Beruf: Hausfrau - Die Geschichte einer Arbeiterin
27.12.2023 · 23 Min.
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Die klassische "Hausfrau" ist tot. Oder doch nicht? Wer kocht, putzt und wäscht, wenn alle arbeiten? Und wann entstand das Bild der "Hausfrau"? Von Julia Fritzsche (BR 2019)
Credits
Autorin dieser Folge: Julia Fritzsche
Regie: Eva Demmelhuber
Es sprachen: Beate himmelstoß, Rahel Comtesse, Frank Manhold
Technik: Michael Krogmann, Christine Frey
Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview:
Barbara Duden (Professorin; emeritiert; Historikerin Universität Hannover);
Gabriele Winkler (Professorin; Arbeitswissenschaftlerin der Universität Hamburg)
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- Geschichte der Köche - Künstler und Sklaven des Genusses
27.12.2023 · 23 Min.
Heute kennt man die Namen von SpitzenköchInnen wie die von bildenden KünstlerInnen. Das war nicht immer so. In der Antike etwa waren sie noch namenlose Sklaven. (BR 2017) Autorin: Renate Kiesewetter Credits Autor/in dieser Folge: Renate Kiesewetter Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Schild, Johannes Hitzelberger, Carsten Fabian Technik: Daniela Röder Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Jörg Zipprick (ehemaliger Restaurantkritiker, Journalist und Autor); Eckart Witzigmann (Starkoch) Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Gambas-Gröstl mit Blumenkohl. Könnte Hausfrau ja mal heute zum Mittagessen kochen. O-Ton Eckart Witzigmann: Wichtig ist natürlich auch die Hitze, Küche ist Geduld, ja, und eigentlich ist das Gericht sehr, sehr, sehr einfach, man muss ja nur die Kartofferl in aller Ruhe anbraten auf beiden Seiten, wir schieben den angebratenen Blumenkohl zur Seite, wir geben jetzt unsere frischen Gambas hinein, ja, die wir etwas mariniert haben, ja, etwas Olivenöl. SPRECHERIN: Gambas-Gröstl mit Blumenkohl. Ja, eben, alles ganz einfach. Nur steht hier in der Abendschau des Bayerischen Rundfunks Eckart Witzigmann am Herd. Kein Geringerer als der Münchner 3-Sterne-Koch zaubert hier auf dem höchsten Niveau weltweiter Kochkunst. Würdenträgern und Königshäuptern hat er aufgetischt. Inzwischen werden Restaurantbesucher und Hotelgäste auch von seinen Schülern verwöhnt, viele von ihnen ebenfalls mit Michelin-Sternen ausgezeichnet. SPRECHER: Eckart Witzigmann und seine Schüler entfachen - wie all die anderen internationalen Starköche und Starköchinnen - mit ihren kulinarischen Kreationen ein Fest der Sinne für Nase, Zunge und Gaumen, auch das Auge isst bekanntlich mit. Heute kennen Feinschmecker ihre Namen, ihre Biographie, besuchen ihre Restaurants. MUSIK: C1049310 020 (00‘20‘‘) SPRECHERIN: Das war nicht immer so. Z.B. in der griechischen Antike. Schon damals verstanden die Wohlhabenden ausgezeichnet zu essen, doch die Köche blieben namenlos. Jörg Zipprick, Autor des Buches Die Erfinder des guten Geschmacks hat die Kulturgeschichte der Köche beschrieben: MUSIK ENDE O-Ton Jörg Zipprick: Die meisten Köche waren natürlich Sklaven. Sie waren aber nicht nur Sklaven, sie waren auch Witzfiguren, und zwar in der sogenannten mittleren griechischen Komödie. Dort gibt es eine fest eingeführte Figur, den Koch, und das ist in der Regel ein arroganter Prahlhans. SPRECHERIN: Über so einen Koch – er schmäht seine jungen Kollegen - schreibt der Komödiendichter Damoxenos. ZITATOR: Sie … machen aus ganz entgegengesetzten Fischen eine Sauce und reiben Sesam drein. Solche Disharmonie zu durchschauen, ist die Sache der geistreichen Kunst und nicht, Töpfe zu waschen und nach Rauch zu stinken. Ich gehe gar nicht mehr in die Küche; ich sitze nur in der Nähe und sehe zu, und während andere arbeiten, erkläre ich ihnen Ursache und Wirkung. SPRECHER: Allzu viel ist über Köche im antiken Griechenland nicht bekannt; und auch bei den Römern später ging es beim kulinarischen Genuss nicht um sie. Star ist der Gourmet, der die ganze Inszenierung bezahlt, z.B. Lucius Licinius Lucullus. Der römische Feldherr und Konsul verfügte mit eigenen Meerwasserbecken immer über frischen Fisch. O-Ton Jörg Zipprick: Wir kennen Apicius. Apicius war nach antiken Maßstäben ein Millionär, hochvermögend, und er machte eigene Segeltouren, um z.B. frische Beerenkrebse zu bekommen. MUSIK: C1230150 016 (00‘50‘‘) SPRECHERIN: Marcus Gavius Apicius hatte um die Zeitenwende in Kampanien gelebt. Und hinterließ das angeblich erste Kochbuch mit dem Titel: De re coquinaria. Ein Buch mit "Kochideen". Apicius schätzte etwa Flamingozungen, und so beschrieb er die Zubereitung eines Flamingos mit "Pfeffer, Kümmel, Koriander, Laserwurzel, Minze, Raute, Liquamen und Defrutum". SPRECHER: Liquamen war bei den Römern die "Universalwürze". Und mit Defrutum, einem im Bleigefäß eingedickten Traubensaft, würzten Römer ihre Desserts und süßten die Weine. Der enorme Bleigehalt im Most wird einige römische Aristokraten wohl auch vergiftet haben. MUSIK: C1230150 005 (00‘50‘‘) SPRECHERIN: Völlerei, Protz, Prunk und Theaterspektakel - die Esskultur reicher Römer. Sogar nur ein "halber Gang auf einem Festmahl" des reichen Emporkömmlings Trimalchio, das Petronius in seinem Roman Satyricon beschreibt, war ein ganz großer Auftritt: SPRECHER: "Ein riesiger Bartträger mit riemenumwundenen Beinen und einem Zipfelmantel aus Damast … " erschien und stieß kühn ein scharfes Jagdmesser in die Seite eines gebratenen Wildschweins. Daraus flatterten dann "lebende Drosseln, die namenlose Köche sorgsam in die Bauchhöhle eingenäht hatten". Von Vogelfängern mit ihren Ruten wurden sie kurzerhand wieder eingefangen. Jeder Gast bekam eine Drossel samt großzügigen Mengen von Datteln und Eicheln aus Ägypten und Syrien. MUSIK: M0010842 006 (00‘20‘‘) SPRECHERIN: Im christlichen Mittelalter war römisches Prunkgehabe völlig verpönt. Völlerei gehörte zu den sieben Todsünden, auch wenn schreibkundige Mönche noch lange das Kochbuch des Apicius eifrig kopierten. MUSIK: NC015620 012 (01‘00‘) SPRECHER: Die Bürger in Ostrom, Byzanz, hingegen erfreuten sich am reichhaltigen Angebot vom nordöstlichen Mittelmeer über die Türkei bis zur Arabischen Halbinsel. Gewürze, Kräuter, Früchte und Gemüse: etwa Spinat aus Persien, Auberginen aus Indien, Zitronen, Orangen, Süßspeisen wie Baklava, gefüllte Weinblätter und viele Köstlichkeiten mehr. Die gehobene Kochkunst im Mittelalter ist ohne großzügiges Würzen nicht denkbar. Ingwer, Zimt, Gewürznelken, Safran, Kümmel, Mandeln, Muskat, erreichten über neue Handelsrouten Venedig, Pisa, Genua. SPRECHERIN: Die Köche selbst allerdings waren immer noch namenlos. Und für einfache Bauern standen sie ohnehin nicht am Herd. Die kleinen Leute haben für sich selbst gekocht. Ihre Speisekarte war karg. Jörg Zipprick: MUSIK ENDE O-Ton Jörg Zipprick: Das einfache Volk ernährte sich größtenteils von Suppe. Da hing ein Suppentopf, da wurde reingeschüttet, was es grade gab, manchmal war es ein Stück Fleisch, meistens war es vielleicht auch altes Brot oder Gemüse, was man grade hatte. SPRECHER: In Frankreich buk man Brot nur zweimal im Monat und schüttete die Suppe übers harte Brot, morgens, mittags, abends. Dazu wild wachsende Früchte, Beeren, Kastanien. Fleisch kam nicht sehr oft in die Suppe; und an den zahlreichen Fastentagen war es den Gläubigen sowieso verboten. O-Ton Jörg Zipprick: Es gab immer einen Grund, zu fasten. Aber Fisch konnte man noch essen. Und alles, was so einen Bezug zum Meer hatte, wurde sozusagen dem Fisch zugerechnet: Z.B. Biber wurden auch aufgetischt. Weil Biber leben ja teilweise zumindest im Wasser. SPRECHER: Fast dem Glauben abtrünnig wurden manche Mönche bei süßen Torten. O-Ton Jörg Zipprick: Es gibt Berichte aus Portugal, wo also die Mönche so gut und gern 6.000 Kalorien pro Tag vertilgten. Und die richtig dicken Mönche, die konnten sich nicht mehr durch die Tür zum Dessertraum bewegen, weil die Tür zum Dessertraum, die war etwas schmaler – in ihrem Kloster zumindest, und ja, wer da halt einen zu dicken Bauch hatte, der kam da nicht mehr durch, der musste tatsächlich ein paar Tage fasten. SPRECHERIN: Wer für die Geistlichen kochte, hatte es bestimmt nicht leicht. Hilfsmittel gab es nicht, keine Uhren für die Garzeit, keine Maßeinheiten wie Gramm oder Kilogramm. Ein paar Gerätschaften, getöpferte Behälter, vielleicht auch Grillspieße, Messer. Und es war immer glutheiß. Die Feuerquelle, so Jörg Zipprick war … O-Ton Jörg Zipprick: … möglicherweise eine Art Herd, der mal mit Holz befeuert wurde, später mit Kohle. All das, was aus diesem Holzherd herauskam, das atmeten die Köche ein. SPRECHER: Sie waren nun nicht mehr Sklaven, sondern abhängige Dienstboten. Handwerker nach den mittelalterlichen Zunftordnungen. Das französische Ständebuch von 1268 verzeichnet immerhin eine zweijährige Lehrzeit für Köche, notiert Alain Drouard in seiner Geschichte der Köche in Frankreich. Freilich erreichten nur wenige etwas Ruhm und gutes Auskommen. MUSIK: Z9381113 002 (00‘30‘‘) SPRECHERIN: Ein altdeutsches Gericht ohne Kartoffeln? Pizza ohne Tomaten? Christoph Kolumbus, Vasco da Gama und Ferdinand Magellan verdanken wir die Entdeckung der Neuen Welt. Von Amerika und vor allem Südamerika kamen im 16. Jahrhundert auf neuen Handelsrouten nach Europa: Kartoffeln, Tomaten, Mais, Kaffee, grüner Tee, Kakao und Schokolade. MUSIK ENDE SPRECHER: Vor allem die Köche im Italien der Renaissance konnten fürstlich kochen. Sie benutzten fortschrittliche Techniken, etwa ein Passiertuch bei der Herstellung der Saucen. Und reiche Patrizierfamilien wie etwa die Medici konnten das alles bezahlen. O-Ton Jörg Zipprick: Kulinarische Finesse geht immer dorthin, wo das Geld ist. Insofern entstand kulinarische Finesse am Vatikan, in Florenz, in Venedig, und dann mit der Heirat von Katharina de Medici kamen also italienische Hofköche nach Frankreich. Umgekehrt kann man mit Sicherheit auch nicht sagen, dass zwei Köche die gesamte Küche revolutionierten, es muss also schon ein größeres Qualitätsbewusstsein gegeben haben im Land. MUSIK: CD433050 014 (00‘45‘‘) ZITATOR: Ehrlich gesagt, geben die Franzosen nur für Essen Geld aus… SPRECHERIN: Berichtete aus Paris der venezianische Botschafter in Frankreich, Jerôme Lippomano. Ende des 16. Jahrhunderts schrieb er von "Metzgern, … Verkäufern, Zuckerbäckern und Tavernen, in einer Zahl, die wirklich verwirrt": ZITATOR: Die Rôtisseure und die Konditoren arrangieren in weniger als einer Stunde ein Diner, ein Souper für zehn, zwanzig oder 100 Personen, der Rôtisseur gibt das Fleisch, der Konditor Pasteten, Tourtes, Entrées und Desserts, der Koch Gelees, Saucen und Ragout. MUSIK ENDE SPRECHER: Frankreich hatte Zugang zum Ärmelkanal, dem Mittelmeer und zum Atlantik. Es gab Gebirgslandschaften, Sümpfe mit Fröschen, Seen mit Süßwasserfischen. Aus der Picardie, aus Burgund, aus der Champagne wurden raffinierte Zutaten herangeschafft. Denn das Straßennetz war schon ausgebaut. SPRECHERIN: Der königliche Hof diktierte das come il faut. Vom Sohn der Katharina von Medici, Heinrich III., hieß es: O-Ton Jörg Zipprick: Es gibt verschiedene Legenden, dass Heinrich III. von Frankreich zum ersten Mal im Restaurant Tour d`argent die Gabel benutzt hat. Messer hatte man, wobei die Messer natürlich Dolche waren. Ein Mann, zumal ein Adliger, führte einen Dolch mit sich, und mit dem wurde auch das Fleisch geteilt. MUSIK: C1602500 103 (00‘55‘‘) SPRECHER: Ein Prozess vieler kleiner Fortschritte führte zur französischen Grande Cuisine. auch abseits des Pariser Hofes. Auch technische Erfindungen im Rationalismus des 17. Jahrhunderts – etwa Balkenwaage und Thermometer – beförderten die Kochkunst. SPRECHERIN: Schon damals plädierte übrigens Francois Pierre des la Varenne, für eine Küche des "Eigengeschmacks". ZITATOR: Wenn ich eine Kohlsuppe esse, möchte ich, dass sie nach Kohl schmeckt. SPRECHERIN: Sein Buch Der französische Koch erschien bis 1815 in 250.000 Exemplaren. Auch hantierte er bereits mit Nudelholz, Formen, Waffeleisen und kreierte Pậte brisée, Mürbeteig, Beignets, Waffeln, Marzipan, und Baisers, die heute Meringue in Frankreich heißen. MUSIK ENDE SPRECHER: Francois Vatel erfand unter anderem die Crème Chantilly, Schlagsahne. Jahrzehntelang arbeitete er auch in England, kehrte dann nach Frankreich zurück. Aber war er wirklich Koch? In weißer Jacke, weißer Haube, weißer Schürze, wie ein königliches Edikt von 1549 für Köche vorschrieb? O-Ton Jörg Zipprick: Vatel wird überall als Koch vorgestellt. Vatel war aber eher ein königlicher Zeremonienmeister. Also der Koch, man könnte ihn vergleichen mit einem hohen Beamten, der dafür verantwortlich war, die Herrschenden zu amüsieren. SPRECHER: Ein ganzes Heer von Köchen, Lieferanten, Künstlern und Kellnern versorgte Hof und Adelspaläste. Allein für Speis und Trank! SPRECHERIN: Den Champagner soll der Legende nach der Mönch Dom Pérignon erfunden haben. Sein Wort beim ersten Schluck machte die Runde. ZITATOR: Ich trinke Sterne. SPRECHERIN: Freilich, so Jörg Zipprick, hat Louis Pasteur Hefe zur Flaschengärung eigentlich erst 200 Jahre später entdeckt. SPRECHER: Und wer war nun der beste Koch in der Blütezeit der französischen Grande Cuisine? O-Ton Jörg Zipprick: Der erste Spitzenkoch war Carême. Zum einen war er natürlich ein großer Koch. Allein das Wort Carême: Carême ist im Französischen die Fastenzeit. Also passt wie die Faust aufs Auge für einen Koch. Die letzten Worte sind übermittelt, er sagt einem seiner Schüler, dass er doch weiß, wie man die Pfanne schwenken muss, also bis zum letzten Atemzug sozusagen in der Küche. Zum anderen hatte er aber ein Leben gelebt, von dem man heute nicht mehr weiß, was ist nun Wirklichkeit, was ist Legende. MUSIK: M0010474 014 (00‘45‘‘) SPRECHERIN: Zumindest sprach man über ihn: Marie-Antoine Carême verdingte sich als ausgesetztes Kind mit zehn Jahren in einer Pariser Garküche und "kochte sich nach oben". Köche lernten damals, wie auch noch heute, von ihren Lehrern. La Guipière, Chefkoch im Elysée-Palast, förderte sein Talent. Und seine Leidenschaft für italienische Architektur ließ Carême später metergroße Torten kreieren, die aussahen wie Pyramiden, Pagoden, Pavillons, Schlösser und Tempel. Er sagte einmal: ZITATOR: Architektur, deren wichtigster Zweig die Patisserie ist. MUSIK ENDE SPRECHERIN: Heute isst keiner mehr Kreationen mit Blattgold, Malerfarben und zermahlenen Läusen, doch damals staunte ganz Paris. SPRECHER: Seine opulenten Lachsgerichte in einer Bouillon mit Sauternes-Wein und Steinbuttschnitzeln servierte er mit Unmengen von Austern und Krebsschwänzen. Gut für Frankreich! Sein Chef, der französische Außenminister Talleyrand stimmte damit auf dem Wiener Kongress 1814/1815 die politischen Gegner versöhnlich. SPRECHERIN: Gleichwohl musste auch Carème, wie alle anderen weniger bekannten Köche, den "Abgrund an Hitze" in der Küche ertragen, den "Befehlston", die hohen Ansprüche, den immensen Zeitdruck. Alles muss gleichzeitig fertig sein. Mit 40 Jahren tauscht er den Kochlöffel mit der Feder. Seine Kunst der Küche im 19. Jahrhundert beginnt mit einem hohen Lob auf den schlichten Eintopf, Pot au feu … SPRECHER: Nach der Französischen Revolution und dem Aufstieg des Bürgertums im 19. Jahrhundert wurde vorwiegend in Privathaushalten professionell gekocht - und das exzellent. Außerdem kam nun ein ganz neuer Arbeitsmarkt für Köche hinzu: ZITATOR: Ob es mir beim Restaurateur gefallen hat? Wirklich, ja unendlich. Man wird gut serviert, ein wenig teuer, aber zu der Zeit, die man möchte. SPRECHERIN: Bestätigte der Schriftsteller Diderot. Restaurant hieß ursprünglich eine warme Kraftbrühe. Sie sollte Kraft geben, wiederherstellen, lateinisch - restaurare. ZITATOR: Kommt zu mir, ihr, die euer Magen leidet, und ich werde euch restaurieren. SPRECHER: … stand 1762 auf dem Türschild des ersten Restaurants in Paris. Boulanger, der Besitzer, hatte sich etwas Neues ausgedacht. Jörg Zipprick: O-Ton Jörg Zipprick: Die Tavernen boten nur ein Tagesgericht an, das Restaurant hatte eine Speiseauswahl. Eine Speisekarte, auf der verschiedene Gerichte stehen mit einem klaren Preis. Und Monsieur Boulanger hatte die Idee, ich sage schon draußen vor der Tür, was es bei mir gibt, die Leute bekommen das, was sie möchten, und dafür bezahlen sie einen Preis, der vorher ganz klar festgelegt wird. SPRECHERIN: Gab es vor der Revolution 1789 noch wenige hundert Restaurants in Paris, waren es kurz danach schon fünf Mal so viele; und 1834 nach dem Historiker Alain Drouard bereits 3.000. Wer wie in Versailles speisen wollte, ging ins La Grande Taverne de Londres. Da verwöhnte Antoine Beauvilliers mit einer Auswahl von 178 Gerichten. Ente mit weißen Rübchen, gespickte Kalbskeule mit Spinat oder Pasteten von Schnepfen. Die Restaurants wurden ein großer Erfolg, Paris das kulinarische Zentrum der Welt. MUSIK: C1546070 101 (00‘35‘‘) SPRECHER: Ende des 19. Jahrhunderts reisen erste Restauranttester dann auch nach Moskau, Malmö, St. Petersburg, Athen und Palermo. 1903 erschien der Gourmet`s Guide, 1920 der Michelin. Auch in München, sollten Reisende … ZITATOR: …"das Hofbräuhaus besuchen, um ein Bier, wie man es sich besser nicht wünschen könnte, zu genießen". SPRECHERIN: Und in Hamburg wurde nur einem gehuldigt: Franz Pfordte. MUSIK ENDE O-Ton Jörg Zipprick: Das war ein Gigant, der ursprünglich nach Hamburg kommt, der eine Lehre macht, im Wilkings Keller, der dann sein eigenes Restaurant eröffnet, das Restaurant ist anfangs sehr erfolgreich, es ist sehr, sehr positiv besprochen in einem der allerersten Restaurantführer, The Gourmet's Guide To Europe. Und der hat dort zwei Seiten in diesem Restaurantführer als praktisch das beste europäische Restaurant jenseits von Paris. SPRECHERIN: Pfordte machte damals, so attestierten ihm seine Gäste, das neu eröffnete Hotelrestaurant Atlantic zu einem kulinarischen Eldorado mit Silberbesteck, Servietten und Tischdecken aus Damast, außerdem - und das war neu - unterschiedlichen Weingläsern für die besten Weine Deutschlands. Auf den Tellern natürlich: Pfordtes Hamburger Aalsuppe. SPRECHER: Sein Küchenchef, Alfred Walterspiel, organisierte Pfordtes Restaurant wie eine französische Küchenbrigade nach dem Vorbild des französischen Kochs Auguste Escoffier: SPRECHERIN: Streng hierarchisch! An der Spitze kocht "le chef", kreiert, rechnet, stellt Küchenpersonal ein, ermuntert das Team, koordiniert. Alle komplexen Arbeitsvorgänge in der Küche werden "heruntergebrochen" in einzelne Bestandteile. Hier sind "chefs de partie" verantwortlich: einer für Saucen und Fonds, der andere für Fleisch, der dritte für Geflügel, der vierte für Fisch, der Patissier für Süßspeisen und ein Springer ersetzt kranke Kollegen. ZITATOR: Oui, chef! SPRECHER: Alles Männer, doch wo kochten eigentlich die Frauen? Im Frankreich des 19. Jahrhunderts nur in den bürgerlichen Haushalten, und damals, so Zipprick, wurde von Frauen dort sehr gut gekocht, besser als im Durchschnittsrestaurant. Aber gegen sie hatten sich die männlichen Kollegen verschworen. O-Ton Jörg Zipprick: Es gab eine enorme Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, bourgoise Familien konnten verarmen, die Hausköchin war oft unter den ersten Personen, die gehen musste, denn man konnte ja ins Restaurant, und die Männer schlossen sich zu regelrechten Bünden zusammen, das ging so weit, dass es sogar Gesetzesvorschläge gab, den Frauen den Zugang zur Küche zu verbieten. SPRECHERIN: Sie seien nicht kreativ. Dieses Vorurteil, so Jörg Zipprick, hörte er selbst sogar noch vor 10, 15, 20 Jahren. MUSIK: C1042340 002 (00‘40‘‘) SPRECHER: Dabei begründeten die Mütter von Lyon den Ruf der Stadt zum Feinschmeckereldorado, abseits von Paris. Da servierte Mère Guy ihr reichhaltiges Aalragout, Mutter Brigousse ihr Huhn, Mutter Fillioux Trüffelsuppen, und bei Mère Marie kostete Aga Khan regelmäßig ihre warme Pastete. SPRECHERIN: Und dann war da noch Eugénie Brazier. Legendär ihr unter der Haut getrüffeltes Geflügel; die Artischockenböden mit Gänseleber werden heute noch serviert. Paul Bocuse hat bei ihr gelernt. Für Jörg Zipprick ist sie eindeutig die größte Köchin des 20. Jahrhunderts: MUSIK ENDE O-Ton Jörg Zipprick: Eugénie Brazier ist eine Köchin, die ihr Handwerk in einem bourgoisen Haushalt gelernt hat. Und Eugénie Brazier bekommt ein uneheliches Kind. Welch eine Schande zur damaligen Zeit. Und dann muss sie natürlich gehen. Eugénie Brazier eröffnet ein Restaurant, wo sie etwas simplifizierte Gerichte aus diesem bourgoisen Haushalt anbietet, dieses Restaurant wird ein riesiger Erfolg. Und Eugénie Brazier ist die erste Person – nicht nur die erste Frau, die zweimal 3 Sterne im Guide Michelin bekommt, sie hatte zwei Restaurants später, sie wird überall hofiert, es gibt Leute, die sagen, Eugénie Brazier war fast Analphabetin. Aber nichts destotrotz, sie wird dank der Küche zu einer großen Dame. SPRECHER: Inzwischen haben es dank Paul Bocuse Köche und Köchinnen geschafft, ins mediale Bewusstsein zu gelangen. Und bekommen nun endlich die gesellschaftliche Anerkennung, um die sie Jahrhunderte gerungen hatten. SPRECHERIN: Dann wäre ja nur noch eines zu wünschen: SPRECHER: Guten Appetit! SPRECHERIN: Bon appétit!
- Jesus Christus - Ein Held?
24.12.2023 · 22 Min.
