Aufforstung in Afrika - Die grüne Mauer
08.07.2025 · 23 Min.
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Eine "Große Grüne Mauer" quer durch Afrika zu pflanzen, ist ein geradezu utopisches Projekt der Afrikanischen Union. Seit 2005 konnten trotz hoher Investitionen erst 15 Prozent verwirklicht werden. Dann haben die Macher umgedacht. Autorin: Bettina Rühl (BR 2021)
Credits
Autorin dieser Folge: Bettina Rühl
Regie: Sabine Kienhöfer
Technik: Robin Auld
Redaktion: Anne Kleinknecht
Im Interview:
- Hamoud Abdoulaye, Bauer, Niger
- Mahamoud Kader Goni, Bauer, Niger
- Elvis Tangem, AU-Kommission, Koordinator „Große Grüne Mauer“
- Tony Rinaud, alternativer Nobelpreisträger
- Constantin Zohner, Ökologe, ETH Zürich
- Marcus Lindner, leitender Wissenschaftler, Europäisches Forstinstitut Bonn
- Peter Maurer, Präsident IKRK
- Ibrahim Thiaw, Direktor UNCCD
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ERZÄHLERIN:
Trockene Blätter rascheln unter Hamoud Abdoulayes Füßen, der kräftige Wind bläht sein weißes, bodenlanges Gewand. Der Bauer geht über sein Feld im Südwesten von Niger. Der westafrikanische Staat liegt im Sahel, also in der trockenen Übergangszone zwischen der Wüste Sahara und der feuchten Savanne weiter südlich. Wer an den Anblick der fruchtbaren Böden in Deutschland gewöhnt ist, käme vermutlich nicht auf die Idee, dass die karge Fläche hier ein Feld ist: Das helle Erdreich ist trocken, die Erdkrume dünn, hier und da wachsen Bäume und Büsche - Arten wie Kalgo, Sabara oder Gao. Abdoulaye zeigt auf einen von ihnen:
OT 03 HAMOUD ABDOULAYE
ÜBERSETZER:
Ich kenne das genaue Alter aller Bäume auf meinem Feld, weil ich jeden einzelnen gesehen habe, als er aus dem Boden kam, und weil ich sie pflege. Der kleine hier ist zum Beispiel ein Jahr alt.
SPRECHERIN:
Abdoulaye hat erst 2018 angefangen, sich für Bäume zu interessieren und dafür zu sorgen, dass auch auf seinem Feld welche wachsen, neben der Hirse und den Kuhbohnen, die er vor allem anbaut. Die Not habe ihn zum Umdenken gezwungen, sagt der 67jährige Familienvater.
OT 04 HAMOUD ABDOULAYE
ÜBERSETZER:
Die Situation vorher hat mir und den anderen Bauern im Dorf große Angst gemacht. Es gab keinen Schatten mehr, an vielen Stellen unserer Felder kam nacktes Gestein durch, der Wind hatte die Erde abgetragen, die Böden waren fast unfruchtbar geworden. Überall war Staub. Dann kamen Leute von einem Entwicklungsprojekt und haben uns erklärt, welche Vorteile es hat, wenn wir Bäume auf unseren Feldern haben. Sie hatten Recht, wir erleben seitdem, wie viel die Bäume verändern.
REGIE:
Die ersten vier Sekunden der Musik unter dem Ende des O-Tons einblenden, so dass der erste Rhythmuswechsel frei, dann weiter unter dem Text
MUSIK
ERZÄHLERIN:
Abdoulaye ist einer von hunderttausenden Afrikanerinnen und Afrikanern, die dafür kämpfen, dass die trockene Sahelzone wieder grün wird. Ihr Engagement ist Teil eines geradezu utopischen Megaprojektes, das die Afrikanische Union 2007 auf den Weg gebracht hat: die Anpflanzung einer „Großen Grünen Mauer“ quer durch den Kontinent. Vom Senegal im Westen bis Dschibuti im Osten, also durch elf Länder der Sahara oder der Sahelzone.
Die „Große Grüne Mauer“ soll bis 2030 eine Fläche von 100 Millionen Hektar bedecken, etwa drei Mal die Größe Deutschlands.
REGIE:
nochmal kurz frei, dann am Anfang des O-Tons ausblenden
OT 05 ELVIS TANGEM
The Great Green Wall is one program that have really supported the whole idea of this UNCCD, which is the convention to combat desertification.
ÜBERSETZER:
Die Große Grüne Mauer ist ein Programm, das die UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung sehr unterstützt hat.
ERZÄHLERIN:
Elvis Tangem koordiniert das Projekt für die Kommission der Afrikanischen Union.
OT 06 ELVIS TANGEM
The whole vision about the Great Green Wall is about sustainability in the Sahel to ensure that those who are living in the drylands of Africa, which is about 55% to 60% of the entire continent can be able to stay, to develop in their natural environment.
ÜBERSETZER:
Bei der Großen Grünen Mauer geht es um Nachhaltigkeit in der Sahelzone. Wir wollen dadurch sicherstellen, dass die Menschen in den trockenen Gebieten Afrikas, die 55 bis 60 % Prozent des gesamten Kontinents ausmachen, in ihrer natürlichen Umgebung bleiben und sich dort weiterentwickeln können.
Musik: ARD Open Music Mystery Action Percussion Mix
ERZÄHLERIN:
Die Vision: Durch den Erhalt der Bodenfruchtbarkeit die Ernten verbessern und die Ernährung von mehreren Millionen Menschen sichern, die zu den ärmsten der Welt gehören. Außerdem 100 Millionen Jobs im ländlichen Raum schaffen. Das soll, so die Idee, vor allem jungen Menschen eine Alternative bieten zur Migration nach Europa.
REGIE:
Musik kurz frei als Zäsur, dann weiter unter dem Text
ERZÄHLERIN:
Der Klimawandel stand am Anfang nicht im Fokus der geplanten Mega-Baumpflanzaktion. Aber mit den Jahren wurde die Klimakrise auch in Afrika immer spürbarer. Unter anderem durch die steigende Zahl bewaffneter Konflikte um Wasser und fruchtbares Land, beides wird immer knapper. Das Projekt der „Großen Grünen Mauer“ gewann dadurch noch mehr an Bedeutung, sagt Elvis Tangem von der AU-Kommission:
OT 07 ELVIS TANGEM
Many countries have now understood that there was a clear link between climate change, land degradation, desertification, so, the survival of the countries.
ÜBERSETZER:
Viele Länder haben inzwischen verstanden, dass es einen klaren Zusammenhang zwischen Klimawandel, Bodendegradation, Wüstenbildung und dem Überleben in diesen Ländern gibt.
ERZÄHLERIN:
Das gigantische Aufforstungsprojekt soll helfen, CO2 in der Atmosphäre zu reduzieren.
Kritiker bemängeln allerdings die hohen Kosten des Projektes. Wie viel Geld genau bereits ausgegeben wurde, sei nicht ganz einfach zu berechnen, sagt Elvis Tangem: Weil es unterschiedliche Programmbereiche gibt und viele internationale Geber, außerdem die Investitionen der beteiligten afrikanischen Staaten selbst.
OT 08 ELVIS TANGEM
So, if we have to estimate all the funds that have been mobilized at the international level up to let’s say 2020, we were looking at almost like about 2 billion to 3 billion. And then, when you look at what has been mobilized locally, it’s also almost of equal amount, you know.
ÜBERSETZER:
Wenn wir schätzen wollen, wie viele Mittel auf internationaler Ebene bis 2020 mobilisiert worden sind, kommen wir auf etwa zwei bis drei Milliarden US-Dollar. Die beteiligten afrikanischen Staaten vor Ort haben zusätzlich fast noch einmal den gleichen Betrag aufgebracht.
ERZÄHLERIN:
Also insgesamt bis zu sechs Milliarden US-Dollar bis 2020. Im Frühjahr 2021 kam nochmal ein Vielfaches an finanziellen Zusagen hinzu:
OT 09 ELVIS TANGEM
When you look at the current rate of pledges and investment that is then pumped in as of January this year with the pledges and mobilization from the One Planet Summit which was about $19 something billion, which is, you know, it’s a huge amount of money that we are now grappling, and we’re putting in place the necessary structures and strategies on how we’re going to invest that money into ensuring impact, you know.
ÜBERSETZER:
An aktuellen Zusagen und Investitionen wurden seit Januar 2021 durch den „One Planet“ - Gipfel in Paris nochmal rund 19 Milliarden Dollar mobilisiert und in das Projekt gepumpt. Das ist eine riesige Menge Geld, die wir jetzt in die Hand nehmen. Wir sind dabei, die notwendigen Strukturen und Strategien zu schaffen um herauszufinden, wie wir dieses Geld investieren können, damit wir Wirkung erzielen.
ARD-Openmusic-Safari-part-2 Länge:
ERZÄHLERIN:
Genau da sehen Kritiker, beispielsweise Entwicklungsexperten, schon jetzt das Problem: in der Wirksamkeit des Projektes, vor allem angesichts der hohen Kosten. Das Ergebnis der bisherigen Investitionen in Milliardenhöhe sei enttäuschend. Noch nicht einmal aus den Worten von Moussa Faki Mahamat ist eine Erfolgsgeschichte herauszuhören, dabei ist er der Vorsitzende der AU-Kommission, also der oberste Verantwortliche des Projektes. Der Nachrichtenagentur Reuters sagte er Anfang 2021:
OT 10 MOUSSA FAKI MAHAMAT
années après le lancement de cette initiative, le rêve s’est quelque peu estompé. Seulement quatre million d’hectares de terre ont été aménagés sur les 100 millions prévus.
ÜBERSETZER:
Jahre nach dem Start dieser Initiative ist der Traum in gewisser Weise verblasst. Bis jetzt wurden nur vier Millionen von den geplanten 100 Millionen Hektar wieder fruchtbar gemacht.
ERZÄHLERIN:
Für die Geber war das ernüchternde Ergebnis allerdings kein Argument, weniger, sondern stattdessen sogar noch mehr Geld zu investieren. Dafür hatte auch AU-Kommissionspräsident Mahamat plädiert: Ohne eine weitere, bedeutsame Investition sei es unmöglich, die Ziele zu erreichen.
Eines der Hauptprobleme ist die geringe Überlebensrate der Setzlinge, räumt Tangem ein.
OT 11 ELVIS TANGEM
Most of the trees that are brought into the, brought from other areas, yes, the survivor rate over few months is very difficult because apart from the periodical lack of water, you also have, if you do like with animal browsing. So, sometimes you can have about 40% survival rate. Planting is easy, growing is the main thing.
