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RadiowissenBayerischer Rundfunk

Der Dackel - Auf kurzen Beinen zur Kultfigur

21.12.2023 · 21 Min.

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Über diese Folge

Dackelartige Hunde gibt es seit dem Mittelalter. Kurzbeinige Hunde wurden zur Jagd in unterirdischen Fuchs- und Dachsbauten eingesetzt. Mutig mussten sie sein und zur Not auch ohne den Jäger klarkommen. (BR 2017) Autorin: Christiane Seiler

Credits
Autor/in dieser Folge: Christiane Seiler
Regie: Eva Demmelhuber
Es sprachen: Axel Wostry, Irina Wanka, Paul Herwig
Technik: Christine Frey
Redaktion: Bernhard Kastner

Im Interview:
Cyprienne Geilen, Tierärztin und Züchterin;
Arno Blin, Rentner und Jäger 

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

Atmo Dackelschau 

MUSIKAKZENT   Kleiner Dackel vor dem Laden

MUSIK  Ein kleiner Hund

OT1 Geilen

Im süddeutschen Raum heißen sie eher Dackel, im norddeutschen Raum heißen sie eher Teckel, manche sagen auch Dachshunde. Im Ausland sagt man auch eher „Dachshund“ oder dashhound, also nicht badger dog, was man erwarten würde, oder halt basotti auf Italienisch, das ist alles der gleiche Hund …

Musik aus

Atmo: Tür auf, Dackelgekläff, Atmo weiter unter Sprecherin

Sprecherin

Wir sind bei einer Zuchtschau des Deutschen Teckel Klubs im Land Brandenburg, südlich von Berlin. Inmitten der rustikalen Scheune am Dorfrand befindet sich ein mit grauem Nadelfilz ausgelegter Führring. Dackelbesitzer heben ihre vierbeinigen Lieblinge behutsam auf einen Tisch, um sie vom Richter und seinem Helfer begutachten zu lassen. Die Dackel sind mal winzig, mal groß, mal haben sie kurzes, mal raues, mal seidig langes Fell. Die Richter schauen in spitze Mäuler, vermessen Rückenlänge und Brustumfang, lassen die Hunde dann wieder zu Boden und im Ring an dünnen Leinen im Kreis marschieren. Am anderen Leinenende einer schwarz-braunen Zwergdackeldame geht stolz und besorgt ein großer junger Mann in grüner Jägerstrickjacke und mit Samurai-Zopf, seine Hündin schmeißt eifrig die Stummelbeinchen, so schnell, dass die Konturen ineinanderfließen. 

MUSIK Jagdquartett  4. Satz: Allegro assai

Sprecher

Die Bewegung des Hundes sieht aus wie auf dem berühmten Ölgemälde des italienischen Futuristen Giacomo Balla. "Dinamismo di un cane al guinzaglio", auf deutsch "Bewegungsrhythmus eines Hundes an der Leine" heißt das Werk aus dem Jahre 1912. Zu dieser Zeit versuchen sich viele Künstler an der Darstellung von Bewegung, angeregt durch die neuen Möglichkeiten der Fotografie, die einzelne Bewegungsphasen im Bild festhalten kann. 

Auf Ballas Bild schwingt die Leine, das Schwänzchen wedelt, die Beine fliegen, die Darstellung erinnert an eine Comiczeichnung. 

Neben den vom Kleid umwehten Beinen einer möglicherweise älteren Dame in bequemem Schuhwerk, läuft ausgerechnet ein schwarzroter, sehr kleiner kurzhaariger Dackel. 

Musik aus

OT2 Geilen

Der Ursprungsdackel … ist ... schwarzrot Kurzhaar tatsächlich. Und der Förster von Daacke hat sich darauf spezialisiert, diese hirschrote Farbe, was man heute halt rot nennt, in diese Zucht zu bringen. Und dann haben sich aus diesem Kurzhaar mit Einzüchtung von Terrier der Rauhaar entwickelt, und mit Einzüchtung von Cockerspanielarten der Langhaar. Und dann wurden die verschiedenen Größenschläge gezüchtet, also immer kleiner, und das hat was mit der Funktion zu tun, die größeren Hunde sind für Dachs- und Fuchsbau, also für Raubwild gedacht, und die kleineren dann Kaninchenteckel und Zwergdackel. 

ATMO Gekläff

Sprecherin

Cyprienne Geilen, 30 Jahre alt, ist Tierärztin und züchtet kurzhaarige Zwergteckel. Ob der Name "Dackel" sich von dem erwähnten ersten Dackelzüchter namens von Daacke herleite, sei heute nicht mehr zu klären, meint sie. 

Atmo aus

Das Grimmsche Wörterbuch, dessen den Dackel betreffender Band Mitte des 19. Jahrhunderts erschien, kennt noch keinen "Dackel", allerdings findet sich dort der "Dachshund". Auch in Adelungs "Grammatisch Kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart" von 1793 gibt es den Eintrag:

ATMO Dachshund

Zitat Adelung

Der Dachshund, des Dachshundes, Plural: Die Dachshunde; eine Art kleiner starker Hunde, mit einem langen, schmalen Leibe und kurzen, eingebogenen Füßen, welche zur Dachsjagd gebraucht werden, dieses Tier in seinem Baue aufzusuchen.

