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RadiowissenBayerischer Rundfunk

Chet Baker und der Cool Jazz - Von der Westcoast in die Welt

01.04.2025 · 24 Min.

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Über diese Folge

Zu Beginn der 50-er Jahre hat der Trompeter Chet Baker in Kalifornien den Cool Jazz vorangetrieben, eine Spielweise, die Techniken der klassischen Musik nutzt. Trotz schwerer Karriereeinbrüche - Baker war heroinabhängig - blieb er stets der Kunst der Ballade und den leisen Tönen treu. Von Markus Mayer (BR 2024)

Credits
Autor dieser Folge: Markus Mayer
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Kathrin von Steinburg, Thomas Loibl
Technik: Tim Höfer
Redaktion: Nicole Ruchlak

Im Interview:
Hans-Jürgen Schaal, Münchner Musikjournalist

Literaturtipps:

Als hätte ich Flügel. Verlorene Erinnerungen. Von Chet Baker. Mit einem Vorwort von Carol Baker. Aus dem Amerikanischen von Bernd Oehler. Hannibal. Wien. 1998. 

Chet Baker Blue Notes – Engel mit gebrochenen Flügeln. Eine Hommage. Von Lothar Lewien. Hannibal-Verlag Wien. 1991.

All That Jazz – Die Geschichte einer Musik. Von Michael Jacobs. Reclam Leipzig. 2. Auflage 2003.  Darin: Birth Of The Cool – Cool Jazz. S. 218- -247. 

Jazz-Klassiker, 2 Bde. Hg. V. Peter N Wilson. Reclam 2005. Darin: Band 1. Chet Baker. Von Hans-Jürgen Schaal. S. 482 – 488.  

Chet Baker – Jeroen de Valk. Oreos Jazz Collection. Schaftlach 1991. Aus dem Holländischen übertragen von Peter Niklas Wilson. 

Cool Jazz – Grundzüge seiner Entstehung und Entwicklung. Von Herbert Hellhund. Mainz 1985. Schott-Verlag. Veröffentlichung des Musikwissenschaftlichen Instituts der Justus-Liebig-Universität Gießen. 

That‘s Jazz – Der Sound des 20. Jahrhunderts. Eine Musik-, personen-, Kultur-, Sozial- und Mediengeschichte des Jazz von den Anfängen bis zur Gegenwart. HG. V. Klaus Wolbert. Zweitausendeins. Frankfurt a. Main 1997. Ausstellungskatalog. 

Jazzgeschichten aus Europa – Von Ekkehard Jost. Wolke Verlag Hofheim. 2012. 

Das Lexikon der prominenten Selbstmörder. Von Gerald Grote, Michael Völkel und Karsten Weyershausen unter Mitarbeit von Klaus Rathje und Holger Reichard. Schwarzkopf Verlag Berlin 2000. Chet Baker S. 24 – 25.   

Filmographie:

Chet Baker: Let‘s Get Lost. Dokumentarfilm von Bruce Weber. 1 Stunde 49 Minuten. Auf DVD 2009.

Born To Be Blue. Spielfilm/ Bio-Picture. 1 Stunde & 33 Minuten. Auf DVD Oktober 2017.

Und noch eine besondere Podcast-Empfehlung der Redaktion:

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

Sprecherin

Der Reisende, der an einem Donnerstag im Mai 1988 mit dem Zug in Amsterdam eintrifft, kennt die Stadt. Er hat hier schon viele Konzerte gegeben, er weiß, wie man hier an Drogen kommt, an harten Stoff wie Heroin und Kokain. Weil die Hotels, die er sonst nutzt, ausgebucht sind, versucht er es im Prins Hendrik, einer nicht ganz so eleganten Adresse. Der Mann hat Glück, im zweiten Stock ist noch ein Zimmer frei, er geht nach oben und macht es sich in Raum C-20 bequem. Er injiziert sich den Stoff, den er am Nachmittag gekauft hat.   

Sprecher

Eigentlich hätte der Musiker in einem anderen Hotel absteigen sollen, so war es geplant. Ein Mitarbeiter seiner Konzertagentur sollte ihn abholen und zu einem Auftritt fahren, aber Chet Baker ist nicht aufgetaucht. Kein Mensch weiß, wo er steckt, was nicht ungewöhnlich ist für den Künstler. Irgendwann wird er sich schon melden, denkt der Leiter der Konzertagentur, nur diesmal kommt es anders.  

Sprecherin

Nachts, gegen drei Uhr im Prins Hendrik. Draußen ist es ungewöhnlich warm, Chet Baker will wohl noch ein wenig spielen, wie er es früher getan hat, am offenen Fenster, zwischen Innenraum und Außenwelt. Das Schiebefenster lässt sich allerdings schwer öffnen. Baker, berauscht vom Heroin, muss viel Kraft aufwenden, um das Fenster hoch zu drücken. Als es gelingt, verliert er das Gleichgewicht und fällt hinaus - mitsamt seiner Trompete. Er stürzt und schlägt mit dem Hinterkopf auf dem Boden auf. 

Sprecher

Passanten, die ihn liegen sehen, halten ihn für einen Betrunkenen, bis jemand die Blutlache am Schädel bemerkt. Die Nachtglocke wird gedrückt, der Portier verständigt. Herbeigerufene Polizisten stufen die schmächtige Gestalt als die eines ungefähr 30-jährigen ein. Wahrscheinlich haben sie den Toten nicht richtig gesehen, es ist schließlich noch stockdunkel an diesem Freitag, den 13. Mai 1988.   

MUSIK 2 ( Chet Baker: Let’s Get Lost 1‘01)

Sprecherin

Wer war Chet Baker, der mit 58 Jahren in Amsterdam bei einem Unfall starb? Ein schöpferischer Mensch, der dunkle Mächte herausforderte, weil er selbstbestimmt leben wollte? 

Sprecher

Ein talentierter Künstler, der als James Dean des Jazz bezeichnet wird? Oder ein gefallener Engel, der uns mit unglaublich schöner Musik beschenkt hat? Nicht nur sein Tod erinnert an eine antike Sagengestalt.

ZSP Hans-Jürgen Schaal – Charakterisierung

Ich glaube, da war ein großer, positiver Kern in ihm, eine große Lebensbejahung in ihm, er ist ja mit 50 Jahren noch nach Europa gegangen und hat da praktisch ein neues Leben angefangen. Ich glaube nicht, dass er sterben wollte, als er dann aus dem aus dem Hotelzimmerfenster gefallen ist. 

Sprecherin

findet Hans-Jürgen Schaal, Produzent und Jazzpublizist aus München. 

MUSIK 3 ( Jack Guthrie: Oklahoma Hills 0‘41)

Sprecher

Chesney, genannt Chet, Henry Baker Jr. wird am 23. Dezember 1929 in Yale, Oklahoma geboren. In der postum erschienenen Autobiographie „Als hätte ich Flügel“ erfährt man wenig über seine Kindheit, die anfangs in einem ländlichen Idyll spielt. Chesney wird in eine Bauern-Familie geboren, auf einer Farm mit vielen Tieren. Der Vater habe seine Mutter kennen gelernt, erinnert sich Baker, weil er Gitarre spielte bei Tanzvergnügen am Samstagabend. Die Weltwirtschaftskrise am Ende der 20-er Jahre macht jedoch nicht Halt vor dem flachen Land, die Familie muss die Farm verlassen und zieht nach Oklahoma City, in die Stadt. Chesney wird zu Onkel Jim und Tante Agnes gegeben, während seine Eltern als Aufseher und in einer Eiscremefabrik schuften. Im Sommer darf er zu Opa auf die Farm. In der Schule ist der Junge gut, bis die Eltern 1940 umziehen - an die Westküste. 

ATMO Meeresrauschen, Brandungswellen 

Sprecherin

In der Schule von Glendale, Kalifornien läuft es anfangs noch gut für Chet, als sich seine Eltern zu einem weiteren Umzug entscheiden, verliert er jedoch das Interesse am Unterricht. Die neue Adresse liegt am Redondo Beach, einem der attraktiven Strände von Los Angeles. Seine Tage verbringt der Junge jetzt oft am Meer und zwar an dem Strand, der später der kalifornischen TV-Serie Baywatch als Kulisse dient.  

Sprecher

Der Teenager schwänzt die Schule, bleibt aber einer Leidenschaft treu. Sein Vater hat ihm, als er 13 war, eine Posaune geschenkt, aber er war zu klein, um das Instrument richtig bedienen zu können, deshalb schwenkte er auf Trompete um. Die passte besser. Chet hat sich das Spielen selbst beigebracht, Notenlesen fällt ihm schwer, Melodien spielt er nach Gehör. Journalist Hans-Jürgen Schaal, der sich intensiv mit Bakers Musik beschäftigt hat, erklärt:   

ZSP Hans-Jürgen Schaal - Baker als Jazzkünstler I + Autodidakt

Chet Baker war nun einer, der nicht komponiert hat, der keine Noten geschrieben hat. Aber man kann sagen, er hat in seinem Improvisieren komponiert, hat immer sehr fantasievoll und sehr melodisch und sehr stimmig improvisiert. 

MUSIK 4 ( Stan Kenton & His Orchestra: Artistry In Rhythm 0‘52)

Sprecherin

Mit 16 geht Baker zum Militär. Er wird dem Musikkorps zugeteilt und 1946 nach West-Berlin versetzt. In der fast vollständig zerstörten Metropole hat sich ein florierender Schwarzmarkt etabliert, Luxusgüter wie Zigaretten, Kaffee, Seife und Schokolade dienen als Währungen. In den Unteroffiziersclubs, in denen der Trompeter spielt, läuft, wie er sagt, moderne Musik: Bebop von Dizzy Gillespie, progressiver Swing von Stan Kenton. Gierig nimmt der junge Mann die neuen Klänge in sich auf.   

Sprecher

Der Kalifornier ist kein Hochgeschwindigkeitsvirtuose, kein Stratosphärentrompeter. Was Bakers Spiel von Anfang an kennzeichnet, ist, dass es leise, langsam und sanft klingt. Für Hans-Jürgen Schaal hat dieser Stil, der Chet-Baker-Sound, mit einem Verlust zu tun. 

ZSP Hans-Jürgen Schaal - Chet Baker Sound auf der Trompete

 … Er hat als Jugendlicher einen oberen Schneidezahn verloren, der ist eben ausgeschlagen worden. Jetzt braucht man natürlich die Schneidezähne, um einen starken Ansatz zu haben auf der Trompete. Den hatte er nicht. Seine ersten Aufnahmen wurden oft bemängelt, weil eben wegen des fehlenden starken Ansatzes, er konnte keine virtuosen Höhenflüge auf der Trompete machen, er musste sanft, leise und tief spielen auf der Trompete. Und auch später, als er dann virtuoser spielen konnte, lauter spielen konnte, hat er das einfach beibehalten als sein Markenzeichen. Das war seine Art, die Trompete zu spielen und sie entsprach wohl auch mehr seinem Temperament.

MUSIK 5 ( Chet Baker: Un poco loco 0‘45)

Sprecherin

Nach dem Militär kehrt Baker nach Kalifornien zurück. Er spielt, wo immer sich eine Gelegenheit bietet. Man wird aufmerksam auf ihn. Als der New Yorker Bebop-Saxophonist Charlie Parker nach L. A. kommt, sucht er für seine Begleit-Band einen Trompeter und verpflichtet den gerade mal 22-jährigen Nobody.   

ZSP Hans-Jürgen Schaal - Charlie Parker Session

… Charlie Parker war ja auch immer auf der Suche nach Spielern, die nicht unbedingt mit ihm konkurrierten, sondern einen Gegensatz bildeten, einen Kontrast. … Charlie Parker war sich gleich sicher, er möchte mit Chet Baker spielen, hat die anderen Trompeter, die da zum Vorspielen angetanzt waren, dann nach Hause geschickt. 

MUSIK 6 ( Chet Baker: Irresistible You 0‘49)

Sprecher

Charlie Parker ist die zentrale Figur des Bebop, ein Stil, der den populären Swing-Jazz der 30- und frühen 40-er Jahre ablöst. Hohe Geschwindigkeit und ungewöhnliche Tonschritte zeichnen ihn aus, genüsslich werden Melodien und Konventionen zerpflückt. Gespielt wird das hochvirtuose Idiom vor allem von kleinen Ensembles, von Bands und Combos. Entstanden ist die artistische Spielweise in den Clubs von New York, dem kulturellen Zentrum an der Ostküste der USA. Die 20-Millionen-Metropole gibt vor, was läuft in Mode, Musik, Kunst und Literatur. Wer etwas werden will als Jazzkünstler, muss sich in New York beweisen, lautet ein ungeschriebenes Gesetz.  

