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Vulkane in Deutschland - schlafende Riesen

20.03.2024 · 22 Min.

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Über diese Folge

Lavaströme, Glut- und Aschewolken - Vulkane können zerstörerische Kraft entfalten. In Europa befinden sich die meisten Vulkane in Island und Italien. Doch auch in Deutschland, besonders in der Eifel, beobachten Wissenschaftler Anzeichen aktiven Vulkanismus. Von Georg Gruber (BR 2020)

Credits
Autor dieser Folge: Georg Gruber
Regie: Rainer Schaller
Es sprach: Christian Jungwirth
Technik: Daniela Röder
Redaktion: Matthias Eggert

Im Interview:
Karen Strehlow (Dr.; GEOMAR Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung, Kiel)
Ulrich Küppers (Dr.; LMU München, Department für Geo- und Umweltwissenschaften, Sektion für Mineralogie, Petrologie und Geochemie)
Torsten Dahm (Professor; Deutsches Geoforschungszentrum GFZ, Helmholtz-Zentrum Potsdam, Sektionsleiter Erdbeben- und Vulkanphysik)
Eleonora Rivalta (Dr.; Deutsches Geoforschungszentrum GFZ, Helmholtz-Zentrum Potsdam, Arbeitsgruppenleiterin Erdbeben-und Vulkanphysik)
Roland Eichhorn (Dr.; Leiter des Geologischen Dienstes am Bayerischen Landesamt für Umwelt, Hof)

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    21.03.2024 · 23 Min.

    Der Archaeopteryx. Ein bayerischer Urvogel, der zu einer Zeit aus dem Solnhofener Plattenkalk bei Eichstätt geborgen wurde, als Charles Darwin auf der Suche nach dem letzten Beweis für seine Evolutionstheorie war. Von Katharina Hübel (BR 2022) Credits: Autorin dieser Folge: Katharina Hübel Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Ruth Geiersberger, Frank Manhold Technik: Michael Krogmann Redaktion: Iska Schreglmann Hier gibt es weitere spannende Folgen von radioWissen: Was bleibt von Darwin - Forschung zur Evolution heute JETZT ANHÖREN Lebende Fossilien - Von der Evolution vergessen JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Urvogel Archaeopteryx: Dinosaurier oder Vogel?: Was wir bislang über Archaeopterys wissen Vor 150 Millionen Jahren lebte Archaeopteryx im Altmühltal. Der Urvogel beschäftigt die Forscher seit der Entdeckung der ersten Fossilien. War er mehr Dinosaurier oder Vogel? Konnte er fliegen? Neue Untersuchungen bringen alte Erkenntnisse ins Wanken. Jetzt anhören Literaturtipps: Probst, Ernst: Raubdinosaurier in Bayern. Von Archaeopteryx bis Sciurumimus. Oktober 2019. Wellnhofer, Peter: Archaeopteryx. Der Urvogel von Solnhofen. Verlag Dr. Friedrich Pfeil. 2008. Bollen, Ludger: Der Flug des Archaeopteryx. Auf der Suche nach dem Ursprung der Vögel. Mit einem Vorwort von Dr. Martina Kölbl-Ebert, Jura-Museum Eichstätt. Edition Goldschneck. 2008.

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    Ständig sind wir heute auf der Suche nach dem Authentischen: Essen, Kultur-Urlaub, Kunst. Und auch wir selbst sollen authentisch sein. Doch wie geht das? Und was, wenn das 'authentische Ich' ein mieser Charakter ist? Autor: Niklas Nau (BR 2018) Credits Autor dieser Folge: Niklas Nau Regie: Martin Trauner Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann, Wolfgang Pregler, Hemma Michel Technik: Fabian Zweck Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Monika Betzler (Professorin; Lehrstuhlinhaberin für Praktische Philosophie und Ethik, LMU München); Stephanie Draschil (Sozialpsychologin) Linktipp: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST ARD Alpha Sein Leben ändern: Wie ihr einen Neuanfang wagt und meistert People Pleaser: Stoppt eure Harmoniesucht Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: COLLAGE VOX-POPS Authen ... warte ... das ist natürlich jetzt mies, ne ...A uthezizi ... nein ... Authen-tizität. Authentizität. Authetizi ... Autheziti ... Authentizität, Authentizi-tät, Authetizität. Authenzizi- kann ich nicht. Authentizität. Authentizität. Hamma's scho. ERZÄHLER A-U-T-H-E-N-T-I-Z-I-T-Ä-T. Den Begriff auszusprechen, ist schon schwer genug. Ihn auch noch wirklich zu leben, wirklich authentisch zu sein … – geht das überhaupt? MUSIKAKZENT ERZÄHLERIN Authentisch sein – das ist heute schwer in Mode. Die Regale der Buchhändler und Lebenshilfeblogs im Internet laufen über mit Titeln wie: COLLAGE ZITATORIN / ZITATOR 'Authentizität: Die neue Wissenschaft vom geglückten Leben' ZITATOR 'Sind Sie noch ganz echt?: Mut zur Authentizität' ZITATORIN 'Sich selbst finden und leben in 7 Schritten' ZITATOR 'Du willst echt sein? – 3 Tipps für mehr Authentizität' ZITATORIN 'Einzigartig!: Mit authentischer Positionierung und Branding zum Erfolg' ZITATOR 'Authentisch, präsent, charismatisch. Nutzen Sie das Potenzial Ihrer Ausstrahlung' ERZÄHLER Und nicht nur wir selbst, auch unsere Erfahrungen sollen heute möglichst authentisch sein. Beim Urlaub in Südafrika nur am Strand brutzeln und Löwen vom Safari-Jeep aus beobachten?: „Out“! „In“ ist heute, das „echte“ Südafrika und seine Menschen kennenzulernen: etwa mit einer Tour durch den einstmals als Drogenhöhle berüchtigten Ponte Tower in Johannesburg, inklusive Einblick in die Wohnungen und das „echte Leben“ der Bewohner. Die Tourismusindustrie tut alles dafür, damit sich der Tourist nicht als 'Tourist' fühlen muss. ERZÄHLERIN Oder beim Essen: Wenn wir ein unbekanntes kleines chinesisches Restaurant betreten und alle anderen Gäste Chinesen sind, beglückwünschen wir uns wahrscheinlich erst einmal selbst: Wir haben etwas Authentisches entdeckt! Falls es dann doch schlecht schmeckt, war es immerhin authentisch schlecht. Dass wiederum in der chinesischen Provinz Guangdong vor einigen Jahren das gesamte österreichische Dorf Hallstatt für 940 Millionen Dollar seitenverkehrt nachgebaut wurde, erscheint uns mindestens skurril. Österreichisches Weltkulturerbe im Reich der Mitte? Unauthentisch! Auf der Startseite von Hallstatts Internetauftritt steht (augenzwinkernd): ZITATOR (http://www.hallstatt.net/) Herzlich willkommen in Hallstatt. Millionenfach fotografiert – einmal kopiert – nie erreicht. ERZÄHLER Die Liste der Dinge, die bitte möglichst authentisch sein