Als der Strom nach Bayern kam - Wasserkraft und Widerstand
26.01.2024 · 22 Min.
Folgen-WebseiteÜber diese Folge
Ganz Bayern hat Licht und Strom - vor gut hundert Jahren eine Zukunftsvision, die auf heftigen Widerstand stieß. Aber Bauingenieur Oskar von Miller ließ sich nicht beirren und setzte vor allem auf Wasserkraft. Autorin: Iska Schreglmann (BR 2019)
Credits
Autorin dieser Folge: Iska Schreglmann
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Ruth Geiersberger, Martin Fogt, Hemma Michel
Technik: Andreas Lucke
Redaktion: Nicole Ruchlak
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren:
König Ludwig III. - Bayerns letzter König
von Carola Zinner
DIESE FOLGE ANHÖREN
Vom Zaren zum Sozialismus - Das große Experiment
von Rainer Volk
DIESE FOLGE ANHÖREN
Die Münchner Räterepublik - Bayern sozialistisch
von Yvonne Maier
DIESE FOLGE ANHÖREN
Das Frauenstimmrecht - Der erste Schritt zur Gleichberechtigung
von Gerda Kuhn
DIESE FOLGE ANHÖREN
Ludwig II. - Der Mondkönig
von Carola Zinner
DIESE FOLGE ANHÖREN
Mythos Prinzregentenzeit - Die letzten schönen Jahre?
von Michael Zametzer
DIESE FOLGE ANHÖREN
Elisabeth von Österreich - Eine Kaiserin verweigert sich
von Brigitte Reimer
DIESE FOLGE ANHÖREN
Franz Joseph I. - Der Kaiser der Donaumonarchie
von Michael Zametzer
DIESE FOLGE ANHÖREN
Wilhelm II. - Phantast von Gottes Gnaden
von Rainer Volk
DIESE FOLGE ANHÖREN
Linktipp:
Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:
ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:
ARD Audiothek | RadioWissen
JETZT ENTDECKEN
Diesen Podcast durchsuchen
Weitere Folgen
- Die römische Legion - Waffe und Integrationsmaschine
29.01.2024 · 23 Min.
Die Legionen Roms waren Jahrhunderte lang die gefürchtetste Armee der Welt. Doch die Legionäre waren mehr als nur Soldaten. Sie brachten auch kulturellen, technischen und zivilisatorischen Fortschritt. Autor: Robert Grantner (BR 2019) Credits Autor dieser Folge: Robert Grantner Regie: Axel Wostry Es sprachen: Julia Fischerz, Johannes Hitzelberger Technik: Ruth-Maria Ostermann Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Dr. Oliver Stoll, Universität Passau Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK ERZÄHLERIN: Die römischen Legionen. Bis heute eilt ihnen ihr Ruf voraus: die größte Militärmacht, die die Welt je gesehen hat. Eine perfekt abgestimmte Einheit, taktisch flexibel und intensiv ausgebildet für den Kampf. Schlacht um Schlacht ringen sie ihre Gegner nieder, walzen sich förmlich über sie hinweg. Es sind die Legionäre, die das Imperium Romanum überhaupt erst möglich machen und über Jahrhunderte seine Einheit sichern. Doch für Professor Oliver Stoll von der Universität Passau waren die römischen Legionen weit mehr, als nur das. O-Ton Prof. Oliver Stoll Eigenartigerweise sieht man häufig nur das Militärische und die scheinbar perfekte Maschine, die da funktioniert, aber es ist schon so, dass die Soldaten einen großen Teil ihres Lebens nicht im Krieg verbracht haben und dass es da ganz viele eigentlich eher zivile Tätigkeiten gegeben hat, die von ihnen ausgeführt worden sind. Und das ist auch ein gutes Zeichen dafür, wie hoch das Potenzial dieser Militäreinheiten gewesen ist auch als Kulturträger! Oder als Faktor, der zu einer langfristigen Veränderung in den Provinzen beigetragen hat. ERZÄHLERIN: Viele Legionäre sind nicht nur Soldaten. Es gibt unter ihnen eine große Anzahl an Spezialisten. Sie sind befreit vom täglichen Militärdienst in den Lagern und zuständig für die unterschiedlichsten Berufe. Der Jurist Tarruntenus Paternus schreibt im zweiten Jahrhundert: ZITATOR „Der Status gewisser Leute garantiert ihnen Befreiung von beschwerlichen Tätigkeiten; in diese Kategorie gehören Feldmesser […] Erdarbeiter für den Grabenbau, Hufschmiede, Architekten, Schiffssteuerleute, Schiffbauer […] Glasmacher, Schmiede, […] Bronzearbeiter, Helmmacher, Wagenbauer, Schindelmacher, Schwertschmiede, Wasserbautechniker, […] Klempner, Grobschmiede, Maurer, Kalkbrenner, Holzfäller und Köhler[…]“ O-Ton Prof. Oliver Stoll Also die Liste geht unendlich weiter. Man sieht daran, wie vielfältig die Beschäftigungsmöglichkeiten waren. Und das Militär ist in dieser Hinsicht eine Art technische Kaderschmiede gewesen, denn es gab auch Auszubildende, die in diesen Berufen im Militär ausgebildet worden sind. ERZÄHLERIN: Das Ergebnis dieser Kaderschmiede ist ein perfekt funktionierendes Imperium, das sich in seiner Hochphase über drei Kontinente erstreckt. Es sind nicht zuletzt die Legionäre, die diesen Siegeszug auch durch ihre technischen Fähigkeiten und durch administrative Tätigkeiten möglich machen. Denn in den einzelnen Provinzen ist dafür relativ wenig ziviles Personal vorhanden. Und so leisten die Soldaten auch Schreibarbeiten, kümmern sich um die innere Sicherheit, oder fungieren als eine Art Wirtschaftspolizei, die Zölle und Tribute erhebt und eintreibt. Wie weitreichend diese Tätigkeiten sein konnten, zeigen Dienstpläne, die in Form von Papyri erhalten geblieben sind. O-Ton Prof. Oliver Stoll Wir haben einen Dienstplan einer Einheit die in Mösia stationiert gewesen ist, Provinz im heutigen Bulgarien. Diese Einheit hat Leute weggeschickt, die in Gallien, also im heutigen Frankreich, Kleidung zu besorgen