Afrikas Ubuntu - Die Philosophie der Menschlichkeit
18.07.2025 · 23 Min.
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Die Philosophie 'Ubuntu' steht für Brüderlichkeit, Vergebung, Solidarität, Mitgefühl und gemeinsame Verantwortung. Diese Philosophie der Menschlichkeit wurde durch den früheren Präsidenten Nelson Mandela repräsentiert. Autor: Geseko von Lüpke (BR 2016)
Credits
Autor/in dieser Folge: Geseko von Lüpke
Regie: Susi Weichselbaumer
Es sprachen: Friedrich Schloffer, Ruth Geiersberger, Armin Berger, Beate Himmelstoß
Technik: Fabian Zweck
Redaktion: Bernhard Kastner
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
Im Interview:
Augustine Shutte (Professorin; Philosophieprofessorin, Kapstadt);
Dirk Louw (Professor; Philosophieprofessor, Stellenbosh);
Lesbila Teffo (Professorin; Philosophieprofessorin, Pretoria);
Didintle Ntsie (Sozialarbeiterin, Kapstadt);
Barbara Nussbaum (Autorin, Stellenbosh);
Johan Broodryk (Autor und Philosophie, Pretoria);
Elaine Miller (Gastwirtin, Hermanus)
Ein Porträt über Nelson Mandela finden Sie ebenfalls auf radioWissen:
Nelson Mandela - Der lange Weg zur Freiheit
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Grönlandhaie werden bis zu 600 Jahre alt und sind damit die ältesten bekannten Wirbeltiere. Sie sind auch sehr langsam, sie schaffen nur rund drei Stundenkilometer. Ob sie gefährdet sind, weiß man nicht. Mit der Eisschmelze in der Arktis nimmt aber die Fischerei und damit die Bedrohung ihres Lebensraums zu. Von Brigitte Kramer (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Irina Wanka Technik: Monika Gsaenger Redaktion: Bernhard Kastner Interviewpartner/innen: Jürgen Kriwet, Paläobiologe, Universität Wien; Matthias Schaber, Biologe, Ozeanograph, Thünen-Institut (Institut für Seefischerei), Bremerhaven Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Pottwale - Tauchmeister der Tiefsee JETZT ANHÖREN Artenwandel im Anthropozän - Der Einfluss des Menschen auf die Evolution JETZT ANHÖREN Wale - Faszinierende Wanderer der Ozeane JETZT ANHÖREN Der Narwal - Einhorn des arktischen Ozeans JETZT ANHÖREN Das Walross - Dickhäutiger Koloss der Arktis JETZT ANHÖREN Eisschmelze - Verlorene Lebensräume für viele Tiere JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Katherine Rundell: The golden mole and other living treasure. Faber & Faber Ltd, 2022 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
- Frauen auf Rädern - Wie Radfahren Frauen emanzipierte
17.07.2025 · 23 Min.
Fahrradfahren macht mobil - und damit frei. Das passte Ende des 19. Jahrhunderts nicht zum Bild der passiven, schwachen Frau. Mediziner diskutierten Folgen für die Gebärfähigkeit, Gesellschaft und Kleiderordnung machten die ersten Touren von Pionierinnen zu Spießroutenfahrten. Von Axinja Weyrauch (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Axinja Weyrauch Regie: Irene Schuck Es sprachen: Katja Amberger, Hemma Michel, Peter Weiß, Katja Schild Technik: Stefan Oberle Redaktion: Yvonne Maier Im Interview: Dörte Florack, HistorikerinNoch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin Angeline hat nie Fahrradfahren gelernt. Nun sitzt sie auf einem Fahrrad, Trainerin Jess hält sie hinten am Gepäckträger fest. Zsp A Angeline und Jess „nach vorne nach vorne“ Sprecherin Angeline schiebt an, findet die Balance, tritt in die Pedale Und irgendwann, lässt Trainerin Jess einfach los. Zsp A Angeline und Jess „sehr schön, immer nach vorne, und dann Bremsen „Das hast du alleine gemacht“ – Jubel!“ Freude, Kindergarten here I come“ Musik 1 "Los mundos sutiles (Part II)" - Album: Los mundos sutiles - Komponist und Ausführender: Pascal Gaigne - Zeit: 0'26 Sprecherin Die junge Frau aus Kenia ist gerade das erste Mal in ihrem Leben Fahrrad gefahren. Sie macht zusammen mit anderen Frauen mit Migrationsgeschichte einen Fahrradkurs auf der Theresienwiese in München. Jess ist die Trainerin der Organisation Juno, die den Kurs anbietet. OTON B Jess In Deutschland das Fahrrad spielt eine große Rolle, viele lernen als kleine Kinder. So viele Deutsche fühlen sich wohl beim Fahrradfahren. Aber als Migranten… es gibt verschiedene Mobilitätskulturen in verschiedenen Ländern. Und auch für Frauen insbesondere, in vielen Ländern ist Fahrradfahren nicht selbstverständlich oder es ist tabu oder sogar verboten. Und hier darf man das als Frau, ich glaube, es gibt mentale Barrieren als auch psychische, weil das ist als Erwachsene noch schwieriger. Sprecherin Abeer zum Beispiel kommt aus dem Irak. Zsp C Abeer Bei unserer Heimat wir haben nicht Fahrradfahren gelernt, weil einfach es ist keine Fahrrad. Oder viele Familien darf nicht die Mädchen Fahrradfahren oder so. Aber meine Kinder und auch mein Mann alles kann fahren. Und ich will auch mitfahren.“ Sprecherin Das Fahrrad bietet Freizeitwert – ein Erlebnis. Aber auch mehr Möglichkeiten im Alltag. Zsp D Abeer Zum Schule abholen, mit Fahrrad ganz schnell. Zu Fuß ich brauche halbe Stunde, 20 Minuten. Sprecherin Etwas, was den meisten hierzulande recht banal vorzukommen scheint – mal eben schnell mit dem Radl zum Bäcker oder das Kind abholen – bedeutet für diese Frauen eine ganz neue Freiheit. Musik 2 "Is she dead?" - Komponist: Alexandre Desplat - Album: Tamara Drewe (Original Soundtrack) - Länge: 0'28 Sprecherin Diese Freiheit auf zwei Rädern gibt es etwa seit Ende des 19. Jahrhunderts – in dieser Zeit verbreiten sich die ersten Modelle langsam in der Gesellschaft. Wer sich die damalige Gesellschaft anschaut, wundert sich wahrscheinlich nicht, dass die erste Laufmaschine, später das Veloziped, das Hochrad und auch das erste Niederrad – alles Erfindungen auf dem Weg zum heute bekannten Fahrrad – nicht für Frauen gemacht sind. ZSP OT 01 Florack Als das Fahrrad auf die Welt kam, war es männlich. Sprecherin Die Historikerin Dörte Florack hat ein Buch über die Anfänge des Frauenradfahrens im Deutschen Reich geschrieben. Das war kurz vor der Jahrhundertwende. Alle ersten Modelle … ZSP OT 02 Florack sind entwickelt worden für Männer. In ihrem üblichen, wie darf man sich verhalten und wie darf man sich kleiden und wie kann ich so ein Sportgerät oder so ein Fortbewegungsmittel verwenden. Sprecherin Und das macht