Die Geschichte des Fernsehens - Von zwei Stunden in schwarz-weiß bis zu digital nonstop
31.03.2025 · 26 Min.
Folgen-WebseiteÜber diese Folge
Vom Fernsehprogramm der NS-Zeit wissen die wenigsten. Zum geliebten und gescholtenen Massenmedium und Fixpunkt des Familienlebens wurde "die Glotze" dann ab der Zeit des Wirtschaftswunders. Das Fernsehen hat sich und die Gesellschaft beständig verändert und unseren Alltag entscheidend geprägt. Von Karin Becker (BR 2024)
Credits
Autorin dieser Folge: Karin Becker
Regie: Frank Halbach
Es sprachen: Christian Baumann, Florian Schwarz
Technik: Tim Höfer
Redaktion: Iska Schreglmann
Im Interview:
Michaela Krützen, Professorin für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Hochschule für Fernsehen und Film München;
Klaudia Wick, Bereichsleiterin Fernsehen bei der Deutschen Kinemathek Berlin
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Linktipps:
Am 25. Januar 1949 wurde der Bayerische Rundfunk gegründet. Seitdem ist viel passiert. Ein bunter Ritt durch 75 Jahre Programm für Bayern:
ZUR JUBILÄUMS-WEBSITE
Literaturtipps:
Bundeszentrale für politische Bildung: Deutsche Fernsehgeschichte in Ost und West. Umfangreiches Online-Dossier, das die TV-Geschichte in beiden deutschen Staaten zuverlässig in vielen (auch einzeln lesbaren) Kapiteln abbildet.
Klaudia Wick: Je später der Abend. Über Talkshows, Stars und uns. Interessanter Beitrag zur Formatgeschichte.
Knut Hickethier, Peter Hoff: Die Geschichte des deutschen Fernsehens. Überblick über das 20. Jahrhundert.
Albert Abramson: Die Geschichte des Fernsehens. Standardwerk, insbesondere frühe TV-Geschichte, internationale Perspektive.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
Geräusch TV einschalten + MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:15
OTON 1 WICK
„Es gibt ja auch Erzählungen noch bis in die 60er-Jahre hinein, dass Leute gesagt haben: wir waren dann ab dem Moment, wo wir einen Fernseher hatten, in der Nachbarschaft sehr beliebt. Und dann kamen die Leute und klingelten so kurz vor acht und wollten was von uns, weil sie eigentlich gerne mitgucken wollten … (…)“
MUSIK ENDE
ZUSPIELER 1 Tagesschau Spot von 1960 (15‘‘)
„Hier ist das deutsche Fernsehen mit der Tagesschau. Anschließend: die Wetterkarte.“
OTON 2 WICK
„Das Interessante ist in den 60er-Jahren, dass die Leute anfangen, ihre Lebensrhythmen nach dem Fernseher auszurichten. Also das, was wir in Deutschland kennen, ist ja gar nicht überall auf der Welt so, dass um 8 Uhr das Abendprogramm anfängt. Das hat einfach was damit zu tun, dass die Tagesschau um 8 Uhr angefangen hat und dass die Leute sozusagen ‚davor und danach‘ gesagt haben. Was machen wir mit dem Abend? Davor essen wir zu Abend und danach gucken wir Fernsehen.“
MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:32
SPRECHER
Das Fernsehen als Taktgeber des Alltags – in heutigen Zeiten rückt diese Vorstellung immer weiter in geschichtliche Ferne. Dank Internet können wir mittlerweile das Programm genau dann beginnen lassen, wenn wir Zeit dazu haben.
Klaudia Wick von der Deutschen Kinemathek Berlin spricht über die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Fernsehgerät im Wohnzimmer neu ist und sich schnell und unübersehbar im deutschen Alltag breitmacht.
MUSIK ENDE
OTON 3 WICK
„Es gibt auch viele soziologische Texte darüber, dass die Möbel im Wohnzimmer sich veränderten, dass eben plötzlich der Fernseher eigentlich das Lagerfeuer war, um das sich alle herumgruppiert haben. Dass es eben nicht mehr diese geschlossene Sitzgruppe gibt, in der wir uns anschauen, sondern: alle schauen auf diesen Fernseher.“
ZUSPIELER 2 Jingle von „Was bin ich“ (instrumental) 35‘‘ (ÜBERBLENDUNG MIT FOLGENDEM SPRECHERTEXT)
MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:15
SPRECHER
In diesem Fernseher gibt es schon in den Fünfzigern die ersten Spiel- und Quizshows zu sehen – in Ost wie West. Der Bayerische Rundfunk etwa produziert: „Was bin ich?“, das „heitere Beruferaten“ mit Robert Lembke, Erstsendung 1955. „Welches Schweinderl hätten’s denn gern?“ Lembkes Frage wird bald legendär.
MUSIK ENDE
Das Fernsehen als „Lagerfeuer“ der Wirtschaftswunderzeit bietet den Gemütern Abkehr vom Krieg. Es bedeutet Zukunft, Leichtigkeit und Wohlstand.
Es wird verspottet als „Pantoffelkino“, später geschmäht als „Glotze“. In der DDR ist es in Verruf als bekanntermaßen langer Arm des Politbüros der Staatspartei SED.
Dennoch: Das Fernsehen legt in ganz Deutschland ab den Sechzigern einen historischen Aufstieg hin, es wird zum wirkmächtigen Massenmedium.
ENDE INTRO
SPRECHER
Von einer „schnellen“ Erfolgsgeschichte aber kann hier nicht die Rede sein. Die ersten technischen Versuche, ein Bild zu zerlegen und an einen entfernten Ort zu übertragen, gehen bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück.
Diese fernsehtechnischen Anfänge wurden von einer Vision getragen, die mit der späteren Nutzung nur bedingt zu tun hat, so Michaela Krützen, Professorin für Medienwissenschaft an der Hochschule für Fernsehen und Film München:
OTON 4 Krützen
„Die Idee, die da im neunzehnten Jahrhundert kam, ist die Direktübertragung. Nicht irgendwie, wofür wir heute das Fernsehen vielfach nutzen, um eine Kochsendung anzugucken oder Nachrichten, sondern eigentlich: mit anderen sprechen. Andere sehen. Also die Direktübertragung. Das ist der Traum, der dahintersteht. Das ist die Ur-Idee (…) des Fernsehens.“
SPRECHER
Die technische Umsetzung dieser Idee zieht sich über Jahrzehnte. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kommen, treiben sie die Entwicklung der Fernsehtechnik stark voran. Ihr Ziel ist Propaganda: Sie wollen den ersten, regelmäßigen Fernsehbetrieb der Welt für sich reklamieren können. Tatsächlich gelingt das: Im März 1935 beginnt der „Fernsehsender Paul Nipkow“ vom Berliner Funkturm live auszustrahlen, fast ein Jahr vor der BBC in Großbritannien. Mit entsprechend triumphalen und pathetischen Worten eröffnet Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky das Programm:
ZITATOR
„Während wir hier im Saale atemlos lauschen und schauen, hat die Zeit eines neuen, unbegreiflichen Wunders begonnen. (…) In dieser Stunde wird der Rundfunk berufen, die größte und heiligste Mission zu erfüllen: nun das Bild des Führers unverlöschlich in alle deutschen Herzen zu pflanzen.“
SPRECHER
Die Realität dieses „neuen, unbegreiflichen Wunders“ fällt dann allerdings eher karg aus. Das beginnt schon damit, dass verschwindend wenige Leute das Fernsehen überhaupt zu sehen bekommen.
OTON 5 Krützen
„Von einer nationalen Verbreitung sind wir ganz, ganz, ganz, ganz weit entfernt. Ein paar wenige Leute konnten im Dritten Reich fernsehen. Und es war eher so eine Attraktion, als wirklich ein Massenmedium.“
SPRECHER
An anfangs drei Abenden die Woche gibt es damals zwei Stunden Programm – und das zunächst nur in Berlin. Zudem stehen die Fernsehgeräte noch nicht in den Wohnzimmern. Michaela Krützen:
OTON 6 Krützen
„Zuhause hatte praktisch niemand einen sogenannten Heimfernseher. Das sind ein paar Dutzend Geräte, 75 oder so was, so ungefähr um 37. Das ist praktisch nichts. (…) Eigentlich haben die Menschen in sogenannten Fernsehstuben, ganz toller Begriff, Fernsehen geguckt. Da war freier Eintritt (…) und dann sah man halt auf so einem kleinen Bildschirm vorne so ein kleines bisschen Programm, bisschen verrauscht. Ich habe da so einen Techniker daneben, der das ab und zu so justierte, dass man es genauer sehen konnte. (…) Stellen Sie sich ein etwa Schuhschachtel-großes Bild vor, relativ klein, (…). Das ist schwarz-weiß, und (…) ne Bildqualität, die eher im bescheidenen Bereich liegt. Also, das ist schon ein armes Bild im Verhältnis zum reichen Bild des Kinos.“
SPRECHER
In seinem ersten Sendejahrzehnt ist das Fernsehen ein unausgereiftes Medium und seinen zwei nächsten Verwandten Kino und Radio deutlich unterlegen.
