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RadiowissenBayerischer Rundfunk

Tiere im Einsatz - Supernasen und Adleraugen

25.01.2024 · 23 Min.

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Über diese Folge

Sie holen Drohnen vom Himmel, erschnüffeln gefährliche Landminen und unterstützen Kranke und Behinderte - Tiere sind in einigen Jobs besser als wir Menschen. Deshalb sind sie zu unverzichtbaren Helfern geworden. Autorin: Maike Brzoska (BR 2020)

Credits
Autorin dieser Folge: Maike Brzoska
Regie: Anja Scheifinger
Es sprachen: Katja Schild
Technik: Roland Böhm
Redaktion: Bernhard Kastner

Im Interview:
Lena Fiebig, Tierärztin, Epidemiologin und Mitarbeiterin der Organisation Apopo;
Stefan Schulz, Professor an der TU Braunschweig;
Kathrin Wachholz, Krankenschwester an der Berliner Klinik für Psychiatrie und Neurologie des Theodor Wenzel Werks und Fachkraft für Tiergestützte Intervention;
Sandra Wesenberg, Sozialpädagogin und Professorin an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin; Herbert Boger, Falkner

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

01 ATMO (Rattentraining)

Vogelgezwitscher, exotische Naturgeräusche

SPRECHERIN

Eine hügelige, etwas trockene Landschaft in Tansania. Auf einer Wiese groß wie ein Fußballfeld sind mehrere längliche Rechtecke abgesteckt. Am Rand eine Trainerin in blauer Arbeitskleidung und mit einer langen Leine in der Hand. Am anderen Ende der Leine – eine Ratte. 

ATMO kurz hochziehen

… Stück für Stück sucht die Ratte den Boden ab. Die Nase mit den langen Härchen schnuppert mal hierhin, mal dorthin. Dann stoppt die Ratte und gräbt mit ihren kleinen Vorderpfoten in der Erde. Sie hat die Sprengstoffattrappe gefunden. Test bestanden! Zur Belohnung bekommt sie von ihrer Trainerin ein Stück Banane.

02 O-TON (Fiebig)_NEU

Dieses ganze Training findet in Tansania statt in Kooperation mit der dortigen Universität, der Sokoine Universität für Agriculture, und dort schließen wir das Traninig mit ner internen Prüfung ab, und dann sind die Ratten fertig für den Einsatz.   

SPRECHERIN

Lena Fiebig ist Tierärztin und Epidemiologin. Sie arbeitet für ‚Apopo‘; die belgische Organisation nutzt Ratten für humanitäre Zwecke und hat auf ihrer Homepage Videos vom Rattentraining veröffentlicht. Die Tiere werden etwa darauf konditioniert, Landminen aufzuspüren. Denn die sind für die Bevölkerung in Afrika und Teilen Asiens ein großes Problem. Immer wieder kommt es zu Verletzungen und auch zu Todesfällen:

03 O-TON (Fiebig)_NEU

Und neben dieser Explosionsgefahr ist es auch ganz besonders weitreichend, dass die Bevölkerung ja häufig um diese Minen weiß oder Gerüchte weiß und deswegen diese Gebiete natürlich meidet. Und dadurch ist der Zugang zu Wasser versperrt, Felder werden nicht bewirtschaftet und Verkehrswege können nicht genutzt werden, also Kinder zum Beispiel müssen viel weitere Wege zur Schule wählen. Und das bremst natürlich die ganze wirtschaftliche Entwicklung. 

Marking time M0010622003 unter folgendem: (Dauer: 1´03´´)

SPRECHERIN

Mindestens neun Monate werden die Ratten für diese Aufgabe trainiert. Zum Einsatz kommt die in Afrika heimische Riesenhamsterratte. Bis zu anderthalb Kilo kann sie auf die Waage bringen – ein echtes Schwergewicht im Vergleich zu unseren Ratten. Aber immer noch leicht genug, dass der Sprengstoff im Boden nicht detoniert, wenn sie drauftritt. Das macht die Riesenhamsterratte zum idealen Spürtier:

04 O-TON (Schulz)

Sie können also Gerüche sehr gut wahrnehmen. Und bei diesen afrikanischen Ratten hat sich halt herausgestellt, dass es da besonders gut ist.

SPRECHERIN

Der Chemiker Stefan Schulz. Er ist Professor am Institut für Organische Chemie der Technischen Universität Braunschweig. Die Ratten sind auf den Sprengstoff konditioniert und damit sehr viel effektiver als Metalldetektoren, die bei jedem Stück Blech im Boden Alarm schlagen. Ist die Ratte fündig geworden, kommt ein Räumungsteam zum Einsatz. Die Mine wird kontrolliert gesprengt. 

M Marking time weg

05 ATMO (Explosion)

Mann zählt laut in fremder Sprache, Mine explodiert.

SPRECHERIN

Mehr als 100.000 Landminen sind auf diese Weise in afrikanischen, asiatischen und südamerikanischen Ländern seit den 1990ern beseitigt worden. Der große Erfolg rührt auch daher, dass Sprengstoffe für die Ratten relativ leicht zu erschnüffeln sind:

06 O-TON (Schulz)

Sie haben verschiedene Minenhersteller, die verschiedene Sprengstoffe benutzen, aber das ist ein überschaubares Gebiet, darauf kann man sie relativ gut trainieren. 

M Marking time M0010622003 unter folgendem: (Dauer: 0´27´´)

SPRECHERIN

Anders ist das bei Krankheiten wie der Tuberkulose. Aber auch dafür nutzt man die Apopo-Ratten inzwischen mit Erfolg. Die Ratten können anhand des ausgehusteten Auswurfs erschnüffeln, ob ein Patient mit Tuberkulose-Bakterien infiziert ist oder nicht. Das ist schwieriger als Minen zu finden, weil jeder Patient anders riecht und auch etwas Anderes gegessen hat: 

M Marking time weg

07 O-TON (Schulz)

Die Variation zwischen den Proben ist erheblich höher als zwischen diesen Sprengstoffproben. 

