Die Geschichte der Bergretter - Helden und Heldinnen der Alpen
07.07.2025 · 23 Min.
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Standen dem Bergretter vor 100 Jahren lediglich Seil, Pickel und pure Körperkraft zur Verfügung, so kann er sich heute zahlloser technischer Entwicklungen bedienen. Dennoch: Ein alpiner Rettungseinsatz bedarf einer gehörigen Portion Handarbeit und Geschick. Und: Der technische Fortschritt ist nicht immer nur ein Segen! Von Markus Mähner (BR 2024)
Credits
Autor dieser Folge: Markus Mähner
Regie: Kirsten Böttcher
Es sprachen: Caroline Ebner, Jennifer Güzel, Friedrich Schloffer
Technik: Laura Picerno
Redaktion: Hellmuth Nordwig
Im Interview:
- Robert Zimmermann, Bergwacht Steingaden-Peiting
- Roland Ampenberger, Bergwacht Bayern
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
SPRECHERIN 2
Es ist der 12. November 2023. 16 Uhr. Bei der Leitstelle der Bergwacht Bayern geht ein Hilferuf ein: Vier Bergsteiger sind am ausgesetzten Gjaidsteig im Karwendel in einen Schneesturm geraten und kommen weder vor noch zurück. Bereits eine halbe Stunde später stapfen 7 Bergwachtler den verschneiten Gjaidsteig entlang. Alles Ehrenamtliche.
GERÄUSCH Hallentür öffnen
SPRECHERIN
So wie Robert Zimmermann.
ROBERT 1
Wir sind jetzt hier in der Bergrettungswache Steingaden. Das ist eben unsere Garage, in der wir die Fahrzeuge deponiert haben und unsere Ausrüstung zwischengelagert ist.
SPRECHERIN
Robert Zimmermann ist Mitglied der Bergwacht Steingaden-Peiting. Schon als Jugendlicher gerne in den Ammergauer Bergen unterwegs, stieß er einmal mit einem Freund nach einer Klettertour am Geiselstein - im Bergmassiv zwischen Schloss Linderhof und Schloss Neuschwanstein gelegen - auf ein paar Ehrenamtliche der Bergwacht:
ROBERT 2
Wir waren eben am Geiselstein klettern, sind auf dem Runterweg an der Kenzenhütte vorbeikommen. Die Bergwachtler waren dagesessen und man hat mit denen halt geratscht: Und? Was ist bei euch so alles los? Und dann hat es geheißen: man würde mal wieder Anwärter brauchen. Wie schaut es aus: Du bist doch einer, der geht in´n Berg. Und ja, eigentlich: Warum nicht? Ich war früher mal bei der Feuerwehr - vielleicht ist da auch so ein gewisses Helfersyndrom. Und dann habe ich gesagt: ja ich schaue mir das gerne mal an! Und dann war eben zwei Jahre lang Ausbildung, bei der du ja dann als Anwärter mit dabei bist. Du darfst noch keine Einsätze machen. Dann habe ich natürlich die ganze Ausbildung mitgemacht und dann die Sommer- und die Winterprüfung absolviert.
SPRECHERIN
In dieser Ausbildung lernen die Bergwachtanwärter den Umgang mit den technischen Hilfsmitteln, diverse Abseiltechniken, und sie bekommen eine notfallmedizinische Ausbildung, so wie Rettungssanitäter.
Was Robert neben der Bergbegeisterung mitbringen musste, war natürlich auch dass er sich im schwierigen Gelände sicher bewegen kann und im Bedarfsfall sogar klettern. Und: Ja, auch den Wunsch Menschen helfen zu können. Roland Ampenberger, Sprecher der Bergwacht Bayern:
AMPENBERGER 1
Grundsätzlich: Bergrettung ist Solidarität von Menschen in einer vermeintlich lebensfeindlichen Umgebung, die die Berge ein Stück weit darstellen. Und in sofern glaube ich, gab es das schon immer, dass man sich beisteht in so einer Umgebung.
Musik 2: Zeitloser Duft 37 Sek
SPRECHERIN
Bereits im 12.Jahrhundert gründeten auf dem großen St. Bernhard-Pass auf knapp 2500 Meter Höhe Augustiner-Chorherrn ein Hospiz, das nicht nur Reisenden eine Schutzunterkunft versprach. Die Ordensbrüder kamen auch Jahrhunderte lang Erschöpften, Verletzten und Verirrten zu Hilfe. Ihnen gehörte auch einer der berühmtesten Bergretter der Geschichte an: Der Lawinenhund Barry, ein Bernhardiner, der um das Jahr 1800 im Hospiz seine Ausbildung bekam und über 40 Menschen das Leben rettete.
Musik 3: The Berensen Lectures 1:06 min
Im 19.Jahrhundert ging es dann richtig los mit dem Tourismus im Alpenraum. Das ungebremste Gipfelsammeln der ausschließlich wohlhabenden - und meist britischen - Abenteurer erhielt 1865 einen Dämpfer als während der Erstbesteigung des Matterhorns vier Alpinisten zu Tode stürzten. Woraufhin Queen Victoria verlautbaren ließ: Man solle doch endlich mit dem Wahnsinn in den Bergen aufhören! Sie erwog sogar alpinistische Expeditionen zu verbieten. Dazu kam es zwar nicht, doch die Tragödie am Matterhorn hat den Alpinisten erst klar gemacht, wie gefährlich die Berge sein können. 20 Jahre später, 1885, erließen die Alpenvereine die sogenannte "Hilfsverpflichtung der Bergführer im Alpenraum" - was heute als die Geburtsstunde des organisierten Bergrettungswesens angesehen wird.
AMPENBERGER 2
Die einzige Institutionalisierung waren die Bergführerbüros vor Ort, und die wurden tatsächlich dann eben verpflichtet, wenn sie nicht geführt haben, wenn eine Alarmierung, eine Meldung, eingegangen ist, dass Hilfe notwendig ist, dann auch zu gehen. Die wurden auch dafür bezahlt, muss man sagen. Also da gab es dann aber tatsächlich schon so eine hohe Erwartungshaltung - das lässt sich ein Stück weit nachlesen - dass man erwartet hat: Ok, wenn der mit Gästen am Berg unterwegs ist und er bekommt Kenntnis eines Notfalls, dann muss er seine Gäste ins Tal runter schicken, sobald es möglich ist, und muss dann zur Hilfe eilen am Berg an anderer Stelle.
Musik 4: Signatur Folge 1 23 Sek
SPRECHERIN
Doch wie bekommen die Bergretter überhaupt mit, dass etwas passiert ist? Klar: Heute ist das Handy immer dabei und meistens setzt der Verunglückte einfach selbst einen Notruf ab - sofern er Empfang hat! Das ist in den Alpen aber längst nicht immer der Fall. Als noch die Bergführer für die Rettung zuständig waren sah dies ganz anders aus.
AMPENBERGER 3
((Das war natürlich das Hauptthema. Wie bekommt man überhaupt einen Notruf dorthin abgesetzt, wo er dann auch weiterverarbeitet werden kann? Und)) da waren diese alpinen Meldestellen, das war das zentrale strukturierte Element, das der Alpenverein aufgebaut hat an den Hütten dorten. Sieht man auch heute manchmal noch an verschiedenen Hütten: so kleine Schilde, da steht dann drauf: Alpine Meldestelle. Das waren eben Orte, die dann auch über ein Telefon verfügt haben, um dann auch die Nachricht weiterzugeben an des Bergführerbüro eben oder im Tal an eine Institution zu sagen: Hier ist ein Hilfebedarf und man muss eine Rettungsmannschaft eben aufbieten.
SPRECHERIN
Von den technischen Möglichkeiten, die heute den Bergrettern zur Verfügung stehen, konnte eine Rettungsmannschaft früher nur träumen. Konkret sieht man das in der Bergrettungswache Steingaden. Robert Zimmermann:
ROBERT 3
Der Einsatzleiter, der den Einsatz dann eben übernimmt von der Rettungsleitstelle, der positioniert sich hier: hat dann eben Funkgeräte, die er einschalten kann und dementsprechend auch zum Beispiel mit Weilheim als Rettungsleitstelle Oberland oder mit der Leitstelle Kempten für das Allgäu kommuniziert. Dann haben wir hier zwei Bildschirme, die an einen Rechner angeschlossen sind, der entsprechende Software draufhaut wie Kartenmaterial, Wetterberichte. Dann natürlich auch Ortung mittlerweile über die Handys: Wär so eine Option, dass man Patienten da orten können, wenn er jetzt nicht genau weiß, wo er ist, dass man zumindest dann über Koordinaten rausfinden kann: Also da müsste er eigentlich sein. ((Und ansonsten gibt es halt hier mit der Karte im Hintergrund auch mal abzustecken: Machen wir zum Beispiel so ein Szenario einer Vermisstensuche: dass man halt dann wirklich hergehen und sagen kann: so okay, da in dem Bereich haben wir schon mal gesucht. Da waren jetzt drei, vier Leute unterwegs, dann deckt man mal die drei, vier Wege noch ab. Die Karten sind so ausgestattet, dass man mit dem Filzstift kurz darauf malen kann und einfach mal sich ganz klassisch analog einen Überblick gestaltet. Und das ist natürlich dann immer recht hilfreich, um das zu koordinieren.))
Musik 5: Frozen Landscapes – siehe oben – 50 Sek +
Atmo Sturm
SPRECHERIN 2 (darüber)
Zurück zum Gjaidsteig. Inzwischen ist es 7 Uhr abends und bereits dunkel geworden. Da erkennen die Kräfte der Bergwacht Licht und hören Hilferufe. Sie haben die Eingeschneiten entdeckt! Doch das Gelände und der hohe Schnee lassen kein Durchkommen zu. Lawinenmassen donnern die mächtigen Nordwände der Raffelspitze herab. Ein Weitergehen wäre zu riskant. Um 20:15 kehren die Bergwacht-Helfer um und alarmieren die Kollegen aus Tirol, die es nun, zu zwölft, von der anderen Seite versuchen. Ebenso erfolglos. Die vier Bergsteiger müssen während der Nacht ausharren. Die Bergwacht gibt ihnen über Handy Hilfestellung, wie sie ein Notlager einrichten können.