Das riesige Propagandaspektakel der Nationalsozialisten um die olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin bietet dem Randmedium die Chance, etwas zu glänzen. In den 16 Tagen der Spiele werden um die 100.000 Menschen durch die Fernsehstuben geschleust. Das tägliche Live-Programm aus dem Olympiastadion macht das Fernsehen populärer – eine Funktion, die Sportveranstaltungen in der deutschen TV-Geschichte noch häufiger übernehmen sollten.
ZUSPIELER 3 kurzer Schnipsel: Reportage vom 4x100m Staffellauf
„Deutschland muss vor den Amerikanerinnen laufen, das ist ein kleiner Nachteil (Startschuss), davor Kanada, davor Holland, wunderbar! Die erste Deutsche losgegangen…“
SPRECHER
Propaganda hin oder her - von führenden Nationalsozialisten ist kein einziger Auftritt im verwaschenen Fernsehbild ihrer Zeit bekannt. Ein 1939 auf der Funkausstellung vorgestellter Volksfernseher für Zuhause kommt doch nicht – die Fertigungsanlagen werden nun für die Rüstungsproduktion benötigt. Der Krieg beginnt. Für einige Jahre werden die verbleibenden Fernsehgeräte in Lazaretten aufgestellt. Im November 1943 wird der Berliner Sender durch Bomben zerstört. Das NS-Projekt Fernsehen kommt zum Erliegen.
MUSIK „Diversity“; ZEIT: 01:04
SPRECHER
Sprung ins Nachkriegsdeutschland. Der Neu-Start des Fernsehens wird wieder von einem Wettlauf vorangetrieben, diesmal zwischen den beiden deutschen Staaten. Die DDR strahlt zu Stalins 73. Geburtstag im Dezember 1952 erstmals die Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ aus. Offiziell startet der „Deutsche Fernsehfunk“ im Januar 1956, kontrolliert von der Abteilung Agitation und Propaganda des Zentralkomitees der Staatspartei SED.
Im Westen haben die Alliierten den Rundfunk dezentral und öffentlich-rechtlich angelegt: Die über die BRD verteilten Landesrundfunkanstalten sind nichtstaatlich und nichtkommerziell. Sie schließen sich 1950 in der ARD, der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten in Deutschland, zusammen und planen für das Fernsehen ein gemeinschaftliches Programm:
MUSIK ENDE
OTON 7 Wick
„Das war, glaube ich, tatsächlich den Kapazitäten geschuldet. (…) Sie müssen sich ja auch vorstellen, es musste Leute geben, die das überhaupt erst mal lernen, wie die Technik funktioniert, die Lust haben, was Neues zu machen. Viele haben gesagt: da in diesen neuen Kasten, (…) da glaube ich gar nicht dran. Es gab viele Leute, die nicht ans Fernsehen geglaubt haben. Und so hat man sehr viel improvisieren müssen.“
SPRECHER
Nach jahrelangem Testbetrieb und dem BRD-weiten Aufbau eines engen Sendernetzes wird am 1. November 1954 das ARD-Programm offiziell aufgenommen – das so genannte „Deutsche Fernsehen“ startet sein Gemeinschaftsprogramm. Der Bayerische Rundfunk bestückt seinen ersten Abend unter anderem mit dem Singspiel „Gärtnerin aus Liebe“ von Wolfgang Amadeus Mozart. Eine für die Zeit nicht untypische Wahl, so Klaudia Wick von der Deutschen Kinemathek Berlin:
OTON 8 Wick
„Das ist auch etwas, was wir, glaube ich, aus anderen Medienzusammenhängen kennen, dass man erst mal der Sache Glanz verleihen will, indem man aus einem anderen Medium entlehnt und sagt: wir machen hier übrigens Kultur.“
SPRECHER
Auch beim Radio bedient sich das Fernsehen. Formate werden übernommen, und auch Personal: große Fernsehnamen der ersten Jahre, wie Peter Frankenfeld oder Hans Joachim Kulenkampff, kommen vom Hörfunk und sollen ihr Publikum am besten gleich mitnehmen. Denn Zuschauer und Zuschauerinnen gibt es in den Fünfzigern noch nicht viele:
OTON 9 Wick
„Wenn sie geschaut haben, haben sie meistens in einer Gruppe geschaut, in einer Kneipe oder vor der Fensterscheibe. Es gibt da ja zwei wichtige Ereignisse. Das ist einerseits die Fußball-Weltmeisterschaft in Bern, die viele Leute dann gesehen haben. Und dann die Krönung von Elisabeth II., was auch so ein Event war, wo man sagte: Ah, jetzt wäre es schon ganz schön, einen Fernseher zu haben“
SPRECHER
Dieser Fernseher kam in der Zeit gleich als eigenes Möbelstück daher, genannt „Fernsehtruhe“:
OTON 10 Wick
"Die Fernsehtruhe war ein Monstrum, das war so groß wie vielleicht mein Büroschreibtisch jetzt hier. (…) Und die Mattscheibe (…) wurde versteckt in einem Schrank, den man erst mal aufmachen musste. Also (…) wie das häufig so ist: Wenn Dinge Statussymbole sind, dann sollen sie auch schön aussehen. (…) Was ich sehr lustig finde. Die Statistik weist aus, dass in den ersten Jahren vor allem besondere Berufsgruppen einen Fernseher besaßen. Das waren die Radio- und Fernsehtechniker – da ahnen wir, warum. Dann war es die Kneipen- und Gaststättenbesitzer und als dritte Gruppe die Zahnärzte. Ich denke mir, dass die Zahnärzte (lacht nett) das aus Prestige gekauft haben (…) wer es zu was gebracht hatte, der hatte dann irgendwann einen Fernseher.“
SPRECHER
Schon im Jahr 1963 konnte der damalige Intendant des Bayerischen Rundfunks, Christian Wallenreiter, den Millionsten Fernsehteilnehmer in Bayern beglückwünschen.
ZUSPIELER 4 der Millionste Fernsehteilnehmer in BY 1963 (ab Sek 41), (Gespräch zwischen Intendant, Moderatorin und Fernsehteilnehmer)
„Eine Million Fernsehgerätebesitzer in Bayern (…) bedeutet ja etwas. Und deshalb habe ich mich gefreut heute Herrn Kiessling eine Ehrengabe überreichen zu können. / Herr Kiessling, Sie haben 2000 Mark bekommen, das ist also eine ganze Menge Geld, was tun sie damit? / Ja, vorläufig kommen sie einmal auf ein Sparkassenbuch. Für die Kinder ist das gedacht, ne! / (…) Hören Sie gerne Nachrichten? / Ja, Nachrichten: alle Tage. / (…) Mich würde noch etwas anderes interessieren: in welchem Tempo wächst eigentlich die Zahl der Fernsehteilnehmer? (…) / In jedem Monat so ungefähr 10.000.“
SPRECHER
Das sich ausbreitende Fernsehen synchronisiert die Lebenswelten der Menschen in der Bundesrepublik Deutschland: es drängt die Dialekte zugunsten eines einheitlichen Hochdeutsch zurück, es etabliert 20 Uhr als landesweite Grenze zum privaten Teil des Abends, und es bringt überallhin die exakt gleichen Sendungen, egal ob in die Stadt oder auf’s Land.
MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:56
Nach Anfangsjahren mit genau einem Programm wächst das Angebot in den 1960ern. Das Bundesverfassungsgericht untersagt 1961 die Einrichtung eines staatlichen Fernsehprogramms, das die Regierung Konrad Adenauers plant – das Fernsehen soll Ländersache und öffentlich-rechtlich bleiben. Kurz darauf gründen die Ministerpräsidenten der Länder das Zweite Deutsche Fernsehen, ZDF. Programmstart ist 1963. Zudem beginnen die Landesrundfunkanstalten jetzt in ihren Regionen, eigene Programme auszustrahlen. Bayerischer und Hessischer Rundfunk sind im Jahr 1964 die ersten. Die neuen Dritten Programme werden als Kultur- und Bildungsfernsehen angelegt. Beispiel: Das Telekolleg des Bayerischen Rundfunks:
MUSIK ENDE
ZUSPIELER 5 Telekolleg (1.12 Jingle Musik könnte über Text vorlappen)
„How do you do? Let’s learn english together! I am Paul Dine.“
SPRECHER
ARD, ZDF, Dritte: Ab Mitte der 60er gibt es Konkurrenz auf dem Fernsehmarkt und das Publikum hat die Wahl. Aber „gezappt“ wird noch nicht. Wer umschalten will, muss anfangs noch aufstehen. Denn die Fernbedienung kommt erst Mitte der 1970er Jahre.