SPRECHERIN

Schulz ist eigentlich Grundlagenforscher, arbeitet bei diesem Thema aber mit Apopo zusammen. Die Frage, die sein Team interessiert, ist: Was macht den Geruch der Tuberkulose-infizierten Proben genau aus? 

08 O-TON (Schulz)

Welche Stoffe das eigentlich sind, die die Ratten erkennen? Wir sind also an der chemischen Natur dieser Duftstoffe interessiert. 

SPRECHERIN

Tuberkulose ist eine bakterielle Infektionskrankheit, die vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern immer noch viele Todesopfer fordert:

09 O-TON (Fiebig)_NEU

Tuberkulose gilt als die tödlichste Infektionskrankheit weltweit. Das ist die Weltgesundheitsorganisation, die diese Zahlen bereitstellt, und die schätzt, dass jedes Jahr etwa 10 Millionen Menschen an Tuberkulose erkranken und 1,5 Millionen Menschen sterben jedes Jahr. Und das sind etwa 4000 Menschen pro Tag. 

M Marking time M0010622003 unter folgendem: (Dauer: 0´52´´)

SPRECHERIN

Eigentlich ist Tuberkulose gut behandelbar – aber man muss die Krankheit erkennen, und zwar möglichst in einem frühen Stadium. In Deutschland würde man eine genetische Analyse des Auswurfs eines Patienten machen. Diese sehr zuverlässige, aber auch sehr kostspielige Methode steht in Afrika vielerorts nicht zur Verfügung. Deshalb hat Apopo mehrere Labore eingerichtet, in denen sie die Auswurf-Proben von Patienten mithilfe der Ratten zweitchecken. Auf diese Weise werden etwa 40 Prozent mehr Tuberkulose-Infektionen entdeckt. Im Vergleich zu den anderen Diagnostiken erschnüffelt eine Ratte die Krankheit relativ zuverlässig, kostengünstig – und äußerst schnell: 

M Marking time weg

10 O-TON (Fiebig)_NEU

Die schafft ohne Weiteres 200 oder mehr Proben pro Tag.

M Besides C1570290102 als Trenner – mit Tiergeräuschen (Dauer: 0´05´´)

SPRECHERIN

Die Mitarbeiter von Apopo nennen ihre Tiere inzwischen liebevoll ‚HeroRats‘ – ‚Heldenratten‘. Weil sie schon vielen Menschen das Leben gerettet haben. So wie auch andere Tiere, die für uns im Einsatz sind. Hunde finden Verletzte unter den Trümmern eingestürzter Häuser oder unter Massen von Schnee. Pferde oder Esel tragen Lasten in unwegsames Gelände. Vögel sichern den Luftraum an Flughäfen oder vertreiben Krähen, die Saatkörner von den Feldern picken. 

M All you got C1595050114 unter folgendem: (Dauer: 0´51´´)

Und zunehmend helfen Tiere auch Menschen, die in schweren Krisen stecken:

11 O-TON (Luca)

Ich war am Anfang auf der Geschlossenen Station, hatte ziemlich harte Depressionen unter anderem, ich hab sofort ne Panikattacke bekommen, sobald es irgendwie aus den Türen der Station rausging. 

SPRECHERIN

Mehrere Wochen hat die Patientin, nennen wir sie Luca, ihr Zimmer kaum verlassen. Sie wollte niemanden sehen, nicht mit Ärzten sprechen – und vor allem nichts erklären müssen: 

12 O-TON (Luca)

Ich bin halt hierher gekommen nach nem Suizidversuch und ja, hatte halt so ein bisschen abgeschlossen mit der Welt, sag ich mal so. Ich wollte einfach nicht mit Menschen drüber reden, weil ich erstens wusste, dass sie mich nicht wirklich verstehen werden können. Und ich halt auch gar niemanden mehr etwas erklären wollte, ich war halt einfach so, ich will halt einfach nicht mehr, ich wollte nichts mehr verbessern.

M All you got weg

SPRECHERIN

Deshalb hat sie sich anfangs auch den Therapien verweigert, zumindest den herkömmlichen, wie der Gesprächs- oder Ergotherapie. 

In der Berliner Klinik für Psychiatrie und Neurologie des Theodor Wenzel Werks gibt es aber noch ein besonderes Angebot – die Hundetherapie:

13 ATMO (Interaktion Milka und Luca)

Milka, nicht ganz so weit, da komm ich nicht mit. Milka, schau mal hier, schau mal hier.

SPRECHERIN

Milka hat ein braunes Fell und wackelt mit dem ganzen Körper, wenn sie sich freut. Um die Labradordame kennenzulernen, hat Luca sogar ihre Angst, die Station zu verlassen, überwunden: 

14 O-TON (Luca)

Quasi meine ersten Gänge außerhalb der Station waren dann, dass ich gesagt hab; Ich probier erst mal von der Station zum Büro zu laufen, weil ich halt dann wusste, okay, ich sehe Milka. Und das war das Erste, worauf ich mich auch so ein bisschen wieder freuen konnte, in einer Zeit, wo ich dachte, ist eh alles egal und ich freu mich auf gar nichts eigentlich mehr.