hatten, oder Pferde. Oder sie waren in Mienen oder Steinbrüchen als Aufsichtspersonal unterwegs. Also eine beträchtliche Menge der Leute waren unterwegs, oder sie mussten Latrinen putzen, oder die Thermenanlage putzen, oder die Rüstung des Zenturio aufpolieren. Also all das ist in verschiedensten Dienstplänen abzulesen. Und man bekommt einen lebhaften Eindruck, wie das Leben ausgeschaut hat. ERZÄHLERIN: Reisen über so weite Strecken sind möglich, weil das Straßennetz im Imperium Romanum auf für uns kaum vorstellbare Art und Weise ausgebaut ist. Mehr als 100.000 Kilometer Straße verbinden abgelegenste Provinzen miteinander und machen einen Austausch in vielerlei Hinsicht möglich. Bei dieser infrastrukturellen Durchdringung der Provinzen spielt das Militär eine entscheidende Rolle. O-Ton Prof. Oliver Stoll Als Bauherren sozusagen, denn die Legionen haben im Auftrag der Kaiser Straßen gebaut, aber nicht nur Straßen, sondern alles, was dazu gehört. Also auch Brücken, Aquädukte, also die ganzen technischen Anlagen sind von Legionären gebaut worden. ERZÄHLERIN: Dazu ein Zitat von Cassius Dio aus dem Buch „Der Adler Roms - Carnuntum und die Armee der Cäsaren“, herausgegeben vom Archäologischen Museum Carnuntinum: ZITATOR „Die Flüsse werden von den Römern ohne große Mühe überblickt, da die Soldaten ständig das Brückenbauen üben wie sonst eine Kriegsmaßnahme, sowohl an der Donau, am Rhein als auch am Euphrat.“ ERZÄHLERIN: Diese hervorragende Ausbildung der Legionäre bleibt auch den Feinden nicht verborgen. Um sich dieses enorme technische Wissen anzueignen und für die eigenen Völker nutzbar zu machen, werden immer wieder römische Soldaten gezielt entführt. Ärzte, Handwerker, Architekten, Bauern – sie alle werden systematisch gejagt, um sie in der eigenen infrastrukturellen Entwicklung zu nutzen. MUSIK ERZÄHLERIN: Römischen Soldaten reisten weit. Sie sind keineswegs stets an einem Ort stationiert, sondern durchlaufen in ihrer Karriere oft viele verschiedene Einsatzgebiete. So wie Lukius Numerius Felix, ein Zenturio, der unter anderem in Regensburg stationiert war. Doch bei weitem nicht nur, wie eine Grabinschrift, die seine Frau ihm zu Ehren setzen ließ, im spanischen Tarragona belegt. O-Ton Prof. Oliver Stoll Und dieser Lukius Numerus Felix war eben zuletzt Zenturio in der siebten Legion, das ist die, die in Spanien stationiert war. Aber vorher in Britannien, in Bosra in Syrien, in Mainz und dann eben, als allererster Posten, den er gehabt hat, war er Zenturio in der Legio Tertia Italica, also die dritte italienische Legion. Das ist die Regensburger Hauslegion. ERZÄHLERIN: Im Imperium Romanum ist also das Militär der Hauptfaktor für Mobilität und Migration. Und damit verbunden auch für den Austausch unterschiedlichster Kulturen und Völker. In der Provinz Rätien, die große Teile des heutigen Bayern umschloss, sind ca. 12 bis 15 Tausend Mann stationiert. Während die Legionäre, beispielsweise die, die in Regensburg stehen, größtenteils aus Italien kommen, gilt das für den großen Teil der Hilfstruppen, der sogenannten Auxilien, nicht. Sie kommen oft aus ganz unterschiedlichen Regionen des Imperium Romanum. O-Ton Prof. Oliver Stoll Kultureller Schmelztiegel Militär ist auf jeden Fall richtig. Wir haben in Bayern, also Rätien, Truppeneinheiten aus Syrien, Straubing, wir haben Batawa, die aus dem Niederrheingebiet kommen, Daker, die aus dem heutigen Bulgarien kommen – also ein buntes Gemisch von Soldaten, die durch den Militärdienst einerseits so eine gemeinsame Identität bekommen. ERZÄHLERIN: Vor Ort kommt es zu einem regen Austausch zwischen den römischen Soldaten, den Hilfstruppen und den Einheimischen. Auch, was die zwischenmenschlichen Beziehungen betrifft – mit Konsequenzen sogar bis heute. Zum Beispiel in Straubing: O-Ton Prof. Oliver Stoll Da gibt es eine sogenannte Kanatena Kohorte, die ab dem frühen 2. Jahrhundert stationiert gewesen ist. Kanatena ist das heutige Kanawat in Syrien, die sind dort ursprünglich dort rekrutiert worden. Syrische Truppen sind häufig Spezialisten für Bogenschützeneinheiten, manchmal auch beritten. Und die waren in dem Fall eben auch lange Zeit in Straubing stationiert. Sodass man fast davon ausgehen kann, dass der ein oder andere Straubinger syrisches Blut in sich hat. ERZÄHLERIN: Und das, obwohl die Soldaten rein militärrechtlich gar nicht in der Lage sind, eine Familie zu gründen. Bis in das dritte Jahrhundert hinein herrscht nämlich ein Heiratsverbot für die normalen Soldaten, d.h. man muss bei einer Dienstzeit von 20-25 Jahren auf eine reguläre Ehe verzichten. O-Ton Prof. Oliver Stoll Man konnte natürlich nicht davon ausgehen, dass die 25 Jahre zölibatär leben. Das wäre fern der Realität gewesen, aber die durften eben keine rechtmäßigen Ehen führen, sondern nur Konkubinate. Wo kamen die Frauen her? Zum Teil haben die Männer sie aus ihren Regionen mitgebracht, zum Teil haben sie sie vor Ort kennengelernt und zum Teil sind die Frauen auch mitgezogen aus vorher innegehabten Provinzen. MUSIK ERZÄHLERIN: Um die Kastelle der Römer herum bilden sich schnell große Zivilsiedlungen, wo die Familien der Soldaten lebten, aber auch die einheimische Bevölkerung, mit der ein reger Austausch besteht. Und Soldaten haben