SOUNDAKZENT UMSCHALTGERÄUSCH
SPRECHER
Im Jahr 1967 folgt ein weiterer Meilenstein der Fernsehgeschichte. Die Fernsehbilder werden farbig. In einem feierlichen Akt spricht der damalige Vizekanzler Willy Brandt auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin:
ZUSPIELER 6 Schmidt
„In der Hoffnung auf viele friedlich-farbige, aber auch spannend-farbige Ereignisse, über die zu berichten und die darzustellen sich lohnt (…) gebe ich jetzt gewissermaßen den Startschuss für das deutsche Farbfernsehen.“ (Applaus)
MUSIK „Inventions“; ZEIT: 00:56
SPRECHER
Zu diesen Worten drückt Willy Brandt auf einen Knopf, um das Fernsehbild auf Farbe umzustellen. Der Knopf allerdings ist nur eine Attrappe und ein nervöser Techniker hat das Bild schon bunt gestellt, bevor Brandt überhaupt zudrückt. Eine Panne, die kaum jemand bemerken kann – denn die wenigsten haben in dieser Zeit farbfähige Fernseher zu Hause stehen. Das sollte sich allerdings schnell ändern. Fussballmannschaften besser auseinanderhalten zu können oder die olympischen Spiele 1972 in München in Farbe zu sehen – solche Wünsche verschaffen den neuen Geräten bald guten Absatz.
Die erste Sendung, die der Bayerische Rundfunk in Farbe ausstrahlt, ist übrigens „Was bin ich?“, aufgezeichnet unmittelbar auf der Berliner Funkausstellung 1967. Wie Robert Lembke gleich zur Begrüßung ankündigt:
MUSIK ENDE
ZUSPIELER (TC 03.09)
„Das ist übrigens ein einmaliger Exzess, schon bei der nächsten Sendung kehren wir reumütig zu Schwarzweiß zurück. Der Bayerische Rundfunk hat nämlich noch keine Farbelektronik. Im Übrigen ist Farbe schon eine feine Sache, auch wenn man im Lauf der Zeit draufkommen wird, dass es Schwarzweiß Sendungen gibt, die recht farbig, und bunte Sendungen, die ziemlich fad sind. Aber noch viel wichtiger, als das farbige Sehen wäre es ja, wenn wir uns das Denken in Schwarzweiß-Kategorien abgewöhnen und ein bisschen mehr Gefühl für Zwischentöne entwickeln könnten.“
Oton 11 Wick
„Was ich auch immer noch sehr lustig finde, ist, dass das Feuilleton geschrieben hat: Man wäre sich gar nicht sicher, ob das so eine gute Idee ist mit der Farbe, weil in Schwarz-Weiß, sei das doch alles konzentrierter und viel kunstvoller. Also, das ist etwas, was sich ständig wiederholt und auch an anderen Medien sich zeigt, dass man immer sagt: früher war es auf jeden Fall besser. Erst ist das Fernsehen überhaupt nicht kulturell, und dann ist es nur kulturell, wenn es schwarz-weiß ist.“
SPRECHER
Im Jahr 1970 besitzen 68 Prozent aller bundesrepublikanischen Haushalte ein Fernsehgerät. Das Fernsehen tritt in die Phase seiner größten Wirkmacht ein, es wird zum Leitmedium der BRD.
OTON 12 Wick
„Dann kam die Zeit, die würde ich sagen bis in die 90er-Jahre hineingereicht hat, dass, wenn Sie eine Platte rausbringen wollten, wenn Sie Karriere machen wollten. (…) wenn Sie als Partei eine Wahl gewinnen wollten, dann müssen sie im Fernsehen sein, weil da alle Leute es mitbekommen. Und weil am nächsten Tag darüber geredet wird und sie deswegen auch die Kultur und die Gesellschaft, den gesellschaftlichen Diskurs prägen können.“
MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:39
SPRECHER
Das Fernsehen der DDR genießt nicht das gleiche Vertrauen. Den Bürgerinnen und Bürgern ist der staatliche Einfluss aufs Programm des Deutschen Fernsehfunks wohlbewusst. So muss etwa das Pendant zur Tagesschau, die Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“, teils tagelang auf die Sprachanweisung aus dem Politbüro der SED warten, bis sie über ein Ereignis überhaupt berichten kann– in politisch gewollten Worten.
Doch auch das Fernsehen aus dem Westen, das in vielen Teilen der DDR empfangbar ist, beeinflusst implizit, was die Menschen im DDR-Fernsehen zu sehen bekommen:
MUSIK ENDE
OTON 13 Wick
„Weil ja Berlin mitten in der DDR lag, konnte man sehr viel Westfernsehen sehen, was dann wiederum das Fernsehen der DDR dazu gebracht hat zu sagen: das wollen wir natürlich nicht, sondern wir machen jetzt ganz ähnliche Programme. Und deswegen: es gab den Tatort. Und dann gab es den Polizeiruf im Osten. Es gab die großen Unterhaltungsshows im Westen. Es gab dann auch die großen Unterhaltungsshows aus dem Friedrichstadtpalast im Osten. Man hat schon versucht, in diesen ganzen Unterhaltungsformaten, Serien, Krimis, alles, was das Fernsehen eben populär gemacht hat, auch mitzuhalten und die Leute in den eigenen Äther zu ziehen.“
SPRECHER
Auch in der DDR wird das Fernsehen so zum Massenmedium, das die Gesprächsthemen und den Alltag der Menschen prägt. Vor der deutschen Wiedervereinigung beeinflusst es den Lauf der Geschichte sogar ganz unmittelbar.