M All you got C1595050114 unter folgendem: (Dauer: 0´44´´)

SPRECHERIN

Von der Station zum Büro von Kathrin Wachholz – die ersten Schritte waren gemacht. Wachholz ist Krankenschwester und Fachkraft für Tiergestützte Intervention. Sie bietet die Hunde-Therapie in der Klinik an. Ein bis zwei Mal pro Woche trifft sie mit Milka ihre Patientinnen und Patienten. Oft sind das junge Menschen, die in einer schweren depressiven Krise stecken, manchmal auch noch Angst- oder Panikstörungen haben, zum Beispiel Angst haben vor Leuten zu sprechen oder in den Supermarkt zu gehen. Manche sind so niedergeschlagen, dass sie kaum aus dem Bett kommen. Aber Milka schafft es oft, sie für einen Moment aus ihrer Lethargie zu holen:

M All you got C1595050114 weg

15 O-TON (Wachholz)

Es geht schon los, dass wir jemandem, der morgens überhaupt nicht hochkommt, sagen; Okay, wir treffen uns morgen um neun mit Milka, bis dahin haben Sie sich bitte angezogen, gefrühstückt, Zähne geputzt und dann gehen wir mit ihr raus. Und das ist für viele ne Motivation, diese Schritte zu machen.

SPRECHERIN

In der Hunde-Therapie geht es vor allem darum, die positiven Ressourcen zu fördern, erklärt Wachholz: 

16 O-TON (Wachholz)

Ich weiß in der Regel vom Arzt die Diagnose Depression, und wir sprechen aber nicht über die Symptome und die vielen kranken Seiten, sondern eher über die gesunden Anteile. Was bist du für ein Mensch, gehst du viel raus oder bist du eher introvertiert, spielst du gern Schach mit deinem Freund? Oder bist du gerne in der Gruppe unterwegs? Und dann gucken wir, dass wir über Milka da drankommen. Das ist bei den Patienten ganz unterschiedlich, ganz individuell, weil jeder hat auch einen anderen Bezug zum Hund.

SPRECHERIN

Manche fangen an, sich mit Milka wieder mehr zu bewegen oder sie treffen beim Spaziergang mit ihr andere Patienten. Auch Luca hat so schon einige Leute auf dem Klinikgelände kennengelernt. Sie ist auch deshalb so gern mit Milka unterwegs, weil man einem Hund nichts erklären muss: 

17 O-TON (Luca)

Das ist eben das Besondere an Tieren, man muss denen nicht irgendwie seine Lebensgeschichte erzählen oder man wird nicht verurteilt, je nachdem, ob man jetzt ein sehr ängstlicher, introvertierter Mensch ist oder nicht. Die kommen mit so einer Ehrlichkeit auf einen zu, dass man denen einfach glaubt, wenn sie einem zeigen, dass sie einen gern dahaben.

SPRECHERIN

Vielen Patientinnen und Patienten in schweren Krisen fällt es zunächst leichter, sich auf ein Tier einzulassen als auf einen Menschen. Das hat Wachholz immer wieder festgestellt:

18 O-TON (Wachholz)

Viele Menschen, die bei uns Hilfe suchen, haben in frühester Kindheit so ne Bindungs- und Beziehungsstörung erlebt zu den Eltern. Und die haben grundsätzlich auch Probleme mit anderen Menschen, Bindungen und Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, aus Angst, dass die abgebrochen werden könnten. Mit dem Hund ist das was Anderes, da haben die weniger Probleme. Wahrscheinlich weil sie weniger Angst haben enttäuscht zu werden. 

SPRECHERIN

Je nach Problemen arbeitet Wachholz in der Hunde-Therapie mit Nah- und Fernzielen: 

19 O-TON (Wachholz)

Nahziel wäre zum Beispiel: erst mal pünktlich zum Termin kommen. Aufstehen, anziehen, sich pflegen. Fällt vielen Depressiven schwer. Und ein Fernziel wäre dann – mit Angsterkrankung – dass man zusammen bei Edeka einkaufen geht.

SPRECHERIN

Milka begleitet manche auch zu schwierigen Gesprächen. Luca beispielsweise hatte anfangs große Angst vor der Oberarzt-Visite. Aber mit der Labradorhündin an ihrer Seite ging es:

20 O-TON (Luca)

Dass ich halt nicht immer diese Menschen, diese Riesenschar von Menschen anschauen muss, die mich dann anstarrt und mir irgendwelche Fragen stellt, dass ich halt einfach sie angucken kann und während ich sie streichel, ich meine Bedürfnisse äußere und die Fragen beantworte und das ging dann halt viel, viel leichter, weil die Konzentration dann nicht nur komplett auf mich war und das macht jedes Setting einfach ein bisschen lustiger, wenn da ein Hund mit dabei ist, da ist die Konzentration nicht ganz so krass auf einen, man fühlt sich nicht so, als ob man vor einer Jury aussagt irgendwie.

M All you got C1595050114 unter folgendem: (Dauer: 0´28´´)

SPRECHERIN

Luca hat seit ihrer Einlieferung in der Klinik große Fortschritte gemacht, auch dank Milka. Mittlerweile nimmt die junge Frau auch an anderen Therapien teil:  

21 O-TON (Wachholz)

Die Tiergestützte Intervention kann niemals für sich alleinstehen, also die bewirkt keine Wunder, aber sie kann Brücken bauen, Türen öffnen, sie kann begleiten, Mut machen und Menschen durchaus auch mal zeigen, wie es ist, wieder Freude zu spüren.

M All you got weg

M Besides C1570290102 als Trenner – mit Tiergeräuschen (Dauer: 0´05´´)

SPRECHERIN

Tiere kommen in der Arbeit mit Menschen immer häufiger zum Einsatz. Gleichzeitig wird die Mensch-Tier-Beziehung immer mehr erforscht. Etwa seit der Jahrtausendwende kann man diesen Trend beobachten, sagt die Sozialpädagogin Sandra Wesenberg. Sie ist Professorin an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin und Autorin des Buches „Tiere in der Sozialen Arbeit“:

22 O-TON (Wesenberg)

In Jugendwohngruppen, also im Bereich von stationärer Kinder- und Jugendhilfe, aber auch in Kitas, in Schulen, in Seniorenheimen, in Gefängnissen, in Psychiatrien. Überall da quasi, wo auch Sozialarbeiter tätig sind, sind heute auch Tiere anzutreffen.