Geld. An drei Tagen im Jahr wird ausgezahlt: jeweils 75 Dinare, eine beträchtliche Summe für die damalige Zeit, wobei ein Teil davon als Spareinlage bei der Einheit verbleibt; auch werden Abzüge vom Sold vorgenommen: für Ausrüstung, Essen, religiöse Feste, oder Kleidung. Aber es bleibt genügend übrig, um die Soldaten zu einem Motor für die heimische Wirtschaft zu machen. Langfristig floriert die gesamte Region um das Lager herum. Alleine die Versorgung des Militärs muss gesichert werden – eine Legion benötigte ca. 2500 Tonnen Getreide pro Jahr . Das geht nur mit einer hochmodernen Landwirtschaft und entsprechendem Handelswesen, so Oliver Stoll von der Universität Passau. O-Ton Prof. Oliver Stoll Interprovinziell hat da sicherlich ein Handel stattgefunden, aber eben auch über den Limes hinaus! Denn Getreide ist mit Sicherheit auch hier im Donauraum mit den im Vorlimesraum siedelnden Germanen verhandelt worden. Wir wissen zum Beispiel, dass die Hermanduren, ein romfreundlicher Stamm, über die Donau kommen durfte, um bis nach Augsburg hinein Handel zu betreiben. Und die haben eben auch Getreide und Landwirtschaftsprodukte verkauft. ERZÄHLERIN: Der Handel in den Siedlungen um die Kastelle herum beinhaltet auch Waren von weit her. Pfeffer, Kürbisse und sogar Melonen. Rückschlüsse über die Ernährung der Soldaten in den Lagern liefern vor allem Latrinen. Sie sind, im wahrsten Sinne des Wortes, echte Fundgruben. So belegt die Analyse von Ausgrabungsfunden aus einer Latrine im ehemaligen Kastell Alphen aan den Rijn in Holland eine ganz erstaunliche Produktvielfalt, die der Ausscheider zu sich genommen hat. Bei paläobotanischen Untersuchungen stellt sich heraus, dass der Zenturio – natürlich weitaus wohlhabender als der normale Soldat – unter anderem Oliven, Feigen, Trauben und sogar Pfirsiche gegessen hat. Selbst exotische Südfrüchte werden also über weite Strecken hinweg transportiert. O-Ton Prof. Oliver Stoll Natürlich sind auch diese landwirtschaftlichen Produkte Kulturerbe. Man braucht nur an den Wein zu denken, aber auch viele Kräuter, die uns geblieben sind, wie Mangold, Portulak, Dill, Koriander, Sellerie, Walnuss und Esskastanie, Karotten und Pastinaken. Und nicht zu vergessen auch der Spargel beispielsweise, der von den Römer mitgebracht worden ist bzw. hier heimisch gemacht worden ist. ERZÄHLERIN: Vergleicht man beispielsweise tierische Knochenfunde aus der Zeit der Römer sowohl mit Funden aus vorrömischer Zeit als auch mit solchen aus dem Mittelalter, dann stellt man fest, dass die Rinder und Pferde der Römer weitaus größer waren. O-Ton Prof. Oliver Stoll In manchen Gegenden ist die Größe römischer Rinder erst wieder mit Einführung der künstlichen Besamung erreicht worden. Und das ist ja bekanntermaßen noch nicht lange her,das man das wieder eingeführt hat. ERZÄHLERIN: Neueste Funde aus Regensburg-Großprüfening legen sogar nahe, dass die römischen Soldaten auch den Grundstein für den Siegeszug des bayerischen Bieres gelegt haben könnten. Dort wurde eine Darrenanlage ausgegraben, wo man Spelzgetreide hinbrachte, um es vom Spelz zu trennen und zu rösten. Zusammen mit der gefundenen Brunnenanlage wird das Ganze als die vielleicht erste Brauerei Bayerns interpretiert. Besondere Bierliebhaber waren die Bataver, die in Weißenburg und wohl auch in Passau stationiert waren. O-Ton Prof. Oliver Stoll Die tranken nicht so gerne Wein, sondern Bier! Und wir haben auch da Zeugnisse aus England, wo die auch stationiert waren, ein Brief eines Decurio an seinen Kommandanten: bitte schick uns doch Bier! Uns ist das Bier ausgegangen! Und hier haben wir doch relativ zunehmend Belege dafür, dass diese germanischen Einheiten möglicherwiese auch bei uns hier getrunken und produziert haben und vielleicht auch eine Rolle dabei spielen, dass das Bier heute so stark ist in Bayern, wie es heute ebenso ist. ERZÄHLERIN: Zeit, um das gebraute Bier oder auch den Wein zu trinken, bleibt den Soldaten relativ wenig. Zwar sind Kampfhandlungen eher die Ausnahme, dafür wird aber umso mehr trainiert und geübt. Die Qualität dieser militärischen Großmacht hängt sicherlich zu einem großen Teil mit ihrer ständigen Aus- und Weiterbildung zusammen. Wer also nicht gerade anderweitigen Dienst zu tun hat, der übt Fechten oder Speerwerfen, baut Übungslager oder tut vor allem eines immer wieder: Marschieren! Marschieren spielt eine große Rolle im römischen Militär. 25km in voller Ausrüstung, d.h. mit 30 bis 40 kg sind keine Seltenheit. Und mindestens zweimal im Monat wird eine große Marschübung durchgeführt. Auch um die neuen Rekruten in den verschiedenen Marschformationen zu schulen und sie damit auf mögliche Einsätze vorzubereiten. O-Ton Prof. Oliver Stoll Die römischen Legionäre und Auxiliare waren körperlich fit in der Regel. Natürlich bringt der Dienst Gefahren mit, auch in der Ausbildung kann man sich die Knochen brechen. Es gibt einen Brief aus Ägypten, wo ein Soldat seinem Vater schreibt, er habe sich solange nicht melden können, weil die ganze Einheit eine Fischvergiftung gehabt hätte. Also das gibt es auch. Aber die medizinische Versorgung im Militär war hervorragend, weil die Soldaten ein wertvolles Gut waren. Und in der Antike gab es wohl nirgends so ein gut organisiertes