Atmo aus

MUSIK      Back on the Bounce

Sprecherin

Als 1888 der Deutsche Teckel-Klub gegründet wurde, gab es also bereits Dackel, aber erst jetzt wurde einheitlicher, auch heute noch fast weltweit gültiger, Rassestandard festgelegt. Der Dackel ist also ursprünglich ein durch und durch deutscher Hund. Und nach diesem Rassestandard wird das einzelne Exemplar bei einer solchen Zuchtschau beurteilt: 

Musik aus

Atmo Dackelschau

OT3 Geilen

Da wird auf die Gesundheit des Hundes geachtet, es wird kontrolliert, ob das Gebiss in Ordnung ist, ob die Zähne in der richtigen Anzahl vorhanden sind, das zeigt schnell, wenn genetisch was nicht in Ordnung ist. … Dann wird geschaut, was beim Dackel sehr wichtig ist, nach der Rute, ob alle Wirbel gegeneinander beweglich sind, weil der Dackel mit seinem Körperbau auch ein bisschen anfällig isst, was die Wirbelsäule angeht, ... Dann wird die Anatomie bewertet, auch der Geschlechtstyp, ob man gleich sieht, dass es sich um einen Rüden oder ne Hündin handelt, dann wird ... der Kopf bewertet, die Augen sollten mandelförmig beim Teckel sein, die Ohren sollten anliegen auf Höhe der Augen, (( nicht zu hoch nicht zu niedrig angesetzt sein, … das hat auch alles ne Funktion, also die langen Ohren beim Deckel sind dazu da, dass z.B. unter der Erde die Ohren geschützt sind und keine Erde in die Ohren fallen kann.)) Dann sollte der Deckel einen mittellangen, starken Hals haben, der in einen guten Widerrist übergeht und ((dann ist genau vorgeschrieben, wie die Schulterwinkelung sein sollte, wie die Hinterhandwinklung sein sollte, dass die Vorderpfoten parallel sind, …)) Früher war es so, der typische Dackel hatte diese fürchterlich ausdrehenden Beine, die aussahen wie Rokokostühle oder Chippendale Möbel, das ist nicht gewünscht, der Teckel soll ne parallele Vorhand haben, weil sonst die Arthrose im Alter nicht weit ist.

Atmo aus

Sprecher

Ein Dackel soll also keine krummen, sondern kurze Beine haben. Kurzbeinige Jagdhunde gab es schon im Mittelalter, was auf zeitgenössischen Darstellungen gut belegt ist. "Niederläufig" nennt sie die Fachsprache. Diese Kurzbeinigkeit beruht auf einer Genmutation, die zu der sogenannten Chondrodysplasie führt und auch bei Menschen auftritt. Bei Hunden wurde diese Form der Kleinwüchsigkeit schon vor Jahrhunderten züchterisch genutzt.

Atmo Dackelschau

OT4 Geilen

Es gibt zwei unterschiedliche Formen von Zwergwuchs, so kann man es eigentlich gut erklären. Es gibt den proportionalen und den nichtproportionalen Zwergwuchs. Proportional heißt, die Tiere sind einfach nur kleiner, aber das Verhältnis aller Gliedmaßen bleibt. Z.B haben wir diesen Zwergwuchs beim Chihuahua oder beim Zwergpinscher, der sieht eigentlich aus wie so ein Bonsai-Dobermann, sage ich jetzt mal. Ja, der Teckel ist ja zwar klein, aber unheimlich knochenstark. Und diese Knochenstärke rührt daher, dass die Knochen sich nur verkürzen, die werden so ein bisschen schaufelförmig und haben aber die gleiche Stärke wie von einem großen Hund. 

Atmo aus

Sprecherin

Die Verkürzung der Knochen betrifft also nur die Gliedmaßen, während der Leib des Hundes normal groß bleibt. Nicht nur Dackel haben kurze Beine, es gibt noch andere Rassen mit diesem Merkmal. Man denke nur an den aus dem Disneyfilm "Aristocats" bekannten Basset namens Lafayette oder die bei der englischen Queen besonders beliebten "Welsh Corgies". Englische Basset Hounds sind wesentlich massiger als Dackel und dienten in einer Meute als Jagdhunde, Welsh Corgies gehören zur Gruppe der Hütehunde.

ATMO Jagdhunde

Sprecher

Kurzbeinigkeit vererbt sich dominant und führt, jetzt wieder im Fall des Dackels, zu kräftigen, aber niedrigen Hunden mit schmalem Brustkorb, die in früheren Zeiten äußerst nützlich für die sogenannte Baujagd waren. Deshalb gelten Dackel, ähnlich wie manche Terrierrassen, als Erdhunde. Die Vierbeiner sollten in die engen Röhren der Fuchs- oder Dachsbaue eindringen, sich unter der Erde an die Verfolgung der Bewohner machen, den Dachs oder Fuchs stellen und so laut bellen, dass man ihn draußen hören und orten konnte. Daraufhin gruben die Jäger an der richtigen Stelle, befreiten den Dackel und erschossen Dachs oder Fuchs. 

Sprecherin

Die Jagdliteratur des 19. Jahrhunderts geizt nicht mit der Beschreibung heroischer Szenen bei der Konfrontation eines Dackels mit einem Dachs. 

MUSIK    Luminosity (privat)

ATMO Jagd und Dackelgeheul

Das folgende Zitat stammt aus dem Buch "Niederjagd" des fränkischen Försters und Jägers Karl Emil Dietzel. Mehrere Jäger umstehen einen Dachsbau, im dem bereits ein Hund namens "Bergmann" unterwegs ist. Sie haben begonnen, Dackel und Dachs auszugraben und lauschen bang auf einen Laut des Hundes.