SPRECHERIN

Wobei mit „tiergestützt“ vor allem Hunde, Pferde und Kleintiere wie Hamster oder Meerschweinchen gemeint sind: 

23 O-TON (Wesenberg)

Es sind sehr häufig Hunde, die eingesetzt werden. Es gibt einzelne Studien auch zum Bereich der Arbeit mit Kleintieren. Es gibt ein paar pädagogische Angebote, die sich im Nutztierbereich bewegen, also die beispielsweise auf Bauernhöfen angesiedelt sind. Und es gibt noch den breiten Bereich von pferdegestützten Interventionen. 

SPRECHERIN

Allerdings eignet sich nicht jedes Tier für die Arbeit mit Menschen. Robust sollte es auf jeden Fall sein, wenn es zum Beispiel in Kitas oder Seniorenheimen auf viele streichelwütige Menschen trifft: 

24 O-TON (Wachholz)

Ein Tier, das in der TGI arbeitet, sollte Merkmale mitbringen wie: Relativ dickes Fell, ne gute Angstfreiheit und Aggressionsfreiheit, ne Menschenfreude, also mit nem scheuen Tier oder mit nem Tier, das Angst hat, brauchst du nicht anfangen zu arbeiten. 

SPRECHERIN

Zu überdreht darf das Tier auch nicht sein. …:

Fortsetzung O-TON 24 (Wachholz)

… Und das sind eben auch Persönlichkeitsmerkmale, die kannst du auch in der Hundetherapie-Ausbildung nicht anerziehen.

M Besides C1570290102 als Trenner – mit Tiergeräuschen (Dauer: 0´05´´)

M Macro Molecular M0010586009 unter folgendem: (Dauer: 0´24´´)

SPRECHERIN

Milka wurde als Welpe gezielt für die Arbeit in der Psychiatrie ausgewählt. Wir Menschen können in vielerlei Hinsicht von dem Zusammensein mit Tieren profitieren. Eine der ersten und zugleich eindrücklichsten Studien, die das belegt hat, stammt aus den 1980er Jahren von einem Forscherteam um die US-Wissenschaftlerin Erika Friedman:

M Macro Molecular weg

25 O-TON (Wesenberg)

Die untersucht haben, inwiefern Patientinnen, Patienten im Krankenhaus nach nem Herzinfarkt überleben oder nicht? Was beeinflusst, ob Patientinnen, Patienten das kommende Jahr überleben? Und haben festgestellt, dass es neben ner guten sozialen Integration, also, dass jemand in nem sozialen Umfeld lebt, von Angehörigen beispielsweise unterstützt wird, dass neben diesem Faktor die Haltung von Haustieren, insbesondere von Hunden und Katzen, mit ner erhöhten Überlebenswahrscheinlichkeit verknüpft war. 

M Macro Molecular M0010586009 unter folgendem: (Dauer: 0´30´´)

SPRECHERIN

Die Studie hat auch deshalb für so viel Aufsehen gesorgt, weil die Tierhaltung gar nicht im Fokus der breit angelegten Studie stand. Vielmehr wurden viele unterschiedliche Faktoren abgefragt. Das Ergebnis hat damals viele überrascht. Es gab seitdem viele Folgestudien, die genauer wissen wollten, wie der positive Effekt zustande kommt. Hundehalter bewegen sich mehr, lernen schnell andere Hundebesitzer kennen – das ist klar. Aber auch schon das bloße Zusammensein mit einem Haustier kann das Stresslevel senken: 

M Macro Molecular weg

26 O-TON (Wesenberg)

Das heißt, es gibt im physiologischen Bereich Hinweise darauf, dass sich bestimmte Stressparameter im Zusammensein mit Tieren reduzieren, also das sind Herzfrequenz, aber auch so was wie Cortisol-Spiegel, der vermindert wird im Zusammensein mit Tieren. Es sind andere Parameter, die man gemessen hat in den letzten Jahren, das sind Oxytocin, also Oxytocin ist ein klassisches Bindungshormon, was vor allem in der Mutter-Kind-Bindung ausgeschüttet wird und was verknüpft ist mit Entspannungseffekten, mit Effekten von Wohlbefinden, dass dieses Hormon auch im Zusammensein mit Tieren ausgeschüttet werden kann. Insbesondere wenn es eigene vertraute Haustiere sind. 

M Besides C1570290102 als Trenner – mit Tiergeräuschen (Dauer: 0´05´´)

SPRECHERIN

Voraussetzung für die positiven Effekte ist, dass man eine gewisse Affinität zu Tieren hat. Wer Hunde oder Katzen nicht besonders mag, wird vermutlich auch nicht von ihnen profitieren. Das ist anders bei den Tieren von Herbert Boger. Von ihnen profitieren sehr viele Menschen – meist ohne es zu wissen:

27 ATMO (Falkenlaut)

SPRECHERIN

Flughafen Hamburg. Hoch oben in der Luft zieht ein großer Falke seine Kreise. Er ist in Lauerstellung, hält Ausschau nach geeigneter Beute, bevor er zur Jagd ansetzt. „Anwarter“ heißt diese Technik: 

28 O-TON (Boger)

Das heißt, der Vogel steigt so auf 100, 150, vielleicht auch 200 Meter und dadurch können die Möwen und Krähen ihn relativ weit sehen und können das auch nicht kalkulieren, ab wann er dann einen Jagdflug macht. Und das verunsichert sie und deswegen nehmen sie dann schon mal Reißaus vorher. 

SPRECHERIN

Zwei bis drei Mal pro Woche ist der Falkner Herbert Boger mit seinen großen Greifvögeln auf dem Flughafengelände. Etwas abseits der Start- und Landebahnen lässt er sie während des regulären Flugverkehrs fliegen. Zum Einsatz kommen Falken und ‚Harris`s Hawks‘, das sind Wüstenbussarde. Die Vögel nutzen unterschiedliche Techniken, um Beute zu machen:

29 O-TON (Boger)

Der eine ist dann so der reine Verfolgungsflieger, der dann immer so den Krähen oder Möwen hinterher fliegt. Oder eben der Anwarter, der nur in die Luft steigt und von oben eben einen Jagdflug macht. Oder eben der Harris`s Hawk, der über ne kurze Distanz jagt.

