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Authentisch leben - Die Kunst man selbst zu sein

20.03.2024 · 23 Min.

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Über diese Folge

Ständig sind wir heute auf der Suche nach dem Authentischen: Essen, Kultur-Urlaub, Kunst. Und auch wir selbst sollen authentisch sein. Doch wie geht das? Und was, wenn das 'authentische Ich' ein mieser Charakter ist? Autor: Niklas Nau (BR 2018)

Credits
Autor dieser Folge: Niklas Nau
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann, Wolfgang Pregler, Hemma Michel
Technik: Fabian Zweck
Redaktion: Bernhard Kastner

Im Interview:
Monika Betzler (Professorin; Lehrstuhlinhaberin für Praktische Philosophie und Ethik, LMU München);
Stephanie Draschil (Sozialpsychologin)

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

COLLAGE VOX-POPS

Authen  ... warte ... das ist natürlich jetzt mies, ne ...A uthezizi ... nein ... Authen-tizität. Authentizität. Authetizi ... Autheziti ... Authentizität, Authentizi-tät, Authetizität. Authenzizi- kann ich nicht. Authentizität. Authentizität. Hamma's scho.

ERZÄHLER

A-U-T-H-E-N-T-I-Z-I-T-Ä-T. Den Begriff auszusprechen, ist schon schwer genug. Ihn auch noch wirklich zu leben, wirklich authentisch zu sein … – geht das überhaupt?

MUSIKAKZENT 

ERZÄHLERIN

Authentisch sein – das ist heute schwer in Mode. Die Regale der Buchhändler und Lebenshilfeblogs im Internet laufen über mit Titeln wie: 

COLLAGE ZITATORIN / ZITATOR

'Authentizität: Die neue Wissenschaft vom geglückten Leben'

ZITATOR

'Sind Sie noch ganz echt?: Mut zur Authentizität'

ZITATORIN

'Sich selbst finden und leben in 7 Schritten'

ZITATOR

'Du willst echt sein? – 3 Tipps für mehr Authentizität'

ZITATORIN

'Einzigartig!: Mit authentischer Positionierung und Branding zum Erfolg'

ZITATOR

'Authentisch, präsent, charismatisch. Nutzen Sie das Potenzial Ihrer Ausstrahlung'

ERZÄHLER

Und nicht nur wir selbst, auch unsere Erfahrungen sollen heute möglichst authentisch sein. Beim Urlaub in Südafrika nur am Strand brutzeln und Löwen vom Safari-Jeep aus beobachten?: „Out“! „In“ ist heute, das „echte“ Südafrika und seine Menschen kennenzulernen: etwa mit einer Tour durch den einstmals als Drogenhöhle berüchtigten Ponte Tower in Johannesburg, inklusive Einblick in die Wohnungen und das „echte Leben“ der Bewohner. Die Tourismusindustrie tut alles dafür, damit sich der Tourist nicht als 'Tourist' fühlen muss.

ERZÄHLERIN

Oder beim Essen: Wenn wir ein unbekanntes kleines chinesisches Restaurant betreten und alle anderen Gäste Chinesen sind, beglückwünschen wir uns wahrscheinlich erst einmal selbst: Wir haben etwas Authentisches entdeckt! Falls es dann doch schlecht schmeckt, war es immerhin authentisch schlecht. 

Dass wiederum in der chinesischen Provinz Guangdong vor einigen Jahren das gesamte österreichische Dorf Hallstatt für 940 Millionen Dollar seitenverkehrt nachgebaut wurde, erscheint uns mindestens skurril. 

Österreichisches Weltkulturerbe im Reich der Mitte? Unauthentisch! Auf der Startseite von Hallstatts Internetauftritt steht (augenzwinkernd):

ZITATOR (http://www.hallstatt.net/)

Herzlich willkommen in Hallstatt. Millionenfach fotografiert – einmal kopiert – nie erreicht. 

ERZÄHLER

Die Liste der Dinge, die bitte möglichst authentisch sein sollen, lässt sich fast beliebig lange weiterführen: 

Unser Chef oder unser Führungsstil, unsere Politiker, die Produkte die wir kaufen, die Musik, die wir hören: Der Drang, Authentisches zu erleben und authentisch zu leben, scheint so groß wie vielleicht noch nie: 

O-Ton 1 - Stephanie Draschil

Ich habe das Gefühl, dass sich sehr viel vereinheitlicht hat, also sehr viel homogenisiert ist. Wenn Sie in der Welt herumreisen, haben Sie überall Starbucks, Sie haben überall McDonalds, Sie haben überall H&M, die Leute ziehen das Gleiche an, die trinken das gleiche, die beschäftigen sich mit ähnlichen Sachen. Wir sind sehr vernetzt geworden, es hat sich alles sehr homogenisiert. Und ich glaube, da ist ein Bedürfnis da, dass man wieder individueller wird, dass man wirklich auch sich die Frage stellt: Was will ich eigentlich, was ist mir eigentlich wichtig, wie will ich mich auch von anderen Menschen abgrenzen?

ERZÄHLERIN

Sagt die Sozialpsychologin Stephanie Draschil. Doch was genau ist diese Authentizität, nach der wir uns so sehnen? Das Wort „authentisch“ kommt vom griechischen authentikós und heißt so viel wie „echt“, „original“, „verbürgt“, „wahrhaftig“. 

ERZÄHLER

Was ein authentisches Dokument ist, etwa ein authentischer Vertrag oder ein authentisches Testament, leuchtet uns sofort ein. Auch bei klassischen Kunstobjekten wie Gemälden ist das Identifizieren von Authentischem noch relativ einfach. Ein authentischer Rembrandt ist eben das Gegenteil von einer Fälschung und das Gegenteil von einer Kopie. Doch was genau meinen wir, wenn wir von „authentischer“ Kultur sprechen? Es ist ein Begriff, der schnell in eine gefährliche Nähe zu den Völkerschauen des Kolonialismus gerät, in denen „Wilde“ wie Zootiere zur Schau gestellt wurden: 

Zum Beispiel dann, wenn Touristen enttäuscht sind, dass das exotische Volk, zu dem ein Reiseveranstalter sie führt, nicht in der Zeit festgefroren ist, sondern durchaus eine hohe Smartphone- und Fernseherdichte aufweist. Und wie sollen wir erst über Authentizität entscheiden, wenn es um so etwas Komplexes wie den einzelnen Menschen geht?

MUSIKAKZENT

ERZÄHLERIN

Was macht eine Person authentisch? Monika Betzler ist Professorin für Praktische Philosophie und Ethik an der LMU München. Sie empfiehlt eine Annäherung über den Alltag:

O-Ton 2 - Prof. Monika Betzler, LMU München

Da kann man sich mal überlegen, was meinen wir alltagssprachlich damit, und noch einfacher, was meinen wir mit dem Gegenteil von Authentizität, was sind denn inauthentische Wesen? Da hat wahrscheinlich jeder eine Vorstellung davon. Das sind Menschen, die irgendwas verbergen beispielsweise, die nicht in der Lage sind zu dem zu stehen oder das zu äußern, was sie wirklich denken und so weiter. Und das Gegenteil wäre dann etwas, was den Begriff der Authentizität charakterisiert. Und vielleicht ist auch die allgemeinste Definition, die, das eine Person authentisch ist in dem Maße, in dem sie zu dem steht, was ihr wichtig ist. Und dann müssen wir uns nähere Gedanken machen was heißt das jetzt genau, was heißt, zu sich stehen, und was heißt, dass einem etwas wichtig ist. 

ERZÄHLERIN

Das Ideal der Authentizität ist dabei relativ neu. Zwar stand schon vor etwa 2.500 Jahren am Apollotempel in Delphi die Inschrift „Gnothi seauton“ – „Erkenne dich selbst!“. Und auch der antike Philosoph Sokrates soll die Wichtigkeit der Selbsterkenntnis immer wieder gelehrt haben. 

Und doch verstanden vormoderne Gesellschaften unter diesem „Erkenne dich Selbst!“ wohl etwas ganz anderes, als wir das heute tun. Denn Menschen sahen sich damals in den meisten Gesellschaften als Teil einer größeren, kosmischen Ordnung. Irgendwo zwischen Göttern oder Geistern, Tieren und Pflanzen hatte der Mensch seinen Platz. Sich selbst zu erkennen hieß, seinen Platz – und seine Aufgabe – innerhalb dieser kosmischen Ordnung zu begreifen.

MUSIKAKZENT

ERZÄHLER

Doch dann, im 18. Jahrhundert, ist auf einmal alles anders. 

Es ist das Zeitalter der Aufklärung und Säkularisierung, der wissenschaftlichen und industriellen Revolution und tief greifender gesellschaftlicher Veränderungen wie der Französischen Revolution. Mit sich bringen diese Entwicklungen, was der Soziologe Max Weber als „Entzauberung der Welt“ beschrieben hat: die Erkenntnis, dass das Universum rational erklärbar ist, dass es keine verborgenen mythischen Mächte gibt. Das hat weitreichenden Folgen:

O-Ton 3 - Prof. Monika Betzler

Wir sind nicht notwendig Teil des Kosmos oder der Gesellschaft und sind nun in der Lage uns davon zu entfernen und uns nun dazu selbst reflexiv in ein Verhältnis zu bringen. Ja, das sieht man auch an solchen Dingen, wie dass so Begriffe wie Ehre plötzlich weniger eine Rolle spielen, und es gibt auch eine wunderbare Schrift von John Stuart Mill, das ist dann 19. Jahrhundert, über die Freiheit,  der einen Lobgesang auf die Individualität singt. 

ERZÄHLER

Die alte Idee von der kosmischen Ordnung, in der jeder Mensch einen festen Platz und feste Aufgaben hat, in der gut zu leben bedeutet, seinem gesellschaftlichen Stand und seinen Pflichten gerecht zu werden, ist passé. 

In der Moderne ist der Mensch ein freies, vernunftbegabtes Individuum. Doch die geistige und gesellschaftliche Freiheit, die der Mensch sich erkämpft hat, bringt eine große Frage mit sich: Wie soll er diese Freiheit nutzen? Was ist in diesem entzauberten Universum ein gutes, ein sinnvolles Leben?

MUSIKAKZENT

ERZÄHLERIN

Der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau gilt als zentrale Figur bei der Schöpfung des modernen Authentizitätsbegriffs. 

