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Antibiotika - Medizin-Revolution mit Nebenwirkungen

06.08.2025 · 23 Min.

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Wir leben im Zeitalter des Antibiotikums. Krankheiten wie Tuberkulose sind heilbar, auch entzündete Wunden können uns kaum etwas anhaben. Doch Resistenzen werden immer häufiger. (BR 2019)

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  • Hiroshima und Nagasaki - Atombomben auf Großstädte

    06.08.2025 · 24 Min.

    1945 warfen die USA Atombomben über Hiroshima und Nagasaki ab. Die Begründung damals: So wurde Japan zur Kapitulation gezwungen und der Zweite Weltkrieg verkürzt. Heute gibt es Zweifel an diesen Annahmen. Von Linus Lüring (BR 2020) Credits Autor dieser Folge: Linus Lüring Regie: Irene Schuck Es sprachen: Hemma Michel, Andreas Neumann, Jerzy May Technik: Peter Preuß Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Gerhard Krebs (Dr.; Historiker und Japanologe) Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik 1 "Overtones, Pt. 1" - Komponist: Martin Todsharow Album: Der Hauptmann (Original Motion Picture Soundtrack) Länge: 0'52 Sprecher Anfang August 1939 - Albert Einstein ist in großer Sorge. Er schreibt einen Brief an den damaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Sprecherin Neue wissenschaftliche Untersuchungen würden darauf hindeuten, schreibt Einstein, dass es schon bald möglich sein könnte, eine nukleare Kettenreaktion in einer großen Masse von Uran auszulösen. Das würde gewaltige Energiemengen freisetzen. Und dann kommt der Schlüsselsatz: Zitator „Dieses Phänomen könnte auch zum Bau von Bomben führen.“ Sprecher Und Einstein warnt, dass jemand bereits dabei sein könnte, diese neue, ungeheuer gefährliche Bombe zu bauen: Die Nationalsozialisten. Er empfiehlt den USA, selbst eine solche Bombe zu bauen – eine Atombombe. Sprecherin Die US-Führung ist jetzt alarmiert, erklärt Gerhard Krebs. Der Historiker hat intensiv zur Endphase des Zweiten Weltkriegs geforscht und unter anderem in Berlin und Tokio gearbeitet. Zusp 1 Krebs Man fürchtete, dass die Deutschen den Amerikanern zuvorkommen und die Atombombe zuerst einsetzen. Deswegen brauchte man ein Gegengewicht. Und Abschreckungswaffe. Dass die schließlich gegen Japan eingesetzt wurde, lag daran, dass sie zu spät fertig wurde für Deutschland Musik 2 "End of War" - Album: The Imitation Game (Original Motion Picture Soundtrack) K: Alexandre Desplat - Länge: 0'33 Sprecher Im August 1945, fast auf den Tag genau sechs Jahre nach Einsteins Brief, werden die USA die weltweit erste Atombombe abwerfen - über der japanischen Stadt Hiroshima, drei Tage später eine weitere über Nagasaki. Der Einsatz der Atombomben ist bis heute umstritten. Waren die Bomben und das Leid, das sie verursachten, gerechtfertigt? Wurde der Zweite Weltkrieg damit tatsächlich schneller beendet? Musik 3 "Tadaima" - K: Ulrike Haage - Grüsse Aus Fukushima (Original Score) - Länge: 0'40 Sprecherin Im Sommer 1939 aber herrscht in den USA noch große Einigkeit: Man möchte den Nationalsozialisten unbedingt zuvorkommen und die Atombombe zuerst entwickeln. Die Eile ist verständlich. Dem Deutschen Otto Hahn ist kurz zuvor in Berlin die erste Kernspaltung gelungen. Deutsche Wissenschaftler gelten als führend auf dem Gebiet der Kernphysik. Sprecher Präsident Roosevelt befiehlt umgehend den Ausbau der US-amerikanischen Atomforschung. Musik 4 "These Walls" K: Tyler Bates, Album: The Belko Experiment (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 1'03 Sprecher 1942 startet dann ein gigantisches Forschungsprogramm: Das sogenannte Manhattan-Projekt. In der Wüste New Mexicos entsteht ein streng geheimes Labor: Los Alamos. Hier arbeiten Tausende hochqualifizierte Physiker und Techniker. Albert Einstein gehört übrigens nicht dazu. Er gilt politisch als nicht zuverlässig genug. Im Wettlauf um die Atombombe mit den Nazis spielt Geld jetzt keine Rolle. Insgesamt werden in das Manhattan-Projekt damals zwei Milliarden Dollar investiert. Umgerechnet auf die heutige Kaufkraft wären das schätzungsweise über 20 Milliarden Dollar. Sprecherin Der Zweite Weltkrieg ist voll entbrannt. Die USA unterstützen zwar ihren Hauptverbündeten Großbritannien massiv, bleiben offiziell aber neutral. Das ändert sich im Dezember 1941. Japan greift überraschend Pearl Harbor an, den Hauptstützpunkt der US-Pazifikflotte auf Hawaii. Dutzende Schiffe werden zerstört. Weit über 2000 Menschen sterben. Nur einen Tag später erklären die USA Japan den Krieg. Sprecher Die amerikanische Öffentlichkeit war mehrheitlich lange dagegen, dass sich die USA am Zweiten Weltkrieg beteiligen. Pearl Harbor ändert die Stimmung. Viele US-Bürger drängen jetzt immer stärker auf eine harte Bestrafung der Japaner Sprecherin Die US-Wissenschaftler machen unterdessen gewaltige Fortschritte. 1942 gelingt die erste von Menschen eingeleitete nukleare Kettenreaktion. Diese könnte riesige Energiemengen produzieren – ein Meilenstein auf dem Weg zur Atombombe. Sprecher Von solchen Erfolgen sind die Forscher im Deutschen Reich zur gleichen Zeit weit entfernt. Deshalb werden andere Prioritäten in der Waffenentwicklung gesetzt. Ganz eingestellt wird die Forschung an der Atombombe zwar nie, aber der von den USA angenommene Wettlauf mit dem NS-Regime – er ist schon früh keiner mehr. Das wird endgültig klar, als Anfang 1945 die größten Teile Deutschlands besetzt sind - die Entwicklung der Atombombe wird in den USA trotzdem mit großem Einsatz fortgesetzt. Sprecherin Mitten in der entscheidenden Schlussphase des Kriegs, am 12. April 1945, stirbt völlig unerwartet Präsident Roosevelt. Der Mann, der den Bau der Atombombe befohlen und maßgeblich vorangetrieben hat. Neuer Präsident der Vereinigten Staaten wird Harry S. Truman, der bisherige Vize-Präsident. Und jetzt zeigt sich, wie geheim die