ÜBERSETZER:
Von den Bäumen, die aus anderen Gebieten hierhergebracht wurden, überleben nicht genug die ersten Monate. Sie bekommen nicht ausreichend Wasser, außerdem werden sie von Tieren gefressen. Die Überlebensrate liegt deshalb manchmal nur bei etwa 40 Prozent. Das Pflanzen ist einfach. Es kommt aber darauf an, die Setzlinge groß zu kriegen.
ERZÄHLERIN:
Kritiker werfen den Initiatoren der spektakulären „Grünen Mauer“ durch Afrika denn auch vor, genau das nicht ausreichend bedacht zu haben: dass Aufforstung nicht nur bedeutet, Setzlinge in die Erde zu bringen.
Vielleicht noch schwerer wiegt der Vorwurf, für das Projekt werde viel zu viel Geld ausgegeben. Denn es gibt eine deutlich billigere und zudem noch erfolgreichere Methode, als Millionen von Setzlingen in die trockenen Regionen des Kontinents zu schaffen. Nämlich die Wurzeln der einheimischen Baumarten wieder austreiben zu lassen, die unter der baumlos wirkenden Oberfläche überdauern.
AT 02 Feld vorbereiten
ERZÄHLERIN:
Im Südwesten des Niger bereitet der Bauer Mahamoud Kader Goni sein Feld für die Aussaat vor: Die Regenzeit steht bevor, erste ergiebige Güsse waren deren Vorboten. Kader Goni arbeitet aufmerksam und konzentriert: Anders als früher, hackt er nicht einfach drauf los, sondern guckt genau hin, was ihm vor sein Feldwerkzeug kommt. Sind es die Triebe von Bäumen, arbeitet er sorgsam um sie herum. Der 66Jährige erklärt, worauf es ankommt.
OT 12 MAHAMOUD KADER GONI
ÜBERSETZER:
Das eine ist, dass ich überhaupt keine lebenden Äste mehr schlage. Wenn ich Holz brauche, sammele ich nur die toten Äste von meinem Feld. Das andere: Es gibt immer wieder kleine Triebe, die aus dem Boden kommen, die pflege ich. Wenn zum Beispiel viele Triebe dicht nebeneinander sprießen, suche ich drei oder vier von ihnen aus, die anderen entferne ich, damit sie sich nicht gegenseitig den Platz wegnehmen. Ich beschneide sie immer wieder, bis daraus ein großer Baum mit einem kräftigen Stamm geworden ist.
ERZÄHLERIN:
Damit habe er 2017 begonnen. Inzwischen möchte er die Bäume, die auf seinem Feld zwischen Hirse-, Bohnen- und Erdnusspflanzen wachsen, nicht mehr missen, beispielsweise den Gao-Baum, botanisch: Faidherbia oder Acacia Albida, eine Akazienart.
OT 13 MAHAMOUD KADER GONI
ÜBERSETZER:
Wir schützen die Bäume aus mehreren Gründen. Erstens spenden sie Schatten. Sie merken es ja selbst: Wir stehen gerade im Schatten eines Baumes und unterhalten uns. Ohne den Baum wäre die Hitze unerträglich. Zweitens regnet es da, wo Bäume sind. Drittens: Ohne die Bäume hat der Wind immer sehr viel Sand mitgebracht, meine Saat ist regelrecht versandet. Jetzt brechen die Bäume den Wind. Die toten Blätter, die auf den Boden fallen, decken die fruchtbare Krume ab und werden zu Dünger, wenn sie zerfallen.
ERZÄHLERIN:
Der Bauer Abdoulaye, der das Alter jedes Baumes auf seinem Feld kennt, arbeitet nach derselben Methode. Er gießt die kleinen Triebe sogar wenn es nicht regnet, damit sie nicht vertrocknen. Der Aufwand habe sich für ihn schon gelohnt, versichert Abdoulaye:
OT 14 HAMOUD ABDOULAYE
ÜBERSETZER:
Bevor ich damit angefangen habe, waren meine Ernten mager, weil mein Feld nicht mehr fruchtbar war. Jetzt ernte ich mehr.
ERZÄHLERIN:
Im Durchschnitt holt er vier- bis fünfmal so viel Hirse ein, wie vor dem Beginn der Aufforstung auf seinem Feld. Abdoulaye versichert, dass nicht nur sein Feld so viel fruchtbarer geworden sei, sondern die Flächen aller Bauern in seinem Dorf in der Region Tillabery im Südwesten Nigers.
ARD Open Music Solarwind
Er rät allerdings davon ab, die anderen Felder zu besuchen, weil sie weiter von der Landstraße entfernt sind – eine Fahrt dorthin sei gefährlicher. Denn die Sicherheitslage in Niger ist angespannt, was auch für die benachbarten Sahelstaaten gilt: Burkina Faso, Mali, Nigeria, Tschad. Überall sind islamistische Terrorgruppen aktiv, mit Verbindungen zum Al-Kaida-Netzwerk oder dem so genannten Islamischen Staat. Sie terrorisieren die Bevölkerung, verüben Anschläge auf die Sicherheitskräfte.
OT 15 HAMOUD ABDOULAYE
ÜBERSETZER:
Unser Dorf haben sie zum Glück noch nicht angegriffen, aber was wir hören, macht uns Angst.
ERZÄHLERIN:
Die islamistischen Terrorgruppen sind in der Region auch deshalb so erfolgreich, weil sie lokale Konflikte schüren - zum Beispiel um Ackerflächen, Weideland und Wasser. Konflikte, die wegen des hohen Bevölkerungswachstums, aber auch wegen der Klimakrise eskalieren: Fruchtbare Flächen werden immer knapper. Umso wichtiger ist es, degradierte Böden wieder nutzbar zu machen.
Musikende
Die Methode, nach der die beiden Bauern Mahamoud Kader Goni und Hamoud Aboulaye vorgehen, gehörte ursprünglich nicht zum Mega-Projekt der Afrikanischen Union. Sie wurde von dem australischen Agrarwissenschaftler Tony Rinaudo entwickelt - fast könnte man sagen: entdeckt. Beim Interview über eine Internetverbindung erzählt der Australier, wie es vor Jahren dazu kam.
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Wenn der Flusspegel steigt, können Polder die Wassermassen aufnehmen. Doch es gibt zu wenige - stattdessen zwängen Deiche die Flüsse ein. Mit mobilen Wänden versuchen Städte sich vor Hochwasser zu schützen. Von Renate Ell Credits Autorin dieser Folge: Renate Ell Regie: Kirsten Böttcher Es sprach: Rahel Comtesse Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Hellmuth Nordwig Im Interview: Dr. Albert Göttle, früherer Präsident des Bayerischen Landesamtes für Umwelt und des Bayerischen Landesamtes für Wasserwirtschaft Prof. Dr.-Ing. Arnd Hartlieb, Versuchsanstalt für Wasserbau und Wasserwirtschaft, Technische Universität München Prof. Dr.-Ing. i.R. Wolfgang Günthert, Forschungszentrum RISK, Universität der Bundeswehr München, Neubiberg Reinhard Riku Vogt, HochwasserKompetenz-Centrum e.V. Linktipps: IQ – Wissenschaft und Forschung Vor der Sturzflut JETZT ENTDECKEN Bayerisches Landesamt für Umwelt: Hochwasserschäden vorbeugen HIER TU München, Lehrstuhl für Wasserbau und Wasserwirtschaft HIER Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e.V HIER HochwasserKompetenzCentrum e.V.: Hochwasser-Pass für Immobilien HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN Das Wasser steigt. Überwindet die Ufer, kriecht die Straße entlang, erreicht das Grundstück. Jetzt bleibt nicht mehr viel Zeit, um zu handeln – schon dringen die ersten schlammigen Rinnsale durch die Kellerfenster ein, dann immer mehr. Und die Pegel steigen weiter! ATMO NOCHMAL HOCH Musik 2: Affected cities – 41 Sek ERZÄHLERIN Das könnte durch den Klimawandel in Zukunft öfter Realität werden, immer mehr Menschen treffen: Ein Tiefdruckgebiet bleibt sozusagen hängen über einer Region, und lässt mit wochenlangem Regen die Flüsse in einem großen Gebiet über die Ufer treten. Oder, ebenfalls in den nächsten Jahrzehnten häufiger zu befürchten: Extremwetterlagen mit so starkem Regen, dass Orte innnerhalb kurzer Zeit überschwemmt werden. Sturzfluten können Straßen in reißende Flüsse verwandeln. Aber zumindest wenn es bei Sachschäden bleibt, zeigt die Erfahrung: (1. ZUSP.) ALBERT GÖTTLE Der Eindruck von einem Hochwasser verbleibt nicht allzu lange, nach wenigen Jahren sind die Folgen mehr oder weniger beseitigt, und die Menschen haben es wieder aus dem Hinterkopf bekommen. ERZÄHLERIN Weiß Albert Göttle – Jahrzehnte lang in Bayern mit Hochwasser befasst, an der Technischen Universität München, im Landesamt für Wasserwirtschaft und später im Landesamt für Umwelt. Und deshalb gibt es einen idealen Zeitpunkt, den Hochwasserschutz zu verbessern, das zeigte sich nach dem Pfingst¬hochwasser 1999 im Allgäu. (2. ZUSP.) ALBERT GÖTTLE Diese damalige Situation war so brisant, man hat Krankenhäuser evakuieren müssen, man hat Gebäude, Industrieanlagen, Altersheime hat man räumen müssen, ich war in diesem Krisenstab und habe das alles hautnah erlebt, und anschließend war der Eindruck groß genug, dass es auch eine hohe Bereitschaft in allen Ebenen gegeben hat, und die Phasen, die wir anschließend erlebt haben, in anderen Standorten, die sind wesentlich schwieriger gewesen. ERZÄHLERIN Deshalb gelang es nur im Illertal, innerhalb weniger Jahre einen Polder zu bauen. Also eine große Ausweichfläche für Hochwasser in einer Flussaue. Das Wasser kann in die Breite gehen, der Pegel sinkt. (3. ZUSP.) ALBERT GÖTTLE Ein Problem bei den Flutpoldern: Man hilft nicht dem, der den Flutpolder auf seinem Gebiet bauen lässt, man hilft dem Unterlieger. ERZÄHLERIN Dafür müssen Landwirte ihre Flächen zur Verfügung stellen; nach einer Überschwemmung werden sie natürlich für eine verlorene Ernte entschädigt. Außerdem braucht man einige technische Einrichtungen, um das Wasser im richtigen Moment in den Polder zu leiten. Die Solidarität der Menschen im Illertal wurde allerdings schnell belohnt. (4. ZUSP.) ALBERT GÖTTLE 2005 wo man es wirklich brauchen konnte, wurde die Stadt Kempten durch die Nutzung dieses Flutpolders, das Abschöpfen der Hochwasserwelle, dann geschont. Musik 3: Black Ostsee (c) – 48 Sek ERZÄHLERIN Der Polder an der Iller war einer von vielen, die nach dem Hochwasser 1999 ins bayerischen „Aktionsprogramm 2020“ und später „2020 plus“ aufgenommen wurden , die meisten an der Donau. Dort dauerte es 20 Jahre, bis der erste Polder fertig war: bei