Jesus von Nazareth ist vieles: Religionsstifter, Sohn Gottes, Wunderheiler, charismatischer Lehrer, Messias und Erlöser. Aber war er auch ein Held? Dieser Frage nachzugehen lässt ein interessantes Bild von Jesus Christus entstehen. Oder von dem, der aus ihm gemacht wurde. (BR 2022) Autor: Andreas Hauber Credits Autor/in dieser Folge: Andreas Hauber Regie: Irene Schuck Es sprachen: Beate Himmelstoß, Christian Baumann Technik: Helge Schwarz Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Hans Reinhard Seeliger (em. Professor; Düsseldorf); Lukas Gasser (Filmemacher, Autor, Musiker) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Apostel-Geschichte(n) - Vom Beginn des Christentums JETZT ANHÖREN Frauen in geweihten Ämtern der Frühkirche - Priesterin, Diakonin, Bischöfin JETZT ANHÖREN Maria Magdalena - Apostolin der Apostel? JETZT ANHÖREN Die Heldenreise - Typologie einer Erzählung JETZT ANHÖREN Literaturtipps Hyginus, Gaius Julius, Fabulae: Eine Reise durch die wundersame Welt der griechischen Mythologie (Lateinische Klassiker – Zweisprachig) über. v. Lucius Annaeus Senecio, ad fontes Klassikerverlag, 2017. Zilling, Henrike Maria, Jesus als Held – Odysseus und Herakles als Vorbilder christlicher Heldentypologie, Paderborn-München-Wien-Zürich, 2011. Gasser, Luke, Das Jericho Prinzip – Abschied von der Last der Schuld, S. 32-44, Wangen bei Olten, 2019. Dembowski, Hermann, Einführung in die Christologie, Darmstadt 1993 (3. Auflage) Die Bibel – Altes und Neues Testament – Einheitsübersetzung, Freiburg-Basel-Wien 1980. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Der Dackel - Auf kurzen Beinen zur Kultfigur
21.12.2023 · 21 Min.
Dackelartige Hunde gibt es seit dem Mittelalter. Kurzbeinige Hunde wurden zur Jagd in unterirdischen Fuchs- und Dachsbauten eingesetzt. Mutig mussten sie sein und zur Not auch ohne den Jäger klarkommen. (BR 2017) Autorin: Christiane Seiler Credits Autor/in dieser Folge: Christiane Seiler Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Axel Wostry, Irina Wanka, Paul Herwig Technik: Christine Frey Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Cyprienne Geilen, Tierärztin und Züchterin; Arno Blin, Rentner und Jäger Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Mensch und Hund - Eine Erfolgsgeschichte JETZT ANHÖREN Hunde und ihr Geruchssinn - Die Supernasen im Tierreich JETZT ANHÖREN Die Jagd - Von der Trophäenjagd zur Ökojagd JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo Dackelschau MUSIKAKZENT Kleiner Dackel vor dem Laden MUSIK Ein kleiner Hund OT1 Geilen Im süddeutschen Raum heißen sie eher Dackel, im norddeutschen Raum heißen sie eher Teckel, manche sagen auch Dachshunde. Im Ausland sagt man auch eher „Dachshund“ oder dashhound, also nicht badger dog, was man erwarten würde, oder halt basotti auf Italienisch, das ist alles der gleiche Hund … Musik aus Atmo: Tür auf, Dackelgekläff, Atmo weiter unter Sprecherin Sprecherin Wir sind bei einer Zuchtschau des Deutschen Teckel Klubs im Land Brandenburg, südlich von Berlin. Inmitten der rustikalen Scheune am Dorfrand befindet sich ein mit grauem Nadelfilz ausgelegter Führring. Dackelbesitzer heben ihre vierbeinigen Lieblinge behutsam auf einen Tisch, um sie vom Richter und seinem Helfer begutachten zu lassen. Die Dackel sind mal winzig, mal groß, mal haben sie kurzes, mal raues, mal seidig langes Fell. Die Richter schauen in spitze Mäuler, vermessen Rückenlänge und Brustumfang, lassen die Hunde dann wieder zu Boden und im Ring an dünnen Leinen im Kreis marschieren. Am anderen Leinenende einer schwarz-braunen Zwergdackeldame geht stolz und besorgt ein großer junger Mann in grüner Jägerstrickjacke und mit Samurai-Zopf, seine Hündin schmeißt eifrig die Stummelbeinchen, so schnell, dass die Konturen ineinanderfließen. MUSIK Jagdquartett 4. Satz: Allegro assai Sprecher Die Bewegung des Hundes sieht aus wie auf dem berühmten Ölgemälde des italienischen Futuristen Giacomo Balla. "Dinamismo di un cane al guinzaglio", auf deutsch "Bewegungsrhythmus eines Hundes an der Leine" heißt das Werk aus dem Jahre 1912. Zu dieser Zeit versuchen sich viele Künstler an der Darstellung von Bewegung, angeregt durch die neuen Möglichkeiten der Fotografie, die einzelne Bewegungsphasen im Bild festhalten kann. Auf Ballas Bild schwingt die Leine, das Schwänzchen wedelt, die Beine fliegen, die Darstellung erinnert an eine Comiczeichnung. Neben den vom Kleid umwehten Beinen einer möglicherweise älteren Dame in bequemem Schuhwerk, läuft ausgerechnet ein schwarzroter, sehr kleiner kurzhaariger Dackel. Musik aus OT2 Geilen Der Ursprungsdackel … ist ... schwarzrot Kurzhaar tatsächlich. Und der Förster von Daacke hat sich darauf spezialisiert, diese hirschrote Farbe, was man heute halt rot nennt, in diese Zucht zu bringen. Und dann haben sich aus diesem Kurzhaar mit Einzüchtung von Terrier der Rauhaar entwickelt, und mit Einzüchtung von Cockerspanielarten der Langhaar. Und dann wurden die verschiedenen Größenschläge gezüchtet, also immer kleiner, und das hat was mit der Funktion zu tun, die größeren Hunde sind für Dachs- und Fuchsbau, also für Raubwild gedacht, und die kleineren dann Kaninchenteckel und Zwergdackel. ATMO Gekläff Sprecherin Cyprienne Geilen, 30 Jahre alt, ist Tierärztin und züchtet kurzhaarige Zwergteckel. Ob der Name "Dackel" sich von dem erwähnten ersten Dackelzüchter namens von Daacke herleite, sei heute nicht mehr zu klären, meint sie. Atmo aus Das Grimmsche Wörterbuch, dessen den Dackel betreffender Band Mitte des 19. Jahrhunderts erschien, kennt noch keinen "Dackel", allerdings findet sich dort der "Dachshund". Auch in Adelungs "Grammatisch Kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart" von 1793 gibt es den Eintrag: ATMO Dachshund Zitat Adelung Der Dachshund, des Dachshundes, Plural: Die Dachshunde; eine Art kleiner starker Hunde, mit einem langen, schmalen Leibe und kurzen, eingebogenen Füßen, welche zur Dachsjagd gebraucht werden, dieses Tier in seinem Baue aufzusuchen. Atmo aus MUSIK Back on the Bounce Sprecherin Als 1888 der Deutsche Teckel-Klub gegründet wurde, gab es also bereits Dackel, aber erst jetzt wurde einheitlicher, auch heute noch fast weltweit gültiger, Rassestandard festgelegt. Der Dackel ist also ursprünglich ein durch und durch deutscher Hund. Und nach diesem Rassestandard wird das einzelne Exemplar bei einer solchen Zuchtschau beurteilt: Musik aus Atmo Dackelschau OT3 Geilen Da wird auf die Gesundheit des Hundes geachtet, es wird kontrolliert, ob das Gebiss in Ordnung ist, ob die Zähne in der richtigen Anzahl vorhanden sind, das zeigt schnell, wenn genetisch was nicht in Ordnung ist. … Dann wird geschaut, was beim Dackel sehr wichtig ist, nach der Rute, ob alle Wirbel gegeneinander beweglich sind, weil der Dackel mit seinem Körperbau auch ein bisschen anfällig isst, was die Wirbelsäule angeht, ... Dann wird die Anatomie bewertet, auch der Geschlechtstyp, ob man gleich sieht, dass es sich um einen Rüden oder ne Hündin handelt, dann wird ... der Kopf bewertet, die Augen sollten mandelförmig beim Teckel sein, die Ohren sollten anliegen auf Höhe der Augen, (( nicht zu hoch nicht zu niedrig angesetzt sein, … das hat auch alles ne Funktion, also die langen Ohren beim Deckel sind dazu da, dass z.B. unter der Erde die Ohren geschützt sind und keine Erde in die Ohren fallen kann.)) Dann sollte der Deckel einen mittellangen, starken Hals haben, der in einen guten Widerrist übergeht und ((dann ist genau vorgeschrieben, wie die Schulterwinkelung sein sollte, wie die Hinterhandwinklung sein sollte, dass die Vorderpfoten parallel sind, …)) Früher war es so, der typische Dackel hatte diese fürchterlich ausdrehenden Beine, die aussahen wie Rokokostühle oder Chippendale Möbel, das ist nicht gewünscht, der Teckel soll ne parallele Vorhand haben, weil sonst die Arthrose im Alter nicht weit ist. Atmo aus Sprecher Ein Dackel soll also keine krummen, sondern kurze Beine haben. Kurzbeinige Jagdhunde gab es schon im Mittelalter, was auf zeitgenössischen Darstellungen gut belegt ist. "Niederläufig" nennt sie die Fachsprache. Diese Kurzbeinigkeit beruht auf einer Genmutation, die zu der sogenannten Chondrodysplasie führt und auch bei Menschen auftritt. Bei Hunden wurde diese Form der Kleinwüchsigkeit schon vor Jahrhunderten züchterisch genutzt. Atmo Dackelschau OT4 Geilen Es gibt zwei unterschiedliche Formen von Zwergwuchs, so kann man es eigentlich gut erklären. Es gibt den proportionalen und den nichtproportionalen Zwergwuchs. Proportional heißt, die Tiere sind einfach nur kleiner, aber das Verhältnis aller Gliedmaßen bleibt. Z.B haben wir diesen Zwergwuchs beim Chihuahua oder beim Zwergpinscher, der sieht eigentlich aus wie so ein Bonsai-Dobermann, sage ich jetzt mal. Ja, der Teckel ist ja zwar klein, aber unheimlich knochenstark. Und diese Knochenstärke rührt daher, dass die Knochen sich nur verkürzen, die werden so ein bisschen schaufelförmig und haben aber die gleiche Stärke wie von einem großen Hund. Atmo aus Sprecherin Die Verkürzung der Knochen betrifft also nur die Gliedmaßen, während der Leib des Hundes normal groß bleibt. Nicht nur Dackel haben kurze Beine, es gibt noch andere Rassen mit diesem Merkmal. Man denke nur an den aus dem Disneyfilm "Aristocats" bekannten Basset namens Lafayette oder die bei der englischen Queen besonders beliebten "Welsh Corgies". Englische Basset Hounds sind wesentlich massiger als Dackel und dienten in einer Meute als Jagdhunde, Welsh Corgies gehören zur Gruppe der Hütehunde. ATMO Jagdhunde Sprecher Kurzbeinigkeit vererbt sich dominant und führt, jetzt wieder im Fall des Dackels, zu kräftigen, aber niedrigen Hunden mit schmalem Brustkorb, die in früheren Zeiten äußerst nützlich für die sogenannte Baujagd waren. Deshalb gelten Dackel, ähnlich wie manche Terrierrassen, als Erdhunde. Die Vierbeiner sollten in die engen Röhren der Fuchs- oder Dachsbaue eindringen, sich unter der Erde an die Verfolgung der Bewohner machen, den Dachs oder Fuchs stellen und so laut bellen, dass man ihn draußen hören und orten konnte. Daraufhin gruben die Jäger an der richtigen Stelle, befreiten den Dackel und erschossen Dachs oder Fuchs. Sprecherin Die Jagdliteratur des 19. Jahrhunderts geizt nicht mit der Beschreibung heroischer Szenen bei der Konfrontation eines Dackels mit einem Dachs. MUSIK Luminosity (privat) ATMO Jagd und Dackelgeheul Das folgende Zitat stammt aus dem Buch "Niederjagd" des fränkischen Försters und Jägers Karl Emil Dietzel. Mehrere Jäger umstehen einen Dachsbau, im dem bereits ein Hund namens "Bergmann" unterwegs ist. Sie haben begonnen, Dackel und Dachs auszugraben und lauschen bang auf einen Laut des Hundes. Zitat Dietzel Da hört man auf einmal ganz deutlich und näher, als man zu hoffen gewagt, den tapferen "Bergmann". Und triumphierend, ja, fast die Furcht der Zweifler ein wenig verhöhnend, blickt der Jäger um sich und kann es sich nicht versagen, unter die Befehle, die er erteilt, Worte des Lobes für seinen Hund zu mischen. … Immer deutlicher wird "Bergmann" gehört, und öftere Schmerzenslaute des Angreifers lassen schließen, dass der Kampf sehr heiß sei. Kann auch der Jäger in diesem Augenblick keine tätige Hilfe leisten, so ist er doch bemüht, durch Zuruf den Gegner seines Schützlings zu schrecken und den Mut des Hundes aufs Höchste anzuspornen. Sprecherin