Entwicklung der Atombombe tatsächlich ist: Sprecher Truman wird erst nach seiner Amtseinführung in das Projekt eingeweiht. Dazu kommt: Truman gilt auf der Bühne der Weltpolitik als völlig unerfahren. Viel Zeit zur Einarbeitung hat er nicht. Jetzt - gegen Ende des Zweiten Weltkriegs muss er täglich wichtige Entscheidungen treffen – darunter auch den weiteren Umgang mit der Atombombe. Zwar kapituliert das Deutsche Reich am 8. Mai und der Krieg in Europa ist beendet. Aber Präsident Truman warnt: Zusp 2 Truman Rede Our victory is but half-won. The West is free, but the East is still in bondage to the treacherous tyranny of the Japanese. When the last Japanese division has surrendered unconditionally, then only will our fighting job be done. Zitator Overvoice Truman Unser Sieg ist nur halb gewonnen. Der Westen ist frei, aber der Osten ist immer noch der verräterischen Tyrannei der Japaner ausgeliefert. Erst wenn die letzte japanische Einheit bedingungslos kapituliert hat, dann ist unsere kämpferische Aufgabe erledigt. Sprecherin Im Frühjahr 1945 haben die USA fast uneingeschränkte Lufthoheit über den japanischen Inseln. Die US-Luftwaffe fliegt jetzt immer verheerendere Bombenangriffe. Aber trotz der immer hoffnungsloseren Lage ist Japan weit davon entfernt sich zu ergeben. Noch immer kontrolliert es unter anderem die koreanische Halbinsel und die Mandschurei, ein großes Gebiet im Nordosten Chinas. Noch immer verkündet die japanische Führung aggressive Durchhalte-Parolen. Musik 5 "Tadaima" - K: Ulrike Haage - Grüsse Aus Fukushima (Original Score) - Länge: 1'36 Sprecher In den USA ist Präsident Truman inzwischen informiert worden, dass die erste Atombombe schon in wenigen Wochen fertig ist. Eine Frage wird jetzt immer drängender: Ob und wie sollte eine Atombombe eingesetzt werden? Ursprünglich waren ja nur deutsche Städte als Abwurfziele vorgesehen. Jetzt gerät Japan in den Fokus. Wissenschaftler um den Physiker James Franck versuchen in dieser Zeit, Truman davon zu überzeugen, die Bombe nicht gegen Japan einzusetzen. Im sogenannten Franck-Report warnen sie vor einem Wettrüsten und schlagen stattdessen eine Demonstration der Atombombe vor der Weltöffentlichkeit über unbewohntem Gebiet vor. Sprecherin Solche Vorschläge werden im sogenannten Interim Committee beraten. Politiker, Militärvertreter und andere Experten besprechen unterschiedliche Strategien zum Umgang mit der Atombombe. Die überraschend eindeutige Empfehlung lautet schließlich: Die Bombe soll so schnell wie möglich und ohne Vorwarnung über japanischen Städten abgeworfen werden. Sprecher Der persönliche Berater von Präsident Truman und spätere US-Außenminister, James Byrnes, spielt bei dieser Empfehlung eine entscheidende Rolle. Er hat vor allem die Bevölkerung in den USA im Blick. Eine Mehrheit fordert nach dem Angriff auf Pearl Harbor maximale Härte gegenüber Japan. Byrnes hat großen Einfluss auf den unerfahrenen Truman, erklärt Gerhard Krebs. Zusp 3 Krebs Eigentlich war die Mehrheit der Politiker und Militärs dafür, die Waffe nicht gegen Japan einzusetzen ohne Vorwarnung und möglichst nur gegen militärische Ziele. Der Scharfmacher war dann Byrnes. Mit Byrnes kippte die Stimmung. Weil der das Ohr von Truman erhielt. Wer das Ohr des Präsidenten hat, der entscheidet. Musik 6 "These Walls" K: Tyler Bates, Album: The Belko Experiment (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'16 Sprecherin Im Juli 1945 überschlagen sich dann die Ereignisse. In den Laboren von Los Alamos ist es gelungen, die erste Atombombe der Welt fertigzustellen und für eine Testzündung vorzubereiten. Musik 7 "Head Tag" - K: Tyler Bates, Album: The Belko Experiment (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'41 Sprecherin Am 16. Juli explodiert sie am frühen Morgen in der Wüste von New Mexico. Auf einen gleißend hellen Blitz folgt ein orange-gelber Feuerball, der in Sekunden in den Himmel steigt. Zum ersten Mal entsteht der typische Atompilz. Noch in über 100 Kilometern Entfernung ist die Druckwelle zu spüren. Die Wissenschaftler sind völlig überrascht. Die Explosion ist dreimal so stark wie berechnet. Es ist tatsächlich die verheerende Bombe eines neuen Typs, die Einstein vorhergesagt hatte. Sprecher Währenddessen reist US-Präsident Truman nach Potsdam. Nach dem Ende des Kriegs in Europa wollen die Alliierten hier beraten, wie es weitergehen soll. Auch der britische Premierminister Winston Churchill und Josef Stalin, der sowjetische Regierungschef, kommen zur sogenannten Potsdamer Konferenz. Als Truman die Nachricht vom erfolgreichen Atombombentest erhält, ist er euphorisiert. Nicht eingeweihte Beobachter in Potsdam registrieren überrascht, wie selbstbewusst Truman plötzlich auftritt. Stalin kann er allerdings kaum beeindrucken. Durch einen Spion in Los Alamos ist er bestens über die Fortschritte der Amerikaner informiert. Musik 8 "Tadaima" - K: Ulrike Haage - Grüsse Aus Fukushima (Original Score) - Länge: 0'38 Sprecherin Der 24. Juli ist dann ein entscheidender Tag: Truman berät sich mit seinen engsten Vertrauten, darunter auch Hardliner James Byrnes. Und dann ordnet er von Potsdam aus an: Über Japan sollen Anfang August Atombomben abgeworfen werden. Im Einsatzbefehl werden auch gleich vier mögliche Ziele genannt. Darunter die Städte Hiroshima und Nagasaki. Beide Städte haben Militärbasen oder Rüstungsindustrie. Vor allem aber wurden sie bislang nur wenig zerstört, ideal, um die Wirkung der neuen Bombe zu testen. Sprecher Wenige Tage nach diesem Befehl wird die sogenannte Potsdamer Erklärung veröffentlicht. Unterzeichnet ist sie von den USA, nicht aber von der Sowjetunion. Diese befindet sich offiziell nicht mit Japan im Krieg und gilt als neutral. Die Erklärung soll eine letzte Warnung an Japan sein. Am Ende heißt es: Zitator Wir rufen die Regierung Japans auf, nunmehr die bedingungslose Kapitulation