es für Frauen zunächst nicht so einfach. Das liegt zum einen an gesellschaftlichen Erwartungen an die Frau – aber zum anderen auch ganz praktisch: An ihrer Kleidung. Musik 3 "Demonstration" - Album: Suffragette (Original Motion Picture Soundtrack) - Komponist: Alexandre Desplat - Länge: 0'58 Sprecherin Mit einem langen Rock auf ein Fahrrad mit hoher Stange zu steigen, ist auch heute nicht besonders praktisch. Damals aber tragen Frauen nicht einfach Röcke, sondern mehrlagige, sehr weite Röcke – an ihnen hingen mehrere Quadratmeter Stoff. Damit auf ein Hochrad zu steigen, dessen Sattel sehr nah am riesigen Vorderrad ist – undenkbar. Zitatorin Amalie Rother Auf den Gedanken, die Kleidung der Maschine entsprechend anzupassen, das heißt, in Hosen zu fahren, wären damals selbst die Kühnsten unter uns nicht geraten. Sprecherin Schreibt Amalie Rother in einem Aufsatz 1897. Sie hat einen Frauen-Fahrradklub in Berlin gegründet. Zitatorin Amalie Rother In Berlin dürften meine Freundin Clara Beyer und ich die ersten Damen gewesen sein, die sich dem entsetzten Volke auf dem Rade zeigten, und zwar auf dem Dreirad. Das war 1890. Sprecherin Zwar beschreibt Amalie Rother es an der Stelle nicht eindeutig – vermutlich tragen die beiden aber lange Kleider und sind deswegen aufs Dreirad gestiegen, das funktioniert mit Rock besser. Trotzdem: Bei ihrer ersten Ausfahrt innerhalb Berlins sind sie eine Provokation. Musik 4 : "Lost" - Ausführende: Ben Salisbury & Geoff Barrow- Album: Civil War (Original Score) - Länge: 0'41 Zitatorin Amalie Rother „Sofort sammelten sich hunderte von Menschen, eine Herde von Strassenjungen schickte sich zum Mitrennen an, Bemerkungen liebenswürdigster Art fielen in Haufen, kurz, die Sache war das reinste Spiessrutenlaufen, so dass man sich immer wieder fragte, ob das Radfahren denn wirklich alle die Scheusslichkeiten aufwöge, denen man ausgesetzt war.“ Sprecherin Und weiter schreibt sie: Zitatorin Amalie Rother „Alles Verweisen auf Reiterinnen, Schlittschuhläuferinnen half nichts, Radfahren war und blieb "unweiblich". Einen vernünftigen Grund, warum, konnte natürlich niemand angeben.“ ZSP 3 OT Florack „Es gab die Vorstellung einer Geschlechterverschiedenheit und einer Geschlechterhierarchie. Und zur Verschiedenheit gehörte, dass Männern und Frauen verschiedene Sphären zugeschrieben waren.“ Sprecherin Als das Fahrrad sich in bürgerlichen Kreisen verbreitet, herrschen klare Rollenvorstellungen. Zsp 4 OT Florack „Dem Mann war die Kultur zugeschrieben, die Erwerbsarbeit, er galt als aktiv, ihm war Kraft zugeschrieben. Während der Frau umgekehrt die Natur, die Hausarbeit, sie galt als passiv und Schwäche zugeschrieben war. Dazu passte es natürlich gar nicht, sich auf ein Fortbewegungsmittel zu setzen, das ja irgendwie auch Sportgerät war.“ Musik 5: "Demonstration" - Album: Suffragette (Original Motion Picture Soundtrack) - Komponist: Alexandre Desplat - Länge: 0'17 Sprecherin Das Fahrrad verbreitet sich zunächst nur in den sozial besser gestellten Kreisen. Es ist eine spannende Zeit: Zwar sind die Rollenbilder extrem starr, doch erste Frauenrechtlerinnen hinterfragen das gesellschaftliche Korsett, in dem sie sich bewegen. MUSIK 6 "Biggest Shagging" - Komponist: Alexandre Desplat - Album: Tamara Drewe (Original Soundtrack) - Länge: 1'09 Sprecherin Dazu gehört in den USA beispielsweise Caroline, mit Künstlernamen Elsa von Blumen. Sie steigt mit Hosen aufs Hochrad – in einer Zeit, in der Sport für die allermeisten Frauen kein Thema war. Sie beginnt ihre Karriere als Läuferin um ihr Kränkeln zu bekämpfen. Mit dem Hochrad tritt sie zu Wettbewerben an: Zum Jahreswechsel 1885 auf 1886 sind zwei Männer ihre Gegner - die aber als Team fahren und sich so immer abwechseln. Elsa von Blumen fährt 590 Kilometer in 51 Stunden – und gewinnt. Über die Jahre nimmt sie an vielen Wettbewerben teil und stößt auf gemischte Reaktionen. Die Lokalpresse feiert sie oft – aber immer wieder rennen ihr Männer hinterher, sie stürzt mehrere Male. Bei einem Rennen wirft ihr ein Mann einen Stock zwischen die Speichen. Trotzdem wird sie Zweite. In einem Interview sagt Elsa von Blumen: Zitatorin Elsa von Blumen „Indem ich mit meinen Bicycle-Übungen vor Publikum auftrete, biete ich meinem Verständnis nach nicht bloß die aktuell modernste und faszinierendste Unterhaltung, sondern demonstriere auch den großen Bedarf nach Körperkultur und Körpertraining, besonders der jungen amerikanischen Damen.“ Sprecherin Die meisten bürgerlichen Frauen trauen sich nicht sofort, einfach Hosen zu tragen. Durch das Fahrrad wird eine Entwicklung losgetreten, die den langen Rock zumindest etwas praktischer macht – etwas kürzer, etwas weniger weit geschnitten, manche Frauen nähen sich Ziehbänder in den Rock. Und denken sich ganz neue Modelle aus. ZSP 5 OT Florack „Dann gibt es den Rock mit Unterbeinkleidern. Also eine Art Pumphose drunter, das hatte schon die Gefahr, dass sich die Oberschenkel abzeichneten. Dann gab es sowas wie Hosenröcke, sehr weit in den Beinen, da war die Gefahr, dass man den Schritt sehen konnte, sodass mitunter vorne ein Tuch drüber gespannt wurde, damit das eben nicht geschah.“ Sprecherin In Deutschland gibt es in den 1890er Jahren zwei Fahrradzeitschriften speziell für Frauen. In „Der Radlerin“ und der „Draisena“ werden verschiedene modische Möglichkeiten diskutiert, das Radgewand praktisch zu gestalten, aber trotzdem noch den Konventionen zu entsprechen. Eine Idee waren „Verwandlungskostüme“. Beispielsweise eine Pumphose, die mit extra Stoff und Knöpfen schnell zu einem Rock umfunktioniert werden kann. Pumphosen ohne alle Rock-Umbaumöglichkeit sind die gewagteste Form, mit der sich nach und nach Frauen aufs Fahrrad trauen. Neu erfinden müssen sie sie nicht – etwa vier Jahrzehnte vorher schon sind sie Thema in der US-amerikanischen Frauenbewegung. Dort werden sie Bloomers genannt - der Name geht auf die US-amerikanische Frauenrechtlerin Amelia Jenks Bloomer zurück. Sie setzt sich dafür ein, den Dresscode für Frauen zu lockern und praktischer zu gestalten. Eine Entwicklung, die auch in den USA nicht jedem gefällt. Musik 7 "Subliminal" - Album: Lasa & Zabala (Original Motion Picture