Denn die Antwort, die er auf die Frage nach dem richtigen Leben hat, ist folgende: Der Schlüssel liegt in uns selbst. Der Mensch, glaubt Rousseau, ist von Natur aus gut und moralisch. Die Gesellschaft ist es, die uns verdirbt, vom rechten Weg abbringt, unmoralisch und unglücklich macht. Den Zauber, der die Welt verlassen hat, finden wir wieder – und zwar in uns selbst. Rousseau schreibt:    

 ZITATOR Rousseau (public domain, http://gutenberg.spiegel.de/buch/emil-oder-ueber-die-erziehung-erster-band-3811/12)

Bevor die Vorurtheile und die menschlichen Einrichtungen unsere natürlichen Neigungen verderbt haben, besteht das Glück der Kinder eben so wie das der Erwachsenen in dem unbeschränkten Genusse der Freiheit; Wer thut, was er will, ist glücklich, sobald er sich selbst genug ist; das wird stets bei dem Menschen der Fall sein, welcher im Naturzustande lebt. 

ERZÄHLERIN

Obwohl Rousseau den Begriff Authentizität selbst nicht verwendet: Indem er der für ihn „künstlichen“ Gesellschaft die Idee des „Edlen Wilden“, der in uns schlummert, gegenüberstellt, gibt er den Startschuss für die Suche nach dem Authentischen. Viele der großen Philosphen der Moderne werden sich an ihr beteiligen: 

Hegel, Kierkegaard, Heidegger, Nietzsche, Sartre, Camus, Adorno, Fromm, Foucault, Taylor – ein echtes Who is Who der Philosophie. 

MUSIKAKZENT

ERZÄHLER

Doch sehen sie sich dabei mit einem grundliegenden Problem konfrontiert: Authentizität, wie die meisten Philosophen sie von nun an verstehen, ist nichts, das sich anhand objektiver Kriterien beschreiben ließe, sondern zutiefst subjektiv. „Zehn Dinge, die dich zum authentischen Menschen machen?“ – Fehlanzeige! Und so lässt Nietzsche seinen Entwurf eines authentischen „Übermenschen“ – den Einsiedler Zarathustra, der beschließt, seine Weisheit mit den Menschen zu teilen – auch keine allgemeingültigen Regeln für ein authentisches Leben aufstellen, sondern erklären: 

ZITATOR Nietzsche (public domain, http://gutenberg.spiegel.de/buch/-3248/66) 

»Das – ist nun mein Weg, – wo ist der eure?« so antwortete ich Denen, welche mich »nach dem Wege« fragten. Den Weg nämlich – den giebt es nicht!

ERZÄHLER

Authentizität ist für viele Existenzphilosophen etwas, das jeder nur für sich selbst finden kann. Der dänische Philosoph Soren Kierkegaard identifiziert gerade die leidenschaftslose Rationalität als großes Übel der Moderne, und sieht Authentizität als Heilmittel und Gegenentwurf dazu. Authentizität bedeutet für ihn Pathos, also Leidenschaft, und Authentizität ist für ihn ein Projekt der Subjektivität und der Gefühle, nicht des Verstandes. Deshalb sollen authentische Helden oder Anti-Helden wie Nietzsches Zarathustra im Leser den Wunsch nach Authentizität wecken, Ironie soll das Inauthentische bloßstellen. 

ERZÄHLERIN 

Dabei sehen viele Philosophen Authentizität bald aber nicht bloß als etwas Statisches, sondern als fortwährendes Projekt: ständiges Ankämpfen gegen das Inauthentische, die ständige Neukreation des authentischen Ichs aus sich selbst heraus, ein ständiger Akt der Selbst-Schöpfung. Nietzsche schreibt: 

ZITATOR Nietzsche (http://gutenberg.spiegel.de/buch/-3245/7)

„Wir aber wollen die Dichter unseres Lebens sein!“ 

ERZÄHLERIN 

Natürlich haben die Philosophen in vielen Punkten unterschiedliche Auffassungen zur Authentizität und zum besten Weg, diese zu erreichen. Von einem Verständnis von Authentizität als dem wahren Kern unseres Selbst, der nur freigelegt werden muss, ist etwa bei Nietzsche und Heidegger nicht mehr viel übrig. 

Nietzsche betont das spielerische Ausprobieren und fordert vom Menschen, „das zu werden, was man ist“. Authentisch zu werden bedeutet bei ihm also auch, Verantwortung für seine Taten und Charakterzüge zu übernehmen – gute wie schlechte, Stärken wie Schwächen – und sie zu einem kohärenten Bild zu vereinen. In „Die fröhliche Wissenschaft“ verlangt Nietzsche: 

ZITATOR Nietzsche (http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-frohliche-wissenschaft-3245/7)

Eins ist Noth. – Seinem Charakter "Stil geben" – eine grosse und seltene Kunst! Sie übt Der, welcher Alles übersieht, was seine Natur an Kräften und Schwächen bietet, und es dann einem künstlerischen Plane einfügt, bis ein jedes als Kunst und Vernunft erscheint und auch die Schwäche noch das Auge entzückt. 

ERZÄHLER

Für einen der bekanntesten Existenzphilosophen, Martin Heidegger, ist hingegen das Bewusstsein um die eigene Sterblichkeit zentral bei der Suche nach Authentizität. Denn sie ist es, die einem die Verantwortung für das eigene Leben vor Augen führt und aus den Ablenkungen des Alltäglichen in ein Leben führt, das wir uns zu eigen gemacht haben. 

ERZÄHLERIN 

Die Konfrontation mit dem unausweichlichen Tod als Augenblick der Wahrheit und Erkenntnis ist ein Mittel, das auch in Literatur und Film immer wieder gerne eingesetzt wird, um die Möglichkeiten von authentischem Leben auszuloten. 

Etwa in Leo Tolstois Erzählung vom Sterben des Gerichtsangestellten Iwan Iljitsch. Erst als Iljitsch mit Mitte vierzig überraschend todkrank wird und auf dem Sterbebett liegt, wird ihm klar, dass er sein Leben falsch und unauthentisch gelebt hat. Alle Annehmlichkeiten seines Lebens und seine gesellschaftliche Stellung sind für ihn auf einmal wertlos geworden, mehr noch, das Spielen seiner gesellschaftlichen Rolle hat ihn zu einer leeren Hülle gemacht. 

MUSIKAKZENT

ERZÄHLER

Genau in diesem Punkt scheinen sich fast alle Verfechter der Authentizität einig zu sein: Authentisch leben heißt, gesellschaftliche Erwartungen, Rollenbilder und Ideologien kritisch zu hinterfragen und sich – falls nötig – von ihnen zu lösen.

O-Ton 4 - Prof. Monika Betzler, LMU München

Und da sind wir auch schon bei einem der ersten Probleme. Könnte der Wert der Authentizität in Konflikt geraten mit beispielsweise der Moral? Nämlich dann, wenn man sich ganz aufrichtig zu Werten bekennt, die aber unmoralisch sind!?

ERZÄHLER

In den USA zog mit Donald Trump Anfang 2017 ein Mann ins Weiße Haus ein, der auf einer Tonbandaufnahme damit prahlte, als Star könne er es sich erlauben, Frauen einfach zwischen die Beine zu fassen. Die Reaktionen auf das Öffentlichwerden dieser Aufnahme während des Wahlkampfs waren empört. 

Auf seiner Kampagnenseite veröffentlichte Trump daraufhin ein Statement: 

ZITATOR Statement D. Trump, Übersetzung Niklas Nau (https://web.archive.org/web/20161007210105/https://www.donaldjtrump.com/press-releases/statement-from-donald-j.-trump)

Das war ein Umkleidekabinengespräch, ein Privatgespräch von vor vielen Jahren. Bill Clinton hat beim Golfen schon deutlich Schlimmeres zu mir gesagt. Es tut mir leid, falls sich jemand davon angegriffen gefühlt hat. 

ERZÄHLER

Bei vielen Wählern schien diese Argumentation anzukommen, denn auf lange Sicht konnte der Vorfall Trump nicht schaden. „Locker Room Talk“ – so, wie echte Männer nunmal in der Umkleidekabine über Frauen reden. Authentisch … unmoralisch. 

MUSIKAKZENT    

ERZÄHLERIN

Das Ideal der Authentizität stellt die Gesellschaft vor ein Problem. Denn an Rousseaus „edlen Wilden“ – daran, dass der Mensch von Natur aus nur gut ist – glaubt heute fast niemand mehr. Verhaltensforschung und Psychologie haben uns klargemacht, dass der Mensch von sich aus zu Grausamkeit und Mordlust genauso fähig ist, wie zu Selbstlosigkeit und Güte. Wie soll die Gesellschaft also umgehen mit einem Ideal, das es Menschen möglich macht, mit dem Verweis auf die Authentizität auch unsere dunkelsten Impulse zu rechtfertigen? 

Wie umgehen mit dem authentischen Rassisten, dem authentischen Betrüger, dem authentischen Gewalttäter?

O-Ton 5 - Prof. Monika Betzler, LMU München

Ich denke, der Begriff der Authentizität und auch der der Autonomie, die haben ein großes Potenzial, die haben einen Wert, aber, und das zeigt sich auch in vielen Kritikern, die sich gegen diese Begriffe richten, mit denen kann man es natürlich auch übertreiben. Ich glaube, dass es ein sehr hohes Gut ist, dass wir sogenannte positive Freiheiten haben. Also sozusagen Dinge verfolgen können, die uns selber am Herzen liegen. Wir leben in einer Welt, in der es viele Länder gibt, die das als keine Errungenschaft sehen. Und ich glaube, das sollten wir schützen. Die Frage ist nur: Wo sind die Grenzen dieses Werts? Also was keiner behauptet: Der liberal ist und jedem möglichst viel Raum zugestehen möchte, sein eigenes Leben zu leben, ist nicht darauf verpflichtet, es dieser Person zuzugestehen es so weit zu treiben, dass sie andere Menschen beschränkt in ihrer Art und Weise gutes Leben zu leben. Da findet sich eine Grenze dieser Autonomie, wenn man so will.