aller bewaffneten Kräfte Japans zu erklären und angemessene und adäquate Garantien ihres guten Willens in dieser Aktion zu zeigen. Die Alternative für Japan ist seine prompte und vollständige Zerstörung. Sprecherin Dass damit auch der Einsatz von Atomwaffen gemeint ist, erfährt die Öffentlichkeit nicht. Sprecher Niemand rechnet damit, dass Japan jetzt kapitulieren würde. Und tatsächlich erklärt der japanische Premierminister in einer Pressekonferenz, dass seine Regierung die Potsdamer Erklärung „ignorieren“ werde. Diese eindeutige Haltung der japanischen Regierung bedeutet in den Augen der USA: Die Atombomben werden abgeworfen. Der erste Atomsprengkörper ist da bereits auf einem Schiff unterwegs zu US-Stützpunkten im Südpazifik. Sprecherin Diese öffentlich verkündete Absage Japans passt allerdings nicht zu dem, was hinter den Kulissen in der japanischen Führung diskutiert wird. Hier gibt es sehr wohl kritische Stimmen. Weil die Lage hoffnungslos ist, wollen sie ein schnelles Kriegsende erreichen. Der japanische Botschafter in Moskau sendet seit einiger Zeit vorsichtige Signale an die sowjetische Führung. Die Idee: Die offiziell neutrale Sowjetunion soll zwischen den Kriegsparteien vermitteln. Die japanische Elite hofft dabei noch einen akzeptablen Frieden zu erreichen und die geforderte bedingungslose Kapitulation zu verhindern. Denn eine zentrale Bedingung haben die Japaner, erklärt der Historiker und Japanologe Gerhard Krebs: Sie wollen um jeden Preis das Kaisertum erhalten. Zusp 4 Krebs Japan betrachtete sich als einmalige Staatsform in der Welt und der Kaiser war ja immerhin göttlicher Abkunft. Ohne Kaiser konnten sich die Japaner einen Weiterbestand ihrer Nation einfach nicht vorstellen. Sprecher Für Kaiser Hirohito sind die Japaner bereit, den schon so gut wie verlorenen Krieg fortzusetzen, auch wenn das den Untergang bedeutet. Sprecherin Die Reaktionen aus Moskau auf die japanischen Botschaften waren allerdings sehr verhalten. Die Sowjetunion hatte längst beschlossen, Japan in Kürze selbst den Krieg zu erklären. Die Sowjets wollten sich die von Japan besetzten Gebiete sichern. Musik 9 "With Suspicion" - Album: Gone Girl (Soundtrack from the Motion Picture) K und Ausführende: Atticus Ross & Trent Reznor Länge: 0'47 Sprecher Dann kommt der 6. August 1945: Vom US-Luftwaffenstützpunkt Tinian, mitten im Südpazifik, startet um kurz nach Mitternacht ein B29-Bomber: Sein Ziel ist Hiroshima, etwa 2500 Kilometer weit weg. An Bord ist nur eine einzige Bombe. Es ist die Atombombe mit dem Codenamen „Little Boy“, kleiner Junge. Etwa drei Meter lang, vier Tonnen schwer. Sprecherin Um 8.15 Uhr kommt Hiroshima in Sicht. In einer Höhe von 10000 Metern klinkt die Besatzung die Bombe aus und dreht ab. Musik 10 "Head Tag" - K: Tyler Bates, Album: The Belko Experiment (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'18 Sprecherin Sekunden später explodiert die Atombombe über dem Stadtzentrum. Ein gleißend heller Blitz zuckt durch den Morgenhimmel. Im Kern der Explosion ist es mehrere Millionen Grad heiß. Am Boden herrschen immer noch an die 3000 Grad. Gebäude und Bäume verglühen. Musik 11 "Morbid Beauty" - K: Martin Todsharow - Album: Der Hauptmann (Original Motion Picture Soundtrack) - 0'53 Sprecher Die folgende Druck- und Hitzewelle zerstört die Innenstadt Hiroshimas fast komplett. Die Explosionskraft der Bombe entspricht etwa der von 11-13 Tausend Tonnen des herkömmlichen Sprengstoffs TNT. Eine genaue Zählung der Toten ist unmöglich. An die 70-80 Tausend Einwohner Hiroshimas sterben sofort. Von vielen bleibt nichts zurück. Die Körper verdampfen in der Explosions-Hitze. An den Spätfolgen der radioaktiven Strahlung werden in den Jahren danach noch weitere zehntausende Menschen sterben. Darunter sind zwar auch Soldaten, die übergroße Mehrheit sind Zivilisten. Sprecherin Dieses Leid ist für US-Präsident Truman weit weg. In einer Ansprache stellt er das Geschehen anders dar. Zusp 5 Truman Rede The world will note that the first atomic bomb was dropped on Hiroshima, a military base. That was because we wished in this first attack to avoid, insofar as possible, the killing of civilians. But that attack is only a warning of things to come Zitator Overvoice Truman Die Welt muss zur Kenntnis nehmen, dass die erste Atombombe auf Hiroshima abgeworfen wurde. Eine Militärbasis. Wir haben in diesem ersten Angriff versucht, soweit wie möglich zu vermeiden, dass Zivilisten sterben. Aber dieser Angriff ist nur eine Warnung vor dem was kommen kann Sprecher Eine offizielle Reaktion aus Japan auf den ersten Atombombenabwurf gibt es dagegen nicht. Musik 12 "With Suspicion" - Album: Gone Girl (Soundtrack from the Motion Picture) K und Ausführende: Atticus Ross & Trent Reznor Länge: 0'34 Sprecherin Schon drei Tage später, am Morgen des 9.8.1945 hebt wieder ein B29-Flugzeug in Richtung Japan ab. An Bord ist eine weitere Atombombe, Deckname „Fat Man“, „Dicker Mann“. Das Ziel ist eigentlich eine Stadt im Norden der japanischen Insel Kyushu. Da sie wegen einer dichten Wolkendecke nicht auszumachen ist, entscheidet sich die Crew das Ersatzziel anzufliegen: Nagasaki. Musik 13 "Head Tag" - K: Tyler Bates, Album: The Belko Experiment (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'11 Sprecherin Um 11.02 Uhr explodiert „Fat Man“ über der Stadt. Sprecher Die Bombe ist anders gebaut als die Hiroshima-Bombe. Die Explosionskraft von „Fat Man“ ist fast eineinhalbmal so stark. Musik 14 "Morbid Beauty" - K: Martin Todsharow - Album: Der Hauptmann (Original Motion Picture Soundtrack) - 0'59 Sprecher Die Ausbreitung der typischen Schockwelle wird allerdings durch Hügel am Stadtrand abgebremst. Dennoch sterben auch in Nagasaki mindestens 20.000 Menschen, nach anderen Schätzungen sogar 70 bis 80.000 Menschen sofort und Tausende in der Zeit danach an den Spätfolgen, etwa durch