Soundtrack) - Komponist und Ausführende: Pascal Gaigne - Länge: 0'35 Sprecherin Allein die Angst davor, dass Lehrerinnen demnächst den langen Rock gegen Hosen eintauschen könnten, treibt die örtliche Schulbehörde zuständig für Flushing auf Long Island in den USA dazu, drei Lehrerinnen das Fahrradfahren zur Schule zu verbieten. Ein Behördenmitarbeiter sagt laut eines Zeitungsartikels: Musik 8 "Full Tense" - Album: Requiem for a Dream (Soundtrack from the Motion Picture) - Komponist: Clint Mansell - Länge: 0'44 Zitator Zeitungsartikel Behördenmitarbeiter „Es ist nicht recht, dass Frauen das Fahrrad fahren. Sie tragen natürlicherweise Röcke, aber wenn wir sie jetzt nicht stoppen, dann wollen sie im Stil der New Yorker Frauen fahren und Bloomers tragen. Wie würden dann unsere Klassenzimmer aussehen, wenn die Lehrerinnen in Bloomers zwischen den Mädchen und Jungen umhergehen. Sie könnten ebenso gut Männerhosen tragen. Ich vermute, dass es so weit noch kommen wird, doch wir sind entschlossen, rechtzeitig unsere Lehrerinnen zu stoppen, bevor sie so weit gehen.“ Sprecherin Doch einige Frauen gehen tatsächlich so weit, ziehen Bloomers an und trauen sich damit aufs Fahrrad. Aber viele von ihnen ziehen sich nach dem Radeln direkt wieder um. Das heißt, das Fahrrad schafft etwas, was dem Pferd mit seinem Damensattel nicht gelang: Zumindest zeitweise tauschen manche Frauen öffentlich sichtbar Rock gegen Hose – aber die gesellschaftliche Konvention wird – vor allem in Deutschland - durch das Fahrrad nicht sofort gebrochen. Auch Amalie Rother, die Pionier-Radlerin aus Berlin, spricht sich gegen Hosen fernab vom Fahrrad aus. Die Radlerinnen erkämpfen sich zwar das Fahrradfahren – aber nicht alle von ihnen wollen auch fernab der zwei Räder Konventionen brechen. Manche Frauen wollen wohl einfach die schöne Ausfahrt ins Grüne genießen und nicht gleichzeitig die Gesellschaft revolutionieren. Die Modefrage ist in Sachen Rock außerdem nicht mehr so wichtig, als sich das Rad mit niedrigem Einstieg verbreitet. Amalie Rother, die Berliner Fahrradpionierin aus Berlin schreibt darüber: Zitatorin Amalie Rother „Ich bin gewiss heute keine Freundin des eben so hässlichen, wie unpraktischen Damenrades, aber das steht fest: Ohne diese Maschine hätte das Damenfahren nie den jetzigen Aufschwung genommen, die besseren Kreise hätten sich viel schwerer zum Fahren entschlossen“. Sprecherin Aber es gibt noch ein anderes Kleidungsstück, dem manche Radlerinnen den Kampf ansagen – auch Amalie Rother: Zitatorin Amalie Rother „Das erste, was unbedingt in die Rumpelkammer muss, ist das Korsett. Tiefes, lebhaftes Atmen, wie es das Radfahren verlangt, kann nur geschehen bei voller Ausdehnung des Brustkorbes.“ Sprecherin Im 19. Jahrhundert gilt die Wespentaille als Schönheitsideal. Vor allem wohlhabendere Frauen greifen zu dem Kleidungsstück mit eingenähten Drähten, was so eine aufrechte Haltung erzwingt. Nicht einfach, damit Fahrrad zu fahren. Der neue Sport entfacht eine Diskussion über das Korsett, die es teilweise schon gab. Manche Mediziner warnen schon länger vor Konsequenzen für die Organe, die Atmung und die Rippen. Als Alternative wird das Reformkorsett empfohlen, etwas weiter geschnitten und dehnbar, oder Büstenhalter. Laut Historikerin Dörte Florack wird die Diskussion um das Korsett vor allem von Medizinern geführt. Dabei geht es zum einen um gesundheitliche Aspekte – aber manche Ärzte kommentieren auch die Ästhetik, beispielsweise, dass auch das Reformkorsett selbst „starken Frauen“ eine hübsche Figur verleihen solle. ZSP 6 OT Florack „Die Mediziner haben die Priester abgelöst als Hauptkommentatoren gesellschaftlicher Entwicklungen. Somit hatten sie Gewicht.“ Sprecherin Und als Hauptkommentatoren haben sie noch ganz anderes beizutragen als nur zum Korsett. Zum Beispiel die Frage, ob lange Touren nicht schädlich für das „schwache Geschlecht“ seien. OT Florack „Ich hatte vielmals nicht das Gefühl, dass Frauen, dass Radlerinnen überhaupt befragt wurden – sondern es wurde halt über sie geschrieben.“ Sprecherin Gewarnt wird vor Haltungs- und Organschäden – das gilt auch für Männer. Insgesamt hält man die Frau aber für weniger leistungsfähig. Ein Arzt empfiehlt allgemein für „Vergnügungstouren“ nicht mehr als 50 Kilometer – die gesunde Jugend könne sich aber auch an das Doppelte heranwagen. Für Frauen schränkt er die Richtwerte aber um ein Viertel ein. Außerdem Gegenstand von Diskussionen – der Unterleib der Frau. Neben der Warnung, das Fahrradfahren könne der Fruchtbarkeit schaden, wird eine These besonders oft zitiert und diskutiert: 1896 schreibt der Arzt Martin Mendelsohn in „Der Einfluß des Radfahrens auf den menschlichen Organismus: Musik 9/10 "Full Tense" - Album: Requiem for a Dream (Soundtrack from the Motion Picture) - Komponist: Clint Mansell - Länge: 0'41 "Subliminal" - Album: Lasa & Zabala (Original Motion Picture Soundtrack) - Komponist und Ausführende: Pascal Gaigne - Länge: 0'41 Zitator Mendelsohn „Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass, wenn die betreffenden Individuen es wollen, kaum eine Gelegenheit zu vielfacher und unauffälliger Masturbation so geeignet ist, wie sie beim Radfahren sich darbietet. Wenn man, was vorgekommen ist, ganz absieht von denjenigen Fällen, in denen der Sattel auf ganz besonderer Absicht mit einem nach oben gekrümmten Vordertheile versehen wurde, so bietet auch sonst der Sitz, rittlings mit ausgespreizten Schenkeln, ausreichende Möglichkeit, solchem Hange nachzugeben.