größten Stasi-Bezirksverwaltung außerhalb Berlins, nämlich in Karl-Marx-Stadt, dem früheren und heutigen Chemnitz. Der Vortrag fand an einem Vormittag statt, mit einer Pause um 10.30 Uhr. Fendel hatte den Vortrag schon zuvor in Rostock gehalten und sprach als Psychologe: „Ich will euch nichts vorschreiben, ihr wisst es eh besser. Aber ich will euch für Psychologie empfänglich machen.“ Er stellt zunächst die Frage, ob die Psychologie eine Art Geheimwissenschaft sei, und geht dann kurz auf die Geschichte ein: Die Psychologie habe eine unheilvolle Vergangenheit als Instrument der Manipulation der Massen – eine Anspielung auf den Nationalsozialismus. Die Psychologie trage noch immer Klassencharakter, sei also durchaus auch für den sozialistischen Staat wichtig, Der Oberstleutnant nennt einige Zahlen: Bis zu 50 Prozent der ausreisewillige Personen ziehen in 14 Tagen ihren Antrag zurück, und zwar nur aufgrund von Gesprächen mit IMs. Nach 6-8 Wochen ziehen weitere 25 Prozent ihre Anträge zurück. Einige Zitate und Stichpunkte: „Ihr seid Vertreter des Staats, und so werdet ihr auch vom Antragsteller gesehen. Ihr seid aber auch Vertreter der Interessen der Bürger. Das wissen die Antragsteller in der Regel nicht. Ihr seid die ersten, die das erfahren, aber hinter Euch steht ein ganzer Apparat. Ihr müsst die Information an andere staatliche Organe weitergeben.“ Fendel nimmt auch Bezug auf das „ZDF Magazin“, in dem ZDF-Moderator Gerhard Löwenthal Ausreisewilligen Verhaltenstipps gab, was sie sagen und nicht sagen dürfen. Der lebendige Vortrag wird mit Applaus quittiert. Die Bänder lagen in der ehemaligen Stasi-Bezirksverwaltung in Chemnitz. Zur Orientierung: Das Einzugsgebiet umfasste rund 2 Millionen Bürger, das jährliche Budget war lag am Ende bei über 100 Millionen Ost-Mark. Die Bezirksverwaltung beschäftigte fest 3600 Personen und frei, also IMs, 12.000. Signatur: MfS BV KMSt/Tb/70

  14. Die folgende Tonbandkassette entstand am 18. April 1984, vermutlich in Halberstadt. Wir hören eine damals etwa 30jährige Frau, die einen Ausreiseantrag in die Bundesrepublik gestellt hat, primär um ihre dort lebende kranke Mutter zu betreuen. Seit Antragstellung hat sie ihre Stellung als Sekretärin und Übersetzerin bei der FDJ verloren und schlug sich als Putzhilfe durch. Auch aus der Staatspartei SED wurde sie ausgeschlossen. In dem O-Ton spricht sie mit einem Stasi-Angestellten. Das Verfahren folgte psychologischen Normen der Juristischen Hochschule, zu denen gehörte, den Antragsteller mehrfach vorsprechen zu lassen. Anfangs war man der Frau strenger und zu zweit begegnet und hatte sie in einem kargen Raum befragt. Bei späteren Terminen entstand ein Vertrauensverhältnis mit nur noch einem Stasi-Mitarbeiter in einem anderen Raum mit angenehmerem Ambiente. Die Kassette ist etwa eine Stunde lang und nimmt im letzten Drittel eine überraschende Wendung, weil die Frau als IM angeworben wird – und das Angebot akzeptiert. Es folgten mehrere Schulungstreffen, bis sie Anfang 1985 mit ihrem Sohn in den Westen ausreisen konnte. Sie lief beim Ministerium für Staatssicherheit als „HIM Yvonne“. Im Sommer 1987 entschied das Grenzkommando Nord in Halberstadt, sie außer Dienst zu stellen und „sperrte“ die Akte. Signaturen MfS HA I/Ka/19-20

