Bitterstoffe - Gefährlich oder gesund?
10.10.2024 · 22 Min.
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Elixiere, Tinkturen, Shots - Bitterstoffe liegen voll im Trend. Allerlei gesundheitsfördernde Wirkungen werden ihnen nachgesagt. Wissenschaftlich belegt ist wenig davon. Tatsächlich fangen Forschende gerade erst an, zu verstehen, was Bitterstoffe alles bewirken - und vor allem, wo im Körper sie wirken. Von Maike Brzoska
Credits
Autorn dieser Folge: Maike Brzoska
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprach: Julia Fischer
Technik: Stefan Oberle
Redaktion: Iska Schreglmann
Im Interview:
Dr. Franziska Hanschen, Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau, Großbeeren
Prof. Maik Behrens, Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie an der Technischen Universität München
Prof. Ute Wölfle, Abteilung Dermatologie und Venerologie des Universitätsklinikums Freiburg
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SPRECHERIN
Vor einigen Jahren gab es eine Entdeckung, die für Aufsehen in Wissenschaftskreisen sorgte. Ein US-Forscher-Team hatte - zufällig - herausgefunden, dass Bitterstoff-Rezeptoren, mit denen wir Bitteres schmecken, nicht nur auf der Zunge vorkommen, sondern überall im Körper.
01 OT (Wölfle)
Zum Beispiel im Gehirn, im Herzen, in der Leber, in der Lunge.
SPRECHERIN
Sagt die Biologin Dr. Ute Wölfle. Sie forscht in der Hautklinik des Universitätsklinikums Freiburg.
02 OT (Wölfle)
Und am Anfang hat man gedacht: Was soll das? Was braucht man Geschmacksrezeptoren in anderen Organen?
SPRECHERIN
Geschmacksrezeptoren in der Leber und in der Lunge – das klingt erst einmal kurios. Kann unsere Lunge etwa schmecken? Nein, sagt Ute Wölfle. Aber die Bitterstoffe, zum Beispiel aus Salat oder Gemüse, können an die Lunge andocken, genauer gesagt: an die Zellen der Lunge.
03 OT (Wölfle)
Es ist eine Struktur auf der Zelloberfläche, an die der Bitterstoff andockt, und der dann zu einer weiteren Reaktion führt.
Musik: Lab rat 0‘25
SPRECHERIN
Auf diese Weise können Bitterstoffe auch in der Lunge – oder in anderen Organen – eine Wirkung entfalten. Die Frage war nun: Welche?
Die überraschende Entdeckung, dass Bitterstoff-Rezeptoren überall in unserem Körper vorkommen, gab den Anstoß für viele neue wissenschaftliche Fragestellungen.
04 OT (Wölfle)
Und da wird jetzt in letzter Zeit sehr stark geforscht. So quasi jeder Forscher guckt jetzt in seinem eigenen Gebiet: Was machen da die Bitterstoff-Rezeptoren? Und was kann man da erwarten?
SPRECHERIN
Einige neue Erkenntnisse gibt es bereits. Dazu gleich mehr. Aber erst einmal muss man verstehen, was ein Bitterstoff überhaupt ist.
05 OT (Wölfle)
Ja, das ist gar nicht mal so einfach zu beantworten, weil die einzige Qualität, die einen Bitterstoff zu einem Bitterstoff macht, ist, dass er bitter schmeckt.
SPRECHERIN
Und das können, chemisch betrachtet, sehr unterschiedliche Stoffe sein.
06 OT (Wölfle)
Das kann ein Salz sein, Magnesiumsulfat, genauso wie irgendwie eine Aminosäure, Tryptophan, genauso wie Pflanzenstoffe, also Koffein vom Kaffee zum Beispiel. Oder auch Grapefruit, das wären dann eher so Saccharide. Also wirklich nur die Qualität, dass es bitter schmeckt, macht einen Bitterstoff zu einem Bitterstoff.
SPRECHERIN
Die Gruppe der Bitterstoffe ist also sehr heterogen. Und sie ist sehr groß. Wobei Forschende gar nicht genau wissen, wie groß, also wie viele Bitterstoffe es insgesamt gibt, sagt Dr. Maik Behrens. Er forscht am Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie der Technischen Universität München.
07 OT (Behrens)
Man weiß es nicht. Man kann aber schätzen, dass es wohl deutlich über 1000 gibt.
SPRECHERIN
Das sind deutlich mehr als bei den anderen Geschmacksrichtungen, also süß, sauer, umami und salzig.
08 OT (Behrens)
Die Süßstoffe, da gibt es auch noch recht viele, so um die 100 würde ich mal sagen. Aber das ist nur ein vergleichsweiser kleiner Teil verglichen mit den Bitterstoffen.
Musik: Style analysis 0‘21
SPRECHERIN
Weil es so viele verschiedene Bitterstoffe in der Natur gibt, haben wir auch relativ viele Geschmacksrezeptoren auf der Zunge, mit denen wir Bitteres wahrnehmen können. Wenn wir Chicorée, Radicchio oder Brokkoli essen, signalisieren uns diese Rezeptoren: schmeckt bitter.
09 OT (Behrens)
Tatsächlich haben wir insgesamt so um die 25 unterschiedliche Rezeptoren für die Bitterstoffe.
SPRECHERIN
Wobei nicht jeder Mensch genau die gleichen Rezeptoren hat. Denn von einigen Rezeptoren gibt es verschiedene Varianten.
10 OT (Behrens)
Das heißt, der Rezeptor unterscheidet sich zwischen den Menschen. Der berühmteste Rezeptor, was das angeht, ist der sogenannte TAS2R38, der kommt in der menschlichen Bevölkerung in zwei verschiedenen Hauptvarianten vor. Die eine Variante wird auch die Schmecker-Variante genannt.
SPRECHERIN
Für die Träger dieser Variante schmecken zum Beispiel viele Kohlsorten bitter. Die Träger der anderen Variante, die sogenannten Nicht-Schmecker, nehmen bei Kohl hingegen keinen bitteren Geschmack wahr.
11 OT (Behrens)
Deswegen lohnt es sich nicht über Geschmack zu streiten beim Essen, weil das kann also sehr unterschiedlich wahrgenommen werden.
SPRECHERIN
Wobei die Fraktion, die den Kohl als bitter wahrnimmt, statistisch betrachtet, größer ist.
12 OT (Behrens)
Die menschliche Bevölkerung teilt sich so ungefähr in 70 Prozent Schmecker und 30 Prozent Nicht-Schmecker auf.
Musik: Microelements 0‘33
SPRECHERIN
Aber dank der übrigen Rezeptoren können auch die Nicht-Schmecker Bitterstoffe sehr gut wahrnehmen. Und das ist auch wichtig – evolutionär betrachtet sogar überlebenswichtig. Denn in grauer Vorzeit, als wir noch als Jäger und Sammlerin auf der Suche nach Nahrung durch die Natur streiften, halfen uns die Geschmacksrezeptoren dabei, Essbares von Nicht-Essbarem zu unterscheiden. Dabei war der Geschmacks-Sinn quasi die letzte Instanz.
13 OT (Behrens)
Wir haben natürlich noch unsere anderen Sinne, die helfen uns auch mit, zum Teil schon im Vorfeld. Also wir würden wahrscheinlich eine Speise, die nicht gut aussieht, überhaupt nicht in den Mund stecken. Dann würden wir wahrscheinlich dran riechen und auch da hätten wir wieder eine Warnung gegebenenfalls. Und dann die letzte Instanz ist tatsächlich unser Geschmackssinn, der entscheidet, ob wir etwas runterschlucken oder ausspucken.
Musik: Network access 0‘35
SPRECHERIN
Jede der Geschmacksrichtungen zeigt etwas anderes an. Der saure Geschmack weist darauf hin, dass Früchte unreif sind oder dass Lebensmittel bakteriell verdorben sein können. Der süße Geschmack, zum Beispiel von Früchten, zeigt an, dass das Obst reif und damit genießbar ist. Und darüber hinaus noch viele Kohlenhydrate liefert. Das war für die Menschen früher sehr wichtig, um Hungerperioden zu überstehen. Heute wird uns das – in Form von zu vielen Kalorien – eher zum Verhängnis. Und genau wie der süße und der saure Geschmack zeigt auch der bittere etwas Bestimmtes an.
14 OT (Behrens)
Der soll unsere Aufmerksamkeit darauf lenken, dass unter Umständen gesundheitsschädliche oder gar giftige Substanzen in der Nahrung sind. Evolutionär war das von großer Bedeutung. Deswegen ist es bei Kindern auch angeboren, diese Abneigung gegen bitter.
SPRECHERIN
Kinder verziehen in der Regel erst einmal das Gesicht, wenn sie etwas Bitteres probieren. Igitt, schmeckt nicht! Erst mit der Zeit lernen die meisten Menschen, Nahrungsmittel mit bitterem Geschmack zu tolerieren – oder sogar zu mögen. Das passiert durch Gewöhnung, aber auch durch gute Erfahrungen, die wir mit einem Lebensmittel im Laufe des Lebens machen.
15 OT (Behrens)
Beispielsweise wenn irgendeine Prüfung ansteht und wir noch viel lernen müssen, ist der bittere Kaffee, der uns wachhält, etwas, was mit einer positiven Wirkung verknüpft wird. Und wenn eine negative Wirkung von dem Kaffee, Sodbrennen oder ähnliches, ausbleibt, dann erwerben wir praktisch so eine Toleranz für moderat Bitteres.
Musik: Delicate information (reduziert) 0‘37
SPRECHERIN
Dennoch bleibt bei vielen Menschen zeitlebens eine gewisse Abneigung gegen Bitteres. Deshalb gibt es in Rezepten oft Tipps, wie man den bitteren Geschmack, zum Beispiel von einem Gemüse oder einem Salat, neutralisieren kann, zum Beispiel indem man Zucker oder Honig zufügt.