sollen, lässt sich fast beliebig lange weiterführen: Unser Chef oder unser Führungsstil, unsere Politiker, die Produkte die wir kaufen, die Musik, die wir hören: Der Drang, Authentisches zu erleben und authentisch zu leben, scheint so groß wie vielleicht noch nie: O-Ton 1 - Stephanie Draschil Ich habe das Gefühl, dass sich sehr viel vereinheitlicht hat, also sehr viel homogenisiert ist. Wenn Sie in der Welt herumreisen, haben Sie überall Starbucks, Sie haben überall McDonalds, Sie haben überall H&M, die Leute ziehen das Gleiche an, die trinken das gleiche, die beschäftigen sich mit ähnlichen Sachen. Wir sind sehr vernetzt geworden, es hat sich alles sehr homogenisiert. Und ich glaube, da ist ein Bedürfnis da, dass man wieder individueller wird, dass man wirklich auch sich die Frage stellt: Was will ich eigentlich, was ist mir eigentlich wichtig, wie will ich mich auch von anderen Menschen abgrenzen? ERZÄHLERIN Sagt die Sozialpsychologin Stephanie Draschil. Doch was genau ist diese Authentizität, nach der wir uns so sehnen? Das Wort „authentisch“ kommt vom griechischen authentikós und heißt so viel wie „echt“, „original“, „verbürgt“, „wahrhaftig“. ERZÄHLER Was ein authentisches Dokument ist, etwa ein authentischer Vertrag oder ein authentisches Testament, leuchtet uns sofort ein. Auch bei klassischen Kunstobjekten wie Gemälden ist das Identifizieren von Authentischem noch relativ einfach. Ein authentischer Rembrandt ist eben das Gegenteil von einer Fälschung und das Gegenteil von einer Kopie. Doch was genau meinen wir, wenn wir von „authentischer“ Kultur sprechen? Es ist ein Begriff, der schnell in eine gefährliche Nähe zu den Völkerschauen des Kolonialismus gerät, in denen „Wilde“ wie Zootiere zur Schau gestellt wurden: Zum Beispiel dann, wenn Touristen enttäuscht sind, dass das exotische Volk, zu dem ein Reiseveranstalter sie führt, nicht in der Zeit festgefroren ist, sondern durchaus eine hohe Smartphone- und Fernseherdichte aufweist. Und wie sollen wir erst über Authentizität entscheiden, wenn es um so etwas Komplexes wie den einzelnen Menschen geht? MUSIKAKZENT ERZÄHLERIN Was macht eine Person authentisch? Monika Betzler ist Professorin für Praktische Philosophie und Ethik an der LMU München. Sie empfiehlt eine Annäherung über den Alltag: O-Ton 2 - Prof. Monika Betzler, LMU München Da kann man sich mal überlegen, was meinen wir alltagssprachlich damit, und noch einfacher, was meinen wir mit dem Gegenteil von Authentizität, was sind denn inauthentische Wesen? Da hat wahrscheinlich jeder eine Vorstellung davon. Das sind Menschen, die irgendwas verbergen beispielsweise, die nicht in der Lage sind zu dem zu stehen oder das zu äußern, was sie wirklich denken und so weiter. Und das Gegenteil wäre dann etwas, was den Begriff der Authentizität charakterisiert. Und vielleicht ist auch die allgemeinste Definition, die, das eine Person authentisch ist in dem Maße, in dem sie zu dem steht, was ihr wichtig ist. Und dann müssen wir uns nähere Gedanken machen was heißt das jetzt genau, was heißt, zu sich stehen, und was heißt, dass einem etwas wichtig ist. ERZÄHLERIN Das Ideal der Authentizität ist dabei relativ neu. Zwar stand schon vor etwa 2.500 Jahren am Apollotempel in Delphi die Inschrift „Gnothi seauton“ – „Erkenne dich selbst!“. Und auch der antike Philosoph Sokrates soll die Wichtigkeit der Selbsterkenntnis immer wieder gelehrt haben. Und doch verstanden vormoderne Gesellschaften unter diesem „Erkenne dich Selbst!“ wohl etwas ganz anderes, als wir das heute tun. Denn Menschen sahen sich damals in den meisten Gesellschaften als Teil einer größeren, kosmischen Ordnung. Irgendwo zwischen Göttern oder Geistern, Tieren und Pflanzen hatte der Mensch seinen Platz. Sich selbst zu erkennen hieß, seinen Platz – und seine Aufgabe – innerhalb dieser kosmischen Ordnung zu begreifen. MUSIKAKZENT ERZÄHLER Doch dann, im 18. Jahrhundert, ist auf einmal alles anders. Es ist das Zeitalter der Aufklärung und Säkularisierung, der wissenschaftlichen und industriellen Revolution und tief greifender gesellschaftlicher Veränderungen wie der Französischen Revolution. Mit sich bringen diese Entwicklungen, was der Soziologe Max Weber als „Entzauberung der Welt“ beschrieben hat: die Erkenntnis, dass das Universum rational erklärbar ist, dass es keine verborgenen mythischen Mächte gibt. Das hat weitreichenden Folgen: O-Ton 3 - Prof. Monika Betzler Wir sind nicht notwendig Teil des Kosmos oder der Gesellschaft und sind nun in der Lage uns davon zu entfernen und uns nun dazu selbst reflexiv in ein Verhältnis zu bringen. Ja, das sieht man auch an solchen Dingen, wie dass so Begriffe wie Ehre plötzlich weniger eine Rolle spielen, und es gibt auch eine wunderbare Schrift von John Stuart Mill, das ist dann 19. Jahrhundert, über die Freiheit, der einen Lobgesang auf die Individualität singt. ERZÄHLER Die alte Idee von der kosmischen Ordnung, in der jeder Mensch einen festen Platz und feste Aufgaben hat, in der gut zu leben bedeutet, seinem gesellschaftlichen Stand und seinen Pflichten gerecht zu werden, ist passé. In der Moderne ist der Mensch ein freies, vernunftbegabtes Individuum. Doch die geistige und gesellschaftliche Freiheit, die der Mensch sich erkämpft hat, bringt eine große Frage mit sich: Wie soll er diese Freiheit nutzen? Was ist in diesem entzauberten Universum ein gutes, ein sinnvolles Leben? MUSIKAKZENT ERZÄHLERIN Der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau gilt als zentrale Figur bei der Schöpfung des modernen Authentizitätsbegriffs. Denn die Antwort, die er auf die Frage nach dem richtigen Leben hat, ist folgende: Der Schlüssel liegt in uns selbst. Der Mensch, glaubt Rousseau, ist von Natur aus gut und moralisch. Die Gesellschaft ist es, die uns verdirbt, vom rechten Weg abbringt, unmoralisch und unglücklich macht. Den Zauber, der die Welt verlassen hat, finden wir wieder – und zwar in uns selbst. Rousseau schreibt: ZITATOR Rousseau (public domain, http://gutenberg.spiegel.de/buch/emil-oder-ueber-die-erziehung-erster-band-3811/12) Bevor