ERZÄHLER

Die Sozialpsychologin Stephanie Draschil hat für ihre Doktorarbeit Menschen zu deren Wahrnehmung von Authentizität befragt und dabei herausgefunden, dass sich viele durchaus bewusst sind, dass Authentizität bei anderen Menschen auch ihre Schattenseiten haben kann: 

O-Ton 6 - Stephanie Draschil

Was rausgekommen ist, war, dass dieses Authentische, so wie wir es in unserer individualistischen Kultur definieren, eben dass wir auch unabhängig von anderen sind, dass wir zu eigener Meinung stehen, nicht von Meinung anderer beeinflussen lassen, was wir ja ganz toll finden, was aber in anderen Kulturen gar nicht unter Authentizität fällt, also in kollektivistischen Kulturen, dass das auch dazu führen kann, dass jemand als sehr egoistisch wahrgenommen wird.

(MUSIK als Überleitung)

ERZÄHLERIN

Die Psychologie leistet etwas, was manche philosophische Betrachtungen der Authentizität nicht tun - und auch gar nicht tun wollen. 

Sie begründet rational, warum authentisch sein – zumindest so, wie es Menschen im Alltag verstehen – überhaupt wertvoll ist: 

O-Ton 7 - Stephanie Draschil

Wir stellen einfach fest: Leute, die sich selbst als authentisch einschätzen, also authentisch heißt in dem Sinne sie stehen zu sich selbst, sie haben das Gefühl, sie stehen zu sich selbst, sie haben das Gefühl, sie sind sich in unterschiedlichen Situationen selbst gegenüber treu, sie sagen was sie denken, sie sind nicht abhängig von der Meinung anderer, sie lassen sich nicht von anderen beeinflussen, dann geben diese Menschen auch an, dass sie eine höhere Lebenszufriedenheit haben, dass sie in ihrer Partnerschaft glücklicher sind, dass sie weniger negative Gedanken haben, mehr positive Gedanken, weniger depressive Symptome ... also, es sind lauter positive Sachen.

ERZÄHLER

Authentizität ist ein Wert, den wir nicht aufgeben wollen. Einige Philosophen werben dafür, Authentizität nicht nur als persönliche, sondern auch als soziale Tugend zu sehen. Für sie stehen Authentizität und Gesellschaft nicht in erster Linie im Konflikt. Ganz im Gegenteil – die beiden brauchen einander. Denn auch falls es tief in uns ein „Ich“ gibt, das nicht sozial konstruiert ist: Um dieses Selbst herauszuschälen, brauchen wir unsere Umwelt – die Gesellschaft. Diese Denker betonen, dass wir erst dadurch, dass wir uns im Dialog mit anderen ständig positionieren müssen, ein „Ich“ herausarbeiten oder kreieren können. 

ERZÄHLERIN

Paradoxerweise ist es der gesellschaftliche Druck, sich als einigermaßen beständige Personen mit stabiler Persönlichkeit und Meinung zu präsentieren, der das Authentische Ich, das nicht von blindem Herdentrieb bestimmt ist, erst möglich macht.

„Wir brauchen einander, um überhaupt jemand zu sein“, sagt der Philosoph Bernard Williams. 

Gleichzeitig ist gerade die demokratische, freie Gesellschaft, die uns die Suche nach Authentizität überhaupt erst möglich macht, darauf angewiesen, dass Menschen versuchen, Ihre eigenen Werte zu erkennen und zu vertreten – gerade auch dann, wenn sie von der vorherrschenden Meinung abweichen. Ohne Dialog und Diskussion funktioniert Demokratie nicht.

MUSIKAKZENT

ERZÄHLER

Und doch: Die Subjektivität von Werten, die das Ideal der Authentizität mit sich bringt, bedeutet: Der authentische Betrüger, der authentische Schläger werden für die Gesellschaft immer ein Problem bleiben:  

O-Ton 8 - Stephanie Draschil

Ich denke, es ist wichtig, dass wir authentisch sind oder dass die Gesellschaft authentisch wird, aber dass eben Authentizität nicht als alleiniges Gut gesehen wird. Wir leben in einer Gesellschaft, und da ist eben auch diese soziale Verträglichkeit, dass wir gut miteinander auskommen auch wichtig. Also, es ist immer diese Frage, wie bringe ich denn meine Authentizität auch rüber!? Muss da wirklich der Choleriker sein, der sagt: ja ich bin halt so und ich kann nicht anders, oder ist da trotzdem irgendwie die Frage danach, wie sind wir eben im Umgang miteinander, gibt's da vielleicht eben dann doch diese gewissen Etiketten. Wo dann aber wieder die Frage ist, ist es dann noch authentisch, wenn man sich stark zurückhalten muss. Also ich denke das ist wirklich eine schwierige Frage und ein ganz großer Balanceakt.

MUSIKAKZENT       

ERZÄHLER

Nicht nur darüber, wie weit das authentische Selbst und die Gesellschaft kompatibel sein können, wird weiter diskutiert. 

Die postmoderne Philosophie stellt heute infrage, ob es überhaupt so etwas wie ein zusammenhängendes Selbst gibt, das authentisch sein könnte. Und bekommt dabei Unterstützung von den Neurowissenschaften. Genau verstehen Hirnforscher zwar noch nicht, wie aus einer Fülle von Nervenimpulsen so etwas wie das Selbst entstehen kann. Klar scheint jedoch: Dieses Selbst, das uns so beständig und stabil vorkommt, ist nichts, was als eigenständiges Ding existiert, sondern ist eine von unserem Gehirn erzeugte andauernde Illusion. 

ERZÄHLERIN 

Und hier schließt sich der Kreis: Die Erkenntnis, dass das Selbst eine Illusion ist, wie vielleicht auch der freie Wille, dass das gesamte Universum als Kette von Reaktionen und Zusammenhängen erklärt werden kann, bedeutet nicht, dass wir uns keine Gedanken mehr über unser Leben machen müssen. Genau dies ist der Ausgangsimpuls, der überhaupt erst zum Ideal der Authentizität geführt hat, wie wir es heute kennen: Die Erkenntnis, dass es in einem rein rational erklärbaren Universum keine vorgegebenen Werte und keinen Sinn gibt, sondern dass der Mensch sich diese selbst schaffen muss.   

O-Ton 9 - Prof. Monika Betzler, LMU München

Wie ich mich als Mensch, der sich heute und hier fragt, wie soll ich leben, verstehe, da finde ich nicht unbedingt Antworten bei der Neurowissenschaft. Wenn ich mich frage, wie fühlt sich Liebe an, und liebe ich diesen Mann, als Beispiel, hilft mir auch nicht die Neurowissenschaft, die vielleicht sagt: Liebe, das sind nur irgendwelche chemischen Prozesse im Hirn. Das ist sicherlich wahr, aber das ist nicht etwas, was uns in unserem normativen Verständnis, wer wir sein wollen, wie wir uns verstehen, hilft.

ERZÄHLER

Der Begriff Authentizität bleibt umkämpft und schwierig fassbar. Und doch wird unsere Suche nach Authentizität in absehbarer Zeit nicht aufhören. Denn obwohl wir die Welt und ihre Zusammenhänge immer besser verstehen und kontrollieren können: Einen Sinn geben müssen wir ihr und uns weiterhin selbst. Authentisch sein, das zumindest sagt uns die Philosophie eindeutig, ist dabei eine Lebensaufgabe. Und ob und wann wir wirklich authentisch sind, das können am Ende nur wir selbst entscheiden, oder, wie viele Philosophen es wohl ausdrücken würden: fühlen! 



