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Der Grönlandhai - Das langlebigste bekannte Wirbeltier der Welt

21.07.2025 · 23 Min.

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Über diese Folge

Grönlandhaie werden bis zu 600 Jahre alt und sind damit die ältesten bekannten Wirbeltiere. Sie sind auch sehr langsam, sie schaffen nur rund drei Stundenkilometer. Ob sie gefährdet sind, weiß man nicht. Mit der Eisschmelze in der Arktis nimmt aber die Fischerei und damit die Bedrohung ihres Lebensraums zu. Von Brigitte Kramer (BR 2023)

Credits
Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer
Regie: Kirsten Böttcher
Es sprachen: Irina Wanka
Technik: Monika Gsaenger
Redaktion: Bernhard Kastner

Interviewpartner/innen:

Jürgen Kriwet, Paläobiologe, Universität Wien; 
Matthias Schaber, Biologe, Ozeanograph, Thünen-Institut (Institut für Seefischerei), Bremerhaven

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Literaturtipps:

Katherine Rundell: The golden mole and other living treasure. Faber & Faber Ltd, 2022

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  • Lady Chatterleys Liebhaber - Erotik, Sex, Ehebruch

    21.07.2025 · 23 Min.

    In seinem Roman "Lady Chatterley's Lover" erzählt D.H. Lawrence die Liebesgeschichte einer englischen Lady und eines Mannes aus der Arbeiterklasse. Das Buch sorgt für einen der größten Skandale der Literaturgeschichte. Es ist ein Plädoyer für die freie Entfaltung der Persönlichkeit, die die Sexualität ganz explizit miteinschließt. (BR 2023) Autor: Frank Halbach Credits Autor dieser Folge: Frank Halbach Regie: Frank Halbach Es sprachen: Christiane Roßbach, Christoph Jablonka, Ines Hollinger Technik: Ursula Kirstein Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Prof. Dr. Stephan Karschay, Professor für Britische Literatur- und Kulturwissenschaft mit Forschungsschwerpunkt Skandal und Zensur Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Das Kamasutra - Leitfaden für Liebe, Erotik und Lebensweise JETZT ANHÖREN Burlesque - Von der Komik zur Erotik JETZT ANHÖREN Anais Nin - den Traum leben JETZT ANHÖREN Literaturtipps: D.H. Lawrence: Lady Chatterley, Reinbek bei Hamburg 1973. Sybille Bedford: The trial of Lady Chatterley's lover, London 2016. David Bradshaw / Rachel Potter (Hgg.): Prudes on the Prowl: Fiction and Obscenity in England, 1850 to the Present Day, Oxford 2013. Stephan Karschay: Scandals in British Culture. In: Jürgen Kramer / Bernd Lenz (Hgg): How to Do Cultural Studies: Approaches, Ideas, Scenarios, S. 191-220, Würzburg 2019. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1 „A Zed and Two Noughts“ auf Schluss; ZEIT: 02:49 ERZÄHLERIN (bewundernd) Einer der bedeutsamsten Romane des 20. Jahrhunderts... SPRECHER (gereizt) Das obszönste Buch in englischer Sprache! ERZÄHLERIN (gelassen) Ein klassisches erotisches Meisterwerk. ZITATORIN (lustvoll) „Lady Chatterley’s Lover” ERZÄHLERIN D. H. Lawrence’s „Lady Chatterley“ gilt als eines der ersten seriösen Werke der Literaturgeschichte, das Sexualität detailliert und explizit schildert. Es geht um Liebe, Ehebruch und weibliche Lust. ZITATORIN Eine Frau konnte sich einem Mann hingeben, ohne zugleich auch ihr inneres freies Wesen hinzugeben. Das schienen die Dichter und alle, die über den Sexus schwatzten, nicht genügend bedacht zu haben. SPRECHER (ablehnend) Ein aufrührerisches, skandalöses und vulgäres Buch! ERZÄHLERIN D. H. Lawrence löste damit einen der größten Skandale der Literaturgeschichte aus: Nicht nur dass eine junge Lady ihren Stand verrät und sich über Klassenschranken hinwegsetzt, sondern sie wagt es auch noch nach einer erfüllten Sexualität zu suchen und sie sogar zu finden. Das puritanische England fühlte sich in seinen Grundfesten erschüttert. Der Roman aus dem Jahr 1928 war über 30 Jahre lang verboten. Der Skandal um die Publikation des Buches würdigte den Namen Chatterley zum Synonym für Schlüpfriges und Pornografisches herab. ZITATORIN Ein Jammer, dass die Männer in dieser Hinsicht so weit hinter den Frauen herhinkten. Gierig wie die Hunde waren sie auf das Sexuelle aus. Und eine Frau hatte nachzugeben. SPRECHER (aburteilend) Die anrüchige Geschichte eines Ehebruchs zwischen einer ebenso frustrierten wie wollüstigen Aristokratin und einem (verachtend) Proletarier. ERZÄHLERIN Der Bruch mit den Moral- und Gesellschaftsnormen seiner Zeit, die Darstellung befreiter weiblicher Sexualität und die scharfe Kritik im Roman des englischen Schriftstellers D.H. Lawrence an der britischen Gesellschaft, kulminierten 1960 in einem aufsehenerregenden Gerichtsverfahren… SPRECHER (sich ereifernd) Ein Obszönitätsprozess! ERZÄHLERIN An dessen Ende die Aufhebung etlicher Zensurbestimmungen stand, und der „Lady Chatterley’s Lover“ zum Vorreiter der „Sexuellen Revolution“ werden ließ, eine Flamme, die in den 1960er Jahren Großbritannien und schließlich ganz Europa erfasste - trotz oder gerade wegen seiner expliziten Sprache. ZITATORIN (lustvoll melancholisch) Wir haben eine Flamme ins Sein gefickt. Und wenn der wirkliche Frühling kommt, dann können wir die kleine Flamme zu strahlender gelber Helle ficken. MUSIK ENDE O-Ton 1 Karschay (03:33) Also „Lady Chatterley's Lover“ ist mit Sicherheit ungewöhnlich für seine explizite Darstellung von Sexualität. Denn dieser Bereich ist im Liebesroman, in diesem Genre, nicht vorgesehen und gehört eigentlich in den Bereich der Pornografie, also in den Untergrund. ERZÄHLERIN Erläutert Dr. Stephan Karschay, Professor für Britische Literatur- und Kulturwissenschaft. Einer seiner Forschungsschwerpunkte: die Beschäftigung mit Skandalen und Zensur in der britischen Kulturgeschichte. O-Ton 2 Karschay (03:47) Und selbst ein so wichtiger und ja auch im neunzehnten Jahrhundert schon zensierter Roman wie Gustave Flauberts „Madame Bovary“ beispielsweise muss die Darstellungen des körperlichen Ehebruchs zwischen Emma Bovary und Léon ausblenden. Das ist etwas, was völlig der Fantasie der Leser überlassen wird. (…) Und das macht Lawrence anders. Wir sind hier ganz nah mit dabei. Und das ist ungewöhnlich für einen Roman, und das hat letztlich auch dazu geführt, dass dieser Roman zu Lebzeiten Lawrence‘ nicht veröffentlicht werden konnte und tatsächlich erst 30 Jahre nach seinem Tod, also 1960, in der unbereinigten Form veröffentlicht wurde. ERZÄHLERIN Was oft zu sehr in den Hintergrund rückt: Der Roman von D. H. Lawrence bricht nicht nur hinsichtlich der Darstellung und Thematisierung von Sexualität Tabus. „Lady Chatterley“ schlägt auch deshalb ein wie eine Bombe weil Lawrence die Orientierungslosigkeit einer Gesellschaft, den Niedergang des guten alten England, nach dem Ersten Weltkrieg thematisiert. MUSIK 2 „Drowning by Numbers“; ZEIT: 00:56 ZITATORIN Die Katastrophe ist hereingebrochen, wir stehen zwischen den Trümmern, wir fangen an, neue kleine Gewohnheiten zu bilden, neue kleine Hoffnungen zu hegen. Es ist ein hartes Stück Arbeit: Kein ebener Weg führt in die Zukunft; wir umgehen die Hindernisse jedoch oder klettern über sie hinweg. Wir müssen leben – einerlei, wie viele Himmel eingestürzt sind. Ungefähr in dieser Situation befand sich Constance Chatterley. ERZÄHLERIN Großbritannien befand sich nach dem Ersten Weltkrieg in einer wirtschaftlichen Krise. Viele Arbeiter hatten mit zunehmender Verarmung zu kämpfen. Impulse, Orientierung durch die Upper class? Fehlanzeige. Und dann dieser Roman. MUSIK