  15. Was verrät die Handschrift über den Charakter einer Person? Wie kann man gefälschte Handschriften erkennen? Das war Thema des folgenden Vortrags am Lehrstuhl für Operative Psychologie der Stasi. Der Vortragende zeigt auch Dias. Es werden Handschriften unter Alkoholeinfluss und von körperlich behinderten Menschen vorgestellt. Wir hören von diesem stark redundanten O-Ton zu einer, wie es damals hieß, „Lichtbildreihe“ nur den Anfang und den Schluss der im Original einstündigen Aufnahme. Das Band fand sich in der Stasi-Bezirksverwaltung Neubrandenburg. Es ist undatiert. Die Beschriftung der Juristischen Hochschule Potsdam lautet: „Beschaffung, Speicherung und Untersuchung von Handschriften als M ethode der politisch-operativen Arbeit zur Bekämpfung der staatsfeindlichen Tätigkeit.“ MfS Nbg/Tb 233

  16. Dieser Vorlesungsmitschnitt entstand 1981. Der Name des Vortragenden ist unbekannt. Das Publikum waren Studierende der Juristischen Hochschule Potsdam, also weitgehend Stasi-Offiziere. Die Veranstaltung zog sich über den ganzen Vormittag hin. Der Vortragende wirkt zunächst sehr verschlafen, wird dann aber immer lebhafter. Das Material fand sich in der Stasi-Bezirksverwaltung Halle und identisch in der Hauptabteilung VIII des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin. Es besteht aus mehreren Bändern bzw. Tonbandspuren mit einer Länge von insgesamt vier Stunden. Weil es den Stand der Psychologie für die DDR-Inlandspionage abbildet, hören wir die Vorlesung – bis auf eine schlecht verstehbare Passage – komplett. Das Material fand sich in der Hauptabteilung VIII des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin und – vermutlich in Kopie – in der Stasi-Bezirksverwaltung Halle. Es besteht aus mehreren Bändern bzw. Tonbandspuren mit einer Länge von insgesamt vier Stunden. Einige Stichpunkte im Verlauf der Vorlesung Einflüsse auf den Ermittlungsprozess: IM-führender Mitarbeiter, IM-Ermittler, Auskunftsperson, Gesprächsinhalt IM-Ermittler. Besonderheiten und ihre Motivation Gespräche mit intellektuell Überlegenen Motivation durch Gefühlserzeugung Grundsätze der Gesprächsführung. Fragen, Sprache, Respekt u. a. Auftreten gegenüber Auskunftspersonen, erster Eindruck, Legende Gesprächsführung, Fragearten Suggestion Informationsspeicherung: Gesprächsnotizen, Wiederholung, Aufnahmegeräte Tonbandmitschnitte Einflüsse auf den Wahrheitsgehalt von Informationen MfS BV Hle/Tb/68, Intro: HA VIII/Tb/12

  17. Die Stasi führte den Operativen Vorgang unter dem Namen „Revisionist“ an den Universitäten Leipzig und Berlin. Die angeblichen Revisionisten waren Gedichte schreibende, Marxismus-Leninismus studierende und westliche kommunistische Literatur lesende Studierende und Assistenten. An dem Operativen Vorgang war auch die Juristische Hochschule Potsdam beteiligt, um psychologische Werkzeuge zur Infiltration und Zersetzung zur Verfügung zu stellen. Wir hören ein Gedächtnisprotokoll von IM Erich auf Kassette von 1985. Erich war nicht fest beim Ministerium für Staatssicherheit angestellt, wurde aber für seine „konspirative Tätigkeiten“ gut bezahlt. Die Aufnahme ist eine knappe Stunde lang, von der wir wegen der schlechten Tonqualität nur sieben Minuten hören. Die Kassette lag in der Stasi-Bezirksverwaltung Leipzig. MfS BV Lpz Ka 244_01