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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZUSPIELUNG OBAMA-REDE: Our challenges may be new. The instruments with which we meet them may be new. But those values upon which our success depends - hard work and honesty, courage and fair play, tolerance and curiosity, loyalty and patriotism - these things are old. These things are true. DARÜBER: „Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, mögen neu sein. Unsere Mittel und Möglichkeiten, darauf zu reagieren, mögen neu sein. Aber die Werte, auf denen unser Erfolg beruht – harte Arbeit und Ehrenhaftigkeit, Mut und Fairness, Toleranz und Neugier, Treue und Vaterlandsliebe – diese Dinge sind alt. Diese Dinge sind wahr.“ ERZÄHLERIN: In seiner ersten Rede als 44. Präsident der Vereinigten Staaten erwähnt Barack Obama ausdrücklich die Neugier als zentralen Motor der amerikanischen Erfolgsgeschichte. Und er verbindet sie mit bestimmten Wertvorstellungen. Neugier hat eine individuelle und kulturelle Dynamik. Der Mensch muss seiner Neugier eine Richtung geben – und die ist nicht vorgegeben, für die muss er sich entscheiden. Ausschalten lässt sich die Neugier nicht. Sie gehört zur menschlichen Natur, sagt Andreas Speer, Professor für Philosophie an der Universität Köln. 1 O-TON PROF. ANDREAS SPEER: Ich denke, eines der wichtigsten Dinge ist, dass der Mensch, wie ja die Anthropologen sagen, ein ziemlich instinktentsichertes Lebewesen ist. Dass er nicht fest in einen Umweltzusammenhang eingebunden ist, sondern sich seine Welt selbst schaffen muss. Man muss explorieren, man muss sich orientieren, man muss die Eindrücke ordnen, und man muss gewissermaßen sein Leben selbst gestalten. ERZÄHLERIN: [Neugier findet man auch im Tierreich. Auch höher organisierte Tiere müssen ihre Umgebung untersuchen und erkunden, um zu lernen, wie sie beschaffen ist und wie man in ihr überlebt.] Aber die Menschen sind nicht nur neugierig auf die sichtbare Welt. Sie fragen nach Gott, nach der Wahrheit, nach Gut und Böse, nach Werten, Normen und Moral. Sie müssen ihrer Neugier eine Richtung geben; ihrem Wissen Sinn und Bedeutung. Menschen müssen ständig Neues aufnehmen und verarbeiten. [Ihr Gehirn entwickelt sich im Zusammenspiel mit der Umwelt, ohne Reize würde es verkümmern.] Sich zu entwickeln, ist eine Lust. Menschen sind von Natur aus neugierig auf die Welt, die sich ihnen zunächst durch die sinnliche Wahrnehmung erschließt. ZITATOR: „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen. Ein deutliches Zeichen dafür ist die Liebe zu den Sinneswahrnehmungen. Denn abgesehen vom Nutzen werden diese um ihrer selbst willen geliebt, und von allen besonders die Sinneswahrnehmung, die durch die Augen zustande kommt.“ ERZÄHLERIN: … schreibt der Philosoph Aristoteles im antiken Griechenland. Augenlust spielt auch bei Kindern eine Rolle, aber die anderen Sinne auch. Schon Neugeborene betasten ihren Körper, besonders Gesicht und Mund, bald schon verfolgen sie Gegenstände mit den Augen. Babys und Kleinkinder ergreifen Objekte und nehmen sie in den Mund, sie beginnen die Dinge zu zerlegen und mit ihnen zu experimentieren, sie spielen und sind kreativ. Neugierig probieren sie Grenzen aus und stoßen auf Verbote, missachten sie, werden zurechtgewiesen, versuchen es bei nächster Gelegenheit wieder. Alles, was verboten ist, scheint die Neugier ganz besonders zu reizen. Das ist ein so zentrales Merkmal der menschlichen Natur, dass sich sogar der Schöpfungsmythos der Bibel damit befasst. Gott hat Adam und Eva bekanntlich verboten, vom Baum der Erkenntnis zu essen – aber ohne Erfolg. ZITATOR: „Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben; sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Und das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre, weil er klug machte; und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch, und er aß.“ [2 O-TON PROFESSOR SPEER: Sein wollen wie Gott, das heißt: die Versuchung, der wir ja auch heute unterliegen, alles wissen zu wollen und auch die Normen von Gut und Böse setzen zu wollen. Zu wissen, was gut und was böse ist. Dann die Frage, woher kommt das Böse in die Welt. Die Frage, woher das Böse in die Welt kommt, können Sie, denke ich, argumentativ, logisch-deduktiv nicht beantworten. Alle Kulturen haben solche Woher-kommt das Böse-Geschichten.] ERZÄHLERIN: Ein Mythos erklärt nicht, er erzählt. Die Schlange, das Prinzip der Verführung, ist einfach da, keiner weiß warum. Und Eva sollte ihre Neugier wohl zügeln, es gelingt ihr aber nicht. Der Mensch kann seiner Neugier nicht entgehen. Und deswegen sind die Pforten des Paradieses jetzt verschlossen. Stattdessen gibt es Menschengeschlecht und Menschengeschichte, Sexualität und Tod und all die Rätsel und Risiken der Existenz, die sich aus diesen Grunderfahrungen speisen. Es gibt die menschliche Kultur, die diese Rätsel zu entschlüsseln oder in Bildern und in Mythen zu verhandeln sucht. Und die selbst, wie Gott im Paradies, Verbote und Tabus errichtet. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht ehebrechen. Die Neigung zum Tabu wurzelt tief in der menschlichen Natur, sagen die Anthropologen. 3 O-TON PROFESSOR SPEER: Tabus liegen tiefer, als das was wir regeln, und sie sind elementar für den Zusammenhalt von Gesellschaften. Sie sind sozusagen das Set von Werten und normativen Regelungen, das nicht in Frage gestellt wird in einer Gesellschaft, das gewissermaßen eine Grenze definiert, die wir nicht überschreiten, ohne den Zusammenhang dieser Gemeinschaft und dieser Gesellschaft in Frage zu stellen. ERZÄHLERIN: Gesellschaften geben sich Spielregeln. Wer sich an sie hält, ist Teil der Gemeinschaft und lebt komfortabler. Trotzdem strebt die menschliche Neugier immer wieder darüber hinaus. Richtet sich auf das Dunkle, das Grausame, die Ausschweifung, den Überfluss. Die Neugier hält uns in Kontakt zu dem, was wir aus unserer gepflegten Normalität verdrängen. Im Märchen von Blaubart, entstanden im 17. Jahrhundert, gibt es eine verbotene Kammer, hinter der das geballte Grauen lauert. ZITATOR: „Die Versuchung war zu groß, sie konnte nicht widerstehen – und schon hielt sie das kleine Schlüsselchen in der Hand, und schon hatte sie, obwohl zitternd, die Türe geöffnet. Zuerst sah sie nichts, gar nichts, weil die Fenster geschlossen waren; nach einigen Minuten sah sie, dass der Boden mit geronnenem Blut bedeckt war, und dass sich darin mehrere an die Wand gehängte tote Frauen spiegelten. Es waren die Frauen, die Blaubart früher geheiratet und die er alle, eine nach der andern, abgeschlachtet hatte.“ ERZÄHLERIN: Blaubart ist ein gewaltiger Ritter und unermesslich reich. Er hat einen blauen Bart, und alle fürchten sich vor ihn. Seine Frau hat ihn geheiratet, weil sie neugierig ist auf ein Leben im Luxus, weil ihr ein Durchschnittsleben nicht genügt. Und vielleicht ist sie auch fasziniert von Blaubarts dunkler Erotik. Ihr Mann gibt ihr den Schlüssel zu einer geheimen Kammer und verbietet ihr bei Todesstrafe, sie zu öffnen. Sie tut es natürlich trotzdem und entdeckt sein Geheimnis: Blaubart lebt nicht, um zu lieben, sondern um zu töten. Er will jetzt auch seine letzte Frau umbringen, aber ihre Brüder eilen herbei, um Blaubart zu töten und die Schwester zu retten. Und dann wird das Leben besser als je zuvor. ZITATOR: „Blaubart hatte keine Anverwandten, und so fiel die ganze Erbschaft seiner Frau zu. Einen Teil ihres ungeheuren Vermögens [gab sie ihrer Schwester Anna und verheiratete sie mit einem trefflichen jungen Mann, der sie seit langem liebte. Einen anderen Teil] überließ sie ihren Brüdern, die als Soldaten das sehr wohl brauchen konnten, und den Rest brachte sie einem soliden Manne zu, an dessen Seite sie im Glücke die schweren Stunden ihrer kurzen Ehe mit Blaubart vergaß.“ ERZÄHLERIN: Neugier kann sich lohnen. Der Ausflug der Frau in das Reich des Bösen hat zur Folge, dass eine tödliche Gefahr beseitigt wird und neuer Reichtum auf die Gemeinschaft niederregnet. Neugier überschreitet, erfrischt, bereichert die Normalität, doch es ist immer ein Risiko dabei. In den Bereichen jenseits des Normalen ist es sehr gefährlich. Hätte die Frau ihre Brüder nicht gehabt, wäre sie gestorben. Echte Bindung zwischen Menschen bannt das Böse. Normalität bannt das Böse. Die Gesellschaft hat guten Grund, sie zu verteidigen. Und trotzdem muss sie Neues zulassen, wenn sie nicht erstarren will. Trotzdem darf sie die Neugier nicht ersticken, muss sie die Risiken eingehen, die mit ihr einhergehen. 4 O-TON PROFESSOR SPEER Bei allen Innovationsschüben, die Gesellschaften zu verkraften haben, die wurden auch als Infragestellungen von Bestehenden, von Geregeltem, von Konventionen angesehen. Das gilt übrigens für uns persönlich auch. Das ist eine ganz einfache Geschichte. Wenn ich irgendwo neu hinkomme: Manche Leute lieben das, und deswegen suchen sie ständig Neuigkeiten. Andere wiederum fürchten das Auflösen von Routinen. Das ist also ein Wechselspiel. ERZÄHLERIN: Riskant ist nicht nur die Neugier auf die dunklen Seiten der Existenz, riskant ist auch die Eroberung neuer Wissensgebiete. Auch der Wissensdurst hat etwas Ausschweifendes, und jede Gesellschaft hat Institutionen, die die Produktion und die Vermittlung des Wissens regeln und kanalisieren. Die Frage nach den Grenzen des Wissens stellt sich immer wieder. Neues Wissen stellt die Identität des Einzelnen ebenso in Frage wie die Identität der Gesellschaft. Doch die Dynamik der Neugier hält sich nicht an Grenzen. Sie ist ein Begehren, das tief im Menschen wurzelt, zum Kern des Lebensvollzugs gehört. Ohne Neues kann der Mensch nicht leben. 5 O-TON SPEER: Denkverbote haben nie sehr erfolgreich gewirkt, der Mensch bricht immer zu den Ufern auf, zu denen er aufbrechen möchte. Die Fragen, die einmal gestellt sind, lassen sich nicht wieder rückholen. Man muss im Nachhinein dann darüber nachdenken, wie man mit den Konsequenzen solcher Entdeckungen umgeht. ERZÄHLERIN: Oder vorher. Denkbar wäre auch, vorher zu fragen, ob der angestrebte Zuwachs an Wissen zu einem sinnvollen Ziel führt. Der Wissensdrang kann gute oder böse Ziele haben, und er kann auch Konsequenzen zeitigen, mit denen niemand gerechnet hat. Der Kirchenvater Thomas von Aquin schreibt im 13. Jahrhundert ... ZITATOR: „ … dass die Erkenntnis der Wahrheit an sich etwas Gutes ist. Dennoch wird dadurch nicht ausgeschlossen, dass jemand die Erkenntnis der Wahrheit zum Bösen missbrauchen oder auch in ungeordneter Weise Wahrheitserkenntnis suchen kann. Es muss nämlich auch das Streben nach dem Guten der verbindlichen Ordnung unterworfen sein.