die radioaktive Strahlung. Auch hier sind die meisten Opfer Zivilisten. Das eigentliche Ziel, eine Rüstungsfabrik, hat die Bombe verfehlt. Sprecherin Einen Tag später dann die Wende: Zwar sind immer noch Teile der japanischen Führung vehement dafür, den Krieg fortzusetzen. Aber nach einem Machtwort von Kaiser Hirohito erklärt Japan, dass man nun bereit wäre zu kapitulieren. Zusp 6 Rede Kaiser Sprecher Am 15. August hören viele Japaner zum ersten Mal die Stimme des Kaisers. In einer Radioansprache verkündet er das Ende des Krieges. Der Feind habe begonnen, eine neue, ungeheuer grausame Bombe einzusetzen, deren Zerstörungskraft unermesslich sei und unschuldige Leben fordere, sagt er. Sprecherin Der Zweite Weltkrieg ist vorbei und eine kontroverse Debatte beginnt, die bis heute geführt wird. Waren die Abwürfe der Atombomben gerechtfertigt? Sprecher Dank der Atombombe kapitulierte Japan und der Zweite Weltkrieg ging deutlich früher zu Ende. So ist es in vielen Lexika bis heute zu lesen. Und davon sind nach wie vor viele Historiker und auch große Teile der US-amerikanischen Öffentlichkeit überzeugt. Die USA hätten keine andere Möglichkeit gehabt, als die beiden zerstörerischen Bomben einzusetzen, um den Krieg zu beenden. Manche gehen noch weiter und erklären, dass die Atombomben auch Leben gerettet hätten: Denn ohne die Bomben wäre eine Invasion auf den japanischen Inseln nötig gewesen und die hätte zehntausende US-Soldaten möglicherweise das Leben gekostet. Sprecherin Nicht nur in den USA, auch in Japan haben bis heute manche ein großes Interesse daran, dass diese Version weiterverbreitet wird. Auch der Kaiser hatte ja betont, dass die Bomben der entscheidende Grund für die Aufgabe Japans waren. Die Logik dahinter: Japan hat zwar in Ostasien einen aggressiven Angriffskrieg begonnen – dank der Atombomben konnte man sich jetzt aber auch zum Opfer einer heimtückischen Waffe erklären. Die massiven Kriegsverbrechen, für die Japan verantwortlich ist, versuchen manche dahinter zu verstecken. Sprecher Aber waren die Atombomben wirklich kriegsentscheidend? Sprecherin Dafür ist die Zeit zwischen den Atombombenabwürfen besonders interessant: Da versucht Japan nochmal in Moskau vorzufühlen. Man hofft immer noch auf eine Vermittlung eines möglichst annehmbaren Friedens durch die Sowjets. Aber stattdessen erklärt die Sowjetunion am 8. August 1945 Japan den Krieg. Sowjetische Soldaten greifen wenige Stunden später japanische Truppen in China an. Vergleicht man die sowjetische Kriegserklärung mit den Atombombenabwürfen, dann steht für Historiker Gerhard Krebs fest: Zusp 7 Krebs Der Kriegseintritt der Sowjetunion war sicher der größere Schock. Sprecher Andere Historiker sehen das inzwischen ähnlich. Sie sind überzeugt: Die Atombomben hatten zwar eine bis dahin ungekannte Zerstörungskraft. Gleichzeitig war ihre Wirkung vergleichbar mit dem, was Japan in den Monaten zuvor schon viele Male erlebt hatte, nämlich verheerende amerikanische Flächenbombardements mit tausenden Sprengkörpern. Über die Folgeschäden durch radioaktive Strahlung war damals noch wenig bekannt. Außerdem ging Japan davon aus, dass die USA nur wenige einsatzbereite Atombomben haben würden. Sprecherin Der Kriegseintritt der Sowjetunion trifft Japan dagegen doppelt. Zum einen muss Japan nun an einer weiteren Front kämpfen und es befürchtet, dass der Kommunismus sich immer mehr ausbreiten könnte. Zum anderen ist jetzt klar: Alle Hoffnungen der Japaner waren umsonst - die Sowjets würden nicht dabei helfen einen Frieden zu vermitteln. Japan ist endgültig allein. Sprecher Auch wegen solcher Erkenntnisse wächst in den Jahren nach 1945 die Kritik an den USA. Hätten die USA die Folgen des sowjetischen Kriegseintritts nicht besser mit einkalkulieren können? Mussten die Bomben fallen, schon allein, um die gewaltigen Milliarden-Investitionen zu rechtfertigen? Hätten die USA früher kompromissbereiter sein sollen gegenüber Japan? Nach Kriegsende durfte der Kaiser nämlich, wie von Japan gefordert, tatsächlich im Amt bleiben. Eine Hoffnung der USA war, dass die japanische Gesellschaft so kooperativer sein würde in der Nachkriegszeit. Sprecherin Dazu kommen Überlegungen, dass die Atombomben möglicherweise auch abgeworfen wurden, weil der Kalte Krieg sich schon ankündigte. Auch das spielte wohl eine Rolle, glaubt Gerhard Krebs: Zusp 8 Krebs Sicher wollte Truman auch die Sowjetunion beeindrucken. Er hatte schon Bauchschmerzen, wegen der Ausbreitung der Sowjets in Osteuropa, besonders in Polen. Und es sollte sicher auch als Warnschuss für die Sowjetunion dienen. (Hart ausblenden) Sprecher Und für manche Wissenschaftler steht fest – die USA hätten die Friedensinitiative der Japaner über Moskau ernster nehmen sollen. Dann wäre ein Frieden schnell möglich gewesen. Allerdings könnte diese Position etwas zu optimistisch sein. Zu unklar waren die japanischen Positionen, zu laut die offizielle Propaganda, die den Krieg unerbittlich fortsetzen wollte. Mit Blick auf die Atombombe steht für Gerhard Krebs aber insgesamt fest: Zusp 9 Krebs Man hätte es anders lösen sollen. Man hätte nicht ohne Vorwarnung die Bomben abwerfen sollen und vor allem nicht die zweite so schnell. Musik 15: "End of War" - Album: The Imitation Game (Original Motion Picture Soundtrack) K: Alexandre Desplat - Länge: 0'39 Sprecherin Auch viele Beteiligte bereuten später die Art und Weise, wie mit den Atombomben umgegangen wurde. Und Albert Einstein vertraut einige Jahre später einem Bekannten an, wie sehr er es bedauert, dass er einen entscheidenden Anstoß für die Entwicklung der Atombomben gab. Zitator „Ich beging einen großen Fehler meines Lebens, als ich den Brief an Präsident Roosevelt unterschrieb, in dem ich die Herstellung der Atombombe empfahl.“

  • Uruk und wie alles begann - Die Anfänge der Moderne in der Vorgeschichte

    06.08.2025 · 24 Min.