die Vorurtheile und die menschlichen Einrichtungen unsere natürlichen Neigungen verderbt haben, besteht das Glück der Kinder eben so wie das der Erwachsenen in dem unbeschränkten Genusse der Freiheit; Wer thut, was er will, ist glücklich, sobald er sich selbst genug ist; das wird stets bei dem Menschen der Fall sein, welcher im Naturzustande lebt. ERZÄHLERIN Obwohl Rousseau den Begriff Authentizität selbst nicht verwendet: Indem er der für ihn „künstlichen“ Gesellschaft die Idee des „Edlen Wilden“, der in uns schlummert, gegenüberstellt, gibt er den Startschuss für die Suche nach dem Authentischen. Viele der großen Philosphen der Moderne werden sich an ihr beteiligen: Hegel, Kierkegaard, Heidegger, Nietzsche, Sartre, Camus, Adorno, Fromm, Foucault, Taylor – ein echtes Who is Who der Philosophie. MUSIKAKZENT ERZÄHLER Doch sehen sie sich dabei mit einem grundliegenden Problem konfrontiert: Authentizität, wie die meisten Philosophen sie von nun an verstehen, ist nichts, das sich anhand objektiver Kriterien beschreiben ließe, sondern zutiefst subjektiv. „Zehn Dinge, die dich zum authentischen Menschen machen?“ – Fehlanzeige! Und so lässt Nietzsche seinen Entwurf eines authentischen „Übermenschen“ – den Einsiedler Zarathustra, der beschließt, seine Weisheit mit den Menschen zu teilen – auch keine allgemeingültigen Regeln für ein authentisches Leben aufstellen, sondern erklären: ZITATOR Nietzsche (public domain, http://gutenberg.spiegel.de/buch/-3248/66) »Das – ist nun mein Weg, – wo ist der eure?« so antwortete ich Denen, welche mich »nach dem Wege« fragten. Den Weg nämlich – den giebt es nicht! ERZÄHLER Authentizität ist für viele Existenzphilosophen etwas, das jeder nur für sich selbst finden kann. Der dänische Philosoph Soren Kierkegaard identifiziert gerade die leidenschaftslose Rationalität als großes Übel der Moderne, und sieht Authentizität als Heilmittel und Gegenentwurf dazu. Authentizität bedeutet für ihn Pathos, also Leidenschaft, und Authentizität ist für ihn ein Projekt der Subjektivität und der Gefühle, nicht des Verstandes. Deshalb sollen authentische Helden oder Anti-Helden wie Nietzsches Zarathustra im Leser den Wunsch nach Authentizität wecken, Ironie soll das Inauthentische bloßstellen. ERZÄHLERIN Dabei sehen viele Philosophen Authentizität bald aber nicht bloß als etwas Statisches, sondern als fortwährendes Projekt: ständiges Ankämpfen gegen das Inauthentische, die ständige Neukreation des authentischen Ichs aus sich selbst heraus, ein ständiger Akt der Selbst-Schöpfung. Nietzsche schreibt: ZITATOR Nietzsche (http://gutenberg.spiegel.de/buch/-3245/7) „Wir aber wollen die Dichter unseres Lebens sein!“ ERZÄHLERIN Natürlich haben die Philosophen in vielen Punkten unterschiedliche Auffassungen zur Authentizität und zum besten Weg, diese zu erreichen. Von einem Verständnis von Authentizität als dem wahren Kern unseres Selbst, der nur freigelegt werden muss, ist etwa bei Nietzsche und Heidegger nicht mehr viel übrig. Nietzsche betont das spielerische Ausprobieren und fordert vom Menschen, „das zu werden, was man ist“. Authentisch zu werden bedeutet bei ihm also auch, Verantwortung für seine Taten und Charakterzüge zu übernehmen – gute wie schlechte, Stärken wie Schwächen – und sie zu einem kohärenten Bild zu vereinen. In „Die fröhliche Wissenschaft“ verlangt Nietzsche: ZITATOR Nietzsche (http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-frohliche-wissenschaft-3245/7) Eins ist Noth. – Seinem Charakter "Stil geben" – eine grosse und seltene Kunst! Sie übt Der, welcher Alles übersieht, was seine Natur an Kräften und Schwächen bietet, und es dann einem künstlerischen Plane einfügt, bis ein jedes als Kunst und Vernunft erscheint und auch die Schwäche noch das Auge entzückt. ERZÄHLER Für einen der bekanntesten Existenzphilosophen, Martin Heidegger, ist hingegen das Bewusstsein um die eigene Sterblichkeit zentral bei der Suche nach Authentizität. Denn sie ist es, die einem die Verantwortung für das eigene Leben vor Augen führt und aus den Ablenkungen des Alltäglichen in ein Leben führt, das wir uns zu eigen gemacht haben. ERZÄHLERIN Die Konfrontation mit dem unausweichlichen Tod als Augenblick der Wahrheit und Erkenntnis ist ein Mittel, das auch in Literatur und Film immer wieder gerne eingesetzt wird, um die Möglichkeiten von authentischem Leben auszuloten. Etwa in Leo Tolstois Erzählung vom Sterben des Gerichtsangestellten Iwan Iljitsch. Erst als Iljitsch mit Mitte vierzig überraschend todkrank wird und auf dem Sterbebett liegt, wird ihm klar, dass er sein Leben falsch und unauthentisch gelebt hat. Alle Annehmlichkeiten seines Lebens und seine gesellschaftliche Stellung sind für ihn auf einmal wertlos geworden, mehr noch, das Spielen seiner gesellschaftlichen Rolle hat ihn zu einer leeren Hülle gemacht. MUSIKAKZENT ERZÄHLER Genau in diesem Punkt scheinen sich fast alle Verfechter der Authentizität einig zu sein: Authentisch leben heißt, gesellschaftliche Erwartungen, Rollenbilder und Ideologien kritisch zu hinterfragen und sich – falls nötig – von ihnen zu lösen. O-Ton 4 - Prof. Monika Betzler, LMU München Und da sind wir auch schon bei einem der ersten Probleme. Könnte der Wert der Authentizität in Konflikt geraten mit beispielsweise der Moral? Nämlich dann, wenn man sich ganz aufrichtig zu Werten bekennt, die aber unmoralisch sind!? ERZÄHLER In den USA zog mit Donald Trump Anfang 2017 ein Mann ins Weiße Haus ein, der auf einer Tonbandaufnahme damit prahlte, als Star könne er es sich erlauben, Frauen einfach zwischen die Beine zu fassen. Die Reaktionen auf das Öffentlichwerden dieser Aufnahme während des Wahlkampfs waren empört. Auf seiner Kampagnenseite veröffentlichte Trump daraufhin ein Statement: ZITATOR Statement D. Trump, Übersetzung Niklas Nau (https://web.archive.org/web/20161007210105/https://www.donaldjtrump.com/press-releases/statement-from-donald-j.