“ ERZÄHLERIN: Wie die verbindliche Ordnung aussehen soll, das ist in einer säkularen Gesellschaft schwieriger zu verhandeln als als im Mittelalter. Thomas von Aquin lebt und lehrt unter dem Dach der Kirche, die die Leitlinien vorgibt – aber das heißt nicht, dass deswegen alles klar wäre. Auch das Mittelalter hat seit dem 12. Jahrhundert einen ungeheuren Zuwachs an Wissen zu bewältigen, und neu gegründete Universitäten machen den Klöstern als altehrwürdigen Produktionsstätten des Wissens Konkurrenz. Nicht umsonst entwickelt Thomas von Aquin eine Theologie, die Wissenschaft und Vernunft integriert. Die vielfältigen geistigen, religiösen und politischen Konflikte des ausgehenden Mittelalters spiegeln sich in Umberto Ecos Weltbestseller „Der Name der Rose“. Im Mittelpunkt steht eine italiensche Abtei, die sich heftig bemüht, den modernen Wissensdrang ihrer Zeit an sich abprallen zu lassen: ZITATOR: „Denn nicht alle Wahrheiten sind für alle Ohren bestimmt, nicht alle Lügen sind sofort als solche erkennbar für eine fromme Seele, und schließlich sollen die Mönche im Skriptorium eine genau definierte Arbeit tun, wozu sie bestimmte Bücher lesen müssen – die anderen gehen sie nichts an, und sie sollen nicht jedem Anflug von Neugier nachgeben, der sie plötzlich packen mag, sei es aus Schwäche des Geistes oder aus Hochmut oder aufgrund einer teuflischen Einflüsterung.“ ERZÄHLERIN: Die Abtei verfügt über eine Bibliothek mit unermesslichen Schätzen. Und der Zugang zu ihnen ist nur wenigen Eingeweihten gestattet. Das Verbot steigert die Begehrlichkeit der Mönche ins Unermessliche. Die Bibliothek scheint ihnen als „himmlisches Jerusalem und verborgenes Reich an der Grenze zwischen Terra incognita und heidnischer Unterwelt“; und sie riskieren ihr Leben, um dieses Reich zu betreten. ZITATOR: „Warum sollten sie nicht den Tod riskieren, um ein Verlangen ihres wissbegierigen Geistes zu stillen, warum nicht schließlich auch töten, um zu verhindern, dass jemand sich eines ihrer kostbaren Geheimnisse bemächtigte?“ ERZÄHLERIN: Tödliche Konsequenzen hat vor allem das Lesen eines bestimmten Buches. Es stammt von Aristoteles, und da steht etwas drin über das Lachen Gottes. Ein lachender Gott? Unvorstellbar für einen Christenmenschen. Worüber lacht Gott, dieser Gott der Heiden? Wer es wissen will, büßt seine Neugier mit dem Leben. Denn der Wächter der Bibliothek hat die Seiten des Buches vergiftet. Aristoteles, der antike Philosoph mit seiner ausgeprägten Neugier auf die Erfahrungswelt, auf Kunst und Wissenschaft, soll unter Verschluss bleiben und sein lachender Gott erst recht. Dabei wird Aristoteles seit dem hohen Mittelalter intensiv übersetzt und gelesen, und seine Philosophie prägt auch die neuen Universitäten. Nur, die Abtei hängt an der alten Welt. An einer Welt, die den Glauben höher schätzt als weltliches Wissen. 6 O-TON SPEER: Der Aristoteles war die Begegnung der damaligen Kultur mit einer paganen antiken Philosophie. Der Platonismus war ja über jahrhundertelang christianisiert worden. Und das war eine gigantische Herausforderung. Und da gab es auch Spannungen, da gab es auch Diskussionen, so wie es immer Diskussionen gibt, wenn etwas Neues kommt. ERZÄHLERIN: William von Baskerville, der ins Kloster kommt, um die Morde aufzuklären, ist ein Kind der neuen Zeit: wissbegierig und aufgeschlossen für die Wissenschaft, ein Aristoteliker par excellence. Umberto Eco zeichnet ein realistisches, vielfältiges Mittelalterbild, findet Professor Speer. Das Bild einer bewegten Epoche. 7 O-TON PROF. ANDREAS SPEER: Es ist eine ungeheuer dynamische Zeit, in der eben all das passiert, was wir als die Wurzeln der Moderne begreifen. Die Gründung der Universitäten, die Entdeckung der Wissenschaft. Das ist alles das sogenannte Mittelalter. [Das Mittelalter ist interkulturell. Eine Zeit, in der Kulturen auf Augenhöhe miteinander kommunizieren und nicht hegemonial aus der Perspektive der westlich-lateinischen Welt erzählt wird, wie Wissenschaft oder Wissen geht. Das muss man erst mal deutlich sagen.] Insofern ist das eine der übelsten Narrationen, die bis in unsere Alltagssprache hinein greift, wo man alles, was man für rückständig oder gewalttätig bezeichnet, als mittelalterlich bezeichnet. ERZÄHLERIN: Doch zu Beginn der Neuzeit verliert die Kirche immer mehr die Fähigkeit, Meinungsvielfalt zu integrieren. Reformation und Glaubenskriege zerstören die ursprüngliche Einheit. Die Erfindung des Buchdrucks macht das Wissen zugänglicher, immer mehr Menschen reden mit und reden kontrovers. Die Kirche verteidigt ihre Machtposition mit den Mitteln der Inquisition – vergeblich. 8 O-TON PROFESSOR SPEER: Die Summe des Wissens wird quantitativ immer größer. Allein schon die Quantität des Wissens, die Ausdifferenzierung des Wissens führt dazu, dass nicht mehr alles von einer Institution verwaltet und gedeutet werden kann. Und dass sich die Gesellschaften ausdifferenzieren. ERZÄHLERIN: Die Bereitschaft, Grenzen des Wissens zu akzeptieren, sinkt. [Goethe lässt seinen Magister Faust, eine Figur des 16. Jahrhunderts, einen Bund mit dem Teufel eingehen, um endlich alles, alles wissen zu können. ZITATOR MEPHISTOLES: Er ist sich seiner Torheit halb bewusst; Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne und von der Erde jede höchste Lust, Und alle Näh und alle Ferne Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.“ ERZÄHLERIN: Faust wird am Ende erlöst, aber bis es so weit ist, geht er durch Abgründe. Die Gier nach Wissen kann teuflische Folgen haben.] Der Philosoph und Essayist Michel de Montaigne erhebt im 16. Jahrhundert, am Ende der Renaissance, seine warnende Stimme: ZITATORL „Gleichwie bei allem Essen öfters weiter nichts, als die Lust ist, und gleichwie nicht alles wohlschmeckende auch nahrhaft und gesund ist: eben so ist das, was unser Gemüth aus der Wissenschaft zieht, zwar allezeit sehr angenehm, aber nicht allezeit zur Nahrung bequem und heilsam.“ ERZÄHLERIN: Der Siegeszug der empirischen Wissenschaft im 17. Jahrhundert ist aber nicht aufzuhalten. Sie setzt auf neue Methoden: Beobachtung und Experiment. [Menschen fragen nach sich selbst nicht mehr hauptsächlich im Verhältnis zu Gott, sondern im Verhältnis zur Natur. Das Prinzip Zweifel ist stärker als der Glaube. Tiere werden massenhaft auf der Sezierbank fixiert und aufgeschnitten, damit man sieht, wie das Leben funktioniert.] Im 18. und 19. Jahrhundert dynamisiert sich im Zuge der Industrialisierung der Siegeszug von Naturwissenschaft und Technik. Man setzt auf das Machbare und hofft darauf, dass es der Menschheit schon zum Wohl gereichen wird. Die Dichter warnen, [und sie erzählen Geschichten, die eine bemerkenswerte Lebendigkeit entwickeln – weil ihre Botschaft nicht veraltet. Mary Shelleys Frankenstein will den Tod überwinden und erweckt in seinen wissenschaftlichen Experimenten ein Monster zum Leben.] In Dr. Jekyll und Mr. Hyde, einer Novelle von Robert Louis Stevenson, erfindet Dr. Jekyll im Labor ein Pulver, das es ihm ermöglicht, sich in zwei Teile zu spalten: in einen guten und in einen bösen. Das abgespaltene Böse bekommt schnell die Oberhand. Sein schlechtes Gewissen treibt Dr. Jekyll in den Selbstmord .. ZITATOR: „… weil ich zu der Überzeugung gelangt bin, dass das Schicksal und die Bürde des Lebens für immer auf den Schultern des Menschen lasten; wenn der Versuch gemacht wird, sie abzuschütteln, dann kehren sie nur mit neuem fürchterlichen Druck zu ihm zurück.“ ERZÄHLERIN: Menschen haben in der Geschichte immer nur eine begrenzte Fähigkeit an den Tag gelegt, mit den Ergebnissen ihres Wissensdrangs umzugehen. Die Frage nach den Grenzen des Wissens ist also nicht überflüssig geworden. Die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts zeugen davon, dass der säkulare Wissensdrang auch in den Abgrund führen kann. Die moderne Wissenschaft mit ihrer Hochschätzung von Objektivität und Unpersönlichkeit hat Massenvernichtungssysteme nicht nur nicht verhindert, sondern sogar ermöglicht. Der Atomphysiker Robert Oppenheimer, der die ersten Nuklearwaffen entwickelte, tat dies im Kampf gegen die Hitler-Barbarei, also in guter Absicht. Dennoch sagt er, erschüttert vom Massensterben in Hiroshima und Nagasaki, in einer Rede nach dem Krieg: ZITATOR: „In einem elementaren Sinn … haben die Physiker die Sünde kennengelernt, und dies ist eine Erkenntnis, die sie nicht verlieren können.“ ERZÄHLERIN: Heute sind es vor allem die Risiken der Genforschung, die die Gesellschaft beschäftigen. Sollte man von diesem Baum der Erkenntnis wirklich essen? Wissen wir genug über die langfristigen Auswirkungen manipulierter Gene und ihre Wechselwirkungen mit Umwelt, Verhalten und Evolution? Noch besteht eine gewisse Scheu vor so tiefgreifenden Eingriffen in die menschliche Natur, und der Gesetzgeber setzt Grenzen. 9 O-TON PROF. SPEER: Diese Grenzen sind in jeder Gesellschaft anders, wie wir wissen. Deutschland hat eine der schärfsten Grenzen. Andere Länder haben dort weitere Grenzen. Das sind Fragen, die von den übergeordneten gesellschaftlichen Instanzen geregelt werden. ERZÄHLERIN: Ist die Wissenschaft selbstkritischer geworden? Oder drückt die Abhängigkeit von Fördermitteln aus der Wirtschaft inzwischen viel zu viel Forschergeist in Richtung Verwertbarkeit und Profit? Lassen die Bildungssysteme genügend Spielraum für neugieriges Fragen und Suchen, das sich nicht nur auf einen sicheren Arbeitsplatz richtet? Was das betrifft, sieht Professor Speer die Talsohle bereits durchschritten. 10 O-TON SPEER: Wenn ich mir die letzten Jahre anschaue, neige ich eher zum Optimismus. Wir hatten ja um die Jahrtausendwende eine sehr starke Tendenz, sozusagen der Operationalisierung und Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Inklusive der Bildung. Aber davon schwimmen wir uns langsam wieder etwas frei. Das heißt, an den Universitäten gab es und gibt es einen schleichenden Widerstand dagegen, sich nur durch diese Brille betrachten zu lassen. [Die Studiengebühren, ganz klar ausgedacht weniger zur Finanzierung als zur Implementierung eines Modells von Servicenehmern und Servicegebern, die sind abgeschafft, die sind auch aus ideologischen Gründen abgeschafft, das finde ich ganz wunderbar.] Und es gibt, denke ich, genügend Freiräume an den Universitäten und im kulturellen Leben, wo sich Menschen nicht auf ein Kosten-Nutzen-Denken festlegen lassen. ERZÄHLERIN: Es reicht nicht zu funktionieren. Menschen brauchen Zeit, um Wissen zu ordnen, zu interpretieren, Wertvorstellungen zu entwickeln, sich geistiger Traditionen zu vergewissern und eigene Zukunftshoffnungen in Mitsprache und politisches Handeln umzusetzen. Kurz: um ihrer Neugier eine menschliche Richtung zu geben.