Dabei schmeckt unser Gemüse heute größtenteils schon sehr viel milder als früher. Denn der bittere Geschmack wurde nach und nach rausgezüchtet, weil es die meisten Menschen so lieber mögen.
Daneben wurden einige Gemüsesorten aber auch erst genießbar, nachdem die Bitterstoffe durch Züchtung stark reduziert wurden.
16 OT (Hanschen)
Man muss auch dabei bedenken, dass viele dieser Bitterstoffe halt auch eine toxische Wirkung hatten.
SPRECHERIN
Sagt die Lebensmittelchemikerin Dr. Franziska Hanschen. Sie forscht am Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau.
17 OT (Hanschen)
Das heißt, man hat das halt gezielt weggezüchtet, einmal, um das geschmacklich attraktiver zu gestalten, zum anderen aber auch, weil einige Bitterstoffe halt auch giftig sind.
SPRECHERIN
Ein Beispiel sind Kürbisgewächse, also etwa Zucchini, Gurken oder eben Kürbisse. Früher enthielten diese Gemüse-Sorten sehr viel Cucurbitacin, ein Bitterstoff, der in hohen Dosen stark giftig ist.
18 OT (Hanschen)
Und deshalb ist es gerade bei diesen Pflanzen auch wichtig, dass man da keine Züchtungsexperimente selber macht, weil es dann halt auch schon vorgekommen ist, dass quasi wieder rückzüchtet wurde und diese Bitterstoffe wieder erhöht wurden, wodurch dann Vergiftungserscheinungen immer mal wieder bei Hobbygärtnern aufgetreten sind.
Musik: Weird instructions 0‘26
SPRECHERIN
Zu Rückkreuzungen kann es beispielsweise kommen, wenn Pollen von einem giftigen Zier-Kürbis auf die Blüten der Kürbispflanze im Gemüsebeet gelangen. Der Kürbis, der nach der Befruchtung wächst, schmeckt dann ungewöhnlich bitter – und sollte auf keinen Fall gegessen werden, weil er vermutlich größere Mengen des Bitterstoffes Cucurbitacin enthält. Solche Rückkreuzungen sind aber sehr selten. In der Regel ist unser bitteres Gemüse sehr gesund – und zwar gerade, weil es bitter ist.
19 OT (Hanschen)
Es gibt durchaus Bitterstoffe, die positive Effekte für uns haben. Zum Beispiel Sesquiterpenlactone, das sind Inhaltsstoffe, die man aus dem Chicorée oder aber auch aus dem Löwenzahn kennt und die dort für den bitteren Geschmack verantwortlich sind. Die können durchaus positive Effekte für uns haben, zum Beispiel auch antimikrobiell oder auch anti-inflammatorisch, also entzündungshemmend wirken.
SPRECHERIN
Die positiven Wirkungen tun uns besonders gut, wenn wir krank sind. Und erstaunlicherweise kann dann sogar die Abneigung gegen Bitteres zeitweise abnehmen.
20 OT (Wölfle)
Wenn man erkältet ist, dann ist es ja so, dass man irgendwie einen anderen Geschmack hat. Plötzlich schmecken Einem Sachen vielleicht, die man sonst nicht so mag, auch bittere Tees. Und das liegt daran, dass Entzündungsstoffe diese Bitterstoffrezeptoren so ein bisschen modifizieren, blockieren können. Und plötzlich mag man bitter, was man sonst nicht trinken würde. Und wenn es Einem wieder besser geht und diese Entzündungsstoffe weg sind, dann will man das nicht mehr. Dann hat man wieder seinen normalen Geschmack.
SPRECHERIN
Ute Wölfle kennt das aus eigener Erfahrung.
21 OT (Wölfle)
Also zum Beispiel gibt es so einen Hustensaft, der schmeckt wirklich sehr bitter, und ich mochte den eigentlich nie. Dann hab ich gedacht bei der letzten Erkältung, ich probiere den einfach mal – und ich fand den lecker. Also das war irgendwie ganz angenehm. Und als es mir dann wieder besser ging, dachte ich: uah, das geht nicht, ich musste fast würgen. Also das ist wirklich interessant, wie der Körper, wenn es ihm guttut, dann plötzlich die auch wirklich mag und man deswegen die zu sich nehmen kann.
SPRECHERIN
Aber nicht nur bei kranken, sondern auch bei gesunden Menschen können Bitterstoffe viele positive Wirkungen haben.
22 OT (Wölfle)
Die Hauptwirkung ist eben, dass es auf den Magen-Darm-Trakt wirkt, eben die Verdauung, Fettverdauung fördert und auch einfach bei Völlegefühl gut wirkt oder den Appetit anregt. Das ist so das Hauptanwendungsgebiet, dass man es einsetzt bei der Verdauung.
Musik: Needle and twine red. 0’35
SPRECHERIN
Es gibt unzählige Arten von Magenbitter, jede Region kennt ihre eigene Version: Underberg, Lauterbacher Tropfen, Gammel Dansk, Kümmerling, Rhöntropfen. Dass Bitterstoffe gut für die Verdauung sein können, sind Erfahrungswerte aus der Naturheilkunde. Verschiedene traditionelle Heilkünste gehen außerdem davon aus, dass Bitterstoffe den Körper insgesamt stärken und vitalisieren können.
23 OT (Wölfle)
Die ayurvedische Medizin beschreibt, dass Bitterstoffe helfen, Fett zu reduzieren, das Blut zu reinigen, Muskelkraft zu tonisieren. Auch in der chinesischen traditionellen Medizin setzt man Bitterstoffe ein, so in der Ernährung, da ist es dem Element Feuer zugeordnet und es ist da eher auch für Tatendrang, für Vitalität. Und in der Klostermedizin oder in der europäischen Medizin, Paracelsus, der hat im 17. Jahrhundert ein Lebenselixier beschrieben.
SPRECHERIN
Bestehend aus Myrrhe, Bitterwurzel und Aloe.
24 OT (Wölfle)
Und daraus ist dann später das Grundrezept des Schwedenkräuters geworden. Das kennt vielleicht der ein oder andere.
SPRECHERIN
Die „Schwedenkräuter“ sind eine Mixtur, die -oft gelöst in Alkohol - innerlich oder äußerlich angewendet wird.
Musik: Odd facts 0‘32
Neben diesem naturheilkundlichen Wissen gab es in den letzten Jahren aber auch neue Erkenntnisse aus der Forschung. Denn nachdem zufällig entdeckt worden war, dass es Rezeptoren für Bitteres nicht nur auf der Zunge, sondern auch an anderen Organen gibt, fragten sich viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, welche Wirkung Bitterstoffe denn dort haben können. Dass sie eine Wirkung haben, scheint sicher zu sein.
25 OT (Wölfle)
Man weiß, wenn ein Stoff an den Rezeptor bindet, dann passiert irgendwas in der Zelle, und auch immer wieder das Gleiche. Also es ist nicht nur so jetzt ein Erfahrungswert, sondern es ist wirklich wissenschaftlich belegt.
SPRECHERIN
Die Frage war nun also: Was genau passiert, wenn ein Bitterstoff an einem Organ andockt? Die ersten Studien gab es zur Lunge.
26 OT (Wölfle)
Und plötzlich hat man festgestellt, dass die Bitterstoffe zum Beispiel in Bronchien vorkommen, und wenn dann ein Bitterstoff bindet an den Rezeptor, dann kommt es zu einer Gefäßerweiterung.
Musik: Still waiting red. 0‘47
SPRECHERIN
Was das Atmen erleichtert. Das könnte für Menschen mit Asthma oder chronischer Bronchitis hilfreich sein. Denn bei diesen Erkrankungen ist das Atmen beeinträchtigt. Die Betroffenen kriegen schlecht Luft. Bitterstoffe könnten Abhilfe schaffen. Denn inzwischen haben mehrere Studien gezeigt, dass Bitterstoffe, wenn sie inhaliert werden, die Muskulatur in der Lunge entspannen und auf diese Weise das Ein- und Ausatmen erleichtern können. Der Effekt, den Forschende gefunden haben, ist stärker als der von heutigen Asthma-Medikamenten. Deshalb rechnen Viele damit, dass es künftig Medikamente auf Grundlage der neuen Erkenntnisse geben wird.
Daneben haben Forschende herausgefunden, dass es Bitterstoff-Rezeptoren auch in der Schleimhaut der Nase gibt. Offenbar können dort ebenfalls Bitterstoffe andocken.
27 OT (Wölfle)
Wenn da ein Bitterstoff bindet, wird zum Beispiel Stickstoffmonoxid gebildet, was zum Abtöten der Bakterien führt. Gleichzeitig fangen die Flimmerhärchen im Nasenschleimepithel an, ganz wild zu schlagen und Fremdkörper, Bakterien, die werden nach außen geschleudert. Und damit hat man eigentlich einen idealen Effekt bei Atemwegserkrankungen.
SPRECHERIN
Wegen der interessanten Ergebnisse anderer Fachbereiche begann auch Ute Wölfle mit ihrem Team nachzuforschen, was Bitterstoffe in ihrem Fachgebiet, also auf der Haut, bewirken können. Die ersten Versuche waren allerdings eher ernüchternd, erzählt die Forscherin.
28 OT (Wölfle)
Wir haben gedacht, es wirkt vielleicht anti-entzündlich, was sonst viele unserer Pflanzenstoffe machen, aber der Effekt ist eher gering.