Riedensheim, rund 30 Flusskilometer oberhalb von Ingolstadt. Alle anderen sind entweder im Bau oder sogar noch in der Planung. Vielerorts wehren sich Bürgerinitiativen gegen die Polder. Da heißt es dann auch manchmal: Warum hier so viel Geld ausgeben, warum unsere Wiesen und Äcker mit schlammigem Wasser überfluten lassen, „das bringt nur ein paar Zentimeter in Passau“. Aber: (5. ZUSP.) ARND HARTLIEB Die paar Zentimeter können entscheidend sein. ERZÄHLERIN Sagt Professor Arnd Hartlieb von der Versuchsanstalt für Wasserbau und Wasserwirtschaft der Technischen Universität München. (6. ZUSP.) ARND HARTLIEB Weil in den unterliegenden Städten wird natürlich dann der Hochwasserschutz auch so ausgelegt, dass er zusammenspielt mit den Flutpoldern. ERZÄHLERIN Etwa die Höhe von Deichen und Mauern am Ufer. Diesem geplanten Zusammenspiel liegen penible Berechnungen zugrunde, und natürlich Hochwasser-Daten über viele Jahrzehnte, teils sogar über hunderte Jahre. Diese Daten liefern die so genannte Bemessungsgrundlage: in Bayern wird der Schutz auf ein hundertjährliches Hochwasser ausgelegt. (7. ZUSP.) ARND HARTLIEB Das heißt, es tritt in jedem Jahr mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu 100 auf. Also: Sie haben in jedem Jahr die gleiche Wahrscheinlichkeit, dass es wieder auftritt. Selbst wenn jetzt ein Riesenereignis war, heißt es nicht jetzt haben wir die nächsten Jahrzehnte Ruhe; sondern das kann im nächsten Jahr wieder passieren. Musik 4: Black Ostsee – siehe oben – 25 Sek ERZÄHLERIN Die Versuchsanstalt der TU München, in der Arnd Hartlieb arbeitet, liegt idyllisch in der Nähe des Walchensees. Dort kann der Forscher mit Experimenten herausfinden, wie ein Polder oder ein Deich gestaltet sein muss, um seine Aufgabe optimal zu erfüllen. Computermodelle helfen ihm dabei. Aber in vielen Fällen genügt das nicht. (8. ZUSP.) ARND HARTLIEB Dann bauen wir die Landschaft nach, teilweise vereinfacht, teilweise in Ausschnitten im Freigelände, teilweise wirklich im Eins-zu-Eins-Maßstab, weil es auch durchaus Probleme gibt, die man eben nicht verkleinern kann, teilweise eben auch verkleinert, aber so, dass es nicht zu klein wird, dass wir diese Übertragung immer noch gegeben haben von dem Modellergebnissen dann auf die Realität. ERZÄHLERIN Auf diese Weise zeigt sich nicht nur, welche Fläche ein Polder haben muss, um die Hochwasserwelle flussabwärts um ein bestimmtes Maß zu senken. Sondern auch, wie das so genannte Einlassbauwerk gebaut und gesteuert werden muss. Das ist eine Art Tor in dem Deich, der sich zwischen Fluss und Polderfläche erstreckt. (9. ZUSP.) ARND HARTLIEB Das ist häufig auch eine Möglichkeit, um Kosten einzusparen, wir können ja da auch zum Beispiel dann mal eine Planung abspecken, weil man dann in den Modellversuchen merkt: So groß muss es gar nicht werden oder so kompliziert, weil es auch anders funktioniert. Wenn das nicht funktioniert, das Einfache, dann hat man den Nachweis: Wir brauchen die teurere, komplexere Lösung, damit es funktioniert. ERZÄHLERIN Auch der richtige Zeitpunkt, das Tor zu öffnen, den Polder zu fluten, ist Teil der Modelle. Neben dem Wasserstand im Fluss kann dabei die Wettervorhersagen eine Rolle spielen. Keinesfalls darf ein Polder zu früh geflutet werden – weil seine Wirkung verpufft, wenn die Spitze der Hochwasserwelle erst danach den Fluss entlang rollt. Und weil man auch nicht unnötig die Wiesen oder Äcker im Polder überfluten will. (10. ZUSP.) ARND HARTLIEB Im einen Fall kann es sinnvoll sein, schon zu fluten, weil man jetzt weiß: Bei dem Wasserstand und im Abfluss habe ich annähernd schon die Spitze erreicht, und ich muss schon entlasten. Aber wenn ich weiß, es kommt noch mehr, dann würde ich das Bauwerk wahrscheinlich eher erst noch weniger aufmachen. Musik 5: Conspiracy – 1:14 Min ERZÄHLERIN Aus der Wasserwirtschaft kam vor einigen Jahren die Idee einer simplen und preiswerten Alternative zu einem aufwendigen Stahl-Tor zwischen Deich und Polder, die Arnd Hartlieb auch auf die Probe gestellt hat. Auf einer längeren Strecke wird ein Betonsockel gebaut, der etwas niedriger ist als der Deich. Darauf liegt ein Aufsatz aus Sand und Kies, der auf der gleichen Höhe endet wie der Deich. Damit hat der Deich eine geplante Schwachstelle – Fachleute nennen sie „erodierbare Überlaufstrecke“. Ein Film der Modell-Experimente zeigt, wie das steigende Wasser erst langsam in diesen Aufsatz einsickert – und dann plötzlich Wasser, Sand und Kies in einem Schwung den Betonsockel hinab in den Polder rauschen. Dadurch sinkt der Wasserstand im Fluss sehr schnell. Eine solche Konstruktion wird an der Donau bei Straubing gebaut. Entscheidend ist die passende Kombination von Sand und Kies, die Arndt Hartlieb in Experimenten ermittelt hat: Sie soll halten, solange das Wasser noch niedrig steht. (11. ZUSP.) ARND HARTLIEB Ich kann dann eigentlich sehr gut vorhersagen, wann dieser große Abfluss dann auf 90 Meter Breite zum Beispiel in diesen Flutpolder fließt. Wenn ich das mit einem gesteuerten Einlass-Bauwerk haben wollte, dann müsste das sehr, sehr groß sein und sehr, sehr breit und sehr, sehr teuer. ERZÄHLERIN Polder werden in Bayern vor allem an der Donau gebaut, einer am Main und demnächst auch einer am Inn. Dort, das haben Experimente mit einem nachgebauten Flussbett gezeigt, braucht man ein vergleichsweise kleines Überflutungsgebiet, weil man im Fluss selbst Platz schaffen kann für zusätzliches Wasser. Denn vor den Stauwehren der Wasserkraftwerke sammelt sich im Lauf der Zeit an der Sohle des Flussbetts Sand und Geröll aus den Alpen an. Bei Hochwasser werden die Stauwehre geöffnet. (12. ZUSP.) ARND HARTLIEB Dann hat man plötzlich viel höhere Geschwindigkeiten in Stauräumen, und sehr, sehr viel Sohlmaterial kommt in Bewegung, wird weiter transportiert, und die Sohle sinkt stark ab. Und damit entsteht eben dann Volumen im Hochwasserfall, da bleibt mehr Wasser im Inn, als wenn ich jetzt von dieser Sohle im normalen Betriebszustand ausgehen würde. ATMOS Wiese + Fluss ERZÄHLERIN An kleineren Flüssen braucht man keine aufwändigen Polder, um das Hochwasser erstmal in die Breite gehen zu lassen und damit die Welle flussabwärts zu kappen. Einfacher ist es, den Fluss bei Hochwasser dort aufzustauen, wo sich das Wasser in Auwiesen verteilen kann. Ein solches Hochwasser-Rückhaltebecken gibt es etwa an der Paar südlich von Augsburg. Dazu wird ein unauffälliges Stauwehr in den Fluss gebaut. (13. Zusp.) Arnd Hartlieb Bis zu einem gewissen Hochwasserabfluss fließt einfach das Gewässer weiterhin fröhlich durch die Landschaft, und erst, wenn eben ein bestimmter Abfluss erreicht wird, den die Unterlieger nicht mehr verkraften können, beginnt dann automatisch eine Drosselung, und da entsteht dann eben ein sehr großflächiger See, der allerdings relativ geringe Wassertiefen hat. Musik 6: Aortic... aus: The Knick - Original Series Soundtrack – 25 Sek ERZÄHLERIN Immer wieder wird auch die Renaturierung von Flussauen gefordert, um dem Hochwasser Raum zu verschaffen. Arnd Hartlieb hat die Wirkung solcher Maßnahmen an der Donau untersucht, mithilfe rund 200 Jahre alter Landkarten und einem Computermodell. So konnte er das gleiche Hochwasser einmal durch die historische Landschaft schicken und einmal durch die heutige. (14. ZUSP.) ARND HARTLIEB Da kann man dann halt wirklich nachweisen, dass gerade bei diesen großen Hochwasserabflüssen sich gar nicht viel verändert, was Wasserstände und auch Zeitpunkte der Hochwasser Spitze sozusagen angeht, dass aber bei kleineren Hochwasserabflüssen diese Renaturierung schon einen deutlichen Effekt hat und eine Verbesserung bringt. ERZÄHLERIN Ist ein Fluss renaturiert, werden Polder also nur bei großen Hochwassern gebraucht – und an vielen Stellen ist auch ein Deich nötig, der Siedlungen und Infrastruktur schützt. In Stadtzentren stehen oft Mauern am Flussufer. Aber deren Höhe sind gestalterische Grenzen gesetzt. Und es gibt Extremsituationen, für die kein Deich, keine Mauer hoch genug sein kann. Etwa wenn im Winter Dauerregen und Schneeschmelze auf einen bereits wassergesättigten Boden treffen. Dann kommt die große Stunde des mobilen Hochwasserschutzes. Der Klassiker: Sandsäcke. (15. ZUSP.) RIKU REINHARD VOGT Sandsäcke sind für mich Steinzeit. ERZÄHLERIN Sagt Riku Reinhard Vogt vom Hochwasser-Kompetenz-Centrum, einem gemeinnützigen Verein; bis 2014 war er für den Hochwasser-Schutz der Stadt Köln verantwortlich. (16. ZUSP.) RIKU REINHARD VOGT Man brauche so viele Leute dafür. Das Ganze ist meistens undicht. Die sind nachher kontaminiert, sie sind nicht wiederverwendbar. ERZÄHLERIN Sandsäcke eignen sich, um schnell einen Deich zu flicken, aus dem das Hochwasser Stücke herausgerissen hat. Aber um etwa eine Siedlung zu schützen, auf die das Wasser zuströmt, gibt es bessere Systeme. Zum Beispiel riesige Schläuche. Die Feuerwehr befüllt sie am Einsatzort mit Wasser; sie hat Pumpen, mit denen das sehr schnell geht. (17. ZUSP.) RIKU REINHARD VOGT Und hat dann den Hochwasserschutz meistens bis zu einer Höhe von einem Meter, aber es gibt auch Systeme, wo mehrere Schläuche übereinander sind die also auch ohne weiteres drei Meter Höhe schaffen. ERZÄHLERIN Viel simpler und deshalb für Privathaushalte geeignet sind L-förmige Elemente, die