ENDE SPRECHER (voller Verachtung) Eine Frau von Adel, die ihren kriegsversehrten Mann verlässt zugunsten eines Wildhüters aus der Arbeiterklasse! O-Ton 3 Karschay (05:42) Ich glaube, was die Verstöße gegen die Moralvorstellungen der Zeit angeht, muss man unterscheiden zwischen den Normverstößen der Protagonistin Constance Chatterley, also auf der Ebene der Handlung und den Normverstößen des Autors D. H. Lawrence auf einer ästhetischen Ebene. Was Lady Chatterley angeht, ist es so, dass sie sich gegen die Normen der gesellschaftlichen Oberschicht stellt. Denn was sie eingeht, ist letztlich eine Mesalliance mit dem Wildhüter Oliver Mellors. Und sie führt dadurch auch im Roman gewissermaßen einen Klassenkampf vor. Denn Lady Chatterley's Lover ist auch ein Roman, der die Klassenstruktur der britischen Zwischenkriegsgesellschaft in Frage stellt. ERZÄHLERIN Zugleich stellt der Roman im Kern eine Emanzipationsgeschichte dar. O-Ton 4 Karschay (16:38) Denn die Protagonistin Constance Chatterley emanzipiert sich und die weibliche Sexualität von den verkrusteten sozialen Normen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Man kann schon sagen, dass sie von vorneherein als außergewöhnliche Figur charakterisiert ist. Denn sie wächst als Jugendliche zunächst in einem quasi freidenkerischen Umfeld auf und macht dann auch recht früh als 18-Jährige ihre ersten sexuellen Erfahrungen. MUSIK 3 „Drowning by Numbers“; ZEIT: 01:03 ERZÄHLERIN 1917 heiratet Constance, Sir Clifford Chatterley. Kurz nach den Flitterwochen zieht Clifford als Offizier in den Ersten Weltkrieg. SPRECHER Schwer verwundet, gelähmt und impotent kehrt Clifford aus dem Krieg zurück zu Connie. ZITATORIN Nichts hatte Substanz – weder sie noch irgendetwas… keine Fühlung, keine Nähe. Nur dies Leben mit Clifford, dies endlose Spinnen von Geweben aus Worten und kleinen Einzelheiten des Bewusstseins. MUSIK ENDE O-Ton 5 Karschay (17:17) Und auch eine erste Affäre mit dem irischen Dramatiker Michaelis ändert daran überhaupt nichts. Das heißt, das Problem ist nicht nur ein Mangel an Sexualität, sondern das Problem besteht vielmehr in der Unfähigkeit der Männer des Romans, für eine erfüllte und letztlich gleichberechtigte Sexualität Sorge zu tragen. ERZÄHLERIN In einer abgeschiedenen Hütte im Wald trifft Connie unversehens auf den Wildhüter der Chatterleys – der sich gerade wäscht MUSIK 4 „A Zed and Two Noughts“ auf Schluss; ZEIT: 02:33 ZITATORIN Sie hatte gesehen, wie die plumpe Hose niederglitt über die reinen, schmalen, weißen Hüften, an denen ein wenig die Knochen hervortraten, und das Gefühl der Einsamkeit hier, das Gefühl ein Geschöpf in reiner, tiefer Einsamkeit vor sich zu haben, überwältigte sie. Die warme weiße Flamme eines Einzellebens, das sich in Konturen offenbarte, die man berühren konnte; ein Leib! SPRECHER Im Laufe der Handlung beginnt Connie mit Mellors ein zutiefst unanständiges Liebesverhältnis, das im Roman ausführlich und anstoßerregend geschildert wird. ERZÄHLERIN Weite Teile des Romans schildern Connies seelische Entwicklung. Schließlich eröffnet sie ihrem Mann: ZITATORIN Ich habe mich in einen anderen Mann verliebt, und ich hoffe sehr, du wirst mich freigeben. SPRECHER Ich für meinen Teil, ziehe vor – da du nun mal meine Frau bist -, dass du in Würde und Ruhe weiterlebst unter meinem Dach. Ganz abgesehen von persönlichen Empfindungen – und ich versichere dir, was mich betrifft, sehe ich von einer ganzen Menge ab -, ist es verdammt hart für mich, mir meine Lebensordnung hier auf Wragby und den geregelten Ablauf des täglichen Lebens kaputtmachen zu lassen, einfach wegen irgendeiner Laune von dir. ZITATORIN Ich kann es nicht ändern. Ich muss gehen. Ich bekomme wahrscheinlich ein Kind. SPRECHER Du gehörst zu diesen halb irrsinnigen, perversen Frauen, die ihrer Verworfenheit nachrennen müssen. Du kannst gehen, wohin du willst, aber ich werde mich nicht von dir scheiden lassen. ERZÄHLERIN Noch in derselben Nacht packt Connie ihre Sachen und verlässt Wragby für immer. Der entlassene Wildhüter Mellors schreibt ihr in einem Brief, wie gern er später mit ihr zusammenleben würde und dass er im Grunde nur für sie lebe. Der Brief endet mit den Worten: ZITATORIN Mit hoffnungsvollem Herzen. ERZÄHLERIN Und so endet auch der Roman von D.H. Lawrence. Vielfach interpretiert als Protest gegen die Verteufelung von Sinneslust und ein Plädoyer für emanzipierte weibliche Sexualität. MUSIK ENDE So äußert beispielsweise die Autorin Catherine Millet, die mit ihrer Autobiografie „Das sexuelle Leben der Catherine M.“ einen eigenen Literaturskandal provoziert hat: „Lesen Sie mal „Lady Chatterley“. Dort gibt es Stellen, in denen er den weiblichen Orgasmus mit einer Präzision beschreibt, die unglaublich ist. Ich hätte das gern selbst so gekonnt.“ Lawrence ließ sich für seine Schilderungen von seiner Frau Frieda von Richthofen die Empfindungen einer Frau beim Orgasmus präzise beschreiben, erinnert sich Frieda in ihren Memorien. MUSIK 5 „Drowning by Numbers“; ZEIT: 01:06 ZITATORIN Dann, als er sich zu bewegen begann, in der plötzlichen Hilflosigkeit des Orgasmus, erwachten in ihrem Innern ganz neue, fremde, sie durchflutende Schauer. Sie kamen Welle auf Welle, wie das flackernde Überlappen sanfter Flammen, sanft wie Federn, sie liefen aus in leuchtenden Spitzen, köstlich, so köstlich, und ihr Inneres schmolz dahin, zerfloss. Es war wie Glockengeläut, das sich höher und höher bis zum Höhepunkt aufschwang. MUSIK wegblenden ERZÄHLERIN Lawrence spricht sich vehement für eine freie Entfaltung der Persönlichkeit aus - das schließt die Sexualität mit ein und: Es schließt Frauen mit ein. Connie emanzipiert sich in einer männlich-kapitalistisch geprägten Gesellschaft. Das hat Lawrence nicht davor bewahrt von feministischer Seite kritisiert zu werden. O-Ton 6 Karschay (15:18) Manche sahen in ihm eben ein Plädoyer für ein erfülltes, gleichberechtigtes Sexualleben zwischen den Geschlechtern, aber manch feministische Stimmen, besonders die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Kate Millett hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Sexual Politics“, in dem sie Lawrence vielmehr als einen chauvinistischen Vertreter einer patriarchalen Kultur sah, der den Phallus zum dominanten Symbol einer männlichen Sexualität machte. ZITATORIN So stolz und so gebieterisch. Jetzt weiß ich, warum Männer so anmaßend sind. Aber er ist herrlich, wirklich! Wie ein anderes Wesen! Ein bisschen zum Fürchten. Aber so schön, wirklich! Und er kommt zu mir! ERZÄHLERIN Huldigt Connie Mellors‘ Phallus. Lawrence löst mit „Lady Chatterley“ nicht nur durch die Themen eine Kontroverse aus, sondern auch besonders durch seinen Stil. So vermeidet er in seiner Sprachwahl der Lüsternheit einer bigotten Leserschaft scheinheilig zu entsprechen. Lawrence schildert offen und präzise. Dazu gebraucht er auch Ausdrücke, die ein Mann aus dem Volk wie Mellors verwenden würde. ZITATORIN Fuck! SPRECHER Vulgär einerseits, in pathetischen Beischlafszenen schwülstig und kitschig andererseits. Lächerlich! MUSIK 6 „Drowning by Numbers“; ZEIT: 00:52 ZITATORIN Und ihr war, als sei sie wie das Meer, nichts als dunkles steigendes und fallendes Gewoge, von einem Strom getragen, und langsam geriet ihre ganze Dunkelheit in Bewegung, und diese war das Weltmeer, das in seiner dunklen Schwere dahinrollte. Und auf dem Grund ihres Inneren teilten sich