OTON 14 Wick
„Ja, das ist natürlich auch ein eigener Bereich, nämlich die Frage, was das Fernsehen dazu beigetragen hat, dass bestimmte Ereignisse so waren und nicht anders waren. Und die Öffnung der Mauer ist ja etwas gewesen, was im Pingpong (…) zwischen DDR und BRD passiert ist. Die Leute haben das eigentlich in der Tagesschau gesehen, an diesem 9. November (…), dass die Mauer geöffnet worden ist, (…). Und wenn es diesen Tagesschau-Bericht nicht gegeben hätte, wären sie nicht an die geschlossene Mauer gegangen und hätten nicht in der Bornholmer Straße gesagt: Wir wollen jetzt aber rüber. (…) das Fernsehen, (…) hat sehr viel dazu beigetragen, dass diese friedliche Revolution so gewesen ist, wie sie gewesen ist.“
MUSIK „Diversity“; ZEIT: 01:01
SPRECHER
Im wiedervereinten Deutschland findet sich eine noch einmal stark gewandelte Fernsehlandschaft. Die Vorgeschichte: Schon 1981 lässt das Bundesverfassungsgericht kommerzielle Fernsehprogramme zu, da die neuen Verbreitungstechnologien Kabel und Satellit nun die technischen Voraussetzungen für eine Vielfalt an Programmen geschaffen haben. Der Regierung des damaligen Kanzlers Helmut Kohl kommt dies zupass – Kohl fühlt sich als Opfer eines „Meinungskartells“ der öffentlich-rechtlichen Sender und treibt den Ausbau der neuen Technik voran. 1984 nehmen dann die beiden ersten privaten Sender Deutschlands, Sat.1 und RTL plus, ihr Programm auf – können jedoch anfangs nur eingeschränkt empfangen werden. Die Umwälzungen, die das so genannte „Duale System“ aus öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern bringt, beginnen anderswo:
MUSIK ENDE
OTON 15 Wick
„Die bestehenden Sender ARD und ZDF hatten große Angst, dass jetzt etwas kommt, was sie aus Amerika ja kannten, nämlich das Privatfernsehen, das sehr laut, sehr lärmig, sehr, sehr reich auch ist, weil es ja werbegetrieben ist, und haben angefangen, ihr eigenes Programm zu verändern. Sozusagen in vorauseilendem Gehorsam und haben neue Spielkonzepte entwickelt. Haben andere Talkformate eingeführt, wurden selber, kurz gesagt, ein bisschen lärmiger.“
SPRECHER
Das „Duale“ System verändert das deutsche Fernsehprogramm tiefgreifend. So bringt es auch die Dritten dazu, sich auf das zu besinnen, was nur sie bieten können: Das Regionale. Ihr Programm beschäftigt sich nun verstärkt mit regionaler Identität und der Frage, was Heimat eigentlich ausmacht. Die Antwort darf auch kritisch ausfallen, wie die BR-Doku-Serie „Unter unserem Himmel“ beweist. Ein Ausschnitt aus ihrem legendären Architektur-Film „Der Jodlerstil“ von Dieter Wieland aus dem Jahr 1985:
ZUSPIELER 7 UNTER UNSEREM HIMMEL „Jodlerstil“
„Kennen’s das neue Bayern? Bayern im Landhausstil? Oberbayern? Hochglanzbayern? Superbayern? (…) 52Sek
Die Häuser mit der besonderen Oberweite. Unübersehbar viel Holz vor der Hüttn. Balkone wia für an Dampfer, sakrisch hergfräst, dass ma’s im Winter in Plastikfrischhaltebeutel einwickeln muss. Bayern griabig und mit viel Schmalz, Bayern rustikal. Die Häuser in der Lederhosen, Bayern im Jodlerstil.“ (1.17)
OTON 16 WICK
„Das war etwas, was man in den dritten Programmen machen konnte und was eben dann im ersten Programm schon weniger durchsetzbar war. Und das war für viele Leute ein wichtiger Hafen, um Programm zu machen, das wir heute eben in den Museen auch sammeln und das wir für Kulturerbe halten und das eben da eine Nische gefunden hat.“
SPRECHER
Das Privatfernsehen selbst wird in Deutschland dank seiner gewachsenen Verbreitung dann Anfang der 90er wirklich sichtbar:
OTON 17 Wick
„In der Zeit gab es dann „gute Zeiten. Schlechte Zeiten“, diese Daily-Soap. Hans Meiser machte die erste Talkshow. Also es gab eine ganze Reihe von neuen Formaten, und die haben dann eigentlich die Fernsehlandschaft überhaupt erst verändert. (…) Dann fingen auch die Leute an, darüber zu reden, und „Glücksrad“ gucken und „der Preis ist heiß“ gucken wurde dann auch Mode. (…) Und deswegen gab es plötzlich dann halt auch noch mal Fights zu Hause, wer eigentlich wann was gucken darf. (…) Und man konnte dann sogar als Intellektuelle auch schon diese ganzen Sachen sehen (…), das war wirklich interessant zu beobachten, wie das auch zum guten Ton gehörte, plötzlich, dass man keine Scheu vor den Programmen der Privatsender hatte.“
MUSIK „Inventions“; ZEIT: 00:23
SPRECHER
Von der veränderten Sitzordnung dank Fernsehtruhe im Wohnzimmer der 1950er Jahre bis zum Zweitfernseher im Kinderzimmer, damit jeder zappen kann, wohin er oder sie mag: Die Geschichte des Massenmediums Fernsehen hat das Leben in Deutschland stark geprägt – in den Häusern und Köpfen, in Freizeit und Politik, im Großen und Kleinen.
MUSIK ENDE
Heute muss sich das Fernsehen die Aufmerksamkeit seines Publikums wieder härter erkämpfen. Es hat durch soziale Medien und Streaming-Portale starke Konkurrenz. Auch die bedient sich bewegter Bilder, bietet aber eben kein Vollprogramm, nie das ganze, mit Bedacht kuratierte Sortiment aus Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung. Und genau deswegen bleibt die Leiterin des Bereichs Fernsehen in der deutschen Kinemathek Berlin, Klaudia Wick, ihrem Lieblingsmedium treu:
MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:25
OTON 18 WICK
„Für mich ist Fernsehen eben dadurch gekennzeichnet, dass es gleichzeitig unterhalten und informieren will. Das sind für mich die Streamer eben nicht. (…) Das Großartige am Fernsehen - also ich mache jetzt mal einen kleinen persönlichen Werbeblock, ist eben - dass wir ein sehr emotionales Verhältnis zu diesem Apparat haben und es gleichzeitig aber auch ein Wissensvermittler ist, das finde ich ganz großartig.“
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V. Peter N Wilson. Reclam 2005. Darin: Band 1. Chet Baker. Von Hans-Jürgen Schaal. S. 482 – 488. Chet Baker – Jeroen de Valk. Oreos Jazz Collection. Schaftlach 1991. Aus dem Holländischen übertragen von Peter Niklas Wilson. Cool Jazz – Grundzüge seiner Entstehung und Entwicklung. Von Herbert Hellhund. Mainz 1985. Schott-Verlag. Veröffentlichung des Musikwissenschaftlichen Instituts der Justus-Liebig-Universität Gießen. That‘s Jazz – Der Sound des 20. Jahrhunderts. Eine Musik-, personen-, Kultur-, Sozial- und Mediengeschichte des Jazz von den Anfängen bis zur Gegenwart. HG. V. Klaus Wolbert. Zweitausendeins. Frankfurt a. Main 1997. Ausstellungskatalog. Jazzgeschichten aus Europa – Von Ekkehard Jost. Wolke Verlag Hofheim. 2012. Das Lexikon der prominenten Selbstmörder. Von Gerald Grote, Michael Völkel und Karsten Weyershausen unter Mitarbeit von Klaus Rathje und Holger Reichard. Schwarzkopf Verlag Berlin 2000. Chet Baker S. 24 – 25. Filmographie: Chet Baker: Let‘s Get Lost. 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Oder ein gefallener Engel, der uns mit unglaublich schöner Musik beschenkt hat? Nicht nur sein Tod erinnert an eine antike Sagengestalt. ZSP Hans-Jürgen Schaal – Charakterisierung Ich glaube, da war ein großer, positiver Kern in ihm, eine große Lebensbejahung in ihm, er ist ja mit 50 Jahren noch nach Europa gegangen und hat da praktisch ein neues Leben angefangen. Ich glaube nicht, dass er sterben wollte, als er dann aus dem aus dem Hotelzimmerfenster gefallen ist. Sprecherin findet Hans-Jürgen Schaal, Produzent und Jazzpublizist aus München. MUSIK 3 ( Jack Guthrie: Oklahoma Hills 0‘41) Sprecher Chesney, genannt Chet, Henry Baker Jr. wird am 23. Dezember 1929 in Yale, Oklahoma geboren. In der postum erschienenen Autobiographie „Als hätte ich Flügel“ erfährt man wenig über seine Kindheit, die anfangs in einem ländlichen Idyll spielt. Chesney wird in eine Bauern-Familie geboren, auf einer Farm mit vielen Tieren. Der Vater habe seine Mutter kennen gelernt, erinnert sich Baker, weil er Gitarre spielte bei Tanzvergnügen am Samstagabend. Die Weltwirtschaftskrise am Ende der 20-er Jahre macht jedoch nicht Halt vor dem flachen Land, die Familie muss die Farm verlassen und zieht nach Oklahoma City, in die Stadt. Chesney wird zu Onkel Jim und Tante Agnes gegeben, während