SPRECHERIN

Durch die Kombination der Jagdtechniken vertreibt er Möwen, Krähen und andere ungebetene Gäste auf dem Flughafengelände besonders effektiv. Das ist wichtig, denn wenn Vögel mit Flugzeugen zusammenstoßen, kann das übel enden. Der sogenannte Vogelschlag ist allgemein gefürchtet: 

30 O-TON (Boger)

Vogelschlag heißt immer, irgendwie nen Kontakt mit dem Flugzeug an irgendeiner Stelle. 

SPRECHERIN

Vor allem Triebwerke und Sensoren sind störanfällig. Ein Vogelschlag kann sogar zum Absturz einer Maschine führen. (Einen tödlichen Unfall gab es zuletzt 2012 in Mecklenburg-Vorpommern. Da war ein Fischadler mit einer Maschine der Bundeswehr zusammengestoßen. Zwei Menschen starben.)* Allerdings sind solche Unglücke extrem selten.

31 O-TON (Boger)

Aber es kann dann schon sein, dass es zu einem Startabbruch kommt oder die Maschine dann so beschädigt ist, dass man eigentlich letztendlich sagen kann; Okay, sie muss den nächsten Flughafen anfliegen, um dann zur Reparatur zu kommen, also das kann schon passieren.

M Echomotion Z8021443115 unter: (Dauer: 1´00´´)

SPRECHERIN

Anderthalb bis zweitausend Vogelschläge werden dem Verband für biologische Flugsicherheit pro Jahr gemeldet. (Aber nur gut ein Dutzend Flugabbrüche gab es in den vergangenen Jahren.)* Bei den Millionen Starts und Landungen ist das sehr wenig. Das liegt auch daran, dass die Vertreibung von Möwen und Krähen mithilfe ihrer natürlichen Fressfeinde sehr erfolgreich ist. Hamburg war deutschlandweit der erste Flughafen, der auf die biologische Vogelvergrämung gesetzt hat. Inzwischen nutzen etwa 30 Prozent der Verkehrsflughäfen und fast alle militärischen Flugplätze hierzulande diese Technik.

32 ATMO (Falkengeschrei)

SPRECHERIN

Bis zu 200 Stundenkilometer schnell sind Falken im Sturzflug. Beute machen sie am Hamburger Flughafen trotzdem selten. Weil Boger ihre Jagd immer schnell beendet. Seinen Falken lockt er mit einem Federspiel zu sich zurück:  

M Echomotion weg

33 O-TON (Boger)

Das ist so ne Beuteattrappe, und da landet der Falke dann drauf, und da nehm ich ihn dann wieder ab und dann geht’s wieder weiter.

SPRECHERIN

Boger muss darauf achten, dass seine Vögel nicht zu lange an einem Ort sind. Sonst verlieren Möwen und Krähen den Respekt vor ihren vermeintlichen Fressfeinden: 

34 O-TON (Boger)

Also wenn der Vogel erst mal ne Stunde oder so auf dem Flughafen rumsteht und nicht seine Technik im Prinzip ausnutzen kann, dann werden die Krähen mutig und sagen: Ja, was will der hier? Den vertreiben wir mal, weil die Krähen sind da meinetwegen mit hundert Stück, und da hat der einzelne Vogel kaum ne Chance. Dann treiben die den aus dem Flughafengelände raus, und dann sind sie die Sieger. Das heißt, es ist ein kurzer Überraschungsflug und dadurch ist dieser Effekt der Vergrämung viel größer.

SPRECHERIN

Beute machen darf Bogers Vogel also nicht. Aber ein Stück Taubenfleisch bekommt sein Falke trotzdem:

35 O-TON (Boger)

Die kleine Belohnung muss im Prinzip auch sein, auch wenn der keine Beute gemacht hat, die Beute wäre ja sonst seine Belohnung. Wenn er keine Beute gemacht hat, holt der sich die Belohnung quasi bei mir ab. 

M All you got C1595050114 unter folgendem: (Dauer: 0´26´´)

SPRECHERIN

Am Ende zahlt sich ihr Einsatz also nicht nur für uns Menschen aus, sondern auch für die Tiere: Der Falke und die Minen-schnüffelnde Hamsterratte werden mit Leckereien belohnt und Therapiehund Milka genießt die Streicheleinheiten und Zuwendung ihrer menschlichen Patienten. 