Sanitätswesen wie im römischen Militär. Man kann sagen, dass die ersten Krankenhäuser Europas im Umfeld der römischen Legionslager entstehen. ERZÄHLERIN: Viele Arztbestecke aus der Antike sind fast eins zu eins noch heute im Einsatz: Skalpelle, Knochenheber, Knochenhammer oder Venenklemmen. Es geht darum, die wertvollen römischen Soldaten so lange wie möglich dienstfähig zu erhalten. So wird unter Kaiser Augustus das Sanitätswesen fest in die Berufsarmee integriert. Es gibt Ärzte, oft Griechen, aber auch Sanitäter, die die Verwundeten direkt auf dem Feld behandeln können. ERZÄHLERIN: Auch auf die Hygiene wird im römischen Militär sehr geachtet. Die Thermenanlagen, die meist ziemlich bald nach Errichtung eines neuen Kastells erbaut werden, spielen dabei eine große Rolle. Bad Gögging, Wiesbaden oder Baden Baden waren alle einst solche Badeanlagen für die römischen Soldaten. Aber auch Wasserklos tragen dazu bei, dass Infektionskrankheiten eingedämmt werden. MUSIK ERZÄHLERIN: Ein zentrales Thema für die Soldaten des römischen Militärs ist die Religion. Die Einsätze sind gefährlich, nur etwa die Hälfte erlebt nach der Dienstzeit den Veteranenstatus, und so sucht man den Schutz der Götter. Und davon gibt es viele. Nicht nur die berühmten 12 Staatsgottheiten Jupiter, Juno, Minerva, Vesta, Ceres, Diana, Venus, Mars, Mercurius, Neptun, Vulcanus oder Apollo. Die Religion des römischen Heeres ist ein komplexes Gebilde: Zum einen gibt es die offizielle und streng reglementierte Heeresreligion, mit dem für alle verbindlichen Kaiserkult und den zu verehrenden Staatsgöttern. Daneben gibt es aber auch militärische Kultphänomene, die sich speziell aus den Bedürfnissen der Soldaten entwickelt haben, wie die Verehrung der eigenen Standarte. Zum anderen gibt es aber auch die erstaunlich vielfältige Privatreligion jedes einzelnen Soldaten. Dazu Oliver Stoll von der Universität Passau. O-Ton Prof. Oliver Stoll Jeder Soldat konnte grundsätzlich den Gott verehren, der ihm genehm war, von dem er sich Schutz erhofft hat. Und das hat er auch getan. Das waren zum Teil mitgebrachte Gottheiten aus der Heimat oder einem vorherigen Dienstort. Oder es waren Götter von vor Ort, oder Götter die er an einem besonderen Dienstort brauchte, zum Beispiel die Steinmetze haben gerne Herkules angerufen, weil er der Schutzgott der Steinmetze war. Oder Benefiziarier haben auch gern Jupiter angerufen, oder Merkur, den Gott der Kaufleute. ERZÄHLERIN: Diese Religionsfreiheit zeugt von einer großen Toleranz gegenüber anderen Kulturen und deren Bräuchen, Sitten und Kulten. Das Militär ist auch hier wieder ein Kulturträger. So überrascht es nicht, dass sich die Religionen vor Ort in den Provinzen vermischen. Ein Zeugnis dafür wurde bei Ausgrabungen in Regensburg-Ziegetsdorf entdeckt. Der dort gefundene Tempel ist schon in seiner Bauweise eine Besonderheit. Er ist nämlich nicht nach römischer Bauart konzipiert, sondern nach gallorömischer Art. Seine architektonischen Wurzeln liegen also in Frankreich und sind keltisch. Doch nicht nur die Architektur, sondern auch die Ausstattung dieses Tempels zeugt von einer multikulturellen und multireligiösen Nutzung. O-Ton Prof. Oliver Stoll Man sieht, wo die Leute überall hergekommen sind, die in so einem Heiligtum diesen Gott verehrt haben. Und dann sieht man, dass da die Soldaten einen Gott verehren, der mit dem Namen Merkur versehen wird, der aber vielleicht bei den Einheimischen ganz anders geheißen hat. Das ist die sogenannte Interpretatio Romana, also die Römer interpretieren auch die einheimischen Götter mit ihren eigenen, um sich eine Vorstellung zu machen. Ob die jetzt richtig ist oder nicht. Also auch die Tempelanlagen, die Kultanlagen sind multikulturelle Schmelztiegel, an denen wir Leute verschiedenster Herkunft fassen können. ERZÄHLERIN: Religionskriege, wie wir sie später erleben, sind der Antike fremd. Doch die Toleranz der Römer hat eine klare Grenze: O-Ton Prof. Oliver Stoll Wenn man nicht bereit ist für den Kaiser zu opfern. Das konnten die Römer nicht verstehen, dass man das nicht tut. Also bei allen das einende Element, das von absoluter Bedeutung gewesen ist: der Kaiserkult. Das ist ein Punkt, wo die Toleranz dann aufhört. ERZÄHLERIN: Besonders deutlich tritt dieser Konflikt zum Vorschein, als eine neue Religion entsteht, deren Anhänger sich weigern einen anderen Gott als den ihrigen zu ehren: das Christentum. MUSIK Etwa dreihundert Jahre nach Christus beginnt der langsame Verfall der römischen Legionen. Es finden sich nicht mehr genügend römische Bürger, die sich als Legionäre rekrutieren lassen, und so sind die Kaiser wie Diokletian oder Konstantin gezwungen ausländische Söldner anzumieten. Der innere Zusammenhalt nimmt ab, bald schon wird das Wort „Barbar“ als Synonym für „Soldat“ benutzt. Zwar sind diese Barbaren auch gute Soldaten, doch sie sind bei weitem nicht so loyal gegenüber Rom wie es die ursprünglichen Legionäre waren. Der Niedergang des Imperiums spiegelt sich auch in seinem Militär: Als Rom eines Tages geplündert wird, sind unter den Eindringlingen auch etliche Barbaren, die Jahre zuvor noch in der römischen Legion gedient haben. MUSIK
- Tiere im Einsatz - Supernasen und Adleraugen
25.01.2024 · 23 Min.