    Eine antike City der Superlative: Uruk. Die Stadt war die erste Stadt der Welt - eine Megapolis mit bis zu 50 000 Menschen. Sie entstand im 5. Jt. v.Chr. im Süden des heutigen Irak. Von Christine Hamel (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Christine Hamel Regie: Irene Schuck Es sprachen: Berenike Beschle, Christian Baumann, Friedrich Schloffer, Katja Amberger Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Nicole Ruchlak Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: In Mesopotamien, im heutigen Irak, entstand vor rund 5.200 Jahren die erste Schrift. Die Keilschrift war kompliziert und dennoch sehr weit verbreitet. Lesen und Schreiben war der Oberschicht vorbehalten. Die Erfindung der Schrift - Vom Bild zum Symbol JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  • Die Bavaria - Symbol und Wahrzeichen Bayerns

    05.08.2025 · 23 Min.

    Sie ist weibliche Symbolgestalt und weltliche Schutzherrin des Freistaats: Die Bavaria. Als Statue, auf Gemälden, in Wappen oder über Hauseingängen begegnet sie uns. Doch ihre berühmteste Darstellung ist die fast 20 Meter hohe Statue, die vor der Ruhmeshalle über die Theresienwiese wacht. Von Frank Halbach (BR 2024) Credits Autor und Regisseur dieser Folge: Frank Halbach Es sprachen: Irina Wanka, Thomas Birnstiel, Peter Weiß, Peter Veit Technik: Daniela Röder Redaktion: Andrea Bräu, Karin Becker Im Interview: Dr. Thorsten Marr, Bayerische Verwaltung der staatl. Schlösser, Gärten und Seen Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Ludwig Schwanthaler - Gestalter der Münchner Bavaria JETZT ENTDECKEN Das Münchner Oktoberfest - Brotzeit, Bier und Belustigung JETZT ENTDECKEN Regent im Rebenland - König Ludwig I und die Pfalz JETZT ENTDECKEN Literaturtipps: Bayerische Schlösserverwaltung: Ruhmeshalle und Bavaria. Bearbeitet von Manfred F. Fischer und Sabine Heym. München 2009. [Amtlicher Führer der Bayerischen Schlösserverwaltung, der einen umfassenden Überblick bietet] Frank Otten: Die Bavaria. In: Hans-Ernst Mittig, Volker Plagemann: Denkmäler im 19. Jahrhundert. München 1972 [kunsthistorische Einordung in die Geschichte der Denkmäler des 19.Jahrhunderts]. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATOR 1 Ich hab‘ viel des Schönen gesehen - so Schönes noch nie! SPRECHER Das hat König Ludwig I. von Bayern über sie gesagt: SPRECHERIN Die einst vielleicht mächtigste Frau des Freistaats: imposant, monumental, majestätisch. SPRECHER Auf einem steinernen Sockel thront sie. 48 Stufen führen zu ihr empor. Da steht sie - würdevoll: Achtzehneinhalb Meter hoch. SPRECHERIN (genießerisch) Von dort blickt sie frei über die Theresienwiese weit hinüber bis zum Wetterturm des Deutschen Museums und zur mächtigen Maximilianskirche im Glockenbachviertel. SPRECHER Kolossale 1.560 Zentner ist sie schwer. SPRECHERIN Aus dem Erz türkischer Kanonen gegossen. SPRECHER Die Bavaria: Weltliche Patronin Bayerns, das Gesicht Münchens und personifizierte Allegorie für den Freistaat. MUSIK ENDE O-Ton 1 Marr (33:50) Im Grunde ist die Bavaria und die Theresienwiese mit dem Oktoberfest die Verkörperung Bayerns. SPRECHER Sagt Konservator und Museumsreferent Dr. Thorsten Marr von der Bayerischen Schlösserverwaltung, der uns im Schloss Nymphenburg empfängt. O-Ton 2 Marr (13:09) Die Bavaria steht ja als gewaltige Kolossalstatue zwischen den beiden Flügeln der Ruhmeshalle. Und sie ist gewissermaßen der Augenpunkt für Besucher, die auf das Denkmal zu gehen. Und insofern ist auch die Statue ikonografisch auf Fernwirkung ausgerichtet. MUSIK „Festlicher Marsch“; ZEIT: 00:30 SPRECHERIN Sie trägt ein Bärenfell über ihrem schlichten Gewand. In ihrer Rechten hält sie etwas Eichenlaub und ein umwickeltes Schwert, das in der Scheide ruht. Mit der Linken hebt sie einen Ruhmeskranz aus Eichenlaub hoch über ihr Haupt. Zu ihrer Rechten sitzt kraftvoll und stark ein Löwe. MUSIK ENDE SPRECHER Warum steht sie da? Ausgerechnet da? Was soll der Lorbeer… – pardon Eichenkranz? Und wer hat das Standbild dieser bayerischen Amazone dort aufstellen lassen? Und wieso? ZITATOR 1 Möchten alle Deutschen, welchen Stammes sie auch seien, immer fühlen, dass sie ein gemeinsames Vaterland haben, ein Vaterland auf das sie stolz sein können, und jeder trage bei, soviel er vermag, zu dessen Verherrlichung. SPRECHERIN Meinte König Ludwig I. 1842 bei der Einweihung der Walhalla nahe Regensburg. Die Idee für diesen und weitere Gedächtnisorte keimte in Ludwig seit dem als schmachvoll empfundenen Siegeszug der napoleonischen Armeen. Über der Jugendzeit des Königs lagen die Schatten der Machtansprüche Napoleons auf der einen und Österreichs auf der anderen Seite. SPRECHER Sein Haus, das der Wittelsbacher, drohte zum Spielball der beiden Großmächte zu werden. Bayern wurde mehrfach Kriegsschauplatz mit allen dazugehörigen fatalen Folgen für das Land. SPRECHERIN Erst mit der Niederlage Napoleons bei der Völkerschlacht bei Leipzig im Jahr 1813 begann in Bayern eine Periode des Friedens. Für Ludwig I. Zeit, Zeichen zu setzen: von künstlerischer und zugleich politischer Einheit. MUSIK Bayernhymne. Bearbeitet für Streicher; ZEIT: 00:25 ZITATOR 1 Ein Baiern aller Stämme, eine größere deutsche Nation. SPRECHER Ein Motiv, das Ludwig zu