Zitat Dietzel

Da hört man auf einmal ganz deutlich und näher, als man zu hoffen gewagt, den tapferen "Bergmann". Und triumphierend, ja, fast die Furcht der Zweifler ein wenig verhöhnend, blickt der Jäger um sich und kann es sich nicht versagen, unter die Befehle, die er erteilt, Worte des Lobes für seinen Hund zu mischen. … Immer deutlicher wird "Bergmann" gehört, und öftere Schmerzenslaute des Angreifers lassen schließen, dass der Kampf sehr heiß sei. Kann auch der Jäger in diesem Augenblick keine tätige Hilfe leisten, so ist er doch bemüht, durch Zuruf den Gegner seines Schützlings zu schrecken und den Mut des Hundes aufs Höchste anzuspornen.

Sprecherin

Diese Baujagd war also gefährlich für den Hund, denn gerade Dachse sind wehrhafte Tiere, die den sie verfolgenden Dackel sogar eingraben können, in der Jägersprache heißt es "verklüften", sodass der Hund sich nicht aus eigener Kraft befreien kann. Ein Dackel muss im Dachsbau sehr selbstständig handeln und Entscheidungen treffen, Herrchen oder Frauchen können ihm nicht beistehen. Daher rühren auch heute noch die berühmte Eigensinnigkeit und das Selbstbewusstsein des Dackels. 

Musik aus

Sprecher

Die Baujagd wird in Deutschland praktisch nicht mehr betrieben. Aber immer noch gilt der Dackel als Jagdhund und wird nach wie vor auf seine Jagdtauglichkeit hin gezüchtet. So auch Antek.

Atmo: Antek quietscht

Sprecher

… dieser schwarz-braune normalgroße Rauhaardackel mit dem hellen Bart. 

Sprecherin

Er hat die Besucherin freudig schwanzwedelnd begrüßt und sitzt jetzt neben seinem Besitzer Arno Blin auf dem Ledersofa. Der Rentner ist Jäger und ehemaliger Dorfschullehrer in der Niederlausitz. Antek ist sein vierter Dackel und jetzt acht Jahre alt.

OT5 Blin

Als Jagdhund würden ihn viele ablehnen, weil er keine Schärfe hat … er geht ja immer hin und freut sich und macht, aber dafür wo ich ihn brauche, nachsuchen, das macht er. Hier werden ja häufig Schweine gejagt, und wir sagen der Hund, wenn er nachsuchen soll, wird am Anschuss angesetzt. Der Anschuss ist die Stelle, wo das Wild beschossen wurde und im Normalfall ist auch irgendwas zu sehen, entweder Schweiß, also Blutspritzer, oder Haare von der Schwarte … Dann findet er mit seiner Nase raus, wo das kranke Stück hin ist, das kriegt er mit und er findet das auch … Er bellt nur, er gibt nur Laut am lebenden Stück. Am toten nicht. Aber ich lasse ihn suchen, und dann rufe ich ihn zurück, und wenn er zurückkommt, mache ich ihn an die Leine, und dann führt er uns hin.

Sprecherin

Antek hat nie einen Dachs- oder Fuchsbau von innen gesehen. Dafür fehlt ihm die Schärfe, sagt Herr Blin, sprich, Antek ist kein Angreifer und legt keinen Wert auf gefährliche Zweikämpfe. Aber er hat eine sehr gute Spürnase. Generell sind Dackel für alle Aufgaben gut zu brauchen, bei denen ein feiner Geruchssinn nötig ist, meint die Züchterin Cyprienne Geilen:

OT6 Geilen

Der Dackel ist ein ein spurlauter Jäger, das heißt, das, was man dem Dackel nachsagt, dass er sehr gerne bellt, das ist auch gewünscht. … er sieht nichts, er riecht es, und er gibt daraufhin Laut. Und dann weiß der Jäger, aha, er hat eine Spur. … Das ist ein ganz spezieller Laut, also die Jäger sagen dazu „Jiffen“, das unterscheidet sich vom Bellen. Man merkt ob der Hund auf ner Fährte oder ner Spur ist, oder ob er einfach so bellt. 

Sprecher

Nur eine Minderheit aller Dackel ist aktuell noch als Jagdhund im Einsatz, die meisten leben, wie ihre Besitzer, in Großstädten und viele in Etagenwohnungen. Deshalb suchen Hundefreunde nach neuen Herausforderungen für ihren Vierbeiner. 

Schlägt man einen modernen Dackel-Ratgeber gleich welchen Verlages auf, finden sich vielfältige Tipps, wie man seinem Dackel zu einem abwechslungsreichen Leben verhelfen kann. 

Der Deutsche Teckel Klub bietet eine Begleithundeausbildung mit anschließender Prüfung an, ferner gibt es Hindernisläufe, Dog Dancing, sowie Denk- und Geschicklichkeitsspiele. Was empfiehlt die Züchterin Cyprienne Geilen?

OT7 Geilen

An Tagen, wo der Besitzer nicht so viel Zeit hat, ist der Teckel auch ein ganz ruhiger Hausgenosse, aber natürlich muss man ihm viel Auslastung anbieten. ((Im Wald, oder mit Spiel oder mit viel Kopfarbeit, ich sage mal, er verträgt sehr viel,)) ich kann drei Stunden mit meinen Hunden laufen, da sind die kein Stück müde. Aber … wenn mal ein Tag dabei ist, wo es nur die Runde um den Block ist, verträgt es der Deckel auch, aber er möchte am Wochenende durch den Grunewald oder irgendwo anders durch den Wald und mal ein zwei Stunden ausgelastet sein.