man in einer Reihe nebeneinander aufstellen kann. Der kurze Schenkel am Boden zeigt in die Richtung, aus der das Hochwasser kommt und wird dann vom steigenden Wasser nach unten gedrückt, so steht die Wand stabil. Schnell aufgebaut ist auch ein Baukastensystem aus Europaletten oder anderen Platten, die mit Stützen aufrecht gestellt werden, plus einer kräftigen Folie. (18. ZUSP.) RIKU REINHARD VOGT Die Folie wird dann in den Rasen kurz mit einem Spaten hineingebracht, sodass da die Verbindung da ist, und diese Platten Systeme haben wir zum Beispiel 600 Meter in viereinhalb Stunden aufgebaut. Für 600 Meter braucht man 60.000 Sandsäcke, die hat man nicht in vier Stunden gefüllt, und die sind auch nicht so wirksam. ERZÄHLERIN Beliebt in hochwassergefährdeten Gemeinden sind so genannte Dammbalken-Wände, die man sich wie hochkant gestelltes Parkett vorstellen kann. Wobei die einzelnen Balken aus Aluminium bestehen, mit einer Gummidichtung. Damit lassen sich schnell enge Durchlässe schließen oder Mauern erhöhen – vorausgesetzt, man hat vorher entsprechende Halterungen für die Stützen und Wandanschlüsse installiert. Das erfordert also Planung und verursacht Kosten in trockenen Zeiten. (19. ZUSP.) RIKU REINHARD VOGT Mobiler Hochwasserschutz ist eine Investition, auch wenn sie sich auf Dauer rechnet. Aber keiner weiß natürlich, wann das nächste Hochwasser ist. Musik 7: Conspiracy – siehe oben – 29 Sek ERZÄHLERIN Riku Reinhard Vogt berät Städte und Gemeinden in ganz Deutschland im Auftrag der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall. Er schaut sich an, wie gut sie auf Hochwasser vorbereitet sind und was sie verbessern können. Wie sieht der Bebauungsplan aus, welche Infrastruktur ist gefährdet? Hat die Gemeinde Alarmpläne und Gefahrenkarten? Wie sieht die Öffentlichkeitsarbeit aus? (20. ZUSP.) RIKU REINHARD VOGT Ich schlage immer wieder vor: Warum macht ihr nicht einfach an Laternenpfählen eine Marke für ein Extremhochwasser, so hoch kann es stehen, dann kann kein Mensch jemals sagen, er hat es nicht gewusst. Und jeder sich darauf vorbereiten. Musik 8: Black Ostsee – siehe oben – 22 Sek ERZÄHLERIN In Bayern fördert das Landesamt für Umwelt diese so genannten Hochwasser-Audits. Und das Hochwasser-Kompetenz-Centrum, bietet etwas ähnliches für Privatleute und Firmen an, den Hochwasser-Pass, der auch als Gutachten für eine Elementarschaden-Versicherung anerkannt wird. ATMO GEWITTER + STARKREGEN ERZÄHLERIN Wer sich aber jetzt zurücklehnt und meint, ich wohne weit weg von einem Fluss oder Bach – mich kann es nicht treffen – liegt falsch: (21. ZUSP.) WOLFGANG GÜNTHERT Starkregen ist etwas, was kurzzeitig innerhalb von Stunden passiert, ist eine Überflutung direkt vor Ort, und dann kann es jeden Ort treffen. ATMO Kanalisation ERZÄHLERIN Warnt Professor Wolfgang Günthert vom Forschungszentrum RISK der Universität der Bundeswehr München. Weil immer mehr Flächen versiegelt sind, fließt das Wasser auf Straßen oder Feldwegen in die Orte. (ATMO Unterwasser) Und dort erstmal in den Kanal unter der Straße. (22. ZUSP.) WOLFGANG GÜNTHERT Man sagt, der Kanal nimmt üblicherweise ein seltenes Ereignis auf, was so alle drei bis fünf Jahre eintritt. Uns bei einem zehnjährigen, 15-jährigen Ereignis fließt es oben aus dem Kanaldeckel raus. ERZÄHLERIN Und von dort womöglich in den nächsten Keller. Starkregen werden durch den Klimawandel häufiger, deshalb versuchen einige Städte inzwischen, das Wasser an der Oberfläche in bestimmte Bahnen zu lenken; etwa auf einer Straße in einen Park, wo es versickern kann. Für solche Konzepte gibt es das griffige Schlagwort „Schwammstadt“. (23. ZUSP.) WOLFGANG GÜNTHERT Im Baugesetzbuch gibt es schon Vorgaben für die Bauleitplanung, dass Niederschlagswasser möglichst vor Ort wieder versickert werden soll, das steht da ganz klar drin. Auch im Wassergesetz steht es drin. Niederschlags¬wasser soll möglichst versickert werden. ERZÄHLERIN Um Schäden zu vermeiden und um das Grundwasser wieder aufzufüllen, das durch einige sehr trockene Jahre stark abgesunken ist. Aber Wolfgang Günthert sagt auch: Die Gemeinden sind nicht allein dafür zuständig, die Habe ihrer Bürgerinnen und Bürger vor Wasser zu schützen. (24. ZUSP.) WOLFGANG GÜNTERT Das erste ist, dass man in den Keller geht und schaut: Habe ich unwieder¬bringliche Dinge im Keller und die sofort aus dem Keller entfernen, nach oben bringen. Das zweite ist, im Keller zu schauen: Habe ich eine Rückstau¬sicherung vom Kanal. Wenn ich Starkregen habe, ist der Kanal ja bis zur Straßenoberkante voll, und wenn die Rückstausicherung bei mir im Haus nicht funktioniert, dann flute ich meine eigenen Keller. Und das ist etwas, da bin ich selbst verantwortlich, das wissen viele nicht. Und das dritte ist, was ich auch jedem rate: eine Elementarschadenversicherung zu haben. MUSIK 9: BLACK OSTSEE – S.O. – 35 SEK ERZÄHLERIN Alle sollten sich also Gedanken darüber machen, wie sie sich vor Wasser schützen können. Aber vieles bleibt doch die Aufgabe von Kommunen oder dem Land – vor allem die Genehmigung großer Bauprojekte an Flüssen. Nur Polder, Deiche oder Mauern können Siedlungen, Industrieanlagen und Infrastruktur vor starkem Hochwasser in Flüssen bewahren. Viele dieser Baumaßnahmen wurden in Bayern nach großen Hochwassern geplant, etwa 1999 oder 2013 – und kamen dann ins Stocken. In den letzten Jahren zum Teil aufgrund steigender Baukosten. (25. ZUSP.) ALBERT GÖTTLE Und die Bürgerbeteiligung kann sich ein Jahrzehnt oder länger hinziehen, ERZÄHLERIN weiß Albert Göttle, der Jahrzehnte lang für Hochwasser-Themen verantwortlich war. In den Debatten geht es etwa um die Befürchtung, dass, wenn ein Polder geöffnet wird, auch die Keller in benachbarten Wohngebieten voll laufen. Und die Grundbesitzer müssen überzeugt und ihre Entschädigung im Überflutungs-Fall geregelt werden. Dafür sind die Wasserwirtschaftsämter zuständig – die aber im Zuge der Entbürokratisierung in Bayern verkleinert oder zusammengelegt wurden. Viele Arbeiten mussten Ingenieurbüros übernehmen. Keine optimale Lösung, findet der Fachmann: (26. ZUSP.) ALBERT GÖTTLE Die Ingenieurarbeit, die kann man auslagern. Aber zu wissen, was geplant werden muss, die Moderation zum Beispiel mit den Kommunen, wir haben dies und jenes Konzept: So etwas kann ein Ingenieurbüro bedingt machen. Eine Fachbehörde hat einen ganz anderen Zugang zu den Kommunen, weil sie in vieler Hinsicht – Trinkwasserversorgung, Abwasserbeseitigung und so weiter – Partner der Kommune ist. Und diese Planungsleistung, Vorplanungsleistung, die wurde erschwert, indem man gutes Personal nicht erneuern konnte, wenn sie ausgeschieden sind, oder nicht so erneuern konnte, wie man es gebraucht hätte. ERZÄHLERIN Behörden sind auch gefragt, wenn es darum geht, gesetzliche Regelungen umzusetzen. (27. ZUSP.) ALBERT GÖTTLE Durch eine EU-Vorschrift ist es auch Pflicht, dass alle Länder in der EU sogenannte Hochwasserrisiko-Managementpläne machen. ERZÄHLERIN In Bayern findet man die Pläne auf den Webseiten des Landesamtes für Umwelt – einschließlich der wichtigen Gefahrenkarten. Die deutlich zeigen, welche Orte zu stark gefährdet sind, um dort ein neues Bau- oder Gewerbegebiet zu errichten. Was heute auch durch das Wasser-Haushaltsgesetz verboten ist. Früher war das anders. (28. ZUSP.) ALBERT GÖTTLE In Überschwemmungsgebieten wurden Siedlungen errichtet in den 60er 70er-Jahren, es gab Landratsämter, die waren so geführt von ihrem Landrat, dass man manches durchgewunken hat gegen den fachlichen Rat der Wasserwirtschaft, später kam dann die Wahrheit, und dann war Wehklagen und dann Ruf nach Entschädigung. Die Objekte, die im Hochwassergebiet wissentlich hineingebaut werden, sind weniger geworden, weil die Rechtsnormen, die man heute erfüllen muss und die lokale Entscheidungs-Kompetenz ein Stück verändert ist. ERZÄHLERIN Auch der Einspruch eines Wasserwirtschaftsamts hat heute mehr Gewicht. Damit nicht noch mehr Flächen versiegelt, einem Fluss nicht noch mehr Platz genommen wird für Hochwasser. Zum Schaden der Menschen flussabwärts. MUSIK 10: BLACK OSTSEE – SIEHE OBEN – 41 SEK ERZÄHLERIN Hochwasserschutz – das sind große Bauwerke wie Deiche und Polder; kleinere wie ein Stauwehr oder eine Mauer; oder mobile Barrieren. Hochwasserschutz ist aber auch: Nicht zu bauen – im Überschwemmungsgebiet eines Flusses. Flächensparsam zu bauen, um nicht noch mehr Boden zu versiegeln. Hochwasserschutz ist: Forschen und Experimentieren, planen und debattieren, um die optimale Lösung für den jeweiligen Ort zu finden. Und es ist auch: Solidarität mit den Menschen, die im Nachbarort leben, oder weit flussabwärts. MUSIK 11: TRUTH DEVELOPMENT INC – 46 SEK Von den sieben Poldern die nach dem Pfingsthochwasser 1999 geplant wurden, sollten sechs an der Donau entstehen – bis heute gibt es dort nur einen. Die Menschen in Regensburg oder Passau können nur hoffen, dass die anderen fertig werden, bevor das nächste Hochwasser kommt. Kempten hingegen hatte die Solidarität der Menschen flussaufwärts im Illertal: Dort wurde innerhalb weniger Jahre ein Polder gebaut – als die Eindrücke vom Pfingsthochwasser 1999 noch frisch waren. Solidarität und schnelles Handeln – das sind also wichtige Erfolgsfaktoren für den Hochwasserschutz.