  • Fridtjof Nansen - Polarforscher, Zoologe, Diplomat

    18.03.2024 · 24 Min.

    Fridtjof Nansen - ein Name, der unauslöschlich mit der Geschichte und den Heldentaten der Polarforschung verbunden ist. Dabei wird das dem rastlosen Leben des Norwegers nicht einmal ansatzweise gerecht. Autor: Sebastian Kirschner Credits Autor dieser Folge: Sebastian Kirschner Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Rahel Comtesse, Réne Dumont, Carsten Fabian, Christian Schuler Technik: Christian Schimmöller Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Carl Emil Vogt (Norwegischer Historiker); Geir Klover (Direktor des Fram Museums, Oslo) Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Literaturtipps: Fridtjof Nansen, Auf Schneeschuhen durch Grönland 1888-1889 (© Edition Erdmann 2016). Fridtjof Nansen, In Nacht und Eis. Die norwegische Polarexpedition 1893-1896 (© Edition Erdmann 2018) Marit Fosse & John Fox, Nansen. Explorer and Humanitarian (© Hamilton Books 2015). Liv Nansen-Hoyer, Mein Vater Fridtjof Nansen. Forscher und Menschenfreund (© Verlag F.A. Brockhaus 1957). Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER/IN Als Fridtjof Nansen 1887 seine Pläne vorstellt, halten seine Kollegen ihn für verrückt. Die Idee des Norwegers klingt aberwitzig: Im Sommer des nächsten Jahres will er das eisige Grönland durchqueren. Niemand hat bisher diesen Weg geschafft. Keiner weiß, was die Insel im Inneren birgt – einer der letzten weißen Flecken der Landkarte. Ein solches Risiko, nur um zu beweisen, dass Grönland mit Eis bedeckt ist? ZITATOR 2 Sollte Nansens Plan in der gegenwärtigen Form in die Tat umgesetzt werden, […] stehen die Chancen zehn zu eins, dass er […] sein Leben und möglicherweise das anderer völlig sinnlos wegwirft. SPRECHER/IN urteilt damals die dänische Zeitschrift „Ny Jord“ über die Idee des Wissenschaftlers. Und das nicht ohne Grund, sagt Geir Klover [sprich Gaïr Klöwer]. Er ist Direktor des Nansen-Museums schlechthin: dem Fram Museum in Oslo, benannt nach dem späteren Forschungsschiff Nansens. 01_ZUSPIEL Geir Klover There's quite a few that have attempted to cross Greenland before Nansen. And all of them had tried from the inhabitant West Coasts. And probably Greenland was steeper and colder and more difficult than they thought. So there it was quite easy for them to turn back. So Nansen thought his idea to cross Greenland was to go to the east coast to Greenland where there was no population and his ship left. And the only way to survive is to cross over to the west side. 01_ Voice-Over Etliche hatten vor Nansen versucht, Grönland zu durchqueren. Sie alle waren von der bewohnten Westküste aus gestartet. Wahrscheinlich aber war Grönland steiler, kälter und unwirtlicher als erwartet. Mit den Siedlungen im Rücken konnten sie aber recht einfach umkehren. Nansens hatte die Idee, von der Ostküste Grönlands aus zu starten, wo es keine Bevölkerung gibt. Und der einzige Weg zu überleben ist der durchs Landesinnere zur Westseite. SPRECHER/IN Fridtjof Nansen ist zu diesem Zeitpunkt 26 Jahre alt. Der junge Mann fällt auf, wenn er durch die Straßen geht. Er trägt sogenannte Dr. Jäger-Gesundheitswäsche: eine Art frühe Funktionskleidung, schlicht, leicht, bestehend aus festen Wollhosen mit einer kurzen Jacke, zugeknöpft auf der rechten Körperhälfte. Und: Anders als die meisten Männer der Zeit ist er nahezu glatt rasiert und ohne Kopfbedeckung unterwegs. ((ZITATORIN (Liv Nansen-Hoyer) Sein Unabhängigkeitsdrang suchte sich mancherlei Ausdruck. Er wollte nicht „modisch gekleidet“ herumlaufen. In langen, allzu weiten Jacken zu gehen, mit hohen Kragen und Riesenkrawatten, von den langen Mänteln ganz zu schweigen, die einem um die Beine schlenkerten und eine gute Figur völlig verdeckten, das alles schien ihm zu viel verlangt. SPRECHER/IN schreibt Nansens Tochter Liv später in Erinnerungen an ihren Vater. Nach einem Zoologiestudium an der Universität von Kristiania, dem späteren Oslo, arbeitet Nansen in Bergen als Kurator am Naturhistorischen Museum. Es ist der erste bezahlte Job nach einem Studium, das er vor allem aus einem Grund gewählt hat: um ein Leben in der freien Natur führen zu können. Nansen ist ein eigensinniger Herumtreiber.)) Noch als Student der Zoologie heuert er für ein fünfmonatiges Praktikum auf einem Robbenfänger an, um seine Abenteuerlust gegenüber den Eltern zu legitimieren – und findet so seine Bestimmung: ZITATOR 1 Das Eismeer ist etwas für sich, nichts anderem vergleichbar und vor allem nicht dem, was man sich gern darunter vorstellt. Flaches, treibendes Eis in wogenden Schollen, bald grünlichblaue See, dann Nebel und Sonnenschein, Sturm und Stille. Das ist es, was ich fand. SPRECHER/IN schreibt Nansen damals in sein Tagebuch. Als ihn der Drang zur Polarforschung packt, ist Nansen gerade dabei, sich erste wissenschaftliche Lorbeeren zu verdienen. Mit einer Doktorarbeit über das Zentralnervensystem wirbelloser Meerestiere wird er sich einen Namen machen – als Pionier in der noch jungen Disziplin der Neurologie. Es ist die Zeit der Theorien Einsteins, der Erfindung des Automobils – und die Zeit, in der die letzten unbekannten Flecken der Welt erschlossen werden... Nansens Abschlussprüfung für seine Dissertation liegt erst vier Tage zurück, als er am 2. Mai 1888 nach Grönland aufbricht. Und er konnte nur vermuten, was ihn und seine Mannschaft in den kommenden Monaten erwartet, sagt Geir Klover: 02_ZUSPIEL Geir Klover They were not prepared for an extreme physical exhaustion of it. So they didn't have dogs for instance to help them pull the sledges and so on. So quite early in the expedition they starved, were hungry all the time. There was no previous experience really in Norway for doing that type of expedition. So you had to use common sense. They barely made it you know almost starving. 02_ Voice-Over Sie waren nicht vorbereitet auf eine derart extreme Anstrengung. Sie hatten zum Beispiel keine Hunde, die ihnen die Schlitten zogen. Deshalb litten sie schon bald Hunger. In Norwegen gab es bis dahin keine wirklichen Erfahrungen mit derartigen Expeditionen. Man war auf gesunden Menschenverstand angewiesen. Beinahe verhungert haben sie es gerade so geschafft. SPRECHER/IN Dabei hat Nansen sich intensiv vorbereitet. In Expeditionsberichten hatte Nansen von den Strapazen seiner Vorgänger gelesen, Bilder gesehen, auf denen sich feine Herren mit Melonen auf dem Kopf und Gamaschen an den Füßen durch den Tiefschnee mühen. Der junge Forscher will planvoller vorgehen. Seine Mannschaft ist klein, aber wohl ausgesucht: ein Spezialistenteam von nur fünf Mann. Ein jeder zäh, ausdauernd und verlässlich. Nansen verwendet für seine Expedition eigens entworfenes Material, hat etwa spezielle Schlitten bauen lassen. Überhaupt ist für Nansen der Erfolg seines Vorhabens eine Frage der passenden technischen Ausrüstung: ZITATOR 1 Die Ausführung der ganzen Expedition war auf die Überlegenheit der Schneeschuhe über jedes andere auf Schneeflächen in Anwendung kommende Beförderungsmittel begründet. SPRECHER/IN Fast scheint es, als hätten schon seine Kindheit und Jugend Nansen auf diese Reise vorbereitet. Ihn prägt die ländliche Idylle seines Elternhauses nahe Kristiania. Der Sohn einer bürgerlichen Oberschichtfamilie liebt es zu fischen, zu jagen und tagelang durch die ausgedehnten Wälder zu streifen. Seine Mutter, eine geborene Baronesse Wedel-Jarlsberg, begeisterte den Jungen früh für Sport und die Natur, sagt der norwegische Historiker und Nansen-Biograf Carl Emil Vogt: 03_ZUSPIEL C.E. Vogt She loved nature, skiing etc. So I think that he had his very strong and independent character from his mother actually and his mother's family because his father was more of a pedantic correct Protestant, civil servant and lawyer. So I think the combination of the very protestantic ethos of the duty to do what you have to do etc. and the extremely independent and artistic and nature loving sentiments from his mother, I think that combination of them is very important actually. 03_ Voice-Over Sie liebte die Natur, das Skifahren usw. Ich denke, dass er seinen starken und unabhängigen Charakter von seiner Mutter und ihrer Familie hatte. Sein Vater war mehr ein pedantischer, korrekter Protestant, Beamter und Anwalt. Also einerseits das sehr protestantische Pflichtbewusstsein, das zu tun, was zu tun ist, und andererseits die äußerst unabhängigen, künstlerischen und naturverbundenen Gefühle seiner Mutter: Ich glaube, dass diese Kombination sehr wichtig war. SPRECHER/IN Eigenschaften, auf die es in der Eiswüste Grönlands ankommt. Nansen will sein Ziel unbedingt erreichen, sein Motto lautet: die Westküste oder der Tod. Nach einer abenteuerlichen Odyssee auf Eisschollen entlang der Küste beginnt der Aufstieg über das bis zu 3200 Meter hohe Inlandeis. Auf dem Plateau reist die Expedition nachts. Dann ist es kälter, die Skier und Schlitten gleiten besser. Geschlafen wird tagsüber – jeweils zu dritt in einem Schlafsack. Das spart Gepäck. Am 8. September 1888 notiert Nansen in sein Tagebuch: ATMO Windgeheul unterlegen ZITATOR 1 Der Weg ist unglaublich beschwerlich, schlimmer denn je, obwohl er hart ist; dieser Schnee ist widerspenstig wie Sand. Wir arbeiten gegen den Wind und Schneetreiben an. – Und weiter am 9. September: Es wurde im Laufe des Tages schlimmer mit dem Schneefall, und der Weg wurde schlechter und schlechter SPRECHER/IN Hunger und entsetzlicher Durst plagen die Männer. Erst am 26. September erreichen sie die Westküste. 