Sprecherin

Die Westküste der USA mit Los Angeles als ausuferndem, urbanem Zentrum steht dagegen für die Sonnenseite des Lebens, weniger für Härte oder Leistungsdruck. In Kalifornien stießen die Siedler, die nach Westen zogen, auf den Pazifik - der Ozean als natürliche Barriere. Hier musste es sein, das Gelobte Land, das in der Bibel verheißen worden war, denn weiter ging es nicht. Kein Wunder, dass Hollywood in Kalifornien entstanden ist, die Traumfabrik mit unzähligen Stars und Sternchen. An der Westküste mit ihren weiten Küsten lebt es sich angenehm und entspannt, das Klima ist wesentlich milder, südlicher als das von New York, dessen bitterkalte Winter gefürchtet sind. In Kalifornien sind Körperkult, Fitness und Strandaktivitäten wie Wellenreiten angesagt.  

MUSIK 7 ( Miles Davis –Moon Dreams 0‘36)

Sprecher

Der Gegensatz zwischen der Ostküste mit seiner scharfen Rationalität und der sonnenverwöhnten, lässigen Westküste spiegelt sich, meinen Kenner, auch in vielen Musikstilen. Der Bebop aus New York, der innovative Jazz der Ostküste, gilt als virtuos, kühn und herausfordernd. 

Sprecherin

Wird der geographische Hinweis West Coast auf Musik angewandt, bedeutet das, dass sie modern und urban, aber auch sinnlich und locker klingt, voller angenehmer Vibrationen ist. Das Gütesiegel West Coast wird höchst unterschiedlichen Stilen verliehen – vom Surf Rock der Beach Boys und den epischen Folk-Balladen von Crosby, Stills, Nash & Young über den Countryrock der Eagles bis hin zu Warren G., einem  Hiphopkünstler der Westküste. Für viele spiegelt die Musik dieser Künstler und Bands die Weite der Landschaften der Westküste wider. 

MUSIK 8 ( Mulligan Quartet - Love me or leave 0‘25)

Sprecher

Der Cool Jazz, den der junge Chet Baker wesentlich mitgestaltet, wird ebenfalls oft unter West Coast subsumiert - offene, leichte Musik, die sich nicht anbiedert. Ganz so simpel, findet Hans-Jürgen Schaal, ist es allerdings nicht. 

ZSP Hans-Jürgen Schaal - - West Coast Jazz vs. Cool Jazz

Also der Cool Jazz ist durchaus auch eine Erfindung der afroamerikanischen Musiker. Aber er kam natürlich den weißen Musikern sehr entgegen, weil man nicht diese enorme Virtuosität gebraucht hat, … weil das mehr in Richtung europäische Klanglichkeit ging. … und man sprach dann später von West Coast Jazz, weil dieser Cool-Jazz an der Westküste natürlich eigene Schwerpunkte gesetzt hat. Er gilt ja manchen so als besonders entspannend und besonders sonnig. Ich höre ihn eigentlich mehr als sehr verkopft. Der Westcoast Jazz hat gerne mit besonderen Kompositionstechniken gearbeitet, also viel mit Kontrapunktik, mit Kanon, Fuge, auch mit Zwölftontechnik, mit Polytonalität, Quarten, Harmonik und all das. 

MUSIK 9 ( Miles Davis – Rocker 0‘53)

Sprecherin

Entstanden ist der Cool Jazz aber tatsächlich in New York, also an der Ostküste. Der Trompeter Miles Davis, ein Künstler, der für extrem reduziertes Spiel steht und sich so von der Expressionswut der Bebop-Künstler abgrenzt, gründet Ende der 1940-er Jahre für Aufnahmen die Capitalband, mit Flügelhorn und Baritonsaxophon ungewöhnlich besetzt. Die Bläser müssen umsichtig intonieren, damit alle zu hören sind. Der Rhythmus spielt bei den Aufnahmen, die später auf der Langspielplatte „Birth Of The Cool“ erscheinen, eine untergeordnete Rolle. Im Vordergrund steht der Misch-Klang der verschiedenen Blasinstrumente.   

Sprecher

Davis‘ Cooljazz-Versuche werden zwar von der Kritik gefeiert, richtig populär aber sind sie nicht. Das ist anders bei der Musik, die Gerry Mulligan, der Miles Davis in der Capitolband in New York unterstützt hat, schreibt und arrangiert, nachdem er 1952 nach Kalifornien gezogen ist. Der Baritonsaxofonist gründet mit Chet Baker ein Quartett - ohne Klavier oder Gitarre, ohne schmeichelnde Harmonien. Kontrabass und Schlagzeug strukturieren die Zeit, über die Mulligan und Baker sanft Melodielinien weben.  

MUSIK 10 ( Gerry Mulligan Quartet – Walkin‘ Shoes 0‘45)

Sprecherin

Cool Jazz nennen Kritiker und Fans den neuen Stil, um ihn abzugrenzen vom Bebop. Das Tempo im Cool Jazz ist ruhig und zurückgenommen, die Anmutung eher lyrisch und leise als schreiend-laut. Bebop ist hot Jazz, aggressive, feurige Musik. Cool Jazz, wie ihn Mulligan und Baker betreiben, wirkt dagegen taghell, überlegt und weltabgewandt: als würden die Musiker der Hektik bewusst den Rücken kehren und sich ganz und gar versenken in ein Artefakt aus Klängen und Tönen.    

Sprecher

Als Mulligan wegen eines Drogendelikts ins Gefängnis kommt, gründet Chet Baker ein eigenes Quartett. Der Pianist Russ Freeman übernimmt jetzt Mulligans Rolle, er schreibt und arrangiert die Stücke, kümmert sich um Engagements, verwaltet die Finanzen. Chet Baker vergnügt sich derweil anderweitig.

ZSP Hans-Jürgen Schaal – über den Fall des Engels

 … Baker hat eigentlich nie gelernt, für sich oder für die Band Verantwortung zu übernehmen. Er hat eigentlich nur Party gefeiert, schnelle Autos, schöne Frauen, Drogen, das war das Ding. Und es gab eben immer genug junge Leute um ihn herum, die ihn darin bestärkt haben. Das erklärt wahrscheinlich auch, warum er dann in den 50-er-Jahren diesen großen Absturz erlebt hat - nach diesem sehr schnellen Aufstieg.

MUSIK 11 ( Chet Baker – Not For Me 0‘47)

Sprecherin

Noch ist der junge Mr. Baker unverkennbar auf dem Weg nach oben. Seine Popularität steigt, als er den Rat eines Labelbetreibers befolgt und singt. Bis dahin hatte er nur aus Verlegenheit gesungen, doch Gesangs-Aufnahmen sprechen nicht nur Jazzfans an, sie werden zudem von populären Radiosendern gespielt. Die Platte Chet Sings! wird 1956 ein Erfolg. Die Ballade My Funny Valentine avanciert zu Bakers signature song, seinem Erkennungslied. 

MUSIK 12 ( Chet Baker – My Funny Valentine (Live) 0‘44)

ZSP Hans-Jürgen Schaal – Über Sänger Chet B. 

Also für meine Ohren singt er genauso wie er Trompete spielt: sanft, leise und in diesem Trompetenregister, das wirkt natürlich irgendwie androgyn. Ja, also, das kam gut an in den 1950er-Jahren, speziell beim weiblichen Publikum. Da wirkt er einfach jünglingshaft, ein bisschen unschuldig auch.  … Wer jetzt heute diese Stimme zum ersten Mal hört, der denkt vielleicht, der klingt ja wie eine Frau.  … Also er hatte sicherlich keine wirkliche Singstimme, aber er hatte natürlich eine sichere Intonation. … Und er hat natürlich auch immer nur Lieder gesungen, die zu dieser weichen, sanften Stimme gepasst haben. (Er hat also keine Macho-Songs gesungen, sondern) er hat nur sensible Balladen gesungen.

MUSIK 13 ( Chet Baker – I Get Along Without You Very Well 1‘11)

Sprecher

Ein weiterer Faktor der Ikonografie sind die Portraits, die Fotokünstler William Claxton anfertigt. Obwohl Baker auf den stilvollen Schwarz-Weiss-Fotos nie lächelt, ist er ungeheuer fotogen. Ein hübscher junger Mann, in sich gekehrt, verletzlich, etwas verloren. Der ehemalige Modefotograf Claxton weiß, wie man den Jungstar inszenieren muss, damit er Starqualitäten, oder anders gesagt, das nötige Charisma entfalten kann. 

Chet Baker hat also in mehrfacher Hinsicht Glück. Er verkörpert den Zeitgeist, das weibliche Publikum findet ihn attraktiv - und der Jazz in den USA, wo im Süden die sogenannte Rassentrennung immer noch gesetzlich festgeschrieben ist, braucht saubere, weiße, junge Stars wie ihn. Für Baker-Fans ist es jedenfalls ein Schock, als der Künstler 1959, kurz vor Drehbeginn eines Spielfilms, wegen Drogen verhaftet wird. Die Dreharbeiten mit Natalie Wood und Robert Wagner als Ersatz für Baker finden trotzdem statt. Titel des Films: All The Fine Young Cannibals. 

MUSIK 14 ( Chet Baker – (Somewhere) Over The Rainbow 0‘46)

Sprecher

Nach der Entlassung aus dem Strafvollzug geht Baker nach Italien. Auch hier muss er wegen Drogen-Konsums für anderthalb Jahre ins Gefängnis. 1962 nimmt er dann in Italien das Album Chet Is Back auf, es gilt als eines seiner besten. 

Sprecherin

Was folgt, ist eine regelrechte Hetzjagd durch Europa. Baker, der im Sportwagen zu Auftritten braust, wird an nahezu jeder Grenze festgenommen, in Gefängnisse oder Psychiatrien gesteckt, von Boulevardblättern zum Monstrum erklärt. Die Öffentlichkeit interessiert sich anscheinend nicht dafür, dass er sich als Künstler weiterentwickelt hat, seinen Ansatz verfeinert hat. Der Musiker ist zur Negativfigur geworden. 

ZSP Hans-Jürgen Schaal – Baker & die Drogen II

Das war im Grunde die Tragik seines Lebens, dass viele Leute eben nur noch über den Junkie geredet haben und nicht über den Musiker. Gerade in dieser ersten Zeit in Europa war es ja so, dass die Medien gerade die die Boulevardpresse sich darauf gestürzt hat  … Dass er eine Gefahr wäre für die Allgemeinheit. Dabei hat er ja niemandem geschadet außer sich selber. … Inwieweit das jetzt in seine Musik eingegangen ist? Wenn man seine frühen Aufnahmen hört, würde ich sagen, er hat schon immer so gespielt. Er ist nur besser geworden.

MUSIK 15 ( Elvis Costello – Shipbuilding 0‘24)

Sprecher

Als der Trompeter Ende der 60er Jahre in die USA zurückkehrt, will man  nichts mehr von ihm wissen. Er ist nicht mehr der strahlende junge Held, durch die Sucht sieht er abgezehrt aus, um Jahrzehnte gealtert. In den Staaten gilt er deswegen als abgehalftert, seine Musik als überholt, stigmatisiert als Junkie, als Drogenabhängiger. 

Sprecherin

Hinzu kommt: Jazz wird nun verstärkt und verfremdet, junge Jazzmusiker setzen jetzt gerne E-Pianos und E-Gitarren ein, sie verbinden lauten Rock mit Jazzimprovisationen. Fusion nennt sich das - nichts für einen Leisetreter wie Chet Baker. Als man ihm weitere Zähne ausschlägt, weil er seine Drogenrechnungen nicht begleichen kann, ist der absolute Karriere-Tiefpunkt erreicht. 

Sprecher

Aber Baker kämpft sich zurück. Er bekommt ein künstliches Gebiss und arbeitet mehrere Jahre daran, damit einen guten Ansatz für sein Instrument hinzubekommen. 1972 wagt er in New York ein Comeback. Im Publikum bekunden Dizzy Gillespie und Miles Davis ihre Sympathie für den Kollegen. 

Sprecherin

Ende der 70-er Jahre ist er zurück in Europa. Er gastiert vor allem in Metropolen wie Paris, London, Brüssel, Berlin und Stockholm. Jahrelang verzichtet er in seinen Bands auf ein Schlagzeug. Tausend Dollar verlangt er für ein Live-Konzert, 5000 für eine Albumproduktion - auszuzahlen in bar nach der Veranstaltung, dann ab ins Hotel oder ins Auto und weiter durch die Nacht.     

Sprecher

Dass ein derartiger Freigeist kein verantwortungsvoller Vater ist und auch kein zuverlässiger Liebhaber, dürfte klar sein. Gegen Ende seines Lebens hat Baker nicht einmal ein Bankkonto, er übernachtet in Hotels und fährt mit Zug oder Auto von Auftritt zu Auftritt. Luxusnomade nennen ihn seine Kinder, die er mit mehreren Frauen hat, aber nur selten sieht. Nicht alle seine Konzerte sind großartig, aber doch viele. 