- Die Geschichte der Bergretter - Helden und Heldinnen der Alpen
07.07.2025 · 23 Min.
Standen dem Bergretter vor 100 Jahren lediglich Seil, Pickel und pure Körperkraft zur Verfügung, so kann er sich heute zahlloser technischer Entwicklungen bedienen. Dennoch: Ein alpiner Rettungseinsatz bedarf einer gehörigen Portion Handarbeit und Geschick. Und: Der technische Fortschritt ist nicht immer nur ein Segen! Von Markus Mähner (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Markus Mähner Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Caroline Ebner, Jennifer Güzel, Friedrich Schloffer Technik: Laura Picerno Redaktion: Hellmuth Nordwig Im Interview: Robert Zimmermann, Bergwacht Steingaden-Peiting Roland Ampenberger, Bergwacht Bayern Spannende Beiträge zu diesem Thema: BR BERGE: Mehr Storys, Infos & Tipps vom Berg: Der Instagram-Kanal von BR Berge. Einfach abspeichern und rausgehen! https://www.instagram.com/br_berge/ Bergwacht Bayern HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN 2 Es ist der 12. November 2023. 16 Uhr. Bei der Leitstelle der Bergwacht Bayern geht ein Hilferuf ein: Vier Bergsteiger sind am ausgesetzten Gjaidsteig im Karwendel in einen Schneesturm geraten und kommen weder vor noch zurück. Bereits eine halbe Stunde später stapfen 7 Bergwachtler den verschneiten Gjaidsteig entlang. Alles Ehrenamtliche. GERÄUSCH Hallentür öffnen SPRECHERIN So wie Robert Zimmermann. ROBERT 1 Wir sind jetzt hier in der Bergrettungswache Steingaden. Das ist eben unsere Garage, in der wir die Fahrzeuge deponiert haben und unsere Ausrüstung zwischengelagert ist. SPRECHERIN Robert Zimmermann ist Mitglied der Bergwacht Steingaden-Peiting. Schon als Jugendlicher gerne in den Ammergauer Bergen unterwegs, stieß er einmal mit einem Freund nach einer Klettertour am Geiselstein - im Bergmassiv zwischen Schloss Linderhof und Schloss Neuschwanstein gelegen - auf ein paar Ehrenamtliche der Bergwacht: ROBERT 2 Wir waren eben am Geiselstein klettern, sind auf dem Runterweg an der Kenzenhütte vorbeikommen. Die Bergwachtler waren dagesessen und man hat mit denen halt geratscht: Und? Was ist bei euch so alles los? Und dann hat es geheißen: man würde mal wieder Anwärter brauchen. Wie schaut es aus: Du bist doch einer, der geht in´n Berg. Und ja, eigentlich: Warum nicht? Ich war früher mal bei der Feuerwehr - vielleicht ist da auch so ein gewisses Helfersyndrom. Und dann habe ich gesagt: ja ich schaue mir das gerne mal an! Und dann war eben zwei Jahre lang Ausbildung, bei der du ja dann als Anwärter mit dabei bist. Du darfst noch keine Einsätze machen. Dann habe ich natürlich die ganze Ausbildung mitgemacht und dann die Sommer- und die Winterprüfung absolviert. SPRECHERIN In dieser Ausbildung lernen die Bergwachtanwärter den Umgang mit den technischen Hilfsmitteln, diverse Abseiltechniken, und sie bekommen eine notfallmedizinische Ausbildung, so wie Rettungssanitäter. Was Robert neben der Bergbegeisterung mitbringen musste, war natürlich auch dass er sich im schwierigen Gelände sicher bewegen kann und im Bedarfsfall sogar klettern. Und: Ja, auch den Wunsch Menschen helfen zu können. Roland Ampenberger, Sprecher der Bergwacht Bayern: AMPENBERGER 1 Grundsätzlich: Bergrettung ist Solidarität von Menschen in einer vermeintlich lebensfeindlichen Umgebung, die die Berge ein Stück weit darstellen. Und in sofern glaube ich, gab es das schon immer, dass man sich beisteht in so einer Umgebung. Musik 2: Zeitloser Duft 37 Sek SPRECHERIN Bereits im 12.Jahrhundert gründeten auf dem großen St. Bernhard-Pass auf knapp 2500 Meter Höhe Augustiner-Chorherrn ein Hospiz, das nicht nur Reisenden eine Schutzunterkunft versprach. Die Ordensbrüder kamen auch Jahrhunderte lang Erschöpften, Verletzten und Verirrten zu Hilfe. Ihnen gehörte auch einer der berühmtesten Bergretter der Geschichte an: Der Lawinenhund Barry, ein Bernhardiner, der um das Jahr 1800 im Hospiz seine Ausbildung bekam und über 40 Menschen das Leben rettete. Musik 3: The Berensen Lectures 1:06 min Im 19.Jahrhundert ging es dann richtig los mit dem Tourismus im Alpenraum. Das ungebremste Gipfelsammeln der ausschließlich wohlhabenden - und meist britischen - Abenteurer erhielt 1865 einen Dämpfer als während der Erstbesteigung des Matterhorns vier Alpinisten zu Tode stürzten. Woraufhin Queen Victoria verlautbaren ließ: Man solle doch endlich mit dem Wahnsinn in den Bergen aufhören! Sie erwog sogar alpinistische Expeditionen zu verbieten. Dazu kam es zwar nicht, doch die Tragödie am Matterhorn hat den Alpinisten erst klar gemacht, wie gefährlich die Berge sein können. 20 Jahre später, 1885, erließen die Alpenvereine die sogenannte "Hilfsverpflichtung der Bergführer im Alpenraum" - was heute als die Geburtsstunde des organisierten Bergrettungswesens angesehen wird. AMPENBERGER 2 Die einzige Institutionalisierung waren die Bergführerbüros vor Ort, und die wurden tatsächlich dann eben verpflichtet, wenn sie nicht geführt haben, wenn eine Alarmierung, eine Meldung, eingegangen ist, dass Hilfe notwendig ist, dann auch zu gehen. Die wurden auch dafür bezahlt, muss man sagen. Also da gab es dann aber tatsächlich schon so eine hohe Erwartungshaltung - das lässt sich ein Stück weit nachlesen - dass man erwartet hat: Ok, wenn der mit Gästen am Berg unterwegs ist und er bekommt Kenntnis eines Notfalls, dann muss er seine Gäste ins Tal runter schicken, sobald es möglich ist, und muss dann zur Hilfe eilen am Berg an anderer Stelle. Musik 4: Signatur Folge 1 23 Sek SPRECHERIN Doch wie bekommen die Bergretter überhaupt mit, dass etwas passiert ist? Klar: Heute ist das Handy immer dabei und meistens setzt der Verunglückte einfach selbst einen Notruf ab - sofern er Empfang hat! Das ist in den Alpen aber längst nicht immer der Fall. Als noch die Bergführer für die Rettung zuständig waren sah dies ganz anders aus. AMPENBERGER 3 ((Das war natürlich das Hauptthema. Wie bekommt man überhaupt einen Notruf dorthin abgesetzt, wo er dann auch weiterverarbeitet werden kann? Und)) da waren diese alpinen Meldestellen, das war das zentrale strukturierte Element, das der Alpenverein aufgebaut hat an den Hütten dorten. Sieht man auch heute manchmal noch an verschiedenen Hütten: so kleine Schilde, da steht dann drauf: Alpine Meldestelle. Das waren eben Orte, die dann auch über ein Telefon verfügt haben, um dann auch die Nachricht weiterzugeben an des Bergführerbüro eben oder im Tal an eine Institution zu sagen: Hier ist ein Hilfebedarf und man muss eine Rettungsmannschaft eben aufbieten. SPRECHERIN Von den technischen Möglichkeiten, die heute den Bergrettern zur Verfügung stehen, konnte eine Rettungsmannschaft früher nur träumen. Konkret sieht man das in der Bergrettungswache Steingaden. Robert Zimmermann: ROBERT 3 Der Einsatzleiter, der den Einsatz dann eben übernimmt von der Rettungsleitstelle, der positioniert sich hier: hat dann eben Funkgeräte, die er einschalten kann und dementsprechend auch zum Beispiel mit Weilheim als Rettungsleitstelle Oberland oder mit der Leitstelle Kempten für das Allgäu kommuniziert. Dann haben wir hier zwei Bildschirme, die an einen Rechner angeschlossen sind, der entsprechende Software draufhaut wie Kartenmaterial, Wetterberichte. Dann natürlich auch Ortung mittlerweile über die Handys: Wär so eine Option, dass man Patienten da orten können, wenn er jetzt nicht genau weiß, wo er ist, dass man zumindest dann über Koordinaten rausfinden kann: Also da müsste er eigentlich sein. ((Und ansonsten gibt es halt hier mit der Karte im Hintergrund auch mal abzustecken: Machen wir zum Beispiel so ein Szenario einer Vermisstensuche: dass man halt dann wirklich hergehen und sagen kann: so okay, da in dem Bereich haben wir schon mal gesucht. Da waren jetzt drei, vier Leute unterwegs, dann deckt man mal die drei, vier Wege noch ab. Die Karten sind so ausgestattet, dass man mit dem Filzstift kurz darauf malen kann und einfach mal sich ganz klassisch analog einen Überblick gestaltet. Und das ist natürlich dann immer recht hilfreich, um das zu koordinieren.)) Musik 5: Frozen Landscapes – siehe oben – 50 Sek + Atmo Sturm SPRECHERIN 2 (darüber) Zurück zum Gjaidsteig. Inzwischen ist es 7 Uhr abends und bereits dunkel geworden. Da erkennen die Kräfte der Bergwacht Licht und hören Hilferufe. Sie haben die Eingeschneiten entdeckt! Doch das Gelände und der hohe Schnee lassen kein Durchkommen zu. Lawinenmassen donnern die mächtigen Nordwände der Raffelspitze herab. Ein Weitergehen wäre zu riskant. Um 20:15 kehren die Bergwacht-Helfer um und alarmieren die Kollegen aus Tirol, die es nun, zu zwölft, von der anderen Seite versuchen. Ebenso erfolglos. Die vier Bergsteiger müssen während der Nacht ausharren. Die Bergwacht gibt ihnen über Handy Hilfestellung, wie