einer ganzen Reihe von Bauprojekten für Nationaldenkmäler inspirierte. Darunter die Bavaria und die Ruhmeshalle, die der König 1834 in Auftrag gab. Thorsten Marr: MUSIK ENDE O-Ton 3 Marr (01:19) Ludwig I. als König, als bayerischer König, hatte den Auftrag gegeben und zunächst einmal einen Wettbewerb ausgelobt. Und Ende des Wettbewerbs bekam dann Leo von Klenze den Auftrag, die Ruhmeshalle mit der Bavaria, und zwar beides zusammen, zu errichten. Die Bavaria war nie als einzelnes Monument gedacht, sondern hat sich aus dem Wettbewerb entwickelt. Und Klenze hatte in seinem Wettbewerb einer Ruhmeshalle zusätzlich die Bavaria als übergeordnete Instanz derer, die in der Halle geehrt werden, gewählt. Und als Ort wurde ja die Theresienwiese ausgedacht oder ausgewählt. Und das hängt zweifellos mit dem patriotischen Hintergrund, sage ich jetzt mal etwas vollmundig, der Theresienwiese zusammen. SPRECHERIN Nach der Niederlage der verbündeten französischen und bayerischen Truppen in der Schlacht von Höchstädt im Jahr 1704 hatten die Habsburger das bayerische Oberland und die Residenzstadt München besetzt und außerdem die Steuern drastisch erhöht. SPRECHER Es kam bald zu ersten Aufständen, die schließlich 1705 in der Sendlinger Mordweihnacht und einem bayerischen Volksaufstand gipfelten, der gnadenlos niedergeschlagen wurde. ZITATOR 2 Lieber bayerisch stea'm als kaiserlich verdea'm. SPRECHERIN Hundert Jahre später galt der Aufstand als patriotische Tat zum Wohle des Hauses Wittelsbach und zur Wiedereinsetzung des Kurfürsten und zur Rettung der Souveränität des Kurfürstentums. SPRECHER Die Sendlinger Anhöhe am Rande der Theresienwiese war somit ein symbolträchtiger und wohl überlegter Ort für ein Nationaldenkmal. MUSIK Instrumentaleinleitung zu "Bayerischer Schützenmarsch"; ZEIT: 01:00 SPRECHERIN Und nutzte zudem die Popularität der Festwiese, auf der seit der Hochzeit von Kronprinz Ludwig von Bayern und Prinzessin Therese im Jahr 1810 alljährlich ein Volksfest stattfand. ZITATOR 2 Der anwesenden Königsfamilie huldigten damals Kinder in bayerischen Volkstrachten mit Gedichten, Blumen und Früchten des Landes. Zu Ehren der Braut war die Festwiese „Theresens-Wiese“ getauft worden. SPRECHER Hier, auf der Sendlinger Anhöhe entstand die U-förmige Säulenhalle, die das Gelände nach hinten abschließt. Und zwischen den beiden Flügeln steht sie: die Bavaria. Wie die Ruhmeshalle blickt sie auf die Theresienwiese, von der eine Treppenanlage hinauf zur Bavaria gebaut wurde, von der aus man wieder über Stufen weiter zur Ruhmeshalle gelangt. SPRECHERIN Eine gestalterische Verknüpfung. MUSIK ENDE O-Ton 4 Marr (11:44) Also insofern ist auch ein geschicktes Miteinander und eine geschickte Wechselwirkung zwischen Statue einerseits und Ruhmeshalle geschaffen. Und das immer ausgerichtet auf den Besucher, der von der Theresienwiese aus kommt. Aber es war immer schon ausgerichtet auf die Besucher, die dann bei einem Fest auf der Wiese waren und das heißt mindestens einmal im Jahr mit dem Oktoberfest Blick hatten auf das Ensemble, auf das Denkmal. SPRECHERIN Die Bavaria selbst hatte in den ersten Entwürfen eine ganz andere Gestalt. SPRECHER König Ludwig I. vergötterte alles Griechische. ZITATOR 1 Ich will nicht eher ruhen, bis München aussieht wie Athen! SPRECHERIN Ein Isar-Athen! Wenig verwunderlich also, dass sich Leo von Klenzes ursprüngliche Bavaria, deren erster Entwurf bereits 1824 erstellt wurde, stark an griechischen Vorbildern ausrichtete. SPRECHER Die Bavaria des Erstentwurfes war eine griechische Amazone, im Chiton, - einer Art Tunika, mit Sandalen und einer mit bayerischen Rauten geschmückten Aegis, einem Brustpanzer mit Medusenhaupt. Dazu ein kleiner Löwe, eher ein zahmes Kätzchen zu ihren Füßen. Ungewöhnlich auch die viergesichtige Herme, also ein Pfeiler mit aufgesetztem Kopf, an den sie sich lehnt, und dessen vier Gesichter die Kunst und Wissenschaft, sowie die Staats- und Kriegsführung symbolisieren sollten. SPRECHERIN Nach der Beauftragung durch den König geriet die Bavaria in einem weiteren Entwurf gar zur "Athena Promachos" – der Schutzgöttin Athens mit Helm, Schild und Speer: Eine klassisch griechische Bavaria. SPRECHER Doch das Neue an Klenzes Entwurf: Indem er Motive verschiedener Herkunft mischt, erschafft er einen neuen Typ der bildlichen Darstellung für die Personifikation Bayerns. SPRECHERIN Und die Bavaria entwickelte sich weiter. Thorsten Marr: O-Ton 5 Marr (16:17) Und während des Planungs- und Konzeptionszeitraums wurde allmählich aus der griechischen Figur einer Siegesgöttin die germanische Siegesgöttin Bavaria in diesem Fall umgewandelt. SPRECHER Ein Wandel, der auf den Einfluss des Bildhauers Ludwig Schwanthaler zurückzuführen ist, den Ludwig I. zusammen mit den Erzgießern Johann Baptist Stiglmaier und Ferdinand von Miller hinzugezogen hatte. SPRECHERIN Mit der Antike hatte Schwanthaler nicht so viel am Hut. Er war Anhänger der romantischen Bewegung und gehörte mehreren Münchner Mittelalter-Zirkeln an, die für das „Vaterländische“ brannten. Fremdes, auch aus der Antike, war da wenig gelitten. Schwanthalers Vision und Klenzes klassizistisches Vorhaben widersprachen sich also. SPRECHER Aber ganz offensichtlich war genau das die Strategie des