SPRECHERIN
Zog die Rettungsmannschaft früher noch zu Fuß, lediglich mit Seil und Pickel los, so stehen Robert und seinen Kollegen heute gleich mehrere Fahrzeuge zur Verfügung - vollgepackt mit Equipment.
ROBERT 4
Also zum einen sieht man jetzt hier das Fahrzeug mit einem besonderen Aufbau, dass wir eben auch einen Patienten transportieren können. Wir haben eine Gebirgstrage drin, wir haben entsprechend Bergsäcke drin. Wir haben natürlich das ganze Arztequipment, Notfallausrüstung sozusagen, auch mit dabei. Und ja: Wenn es dann losgeht, geht es halt rein ins Fahrzeug. Wenn man jetzt ins Auto einsteigt, dann schalte ich gleich wieder den Funk mit dazu. Wenn es ganz brisant ist, haben wir auch Blaulicht und Martinshorn, das dann eingeschaltet wird, um dann wirklich möglichst schnell zum Patienten zu gelangen.
Da ist zum Beispiel jetzt wirklich dieser große Rucksack, der ein paar Kilo hat und dem Arzt-Rucksack entspricht. Der ist auch von unseren Gerätewarten so vorbereitet, dass man sofort nachschauen kann, was drin ist. Weil wir so Listen haben, die dann entsprechend mit hinterlegt sind. Wenn man ihn also gebraucht hat, ist immer das Thema: danach wieder so aufzuräumen, wieder aufzufüllen, dass dann alles wieder für den nächsten Einsatz parat wäre.
ATMO Quad
SPRECHERIN
Neben dem Einsatzfahrzeug steht zudem noch ein großes, geländegängiges Quad. Bis zum Beginn der Sommersaison im Mai ist es mit Ketten statt Reifen ausgestattet. Hier können zwar nicht so viele Einsatzkräfte mitfahren, dafür kommen Robert und seine Kollegen damit viel näher an die Verunglückten heran.
ROBERT 5
Wir hatten schon mal eine Patientin, die unterwegs war, zu Fuß im Winter und in einer Schneewächte eingebrochen ist. Aber wir reden jetzt nicht von tausend Höhenmeter irgendwo auf einem Berg, sondern es war ein Wanderweg in der Nähe vom Hohen Peißenberg. Und da hat die aus eigener Kraft sich da aus dieser Schneewehe nicht mehr befreien können. Sie hat dann einen Notruf abgesetzt, und man konnte halt dann mit dem Fahrzeug relativ weit an die Patientin eben auch hinkommen. Das war natürlich schon sehr hilfreich, weil sonst hätten wir uns ja selber durch den Schnee so tief durchwühlen müssen, bis dass wir die dann bergen hätten können.
SPRECHERIN
Das Einsatzgebiet der Bergwacht Steingaden ist hauptsächlich in den Ammergauer Alpen rund um die Kenzenhütte und den beliebten Kletterberg Geiselstein.
ROBERT 6
Aber unsere Statistik zeigt auch, dass wir nicht nur Einsätze in dem Bereich haben, sondern auch in Naherholungsgebieten, wie zum Beispiel um Steingaden rum, es gibt Wanderwege Richtung Wieskirche, es gibt den Auerberg in der Nähe, es gibt dann sogar im Landkreis Weilheim-Schongau den Hohen Peißenberg auch ganz klassisch.
SPRECHERIN
Denn Robert Zimmermann und seine Kollegen sind überall gefragt, wo das Gelände unwegsam ist und ein herkömmlicher Krankenwagen und Sanitäter nicht hinkommt. Und das ist gut so: Denn wenn heute jemand abstürzt, so kann er fast immer gerettet werden. Früher war das nicht so sicher, einfach weil die Einsatzkräfte viel länger brauchten, um zum Verunglückten zu gelangen. Denn sie sind zu Fuß statt mit dem Auto angerückt.
GERÄUSCH AUTO
SPRECHERIN (darüber)
Heute sieht das anders aus. Und selbst wenn die Ehrenamtlichen Bergretter gerade nicht zuhause sind, so sind sie doch immer und überall erreichbar mittels eines kleinen Gerätes, das Textnachrichten schicken kann. Robert Zimmermann:
ROBERT 7 (Auto)
Der Einsatz kommt bei uns über diese Pieps rein, der dann eben zumindest schon mal andeutet, was denn sein kann. Also Trauma, dass jemand abgestürzt ist und verletzt ist. Das sind so Kurzinformationen, die dann da im Prinzip auf dem Pieps drauf sind. Und dann trifft sich die Mannschaft an der Bergrettungswache in Peiting oder eben in Steingaden. Und dann fährt die Einsatzgruppe auf jeden Fall schon mal mit dem Amarok los. Wenn wir jetzt noch mehr Leute brauchen, dann wäre der VW-Bus von Peiting eben noch mit im Einsatz. Und dann können wir also auf einen Schlag gut 14 Leute ins Einsatzgeschehen losschicken.
SPRECHERIN
Doch nicht immer sind alle verfügbar. Robert zum Beispiel ist Lehrer und somit unter der Woche vormittags immer im Unterricht - zudem noch im Kempten, relativ weit von Steingaden entfernt.
ROBERT 8 (Auto)
Das Ganze läuft ehrenamtlich ab natürlich. Wir haben alle unsere Berufe, wir sind alle irgendwo im Arbeitsleben. Entsprechend ist halt dann wieder das Thema: Wann ist der Einsatz? Wenn er unter der Woche in den frühen Morgenstunden oder frühen Nachmittag ist, kann man davon ausgehen, dass die meisten in der Arbeit sind. Und entsprechend gibt es da natürlich schon auch Regelungen, dass man je nachdem, wie der Arbeitgeber das handhabt, dass man jemandem freistellt. ((Also bei der Feuerwehr zum Beispiel ist das ähnlich, dass für bestimmte Einsätze auf jeden Fall die Leute freigestellt werden in dem Moment, dass die zum Einsatz gehen dürfen.))
Musik 6: Kreisen 1 Minute
SPRECHERIN
Zurück ins 19. Jahrhundert, den Anfängen der organisierten Bergrettung: Wenige Jahre nach der Hilfsverpflichtung für Bergführer gründeten die Alpenvereine eigene Bergrettungsdienste. 1896 den "Alpinen Rettungsausschuß Wien", 1898 dann Einrichtungen in Innsbruck und München.
Die Bergwacht Bayern wurde 1920 gegründet - und zwar nicht als Rettungsorganisation, sondern um den in den Jahren nach dem Erstem Weltkrieg stark zunehmenden Massentourismus in geordnete Bahnen zu lenken. Und um der zunehmenden Wilderei und den vermehrten Vieh- und Holzdiebstählen und Hütteneinbrüchen Herr zu werden. Oder, wie es in der Gründungsschrift hieß:
ZITATOR:
"zur Bewahrung der guten Sitten und dem Schutz fremden Eigentums im Kontext des Bergsteigens und des alpinen Skilaufs.“
SPRECHERIN
Roland Ampenberger:
AMPENBERGER 5
Der Fritz Berger war einer der Gründer im Münchner Hofbrauhaus aus der Sektion Bayerland, und darum ging es ihm auch genau: Diese Werte des Bergsteigens am Berg zu schützen, weil eben die Massen ins Gebirge geströmt sind. Also es ging jetzt nicht nur darum, Blumen am Berg zu schützen, sondern es hat angefangen: Wie verhalfen sich die Menschen in den Zügen? Wie verhalten sich die Menschen auf den Hütten bis hin natürlich auch: Wie verhalten Sie sich gegenüber den Tieren, gegenüber den Bergbauern, gegenüber dem Sammeln von Edelweiß?
SPRECHERIN
Deswegen ist heute noch das Zeichen der Bergwacht Bayern ein Edelweiß. Doch schon bald übernahm sie auch Rettungsaufgaben - da ihre "Berg-Wächter" ja ohnehin bereits vor Ort waren. Allerdings noch mit nahezu derselben Ausrüstung wie ihre Kollegen im 19.Jahrhundert. Der große Sprung in der Entwicklung von Rettungsgeräten fand in den 1950er Jahren statt.
AMPENBERGER 6
Und da gibt es so drei Namen im deutschsprachigen Raum: der Wastl Mariner aus Tirol, der Doktor Rudolf Campell von den Schweizern und der Wickerl Gramminger aus Bayern. Und diese drei Personen die stehen ganz stark für diese Rettungsgeräte-Entwicklung: also für Tragehilfen, für Seiltechniken, die optimiert waren auf die Anwendung am Berg. Und wenn man sich zum Beispiel den Akja anschaut - da gibt es unterschiedliche Formen - der Akja, dieser Schneeschlitten, mit dem man verletzte Personen liegend vom Berg bringen kann: Der wurde da in dieser Zeit optimiert, weiterentwickelt und dann tatsächlich auch in Serie gebaut. Und Dann ist natürlich das Thema Luftrettung ein ganz großer Entwicklungsschritt gewesen. Und das hat Ende der 50er-Jahre angefangen, wo Hubschrauber verfügbar geworden sind. In der Schweiz ganz bekannt auch die Rettungsflieger. Also: die mit kleinen Flugzeugen in Österreich und der Schweiz am Berg auch gelandet sind. Also die Luftrettung in der Hilfe am Berg, das ist so ganz großer Epochenschritt.
Und dann die Kommunikation am Berg: einerseits unter den Rettungskräften mit Funkgeräten, das war der erste große Schritt und daran aufbauend das gesamte Alarmierungssystem. Also wenn man heute in den bayerischen Alpen unterwegs ist, dann wird man immer wieder auf Hütten treffen - auf Hütten der Bergwacht. Diese Hütten der Bergwacht haben den Zweck gehabt eben genau diese Alarmierungswege zu verkürzen.
SPRECHERIN
Auch Robert Zimmermann und seine Kollegen haben außer ihrer Rettungsstelle in Steingaden noch eine Berghütte, ganz in der Nähe ihres Einsatzgebietes um die Kenzenhütte zu Fuße der mächtigen Nordwand der Ammergauer Hochplatte.