die Tiefen und wogten auseinander von dem Mittelpunkt sanften Eindringens aus, als der Taucher tiefer eindrang, immer tiefer, (ab hier Text + MUSIK wegblenden) [tiefer wurde sie bloßgelegt und machtvoller rollten die Wogen ihres Seins dahin, einem fremden Ufer zu und deckten sie auf…] (darüber) O-Ton 7 Karschay (19:48) Es ist in der Tat so, dass Lawrence‘ Schreibstil manchmal unangenehm, pathetisch und vielleicht heute, wenn man ihn liest, ungewollt komisch wirkt. Aber man muss ihn auch an seinen eigenen Maßstäben messen. Es bringt also nichts ihn für seine insistierenden Wiederholungen und seine schiefen Bilder zu kritisieren, denn diese stammen letztlich aus einer künstlerischen Überzeugung das Verhältnis des Menschen zu seiner Sexualität, aber auch zur nicht-menschlichen Natur neu und eben emphatisch, mit Nachdruck, zu konzipieren. Und er sah in diesem sehr geordneten, überintellektualisieren und in der asketischen Geistesarbeit letztlich Zivilisationskrankheiten, die zur Unterdrückung der sexuellen Natur des Menschen führen. Und für Lawrence war die Sexualität fast etwas mythisch heiliges, ja, fast eine Religion der Sexualität. ERZÄHLERIN Lawrence kritisiert die Entfremdung des Menschen von sich selbst durch die Allmacht des Kapitalismus. Sir Clifford repräsentiert die zerstörerische und zugleich nicht zeugungsfähige Kraft der Industrialisierung. Bei einem Waldausflug mit Connie zum Beispiel zermalmt er zahllose blühende Blumen unter den Rädern seines Rollstuhls und hinterlässt in der vorher unberührten Natur eine Spur der Verwüstung. SPRECHER Seine Fans haben Lawrence später gar zu einem Vorreiter der Umweltschutzbewegung erklärt. ERZÄHLERIN Davon, dass man ihn zur Ikone von Umweltschutz, Arbeiterklasse und sexueller Revolution erhob, bekam Lawrence freilich nicht mehr mit. Als er seine Arbeit an „Lady Chatterley“ begann, war er bereits schwer krank. Ende November 1926 schloss er die erste Fassung des Romans ab. Zwei weitere sollten folgen. Erfahrungen mit der Zensur wegen zu expliziter Darstellung von Erotik hatte Lawrence schon mit seinem Roman „The Rainbow – Der Regenbogen“ von 1915 gemacht. SPRECHER (pikiert) Er umging daher bei „Lady Chatterley“ die von der Zensur vorgegebenen Grenzen von Sitte und Moral mit einer privaten Erstveröffentlichung von 200 Exemplaren der unbereinigten Fassung in Florenz. Raubkopien davon geraten in Umlauf. O-Ton 8 Karschay (24:13) Und dann gab es eine zweite Fassung, die erst später in den 70er-Jahren in englischer Sprache erschien, als „John Thomas an Lady Jane“. Und hier ist zum ersten Mal erkennbar, wenn man das zurückverfolgt, dass Lawrence in diesem Text vor allen Dingen seine Auseinander-setzung mit der Industrialisierung ausgebreitet hat. (…) Und die Endfassung, die über die wir eigentlich heute sprechen, das ist die von 1928. Und hier haben wir dann eben die zunehmend explizite Darstellung von Sexualität. ERZÄHLERIN Die unzensierte 3. Fassung erschien in Großbritannien erst wieder 1960. Der Taschenbuchverlag Penguin Books, stellte sich damit offen gegen den im Jahr zuvor in Kraft getretenen „Obscene Publications Act“. SPRECHER Ein vom britischen Parlament verabschiedetes Gesetz das die Veröffentlichung von pornographischer Literatur zu verhüten suchte. ERZÄHLERIN Um ein Gerichtsverfahren zu erzwingen, zeigte sich Penguin Books gleichzeitig mit der Veröffentlichung selbst an. Stephan Karschay: O-Ton 9 Karschay (09:34) Die Anklage in diesem Prozess hatte eine ganz klare Agenda: Sie versuchte zu zeigen, dass der Roman geeignet sei, bestimmte Leser*Innen zu korrumpieren. (…) Und dabei spielte auch die Veröffentlichung als billiges Taschenbuch eine Rolle also, dass der Verlag Penguin in Großbritannien diesen Text nicht nur veröffentlichen und einer Leserschaft zur Verfügung stellen wollte, sondern dass auch in einem Format tun wollte, das sich durchaus ein breites Publikum leisten konnte. MUSIK 7 „The Draughtsman's Contract“ auf Schluss; ZEIT: 02:35 SPRECHER Der Prozessendete am 2. November 1960. ERZÄHLERIN Mit einem Freispruch. Das Exemplar der „Lady Chatterley“ das der Richter Sir Lawrence Byrne im Prozess verwendet hatte, erzielte 2018 bei Sotheby’s in London einen Auktionsrekord. ZITATORIN (amüsiert) 56.250 Pfund für das anstößigste Buch der Welt. ERZÄHLERIN Die Frau des Richters hatte ihrem Gatten darin die anzüglichsten Passagen angestrichen und dem Exemplar eine graue Tasche aus Damast genäht – um zu verhindern, dass Pressefotografen ihren Mann mit dem Buch ablichteten. Im Anschluss an den aufsehenerregenden Londoner Prozess wurde der Roman 1960 als Taschenbuch in Deutschland veröffentlicht – vom Rowohlt Verlag, aus dessen Übersetzung in dieser Sendung zitiert wird. Ganz England stürzte sich nach dem Prozess auf die erstmalig unzensierte Fassung von „Lady Chatterley“. Die Folge des Prozesses waren aber nicht nur enorme Verkaufszahlen, sondern vor allem die Aufhebung von Zensurbestimmungen in Großbritannien und auf dem Fuße folgend: eine sexuelle Revolution, die nicht auf die britischen Inseln beschränkt bleiben sollte. SPRECHER (unbehaglich) Ein Wandel der öffentlichen Sexualmoral im Sinne einer Enttabuisierung sexueller Themen. ERZÄHLERIN Der Prozess um Lady Chatterley gewann damit nicht nur eine juristische, sondern eine kulturelle Bedeutung. Die Gesellschaft der westlichen Welt wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine andere. SPRECHER (naserümpfend) Man adaptierte das Buch als Film – als Softporno mit Sylvia Kristel 1981. ERZÄHLERIN Als BBC-Vierteiler 1993, als preisgekrönte Erweckungsgeschichte der französischen Regisseurin Pascale Ferran oder aufwendige Netflix-Produktion mit Emma Corrin in der Hauptrolle. SPRECHER (aburteilend) Nicht wenigen Kritikern wie etwa James Joyce gilt Lawrence’ Werk als trivial. ERZÄHLERIN Mit „Lady Chatterley“ hat eine der imponierendsten Frauengestalten der Literaturgeschichte geschaffen. ZITATORIN Eine Frau muss ihr Leben leben oder leben, um zu bereuen, dass sie es nicht gelebt hat. SPRECHER Selbst Feministinnen kritisieren Lawrence als Chauvinisten, der über die heilige Kraft des Phallus schwadroniert! MUSIK ENDE O-Ton 10 Karschay (28:12) Lawrence ist ein sich selbst widersprechender Schriftsteller, für den die Literatur immer ein Experimentierfeld darstellte. Und Lawrence verdient es auch heute noch kritisch gelesen zu werden. Selbst wenn man dann am Ende zu dem Schluss kommen sollte, dass seine Texte ambivalent und zutiefst widersprüchlich bleiben. Vielleicht ist gerade, dass ihr besonderer Reiz. Man wird dem Roman auch nicht gerecht, wenn man ihn ausschließlich für seine erotischen Passagen liest, dann würde man den gleichen Fehler begehen wie die Zensoren von Literatur vor 1959. Nur wenn man sich auf den Roman letztlich als Ganzes einlässt, erhält man einen Eindruck von D. H. Lawrence als einem der wichtigsten Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts, der uns auch heute besonders in unserem Verhältnis zur nicht-menschlichen Natur, vieles zu sagen hat. MUSIK 8 M0025854 W03 „Drowning by Numbers“; ZEIT: 00:50 ZITATORIN Und immer weiter rollten die Wogen ihres Seins fort von ihr, ließen sie zurück, bis jäh, in sanftem, schauerndem Erbeben, der Kern all ihres Plasmas getroffen wurde – sie sich getroffen wusste – und die Vollendung über sie kam und sie verging. Sie verging, sie war nicht mehr, sie wurde geboren… MUSIK ENDE