Sie holen Drohnen vom Himmel, erschnüffeln gefährliche Landminen und unterstützen Kranke und Behinderte - Tiere sind in einigen Jobs besser als wir Menschen. Deshalb sind sie zu unverzichtbaren Helfern geworden. Autorin: Maike Brzoska (BR 2020) Credits Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Katja Schild Technik: Roland Böhm Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Lena Fiebig, Tierärztin, Epidemiologin und Mitarbeiterin der Organisation Apopo; Stefan Schulz, Professor an der TU Braunschweig; Kathrin Wachholz, Krankenschwester an der Berliner Klinik für Psychiatrie und Neurologie des Theodor Wenzel Werks und Fachkraft für Tiergestützte Intervention; Sandra Wesenberg, Sozialpädagogin und Professorin an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin; Herbert Boger, Falkner Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: 01 ATMO (Rattentraining) Vogelgezwitscher, exotische Naturgeräusche SPRECHERIN Eine hügelige, etwas trockene Landschaft in Tansania. Auf einer Wiese groß wie ein Fußballfeld sind mehrere längliche Rechtecke abgesteckt. Am Rand eine Trainerin in blauer Arbeitskleidung und mit einer langen Leine in der Hand. Am anderen Ende der Leine – eine Ratte. ATMO kurz hochziehen … Stück für Stück sucht die Ratte den Boden ab. Die Nase mit den langen Härchen schnuppert mal hierhin, mal dorthin. Dann stoppt die Ratte und gräbt mit ihren kleinen Vorderpfoten in der Erde. Sie hat die Sprengstoffattrappe gefunden. Test bestanden! Zur Belohnung bekommt sie von ihrer Trainerin ein Stück Banane. 02 O-TON (Fiebig)_NEU Dieses ganze Training findet in Tansania statt in Kooperation mit der dortigen Universität, der Sokoine Universität für Agriculture, und dort schließen wir das Traninig mit ner internen Prüfung ab, und dann sind die Ratten fertig für den Einsatz. SPRECHERIN Lena Fiebig ist Tierärztin und Epidemiologin. Sie arbeitet für ‚Apopo‘; die belgische Organisation nutzt Ratten für humanitäre Zwecke und hat auf ihrer Homepage Videos vom Rattentraining veröffentlicht. Die Tiere werden etwa darauf konditioniert, Landminen aufzuspüren. Denn die sind für die Bevölkerung in Afrika und Teilen Asiens ein großes Problem. Immer wieder kommt es zu Verletzungen und auch zu Todesfällen: 03 O-TON (Fiebig)_NEU Und neben dieser Explosionsgefahr ist es auch ganz besonders weitreichend, dass die Bevölkerung ja häufig um diese Minen weiß oder Gerüchte weiß und deswegen diese Gebiete natürlich meidet. Und dadurch ist der Zugang zu Wasser versperrt, Felder werden nicht bewirtschaftet und Verkehrswege können nicht genutzt werden, also Kinder zum Beispiel müssen viel weitere Wege zur Schule wählen. Und das bremst natürlich die ganze wirtschaftliche Entwicklung. Marking time M0010622003 unter folgendem: (Dauer: 1´03´´) SPRECHERIN Mindestens neun Monate werden die Ratten für diese Aufgabe trainiert. Zum Einsatz kommt die in Afrika heimische Riesenhamsterratte. Bis zu anderthalb Kilo kann sie auf die Waage bringen – ein echtes Schwergewicht im Vergleich zu unseren Ratten. Aber immer noch leicht genug, dass der Sprengstoff im Boden nicht detoniert, wenn sie drauftritt. Das macht die Riesenhamsterratte zum idealen Spürtier: 04 O-TON (Schulz) Sie können also Gerüche sehr gut wahrnehmen. Und bei diesen afrikanischen Ratten hat sich halt herausgestellt, dass es da besonders gut ist. SPRECHERIN Der Chemiker Stefan Schulz. Er ist Professor am Institut für Organische Chemie der Technischen Universität Braunschweig. Die Ratten sind auf den Sprengstoff konditioniert und damit sehr viel effektiver als Metalldetektoren, die bei jedem Stück Blech im Boden Alarm schlagen. Ist die Ratte fündig geworden, kommt ein Räumungsteam zum Einsatz. Die Mine wird kontrolliert gesprengt. M Marking time weg 05 ATMO (Explosion) Mann zählt laut in fremder Sprache, Mine explodiert. SPRECHERIN Mehr als 100.000 Landminen sind auf diese Weise in afrikanischen, asiatischen und südamerikanischen Ländern seit den 1990ern beseitigt worden. Der große Erfolg rührt auch daher, dass Sprengstoffe für die Ratten relativ leicht zu erschnüffeln sind: 06 O-TON (Schulz) Sie haben verschiedene Minenhersteller, die verschiedene Sprengstoffe benutzen, aber das ist ein überschaubares Gebiet, darauf kann man sie relativ gut trainieren. M Marking time M0010622003 unter folgendem: (Dauer: 0´27´´) SPRECHERIN Anders ist das bei Krankheiten wie der Tuberkulose. Aber auch dafür nutzt man die Apopo-Ratten inzwischen mit Erfolg. Die Ratten können anhand des ausgehusteten Auswurfs erschnüffeln, ob ein Patient mit Tuberkulose-Bakterien infiziert ist oder nicht. Das ist schwieriger als Minen zu finden, weil jeder Patient anders riecht und auch etwas Anderes gegessen hat: M Marking time weg 07 O-TON (Schulz) Die Variation zwischen den Proben ist erheblich höher als zwischen diesen Sprengstoffproben. SPRECHERIN Schulz ist eigentlich Grundlagenforscher, arbeitet bei diesem Thema aber mit Apopo zusammen. Die Frage, die sein Team interessiert, ist: Was macht den Geruch der Tuberkulose-infizierten Proben genau aus? 08 O-TON (Schulz) Welche Stoffe das eigentlich sind, die die Ratten erkennen? Wir sind also an der chemischen Natur dieser Duftstoffe interessiert. SPRECHERIN Tuberkulose ist eine bakterielle Infektionskrankheit, die vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern immer noch viele Todesopfer fordert: 09 O-TON (Fiebig)_NEU Tuberkulose gilt als die tödlichste Infektionskrankheit weltweit. Das ist die Weltgesundheitsorganisation, die diese Zahlen bereitstellt, und die schätzt, dass jedes Jahr etwa 10 Millionen Menschen an Tuberkulose erkranken und 1,5 Millionen Menschen sterben jedes Jahr. Und das sind etwa 4000 Menschen pro Tag. M Marking time M0010622003 unter folgendem: (Dauer: 0´52´´) SPRECHERIN Eigentlich ist Tuberkulose gut behandelbar – aber man muss die Krankheit erkennen, und zwar möglichst in einem frühen Stadium. In