ROBERT 9 (inkl Geräusche)
So, jetzt sind wir an unserer Diensthütte. Wir haben drüben, da gehen wir jetzt gleich rüber, die Zentrale. Das ist ein älterer Raum. Da war früher mal eine Zollhütte installiert. Weil wir sind ja nicht weit weg von der Grenze. Und hier haben wir unsere Telefon- und Funkzentrale nochmal herin. Und die Räumlichkeit agiert jetzt ungefähr so wie unten die Einsatzzentrale.
SPRECHERIN
In den Sommermonaten sind an jedem Wochenende ein paar von Roberts Kollegen auf der Hütte und verrichten dort ihren Dienst, damit sie schneller vor Ort sein können, falls ein Wanderer oder Kletterer in Not gerät. Deswegen ist die Hütte auch so eingerichtet, dass sie unabhängig vom Tal agieren können.
Musik 7: Signatur Folge 1 – siehe oben – 35 Sekunden
SPRECHERIN
Im Gegensatz zu den Anfängen der Bergrettungsgeschichte können heute fast alle in Not geratenen Bergsteiger gerettet werden - auch dank der zahlreichen technischen Hilfsmittel und der überall präsenten Bergretter. Trotzdem gibt es Jahr für Jahr in den bayerischen Bergen noch bis zu 100 Menschen, die nur noch tot geborgen werden können. Viele davon sind allerdings nicht abgestürzt, sondern erliegen Herzproblemen oder einem Kreislaufversagen. Im Durchschnitt rückt die Bayerische Bergwacht um die 8000 Mal pro Jahr aus.
Und das kostet natürlich auch. Roland Ampenberger:
AMPENBERGER 7
Die gesamte Bergwacht in Bayern hat ungefähr einen Aufwand von 11 Millionen Euro jedes Jahr und - ganz grob, das stimmt jetzt nicht genau - aber ein Drittel kommen aus den Einsätzen, ein Drittel finanziert der Staat und ein Drittel kommen von den Spenden dazu. Und ich denke, das ist schon auch ein großer Wert, der da geschaffen worden ist: Egal, ob wir jetzt am Marienplatz auf der Rolltreppe verunglückten oder auf Autobahnen einen Verkehrsunfall haben oder eben am Berg verunglücken: Egal ob beim Skifahren, beim Klettern oder beim Wandern: dass dann die Krankenkasse eben diesen Einsatz auch übernimmt dazu.
Und jetzt kommt immer gleich die große Frage: ja, aber der war doch selber schuld, oder? Das wäre doch vermeidbar gewesen. Grundsätzlich immer dann, wenn man nicht verletzt ist, also wenn man klassischerweise in Bergnot ist, dann muss man den Einsatz selber bezahlen.
SPRECHERIN
Und das kommt im Zeitalter der Smartphones immer häufiger vor - nicht nur weil immer mehr Menschen auf die Berge stürmen.
AMPENBERGER 8
Aber natürlich, so wie unser gesamtes Sicherheitsgefühl auch im Tal sich verändert hat, wird natürlich heute auch schon bei Unfällen alarmiert, wo man vielleicht 1950 gesagt hat: Na ja, dafür kommt jetzt keine Bergrettung! Und schon gar nicht 1890, sondern da hat man selber geschaut, wie man ins Tal kommt. Das eigenverantwortliche Bergsteigen das gehört ja auch zu der Ehre dazu: Ich versuche so lange wie möglich mir selbst zu helfen, wie es irgendwie geht. Das ist natürlich in der Breite der Masse von Menschen, die heute am Berg unterwegs sind, nicht mehr vorhanden. Das ist auch ganz klar.
SPRECHERIN
Einen Grund dafür sieht Roland Ampenberger, Sprecher der Bayerischen Bergwacht, auch in den sozialen Medien:
AMPENBERGER 9
Berge sind immer und überall verfügbar - sei es in den sozialen Medien: Das schaut immer für jeden zu jeder Zeit machbar und verfügbar aus. Und das beschäftigt uns schon in Einsätzen: jetzt nicht in der Masse, was die Anzahl angeht. Aber wenn immer wieder, gerade an den Hotspots - sei es in den Berchtesgadener Alpen oder im Wettersteingebirge - dass wir auf Menschen treffen, wo die Urteilsfähigkeit oder die Einschätzung einfach auf eine gewisse Unbedarftheit letztendlich schließen lässt.
Musik 8: ARD Labelmusik No trace 28 Sek
SPRECHERIN
Doch auch wenn die Bergretter sehr gut ausgestattet sind und die meisten Bergsteiger ein Handy dabei haben: Nicht überall ist Handyempfang, bei schlechter Sicht oder schlechtem Wetter kann der Hubschrauber nicht fliegen und auch die Bergretter sind, wenn auch Helden, so doch keine Übermenschen.
AMPENBERGER 10
Es geht nicht immer und überall! Also dieser Slogan: zu jeder Zeit in jedem Gelände bei jedem Wetter. Ehrlicherweise muss man dazu sagen: ja, fast immer. Aber es gibt natürlich auch Grenzen dessen.
SPRECHERIN
Und das kann dann auch für die Einsatzkräfte, die ihrer Hilfeleistung wegen Lawinengefahr, Schneemassen, Dunkelheit oder Wetter nicht nachkommen können, belastend sein. In solchen Fällen ist es wichtig, dass der Zusammenhalt unter den Kollegen der Bergwacht gut ist, so Robert Zimmermann:
ROBERT 11
Dieser Einsatz, wenn er jetzt zum Beispiel abgeschlossen ist, dann man kommt da eben auch zusammen, dann ist es halt auch: „Ja wie war´s denn?“ Einfach mal hinhocken, wieder was zusammen trinken. Belastende Einsätze sind natürlich dann auch eine gewisse Notwendigkeit, dass man sich wirklich hinhockt und sagt: „Du, wie geht es denn? Was waren gerade los?“ Ansonsten ist es einfach auch mal wieder: sich bewusst machen, wie schnell einfach was sein kann.
Musik 9: Frozen Landscape – siehe oben – 27 Sek +
GERÄUSCH Hubschrauber
SPRECHERIN 2 (darüber)
Inzwischen ist es der 13.November am Gjaidsteig im Karwendel. In der früh um 8 Uhr lässt das Schneetreiben für kurze Zeit nach. Sofort startet der Rettungshubschrauber "Christoph Murnau" mit einem Mittenwalder Bergwachtler und rettet die stark unterkühlten Bergsteiger. Sie werden in das Klinikum Garmisch-Partenkirchen gebracht. Gerade noch einmal gut gegangen.
Musik aus
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Eine "Große Grüne Mauer" quer durch Afrika zu pflanzen, ist ein geradezu utopisches Projekt der Afrikanischen Union. Seit 2005 konnten trotz hoher Investitionen erst 15 Prozent verwirklicht werden. Dann haben die Macher umgedacht. Autorin: Bettina Rühl (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Bettina Rühl Regie: Sabine Kienhöfer Technik: Robin Auld Redaktion: Anne Kleinknecht Im Interview: Hamoud Abdoulaye, Bauer, Niger Mahamoud Kader Goni, Bauer, Niger Elvis Tangem, AU-Kommission, Koordinator „Große Grüne Mauer“ Tony Rinaud, alternativer Nobelpreisträger Constantin Zohner, Ökologe, ETH Zürich Marcus Lindner, leitender Wissenschaftler, Europäisches Forstinstitut Bonn Peter Maurer, Präsident IKRK Ibrahim Thiaw, Direktor UNCCD Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Linktipps: Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN: Trockene Blätter rascheln unter Hamoud Abdoulayes Füßen, der kräftige Wind bläht sein weißes, bodenlanges Gewand. Der Bauer geht über sein Feld im Südwesten von Niger. Der westafrikanische Staat liegt im Sahel, also in der trockenen Übergangszone zwischen der Wüste Sahara und der feuchten Savanne weiter südlich. Wer an den Anblick der fruchtbaren Böden in Deutschland gewöhnt ist, käme vermutlich nicht auf die Idee, dass die karge Fläche hier ein Feld ist: Das helle Erdreich ist trocken, die Erdkrume dünn, hier und da wachsen Bäume und Büsche - Arten wie Kalgo, Sabara oder Gao. Abdoulaye zeigt auf einen von ihnen: OT 03 HAMOUD ABDOULAYE ÜBERSETZER: Ich kenne das genaue Alter aller Bäume auf meinem Feld, weil ich jeden einzelnen gesehen habe, als er aus dem Boden kam, und weil ich sie pflege. Der kleine hier ist zum Beispiel ein Jahr alt. SPRECHERIN: Abdoulaye hat erst 2018 angefangen, sich für Bäume zu interessieren und dafür zu sorgen, dass auch auf seinem Feld welche wachsen, neben der Hirse und den Kuhbohnen, die er vor allem anbaut. Die Not habe ihn zum Umdenken gezwungen, sagt der 67jährige Familienvater. OT 04 HAMOUD ABDOULAYE ÜBERSETZER: Die Situation vorher hat mir und den anderen Bauern im Dorf große Angst gemacht. Es gab keinen Schatten mehr, an vielen Stellen unserer Felder kam nacktes Gestein durch, der Wind hatte die Erde abgetragen, die Böden waren fast unfruchtbar geworden. Überall war Staub. Dann kamen Leute von einem Entwicklungsprojekt und haben uns erklärt, welche Vorteile es hat, wenn wir Bäume auf unseren Feldern haben. Sie hatten Recht, wir erleben seitdem, wie viel die Bäume verändern. REGIE: Die ersten vier Sekunden der Musik unter dem Ende des O-Tons einblenden, so dass der erste Rhythmuswechsel frei, dann weiter unter dem Text MUSIK