-trump) Das war ein Umkleidekabinengespräch, ein Privatgespräch von vor vielen Jahren. Bill Clinton hat beim Golfen schon deutlich Schlimmeres zu mir gesagt. Es tut mir leid, falls sich jemand davon angegriffen gefühlt hat. ERZÄHLER Bei vielen Wählern schien diese Argumentation anzukommen, denn auf lange Sicht konnte der Vorfall Trump nicht schaden. „Locker Room Talk“ – so, wie echte Männer nunmal in der Umkleidekabine über Frauen reden. Authentisch … unmoralisch. MUSIKAKZENT ERZÄHLERIN Das Ideal der Authentizität stellt die Gesellschaft vor ein Problem. Denn an Rousseaus „edlen Wilden“ – daran, dass der Mensch von Natur aus nur gut ist – glaubt heute fast niemand mehr. Verhaltensforschung und Psychologie haben uns klargemacht, dass der Mensch von sich aus zu Grausamkeit und Mordlust genauso fähig ist, wie zu Selbstlosigkeit und Güte. Wie soll die Gesellschaft also umgehen mit einem Ideal, das es Menschen möglich macht, mit dem Verweis auf die Authentizität auch unsere dunkelsten Impulse zu rechtfertigen? Wie umgehen mit dem authentischen Rassisten, dem authentischen Betrüger, dem authentischen Gewalttäter? O-Ton 5 - Prof. Monika Betzler, LMU München Ich denke, der Begriff der Authentizität und auch der der Autonomie, die haben ein großes Potenzial, die haben einen Wert, aber, und das zeigt sich auch in vielen Kritikern, die sich gegen diese Begriffe richten, mit denen kann man es natürlich auch übertreiben. Ich glaube, dass es ein sehr hohes Gut ist, dass wir sogenannte positive Freiheiten haben. Also sozusagen Dinge verfolgen können, die uns selber am Herzen liegen. Wir leben in einer Welt, in der es viele Länder gibt, die das als keine Errungenschaft sehen. Und ich glaube, das sollten wir schützen. Die Frage ist nur: Wo sind die Grenzen dieses Werts? Also was keiner behauptet: Der liberal ist und jedem möglichst viel Raum zugestehen möchte, sein eigenes Leben zu leben, ist nicht darauf verpflichtet, es dieser Person zuzugestehen es so weit zu treiben, dass sie andere Menschen beschränkt in ihrer Art und Weise gutes Leben zu leben. Da findet sich eine Grenze dieser Autonomie, wenn man so will. ERZÄHLER Die Sozialpsychologin Stephanie Draschil hat für ihre Doktorarbeit Menschen zu deren Wahrnehmung von Authentizität befragt und dabei herausgefunden, dass sich viele durchaus bewusst sind, dass Authentizität bei anderen Menschen auch ihre Schattenseiten haben kann: O-Ton 6 - Stephanie Draschil Was rausgekommen ist, war, dass dieses Authentische, so wie wir es in unserer individualistischen Kultur definieren, eben dass wir auch unabhängig von anderen sind, dass wir zu eigener Meinung stehen, nicht von Meinung anderer beeinflussen lassen, was wir ja ganz toll finden, was aber in anderen Kulturen gar nicht unter Authentizität fällt, also in kollektivistischen Kulturen, dass das auch dazu führen kann, dass jemand als sehr egoistisch wahrgenommen wird. (MUSIK als Überleitung) ERZÄHLERIN Die Psychologie leistet etwas, was manche philosophische Betrachtungen der Authentizität nicht tun - und auch gar nicht tun wollen. Sie begründet rational, warum authentisch sein – zumindest so, wie es Menschen im Alltag verstehen – überhaupt wertvoll ist: O-Ton 7 - Stephanie Draschil Wir stellen einfach fest: Leute, die sich selbst als authentisch einschätzen, also authentisch heißt in dem Sinne sie stehen zu sich selbst, sie haben das Gefühl, sie stehen zu sich selbst, sie haben das Gefühl, sie sind sich in unterschiedlichen Situationen selbst gegenüber treu, sie sagen was sie denken, sie sind nicht abhängig von der Meinung anderer, sie lassen sich nicht von anderen beeinflussen, dann geben diese Menschen auch an, dass sie eine höhere Lebenszufriedenheit haben, dass sie in ihrer Partnerschaft glücklicher sind, dass sie weniger negative Gedanken haben, mehr positive Gedanken, weniger depressive Symptome ... also, es sind lauter positive Sachen. ERZÄHLER Authentizität ist ein Wert, den wir nicht aufgeben wollen. Einige Philosophen werben dafür, Authentizität nicht nur als persönliche, sondern auch als soziale Tugend zu sehen. Für sie stehen Authentizität und Gesellschaft nicht in erster Linie im Konflikt. Ganz im Gegenteil – die beiden brauchen einander. Denn auch falls es tief in uns ein „Ich“ gibt, das nicht sozial konstruiert ist: Um dieses Selbst herauszuschälen, brauchen wir unsere Umwelt – die Gesellschaft. Diese Denker betonen, dass wir erst dadurch, dass wir uns im Dialog mit anderen ständig positionieren müssen, ein „Ich“ herausarbeiten oder kreieren können. ERZÄHLERIN Paradoxerweise ist es der gesellschaftliche Druck, sich als einigermaßen beständige Personen mit stabiler Persönlichkeit und Meinung zu präsentieren, der das Authentische Ich, das nicht von blindem Herdentrieb bestimmt ist, erst möglich macht. „Wir brauchen einander, um überhaupt jemand zu sein“, sagt der Philosoph Bernard Williams. Gleichzeitig ist gerade die demokratische, freie Gesellschaft, die uns die Suche nach Authentizität überhaupt erst möglich macht, darauf angewiesen, dass Menschen versuchen, Ihre eigenen Werte zu erkennen und zu vertreten – gerade auch dann, wenn sie von der vorherrschenden Meinung abweichen. Ohne Dialog und Diskussion funktioniert Demokratie nicht. MUSIKAKZENT ERZÄHLER Und doch: Die Subjektivität von Werten, die das Ideal der Authentizität mit sich bringt, bedeutet: Der authentische Betrüger, der authentische Schläger werden für die Gesellschaft immer ein Problem bleiben: O-Ton 8 - Stephanie Draschil Ich denke, es ist wichtig, dass wir authentisch sind oder dass die Gesellschaft authentisch wird, aber dass eben Authentizität nicht als alleiniges Gut gesehen wird. Wir leben in einer Gesellschaft, und da ist eben auch diese soziale Verträglichkeit, dass wir gut miteinander auskommen auch wichtig. Also, es ist immer diese Frage, wie bringe ich denn meine Authentizität auch rüber!? Muss da wirklich der Choleriker sein, der sagt: ja ich bin halt so und ich kann nicht anders, oder ist da trotzdem irgendwie die Frage danach, wie sind wir eben im Umgang miteinander, gibt's da vielleicht eben dann doch diese gewissen Etiketten. Wo dann aber wieder die Frage ist, ist es dann noch