Deutschland würde man eine genetische Analyse des Auswurfs eines Patienten machen. Diese sehr zuverlässige, aber auch sehr kostspielige Methode steht in Afrika vielerorts nicht zur Verfügung. Deshalb hat Apopo mehrere Labore eingerichtet, in denen sie die Auswurf-Proben von Patienten mithilfe der Ratten zweitchecken. Auf diese Weise werden etwa 40 Prozent mehr Tuberkulose-Infektionen entdeckt. Im Vergleich zu den anderen Diagnostiken erschnüffelt eine Ratte die Krankheit relativ zuverlässig, kostengünstig – und äußerst schnell: M Marking time weg 10 O-TON (Fiebig)_NEU Die schafft ohne Weiteres 200 oder mehr Proben pro Tag. M Besides C1570290102 als Trenner – mit Tiergeräuschen (Dauer: 0´05´´) SPRECHERIN Die Mitarbeiter von Apopo nennen ihre Tiere inzwischen liebevoll ‚HeroRats‘ – ‚Heldenratten‘. Weil sie schon vielen Menschen das Leben gerettet haben. So wie auch andere Tiere, die für uns im Einsatz sind. Hunde finden Verletzte unter den Trümmern eingestürzter Häuser oder unter Massen von Schnee. Pferde oder Esel tragen Lasten in unwegsames Gelände. Vögel sichern den Luftraum an Flughäfen oder vertreiben Krähen, die Saatkörner von den Feldern picken. M All you got C1595050114 unter folgendem: (Dauer: 0´51´´) Und zunehmend helfen Tiere auch Menschen, die in schweren Krisen stecken: 11 O-TON (Luca) Ich war am Anfang auf der Geschlossenen Station, hatte ziemlich harte Depressionen unter anderem, ich hab sofort ne Panikattacke bekommen, sobald es irgendwie aus den Türen der Station rausging. SPRECHERIN Mehrere Wochen hat die Patientin, nennen wir sie Luca, ihr Zimmer kaum verlassen. Sie wollte niemanden sehen, nicht mit Ärzten sprechen – und vor allem nichts erklären müssen: 12 O-TON (Luca) Ich bin halt hierher gekommen nach nem Suizidversuch und ja, hatte halt so ein bisschen abgeschlossen mit der Welt, sag ich mal so. Ich wollte einfach nicht mit Menschen drüber reden, weil ich erstens wusste, dass sie mich nicht wirklich verstehen werden können. Und ich halt auch gar niemanden mehr etwas erklären wollte, ich war halt einfach so, ich will halt einfach nicht mehr, ich wollte nichts mehr verbessern. M All you got weg SPRECHERIN Deshalb hat sie sich anfangs auch den Therapien verweigert, zumindest den herkömmlichen, wie der Gesprächs- oder Ergotherapie. In der Berliner Klinik für Psychiatrie und Neurologie des Theodor Wenzel Werks gibt es aber noch ein besonderes Angebot – die Hundetherapie: 13 ATMO (Interaktion Milka und Luca) Milka, nicht ganz so weit, da komm ich nicht mit. Milka, schau mal hier, schau mal hier. SPRECHERIN Milka hat ein braunes Fell und wackelt mit dem ganzen Körper, wenn sie sich freut. Um die Labradordame kennenzulernen, hat Luca sogar ihre Angst, die Station zu verlassen, überwunden: 14 O-TON (Luca) Quasi meine ersten Gänge außerhalb der Station waren dann, dass ich gesagt hab; Ich probier erst mal von der Station zum Büro zu laufen, weil ich halt dann wusste, okay, ich sehe Milka. Und das war das Erste, worauf ich mich auch so ein bisschen wieder freuen konnte, in einer Zeit, wo ich dachte, ist eh alles egal und ich freu mich auf gar nichts eigentlich mehr. M All you got C1595050114 unter folgendem: (Dauer: 0´44´´) SPRECHERIN Von der Station zum Büro von Kathrin Wachholz – die ersten Schritte waren gemacht. Wachholz ist Krankenschwester und Fachkraft für Tiergestützte Intervention. Sie bietet die Hunde-Therapie in der Klinik an. Ein bis zwei Mal pro Woche trifft sie mit Milka ihre Patientinnen und Patienten. Oft sind das junge Menschen, die in einer schweren depressiven Krise stecken, manchmal auch noch Angst- oder Panikstörungen haben, zum Beispiel Angst haben vor Leuten zu sprechen oder in den Supermarkt zu gehen. Manche sind so niedergeschlagen, dass sie kaum aus dem Bett kommen. Aber Milka schafft es oft, sie für einen Moment aus ihrer Lethargie zu holen: M All you got C1595050114 weg 15 O-TON (Wachholz) Es geht schon los, dass wir jemandem, der morgens überhaupt nicht hochkommt, sagen; Okay, wir treffen uns morgen um neun mit Milka, bis dahin haben Sie sich bitte angezogen, gefrühstückt, Zähne geputzt und dann gehen wir mit ihr raus. Und das ist für viele ne Motivation, diese Schritte zu machen. SPRECHERIN In der Hunde-Therapie geht es vor allem darum, die positiven Ressourcen zu fördern, erklärt Wachholz: 16 O-TON (Wachholz) Ich weiß in der Regel vom Arzt die Diagnose Depression, und wir sprechen aber nicht über die Symptome und die vielen kranken Seiten, sondern eher über die gesunden Anteile. Was bist du für ein Mensch, gehst du viel raus oder bist du eher introvertiert, spielst du gern Schach mit deinem Freund? Oder bist du gerne in der Gruppe unterwegs? Und dann gucken wir, dass wir über Milka da drankommen. Das ist bei den Patienten ganz unterschiedlich, ganz individuell, weil jeder hat auch einen anderen Bezug zum Hund. SPRECHERIN Manche fangen an, sich mit Milka wieder mehr zu bewegen oder sie treffen beim Spaziergang mit ihr andere Patienten. Auch Luca hat so schon einige Leute auf dem Klinikgelände kennengelernt. Sie ist auch deshalb so gern mit Milka unterwegs, weil man einem Hund nichts erklären muss: 17 O-TON (Luca) Das ist eben das Besondere an Tieren, man muss denen nicht irgendwie seine Lebensgeschichte erzählen oder man wird nicht verurteilt, je nachdem, ob man jetzt ein sehr ängstlicher, introvertierter Mensch ist oder nicht. Die kommen mit so einer Ehrlichkeit auf einen zu, dass man denen einfach glaubt, wenn sie einem zeigen, dass sie einen gern dahaben. SPRECHERIN Vielen Patientinnen und Patienten in schweren Krisen fällt es zunächst leichter, sich auf ein Tier einzulassen als auf einen Menschen. Das hat Wachholz immer wieder festgestellt: 18 O-TON (Wachholz) Viele Menschen, die bei uns Hilfe suchen, haben in frühester Kindheit so ne Bindungs- und Beziehungsstörung erlebt zu den Eltern. Und die haben grundsätzlich auch Probleme mit