ERZÄHLERIN: Abdoulaye ist einer von hunderttausenden Afrikanerinnen und Afrikanern, die dafür kämpfen, dass die trockene Sahelzone wieder grün wird. Ihr Engagement ist Teil eines geradezu utopischen Megaprojektes, das die Afrikanische Union 2007 auf den Weg gebracht hat: die Anpflanzung einer „Großen Grünen Mauer“ quer durch den Kontinent. Vom Senegal im Westen bis Dschibuti im Osten, also durch elf Länder der Sahara oder der Sahelzone. Die „Große Grüne Mauer“ soll bis 2030 eine Fläche von 100 Millionen Hektar bedecken, etwa drei Mal die Größe Deutschlands. REGIE: nochmal kurz frei, dann am Anfang des O-Tons ausblenden OT 05 ELVIS TANGEM The Great Green Wall is one program that have really supported the whole idea of this UNCCD, which is the convention to combat desertification. ÜBERSETZER: Die Große Grüne Mauer ist ein Programm, das die UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung sehr unterstützt hat. ERZÄHLERIN: Elvis Tangem koordiniert das Projekt für die Kommission der Afrikanischen Union. OT 06 ELVIS TANGEM The whole vision about the Great Green Wall is about sustainability in the Sahel to ensure that those who are living in the drylands of Africa, which is about 55% to 60% of the entire continent can be able to stay, to develop in their natural environment. ÜBERSETZER: Bei der Großen Grünen Mauer geht es um Nachhaltigkeit in der Sahelzone. Wir wollen dadurch sicherstellen, dass die Menschen in den trockenen Gebieten Afrikas, die 55 bis 60 % Prozent des gesamten Kontinents ausmachen, in ihrer natürlichen Umgebung bleiben und sich dort weiterentwickeln können. Musik: ARD Open Music Mystery Action Percussion Mix ERZÄHLERIN: Die Vision: Durch den Erhalt der Bodenfruchtbarkeit die Ernten verbessern und die Ernährung von mehreren Millionen Menschen sichern, die zu den ärmsten der Welt gehören. Außerdem 100 Millionen Jobs im ländlichen Raum schaffen. Das soll, so die Idee, vor allem jungen Menschen eine Alternative bieten zur Migration nach Europa. REGIE: Musik kurz frei als Zäsur, dann weiter unter dem Text ERZÄHLERIN: Der Klimawandel stand am Anfang nicht im Fokus der geplanten Mega-Baumpflanzaktion. Aber mit den Jahren wurde die Klimakrise auch in Afrika immer spürbarer. Unter anderem durch die steigende Zahl bewaffneter Konflikte um Wasser und fruchtbares Land, beides wird immer knapper. 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ERZÄHLERIN: Für die Geber war das ernüchternde Ergebnis allerdings kein Argument, weniger, sondern stattdessen sogar noch mehr Geld zu investieren. Dafür hatte auch AU-Kommissionspräsident Mahamat plädiert: Ohne eine weitere, bedeutsame Investition sei es unmöglich, die Ziele zu erreichen. Eines der Hauptprobleme ist die geringe Überlebensrate der Setzlinge, räumt Tangem ein. OT 11 ELVIS TANGEM Most of the trees that are brought into the, brought from other areas, yes, the survivor rate over few months is very difficult because apart from the periodical lack of water, you also have, if you do like with animal browsing. So, sometimes you can have about 40% survival rate. Planting is easy, growing is the main thing. ÜBERSETZER: Von den Bäumen, die aus anderen Gebieten hierhergebracht wurden, überleben nicht genug die ersten Monate. Sie bekommen nicht ausreichend Wasser, außerdem werden sie von Tieren gefressen. Die Überlebensrate liegt deshalb manchmal nur bei etwa 40 Prozent. Das Pflanzen ist einfach. Es kommt aber darauf an, die Setzlinge groß zu kriegen. ERZÄHLERIN: Kritiker werfen den Initiatoren der spektakulären „Grünen Mauer“ durch Afrika denn auch vor, genau das nicht ausreichend bedacht zu haben: dass Aufforstung nicht nur bedeutet, Setzlinge in die Erde zu bringen. Vielleicht noch schwerer wiegt der Vorwurf, für das Projekt werde viel zu viel Geld ausgegeben. Denn es gibt eine deutlich billigere und zudem noch erfolgreichere Methode, als Millionen von Setzlingen in die trockenen Regionen des Kontinents zu schaffen. Nämlich die Wurzeln der einheimischen Baumarten wieder austreiben zu lassen, die unter der baumlos wirkenden Oberfläche überdauern. AT 02 Feld vorbereiten ERZÄHLERIN: Im Südwesten des Niger bereitet der Bauer Mahamoud Kader Goni sein Feld für die Aussaat vor: Die Regenzeit steht bevor, erste ergiebige Güsse waren deren Vorboten. Kader Goni arbeitet aufmerksam und konzentriert: Anders als früher, hackt er nicht einfach drauf los, sondern guckt genau hin, was ihm vor sein Feldwerkzeug kommt. Sind es die Triebe von Bäumen, arbeitet er sorgsam um sie herum. Der 66Jährige erklärt, worauf es ankommt. OT 12 MAHAMOUD KADER GONI ÜBERSETZER: Das eine ist, dass ich überhaupt keine lebenden Äste mehr schlage. Wenn ich Holz brauche, sammele ich nur die toten Äste von meinem Feld. Das andere: Es gibt immer wieder kleine Triebe, die aus dem Boden kommen, die pflege ich. Wenn zum Beispiel viele Triebe dicht nebeneinander sprießen, suche ich drei oder vier von ihnen aus, die anderen entferne ich, damit sie sich nicht gegenseitig den Platz wegnehmen. Ich beschneide sie immer wieder, bis daraus ein großer Baum mit einem kräftigen Stamm geworden ist. ERZÄHLERIN: Damit habe er 2017 begonnen. Inzwischen möchte er die Bäume, die auf seinem Feld zwischen Hirse-, Bohnen- und Erdnusspflanzen wachsen, nicht mehr missen, beispielsweise den Gao-Baum, botanisch: Faidherbia oder Acacia Albida, eine Akazienart. OT 13 MAHAMOUD KADER GONI ÜBERSETZER: Wir schützen die Bäume aus mehreren Gründen. Erstens spenden sie Schatten. Sie merken es ja selbst: Wir stehen gerade im Schatten eines Baumes und unterhalten uns. Ohne den Baum wäre die Hitze unerträglich. Zweitens regnet es da, wo Bäume sind. Drittens: Ohne die Bäume hat der Wind immer sehr viel Sand mitgebracht, meine Saat ist regelrecht versandet. Jetzt brechen die Bäume den Wind. Die toten Blätter, die auf den Boden fallen, decken die fruchtbare Krume ab und werden zu Dünger, wenn sie zerfallen. ERZÄHLERIN: Der Bauer Abdoulaye, der das Alter jedes Baumes auf seinem Feld kennt, arbeitet nach derselben Methode. Er gießt die kleinen Triebe sogar wenn es nicht regnet, damit sie nicht vertrocknen. Der Aufwand habe sich für ihn schon gelohnt, versichert Abdoulaye: OT 14 HAMOUD ABDOULAYE ÜBERSETZER: Bevor ich damit angefangen habe, waren meine Ernten mager, weil mein Feld nicht mehr fruchtbar war. Jetzt ernte ich mehr. ERZÄHLERIN: Im Durchschnitt holt er vier- bis fünfmal so viel Hirse ein, wie vor dem Beginn der Aufforstung auf seinem Feld. Abdoulaye versichert, dass nicht nur sein Feld so viel fruchtbarer geworden sei, sondern die Flächen aller Bauern in seinem Dorf in der Region Tillabery im Südwesten Nigers. ARD Open Music Solarwind Er rät allerdings davon ab, die anderen Felder zu besuchen, weil sie weiter von der Landstraße entfernt sind – eine Fahrt dorthin sei gefährlicher. Denn die Sicherheitslage in Niger ist angespannt, was auch für die benachbarten Sahelstaaten gilt: Burkina Faso, Mali, Nigeria, Tschad. Überall sind islamistische Terrorgruppen aktiv, mit Verbindungen zum Al-Kaida-Netzwerk oder dem so genannten Islamischen Staat. Sie terrorisieren die Bevölkerung, verüben Anschläge auf die Sicherheitskräfte. OT 15 HAMOUD ABDOULAYE ÜBERSETZER: Unser Dorf haben sie zum Glück noch nicht angegriffen, aber was wir hören, macht uns Angst. ERZÄHLERIN: Die islamistischen Terrorgruppen sind in der Region auch deshalb so erfolgreich, weil sie lokale Konflikte schüren - zum Beispiel um Ackerflächen, Weideland und Wasser. Konflikte, die wegen des hohen Bevölkerungswachstums, aber auch wegen der Klimakrise eskalieren: Fruchtbare Flächen werden immer knapper. Umso wichtiger ist es, degradierte Böden wieder nutzbar zu machen. Musikende Die Methode, nach der die beiden Bauern Mahamoud Kader Goni und Hamoud Aboulaye vorgehen, gehörte ursprünglich nicht zum Mega-Projekt der Afrikanischen Union. Sie wurde von dem australischen Agrarwissenschaftler Tony Rinaudo entwickelt - fast könnte man sagen: entdeckt. Beim Interview über eine Internetverbindung erzählt der Australier, wie es vor Jahren dazu kam.
- Die Rückkehr der Wölfe - Wie kann eine Co-Existenz gelingen?
07.07.2025 · 28 Min.