Sprecherin

Von Cool Jazz spricht nun kaum noch jemand, wird ein Konzert von ihm angekündigt. Modern, contemporary oder kammermusikalischer Jazz passt ja auch besser. Sein Name bürgt jedenfalls für kunstvoll vorgetragene, lyrische Balladen. 

MUSIK 16 ( Chet Baker – Moon Love 1‘11) 

Sprecher

Was wird bleiben von Chet Baker, dem Künstler, der 1988 im Alter von nur 58 Jahren wie ein gefallener Engel in Amsterdam aus dem Hotelfenster gestürzt ist? Hans-Jürgen Schaal fasst zusammen. 

ZSP Hans-Jürgen Schaal - 

Einmal ein Feeling, eine Emotion, die eigentlich in vielen Lebenslagen passt. Eine Emotion, die etwas melancholisch ist, aber nicht traurig, die etwas positiv ist, aber nicht verklärend. Und es bleibt einfach eine große musikalische Fantasie, ein wunderschöner Trompetenton, eine unglaubliche Intonationssicherheit, Ja, es wird einfach schöne Musik. 

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Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2008, S. 75-109. Georg Simmel Treue – Ein sozialpsychologischer Versuch,In: Der Tag, Nr. 225, 10. Juni 1908, Berlin, 1908. Dr. Chu, Victor: Von der schwierigen Kunst treu zu sein – Warum wir betrügen, was wir lieben, München, Kösel Verlag, 2008. Krüger, Wolfgang: Treue - Der Konflikt zwischen Vertrauen und Begehren, Norderstedt, BoD 2019. Hier noch besondere Podcast-Empfehlungen der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Bromance Daddys - Der Podcast für junge Eltern Die Bromance Daddys - das sind Nick und Leon, beste Buddies, die zufällig gleichzeitig Papa geworden sind. 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Als er gestorben war, errichtete man ihm eine Statue. Hachiko gilt als das Sinnbild für Treue. Sprecher Die Geschichte wurde mehrmals verfilmt. Am bekanntesten ist die anrührende Adaption „Hachi – a dogs tale“ des Regisseurs Lasse Hallström, der die Handlung in die USA verlegt hat. Der Film ist sehr bewegend und wer ihn sieht ist ergriffen von diesem Hund und seinem Verhalten. Sprecherin Das ist nicht sehr verwunderlich. Denn wünschen wir uns das nicht alle? Einen Gefährten, der bei uns bleibt. Der uns annimmt, wie wir sind. Der uns nicht vergisst auch über den Tod hinaus. Der eben treu ist … Musik: The second dance 0‘20 (leichtes Zögern) Aber ... was ist das eigentlich: Treue? Geht es dabei wirklich um die bedingungslose Hingabe, die ein Hund in der reinsten Form geben kann? Oder ist es nicht etwas komplizierter und vielschichtiger? Schauen wir doch mal genauer hin... Sprecher Von seiner Grundbedeutung her meint das Wort Treue: „fest“, „teuer“ oder „tapfer sein“. Verwandt mit der Treue sind Wörter wie „Vertrauen“, „Zutrauen“ oder jemandem etwas „anvertrauen“. Auch das englische Wort für wahr: „true“ ist mit der Treue verwandt. O-Ton 1 Chu Treue hat ja den Wortstamm von Wahrheit – von true- und das bedeutet eigentlich, dass man wahrhaftig gegen sich selber und gegenüber seinem Gegenüber – Beziehungspartner/ Partnerin – ist. Sprecherin Der Arzt und Diplom- Psychologe Dr. Victor Chu hat sich in einigen Büchern mit der Treue beschäftigt. O-Ton 2 Chu Das beinhaltet also Wahrhaftigkeit, auf der anderen Seite aber auch Bindung. Bindung zu einem Verhältnis zwischen den beiden. Sprecherin Treue selbst und alle Bereiche, die sie berührt, betreffen zunächst einmal unser Innerstes: Wahrheit, Vertrauen, Bindung. Da geht es um Grundbedürfnisse des Menschseins. Treue ist also offenbar etwas sehr Intimes. Musik: Loved ones 0‘29 Sprecher Vermutlich denken wir deshalb bei dem Wort „Treue“ zuerst immer an eine Liebesbeziehung. 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Sprecherin Zwei Partner entscheiden sich frei füreinander und für das gemeinsame Projekt Beziehung. Die Freiwilligkeit ist dabei entscheidend. Zur Treue kann man nicht gezwungen werden. Sprecher Bei einer Liebesbeziehung handelt es sich – wenn wir die emotionalen Motivationen einmal zurückstellen - also im Grunde um eine freiwillige Selbstverpflichtung. Und diese findet in einem sensiblen Spannungsfeld statt. O-Ton 5 Chu (...) dieses Feld ist außerordentlich differenziert und tief. Dann begibt man sich in ein Feld zwischen Liebe – Hass, zwischen Bindung und Freiheit, das sind alles Polaritäten, zwischen „sich Abgrenzen“ und „Entgrenzen“. Musik: Home is with me 0‘25 Sprecherin Wir Menschen haben einerseits ein tiefes Bedürfnis nach Geborgenheit, nach Sicherheit und Vertrauen. Vermutlich ist das von frühster Kindheit an in uns angelegt. Als Säugling sind wir vollkommen abhängig und auf einen geschützten Raum, in dem wir wachsen können und auf Menschen, denen wir unbedingt vertrauen können, angewiesen. O-Ton 6 Chu Ich glaube, es liegt an der menschlichen Natur, dass wir tatsächlich nach der Intimität suchen. Dass das eine große Sehnsucht ist, also Nähe, Verständnis, Mitgefühl, dass wir doch danach suchen und uns sehnen. (…) Sprecherin Andererseits haben wir – heute vielleicht mehr denn je – das Bedürfnis nach Freiheit, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Diese beiden Pole können leicht aus dem Gleichgewicht geraten. Wenn der eine Partner mehr Freiheit, der andere mehr Nähe braucht. Wenn Eifersucht oder Misstrauen ins Spiel kommen. Musik: A glimmer of hope 0‘36 Sprecher Diese Schwankungen und Konflikte kennt jeder, der schon einmal eine ernsthafte Beziehung gehabt hat. Sie sind bis zu einem gewissen Grad normal und gehören dazu. Mit der einmal getroffenen Entscheidung ist es nicht getan. Eine Beziehung erfordert auch Arbeit. Vor allem, weil wir uns verändern. Nach einer gewissen Zeit ist der Partner oder die Partnerin nicht mehr genau derselbe Mensch, der er oder sie zu Beginn gewesen ist. Es ist also wichtig, dass eine Beziehung nicht starr ist. O-Ton 7 Chu Und jetzt führ ich vielleicht noch einen anderen Faktor rein: Flexibilität. Also Anpassungsfähigkeit, also ob man nur ein ganz bestimmtes Konzept von Beziehung hat oder haben will, oder ob man flexibel genug ist, ob man diesen Vertrag, den man anfangs miteinander geschlossen hat, ob man diesen Vertrag abändern kann, modifizieren kann, anpassen kann. Sprecherin Hier zeigt sich wieder die Wahrhaftigkeit. Es ist wichtig zu wissen und zu formulieren, was ich will und brauche, dass ich meine Bedürfnisse und Wünsche kenne, und dass ich die des Partners höre und akzeptiere. Musik Unfolding feelings (a) 0‘35 Sprecher Das hört sich schön an und leuchtet ein. Aber es ändern sich ja nicht nur die Persönlichkeiten in einer Beziehung, sondern auch die Verhältnisse. Man hat sich etwas aufgebaut, einen gemeinsamen Freundeskreis, ganz konkret materiell vielleicht ein Haus. Vielleicht hat man Kinder, die dann auch einen Anspruch auf die Erfüllung des von den Eltern geschlossenen Vertrages haben. Die sogar davon abhängig sind, dass das elterliche Verhältnis funktioniert. Man wächst über die Jahre immer mehr zusammen, es wird immer schwerer die eigene Persönlichkeit frei zu entfalten. Sprecherin Ganz besonders brisant wird es, wenn es um Sexualität geht. Sie ist der sensibelste Bereich einer Beziehung. Letztendlich ist, wenn von Treue in einer Beziehung die Rede ist, die Sexualität gemeint. Wenn jemand sagt, dass der Partner untreu ist, dann heißt das, dass er mit jemand anderem schläft. Sprecher Warum ist das eigentlich so? Wir haben doch festgestellt, dass alles was mit Treue zusammenhängt unser Innerstes angeht. Es geht um Sicherheit, Vertrauen, Geborgenheit. Alles Dinge, die man auch in Freundschaften finden kann. Wieso ist man nicht untreu, wenn man einen besten Freund hat, wohl aber bei einem Seitensprung? Wozu diese Fokussierung auf die Sexualität? Ist sie nicht nur ein Aspekt von vielen? Musik Fragile life 0‘40 Sprecherin In der Tat gibt es immer mehr Menschen, die so denken und es gibt auch immer mehr Beziehungskonzepte, die die Sexuelle Exklusivität zwischen Partnern auflockern wollen. Es mag sein, dass der monogame Ansatz stark kulturell, besonders von Kirchlichen Wertvorstellungen geprägt ist und durchaus auch hinterfragt werden kann. Und es spricht nichts dagegen, dass zwei Partner, wenn sie es können, in ihrer Beziehung eine sexuelle Offenheit integrieren. Dennoch darf man nicht übersehen, dass in der sexuellen Untreue die größte Gefahr für eine intime Vertrauensbeziehung liegt. Dr. Victor Chu: O-Ton 8 Chu Sexualität kann man ja oberflächlich begreifen als Lustgewinn, als Abfuhr von sexueller Energie, oder eben, man kann in der Sexualität etwas erleben, was man sonst eben nicht oder nie erlebt, also ne Hingabe, ein sich Fallenlassen. Sprecher Schläft man wirklich mit jemandem, so ist man nicht nur körperlich nackt voreinander. Der Sex geht irgendwie das ganze Wesen an. Nicht umsonst spricht man hier oft von Verschmelzung, Vereinigung oder Hingabe. O-Ton 9 Chu D.h. wenn wir Sexualität erleben mit einem anderen, dann entsteht eine ganz neue Bindung, und zwar eine sehr exquisite, eine sehr intensive Verbindung und Bindung zu diesem Menschen. (...) Sprecherin Das ist etwas Wunderbares. Und man könnte fragen, warum das nicht jeder Mensch so oft wie möglich erleben sollte. Aber wenn man zugleich das Bedürfnis nach einer tiefen, geschützten und intimen Beziehung hat und in einer lebt, wird es schwierig. O-Ton 10 Chu Und das Gefährliche eben - wenn einer der Partner sich einlässt auf jemand anderes - ist, dass so etwas entstehen könnte, was eine ganz tiefe intime Beziehung darstellt. Und dann wird die ursprüngliche Beziehung in Frage gestellt. (...) Musik: Sanzhi Pod City 0‘23 Sprecher In der Sexualität liegt also tatsächlich die größte Gefahr für eine Beziehung. Vor allem, weil ein sexueller Seitensprung meist aus einer Situation der Unzufriedenheit in der bestehenden Beziehung heraus entsteht. Die ist ohnehin schon geschwächt. Sprecherin Egal was die Beweggründe sind, sich sexuell auf einen anderen einzulassen. Das Ergebnis ist nicht vorhersehbar. Man weiß nicht, was daraus entsteht. Nicht direkt die Befriedigung der körperlichen Lust ist das Problem. Sondern wir haben Angst davor, dass unser Partner uns betrügt - und sind am meisten verletzt, wenn er es tut -, weil es hier am wahrscheinlichsten ist, dass er uns verlässt und das gemeinsame Vertrauensverhältnis somit zerstört wird. Musik: Glück 0‘40 Sprecher Die Sehnsucht nach Treue entspringt aus unserem Bedürfnis nach Sicherheit, nach Bindung und Verlässlichkeit. Sie steht in dem Spannungsfeld zwischen Geborgenheit und Freiheit, zwischen Selbstbestimmung und Unterordnung. Ein gültiges Treuebündnis kann nur auf Augenhöhe und aus freier Entscheidung heraus getroffen werden. Es ist auf Gegenseitigkeit angelegt. Das alles kann man an einer Liebesbeziehung gut ablesen. Aber Treue ist nicht nur hier relevant. Sprecherin Treue taucht in allen möglichen Bereichen auf. Ganz simpel zum Beispiel im Supermarkt. Überall bekommt man einen Treuebonus oder Treuepunkte. Firmen wollen ihre Kunden an sich binden. Sprecher Ernsthafter wird es, wenn es um große Gemeinschaften geht. Das können Firmen, Vereine, Verbände oder Parteien sein. Sie alle haben ein Interesse daran, dass ihre Mitglieder treu, oder besser: loyal sind. Ebenso wie der ganze Staat, der im Grunde auch auf ein Treueverhältnis mit seinen Bürgern angewiesen ist. Zitat: Dr. Nikolaus Buschmann: Zitator (Buschmann) Allgemein gesprochen benötigt jedes Gemeinwesen ein Bindemittel, das für Stabilität und Dauerhaftigkeit sorgt. Entscheidend für die politische Verfassung eines Gemeinwesens ist jedoch das, was man die implizite Normativität dieses Bindemittels nennen könnte: In einer offenen, demokratisch verfassten Gesellschaft bedarf es staatsbürgerlicher Loyalität, die von der Vorstellung getragen ist, dass Konflikte friedlich und regelgeleitet zwischen gleichberechtigten Staatsbürgern ausgetragen werden. Musik: Complex questions 0‘19 Sprecherin Staatsbürgerliche Loyalität kann man in unserer modernen Gesellschaft in etwa mit „Gesetzestreue“ übersetzen. Sie basiert darauf, dass sich beide Seiten, also der Staat wie seine Bürger, an den demokratisch legitimierten Rechtsstaat halten und ihm verpflichtet sind. Sprecher Das dritte, von dem wir eingangs bei der Beziehung gesprochen haben, ist hier also die Einigung auf den Rechtsstaat, der jeder Seite garantiert, dass ihr Recht und ihre Würde gewahrt bleiben. Konflikte werden friedlich ausgetragen und ausgehandelt. Sprecherin Das ist nicht so selbstverständlich und auch nicht so einfach. Treue und Loyalität sind ein hohes Gut, bewegen sich aber auf einem schmalen Grat. Gerade in den letzten Jahren hat die Protestkultur in Deutschland ganz neue Formen angenommen. Musik: Foreboding of war (reduziert) Vor allem Akteure aus dem rechten Spektrum treten immer mehr in Erscheinung. Sie lehnen den Staat als illegitim ab und fühlen sich ihm nicht verpflichtet. Der Ton wird rauer. Sprecher In Israel gingen im Jahr 2023 Millionen Menschen auf die Straße, um gegen eine geplante Justizreform zu protestieren. Weil sie die berechtigte Gefahr sahen, dass die Regierung den Rechtsstaat zu ihren eigenen Gunsten aufweicht, was einen Bruch des Treueverhältnisses zu ihren Bürgern darstellt. Sprecherin Von beiden Seiten kann das Treueverhältnis bedroht sein. Deshalb ist ein funktionierender Rechtsstaat, der sich bei uns in Deutschland am Grundgesetz orientiert, so wichtig und es gilt ihn zu schützen. Er gewährleistet, dass sich die beiden Partner auf Augenhöhe begegnen und Konflikte friedlich ausgetragen werden können. Musik: Pensive pondering 0‘25 Sprecher Ist ein demokratisch legitimierter Rechtsrahmen nicht gegeben, so kippt das ganze Gefüge: Die Augenhöhe geht verloren, das Machtgefälle ändert sich und der Begriff Treue bekommt eine ganz andere Bedeutung. Das musste die Menschheit in der Zeit des Nationalsozialismus leidvoll erfahren. O-Ton 12 Treueeid Wir kommen zum Eid: Ich schwöre Dir, Adolf Hitler Alle: Ich schwöre Dir, Adolf Hitler Als Führer und Kanzler des Reiches Alle: Als Führer und Kanzler des Reiches Treue und Tapferkeit Alle: Treue und Tapferkeit Ich gelobe Dir und den mir von Dir bestimmten Vorgesetzten Alle: Ich gelobe Dir und den mir von Dir bestimmten Vorgesetzten Gehorsam bis in den Tod Alle: Gehorsam bis in den Tod Sprecherin „So wahr mir Gott helfe“, so endet dieser Treueschwur, den die Mitglieder der SS auf Hitler leisten mussten. Im Führerstaat der Nationalsozialisten war alles, was wir über Treue und Loyalität gehört haben, ausgehebelt. Zitator Treue ist immer an wechselseitige Bedingungen geknüpft, auch wenn sie asymmetrisch ist, also ein Machtgefälle konstituiert, wie in einer Monarchie. So kann beispielsweise die Verpflichtung auf Gehorsam und Unterordnung an Schutzverpflichtungen oder Fürsorgeleistungen gebunden sein. Im nationalsozialistischen Herrschaftsverständnis wurde dagegen unter Treue bedingungsloser Gehorsam verstanden, was nichts anderes bedeutet als totale Unterordnung unter den Willen eines Führers. Musik: Foreboding of war (reduziert) 0‘41 Sprecher Es ist auch heute, beinahe 80 Jahre nach Kriegsende noch erschreckend, wie erfolgreich die Nationalsozialisten darin waren, den größten Teil des Volkes unter diesen Gehorsam zu stellen. Treue und Gehorsam wurden idealisiert, romantisiert und für die Ideologie der Rassegemeinschaft missbraucht. „Unsere Ehre sei Treue“ war der Wahlspruch der SS. In Propagandafilmen und Liedern wurde den Menschen der unbedingte Gehorsam immer wieder eingetrichtert. Wie in einem von Franz Baumann getexteten Lied für die Nürnberger Reichsparteitage: O-Ton 13 Lied: Deutschland Du Land der Treue Deutschland Du Land der Treue Oh, Du mein Heimatland Dir schwören wir aufs neue treue mit Herz und Handlung Strahlend erstehst Du wieder Herrlich nach banger Nacht. Jubelt ihr deutschen Brüder Deutschland ist neu erwacht Hakenkreuzfahnen Schwarz, weiß und rot Grüßen und mahnen: Seid getreu bis zum Tod! Sprecherin „Seid getreu bis zum Tod“ – wenn man das heute hört, wird es einem ganz anders. Aber das war staatliches Programm und Propaganda, die verfing. Gepaart mit dem schon genannten nationalsozialistischen Rassenwahn führte der bedingungslose Gehorsam eines Großteils der Bevölkerung in den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg, der bis zu 80 Millionen Menschen das Leben kostete. Musik: Dark operation red. 0‘22 Sprecher Im Nationalsozialismus wurde der Begriff der ‚Treue‘ korrumpiert und missbraucht. Und im Zusammenhang mit Staat und Gesellschaft hat er seither einen gewissen Beigeschmack. In Deutschland wird er heute hauptsächlich in Kreisen der Neuen Rechten noch - oder besser - wieder benutzt. Zitator Wenn heutzutage Treue gegenüber einem politischen oder militärischen Führer gefordert wird, ich denke etwa an Putin oder Trump, handelt es sich um Ideologien, die sich gegen das Prinzip des Rechts- und Verfassungsstaates richten. Um hier noch einmal auf die Unterscheidung zwischen Treue und Loyalität zurückzukommen: Ein demokratisches Gemeinwesen ist auf staatsbürgerliche Loyalität zu den grundlegenden Normen angewiesen, die das Gemeinwesen ausmachen. Treue und Gehorsam gegenüber einer Person oder einer Volksgemeinschaft einzufordern, ist dagegen ein Kennzeichen autoritärer, faschistischer oder totalitärer Gesellschaften. Musik: Talking to my father 0‘31 Sprecherin Die Treue geht unser Innerstes an. Das Verlangen nach ihr entspringt unserer Sehnsucht nach Geborgenheit, aber auch aus unserem Recht darauf. Im öffentlichen Bereich geht es um Heimat und Zugehörigkeit, im Privaten um eine geschützte, intime Beziehung. Aber ob im Großen oder im Kleinen, Treue bewegt sich immer zwischen zwei Polen und kann leicht in die eine oder andere Richtung abrutschen. Sprecher Treue und Loyalität sind hohe Werte. Sie sind unerlässlich für das Funktionieren einer Beziehung oder einer Gesellschaft. Nur wenn man sich aufeinander verlassen kann, lässt sich etwas Gemeinsames aufbauen. Aber die Treue ist kein Selbstläufer. Sie fordert eine gewisse Anstrengung von allen ein und braucht vor allem einen Rahmen und Regeln. Das ist auf der Staatsebene nicht anders als in der Liebe. Besonders aus der Erfahrung des Nationalsozialismus heraus hat sich in Deutschland ein funktionierender demokratisch legitimierter Rechtsstaat etabliert, in dem auch die Möglichkeit mitgedacht ist sich gegen Missstände zu wehren. Allerdings ist es wichtig darauf zu achten, wogegen sich Protest richtet. Staatsbürgerliche Loyalität wird nicht gegenüber den jeweiligen politischen Akteuren gefordert. Sondern gegenüber einer Staatsform, die diesen Protest ermöglicht. Musik: Treats from cate 0‘44 Sprecherin So schön die Geschichte von Hachiko, dem treuen Akita Hund auch sein mag. Seine Art der Treue ist sicher nicht für uns Menschen erstrebenswert. Denn wenn wir ehrlich sind, wollen wir doch in der Liebe keinen Partner, der sich uns vollkommen unterordnet. Ebenso wenig wollen wir einen Staat, der sich zum Herren über uns aufschwingt und unsere Rechte beschneidet. Treue ist etwas sehr Wichtiges und Grundlegendes. Aber sie muss auch auf etwas zielen, für das es sich lohnt, treu zu bleiben.

  • Die Geschichte des Fernsehens - Von zwei Stunden in schwarz-weiß bis zu digital nonstop

    31.03.2025 · 26 Min.

    Vom Fernsehprogramm der NS-Zeit wissen die wenigsten. Zum geliebten und gescholtenen Massenmedium und Fixpunkt des Familienlebens wurde "die Glotze" dann ab der Zeit des Wirtschaftswunders. Das Fernsehen hat sich und die Gesellschaft beständig verändert und unseren Alltag entscheidend geprägt. Von Karin Becker (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Karin Becker Regie: Frank Halbach Es sprachen: Christian Baumann, Florian Schwarz Technik: Tim Höfer Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Michaela Krützen, Professorin für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Hochschule für Fernsehen und Film München; Klaudia Wick, Bereichsleiterin Fernsehen bei der Deutschen Kinemathek Berlin Diese hörenswerten Folgen könnten Sie auch interessieren: Alles Geschichte - History von radioWissen · DAS FRÜHE RADIO - Die Anfänge in Deutschland JETZT ANHÖREN Alles Geschichte - History von radioWissen · DAS FRÜHE RADIO - Werbung, Propaganda, Aufklärung JETZT ANHÖREN Alles Geschichte - History von radioWissen · WIE WAR DAS DAMALS...? Als das Radio in die Welt kam? JETZT ANHÖREN radioWissen · Programm-Ansagerinnen - Fernsehgesichter der ersten Stunde JETZT ANHÖREN radioWissen · Radio Caroline - Der vorbildliche Piratensender JETZT ANHÖREN radioWissen · Egon Erwin Kisch - Der rasende Reporter JETZT ANHÖREN radioWissen · Reporterlegende Seymour Hersh - Stachel im Fleisch der Mächtigen JETZT ANHÖREN radioWissen · Kriegsberichterstatterinnen - Frauen zwischen den Fronten JETZT ANHÖREN radioWissen · Scripted reality - Die Erfindung der Wirklichkeit JETZT ANHÖREN radioWissen · Infobits und Datenflut - Verlernen wir das Denken? JETZT ANHÖREN Linktipps: Am 25. Januar 1949 wurde der Bayerische Rundfunk gegründet. Seitdem ist viel passiert. Ein bunter Ritt durch 75 Jahre Programm für Bayern: ZUR JUBILÄUMS-WEBSITE Literaturtipps: Bundeszentrale für politische Bildung: Deutsche Fernsehgeschichte in Ost und West. Umfangreiches Online-Dossier, das die TV-Geschichte in beiden deutschen Staaten zuverlässig in vielen (auch einzeln lesbaren) Kapiteln abbildet. Klaudia Wick: Je später der Abend. Über Talkshows, Stars und uns. Interessanter Beitrag zur Formatgeschichte. Knut Hickethier, Peter Hoff: Die Geschichte des deutschen Fernsehens. Überblick über das 20. Jahrhundert. Albert Abramson: Die Geschichte des Fernsehens. Standardwerk, insbesondere frühe TV-Geschichte, internationale Perspektive. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Geräusch TV einschalten + MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:15 OTON 1 WICK „Es gibt ja auch Erzählungen noch bis in die 60er-Jahre hinein, dass Leute gesagt haben: wir waren dann ab dem Moment, wo wir einen Fernseher hatten, in der Nachbarschaft sehr beliebt. Und dann kamen die Leute und klingelten so kurz vor acht und wollten was von uns, weil sie eigentlich gerne mitgucken wollten … (…)“ MUSIK ENDE ZUSPIELER 1 Tagesschau Spot von 1960 (15‘‘) „Hier ist das deutsche Fernsehen mit der Tagesschau. Anschließend: die Wetterkarte.“ OTON 2 WICK „Das Interessante ist in den 60er-Jahren, dass die Leute anfangen, ihre Lebensrhythmen nach dem Fernseher auszurichten. Also das, was wir in Deutschland kennen, ist ja gar nicht überall auf der Welt so, dass um 8 Uhr das Abendprogramm anfängt. Das hat einfach was damit zu tun, dass die Tagesschau um 8 Uhr angefangen hat und dass die Leute sozusagen ‚davor und danach‘ gesagt haben. Was machen wir mit dem Abend? Davor essen wir zu Abend und danach gucken wir Fernsehen.“ MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:32 SPRECHER Das Fernsehen als Taktgeber des Alltags – in heutigen Zeiten rückt diese Vorstellung immer weiter in geschichtliche Ferne. Dank Internet können wir mittlerweile das Programm genau dann beginnen lassen, wenn wir Zeit dazu haben. Klaudia Wick von der Deutschen Kinemathek Berlin spricht über die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Fernsehgerät im Wohnzimmer neu ist und sich schnell und unübersehbar im deutschen Alltag breitmacht. MUSIK ENDE OTON 3 WICK „Es gibt auch viele soziologische Texte darüber, dass die Möbel im Wohnzimmer sich veränderten, dass eben plötzlich der Fernseher eigentlich das Lagerfeuer war, um das sich alle herumgruppiert haben. Dass es eben nicht mehr diese geschlossene Sitzgruppe gibt, in der wir uns anschauen, sondern: alle schauen auf diesen Fernseher.“ ZUSPIELER 2 Jingle von „Was bin ich“ (instrumental) 35‘‘ (ÜBERBLENDUNG MIT FOLGENDEM SPRECHERTEXT) MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:15 SPRECHER In diesem Fernseher gibt es schon in den Fünfzigern die ersten Spiel- und Quizshows zu sehen – in Ost wie West. Der Bayerische Rundfunk etwa produziert: „Was bin ich?“, das „heitere Beruferaten“ mit Robert Lembke, Erstsendung 1955. „Welches Schweinderl hätten’s denn gern?“ Lembkes Frage wird bald legendär. MUSIK ENDE Das Fernsehen als „Lagerfeuer“ der Wirtschaftswunderzeit bietet den Gemütern Abkehr vom Krieg. Es bedeutet Zukunft, Leichtigkeit und Wohlstand. Es wird verspottet als „Pantoffelkino“, später geschmäht als „Glotze“. In der DDR ist es in Verruf als bekanntermaßen langer Arm des Politbüros der Staatspartei SED. Dennoch: Das Fernsehen legt in ganz Deutschland ab den Sechzigern einen historischen Aufstieg hin, es wird zum wirkmächtigen Massenmedium. ENDE INTRO SPRECHER Von einer „schnellen“ Erfolgsgeschichte aber kann hier nicht die Rede sein. Die ersten technischen Versuche, ein Bild zu zerlegen und an einen entfernten Ort zu übertragen, gehen bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Diese fernsehtechnischen Anfänge wurden von einer Vision getragen, die mit der späteren Nutzung nur bedingt zu tun hat, so Michaela Krützen, Professorin für Medienwissenschaft an der Hochschule für Fernsehen und Film München: OTON 4 Krützen „Die Idee, die da im neunzehnten Jahrhundert kam, ist die Direktübertragung. Nicht irgendwie, wofür wir heute das Fernsehen vielfach nutzen, um eine Kochsendung anzugucken oder Nachrichten, sondern eigentlich: mit anderen sprechen. Andere sehen. Also die Direktübertragung. Das ist der Traum, der dahintersteht. Das ist die Ur-Idee (…) des Fernsehens.“ SPRECHER Die technische Umsetzung dieser Idee zieht sich über Jahrzehnte. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kommen, treiben sie die Entwicklung der Fernsehtechnik stark voran. Ihr Ziel ist Propaganda: Sie wollen den ersten, regelmäßigen Fernsehbetrieb der Welt für sich reklamieren können. Tatsächlich gelingt das: Im März 1935 beginnt der „Fernsehsender Paul Nipkow“ vom Berliner Funkturm live auszustrahlen, fast ein Jahr vor der BBC in Großbritannien. Mit entsprechend triumphalen und pathetischen Worten eröffnet Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky das Programm: ZITATOR „Während wir hier im Saale atemlos lauschen und schauen, hat die Zeit eines neuen, unbegreiflichen Wunders begonnen. (…) In dieser Stunde wird der Rundfunk berufen, die größte und heiligste Mission zu erfüllen: nun das Bild des Führers unverlöschlich in alle deutschen Herzen zu pflanzen.“ SPRECHER Die Realität dieses „neuen, unbegreiflichen Wunders“ fällt dann allerdings eher karg aus. Das beginnt schon damit, dass verschwindend wenige Leute das Fernsehen überhaupt zu sehen bekommen. OTON 5 Krützen „Von einer nationalen Verbreitung sind wir ganz, ganz, ganz, ganz weit entfernt. Ein paar wenige Leute konnten im Dritten Reich fernsehen. Und es war eher so eine Attraktion, als wirklich ein Massenmedium.“ SPRECHER An anfangs drei Abenden die Woche gibt es damals zwei Stunden Programm – und das zunächst nur in Berlin. Zudem stehen die Fernsehgeräte noch nicht in den Wohnzimmern. Michaela Krützen: OTON 6 Krützen „Zuhause hatte praktisch niemand einen sogenannten Heimfernseher. Das sind ein paar Dutzend Geräte, 75 oder so was, so ungefähr um 37. Das ist praktisch nichts. (…) Eigentlich haben die Menschen in sogenannten Fernsehstuben, ganz toller Begriff, Fernsehen geguckt. Da war freier Eintritt (…) und dann sah man halt auf so einem kleinen Bildschirm vorne so ein kleines bisschen Programm, bisschen verrauscht. Ich habe da so einen Techniker daneben, der das ab und zu so justierte, dass man es genauer sehen konnte. (…) Stellen Sie sich ein etwa Schuhschachtel-großes Bild vor, relativ klein, (…). Das ist schwarz-weiß, und (…) ne Bildqualität, die eher im bescheidenen Bereich liegt. Also, das ist schon ein armes Bild im Verhältnis zum reichen Bild des Kinos.“ SPRECHER In seinem ersten Sendejahrzehnt ist das Fernsehen ein unausgereiftes Medium und seinen zwei nächsten Verwandten Kino und Radio deutlich unterlegen. Das riesige Propagandaspektakel der Nationalsozialisten um die olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin bietet dem Randmedium die Chance, etwas zu glänzen. In den 16 Tagen der Spiele werden um die 100.000 Menschen durch die Fernsehstuben geschleust. Das tägliche Live-Programm aus dem Olympiastadion macht das Fernsehen populärer – eine Funktion, die Sportveranstaltungen in der deutschen TV-Geschichte noch häufiger übernehmen sollten. ZUSPIELER 3 kurzer Schnipsel: Reportage vom 4x100m Staffellauf „Deutschland muss vor den Amerikanerinnen laufen, das ist ein kleiner Nachteil (Startschuss), davor Kanada, davor Holland, wunderbar! Die erste Deutsche losgegangen…“ SPRECHER Propaganda hin oder her - von führenden Nationalsozialisten ist kein einziger Auftritt im verwaschenen Fernsehbild ihrer Zeit bekannt. Ein 1939 auf der Funkausstellung vorgestellter Volksfernseher für Zuhause kommt doch nicht – die Fertigungsanlagen werden nun für die Rüstungsproduktion benötigt. Der Krieg beginnt. Für einige Jahre werden die verbleibenden Fernsehgeräte in Lazaretten aufgestellt. Im November 1943 wird der Berliner Sender durch Bomben zerstört. Das NS-Projekt Fernsehen kommt zum Erliegen. MUSIK „Diversity“; ZEIT: 01:04 SPRECHER Sprung ins Nachkriegsdeutschland. Der Neu-Start des Fernsehens wird wieder von einem Wettlauf vorangetrieben, diesmal zwischen den beiden deutschen Staaten. Die DDR strahlt zu Stalins 73. Geburtstag im Dezember 1952 erstmals die Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ aus. Offiziell startet der „Deutsche Fernsehfunk“ im Januar 1956, kontrolliert von der Abteilung Agitation und Propaganda des Zentralkomitees der Staatspartei SED. Im Westen haben die Alliierten den Rundfunk dezentral und öffentlich-rechtlich angelegt: Die über die BRD verteilten Landesrundfunkanstalten sind nichtstaatlich und nichtkommerziell. Sie schließen sich 1950 in der ARD, der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten in Deutschland, zusammen und planen für das Fernsehen ein gemeinschaftliches Programm: MUSIK ENDE OTON 7 Wick „Das war, glaube ich, tatsächlich den Kapazitäten geschuldet. (…) Sie müssen sich ja auch vorstellen, es musste Leute geben, die das überhaupt erst mal lernen, wie die Technik funktioniert, die Lust haben, was Neues zu machen. Viele haben gesagt: da in diesen neuen Kasten, (…) da glaube ich gar nicht dran. Es gab viele Leute, die nicht ans Fernsehen geglaubt haben. Und so hat man sehr viel improvisieren müssen.“ SPRECHER Nach jahrelangem Testbetrieb und dem BRD-weiten Aufbau eines engen Sendernetzes wird am 1. November 1954 das ARD-Programm offiziell aufgenommen – das so genannte „Deutsche Fernsehen“ startet sein Gemeinschaftsprogramm. Der Bayerische Rundfunk bestückt seinen ersten Abend unter anderem mit dem Singspiel „Gärtnerin aus Liebe“ von Wolfgang Amadeus Mozart. Eine für die Zeit nicht untypische Wahl, so Klaudia Wick von der Deutschen Kinemathek Berlin: OTON 8 Wick „Das ist auch etwas, was wir, glaube ich, aus anderen Medienzusammenhängen kennen, dass man erst mal der Sache Glanz verleihen will, indem man aus einem anderen Medium entlehnt und sagt: wir machen hier übrigens Kultur.“ SPRECHER Auch beim Radio bedient sich das Fernsehen. Formate werden übernommen, und auch Personal: große Fernsehnamen der ersten Jahre, wie Peter Frankenfeld oder Hans Joachim Kulenkampff, kommen vom Hörfunk und sollen ihr Publikum am besten gleich mitnehmen. Denn Zuschauer und Zuschauerinnen gibt es in den Fünfzigern noch nicht viele: OTON 9 Wick „Wenn sie geschaut haben, haben sie meistens in einer Gruppe geschaut, in einer Kneipe oder vor der Fensterscheibe. Es gibt da ja zwei wichtige Ereignisse. Das ist einerseits die Fußball-Weltmeisterschaft in Bern, die viele Leute dann gesehen haben. Und dann die Krönung von Elisabeth II., was auch so ein Event war, wo man sagte: Ah, jetzt wäre es schon ganz schön, einen Fernseher zu haben“ SPRECHER Dieser Fernseher kam in der Zeit gleich als eigenes Möbelstück daher, genannt „Fernsehtruhe“: OTON 10 Wick "Die Fernsehtruhe war ein Monstrum, das war so groß wie vielleicht mein Büroschreibtisch jetzt hier. (…) Und die Mattscheibe (…) wurde versteckt in einem Schrank, den man erst mal aufmachen musste. Also (…) wie das häufig so ist: Wenn Dinge Statussymbole sind, dann sollen sie auch schön aussehen. (…) Was ich sehr lustig finde. Die Statistik weist aus, dass in den ersten Jahren vor allem besondere Berufsgruppen einen Fernseher besaßen. Das waren die Radio- und Fernsehtechniker – da ahnen wir, warum. Dann war es die Kneipen- und Gaststättenbesitzer und als dritte Gruppe die Zahnärzte. Ich denke mir, dass die Zahnärzte (lacht nett) das aus Prestige gekauft haben (…) wer es zu was gebracht hatte, der hatte dann irgendwann einen Fernseher.“ SPRECHER Schon im Jahr 1963 konnte der damalige Intendant des Bayerischen Rundfunks, Christian Wallenreiter, den Millionsten Fernsehteilnehmer in Bayern beglückwünschen. ZUSPIELER 4 der Millionste Fernsehteilnehmer in BY 1963 (ab Sek 41), (Gespräch zwischen Intendant, Moderatorin und Fernsehteilnehmer) „Eine Million Fernsehgerätebesitzer in Bayern (…) bedeutet ja etwas. Und deshalb habe ich mich gefreut heute Herrn Kiessling eine Ehrengabe überreichen zu können. / Herr Kiessling, Sie haben 2000 Mark bekommen, das ist also eine ganze Menge Geld, was tun sie damit? / Ja, vorläufig kommen sie einmal auf ein Sparkassenbuch. Für die Kinder ist das gedacht, ne! / (…) Hören Sie gerne Nachrichten? / Ja, Nachrichten: alle Tage. / (…) Mich würde noch etwas anderes interessieren: in welchem Tempo wächst eigentlich die Zahl der Fernsehteilnehmer? (…) / In jedem Monat so ungefähr 10.000.“ SPRECHER Das sich ausbreitende Fernsehen synchronisiert die Lebenswelten der Menschen in der Bundesrepublik Deutschland: es drängt die Dialekte zugunsten eines einheitlichen Hochdeutsch zurück, es etabliert 20 Uhr als landesweite Grenze zum privaten Teil des Abends, und es bringt überallhin die exakt gleichen Sendungen, egal ob in die Stadt oder auf’s Land. MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:56 Nach Anfangsjahren mit genau einem Programm wächst das Angebot in den 1960ern. Das Bundesverfassungsgericht untersagt 1961 die Einrichtung eines staatlichen Fernsehprogramms, das die Regierung Konrad Adenauers plant – das Fernsehen soll Ländersache und öffentlich-rechtlich bleiben. Kurz darauf gründen die Ministerpräsidenten der Länder das Zweite Deutsche Fernsehen, ZDF. Programmstart ist 1963. Zudem beginnen die Landesrundfunkanstalten jetzt in ihren Regionen, eigene Programme auszustrahlen. Bayerischer und Hessischer Rundfunk sind im Jahr 1964 die ersten. Die neuen Dritten Programme werden als Kultur- und Bildungsfernsehen angelegt. Beispiel: Das Telekolleg des Bayerischen Rundfunks: MUSIK ENDE ZUSPIELER 5 Telekolleg (1.12 Jingle Musik könnte über Text vorlappen) „How do you do? Let’s learn english together! I am Paul Dine.“ SPRECHER ARD, ZDF, Dritte: Ab Mitte der 60er gibt es Konkurrenz auf dem Fernsehmarkt und das Publikum hat die Wahl. Aber „gezappt“ wird noch nicht. Wer umschalten will, muss anfangs noch aufstehen. Denn die Fernbedienung kommt erst Mitte der 1970er Jahre. SOUNDAKZENT UMSCHALTGERÄUSCH SPRECHER Im Jahr 1967 folgt ein weiterer Meilenstein der Fernsehgeschichte. Die Fernsehbilder werden farbig. In einem feierlichen Akt spricht der damalige Vizekanzler Willy Brandt auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin: ZUSPIELER 6 Schmidt „In der Hoffnung auf viele friedlich-farbige, aber auch spannend-farbige Ereignisse, über die zu berichten und die darzustellen sich lohnt (…) gebe ich jetzt gewissermaßen den Startschuss für das deutsche Farbfernsehen.“ (Applaus) MUSIK „Inventions“; ZEIT: 00:56 SPRECHER Zu diesen Worten drückt Willy Brandt auf einen Knopf, um das Fernsehbild auf Farbe umzustellen. Der Knopf allerdings ist nur eine Attrappe und ein nervöser Techniker hat das Bild schon bunt gestellt, bevor Brandt überhaupt zudrückt. Eine Panne, die kaum jemand bemerken kann – denn die wenigsten haben in dieser Zeit farbfähige Fernseher zu Hause stehen. Das sollte sich allerdings schnell ändern. Fussballmannschaften besser auseinanderhalten zu können oder die olympischen Spiele 1972 in München in Farbe zu sehen – solche Wünsche verschaffen den neuen Geräten bald guten Absatz. Die erste Sendung, die der Bayerische Rundfunk in Farbe ausstrahlt, ist übrigens „Was bin ich?“, aufgezeichnet unmittelbar auf der Berliner Funkausstellung 1967. Wie Robert Lembke gleich zur Begrüßung ankündigt: MUSIK ENDE ZUSPIELER (TC 03.09) „Das ist übrigens ein einmaliger Exzess, schon bei der nächsten Sendung kehren wir reumütig zu Schwarzweiß zurück. Der Bayerische Rundfunk hat nämlich noch keine Farbelektronik. Im Übrigen ist Farbe schon eine feine Sache, auch wenn man im Lauf der Zeit draufkommen wird, dass es Schwarzweiß Sendungen gibt, die recht farbig, und bunte Sendungen, die ziemlich fad sind. Aber noch viel wichtiger, als das farbige Sehen wäre es ja, wenn wir uns das Denken in Schwarzweiß-Kategorien abgewöhnen und ein bisschen mehr Gefühl für Zwischentöne entwickeln könnten.“ Oton 11 Wick „Was ich auch immer noch sehr lustig finde, ist, dass das Feuilleton geschrieben hat: Man wäre sich gar nicht sicher, ob das so eine gute Idee ist mit der Farbe, weil in Schwarz-Weiß, sei das doch alles konzentrierter und viel kunstvoller. Also, das ist etwas, was sich ständig wiederholt und auch an anderen Medien sich zeigt, dass man immer sagt: früher war es auf jeden Fall besser. Erst ist das Fernsehen überhaupt nicht kulturell, und dann ist es nur kulturell, wenn es schwarz-weiß ist.“ SPRECHER Im Jahr 1970 besitzen 68 Prozent aller bundesrepublikanischen Haushalte ein Fernsehgerät. Das Fernsehen tritt in die Phase seiner größten Wirkmacht ein, es wird zum Leitmedium der BRD. OTON 12 Wick „Dann kam die Zeit, die würde ich sagen bis in die 90er-Jahre hineingereicht hat, dass, wenn Sie eine Platte rausbringen wollten, wenn Sie Karriere machen wollten. (…) wenn Sie als Partei eine Wahl gewinnen wollten, dann müssen sie im Fernsehen sein, weil da alle Leute es mitbekommen. Und weil am nächsten Tag darüber geredet wird und sie deswegen auch die Kultur und die Gesellschaft, den gesellschaftlichen Diskurs prägen können.“ MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:39 SPRECHER Das Fernsehen der DDR genießt nicht das gleiche Vertrauen. Den Bürgerinnen und Bürgern ist der staatliche Einfluss aufs Programm des Deutschen Fernsehfunks wohlbewusst. So muss etwa das Pendant zur Tagesschau, die Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“, teils tagelang auf die Sprachanweisung aus dem Politbüro der SED warten, bis sie über ein Ereignis überhaupt berichten kann– in politisch gewollten Worten. Doch auch das Fernsehen aus dem Westen, das in vielen Teilen der DDR empfangbar ist, beeinflusst implizit, was die Menschen im DDR-Fernsehen zu sehen bekommen: MUSIK ENDE OTON 13 Wick „Weil ja Berlin mitten in der DDR lag, konnte man sehr viel Westfernsehen sehen, was dann wiederum das Fernsehen der DDR dazu gebracht hat zu sagen: das wollen wir natürlich nicht, sondern wir machen jetzt ganz ähnliche Programme. Und deswegen: es gab den Tatort. Und dann gab es den Polizeiruf im Osten. Es gab die großen Unterhaltungsshows im Westen. Es gab dann auch die großen Unterhaltungsshows aus dem Friedrichstadtpalast im Osten. Man hat schon versucht, in diesen ganzen Unterhaltungsformaten, Serien, Krimis, alles, was das Fernsehen eben populär gemacht hat, auch mitzuhalten und die Leute in den eigenen Äther zu ziehen.“ SPRECHER Auch in der DDR wird das Fernsehen so zum Massenmedium, das die Gesprächsthemen und den Alltag der Menschen prägt. Vor der deutschen Wiedervereinigung beeinflusst es den Lauf der Geschichte sogar ganz unmittelbar. OTON 14 Wick „Ja, das ist natürlich auch ein eigener Bereich, nämlich die Frage, was das Fernsehen dazu beigetragen hat, dass bestimmte Ereignisse so waren und nicht anders waren. Und die Öffnung der Mauer ist ja etwas gewesen, was im Pingpong (…) zwischen DDR und BRD passiert ist. Die Leute haben das eigentlich in der Tagesschau gesehen, an diesem 9. November (…), dass die Mauer geöffnet worden ist, (…). Und wenn es diesen Tagesschau-Bericht nicht gegeben hätte, wären sie nicht an die geschlossene Mauer gegangen und hätten nicht in der Bornholmer Straße gesagt: Wir wollen jetzt aber rüber. (…) das Fernsehen, (…) hat sehr viel dazu beigetragen, dass diese friedliche Revolution so gewesen ist, wie sie gewesen ist.“ MUSIK „Diversity“; ZEIT: 01:01 SPRECHER Im wiedervereinten Deutschland findet sich eine noch einmal stark gewandelte Fernsehlandschaft. Die Vorgeschichte: Schon 1981 lässt das Bundesverfassungsgericht kommerzielle Fernsehprogramme zu, da die neuen Verbreitungstechnologien Kabel und Satellit nun die technischen Voraussetzungen für eine Vielfalt an Programmen geschaffen haben. Der Regierung des damaligen Kanzlers Helmut Kohl kommt dies zupass – Kohl fühlt sich als Opfer eines „Meinungskartells“ der öffentlich-rechtlichen Sender und treibt den Ausbau der neuen Technik voran. 1984 nehmen dann die beiden ersten privaten Sender Deutschlands, Sat.1 und RTL plus, ihr Programm auf – können jedoch anfangs nur eingeschränkt empfangen werden. Die Umwälzungen, die das so genannte „Duale System“ aus öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern bringt, beginnen anderswo: MUSIK ENDE OTON 15 Wick „Die bestehenden Sender ARD und ZDF hatten große Angst, dass jetzt etwas kommt, was sie aus Amerika ja kannten, nämlich das Privatfernsehen, das sehr laut, sehr lärmig, sehr, sehr reich auch ist, weil es ja werbegetrieben ist, und haben angefangen, ihr eigenes Programm zu verändern. Sozusagen in vorauseilendem Gehorsam und haben neue Spielkonzepte entwickelt. Haben andere Talkformate eingeführt, wurden selber, kurz gesagt, ein bisschen lärmiger.“ SPRECHER Das „Duale“ System verändert das deutsche Fernsehprogramm tiefgreifend. So bringt es auch die Dritten dazu, sich auf das zu besinnen, was nur sie bieten können: Das Regionale. Ihr Programm beschäftigt sich nun verstärkt mit regionaler Identität und der Frage, was Heimat eigentlich ausmacht. Die Antwort darf auch kritisch ausfallen, wie die BR-Doku-Serie „Unter unserem Himmel“ beweist. Ein Ausschnitt aus ihrem legendären Architektur-Film „Der Jodlerstil“ von Dieter Wieland aus dem Jahr 1985: ZUSPIELER 7 UNTER UNSEREM HIMMEL „Jodlerstil“ „Kennen’s das neue Bayern? Bayern im Landhausstil? Oberbayern? Hochglanzbayern? Superbayern? (…) 52Sek Die Häuser mit der besonderen Oberweite. Unübersehbar viel Holz vor der Hüttn. Balkone wia für an Dampfer, sakrisch hergfräst, dass ma’s im Winter in Plastikfrischhaltebeutel einwickeln muss. Bayern griabig und mit viel Schmalz, Bayern rustikal. Die Häuser in der Lederhosen, Bayern im Jodlerstil.“ (1.17) OTON 16 WICK „Das war etwas, was man in den dritten Programmen machen konnte und was eben dann im ersten Programm schon weniger durchsetzbar war. Und das war für viele Leute ein wichtiger Hafen, um Programm zu machen, das wir heute eben in den Museen auch sammeln und das wir für Kulturerbe halten und das eben da eine Nische gefunden hat.“ SPRECHER Das Privatfernsehen selbst wird in Deutschland dank seiner gewachsenen Verbreitung dann Anfang der 90er wirklich sichtbar: OTON 17 Wick „In der Zeit gab es dann „gute Zeiten. Schlechte Zeiten“, diese Daily-Soap. Hans Meiser machte die erste Talkshow. Also es gab eine ganze Reihe von neuen Formaten, und die haben dann eigentlich die Fernsehlandschaft überhaupt erst verändert. (…) Dann fingen auch die Leute an, darüber zu reden, und „Glücksrad“ gucken und „der Preis ist heiß“ gucken wurde dann auch Mode. (…) Und deswegen gab es plötzlich dann halt auch noch mal Fights zu Hause, wer eigentlich wann was gucken darf. (…) Und man konnte dann sogar als Intellektuelle auch schon diese ganzen Sachen sehen (…), das war wirklich interessant zu beobachten, wie das auch zum guten Ton gehörte, plötzlich, dass man keine Scheu vor den Programmen der Privatsender hatte.“ MUSIK „Inventions“; ZEIT: 00:23 SPRECHER Von der veränderten Sitzordnung dank Fernsehtruhe im Wohnzimmer der 1950er Jahre bis zum Zweitfernseher im Kinderzimmer, damit jeder zappen kann, wohin er oder sie mag: Die Geschichte des Massenmediums Fernsehen hat das Leben in Deutschland stark geprägt – in den Häusern und Köpfen, in Freizeit und Politik, im Großen und Kleinen. MUSIK ENDE Heute muss sich das Fernsehen die Aufmerksamkeit seines Publikums wieder härter erkämpfen. Es hat durch soziale Medien und Streaming-Portale starke Konkurrenz. Auch die bedient sich bewegter Bilder, bietet aber eben kein Vollprogramm, nie das ganze, mit Bedacht kuratierte Sortiment aus Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung. Und genau deswegen bleibt die Leiterin des Bereichs Fernsehen in der deutschen Kinemathek Berlin, Klaudia Wick, ihrem Lieblingsmedium treu: MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:25 OTON 18 WICK „Für mich ist Fernsehen eben dadurch gekennzeichnet, dass es gleichzeitig unterhalten und informieren will. Das sind für mich die Streamer eben nicht. (…) Das Großartige am Fernsehen - also ich mache jetzt mal einen kleinen persönlichen Werbeblock, ist eben - dass wir ein sehr emotionales Verhältnis zu diesem Apparat haben und es gleichzeitig aber auch ein Wissensvermittler ist, das finde ich ganz großartig.“

  • Geschichte des Schuhs - Von Schnabelschuhen und mörderischen Absätzen

    31.03.2025 · 22 Min.

    Ein Schuh ist nicht einfach ein Schuh. Die anfängliche Schutzfunktion, zu der man sich Gras und Rinde um die Füße wickelte, wurde mit raffinierteren Aufgaben aufgeladen. Schuh erzählt von Politik und Macht, von Wahn, Obsession und Erotik - er verlangt präzises Handwerk und ist skulpturales Bauwerk für den Fuß. Von Barbara Knopf Credits Autorin dieser Folge: Barbara Knopf Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Katja Bürkle, Friedrich Schloffer Technik: Adele Messmer Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Isabella Belting, Kunsthistorikerin Albert Bertl Kreca – „Schuh-Bertl“ Diese hörenswerte Folge von Alles Geschichte könnte Sie auch interessieren: Einfach Mode! Wer hat die Hosen an? JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZSP Der Schnabelschuh stammt jetzt aus dem Mittelalter, 12., 13. Jahrhundert. Der hat sich übrigens sehr lange tatsächlich gehalten, immer wieder in verschiedenen Formen. Damals war noch nicht der Absatz das Dominante, sondern wirklich die Schuhspitze. Und die hat sich dann in einer Art verlängert, die irgendwann natürlich nicht mehr von alleine stand, sondern ans Knie gebunden werden musste, damit der Herr überhaupt mit diesen Schuhen laufen kann. Man hat es ernst genommen, weil es eben ein Symbol war für jemanden, der nicht arbeiten muss. 0.32 Erzählerin So erzählt es die Kunsthistorikerin Isabella Belting. Sie leitet die Sammlung Mode/Textilien im – derzeit geschlossenen – Münchner Stadtmuseum. These boots are made for walking? Ein sehr funktional gedachter Satz. MUSIK 2 ( Diamonds (Bridgerton - Season Two) 1’05) In Wirklichkeit betreten wir mit dem Schuh sofort symbolisches Terrain. Es geht um Status. Ansehen. Macht. Reichtum. Spiel. Erotik. Und um Wahn. Ein irrationaler Faktor lauert in diesen Objekten am unteren Ende des Körpers. All diese Schnallen und Schleifchen, das noppenhäutige Krokodilleder, die pergamentene Schlangenhaut, der Samt, die Seide, der Lack, die hauchdünnen Riemchen über all den Aussparungen für die Haut, das nackte Fleisch, an Ferse, Fessel, Zehen oder anderen Wölbungen des Fußes, geformt wie ein Dekolleté. Eine Spiegelung des Körpers eigentlich, ein Abbild en miniature. 2 ZSP: Gerade bei den Damen im Barock und Rokoko fing es dann an, dass der Absatz in dieser ganz besonders eleganten, geschwungenen Form modern wurde. Das war dann eben auch ein Absatz, der in der Mitte schmal wird und nach unten ein bisschen breiter wird. Man kann sich fast vorstellen, dass das wie so ein kleiner Körper ist, der in der Korsage steckt. Man kann sagen, dass der Fuß, der in diesen Schuh schlüpft, wie der Körper ist, der in ein Kleid schlüpft. Also der Absatz hat damit auch ein sehr erotisches Aussehen bekommen. MUSIK 3 ( Eloise & Theo („Bridgerton“ – Season Two) Erzählerin Der Schuh ist eine Skulptur, an deren Ausformungen seit Jahrtausenden gefeilt wird. Gesellschaftliche Vorstellungen lassen sich darin ablesen, Konstrukte von Schönheit, auch quälerische wie im Märchen, wo die bösen Stiefschwestern des armen Aschenputtels sich Ferse und Zehen abhieben, um in den anmutig kleinen Pantoffel zu passen und den Prinzen zu bekommen. Form Follows Gewohnheiten. Den wechselnden Bedürfnissen einer Gesellschaft. So hatten Ritter, Reiter, in Sänften Getragene oder Fußgänger höchst unterschiedliche Schuhbedürfnisse. Für die Gegenwart müsste man hinzufügen: auch Radler, Bergsteiger, Sportler oder Astronauten. Eine Rückwirkung auf die Form unserer Füße blieb da nicht aus, schrieb der Architekt und Gesellschaftskritiker Adolf Loos aus Wien in seinen satirischen Essays Ornament & Verbrechen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts – der noch nichts wissen konnte von der modernen Schuhindustrie und ihren mannigfaltigen Produkten: ZITAT: „Die Zeiten ändern sich und wir ändern uns in ihnen. Und so tun es auch unsere Füße. Bald werden sie klein, bald groß, bald spitz, bald breit. Und der Schuster macht nun bald große, bald kleine, bald spitze, bald breite Schuhe. Das geht allerdings nicht so einfach. Von Saison zu Saison wechseln unsere Fußformen nicht. Dazu braucht es Jahrhunderte oder zum Mindesten eines Menschenalters. (…) Aber der Schuster muß sich streng an die jeweilige Fußform halten. Will er kleine Schuhe einführen, so muss er geduldig warten, bis das großfüßige Geschlecht abgestorben ist.“ (Ornament und Verbrechen, Metro Verlag, Seite 29) MUSIK 4 ( Jane Monheit: A Shine On Your Shoes 0’10) Erzählerin Genau das ist der Zwiespalt: Geht es nach der konkreten Anlage des Fußes? Oder nach einer abstrakten Idee? So, wie erst ein linker und ein rechter Schuh ein Paar ergeben – und ein Fuß trotzdem nie dem anderen gleicht, so liegt in den Schuhen selbst eine Ambivalenz: Sind sie doch einerseits phantastische Schöpfungen -andererseits bodenständiges Handwerk. Selten beides gleichzeitig. ATMO Schleifen 3 ZSP Da mache ich jetzt gerade einen Schuh, der asymmetrisch ist, also fußkonform ist. Das ist eigentlich auch eine alte Technik. Und die meisten Schuhe sind heute nicht mehr fußkomform. Also die schaden eigentlich dem Fuß. MUSIK 5 ( G.Rag y Los Hermanos Patchekos: Ein Mann sieht Sand 0’40) Erzählerin Besuch beim „Schuh-Bertl“ in München. Der Schuh Bertl hat eine gewisse Prominenz, weil er dem bayerischen Papst Benedikt seine roten Schuhe angefertigt hat. Auch der britische König bekam, als er noch Prinz Charles war, bayerische Haferlschuhe geschenkt aus Bertls Werkstatt, in der der Himmel voller Leisten hängt. ATMO Schleifen Erzählerin Wenn man mit Albert Bertl Kreca, dem Schuster und Schuhmacher in der schwarzen Cordhose spricht, inmitten der alten Hämmer, Zangen, den Ambossen und Nähmaschinen, einem Chaos, in dem sich der große Mann schlafwandlerisch bewegt, bekommt man eine Vorstellung von der Sorgfalt und der Handwerkskunst, mit der aus einem Stück Leder und einer Sohle ein schöner, haltbarer Schuh entsteht, an einer Nähmaschine, angetrieben von Hand und Fuß: ATMO Nähmaschine 4 ZSP Ich mache Schuhe seit 40 Jahren. Meine Spezialität sind genähte Schuhe, also ich mache rahmen- und zwiegenähte Schuhe. Ein zwiegenähter Schuh, sagt ja der Name schon, ist zweifach genäht. Ein rahmengenähter ist eigentlich auch zweifach genäht, aber du siehst nur eine Naht, also die Naht hier. Ein guter Schuh ist für mich, so ist auch meine Philosophie, ein Schuh, der so regional wie möglich gebaut wird. Langlebig ist, reparabel ist. Das ist ein guter Schuh, der gut passt. Und immer noch aus Leder. Ganz klassisch. Aber reparabel sein muss. MUSIK 6 ( Achim Zweschper: Walking Tension 0’55) Erzählerin Wie wird nun ein Schuh draus? Am Anfang, vor Zehntausenden von Jahren, in der späten Steinzeit, wickelte man sich Gras, Schnur oder Fell um die Füße, zum Schutz. Lange gingen die meisten barfuß, der Schuh war ein Luxusobjekt. Die Sandale gilt als die älteste erhaltene Schuhform, ihre Blütezeit lag in der griechischen Antike, aber mit der dünnen flachen Sohle und einem einfachen Riemen hat sich dieses Urmodell bis heute als Flip-Flop erhalten. Der reine Schutz wurde schnell zum Schmuck und die Fußbekleidung wechselte ihr Aussehen entsprechend nach den jeweiligen kulturellen Einflüssen der Ägypter, Assyrer, Phönizier, Perser oder Hebräer. Mal bog man die Sohle vorne hoch zum Schutz der Zehen, mal schnürte man sich Riemen die Wade entlang, mal bestickte man die neuen Schlupfschuhe, die Pantoffeln, mit denen sich in der westlichen Wahrnehmung der Reiz des Orientalismus verband. Halbschuhe boten Halt. Stiefel kamen in Mode, Postillonstiefel, Stulpenstiefel und natürlich Reiterstiefel. An ihnen lässt sich gut zeigen, wie sich in einer offenbar schon früh vernetzten Welt kulturelle Erfindungen und Einflüsse kreuzten und wie sie weiterentwickelt wurden. Als Reiter in Persien in ihren Steigbügeln Halt suchten, wurde eine Form entwickelt, um nicht abzurutschen: eine Art Absatz. Und der fand bald reißenden Absatz am französischen Hofe, erklärt Isabella Belting: 5 ZSP Im Rokoko ist es so, und davor im Barock, dass tatsächlich der Absatz aufkommt, der die Männer erhöhen soll über die andere Gesellschaft. Dieser Absatz hat bei Männern ein gewisses Stolzieren bewirkt. Und so hat sich das dann langsam auch in die Mode entwickelt, dass der Herr bei Hofe – und die Herrscher – gerne Absätze getragen haben. Und wenn es der Herrscher direkt war, dann eben auch mit rotem Absatz. Rot war immer ein Zeichen sozusagen der ganz oberen Hierarchie und der Monarchie. Erzählerin Nach der Französischen Revolution war die Farbe Rot mit dem Blut der Guillotinen verknüpft, und die Epoche der hohen Schuhe für Männer, Herrscher wie Bürger, war ein für alle Mal passé. Bis heute eigentlich. Mal abgesehen von einigen Dragqueens oder auch experimentierfreudigen Männern. Und jenen die lieber versteckte Absätze im Innenschuh tragen, um größer zu wirken. Aber wie das immer so ist in der Mode und eben auch bei der Fußbekleidung: nichts verliert sich ganz. Auch das Rot ist wieder aufgetaucht. Als signalrote Schuhsohle in den Kreationen von Christian Louboutin. Sie kommunizieren: Ich bin erotisch, begehrenswert und teuer. Ein absolutes Statussymbol. Der Schnabel ist sozusagen auf die Sohle gewandert. MUSIK 7 (Lady Gaga: Yoü And I (You And I) 0‘15 MUSIK 8 (Sign Of The Times (stripped)(„Bridgerton“ – Season Two) 1’10) Erzählerin Zeig mir Deinen Schuh, und ich sag Dir, wer Du bist, was Du zählst und was Du tust, ob Du Bauer bist oder Arbeiter, Handwerker, Patrizier oder Adeliger. Selbst auf der Bühne steckte jeder Rollentypus im eigenen Schuhtyp: Der Komödiant trug den sogenannten Soccus, der tatsächlich aussah wie eine heruntergerollte Socke, während der Tragödiendarsteller seine Verse auf hohen Kothurnen deklamierte. Heute lautet die Devise: Anything goes -und man wundert sich, was alles geht. Die britische Designerin Vivienne Westwood kreierte so mörderisch hohe Plateauschuhe, dass das Supermodel Naomi Campbell auf dem Catwalk herabstürzte. Und Lady Gaga, die auf ebensolchen Plateauhufen auftrat, aber ohne hinteren Absatz, die Ferse also nicht abgestützt, musste über Wadenmuskeln verfügen wie ein bayerischer Schuhplattler. Letztlich aber sind auch diese Plateau-Gebilde nur eine Variation bereits vergangener „Extrem“mode wie sie im Venedig des 16. Jahrhunderts aufkam, erläutert die Kunsthistorikerin Isabella Belting: 6 ZSP Es gibt die Chopinen oder Zoccoli aus Venedig. Man sieht, dass der Absatz also wirklich schon eine Höhe hat. Bei diesem Modell etwa 30 Zentimeter. Diese Absätze waren oft aus Holz oder Kork und dann mit Leder praktisch umkleidet und auch schön geschmückt und bedruckt und bestickt, je nachdem. Und oben schlüpfte man einfach nur ganz oben in so eine Art Lasche wie in einem Pantoffel. Die Damen in Venedig, allen voran die Kurtisanen, sind mit denen durch Venedig stolziert. Natürlich am Arm einer Zofe, weil alleine konnte man damit nicht laufen. Man ist aufgefallen; man hat natürlich auch durch die Höhe von dem Absatz sich ein bisschen von dem Straßenschmutz geschützt…Nachttöpfe, Pferdedreck, aller Schmutz landete auf der Straße. Es hat sich eine ganze Weile erhalten, weil es eben auch ein Machtsymbol war, sich über die anderen zu erheben. Erzählerin Immer neue Kaprizen, Entwürfe, Zumutungen, Kunstwerke. Designer meißeln millimetergenau an ein paar Quadratzentimeter Raum. Andere schaffen für den Fuß ein Bett. Skulpteure die einen, Handwerker die anderen. MUSIK 9 ( G.Rag y Los Hermanos Patchekos: Jazz di Monaco 0‘15) In jedem handwerklich gearbeiteten Schuh steckt ein Universum des Wissens. Der Schuh Bertl hat vier Bücher geschriebenen, das über Haferlschuhe gilt als Standardwerk. Und er zieht alte Bücher zu Rate, 2000 hat er gesammelt: 9 ZSP (endet mit Atmo/ Blättern zum Drübergehen, hinten spielen mit dieser sehr kurzen Atmo, er ist noch mal zu hören): Original 1763, so wie das das Original von1604 ist oder diese Bücher fünfzehnhundertnochwas . Da ist die Enzyklopodie von Diderot, das ist Band C, Cordonnier… also Schuster im Französischen heißt Cordonnier. BLÄTTERN noch mal kurz Wort Erzählerin Die Enzyklopädie des französischen Universalgelehrten Denis Diderot, der auch dem Schuster, dem Cordonnier, eine Seite darin gewidmet hat. Der Bertl schlägt sie auf. Originalausgabe, 18. Jahrhundert, schwerer Ledereinband, goldgeprägtes Muster, altes Papier. Eine Zukunft sieht Albert Bertl Kreca nicht für seinen Beruf: 10 ZSP Ich glaube das Handwerk, das Schusterhandwerk wird aussterben. Es wird immer noch ein paar Schuster geben, so Edelschuster. Wenn du im Internet schaust, da gibt es einige, dann kosten auch die Schuhe 3,5,4.000 Euro. Die versuchen, Fuß zu fassen und Business zu machen. Aber allgemein, der Schuster wird aus unserem Stadtbild verschwinden. MUSIK 10 ( Andreas Suttner: Walking 1 0’35) Erzählerin In den Händen eines Schusters offenbart ein Schuh nicht nur seine Stabilität oder Schönheit, sondern auch seine Fragilität. Die Lederzunge kann ihm arg beansprucht raushängen. Abgetreten und ramponiert ist er. Löchrig vielleicht. Die Ösen für die Bänder zerrissen, die Riemchen baumelnd. Das Leben hat ihm mitgespielt. Ob sein Lebenszyklus noch mal verlängert wird, hängt von der pflegenden Liebe seines Besitzers und vom Material ab. Apropos Material: Verlagert in Billiglohnländer in Asien, unter Missachtung von Arbeitsschutz und Umweltbelastungen, kommen in der globalen Schuhherstellung immer wieder hochgiftige Chemikalien zum Einsatz – zum Beispiel beim Gerben von Leder. Arbeiter, häufig auch Kinder, sind diesen in schuhproduzierenden Ländern wie Indien oft ohne Schutz ausgesetzt. Nachhaltige Produktion in Europa oder gar der Region hilft da nur zum Teil. Pflanzlich gegerbtes Leder und Materialien wie Naturkautschuk, Fasern von Bananen, Kaktus oder Ananas, können die Schwemme von Billigprodukten nicht ausgleichen. MUSIK 11 ( Nancy Sinatra: These Boots Are Made For Walking 0’20) MUSIK 12 (Son Lux: Switch Shoes To The Wrong Fell 1’00) Erzählerin Das ist die ökologische Seite des Themas. Und dann gibt es noch die psychologischen Deutungen. Schuhe entfesseln Phantasien, kokettieren mit Schlüsselreizen, in vielen Schattierungen, vom Puderquasten-Pantöffelchen der 1950er Jahre bis zu den Schnürungen und Latexinszenierungen und auf die Spitze getriebenen Requisiten der Fetischszene. Ein Spiel um sexuelle Dominanz oder Unterwerfung. Manche Menschen erregen sich am Geruch getragener Damenschuhe. Der Übergang vom Fetisch zum modischen Accessoire ist fließend. Modedesigner frönen ihm, Künstler setzen ihn visuell in Szene. Helmut Newtons „Nudes“, die nackten Frauen in High Heels, Rudolf Schlichters Frauenakte in hochgeknöpften Stiefeln. Der Maler der Neuen Sachlichkeit soll seine Frau und Muse „Stiefelchen“ genannt haben. Was für eine Freiheit, Schuhe zu tragen, wie man will! Männer, Frauen, ob hetero oder queer, cis, nonbinär oder trans, können hochhackige Highheels tragen oder Sandalen, deren Fußbett aussieht wie ein trockengelegtes Schlammflussbett. Und in beiden sexy aussehen. Oder eben nicht. Ganz nach Belieben. An der Absatzhöhe und dem Klackklack der Stilettos muss sich jedenfalls kein Emanzipationsstreit mehr entzünden. Und kollektive Zwänge bleiben hoffentlich historisch. MUSIK 13 ( Michi Koerner: Glassy Drop 0’15) 12 ZSP Also für uns jetzt aus westlichem Blick findet man das natürlich ganz schrecklich, so einen winzigen kleinen Schuh in der Hand zu haben, wie wir hier sehen, der nicht mal die Länge einer Handfläche hat – und da passte der Fuß rein, er passte natürlich nicht rein, weil auch der Fuß von Chinesinnen von Natur aus nicht so klein war, das ist natürlich ein völlig verkrüppelter Fuß. Dass ein Schuh sozusagen eine Art ist, jemanden zu unterwerfen oder zu knechten, sieht man ja dann an diesen doch ja sehr gruseligen Lotus-Schuhen. MUSIK 14 ( Michi Koerner: Glassy Drop 0’30) Erzählerin Isabella Belting hält eine Art Seidentäschchen in der Hand, mit denen die Chinesinnen, denen die Füße gebunden wurden, in kleinen Schritten tippeln konnten. Sie kaschierten eine brutale Methode, die bis ins 20. Jahrhundert hinein noch praktiziert wurde: Das Binden der Füße war jahrhundertelang ein Ritual der gehobenen Gesellschaft in China. Eine Demonstration von Wohlstand, eine Frau mit gebundenen Füßen musste nicht arbeiten -sie konnte ja kaum gehen. 13 ZSP Es ist tatsächlich eine Folter, wenn man sich das durchliest. Die 4 Zehen, wurden gebrochen und nach innen gebunden, und das einzige, das noch als stabiles Glied da war, war nur der große Zeh. Und die wurden extrem gebunden und geschnürt, es muss sehr, sehr schmerzhaft gewesen sein. Aber die Mütter haben es im besten Glauben gemacht, weil sie dachten, ihre Töchter haben dann ein besseres Leben, ein gutes Leben - also ausgewickelt hat man den Fuß nie gezeigt. Erzählerin Schuhe sind Lebensbegleiter. Wenn es gut läuft, baut man eine Beziehung zu ihnen auf. Sieht man irgendwo Schuhe, die liegengeblieben sind, ist das eine Irritation, die sofort Gedanken in Gang setzt, wem diese Schuhe wohl gehören mögen und warum sie da alleine stehen. Noch schlimmer, wenn es nur ein einzelner ist. MUSIK 15 ( Giora Feidman: Main shikhelekh varfoylt – Mkh tsudieygelekh 0’45) Und geradezu erschütternd ist der Anblick jener Fotodokumente auf denen haufenweise zurückgebliebene Kinderschuhe zu sehen sind. Sie gehörten jüdischen Kindern, die im KZ Auschwitz ermordet wurden. Hier zeigt sich am deutlichsten, dass der Schuh ein Gegenstand ist, der nahezu als ein Teil des Körpers empfunden werden kann. Die Geschichte einer Gesellschaft lässt sich an ihrer Fußbekleidung erzählen. Soziale Entwicklungen, ästhetische Vorstellungen, Überfluss -oder auch Not, wie manche Exemplare verdeutlichen, die in die Sammlung des Münchner Stadtmuseums gewandert sind, wie Isabella Belting erklärt: 14 ZSP Dass diese Kriegs- und Nahkriegsschuhe was ganz Besonderes sind, hat man sicher in dem Moment erkannt, wenn man es in der Hand hatte – die jetzt mal erstmal per se materiell kein Wert haben, sondern wirklich aus Resten zusammengestückt und zusammengeflickt wurden. Alte Autoreifen, Nägel, aus Gummi, aus irgendwelchen Pappedeckeln zusammen gehämmert, genäht -und wir sehen den und freuen uns riesig, weil das so ein wahnsinnig interessantes Stück Kulturgeschichte ist und eben so etwas Berührendes hat. Erzählerin Der Schuh ist Indikator dynamischer Veränderungen, durch die Jahrhunderte hindurch -und mit ihm unser Fuß, wie der stets zu mokanten Beobachtungen aufgelegte Wiener Architekt Adolf Loos in seinem Buch Ornament und Verbrechen um 1908 herum notiert: MUSIK 16 ( Mortage Stomp 0’40) ZITAT „Aber schon im Laufe dieses Jahrhunderts begann der menschliche Fuß eine Wandlung durchzumachen. Unsere sozialen Verhältnisse haben es mit sich gebracht, dass wir auch von Jahr zu Jahr schneller gehen. (…) So langsam zu schreiten, als sich die Leute in früheren Zeiten fortbewegten, wäre uns heute unmöglich. Dazu sind wir zu nervös. (…) Also gehen wir schneller. Das heißt mit anderen Worten, daß wir uns mit der großen Zehe immer stärker vom Erdboden abstoßen. Und tatsächlich wird unsere große Zehe immer kräftiger und stärker. (…) Durch eigene Kraft vorwärts kommen heißt die Parole für das nächste Jahrhundert.“ Ornament und Verbrechen, Metro Verlag, Seite 31 ff) Erzählerin Adolf Loos konnte nicht ahnen, dass gut 100 Jahre nach seinen Betrachtungen die Verkörperung eines einzigen Schuhs zum Vollstrecker unserer Lebensweise geworden ist: bequem, schnell und allzeit mobil voranzukommen. MUSIK 17 ( Dr. Der: Still D.R.E. 0’55) Der Turnschuh, der Sneaker, hat sich in alle Bereiche hineingeschlichen. Wird zu jedem Style getragen. Jederzeit. Überall. Von allen. Der Sneaker ist Wegwerfware, Kultobjekt, Sammlerfetisch. In den Luxusboutiquen nahe der Piazza San Marco in Venedig wird er auf Säulchen und Sockeln inszeniert wie Diamantware oder die finale Goldreserve. Ein Schuh, der nicht mehr Handwerk ist und nicht mehr architektonische Skulptur. Mögen Soziologen der nahen und ferneren Zukunft herausfinden, welche Essenz unserer Zeit darin fußt.

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