sie ein Notlager einrichten können. SPRECHERIN Zog die Rettungsmannschaft früher noch zu Fuß, lediglich mit Seil und Pickel los, so stehen Robert und seinen Kollegen heute gleich mehrere Fahrzeuge zur Verfügung - vollgepackt mit Equipment. ROBERT 4 Also zum einen sieht man jetzt hier das Fahrzeug mit einem besonderen Aufbau, dass wir eben auch einen Patienten transportieren können. Wir haben eine Gebirgstrage drin, wir haben entsprechend Bergsäcke drin. Wir haben natürlich das ganze Arztequipment, Notfallausrüstung sozusagen, auch mit dabei. Und ja: Wenn es dann losgeht, geht es halt rein ins Fahrzeug. Wenn man jetzt ins Auto einsteigt, dann schalte ich gleich wieder den Funk mit dazu. Wenn es ganz brisant ist, haben wir auch Blaulicht und Martinshorn, das dann eingeschaltet wird, um dann wirklich möglichst schnell zum Patienten zu gelangen. Da ist zum Beispiel jetzt wirklich dieser große Rucksack, der ein paar Kilo hat und dem Arzt-Rucksack entspricht. Der ist auch von unseren Gerätewarten so vorbereitet, dass man sofort nachschauen kann, was drin ist. Weil wir so Listen haben, die dann entsprechend mit hinterlegt sind. Wenn man ihn also gebraucht hat, ist immer das Thema: danach wieder so aufzuräumen, wieder aufzufüllen, dass dann alles wieder für den nächsten Einsatz parat wäre. ATMO Quad SPRECHERIN Neben dem Einsatzfahrzeug steht zudem noch ein großes, geländegängiges Quad. Bis zum Beginn der Sommersaison im Mai ist es mit Ketten statt Reifen ausgestattet. Hier können zwar nicht so viele Einsatzkräfte mitfahren, dafür kommen Robert und seine Kollegen damit viel näher an die Verunglückten heran. ROBERT 5 Wir hatten schon mal eine Patientin, die unterwegs war, zu Fuß im Winter und in einer Schneewächte eingebrochen ist. Aber wir reden jetzt nicht von tausend Höhenmeter irgendwo auf einem Berg, sondern es war ein Wanderweg in der Nähe vom Hohen Peißenberg. Und da hat die aus eigener Kraft sich da aus dieser Schneewehe nicht mehr befreien können. Sie hat dann einen Notruf abgesetzt, und man konnte halt dann mit dem Fahrzeug relativ weit an die Patientin eben auch hinkommen. Das war natürlich schon sehr hilfreich, weil sonst hätten wir uns ja selber durch den Schnee so tief durchwühlen müssen, bis dass wir die dann bergen hätten können. SPRECHERIN Das Einsatzgebiet der Bergwacht Steingaden ist hauptsächlich in den Ammergauer Alpen rund um die Kenzenhütte und den beliebten Kletterberg Geiselstein. ROBERT 6 Aber unsere Statistik zeigt auch, dass wir nicht nur Einsätze in dem Bereich haben, sondern auch in Naherholungsgebieten, wie zum Beispiel um Steingaden rum, es gibt Wanderwege Richtung Wieskirche, es gibt den Auerberg in der Nähe, es gibt dann sogar im Landkreis Weilheim-Schongau den Hohen Peißenberg auch ganz klassisch. SPRECHERIN Denn Robert Zimmermann und seine Kollegen sind überall gefragt, wo das Gelände unwegsam ist und ein herkömmlicher Krankenwagen und Sanitäter nicht hinkommt. Und das ist gut so: Denn wenn heute jemand abstürzt, so kann er fast immer gerettet werden. Früher war das nicht so sicher, einfach weil die Einsatzkräfte viel länger brauchten, um zum Verunglückten zu gelangen. Denn sie sind zu Fuß statt mit dem Auto angerückt. GERÄUSCH AUTO SPRECHERIN (darüber) Heute sieht das anders aus. Und selbst wenn die Ehrenamtlichen Bergretter gerade nicht zuhause sind, so sind sie doch immer und überall erreichbar mittels eines kleinen Gerätes, das Textnachrichten schicken kann. Robert Zimmermann: ROBERT 7 (Auto) Der Einsatz kommt bei uns über diese Pieps rein, der dann eben zumindest schon mal andeutet, was denn sein kann. Also Trauma, dass jemand abgestürzt ist und verletzt ist. Das sind so Kurzinformationen, die dann da im Prinzip auf dem Pieps drauf sind. Und dann trifft sich die Mannschaft an der Bergrettungswache in Peiting oder eben in Steingaden. Und dann fährt die Einsatzgruppe auf jeden Fall schon mal mit dem Amarok los. Wenn wir jetzt noch mehr Leute brauchen, dann wäre der VW-Bus von Peiting eben noch mit im Einsatz. Und dann können wir also auf einen Schlag gut 14 Leute ins Einsatzgeschehen losschicken. SPRECHERIN Doch nicht immer sind alle verfügbar. Robert zum Beispiel ist Lehrer und somit unter der Woche vormittags immer im Unterricht - zudem noch im Kempten, relativ weit von Steingaden entfernt. ROBERT 8 (Auto) Das Ganze läuft ehrenamtlich ab natürlich. Wir haben alle unsere Berufe, wir sind alle irgendwo im Arbeitsleben. Entsprechend ist halt dann wieder das Thema: Wann ist der Einsatz? Wenn er unter der Woche in den frühen Morgenstunden oder frühen Nachmittag ist, kann man davon ausgehen, dass die meisten in der Arbeit sind. Und entsprechend gibt es da natürlich schon auch Regelungen, dass man je nachdem, wie der Arbeitgeber das handhabt, dass man jemandem freistellt. ((Also bei der Feuerwehr zum Beispiel ist das ähnlich, dass für bestimmte Einsätze auf jeden Fall die Leute freigestellt werden in dem Moment, dass die zum Einsatz gehen dürfen.)) Musik 6: Kreisen 1 Minute SPRECHERIN Zurück ins 19. Jahrhundert, den Anfängen der organisierten Bergrettung: Wenige Jahre nach der Hilfsverpflichtung für Bergführer gründeten die Alpenvereine eigene Bergrettungsdienste. 1896 den "Alpinen Rettungsausschuß Wien", 1898 dann Einrichtungen in Innsbruck und München. Die Bergwacht Bayern wurde 1920 gegründet - und zwar nicht als Rettungsorganisation, sondern um den in den Jahren nach dem Erstem Weltkrieg stark zunehmenden Massentourismus in geordnete Bahnen zu lenken. Und um der zunehmenden Wilderei und den vermehrten Vieh- und Holzdiebstählen und Hütteneinbrüchen Herr zu werden. Oder, wie es in der Gründungsschrift hieß: ZITATOR: "zur Bewahrung der guten Sitten und dem Schutz fremden Eigentums im Kontext des Bergsteigens und des alpinen Skilaufs.“ SPRECHERIN Roland Ampenberger: AMPENBERGER 5 Der Fritz Berger war einer der Gründer im Münchner Hofbrauhaus aus der Sektion Bayerland, und darum ging es ihm auch genau: Diese Werte des Bergsteigens am Berg zu schützen, weil eben die Massen ins Gebirge geströmt sind. Also es ging jetzt nicht nur darum, Blumen am Berg zu schützen, sondern es hat angefangen: Wie verhalfen sich die Menschen in den Zügen? Wie verhalten sich die Menschen auf den Hütten bis hin natürlich auch: Wie verhalten Sie sich gegenüber den Tieren, gegenüber den Bergbauern, gegenüber dem Sammeln von Edelweiß? SPRECHERIN Deswegen ist heute noch das Zeichen der Bergwacht Bayern ein Edelweiß. Doch schon bald übernahm sie auch Rettungsaufgaben - da ihre "Berg-Wächter" ja ohnehin bereits vor Ort waren. Allerdings noch mit nahezu derselben Ausrüstung wie ihre Kollegen im 19.Jahrhundert. Der große Sprung in der Entwicklung von Rettungsgeräten fand in den 1950er Jahren statt. AMPENBERGER 6 Und da gibt es so drei Namen im deutschsprachigen Raum: der Wastl Mariner aus Tirol, der Doktor Rudolf Campell von den Schweizern und der Wickerl Gramminger aus Bayern. Und diese drei Personen die stehen ganz stark für diese Rettungsgeräte-Entwicklung: also für Tragehilfen, für Seiltechniken, die optimiert waren auf die Anwendung am Berg. Und wenn man sich zum Beispiel den Akja anschaut - da gibt es unterschiedliche Formen - der Akja, dieser Schneeschlitten, mit dem man verletzte Personen liegend vom Berg bringen kann: Der wurde da in dieser Zeit optimiert, weiterentwickelt und dann tatsächlich auch in Serie gebaut. Und Dann ist natürlich das Thema Luftrettung ein ganz großer Entwicklungsschritt gewesen. Und das hat Ende der 50er-Jahre angefangen, wo Hubschrauber verfügbar geworden sind. In der Schweiz ganz bekannt auch die Rettungsflieger. Also: die mit kleinen Flugzeugen in Österreich und der Schweiz am Berg auch gelandet sind. Also die Luftrettung in der Hilfe am Berg, das ist so ganz großer Epochenschritt. Und dann die Kommunikation am Berg: einerseits unter den Rettungskräften mit Funkgeräten, das war der erste große Schritt und daran aufbauend das gesamte Alarmierungssystem. Also wenn man heute in den bayerischen Alpen unterwegs ist, dann wird man immer wieder auf Hütten treffen - auf Hütten der Bergwacht. Diese Hütten der Bergwacht haben den Zweck gehabt eben genau diese Alarmierungswege zu verkürzen. SPRECHERIN Auch Robert Zimmermann und seine Kollegen haben außer ihrer Rettungsstelle in Steingaden noch eine Berghütte, ganz in der Nähe ihres Einsatzgebietes um die Kenzenhütte zu Fuße der mächtigen Nordwand der Ammergauer Hochplatte. ROBERT 9 (inkl Geräusche) So, jetzt sind wir an unserer Diensthütte. Wir haben drüben, da gehen wir jetzt gleich rüber, die Zentrale. Das ist ein älterer Raum. Da war früher mal eine Zollhütte installiert. Weil wir sind ja nicht weit weg von der Grenze. Und hier haben wir unsere Telefon- und Funkzentrale nochmal