Königs: Ludwig I. ließ konträre Kunstauffassungen in dasselbe patriotische Projekt einfließen. ZITATOR 1 Ein Denkmal, das die zerstrittenen Lager unter dem Dach einer Nation eint. SPRECHERIN Diese Synthese der klassizistischen und der romantisch-gotischen Stilrichtung nennt man heute: ZITATOR 2 Romantischen Klassizismus SPRECHER Oder: ZITATOR 2 Ludovizianischen Stil. MUSIK „Bayerische Königs-Hymne“; ZEIT: 00:50 SPRECHERIN Die Bavaria wird eine Germania. Mit Bärenfell über dem bodenlangen Kleid und Eichenkranz im langen Haar. Und auch die strengen Gesichtszüge werden mädchenhafter. SPRECHER Dazu der Löwe als Symbol Bayerns, der zugleich als Zeichen der Kraft und Stärke seit jeher auf Herrscherportraits zu sehen ist. Das Schwert: ein allgemeines Symbol für Macht und Wehrhaftigkeit. SPRECHERIN Am wichtigsten aber: der Eichenkranz, den die Bavaria in der linken Hand hält. Im Verständnis der Zeitgenossen bezog sich der Eichenkranz speziell auf die bürgerlichen Tugenden. Dieser Kranz ist die Ehrengabe für all jene, deren Büsten im Inneren der Ruhmeshalle aufgestellt sind. MUSIK ENDE O-Ton 6 Marr (05:04) Man ehrt mit Büsten in der Ruhmeshalle diejenigen, die sich für Bayern verdient gemacht haben oder aber Bürger Bayerns sind. Also das Kurfürstentum zunächst oder des Königreichs. Und damit die Deutung der Ruhmeshalle mit der Bavaria in keinem Fall falsche Bahn läuft, sondern die Deutungshoheit beim König bleibt, hat der König im Grunde eine Inschrift auch in der Bavaria an der Tür hinterlassen. Und die ist für jeden Eintretenden gut sichtbar und gut lesbar: MUSIK Bayernhymne. Bearbeitet für Streicher; ZEIT: 00:25 ZITATOR 2 Als Anerkennung Bayerischen Verdienstes und Ruhmes ward diese Halle errichtet von Ludwig I. König von Bayern. Ihr Erfinder und Erbauer war Leo von Klenze. Begonnen den 15. Oktober 1843, vollendet, den 15. Oktober 1853. MUSIK ENDE SPRECHERIN Bildliche Darstellungen einer Frau, die Bayern symbolisiert, gibt es freilich schon lange Zeit vor der Entstehung der Ruhmeshalle und der Geburt der kolossalen germanischen Bavaria davor. MUSIK „Ave Maria“; ZEIT:01:55 SPRECHER Die Tellus Bavarica. Eine schon seit Jahrhunderten gebräuchliche Allegorie der „bayerischen Erde“. SPRECHERIN Der archetypischen Mutter Erde, der griechischen Gaia, entspricht in der römischen Mythologie die Gottheit Tellus. Von ihr leitet sich die Tellus Bavarica, die bayerische Mutter Erde ab. SPRECHER Sie ziert Wappen, Gemälde und Reliefs über Hauseingängen. Die Kuppel des zentralen „Dianatempels“ im Münchner Hofgarten zierte ursprünglich eine bronzene Statue der römischen Jagdgöttin Diana. Sie 1623 wurde sie zur Bavaria umgestaltet: Ihr Helm wurde zum Kurfürstenhut und der Ährenkranz in ihrer Hand durch einen Reichsapfel ergänzt. SPRECHERIN Im Kloster Fürstenzell bei Passau platzierte der österreichische Freskenmaler Bartolomeo Altomonte eine Bavaria im Zentrum des Deckenfreskos im Fürstensaal: Als Königin, die von einem Engel gekrönt wird, umgeben von Allegorien der Kirche, des Handels, der Landwirtschaft und der Künste. SPRECHER Ein Gemälde der Münchner Historienmalerin Marianne Kürzinger zeigt eine zarte mädchenhafte Bavaria in weiß-blauem Gewand, die sich an eine große, wehrhafte Amazonenkriegerin schmiegt: „Gallia schützt Bavaria.“ So der Titel. Das Bild stellt die Allianz von Bayern und Frankreich in jener Zeit dar. ZITATOR 2 Ich werde Bayern nicht nehmen, ich werde es verschlingen. SPRECHERIN Hat der Habsburger Kaiser Franz gedroht. Es gäbe eine Reihe weiterer Beispiele – doch in der öffentlichen Wahrnehmung wird die Bavaria heutzutage fast ausschließlich mit der monumentalen Statue auf der Theresienwiese identifiziert. MUSIK ENDE SPRECHER Und deren Vollendung war auch nach von Ihrer Majestät abgesegneten Entwürfen eine schwere Geburt. SPRECHERIN Eine Bronzefigur mit der enormen Größe von 18,52 Metern bedarf ausgefeilter Technik. Schon die Ausgestaltung der Figur durch Ludwig Schwanthaler dauerte ihre Zeit. Ebenso war der Aufwand in der Königlichen Erzgießerei an der Nymphenburger Straße enorm: O-Ton 7 Marr (21:42 Also dafür mussten dann zu Beginn der Vierzigerjahre zusätzliche Gebäude errichtet werden. Ein Gußhaus und schließlich sogar eine Holzhütte, in der die Bavaria im Format eins zu eins errichtet wurde. Das heißt, man brauchte keine flache Holzhütte, sondern brauchte einen Holzturm, der mindestens 18 Meter noch was hoch ist und darüber einen Dach noch hat. Und in diesem Holzhaus oder im Holzturm hat dann Schwanthaler 1840 folgende Jahre seine Gipsfigur geschaffen. Die Gipsfigur wurde dann wiederum 1843 in Einzelteile zerlegt, zwölf Einzelteile. Und von diesen Einzelteilen wurden dann Gussmodelle, also Modelle, von denen dann der Guss, der Bronzeguss gemacht werden konnte, gemacht. Und dann ergibt sich dann schon dass 1844 mit dem Gießen begonnen wurde und bis 1850 waren die Einzelteile gegossen und auch die Oberflächen bearbeitet. SPRECHERIN An den Ort der Herstellung erinnern heute noch die Münchner Erzgießereistraße sowie die parallele Sandstraße, an der die für den Guss notwendige Sandgrube lag. SPRECHER Parallel dazu lief der Bau der Ruhmeshalle. SPRECHERIN Wie alle Nationaldenkmäler wurden Bavaria und Ruhmeshalle aus der Privatschatulle des