MUSIK   Cloak  and Dagger

ATMO Hundelaufen

Sprecherin

Abgeraten wird von allen Aktivitäten, bei denen der Dackel hochspringen oder sich lange auf den Hinterbeinen aufrichten muss. Denn weil diese Hunderasse einen verhältnismäßig langen Rücken hat, sollte alles vermieden werden, was zu Wirbelsäulenschäden führen kann. Auch Treppensteigen bekommt dem Dackel nicht gut. Deshalb sollte man ihn besser tragen, auf dem Arm oder in einer Tasche. Und auch zu dick sollte er nicht werden – kein Dackel sollte aussehen wie eine dralle Wurst auf Beinen. 

Musik aus

Atmo aus

Dieses leider allzu verbreitete Übergewicht hat ihm übrigens im Englischen den Spottnamen "sausage dog" eingetragen. Im schlimmsten Fall kann es durch einen Bandscheibenvorfall zur sogenannten Dackellähme kommen. An dieser Krankheit, die übrigens nicht nur Dackel, sondern auch Pekinesen und Zwergpudel befällt, litt auch "Lump", wohl einer der berühmtesten Dackel der Welt.

Sprecher

Lump, ein hirschroter Kurzhaardackel, kam 1956 in Stuttgart zur Welt. Dort erwarb ihn der amerikanische Fotograf David Douglas Duncan, der vor allem als Kriegsfotograf berühmt wurde. 

Lump sollte seiner Afghanen-Hündin Gesellschaft leisten, aber die beiden vertrugen sich ganz und gar nicht. Ein Jahr später nahm Duncan den Dackel mit auf Besuch zu seinem Freund Pablo Picasso nach Südfrankreich. Der Maler lebte in dem verwunschenen Landsitz "La Californie" mit seiner Frau Jaqueline, einer Ziege, einem Boxerhund und mehreren Vögeln. Bei Lumps Ankunft dort geschah etwas Erstaunliches. Auf der Stelle entschied der Hund, so beschreibt es jedenfalls Duncan in seinem Buch "Picasso und Lump", dass er bei Picasso einziehen wollte, und der Maler verliebte sich in den kurzbeinigen, lustigen Dackel. David Douglas Duncan hat das Zusammenleben der beiden auf vielen Fotos dokumentiert. Lump saß auf Picassos Schoß, leckte seinen Teller ab, warf ihm ein Steinchen vor die Füße und animierte ihn zum Spiel, sah ihm stundenlang beim Malen zu. Und Picasso verewigte den Dackel auf Zeichnungen und Gemälden. Sechs Jahre lang lebte Lump in dem geheimnisvollen und chaotischen Haushalt, liebte Jaqueline, verehrte Picasso, durchstreifte jeden Winkel von La Californie und habe, so schreibt Duncan, nie das Wort "Nein" gehört. 

Sprecherin

Lump war offenbar die Freundlichkeit auf vier Beinen, von seiner Erziehung ist bei Duncan nicht die Rede, möglicherweise hat sie einfach nicht stattgefunden. Arno Blins Antek hingegen ist wohlerzogen und lässt sich genüsslich von den Besuchern kraulen. Als Dorfschullehrer, der neben der Schule lebte, brauchte Herr Blin einen menschenfreundlichen Hund. Man solle die Dackel nur ihr Leben lang gut behandeln, meint er:

OT8 Blin

Man muss mit den Hunden Geduld haben, man muss im Laufe der Jahre auch so ich würde mal sagen, einen gewissen Hundeverstand entwickeln. Ein Problem bei den Hunden ist unbedingt, dass sich Mensch und Hund nicht verstehen, und wenn dann der Zweibeiner ungeduldig wird und den Hund anbrüllt oder ihn gar bestraft, dann wird der Hund kopfscheu, und weiß nicht, was er machen soll. 

Sprecherin

Picassos Lump jedenfalls war alles andere als scheu. Wann der Kontakt zwischen Herr und Hund abriss, ist nicht überliefert. Der Hund starb im Frühjahr 1973, zehn Tage vor Picasso, allerdings lebten die beiden damals schon lange nicht mehr unter einem Dach. David Duncan hatte den Dackel bei einem späteren Besuch vermisst und die Antwort erhalten, er befinde sich zurzeit in der Obhut eines Tierarztes; Lump sei erkrankt, er könne seine Hinterbeine nicht mehr bewegen. Der französische Tierarzt hatte ihn aufgegeben, irreversible Lähmung lautete die niederschmetternde Diagnose. Der Fotograf wollte sich damit nicht abfinden und brachte Lump zu einem Spezialisten in Stuttgart, der den Dackel rettete. Fortan sei er zwar gelaufen "wie ein betrunkener Matrose", berichtet Duncan, habe sich aber noch zehn weitere Jahre seines Lebens gefreut und starb mit 17 Jahren. Dackel können sehr alt werden.

Sprecher

Lump ist nicht der einzige Dackel, der mit einer Berühmtheit unter einem Dach lebte und lebt. Die Liste ist lang, angefangen mit Napoleon Bonaparte, der gleich mehrere dieser Hunde besaß, mit denen er auf verschiedenen Gemälden verewigt wurde. "Napoleon" ist in Frankreich ein sehr beliebter Dackelname, dort heißt die Rasse übrigens "teckel". Auch Kaiser Wilhelm, Andy Warhol und John Wayne waren Dackelnarren, heute schmückt sich die Sängerin Adèle mit einem hirschroten kurzhaarigen "dachshund". Besonders populär sind Dackel in Japan, dort schätzt man vor allem die langhaarigen. 