SPRECHERIN
Wissenschaft verläuft selten geradlinig, aber Wölfles Team forschte weiter. Die nächste Frage war, ob Bitteres einen Effekt hat auf den Stoffwechsel der Haut.
29 OT (Wölfle)
Und da haben wir festgestellt, dass es eben Schutzproteine für die Haut bildet und auch Lipide für die Haut, was auch für den Außenschutz wichtig ist. Und dass so die Bitterstoffe eher für den Hautschutz wichtig sind, so für die äußere Barriere.
SPRECHERIN
Dafür muss man die Bitterstoffe mithilfe von Cremes auf die Haut auftragen. Wobei man nicht irgendeinen Bitterstoff nehmen kann, denn einige können Kontakt-Allergien oder Ausschläge auslösen. Eine weitere Vermutung von Ute Wölfle war, dass junge Menschen mehr Bitterstoff-Rezeptoren haben als ältere.
30 OT (Wölfle)
Weil oft ist es ja so, im Alter nimmt irgendwas ab. Aber es ist genau umgekehrt. In jungen Jahren hat man wenige Bitterstoff-Rezeptoren und im Alter werden es viel mehr. Und es ist vielleicht eine Gegenreaktion des Körpers gegen die nachlassende Schutzwirkung. Die Haut wird ja im Alter dünner und vielleicht ist es so eine Reaktion des Körpers. Er bildet jetzt mehr Bitterstoff-Rezeptoren, dass die Barriere doch noch einigermaßen erhalten bleiben kann.
Musik: Explain simple 0‘31
SPRECHERIN
Das zeigt auch: Forschung besteht oft aus trial and error, aus Versuch und Irrtum. Und nicht jede neue Erkenntnis führt letzten Endes zu neuen Anwendungen oder Medikamenten. Einfach, weil unser Körper sehr komplex ist und Erkenntnisse auch immer mal wieder revidiert werden. Eine Schwierigkeit bei den neu entdeckten Bitter-Rezeptoren an den Organen ist, dass es eben nicht nur den einen Rezeptor gibt, sondern verschiedene.
31 OT (Wölfle)
Es gibt 25, und in dem einen Gewebe sind ein paar und im anderen Gewebe sind andere, und ein Bitterstoff kann unterschiedliche Bitterstoff-Rezeptoren aktivieren. Und das macht das Ganze relativ kompliziert.
SPRECHERIN
Deshalb sollte man wohl auch manche der neuen Studienergebnisse zum Thema Bitterstoffe mit Vorsicht genießen. Zum Beispiel gab es bereits Schlagzeilen, dass Bitteres gegen Krebs hilft, weil Forschende entdeckt haben, dass Bitterstoffe an Krebszellen andocken können. Oder dass Bitterstoffe beim Denken helfen.
32 OT (Wölfle)
Auch im Gehirn werden Bitterstoff-Rezeptoren gebildet und da konnte man feststellen, wenn man Nervenzellen mit Bitterstoffen behandelt, dass es dazu führt, dass die Nervenzellen besser vernetzt sind und man dann annehmen kann – das ist jetzt so ne Hypothese – dass es einfach beim Denken auch helfen kann.
Musik: Pending molecules 0‘38
SPRECHERIN
Hier wird die Forschung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zeigen, was Bitterstoffe wirklich leisten können – und was nicht.
Nichtsdestotrotz hat der Bittertrend aber heute schon die Konsumwelt erreicht. In Supermarkt-Regalen und Drogerien gibt es jede Menge Bitterstoff-Mixturen in Form von Tropfen, Tabletten oder Sprays. Bitter gleich gesund – dieser Eindruck entsteht, wenn man sich die zahlreichen Versprechungen durchliest, mit denen die Produkte beworben werden. Einige sehen diesen Hype kritisch. Zum Beispiel Maik Behrens.
33 OT (Behrens)
Ich hatte ja schon erwähnt, es gibt also eine unglaubliche Vielzahl von Bitterstoffen. Eben mindestens 1000. Viele von denen sind giftig. Und da irgendetwas zu pauschalisieren halte ich für falsch. Ja, tatsächlich sollte man die Warnung, die der bittere Geschmack Einem bietet, ernst nehmen. Und ich würde tatsächlich davon abraten, solche bitteren Nahrungsergänzungsmittel zu mir zu nehmen.
SPRECHERIN
Ganz anders ist das bei unseren gängigen bitteren Lebensmitteln, also zum Beispiel Salat, Gemüse, aber auch Kaffee oder Bitterschokolade. Da hat der Forscher keine Bedenken.
34 OT (Behrens)
Da gibt es ja sozusagen zum Teil jahrhundertelange Erfahrung, dass diese Gemüse, die wir standardmäßig konsumieren, sicher sind. Also da braucht man sich keine Sorgen machen.
SPRECHERIN
Auch Ute Wölfle findet Nahrungsergänzungsmittel mit Bitterstoffen unnötig, vor allem, weil sie meistens sehr teuer sind.
35 OT (Wölfle)
Ich denke, Bitterstoffe sind auf jeden Fall wichtig, aber es müssen keine teuren Produkte sein, die man dafür verwendet.
SPRECHERIN
Sie geht davon aus, dass der Bitter-Hype irgendwann wieder abebbt – zumindest was die überteuerten Produkte angeht.
Musik: New ideas 0‘29
36 OT (Wölfle)
Und vielleicht bleibt dann – hoffentlich – eben der bittere Tee, einfach das normale Essen, dass man wieder sagt; okay, ich esse Radicchio-Salat, weil man sich an das Bittere auch gewöhnen kann.
SPRECHERIN
Und vielleicht isst man den bitteren Salat, das bittere Gemüse ja irgendwann sogar richtig gerne.
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MUSIK 2 Titel: " موسى صام" - Mitwirkende: Lebanese Maronite Order & Antoine Tahan - Album: تراتيل الآلام والقيامة - Komponist: الأب يوسف الخوري & الليتورجيا المارونيّة - Länge: 0'44 SPRECHERIN 18 Religionsgemeinschaften sind im Libanon offiziell anerkannt, darunter Maroniten, griechisch-orthodoxe, griechisch-katholische, protestantische und armenische Christen, Sunniten, Schiiten, Drusen und Aleviten. Diese heterogene Zusammensetzung der Bevölkerung sorgte bereits vor, aber auch nach der Unabhängigkeit 1943 immer wieder für Konflikte und Krieg. Traditionell lebten die verschiedenen Konfessionen in unterschiedlichen Regionen des Landes - Maroniten zum Beispiel in den Bergen, griechisch-orthodoxe Christen an der Küste, Schiiten im südlichen Libanon. O-TON 1 Die Schiiten waren (…) die Minderheit. Und so waren sie nicht nur politisch benachteiligt, sondern auch ökonomisch, sozial immer diejenigen, die schlechter gestellt sind als die meisten anderen und gegenüber den dominanteren Konfessionen, den christlichen Maroniten und den Sunniten. SPRECHER …sagt Bente Scheller. Die Politikwissenschaftlerin leitet das Referat Nahost und Nordafrika der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin. Die verschiedenen Religionsgruppen hatten sich darauf geeinigt, Staatsämter nach einem Proporzsystem aufzuteilen. Grundlage dafür war eine Volkszählung aus dem Jahr 1932. Doch dieses System sorgte nicht für einen echten gesellschaftlichen Ausgleich: Tatsächlich waren christliche Clans am reichsten, Schiiten häufig verarmt. Die Schiiten begehrten mehr und mehr auf sagt Heiko Wimmen. Der Nahost-Experte arbeitet für die International Crisis Group, einer Nichtregierungsorganisation, in Beirut: O-TON 2 Dann gab es eine (…) Mobilisierung der schiitischen Unterschicht, (…) die haben sich politisiert. 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Drei Jahre später zog sich die israelische Armee aus dem Land zurück. Sie hielt aus Sicherheitsgründen aber das Grenzgebiet im Süden weiter besetzt. Erst im Jahr 2000 dann der komplette Truppenabzug. Der Rückzug des israelischen Militärs, das als Besatzer angesehen wurde, verschaffte der Hisbollah - auch über Konfessionsgrenzen hinweg – Ansehen und Anerkennung. MUSIK 3 "Yâ Dâèm / O Eternal" - Album: Anthology of Iranian Rhythms - Volume 2 / Daf (mystical Drum), Dayré & Zang-e Saringôshti - Künstler und Komponist: Madjid Khaladj - Länge: SPRECHERIN Unterstützt in ihrem Kampf gegen Israel wurde die Hisbollah von Anfang an aus Teheran. Im Iran fand 1979 die Iranische Revolution statt. Nach Massendemonstrationen wurde Schah Mohammed Reza Pahlavi gestürzt. Er floh nach Ägypten. Ayatollah Khomeini kehrte aus dem französischen Exil zurück und rief die Islamische Republik aus. Die Mullahs wollten die Revolution auch in andere schiitische Gesellschaften exportieren – mit Erfolg. 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O-TON 5 Aber die Unterstützung ist sicherlich nach wie vor ganz wichtig, ganz substanziell, gerade auch eben was die militärische Ausrüstung angeht. Das heißt, Waffen, die geliefert werden, das heißt militärisches Training im Iran und dergleichen mehr. SPRECHER Offiziell finanziert sich die Hisbollah durch Spenden. Auch in Deutschland wird Geld für die Hisbollah gesammelt. In einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion aus dem Jahr 2021 hieß es: SPRECHERIN „Die Anhänger der „Hizb Allah“ pflegen in Deutschland den organisatorischen und ideologischen Zusammenhalt unter anderem in örtlichen Moscheevereinen, die sich in erster Linie aus Spendengeldern finanzieren. Darüber hinaus nutzt die „Hizb Allah“ Deutschland als Rückzugs- und Rekrutierungsraum sowie für Beschaffungs- und Spendensammelaktivitäten.