Diese Baujagd war also gefährlich für den Hund, denn gerade Dachse sind wehrhafte Tiere, die den sie verfolgenden Dackel sogar eingraben können, in der Jägersprache heißt es "verklüften", sodass der Hund sich nicht aus eigener Kraft befreien kann. Ein Dackel muss im Dachsbau sehr selbstständig handeln und Entscheidungen treffen, Herrchen oder Frauchen können ihm nicht beistehen. Daher rühren auch heute noch die berühmte Eigensinnigkeit und das Selbstbewusstsein des Dackels. Musik aus Sprecher Die Baujagd wird in Deutschland praktisch nicht mehr betrieben. Aber immer noch gilt der Dackel als Jagdhund und wird nach wie vor auf seine Jagdtauglichkeit hin gezüchtet. So auch Antek. Atmo: Antek quietscht Sprecher … dieser schwarz-braune normalgroße Rauhaardackel mit dem hellen Bart. Sprecherin Er hat die Besucherin freudig schwanzwedelnd begrüßt und sitzt jetzt neben seinem Besitzer Arno Blin auf dem Ledersofa. Der Rentner ist Jäger und ehemaliger Dorfschullehrer in der Niederlausitz. Antek ist sein vierter Dackel und jetzt acht Jahre alt. OT5 Blin Als Jagdhund würden ihn viele ablehnen, weil er keine Schärfe hat … er geht ja immer hin und freut sich und macht, aber dafür wo ich ihn brauche, nachsuchen, das macht er. Hier werden ja häufig Schweine gejagt, und wir sagen der Hund, wenn er nachsuchen soll, wird am Anschuss angesetzt. Der Anschuss ist die Stelle, wo das Wild beschossen wurde und im Normalfall ist auch irgendwas zu sehen, entweder Schweiß, also Blutspritzer, oder Haare von der Schwarte … Dann findet er mit seiner Nase raus, wo das kranke Stück hin ist, das kriegt er mit und er findet das auch … Er bellt nur, er gibt nur Laut am lebenden Stück. Am toten nicht. Aber ich lasse ihn suchen, und dann rufe ich ihn zurück, und wenn er zurückkommt, mache ich ihn an die Leine, und dann führt er uns hin. Sprecherin Antek hat nie einen Dachs- oder Fuchsbau von innen gesehen. Dafür fehlt ihm die Schärfe, sagt Herr Blin, sprich, Antek ist kein Angreifer und legt keinen Wert auf gefährliche Zweikämpfe. Aber er hat eine sehr gute Spürnase. Generell sind Dackel für alle Aufgaben gut zu brauchen, bei denen ein feiner Geruchssinn nötig ist, meint die Züchterin Cyprienne Geilen: OT6 Geilen Der Dackel ist ein ein spurlauter Jäger, das heißt, das, was man dem Dackel nachsagt, dass er sehr gerne bellt, das ist auch gewünscht. … er sieht nichts, er riecht es, und er gibt daraufhin Laut. Und dann weiß der Jäger, aha, er hat eine Spur. … Das ist ein ganz spezieller Laut, also die Jäger sagen dazu „Jiffen“, das unterscheidet sich vom Bellen. Man merkt ob der Hund auf ner Fährte oder ner Spur ist, oder ob er einfach so bellt. Sprecher Nur eine Minderheit aller Dackel ist aktuell noch als Jagdhund im Einsatz, die meisten leben, wie ihre Besitzer, in Großstädten und viele in Etagenwohnungen. Deshalb suchen Hundefreunde nach neuen Herausforderungen für ihren Vierbeiner. Schlägt man einen modernen Dackel-Ratgeber gleich welchen Verlages auf, finden sich vielfältige Tipps, wie man seinem Dackel zu einem abwechslungsreichen Leben verhelfen kann. Der Deutsche Teckel Klub bietet eine Begleithundeausbildung mit anschließender Prüfung an, ferner gibt es Hindernisläufe, Dog Dancing, sowie Denk- und Geschicklichkeitsspiele. Was empfiehlt die Züchterin Cyprienne Geilen? OT7 Geilen An Tagen, wo der Besitzer nicht so viel Zeit hat, ist der Teckel auch ein ganz ruhiger Hausgenosse, aber natürlich muss man ihm viel Auslastung anbieten. ((Im Wald, oder mit Spiel oder mit viel Kopfarbeit, ich sage mal, er verträgt sehr viel,)) ich kann drei Stunden mit meinen Hunden laufen, da sind die kein Stück müde. Aber … wenn mal ein Tag dabei ist, wo es nur die Runde um den Block ist, verträgt es der Deckel auch, aber er möchte am Wochenende durch den Grunewald oder irgendwo anders durch den Wald und mal ein zwei Stunden ausgelastet sein. MUSIK Cloak and Dagger ATMO Hundelaufen Sprecherin Abgeraten wird von allen Aktivitäten, bei denen der Dackel hochspringen oder sich lange auf den Hinterbeinen aufrichten muss. Denn weil diese Hunderasse einen verhältnismäßig langen Rücken hat, sollte alles vermieden werden, was zu Wirbelsäulenschäden führen kann. Auch Treppensteigen bekommt dem Dackel nicht gut. Deshalb sollte man ihn besser tragen, auf dem Arm oder in einer Tasche. Und auch zu dick sollte er nicht werden – kein Dackel sollte aussehen wie eine dralle Wurst auf Beinen. Musik aus Atmo aus Dieses leider allzu verbreitete Übergewicht hat ihm übrigens im Englischen den Spottnamen "sausage dog" eingetragen. Im schlimmsten Fall kann es durch einen Bandscheibenvorfall zur sogenannten Dackellähme kommen. An dieser Krankheit, die übrigens nicht nur Dackel, sondern auch Pekinesen und Zwergpudel befällt, litt auch "Lump", wohl einer der berühmtesten Dackel der Welt. Sprecher Lump, ein hirschroter Kurzhaardackel, kam 1956 in Stuttgart zur Welt. Dort erwarb ihn der amerikanische Fotograf David Douglas Duncan, der vor allem als Kriegsfotograf berühmt wurde. Lump sollte seiner Afghanen-Hündin Gesellschaft leisten, aber die beiden vertrugen sich ganz und gar nicht. Ein Jahr später nahm Duncan den Dackel mit auf Besuch zu seinem Freund Pablo Picasso nach Südfrankreich. Der Maler lebte in dem verwunschenen Landsitz "La Californie" mit seiner Frau Jaqueline, einer Ziege, einem Boxerhund und mehreren Vögeln. Bei Lumps Ankunft dort geschah etwas Erstaunliches. Auf der Stelle entschied der Hund, so beschreibt es jedenfalls Duncan in seinem Buch "Picasso und Lump", dass er bei Picasso einziehen wollte, und der Maler verliebte sich in den kurzbeinigen, lustigen Dackel. David Douglas Duncan hat das