  18. Die folgende Aufnahme aus dem Jahr 1976 klingt wie eine Vorlesung, bei der der Vortragende zwischendurch an die Tafel schreibt, war aber laut Bandbeschriftung eine Veranstaltung der Volkspolizei in Dresden. Offenbar war der Saal gut besetzt. Das Thema ist die grundsätzliche Einschätzung einer Person, etwa eines Vorgesetzten oder eines Informanten, den man anwerben möchte. Die Einschätzung sei etwas anderes als das Urteil über eine Person. Der Vortragende befindet sich vorn an der Tafel und weit entfernt vom Mikrofon im Publikum. Das Thema ist die grundsätzliche Einschätzung einer Person, etwa eines Vorgesetzten oder eines Informanten, den man anwerben möchte. Offenbar ist der Saal gut besetzt. Es geht um Themen wie den Unterschied zwischen einem gesetzten Ziel und dem tatsächlich Erreichten. Die Einschätzung einer Person müsse vom Urteil über eine Person unterschieden werden. Hier nutzt der Vortragende ein offenbar gängiges Vorurteil, nämlich dass man türkische Mitbürger an ihren Schweißfüßen erkenne. Die Äußerung lockerte die trockene Veranstaltung etwas auf und führte zu erheitertem Murmeln im Publikum. Der gut einstündige Mitschnitt ist deswegen schwer verständlich, so dass wir uns hier auf 5 Minuten mit einigen besser verständlichen Passagen beschränken. Das Band fand sich in der Stasi-Bezirksverwaltung Dresden MfS BV Ddn/Tb/342

  19. Was zu beachten ist, wenn die Stasi junge Männer für eine Offizierslaufbahn anwirbt – davon handelt der folgende Vortrag von „Genossin Oberstleutnant Medizinalrat Dr. Helga Weser“, Vorsitzende des Zentralen Medizinischen Dienstes. Dr. Weser ist krank, deshalb verliest ihr Mitarbeiter, Dr. Wolfram Eisengräber ihren Vortrag, auch er ist ein führender DDR-Psychiater. Weder Weser noch Eisengräber waren Psychologen, auch wenn ihre Arbeitsgruppe „Neurologie, Psychiatrie und Psychologie“ hieß. Der Vortrag könnte aus den späten 1970er Jahren stammen. Er trägt den Titel. „Neue Erkenntnisse bei der Kaderwerbung“. Weder und Eisengräber arbeiteten im 1974 gegründeten Zentralen Medizinischen Dienst des Ministeriums. Dieser diente auch der psychologischen Betreuung von hauptamtlichen Mitarbeitern der Stasi. Im Publikum des Saals saßen offenbar Funktionäre des MfS, die mit Problemen der Nachwuchs-Rekrutierung konfrontiert waren. Helga Wesers Text arbeitet praktisch an keiner Stelle mit ideologischen Begrifflichkeiten und zeichnet auch kein ideales Bild der sozialistischen Gesellschaft. Stattdessen leuchtet er in die kleinbürgerliche Welt der DDR-Psyche hinein. Für die Anwerbung müsse das Umfeld des Kandidaten abgeklopft werden, statt auf Schulzeugnisse zu sehen. Insbesondere seien Frauen, die den Bewerber haben aufwachsen sehen, eine gute Informationsquelle. Nur sie könnten erzählen, ob er ein Wunschkind seiner Eltern war, wie früh er mit sexuellen Beziehungen begann, ob die Freundinnen im Elternhaus willkommen waren usw. Falls die sexuellen Beziehungen homosexueller Natur waren, führe das zur „Untauglichkeit“. Man müsse auch bei verheirateten Kandidaten fragen, ob in der Vergangenheit homosexuellen Erlebnisse im Spiel waren. Wenn ein junger Mann sehr früh eine Freundin habe, könne dies ein Zeichen für ausgeprägte Kontaktbereitschaft sein. Kontaktgestörte Personen wären für das MfS ohne Nutzen. Wenn Bewerber als Kind oft krank waren und nicht zur Schule gingen, sei das ein Zeichen für die „verwöhnende Haltung der Eltern“. Bei solchen Bewerbungen müssen man auch das Vorschulalter betrachten. Gebildeten, „intellektuellen Kandidaten“ müsse man mit Vorsicht begegnen, weil sie oft verbal ausgefeilt ideologische Gründe vorschoben, in Wirklichkeit aber nur auf die guten Verdienstmöglichkeiten bei der Stasi aus seien. Oft sei bei ihnen eine Überheblichkeit beim Bewerbungsgespräch zu spüren. Dr. Eisengräber warnt vor den vielen „echt schwachsinnigen Genossen“. Sie kämen meist von der Hilfsschule und wünschten sich Tätigkeiten im MfS wie Autos zu waschen. Sie seien sofort als untauglich einzustufen. Man werde beim MfS ja nicht als Autowäscher, sondern als Berufssoldat eingestellt. Bei Schwachsinnigen ließe sich das Verhalten nicht programmieren, also seien sie, wie alle Hilfsschüler, ein Sicherheitsrisiko. Zwar sei nicht jeder Hilfsschüler schwachsinnig, wohl aber die meisten. Nach etwa einer Stunde spricht der Vortragende ein Problem an, welches er persönlich bei der Kaderwerbung sehr ernst nähme: Alkohol. Dies führt im Publikum des Saals sofort zu erheiterter Unruhe. „Es macht fast jeder in der DDR, dass er zum Abendbrot sein Bier trinkt. Macht er sich dadurch schon verdächtig?“ Auch hier wieder Lachen der Stasi-Offiziere im Publikum. Ein Bier pro Abend, so der Vortragende, sei normal. Aber immer öfter zeigten selbst junge Kollegen Alkoholprobleme. Danach wird die Tonqualität schlecht und die Diskussion schwer unverständlich. Deswegen hören wir hier die letzte halbe Stunde nicht mehr. Das Band fand sich in der Stasi-Bezirksverwaltung Halle. MfS BV Hle/Tb/422