Zur Fußballweltmeisterschaft 2006 war es einigen deutschen Zeitungen eine Meldung wert, dass der Langhaardackel "Erwin Rommel", Maskottchen der japanischen Nationalelf, keinen Zutritt zu den Spielen hatte. Allerdings nicht wegen seines bizarren Namens, sondern wegen eines allgemeinen Tierverbots in den Stadien. 

Sprecherin

Schon bei den Olympischen Sommerspielen in München 1972 gab es ein, allerdings nicht lebendiges, Dackel-Maskottchen namens "Waldi". Als hellgrün, gelb und rosa gestreiftes Stofftier war er das erste offizielle olympische Merchandising-Produkt. Auf der Website des Olympischen Komitees wird dazu angemerkt, man habe ihn ausgewählt, weil es sich dabei um einen besonders bayrischen und bodenständigen Hund handele. Zur selben Zeit nickten in bundesdeutschen Autos zig-tausende "Wackeldackel" mit den Köpfen, vorzugsweise auf der Hutablage eines Ford Taunus, neben einer in Zylinderform bunt umhäkelten Toilettenpapierrolle. 

Sprecher

2007 wurde über das Aussterben der Dackel orakelt, weil immer weniger Welpen geboren wurden. Davon kann heute keine Rede mehr sein. 

ATMO Cafè

Im Berliner Szenebezirk Neukölln gibt es sogar eine Teckelbar. Der Dackel ist, wie andere Hunderassen auch, der Mode unterworfen. War in den siebziger Jahren eher der Langhaardackel beliebt, so erlebt heute der Kurzhaardackel ein Comeback. Züchterin Cyprienne Geilen sieht das mit gemischten Gefühlen. Sein Image als Alte-Damen- und Jägerhund allerdings sei der Dackel endgültig losgeworden:

OT9 Geilen

Wenn man auf Ausstellungen geht, das sind dann oft so Schickimicki Leute, da sind auch viele homosexuelle Paare, die Hunde züchten, auch wirklich sehr viele, muss man sagen, … Dann gibt es den typischen Jäger, der gerne sich zum Schnitzelessen verabredet und danach ne Runde durch den Wald dreht, mit seinem Hund, ähm, da gibts ganz junge Leute, da gibts ganz alte Leute, die seit 100 Jahren Dackel haben, und irgendwie schon den zehnten und immer noch dran hängen und wahrscheinlich das weitergegeben haben in ihrer Familie, also da gibt es ganz unterschiedliche Leute, da gibts wirklich nichts, was es nicht gibt, … Also mein Bruder läuft mit dem Dackel durch Moabit und trägt den typischen Urban-Samurai Haarschnitt, der trägt immer seinen Hund in der Tasche durch die Gegend da, … 

ATMO Jagd Wald

Sprecherin

Tatsächlich hat ein Dackel ein praktisches Format, man kann ihn auf dem Arm tragen und, wie Cyprienne Geilens Bruder, in einer Tasche durch die Großstadt transportieren. Oder man steckt ihn in einen warm gefütterten Dackelsack, am besten sogar zusammen mit anderen Artgenossen. So halten es auch die Jäger, wenn sie ihren kleinen Begleitern im Wald eine Pause gönnen wollen. Im Dackelsack fühlt der Dackel sich wohl, denn er wurde ja ursprünglich als Erdhund für die Baujagd gezüchtet. Also hat er keine Angst vor der Dunkelheit. 