“ Sprecherin Da Mendelssohn hinzufügt, dass auch Männer ihre Fahrt wegen ständiger Erektionen oft unterbrechen müssen, scheint recht offensichtlich, dass er seine Abhandlung nicht empirisch belegen kann. Zwar will er das Fahrradfahren nicht ganz verbieten, weil er durchaus auch gesundheitlichen Nutzen sieht. Aber seine These wird vor allem von Kritikern des Radfahrens als Argument genutzt. Einer schreibt, dass Frauen und Mädchen das Radfahren zu „verbotenen Zwecken“ nützten und das Frauenradfahren etwas Unsittliches sei. Wie sich eine Radlerin benehmen soll – und vor allem, in welcher Gesellschaft sie fahren durfte, ist immer wieder Thema in Zeitschriften und Büchern. Wenn eine Frau mit Männern unterwegs ist, sollte sie zum Beispiel in der Mitte fahren, damit die Herren die Dame „vor Blicken und sonstigen Gefahren“ schützen können. Um mit nur einem Mann zu fahren, muss es schon ein naher Verwandter oder nahestehender Freund zu sein, der laut einem Text in der Draisena als „ihr Beschützer und Wächter“ schräg versetzt knapp hinter der Frau fahren soll. Ein besonderes Modell stellt besonders herausfordernde Fragen: Das Tandem. Wer sitzt vorne, wer sitzt hinten? ZSP 7 OT Florack „Hier widerspricht sich nämlich einerseits, dass natürlich die Frau vorne zu sitzen hat, weil der Mann ihr doch nicht den Rücken zuwenden darf und sie natürlich den Blick auf die Landschaft haben soll. Und auf der anderen Seite natürlich der Mann derjenige sein muss, der steuert.“ MUSIK 11 "Is she dead?" - Komponist: Alexandre Desplat - Album: Tamara Drewe (Original Soundtrack) - Länge: 0'45 Sprecherin Alle Bedenken von Ärzten, Modevorschriften oder gesellschaftliche Erwartungen können Frauen über kurz oder lang aber nicht aufhalten, auf Fahrräder zu steigen. Zitatorin Susan B. Anthony „Ich denke, es hat mehr für die Emanzipation der Frauen getan als irgendetwas anderes auf der Welt.“ Sprecherin Sagt die amerikanische Frauenrechtlerin Susan B: Anthony schon 1896 in einem Interview Zitatorin Susan B. Anthony „Ich freue mich jedes Mal, wenn ich eine Frau auf einem Fahrrad sehe. Es gibt Frauen ein Gefühl von Freiheit und Selbstvertrauen." ZSP 10 OT Florack „Es wird individuell sehr zur Emanzipation beigetragen hatte, weil sie auf einmal einen ganz anderen Bewegungsradius hatte. Sie konnten beim Sport ihre Kleidung anders gestalten, sie konnten raus in die Natur, sie konnten sich leichter mit Freundinnen treffen. Es wurde manches aufgebrochen. Und ich glaube schon oder bin überzeugt, dass es für manche Frauen durchaus stärkend war.“ Sprecherin Allerdings sagt die Historikerin auch, dass nicht jede Fahrradfahrende Frau im Deutschen Kaiserreich ihr Tun gleich als politisches, feministisches Statement versteht. ZSP 11 OT Florack „Man darf sich jetzt aber keine kämpferische Klientel vorstellen, jedenfalls nicht so, wie es aus den Quellen nachvollziehbar ist. Es gab extra Frauenradzeitschriften, da wurde manches diskutiert, da wurden die medizinischen Auseinandersetzungen und so weiter reflektiert, es wurde auch mal gesagt – in meinen Worten – das ist ja Quatsch. Aber es wird nicht verbunden mit einem: So jetzt müssen wir heraustreten aus dem, was uns als Zwängen auferlegt ist als bürgerliche Frauen.“ Sprecherin In Deutschland ist das Fahrrad also nicht Symbol und Mittel einer Frauenrechtsbewegung geworden. Anders ist das in Großbritannien. Alice Hawkins aus Leicester arbeitet um 1900 herum in einer Fabrik – und setzt sich dafür ein, dass Frauen die gleiche Bezahlung erhalten sollen wie Männer. Und: Das Wahlrecht. Sie gründet den Ableger der WSPU in Leicester – also der Women’s Social and Political Union – besser bekannt als Suffragetten. Um ihre Ideen auch in umliegenden Ortschaften zu verbreiten und sich mit Gleichgesinnten zu treffen, benutzt sie: das Fahrrad. So legt sie Strecken zurück, die zu Fuß nicht möglich gewesen wären. 1907 gründet Flora Drummond die WSPU Cycling Scouts. Jeden Samstag trifft sich die Gruppe auf einem Platz in London und fährt los, auch aus der Stadt raus, um ihre Ideen zu verbreiten. Dabei tragen die Frauen lila, weiß und grün – die Farben der Suffragetten und Flaggen der Women’s and Social Political Union flattern am Fahrrad. Nach teils militanten Aktionen ist das Fahrrad auch oft das Mittel zur Flucht – manche Frauen schaffen es so, dem Gefängnis zu entkommen. Auf Fotos der britischen Suffragetten sieht man sie oft mit Fahrrädern. Manchmal ist das Fahrrad beiläufig dabei, manchmal posieren die Frauen damit. Das Rad ist damals das einfachste, schnellste und unabhängigste Fortbewegungsmittel für die Frauen. Arbeiterinnen sind in ihrer knapp bemessenen Freizeit sonst zu Fuß unterwegs, Frauen der oberen Schichten verbringen viel ihrer Zeit in Innenräumen oder werden in Kutschen umhergefahren. Das Beispiel der Suffragetten zeigt, wie wichtig eine unabhängige, schnellere Mobilität für politische Arbeit ist, um sich überhaupt austauschen und vernetzen zu können. Musik 12 "Los mundos sutiles (Part II)" - Album: Los mundos sutiles - Komponist und Ausführender: Pascal Gaigne - Zeit: 0'29 Sprecherin Wie sehr das Fahrradfahren emanzipiert, ist auch schon nach wenigen Tagen beim Kurs für Frauen mit Migrationsgeschichte auf der Theresienwiese spürbar. Mittlerweile drehen fast alle Frauen schon sicher ihre Runden auf der riesigen Fläche. Abeer aus dem Irak ist nicht mehr zu bremsen. Zsp E Abeer „Es ist ein sehr schönes Gefühl, dass ich kann Fahrradfahren. Ich fühle mich wie fliegen, wie Vogel“ Sprecherin Für Angeline aus Kenia bedeutet es Zsp F Angeline „Freedom, you feel the air, coming to your face, it is really nice. I think this week we can go have a look for a bike for me“ Sprecherin OV: Freiheit, man fühlt die Luft im Gesicht, es ist toll. Ich denke nächste Woche können wir nach einem Fahrrad für mich schauen. Sprecherin Was sagen die Frauen hier zu dem Satz der Frauenrechtlerin Susan B. Anthony, das Fahrrad hätte mehr für die Emanzipation der Frau getan als irgendetwas anderes auf der Welt? Zsp G Angeline: „Yeah Yeah, true, it really opens up. Because imagine I take my son from school, I need 15 Minutes, so it is 30 minutes… in 30 minutes I can do a lot oft hings. You get more time to do things that matter.“ Sprecherin OV Ja, das ist wahr, es gibt mehr Möglichkeiten. Wenn ich meinen Sohn zur Schule bringe, brauche ich 15 Minuten, also 30 insgesamt. In 30 Minuten kann ich so viel tun – man bekommt mehr Zeit um wichtige Dinge zu tun.“ Musik 13 "Los mundos sutiles (Part II)" - Album: Los mundos sutiles - Komponist und Ausführender: Pascal Gaigne - Zeit: 0'30 Zsp H Ayyah: „Ich dachte, ich könnte nicht Fahrradfahren, weil man das als Kind lernen muss. Aber besonders in Arabische Kultur, ist nicht normal das viele Leute Fahrradfahren. Aber jetzt danach, ich hab das Gefühl, ich könnte alles machen.“
- Die Kreuzotter - Gut getarnt und giftig
16.07.2025 · 22 Min.