49 Tage Wanderung, 560 Kilometer und harte Entbehrungen liegen hinter ihnen. Zum ersten Mal ist der grönländische Eispanzer in Ost-West-Richtung bezwungen. Doch zurück nach Europa kommen sie vorerst nicht: Wegen des nahenden Winters fährt von Godthåb kein Schiff mehr ab. Einen Eilboten der Inuit kann Nansen noch beauftragen, mit dem Kajak 300 Kilometer nach Süden zu fahren, um dem letzten Transportschiff in Ivigtût [sprich Ivittuut] ihre Erfolgsnachricht mitzugeben. Bis zum nächsten Frühjahr müssen sie bei den Inuit überwintern – aus Sicht von Geir Klover der eigentliche Erfolg der Expedition: 04_ZUSPIEL Geir Klover So they had to spend the whole winter living with the Inuit in Greenland. And that kind of I think changed his mentality and also became more prepared for a future in exploring Polar Regions. It was the starkest initiation as a polar explorer. 04_ Voice-Over Sie mussten also den ganzen Winter mit den Inuit in Grönland leben. Ich glaube, das hat in gewisser Weise seine Mentalität verändert, es hat ihn auf eine Zukunft in der Polarforschung vorbereitet. Das hat ihn auf seinem Weg zum Polarforscher wohl am stärksten geprägt. SPRECHER/IN Die Nachricht von der Grönland-Querung läuft in der Zwischenzeit in großen Schlagzeilen um die Welt. Bei Nansens Rückkehr am 30. Mai 1889 empfängt ihn in Kristiania die jubelnde Menge. Tausende wollen Norwegens neuen Helden sehen. Dabei ist Fridtjof Nansen nicht nur der Held und soziale Mensch, als den ihn die meisten seiner Zeitgenossen und seine Nachwelt später gern stilisieren. In seinem Buch „Auf Schneeschuhen durch Grönland“, 2016 in der Edition Erdmann wieder aufgelegt, notiert er, was einer seiner Begleiter ihm vorwirft: ATMO Windgeheul unterlegen ZITATOR 1 Hungern müssten sie und würden obendrein wie die Hunde behandelt, es werde mit ihnen herumkommandiert, sie müssten den ganzen Tag vom frühen Morgen bis zum späten Abend arbeiten, schlimmer als Tiere - nein, das wäre nicht zum Aushalten. SPRECHER/IN Seine Mannschaft betrachtet ihn als selbstsüchtig, arrogant und launisch. Für Geir Klover nicht ohne Grund: 05_ZUSPIEL Geir Klover The welfare on the motivation of men was not really Nansens priority. Its priority was more of the science and survival. Nansen didn’t care very much with his men. Every time he was always right. Whatever debate, whatever dialogue – he was always right. And basically I think he felt superior to them. So he did not accept anyone else's input than his himself. 05_ Voice-Over Wie es mit der Motivation aussah, hatte für Nansens eigentlich keine Priorität. Vorrang hatten für ihn die Wissenschaft und das Überleben. Nansen interessierte sich kaum für seine Männer. Er hatte immer Recht. Egal welche Debatte, welches Gespräch – er hatte Recht. Grundsätzlich fühlte Nansen sich ihnen überlegen. Er akzeptierte keine andere Meinung als die eigene. SPRECHER/IN Eine Portion Eitelkeit gehörte zu Nansens Persönlichkeit, notiert auch seine Tochter Liv in ihren Erinnerungen. Angesichts der späteren Erfolge und des Jubels, der Nansen zurück in Norwegen überall entgegenschallte, muss es für ihn auch schwer gewesen sein, nicht an den eigenen Mythos zu glauben. Denn aus Sicht von Geir Klover war Nansen geradeheraus, ein Typ, der sich nur schwer verstellen konnte: 06_ZUSPIEL Geir Klover Those people have difficulty relating to the feet, to spend a year and a half away, surviving a winter, eating polar bears and shooting Walrus. And then coming back to safety, it was quite unheard of at that time. He was very elegant. He was good looking. Very good speaker. So he was kind of a poster boy in all different levels, both among the public and then among royalty and scientists and everything. 06_ Voice-Over Solche Menschen tun sich schwer, auf dem Boden zu bleiben: anderthalb Jahre weg zu sein, einen Winter zu überleben, indem man Eisbären isst und Walrosse jagt. Und wieder sicher zurückzukehren – das war etwas nicht Dagewesenes. Nansen war elegant, sah gut aus, konnte gut reden. Das machte ihn zu einer Art Aushängeschild in der Öffentlichkeit, aber auch am Hof, unter Wissenschaftlern und überhaupt. SPRECHER/IN Hochgewachsen, blond, gutaussehend, ein exzellenter Skifahrer und Redner. Mit seinen blauen Augen scheint Nansen immerzu in die unbekannte Ferne zu blicken – und dort zieht es ihn schon bald wieder hin. Knapp drei Monate nach seiner Rückkehr von Grönland heiratet der 27-Jährige die vier Jahre ältere Sängerin Eva Sars. Er nennt sie liebevoll »die beste weibliche Skifahrerin Norwegens«. Ausgerechnet Nansen, der sich lange als entschiedener Gegner der Ehe gezeigt hatte. Er liebt seine Frau, er baut ein Haus, hat fünf Kinder mit ihr – aber eigentlich ist er unfähig zu einem Zusammenleben. Der Polarforscher erweist sich als tyrannischer, launischer Ehemann und Vater – der erstmal nicht für die Familie, sondern seine Arbeit lebt. AKZENT SPRECHER/IN In Nansen reift bereits der Plan zu einer nächsten Expedition. Der Forscher ist sicher, den bis dahin unentdeckten Nordpol erreichen zu können – mithilfe der Eisdecke, die seiner Ansicht nach mit der Strömung nach Norden driftet. Dazu lässt Nansen eigens ein Schiff konstruieren, das dem Druck der Eismassen standhalten soll: die „Fram“. Mit ihr lässt Nansen sich und seine Mannschaft im Herbst 1893 im arktischen Packeis einfrieren. ATMO leichtes Windgeheul unterlegen ZITATOR 1 Montag, 9. Oktober. Nachmittags – wir saßen gerade müßig und plauderten – entstand ganz plötzlich ein betäubendes Getöse und das ganze Schiff erzitterte: Es war die erste Eispressung. Alle Mann stürzten an Deck, um zuzusehen. Die »Fram« verhielt sich wundervoll, wie ich es von ihr erwartet hatte. Mit stetigem Druck schob sich das Eis heran, musste jedoch unter uns durchgehen und wir wurden langsam in die Höhe gehoben. Diese Pressungen wiederholten sich den ganzen Nachmittag und waren manchmal so stark, dass die »Fram« mehrere Fuß gehoben wurde; aber dann konnte das Eis sie nicht länger tragen und brach unter ihr entzwei. Es scheint hier ziemlich viel Bewegung im Eise zu sein. SPRECHER/IN schreibt Nansen darüber in seinem Buch „In Nacht und Eis“. Das Schiff driftet und wird von den Eismassen nicht zerquetscht. Trotzdem verläuft die Mission anders als geplant. Nach zwei Wintern im Eis zeichnet sich ab, die Fram würde den Pol verpassen. Nansen fasst einen waghalsigen Entschluss: ATMO leichtes Windgeheul unterlegen ZITATOR 1 Noch immer muss ich warten und die Drift beobachten; aber wenn sie die verkehrte Richtung einschlagen sollte, dann werde ich alle Brücken hinter mir abbrechen und alles auf einem Marsch nach Norden über das Eis wagen. Ich weiß nichts Besseres zu tun. Es wird gefährlich sein, eine Frage um Leben oder Tod; aber habe ich eine andere Wahl? SPRECHER/IN Mit Hjalmar Johansen, einem seiner Begleiter, verlässt Nansen im März 1895 die Fram. Auf Skiern und Hundeschlitten machen sie sich auf den Weg, den Pol zu erreichen. Zum Schiff werden die beiden nie zurückfinden. Doch auch sein Ziel, den Nordpol, muss Nansen knapp über dem 86. Breitengrad aufgeben. Zu beschwerlich ist der Weg: ATMO Windgeheul unterlegen ZITATOR 1 Wir wissen weder, wo wir sind, noch wissen wir, wie das enden soll. Inzwischen schwinden unsere Vorräte und mit ihnen unsere Hunde. Werden wir Land erreichen, solange wir noch zu essen haben – ja, werden wir es überhaupt erreichen? Bald wird es unmöglich, gegen dieses Eis und den Schnee noch weiter anzukämpfen. SPRECHER/IN Dennoch schafft der Norweger wieder das damals nahezu Unmögliche: Nansen und seine gesamte 12-köpfige Mannschaft kehren nach drei Jahren unversehrt zurück. ((Zu Hause angekommen vermeldet Nansen: ZITATOR 1 Staatsminister Hagerup. Ich habe das Vergnügen, Ihnen und der norwegischen Regierung mitzuteilen, dass die Expedition ihren Plan ausgeführt, das unbekannte Polarmeer im Norden der Neusibirischen Inseln durchquert und das Gebiet nördlich von Franz-Joseph-Land bis 86°14’ n.Br. erforscht hat. Nördlich von 82° wurde kein Land gesehen. )) SPRECHER/IN Nansen und Johansen hatten sich zu Fuß und in Kajaks bis in den Süden von Franz-Joseph-Land durchgeschlagen. Mit einem Versorgungsschiff gelangten sie schließlich zurück Richtung Norwegen. Die Fram hatte derweil die Eisdrift fortgesetzt und nordwestlich von Spitzbergen wieder offenes Wasser erreicht. Im August 1896 kommt es im norwegischen Tromsø zum großen Wiedersehen. Auch wenn Nansen den Nordpol nicht erreicht, so beweist er seine Theorie zur Meeresströmung und kommt dem Pol so nahe wie niemand zuvor. Nansen ist zu diesem Zeitpunkt erst 35. Seine Erfolge machen ihn zu einem der angesehensten Männer des Landes. Gleichzeitig drängen sie den Forscher immer mehr in politische Ämter – auch weil er offensiv für die Unabhängigkeit Norwegens eintritt, sagt Carl Vogt: 08_ZUSPIEL C.E. Vogt Norway was in a union with Sweden. It was a loose and liberal union. We had only the king, the foreign policy in common but it became more and more clear during the century that Norway wanted its full independence. So these nationalist sentiments were stronger and stronger and Nansen became one of the most important national heroes in Norway. So I guess that was why Norwegian governments started to use him as some kind of an informal foreign minister so to speak. 