seine Eltern als Aufseher und in einer Eiscremefabrik schuften. Im Sommer darf er zu Opa auf die Farm. In der Schule ist der Junge gut, bis die Eltern 1940 umziehen - an die Westküste. ATMO Meeresrauschen, Brandungswellen Sprecherin In der Schule von Glendale, Kalifornien läuft es anfangs noch gut für Chet, als sich seine Eltern zu einem weiteren Umzug entscheiden, verliert er jedoch das Interesse am Unterricht. Die neue Adresse liegt am Redondo Beach, einem der attraktiven Strände von Los Angeles. Seine Tage verbringt der Junge jetzt oft am Meer und zwar an dem Strand, der später der kalifornischen TV-Serie Baywatch als Kulisse dient. Sprecher Der Teenager schwänzt die Schule, bleibt aber einer Leidenschaft treu. Sein Vater hat ihm, als er 13 war, eine Posaune geschenkt, aber er war zu klein, um das Instrument richtig bedienen zu können, deshalb schwenkte er auf Trompete um. Die passte besser. Chet hat sich das Spielen selbst beigebracht, Notenlesen fällt ihm schwer, Melodien spielt er nach Gehör. Journalist Hans-Jürgen Schaal, der sich intensiv mit Bakers Musik beschäftigt hat, erklärt: ZSP Hans-Jürgen Schaal - Baker als Jazzkünstler I + Autodidakt Chet Baker war nun einer, der nicht komponiert hat, der keine Noten geschrieben hat. Aber man kann sagen, er hat in seinem Improvisieren komponiert, hat immer sehr fantasievoll und sehr melodisch und sehr stimmig improvisiert. MUSIK 4 ( Stan Kenton & His Orchestra: Artistry In Rhythm 0‘52) Sprecherin Mit 16 geht Baker zum Militär. Er wird dem Musikkorps zugeteilt und 1946 nach West-Berlin versetzt. In der fast vollständig zerstörten Metropole hat sich ein florierender Schwarzmarkt etabliert, Luxusgüter wie Zigaretten, Kaffee, Seife und Schokolade dienen als Währungen. In den Unteroffiziersclubs, in denen der Trompeter spielt, läuft, wie er sagt, moderne Musik: Bebop von Dizzy Gillespie, progressiver Swing von Stan Kenton. Gierig nimmt der junge Mann die neuen Klänge in sich auf. Sprecher Der Kalifornier ist kein Hochgeschwindigkeitsvirtuose, kein Stratosphärentrompeter. Was Bakers Spiel von Anfang an kennzeichnet, ist, dass es leise, langsam und sanft klingt. Für Hans-Jürgen Schaal hat dieser Stil, der Chet-Baker-Sound, mit einem Verlust zu tun. ZSP Hans-Jürgen Schaal - Chet Baker Sound auf der Trompete … Er hat als Jugendlicher einen oberen Schneidezahn verloren, der ist eben ausgeschlagen worden. Jetzt braucht man natürlich die Schneidezähne, um einen starken Ansatz zu haben auf der Trompete. Den hatte er nicht. Seine ersten Aufnahmen wurden oft bemängelt, weil eben wegen des fehlenden starken Ansatzes, er konnte keine virtuosen Höhenflüge auf der Trompete machen, er musste sanft, leise und tief spielen auf der Trompete. Und auch später, als er dann virtuoser spielen konnte, lauter spielen konnte, hat er das einfach beibehalten als sein Markenzeichen. Das war seine Art, die Trompete zu spielen und sie entsprach wohl auch mehr seinem Temperament. MUSIK 5 ( Chet Baker: Un poco loco 0‘45) Sprecherin Nach dem Militär kehrt Baker nach Kalifornien zurück. Er spielt, wo immer sich eine Gelegenheit bietet. Man wird aufmerksam auf ihn. Als der New Yorker Bebop-Saxophonist Charlie Parker nach L. A. kommt, sucht er für seine Begleit-Band einen Trompeter und verpflichtet den gerade mal 22-jährigen Nobody. ZSP Hans-Jürgen Schaal - Charlie Parker Session … Charlie Parker war ja auch immer auf der Suche nach Spielern, die nicht unbedingt mit ihm konkurrierten, sondern einen Gegensatz bildeten, einen Kontrast. … Charlie Parker war sich gleich sicher, er möchte mit Chet Baker spielen, hat die anderen Trompeter, die da zum Vorspielen angetanzt waren, dann nach Hause geschickt. MUSIK 6 ( Chet Baker: Irresistible You 0‘49) Sprecher Charlie Parker ist die zentrale Figur des Bebop, ein Stil, der den populären Swing-Jazz der 30- und frühen 40-er Jahre ablöst. Hohe Geschwindigkeit und ungewöhnliche Tonschritte zeichnen ihn aus, genüsslich werden Melodien und Konventionen zerpflückt. Gespielt wird das hochvirtuose Idiom vor allem von kleinen Ensembles, von Bands und Combos. Entstanden ist die artistische Spielweise in den Clubs von New York, dem kulturellen Zentrum an der Ostküste der USA. Die 20-Millionen-Metropole gibt vor, was läuft in Mode, Musik, Kunst und Literatur. Wer etwas werden will als Jazzkünstler, muss sich in New York beweisen, lautet ein ungeschriebenes Gesetz. Sprecherin Die Westküste der USA mit Los Angeles als ausuferndem, urbanem Zentrum steht dagegen für die Sonnenseite des Lebens, weniger für Härte oder Leistungsdruck. In Kalifornien stießen die Siedler, die nach Westen zogen, auf den Pazifik - der Ozean als natürliche Barriere. Hier musste es sein, das Gelobte Land, das in der Bibel verheißen worden war, denn weiter ging es nicht. Kein Wunder, dass Hollywood in Kalifornien entstanden ist, die Traumfabrik mit unzähligen Stars und Sternchen. An der Westküste mit ihren weiten Küsten lebt es sich angenehm und entspannt, das Klima ist wesentlich milder, südlicher als das von New York, dessen bitterkalte Winter gefürchtet sind. In Kalifornien sind Körperkult, Fitness und Strandaktivitäten wie Wellenreiten angesagt. MUSIK 7 ( Miles Davis –Moon Dreams 0‘36) Sprecher Der Gegensatz zwischen der Ostküste mit seiner scharfen Rationalität und der sonnenverwöhnten, lässigen Westküste spiegelt sich, meinen Kenner, auch in vielen Musikstilen. Der Bebop aus New York, der innovative Jazz der Ostküste, gilt als virtuos, kühn und herausfordernd. Sprecherin Wird der geographische Hinweis West Coast auf Musik angewandt, bedeutet das, dass sie modern und urban, aber auch sinnlich und locker klingt, voller angenehmer Vibrationen ist. Das Gütesiegel West Coast wird höchst unterschiedlichen Stilen verliehen – vom Surf Rock der Beach Boys und den epischen Folk-Balladen von Crosby, Stills, Nash & Young über den Countryrock der Eagles bis hin zu Warren G., einem Hiphopkünstler der Westküste. Für viele spiegelt die Musik dieser Künstler und Bands die Weite der Landschaften der Westküste wider. MUSIK 8 ( Mulligan Quartet - Love me or leave 0‘25) Sprecher Der Cool Jazz, den der junge Chet Baker wesentlich mitgestaltet, wird ebenfalls oft unter West Coast subsumiert - offene, leichte Musik, die sich nicht anbiedert. Ganz so simpel, findet Hans-Jürgen Schaal, ist es allerdings nicht. ZSP Hans-Jürgen Schaal - - West Coast Jazz vs. Cool Jazz Also der Cool Jazz ist durchaus auch eine Erfindung der afroamerikanischen Musiker. Aber er kam natürlich den weißen Musikern sehr entgegen, weil man nicht diese enorme Virtuosität gebraucht hat, … weil das mehr in Richtung europäische Klanglichkeit ging. … und man sprach dann später von West Coast Jazz, weil dieser Cool-Jazz an der Westküste natürlich eigene Schwerpunkte gesetzt hat. Er gilt ja manchen so als besonders entspannend und besonders sonnig. Ich höre ihn eigentlich mehr als sehr verkopft. Der Westcoast Jazz hat gerne mit besonderen Kompositionstechniken gearbeitet, also viel mit Kontrapunktik, mit Kanon, Fuge, auch mit Zwölftontechnik, mit Polytonalität, Quarten, Harmonik und all das. MUSIK 9 ( Miles Davis – Rocker 0‘53) Sprecherin Entstanden ist der Cool Jazz aber tatsächlich in New York, also an der Ostküste. Der Trompeter Miles Davis, ein Künstler, der für extrem reduziertes Spiel steht und sich so von der Expressionswut der Bebop-Künstler abgrenzt, gründet Ende der 1940-er Jahre für Aufnahmen die Capitalband, mit Flügelhorn und Baritonsaxophon ungewöhnlich besetzt. Die Bläser müssen umsichtig intonieren, damit alle zu hören sind. Der Rhythmus spielt bei den Aufnahmen, die später auf der Langspielplatte „Birth Of The Cool“ erscheinen, eine untergeordnete Rolle. Im Vordergrund steht der Misch-Klang der verschiedenen Blasinstrumente. Sprecher Davis‘ Cooljazz-Versuche werden zwar von der Kritik gefeiert, richtig populär aber sind sie nicht. Das ist anders bei der Musik, die Gerry Mulligan, der Miles Davis in der Capitolband in New York unterstützt hat, schreibt