  • Afrikas Ubuntu - Die Philosophie der Menschlichkeit

    18.07.2025 · 23 Min.

    Die Philosophie 'Ubuntu' steht für Brüderlichkeit, Vergebung, Solidarität, Mitgefühl und gemeinsame Verantwortung. Diese Philosophie der Menschlichkeit wurde durch den früheren Präsidenten Nelson Mandela repräsentiert. Autor: Geseko von Lüpke (BR 2016) Credits Autor/in dieser Folge: Geseko von Lüpke Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Friedrich Schloffer, Ruth Geiersberger, Armin Berger, Beate Himmelstoß Technik: Fabian Zweck Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Augustine Shutte (Professorin; Philosophieprofessorin, Kapstadt); Dirk Louw (Professor; Philosophieprofessor, Stellenbosh); Lesbila Teffo (Professorin; Philosophieprofessorin, Pretoria); Didintle Ntsie (Sozialarbeiterin, Kapstadt); Barbara Nussbaum (Autorin, Stellenbosh); Johan Broodryk (Autor und Philosophie, Pretoria); Elaine Miller (Gastwirtin, Hermanus) Ein Porträt über Nelson Mandela finden Sie ebenfalls auf radioWissen: Nelson Mandela - Der lange Weg zur Freiheit JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  • Frauen auf Rädern - Wie Radfahren Frauen emanzipierte

    17.07.2025 · 23 Min.