herin. Und die Räumlichkeit agiert jetzt ungefähr so wie unten die Einsatzzentrale. SPRECHERIN In den Sommermonaten sind an jedem Wochenende ein paar von Roberts Kollegen auf der Hütte und verrichten dort ihren Dienst, damit sie schneller vor Ort sein können, falls ein Wanderer oder Kletterer in Not gerät. Deswegen ist die Hütte auch so eingerichtet, dass sie unabhängig vom Tal agieren können. Musik 7: Signatur Folge 1 – siehe oben – 35 Sekunden SPRECHERIN Im Gegensatz zu den Anfängen der Bergrettungsgeschichte können heute fast alle in Not geratenen Bergsteiger gerettet werden - auch dank der zahlreichen technischen Hilfsmittel und der überall präsenten Bergretter. Trotzdem gibt es Jahr für Jahr in den bayerischen Bergen noch bis zu 100 Menschen, die nur noch tot geborgen werden können. Viele davon sind allerdings nicht abgestürzt, sondern erliegen Herzproblemen oder einem Kreislaufversagen. Im Durchschnitt rückt die Bayerische Bergwacht um die 8000 Mal pro Jahr aus. Und das kostet natürlich auch. Roland Ampenberger: AMPENBERGER 7 Die gesamte Bergwacht in Bayern hat ungefähr einen Aufwand von 11 Millionen Euro jedes Jahr und - ganz grob, das stimmt jetzt nicht genau - aber ein Drittel kommen aus den Einsätzen, ein Drittel finanziert der Staat und ein Drittel kommen von den Spenden dazu. Und ich denke, das ist schon auch ein großer Wert, der da geschaffen worden ist: Egal, ob wir jetzt am Marienplatz auf der Rolltreppe verunglückten oder auf Autobahnen einen Verkehrsunfall haben oder eben am Berg verunglücken: Egal ob beim Skifahren, beim Klettern oder beim Wandern: dass dann die Krankenkasse eben diesen Einsatz auch übernimmt dazu. Und jetzt kommt immer gleich die große Frage: ja, aber der war doch selber schuld, oder? Das wäre doch vermeidbar gewesen. Grundsätzlich immer dann, wenn man nicht verletzt ist, also wenn man klassischerweise in Bergnot ist, dann muss man den Einsatz selber bezahlen. SPRECHERIN Und das kommt im Zeitalter der Smartphones immer häufiger vor - nicht nur weil immer mehr Menschen auf die Berge stürmen. AMPENBERGER 8 Aber natürlich, so wie unser gesamtes Sicherheitsgefühl auch im Tal sich verändert hat, wird natürlich heute auch schon bei Unfällen alarmiert, wo man vielleicht 1950 gesagt hat: Na ja, dafür kommt jetzt keine Bergrettung! Und schon gar nicht 1890, sondern da hat man selber geschaut, wie man ins Tal kommt. Das eigenverantwortliche Bergsteigen das gehört ja auch zu der Ehre dazu: Ich versuche so lange wie möglich mir selbst zu helfen, wie es irgendwie geht. Das ist natürlich in der Breite der Masse von Menschen, die heute am Berg unterwegs sind, nicht mehr vorhanden. Das ist auch ganz klar. SPRECHERIN Einen Grund dafür sieht Roland Ampenberger, Sprecher der Bayerischen Bergwacht, auch in den sozialen Medien: AMPENBERGER 9 Berge sind immer und überall verfügbar - sei es in den sozialen Medien: Das schaut immer für jeden zu jeder Zeit machbar und verfügbar aus. Und das beschäftigt uns schon in Einsätzen: jetzt nicht in der Masse, was die Anzahl angeht. Aber wenn immer wieder, gerade an den Hotspots - sei es in den Berchtesgadener Alpen oder im Wettersteingebirge - dass wir auf Menschen treffen, wo die Urteilsfähigkeit oder die Einschätzung einfach auf eine gewisse Unbedarftheit letztendlich schließen lässt. Musik 8: ARD Labelmusik No trace 28 Sek SPRECHERIN Doch auch wenn die Bergretter sehr gut ausgestattet sind und die meisten Bergsteiger ein Handy dabei haben: Nicht überall ist Handyempfang, bei schlechter Sicht oder schlechtem Wetter kann der Hubschrauber nicht fliegen und auch die Bergretter sind, wenn auch Helden, so doch keine Übermenschen. AMPENBERGER 10 Es geht nicht immer und überall! Also dieser Slogan: zu jeder Zeit in jedem Gelände bei jedem Wetter. Ehrlicherweise muss man dazu sagen: ja, fast immer. Aber es gibt natürlich auch Grenzen dessen. SPRECHERIN Und das kann dann auch für die Einsatzkräfte, die ihrer Hilfeleistung wegen Lawinengefahr, Schneemassen, Dunkelheit oder Wetter nicht nachkommen können, belastend sein. In solchen Fällen ist es wichtig, dass der Zusammenhalt unter den Kollegen der Bergwacht gut ist, so Robert Zimmermann: ROBERT 11 Dieser Einsatz, wenn er jetzt zum Beispiel abgeschlossen ist, dann man kommt da eben auch zusammen, dann ist es halt auch: „Ja wie war´s denn?“ Einfach mal hinhocken, wieder was zusammen trinken. Belastende Einsätze sind natürlich dann auch eine gewisse Notwendigkeit, dass man sich wirklich hinhockt und sagt: „Du, wie geht es denn? Was waren gerade los?“ Ansonsten ist es einfach auch mal wieder: sich bewusst machen, wie schnell einfach was sein kann. Musik 9: Frozen Landscape – siehe oben – 27 Sek + GERÄUSCH Hubschrauber SPRECHERIN 2 (darüber) Inzwischen ist es der 13.November am Gjaidsteig im Karwendel. In der früh um 8 Uhr lässt das Schneetreiben für kurze Zeit nach. Sofort startet der Rettungshubschrauber "Christoph Murnau" mit einem Mittenwalder Bergwachtler und rettet die stark unterkühlten Bergsteiger. Sie werden in das Klinikum Garmisch-Partenkirchen gebracht. Gerade noch einmal gut gegangen. Musik aus
- Die Rückkehr der Wölfe - Wie kann eine Co-Existenz gelingen?
07.07.2025 · 28 Min.
Wie kann eine friedliche Co-Existenz mit dem Wolf gelingen? Die Rückkehr des Wolfs ist ein heiß diskutiertes Thema, bei dem sich Landwirte, Alm-Betreiber und Naturschützer oft unversöhnlich gegenüberstehen. Dabei bemühen sich zahlreiche Biologen und Wildtiermanager um umsetzbare Lösungen. Autor: Lutz Reidt (BR 2025) Credits Autor dieser Folge: Lutz Reidt Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Rahel Comtesse Technik: Adele Meßmer Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Wolfgang Schröder, Wildbiologe, Uni München (emeritiert) Josef Glatz, Alpenwirtschaftlicher Verein Oberbayern Peter Strohwasser, Untere Naturschuzbehörde am Landratsamt in Garmisch-Partenkirchen Marcel Züger, Biologe und Naturschützer, Salouf (Schweiz) NDR Moderator und Stadtkind Andreas Kuhlage und Landwirtin Maja Mogwitz plaudern über das Leben auf einem Traditionshof und diskutieren auf Augenhöhe verschiedenste landwirtschaftliche Themen. Denn es gibt häufig Missverständnisse, Vorurteile und verhärtete Fronten zwischen Verbrauchern und Landwirten. Ob nun Massentierhaltung, Gentechnik oder Agrarsubventionen. JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Eine besondere Empfehlungen der Redaktion: Biber-Fieber - WirTier Christian und Tina sind Wildlife-Fotografen. Mit viel Geduld und Verständnis haben sie das Vertrauen von Bibern gewonnen. Jetzt gehören sie zur tierischen Familie dazu, dürfen als "Biber ehrenhalber" hautnah dabei sein und sogar die Biber-Babies sitten. Ob WirTier-Host Julius auch ein Schnappschuss gelingt? HIER geht es zur Folge. Geschichte der Almwirtschaft - Wirtschaftsbetrieb und Sehnsuchtsort Ziegen - Weidetiere im Klimawandel Bären und Wölfe - Wieviel Wildnis wollen wir? Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecher: In den Ammergauer Alpen oberhalb von Garmisch-Partenkirchen scheint die Welt noch in Ordnung. Friedlich grasen braune, beigefarbene und schwarzweiße Rinder auf den sattgrünen Almweiden. Sanft steigt das Gelände nach Westen und Norden an. Weiter talwärts haben sich einige Kühe zur Tränke versammelt, in einer kleinen Mulde unterhalb der Enningalm. Atmo: Bimmelnde Kuhglocken Sprecher: Die beliebte Einkehr von Bergwanderern und Mountainbikern hat heute an diesem sonnigen Vormittag auch Josef Glatz angesteuert, Vorstand des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern. Entspannt lässt der Garmischer Landwirt die Postkartenidylle auf sich wirken: 01 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Josef Glatz „Da haben wir Fleckvieh heroben, dann haben wir sogar einzelne Schwarzbunte und natürlich die aussterbende Rasse Murnau-Werdenfelser, was bei uns die Bauern noch halten, Die Murnau-Werdenfelser haben eine braun-rötliche Färbung und haben schwarze Flecken drinnen so. Die sind halt bestens geeignet für die Abweidung, weil die ziemlich alles nutzen. Auch, wenn die Weide nicht so gut ist, die Murnauer Werdenfelser gibt trotzdem mehr Milch, weil sie eben aus einer schlechten Weide auch noch was macht.“ Sprecher: Josef Glatz lässt seinen Blick nach Süden schweifen, hinüber zum gut 1.900 Meter hohen Hirschbichel, der majestätisch über der Enningalm thront. Die grasgrüne Bergflanke fällt steil nach Nordosten ab und ist übersät mit hellen, stecknadelkopfgroßen Punkten. Dutzende von Schafen, fast bis zum Gipfel rauf - als klebten sie fest, oben im steilen Gelände. Im Sommer 2022 ging es dort nicht ganz so friedlich zu. Der Wolf war nämlich da: 02 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Josef Glatz „Der hat halt die gleich in der Nase. Da war er dem Hirschbichel gegenüber, da waren die Risse, wo jetzt die Schafe drüben sind. Und da waren drei Tage hintereinander Risse. Und dann haben wir sie über den Gipfel rübergetrieben, zum Steppberg. Und dann ist er da gekommen; die Rinder - (Da) ist der Hirte erschrocken bei der Nacht um drei - haben sich da drüben auf dem Buckel versammelt und haben sich wehrhaft gestellt. Dann ist der Wolf weitergezogen und ist fort zur Gießenbachalm und hat da vorne wieder Risse getätigt.