authentisch, wenn man sich stark zurückhalten muss. Also ich denke das ist wirklich eine schwierige Frage und ein ganz großer Balanceakt. MUSIKAKZENT ERZÄHLER Nicht nur darüber, wie weit das authentische Selbst und die Gesellschaft kompatibel sein können, wird weiter diskutiert. Die postmoderne Philosophie stellt heute infrage, ob es überhaupt so etwas wie ein zusammenhängendes Selbst gibt, das authentisch sein könnte. Und bekommt dabei Unterstützung von den Neurowissenschaften. Genau verstehen Hirnforscher zwar noch nicht, wie aus einer Fülle von Nervenimpulsen so etwas wie das Selbst entstehen kann. Klar scheint jedoch: Dieses Selbst, das uns so beständig und stabil vorkommt, ist nichts, was als eigenständiges Ding existiert, sondern ist eine von unserem Gehirn erzeugte andauernde Illusion. ERZÄHLERIN Und hier schließt sich der Kreis: Die Erkenntnis, dass das Selbst eine Illusion ist, wie vielleicht auch der freie Wille, dass das gesamte Universum als Kette von Reaktionen und Zusammenhängen erklärt werden kann, bedeutet nicht, dass wir uns keine Gedanken mehr über unser Leben machen müssen. Genau dies ist der Ausgangsimpuls, der überhaupt erst zum Ideal der Authentizität geführt hat, wie wir es heute kennen: Die Erkenntnis, dass es in einem rein rational erklärbaren Universum keine vorgegebenen Werte und keinen Sinn gibt, sondern dass der Mensch sich diese selbst schaffen muss. O-Ton 9 - Prof. Monika Betzler, LMU München Wie ich mich als Mensch, der sich heute und hier fragt, wie soll ich leben, verstehe, da finde ich nicht unbedingt Antworten bei der Neurowissenschaft. Wenn ich mich frage, wie fühlt sich Liebe an, und liebe ich diesen Mann, als Beispiel, hilft mir auch nicht die Neurowissenschaft, die vielleicht sagt: Liebe, das sind nur irgendwelche chemischen Prozesse im Hirn. Das ist sicherlich wahr, aber das ist nicht etwas, was uns in unserem normativen Verständnis, wer wir sein wollen, wie wir uns verstehen, hilft. ERZÄHLER Der Begriff Authentizität bleibt umkämpft und schwierig fassbar. Und doch wird unsere Suche nach Authentizität in absehbarer Zeit nicht aufhören. Denn obwohl wir die Welt und ihre Zusammenhänge immer besser verstehen und kontrollieren können: Einen Sinn geben müssen wir ihr und uns weiterhin selbst. Authentisch sein, das zumindest sagt uns die Philosophie eindeutig, ist dabei eine Lebensaufgabe. Und ob und wann wir wirklich authentisch sind, das können am Ende nur wir selbst entscheiden, oder, wie viele Philosophen es wohl ausdrücken würden: fühlen!

  • Neugier - Antriebskraft des Lebens

    19.03.2024 · 22 Min.

    Ohne Neugier gibt es keine Entwicklung. Neugier beflügelt die Wissenschaft, Neugier auf das Zeitgeschehen macht den Menschen zum Subjekt der Geschichte. Von Brigitte Kohn (BR 2014) Credits Autorin dieser Folge: Brigitte Kohn Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Professor Andreas Speer; Köln Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZUSPIELUNG OBAMA-REDE: Our challenges may be new. The instruments with which we meet them may be new. But those values upon which our success depends - hard work and honesty, courage and fair play, tolerance and curiosity, loyalty and patriotism - these things are old. These things are true. DARÜBER: „Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, mögen neu sein. Unsere Mittel und Möglichkeiten, darauf zu reagieren, mögen neu sein. Aber die Werte, auf denen unser Erfolg beruht – harte Arbeit und Ehrenhaftigkeit, Mut und Fairness, Toleranz und Neugier, Treue und Vaterlandsliebe – diese Dinge sind alt. Diese Dinge sind wahr.“ ERZÄHLERIN: In seiner ersten Rede als 44. Präsident der Vereinigten Staaten erwähnt Barack Obama ausdrücklich die Neugier als zentralen Motor der amerikanischen Erfolgsgeschichte. Und er verbindet sie mit bestimmten Wertvorstellungen. Neugier hat eine individuelle und kulturelle Dynamik. Der Mensch muss seiner Neugier eine Richtung geben – und die ist nicht vorgegeben, für die muss er sich entscheiden. Ausschalten lässt sich die Neugier nicht. Sie gehört zur menschlichen Natur, sagt Andreas Speer, Professor für Philosophie an der Universität Köln. 1 O-TON PROF. ANDREAS SPEER: Ich denke, eines der wichtigsten Dinge ist, dass der Mensch, wie ja die Anthropologen sagen, ein ziemlich instinktentsichertes Lebewesen ist. Dass er nicht fest in einen Umweltzusammenhang eingebunden ist, sondern sich seine Welt selbst schaffen muss. Man muss explorieren, man muss sich orientieren, man muss die Eindrücke ordnen, und man muss gewissermaßen sein Leben selbst gestalten. ERZÄHLERIN: [Neugier findet man auch im Tierreich. Auch höher organisierte Tiere müssen ihre Umgebung untersuchen und erkunden, um zu lernen, wie sie beschaffen ist und wie man in ihr überlebt.] Aber die Menschen sind nicht nur neugierig auf die sichtbare Welt. Sie fragen nach Gott, nach der Wahrheit, nach Gut und Böse, nach Werten, Normen und Moral. Sie müssen ihrer Neugier eine Richtung geben; ihrem Wissen Sinn und Bedeutung. Menschen müssen ständig Neues aufnehmen und verarbeiten. [Ihr Gehirn entwickelt sich im Zusammenspiel mit der Umwelt, ohne Reize würde es verkümmern.] Sich zu entwickeln, ist eine Lust. Menschen sind von Natur aus neugierig auf die Welt, die sich ihnen zunächst durch die sinnliche Wahrnehmung erschließt. ZITATOR: „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen. Ein deutliches Zeichen dafür ist die Liebe zu den Sinneswahrnehmungen. Denn abgesehen vom Nutzen werden diese um ihrer selbst willen geliebt, und von allen besonders die Sinneswahrnehmung, die durch die Augen zustande kommt.