“ SPRECHER 2023 ging das Bundesamt für Verfassungsschutz von einem Personenpotenzial von 1.250 Menschen in Deutschland aus. Die Hisbollah ist aber nicht nur in Deutschland aktiv – sie verfügt unter anderem auch in Südamerika, Kanada, den USA, Australien, Südostasien und Afrika über Netzwerke. So haben zum Beispiel in Westafrika viele Menschen aus dem Libanon Firmen aufgebaut. Heiko Wimmen: O-TON 6 Da ist dann nicht immer klar zu unterscheiden: (…) Ist das Unterstützung, die freiwillig geleistet wird? Ist das eine Besteuerung dieser Diaspora-Gemeinschaften, die also mit (…) Druck erfolgt, kann man nicht beurteilen. All das ist natürlich nach europäischer Darstellung, amerikanischer Darstellung Finanzierung von Terrorismus. Aus der Sicht der Menschen, die da in der Diaspora leben, ist es vielleicht die Unterstützung eines politischen Akteurs oder eines politischen Projekts, das sie unterstützen. SPRECHERIN Denn die Hisbollah besteht eben nicht nur aus einer Miliz, sondern ist auch eine politische Partei, doch dazu später mehr. Außerdem soll die Hisbollah in Afrika im Diamantenhandel aktiv sein, Geldwäsche und Drogenhandel betreiben. Die Nahost-Expertin Bente Scheller: O-TON 7 Durch ihre internationalen Netzwerke hat sie sehr viele Möglichkeiten, auch unternehmerisch tätig zu sein. Und das sind legale Geschäfte. Aber es sind eben auch Drogengeschäfte, Waffengeschäfte und andere Schmuggelgeschäfte, bei denen klar ist: sie hat hier genügend Möglichkeiten, auch selbst ein Einkommen zu haben. Das ist immer wichtiger geworden. Und deswegen greift es auch zu kurz zu sagen, wenn wir dem Iran die Gelder abschneiden, dann ist auch die Hisbollah am Ende kaltgestellt. Das ist sie nicht. Dafür ist sie zu gut vernetzt. SPRECHER Beispiel Drogenhandel: So wird seit langem in der Bekaa-Ebene im Osten des Libanon Cannabis angebaut. Doch aufgrund der Wirtschaftskrise und Veränderungen auf dem Drogenmarkt bringt dieses Geschäft nicht mehr so viel ein wie früher. Viel lukrativer ist inzwischen der Handel mit Captagon, sagt Dominik Hamm. Die synthetische Droge ist ein süchtig machendes Aufputschmittel. O-TON 8 Es ist eine sehr, sehr hohe Nachfrage vor allen Dingen in den Golfstaaten, Saudi-Arabien, aber mittlerweile auch mehr in Europa. Captagon kann sehr, sehr schnell produziert werden, weil es eine chemische Droge ist - und ist ziemlich günstig. Die Produktion von 200.000 Captagon-Tabletten kostet um die 10.000 Dollar, und dadurch kann man dann einen Gewinn von um die 1,5 Millionen generieren. SPRECHERIN Der größte Captagon-Produzent ist das Nachbarland Syrien. Dort sichert sich Machthaber Bashar al-Assad mit dem Drogengeschäft offenbar die Macht. Die Hisbollah übernimmt Berichten zufolge den Transfer und verschifft die Droge von Beirut aus. Wie hoch die Einnahmen der Hisbollah aus diesen illegalen Geschäften tatsächlich sind, ist unklar. Im Libanon soll das Captagon-Geschäft in den Händen schiitischer Clans sein - zumindest ein Teil der Gewinne landet nach Einschätzung von Experten auch in den Händen der Hisbollah. Es gibt viele Berichte – zum Beispiel aus den USA oder Israel. Im Kern seien diese Berichte wahr, sagen Experten wie Heiko Wimmen. Aber: O-TON 9 Ich denke, man kann, man muss, oder man sollte von dem, was da behauptet wird, öfter mal einiges abziehen, weil eben diese Forschungen oft auch politisch motiviert sind. Aber in der Substanz ist das, denke ich, trotzdem überzeugend. Da gibt es Geldquellen, die ganz klar aus kriminellen Aktivitäten herrühren. SPRECHER Syrien gilt ebenfalls als Unterstützer der Hisbollah. So pflegt Machthaber Assad enge Beziehungen mit Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah. Im syrischen Bürgerkrieg verteidigte die Hisbollah wiederum den Diktator gegen seine rebellierende Bevölkerung und schickte Kämpfer zur Unterstützung. 2013 erklärte Nasrallah in einer Rede, warum sich die Hisbollah in den syrischen Bürgerkrieg einmischte: SPRECHERIN „In aller Deutlichkeit: Syrien ist das Rückgrat des Widerstands gegen Israel. Und der Widerstand kann nicht mit verschränkten Armen dastehen, während sein Rückgrat gebrochen wird. (…) Wenn Syrien fällt, ist Palästina verloren, der palästinensische Widerstand, das Westjordanland, Gaza, das erhabene Jerusalem; wenn Syrien in deren Hände fällt, dann erwartet die Völker und Staaten unserer Region eine harte, schlimme und ungerechte Zukunft.“ MUSIK 4 "I" - Album: Equlirium - Komponist: Peter votava - Ausführende: PRSZR - Länge: 1'30 SPRECHER Die USA setzten die Hisbollah 1997 auf die Liste ausländischer Terrorvereinigungen. Auch Länder wie Kanada und Israel stufen sie als terroristische Organisation ein. In Deutschland gilt seit 2020 ein Betätigungsverbot. Teilweise unterstützt durch den Iran, teilweise durch andere extremistische Gruppierungen soll die Hisbollah für viele Anschläge und Angriffe verantwortlich oder zumindest in sie verstrickt gewesen sein. So wurden zum Beispiel 1983 Selbstmordattentate auf die US-Botschaft und das Hauptquartier der US-Marines in Beirut sowie auf den Standort des französischen Kontingents einer multinationalen Friedenstruppe verübt. Dabei waren insgesamt rund 360 Menschen getötet worden. Auch für Anschläge in Paris 1985 und 1986 mit 13 Toten ist Beobachtern zufolge die Hisbollah verantwortlich. 1994 starben bei dem Bombenanschlag auf ein jüdisches Gemeindezentrum in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires 85 Menschen. 2005 soll ein Kommando der Hisbollah einen Sprengstoffanschlag in Beirut verübt haben. Dabei wurden der frühere libanesische Premierminister Rafik Hariri und 21 weitere Menschen getötet. SPRECHERIN Nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel blickte die Welt gebannt auf die Reaktion der Hisbollah. Seit Beginn des Krieges im Gazastreifen liefert sich die Miliz immer wieder einen Schlagabtausch mit israelischen Streitkräften. Die Intensität der Gefechte nahm dabei zu. MUSIK 5 H. Scott Salinas - Komponist: A Private War (Original Motion Picture Soundtrack) - Ausführender und Komponist: H. Scott Salinas - Länge: 0'37 SPRECHER Angesichts der Kämpfe im Grenzgebiet sind bis Juni 2024 nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration mehr als 92.000 Libanesinnen und Libanesen aus der Region geflohen. Auch in der Grenzregion auf der israelischen Seite gab es im Juli 2024 rund 100.000 Binnenflüchtlinge. Die Sorge vor einem weiteren regionalen Krieg im Nahen Osten wächst. Die meisten Menschen im Libanon wollen, dass ihr Land nicht in den Krieg hineingezogen wird. Nach einer Umfrage von Statistics Lebanon vom Oktober 2023 sind 73 Prozent der Menschen dafür, sich beim Krieg gegen Israel herauszuhalten. Kein Wunder: Lange Zeit galt der Libanon als „Schweiz des Nahen Ostens“ - doch davon ist nichts mehr übrig. Die politische Instabilität, eine hohe Inflation und Arbeitslosigkeit sowie Korruption führen dazu, dass immer mehr Menschen verarmen. Der Zusammenbruch wird von der Weltbank zu den drei schwersten Wirtschaftskrisen seit Mitte des 19. Jahrhunderts gezählt. SPRECHERIN Bis zum Sommer 2024 versuchte die Hisbollah eine komplette Eskalation zu vermeiden. Dies könnte sich allerdings zum Problem für die Organisation entwickeln, denn damit könnte das Narrativ vom Kampf gegen Israel und seinem Verbündeten, den USA, langfristig unglaubwürdig werden. Das Potential der Hisbollah ist jedenfalls enorm. Sollte sich der Konflikt dennoch ausweiten, hätte dies dramatische Folgen. Heiko Wimmen: O-TON 10 Und wir haben hier natürlich einen Gegner mit Hisbollah, der ein ganz anderes Kaliber hat, in einem Land operiert, wo er eine offene Grenze zu einem Hinterland hat, sprich Syrien, wo Verbündete, eben der Iran, ungehinderten Zugang hat, um Hisbollah mit Nachschub zu versorgen – im Gegensatz zur Hamas, der Gazastreifen ist ja abgeriegelt von allen Seiten. Das sieht hier ganz anders aus. SPRECHER Die Hisbollah gilt nämlich als deutlich stärker und schlagkräftiger als die Hamas. O-TON 11 Wir wissen natürlich längst nicht alles, aber was wir wissen, ist erschreckend genug. (…) Der Generalsekretär Hassan Nasrallah hat vor nicht