anderen Menschen, Bindungen und Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, aus Angst, dass die abgebrochen werden könnten. Mit dem Hund ist das was Anderes, da haben die weniger Probleme. Wahrscheinlich weil sie weniger Angst haben enttäuscht zu werden. SPRECHERIN Je nach Problemen arbeitet Wachholz in der Hunde-Therapie mit Nah- und Fernzielen: 19 O-TON (Wachholz) Nahziel wäre zum Beispiel: erst mal pünktlich zum Termin kommen. Aufstehen, anziehen, sich pflegen. Fällt vielen Depressiven schwer. Und ein Fernziel wäre dann – mit Angsterkrankung – dass man zusammen bei Edeka einkaufen geht. SPRECHERIN Milka begleitet manche auch zu schwierigen Gesprächen. Luca beispielsweise hatte anfangs große Angst vor der Oberarzt-Visite. Aber mit der Labradorhündin an ihrer Seite ging es: 20 O-TON (Luca) Dass ich halt nicht immer diese Menschen, diese Riesenschar von Menschen anschauen muss, die mich dann anstarrt und mir irgendwelche Fragen stellt, dass ich halt einfach sie angucken kann und während ich sie streichel, ich meine Bedürfnisse äußere und die Fragen beantworte und das ging dann halt viel, viel leichter, weil die Konzentration dann nicht nur komplett auf mich war und das macht jedes Setting einfach ein bisschen lustiger, wenn da ein Hund mit dabei ist, da ist die Konzentration nicht ganz so krass auf einen, man fühlt sich nicht so, als ob man vor einer Jury aussagt irgendwie. M All you got C1595050114 unter folgendem: (Dauer: 0´28´´) SPRECHERIN Luca hat seit ihrer Einlieferung in der Klinik große Fortschritte gemacht, auch dank Milka. Mittlerweile nimmt die junge Frau auch an anderen Therapien teil: 21 O-TON (Wachholz) Die Tiergestützte Intervention kann niemals für sich alleinstehen, also die bewirkt keine Wunder, aber sie kann Brücken bauen, Türen öffnen, sie kann begleiten, Mut machen und Menschen durchaus auch mal zeigen, wie es ist, wieder Freude zu spüren. M All you got weg M Besides C1570290102 als Trenner – mit Tiergeräuschen (Dauer: 0´05´´) SPRECHERIN Tiere kommen in der Arbeit mit Menschen immer häufiger zum Einsatz. Gleichzeitig wird die Mensch-Tier-Beziehung immer mehr erforscht. Etwa seit der Jahrtausendwende kann man diesen Trend beobachten, sagt die Sozialpädagogin Sandra Wesenberg. Sie ist Professorin an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin und Autorin des Buches „Tiere in der Sozialen Arbeit“: 22 O-TON (Wesenberg) In Jugendwohngruppen, also im Bereich von stationärer Kinder- und Jugendhilfe, aber auch in Kitas, in Schulen, in Seniorenheimen, in Gefängnissen, in Psychiatrien. Überall da quasi, wo auch Sozialarbeiter tätig sind, sind heute auch Tiere anzutreffen. SPRECHERIN Wobei mit „tiergestützt“ vor allem Hunde, Pferde und Kleintiere wie Hamster oder Meerschweinchen gemeint sind: 23 O-TON (Wesenberg) Es sind sehr häufig Hunde, die eingesetzt werden. Es gibt einzelne Studien auch zum Bereich der Arbeit mit Kleintieren. Es gibt ein paar pädagogische Angebote, die sich im Nutztierbereich bewegen, also die beispielsweise auf Bauernhöfen angesiedelt sind. Und es gibt noch den breiten Bereich von pferdegestützten Interventionen. SPRECHERIN Allerdings eignet sich nicht jedes Tier für die Arbeit mit Menschen. Robust sollte es auf jeden Fall sein, wenn es zum Beispiel in Kitas oder Seniorenheimen auf viele streichelwütige Menschen trifft: 24 O-TON (Wachholz) Ein Tier, das in der TGI arbeitet, sollte Merkmale mitbringen wie: Relativ dickes Fell, ne gute Angstfreiheit und Aggressionsfreiheit, ne Menschenfreude, also mit nem scheuen Tier oder mit nem Tier, das Angst hat, brauchst du nicht anfangen zu arbeiten. SPRECHERIN Zu überdreht darf das Tier auch nicht sein. …: Fortsetzung O-TON 24 (Wachholz) … Und das sind eben auch Persönlichkeitsmerkmale, die kannst du auch in der Hundetherapie-Ausbildung nicht anerziehen. M Besides C1570290102 als Trenner – mit Tiergeräuschen (Dauer: 0´05´´) M Macro Molecular M0010586009 unter folgendem: (Dauer: 0´24´´) SPRECHERIN Milka wurde als Welpe gezielt für die Arbeit in der Psychiatrie ausgewählt. Wir Menschen können in vielerlei Hinsicht von dem Zusammensein mit Tieren profitieren. Eine der ersten und zugleich eindrücklichsten Studien, die das belegt hat, stammt aus den 1980er Jahren von einem Forscherteam um die US-Wissenschaftlerin Erika Friedman: M Macro Molecular weg 25 O-TON (Wesenberg) Die untersucht haben, inwiefern Patientinnen, Patienten im Krankenhaus nach nem Herzinfarkt überleben oder nicht? Was beeinflusst, ob Patientinnen, Patienten das kommende Jahr überleben? Und haben festgestellt, dass es neben ner guten sozialen Integration, also, dass jemand in nem sozialen Umfeld lebt, von Angehörigen beispielsweise unterstützt wird, dass neben diesem Faktor die Haltung von Haustieren, insbesondere von Hunden und Katzen, mit ner erhöhten Überlebenswahrscheinlichkeit verknüpft war. M Macro Molecular M0010586009 unter folgendem: (Dauer: 0´30´´) SPRECHERIN Die Studie hat auch deshalb für so viel Aufsehen gesorgt, weil die Tierhaltung gar nicht im Fokus der breit angelegten Studie stand. Vielmehr wurden viele unterschiedliche Faktoren abgefragt. Das Ergebnis hat damals viele überrascht. Es gab seitdem viele Folgestudien, die genauer wissen wollten, wie der positive Effekt zustande kommt. Hundehalter bewegen sich mehr, lernen schnell andere Hundebesitzer kennen – das ist klar. Aber auch schon das bloße Zusammensein mit einem Haustier kann das Stresslevel senken: M Macro Molecular weg 26 O-TON (Wesenberg) Das heißt, es gibt im physiologischen Bereich Hinweise darauf, dass sich bestimmte Stressparameter im Zusammensein mit Tieren reduzieren, also das sind Herzfrequenz, aber auch so was wie Cortisol-Spiegel, der vermindert wird im Zusammensein mit Tieren. Es sind andere Parameter, die man gemessen hat in den letzten Jahren, das sind Oxytocin, also Oxytocin ist ein klassisches Bindungshormon, was vor allem in der