Wie kann eine friedliche Co-Existenz mit dem Wolf gelingen? Die Rückkehr des Wolfs ist ein heiß diskutiertes Thema, bei dem sich Landwirte, Alm-Betreiber und Naturschützer oft unversöhnlich gegenüberstehen. Dabei bemühen sich zahlreiche Biologen und Wildtiermanager um umsetzbare Lösungen. Autor: Lutz Reidt (BR 2025) Credits Autor dieser Folge: Lutz Reidt Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Rahel Comtesse Technik: Adele Meßmer Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Wolfgang Schröder, Wildbiologe, Uni München (emeritiert) Josef Glatz, Alpenwirtschaftlicher Verein Oberbayern Peter Strohwasser, Untere Naturschuzbehörde am Landratsamt in Garmisch-Partenkirchen Marcel Züger, Biologe und Naturschützer, Salouf (Schweiz) NDR Moderator und Stadtkind Andreas Kuhlage und Landwirtin Maja Mogwitz plaudern über das Leben auf einem Traditionshof und diskutieren auf Augenhöhe verschiedenste landwirtschaftliche Themen. Denn es gibt häufig Missverständnisse, Vorurteile und verhärtete Fronten zwischen Verbrauchern und Landwirten. Ob nun Massentierhaltung, Gentechnik oder Agrarsubventionen. JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Eine besondere Empfehlungen der Redaktion: Biber-Fieber - WirTier Christian und Tina sind Wildlife-Fotografen. Mit viel Geduld und Verständnis haben sie das Vertrauen von Bibern gewonnen. Jetzt gehören sie zur tierischen Familie dazu, dürfen als "Biber ehrenhalber" hautnah dabei sein und sogar die Biber-Babies sitten. Ob WirTier-Host Julius auch ein Schnappschuss gelingt? HIER geht es zur Folge. Geschichte der Almwirtschaft - Wirtschaftsbetrieb und Sehnsuchtsort Ziegen - Weidetiere im Klimawandel Bären und Wölfe - Wieviel Wildnis wollen wir? Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecher: In den Ammergauer Alpen oberhalb von Garmisch-Partenkirchen scheint die Welt noch in Ordnung. Friedlich grasen braune, beigefarbene und schwarzweiße Rinder auf den sattgrünen Almweiden. Sanft steigt das Gelände nach Westen und Norden an. Weiter talwärts haben sich einige Kühe zur Tränke versammelt, in einer kleinen Mulde unterhalb der Enningalm. Atmo: Bimmelnde Kuhglocken Sprecher: Die beliebte Einkehr von Bergwanderern und Mountainbikern hat heute an diesem sonnigen Vormittag auch Josef Glatz angesteuert, Vorstand des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern. Entspannt lässt der Garmischer Landwirt die Postkartenidylle auf sich wirken: 01 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Josef Glatz „Da haben wir Fleckvieh heroben, dann haben wir sogar einzelne Schwarzbunte und natürlich die aussterbende Rasse Murnau-Werdenfelser, was bei uns die Bauern noch halten, Die Murnau-Werdenfelser haben eine braun-rötliche Färbung und haben schwarze Flecken drinnen so. Die sind halt bestens geeignet für die Abweidung, weil die ziemlich alles nutzen. Auch, wenn die Weide nicht so gut ist, die Murnauer Werdenfelser gibt trotzdem mehr Milch, weil sie eben aus einer schlechten Weide auch noch was macht.“ Sprecher: Josef Glatz lässt seinen Blick nach Süden schweifen, hinüber zum gut 1.900 Meter hohen Hirschbichel, der majestätisch über der Enningalm thront. Die grasgrüne Bergflanke fällt steil nach Nordosten ab und ist übersät mit hellen, stecknadelkopfgroßen Punkten. Dutzende von Schafen, fast bis zum Gipfel rauf - als klebten sie fest, oben im steilen Gelände. Im Sommer 2022 ging es dort nicht ganz so friedlich zu. Der Wolf war nämlich da: 02 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Josef Glatz „Der hat halt die gleich in der Nase. Da war er dem Hirschbichel gegenüber, da waren die Risse, wo jetzt die Schafe drüben sind. Und da waren drei Tage hintereinander Risse. Und dann haben wir sie über den Gipfel rübergetrieben, zum Steppberg. Und dann ist er da gekommen; die Rinder - (Da) ist der Hirte erschrocken bei der Nacht um drei - haben sich da drüben auf dem Buckel versammelt und haben sich wehrhaft gestellt. Dann ist der Wolf weitergezogen und ist fort zur Gießenbachalm und hat da vorne wieder Risse getätigt.“ Musik Sprecherin: ((Mehr als vierzig Schafe kamen um. Kaum eines wurde vollständig vertilgt. Die meisten waren nur angefressen. Oder sind bei ihrer panischen Flucht in die Tiefe gestürzt. Und)) Das dürfte nur der Anfang gewesen sein, fürchtet Peter Strohwasser Der langjährige Leiter der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt in Garmisch-Partenkirchen wertet diese Schafsrisse als ein Wetterleuchten am Horizont, das ein heftiges Gewitter ankündigt: 03 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Peter Strohwasser „Denn uns werden Dutzende von Wölfen in mehreren Rudeln prognostiziert, wenn das hier mal so aufgesiedelt ist wie an der Lausitz oder in anderen östlichen und nördlichen Gebieten. Das heißt, wir kriegen hier mehrere Wolfsrudel. Und diese Wölfe werden sich ganz anders bemerkbar machen. Wir haben bis jetzt ein Wetterleuchten am Horizont. Aber wir wollen vorsorgen, dass uns das nicht kaputtgeht, was jetzt der Naturschutz mit Millionen von Geldern und die Bauern mit literweise Schweiß geschaffen und erhalten haben. Das ist viel zu kostbar, als dass wir jetzt auf das Gewitter zusteuern können, ohne vorzusorgen.“ Sprecherin: Doch wie diese Vorsorge aussehen soll, ist umstritten. Elektrozäune und Herdenschutzhunde sollen den Wolf von den Weidetieren fernhalten. Noch mehr Hirten auf sie aufpassen und notfalls die Tiere abends in Pferche treiben. Doch kann das wirklich die Lösung sein auf dem Weg zu einer friedlichen Co-Existenz zwischen Wolf und Weidetieren? Atmo: Bimmelnde Kuhglocken (langsam ausblenden unter Sprecherin oder Kreuzblende mit folgender Musik, falls gewüscht)) Musik Sprecherin: Wolfsrudel gibt es noch keine in den bayerischen Alpen, wohl aber einzelne Wölfe, die meist unauffällig durch die Bergwälder streifen. Wahre Musterwölfe sind dies, meint Wolfgang Schröder. Der Wildbiologe nennt als Beispiel einen Rüden, dessen Spuren vor allem im Rohrmoostal westlich von Oberstdorf gefunden werden. 04 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Wolfgang Schröder „Also wenn es einen Wunschwolf gibt, dann ist es (dieser GW 999 M), dieser männliche Wolf im Oberallgäu. Der ist seit mindestens 2018 genetisch dokumentiert und lebt heute noch. Also schon relativ alt für einen Wolf in freier Wildbahn. Wahrscheinlich hat er schon vor 2018 einige Tiere in diesem Gebiet gerissen. Wildtiere gerissen.“ Sprecherin: Dieser „Rohrmooswolf“ pendelt zwischen dem Allgäu und dem Bregenzer Wald in Vorarlberg. Zwar hat er schon mal ein Rotwildgatter heimgesucht. Aber grundsätzlich meidet er - ganz Musterwolf - Menschen und Siedlungen: 05 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Wolfgang Schröder „Unweit des bayerischen Schwerpunktes der Alpung von Rindern! Im Oberallgäu werden an die 30.000 Rinder gealpt. Aber in diese Bereiche der Alpen geht dieser Wolf nicht. Er bleibt da in den benachbarten Bergen, wo in allererster Linie Hirsche, Rehe und Gämsen existieren.“ Musik Sprecher: Während seiner Studienjahre in Nordamerika hat Wolfgang Schröder das dort übliche Wildtiermanagement kennengelernt und diesen Ansatz später als Professor für Wildbiologie an den Münchner Universitäten eingeführt und über Jahrzehnte hinweg gelehrt. Der Wildbiologe gilt als Freund der Wölfe. Und er begrüßt die Rückkehr dieser charismatischen Tiere nach Mitteleuropa. Gleichwohl sieht er die Herausforderungen, die damit verbunden sind. Denn: Willkommen ist der Wolf nicht überall - vor allem auf dem Lande nicht. Dort sorgen sich die Tierhalter um ihre Schafe, Ziegen und Kälber auf den Weiden, Jäger um ihre Rehe und Hirsche in den Wäldern und Eltern um ihre Kinder beim Ausflug in die Natur. Im Gegensatz dazu überwiegt die große Freude vieler Menschen, vor allem im städtischen Umfeld. Für sie ist der Wolf das Symbol für ein kleines Stück Wildnis, ein Hauch von Yellowstone oder Alaska im sonst so dicht besiedelten Europa. Seine Rückkehr werten sie als Chance, einstmals begangenes Unrecht wiedergutzumachen - nämlich die Ausrottung vor mehr als hundert Jahren. Und da ja der Wolf von Natur aus scheu ist - so die Vorstellung - wäre seine Rückkehr ein immenser Gewinn für den Artenschutz. Doch: Ist das wirklich so? Ist jeder Wolf ein Rohrmooswolf? 06 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Wolfgang Schröder „Ja, das ist eine weit verbreitete Meinung, dass der Wolf von Natur aus scheu ist. Das ist er überhaupt nicht! Der Wolf ist, (ein Spitzenprädator;) ein Tier, das nie eine Scheuheit ausprägen musste, vor anderen Tieren oder auch vor den Menschen, solange ihm nicht nachgestellt wurde.“ Sprecher: Der Wolf ist keineswegs von Natur aus scheu. Dieses Verhalten wurde ihm antrainiert. Über Jahrhunderte hinweg hatte der Mensch ihn verfolgt - bis er in Mitteleuropa ausgerottet war. In Osteuropa jedoch, in Italien und auch auf dem Balkan, dort haben Wölfe in abgeschiedenen Bergen und weitläufigen Wäldern überleben können - und zwar jene, die den Menschen gemieden haben. Der Rohrmooswolf zeigt dieses tradierte Verhalten auch heute noch: 07 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Wolfgang Schröder „Das hat mit Sicherheit eine genetische Komponente. Aber es hat in allererster Linie eine Verhaltenskomponente: Die Wölfe haben einfach gelernt, den Menschen zu meiden. Und was wir heute sehen, wenn dem Wolf nicht mehr in der gleichen Art und Weise nachgestellt wird, dann ändert er relativ rasch wieder sein Verhalten, wird vertraut, er meidet den Menschen nicht mehr in der gleichen Art und Weise und nutzt auch die Gelegenheit, auf den Menschen zuzugehen, wenn er ihn mit Nahrung verbindet.“ Sprecherin: Weniger scheu heißt nicht unbedingt „aggressiv“ - zumindest nicht gegenüber dem Menschen, betont Wolfgang Schröder. Nur dreister könnten die Wölfe schon werden, wenn sie erst einmal verinnerlicht haben, dass Menschen keine Bedrohung für sie sind: 08 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Wolfgang Schröder „Diese Situation heute ist ein Novum, dass wir wieder Wölfe haben, dass Wölfe sich ausgebreitet haben in Gebiete der Nutztierhaltung und gleichzeitig geschützt werden. Das kann nicht gut gehen. Die Wölfe sind zu lernfähig, als dass sie diese Situation nicht, jetzt sage ich einmal, schamlos ausnutzen würden. Auch durch immer neues Verhalten.“ Musik: Sprecherin: Problematisch wird es vor allem dann, wenn Wölfe ihre historisch tradierte Scheu nach und nach ablegen und die Wälder verlassen. Leichte Beute lockt, auf den Almen, und in der Nähe der Dörfer. Schafe und Ziegen vor allem, aber auch Fohlen und Kälber. In Siedlungsnähe rät Wolfgang Schröder zum präventiven Schutz durch Elektrozäune. Die bestehen entweder aus einem Maschengeflecht oder aus einem Verbund aus mehreren Drähten - sogenannten Litzen - die waagerecht verlaufen. 09 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Wolfgang Schröder „Im Talgebiet, in Hofnähe, ungeschützte Schafherden oder Ziegenherden zu halten, geht im Wolfsgebiet nicht mehr. Und dort ist es aber auch relativ, ich sage relativ einfach und auch bezahlbar, dass Herdenschutzmaßnahmen durchgeführt werden. Da würden Elektrozäune reichen; auf kleinerer Fläche Elektrozäune reichen. Musik: Sprecher: Im Norden und Osten Deutschlands gibt es diesen Wolfsschutz schon länger, und er hat sich dort im Flachland als so genannter Grundschutz bewährt - nicht immer, aber doch relativ häufig. Denn: Für einen unerfahrenen Jungwolf, der auf der Suche nach Beute einen Elektrozaun überwinden will, könnte so ein Stromschlag ein derart „durchdringendes“ Erlebnis werden, dass er künftig anderweitig auf Nahrungssuche gehen dürfte. Und auch manchem Leitwolf bleibt diese schmerzvolle Erfahrung im Gedächtnis haften, so dass er fortan die jüngeren Tiere in seinem Rudel davor bewahren möchte. Wölfe sind lernfähig. Sie geben Erfahrungen an ihre Nachkommen weiter. Im Guten - aus Sicht des Menschen - wenn sie Elektrozäune meiden lernen. Aber eben auch im Schlechten. Nämlich dann, wenn einige schneidige Wölfe herausfinden, dass sie diese Barrieren durchaus überwinden können. Selbst wenn ein Wolf beim Überspringen die oberste Litze eines Elektrozaunes touchiert, bleibt es für ihn ohne schmerzhafte Folgen, weil er ja beim Sprung keinen Kontakt zum Erdboden hat.