Kreuzottern sind die einzigen Giftschlangen Bayerns. Angst müssen Menschen aber nicht haben: Weil ihre Lebensräume immer kleiner werden, sind die Schlangen mit dem typischen Zickzackmuster inzwischen selten. Von Claudia Steiner (BR 2025) Credits Autorin dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Frank Halbach Es sprach: Irina Wanka Technik: Anton Wunder Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Paul Hien, Reptilienexperte und Tierfilmer Max Prietzel vom Bayerischen Artenschutzzentrum am Bayerischen Landesamt für Umwelt Tobias Windmaißer Bund Naturschutz in Bayern Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Schlangengrube - WirTier Markus hat als Tierarzt eine Mission: Reptilien vor Leid bewahren. Er kümmert sich um Schlangen aus Qualzuchten oder auch um exotische Tiere, die als Ware illegal gehandelt und wenig artgerecht gehalten werden. Host Vici nimmt für WirTier ihren Mut zusammen: Schafft sie es, Schlangen auf Augenhöhe zu begegnen? HIER geht es zur Folge. Wildtiere erobern die Großstadt - Waschbär, Fuchs und Fledermaus JETZT ENTDECKEN Das Reh - Scheuer Waldbewohner im Kreuzfeuer JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Linktipps: Die Alpenkreuzotter aus der Zeitschrift für Feldherpetologie HIER Kreuzottern - faszinierend und gefährdet - Website des Bayerischen Landesamt für Umwelt HIER Lebensräume der Kreuzotter kennen und schützen Website NABU Baden-Württemberg HIER Scheue Sonnenanbeterin - Die Kreuzotter im Porträt Website NABU HIER Kreuzotter - Vipera berus Website Herpetofauna.at HIER Achtung Kreuzotter - ARD Mediathek HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO Wald 01 Zsp Kreuzotter Paul Hien Kreuzottern sind in mehrerlei Hinsicht Schlangen der Superlative. Also, es fängt schon mal an, dass sie die größte Verbreitung aller Landschlangen der Welt hat. Das reicht von Schottland quer durch Eurasien bis hinter fast bis nach Japan. Und in Europa geht sie zum Beispiel in Norwegen sogar über den nördlichen Polarkreis raus – als einzige Schlange der Welt. Und im Süden bis zum Balkan. Und in ihrem Riesengebiet hat man mittlerweile schon mehrere Unterarten beschrieben. MUSIK „Nomad Theme“; ZEIT: 01:16 SPRECHERIN … sagt der Reptilienexperte und Tierfilmer Paul Hien. Er berät den Nationalpark Bayerischer Wald und gibt dort Kreuzotter-Führungen. In Deutschland begegnet man Kreuzottern unter anderem in der Norddeutschen Tiefebene und in den östlichen Mittelgebirgen. In Bayern kommen die Schlangen mit dem typischen Zickzackmuster auf dem Rücken vor allem im Norden, im Voralpenland und in den Alpen vor, sogar bis auf eine Höhe von über 2.200 Metern, in der Schweiz sogar bis auf 3.000 Höhenmeter. MUSIK kurz hoch SPRECHERIN 2024 war die Kreuzotter in Deutschland „Reptil des Jahres 2024“. Doch die einzige Giftschlange Deutschlands wird immer seltener. Inzwischen wird sie bundesweit auf der Roten Liste geführt. Sie gilt als stark gefährdet. Im Freistaat ist die Schlange in Gebieten außerhalb des Alpen- und Alpenvorlandes sogar vom Aussterben bedroht. Sie zu töten, steht unter Strafe. Das war nicht immer so. Die gut getarnte Kreuzotter war lange gefürchtet, denn beim Torfstechen, bei der Heuernte oder bei Waldarbeiten kam es immer wieder zu Begegnungen zwischen Tier und Mensch und manchmal auch zu schmerzhaften Bissen. Der Amphibien- und Reptilienexperte Max Prietzel vom Bayerischen Artenschutzzentrum am Bayerischen Landesamt für Umwelt. MUSIK ENDE 02 Zsp Kreuzotter Max Prietzel Es wurden tatsächlich auch Kopfgeldprämien auf erschlagene Tiere ausgezahlt. Das lief tatsächlich auch noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts, also nach dem Zweiten Weltkrieg. SPRECHERIN Im 19. Jahrhundert wurden allein um Baiersbronn im Schwarzwald pro Jahr rund 100 getötete Schlangen abgeliefert. Laut NABU Baden-Württemberg sind auf diese Weise im Nordschwarzwald die Bestände in nur 100 Jahren um etwa 90 Prozent zurückgegangen. Hinzu kommt, dass der Lebensraum der Schlangen immer kleiner wird. So wurden zum Beispiel in Bayern zahlreiche Flüsse wie der Lech und die Isar begradigt. Flussauen verschwanden. Auch viele Moore wurden trockengelegt, riesige Flächen versiegelt. Max Prietzel: 03 Zsp Kreuzotter Max Prietzel Und natürlich kam dann auch noch die land- und forstwirtschaftliche Intensivierung mit dazu, also die Umwandlung gerade von diesen Standorten und Lebensräumen, die davor nicht ganz so in der Nutzung waren. SPRECHERIN So sind nach und nach wichtige Strukturen für die in Bayern etwa 50 bis 70 Zentimeter lange Schlange verlorengegangen. MUSIK „Natural Harmony“; ZEIT:. 00:49 SPRECHERIN Die zur Familie der Vipern gehörenden Reptilien sind wechselwarm. Das heißt, ihre Körpertemperatur hängt von der Umgebungstemperatur ab. Besonders agil sind die Schlangen, wenn es warm ist. Morgens suchen sie gerne lichte Stellen zum Beispiel in der Nähe von Heidelbeersträuchern auf, um sich dort ungestört in die Sonne zu legen. Sie können ihre Rippen abspreizen: Dadurch wird ihre Körperoberfläche größer und sie können noch mehr wärmende Sonnenstrahlen einfangen. Sonst mögen Kreuzottern aber eher kühle und feuchte Lebensräume wie Heide, Torfmoore und Grasland mit Tümpeln. Paul Hien: MUSIK ENDE 04 Zsp Kreuzotter Paul Hien Kreuzottern haben relativ hohe Ansprüche an ihren Lebensraum. Ich nenne sie immer den Mercedes unter den Kriechtieren, also da wo es die Kreuzotter noch gibt, da gibt es eigentlich die anderen Arten auch noch alle und eine Kreuzotter braucht halt richtige Wildnis. SPRECHERIN Als Unterschlupf – auch im Winter - suchen sie sich frostsichere Steinhaufen, Felsspalten, Totholzhaufen, Mäusegänge oder Lücken im Wurzelwerk großer Bäume. Im Bayerischen Wald