Atmo aus

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O-TON 3 – Kelsey Granger [The first discernible lapdogs we see entered] OV weiblich Die ersten erkennbaren Schoßhunde kamen im Jahr 624 nach Christus als politisches Geschenk ins Land. Und sie wurden von dem Seidenstraßenstaat Turfan geschickt. […] Wir wissen also, dass sie von weit her kamen und recht plötzlich in China ankamen. Vor diesem politischen Geschenk gab es keine Beispiele für Schoßhündchen. SPRECHERIN: Zur Zeit der Tang-Kaiserdynastie, die vom 7. bis zum 10. Jahrhundert an der Macht ist, reißt sich alles, was Geld und Namen hat, um die neuen Haustiere. Zuvor dienten Hunde nie zur reinen Unterhaltung, jetzt sind sie plötzlich die neuen Lieblinge der Elite. SPRECHER: Reguliert wird die Haltung dieser speziellen Hunde nicht und auch über jegliche Sicherheitsbefürchtungen sind sie erhaben. Denn während die normalen ‚Arbeitshunde‘ bei den Zeitgenossen der Tang-Dynastie immer wieder Sorge über Tollwut auslösen und Warnschilder vor beißenden Hunden aufgestellt werden müssen, leben Schoßhunde in einem goldenen Käfig - sozusagen in Quarantäne. Denn sie sind vor allem die Haustiere einer spezifischen Gruppe: SPRECHERIN: Den besser gestellten Frauen, die in einem ganz eigenen, abgeschotteten Reich leben. O-TON 4 (vorher 5) – Kelsey Granger [We know elite women were keeping the lapdogs] OV weiblich Wir wissen, dass Frauen der Elite Schoßhunde hielten. Ob andere Frauen ebenfalls solche Hunde hielten, ist nicht klar, aber es steht fest, dass es grundsätzlich überwiegend Frauen waren, die Schoßhunde hielten, was schon ungewöhnlich ist. Wir haben viele verschiedene Kulturgüter, die sich mit Schoßhunden befassen, wir haben Gedichte, wir haben Gemälde, wir haben Geschichten. Es wurden zuvor noch nie Hunde mit Frauen oder Kindern dargestellt. SPRECHER: Die Frauen der chinesischen Elite entwickeln eine enge emotionale Verbindung zu ihren Hündchen. Die Damen putzen ihre Lieblinge genauso heraus wie sich selbst – mit Parfüm und Schleifchen. SPRECHERIN: Diese Verbindung zwischen der adeligen Frau und ihrem Schoßhund geht sogar über den Tod hinaus, wie die bewegende Geschichte von Madame Lu und ihrem geliebten Schoßhund Huazi – Fleckchen – zeigt. Eines Tages verschwindet das Hündchen und verunglückt tödlich - kurz darauf stirbt auch Madame Lu. SPRECHER: Möglicherweise aus Trauer. SPRECHERIN: Als sie in die Unterwelt kommt, wird ihr offenbart: Sie sei zu früh gestorben und darf für weitere 12 Jahre in ihr Leben zurückkehren. Auf dem Weg zum Land der Lebenden begegnet sie einer wunderschönen jungen Frau. „Erkennst du mich denn nicht?“, fragt diese. „Ich bin Huazi, dein Hündchen.“ Zum Dank für Madame Lus Güte habe sie ihrer ehemaligen Herrin geholfen, dem verfrühten Tod zu entkommen. Mit einem magischen Zahlendreher macht Huazi aus den 12 noch verbleibenden Lebensjahren nun sogar 21 – im Gegenzug soll ihre ehemalige Herrin die Leiche ihres Hundes suchen und begraben. Madame Lu tut, wie ihr geheißen - und bestattet Huazis Gebeine mit den Grabriten eines Kindes. SPRECHER: So will es eine Erzählung aus der Taiping guangji-Sammlung, die halb wahre und halb erfundene Geschichten beinhaltet und Ende des 10. Jahrhunderts fertiggestellt wurde. Sowohl Madame Lu als auch der Ort, an dem Huazis Leiche gefunden wird, sind real. Der Teil mit der Unterwelt, … nun ja. SPRECHERIN: Was diese Geschichte zeigt, ist jedoch unbestreitbar: Die adeligen Frauen des frühen Chinas hatten eine intime, geradezu freundschaftliche Beziehung zu ihren Schoßhunden. Eine Verbindung, die Anlass zu Fantasien gibt. O-TON 5 (vorher 6) – Kelsey Granger [For men, lapdogs and women went together as one image] OV weiblich Für Männer bildeten Schoßhündchen und Frauen ein Bild. Es gibt viele Gedichte über Frauen, in denen es oft um Frauen geht, aber eben nicht direkt. In diesen Gedichten sprechen Männer über die weiblichen Bereiche des Hauses, die für sie unzugänglich waren, es sei denn, sie gingen dorthin, um eine Frau zu verführen. So bellen Schoßhündchen, wenn ein Liebhaber am Tor ankommt, ein Schoßhündchen schläft am Fußende eines Bettes, wenn Frischvermählte ihre Hochzeit vollziehen, ein Schoßhündchen ist als Begleiter für einsame Palastfrauen da, die nicht die Gunst des Kaisers hatten. Die Schoßhündchen dienen den Männern sehr wohl als Symbol für alle weiblichen Räume, aber auch als eine Art Parallele zur Frau. SPRECHER: Lange Zeit bleiben Schoßhunde eine Sache der Elite, des Adels, der Königshäuser – auch im mittelalterlichen und neuzeitlichen Europa. Die Schönen und Reichen lieben ihre Haustiere. Hunde auf Gemälden in goldenen Galerien sind keine Seltenheit. SPRECHERIN: Ende des 18. Jahrhunderts wird die romantische Idee eines Haustiers jedoch langsam zum Massenphänomen. Atmo Maschinen Es ist die Zeit der Industrialisierung, die Zeit von Fabriken und Urbanisierung. SPRECHERIN: Für viele Bürger sind Haustiere eine letzte Bastion der Natur in der Großstadt. Und zugleich schick, denn immerhin war das Haustierhalten bisher eine Sache des Adels. Ein Statussymbol. SPRECHER: In Großbritannien, in Frankreich und im deutschsprachigen Raum werden Schoßhunde immer mehr zu Familienmitgliedern, über alle sozialen Klassen hinweg. SPRECHERIN: Schoßhunde kommen immer mehr in Mode. Es beginnt ein wahrer Hype um die Haltung - und um die verschiedenen