Zusammenleben der beiden auf vielen Fotos dokumentiert. Lump saß auf Picassos Schoß, leckte seinen Teller ab, warf ihm ein Steinchen vor die Füße und animierte ihn zum Spiel, sah ihm stundenlang beim Malen zu. Und Picasso verewigte den Dackel auf Zeichnungen und Gemälden. Sechs Jahre lang lebte Lump in dem geheimnisvollen und chaotischen Haushalt, liebte Jaqueline, verehrte Picasso, durchstreifte jeden Winkel von La Californie und habe, so schreibt Duncan, nie das Wort "Nein" gehört. Sprecherin Lump war offenbar die Freundlichkeit auf vier Beinen, von seiner Erziehung ist bei Duncan nicht die Rede, möglicherweise hat sie einfach nicht stattgefunden. Arno Blins Antek hingegen ist wohlerzogen und lässt sich genüsslich von den Besuchern kraulen. Als Dorfschullehrer, der neben der Schule lebte, brauchte Herr Blin einen menschenfreundlichen Hund. Man solle die Dackel nur ihr Leben lang gut behandeln, meint er: OT8 Blin Man muss mit den Hunden Geduld haben, man muss im Laufe der Jahre auch so ich würde mal sagen, einen gewissen Hundeverstand entwickeln. Ein Problem bei den Hunden ist unbedingt, dass sich Mensch und Hund nicht verstehen, und wenn dann der Zweibeiner ungeduldig wird und den Hund anbrüllt oder ihn gar bestraft, dann wird der Hund kopfscheu, und weiß nicht, was er machen soll. Sprecherin Picassos Lump jedenfalls war alles andere als scheu. Wann der Kontakt zwischen Herr und Hund abriss, ist nicht überliefert. Der Hund starb im Frühjahr 1973, zehn Tage vor Picasso, allerdings lebten die beiden damals schon lange nicht mehr unter einem Dach. David Duncan hatte den Dackel bei einem späteren Besuch vermisst und die Antwort erhalten, er befinde sich zurzeit in der Obhut eines Tierarztes; Lump sei erkrankt, er könne seine Hinterbeine nicht mehr bewegen. Der französische Tierarzt hatte ihn aufgegeben, irreversible Lähmung lautete die niederschmetternde Diagnose. Der Fotograf wollte sich damit nicht abfinden und brachte Lump zu einem Spezialisten in Stuttgart, der den Dackel rettete. Fortan sei er zwar gelaufen "wie ein betrunkener Matrose", berichtet Duncan, habe sich aber noch zehn weitere Jahre seines Lebens gefreut und starb mit 17 Jahren. Dackel können sehr alt werden. Sprecher Lump ist nicht der einzige Dackel, der mit einer Berühmtheit unter einem Dach lebte und lebt. Die Liste ist lang, angefangen mit Napoleon Bonaparte, der gleich mehrere dieser Hunde besaß, mit denen er auf verschiedenen Gemälden verewigt wurde. "Napoleon" ist in Frankreich ein sehr beliebter Dackelname, dort heißt die Rasse übrigens "teckel". Auch Kaiser Wilhelm, Andy Warhol und John Wayne waren Dackelnarren, heute schmückt sich die Sängerin Adèle mit einem hirschroten kurzhaarigen "dachshund". Besonders populär sind Dackel in Japan, dort schätzt man vor allem die langhaarigen. Zur Fußballweltmeisterschaft 2006 war es einigen deutschen Zeitungen eine Meldung wert, dass der Langhaardackel "Erwin Rommel", Maskottchen der japanischen Nationalelf, keinen Zutritt zu den Spielen hatte. Allerdings nicht wegen seines bizarren Namens, sondern wegen eines allgemeinen Tierverbots in den Stadien. Sprecherin Schon bei den Olympischen Sommerspielen in München 1972 gab es ein, allerdings nicht lebendiges, Dackel-Maskottchen namens "Waldi". Als hellgrün, gelb und rosa gestreiftes Stofftier war er das erste offizielle olympische Merchandising-Produkt. Auf der Website des Olympischen Komitees wird dazu angemerkt, man habe ihn ausgewählt, weil es sich dabei um einen besonders bayrischen und bodenständigen Hund handele. Zur selben Zeit nickten in bundesdeutschen Autos zig-tausende "Wackeldackel" mit den Köpfen, vorzugsweise auf der Hutablage eines Ford Taunus, neben einer in Zylinderform bunt umhäkelten Toilettenpapierrolle. Sprecher 2007 wurde über das Aussterben der Dackel orakelt, weil immer weniger Welpen geboren wurden. Davon kann heute keine Rede mehr sein. ATMO Cafè Im Berliner Szenebezirk Neukölln gibt es sogar eine Teckelbar. Der Dackel ist, wie andere Hunderassen auch, der Mode unterworfen. War in den siebziger Jahren eher der Langhaardackel beliebt, so erlebt heute der Kurzhaardackel ein Comeback. Züchterin Cyprienne Geilen sieht das mit gemischten Gefühlen. Sein Image als Alte-Damen- und Jägerhund allerdings sei der Dackel endgültig losgeworden: OT9 Geilen Wenn man auf Ausstellungen geht, das sind dann oft so Schickimicki Leute, da sind auch viele homosexuelle Paare, die Hunde züchten, auch wirklich sehr viele, muss man sagen, … Dann gibt es den typischen Jäger, der gerne sich zum Schnitzelessen verabredet und danach ne Runde durch den Wald dreht, mit seinem Hund, ähm, da gibts ganz junge Leute, da gibts ganz alte Leute, die seit 100 Jahren Dackel haben, und irgendwie schon den zehnten und immer noch dran hängen und wahrscheinlich das weitergegeben haben in ihrer Familie, also da gibt es ganz unterschiedliche Leute, da gibts wirklich nichts, was es nicht gibt, … Also mein Bruder läuft mit dem Dackel durch Moabit und trägt den typischen Urban-Samurai Haarschnitt, der trägt immer seinen Hund in der Tasche durch die Gegend da, … ATMO Jagd Wald Sprecherin Tatsächlich hat ein Dackel ein praktisches Format, man kann ihn auf dem Arm tragen und, wie Cyprienne Geilens Bruder, in einer Tasche durch die Großstadt transportieren. Oder man steckt ihn in einen warm gefütterten Dackelsack, am besten sogar zusammen mit anderen Artgenossen. So halten es auch die Jäger, wenn sie ihren kleinen Begleitern im Wald eine Pause gönnen wollen. Im Dackelsack fühlt der Dackel sich wohl, denn er wurde ja ursprünglich als Erdhund für die Baujagd gezüchtet. Also hat er keine Angst vor der Dunkelheit. Atmo aus