langer Zeit eine Zahl von 100.000 Kämpfern in die Debatte geworfen. Da ist sicherlich (…) recht viel Propaganda dabei. Aber Schätzungen gehen schon davon aus 20.000, 30.000 Kämpfer mögen sie schon haben. Es mag möglich sein, noch deutlich mehr zu mobilisieren, wenn das notwendig ist. SPRECHERIN Deutlich wichtiger als die Zahl der Kämpfer ist das Waffenarsenal. In Berichten taucht immer wieder die Zahl von 130.000 Raketen auf. Die Hisbollah gilt damit als bestgerüstete, nichtstaatliche, bewaffnete Organisation des Nahen Ostens. Bente Scheller von der Heinrich-Böll-Stiftung: O-TON 12 Was bekannt ist, ist, dass die Hisbollah sehr viel weitreichendere Raketen mittlerweile hat, dass eben auch klar ist, aus weiter entfernten Landesteilen wie eben der Beeka-Ebene, die an der syrischen Grenze im Osten des Landes liegt, auch von dort aus ist es möglicherweise erreichbar, israelische Städte bis Tel Aviv auch zu treffen. Also diese Reichweite der Raketen, über die sie verfügt, deutet darauf hin, dass die Hisbollah eine wirkliche Bedrohung auch sein kann für Zivilist:innen in Israel, genau im Herzland. MUSIK 6 "Herzan" - Ausführender: Soap Kills - Album: Golden Beirut - New Sounds from Lebanon - Länge: 0'35 SPRECHER Die Hisbollah setzt im Libanon ihre Interessen durch. Aber anders als die iranischen Führer ist die Hisbollah, die einst von Revolutionswächtern gegründet wurde, in alltäglichen Fragen eher pragmatisch. Bente Scheller: O-TON 13 Sie greift (…) nicht gegen alles durch. Sie hat auch gelernt, sie kann nicht bestimmte Dinge in der Bevölkerung durchsetzen, die dort eigentlich nicht toleriert sind. Also Alkoholverbot zum Beispiel, hat sie versucht, ist damit nicht durchgekommen. Oder an Stränden sich eben so zu kleiden, dass es nach den starken Vorgaben des Iran oder der Hisbollah-Lesart, wie Frauen sich kleiden sollten, genehm ist. Damit ist sie auch nicht durchgekommen. Da ist sie dann auch nicht so ideologisch, dass sie versucht, es durchzusetzen, sondern sie ist eigentlich in vielerlei Hinsicht außerordentlich pragmatisch - sehr rücksichtslos, wenn sie ihre Interessen verteidigen will, aber nicht, dass sie jedes Interesse auf Biegen und Brechen umsetzt. SPRECHERIN Auch wenn Kritiker der Hisbollah in sozialen Medien oft als „Agenten Israels“ diffamiert werden, bis zu einem gewissen Grad toleriert die Hisbollah Widerspruch. Wo allerdings die rote Linie verläuft, ist oft nicht vorhersehbar. O-TON 14 Im Libanon ist einfach sehr viel möglich. Das ist kritisch. Aber es ist nicht so, dass es systematisch verfolgt wird. Da muss man darauf gefasst sein, dass es passiert, weil es willkürlich ist, wo dann eben tatsächlich Grenzen gezogen werden. Bei manchen ist es ganz klar, dass hier die Hisbollah versucht, ein Zeichen zu setzen. Das sind insbesondere die drastischen politischen Morde. Die Hisbollah gibt es nicht zu, dass sie es war. Sie übernimmt keine Verantwortung dafür. Aber gerade vor einigen Jahren wurde ja ihr prominentester Kritiker Lokman Slim umgebracht. Da ist schon sehr klar: in dem Gebiet, in dem das geschehen ist, trägt es die Handschrift der Hisbollah, wäre gegen sie nicht möglich und das ist natürlich dann sehr drastisch. SPRECHER Der säkulare Schiit Lokman Slim wurde 2021 tot in einem Mietwagen im Südlibanon gefunden – mit mehreren Kopfschüssen. Er war Filmemacher, Publizist, Politikaktivist und viele Jahre der schärfste Kritiker der Hisbollah. Heiko Wimmen: O-TON 15 Da wollte offensichtlich jemand klarmachen, das war eine Hinrichtung und kein Selbstmord. (…) Wie immer im Libanon bei politischen Verbrechen, konnte natürlich der Täter nie festgestellt werden. Die Familie von Herrn Slim und alle, die ihm politisch nahestehen, sind davon überzeugt, dass Hisbollah diese Hinrichtung vorgenommen hat. Da gibt es (…)sehr viele Anzeichen, dass das wahrscheinlich so stimmt. (…)Und das ist tatsächlich (…) wirklich ein Aspekt, der sehr bedenklich ist, dass man eben als Kritiker sich sozusagen jahrelang betätigen kann und nichts passiert. Und dann, in einem Moment, wo sich die Partei unter Druck fühlt, (…) fällt irgendwo eine Entscheidung, dass jetzt ein Exempel statuiert wird. MUSIK 7 "Dafa" - Mitwirkende: Andre Hajj & Ensemble - Album: Instrumental Music from Lebanon - Amaken - Länge: 0'23 SPRECHERIN So schwierig es für Kritiker ist, die rote Linien zu erkennen, so schwierig ist es, die Grenzen zwischen den verschiedenen Tätigkeitsfeldern zu ziehen. Die Hisbollah selbst stellt sich gerne als Wohlfahrtsorganisation dar, verweist auf soziale Projekte und Einrichtungen, sagt der in Beirut lebende Politologe Dominik Hamm. O-TON 16 Es gibt viele Krankenhäuser, manche der besten Krankenhäuser im Land wurden durch die Hisbollah gebaut und geführt, die Hisbollah baut Moscheen, Schulen, Community Centers. SPRECHER Von diesen Einrichtungen profitieren nicht nur Schiiten, sondern auch viele andere Konfessionen in dem Land mit seinen rund sechs Millionen Einwohnern. Die Hisbollah ist inzwischen eine Art Staat im Staat: Sie kümmert sich örtlich um die Trinkwasserversorgung und die Müllabfuhr. Es gibt Apotheken, Banken und Wechselstuben, die der Gruppierung zugerechnet werden. Außerdem besitzt die Hisbollah Immobilien, verkauft Strom und Öl. Sie ist auch für viele Menschen Arbeitgeber – und zwar einer, der er sich leisten kann, Mitarbeiter auch in Dollar und nicht in libanesischen Pfund zu bezahlen. Über Dienstleistungen, Hilfen und Jobs versucht die Organisation, die Menschen für sich zu gewinnen und an sich zu binden. Ein ganzer Informationsstab kümmert sich zugleich um die Öffentlichkeits- und Pressearbeit: Mit Plakaten, Flugblättern, einer eigenen Website, über soziale Medien, Zeitungen, Radiosender und den Fernsehsender „Al Manar“ nimmt die Hisbollah Einfluss auf die öffentliche Meinung. Musik 8 "Rawak" - Mitwirkender: Ziyad Sahhab - Album: Golden Beirut - New Sounds from Lebanon - Länge: 0'24 SPRECHERIN Außerdem ist die Hisbollah seit 1992 als politische Partei in der Nationalversammlung und war in mehreren Kabinetten der libanesischen Regierung vertreten. Anfang 2024 hatte die Partei 13 von 128 Sitzen im Parlament. MUSIK 9 "Dafa" - Mitwirkende: Andre Hajj & Ensemble - Album: Instrumental Music from Lebanon - Amaken - Länge: 0'22 SPRECHER Egal, ob man die Hisbollah als Partei, Miliz, soziale Bewegung, Widerstandsbewegung, Terrororganisation oder kriminelle Vereinigung sieht, sie ist ein wichtiger Machtfaktor im Libanon und tatsächlich viele Dinge in einem, sagt Bente Scheller: O-TON 17 Die einzelnen Gruppen kann man so, glaube ich, gar nicht voneinander trennen. Das ist auch bewusst so angelegt, so möchte es die Hisbollah. Sie möchte als ein Akteur wirken, damit man da auch nicht Keile dazwischen treiben kann. Das macht es aber natürlich auch schwierig, von außerhalb das gut handzuhaben. (…) Kann man sie auf Sanktionslisten setzen? Kann man einen Kompromiss finden, indem man sagt, sie hat einen bewaffneten Arm, während eigentlich die Hisbollah so gar nicht denkt? Das ist wirklich schwierig, damit umzugehen, und sehr wichtig aber zu verstehen, dass sie all diese Komponenten erfüllt und damit weitaus mehr als nur eine terroristische Organisation ist.
- Der Thunfisch - Bedrohter Jäger der Meere
09.10.2024 · 23 Min.
Thunfische sind die bedrohten Tiger der Meere. Der Mensch mit seinen zerstörerischen Fangmethoden und die zunehmende Umweltverschmutzung sind die größte Bedrohung dieser Fische. Forscher haben nun mehr über das Verhalten der Tiere herausgefunden. Wie kann ein internationales Management aussehen, das den Thunfisch rettet? Von Marko Pauli (BR 2021) Credits Autor dieser Folge: Marko Pauli Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Andreas Neumann, Caroline Ebner, Diana Gaul Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Rainer Froese, Fischereiwissenschaftler und Meeresbiologe am Geomar Helmholtz-Zentrum für Meeresforschung Kiel; Laurenne Schiller, Wissenschaftlerin für Meeresschutz, Halifax, Kanada; Sandra Schöttner, Meeresbiologin und Meeresschutzexpertin bei Greenpeace Diese hörenswerte Folge von Radiowissen könnte Sie auch interessieren: Überfischung - Wenn das Meer leer wird HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Hopfen – Die Geschichte der aromatischen Dolden
09.10.2024 · 23 Min.