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Die meisten Menschen wohnen nach wie vor auf dem Land. ERZÄHLERIN: Und die Menschen auf dem Lande wurden mehr – seit Mitte des 18. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung stark und kontinuierlich. Die Landwirtschaft konnte hier nicht mithalten, die Lebensmittel waren knapp, die Preise stiegen … Die deutschen Länder, seit 1815 lose vereint im Deutschen Bund, suchten nach Abhilfe. Sie wollten die Landwirtschaft modernisieren, die Produktivität steigern. Dafür mussten die alten feudalen Strukturen, die noch aus dem Mittelalter stammten, überwunden werden. Das hatte allerdings schwerwiegende Folgen für die Bauern. Denn in jenen feudalen Strukturen standen sie in einem komplexen Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Grundherren, hatten oft den Status von Leibeigenen ohne persönliche Freiheiten und mussten Frondienste und Abgaben leisten. Dafür bekamen sie allerdings im Gegenzug Hilfe von den Grundherren bei Ernteausfällen, Bränden, Schulden. Diese Strukturen sollten nun aufgebrochen werden. Die deutschen Staaten leiteten Reformen ein, die von der Geschichtsschreibung als "Bauernbefreiung" bezeichnet werden. Der Prozess zog sich über Jahrzehnte hin, lief regional unterschiedlich und ziemlich chaotisch ab. In der Regel bekamen jedenfalls die Bauern persönliche Freiheiten, durften Beruf, Aufenthaltsort, Ehepartner selbst wählen und wurden vom Frondienst befreit, teilweise bekamen sie auch die Höfe, die sie bewirtschafteten, als Eigentum übertragen. Soweit die Vorteile. Aber das Ganze war auch mit existenziellen Nöten verbunden: Denn die Bauern mussten ihre Grundherren entschädigen, sie verschuldeten sich und verloren nicht selten Haus und Hof. Sprich: Sie wurden zwar frei, aber arm. Sie hatten nichts mehr und mussten sich als Landarbeiter verdingen. Später analysierte der Historiker Friedrich Knapp die Zwiespältigkeit der sogenannten "Bauernbefreiung". SPRECHER: Das herrschaftliche Gut sei in eine neue Stufe seines Daseins getreten: die Bauern müssten nicht mehr geschützt werden, die Gutsherren, die durch die Entschädigungen bereits Land dazugewonnen hätten, könnten nun auch noch die unabhängig gewordenen Bauernhöfe aufkaufen und hätten zudem Landarbeiter zur Verfügung, die eben keine Landwirte mehr wären, sondern nur Arbeiter, die nicht dauerhaft blieben. MUSIK ERZÄHLERIN: In ländlichen Gewerbegebieten wie Nordböhmen, Sachsen oder Schlesien versuchten viele Bauern, sich durch zusätzliche Heimarbeit den Lebensunterhalt zu sichern. Mit arbeitsintensiver Handarbeit am Spinnrad oder am Webstuhl produzierten sie zuhause Stoffe und Garne, die dann von sogenannten Verlegern überregional vertrieben wurden. O3 Murr 22'' Früher war der Verleger sozusagen der Vorgänger des Unternehmers, der eine sogenannte Heimindustrie organisiert hat, dass meinetwegen Handweber oder Spinner, die Textilproduktion, das Textilgewerbe, dass die Aufträge bekommt. Der Verleger sorgt dann für den Verkauf der Waren und verdient auch am meisten, hat zugleich diese Heimindustrie unter seinem Gängelband. ERZÄHLERIN: Das Verlagssystem, das vor allem die Textilindustrie betraf, hielt die Bauern und Heimarbeiter in Armut - denn es waren nicht sie, die wirklich vom Verkauf der hergestellten Waren profitierten, sondern der Verleger. Verglichen mit England war die Heimarbeit in Deutschland ohnehin veraltet. Schon seit mehreren Jahrzehnten lief in England die Industrialisierung auf Hochtouren. Grundherrschaft war schon früh abgeschafft, eine Infrastruktur aufgebaut, freier Handel möglich gemacht worden. Der Einsatz von mechanischen Webstühlen und Spinnmaschinen war dort schon längst die Regel, während in Deutschland erst vereinzelt Manufakturen entstanden, in denen Teilprozesse mechanisiert waren, die meiste Arbeit aber noch mit der Hand gemacht werden musste. Zunächst durften die Engländer aber wegen der sogenannten Kontinentalsperre nicht auf das europäische Festland exportieren. So konnte die rückständige deutsche Heimindustrie mangels Konkurrenz erstmal gedeihen. Als aber 1815 die Kontinentalsperre aufgehoben wurde, fluteten die englischen Industrieprodukte den deutschen Markt. Die Heimindustrie stürzte in eine tiefe Krise. Und mit ihr die Heimarbeiter. O4 Murr 28'' In Deutschland ging ja die Industrialisierung fast eine Generation später los im Vergleich zu England, d.h. es mussten Hand-Weber und Spinner konkurrieren mit Maschinen-Produkten aus England, das konnte nicht gutgehen. Gerade die wirklich krassen Beispiele der schlesischen Weber, die sich ja wiederholt erhoben hatten, die sind ein Zeugnis, dass hier Wettbewerbe einfach nicht mehr gegen die Industrie bestanden oder gewonnen werden konnten. ERZÄHLERIN: Mittellose Heimarbeiter, verarmte Bauern und Landarbeiter, Arbeitslose – die armen Massen auf dem Land: Auf der Suche nach Arbeit zogen sie in die Städte und landeten oft in den Armenvierteln. Zwar waren die Zünfte mit ihren strikten Arbeitsregelungen in Auflösung begriffen, vielerorts wurde Gewerbefreiheit eingeführt, so dass prinzipiell ein Job als Handwerker möglich war. Doch der Markt war überschwemmt mit Arbeitssuchenden. Miserabel bezahlte Jobs, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Alkoholismus, Kriminalität, Bettelei waren die Folge. O5 Murr 14'' Kürzungsmöglichkeit Oft haben sich die Handwerkerzahlen verdoppelt in diesen