“ Musik Sprecherin: ((Mehr als vierzig Schafe kamen um. Kaum eines wurde vollständig vertilgt. Die meisten waren nur angefressen. Oder sind bei ihrer panischen Flucht in die Tiefe gestürzt. Und)) Das dürfte nur der Anfang gewesen sein, fürchtet Peter Strohwasser Der langjährige Leiter der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt in Garmisch-Partenkirchen wertet diese Schafsrisse als ein Wetterleuchten am Horizont, das ein heftiges Gewitter ankündigt: 03 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Peter Strohwasser „Denn uns werden Dutzende von Wölfen in mehreren Rudeln prognostiziert, wenn das hier mal so aufgesiedelt ist wie an der Lausitz oder in anderen östlichen und nördlichen Gebieten. Das heißt, wir kriegen hier mehrere Wolfsrudel. Und diese Wölfe werden sich ganz anders bemerkbar machen. Wir haben bis jetzt ein Wetterleuchten am Horizont. Aber wir wollen vorsorgen, dass uns das nicht kaputtgeht, was jetzt der Naturschutz mit Millionen von Geldern und die Bauern mit literweise Schweiß geschaffen und erhalten haben. Das ist viel zu kostbar, als dass wir jetzt auf das Gewitter zusteuern können, ohne vorzusorgen.“ Sprecherin: Doch wie diese Vorsorge aussehen soll, ist umstritten. Elektrozäune und Herdenschutzhunde sollen den Wolf von den Weidetieren fernhalten. Noch mehr Hirten auf sie aufpassen und notfalls die Tiere abends in Pferche treiben. Doch kann das wirklich die Lösung sein auf dem Weg zu einer friedlichen Co-Existenz zwischen Wolf und Weidetieren? Atmo: Bimmelnde Kuhglocken (langsam ausblenden unter Sprecherin oder Kreuzblende mit folgender Musik, falls gewüscht)) Musik Sprecherin: Wolfsrudel gibt es noch keine in den bayerischen Alpen, wohl aber einzelne Wölfe, die meist unauffällig durch die Bergwälder streifen. Wahre Musterwölfe sind dies, meint Wolfgang Schröder. Der Wildbiologe nennt als Beispiel einen Rüden, dessen Spuren vor allem im Rohrmoostal westlich von Oberstdorf gefunden werden. 04 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Wolfgang Schröder „Also wenn es einen Wunschwolf gibt, dann ist es (dieser GW 999 M), dieser männliche Wolf im Oberallgäu. Der ist seit mindestens 2018 genetisch dokumentiert und lebt heute noch. Also schon relativ alt für einen Wolf in freier Wildbahn. Wahrscheinlich hat er schon vor 2018 einige Tiere in diesem Gebiet gerissen. Wildtiere gerissen.“ Sprecherin: Dieser „Rohrmooswolf“ pendelt zwischen dem Allgäu und dem Bregenzer Wald in Vorarlberg. Zwar hat er schon mal ein Rotwildgatter heimgesucht. Aber grundsätzlich meidet er - ganz Musterwolf - Menschen und Siedlungen: 05 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Wolfgang Schröder „Unweit des bayerischen Schwerpunktes der Alpung von Rindern! Im Oberallgäu werden an die 30.000 Rinder gealpt. Aber in diese Bereiche der Alpen geht dieser Wolf nicht. Er bleibt da in den benachbarten Bergen, wo in allererster Linie Hirsche, Rehe und Gämsen existieren.“ Musik Sprecher: Während seiner Studienjahre in Nordamerika hat Wolfgang Schröder das dort übliche Wildtiermanagement kennengelernt und diesen Ansatz später als Professor für Wildbiologie an den Münchner Universitäten eingeführt und über Jahrzehnte hinweg gelehrt. Der Wildbiologe gilt als Freund der Wölfe. Und er begrüßt die Rückkehr dieser charismatischen Tiere nach Mitteleuropa. Gleichwohl sieht er die Herausforderungen, die damit verbunden sind. Denn: Willkommen ist der Wolf nicht überall - vor allem auf dem Lande nicht. Dort sorgen sich die Tierhalter um ihre Schafe, Ziegen und Kälber auf den Weiden, Jäger um ihre Rehe und Hirsche in den Wäldern und Eltern um ihre Kinder beim Ausflug in die Natur. Im Gegensatz dazu überwiegt die große Freude vieler Menschen, vor allem im städtischen Umfeld. Für sie ist der Wolf das Symbol für ein kleines Stück Wildnis, ein Hauch von Yellowstone oder Alaska im sonst so dicht besiedelten Europa. Seine Rückkehr werten sie als Chance, einstmals begangenes Unrecht wiedergutzumachen - nämlich die Ausrottung vor mehr als hundert Jahren. Und da ja der Wolf von Natur aus scheu ist - so die Vorstellung - wäre seine Rückkehr ein immenser Gewinn für den Artenschutz. Doch: Ist das wirklich so? Ist jeder Wolf ein Rohrmooswolf? 06 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Wolfgang Schröder „Ja, das ist eine weit verbreitete Meinung, dass der Wolf von Natur aus scheu ist. Das ist er überhaupt nicht! Der Wolf ist, (ein Spitzenprädator;) ein Tier, das nie eine Scheuheit ausprägen musste, vor anderen Tieren oder auch vor den Menschen, solange ihm nicht nachgestellt wurde.“ Sprecher: Der Wolf ist keineswegs von Natur aus scheu. Dieses Verhalten wurde ihm antrainiert. Über Jahrhunderte hinweg hatte der Mensch ihn verfolgt - bis er in Mitteleuropa ausgerottet war. In Osteuropa jedoch, in Italien und auch auf dem Balkan, dort haben Wölfe in abgeschiedenen Bergen und weitläufigen Wäldern überleben können - und zwar jene, die den Menschen gemieden haben. Der Rohrmooswolf zeigt dieses tradierte Verhalten auch heute noch: 07 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Wolfgang Schröder „Das hat mit Sicherheit eine genetische Komponente. Aber es hat in allererster Linie eine Verhaltenskomponente: Die Wölfe haben einfach gelernt, den Menschen zu meiden. Und was wir heute sehen, wenn dem Wolf nicht mehr in der gleichen Art und Weise nachgestellt wird, dann ändert er relativ rasch wieder sein Verhalten, wird vertraut, er meidet den Menschen nicht mehr in der gleichen Art und Weise und nutzt auch die Gelegenheit, auf den Menschen zuzugehen, wenn er ihn mit Nahrung verbindet.“ Sprecherin: Weniger scheu heißt nicht unbedingt „aggressiv“ - zumindest nicht gegenüber dem Menschen, betont Wolfgang Schröder. Nur dreister könnten die Wölfe schon werden, wenn sie erst einmal verinnerlicht haben, dass Menschen keine Bedrohung für sie sind: 08 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Wolfgang Schröder „Diese Situation heute ist ein Novum, dass wir wieder Wölfe haben, dass Wölfe sich ausgebreitet haben in Gebiete der Nutztierhaltung und gleichzeitig geschützt werden. Das kann nicht gut gehen. Die Wölfe sind zu lernfähig, als dass sie diese Situation nicht, jetzt sage ich einmal, schamlos ausnutzen würden. Auch durch immer neues Verhalten.“ Musik: Sprecherin: Problematisch wird es vor allem dann, wenn Wölfe ihre historisch tradierte Scheu nach und nach ablegen und die Wälder verlassen. Leichte Beute lockt, auf den Almen, und in der Nähe der Dörfer. Schafe und Ziegen vor allem, aber auch Fohlen und Kälber. In Siedlungsnähe rät Wolfgang Schröder zum präventiven Schutz durch Elektrozäune. Die bestehen entweder aus einem Maschengeflecht oder aus einem Verbund aus mehreren Drähten - sogenannten Litzen - die waagerecht verlaufen. 09 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Wolfgang Schröder „Im Talgebiet, in Hofnähe, ungeschützte Schafherden oder Ziegenherden zu halten, geht im Wolfsgebiet nicht mehr. Und dort ist es aber auch relativ, ich sage relativ einfach und auch bezahlbar, dass Herdenschutzmaßnahmen durchgeführt werden. Da würden Elektrozäune reichen; auf kleinerer Fläche Elektrozäune reichen. Musik: Sprecher: Im Norden und Osten Deutschlands gibt es diesen Wolfsschutz schon länger, und er hat sich dort im Flachland als so genannter Grundschutz bewährt - nicht immer, aber doch relativ häufig. Denn: Für einen unerfahrenen Jungwolf, der auf der Suche nach Beute einen Elektrozaun überwinden will, könnte so ein Stromschlag ein derart „durchdringendes“ Erlebnis werden, dass er künftig anderweitig auf Nahrungssuche gehen dürfte. Und auch manchem Leitwolf bleibt diese schmerzvolle Erfahrung im Gedächtnis haften, so dass er fortan die jüngeren Tiere in seinem Rudel davor bewahren möchte. Wölfe sind lernfähig. Sie geben Erfahrungen an ihre Nachkommen weiter. Im Guten - aus Sicht des Menschen - wenn sie Elektrozäune meiden lernen. Aber eben auch im Schlechten. Nämlich dann, wenn einige schneidige Wölfe herausfinden, dass sie diese Barrieren durchaus überwinden können. Selbst wenn ein Wolf beim Überspringen die oberste Litze eines Elektrozaunes touchiert, bleibt es für ihn ohne schmerzhafte Folgen, weil er ja beim Sprung keinen Kontakt zum Erdboden hat.