Die Landschaft der Hallertau wird geprägt von Hopfengärten mit ihren acht Meter hohen Rankgerüsten. Es ist vielen Innovationen und dem technischen Geschick der Hopfenbauern zu verdanken, dass die Hallertau heute das größte Hopfenanbaugebiet der Welt ist. Von Renate Ell Credits Autorin dieser Folge: Renate Ell Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Caroline Ebner, Frank Heilbach Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Christoph Pinzl, Direktor des Deutschen Hopfenmuseums, Wolnzach Walter König, Geschäftsführer des Bayeri-schen Brauerbundes und der Gesellschaft für Hopfenforschung Hans Schreier, Hopfenpflanzer, Pfaffenhofen an der Ilm Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Wein in Altbayern - Eine fast verschwundene Tradition HIER Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Linktipps: Hopfen aus der Hallertau - Film von 1964 in der ARD-Mediathek (alpha retro) Bitterstoff - Blog des Deutschen Hopfenmuseums in Wolnzach Publikationen des Deutschen Hopfenmuseums, u.a. "Die Hopfenregion. Hopfenanbau in der Hallertau - Eine Kulturgeschichte" von Christoph Pinzl Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN So ein Hopfengerüst ist ein massives Bauwerk: Viele mächtige Holzsäulen. In sieben Metern Höhe: waagerechte Drähte. Und von dort nach unten: senkrechte Drähte, um die sich die Hopfenranken winden. Sie sprießen jedes Jahr aufs Neue aus ihren Wurzelstöcken, die bis zu 50 Jahre alt werden. Im zeitigen Frühjahr hat der Hopfenpflanzer Hans Schreier in Pfaffenhofen an der Ilm die Wurzelstöcke beschnitten, um das Wachstum anzuregen. Und dann geht es ganz schnell. (1. ZUSP.) HANS SCHREIER In dem Augenblick, wo wir Temperaturen um die 20 Grad oder auch 25 Grad bekommen, dann kann der ganz viel und teilweise pro Tag 20, 30 Zentimeter Wachstum vorlegen, und dann hast Du innerhalb weniger Tage eine Pflanze, die dann eigentlich unbedingt Hilfe braucht – das sind dann mehrere Triebe, die man dann an die Drähte anleitet. ERZÄHLERIN Deshalb gehen im April Helferinnen und Helfer von Pflanze zu Pflanze und winden ausgewählte Ranken um die Drähte. (2. ZUSP.) HANS SCHREIER Wenn man das versäumt, oder das Personal nicht zur Verfügung steht, dann hat man Mehrarbeit, weil er dann eigentlich schon zu weit ist, und dann muss man das mit viel mehr Aufwand bewältigen. ERZÄHLERIN Auch heute verlangt der Hopfen noch viel Handarbeit. Bis Maschinen wenigstens die schwersten Arbeiten übernehmen, bis Drahtgerüste die Hallertauer Landschaft prägen: Das ist eine Geschichte von Krisen und Innovationen. MUSIK ELECTROCHEMICAL (LÄNGE: 0´28´´) UNTER: ERZÄHLERIN Seit Bier gebraut wird, braucht man dafür Hopfen – zunächst vor allem um es frisch zu halten, denn Hopfen wirkt anti-bakteriell. Und seit dem Reinheitsgebot von 1516 ist Hopfen auch das einzig erlaubte Gewürz. Ursprünglich wird Hopfen praktisch überall auf kleinen Flächen für den lokalen Brauerei-Bedarf angebaut, sagt Christoph Pinzl, Direktor des Deutschen Hopfenmuseums in Wolnzach. (3. ZUSP.) CHRISTOPH PINZL Es gibt ein paar so Inseln, die etwas mehr machen, ein bisschen über-regionaler arbeiten, die Hallertau ist bis ins achtzehnte Jahrhundert auf alle Fälle kein Hopfenanbaugebiet. Es gibt Hopfen, vielleicht gibt es auch ein bisschen mehr als anderswo, aber als Anbaugebiet, da wäre ich sehr vorsichtig. MUSIK M MASSIVE_1193_008_THE TICK-TOCK OF TIME_LARS KURZ (LÄNGE: 0´42´´) UNTER: ERZÄHLERIN Im 19. Jahrhundert ändert sich Entscheidendes. Der kleinräumige Anbau für den lokalen Bedarf war das Metier von Großgrundbesitzern und dem Bürgertum, ein Nebenverdienst für Ärzte und Lehrer. Einfache Bauern hingegen sind zur so genannten Dreifelderwirtschaft verpflichtet, dem Wechsel einjähriger Kulturen auf den Äckern – die sie auch nur gepachtet haben. Erst als sie ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts ihren eigenen Grund nach eigenen Plänen bewirtschaften können, wird der Hopfen für sie interessant. Weil sie ohne den Zwang der Dreifelderwirtschaft eine mehrjährige Kultur anbauen können. Und weil sie selbst Zugang zum Markt bekommen. [[(4. ZUSP.) CHRISTOPH PINZL Hopfen esse ich nicht selber auf. Das bringt mir direkt gar nichts, ich brauche einen Markt, und diesen Markt muss ich beliefern dürfen, so wie ich das meine.]] M MASSIVE_1193_006_THE TICK-TOCK OF TIME_LARS KURZ (LÄNGE: 0´55´´) UNTER: ERZÄHLERIN Der Markt ist da: Die Bevölkerung nimmt zu, in Bayern von 1816 bis 1870 um mehr als ein Drittel. Und immer mehr Menschen wollen Bier trinken. Damit ist der Weg geebnet für den lukrativen, großflächigen Anbau. Aber kaum kommt der in Schwung, gibt es auch schon die erste Krise: Hölzerne Hopfenstangen, die ursprüngliche Rankhilfe, werden knapp und entsprechend teuer. Zwar gibt es schon lange Ideen für Gerüste mit Schnur oder Draht als Rankhilfe. Aber die Bauern sind zunächst skeptisch gegenüber diesen Experimenten von Großgrundbesitzern und Gelehrten. Die Hallertauer Hopfenbauern entwickeln lieber ihr eigenes, so genanntes Bock-Gerüst. Dafür brauchen sie zwar auch viel Holz. Die nötigen Bauteile können sie aber, anders als die extralangen Hopfenstangen, aus dem eigenen Wald holen und selbst zusammennageln. Statt teure Baumaterialien einzukaufen. (5. ZUSP.) CHRISTOPH PINZL Eigentlich zwar schon ein modernes Gerüst, auf der anderen Seite relativ unpraktisch, weil es mit sehr viel Querstangen aufgebaut hat werden müssen, und gerade die alten Hopfenbauern haben mir immer beschrieben, wie gefährlich das auch war. ERZÄHLERIN Bauern stürzen beim Zusammenbau von der hohen Leiter, verletzen sich schwer, sogar tödlich. Querstangen fallen herunter und erschlagen Erntehelfer. (6. ZUSP.) CHRISTOPH PINZL Aber man hat so versucht, da den richtigen Durchschlupf zu finden. Man war modern, aber nicht ganz modern. Ich behauptet, das ist auch mit ein Geheim¬nis der Hallertau. So ein bissel diese Eigensinnigkeit, diese Eigenständigkeit schon bewahren, aber irgendwo merken: Ab einem gewissen Punkt muss ich jetzt mitmachen. [[ERZÄHLERIN TEILKÜRZUNGEN MÖGLICH, VORLETZTE KÜRZUNG Ein wichtiges Vorbild ist ein Hof, den eine englische Hopfen-Handelsfirma in den 1860er-Jahren kauft und dort mit modernsten Techniken arbeitet. (7. ZUSP.) CHRISTOPH PINZL Wir wissen auch, dass die Leute da in Scharen hin gepilgert sind und sich das anschauen. [[ERZÄHLERIN So stehen in der Hallertau bis 1930 überall Drahtgerüste. Fränkische Hopfenbauern verwenden noch in den 1950er-Jahren Hopfenstangen – ihr Anbaugebiet wird dann immer kleiner.]] MUSIK MASSIVE_1182_009_FORCED FLOATATION_MANUEL LOOS; LARS KURZ (LÄNGE: 1´03´´) UNTER: ERZÄHLERIN Parallel zu den Gerüsten werden auch die Werkzeuge nach und nach moderner. Vor allem das Frühjahr ist ursprünglich geprägt von schwerster Handarbeit. Erst befreit man die Hopfenstöcke mit einer primitiven „Hopfenhaue“ vom Frostschutz aus Erde – da werden Tonnenlasten bewegt. Auch von Frauen. Mit dem Aufkommen der Gerüste stehen die Stöcke weiter auseinander, und Hallertauer Schmiede entwickeln extra schmale Pflüge, sodass Ochsen oder Pferde die Last übernehmen können. Solche lokalen Innovationen sind im Hopfenbau die einzige Möglichkeit zur Modernisierung, denn der Markt dieser speziellen Kultur ist viel zu klein für überregionale Firmen. Manche Bauern tüfteln auch selbst, bauen sich eigene Werkzeuge, um sich ihre harte Arbeit zu erleichtern. Dem stehen aber nicht selten Traditionen entgegen. Davon erzählt einer der alten Hopfenbauern, geboren 1919, die Christoph Pinzl für sein Buch „Die Hopfenregion“ interviewt hat: M ZITATE: DRAMEDY EN MINIATURE (E) (LÄNGE: 0´40´´) UNTER: (8. ZUSP.) ZITATOR (Pinzl: Die Hopfenregion, S. 144) Die meisten Bauern haben gesagt, der Hopfenstock darf nicht geschnitten werden, der verblutet. Jetzt hast‘ alles mit den