zum Beispiel wurden früher aus Äckern Steine und Felsbrocken gelesen, um Flächen für die Landwirtschaft nutzbar zu machen. Die Steine wurden entlang der Felder und Äcker aufgeschüttet – diese Haufen waren ideale Sonnenplätze und Rückzugsorte für die Ottern. Doch diese Strukturvielfalt gibt es inzwischen nur noch in wenigen Regionen. ATMO Wald SPRECHERIN Deshalb braucht die Kreuzotter inzwischen Unterstützung. Ein großes Naturschutzprojekt in Deutschland, das auch der Viper zugutekommt, ist das Grüne Band entlang der etwa 1.400 Kilometer langen, ehemaligen Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland. Hier – entlang des Eisernen Vorhangs – wurde der Grenzstreifen 40 Jahre lang aus militärischen Gründen offengehalten und nicht landwirtschaftlich genutzt. Naturschützer versuchen, den Artenreichtum dort zu erhalten. MUSIK „Roof of the world”; ZEIT: 00:52 SPRECHERIN Und dann gibt es noch das Grüne Band Europa, das vom Eismeer im Norden bis zur Adria und dem Schwarzen Meer reicht. Im Grenzbereich zwischen Bayern und heute Tschechien gab es viele Jahre ein absolutes Sperrgebiet auf tschechischer Seite, in dem die Natur sich selbst überlassen wurde. Der Innere Bayerische Wald wiederum war lange und ist vielerorts immer noch von kleinbäuerlicher Landwirtschaft geprägt. Die Region ist bekannt für ein artenreiches Mosaik aus Kultur- und Naturlandschaften, doch auch hier verändert sich die landwirtschaftliche Nutzung. Deshalb versuchen Naturschützer, die Vielfalt zu bewahren oder wieder aufzubauen. Tobias Windmaißer ist beim Bund Naturschutz in Bayern für die Vernetzung des Grünen Bandes im Inneren Bayerischen Wald zuständig. MUSIK ENDE 05 Zsp Kreuzotter Tobias Windmaißer Wir konnten auf mehreren Flächen die Attraktivität für die Kreuzotter erhöhen, dadurch dass wir Totholzhaufen und Lesesteinriegel angelegt haben. Viele Flächen werden extensiv beweidet und Teilbereiche nur sporadisch gemäht. Das alles führt zu einer höheren Strukturvielfalt auf der Fläche. Und zum Beispiel brauchen junge Kreuzottern als Nahrung die Hüpferlinge, also die Larven von Amphibien wie dem Grasfrosch. Die kommen natürlich nur vor, wenn auf der Fläche auch Tümpel oder kleine Gewässer vorliegen. Und die haben wir aktiv reaktiviert oder neu angelegt. Und das in der Summe führt dann dazu, dass die Flächen für die Kreuzotter besser geeignet sind. SPRECHERIN Solche Maßnahmen zeigen Wirkung: Auf einigen wenigen, besonders abwechslungsreichen Flächen im Bayerischen Wald können Experten zuletzt zur Paarungszeit mehrere Tiere auf einmal beobachten. Tobias Windmaißer: 06 Zsp Kreuzotter Tobias Windmaißer Und mittlerweile ist dieses Gebiet in Anführungszeichen eine Paarungsarena geworden für die Kreuzotter. Und dort wurden schon einmal über zwei Dutzend Exemplare auf einmal gezählt. Sowas ist allerdings wirklich eine Seltenheit. SPRECHERIN In Bayern kommen die Schlangen inzwischen nur noch in abgegrenzten Gebieten vor. Ziel der Umweltschützer ist es, die Lebensräume zu erhalten und falls möglich - die Gebiete wieder zu vernetzen, so dass es zu einem genetischen Austausch kommt. Oft sind die Populationen aber so stark isoliert, dass dies schwierig ist. Max Prietzel vom Bayerischen Artenschutzzentrum: 07 Zsp Kreuzotter Max Prietzel Kleine, stark isolierte Populationen, denen fehlt natürlich der genetische Austausch und das kann natürlich durch genetische Prozesse zu einer Verarmung (…) und dementsprechend zu geringerer Reproduktion bis hin zum Aussterben der Population führen. (…) Es laufen tatsächlich Studien, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, unter anderem in Schweden gibt es ein sehr ausführliches Beispiel, da wurde eine Population (…) über mehrere Jahre untersucht und die war eben stark verarmt und man hat dann aus einer nahen Population einzelne Tiere, in dem Fall männliche Tiere, in diese Population eingebracht und konnte eben relativ schnell Erfolge sehen. SPRECHERIN Die Reproduktionsrate stieg, heißt: es gab wieder mehr Jungtiere. Aber auch die Zahl der Tiere insgesamt nahm zu. In Bayern greift man noch nicht zu solchen Maßnahmen, sagt Max Prietzel. 08 Zsp Kreuzotter Max Prietzel Da ist ein weiteres Problem natürlich, dass wir aktuell tatsächlich noch zu wenig zur Genetik der Art selber wissen, also erst vor relativ kurzer Zeit, (…) ist eine neue genetische Unterart, die Alpenkreuzotter, auch in Bayern festgestellt worden und da ist es natürlich so, dass man, wenn man da Tiere aus sehr stark unterschiedlichen Regionen miteinander verbringt, dass dann natürlich da auch Effekte auf die genetische Diversität wirken, also dass das natürlich auch zu Nachteilen führen kann. Dementsprechend brauchen wir da eigentlich erstmal noch deutlich fundiertere Daten, um in diese Richtung denken zu können. ATMO Donner & Regen, Wind MUSIK privat Take 009 „Dusty Rain”; Album: Mind of Tesla; Label: CD Baby; Interpret: Kim Merlino; Komponist: Kim Merlino; ZEIT: 00:29 SPRECHERIN Je nach Witterung suchen sich die Schlangen im Herbst oder Spätherbst ein Winterquartier – zum Beispiel frostsichere Höhlen oder Hohlräume unter Steinhaufen. Etwa von Oktober bis März verbringen die Tiere, die sonst als Einzelgänger unterwegs sind, dann oft zusammen mit Artgenossen. Sie müssen etwa ein halbes Jahr ohne Nahrung auskommen. Völlig regungslos sind sie aber auch im Winter nicht. MUSIK ENDE MUSIK „Particle“; ZEIT: 01:20 SPRECHERIN Im Frühjahr kommen dann zunächst die Männchen aus ihren Winterquartieren. Sie legen sich in der Nähe ihres Schlafplatzes zum Aufwärmen in die Sonne. In diesen Wochen reifen ihre Spermien. Ab April häuten sich die Reptilien dann. Da die Haut nicht mitwächst, muss die zu klein gewordene Haut regelmäßig abgestreift