und arrangiert, nachdem er 1952 nach Kalifornien gezogen ist. Der Baritonsaxofonist gründet mit Chet Baker ein Quartett - ohne Klavier oder Gitarre, ohne schmeichelnde Harmonien. Kontrabass und Schlagzeug strukturieren die Zeit, über die Mulligan und Baker sanft Melodielinien weben. MUSIK 10 ( Gerry Mulligan Quartet – Walkin‘ Shoes 0‘45) Sprecherin Cool Jazz nennen Kritiker und Fans den neuen Stil, um ihn abzugrenzen vom Bebop. Das Tempo im Cool Jazz ist ruhig und zurückgenommen, die Anmutung eher lyrisch und leise als schreiend-laut. Bebop ist hot Jazz, aggressive, feurige Musik. Cool Jazz, wie ihn Mulligan und Baker betreiben, wirkt dagegen taghell, überlegt und weltabgewandt: als würden die Musiker der Hektik bewusst den Rücken kehren und sich ganz und gar versenken in ein Artefakt aus Klängen und Tönen. Sprecher Als Mulligan wegen eines Drogendelikts ins Gefängnis kommt, gründet Chet Baker ein eigenes Quartett. Der Pianist Russ Freeman übernimmt jetzt Mulligans Rolle, er schreibt und arrangiert die Stücke, kümmert sich um Engagements, verwaltet die Finanzen. Chet Baker vergnügt sich derweil anderweitig. ZSP Hans-Jürgen Schaal – über den Fall des Engels … Baker hat eigentlich nie gelernt, für sich oder für die Band Verantwortung zu übernehmen. Er hat eigentlich nur Party gefeiert, schnelle Autos, schöne Frauen, Drogen, das war das Ding. Und es gab eben immer genug junge Leute um ihn herum, die ihn darin bestärkt haben. Das erklärt wahrscheinlich auch, warum er dann in den 50-er-Jahren diesen großen Absturz erlebt hat - nach diesem sehr schnellen Aufstieg. MUSIK 11 ( Chet Baker – Not For Me 0‘47) Sprecherin Noch ist der junge Mr. Baker unverkennbar auf dem Weg nach oben. Seine Popularität steigt, als er den Rat eines Labelbetreibers befolgt und singt. Bis dahin hatte er nur aus Verlegenheit gesungen, doch Gesangs-Aufnahmen sprechen nicht nur Jazzfans an, sie werden zudem von populären Radiosendern gespielt. Die Platte Chet Sings! wird 1956 ein Erfolg. Die Ballade My Funny Valentine avanciert zu Bakers signature song, seinem Erkennungslied. MUSIK 12 ( Chet Baker – My Funny Valentine (Live) 0‘44) ZSP Hans-Jürgen Schaal – Über Sänger Chet B. Also für meine Ohren singt er genauso wie er Trompete spielt: sanft, leise und in diesem Trompetenregister, das wirkt natürlich irgendwie androgyn. Ja, also, das kam gut an in den 1950er-Jahren, speziell beim weiblichen Publikum. Da wirkt er einfach jünglingshaft, ein bisschen unschuldig auch. … Wer jetzt heute diese Stimme zum ersten Mal hört, der denkt vielleicht, der klingt ja wie eine Frau. … Also er hatte sicherlich keine wirkliche Singstimme, aber er hatte natürlich eine sichere Intonation. … Und er hat natürlich auch immer nur Lieder gesungen, die zu dieser weichen, sanften Stimme gepasst haben. (Er hat also keine Macho-Songs gesungen, sondern) er hat nur sensible Balladen gesungen. MUSIK 13 ( Chet Baker – I Get Along Without You Very Well 1‘11) Sprecher Ein weiterer Faktor der Ikonografie sind die Portraits, die Fotokünstler William Claxton anfertigt. Obwohl Baker auf den stilvollen Schwarz-Weiss-Fotos nie lächelt, ist er ungeheuer fotogen. Ein hübscher junger Mann, in sich gekehrt, verletzlich, etwas verloren. Der ehemalige Modefotograf Claxton weiß, wie man den Jungstar inszenieren muss, damit er Starqualitäten, oder anders gesagt, das nötige Charisma entfalten kann. Chet Baker hat also in mehrfacher Hinsicht Glück. Er verkörpert den Zeitgeist, das weibliche Publikum findet ihn attraktiv - und der Jazz in den USA, wo im Süden die sogenannte Rassentrennung immer noch gesetzlich festgeschrieben ist, braucht saubere, weiße, junge Stars wie ihn. Für Baker-Fans ist es jedenfalls ein Schock, als der Künstler 1959, kurz vor Drehbeginn eines Spielfilms, wegen Drogen verhaftet wird. Die Dreharbeiten mit Natalie Wood und Robert Wagner als Ersatz für Baker finden trotzdem statt. Titel des Films: All The Fine Young Cannibals. MUSIK 14 ( Chet Baker – (Somewhere) Over The Rainbow 0‘46) Sprecher Nach der Entlassung aus dem Strafvollzug geht Baker nach Italien. Auch hier muss er wegen Drogen-Konsums für anderthalb Jahre ins Gefängnis. 1962 nimmt er dann in Italien das Album Chet Is Back auf, es gilt als eines seiner besten. Sprecherin Was folgt, ist eine regelrechte Hetzjagd durch Europa. Baker, der im Sportwagen zu Auftritten braust, wird an nahezu jeder Grenze festgenommen, in Gefängnisse oder Psychiatrien gesteckt, von Boulevardblättern zum Monstrum erklärt. Die Öffentlichkeit interessiert sich anscheinend nicht dafür, dass er sich als Künstler weiterentwickelt hat, seinen Ansatz verfeinert hat. Der Musiker ist zur Negativfigur geworden. ZSP Hans-Jürgen Schaal – Baker & die Drogen II Das war im Grunde die Tragik seines Lebens, dass viele Leute eben nur noch über den Junkie geredet haben und nicht über den Musiker. Gerade in dieser ersten Zeit in Europa war es ja so, dass die Medien gerade die die Boulevardpresse sich darauf gestürzt hat … Dass er eine Gefahr wäre für die Allgemeinheit. Dabei hat er ja niemandem geschadet außer sich selber. … Inwieweit das jetzt in seine Musik eingegangen ist? Wenn man seine frühen Aufnahmen hört, würde ich sagen, er hat schon immer so gespielt. Er ist nur besser geworden. MUSIK 15 ( Elvis Costello – Shipbuilding 0‘24) Sprecher Als der Trompeter Ende der 60er Jahre in die USA zurückkehrt, will man nichts mehr von ihm wissen. Er ist nicht mehr der strahlende junge Held, durch die Sucht sieht er abgezehrt aus, um Jahrzehnte gealtert. In den Staaten gilt er deswegen als abgehalftert, seine Musik als überholt, stigmatisiert als Junkie, als Drogenabhängiger. Sprecherin Hinzu kommt: Jazz wird nun verstärkt und verfremdet, junge Jazzmusiker setzen jetzt gerne E-Pianos und E-Gitarren ein, sie verbinden lauten Rock mit Jazzimprovisationen. Fusion nennt sich das - nichts für einen Leisetreter wie Chet Baker. Als man ihm weitere Zähne ausschlägt, weil er seine Drogenrechnungen nicht begleichen kann, ist der absolute Karriere-Tiefpunkt erreicht. Sprecher Aber Baker kämpft sich zurück. Er bekommt ein künstliches Gebiss und arbeitet mehrere Jahre daran, damit einen guten Ansatz für sein Instrument hinzubekommen. 1972 wagt er in New York ein Comeback. Im Publikum bekunden Dizzy Gillespie und Miles Davis ihre Sympathie für den Kollegen. Sprecherin Ende der 70-er Jahre ist er zurück in Europa. Er gastiert vor allem in Metropolen wie Paris, London, Brüssel, Berlin und Stockholm. Jahrelang verzichtet er in seinen Bands auf ein Schlagzeug. Tausend Dollar verlangt er für ein Live-Konzert, 5000 für eine Albumproduktion - auszuzahlen in bar nach der Veranstaltung, dann ab ins Hotel oder ins Auto und weiter durch die Nacht. Sprecher Dass ein derartiger Freigeist kein verantwortungsvoller Vater ist und auch kein zuverlässiger Liebhaber, dürfte klar sein. Gegen Ende seines Lebens hat Baker nicht einmal ein Bankkonto, er übernachtet in Hotels und fährt mit Zug oder Auto von Auftritt zu Auftritt. Luxusnomade nennen ihn seine Kinder, die er mit mehreren Frauen hat, aber nur selten sieht. Nicht alle seine Konzerte sind großartig, aber doch viele. Sprecherin Von Cool Jazz spricht nun kaum noch jemand, wird ein Konzert von ihm angekündigt. Modern, contemporary oder kammermusikalischer Jazz passt ja auch besser. Sein Name bürgt jedenfalls für kunstvoll vorgetragene, lyrische Balladen. MUSIK 16 ( Chet Baker – Moon Love 1‘11) Sprecher Was wird bleiben von Chet Baker, dem Künstler, der 1988 im Alter von nur 58 Jahren wie ein gefallener Engel in Amsterdam aus dem Hotelfenster gestürzt ist? Hans-Jürgen Schaal fasst zusammen. ZSP Hans-Jürgen Schaal - Einmal ein Feeling, eine Emotion, die eigentlich in vielen Lebenslagen passt. Eine Emotion, die etwas melancholisch ist, aber nicht traurig, die etwas positiv ist, aber nicht verklärend. Und es bleibt einfach eine große musikalische Fantasie, ein wunderschöner Trompetenton, eine unglaubliche Intonationssicherheit, Ja, es wird einfach schöne Musik.
- Geschichte des Schuhs - Von Schnabelschuhen und mörderischen Absätzen
31.03.2025 · 22 Min.
Ein Schuh ist nicht einfach ein Schuh. Die anfängliche Schutzfunktion, zu der man sich Gras und Rinde um die Füße wickelte, wurde mit raffinierteren Aufgaben aufgeladen. Schuh erzählt von Politik und Macht, von Wahn, Obsession und Erotik - er verlangt präzises Handwerk und ist skulpturales Bauwerk für den Fuß. Von Barbara Knopf Credits Autorin dieser Folge: Barbara Knopf Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Katja Bürkle, Friedrich Schloffer Technik: Adele Messmer Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Isabella Belting, Kunsthistorikerin Albert Bertl Kreca – „Schuh-Bertl“ Diese hörenswerte Folge von Alles Geschichte könnte Sie auch interessieren: Einfach Mode! Wer hat die Hosen an? JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZSP Der Schnabelschuh stammt jetzt aus dem Mittelalter, 12., 13. Jahrhundert. Der hat sich übrigens sehr lange tatsächlich gehalten, immer wieder in verschiedenen Formen. Damals war noch nicht der Absatz das Dominante, sondern wirklich die Schuhspitze. Und die hat sich dann in einer Art verlängert, die irgendwann natürlich nicht mehr von alleine stand, sondern ans Knie gebunden werden musste, damit der Herr überhaupt mit diesen Schuhen laufen kann. Man hat es ernst genommen, weil es eben ein Symbol war für jemanden, der nicht arbeiten muss. 0.32 Erzählerin So erzählt es die Kunsthistorikerin Isabella Belting. Sie leitet die Sammlung Mode/Textilien im – derzeit geschlossenen – Münchner Stadtmuseum. These boots are made for walking? Ein sehr funktional gedachter Satz. MUSIK 2 ( Diamonds (Bridgerton - Season Two) 1’05) In Wirklichkeit betreten wir mit dem Schuh sofort symbolisches Terrain. Es geht um Status. Ansehen. Macht. Reichtum. Spiel. Erotik. Und um Wahn. Ein irrationaler Faktor lauert in diesen Objekten am unteren Ende des Körpers. All diese Schnallen und Schleifchen, das noppenhäutige Krokodilleder, die pergamentene Schlangenhaut, der Samt, die Seide, der Lack, die hauchdünnen Riemchen über all den Aussparungen für die Haut, das nackte Fleisch, an Ferse, Fessel, Zehen oder anderen Wölbungen des Fußes, geformt wie ein Dekolleté. Eine Spiegelung des Körpers eigentlich, ein Abbild en miniature. 2 ZSP: Gerade bei den Damen im Barock und Rokoko fing es dann an, dass der Absatz in dieser ganz besonders eleganten, geschwungenen Form modern wurde. Das war dann eben auch ein Absatz, der in der Mitte schmal wird und nach unten ein bisschen breiter wird. Man kann sich fast vorstellen, dass das wie so ein kleiner Körper ist, der in der Korsage steckt. Man kann sagen, dass der Fuß, der in diesen Schuh schlüpft, wie der Körper ist, der in ein Kleid schlüpft. Also der Absatz hat damit auch ein sehr erotisches Aussehen bekommen. MUSIK 3 ( Eloise & Theo („Bridgerton“ – Season Two) Erzählerin Der Schuh ist eine Skulptur, an deren Ausformungen seit Jahrtausenden gefeilt wird. Gesellschaftliche Vorstellungen lassen sich darin ablesen, Konstrukte von Schönheit, auch quälerische wie im Märchen, wo die bösen Stiefschwestern des armen Aschenputtels sich Ferse und Zehen abhieben, um in den anmutig kleinen Pantoffel zu passen und den Prinzen zu bekommen. Form Follows Gewohnheiten. Den wechselnden Bedürfnissen einer Gesellschaft. So hatten Ritter, Reiter, in Sänften Getragene oder Fußgänger höchst unterschiedliche Schuhbedürfnisse. Für die Gegenwart müsste man hinzufügen: auch Radler, Bergsteiger, Sportler oder Astronauten. Eine Rückwirkung auf die Form unserer Füße blieb da nicht aus, schrieb der Architekt und Gesellschaftskritiker Adolf Loos aus Wien in seinen satirischen Essays Ornament & Verbrechen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts – der noch nichts wissen konnte von der modernen Schuhindustrie und ihren mannigfaltigen Produkten: ZITAT: „Die Zeiten ändern sich und wir ändern uns in ihnen. Und so tun es auch unsere Füße. Bald werden sie klein, bald groß, bald spitz, bald breit. Und der Schuster macht nun bald große, bald kleine, bald spitze, bald breite Schuhe. Das geht allerdings nicht so einfach. Von Saison zu Saison wechseln unsere Fußformen nicht. Dazu braucht es Jahrhunderte oder zum Mindesten eines Menschenalters. (…) Aber der Schuster muß sich streng an die jeweilige Fußform halten. Will er kleine Schuhe einführen, so muss er geduldig warten, bis das großfüßige Geschlecht abgestorben ist.“ (Ornament und Verbrechen, Metro Verlag, Seite 29) MUSIK 4 ( Jane Monheit: A Shine On Your Shoes 0’10) Erzählerin Genau das ist der Zwiespalt: Geht es nach der konkreten Anlage des Fußes? Oder nach einer abstrakten Idee? So, wie erst ein linker und ein rechter Schuh ein Paar ergeben – und ein Fuß trotzdem nie dem anderen gleicht, so liegt in den Schuhen selbst eine Ambivalenz: Sind sie doch einerseits phantastische Schöpfungen -andererseits bodenständiges Handwerk. Selten beides gleichzeitig. ATMO Schleifen 3 ZSP Da mache ich jetzt gerade einen Schuh, der asymmetrisch ist, also fußkonform ist. Das ist eigentlich auch eine alte Technik. Und die meisten Schuhe sind heute nicht mehr fußkomform. Also die schaden eigentlich dem Fuß. MUSIK 5 ( G.Rag y Los Hermanos Patchekos: Ein Mann sieht Sand 0’40) Erzählerin Besuch beim „Schuh-Bertl“ in München. Der Schuh Bertl hat eine gewisse Prominenz, weil er dem bayerischen Papst Benedikt seine roten Schuhe angefertigt hat. Auch der britische König bekam, als er noch Prinz Charles war, bayerische Haferlschuhe geschenkt aus Bertls Werkstatt, in der der Himmel voller Leisten hängt. ATMO Schleifen Erzählerin Wenn man mit Albert Bertl Kreca, dem Schuster und Schuhmacher in der schwarzen Cordhose spricht, inmitten der alten Hämmer, Zangen, den Ambossen und Nähmaschinen, einem Chaos, in dem sich der große Mann schlafwandlerisch bewegt, bekommt man eine Vorstellung von der Sorgfalt und der Handwerkskunst, mit der aus einem Stück Leder und einer Sohle ein schöner, haltbarer Schuh entsteht, an einer Nähmaschine, angetrieben von Hand und Fuß: ATMO Nähmaschine 4 ZSP Ich mache Schuhe seit 40 Jahren. Meine Spezialität sind genähte Schuhe, also ich mache rahmen- und zwiegenähte Schuhe. Ein zwiegenähter Schuh, sagt ja der Name schon, ist zweifach genäht. Ein rahmengenähter ist eigentlich auch zweifach genäht, aber du siehst nur eine Naht, also die Naht hier. Ein guter Schuh ist für mich, so ist auch meine Philosophie, ein Schuh, der so regional wie möglich gebaut wird. Langlebig ist, reparabel ist. Das ist ein guter Schuh, der gut passt. Und immer noch aus Leder. Ganz klassisch. Aber reparabel sein muss. MUSIK 6 ( Achim Zweschper: Walking Tension 0’55) Erzählerin Wie wird nun ein Schuh draus? Am Anfang, vor Zehntausenden von Jahren, in der späten Steinzeit, wickelte man sich Gras, Schnur oder Fell um die Füße, zum Schutz. Lange gingen die meisten barfuß, der Schuh war ein Luxusobjekt. Die Sandale gilt als