“ ERZÄHLERIN: … schreibt der Philosoph Aristoteles im antiken Griechenland. Augenlust spielt auch bei Kindern eine Rolle, aber die anderen Sinne auch. Schon Neugeborene betasten ihren Körper, besonders Gesicht und Mund, bald schon verfolgen sie Gegenstände mit den Augen. Babys und Kleinkinder ergreifen Objekte und nehmen sie in den Mund, sie beginnen die Dinge zu zerlegen und mit ihnen zu experimentieren, sie spielen und sind kreativ. Neugierig probieren sie Grenzen aus und stoßen auf Verbote, missachten sie, werden zurechtgewiesen, versuchen es bei nächster Gelegenheit wieder. Alles, was verboten ist, scheint die Neugier ganz besonders zu reizen. Das ist ein so zentrales Merkmal der menschlichen Natur, dass sich sogar der Schöpfungsmythos der Bibel damit befasst. Gott hat Adam und Eva bekanntlich verboten, vom Baum der Erkenntnis zu essen – aber ohne Erfolg. ZITATOR: „Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben; sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Und das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre, weil er klug machte; und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch, und er aß.“ [2 O-TON PROFESSOR SPEER: Sein wollen wie Gott, das heißt: die Versuchung, der wir ja auch heute unterliegen, alles wissen zu wollen und auch die Normen von Gut und Böse setzen zu wollen. Zu wissen, was gut und was böse ist. Dann die Frage, woher kommt das Böse in die Welt. Die Frage, woher das Böse in die Welt kommt, können Sie, denke ich, argumentativ, logisch-deduktiv nicht beantworten. Alle Kulturen haben solche Woher-kommt das Böse-Geschichten.] ERZÄHLERIN: Ein Mythos erklärt nicht, er erzählt. Die Schlange, das Prinzip der Verführung, ist einfach da, keiner weiß warum. Und Eva sollte ihre Neugier wohl zügeln, es gelingt ihr aber nicht. Der Mensch kann seiner Neugier nicht entgehen. Und deswegen sind die Pforten des Paradieses jetzt verschlossen. Stattdessen gibt es Menschengeschlecht und Menschengeschichte, Sexualität und Tod und all die Rätsel und Risiken der Existenz, die sich aus diesen Grunderfahrungen speisen. Es gibt die menschliche Kultur, die diese Rätsel zu entschlüsseln oder in Bildern und in Mythen zu verhandeln sucht. Und die selbst, wie Gott im Paradies, Verbote und Tabus errichtet. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht ehebrechen. Die Neigung zum Tabu wurzelt tief in der menschlichen Natur, sagen die Anthropologen. 3 O-TON PROFESSOR SPEER: Tabus liegen tiefer, als das was wir regeln, und sie sind elementar für den Zusammenhalt von Gesellschaften. Sie sind sozusagen das Set von Werten und normativen Regelungen, das nicht in Frage gestellt wird in einer Gesellschaft, das gewissermaßen eine Grenze definiert, die wir nicht überschreiten, ohne den Zusammenhang dieser Gemeinschaft und dieser Gesellschaft in Frage zu stellen. ERZÄHLERIN: Gesellschaften geben sich Spielregeln. Wer sich an sie hält, ist Teil der Gemeinschaft und lebt komfortabler. Trotzdem strebt die menschliche Neugier immer wieder darüber hinaus. Richtet sich auf das Dunkle, das Grausame, die Ausschweifung, den Überfluss. Die Neugier hält uns in Kontakt zu dem, was wir aus unserer gepflegten Normalität verdrängen. Im Märchen von Blaubart, entstanden im 17. Jahrhundert, gibt es eine verbotene Kammer, hinter der das geballte Grauen lauert. ZITATOR: „Die Versuchung war zu groß, sie konnte nicht widerstehen – und schon hielt sie das kleine Schlüsselchen in der Hand, und schon hatte sie, obwohl zitternd, die Türe geöffnet. Zuerst sah sie nichts, gar nichts, weil die Fenster geschlossen waren; nach einigen Minuten sah sie, dass der Boden mit geronnenem Blut bedeckt war, und dass sich darin mehrere an die Wand gehängte tote Frauen spiegelten. Es waren die Frauen, die Blaubart früher geheiratet und die er alle, eine nach der andern, abgeschlachtet hatte.“ ERZÄHLERIN: Blaubart ist ein gewaltiger Ritter und unermesslich reich. Er hat einen blauen Bart, und alle fürchten sich vor ihn. Seine Frau hat ihn geheiratet, weil sie neugierig ist auf ein Leben im Luxus, weil ihr ein Durchschnittsleben nicht genügt. Und vielleicht ist sie auch fasziniert von Blaubarts dunkler Erotik. Ihr Mann gibt ihr den Schlüssel zu einer geheimen Kammer und verbietet ihr bei Todesstrafe, sie zu öffnen. Sie tut es natürlich trotzdem und entdeckt sein Geheimnis: Blaubart lebt nicht, um zu lieben, sondern um zu töten. Er will jetzt auch seine letzte Frau umbringen, aber ihre Brüder eilen herbei, um Blaubart zu töten und die Schwester zu retten. Und dann wird das Leben besser als je zuvor. ZITATOR: „Blaubart hatte keine Anverwandten, und so fiel die ganze Erbschaft seiner Frau zu. Einen Teil ihres ungeheuren Vermögens [gab sie ihrer Schwester Anna und verheiratete sie mit einem trefflichen jungen Mann, der sie seit langem liebte. Einen anderen Teil] überließ sie ihren Brüdern, die als Soldaten das sehr wohl brauchen konnten, und den Rest brachte sie einem soliden Manne zu, an dessen Seite sie im Glücke die schweren Stunden ihrer kurzen Ehe mit Blaubart vergaß.“ ERZÄHLERIN: Neugier kann sich lohnen. Der Ausflug der Frau in das Reich des Bösen hat zur Folge, dass eine tödliche Gefahr beseitigt wird und neuer Reichtum auf die Gemeinschaft niederregnet. Neugier überschreitet, erfrischt, bereichert die Normalität, doch es ist immer ein Risiko dabei. In den Bereichen jenseits des Normalen ist es sehr gefährlich. Hätte die Frau ihre Brüder nicht gehabt, wäre sie gestorben. Echte Bindung zwischen Menschen bannt das Böse. Normalität bannt das Böse. Die Gesellschaft hat guten Grund, sie zu verteidigen. Und trotzdem muss sie Neues zulassen, wenn sie nicht erstarren will. Trotzdem darf sie die Neugier nicht ersticken, muss sie die Risiken eingehen, die mit ihr einhergehen. 4 O-TON PROFESSOR SPEER Bei allen Innovationsschüben, die Gesellschaften zu verkraften haben, die wurden auch als Infragestellungen von Bestehenden, von Geregeltem, von Konventionen angesehen. Das gilt übrigens für uns persönlich auch. Das ist eine ganz einfache Geschichte. Wenn ich irgendwo neu hinkomme: Manche Leute lieben das, und deswegen suchen sie ständig Neuigkeiten. Andere wiederum fürchten das Auflösen von Routinen. Das ist also ein Wechselspiel. ERZÄHLERIN: Riskant ist nicht nur die Neugier auf die dunklen Seiten der Existenz, riskant ist auch die Eroberung neuer Wissensgebiete. Auch der Wissensdurst hat etwas Ausschweifendes, und jede Gesellschaft hat Institutionen, die die Produktion und die Vermittlung des Wissens regeln und kanalisieren. Die Frage nach den Grenzen des Wissens stellt sich immer wieder. Neues Wissen stellt die Identität des Einzelnen ebenso in Frage wie die Identität der Gesellschaft. Doch die Dynamik der Neugier hält sich nicht an Grenzen. Sie ist ein Begehren, das tief im Menschen wurzelt, zum Kern des Lebensvollzugs gehört. Ohne Neues kann der Mensch nicht leben. 