werden. Dies geschieht vier bis fünf Mal im Jahr, indem die Tiere zum Beispiel über Steine oder Baumstümpfe kriechen. Dabei wringen sie sich aus der zu eng gewordenen Haut wie Menschen aus einer zu engen Jeans. Zurück bleibt das sogenannte Natternhemd. Im neuen, silber-schwarzen Hochzeitskleid steht dann im April und Mai die Paarung an. Kreuzottern werden im Alter von drei bis vier Jahren geschlechtsreif. Die paarungsbereiten Weibchen sondern Pheromone ab. Die etwas kleineren Männchen folgen dem Duft. Sinneszellen auf ihrer gespaltenen Zunge ermöglicht es ihnen, räumlich zu riechen und die Weibchen zu finden. Wenn auch andere Männchen um das Weibchen buhlen, findet ein Ringkampf statt. Dazu richten die konkurrierenden Männchen ihre Vorderkörper auf und umschlingen sich. Jeder versucht, seinen Kopf über den des anderen zu schieben und den Gegner auf den Boden zu drücken. Das unterlegene Männchen bei den ritualisierten Kommentkämpfen ergreift die Flucht. Der Sieger kommt zum Zug. Paul Hien: MUSIK ENDE 09 Zsp Kreuzotter Paul Hien Also die setzen niemals ihre Giftzähne ein. (…) Das sind so rituelle Kämpfe. Da wird nur kurz geschaut, wer ist der Stärkere, ohne dass man jemanden wirklich verletzen will. (…) SPRECHERIN ((Bei der Paarung kriecht das Männchen mit zuckenden Bewegungen über das Weibchen und berührt es immer wieder mit der Zunge. Dann erfolgt die Begattung, indem die sogenannten Kloaken aneinandergepresst werden.)) Der Paarungsakt kann mehr als zwei Stunden dauern, erzählt Reptilienexperte Paul Hien. 10 Zsp Kreuzotter Paul Hien Und es ist so, dass sich ein Weibchen mit mehreren Männchen paaren kann. Und da kann sogar der Wurf mehrere Väter (…) haben. (…) Nach dem Paaren versucht das Männchen, sein Weibchen dann noch eine Weile zu beschützen vor anderen Männchen. Weil je mehr sich damit paaren, desto weniger Chancen hat das erste Männchen, dass seine Gene dann tatsächlich weitergegeben werden. MUSIK „Natural Harmony“; ZEIT: 01:04 SPRECHERIN Kreuzottern gehören zu den ovoviviparen Reptilien. Ovovivipar bedeutet Ei-Lebend-Geburt. Das heißt: Die Weibchen brüten die Eier acht bis zehn Wochen im Körper aus und legen sich dazu jeden Tag in die Sonne. Zwischen August und Oktober kommen dann mehrere Jungschlangen lebend zur Welt, umhüllt von einer dünnen, durchsichtigen Eihülle. Diese müssen die neu geborenen, bis zu zwölf Zentimeter langen Schlangen zerreißen. Kurz darauf häuten sie sich zum ersten Mal. Die Jungtiere sind sofort selbstständig. Sie ernähren sich hauptsächlich von jungen Gras- oder Moorfröschen. Dafür bewegen sie ihren kleinen Schwanz hin- und her. Für die Frösche sieht der winkende Schlangenschwanz wie ein fetter Wurm aus. Wenn die Hüpferlinge in Reichweite sind, beißen die kleinen Jungvipern, die bereits Gift haben, zu. Doch es gibt immer weniger Frösche, sagt Max Prietzel. MUSIK ENDE 11 Zsp Kreuzotter Max Prietzel Wir haben jetzt in den letzten Jahren, auch klimawandelbedingt, sehr starke Rückgänge, vor allen Dingen von Grasfrosch und diese frisch metamorphierten Hüpferlinge, die spielen eben eine wichtige Rolle bei den jungen Kreuzottern und durch den Rückgang eben des Grasfrosches sind langfristig auch Auswirkungen auf die Kreuzotterbestände zu befürchten. SPRECHERIN Ein weiterer Grund für den Rückgang der Amphibien wie dem Grasfrosch: Sie reagieren sehr empfindlich auf Umweltgifte oder auch Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat. ((Kreuzotter-Experte Paul Hien: 12 Zsp Kreuzotter Paul Hien Amphibien geht es gerade richtig schlecht weltweit. Und wenn es den Amphibien schlecht geht, geht es leider auch den Kreuzottern schlecht. )) SPRECHERIN Adulte, also ausgewachsene Schlangen jagen Eidechsen, Frösche, Feld-, Wald- oder Spitzmäuse. Paul Hien: 13 Zsp Kreuzotter Paul Hien Und die ausgewachsenen Ottern, die sind dann auf Mäuse spezialisiert und dieser langgestreckte Körper von einer Schlange, der ist natürlich perfekt dazu geeignet, dass man in ein Mauseloch hineinschlüpft und die Maus da drin direkt fangt. Das kann natürlich ein anderer Beutegreifer in der Form nicht, wie zum Beispiel ein Fuchs oder der Bussard. Der muss eben warten, bis die Maus rauskommt oder danach graben. SPRECHERIN Über ihre gespaltene Zunge können die Ottern räumlich Geruchsspuren erfassen und potenzielle Beutetiere verfolgen. Max Prietzel: 14 Zsp Kreuzotter Max Prietzel Und dann, wenn sie die Tiere aufgespürt haben, sind sie eigentlich ein Lauerjäger. Also sie warten eigentlich, dass das Tier in Reichweite kommt, um dann eben zum Giftbiss anzusetzen und das Tier zu beißen. SPRECHERIN Dazu werden die beiden im Oberkiefer im Ruhezustand nach hinten geklappten Giftzähne nach vorne aufgestellt. Die beiden hohlen Zähne sind am Kiefer mit einer Giftdrüse verbunden. Von dort fließt das Gift in Sekundenbruchteilen durch die Zähne in die Bisswunde. Nach dem Biss lassen die Schlangen die Beute los und warten einige Sekunden oder Minuten, bis das Gift auf das Herz-Kreislaufsystem des Opfers gewirkt hat. Die Schlangen verfolgen das mit letzter Kraft flüchtende Tier und verschlingen es dann vom Kopf aus im Ganzen. ((Damit die Schlange beim Schlingen atmen kann, stülpt sie ihren Kehlkopf nach vorne.)) Pro Jahr frisst eine ausgewachsene Kreuzotter etwa 20 bis 30 Kleintiere. ATMO (Laubrascheln, Schritte, Menschen im Wald) MUSIK privat Take 003 „Children of Pizzicato”; Album: Perfect Fith Intervals; Label: 2018 Hoshow Mitani; Interpret: Hoshow Mitani; Komponist: Hoshow Mitani; ZEIT: 00:50 SPRECHERIN Menschen werden selten gebissen. Weil die scheuen Kriechtiere Erschütterungen wahrnehmen können, sind sie in der Regel längst geflohen, wenn Menschen in ihre Nähe kommen. Nur wenn man versucht, das Reptil