    Fahrradfahren macht mobil - und damit frei. Das passte Ende des 19. Jahrhunderts nicht zum Bild der passiven, schwachen Frau. Mediziner diskutierten Folgen für die Gebärfähigkeit, Gesellschaft und Kleiderordnung machten die ersten Touren von Pionierinnen zu Spießroutenfahrten. Von Axinja Weyrauch (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Axinja Weyrauch Regie: Irene Schuck Es sprachen: Katja Amberger, Hemma Michel, Peter Weiß, Katja Schild Technik: Stefan Oberle Redaktion: Yvonne Maier Im Interview: Dörte Florack, HistorikerinNoch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin Angeline hat nie Fahrradfahren gelernt. Nun sitzt sie auf einem Fahrrad, Trainerin Jess hält sie hinten am Gepäckträger fest. Zsp A Angeline und Jess „nach vorne nach vorne“ Sprecherin Angeline schiebt an, findet die Balance, tritt in die Pedale Und irgendwann, lässt Trainerin Jess einfach los. Zsp A Angeline und Jess „sehr schön, immer nach vorne, und dann Bremsen „Das hast du alleine gemacht“ – Jubel!“ Freude, Kindergarten here I come“ Musik 1 "Los mundos sutiles (Part II)" - Album: Los mundos sutiles - Komponist und Ausführender: Pascal Gaigne - Zeit: 0'26 Sprecherin Die junge Frau aus Kenia ist gerade das erste Mal in ihrem Leben Fahrrad gefahren. Sie macht zusammen mit anderen Frauen mit Migrationsgeschichte einen Fahrradkurs auf der Theresienwiese in München. Jess ist die Trainerin der Organisation Juno, die den Kurs anbietet. OTON B Jess In Deutschland das Fahrrad spielt eine große Rolle, viele lernen als kleine Kinder. So viele Deutsche fühlen sich wohl beim Fahrradfahren. Aber als Migranten… es gibt verschiedene Mobilitätskulturen in verschiedenen Ländern. Und auch für Frauen insbesondere, in vielen Ländern ist Fahrradfahren nicht selbstverständlich oder es ist tabu oder sogar verboten. Und hier darf man das als Frau, ich glaube, es gibt mentale Barrieren als auch psychische, weil das ist als Erwachsene noch schwieriger. Sprecherin Abeer zum Beispiel kommt aus dem Irak. Zsp C Abeer Bei unserer Heimat wir haben nicht Fahrradfahren gelernt, weil einfach es ist keine Fahrrad. Oder viele Familien darf nicht die Mädchen Fahrradfahren oder so. Aber meine Kinder und auch mein Mann alles kann fahren. Und ich will auch mitfahren.“ Sprecherin Das Fahrrad bietet Freizeitwert – ein Erlebnis. Aber auch mehr Möglichkeiten im Alltag. Zsp D Abeer Zum Schule abholen, mit Fahrrad ganz schnell. Zu Fuß ich brauche halbe Stunde, 20 Minuten. Sprecherin Etwas, was den meisten hierzulande recht banal vorzukommen scheint – mal eben schnell mit dem Radl zum Bäcker oder das Kind abholen – bedeutet für diese Frauen eine ganz neue Freiheit. Musik 2 "Is she dead?" - Komponist: Alexandre Desplat - Album: Tamara Drewe (Original Soundtrack) - Länge: 0'28 Sprecherin Diese Freiheit auf zwei Rädern gibt es etwa seit Ende des 19. Jahrhunderts – in dieser Zeit verbreiten sich die ersten Modelle langsam in der Gesellschaft. Wer sich die damalige Gesellschaft anschaut, wundert sich wahrscheinlich nicht, dass die erste Laufmaschine, später das Veloziped, das Hochrad und auch das erste Niederrad – alles Erfindungen auf dem Weg zum heute bekannten Fahrrad – nicht für Frauen gemacht sind. ZSP OT 01 Florack Als das Fahrrad auf die Welt kam, war es männlich. Sprecherin Die Historikerin Dörte Florack hat ein Buch über die Anfänge des Frauenradfahrens im Deutschen Reich geschrieben. Das war kurz vor der Jahrhundertwende. Alle ersten Modelle … ZSP OT 02 Florack sind entwickelt worden für Männer. In ihrem üblichen, wie darf man sich verhalten und wie darf man sich kleiden und wie kann ich so ein Sportgerät oder so ein Fortbewegungsmittel verwenden. Sprecherin Und das macht es für Frauen zunächst nicht so einfach. Das liegt zum einen an gesellschaftlichen Erwartungen an die Frau – aber zum anderen auch ganz praktisch: An ihrer Kleidung. Musik 3 "Demonstration" - Album: Suffragette (Original Motion Picture Soundtrack) - Komponist: Alexandre Desplat - Länge: 0'58 Sprecherin Mit einem langen Rock auf ein Fahrrad mit hoher Stange zu steigen, ist auch heute nicht besonders praktisch. Damals aber tragen Frauen nicht einfach Röcke, sondern mehrlagige, sehr weite Röcke – an ihnen hingen mehrere Quadratmeter Stoff. Damit auf ein Hochrad zu steigen, dessen Sattel sehr nah am riesigen Vorderrad ist – undenkbar. Zitatorin Amalie Rother Auf den Gedanken, die Kleidung der Maschine entsprechend anzupassen, das heißt, in Hosen zu fahren, wären damals selbst die Kühnsten unter uns nicht geraten. Sprecherin Schreibt Amalie Rother in einem Aufsatz 1897. Sie hat einen Frauen-Fahrradklub in Berlin gegründet. Zitatorin Amalie Rother In Berlin dürften meine Freundin Clara Beyer und ich die ersten Damen gewesen sein, die sich dem entsetzten Volke auf dem Rade zeigten, und zwar auf dem Dreirad. Das war 1890. Sprecherin Zwar beschreibt Amalie Rother es an der Stelle nicht eindeutig – vermutlich tragen die beiden aber lange Kleider und sind deswegen aufs Dreirad gestiegen, das funktioniert mit Rock besser. Trotzdem: Bei ihrer ersten Ausfahrt innerhalb Berlins sind sie eine Provokation. Musik 4 : "Lost" - Ausführende: Ben Salisbury & Geoff Barrow- Album: Civil War (Original Score) - Länge: 0'41 Zitatorin Amalie Rother „Sofort sammelten sich hunderte von Menschen, eine Herde von Strassenjungen schickte sich zum Mitrennen an, Bemerkungen liebenswürdigster Art fielen in Haufen, kurz, die Sache war das reinste Spiessrutenlaufen, so dass man sich immer wieder fragte, ob das Radfahren denn wirklich alle die Scheusslichkeiten aufwöge, denen man ausgesetzt war.