Jahren. Und so viel Nachfrage gab es gar nicht. Die Konzessionierungen mussten eingeschränkt werden. Es waren einfach viel zu viele Menschen für viel zu wenig Arbeit vorhanden. MUSIK SPRECHER: Kinder, halbnackt, die in der Hütte kauern, ein kranker Großvater auf einem Strohlager. Sein Sohn, der Bauer, kann seine Familie nicht mehr ernähren. Eine Missernte habe es gegeben, so der Bauer, er habe keine Vorräte mehr. Der Leinen-Handel liege darnieder. England betreibe ihn mit großem Erfolg. Das Garnspinnen bringe nicht mehr genug Geld zum Überleben. ERZÄHLERIN: Wie viele der zeitgenössischen Journalisten thematisierte auch der Journalist Georg Weerth die Gründe für die Massenverarmung in seinem Artikel über die Senne, der ostwestfälischen Heidelandschaft nahe Bielefeld. Und er stellte in seinem Artikel dem Bauern die Frage, die viele seiner Zeitgenossen beschäftigte und die implizit den Armen die Schuld für ihre Misere gab. SPRECHER: Warum, zum Teufel, habe er auch so viele Kinder? ERZÄHLERIN: Zwischen 1816 und 1864 stieg die Einwohnerzahl im Deutschen Bund um über 50 Prozent: von 30 Millionen auf 46 Millionen. Über die Ursachen gibt es bis heute in der Wissenschaft Debatten. Diskutiert werden: bessere medizinische Versorgung, geringere Säuglingssterblichkeit, ausbleibende Seuchen wie Pest oder Cholera, Verbesserungen in der Landwirtschaft, dadurch insgesamt bessere Versorgung mit Lebensmitteln. In Sachsen verdoppelte sich die Bevölkerung, in Preußen wuchs sie um über 80 Prozent, im süddeutschen Raum um etwa ein Drittel. In der Öffentlichkeit machte sich die Angst vor einer Überbevölkerung breit und die Angst, die Menschen nicht mehr ernähren zu können. Auch wenn sich die Landwirtschaft zwischen 1750 und 1850 entscheidend verbessert hat. O6 Murr 16'' Die Produktivität konnte gesteigert werden: von der berühmten Dreifelderwirtschaft, wo ja immer ein Drittel brachlag, wurde eine intensivere Bewirtschaftung aller Flächen mit eben Fruchtfolgenwechsel eingeleitet. Dadurch konnten viel mehr Leute ernährt werden. Erzählerin: Aber dann war ein Sättigungsgrad erreicht. O7 Murr 5'' Ab den ja 1810er, 20er Jahren. Das konnte nicht weiterwachsen. Die Bevölkerung wuchs aber weiter. ERZÄHLERIN: Bereits Ende des 18. Jahrhunderts hatte der Engländer Thomas Robert Malthus Furore gemacht mit seinem "Essay on the Principle of Population". Darin stellt er die These auf: SPRECHER: Die Lebensmittelproduktion wachse linear, die Bevölkerung aber vermehre sich exponentiell, Lebensmittelproduktion und -nachfrage klafften also immer weiter auseinander, Hunger und Armut seien die Folge. ERZÄHLERIN: Robert Malthus wurde auch in Deutschland intensiv rezipiert. Hatte man früher Hungersnöte als gottgegeben hingenommen, entbrannte nun eine öffentliche Diskussion um das nicht zu übersehende Phänomen der massenhaften Verarmung, wofür sich den 1820er Jahren der Begriff "Pauperismus" durchsetzte: übernommen aus dem Englischen, abgeleitet vom Lateinischen "pauper", arm. O8 Murr 37'' Der Pauperismus ist nicht nur ein Phänomen auf der sozialen-wirtschaftlichen Ebene, sondern ein Phänomen auch einer neuen Wahrnehmung der Not und auch eine Wahrnehmung der menschgemachten Not. Früher war es Schicksal, heute war es sozusagen vom Menschen gemacht. Und es gibt ganz viele Quellen eigentlich von Schriftstellern, von staatlichen Beamten, die sozusagen in die Landschaft gehen und Beobachtungen anstellen. Und alle versuchen natürlich die Not sich zu erklären, weil es war in dieser Massierung ein neues Phänomen. ERZÄHLERIN: Die Massenarmut beunruhigte die staatlichen Obrigkeiten und das aufstrebende Bürgertum gleichermaßen. SPRECHER: Die Reichen hätten Angst und wollten sich um jeden Preis gegen die Gefahren sichern, die sie von dem wachsenden Elend der Armen befürchteten. ERZÄHLERIN: Schrieb zu jener Zeit der Historiker Friedrich Bülau. SPRECHER: Wenn die Reichen es den Armen erleichtern würden, durch eigene Anstrengung zu mehr Wohlfahrt zu kommen, sei allen geholfen. Die Reichen aber handelten nur auf Kosten der Armen, glaubten, sich durch Verbote vor der Gefahr schützen zu können, die von den Armen ausgeht, verstärkten aber im Grunde genommen die Gefahr dadurch. ERZÄHLERIN: Die Angst vor Aufständen war groß, vor einem Heer der Armen, das außer Kontrolle gerät. Schließlich hatte die Französische Revolution 1789 hatte das feudalistische Europa in seinen Grundfesten erschüttert, aller Welt die Macht der Massen vor Augen geführt, ein über Jahrhunderte bestehendes monarchisches Herrschaftssystem hinweggefegt. Die sogenannte Pauperismus-Literatur entstand: Essays, Aufsätze, Stellungnahmen, Analysen, Polemiken. Kritische Stimmen führten wirtschaftlich-strukturelle Gründe an: die Konkurrenz durch die englischen Industrieprodukte, die chaotisch ablaufende Bauernbefreiung, zu hohe Steuern, die von den Armen verlangt würden … Journalisten wie Georg Weerth oder Wilhelm Wolff, die beide Karl Marx, Friedrich Engels und der aufkommenden kommunistischen Bewegung nahestanden, ergriffen die Partei der Armen. Auf konservativ-bürgerlicher Seite dominierten dagegen Furcht vor Unruhen und Schuldzuweisungen an die Armen: zu viele Kinder, mangelnde Selbstdisziplin, mangelnder Arbeitswille …Und: O9 Murr 19'' Es gab Stimmen, auch Jeremias Gotthelf zum Beispiel, der Schriftsteller, die alle sozusagen fast apokalyptisch wurden, vor einem Ausbrechen, vor einem Politisch-Werden, vor einem Massenprotest und gewaltsamen Umsturz dieser verelenden Proletarier warnten. MUSIK ERZÄHLERIN: Die Armen selbst hatten keine Stimme, die gehört wurde. Sie mußten versuchen zu überleben. Kamen dann noch Naturkatastrophen hinzu, spitzte sich ihre Situation lebensbedrohlich zu. 1815 brach in Indonesien der Vulkan Tambora aus. Die Ernte in Europa fiel fast komplett aus. Es folgten katastrophale Hungersnöte. 