anzufassen, beim Beerensammeln oder bei Waldarbeiten aus Versehen auf sie tritt oder sich die Schlange bedroht fühlt, beißt sie auch bei Menschen zu. Das Gift der Kreuzotter ist zwar stark und bis zu dreimal so giftig wie das der Klapperschlange - aber sie verfügt nicht über große Giftmengen. Für einen gesunden Erwachsenen ist ein Kreuzotterbiss vor allem schmerzhaft. ((Je nach abgegebener Giftmenge und Gesundheitszustand kann es auch zu Übelkeit, Schwindel und Atemnot kommen.)) In der Regel ist ein Biss aber nicht lebensgefährlich. Paul Hien: MUSIK ENDE 15 Zsp Kreuzotter Paul Hien So wie alle anderen Giftschlangenarten auch, kann die Kreuzotter ihr Gift beim Biss dosieren. Es kann sein, dass überhaupt kein Gift eingesetzt wird, das ist dann ein sogenannter Trockenbiss oder man bekommt eine volle Dosis ab oder irgendwas dazwischen. Normalerweise wird eine Kreuzotter immer versuchen, ihr Gift sparsam, so sparsam wie möglich einzusetzen und nicht an den Menschen zu verschwenden, weil den kann sie ja letztendlich nicht fressen. SPRECHERIN Bei den meisten Patienten kommt es nur zu einer Rötung und Schwellung an der Bissstelle. Ein Antiserum, also Gegengift, muss nach einem Kreuzotterbiss nur sehr selten eingesetzt werden, zum Beispiel wenn schwere Herz-Kreislauf-Probleme auftreten. Dennoch empfehlen Mediziner, das betroffene Körperteil nach einem Biss zu schienen und sich nicht anzustrengen. Denn je niedriger die Herzfrequenz, desto langsamer verteilt sich das Gift im Körper. Auch sollten Menschen, die gebissen wurden, zur Sicherheit zum Arzt gehen. Abbinden oder die Wunde auszusaugen wird nicht empfohlen – im Gegenteil, dies kann die Symptome eher verschlimmern. Manchmal kommt es auch zu Bissen, weil die Kreuzotter verwechselt wird, zum Beispiel mit der ungiftigen Ringelnatter. Dabei hat die Ringelnatter kein Zickzackmuster und anders als die Kreuzotter runde und nicht schlitzförmige Pupillen. Doch die sehr unterschiedlichen Färbungen von Kreuzottern führen dazu, dass sie oft nicht erkannt wird. Es gibt silbergraue, hell- und dunkelgraue, braune, blau-graue, orangene, rotbraune oder kupferrote Exemplare. Einfarbig kupferfarbene Tiere werden Kupferottern genannt. Und es gibt auch schwarze Kreuzottern – auch bekannt unter dem Namen Höllenotter oder Bergviper. Paul Hien: 16 Zsp Kreuzotter Paul Hien Die Kreuzotter ist eine polymorphe Art, das heißt, die sind individuell sehr unterschiedlich gefärbt und gezeichnet. Also bei Tieren ist sowas generell sehr selten, weil normalerweise sind die Tiere halt farblich perfekt an ihre Umgebung angepasst und die Kreuzotter besticht aber da durch eine Vielfalt, die ist unglaublich und es gibt kaum eine andere Schlangenart auf der Welt, die derart variabel ist. ((Also die meisten haben ja dieses namensgebende Zickzackband am Rücken, aber auch da gibt es unglaublich viele Varianten, da schauen wirklich keine zwei gleich aus.)) SPRECHERIN Vor allem vor der schwarzen Kreuzotter war die Furcht groß. Lange Zeit glaubten die Menschen fälschlicherweise, dass die schwarzen Exemplare giftiger seien als heller gefärbte Tiere. Atmo (Schrei von Greifvogl) SPRECHERIN Trotz ihres potenten Gifts hat auch die Kreuzotter natürliche Fressfeinde. So werden die Schlangen von Greifvögeln wie dem Mäusebussard oder dem Schwarzmilan, aber auch von Raben erlegt. Auch Marder, Dachse, Füchse und Fischotter fressen die Schlangen. Die Liste der Prädatoren ist lang, sagt Max Pritzel vom Bayerischen Artenschutzzentrum: 18 Zsp Kreuzotter Max Pritzel In letzter Zeit häufen sich auch die Hinweise, dass die erhöhte Schwarzwilddichte lokal sehr stark auf die Kreuzotter-Populationen wirkt. Die Wildschweine können die Kreuzottern vor allen Dingen in den Winterquartieren aufspüren durch ihren guten Geruchssinn und dann natürlich auch ausgraben und fressen ((und dementsprechend ist es vor allen Dingen auch wichtig, dass Kirrungen in kreuzottersensiblen Gebieten natürlich entsprechend verlegt werden. SPRECHERIN Unter Kirrung versteht man einen Ort, an dem Futter ausgebracht wird, um Wild anzulocken und zu bejagen. Kirrungen in offenere Waldbereiche oder an Waldränder sollten deshalb vermieden werden, weil diese Bereiche Hotspots für Kreuzottern sind. Durch die erhöhte Frequenz der Wildschweine aufgrund der Kirrungen steigt die Gefahr, dass die Tiere im Umkreis aus den Winterquartieren ausgebuddelt werden.)) Unter anderem durch den Maisanbau hat sich Schwarzwild, also Wildschweine, stark vermehrt. Wie viele Wildschweine in Bayern in den Wäldern leben, ist unklar. Klar ist nur, dass ihre Zahl über die Jahrzehnte deutlich zugenommen hat und durch Jagd immer wieder reduziert werden muss. Hinzu kommen neue Feinde, sagt Paul Hien: 19 Zsp Kreuzotter Paul Hien Der Mensch hat Waschbär oder Marderhund eingeführt, die gab es vorher überhaupt nicht und es werden auch immer mehr Hauskatzen, Freigängerkatzen, die den Tieren draußen das Leben schwer machen. MUSIK „Wave“; ZEIT: 00:53 SPRECHERIN Weniger Lebensräume, mehr Feinde, mehr Landwirtschaft, mehr Umweltgifte – für die Kreuzotter bei uns wird es eng – und das wirkt sich nicht nur auf das Überleben der Schlangen aus. Paul Hien: 20 Zsp Kreuzotter Paul Hien Reptilien und vor allem Amphibien sind wie eine Art Frühwarnsystem. (...) Das ist wie mit dem Kanarienvogel, den man früher in Kohleminen mit reingenommen hat. Allerdings haben viele Menschen nicht verstanden, dass es dabei eigentlich gar nicht um den Kanarienvogel geht. Also im übertragenen Sinne geht es halt bei dem Schutz von Reptilien und Amphibien eigentlich um unsere eigene Zukunft. Also ohne Tiere funktionieren halt keine Ökosysteme und ohne funktionierende Ökosysteme haben wir ein massives Problem irgendwann.