“ Sprecherin Und weiter schreibt sie: Zitatorin Amalie Rother „Alles Verweisen auf Reiterinnen, Schlittschuhläuferinnen half nichts, Radfahren war und blieb "unweiblich". Einen vernünftigen Grund, warum, konnte natürlich niemand angeben.“ ZSP 3 OT Florack „Es gab die Vorstellung einer Geschlechterverschiedenheit und einer Geschlechterhierarchie. Und zur Verschiedenheit gehörte, dass Männern und Frauen verschiedene Sphären zugeschrieben waren.“ Sprecherin Als das Fahrrad sich in bürgerlichen Kreisen verbreitet, herrschen klare Rollenvorstellungen. Zsp 4 OT Florack „Dem Mann war die Kultur zugeschrieben, die Erwerbsarbeit, er galt als aktiv, ihm war Kraft zugeschrieben. Während der Frau umgekehrt die Natur, die Hausarbeit, sie galt als passiv und Schwäche zugeschrieben war. Dazu passte es natürlich gar nicht, sich auf ein Fortbewegungsmittel zu setzen, das ja irgendwie auch Sportgerät war.“ Musik 5: "Demonstration" - Album: Suffragette (Original Motion Picture Soundtrack) - Komponist: Alexandre Desplat - Länge: 0'17 Sprecherin Das Fahrrad verbreitet sich zunächst nur in den sozial besser gestellten Kreisen. Es ist eine spannende Zeit: Zwar sind die Rollenbilder extrem starr, doch erste Frauenrechtlerinnen hinterfragen das gesellschaftliche Korsett, in dem sie sich bewegen. MUSIK 6 "Biggest Shagging" - Komponist: Alexandre Desplat - Album: Tamara Drewe (Original Soundtrack) - Länge: 1'09 Sprecherin Dazu gehört in den USA beispielsweise Caroline, mit Künstlernamen Elsa von Blumen. Sie steigt mit Hosen aufs Hochrad – in einer Zeit, in der Sport für die allermeisten Frauen kein Thema war. Sie beginnt ihre Karriere als Läuferin um ihr Kränkeln zu bekämpfen. Mit dem Hochrad tritt sie zu Wettbewerben an: Zum Jahreswechsel 1885 auf 1886 sind zwei Männer ihre Gegner - die aber als Team fahren und sich so immer abwechseln. Elsa von Blumen fährt 590 Kilometer in 51 Stunden – und gewinnt. Über die Jahre nimmt sie an vielen Wettbewerben teil und stößt auf gemischte Reaktionen. Die Lokalpresse feiert sie oft – aber immer wieder rennen ihr Männer hinterher, sie stürzt mehrere Male. Bei einem Rennen wirft ihr ein Mann einen Stock zwischen die Speichen. Trotzdem wird sie Zweite. In einem Interview sagt Elsa von Blumen: Zitatorin Elsa von Blumen „Indem ich mit meinen Bicycle-Übungen vor Publikum auftrete, biete ich meinem Verständnis nach nicht bloß die aktuell modernste und faszinierendste Unterhaltung, sondern demonstriere auch den großen Bedarf nach Körperkultur und Körpertraining, besonders der jungen amerikanischen Damen.“ Sprecherin Die meisten bürgerlichen Frauen trauen sich nicht sofort, einfach Hosen zu tragen. Durch das Fahrrad wird eine Entwicklung losgetreten, die den langen Rock zumindest etwas praktischer macht – etwas kürzer, etwas weniger weit geschnitten, manche Frauen nähen sich Ziehbänder in den Rock. Und denken sich ganz neue Modelle aus. ZSP 5 OT Florack „Dann gibt es den Rock mit Unterbeinkleidern. Also eine Art Pumphose drunter, das hatte schon die Gefahr, dass sich die Oberschenkel abzeichneten. Dann gab es sowas wie Hosenröcke, sehr weit in den Beinen, da war die Gefahr, dass man den Schritt sehen konnte, sodass mitunter vorne ein Tuch drüber gespannt wurde, damit das eben nicht geschah.“ Sprecherin In Deutschland gibt es in den 1890er Jahren zwei Fahrradzeitschriften speziell für Frauen. In „Der Radlerin“ und der „Draisena“ werden verschiedene modische Möglichkeiten diskutiert, das Radgewand praktisch zu gestalten, aber trotzdem noch den Konventionen zu entsprechen. Eine Idee waren „Verwandlungskostüme“. Beispielsweise eine Pumphose, die mit extra Stoff und Knöpfen schnell zu einem Rock umfunktioniert werden kann. Pumphosen ohne alle Rock-Umbaumöglichkeit sind die gewagteste Form, mit der sich nach und nach Frauen aufs Fahrrad trauen. Neu erfinden müssen sie sie nicht – etwa vier Jahrzehnte vorher schon sind sie Thema in der US-amerikanischen Frauenbewegung. Dort werden sie Bloomers genannt - der Name geht auf die US-amerikanische Frauenrechtlerin Amelia Jenks Bloomer zurück. Sie setzt sich dafür ein, den Dresscode für Frauen zu lockern und praktischer zu gestalten. Eine Entwicklung, die auch in den USA nicht jedem gefällt. Musik 7 "Subliminal" - Album: Lasa & Zabala (Original Motion Picture Soundtrack) - Komponist und Ausführende: Pascal Gaigne - Länge: 0'35 Sprecherin Allein die Angst davor, dass Lehrerinnen demnächst den langen Rock gegen Hosen eintauschen könnten, treibt die örtliche Schulbehörde zuständig für Flushing auf Long Island in den USA dazu, drei Lehrerinnen das Fahrradfahren zur Schule zu verbieten. Ein Behördenmitarbeiter sagt laut eines Zeitungsartikels: Musik 8 "Full Tense" - Album: Requiem for a Dream (Soundtrack from the Motion Picture) - Komponist: Clint Mansell - Länge: 0'44 Zitator Zeitungsartikel Behördenmitarbeiter „Es ist nicht recht, dass Frauen das Fahrrad fahren. Sie tragen natürlicherweise Röcke, aber wenn wir sie jetzt nicht stoppen, dann wollen sie im Stil der New Yorker Frauen fahren und Bloomers tragen. Wie würden dann unsere Klassenzimmer aussehen, wenn die Lehrerinnen in Bloomers zwischen den Mädchen und Jungen umhergehen. Sie könnten ebenso gut Männerhosen tragen. Ich vermute, dass es so weit noch kommen wird, doch wir sind entschlossen, rechtzeitig unsere Lehrerinnen zu stoppen, bevor sie so weit gehen.