- Piraten der Adria - Wilde Zeiten an Kroatiens Küste
04.07.2025 · 23 Min.
Wo heute Urlauber über Inseln wandern trieben in früheren Jahrhunderten gefürchtete Piraten ihr Unwesen: Uskoken aus Senj, Narentaner aus Brac, Hvar, Korcula oder der Kacic-Clan aus Omiš überfielen Handelsschiffe, die zwischen Venedig und dem Nahen Osten verkehrten. Autor: Bernd-Uwe Gutknecht Credits Autor dieser Folge: Bernd-Uwe Gutknecht Regie: Martin Trauner Es sprachen: Berenike Beschle, Florian Schwarz, Katja Amberger, Katja Schild Technik: Andreas Lucke Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Srecko Cecuk, Piratenverein, Omis Neven Cagal, Fischer, Omis Dr. Vanja Kovacic, Archäologin, Split Nikolas Jaspert, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Heidelberg Senka Vlahovic, Piraten-Guide, Omis Karlo Kovacic, Wanderverein, Omis Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: Alles Geschichte – Der History-Podcast Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Linktipps: Uni Heidelberg Prof Jasper HIER Website von Omis HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Erzählerin: Männer mit Tüchern auf dem Kopf und Säbeln in der Hand klettern bedrohlich brüllend von ihren kleinen Holzbooten auf ein großes Segelschiff. Im idyllisch gelegenen Hafenbecken von Omis (sprich: Omiesch, Betonung auf i) im südlichen Kroatien herrscht normalerweise eine entspannte Stimmung: neben Fischkuttern liegen hier Segelboote für Urlauber. Einmal im Jahr, immer am 18. August, verwandelt sich der ruhige Küstenort aber in ein lautes, grelles und schrilles Piraten-Nest! Ein örtlicher Verein veranstaltet eine Piratenschlacht nach historischem Vorbild. Srecko Cecuk (sprich: Srezko Tschetschuck) ist der Vorsitzende: Zusp. 1 Schlacht OV männl.: SPRECHER 1 „Wir spielen die Schlacht nach, als Papst Honorius der Dritte seine Marine hierherschickte, um gegen die Seeleute aus Omis zu kämpfen. Die Piraten besiegten den Papst! Wir haben Details über den Verlauf der Schlacht in italienischen Archiven gefunden. Also wir wissen ungefähr, was passiert ist: die Seeleute aus Omis attackierten mit kleinen wendigen Booten die wenig beweglichen großen Schiffe des Papstes und enterten sie. Um das Ganze für unsere Besucher spektakulärer zu machen, verwenden wir auch Kanonen, die es damals ja noch gar nicht gab.“ Erzählerin: Im Jahr 1221 mussten die päpstlichen Schiffe diese empfindliche Niederlage gegen die Omiser Seeräuber einstecken. Sieben Jahre später kamen die Schiffe des Papstes wieder, diesmal behielten sie die Oberhand. Die Angriffe der Piraten aus Omis blieben eine Zeitlang aus, aber schon wenige Jahre später trieben die dalmatinischen Freibeuter wieder ihr Unwesen. ATMO 2 Motor Erzählerin: Ein paar Hundert Meter neben dem Hafenbecken mündet der Fluss Cetina (sprich: Setina, Betonung auf e) ins adriatische Meer. Der Fluss kommt aus den Bergen und trägt Sedimente mit sich, deren bräunliche Farbe vermischt sich mit dem Azurblau des Meeres. Der einheimische Fischer Neven Cagal (sprich: Newen Tschagall) kennt die Küste hier wie seine Westentasche. Kurz hinter der Mündung drosselt er den Motor seines Holzbootes: ATMO 3 Boot Zusp. 2 Mostina OV männl.: SPRECHER 2 „Jetzt sind wir genau über der Mostina (Betonung auf o)! Da unten am Meeresboden, diese Stein-Mauer, die reichte früher bis anderthalb Meter unter die Meeresoberfläche, große Militär-Schiffe mit Tiefgang sind da aufgelaufen. Sie hatten also keine Chance, vom Meer aus in die Schlucht hineinzufahren. Die sogenannten Omis-Pfeile dagegen waren so flach gebaut, dass sie ohne Probleme drüberfahren konnten. So ruderten die Piraten ein paar Kilometer ins Hinterland und waren dort absolut sicher.“ Erzählerin: Unter anderem wegen dieses natürlichen Schutzraumes in der Cetina-Schlucht konnten die Seeräuber aus Omis über 300 Jahre lang den Küstenraum im mittleren Dalmatien beherrschen. EIN Piratenclan dominierte den Seeraub: die berüchtigten Kacic! (sprich: Katschitsch): Zusp. 3 Handel OV weibl.: SPRECHERIN 1 „Die Kacic waren eine Fürstenfamilie, diese Seeräuber waren also Adlige! Einige Vornamen der Kacic-Seeräuber sind bekannt: Malduk, Osor, Jodimir oder Miroslav. Man muss verstehen: Seeraub war damals eine ganz normale Form der Geldbeschaffung. Man trieb Handel, wenn die Geschäfte aber nicht gut liefen, hat man eben Zwangszölle, Wegegeld, Lösegeld etc. eingetrieben. Das war gang und gebe im Mittelalter. Im Stadtarchiv von Dubrovnik gibt es dazu einige Dokumente. Etwa einen Vertrag zwischen Omis und Kotor, in dem die Piraten den Handelsreisenden freie Durchfahrt garantierten. Natürlich gegen ein Entgelt.“ MUSIK 2 Erzählerin: Dr. Vanja Kovacic (sprich Wanja Kowatschitsch) ist Archäologin, hat lange am Staatlichen Institut für Konservierung in Split gearbeitet und hat ein Buch über die Piratenfamilie Kacic geschrieben. Zusp. 4 Omis OV weibl.: SPRECHERIN 1 „Die ersten schriftlichen Quellenangaben zu Piraten in Omis sind aus dem 12. Jahrhundert. Sie kontrollierten den gesamten Küstenstreifen von Trogir in Nord-Dalmatien bis zur Insel Korcula (sprich: Kortschula, Betonung auf o) in Süd-Dalmatien. Sie attackierten vor allem venezianische Schiffe, aber auch der Überfall auf ein Schiff des deutschen Kaisers Friedrich des Zweiten ist überliefert. Und nicht zuletzt päpstliche Schiffe waren Ziele der Seeräuber. Sie mussten Tribut zahlen, sonst wurden sie geplündert.“ Erzählerin: Kaiser Friedrich residierte in Süditalien, seine Handelsschiffe fuhren von dort Richtung Konstantinopel. Die Freibeuter aus Omis hatten ihre Beutezüge also bis ins südliche Italien ausgedehnt. Ihre Lieblings-Opfer waren aber die reich beladenen Schiffe aus Venedig, die quasi direkt vor der Haustüre vorbeifuhren: Zusp. 5 Levante OV weibl.: SPRECHERIN 1 „Die Venezianer segelten nach Osten: ins Heilige Land, an die Levante, nach Konstantinopel, um Handel zu treiben. Viele dieser Handelsschiffe kamen aber nicht weit weg von Venedig, nur bis hierher! An Bord wurden sogar Pferde transportiert, ansonsten Wein, Getreide, das berühmte Glas aus Venedig, und auf dem Weg zurück unter anderem Metalle oder Gewürze. Davon haben wir detaillierte Warenlisten im Archiv gefunden.“ Erzählerin: Außer den schriftlichen Erwähnungen ist vom Kacic-Clan nicht viel erhalten. Im Stadtmuseum von Omis liegt aber ein etwa drei Meter langer Steinblock, vermutlich ein Grabstein der Freibeuter. Die Archäologin liest die kurze Inschrift vor: Zusp. 6 Miroslav OV weibl.: SPRECHERIN 1 „Hier ruht Miroslav Kacic zusammen mit seinem Vater und seinem Bruder. - Diese Steintafel wurde am Friedhof außerhalb der Stadtmauer entdeckt. Was wir auch in Omis gefunden haben, ist ein Dokument eines gewissen Burgherren Jura, in dem er den Bewohnern ausdrücklich die Piraterie erlaubt.“ (((ATMO 4 Friedhof Erzählerin: Am alten Friedhof kennt Vanja Kovacic praktisch jedes Grab, hier hat sie intensiv geforscht. Um eine Kapelle herum liegen rund zwei Dutzend Sarkophage auf dem Erdboden. Namen sind kaum noch zu erkennen, aber Wappen: Zusp. 7 Stein OV weibl.: SPRECHERIN 1 „Für uns sind diese Wappen auf den Grabsteinen besonders interessant, wie dieses hier mit dem Schwert. Leider haben wir keine Gräber der Kacic-Familie entdeckt, aber in Makarska (Betonung auf erstem a) wurde ein Grabstein mit dem Namen Kacic gefunden, ihr Wappen ziert ein Drache! Wir sind allerdings sehr sicher, dass auch Seeräuber aus dem Kacic-Clan auf diesem Friedhof beigesetzt wurden. Hier drüben ist ein besonderes Wappen: mit drei Köpfen, die dunkelhäutige Soldaten darstellen. Wir vermuten, dass hier Seeleute liegen, die gegen die Osmanen gekämpft haben, denn damals wurden die Osmanen mit solchen klischeehaften Köpfen abgebildet“.))) MUSIK 3 Erzählerin: Auch Nikolas Jaspert, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Heidelberg, forscht über Piraten in der Adria. Er ist Autor des Buches „Seeraub im Mittelmeerraum“. Mit dem Hollywood-Image der Piraten aus der Karibik, also mit Papagei auf der Schulter, Rumflasche in der Hand und Totenkopf auf der Fahne, hat die historische Realität der dalmatinischen Akteure nicht viel zu tun: Zusp. 8 Adlige (Jaspert): „Keine Totenköpfe, nein, nicht trinkfest! Man kann aber diese Karrieren verfolgen, das sind verarmte Adlige. Und wie auf dem Land manche verarmte Adlige zu Räubern werden, andere überfallen, so entschließen manche verarmte Kleinadlige auch, zur See zu gehen. Denn das, was sie können, ist kämpfen.