Rassen, denen bestimmte Charakteristika zugeschrieben werden. SPRECHER: Mit den Schoßhund-Rassen jedoch ist das so eine Sache. Manche ursprünglichen Jagdhunde, wie der Pudel, werden auch als nicht arbeitende Haushunde gehalten. Und bei den richtigen Schoßhunden, die ohne eine bestimmte Funktionsfähigkeit gezüchtet worden sind, sind die Rassen oft nur schwer auf ihren Zuchtursprung zurückzuverfolgen. Wie zum Beispiel beim Mops, der chinesische Vorfahren hat. Doch die frühe chinesische Hundezucht ist in den historischen Quellen nur schwer zu greifen: OV weiblich: Das ist also das wirklich Schwierige an Rassen, denn heute sprechen wir natürlich von Rassen, sprechen wir vom Mops und vom Pekingesen. Das Problem ist, dass in den Quellen nicht von Möpsen und Pekingesen die Rede ist, sondern nur von Hunden, sodass es wirklich schwierig ist, bestimmte Arten zu unterscheiden. Ich glaube nicht, dass es eine sehr klare Abgrenzung zwischen Möpsen und Pekingesen sowie Shih Tzus und all diesen anderen Hunderassen gab. Sie sahen wahrscheinlich nicht einmal so verschieden aus, wie sie es heute tun. Heute unterscheiden sie sich aufgrund der Rassestandards und der Differenzierung der Rassen, das ist eine moderne Erfindung. SPRECHERIN: Im Europa des 19. Jahrhunderts aber ist gerade die Rasse der Hunde zu einem Statussymbol geworden. Der Mops beispielsweise steht beinahe sinnbildlich für die schicken Gesellschaften aus vergangenen Zeiten: Im 18. Jahrhundert gibt es Mops-Gesellschaften, dekorative Mopsfigürchen, Mops-Mythen … SPRECHERIN: … Sogar eine freimaurerische Gesellschaft namens ‚Mopsorden‘ soll ab 1740 für ein paar Jahre in Frankreich existieren, mit Logen im deutschsprachigen Raum und Großmöpsen an der Spitze der Vereinigung. Hier kommt dann wieder eine Mopsfigur ins Spiel, die als Initialisierungsritus auf den Allerwertesten geküsst werden muss. SPRECHER: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts werden Hunde - und vor allem auch Schoßhunde - als Haustiere in Europa immer beliebter. Das schafft zunehmend auch Probleme, da gerade bei ausgesetzten Straßenhunden die damals grassierende Tollwut zur Bedrohung für den Menschen wird. Das damals gängige Erschießen der streunenden Hunde ist eine Herangehensweise, die mit einem großen Aufschrei aus der hundeliebenden Bevölkerung beantwortet wird. SPRECHERIN: Nach der Französischen Revolution kommt im deutschsprachigen Raum außerdem die Sorge auf, dass mit den Immigranten auch ihre Hunde in Massen aus dem Nachbargebiet übersiedeln. In Frankreich sind die Schoßhunde ein Symbol des alten aristokratischen Regimes und wecken Erinnerungen an Marie Antoinettes Luxushündchen. Den vielen Schoßhunden, die dieser Trend mit sich gebracht hat, muss man nun Herr werden und sucht nach Möglichkeiten, die Haltung zu regulieren. Aus Großbritannien kommt schließlich die Idee der Hundesteuer, die sich schnell weiterverbreitet. Auch Krankenhäuser zur Pflege von erkrankten Haustieren entstehen, um den Lieblingen ein langes und gesundes Leben zu ermöglichen. Ein Produkt des aufklärerischen Feingefühls. SPRECHER: Doch zurück in das Land, das in dieser Zeit in Europa berühmt werden wird für seine Schoßhündchen - nach China! 1860, während des zweiten Opiumkrieges, wird der Sommerpalast in China von britischen und französischen Truppen geplündert und zerstört. Dort finden die Soldaten etwas, was zu einem wichtigen Raubgut wird: Schoßhunde. O-TON 8 (vorher 10) – KELSEY GRANGER [And captain John Hartdone discovers a small dog] OV weiblich Kapitän John Hartdone entdeckt im französischen Lager einen kleinen Hund, der aus diesem Palast gestohlen wurde, und schmuggelt ihn den ganzen Weg zurück nach England. Anscheinend hat er in seinem Hut geschlafen. Und der Kapitän präsentiert diesen kleinen Hund Königin Victoria, die ihn „Looty“ nennt, wörtlich „Beute“ oder „Diebesgut“. Sie behält diesen kleinen Hund. Und das ist der Beginn dieses Pekingesen-Hypes. SPRECHERIN: So wird eine chinesische Schoßhunderasse zur imperialistischen Trophäe der westlichen Mächte. SPRECHER: Pekingesen sind der Qing-Dynastie, die schon seit dem 17. Jahrhundert herrscht, die liebsten Hunde. Angehörige des Hofes berichten von hunderten dieser Schoßhunde, die nur feinstes Futter bekommen und von eigenen Eunuchen bewacht werden. Sie werden in Käfigen durch die Palastgänge gefahren, damit ihre Pfoten den Boden nicht berühren müssen. SPRECHERIN: Das alles endet während des zweiten Opiumkrieges mit den einmarschierenden Truppen aus Europa. SPRECHER: Fünf weitere Pekingesen werden schließlich in den Ruinen des zerstörten Sommerpalastes gefunden und nach England gebracht. Ihre kaiserliche Herkunft macht sie zum perfekten Souvenir aus dem verlorenen alten China, das schon lange in Europa romantisiert wird. O-TON 9 (vorher 11) – KELSEY GRANGER [The problem is especially in China] OV weiblich: Das Problem besteht insbesondere in China darin, dass wir scheinbar zwei unterschiedliche Zeiträume für die Schoßhund Haltung haben. Wir haben diesen Trend in der Tang-Dynastie, wo Frauen die Schoßhunde lieben und Kinder mit ihnen spielen. Und dann verschwinden diese Haustiere irgendwie und wir verlieren sie für Jahrhunderte aus den Augen. Doch dann tauchen sie im späten 18. Jahrhundert am Hof der Kaiserinwitwe Cixi wieder auf. SPRECHER: Dennoch verfassen zahlreiche europäische