5 O-TON SPEER: Denkverbote haben nie sehr erfolgreich gewirkt, der Mensch bricht immer zu den Ufern auf, zu denen er aufbrechen möchte. Die Fragen, die einmal gestellt sind, lassen sich nicht wieder rückholen. Man muss im Nachhinein dann darüber nachdenken, wie man mit den Konsequenzen solcher Entdeckungen umgeht. ERZÄHLERIN: Oder vorher. Denkbar wäre auch, vorher zu fragen, ob der angestrebte Zuwachs an Wissen zu einem sinnvollen Ziel führt. Der Wissensdrang kann gute oder böse Ziele haben, und er kann auch Konsequenzen zeitigen, mit denen niemand gerechnet hat. Der Kirchenvater Thomas von Aquin schreibt im 13. Jahrhundert ... ZITATOR: „ … dass die Erkenntnis der Wahrheit an sich etwas Gutes ist. Dennoch wird dadurch nicht ausgeschlossen, dass jemand die Erkenntnis der Wahrheit zum Bösen missbrauchen oder auch in ungeordneter Weise Wahrheitserkenntnis suchen kann. Es muss nämlich auch das Streben nach dem Guten der verbindlichen Ordnung unterworfen sein.“ ERZÄHLERIN: Wie die verbindliche Ordnung aussehen soll, das ist in einer säkularen Gesellschaft schwieriger zu verhandeln als als im Mittelalter. Thomas von Aquin lebt und lehrt unter dem Dach der Kirche, die die Leitlinien vorgibt – aber das heißt nicht, dass deswegen alles klar wäre. Auch das Mittelalter hat seit dem 12. Jahrhundert einen ungeheuren Zuwachs an Wissen zu bewältigen, und neu gegründete Universitäten machen den Klöstern als altehrwürdigen Produktionsstätten des Wissens Konkurrenz. Nicht umsonst entwickelt Thomas von Aquin eine Theologie, die Wissenschaft und Vernunft integriert. Die vielfältigen geistigen, religiösen und politischen Konflikte des ausgehenden Mittelalters spiegeln sich in Umberto Ecos Weltbestseller „Der Name der Rose“. Im Mittelpunkt steht eine italiensche Abtei, die sich heftig bemüht, den modernen Wissensdrang ihrer Zeit an sich abprallen zu lassen: ZITATOR: „Denn nicht alle Wahrheiten sind für alle Ohren bestimmt, nicht alle Lügen sind sofort als solche erkennbar für eine fromme Seele, und schließlich sollen die Mönche im Skriptorium eine genau definierte Arbeit tun, wozu sie bestimmte Bücher lesen müssen – die anderen gehen sie nichts an, und sie sollen nicht jedem Anflug von Neugier nachgeben, der sie plötzlich packen mag, sei es aus Schwäche des Geistes oder aus Hochmut oder aufgrund einer teuflischen Einflüsterung.“ ERZÄHLERIN: Die Abtei verfügt über eine Bibliothek mit unermesslichen Schätzen. Und der Zugang zu ihnen ist nur wenigen Eingeweihten gestattet. Das Verbot steigert die Begehrlichkeit der Mönche ins Unermessliche. Die Bibliothek scheint ihnen als „himmlisches Jerusalem und verborgenes Reich an der Grenze zwischen Terra incognita und heidnischer Unterwelt“; und sie riskieren ihr Leben, um dieses Reich zu betreten. ZITATOR: „Warum sollten sie nicht den Tod riskieren, um ein Verlangen ihres wissbegierigen Geistes zu stillen, warum nicht schließlich auch töten, um zu verhindern, dass jemand sich eines ihrer kostbaren Geheimnisse bemächtigte?“ ERZÄHLERIN: Tödliche Konsequenzen hat vor allem das Lesen eines bestimmten Buches. Es stammt von Aristoteles, und da steht etwas drin über das Lachen Gottes. Ein lachender Gott? Unvorstellbar für einen Christenmenschen. Worüber lacht Gott, dieser Gott der Heiden? Wer es wissen will, büßt seine Neugier mit dem Leben. Denn der Wächter der Bibliothek hat die Seiten des Buches vergiftet. Aristoteles, der antike Philosoph mit seiner ausgeprägten Neugier auf die Erfahrungswelt, auf Kunst und Wissenschaft, soll unter Verschluss bleiben und sein lachender Gott erst recht. Dabei wird Aristoteles seit dem hohen Mittelalter intensiv übersetzt und gelesen, und seine Philosophie prägt auch die neuen Universitäten. Nur, die Abtei hängt an der alten Welt. An einer Welt, die den Glauben höher schätzt als weltliches Wissen. 6 O-TON SPEER: Der Aristoteles war die Begegnung der damaligen Kultur mit einer paganen antiken Philosophie. Der Platonismus war ja über jahrhundertelang christianisiert worden. Und das war eine gigantische Herausforderung. Und da gab es auch Spannungen, da gab es auch Diskussionen, so wie es immer Diskussionen gibt, wenn etwas Neues kommt. ERZÄHLERIN: William von Baskerville, der ins Kloster kommt, um die Morde aufzuklären, ist ein Kind der neuen Zeit: wissbegierig und aufgeschlossen für die Wissenschaft, ein Aristoteliker par excellence. Umberto Eco zeichnet ein realistisches, vielfältiges Mittelalterbild, findet Professor Speer. Das Bild einer bewegten Epoche. 7 O-TON PROF. ANDREAS SPEER: Es ist eine ungeheuer dynamische Zeit, in der eben all das passiert, was wir als die Wurzeln der Moderne begreifen. Die Gründung der Universitäten, die Entdeckung der Wissenschaft. Das ist alles das sogenannte Mittelalter. [Das Mittelalter ist interkulturell. Eine Zeit, in der Kulturen auf Augenhöhe miteinander kommunizieren und nicht hegemonial aus der Perspektive der westlich-lateinischen Welt erzählt wird, wie Wissenschaft oder Wissen geht. Das muss man erst mal deutlich sagen.] Insofern ist das eine der übelsten Narrationen, die bis in unsere Alltagssprache hinein greift, wo man alles, was man für rückständig oder gewalttätig bezeichnet, als mittelalterlich bezeichnet. ERZÄHLERIN: Doch zu Beginn der Neuzeit verliert die Kirche immer mehr die Fähigkeit, Meinungsvielfalt zu integrieren. Reformation und Glaubenskriege zerstören die ursprüngliche Einheit. Die Erfindung des Buchdrucks macht das Wissen zugänglicher, immer mehr Menschen reden mit und reden kontrovers. Die Kirche verteidigt ihre Machtposition mit den Mitteln der Inquisition – vergeblich. 