Mutter-Kind-Bindung ausgeschüttet wird und was verknüpft ist mit Entspannungseffekten, mit Effekten von Wohlbefinden, dass dieses Hormon auch im Zusammensein mit Tieren ausgeschüttet werden kann. Insbesondere wenn es eigene vertraute Haustiere sind. M Besides C1570290102 als Trenner – mit Tiergeräuschen (Dauer: 0´05´´) SPRECHERIN Voraussetzung für die positiven Effekte ist, dass man eine gewisse Affinität zu Tieren hat. Wer Hunde oder Katzen nicht besonders mag, wird vermutlich auch nicht von ihnen profitieren. Das ist anders bei den Tieren von Herbert Boger. Von ihnen profitieren sehr viele Menschen – meist ohne es zu wissen: 27 ATMO (Falkenlaut) SPRECHERIN Flughafen Hamburg. Hoch oben in der Luft zieht ein großer Falke seine Kreise. Er ist in Lauerstellung, hält Ausschau nach geeigneter Beute, bevor er zur Jagd ansetzt. „Anwarter“ heißt diese Technik: 28 O-TON (Boger) Das heißt, der Vogel steigt so auf 100, 150, vielleicht auch 200 Meter und dadurch können die Möwen und Krähen ihn relativ weit sehen und können das auch nicht kalkulieren, ab wann er dann einen Jagdflug macht. Und das verunsichert sie und deswegen nehmen sie dann schon mal Reißaus vorher. SPRECHERIN Zwei bis drei Mal pro Woche ist der Falkner Herbert Boger mit seinen großen Greifvögeln auf dem Flughafengelände. Etwas abseits der Start- und Landebahnen lässt er sie während des regulären Flugverkehrs fliegen. Zum Einsatz kommen Falken und ‚Harris`s Hawks‘, das sind Wüstenbussarde. Die Vögel nutzen unterschiedliche Techniken, um Beute zu machen: 29 O-TON (Boger) Der eine ist dann so der reine Verfolgungsflieger, der dann immer so den Krähen oder Möwen hinterher fliegt. Oder eben der Anwarter, der nur in die Luft steigt und von oben eben einen Jagdflug macht. Oder eben der Harris`s Hawk, der über ne kurze Distanz jagt. SPRECHERIN Durch die Kombination der Jagdtechniken vertreibt er Möwen, Krähen und andere ungebetene Gäste auf dem Flughafengelände besonders effektiv. Das ist wichtig, denn wenn Vögel mit Flugzeugen zusammenstoßen, kann das übel enden. Der sogenannte Vogelschlag ist allgemein gefürchtet: 30 O-TON (Boger) Vogelschlag heißt immer, irgendwie nen Kontakt mit dem Flugzeug an irgendeiner Stelle. SPRECHERIN Vor allem Triebwerke und Sensoren sind störanfällig. Ein Vogelschlag kann sogar zum Absturz einer Maschine führen. (Einen tödlichen Unfall gab es zuletzt 2012 in Mecklenburg-Vorpommern. Da war ein Fischadler mit einer Maschine der Bundeswehr zusammengestoßen. Zwei Menschen starben.)* Allerdings sind solche Unglücke extrem selten. 31 O-TON (Boger) Aber es kann dann schon sein, dass es zu einem Startabbruch kommt oder die Maschine dann so beschädigt ist, dass man eigentlich letztendlich sagen kann; Okay, sie muss den nächsten Flughafen anfliegen, um dann zur Reparatur zu kommen, also das kann schon passieren. M Echomotion Z8021443115 unter: (Dauer: 1´00´´) SPRECHERIN Anderthalb bis zweitausend Vogelschläge werden dem Verband für biologische Flugsicherheit pro Jahr gemeldet. (Aber nur gut ein Dutzend Flugabbrüche gab es in den vergangenen Jahren.)* Bei den Millionen Starts und Landungen ist das sehr wenig. Das liegt auch daran, dass die Vertreibung von Möwen und Krähen mithilfe ihrer natürlichen Fressfeinde sehr erfolgreich ist. Hamburg war deutschlandweit der erste Flughafen, der auf die biologische Vogelvergrämung gesetzt hat. Inzwischen nutzen etwa 30 Prozent der Verkehrsflughäfen und fast alle militärischen Flugplätze hierzulande diese Technik. 32 ATMO (Falkengeschrei) SPRECHERIN Bis zu 200 Stundenkilometer schnell sind Falken im Sturzflug. Beute machen sie am Hamburger Flughafen trotzdem selten. Weil Boger ihre Jagd immer schnell beendet. Seinen Falken lockt er mit einem Federspiel zu sich zurück: M Echomotion weg 33 O-TON (Boger) Das ist so ne Beuteattrappe, und da landet der Falke dann drauf, und da nehm ich ihn dann wieder ab und dann geht’s wieder weiter. SPRECHERIN Boger muss darauf achten, dass seine Vögel nicht zu lange an einem Ort sind. Sonst verlieren Möwen und Krähen den Respekt vor ihren vermeintlichen Fressfeinden: 34 O-TON (Boger) Also wenn der Vogel erst mal ne Stunde oder so auf dem Flughafen rumsteht und nicht seine Technik im Prinzip ausnutzen kann, dann werden die Krähen mutig und sagen: Ja, was will der hier? Den vertreiben wir mal, weil die Krähen sind da meinetwegen mit hundert Stück, und da hat der einzelne Vogel kaum ne Chance. Dann treiben die den aus dem Flughafengelände raus, und dann sind sie die Sieger. Das heißt, es ist ein kurzer Überraschungsflug und dadurch ist dieser Effekt der Vergrämung viel größer. SPRECHERIN Beute machen darf Bogers Vogel also nicht. Aber ein Stück Taubenfleisch bekommt sein Falke trotzdem: 35 O-TON (Boger) Die kleine Belohnung muss im Prinzip auch sein, auch wenn der keine Beute gemacht hat, die Beute wäre ja sonst seine Belohnung. Wenn er keine Beute gemacht hat, holt der sich die Belohnung quasi bei mir ab. M All you got C1595050114 unter folgendem: (Dauer: 0´26´´) SPRECHERIN Am Ende zahlt sich ihr Einsatz also nicht nur für uns Menschen aus, sondern auch für die Tiere: Der Falke und die Minen-schnüffelnde Hamsterratte werden mit Leckereien belohnt und Therapiehund Milka genießt die Streicheleinheiten und Zuwendung ihrer menschlichen Patienten.
- Das Öffentliche - Philosophische Betrachtungen
23.01.2024 · 22 Min.
Der Mensch als kommunizierendes, politisch handelndes Wesen braucht die Öffentlichkeit. Demokratie ist ohne debattenfreudige Öffentlichkeit nicht vorstellbar. Philosophische Gedanken über die Beziehung Mensch und Öffentlichkeit. Autorin: Beate Meierfrankenfeld (BR 2018) Credits Autorin dieser Folge: Beate Meierfrankenfeld Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Christiane Roßbach, Stefan Wilkening, Hemma Michel Technik: Christiane Schmidbauer-Huber Redaktion: Bernhard Kastner Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN