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Hisbollah - Schiitische Partei und militante Gruppierung

10.10.2024 · 23 Min.

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Über diese Folge

Die Hisbollah ("Partei Gottes") ist politische Kraft und Miliz im Libanon. Entstanden ist sie aus einer Bewegung von Schiiten, die sich nicht ausreichend vertreten fühlte, doch schon lange hat es die Hisbollah in die libanesische Nationalversammlung geschafft. Sie kämpft politisch, aber auch militärisch gegen Israel. Von manchen Staaten wird sie als Widerstandsbewegung, von anderen als Terrororganisation angesehen. Von Claudia Steiner

Credits
Autorin dieser Folge: Claudia Steiner
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Berenike Beschle, Andreas Neumann
Technik: Tim Höfer
Redaktion: Thomas Morawetz

Im Interview:
Dominik Hamm, Politik- und Wirtschaftswissenschaftler,  Fakultät für Politikwissenschaften der Holy Spirit Universität, Beirut.
Bente Scheller, Leiterin des Referats Nahost und Nordafrika der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin.
Heiko Wimmen, International Crisis Group, Beirut.  

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Literatur:

Manuel Samir Sakmani, Der Weg der Hisbollah, Klaus Schwarz Verlag 

Imad Mustafa, Der politische Islam – Zwischen Muslimbrüdern, Hamas und Hizbollah, ProMedia 

Linktipps:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/israel-libanon-krieg-100.html

https://dserver.bundestag.de/btd/19/296/1929678.pdf

https://www.kas.de/de/laenderberichte/detail/-/content/parlamentswahlen-im-libanon-lehren-und-entwicklungsszenarien

https://embassies.gov.il/berlin/AboutIsrael/the-middle-east/naherostendokumente/DieHisbollah.pdf

https://www.rosalux.de/news/id/52178/der-alleingang-der-hisbollah-im-libanon

https://taz.de/Reaktionen-aus-dem-Libanon/!5965842/

https://www.bpb.de/themen/kriege-konflikte/dossier-kriege-konflikte/54644/libanon/#footnote-reference-1

https://www.boell.de/de/2023/11/20/hisbollah-verstolpert-in-der-eigenen-propaganda

 https://www.swr.de/swrkultur/wissen/captagon-aus-syrien-wie-das-drogengeschaeft-assad-stuetzt-swr2-wissen-2024-02-05-102.html

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

SPRECHER/SPRECHERIN ABWECHSELND

Militärische Miliz, Widerstandsbewegung, politische Partei, Wohlfahrtsorganisation, Unternehmen, kriminelle Vereinigung, Drogenkartell, Terrororganisation. 

SPRECHERIN

So unterschiedlich die Fremd- und Eigenbezeichnungen auch klingen mögen, sie alle stehen für eine Gruppierung: die libanesische Hisbollah, die „Partei Gottes“. 

SPRECHER

Wer die Entstehung der Hisbollah im Libanon verstehen möchte, muss sich mit dem Nahost-Konflikt, der Islamischen Revolution im Iran und der demografischen Zusammensetzung des Libanon befassen. 

MUSIK 2

Titel: " موسى صام" - Mitwirkende: Lebanese Maronite Order & Antoine Tahan - Album: تراتيل الآلام والقيامة - Komponist: الأب يوسف الخوري & الليتورجيا المارونيّة - Länge: 0'44

SPRECHERIN

18 Religionsgemeinschaften sind im Libanon offiziell anerkannt, darunter Maroniten, griechisch-orthodoxe, griechisch-katholische, protestantische und armenische Christen, Sunniten, Schiiten, Drusen und Aleviten. Diese heterogene Zusammensetzung der Bevölkerung sorgte bereits vor, aber auch nach der Unabhängigkeit 1943 immer wieder für Konflikte und Krieg. Traditionell lebten die verschiedenen Konfessionen in unterschiedlichen Regionen des Landes - Maroniten zum Beispiel in den Bergen, griechisch-orthodoxe Christen an der Küste, Schiiten im südlichen Libanon. 

O-TON 1 

Die Schiiten waren (…) die Minderheit. Und so waren sie nicht nur politisch benachteiligt, sondern auch ökonomisch, sozial immer diejenigen, die schlechter gestellt sind als die meisten anderen und gegenüber den dominanteren Konfessionen, den christlichen Maroniten und den Sunniten.

SPRECHER

…sagt Bente Scheller. Die Politikwissenschaftlerin leitet das Referat Nahost und Nordafrika der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin. Die verschiedenen Religionsgruppen hatten sich darauf geeinigt, Staatsämter nach einem Proporzsystem aufzuteilen. Grundlage dafür war eine Volkszählung aus dem Jahr 1932. Doch dieses System sorgte nicht für einen echten gesellschaftlichen Ausgleich: Tatsächlich waren christliche Clans am reichsten, Schiiten häufig verarmt. Die Schiiten begehrten mehr und mehr auf sagt Heiko Wimmen. Der Nahost-Experte arbeitet für die International Crisis Group, einer Nichtregierungsorganisation, in Beirut: 

O-TON 2 

Dann gab es eine (…) Mobilisierung der schiitischen Unterschicht, (…) die haben sich politisiert.

SPRECHERIN

Besonders Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre kamen zahlreiche palästinensische Flüchtlinge in den Libanon, auch immer mehr Kämpfer der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO. Die Zahl der Muslime wuchs und damit auch die Konflikte zwischen den verschiedenen Konfessionen. Ab 1975 tobte ein blutiger Bürgerkrieg in dem Land, das an Israel und Syrien grenzt. Bente Scheller:  

O-TON 3 

Dann ist auch Israel interveniert, weil aus dem Libanon heraus Israel angegriffen wurde, im Wesentlichen damals durch die PLO. Es ist dann aber dazu gekommen, dass es Israel gelungen ist, die PLO zu vertreiben. Und im Zuge dessen hat sich die Hisbollah gegründet, als eine Widerstandsbewegung gegen die damit einhergehende israelische Besetzung des Südlibanons.

  SPRECHER

1978 fand die erste israelische Invasion des Libanon statt, 1982 rückten israelische Truppen bis Beirut vor. Und ab 1982 formierte sich die Hisbollah. Ihr Ziel: Die israelischen Truppen aus dem Libanon zu vertreiben. Drei Jahre später zog sich die israelische Armee aus dem Land zurück. Sie hielt aus Sicherheitsgründen aber das Grenzgebiet im Süden weiter besetzt. Erst im Jahr 2000 dann der komplette Truppenabzug. Der Rückzug des israelischen Militärs, das als Besatzer angesehen wurde, verschaffte der Hisbollah - auch über Konfessionsgrenzen hinweg – Ansehen und Anerkennung. 

MUSIK 3

"Yâ Dâèm / O Eternal" - Album: Anthology of Iranian Rhythms - Volume 2 / Daf (mystical Drum), Dayré & Zang-e Saringôshti - Künstler und Komponist: Madjid Khaladj - Länge: 

SPRECHERIN

Unterstützt in ihrem Kampf gegen Israel wurde die Hisbollah von Anfang an aus Teheran. Im Iran fand 1979 die Iranische Revolution statt. Nach Massendemonstrationen wurde Schah Mohammed Reza Pahlavi gestürzt. Er floh nach Ägypten. Ayatollah Khomeini kehrte aus dem französischen Exil zurück und rief die Islamische Republik aus. Die Mullahs wollten die Revolution auch in andere schiitische Gesellschaften exportieren – mit Erfolg. Befeuert durch die Revolution wuchs auch unter Schiiten im Libanon ein politisch-religiöses Bewusstsein. Bis heute gehört das iranische Regime zur größten Stütze der Hisbollah. 

SPRECHER

Die Hisbollah kontrolliert im Libanon wichtige Infrastruktur wie den Hafen und Flughafen von Beirut. Dies erleichtert Transaktionen mit Teheran, sagt Dominik Hamm. Der Politik- und Wirtschaftswissenschaftler lehrt an der Fakultät für Politikwissenschaften der Holy Spirit Universität in Beirut und forscht unter anderem zum Thema Terrorfinanzierung. 

O-TON 4 neu 

Sie verwalten den Flughafen, aber nicht wie eine Flughafengesellschaft, sondern, dass man mal eine Nachricht bekommt, diese und jene Person aus diesem Flugzeug, die wird nicht kontrolliert, wenn die hier ankommen. 

SPRECHERIN

Experten gehen jedoch davon aus, dass durch die internationalen Sanktionen gegen den Iran und der Wirtschaftskrise die finanziellen Hilfen an die Hisbollah inzwischen zurückgegangen sind, so Heiko Wimmen. 

O-TON 5 

Aber die Unterstützung ist sicherlich nach wie vor ganz wichtig, ganz substanziell, gerade auch eben was die militärische Ausrüstung angeht. Das heißt, Waffen, die geliefert werden, das heißt militärisches Training im Iran und dergleichen mehr. 

SPRECHER

Offiziell finanziert sich die Hisbollah durch Spenden. Auch in Deutschland wird Geld für die Hisbollah gesammelt. In einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion aus dem Jahr 2021 hieß es: 

SPRECHERIN

„Die Anhänger der „Hizb Allah“ pflegen in Deutschland den organisatorischen und ideologischen Zusammenhalt unter anderem in örtlichen Moscheevereinen, die sich in erster Linie aus Spendengeldern finanzieren. Darüber hinaus nutzt die „Hizb Allah“ Deutschland als Rückzugs- und Rekrutierungsraum sowie für Beschaffungs- und Spendensammelaktivitäten.“ 

SPRECHER

2023 ging das Bundesamt für Verfassungsschutz von einem Personenpotenzial von 1.250 Menschen in Deutschland aus. Die Hisbollah ist aber nicht nur in Deutschland aktiv – sie verfügt unter anderem auch in Südamerika, Kanada, den USA, Australien, Südostasien und Afrika über Netzwerke. So haben zum Beispiel in Westafrika viele Menschen aus dem Libanon Firmen aufgebaut. Heiko Wimmen: 

O-TON 6 

Da ist dann nicht immer klar zu unterscheiden: (…) Ist das Unterstützung, die freiwillig geleistet wird? Ist das eine Besteuerung dieser Diaspora-Gemeinschaften, die also mit (…) Druck erfolgt, kann man nicht beurteilen. All das ist natürlich nach europäischer Darstellung, amerikanischer Darstellung Finanzierung von Terrorismus. Aus der Sicht der Menschen, die da in der Diaspora leben, ist es vielleicht die Unterstützung eines politischen Akteurs oder eines politischen Projekts, das sie unterstützen. 

SPRECHERIN

Denn die Hisbollah besteht eben nicht nur aus einer Miliz, sondern ist auch eine politische Partei, doch dazu später mehr. Außerdem soll die Hisbollah in Afrika im Diamantenhandel aktiv sein, Geldwäsche und Drogenhandel betreiben. Die Nahost-Expertin Bente Scheller: 

O-TON 7 

Durch ihre internationalen Netzwerke hat sie sehr viele Möglichkeiten, auch unternehmerisch tätig zu sein. Und das sind legale Geschäfte. Aber es sind eben auch Drogengeschäfte, Waffengeschäfte und andere Schmuggelgeschäfte, bei denen klar ist: sie hat hier genügend Möglichkeiten, auch selbst ein Einkommen zu haben. Das ist immer wichtiger geworden. Und deswegen greift es auch zu kurz zu sagen, wenn wir dem Iran die Gelder abschneiden, dann ist auch die Hisbollah am Ende kaltgestellt. Das ist sie nicht. Dafür ist sie zu gut vernetzt.

SPRECHER

Beispiel Drogenhandel: So wird seit langem in der Bekaa-Ebene im Osten des Libanon Cannabis angebaut. Doch aufgrund der Wirtschaftskrise und Veränderungen auf dem Drogenmarkt bringt dieses Geschäft nicht mehr so viel ein wie früher. Viel lukrativer ist inzwischen der Handel mit Captagon, sagt Dominik Hamm. Die synthetische Droge ist ein süchtig machendes Aufputschmittel. 

O-TON 8  

Es ist eine sehr, sehr hohe Nachfrage vor allen Dingen in den Golfstaaten, Saudi-Arabien, aber mittlerweile auch mehr in Europa. Captagon kann sehr, sehr schnell produziert werden, weil es eine chemische Droge ist - und ist ziemlich günstig. Die Produktion von 200.000 Captagon-Tabletten kostet um die 10.000 Dollar, und dadurch kann man dann einen Gewinn von um die 1,5 Millionen generieren. 

SPRECHERIN

Der größte Captagon-Produzent ist das Nachbarland Syrien. Dort sichert sich Machthaber Bashar al-Assad mit dem Drogengeschäft offenbar die Macht. Die Hisbollah übernimmt Berichten zufolge den Transfer und verschifft die Droge von Beirut aus. Wie hoch die Einnahmen der Hisbollah aus diesen illegalen Geschäften tatsächlich sind, ist unklar. Im Libanon soll das Captagon-Geschäft in den Händen schiitischer Clans sein - zumindest ein Teil der Gewinne landet nach Einschätzung von Experten auch in den Händen der Hisbollah. Es gibt viele Berichte – zum Beispiel aus den USA oder Israel. Im Kern seien diese Berichte wahr, sagen Experten wie Heiko Wimmen. Aber:  

O-TON 9 

Ich denke, man kann, man muss, oder man sollte von dem, was da behauptet wird, öfter mal einiges abziehen, weil eben diese Forschungen oft auch politisch motiviert sind. Aber in der Substanz ist das, denke ich, trotzdem überzeugend. Da gibt es Geldquellen, die ganz klar aus kriminellen Aktivitäten herrühren. 

SPRECHER

Syrien gilt ebenfalls als Unterstützer der Hisbollah. So pflegt Machthaber Assad enge Beziehungen mit Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah. Im syrischen Bürgerkrieg verteidigte die Hisbollah wiederum den Diktator gegen seine rebellierende Bevölkerung und schickte Kämpfer zur Unterstützung. 2013 erklärte Nasrallah in einer Rede, warum sich die Hisbollah in den syrischen Bürgerkrieg einmischte: 

SPRECHERIN

„In aller Deutlichkeit: Syrien ist das Rückgrat des Widerstands gegen Israel. Und der Widerstand kann nicht mit verschränkten Armen dastehen, während sein Rückgrat gebrochen wird. (…) Wenn Syrien fällt, ist Palästina verloren, der palästinensische Widerstand, das Westjordanland, Gaza, das erhabene Jerusalem; wenn Syrien in deren Hände fällt, dann erwartet die Völker und Staaten unserer Region eine harte, schlimme und ungerechte Zukunft.“ 

MUSIK 4

"I" - Album: Equlirium - Komponist: Peter votava - Ausführende: PRSZR - Länge: 1'30  

SPRECHER

Die USA setzten die Hisbollah 1997 auf die Liste ausländischer Terrorvereinigungen. Auch Länder wie Kanada und Israel stufen sie als terroristische Organisation ein. In Deutschland gilt seit 2020 ein Betätigungsverbot. Teilweise unterstützt durch den Iran, teilweise durch andere extremistische Gruppierungen soll die Hisbollah für viele Anschläge und Angriffe verantwortlich oder zumindest in sie verstrickt gewesen sein. So wurden zum Beispiel 1983 Selbstmordattentate auf die US-Botschaft und das Hauptquartier der US-Marines in Beirut sowie auf den Standort des französischen Kontingents einer multinationalen Friedenstruppe verübt. Dabei waren insgesamt rund 360 Menschen getötet worden. Auch für Anschläge in Paris 1985 und 1986 mit 13 Toten ist Beobachtern zufolge die Hisbollah verantwortlich. 1994 starben bei dem Bombenanschlag auf ein jüdisches Gemeindezentrum in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires 85 Menschen. 2005 soll ein Kommando der Hisbollah einen Sprengstoffanschlag in Beirut verübt haben. Dabei wurden der frühere libanesische Premierminister Rafik Hariri und 21 weitere Menschen getötet. 

SPRECHERIN

Nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel blickte die Welt gebannt auf die Reaktion der Hisbollah. Seit Beginn des Krieges im Gazastreifen liefert sich die Miliz immer wieder einen Schlagabtausch mit israelischen Streitkräften. Die Intensität der Gefechte nahm dabei zu. 

MUSIK 5

H. Scott Salinas - Komponist: A Private War (Original Motion Picture Soundtrack) - Ausführender und Komponist: H. Scott Salinas - Länge: 0'37

SPRECHER

Angesichts der Kämpfe im Grenzgebiet sind bis Juni 2024 nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration mehr als 92.000 Libanesinnen und Libanesen aus der Region geflohen. Auch in der Grenzregion auf der israelischen Seite gab es im Juli 2024 rund 100.000 Binnenflüchtlinge. Die Sorge vor einem weiteren regionalen Krieg im Nahen Osten wächst.

Die meisten Menschen im Libanon wollen, dass ihr Land nicht in den Krieg hineingezogen wird. Nach einer Umfrage von Statistics Lebanon vom Oktober 2023 sind 73 Prozent der Menschen dafür, sich beim Krieg gegen Israel herauszuhalten. Kein Wunder: Lange Zeit galt der Libanon als „Schweiz des Nahen Ostens“ - doch davon ist nichts mehr übrig. Die politische Instabilität, eine hohe Inflation und Arbeitslosigkeit sowie Korruption führen dazu, dass immer mehr Menschen verarmen. Der Zusammenbruch wird von der Weltbank zu den drei schwersten Wirtschaftskrisen seit Mitte des 19. Jahrhunderts gezählt. 

SPRECHERIN

Bis zum Sommer 2024 versuchte die Hisbollah eine komplette Eskalation zu vermeiden. Dies könnte sich allerdings zum Problem für die Organisation entwickeln, denn damit könnte das Narrativ vom Kampf gegen Israel und seinem Verbündeten, den USA, langfristig unglaubwürdig werden. Das Potential der Hisbollah ist jedenfalls enorm. Sollte sich der Konflikt dennoch ausweiten, hätte dies dramatische Folgen. Heiko Wimmen: 

O-TON 10 

Und wir haben hier natürlich einen Gegner mit Hisbollah, der ein ganz anderes Kaliber hat, in einem Land operiert, wo er eine offene Grenze zu einem Hinterland hat, sprich Syrien, wo Verbündete, eben der Iran, ungehinderten Zugang hat, um Hisbollah mit Nachschub zu versorgen – im Gegensatz zur Hamas, der Gazastreifen ist ja abgeriegelt von allen Seiten. Das sieht hier ganz anders aus. 

SPRECHER

Die Hisbollah gilt nämlich als deutlich stärker und schlagkräftiger als die Hamas. 

O-TON 11 

Wir wissen natürlich längst nicht alles, aber was wir wissen, ist erschreckend genug. (…) Der Generalsekretär Hassan Nasrallah hat vor nicht langer Zeit eine Zahl von 100.000 Kämpfern in die Debatte geworfen. Da ist sicherlich (…) recht viel Propaganda dabei. Aber Schätzungen gehen schon davon aus 20.000, 30.000 Kämpfer mögen sie schon haben. Es mag möglich sein, noch deutlich mehr zu mobilisieren, wenn das notwendig ist.

SPRECHERIN

Deutlich wichtiger als die Zahl der Kämpfer ist das Waffenarsenal. In Berichten taucht immer wieder die Zahl von 130.000 Raketen auf. Die Hisbollah gilt damit als bestgerüstete, nichtstaatliche, bewaffnete Organisation des Nahen Ostens. Bente Scheller von der Heinrich-Böll-Stiftung: 

O-TON 12 

Was bekannt ist, ist, dass die Hisbollah sehr viel weitreichendere Raketen mittlerweile hat, dass eben auch klar ist, aus weiter entfernten Landesteilen wie eben der Beeka-Ebene, die an der syrischen Grenze im Osten des Landes liegt, auch von dort aus ist es möglicherweise erreichbar, israelische Städte bis Tel Aviv auch zu treffen. Also diese Reichweite der Raketen, über die sie verfügt, deutet darauf hin, dass die Hisbollah eine wirkliche Bedrohung auch sein kann für Zivilist:innen in Israel, genau im Herzland.

MUSIK 6

"Herzan" - Ausführender: Soap Kills - Album: Golden Beirut - New Sounds from Lebanon - Länge: 0'35

SPRECHER

Die Hisbollah setzt im Libanon ihre Interessen durch. Aber anders als die iranischen Führer ist die Hisbollah, die einst von Revolutionswächtern gegründet wurde, in alltäglichen Fragen eher pragmatisch. Bente Scheller: 

O-TON 13 

Sie greift (…) nicht gegen alles durch. Sie hat auch gelernt, sie kann nicht bestimmte Dinge in der Bevölkerung durchsetzen, die dort eigentlich nicht toleriert sind. Also Alkoholverbot zum Beispiel, hat sie versucht, ist damit nicht durchgekommen. Oder an Stränden sich eben so zu kleiden, dass es nach den starken Vorgaben des Iran oder der Hisbollah-Lesart, wie Frauen sich kleiden sollten, genehm ist. Damit ist sie auch nicht durchgekommen. Da ist sie dann auch nicht so ideologisch, dass sie versucht, es durchzusetzen, sondern sie ist eigentlich in vielerlei Hinsicht außerordentlich pragmatisch - sehr rücksichtslos, wenn sie ihre Interessen verteidigen will, aber nicht, dass sie jedes Interesse auf Biegen und Brechen umsetzt.

SPRECHERIN

Auch wenn Kritiker der Hisbollah in sozialen Medien oft als „Agenten Israels“ diffamiert werden, bis zu einem gewissen Grad toleriert die Hisbollah Widerspruch. Wo allerdings die rote Linie verläuft, ist oft nicht vorhersehbar. 

O-TON 14 

Im Libanon ist einfach sehr viel möglich. Das ist kritisch. Aber es ist nicht so, dass es systematisch verfolgt wird. Da muss man darauf gefasst sein, dass es passiert, weil es willkürlich ist, wo dann eben tatsächlich Grenzen gezogen werden. Bei manchen ist es ganz klar, dass hier die Hisbollah versucht, ein Zeichen zu setzen. Das sind insbesondere die drastischen politischen Morde. Die Hisbollah gibt es nicht zu, dass sie es war. Sie übernimmt keine Verantwortung dafür. Aber gerade vor einigen Jahren wurde ja ihr prominentester Kritiker Lokman Slim umgebracht. Da ist schon sehr klar: in dem Gebiet, in dem das geschehen ist, trägt es die Handschrift der Hisbollah, wäre gegen sie nicht möglich und das ist natürlich dann sehr drastisch. 

SPRECHER

Der säkulare Schiit Lokman Slim wurde 2021 tot in einem Mietwagen im Südlibanon gefunden – mit mehreren Kopfschüssen. Er war Filmemacher, Publizist, Politikaktivist und viele Jahre der schärfste Kritiker der Hisbollah. Heiko Wimmen: 

O-TON 15 

Da wollte offensichtlich jemand klarmachen, das war eine Hinrichtung und kein Selbstmord. (…) Wie immer im Libanon bei politischen Verbrechen, konnte natürlich der Täter nie festgestellt werden. Die Familie von Herrn Slim und alle, die ihm politisch nahestehen, sind davon überzeugt, dass Hisbollah diese Hinrichtung vorgenommen hat. Da gibt es (…)sehr viele Anzeichen, dass das wahrscheinlich so stimmt. (…)Und das ist tatsächlich (…) wirklich ein Aspekt, der sehr bedenklich ist, dass man eben als Kritiker sich sozusagen jahrelang betätigen kann und nichts passiert. Und dann, in einem Moment, wo sich die Partei unter Druck fühlt, (…) fällt irgendwo eine Entscheidung, dass jetzt ein Exempel statuiert wird.

MUSIK 7

"Dafa" - Mitwirkende: Andre Hajj & Ensemble - Album: Instrumental Music from Lebanon - Amaken - Länge: 0'23

SPRECHERIN

So schwierig es für Kritiker ist, die rote Linien zu erkennen, so schwierig ist es, die Grenzen zwischen den verschiedenen Tätigkeitsfeldern zu ziehen. Die Hisbollah selbst stellt sich gerne als Wohlfahrtsorganisation dar, verweist auf soziale Projekte und Einrichtungen, sagt der in Beirut lebende Politologe Dominik Hamm.  

O-TON 16 

Es gibt viele Krankenhäuser, manche der besten Krankenhäuser im Land wurden durch die Hisbollah gebaut und geführt, die Hisbollah baut Moscheen, Schulen, Community Centers. 

SPRECHER

Von diesen Einrichtungen profitieren nicht nur Schiiten, sondern auch viele andere Konfessionen in dem Land mit seinen rund sechs Millionen Einwohnern. Die Hisbollah ist inzwischen eine Art Staat im Staat: Sie kümmert sich örtlich um die Trinkwasserversorgung und die Müllabfuhr. Es gibt Apotheken, Banken und Wechselstuben, die der Gruppierung zugerechnet werden. Außerdem besitzt die Hisbollah Immobilien, verkauft Strom und Öl. Sie ist auch für viele Menschen Arbeitgeber – und zwar einer, der er sich leisten kann, Mitarbeiter auch in Dollar und nicht in libanesischen Pfund zu bezahlen. Über Dienstleistungen, Hilfen und Jobs versucht die Organisation, die Menschen für sich zu gewinnen und an sich zu binden. Ein ganzer Informationsstab kümmert sich zugleich um die Öffentlichkeits- und Pressearbeit: Mit Plakaten, Flugblättern, einer eigenen Website, über soziale Medien, Zeitungen, Radiosender und den Fernsehsender „Al Manar“ nimmt die Hisbollah Einfluss auf die öffentliche Meinung. 

Musik 8

"Rawak" - Mitwirkender: Ziyad Sahhab - Album: Golden Beirut - New Sounds from Lebanon - Länge: 0'24

SPRECHERIN

Außerdem ist die Hisbollah seit 1992 als politische Partei in der Nationalversammlung und war in mehreren Kabinetten der libanesischen Regierung vertreten. Anfang 2024 hatte die Partei 13 von 128 Sitzen im Parlament. 

MUSIK 9

"Dafa" - Mitwirkende: Andre Hajj & Ensemble - Album: Instrumental Music from Lebanon - Amaken - Länge: 0'22

SPRECHER

Egal, ob man die Hisbollah als Partei, Miliz, soziale Bewegung, Widerstandsbewegung, Terrororganisation oder kriminelle Vereinigung sieht, sie ist ein wichtiger Machtfaktor im Libanon und tatsächlich viele Dinge in einem, sagt Bente Scheller:  

O-TON 17 

Die einzelnen Gruppen kann man so, glaube ich, gar nicht voneinander trennen. Das ist auch bewusst so angelegt, so möchte es die Hisbollah. Sie möchte als ein Akteur wirken, damit man da auch nicht Keile dazwischen treiben kann. Das macht es aber natürlich auch schwierig, von außerhalb das gut handzuhaben. (…) Kann man sie auf Sanktionslisten setzen? Kann man einen Kompromiss finden, indem man sagt, sie hat einen bewaffneten Arm, während eigentlich die Hisbollah so gar nicht denkt? Das ist wirklich schwierig, damit umzugehen, und sehr wichtig aber zu verstehen, dass sie all diese Komponenten erfüllt und damit weitaus mehr als nur eine terroristische Organisation ist. 


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ZSP 4 Bied zwei Formen 0,20 Die sogenannte weiße Magie, die eben dazu da ist, anderen Leuten zu helfen, sich selber zu helfen, Krankheiten zu heilen oder sich selber zu schützen. Da fallen eben auch Amulette rein, die Unheil abwenden sollen. Das andere ist die schwarze Magie, die eben dazu da ist, anderen Leuten seinen Willen aufzuzwingen, anderen Leuten zu schaden, Rache zu üben, solche Dinge. Musik: School of wizards 0‘38 Erzähler Zur schwarzen, also bösen Magie wird übrigens auch der Liebeszauber gerechnet, weil er das Opfer manipulieren und um seinen freien Willen bringen will. Die magische Trennlinie zwischen schwarz und weiß lässt sich freilich nicht immer scharf ziehen. Auch wenn es seit alters versucht wird. Im 18. Jahrhundert vor Christus zum Beispiel, im Codex Hammurabi. Diese berühmten Sammlungen von Rechtssprüchen aus dem antiken Mesopotamien regelten alle möglichen Aspekte des Lebens. Auch Zauberei und magische Praktiken. Erzählerin Wenn etwa jemandem vorgeworfen wurde, er habe sich schwarz-magischer Methoden bedient, um einem anderen zu schaden. Der Beschuldigte wurde vor Gericht gestellt und musste in einen Fluss springen. Ging er unter und ertrank, dann war er schuldig. Das Haus des ertrunkenen Schwarzmagiers bekam sein Kontrahent. Ging aber der Beschuldigte nicht unter, dann galt er als unschuldig. Und sein Ankläger wurde hingerichtet. Erzähler Mit heutigen Rechtsvorstellungen ist dieses Verfahren nicht in Einklang zu bringen. Der Zweck des Verfahrens aber wird deutlich, sagt Josefine Biedinger: Zauberei und verbotene schwarz-magische Praktiken sollten verhindert werden. ZSP 5 Bied alltäglich 0,22 Wo aber auch gleichzeitig klar wird, dass andere Formen von Magie erlaubt sind. Also dass Magie einfach etwas sehr Alltägliches war für den Menschen. Wir kennen aus dem mesopotamischen Raum zum Beispiel auch ein Hexenabwehrritual, das benutzt wurde, um den Fluch einer Hexe von sich abzuwenden. Also auch da wieder der Schutz vor schwarzer Magie. Also diese Angst war sehr reell für die Leute, die zu dem Zeitpunkt gelebt haben. Musik: Historic secrets 0‘48 Erzählerin Und keineswegs nur damals. Denn Ängste gibt es zu allen Zeiten, in allen Kulturen. Zum Beispiel die Angst vor Wiedergängern, die – auf unnatürliche Weise ums Leben gekommen – weiter als Untote auf der Welt herumspuken. Oder die Angst vorm bösen Blick. Als „Fenster der Seele“, sagt man, sei das menschliche Auge besonders empfänglich für missgünstige, unheilbringende, neidvolle Blicke. Die gelte es abzuwehren, etwa mit vulgären Gesten wie der Ficus-Geste, bei der der Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger geklemmt wird. Erzähler Vor bösen Blicken schützen angeblich auch die Darstellungen von Augen. Schon die alten Ägypter malten sie auf den Bug ihrer Schiffe, damit diese wieder heil in den Hafen zurückkehrten. Solche Augen sind heutzutage noch an modernen Kreuzfahrtschiffen zu sehen. Auch „Magie-to-go“ war stets sehr beliebt: Objekte, die man sich um den Hals hängt, damit sie vor bösen Blicken schützen – Augenamulette etwa oder Phallus-Amulette. ZSP 6 Bied Talisman 0,21 Das Amulett schützt mich vor Dingen, der Talisman dagegen soll mir Glück bringen. Also das eine wehrt etwas ab und das andere führt etwas herbei. Die können beide aus allem Möglichen hergestellt sein. Das kann zum Beispiel auch eine Hasenpfote sein. Es muss eine Bedeutung haben für mich als Person. Und diese Bedeutung kann natürlich daher kommen, dass ich denke, dass das Material irgendwie besonders ist. Das muss aber nicht so sein. Erzählerin Manchen Gegenständen wird besondere Schutzkraft nachgesagt. Dem Georgs-Taler zum Beispiel, der bei Soldaten sehr gefragt war. Denn so eine Münze mit dem Abbild des heiligen Georg soll einst im Dreißigjährigen Krieg einem sächsischen Offizier das Leben gerettet haben: die tödliche Gewehrkugel war in der Münze steckengeblieben. Erzähler Der perfekte Glücksbringer fürs Schlachtengetümmel also. Genau in die andere Richtung sollten die Täfelchen aus Blei wirken, die in der römischen Antike gern zum Einsatz kamen. Gegner aller Art, sei es im Sport, vor Gericht oder im Geschäftsleben, wurden mit solchen Täfelchen verflucht. Musik: Archaic power 0‘40 Erzählerin Zum Beispiel ein gewisser Artemios, der als Wagenlenker der blauen Circus-Partei in Rom um 400 nach Christus lebte. Mit herkömmlichen Methoden war dem erfolgreichen Rennfahrer der Sieg offenbar nicht streitig zu machen. Deshalb rief ein missgünstiger Rivale die Göttinnen und Dämonen gegen Artemios an, Zitator: „dass er kopflos, fußlos, kraftlos ist mit den Pferden der Blauen.“ Erzähler Auch Bayern kommt in der Magie-Ausstellung von Halle nicht zu kurz. Am Beispiel von Wetterkerzen, wie sie heutzutage noch in den Devotionalien-Läden bayerischer Wallfahrtsorte zum Kauf angeboten werden. Solche geweihten Kerzen sollen vor Sturm, Hagel und Blitzschlag schützen. Obwohl Blitzableiter und Elementarversicherung längst erfunden sind. Musik: Perchten-Tanz 0‘43 Erzählerin Ebenfalls aus Bayern, nämlich dem oberbayerischen Kirchseeon, stammen Bilder von zeitgenössischen Perchtenmasken. Mit solchen Holzmasken ziehen junge Männer bei traditionellen Perchtenläufen durch die Straßen, um lärmend die bösen Geister des Winters zu vertreiben. Eine Tradition heidnischen Ursprungs, die lange Zeit von der Kirche verboten war. Erzähler Denn solche frei vagabundierenden magischen Praktiken, die potenziell jeder ausüben kann, benötigen keinen festen Glauben an eine Religion. Sie brauchen auch keine Götter und keine Priester. Was Kirchenoberen natürlich nicht gefallen kann. Andererseits sind Magie und Religion immer schon eng miteinander verbunden gewesen, sagt Josefine Biedinger. ZSP 7 Bied Magiegötter 0,20 Man kann gerade in den alten Kulturen Magie nicht hundertprozentig von Religion trennen, weil es in den frühen Wüstenkulturen, die Magie praktiziert haben, spezifische Götter gab. Also die Hekate bei den Griechen, den Tod bei den Ägyptern, die Mesopotamier hatten gleich mehrere Magiegötter. Also es gab immer jemanden, der irgendwie dafür zuständig war. Musik: Archaic secrets 1‘00 Erzählerin Letztlich kommt keine Religion ohne Magie aus. Die Wunder zum Beispiel, die in der katholischen Kirche als ein Kriterium für Heiligsprechung gelten, haben durchaus magische Qualitäten. Offiziell als Wunder anerkannt werden sie aber erst nach sorgfältiger Prüfung durch höchste kirchliche Stellen. Alles andere gilt als Aberglauben und Zauberei. Erzähler Der „Magus“, der „Wissende“ war einst gleichbedeutend mit einem Priester der zoroastrischen Religion im alten Persien. Das Wort Magie wanderte dann durch die Jahrhunderte und wandelte sich. Auch im Neuen Testament ist von einem Magier namens Simon die Rede, der die Menschen mit Zauberei beeindruckte. Wegen seiner Lehren und Praktiken wird Simon oft als erster Häretiker des Christentums bezeichnet. Erzählerin Auch Kirchenväter wie Tertullian, Hieronymus und Augustinus setzten sich kritisch mit Magie auseinander und verurteilten ihre Praktiken. Weil die sich aber nicht völlig ausmerzen ließen, wurden sie mitunter ins Glaubenssystem integriert. Vor allem in der Volksreligion der einfachen Leute gab es kein strenges „Entweder oder“, sagt Josefine Biedinger. ZSP 8 Bied Religion 0,35 Wir haben zum Beispiel diese schöne Münze in der Ausstellung, die auf der einen Seite eine christliche Darstellung hat, nämlich ein Herz mit durchbohrten Händen und Füßen, also mit den Jesus-Malen und auf der anderen Seite aber das Sator-Arepo-Quadrat, also etwas, was im magischen Kontext benutzt wird, wo offensichtlich sich jemand gedacht hat, okay, er geht auf Nummer Sicher und nimmt einfach beides. Musik: Historic secrets (b) 0‘37 Zitator „SATOR AREPO TENET OPERA ROTAS“ Erzähler Seine magische Wirkung entfaltet dieser Sator-Arepo-Spruch, weil er ein Satzpalindrom ist. Man kann ihn vorwärts oder rückwärts lesen, von oben nach unten oder umgekehrt – der Satz lautet immer gleich. Schon in der römischen Antike kam das den Menschen magisch vor. Und so wurde Sator-Arepo zur Schutzformel, die vor Übel aller Art bewahren sollte. Erzählerin Dass dieser Satz nicht einfach zu übersetzen ist, macht ihn noch geheimnisvoller. Manche sehen in Arepo einen Eigennamen, andere lesen den Spruch im Sinne von „Der Schöpfer hält die Werke in Gang". Oder sinngemäß „Man erntet, was man sät“. Erzähler Andere Zauberformeln wie „Hokuspokus“ oder „Abrakadabra“ sind längst sprichwörtlich geworden. Als magisch klingendes Kauderwelsch, das oft auch zur inneren Anwendung gebracht wurde. Nämlich auf sogenannten Schluckzettelchen. Auf die hat man Zaubersprüche geschrieben, danach wurden sie zusammengefaltet und von einem Hilfesuchenden verschluckt. ZSP 9 Bied Schluckzettelchen 0,21 Die Kirche hat das natürlich nicht gerne gesehen, konnte es aber auch nicht einstellen. Und da sieht man die Christianisierung sehr schön, dass es dann eben kein Verbot von Schluckzettelchen gibt, sondern die haben dann einfach ihre eigenen hergestellt mit einem Marienbild drauf. Und dann hat man statt den heidnischen Zaubersprüchen stattdessen die Gottesmutter verschluckt und das hat dann genauso gut verholfen. Also es war dieselbe Tradition, bloß mit neuer Farbe. Musik: White whereever you look 0‘27 Erzählerin Die Menschen früherer Zeiten waren nicht dümmer als wir heute. Sie hatten nur andere Möglichkeiten, Herangehensweisen und Weltanschauungen, um Lösungen für ihre Probleme zu finden. So waren magische Rituale und Praktiken für sie wichtige und durchaus praktische Mittel im Kampf gegen Krankheiten. ZSP 10 Bied Medizin 0,21 Das ganze Medizinische ist ja an einem bestimmten Zeitpunkt auch immer irgendwie mit Magie behaftet, dass sie sagen, ah, okay, jetzt haben mich eben die Götter geheilt und dabei war es eben irgendeine Salbe. Das ist ja schon bis zu einem gewissen Grad fast schon Wissenschaft gewesen. Man musste wissen, wie man diese Salben zusammen mischt, ohne dass man Leute vergiftet oder eine andere Wirkung erzielt. Es war bloß einfach ein magischer Gedanke dahinter. Erzähler Nicht umsonst wurden Magie und Zauberei seit der Antike als „Kunst“ bezeichnet – Kunst im Sinne von Wissenschaft. Auch wenn die „Wissenschaftlichkeit“ dieser „ars magica“ aus heutiger Perspektive zweifelhaft erscheinen mag. Erzählerin Ein berühmtes Beispiel für einen Gelehrten des frühen 16. Jahrhunderts ist Doktor Johann Georg Faust, der in Deutschland viel Aufsehen erregte als Magier, Alchemist, Astrologe und Heiler. Abenteuerliche Legenden rankten sich um diesen Doktor, der schließlich Eingang fand in die große Literatur. Johann Wolfgang von Goethe schuf zu Beginn des 19. Jahrhunderts in „Faust“ eine Figur, die in ihrem Streben nach Wissen auch einen Pakt mit dem Teufel nicht scheute. Musik: Deserted and destroyed 0‘40 Zitator: Drum hab ich mich der Magie ergeben, Ob mir durch Geistes Kraft und Mund Nicht manch Geheimnis würde kund. Erzählerin Seit Ende des 15. Jahrhunderts wurden magische Praktiken rigide bekämpft. Bei den sogenannten Hexenverfolgungen, die ihren Höhepunkt zwischen 1570 und 1630 erlebten, wurden in Europa schätzungsweise 40.000 bis 60.000 Menschen hingerichtet. Vor allem Frauen. Es ist ein trauriges Kapitel europäischer Geschichte, sagt Josefine Biedinger. ZSP 11 Bied Hexen 0,28 Dass man eben alles verfolgt hat, was irgendwie anders ist, vor dem man irgendwie Angst haben kann. Zum Beispiel Wissen, was einem sich selber nicht erschlossen hat. Also letzten Endes ist ja ganz viel von dem, was wir heute unter Magie verstehen, nichts anderes gewesen als sehr altes Wissen. Also zum Beispiel Kräutermedizin, das, was wir jetzt als magische Kräuter bezeichnen, das ist im letzten Ende einfach nur in irgendwelchen diversen Salben benutzt worden. Und das hat man dann natürlich alles verfolgt, einfach weil man es nicht verstanden hat und weil man es auch nicht konkurrierend wollte zum eigenen Glauben. Musik: Ti-Roro drums solo 0‘28 Erzähler Wenn heute von Magie die Rede ist, lässt das Wort Voodoo meist nicht lange auf sich warten. Obwohl man die Voodoo-Religion in Haiti keineswegs auf Magie reduzieren kann, gibt es in ihr Untergruppen, die angeblich heute noch magische Rituale einsetzen. Wie zum Beispiel die Bizango-Geheimgesellschaft. Im großen Eingangsbereich des Landesmuseums von Halle steht eine Installation mit modernen Kunstwerken aus Haiti. Zu sehen sind sieben lebensgroße Bizango-Figuren, eingesperrt in einem Käfig. Jede einzelne hat ihre ganz bestimmte Funktion im magischen Ritual. ZSP 12 Bied Bizango 0,24 Diese Geheimgesellschaft zum Beispiel benutzt angeblich, weil das ist alles nicht belegt, diese Figuren, also die Bizango-Armee wird das genannt, um diverse Geister auf ihre Seite zu ziehen, um eben für Sicherheit auf den Straßen zu sorgen. Das ist eigentlich der Hintergrundgedanke, dass da, wo zum Beispiel die Polizei nicht durchgreift und nicht für Sicherheit sorgt, dass man da Magie benutzt, um das dann selber durchzusetzen. Erzählerin Solche Rituale mögen uns in modernen Industrie-Gesellschaften seltsam vorkommen. Aber sind wir selbst völlig frei von magischem Denken? Musik: "A Kind of Magic" 0‘25 Erzählerin Nicht nur in Popsongs wie „A Kind of Magic“ von Queen oder in Harry-Potter-Verfilmungen spielt Magie heute eine Rolle. Auch im Alltag bleibt das Phänomen lebendig. Seit Jahrzehnten befragen Meinungsforscher Menschen zum Thema Aberglauben. Die Ergebnisse sind recht konstant. Auch in unserer durch Technik und Wissenschaft geprägten Zeit haben Magie und Aberglaube ihre Anziehungskraft nicht verloren. 2021 gaben immerhin 30 Prozent der Befragten an, hin und wieder abergläubisch zu sein. Frauen mit 39 Prozent deutlich häufiger als Männer, bei denen es nur 21 Prozent waren. Erzähler So sah jede und jeder Zweite in einem vierblättrigen Kleeblatt einen Glücksbringer, klopfte auf Holz oder trug einen Glückspfennig bei sich. Und immerhin 39 Prozent jener, die hin und wieder abergläubisch sind, glauben, dass die Zahl 13 Unglück bringt. Auch der Blick ins Horoskop der Tageszeitung gehört für viele zum morgendlichen Frühstücksritual. Erzählerin Nachfrage gibt es also selbst in unseren Zeiten noch zuhauf. Was dann mitunter kommerzielle Anbieter „magischer“ Dienstleistungen auf den Plan ruft. Vor allem im Internet. ZSP 13 Bied heute 0,23 Es werden Liebeszauber angeboten, es werden Schadenszauber angeboten, es werden Glückszauber angeboten, Geldsegen zum Beispiel. Es gibt diverse Urteile auch, tatsächlich moderne, in denen Geldmacher in Anführungszeichen verurteilt wurden, weil sie eben Leuten das Geld aus der Tasche gezogen haben mit magischen Versprechen. Also es ist schon noch ein aktuelles Thema, dass die Leute weiterhin beschäftigt. Musik: Cosmetic wonder 0‘39 Erzähler Um einiges billiger als der Internet-Zauber sind vermutlich die Vorhängeschlösser, die manche Paare an Brücken oder Zäunen befestigen, um den geliebten Partner an sich zu binden. Möglichst für immer, weshalb auch der Schlüssel zum Schloss weggeworfen wird. Bleibt zu hoffen, dass diese Art von Magie wirkt. Immerhin würde man sich so eine schmerzhafte Trennung ersparen. Und eine Rachepuppe, die mit Nadeln durchbohrt wird, müsste man dann auch nicht basteln.

  • Bitterstoffe - Gefährlich oder gesund?

    10.10.2024 · 22 Min.

    Elixiere, Tinkturen, Shots - Bitterstoffe liegen voll im Trend. Allerlei gesundheitsfördernde Wirkungen werden ihnen nachgesagt. Wissenschaftlich belegt ist wenig davon. Tatsächlich fangen Forschende gerade erst an, zu verstehen, was Bitterstoffe alles bewirken - und vor allem, wo im Körper sie wirken. Von Maike Brzoska Credits Autorn dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Sabine Kienhöfer Es sprach: Julia Fischer Technik: Stefan Oberle Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Dr. Franziska Hanschen, Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau, Großbeeren Prof. Maik Behrens, Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie an der Technischen Universität München Prof. Ute Wölfle, Abteilung Dermatologie und Venerologie des Universitätsklinikums Freiburg Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Superfood - Gar nicht so super! HIER Das Immunsystem - Wächter unseres Körpers HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Vor einigen Jahren gab es eine Entdeckung, die für Aufsehen in Wissenschaftskreisen sorgte. Ein US-Forscher-Team hatte - zufällig - herausgefunden, dass Bitterstoff-Rezeptoren, mit denen wir Bitteres schmecken, nicht nur auf der Zunge vorkommen, sondern überall im Körper. 01 OT (Wölfle) Zum Beispiel im Gehirn, im Herzen, in der Leber, in der Lunge. SPRECHERIN Sagt die Biologin Dr. Ute Wölfle. Sie forscht in der Hautklinik des Universitätsklinikums Freiburg. 02 OT (Wölfle) Und am Anfang hat man gedacht: Was soll das? Was braucht man Geschmacksrezeptoren in anderen Organen? SPRECHERIN Geschmacksrezeptoren in der Leber und in der Lunge – das klingt erst einmal kurios. Kann unsere Lunge etwa schmecken? Nein, sagt Ute Wölfle. Aber die Bitterstoffe, zum Beispiel aus Salat oder Gemüse, können an die Lunge andocken, genauer gesagt: an die Zellen der Lunge. 03 OT (Wölfle) Es ist eine Struktur auf der Zelloberfläche, an die der Bitterstoff andockt, und der dann zu einer weiteren Reaktion führt. Musik: Lab rat 0‘25 SPRECHERIN Auf diese Weise können Bitterstoffe auch in der Lunge – oder in anderen Organen – eine Wirkung entfalten. Die Frage war nun: Welche? Die überraschende Entdeckung, dass Bitterstoff-Rezeptoren überall in unserem Körper vorkommen, gab den Anstoß für viele neue wissenschaftliche Fragestellungen. 04 OT (Wölfle) Und da wird jetzt in letzter Zeit sehr stark geforscht. So quasi jeder Forscher guckt jetzt in seinem eigenen Gebiet: Was machen da die Bitterstoff-Rezeptoren? Und was kann man da erwarten? SPRECHERIN Einige neue Erkenntnisse gibt es bereits. Dazu gleich mehr. Aber erst einmal muss man verstehen, was ein Bitterstoff überhaupt ist. 05 OT (Wölfle) Ja, das ist gar nicht mal so einfach zu beantworten, weil die einzige Qualität, die einen Bitterstoff zu einem Bitterstoff macht, ist, dass er bitter schmeckt. SPRECHERIN Und das können, chemisch betrachtet, sehr unterschiedliche Stoffe sein. 06 OT (Wölfle) Das kann ein Salz sein, Magnesiumsulfat, genauso wie irgendwie eine Aminosäure, Tryptophan, genauso wie Pflanzenstoffe, also Koffein vom Kaffee zum Beispiel. Oder auch Grapefruit, das wären dann eher so Saccharide. Also wirklich nur die Qualität, dass es bitter schmeckt, macht einen Bitterstoff zu einem Bitterstoff. SPRECHERIN Die Gruppe der Bitterstoffe ist also sehr heterogen. Und sie ist sehr groß. Wobei Forschende gar nicht genau wissen, wie groß, also wie viele Bitterstoffe es insgesamt gibt, sagt Dr. Maik Behrens. Er forscht am Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie der Technischen Universität München. 07 OT (Behrens) Man weiß es nicht. Man kann aber schätzen, dass es wohl deutlich über 1000 gibt. SPRECHERIN Das sind deutlich mehr als bei den anderen Geschmacksrichtungen, also süß, sauer, umami und salzig. 08 OT (Behrens) Die Süßstoffe, da gibt es auch noch recht viele, so um die 100 würde ich mal sagen. Aber das ist nur ein vergleichsweiser kleiner Teil verglichen mit den Bitterstoffen. Musik: Style analysis 0‘21 SPRECHERIN Weil es so viele verschiedene Bitterstoffe in der Natur gibt, haben wir auch relativ viele Geschmacksrezeptoren auf der Zunge, mit denen wir Bitteres wahrnehmen können. Wenn wir Chicorée, Radicchio oder Brokkoli essen, signalisieren uns diese Rezeptoren: schmeckt bitter. 09 OT (Behrens) Tatsächlich haben wir insgesamt so um die 25 unterschiedliche Rezeptoren für die Bitterstoffe. SPRECHERIN Wobei nicht jeder Mensch genau die gleichen Rezeptoren hat. Denn von einigen Rezeptoren gibt es verschiedene Varianten. 10 OT (Behrens) Das heißt, der Rezeptor unterscheidet sich zwischen den Menschen. Der berühmteste Rezeptor, was das angeht, ist der sogenannte TAS2R38, der kommt in der menschlichen Bevölkerung in zwei verschiedenen Hauptvarianten vor. Die eine Variante wird auch die Schmecker-Variante genannt. SPRECHERIN Für die Träger dieser Variante schmecken zum Beispiel viele Kohlsorten bitter. Die Träger der anderen Variante, die sogenannten Nicht-Schmecker, nehmen bei Kohl hingegen keinen bitteren Geschmack wahr. 11 OT (Behrens) Deswegen lohnt es sich nicht über Geschmack zu streiten beim Essen, weil das kann also sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. SPRECHERIN Wobei die Fraktion, die den Kohl als bitter wahrnimmt, statistisch betrachtet, größer ist. 12 OT (Behrens) Die menschliche Bevölkerung teilt sich so ungefähr in 70 Prozent Schmecker und 30 Prozent Nicht-Schmecker auf. Musik: Microelements 0‘33 SPRECHERIN Aber dank der übrigen Rezeptoren können auch die Nicht-Schmecker Bitterstoffe sehr gut wahrnehmen. Und das ist auch wichtig – evolutionär betrachtet sogar überlebenswichtig. Denn in grauer Vorzeit, als wir noch als Jäger und Sammlerin auf der Suche nach Nahrung durch die Natur streiften, halfen uns die Geschmacksrezeptoren dabei, Essbares von Nicht-Essbarem zu unterscheiden. Dabei war der Geschmacks-Sinn quasi die letzte Instanz. 13 OT (Behrens) Wir haben natürlich noch unsere anderen Sinne, die helfen uns auch mit, zum Teil schon im Vorfeld. Also wir würden wahrscheinlich eine Speise, die nicht gut aussieht, überhaupt nicht in den Mund stecken. Dann würden wir wahrscheinlich dran riechen und auch da hätten wir wieder eine Warnung gegebenenfalls. Und dann die letzte Instanz ist tatsächlich unser Geschmackssinn, der entscheidet, ob wir etwas runterschlucken oder ausspucken. Musik: Network access 0‘35 SPRECHERIN Jede der Geschmacksrichtungen zeigt etwas anderes an. Der saure Geschmack weist darauf hin, dass Früchte unreif sind oder dass Lebensmittel bakteriell verdorben sein können. Der süße Geschmack, zum Beispiel von Früchten, zeigt an, dass das Obst reif und damit genießbar ist. Und darüber hinaus noch viele Kohlenhydrate liefert. Das war für die Menschen früher sehr wichtig, um Hungerperioden zu überstehen. Heute wird uns das – in Form von zu vielen Kalorien – eher zum Verhängnis. Und genau wie der süße und der saure Geschmack zeigt auch der bittere etwas Bestimmtes an. 14 OT (Behrens) Der soll unsere Aufmerksamkeit darauf lenken, dass unter Umständen gesundheitsschädliche oder gar giftige Substanzen in der Nahrung sind. Evolutionär war das von großer Bedeutung. Deswegen ist es bei Kindern auch angeboren, diese Abneigung gegen bitter. SPRECHERIN Kinder verziehen in der Regel erst einmal das Gesicht, wenn sie etwas Bitteres probieren. Igitt, schmeckt nicht! Erst mit der Zeit lernen die meisten Menschen, Nahrungsmittel mit bitterem Geschmack zu tolerieren – oder sogar zu mögen. Das passiert durch Gewöhnung, aber auch durch gute Erfahrungen, die wir mit einem Lebensmittel im Laufe des Lebens machen. 15 OT (Behrens) Beispielsweise wenn irgendeine Prüfung ansteht und wir noch viel lernen müssen, ist der bittere Kaffee, der uns wachhält, etwas, was mit einer positiven Wirkung verknüpft wird. Und wenn eine negative Wirkung von dem Kaffee, Sodbrennen oder ähnliches, ausbleibt, dann erwerben wir praktisch so eine Toleranz für moderat Bitteres. Musik: Delicate information (reduziert) 0‘37 SPRECHERIN Dennoch bleibt bei vielen Menschen zeitlebens eine gewisse Abneigung gegen Bitteres. Deshalb gibt es in Rezepten oft Tipps, wie man den bitteren Geschmack, zum Beispiel von einem Gemüse oder einem Salat, neutralisieren kann, zum Beispiel indem man Zucker oder Honig zufügt. Dabei schmeckt unser Gemüse heute größtenteils schon sehr viel milder als früher. Denn der bittere Geschmack wurde nach und nach rausgezüchtet, weil es die meisten Menschen so lieber mögen. Daneben wurden einige Gemüsesorten aber auch erst genießbar, nachdem die Bitterstoffe durch Züchtung stark reduziert wurden. 16 OT (Hanschen) Man muss auch dabei bedenken, dass viele dieser Bitterstoffe halt auch eine toxische Wirkung hatten. SPRECHERIN Sagt die Lebensmittelchemikerin Dr. Franziska Hanschen. Sie forscht am Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau. 17 OT (Hanschen) Das heißt, man hat das halt gezielt weggezüchtet, einmal, um das geschmacklich attraktiver zu gestalten, zum anderen aber auch, weil einige Bitterstoffe halt auch giftig sind. SPRECHERIN Ein Beispiel sind Kürbisgewächse, also etwa Zucchini, Gurken oder eben Kürbisse. Früher enthielten diese Gemüse-Sorten sehr viel Cucurbitacin, ein Bitterstoff, der in hohen Dosen stark giftig ist. 18 OT (Hanschen) Und deshalb ist es gerade bei diesen Pflanzen auch wichtig, dass man da keine Züchtungsexperimente selber macht, weil es dann halt auch schon vorgekommen ist, dass quasi wieder rückzüchtet wurde und diese Bitterstoffe wieder erhöht wurden, wodurch dann Vergiftungserscheinungen immer mal wieder bei Hobbygärtnern aufgetreten sind. Musik: Weird instructions 0‘26 SPRECHERIN Zu Rückkreuzungen kann es beispielsweise kommen, wenn Pollen von einem giftigen Zier-Kürbis auf die Blüten der Kürbispflanze im Gemüsebeet gelangen. Der Kürbis, der nach der Befruchtung wächst, schmeckt dann ungewöhnlich bitter – und sollte auf keinen Fall gegessen werden, weil er vermutlich größere Mengen des Bitterstoffes Cucurbitacin enthält. Solche Rückkreuzungen sind aber sehr selten. In der Regel ist unser bitteres Gemüse sehr gesund – und zwar gerade, weil es bitter ist. 19 OT (Hanschen) Es gibt durchaus Bitterstoffe, die positive Effekte für uns haben. Zum Beispiel Sesquiterpenlactone, das sind Inhaltsstoffe, die man aus dem Chicorée oder aber auch aus dem Löwenzahn kennt und die dort für den bitteren Geschmack verantwortlich sind. Die können durchaus positive Effekte für uns haben, zum Beispiel auch antimikrobiell oder auch anti-inflammatorisch, also entzündungshemmend wirken. SPRECHERIN Die positiven Wirkungen tun uns besonders gut, wenn wir krank sind. Und erstaunlicherweise kann dann sogar die Abneigung gegen Bitteres zeitweise abnehmen. 20 OT (Wölfle) Wenn man erkältet ist, dann ist es ja so, dass man irgendwie einen anderen Geschmack hat. Plötzlich schmecken Einem Sachen vielleicht, die man sonst nicht so mag, auch bittere Tees. Und das liegt daran, dass Entzündungsstoffe diese Bitterstoffrezeptoren so ein bisschen modifizieren, blockieren können. Und plötzlich mag man bitter, was man sonst nicht trinken würde. Und wenn es Einem wieder besser geht und diese Entzündungsstoffe weg sind, dann will man das nicht mehr. Dann hat man wieder seinen normalen Geschmack. SPRECHERIN Ute Wölfle kennt das aus eigener Erfahrung. 21 OT (Wölfle) Also zum Beispiel gibt es so einen Hustensaft, der schmeckt wirklich sehr bitter, und ich mochte den eigentlich nie. Dann hab ich gedacht bei der letzten Erkältung, ich probiere den einfach mal – und ich fand den lecker. Also das war irgendwie ganz angenehm. Und als es mir dann wieder besser ging, dachte ich: uah, das geht nicht, ich musste fast würgen. Also das ist wirklich interessant, wie der Körper, wenn es ihm guttut, dann plötzlich die auch wirklich mag und man deswegen die zu sich nehmen kann. SPRECHERIN Aber nicht nur bei kranken, sondern auch bei gesunden Menschen können Bitterstoffe viele positive Wirkungen haben. 22 OT (Wölfle) Die Hauptwirkung ist eben, dass es auf den Magen-Darm-Trakt wirkt, eben die Verdauung, Fettverdauung fördert und auch einfach bei Völlegefühl gut wirkt oder den Appetit anregt. Das ist so das Hauptanwendungsgebiet, dass man es einsetzt bei der Verdauung. Musik: Needle and twine red. 0’35 SPRECHERIN Es gibt unzählige Arten von Magenbitter, jede Region kennt ihre eigene Version: Underberg, Lauterbacher Tropfen, Gammel Dansk, Kümmerling, Rhöntropfen. Dass Bitterstoffe gut für die Verdauung sein können, sind Erfahrungswerte aus der Naturheilkunde. Verschiedene traditionelle Heilkünste gehen außerdem davon aus, dass Bitterstoffe den Körper insgesamt stärken und vitalisieren können. 23 OT (Wölfle) Die ayurvedische Medizin beschreibt, dass Bitterstoffe helfen, Fett zu reduzieren, das Blut zu reinigen, Muskelkraft zu tonisieren. Auch in der chinesischen traditionellen Medizin setzt man Bitterstoffe ein, so in der Ernährung, da ist es dem Element Feuer zugeordnet und es ist da eher auch für Tatendrang, für Vitalität. Und in der Klostermedizin oder in der europäischen Medizin, Paracelsus, der hat im 17. Jahrhundert ein Lebenselixier beschrieben. SPRECHERIN Bestehend aus Myrrhe, Bitterwurzel und Aloe. 24 OT (Wölfle) Und daraus ist dann später das Grundrezept des Schwedenkräuters geworden. Das kennt vielleicht der ein oder andere. SPRECHERIN Die „Schwedenkräuter“ sind eine Mixtur, die -oft gelöst in Alkohol - innerlich oder äußerlich angewendet wird. Musik: Odd facts 0‘32 Neben diesem naturheilkundlichen Wissen gab es in den letzten Jahren aber auch neue Erkenntnisse aus der Forschung. Denn nachdem zufällig entdeckt worden war, dass es Rezeptoren für Bitteres nicht nur auf der Zunge, sondern auch an anderen Organen gibt, fragten sich viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, welche Wirkung Bitterstoffe denn dort haben können. Dass sie eine Wirkung haben, scheint sicher zu sein. 25 OT (Wölfle) Man weiß, wenn ein Stoff an den Rezeptor bindet, dann passiert irgendwas in der Zelle, und auch immer wieder das Gleiche. Also es ist nicht nur so jetzt ein Erfahrungswert, sondern es ist wirklich wissenschaftlich belegt. SPRECHERIN Die Frage war nun also: Was genau passiert, wenn ein Bitterstoff an einem Organ andockt? Die ersten Studien gab es zur Lunge. 26 OT (Wölfle) Und plötzlich hat man festgestellt, dass die Bitterstoffe zum Beispiel in Bronchien vorkommen, und wenn dann ein Bitterstoff bindet an den Rezeptor, dann kommt es zu einer Gefäßerweiterung. Musik: Still waiting red. 0‘47 SPRECHERIN Was das Atmen erleichtert. Das könnte für Menschen mit Asthma oder chronischer Bronchitis hilfreich sein. Denn bei diesen Erkrankungen ist das Atmen beeinträchtigt. Die Betroffenen kriegen schlecht Luft. Bitterstoffe könnten Abhilfe schaffen. Denn inzwischen haben mehrere Studien gezeigt, dass Bitterstoffe, wenn sie inhaliert werden, die Muskulatur in der Lunge entspannen und auf diese Weise das Ein- und Ausatmen erleichtern können. Der Effekt, den Forschende gefunden haben, ist stärker als der von heutigen Asthma-Medikamenten. Deshalb rechnen Viele damit, dass es künftig Medikamente auf Grundlage der neuen Erkenntnisse geben wird. Daneben haben Forschende herausgefunden, dass es Bitterstoff-Rezeptoren auch in der Schleimhaut der Nase gibt. Offenbar können dort ebenfalls Bitterstoffe andocken. 27 OT (Wölfle) Wenn da ein Bitterstoff bindet, wird zum Beispiel Stickstoffmonoxid gebildet, was zum Abtöten der Bakterien führt. Gleichzeitig fangen die Flimmerhärchen im Nasenschleimepithel an, ganz wild zu schlagen und Fremdkörper, Bakterien, die werden nach außen geschleudert. Und damit hat man eigentlich einen idealen Effekt bei Atemwegserkrankungen. SPRECHERIN Wegen der interessanten Ergebnisse anderer Fachbereiche begann auch Ute Wölfle mit ihrem Team nachzuforschen, was Bitterstoffe in ihrem Fachgebiet, also auf der Haut, bewirken können. Die ersten Versuche waren allerdings eher ernüchternd, erzählt die Forscherin. 28 OT (Wölfle) Wir haben gedacht, es wirkt vielleicht anti-entzündlich, was sonst viele unserer Pflanzenstoffe machen, aber der Effekt ist eher gering. SPRECHERIN Wissenschaft verläuft selten geradlinig, aber Wölfles Team forschte weiter. Die nächste Frage war, ob Bitteres einen Effekt hat auf den Stoffwechsel der Haut. 29 OT (Wölfle) Und da haben wir festgestellt, dass es eben Schutzproteine für die Haut bildet und auch Lipide für die Haut, was auch für den Außenschutz wichtig ist. Und dass so die Bitterstoffe eher für den Hautschutz wichtig sind, so für die äußere Barriere. SPRECHERIN Dafür muss man die Bitterstoffe mithilfe von Cremes auf die Haut auftragen. Wobei man nicht irgendeinen Bitterstoff nehmen kann, denn einige können Kontakt-Allergien oder Ausschläge auslösen. Eine weitere Vermutung von Ute Wölfle war, dass junge Menschen mehr Bitterstoff-Rezeptoren haben als ältere. 30 OT (Wölfle) Weil oft ist es ja so, im Alter nimmt irgendwas ab. Aber es ist genau umgekehrt. In jungen Jahren hat man wenige Bitterstoff-Rezeptoren und im Alter werden es viel mehr. Und es ist vielleicht eine Gegenreaktion des Körpers gegen die nachlassende Schutzwirkung. Die Haut wird ja im Alter dünner und vielleicht ist es so eine Reaktion des Körpers. Er bildet jetzt mehr Bitterstoff-Rezeptoren, dass die Barriere doch noch einigermaßen erhalten bleiben kann. Musik: Explain simple 0‘31 SPRECHERIN Das zeigt auch: Forschung besteht oft aus trial and error, aus Versuch und Irrtum. Und nicht jede neue Erkenntnis führt letzten Endes zu neuen Anwendungen oder Medikamenten. Einfach, weil unser Körper sehr komplex ist und Erkenntnisse auch immer mal wieder revidiert werden. Eine Schwierigkeit bei den neu entdeckten Bitter-Rezeptoren an den Organen ist, dass es eben nicht nur den einen Rezeptor gibt, sondern verschiedene. 31 OT (Wölfle) Es gibt 25, und in dem einen Gewebe sind ein paar und im anderen Gewebe sind andere, und ein Bitterstoff kann unterschiedliche Bitterstoff-Rezeptoren aktivieren. Und das macht das Ganze relativ kompliziert. SPRECHERIN Deshalb sollte man wohl auch manche der neuen Studienergebnisse zum Thema Bitterstoffe mit Vorsicht genießen. Zum Beispiel gab es bereits Schlagzeilen, dass Bitteres gegen Krebs hilft, weil Forschende entdeckt haben, dass Bitterstoffe an Krebszellen andocken können. Oder dass Bitterstoffe beim Denken helfen. 32 OT (Wölfle) Auch im Gehirn werden Bitterstoff-Rezeptoren gebildet und da konnte man feststellen, wenn man Nervenzellen mit Bitterstoffen behandelt, dass es dazu führt, dass die Nervenzellen besser vernetzt sind und man dann annehmen kann – das ist jetzt so ne Hypothese – dass es einfach beim Denken auch helfen kann. Musik: Pending molecules 0‘38 SPRECHERIN Hier wird die Forschung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zeigen, was Bitterstoffe wirklich leisten können – und was nicht. Nichtsdestotrotz hat der Bittertrend aber heute schon die Konsumwelt erreicht. In Supermarkt-Regalen und Drogerien gibt es jede Menge Bitterstoff-Mixturen in Form von Tropfen, Tabletten oder Sprays. Bitter gleich gesund – dieser Eindruck entsteht, wenn man sich die zahlreichen Versprechungen durchliest, mit denen die Produkte beworben werden. Einige sehen diesen Hype kritisch. Zum Beispiel Maik Behrens. 33 OT (Behrens) Ich hatte ja schon erwähnt, es gibt also eine unglaubliche Vielzahl von Bitterstoffen. Eben mindestens 1000. Viele von denen sind giftig. Und da irgendetwas zu pauschalisieren halte ich für falsch. Ja, tatsächlich sollte man die Warnung, die der bittere Geschmack Einem bietet, ernst nehmen. Und ich würde tatsächlich davon abraten, solche bitteren Nahrungsergänzungsmittel zu mir zu nehmen. SPRECHERIN Ganz anders ist das bei unseren gängigen bitteren Lebensmitteln, also zum Beispiel Salat, Gemüse, aber auch Kaffee oder Bitterschokolade. Da hat der Forscher keine Bedenken. 34 OT (Behrens) Da gibt es ja sozusagen zum Teil jahrhundertelange Erfahrung, dass diese Gemüse, die wir standardmäßig konsumieren, sicher sind. Also da braucht man sich keine Sorgen machen. SPRECHERIN Auch Ute Wölfle findet Nahrungsergänzungsmittel mit Bitterstoffen unnötig, vor allem, weil sie meistens sehr teuer sind. 35 OT (Wölfle) Ich denke, Bitterstoffe sind auf jeden Fall wichtig, aber es müssen keine teuren Produkte sein, die man dafür verwendet. SPRECHERIN Sie geht davon aus, dass der Bitter-Hype irgendwann wieder abebbt – zumindest was die überteuerten Produkte angeht. Musik: New ideas 0‘29 36 OT (Wölfle) Und vielleicht bleibt dann – hoffentlich – eben der bittere Tee, einfach das normale Essen, dass man wieder sagt; okay, ich esse Radicchio-Salat, weil man sich an das Bittere auch gewöhnen kann. SPRECHERIN Und vielleicht isst man den bitteren Salat, das bittere Gemüse ja irgendwann sogar richtig gerne.

  • Der Thunfisch - Bedrohter Jäger der Meere

    09.10.2024 · 23 Min.

    Thunfische sind die bedrohten Tiger der Meere. Der Mensch mit seinen zerstörerischen Fangmethoden und die zunehmende Umweltverschmutzung sind die größte Bedrohung dieser Fische. Forscher haben nun mehr über das Verhalten der Tiere herausgefunden. Wie kann ein internationales Management aussehen, das den Thunfisch rettet? Von Marko Pauli (BR 2021) Credits Autor dieser Folge: Marko Pauli Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Andreas Neumann, Caroline Ebner, Diana Gaul Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Rainer Froese, Fischereiwissenschaftler und Meeresbiologe am Geomar Helmholtz-Zentrum für Meeresforschung Kiel; Laurenne Schiller, Wissenschaftlerin für Meeresschutz, Halifax, Kanada; Sandra Schöttner, Meeresbiologin und Meeresschutzexpertin bei Greenpeace Diese hörenswerte Folge von Radiowissen könnte Sie auch interessieren: Überfischung - Wenn das Meer leer wird HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

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