“ Sprecherin Doch einige Frauen gehen tatsächlich so weit, ziehen Bloomers an und trauen sich damit aufs Fahrrad. Aber viele von ihnen ziehen sich nach dem Radeln direkt wieder um. Das heißt, das Fahrrad schafft etwas, was dem Pferd mit seinem Damensattel nicht gelang: Zumindest zeitweise tauschen manche Frauen öffentlich sichtbar Rock gegen Hose – aber die gesellschaftliche Konvention wird – vor allem in Deutschland - durch das Fahrrad nicht sofort gebrochen. Auch Amalie Rother, die Pionier-Radlerin aus Berlin, spricht sich gegen Hosen fernab vom Fahrrad aus. Die Radlerinnen erkämpfen sich zwar das Fahrradfahren – aber nicht alle von ihnen wollen auch fernab der zwei Räder Konventionen brechen. Manche Frauen wollen wohl einfach die schöne Ausfahrt ins Grüne genießen und nicht gleichzeitig die Gesellschaft revolutionieren. Die Modefrage ist in Sachen Rock außerdem nicht mehr so wichtig, als sich das Rad mit niedrigem Einstieg verbreitet. Amalie Rother, die Berliner Fahrradpionierin aus Berlin schreibt darüber: Zitatorin Amalie Rother „Ich bin gewiss heute keine Freundin des eben so hässlichen, wie unpraktischen Damenrades, aber das steht fest: Ohne diese Maschine hätte das Damenfahren nie den jetzigen Aufschwung genommen, die besseren Kreise hätten sich viel schwerer zum Fahren entschlossen“. Sprecherin Aber es gibt noch ein anderes Kleidungsstück, dem manche Radlerinnen den Kampf ansagen – auch Amalie Rother: Zitatorin Amalie Rother „Das erste, was unbedingt in die Rumpelkammer muss, ist das Korsett. Tiefes, lebhaftes Atmen, wie es das Radfahren verlangt, kann nur geschehen bei voller Ausdehnung des Brustkorbes.“ Sprecherin Im 19. Jahrhundert gilt die Wespentaille als Schönheitsideal. Vor allem wohlhabendere Frauen greifen zu dem Kleidungsstück mit eingenähten Drähten, was so eine aufrechte Haltung erzwingt. Nicht einfach, damit Fahrrad zu fahren. Der neue Sport entfacht eine Diskussion über das Korsett, die es teilweise schon gab. Manche Mediziner warnen schon länger vor Konsequenzen für die Organe, die Atmung und die Rippen. Als Alternative wird das Reformkorsett empfohlen, etwas weiter geschnitten und dehnbar, oder Büstenhalter. Laut Historikerin Dörte Florack wird die Diskussion um das Korsett vor allem von Medizinern geführt. Dabei geht es zum einen um gesundheitliche Aspekte – aber manche Ärzte kommentieren auch die Ästhetik, beispielsweise, dass auch das Reformkorsett selbst „starken Frauen“ eine hübsche Figur verleihen solle. ZSP 6 OT Florack „Die Mediziner haben die Priester abgelöst als Hauptkommentatoren gesellschaftlicher Entwicklungen. Somit hatten sie Gewicht.“ Sprecherin Und als Hauptkommentatoren haben sie noch ganz anderes beizutragen als nur zum Korsett. Zum Beispiel die Frage, ob lange Touren nicht schädlich für das „schwache Geschlecht“ seien. OT Florack „Ich hatte vielmals nicht das Gefühl, dass Frauen, dass Radlerinnen überhaupt befragt wurden – sondern es wurde halt über sie geschrieben.“ Sprecherin Gewarnt wird vor Haltungs- und Organschäden – das gilt auch für Männer. Insgesamt hält man die Frau aber für weniger leistungsfähig. Ein Arzt empfiehlt allgemein für „Vergnügungstouren“ nicht mehr als 50 Kilometer – die gesunde Jugend könne sich aber auch an das Doppelte heranwagen. Für Frauen schränkt er die Richtwerte aber um ein Viertel ein. Außerdem Gegenstand von Diskussionen – der Unterleib der Frau. Neben der Warnung, das Fahrradfahren könne der Fruchtbarkeit schaden, wird eine These besonders oft zitiert und diskutiert: 1896 schreibt der Arzt Martin Mendelsohn in „Der Einfluß des Radfahrens auf den menschlichen Organismus: Musik 9/10 "Full Tense" - Album: Requiem for a Dream (Soundtrack from the Motion Picture) - Komponist: Clint Mansell - Länge: 0'41 "Subliminal" - Album: Lasa & Zabala (Original Motion Picture Soundtrack) - Komponist und Ausführende: Pascal Gaigne - Länge: 0'41 Zitator Mendelsohn „Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass, wenn die betreffenden Individuen es wollen, kaum eine Gelegenheit zu vielfacher und unauffälliger Masturbation so geeignet ist, wie sie beim Radfahren sich darbietet. Wenn man, was vorgekommen ist, ganz absieht von denjenigen Fällen, in denen der Sattel auf ganz besonderer Absicht mit einem nach oben gekrümmten Vordertheile versehen wurde, so bietet auch sonst der Sitz, rittlings mit ausgespreizten Schenkeln, ausreichende Möglichkeit, solchem Hange nachzugeben.“ Sprecherin Da Mendelssohn hinzufügt, dass auch Männer ihre Fahrt wegen ständiger Erektionen oft unterbrechen müssen, scheint recht offensichtlich, dass er seine Abhandlung nicht empirisch belegen kann. Zwar will er das Fahrradfahren nicht ganz verbieten, weil er durchaus auch gesundheitlichen Nutzen sieht. Aber seine These wird vor allem von Kritikern des Radfahrens als Argument genutzt. Einer schreibt, dass Frauen und Mädchen das Radfahren zu „verbotenen Zwecken“ nützten und das Frauenradfahren etwas Unsittliches sei. Wie sich eine Radlerin benehmen soll – und vor allem, in welcher Gesellschaft sie fahren durfte, ist immer wieder Thema in Zeitschriften und Büchern. Wenn eine Frau mit Männern unterwegs ist, sollte sie zum Beispiel in der Mitte fahren, damit die Herren die Dame „vor Blicken und sonstigen Gefahren“ schützen können. Um mit nur einem Mann zu fahren, muss es schon ein naher Verwandter oder nahestehender Freund zu sein, der laut einem Text in der Draisena als „ihr Beschützer und Wächter“ schräg versetzt knapp hinter der Frau fahren soll. Ein besonderes Modell stellt besonders herausfordernde Fragen: Das Tandem. Wer sitzt vorne, wer sitzt hinten? ZSP 7 OT Florack „Hier widerspricht sich nämlich einerseits, dass natürlich die Frau vorne zu sitzen hat, weil der Mann ihr doch nicht den Rücken zuwenden darf und sie natürlich den Blick auf die Landschaft haben soll. Und auf der anderen Seite natürlich der Mann derjenige sein muss, der steuert.