08_ Voice-Over Norwegen existierte in einer Union mit Schweden. Zwar einer lockeren, liberalen Union – wir hatten nur den König, die Außenpolitik gemeinsam. Aber im Laufe des Jahrhunderts wurde immer deutlicher, dass Norwegen seine volle Unabhängigkeit wünschte. Diese nationalistische Empfindung wurde immer stärker, gleichzeitig wurde Nansen einer der wichtigsten Helden des Landes. Wohl deshalb hat die norwegische Regierung ihn sozusagen als informellen Außenminister eingesetzt. SPRECHER/IN Als solcher handelt Nansen ab 1906 in London die Souveränität seines Landes mit aus. Doch die große Wende in seinem Leben stand Fridtjof Nansen noch bevor: Im Jahr 1907 stirbt seine Frau Eva infolge einer schweren Lungenentzündung. Sechs Jahre später stirbt nach langer Krankheit auch sein jüngster Sohn Asmund. Für Carl Vogt ein Auslöser für Nansens nun folgenden radikalen Karrierewechsel: 09_ZUSPIEL C.E. Vogt He had lost a son in 1913 so this was some kind of a personal crisis for him. Then came the war and he really had become too old to do this Arctic or polar explorations anymore. 09_ Voice-Over Er hatte 1913 einen Sohn verloren. Das war für Nansen eine Art persönliche Krise. Dann kam der Krieg und er war einfach zu alt geworden für Polarexpeditionen. SPRECHER/IN Die Schrecken des Ersten Weltkriegs und eine drohende Hungersnot in Schweden veranlassen Nansen, sich für einen Platz Norwegens im neu geschaffenen Völkerbund einzusetzen. Dieser beauftragt Nansen im Frühjahr 1920, sich um den Austausch hunderttausender Kriegsgefangener zu kümmern. Auch wenn die Ausgangslage dafür denkbar schlecht war: Aus Sicht von Carl Vogt war Nansen der richtige Mann dafür: 10_ZUSPIEL C.E. Vogt One has to take into consideration the catastrophe the Great War was for all Europe. It has made a great impact on everybody not at least Nansen. He had another second chance so to speak as a diplomat already during the war. In negotiations in the United States for food provisions to Norway. So when he became high commissioner it was in a situation of total political chaos after the war. 10_ Voice-Over Man muss bedenken, was für eine Katastrophe der Krieg für ganz Europa war. Das hat jeden stark geprägt, nicht zuletzt Nansen. Schon während des Krieges hatte er sozusagen eine zweite Chance als Diplomat: In den USA verhandelte er die Nahrungsmittelversorgung für Norwegen. Und letztlich herrschte, als er Hochkommissar wurde, totales politisches Chaos nach dem Krieg. SPRECHER/IN In einer Rede vor dem Völkerbund sagt Nansen dazu: ZITATOR 1 Niemals zuvor in meinem Leben bin ich auf so gewaltiges Leid gestoßen, wie dem, zu dessen Linderung ich aufgefordert wurde. SPRECHER/IN Bis 1922 können etwa eine halbe Million Kriegsgefangene aus rund 30 Nationen dank Nansen nach Hause zurückkehren. Auch aufgrund eines speziellen, von Nansen erdachten Dokuments, dem später so genannten „Nansen-Pass“. Denn was vielen Flüchtlingen fehlt, ist eine Staatszugehörigkeit . Und das bringt massive Probleme mit sich: 11_ZUSPIEL C.E. Vogt You do not have citizens’ rights. That's the most basic. But you also have a lot of problems in your daily life. Without paper it is very hard to get a place to live. It is impossible to marry, to baptize your children for instance. And often impossible to have a work and pay taxes. You have a lot of bureaucratic problems in your life. So this is the reason why it became necessary to help these people have a legal status. 11_ Voice-Over Sie haben keinerlei Bürgerrechte. Das ist das Grundlegendste. Aber sie haben auch viele Probleme im Alltag. Ohne Papiere ist es sehr schwer, eine Wohnung zu finden. Sie können nicht heiraten oder ihre Kinder taufen. Und oft ist es unmöglich, normal zu arbeiten und Steuern zu zahlen. Sie haben viele bürokratische Probleme. Deshalb war es notwendig, diesen Menschen zu einem legalen Status zu verhelfen. SPRECHER/IN sagt Historiker Carl Vogt. Fridtjof Nansen hat seine erste Aufgabe für den Völkerbund kaum angetreten, als man ihn bittet, zusätzlich eine Hilfsaktion für Russland zu leiten. Krieg, Revolution, Bürgerkrieg und zuletzt anhaltende Trockenheit haben das Land ausgedörrt. Knapp 30 Millionen Menschen droht der Hungertod. Doch politisch traut der Sowjetregierung niemand, wieder steht Nansen, als Hoher Kommissar für Flüchtlingsfragen, am Rednerpult des Völkerbunds: ZITATOR 1 Die Nahrungsmittel liegen in Amerika, aber niemand findet sich, sie zu holen. Kann denn Europa ruhig dasitzen und nichts dafür tun, diese Nahrungsmittel herüberzubringen und die Völker auf der anderen Seite zu retten? SPRECHER/IN Aber der Völkerbund verweigert seine Hilfe, politische Interessen überwiegen. Für Nansen eine schwere Niederlage. Trotzdem kann er private Spender und einen Kredit Norwegens organisieren, um den Hungernden zu helfen. Nicht zuletzt für diesen Einsatz erhält Nansen 1922 den Friedensnobelpreis. AKZENT SPRECHER/IN Seinem Einsatz für Flüchtlinge bleibt Nansen weiter treu: Nach Ende des griechisch-türkischen Kriegs 1922 setzt er sich für griechische Flüchtlinge ein. Ab 1925 bemüht er sich darum, die in der Türkei verfolgten Armenier in der Sowjetunion anzusiedeln. Zu den ihm nachfolgenden Polarforschern – Robert Falcon Scott, Roald Amundsen, Ernest Shackleton – hat Nansen bis zuletzt ein zwiespältiges Verhältnis. Einerseits ist er ihr Mentor, sie alle suchen seinen Rat. Andererseits bleibt Nansen immer ihr Rivale. Er hatte selbst Überlegungen für eine Südpolexpedition angestellt. Und doch überlässt Nansen seinem Landsmann Amundsen für eine Polarexpedition „seine“ Fram. Als Amundsen bei einer Rettungsmission 1928 in der Arktis umkommt, ist Nansen tief betroffen. Die folgenden Zeilen einer Rede in Erinnerung an Amundsen sind Teil der wohl einzigen Originaltonaufnahme, die sich von Fridtjof Nansen erhalten hat. Sie könnten auch auf Nansen passen: 12_ZUSPIEL Nansen Aus der großen, weiten Stille wird aber sein Name im Glanz des Nordlichts durch die Jahrhunderte für die Jugend Norwegens leuchten. Es sind Männer mit Mut, mit Willen, mit Kraft wie seiner, die uns mit Glauben an das Geschlecht und mit Zuversicht in die Zukunft erfüllen. Die Welt ist noch jung, die solche Söhne erzieht. SPRECHER/IN In seinen Gedanken an Roald Amundsen verneigt sich Nansen vor dessen Leistungen. Für Historiker Carl Vogt liegen die wahren Leistungen bei Fridtjof Nansen selbst: 13_ZUSPIEL C.E. Vogt His most dangerous expedition was not the one to the North Pole. Of course he could have died there as well. But in 1921 he really went to the famine areas in Russia in the Volga valley and at least one or two of his travel companions died from typhoid fever they had caught on the train with Nansen. So he could easily have died from his engagement actually. So I mean it was really heroic. 13_ Voice-Over Seine gefährlichste Expedition war nicht die zum Nordpol. Natürlich hätte er dort auch sterben können. Aber 1921 ging Nansen wirklich in die Hungerregionen in Russland im Wolgatal. Und mindestens ein oder zwei seiner Reisebegleiter starben an Typhus, den sie sich im Zug mit Nansen geholt hatten. Er hätte also leicht durch sein Engagement sterben können. Das war wirklich heldenhaft. (Bitte den letzten Satz so betonen, dass es heißt „Das war wirklich heldenhaft“ (-und eben nicht seine gefährlichen Expeditionen…. ); danke! NR) SPRECHER/IN Am 13. Mai 1930 weilt Nansen auf dem Balkon seines Hauses in Lysaker. Im Liegestuhl genießt er den Frühling und den Besuch seiner Familie; mit einem Stapel Arbeit vor sich erholt Nansen sich gerade von einer langwierigen Venenentzündung. Seine Schwiegertochter Kari will ihm einen Tee bringen, als Nansen einem plötzlichen Herzinfarkt erliegt. Als Fridtjof Nansen mit 68 Jahren stirbt, hat er sie allesamt überlebt: Scott, Amundsen, Shackleton... Als Einziger endet er nicht auf einer Expedition. Und doch bleibt der Polarpionier, Diplomat und Friedensnobelpreisträger bis zuletzt unerfüllt und mürrisch, denkt, er habe sich nie im Leben zurechtgefunden.

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