  20. Die Bundesrepublik benutzt Psychologie um gegen die DDR politisch-ideologisch vorzugehen – das war der Tenor des folgenden Vortrags. Ein Mitarbeiter der Juristischen Hochschule spricht einen Aufsatz auf Band, den ein „Hauptmann Ferdinand Jonak“ im Januar 1971 ausgearbeitet hatte. Jonak wurde später (als Oberst) Professor und Leiter des Instituts für Operative Psychologie an der Juristischen Hochschule Potsdam. Die Facharbeit bildet die politische Einschätzung der Psychologie in West und Ost dieser Zeit ab. Wir hören von der mehrstündigen Aufnahme das erste Band. Jonak wurde 1930 in eine Arbeiterfamilie in Dresden geboren, kam mit 24 Jahren zur Dresdener Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit, studierte Psychologie und machte an der Juristischen Hochschule eine steile Karriere. 1989 war er im Rang eines Oberst als Professor Leiter des Instituts für Operative Psychologie. Jonaks Aufsatz ist in viele Punkte und Unterpunkte gegliedert und ein ideologisch aufgeladenes Pamphlet. Unter dem Titel „Missbrauch psychologischer Erkenntnisse in der politisch-ideologischen Diversion gegen die DDR“ wird der BRD unterstellt, die Psychologie zur Gleichschaltung der Massen und Unterwanderung des Ostens einzusetzen. Auch der Begriff des Neobehavourismus fällt – eine aus den USA kommende angebliche Manipulationsform, die schlimmer als eine Wasserstoffbombe wirken könne. Auch Rauschgift und Elektroschocks gehören laut diesem Vortrag zum Instrumentarium des politischen Feinds. Sigmund Freud und die Psychoanalyse untersuchen laut Jonak die Ursachen menschlichen Verhaltens in unveränderlichen Trieben, statt im gesellschaftlichen Zusammenhang der Klassengesellschaft. Hier zu hören ist nur das erste Band. MfS HA I/Tb/65