“ Erzählerin: Neben den Kacic aus Omis gab es im Mittelalter weitere Seeräuber-Gruppierungen entlang der dalmatinischen Küste. Sie hatten sich die Reviere wohl aufgeteilt, ähnlich wie das heute die Mafia tut. Und auch an der westlichen, italienischen Küste der Adria, im westlichen Mittelmeer oder der Ägäis terrorisierten Piraten Handelsreisende. Teilweise agierten diese Freibeuter im Auftrag von Herrschenden: Zusp. 9 halbstaatlich (Jaspert): „Es handelt sich – wenn man so will – um eine Form halbstaatlicher Gewalt. Das sind Personen, die etwa von der Republik Venedig oder der Krone Aragon oder Genua oder wem auch immer Kaperbriefe und die Erlaubnis erhalten, die Feinde dieser Herrschaften anzugreifen. Und es gibt auch – und das ist überraschend – Kaufleute, die auch mal zu Gewalt greifen. Das heißt also der Berufspirat, wie wir es uns vorstellen, so Blackbeard und Captain Sparrow und so, den gibt es im Mittelalter so gut wie gar nicht, sondern die anderen beiden Typen sind vorherrschend.“ Erzählerin: Nikolas Jaspert ist Mitglied einer internationalen Forschungsgruppe, die eine Datenbank über Piraterie im Mittelmeerraum aufbaut. Die Wissenschaftler durchforsten dafür Stadt - und Kirchenarchive, analysieren Handelsverträge und Register, kartographieren regionale Brennpunkte und berechnen die Gewinne der Raubzüge. Laut dem Heidelberger Historiker ein bislang vernachlässigtes Forschungsfeld: Zusp. 10 Archiv (Jaspert): „Da ist noch viel zu finden über Gewalt zu See. Also wenn so ein Seeraub, so eine Prise gemacht wurde, also ein Schiff gekapert wurde, dann hat das häufig diplomatische Konsequenzen gehabt, dann wurden Gesandte hin und hergeschickt und es ging um Schadensausgleich und die Androhung von Repressalien und sowas konnte sich über Monate, Jahre, ja Jahrzehnte hinziehen. Und hat auch Texte hinterlassen, die weitgehend unbekannt sind. Und die gilt es erst einmal zu lesen und auszuwerten und zwar so, dass man die Karrieren und die Handlungen von einzelnen Seeräubern, Individuen verfolgen kann und auch ihre Verbindungen zu unterschiedlichen politischen Einheiten, Herrschaften, Staaten, wenn man so möchte, auch verfolgen kann. Und das ist bislang nicht möglich gewesen, weil die Forschung in der Regel national orientiert ist, also die Italiener forschen zur italienischen Geschichte und die Spanier zur spanischen. Aber diese Seeräuber waren – das liegt in der Natur der Sache – grenzüberschreitend tätig.“ ATMO 5 Stufen Erzählerin: Von der Altstadt von Omis aus führen einige steile Stufen zur Mirabela-Festung hinauf. Sie wurde im 13. Jahrhundert erbaut und überragt die Stadt. Von der Original-Anlage ist noch der Turm erhalten. Senka Vlahovic (sprich: Senka Wlahowitsch) veranstaltet für Interessierte Piraten-Touren durch Omis, vermittelt Wissen aus der Zeit an Schulkinder und spielt auf Festivals eine Kacic-Fürstin. Vom Turm der Festung aus schaut sie auf´s Meer und zur vorgelagerten Insel Brac (sprich: Braatsch): Zusp. 11 fortress OV weibl.: SPRECHERIN 2 „Die Festung wurde zur Verteidigung benutzt, hatte verschiedene Zwecke: der Turm war natürlich Aussichtspunkt, von hier aus hat man einen Blick über die Adria, auf den Kanal zwischen Festland und der Insel Brac, über die ganze Insel hinweg, und auf der anderen Seite zum Cetina-Fluss und den Anfang der Schlucht. Außerdem war es ein Leuchtturm. Mit dem Feuer konnten sie ihren eigenen Booten nachts signalisieren, wo ihr Hafen ist. Und die Burg war der letzte Rückzugsort. Wenn Gegner in die Stadt eindringen konnten, hätte sich die Kacic-Familie für die letzte Schlacht hier verschanzt.“ MUSIK 4 Zusp. 12 wall OV weibl.: SPRECHERIN 2 „Von diesem Ort aus regierten sie. Vor der Kacic-Ära hatte sich hier ein anderes Fürstentum zwischen den Flüssen Neretva (sprich: Neretwa) und Cetina etabliert. Die Kacic-Familie hat ihnen die Herrschaft über diesen Landstrich entrissen. Die geografische Lage ist prädestiniert für Herrschende: die Stadt wurde nicht nur durch die Burg beschützt, sondern auch durch eine Stadtmauer und wo heute die Hauptstraße ist, war ein schützender Wasserkanal.“ Erzählerin: Bereits in der Antike sorgten illyrische Piraten für Angst und Schrecken an der Adria. Die Illyrer waren eine Ansammlung verschiedener Stämme wie den Japoden, Liburnern oder Histriern, die der Region Istrien ihren Namen gaben. Sie jagten schon in den Jahrhunderten vor der Zeitenwende römische oder griechische Handelsschiffe. Laut Nikolas Jaspert nutzten sie vor allem versteckte Buchten auf den vielen Inseln vor der kroatischen Küste: Zusp. 13 zerklüftet (Jaspert): „Insofern sind solche zerklüfteten Küsten für Seeräuber perfekt, weil die Opfer gewissermaßen an den Küsten entlangfahren und dann kann man von einer Küstenbucht aus oder von hinter einer Küste relativ schnell vorstoßen. Und deshalb ist die Küste Dalmatiens schon seit vielen Jahrhunderten und auch im frühen Mittelalter ein Gebiet, von dem erzählt wird, wo sich sehr häufig Seeraub ereignete. Da sind die illyrischen Seeräuber nur ein Beispiel für eine lange Tradition.“ Erzählerin: Was für heutige Urlauber an den Adriastränden kaum vorstellbar ist, war mehr als Tausend Jahre lang Normalzustand: Segelschiffe mit wertvoller Fracht wurden von Freibeutern überfallen und ausgeraubt. Piratenboote gehörten quasi zur maritimen Landschaft wie heute touristische Ausflugsdampfer. Laut Archäologin Kovacic liegt das an der unterschiedlichen Beschaffenheit der italienischen und kroatischen Küstenlandschaften: Zusp. 14 Adria OV weibl.: SPRECHERIN 1 „Entlang der kroatischen Adriaküste sind Tausende Inseln. Hier gibt es unzählige Buchten, wo Schiffe anlegen konnten. Auf der italienischen Seite ist die Küste ewig lang, ohne schützende Buchten. Deshalb fuhren venezianische oder päpstliche Schiffe lieber auf unserer Seite. Gleichzeitig waren diese Buchten perfekte Verstecke für die Piraten. Die Seeräuber überfielen aber auch konkurrierende Städte an der Küste. So ist bekannt, dass die Bewohner von Omis einmal fast alles verloren, weil die Stadt von anderen Piraten eingenommen wurde.“ Erzählerin: Von den Neretva (sprich: Neretwa) -Piraten ist die Taktik überliefert, in Inselbuchten Feuer zu entzünden und damit Handelsreisende anzulocken. Die mussten immer wieder anlanden und ihre Vorräte auffüllen. Näherten sie sich den Feuerstellen vermeintlicher Siedlungen, so tappten sie in die Piratenfalle. Am 18. September 887 ereignete sich vor Makarska eine legendäre See-Schlacht: die Neretva-Seeleute verteidigten ihre Stadt gegen eine übermächtige Flotte mit 12 Kriegsschiffen aus Venedig. Der venezianische Doge Urso I. verlor in der Schlacht sein Leben. Am 18. September wird jährlich der „Tag der kroatischen Marine“ gefeiert. MUSIK 5 Erzählerin: In der frühen Neuzeit, also im 16. und 17. Jahrhundert, war eine andere Piratengruppe aus dem heutigen Kroatien sehr erfolgreich: die Uskoken! Dieser militärisch organisierte Verband rekrutierte seine Mitkämpfer unter anderem aus Flüchtlingen osmanisch besetzter Gebiete in Süd-Dalmatien, aber auch aus anderen Bevölkerungsgruppen des westlichen Balkans. Zentrum der Uskoken war der Küstenort Senj (sprich: Sen) in der Nähe des heutigen Zadar (sprich: Sadar, Betonung auf erstem a). Laut Quellen konnten die Uskoken dauerhaft auf 1000 Kämpfer zurückgreifen und legten sich erfolgreich sowohl mit den Venezianern als auch mit den Osmanen an. In Italien nannte man sie „Venturini“, also Glücksritter. Spezialität der Uskoken waren Angriffe nicht auf offener See, sondern im Hafen: Zusp.15 Uskoken (Jaspert): „Das sind Überfälle auf Schiffe, die gerade im Hafen sind, und das passiert sehr häufig. Also unser Bild des Seekrieges, das wir aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert kennen, mit den großen Schlachtschiffen und vielen Kanonen, das gilt für die frühe Zeit und auch für die Zeit der Uskoken weniger. Sie haben schnelle Schiffe, mit denen sie auch Handelsschiffe überfallen. Also ihr Vorteil ist, dass sie das Gelände natürlich gut kennen und in dieser Inselwelt zuhause sind und notfalls auch in Flüsse hochfahren können. Und zum zweiten, dass sie eben kleinere, schnellere, wendigere Schiffe haben.