1816/17 waren allein in Köln 18 bis 19 Tausend Menschen auf öffentliche Unterstützung angewiesen. Das war ein Drittel der Einwohner. Doch auch in Jahren ohne außergewöhnliche Krisen brauchten 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung Hilfe – nicht nur in Köln, auch in anderen großen Städten wie Hamburg, Barmen, Elberfeld. 1830 soll jeder vierte Berliner Unterstützung bekommen haben. Auf dem Land in Preußen waren Schätzungen zufolge etwa 50 Prozent der Menschen eigentumslos, also auf Lohnarbeit angewiesen, auf Erwerbsmöglichkeiten, die oft fehlten. MUSIK ERZÄHLERIN: In den 1840er Jahren erreichte die Krise ihren Höhepunkt. Missernten und Kartoffelfäule führten zu einer dramatischen Verknappung und explosionsartigen Verteuerung der Grundnahrungsmittel. Zeitweise konnten sich die meisten nicht einmal mehr Kartoffeln leisten. O11 Murr 27'' Es gibt ganz viele Regionen in Deutschland, die betroffen waren, stark der deutsche Südwesten, aber auch Westdeutschland, Hessen, der Nordwesten, Bielefeld, diese Region war sehr stark betroffen. Schlesien, berühmt ist ja der schlesische Weber-Aufstand 1844. Und auch das Erzgebirge, das heißt: es war schon flächig sehr verteilt und gleichermaßen in Städten und auf dem Land. ERZÄHLERIN: Die Kommunen, die zuständig waren für die Armenversorgung, waren überfordert, Unruhen und Tumulte die Folge: In Berlin kam es zu der sogenannten "Kartoffel-Revolution", in Bayern zu "Bierkrawallen" … Oft begannen die Proteste auf den Märkten, wo den Händlern Waren weggenommen wurden. Dutzende, oft Hunderte schlossen sich zusammen, bewaffneten sich mit Knüppeln, plünderten Läden und Getreidespeicher, blockierten den Abtransport von zum Export bestimmten Gütern, zogen übers Land, requirierten gewaltsam Nahrungsmittel. Allein 1847 gab es etwa 200 solcher Aufstände in den Ländern des Deutschen Bundes, mehr als die Hälfte davon in Preußen. Es waren Ausbrüche ohne politische Zielsetzung, auch ohne eine überregionale Vernetzung. Die Regierungen reagierten teils mit Einsatz von Polizei und Militär, teils boten sie Hilfen an: Geld für Kredite, Saatkartoffeln, Getreide aus Militärmagazinen … Aber nachhaltige Konzepte für den Umgang mit den Hungerkrisen und der zunehmenden Massenverelendung fehlten. Die Länder des Deutschen Bundes griffen in erster Linie zu Verboten wie Bettlerverordnungen und Eherechtsbeschränkungen, um die Armen unter Kontrolle zu halten. O12 Murr 51'' Wichtig ist zu wissen, dass Armut lange Zeit kein Gegenstandsbereich staatlicher Fürsorge gewesen ist, sondern dass für die Armen die jeweilige Gemeinde, die Kommune aufzukommen hatte. Das heißt, wenn jetzt die Armut steigt, wenn der Hunger wächst, dann werden die Kommunen viel restriktiver. Es wurde peinlichst darauf geachtet, dass nicht zu viele, die eben sich nicht selbst ernähren können, heiraten dürfen. ERZÄHLERIN: Preußen war das einzige Land des Deutschen Bundes, in dem es volle Freiheit der Eheschließung gab, obwohl auch in Berlin die Situation in den Armenvierteln katastrophal war: drängende Enge in den Wohnungen, mangelnde Hygiene, Krankheiten … Suppenküchen wurden gegründet, Wärmestuben, Sparvereine, Brotvereine: Das waren aber nur Tropfen auf den heißen Stein. Viele kehrten Deutschland den Rücken. 1844 schrieb ein Journalist: SPRECHER: Die Leute würden sagen, dass es ihnen gleichgültig sei, wo sie den Hungertod sterben, hier in Deutschland oder in Nord- und Südamerika. O13 Murr 22'' Wenn man im Bereich der Antworten auf diesen Pauperismus noch mal weiter denkt, dann muss man eben auch an Massenauswanderung denken, die auch eine Rolle gespielt hat. Und das steigt bis Mitte des 19. Jahrhunderts bis auf fast eine halbe Million Menschen, die vor allem in die USA auswandern. Und das entspannt die Situation. MUSIK ERZÄHLERIN: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbesserte sich die Situation der Menschen. 1834 hatten die Staaten des Deutschen Bundes den Zollverein gegründet. Zollschranken wurden abgebaut. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit wurde forciert, ein gemeinsames Verkehrssystem ausgebaut: ein Netz von Straßen, Wasserstraßen und vor allem von Eisenbahnlinien, jenem neuen Transportmittel, das neue Produktionsstandorte und Märkte erschloss und Massentransporte zu moderaten Preisen möglich machte. Ab den 1870er Jahren lief die Industrialisierung in Deutschland auf Hochtouren. Fabriken wurden gebaut. Industriezentren entwickelten sich. Arbeitsplätze entstanden. Die heterogene Gruppe der frühindustriellen Armen verschwand. Das Industrieproletariat trat auf die gesellschaftliche Bühne, die Massen der Arbeiter und Arbeiterinnen, die unter rechtlich nicht geregelten Bedingungen in den Fabriken malochten. Sie wurden als einheitliche Gruppe wahrgenommen: als Arbeiterklasse, die sich zu einer politischen Bewegung formierte und zu einem neuen Machtfaktor in der internationalen Politik wurde.

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