Hundeliebhaber Historien, in denen sie die Geschichte verschiedener Schoßhunderassen jahrhundertelang zurückverfolgen. Denn was ist wertvoller als kaiserliche Hunde aus China? SPRECHERIN: Kaiserliche Hunde aus China mit einer langen Ahnenreihe. SPRECHER: Und die wenigen Hunde, die Ende des 19. Jahrhunderts nach Europa gelangen, sind der Grundstock für die Zucht der exotischen Hunde aus China. Bis sie eine völlig eigene Rasse sind – die Pekingesen wie wir sie heute kennen. SPRECHERIN: Mit dem Ersten Weltkrieg im 20. Jahrhundert brechen ein katastrophaler Krieg und ein Umsturz nach dem anderen über Menschen und Hunde gleichermaßen herein. Die Situation vieler Menschen verändert sich. Der Wohlstand, der die Haltung von Schoßhunden bedingt, bröckelt. SPRECHER: Hinzu kommt, dass Prestigedenken und das Bedürfnis nach Statussymbolen vielerorts von sozialistischen Werten verdrängt werden. In der Sowjetunion gibt es kein Verständnis für Schoßhunde und Haustiere im Allgemeinen mehr; sie gelten nur noch als überflüssige Fresser, die nichts für ihren eigenen Lebensunterhalt beitragen. Und auch in China ändert sich die Situation für die kleinen Hunde grundlegend: Im Maoismus stehen Schoßhunde für das alte China, aus dessen Fesseln man sich befreien will. SPRECHERIN: Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs lassen in Großbritannien tausende Londoner ihre Lieblinge töten, um sie vorsorglich vor dem kommenden Kriegsleid zu bewahren. Den Schrecken des Fliegeralarms und hungernde Hunde zwischen zerbombten Häusern, diesen Gedanken können viele Besitzer nicht ertragen. Auch in der entbehrungsreichen Nachkriegszeit, können viele Menschen ihre Vierbeiner beim Aufbau der zertrümmerten Städte nicht mehr gebrauchen. Erst mit dem Aufschwung nach der Nachkriegszeit können es sich immer mehr Menschen wieder leisten, einen Hund als häuslichen Gefährten zu halten. SPRECHER: Und es entstehen neue Trends und Moden bei den Haushunden: ein kleiner Hund, der ursprünglich rein zur Jagd und nicht als Schoßhund gezüchtet wurde, erobert die Herzen der Menschen und ist aus Großstädten wie München oder Berlin und nicht mehr wegzudenken: der Dackel. Atmo Dackel O-TON 10 (vorher 12) – SEÁN WILLIAMS: Dann im zwanzigsten Jahrhundert war das eine Erfolgsgeschichte, dass der Dachshund dann Pop wurde und dann mit Andy Warhol und alle anderen, Adele hat auch einen Dackel, dass der Dackel dann irgendwie poppig wurde und ein Bild vom harmlosen, coolen Deutschland, dass man dann so Hipster werden kann aus Berlin mit einem Dackel. SPRECHERIN: Heute ist der Hund mit etwa 10 Millionen Tieren ein äußerst beliebtes Haustier in Deutschland. Viele ehemalige Jagdhunderassen finden Eingang in das Herz der Familie und werden als „Gesellschaftshunde“ gehalten. Auch wenn sie vielleicht nicht besonders klein, besonders kuschelig oder besonders süß sind. SPRECHER: Seit einigen Jahren gibt es aber eine bedenkliche Entwicklung, was die Zucht gerade von Schoßhunden betrifft: in Form und Größe werden sie immer mehr verändert – was zu zahlreichen gesundheitlichen Problemen führt. Ein relativ neuer Zuchttrend ist der sogenannte ‚Teacup-Hund‘, der, wie der Name schon sagt, mit seinen gerade einmal 20 Zentimetern Größe in eine Teetasse passen soll. SPRECHERIN: Zu kurze, platte Schnauzen wie bei Mops und Französischer Bulldogge führen zu gravierenden Atemproblemen; Herzfehler verkürzen das Leben von so manchem überzüchteten Schoßhund. Heute gibt es dazu Verbote und Regulierungen: Seit ein paar Jahren ist es beispielsweise in den Niederlanden verboten, Hunde zu züchten, deren Schnauze kürzer als ein Drittel des Kopfes ist. SPRECHER: Der Schoßhund hat eine lange, wechselhafte Geschichte. Auch heute ist er Moden unterworfen, auch heute ist er oft Ausdruck luxuriösen Lebensstils und doch ist er für zahlreiche Menschen ein treuer Begleiter in guten wie in schlechten und einsamen Zeiten. Das Bedürfnis des Menschen nach tierischer Nähe hat sich auch in der Corona-Pandemie gezeigt. Zwischen Homeoffice, Lockdown und Kurzarbeit werden in Deutschland im ersten Pandemiejahr 2020 25 Prozent mehr Hunde als im Vorjahr registriert. Dass nur kurze Zeit nach diesem Hype die Tierheime voller denn je waren … ist eine andere Geschichte. ATMO Bellen / Kinderlachen SPRECHERIN: Eine Sache der Elite sind Schoßhunde schon lange nicht mehr. Im Gegenteil! Kleine Hunde sind oft gut geeignet für ein Leben in der Stadt, sind je nach Rasse ideale Spielgefährten für Kinder und Begleiter für ältere Menschen – doch sie sind trotz ihres oft niedlichen Aussehens und ihrer Größe vor allem eins: Hunde, die ein artgerechtes Leben mit ausrechender Bewegung und Beschäftigung brauchen. ATMO: Kläffen kleiner Hund

  • Krankheitsfaktor Stress - Auf den Spuren eines Phänomens

    21.12.2023 · 22 Min.

    Stress gilt als Ursache für viele körperliche Leiden: Für das Magengeschwür, die Krebserkrankung, für Burn-Out genauso wie für Herzinfarkt. Aber Stress als Auslöser für Krankheiten ist kein neuer Ansatz. (BR 2013) Autorin: Monika Dollinger Credits Autorin dieser Folge: Monika Dollinger Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Thomas Loibl, Hemma Michel Technik: Susanne Harasim, Claudia Wanschura Redaktion: Nicole Ruchlak Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

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