“ Erzählerin: Zur rein materiellen Motivation kam auch eine religiöse hinzu. Die Seeräuber aus Senj raubten vorzugsweise Schiffe der Osmanen aus. Zusp. 16 Andersgläubige (Jaspert): „Die religiösen Gegensätze zwischen Muslimen und Christen erleichtern den Seeraub, weil man als Christ problemlos einen Muslim überfallen darf, weil er eben ein Glaubensfeind ist. Und umgekehrt gilt es genauso, während man sonst schon darauf achten muss, wenn man als Genuese einen Christen überfällt, weil das diplomatische Schwierigkeiten bedingt. Also der Seeraub zwischen Andersgläubigen ist schlichtweg risikoärmer für die Gewaltakteure, für die Piraten.“ Erzählerin: Was oftmals bei Piraten-Erzählungen unberücksichtigt bleibt, ist die Versklavung der Opfer. Seeräuber nahmen nicht nur sämtliche Waren der eroberten Schiffe mit, sondern oftmals auch die Besatzung oder Reisende. Und Archäologin Kovacic hat Aufzeichnungen ausgewertet, die sogar Entführungen in Küstenorten erwähnen: Zusp. 17 Hvar OV weibl.: SPRECHERIN 1 „Aus dem 16. und 17. Jahrhundert haben wir Belege, dass osmanische Piraten hierherkamen und vor allem auf den Inseln Männer und Frauen entführt haben, die nach kräftigen Arbeitskräften aussahen. Teilweise wurden alle Bewohner von kleineren Inseln mitgenommen, so dass diese Eilande über Nacht unbewohnt waren. 1571 drangen ottomanische Piraten nach Zentraldalmatien ein, sie griffen die Siedlungen auf der Insel Hvar an und brannten praktisch alles nieder. Aber aus welchem Grund auch immer sind sie nicht ins nahegelegene Omis gekommen.“ (((Zusp. 18 Opfer (Jaspert): „Wir haben nicht nur in der Forschung, sondern auch in der öffentlichen Wahrnehmung gerne auf die Akteure geschaut, also auf die sogenannten Piraten, aber viel zu wenig danach gefragt, was passiert eigentlich mit den Menschen, die geraubt werden. Und Seeraub hat ganz viel mit Menschenhandel zu tun, also mit dem Kidnappen, dem Entführen von Menschen, die dann gegen Lösegeld entweder verkauft werden oder die auf den Sklavenmärkten verkauft werden. Denn die Sklaverei ist ein Alltagsgeschäft, sowohl von Seiten der christlichen Europäer als auch von Seiten muslimischer Herrschaften. Und die Opfer sind ganz unterschiedlich, das können Kaufleute sein, können Pilger sein, es sind auch ganz häufig Küstenbewohner.“))) Erzählerin: Der Heidelberger Historiker Niklas Jaspert macht in seinen Veröffentlichungen immer wieder deutlich, dass Piraterie von der Antike bis zur Neuzeit eine breite gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Bedeutung hatte. Das Bild der freiheitsliebenden Revolutionäre unter dem Totenkopf, die den Reichen das Geld stahlen und es den Armen gaben, ist ihm zufolge stark romantisierend. Ein Freibeuter im Mittelmeer war eher Wirtschaftskrimineller als Robin Hood. Und letztlich war ein großer Teil der Bevölkerung beteiligt: als Täter, Opfer oder Nutznießer: Zusp. 19 Küstenbewohner (Jaspert): „Man tut gut daran, wenn man eine Geschichte des Seeraubs in Dalmatien und an der Küste schreibt, dann immer die Küstenbewohner mitzuschreiben, die ganz unterschiedlich involviert sein können. Als Opfer natürlich von Überfällen, als Täter, die selbst zur See gehen und rauben, aber nicht zuletzt auch als Käufer und als Teil dieses Handels-Netzwerks, auf dem ja auch der Seeraub beruht, dass man die Beute verkaufen können muss.“ Erzählerin: Die kroatische Archäologin Vanja Kovacic ergänzt, dass man Piraterie in früheren Epochen nicht mit heutiger Moral beurteilen dürfe: Zusp. 20 Zoll OV weibl.: SPRECHERIN 1 „Das war keine Frage von gut und böse, das war normal. Sie forderten Geld oder Ware dafür, dass fremde Schiffe durch die hiesigen Seegebiete fahren durften. Wenn man so will, tun wir das heute auch, in dem wir Zölle, auf der Autobahn Gebühren von den Durchreisenden oder in den Häfen Liegegebühren verlangen, freilich ohne Gewalt!“ Zusp. 21 zeitlos (Jaspert): „Ich halte Seeraub schon für ein zeitloses Phänomen, wir haben es ja immer noch! Also am Golf von Aden und anderswo, man muss sich nur die Zahlen anschauen, werden Jahr für Jahr Schiffe überfallen. Und das kriegen wir in Deutschland nur bedingt mit. Am Horn von Afrika eine Zeitlang schon, da war es auch in den Nachrichten. Und Reedereien reagieren zum Beispiel damit darauf, dass sie Söldner, Privattruppen anstellen, um Schiffe zu verteidigen. Also das ist ein Phänomen, das die Zeiten überdauert.“ MUSIK 6 ATMO 1 Schlacht Erzählerin: Wenn alljährlich im August im Hafenbecken von Omis die Piratenschlacht tobt, hat man von der Festung Fortica Starigrad (sprich: Fortizza Starigrad, nicht Schtari) aus den besten Ausblick. 300 Meter über der Stadt ist diese Anlage aus dem 15. Jahrhundert. Auch sie diente den Piratenfamilien als Hochburg, Aussichtspunkt und Rückzugsort. Erobert wurde sie nie. Wann genau und warum die Herrschaft der Kacic-Freibeuter endete, ist nicht überliefert. Ihre Nachfolger in Dalmatien, die Uskoken, gerieten im sogenannten „Krieg um Gradiska“, den Venedig und Habsburg ausfochten, zwischen die Fronten. Nach dem Friedensschluss der beiden Großmächte von 1617 wurden alle Schiffe der Uskoken verbrannt, sie mussten ins Hinterland umsiedeln. Viele von ihnen schlossen sich als Söldner den Habsburgern an, die übrigen zerstreuten sich zwischen Balkan und Österreich, die Piraterie an der kroatischen Küste löste sich fast über Nacht in Luft auf! ATMO 7 Festung Erzählerin: Karlo Kovacic ist Mitglied der örtlichen Sektion des kroatischen Wanderverbandes und kümmert sich mit seinem Team um die Instandhaltung der Wanderwege zu den Burgen und Höhlen der Gegend. Er beobachtet die Piratenschlacht immer von oben, ganzjährig führt er Wandergruppen auf den Spuren der Piraten durchs Gelände. (((Vor allem in der Cetina-Schlucht vermutet er noch spannende Funde, die auf Archäologen warten: Zusp. 22 Cetina OV männl.: SPRECHER 1 „Am Flussufer lagerten die Piraten ihre Boote. Und sie trieben auch dort Handel, z.B. mit Salz, das damals sehr wertvoll war. Es wurden Überreste von Windmühlen entdeckt, d.h. die Bewohner hier haben ihr Mehl gemahlen. Das war eine wichtige Nahrungsquelle auch für die Piraten. Entlang des Flusses sind auch zahllose sehr alte Natursteinmauern zu sehen. Leider gibt es dazu noch keine archäologischen Untersuchungen. Da gibt´s noch viel zu erforschen, was die Piraten hier taten. Es war auf jeden Fall die Speisekammer der Piraten. Sehr gut kann man all die Mauern und Ruinen vom Fluss aus bei einer Raftingtour sehen“))) Erzählerin: Und auf EINE Entdeckung warten die Bewohner von Omis seit langem: irgendwo muss doch ein Piratenschatz vergraben liegen!? Zusp. 23 Schatz OV männl.: SPRECHER 1 „Leute aus Omis suchen seit Jahrhunderten nach möglichen Piratenschätzen, zum Beispiel in den vielen kleinen Höhlen hier. Bisher hatte aber noch kein Schatzjäger Glück, es wurde nichts Wertvolles gefunden. Wir wissen nicht, wohin die Kacic ihre Schätze geschafft haben oder ob sie hier irgendwo ruhen. Zur Bank haben sie die Schätze sicher nicht gebracht!“