Händen auszupfen müssen. Da hast‘ arbeiten müssen wie ein Verrückter, damit du beim Ausputzen mitkommst. […] Hände haben wir gehabt wie von Teer. Kohlrabenschwarz. Das hat Monate gedauert, bis du das Zeug wieder weggebracht hast. […] Also, der Hopfenstock ist ja behandelt worden, als wie ein Diamant. ERZÄHLERIN Moderne Drahtanlagen, neue Geräte, bald auch erste, extra schmale Schlepper – der Hopfenanbau wird effizienter, und belegt immer mehr Fläche in der Hallertau. Es geht voran MUSIK SOFDU UNGA (LÄNGE: 0´30´´) UNTER: – und dann kommt die fast vernichtende Krise der 1920er-Jahre: Hopfenpflanzen verfärben sich rötlich, werden welk, sterben ab. Die Ursache ist ein Pilz namens „Peronospora“. Der Ertrag sinkt auf ein Viertel der üblichen Menge. Brauerbund und Hopfenhandels-Verband gründen 1926 in Wolnzach die Gesellschaft für Hopfenforschung; Walter König ist heute ihr Geschäftsführer. (9. ZUSP.) WALTER KÖNIG Die Gründung der Gesellschaft führt darauf zurück, dass die Brauwirtschaft, weil sie ans Reinheitsgebot gebunden ist, Angst hatte keinen Hopfen mehr zu bekommen. ERZÄHLERIN Man erprobt Gegenmaßnahmen und berät die Bauern, die jetzt erstmals mit Pflanzenschutzmitteln hantieren. (10. ZUSP.) WALTER KÖNIG [[Man damals, wenn man Bilder heute betrachtet von früher, überhaupt nicht auf Schutzmaßnahmen der Person geachtet,]] die sind da drin gestanden mit der kurzen Hose ohne Atem-Maske und haben zwar den Hopfen gespritzt, aber sich selber sicherlich auch mit geschädigt. ERZÄHLERIN Christoph Pinzl zitiert in seinem Buch die Erinnerung eines Hopfenbauern an die ersten Erfahrungen mit der Chemie: M ZITATE: DRAMEDY EN MINIATURE (E) (LÄNGE: 0´15´´) UNTER: (11. ZUSP.) ZITATOR (Pinzl: Die Hopfenregion, S. 160) Gespritzt hat man mit Kupferkalk Wacker und mit Kupfervitriol. Das war sauber giftig. Wenn du das länger als eine Stunde in einem Kübel gehabt hast, dann war der durch. Das hast du nur im Holzfass machen dürfen. ERZÄHLERIN Der Pflanzenschutz fordert auch Investitionen. Kleine tragbare „Buckel-Spritzen“ oder „Schubkarren-Spritzen“ bringen nur mit Mühe genug Druck auf, um die Spritzbrühe mehrere Meter hoch an die Hopfenreben zu befördern. Also braucht man eine Maschine. (12. ZUSP.) CHRISTOPH PINZL Und wenn du eine vernünftige gekauft hast, dann waren das schon wieder 2000 Mark. Das ist extrem viel Geld in der Zeit - ERZÄHLERIN In der Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg, mit beginnender Wirtschaftskrise. MUSIK ELECTROCHEMICAL (LÄNGE: 1´06´´) UNTER: Doch nun ist die Hopfenversorgung wieder gesichert, und im Sommer leuchten die Blüten hellgrün zwischen dem dunklen Laub. Dolden werden sie genannt, was botanisch nicht korrekt ist. Sie erinnern an winzige Tannenzapfen, drei, vier Zentimeter lang, mit versetzt übereinanderliegenden Blättchen. Sie verbergen die Quelle für den aromatischen Duft reifer Hopfendolden. (13. ZUSP.) WALTER KÖNIG Das ist das Lupulin, das sind goldgelbe, kleine Kristallkügelchen, die beinhalten eben die wichtigen Stoffe, das ist die Bittersäure, die das Bier bitter macht, und es sind die Hopfenöle, die dieses markante florale Hopfenaroma ins Bier bringen, was in diesen Lupulin-Körnern drin ist. ERZÄHLERIN Von der sieben Meter hoch rankenden Pflanze mit ihrem dichten Blattwerk braucht man also nur den allerkleinsten Teil: dieses Pulver in den Hopfendolden, das Lupulin. Und deshalb ist die Ernte so aufwändig: Die Dolden müssen vom Rest getrennt werden. M LUISE (LÄNGE: 0´35´´) UNTER: Mit der zunehmenden Anbaufläche sind die Landwirte seit Ende des 19. Jahrhunderts für dieses „Hopfen-Zupfen“ auf Hilfe von außen angewiesen. Für drei Wochen ab Mitte August herrscht Ausnahmezustand: In Spitzenzeiten kommen bis zu 150.000 Erntehelfer in die Hallertau – mehr als dort wohnen. Es sind Wanderarbeiter, die anderswo bei der Getreide- oder Kartoffelernte helfen. Oder Menschen aus dem Bayerischen Wald, die einen Zuverdienst gut brauchen können. (14. ZUSP.) CHRISTOPH PINZL Wir haben schon die Schilderungen gerade auch noch um die Jahrhundert¬wende, bis zum Ersten Weltkrieg, da ging es schon auch rund, also nicht nur immer lustig rund, sondern auch viele Streitereien bis hin zu Mord und Totschlag, M LUISE (LÄNGE: 0´56´´) UNTER: ERZÄHLERIN Denn es kommen sehr viele Menschen auf sehr engem Raum zusammen, schlafen in Wirtshaussälen oder Scheunen. Legendär sind allerdings eher die Erzählungen von fröhlichem Beisammensein am Abend – (das folgende leicht anzüglich betonen) und manchmal auch in der Nacht. Die Helfer brauchen einen Ausgleich für die Akkordarbeit: Tag für Tag die Dolden von den rauen Pflanzen zupfen, ohne Handschuhe, die die Fingerfertigkeit behindern würden, ohne helfende Gerätschaften. Am Abend gibt es vielleicht Schweinefett für die geschundenen Finger. Und dann: kommt der letzte Tag der Ernte. (15. Zusp.) Christoph Pinzl Da ist sozusagen Abschlussfeier, das Hopfenmahl, da kann jeder essen und trinken, was er will, [[und essen und trinken war sehr wichtig lange Zeit für alle Beteiligten,]] das Geld wird ausbezahlt, [[ich habe jetzt sozusagen knapp drei Wochen gearbeitet, jetzt kriege ich erst Geld, und kriege richtig Geld auf die Hand,]] alle sind glücklich, alle zufrieden, und das nehmen die mit nach Hause. ERZÄHLERIN In den schwierigen 1920er-Jahren kommen auch Arbeitslose aus den Gro߬städten, während des Zweiten Weltkriegs werden Schüler und Mitglieder der Hitlerjugend oder des Bundes Deutscher Mädel zwangsverpflichtet – sie schaffen aber nicht so viel wie geübte Hopfen-Zupfer. Nach Kriegsende helfen Flüchtlinge bei der Ernte. Viele Frauen bringen ihre Kinder mit, es herrscht eine freundlich-familiäre Stimmung. Aber bald ist kaum noch jemand auf den Lohn für drei Wochen mühselige Arbeit wirklich angewiesen. Und schließlich ist auch der Zuverdienst kein ausreichender Anreiz mehr. Die nächste Krise in der Hallertau: Die Hopfendolden sind reif, aber kaum jemand ist da, um sie zu ernten. Und diesmal ist die Lösung eine in jeder Hinsicht gewaltige Innovation: 1955 kommt die erste Hopfen-Pflückmaschine in die Hallertau, aus England. Jetzt reißen Finger aus Metall die Dolden ab – nur ein paar Helfer müssen dem furchteinflößenden stählernen Monstrum die Hopfenreben zuführen. 60-tausend Mark kostet die Maschine, so viel wie zwei Einfamilienhäuser in München. Dazu braucht man eine Halle – die Maschine ist 25 Meter lang, acht Meter hoch. Einer der Hopfenbauern, die Christoph Pinzl interviewt hat, erinnert sich: M ZITATE: DRAMEDY EN MINIATURE (C) (LÄNGE: 0´12´´) UNTER: (16. ZUSP.) ZITATOR (Pinzl: Die Hopfenregion; S. 234) Seitdem, dass die Hopfenzupfmaschine auf dem Hof ist, kommst Du aus den Schulden nicht mehr raus. Weil die Rösser sind früher immer nachgewachsen. ERZÄHLERIN Die unvermeidliche Investition in neue Technik lohnt sich nur für größere Mengen, deshalb geben kleinere Höfe den Anbau auf. Ende der 50er-Jahre gab es knapp 8000 [[Hopfen-Betriebe]] in der Hallertau, zur Jahrtausendwende noch knapp 1600 – derzeit gut 800. MUSIK ELEKTROCHEMICAL (LÄNGE: 1´36´´) UNTER: ERZÄHLERIN Auf das Hopfenzupfen folgt der diffizilste Arbeitsschritt des Hopfenanbaus: Die frisch gezupften Hopfendolden müssen getrocknet werden. Ursprünglich einfach auf Dachböden oder auch in der Sonne – aber das tut dem Lupulin nicht gut. Also entstehen so genannte Hopfen-Darren – hohe Gebäude, an denen man einen Hopfen-Hof bis heute erkennt. Nirgendwo entwickelt sich die Trockentechnik so schnell wie in der Hallertau. Weil man sich die neuen Gebäude leisten kann. Und auch weil ein Wolnzacher Zimmerer-Meister ab 1896 die so genannte Hallertauer Darre baut. Das Prinzip ist, in zeitgemäßer Form, bis heute aktuell: Unten steht ein Ofen, heiße Luft wird durch Metallrohe nach oben geleitet. Auf mehreren Ebenen liegen die