8 O-TON PROFESSOR SPEER: Die Summe des Wissens wird quantitativ immer größer. Allein schon die Quantität des Wissens, die Ausdifferenzierung des Wissens führt dazu, dass nicht mehr alles von einer Institution verwaltet und gedeutet werden kann. Und dass sich die Gesellschaften ausdifferenzieren. ERZÄHLERIN: Die Bereitschaft, Grenzen des Wissens zu akzeptieren, sinkt. [Goethe lässt seinen Magister Faust, eine Figur des 16. Jahrhunderts, einen Bund mit dem Teufel eingehen, um endlich alles, alles wissen zu können. ZITATOR MEPHISTOLES: Er ist sich seiner Torheit halb bewusst; Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne und von der Erde jede höchste Lust, Und alle Näh und alle Ferne Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.“ ERZÄHLERIN: Faust wird am Ende erlöst, aber bis es so weit ist, geht er durch Abgründe. Die Gier nach Wissen kann teuflische Folgen haben.] Der Philosoph und Essayist Michel de Montaigne erhebt im 16. Jahrhundert, am Ende der Renaissance, seine warnende Stimme: ZITATORL „Gleichwie bei allem Essen öfters weiter nichts, als die Lust ist, und gleichwie nicht alles wohlschmeckende auch nahrhaft und gesund ist: eben so ist das, was unser Gemüth aus der Wissenschaft zieht, zwar allezeit sehr angenehm, aber nicht allezeit zur Nahrung bequem und heilsam.“ ERZÄHLERIN: Der Siegeszug der empirischen Wissenschaft im 17. Jahrhundert ist aber nicht aufzuhalten. Sie setzt auf neue Methoden: Beobachtung und Experiment. [Menschen fragen nach sich selbst nicht mehr hauptsächlich im Verhältnis zu Gott, sondern im Verhältnis zur Natur. Das Prinzip Zweifel ist stärker als der Glaube. Tiere werden massenhaft auf der Sezierbank fixiert und aufgeschnitten, damit man sieht, wie das Leben funktioniert.] Im 18. und 19. Jahrhundert dynamisiert sich im Zuge der Industrialisierung der Siegeszug von Naturwissenschaft und Technik. Man setzt auf das Machbare und hofft darauf, dass es der Menschheit schon zum Wohl gereichen wird. Die Dichter warnen, [und sie erzählen Geschichten, die eine bemerkenswerte Lebendigkeit entwickeln – weil ihre Botschaft nicht veraltet. Mary Shelleys Frankenstein will den Tod überwinden und erweckt in seinen wissenschaftlichen Experimenten ein Monster zum Leben.] In Dr. Jekyll und Mr. Hyde, einer Novelle von Robert Louis Stevenson, erfindet Dr. Jekyll im Labor ein Pulver, das es ihm ermöglicht, sich in zwei Teile zu spalten: in einen guten und in einen bösen. Das abgespaltene Böse bekommt schnell die Oberhand. Sein schlechtes Gewissen treibt Dr. Jekyll in den Selbstmord .. ZITATOR: „… weil ich zu der Überzeugung gelangt bin, dass das Schicksal und die Bürde des Lebens für immer auf den Schultern des Menschen lasten; wenn der Versuch gemacht wird, sie abzuschütteln, dann kehren sie nur mit neuem fürchterlichen Druck zu ihm zurück.“ ERZÄHLERIN: Menschen haben in der Geschichte immer nur eine begrenzte Fähigkeit an den Tag gelegt, mit den Ergebnissen ihres Wissensdrangs umzugehen. Die Frage nach den Grenzen des Wissens ist also nicht überflüssig geworden. Die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts zeugen davon, dass der säkulare Wissensdrang auch in den Abgrund führen kann. Die moderne Wissenschaft mit ihrer Hochschätzung von Objektivität und Unpersönlichkeit hat Massenvernichtungssysteme nicht nur nicht verhindert, sondern sogar ermöglicht. Der Atomphysiker Robert Oppenheimer, der die ersten Nuklearwaffen entwickelte, tat dies im Kampf gegen die Hitler-Barbarei, also in guter Absicht. Dennoch sagt er, erschüttert vom Massensterben in Hiroshima und Nagasaki, in einer Rede nach dem Krieg: ZITATOR: „In einem elementaren Sinn … haben die Physiker die Sünde kennengelernt, und dies ist eine Erkenntnis, die sie nicht verlieren können.“ ERZÄHLERIN: Heute sind es vor allem die Risiken der Genforschung, die die Gesellschaft beschäftigen. Sollte man von diesem Baum der Erkenntnis wirklich essen? Wissen wir genug über die langfristigen Auswirkungen manipulierter Gene und ihre Wechselwirkungen mit Umwelt, Verhalten und Evolution? Noch besteht eine gewisse Scheu vor so tiefgreifenden Eingriffen in die menschliche Natur, und der Gesetzgeber setzt Grenzen. 9 O-TON PROF. SPEER: Diese Grenzen sind in jeder Gesellschaft anders, wie wir wissen. Deutschland hat eine der schärfsten Grenzen. Andere Länder haben dort weitere Grenzen. Das sind Fragen, die von den übergeordneten gesellschaftlichen Instanzen geregelt werden. ERZÄHLERIN: Ist die Wissenschaft selbstkritischer geworden? Oder drückt die Abhängigkeit von Fördermitteln aus der Wirtschaft inzwischen viel zu viel Forschergeist in Richtung Verwertbarkeit und Profit? Lassen die Bildungssysteme genügend Spielraum für neugieriges Fragen und Suchen, das sich nicht nur auf einen sicheren Arbeitsplatz richtet? Was das betrifft, sieht Professor Speer die Talsohle bereits durchschritten. 10 O-TON SPEER: Wenn ich mir die letzten Jahre anschaue, neige ich eher zum Optimismus. Wir hatten ja um die Jahrtausendwende eine sehr starke Tendenz, sozusagen der Operationalisierung und Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Inklusive der Bildung. Aber davon schwimmen wir uns langsam wieder etwas frei. Das heißt, an den Universitäten gab es und gibt es einen schleichenden Widerstand dagegen, sich nur durch diese Brille betrachten zu lassen. [Die Studiengebühren, ganz klar ausgedacht weniger zur Finanzierung als zur Implementierung eines Modells von Servicenehmern und Servicegebern, die sind abgeschafft, die sind auch aus ideologischen Gründen abgeschafft, das finde ich ganz wunderbar.] Und es gibt, denke ich, genügend Freiräume an den Universitäten und im kulturellen Leben, wo sich Menschen nicht auf ein Kosten-Nutzen-Denken festlegen lassen. ERZÄHLERIN: Es reicht nicht zu funktionieren. Menschen brauchen Zeit, um Wissen zu ordnen, zu interpretieren, Wertvorstellungen zu entwickeln, sich geistiger Traditionen zu vergewissern und eigene Zukunftshoffnungen in Mitsprache und politisches Handeln umzusetzen. Kurz: um ihrer Neugier eine menschliche Richtung zu geben.

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