Königs finanziert. Als Ludwig 1848 unter Druck nach der „Affäre Lola Montez“ zu Gunsten seines Sohnes Maximilian abdankte, versprach Maximilian zwar, das Projekt zu vollenden. Er plante dafür aber lediglich ein Budget von 9000 Gulden pro Jahr ein. SPRECHER Viel zu wenig. Erst als der abgedankte König die Finanzierung wieder aus seiner Privatschatulle übernahm, konnte die Bavaria fertiggestellt werden. SPRECHERIN Zum Oktoberfest des Jahres 1850 – es wäre Ludwigs 25. Regierungsjahr gewesen - wurde die Bavaria am 9. Oktober feierlich enthüllt. MUSIK „Vorspiel zum 3. Akt aus Lohengrin“; ZEIT: 01:15 ZITATOR 1 Nero und ich sind die einzigen, die so Großes gemacht haben. SPRECHER Notierte sich der Monarch im Ruhestand. Das Fest geriet zur Huldigungsfeier für den abgedankten König – und für das, was er aus München gemacht hatte, der Stadt… ZITATOR 1 …die Teutschland so zur Ehre gereichen soll, dass keiner Teutschland kennt, wenn er nicht München gesehen hat. SPRECHERIN Selbstredend würdigten ihn die Künstler, die Ludwig so sehr gefördert und durch seine rege Bautätigkeit mit Aufträgen versorgt hatte, besonders: ZITATOR 2 Dank und Preis der Gegenwart, der Nachwelt, – Bavarias eh’rne Eichenkrone gebührt vor Allen König Ludwig dem Kunstbeschützer! SPRECHER Rief der für die Münchner Künstlerschaft sprechende Festredner Tischlein. SPRECHERIN Die Ruhmeshalle freilich war zu diesem Zeitpunkt noch nicht fertiggestellt. Darauf musste das Isar-Athen noch drei Jahre warten. Dabei ist sie mit der Bavaria nicht nur baulich, sondern auch gedanklich eng verbunden. MUSIK ENDE O-Ton Marr 8 (05:05) Man ehrt mit Büsten in der Ruhmeshalle diejenigen, die sich für Bayern verdient gemacht haben oder aber Bürger Bayerns sind, also des Kurfürstentums zunächst oder des Königreichs. (…) 06:25 Und sie werden zusammengefasst durch die gewaltige Figur, diese kolossale Statue der Bavaria. Sie ist gewissermaßen die Symbolfigur aller, die hier in der Ruhmeshalle versammelt sind. Insofern ist dann auch die Bedeutung der Bavaria immer auf die Personen bezogen, die in der Ruhmeshalle auch ausgestellt sind oder als Büsten wiedergegeben sind. SPRECHER Vorbildliche Bayern – so der Erziehungsgedanke Ludwigs I. -, die anspornen sollen, ihnen nachzueifern. Ein Leistungsprinzip visualisiert im Rahmen eines Denkmals. SPRECHERIN Büsten bayerischer, fast ausschließlich männlicher Vorbilder unter Obhut einer überlebensgroßen weiblichen Figur – diese Konstellation hat dazu geführt, dass die Bavaria als Mutterfigur wahrgenommen wurde. O-Ton 10 Kinseher W0304201 101 Griaß eich, I bin’s eier Mama! SPRECHERIN Also solche inkarnierte sich Mama Bavaria im Jahr 2010 in der Kabarettistin Luise Kinseher, die denen, die Bayern als Vorbilder lenken sollten, auf dem Nockherberg gehörig die Leviten las. O-Ton 11 Kinseher W0304201 101 Ich bin die Bavaria, und da bin i dahoam. O-Ton 12 Kinseher W0364024 101 Mei, Kinder! Wenn I eich so oschau, frag ich mich: Hob I als Mutter versagt? Ihr seid verwöhnt und verhätschelt, egoistisch und eingebildet. SPRECHER Bis 2018 hielt Kinseher als Bavaria, als erste Frau überhaupt, die Salvatorrede. MUSIK 7 Bayernlied. Bearbeitet für Streichquartett; ZEIT: 00:15 SPRECHERIN Wann, wo und in wem die Bavaria wohl in Zukunft inkarniert? MUSIK ENDE O-Ton 12 Marr (35:42) Was so ein bisschen in Vergessenheit geraten ist, ist, dass das Denkmal noch ein lebendes Denkmal ist. Es ist kein abgeschlossenes. Es werden noch heute Persönlichkeiten geehrt, die zum Wohle Bayerns gewirkt haben. Und der letzte, der die letzte Büste, die aufgestellt worden ist. Es ist gerade 15 Jahre her, so um den Dreh, das ist der Komponist Carl Orff also. Es ist kein Denkmal, was mit Ludwig I. dann in sich auch inhaltlich abgeschlossen und beendet ist, sondern es werden weit darüber hinaus Büsten aufgenommen, um diesen Gedanken Ruhmeshalle weiter auch mit Leben zu erfüllen. Und da sind eben auch seit den Jahren nach 45 auch Frauen dazugekommen, was in den Jahren davor eben nicht war. SPRECHERIN Die Schriftstellerin Lena Christ, die Schauspielerin Clara Ziegler, die Forschungsreisende Therese von Bayern und die Mathematikerin Emmy Noether. MUSIK 7 Bayernlied. Bearbeitet für Streichquartett; ZEIT: 01:10 Diese vier Frauen haben den Anfang gemacht. Doch wichtige weibliche Persönlichkeiten der bayerischen Geschichte gibt es noch viele mehr, die an die Seite des großen Sinnbilds Bavaria treten könnten, das Ludwig I. aufstellen und feierlich einweihen ließ. ZITATOR 2 Nachdem sämtliche Festwagen zu beiden Seiten der Tribüne im Halbkreis aufgestellt waren, fiel bei klarstem Herbsthimmel unter den Salven der Landwehr-Artillerie und den betäubenden Zurufen der zahllosen Menge die 70 Fuß hohe Bretterwand krachend nieder, und das erhabenste Bildnis glänzte zum ersten Mal vor den entzückten Blicken im lachendsten Herbstsonnenschein. Nie bisher hatte das Volk in solcher Menge den hohen Wert der Kunstschöpfung des Königs gefühlt oder gar anerkannt. König Ludwig aber sprach, auf's tiefste ergriffen, die denkwürdigen Worte: „Ich bin vierundsechzig Jahre alt, hab' viel des Schönen gesehen, so Schönes noch nie, hab' viel Freuden erlebt, doch solche Freude noch nie!“

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