Hopfendolden in flachen Kästen, so genannte Horden, anfangs auch auf Leintuch. Die frischen Dolden liegen zunächst ganz oben, werden nach einer Weile auf die nächst-tiefere Ebene umgeschüttet und kommen schließlich perfekt getrocknet unten an. [[Wenn nichts schief geht – noch heute gehen jedes Jahr in der Hallertau zwei, drei Hopfendarren samt Ernte in Flammen auf; früher, mit Holz- oder Brikettfeuerung, passierte das noch häufiger.]] Weil der Wassergehalt entscheidend ist für die Qualität des Hopfens, überwacht der Hopfenbauer persönlich den Trockenvorgang. Aber mit der Hopfenzupf-Maschine gerät der gewohnte Ablauf der Ernte aus den Fugen. (17. ZUSP.) CHRISTOPH PINZL Diese Pflückmaschine macht natürlich in ein paar Stunden das, was vorher die Hopfenzupfer in drei Wochen gemacht haben. Tagsüber schafft es die Darre gar nicht, die ist viel zu klein ERZÄHLERIN Also wird rund um die Uhr getrocknet – und die Bauern müssen ständig ihre Darre überwachen. Einer von ihnen erzählte Christoph Pinzl im Interview, dass er einmal in 15 Tagen nur elf Stunden geschlafen habe. Ein anderer erinnert sich an einen Trick seines Schwiegervaters: M ZITATE: DRAMEDY EN MINIATURE (D) (LÄNGE: 0´12´´) UNTER: (18. ZUSP.) ZITATOR (Pinzl: Die Hopfenregion; S. 252) Der hat ein Holzscheit genommen und ein Brett, hat das Holzscheit hingestellt und das Brett drauf, und da hat er sich draufgesetzt. Und wenn er eingeschlafen ist, dann ist er runtergefallen. ERZÄHLERIN Heute sind die Hopfendarren groß genug, und elektronische Messfühler registrieren den Wassergehalt. Aber für den Hopfenpflanzer Hans Schreier aus Pfaffenhofen gilt bis heute: (19. ZUSP.) HANS SCHREIER Die letzte Entscheidung treffe auch ich immer noch durch visuelles Begutachten von den Hopfendolden und auch mit den Fingern. Weil: Die ganze Technik, gutes Hilfsmittel, kann einen aber auch täuschen, und dann hast‘ ein Problem. ERZÄHLERIN Erfahrung und Geschick sind auch entscheidend für den letzten Schritt im Hopfenanbau: den Verkauf. Es beginnt das „Hopfen-Roulette“. (20. ZUSP.) CHRISTOPH PINZL LEZTE KÜRZUNG Du hast da deine Ernte, alles bestens, aber du weißt überhaupt nicht, was du dafür bekommst. [[Und das entscheidet sich auf irgendeinem anonymen, eigentlich Weltmarkt mit diesen Händlern mit den Bierbrauern, und alle versuchen, ein gutes Geschäft zu machen, und zum Teil haben sie enorme Geschäfte machen können, aber auch alles verlieren können.]] Das ist auf der einen Seite sehr belastend. Aber faszinierend, ein bisschen wie Glücksspiel halt. ERZÄHLERIN Schlage ich zu früh ein, warte ich zu lange? Beides ist riskant. M FRICTION 8 (LÄNGE: 0´45´´) UNTER: Um stets über die Marktpreise auf dem Laufenden zu sein, nutzen Hopfenbauern schon im 19. Jahrhundert die modernsten Informationstechnologien. In Geisenfeld mit seinen damals rund 2000 Einwohnern sollen im Jahr 1879 von September bis Dezember rund 2200 Telegramme das örtliche Telegrafenamt durchlaufen haben. Wenn nicht gerade jemand die Telegrafenleitungen durchgeschnitten hatte – angeblich im Auftrag von Hopfenhändlern. Und schon wenige Jahre nachdem in Berlin die ersten Telefonate geführt wurden, gibt es in der Hallertau sehr viel mehr Telefone als in anderen ländlichen Gegenden. MUSIK WEG ERZÄHLERIN Der Hopfen verlässt den Hof, die Hallertau, Bayern – im Lauf des 20. Jahrhunderts auch zunehmend Deutschland und Europa. Seit 1967 ist die Hallertau das größte Hopfenanbaugebiet der Welt, mit kleinen Unterbrechungen, berichtet Walter König, Geschäftsführer der Gesellschaft für Hopfenforschung. Rund 80 Prozent der Ernte wird exportiert. (21. ZUSP.) WALTER KÖNIG Wir produzieren hier gut ein Drittel der Welt-Hopfen-Bedarfsmenge; in den USA sind jetzt aufgrund des Abflauens des Craft-Bier Marktes über 2000 Hektar Hopfen aus der Produktion genommen worden, es ist immer so ein kleines Kopf-an-Kopf-Rennen. Jetzt hat die Hallertau wieder den Kopf vorne. ERZÄHLERIN Mit mehr als 17-tausend Hektar Anbaufläche. Craft-Bier, also: handwerklich gebrautes Bier, kommt ab den 1970er-Jahren in den USA auf. [[Als Gegenpol zu den Standard-Biersorten der wenigen großen Brauereien, die die Prohibition der 1920er-Jahre überlebt hatten. Tausende kleine Brauereien entstehen dort – und die Craft-Bier-Welle schwappt auch nach Europa.]] Mit der Beliebtheit des neuen Bier-Stils steigt der Hopfen-Bedarf. (22. ZUSP.) WALTER KÖNIG Die Brauer nutzen natürlich den Hopfen sehr gut aus, man nennt das die Hopfenausbeute, Hopfen ist teuer. Für ein Helles oder Pils, wie wir es hier kennen, werden ungefähr 120 bis 200 Gramm Hopfen für hundert Liter eingesetzt, in der Craft-Bier-Szene verwendet man in der Regel acht- bis zehnmal so viel Hopfen, da wird schon mal mit einem Kilo oder mehr pro hundert Liter gearbeitet. MUSIK ELEKTROCHEMICAL (LÄNGE: 0´26´´) UNTER: ERZÄHLERIN Weil Aromahopfen deutlich weniger Bitterstoffe enthält, die jedes Bier braucht. Mit dem Craft-Bier-Boom nimmt auch die Vielfalt der Hopfen-Sorten zu. Ursprünglich gibt es einerseits Bitterhopfen, dessen Lupulin-Körner vor allem Bitterstoffe enthalten, andererseits Aromahopfen, bei dem das Hopfen-Öl die Hauptrolle spielt. (23. ZUSP.) WALTER KÖNIG Und mittlerweile gibt es auch eine dritte Kategorie das sind die speziellen Aromasorten, die man im Laufe der Craft-Bier-Bewegung gezüchtet hat, und die Aroma-Varianten nach Zitrus, tropischen Früchten, schwarze Johannisbeere und so weiter ins Bier bringen, wenn man sie im Brauprozess dementsprechend einsetzt. ERZÄHLERIN Nach dem Craft-Bier mit seiner besonderen Wertschätzung des Hopfens ist die jüngste Entwicklung wieder eine Krise – die aber nicht nur den Hopfenanbau trifft. In immer mehr Hopfengärten sind Kästen mit Steuerungsgeräten installiert, und am Boden liegen Schläuche. Auch bei Hans Schreier. In regelmäßigen Abständen breitet sich ein feuchter Fleck auf dem Boden aus. (24. ZUSP.) HANS SCHREIER Wir dürfen über die Tropfbewässerung, über die Schläuche pro Jahr 1000 Kubikmeter Wasser ausbringen, also man kann 100 Liter Niederschlag ersetzen. Wenn man bedenkt, dass man bei uns in der Gegend einen Jahresniederschlag von 700 Liter, 750 Liter idealerweise hätte, dann ist 100 gar nicht so viel. ERZÄHLERIN Entscheidend ist die Versorgung im Juni, Juli und August. Mit der Tropf-Bewässerung landet das Wasser direkt an den so genannten Sommerwurzeln: Feine weiße Fäden in den obersten Zentimetern des Bodens. Noch dazu ist das Wasser in den Schläuchen mit Nährstoffen angereichert. (25. ZUSP.) HANS SCHREIER Das ist, wie wenn ein Mensch eine Infusion kriegt, man kann dann ohne Verluste sehr gezielt die Pflanze, sage ich mal, füttern, und somit auch zum guten Ergebnis beitragen. MUSIK SOFDU UNGA (LÄNGE: 0´34´´) UNTER: ERZÄHLERIN In Dürrejahren wie 2018, 2019 ist der Klimawandel existenzbedrohend – für Betriebe, die keine Bewässerungsanlage haben. Der Hallertauer Hopfenpflanzer-Verband möchte deshalb Wasser aus der Donau ableiten, wenn die Pegel hoch sind, und für den Sommer speichern, damit noch mehr Hopfengärten bewässert werden können; derzeit reichen die Genehmigungen nur für 20 Prozent. Gleichzeitig werden auch klima-stabile Sorten gezüchtet, mit besonders vielen, tief reichenden Wurzeln. ERZÄHLERIN Es ist wie immer in der Geschichte des Hallertauer Hopfenanbaus: wieder eine Krise, wieder wird sie bewältigt: Mit Innovationen und Investitionen. Mit neuer Technik und mit Tüftelei. Der Hopfenanbau ist so speziell, der Umfang im Vergleich zur restlichen Landwirtschaft so klein, dass die Hopfenpflanzer auf sich selbst gestellt sind, um Krisen zu bewältigen – unterstützt von der Brauwirtschaft. Denn die ist auf den Hopfen angewiesen. Deshalb werden die sieben Meter hohen Rank-Gerüste auch weiter die Landschaft der Hallertau prägen, dem größten Hopfenanbau-Gebiet der Welt.