“ MUSIK 11 "Is she dead?" - Komponist: Alexandre Desplat - Album: Tamara Drewe (Original Soundtrack) - Länge: 0'45 Sprecherin Alle Bedenken von Ärzten, Modevorschriften oder gesellschaftliche Erwartungen können Frauen über kurz oder lang aber nicht aufhalten, auf Fahrräder zu steigen. Zitatorin Susan B. Anthony „Ich denke, es hat mehr für die Emanzipation der Frauen getan als irgendetwas anderes auf der Welt.“ Sprecherin Sagt die amerikanische Frauenrechtlerin Susan B: Anthony schon 1896 in einem Interview Zitatorin Susan B. Anthony „Ich freue mich jedes Mal, wenn ich eine Frau auf einem Fahrrad sehe. Es gibt Frauen ein Gefühl von Freiheit und Selbstvertrauen." ZSP 10 OT Florack „Es wird individuell sehr zur Emanzipation beigetragen hatte, weil sie auf einmal einen ganz anderen Bewegungsradius hatte. Sie konnten beim Sport ihre Kleidung anders gestalten, sie konnten raus in die Natur, sie konnten sich leichter mit Freundinnen treffen. Es wurde manches aufgebrochen. Und ich glaube schon oder bin überzeugt, dass es für manche Frauen durchaus stärkend war.“ Sprecherin Allerdings sagt die Historikerin auch, dass nicht jede Fahrradfahrende Frau im Deutschen Kaiserreich ihr Tun gleich als politisches, feministisches Statement versteht. ZSP 11 OT Florack „Man darf sich jetzt aber keine kämpferische Klientel vorstellen, jedenfalls nicht so, wie es aus den Quellen nachvollziehbar ist. Es gab extra Frauenradzeitschriften, da wurde manches diskutiert, da wurden die medizinischen Auseinandersetzungen und so weiter reflektiert, es wurde auch mal gesagt – in meinen Worten – das ist ja Quatsch. Aber es wird nicht verbunden mit einem: So jetzt müssen wir heraustreten aus dem, was uns als Zwängen auferlegt ist als bürgerliche Frauen.“ Sprecherin In Deutschland ist das Fahrrad also nicht Symbol und Mittel einer Frauenrechtsbewegung geworden. Anders ist das in Großbritannien. Alice Hawkins aus Leicester arbeitet um 1900 herum in einer Fabrik – und setzt sich dafür ein, dass Frauen die gleiche Bezahlung erhalten sollen wie Männer. Und: Das Wahlrecht. Sie gründet den Ableger der WSPU in Leicester – also der Women’s Social and Political Union – besser bekannt als Suffragetten. Um ihre Ideen auch in umliegenden Ortschaften zu verbreiten und sich mit Gleichgesinnten zu treffen, benutzt sie: das Fahrrad. So legt sie Strecken zurück, die zu Fuß nicht möglich gewesen wären. 1907 gründet Flora Drummond die WSPU Cycling Scouts. Jeden Samstag trifft sich die Gruppe auf einem Platz in London und fährt los, auch aus der Stadt raus, um ihre Ideen zu verbreiten. Dabei tragen die Frauen lila, weiß und grün – die Farben der Suffragetten und Flaggen der Women’s and Social Political Union flattern am Fahrrad. Nach teils militanten Aktionen ist das Fahrrad auch oft das Mittel zur Flucht – manche Frauen schaffen es so, dem Gefängnis zu entkommen. Auf Fotos der britischen Suffragetten sieht man sie oft mit Fahrrädern. Manchmal ist das Fahrrad beiläufig dabei, manchmal posieren die Frauen damit. Das Rad ist damals das einfachste, schnellste und unabhängigste Fortbewegungsmittel für die Frauen. Arbeiterinnen sind in ihrer knapp bemessenen Freizeit sonst zu Fuß unterwegs, Frauen der oberen Schichten verbringen viel ihrer Zeit in Innenräumen oder werden in Kutschen umhergefahren. Das Beispiel der Suffragetten zeigt, wie wichtig eine unabhängige, schnellere Mobilität für politische Arbeit ist, um sich überhaupt austauschen und vernetzen zu können. Musik 12 "Los mundos sutiles (Part II)" - Album: Los mundos sutiles - Komponist und Ausführender: Pascal Gaigne - Zeit: 0'29 Sprecherin Wie sehr das Fahrradfahren emanzipiert, ist auch schon nach wenigen Tagen beim Kurs für Frauen mit Migrationsgeschichte auf der Theresienwiese spürbar. Mittlerweile drehen fast alle Frauen schon sicher ihre Runden auf der riesigen Fläche. Abeer aus dem Irak ist nicht mehr zu bremsen. Zsp E Abeer „Es ist ein sehr schönes Gefühl, dass ich kann Fahrradfahren. Ich fühle mich wie fliegen, wie Vogel“ Sprecherin Für Angeline aus Kenia bedeutet es Zsp F Angeline „Freedom, you feel the air, coming to your face, it is really nice. I think this week we can go have a look for a bike for me“ Sprecherin OV: Freiheit, man fühlt die Luft im Gesicht, es ist toll. Ich denke nächste Woche können wir nach einem Fahrrad für mich schauen. Sprecherin Was sagen die Frauen hier zu dem Satz der Frauenrechtlerin Susan B. Anthony, das Fahrrad hätte mehr für die Emanzipation der Frau getan als irgendetwas anderes auf der Welt? Zsp G Angeline: „Yeah Yeah, true, it really opens up. Because imagine I take my son from school, I need 15 Minutes, so it is 30 minutes… in 30 minutes I can do a lot oft hings. You get more time to do things that matter.“ Sprecherin OV Ja, das ist wahr, es gibt mehr Möglichkeiten. Wenn ich meinen Sohn zur Schule bringe, brauche ich 15 Minuten, also 30 insgesamt. In 30 Minuten kann ich so viel tun – man bekommt mehr Zeit um wichtige Dinge zu tun.“ Musik 13 "Los mundos sutiles (Part II)" - Album: Los mundos sutiles - Komponist und Ausführender: Pascal Gaigne - Zeit: 0'30 Zsp H Ayyah: „Ich dachte, ich könnte nicht Fahrradfahren, weil man das als Kind lernen muss. Aber besonders in Arabische Kultur, ist nicht normal das viele Leute Fahrradfahren. Aber jetzt danach, ich hab das Gefühl, ich könnte alles machen.“

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