die älteste erhaltene Schuhform, ihre Blütezeit lag in der griechischen Antike, aber mit der dünnen flachen Sohle und einem einfachen Riemen hat sich dieses Urmodell bis heute als Flip-Flop erhalten. Der reine Schutz wurde schnell zum Schmuck und die Fußbekleidung wechselte ihr Aussehen entsprechend nach den jeweiligen kulturellen Einflüssen der Ägypter, Assyrer, Phönizier, Perser oder Hebräer. Mal bog man die Sohle vorne hoch zum Schutz der Zehen, mal schnürte man sich Riemen die Wade entlang, mal bestickte man die neuen Schlupfschuhe, die Pantoffeln, mit denen sich in der westlichen Wahrnehmung der Reiz des Orientalismus verband. Halbschuhe boten Halt. Stiefel kamen in Mode, Postillonstiefel, Stulpenstiefel und natürlich Reiterstiefel. An ihnen lässt sich gut zeigen, wie sich in einer offenbar schon früh vernetzten Welt kulturelle Erfindungen und Einflüsse kreuzten und wie sie weiterentwickelt wurden. Als Reiter in Persien in ihren Steigbügeln Halt suchten, wurde eine Form entwickelt, um nicht abzurutschen: eine Art Absatz. Und der fand bald reißenden Absatz am französischen Hofe, erklärt Isabella Belting: 5 ZSP Im Rokoko ist es so, und davor im Barock, dass tatsächlich der Absatz aufkommt, der die Männer erhöhen soll über die andere Gesellschaft. Dieser Absatz hat bei Männern ein gewisses Stolzieren bewirkt. Und so hat sich das dann langsam auch in die Mode entwickelt, dass der Herr bei Hofe – und die Herrscher – gerne Absätze getragen haben. Und wenn es der Herrscher direkt war, dann eben auch mit rotem Absatz. Rot war immer ein Zeichen sozusagen der ganz oberen Hierarchie und der Monarchie. Erzählerin Nach der Französischen Revolution war die Farbe Rot mit dem Blut der Guillotinen verknüpft, und die Epoche der hohen Schuhe für Männer, Herrscher wie Bürger, war ein für alle Mal passé. Bis heute eigentlich. Mal abgesehen von einigen Dragqueens oder auch experimentierfreudigen Männern. Und jenen die lieber versteckte Absätze im Innenschuh tragen, um größer zu wirken. Aber wie das immer so ist in der Mode und eben auch bei der Fußbekleidung: nichts verliert sich ganz. Auch das Rot ist wieder aufgetaucht. Als signalrote Schuhsohle in den Kreationen von Christian Louboutin. Sie kommunizieren: Ich bin erotisch, begehrenswert und teuer. Ein absolutes Statussymbol. Der Schnabel ist sozusagen auf die Sohle gewandert. MUSIK 7 (Lady Gaga: Yoü And I (You And I) 0‘15 MUSIK 8 (Sign Of The Times (stripped)(„Bridgerton“ – Season Two) 1’10) Erzählerin Zeig mir Deinen Schuh, und ich sag Dir, wer Du bist, was Du zählst und was Du tust, ob Du Bauer bist oder Arbeiter, Handwerker, Patrizier oder Adeliger. Selbst auf der Bühne steckte jeder Rollentypus im eigenen Schuhtyp: Der Komödiant trug den sogenannten Soccus, der tatsächlich aussah wie eine heruntergerollte Socke, während der Tragödiendarsteller seine Verse auf hohen Kothurnen deklamierte. Heute lautet die Devise: Anything goes -und man wundert sich, was alles geht. Die britische Designerin Vivienne Westwood kreierte so mörderisch hohe Plateauschuhe, dass das Supermodel Naomi Campbell auf dem Catwalk herabstürzte. Und Lady Gaga, die auf ebensolchen Plateauhufen auftrat, aber ohne hinteren Absatz, die Ferse also nicht abgestützt, musste über Wadenmuskeln verfügen wie ein bayerischer Schuhplattler. Letztlich aber sind auch diese Plateau-Gebilde nur eine Variation bereits vergangener „Extrem“mode wie sie im Venedig des 16. Jahrhunderts aufkam, erläutert die Kunsthistorikerin Isabella Belting: 6 ZSP Es gibt die Chopinen oder Zoccoli aus Venedig. Man sieht, dass der Absatz also wirklich schon eine Höhe hat. Bei diesem Modell etwa 30 Zentimeter. Diese Absätze waren oft aus Holz oder Kork und dann mit Leder praktisch umkleidet und auch schön geschmückt und bedruckt und bestickt, je nachdem. Und oben schlüpfte man einfach nur ganz oben in so eine Art Lasche wie in einem Pantoffel. Die Damen in Venedig, allen voran die Kurtisanen, sind mit denen durch Venedig stolziert. Natürlich am Arm einer Zofe, weil alleine konnte man damit nicht laufen. Man ist aufgefallen; man hat natürlich auch durch die Höhe von dem Absatz sich ein bisschen von dem Straßenschmutz geschützt…Nachttöpfe, Pferdedreck, aller Schmutz landete auf der Straße. Es hat sich eine ganze Weile erhalten, weil es eben auch ein Machtsymbol war, sich über die anderen zu erheben. Erzählerin Immer neue Kaprizen, Entwürfe, Zumutungen, Kunstwerke. Designer meißeln millimetergenau an ein paar Quadratzentimeter Raum. Andere schaffen für den Fuß ein Bett. Skulpteure die einen, Handwerker die anderen. MUSIK 9 ( G.Rag y Los Hermanos Patchekos: Jazz di Monaco 0‘15) In jedem handwerklich gearbeiteten Schuh steckt ein Universum des Wissens. Der Schuh Bertl hat vier Bücher geschriebenen, das über Haferlschuhe gilt als Standardwerk. Und er zieht alte Bücher zu Rate, 2000 hat er gesammelt: 9 ZSP (endet mit Atmo/ Blättern zum Drübergehen, hinten spielen mit dieser sehr kurzen Atmo, er ist noch mal zu hören): Original 1763, so wie das das Original von1604 ist oder diese Bücher fünfzehnhundertnochwas . Da ist die Enzyklopodie von Diderot, das ist Band C, Cordonnier… also Schuster im Französischen heißt Cordonnier. BLÄTTERN noch mal kurz Wort Erzählerin Die Enzyklopädie des französischen Universalgelehrten Denis Diderot, der auch dem Schuster, dem Cordonnier, eine Seite darin gewidmet hat. Der Bertl schlägt sie auf. Originalausgabe, 18. Jahrhundert, schwerer Ledereinband, goldgeprägtes Muster, altes Papier. Eine Zukunft sieht Albert Bertl Kreca nicht für seinen Beruf: 10 ZSP Ich glaube das Handwerk, das Schusterhandwerk wird aussterben. Es wird immer noch ein paar Schuster geben, so Edelschuster. Wenn du im Internet schaust, da gibt es einige, dann kosten auch die Schuhe 3,5,4.000 Euro. Die versuchen, Fuß zu fassen und Business zu machen. Aber allgemein, der Schuster wird aus unserem Stadtbild verschwinden. MUSIK 10 ( Andreas Suttner: Walking 1 0’35) Erzählerin In den Händen eines Schusters offenbart ein Schuh nicht nur seine Stabilität oder Schönheit, sondern auch seine Fragilität. Die Lederzunge kann ihm arg beansprucht raushängen. Abgetreten und ramponiert ist er. Löchrig vielleicht. Die Ösen für die Bänder zerrissen, die Riemchen baumelnd. Das Leben hat ihm mitgespielt. Ob sein Lebenszyklus noch mal verlängert wird, hängt von der pflegenden Liebe seines Besitzers und vom Material ab. Apropos Material: Verlagert in Billiglohnländer in Asien, unter Missachtung von Arbeitsschutz und Umweltbelastungen, kommen in der globalen Schuhherstellung immer wieder hochgiftige Chemikalien zum Einsatz – zum Beispiel beim Gerben von Leder. Arbeiter, häufig auch Kinder, sind diesen in schuhproduzierenden Ländern wie Indien oft ohne Schutz ausgesetzt. Nachhaltige Produktion in Europa oder gar der Region hilft da nur zum Teil. Pflanzlich gegerbtes Leder und Materialien wie Naturkautschuk, Fasern von Bananen, Kaktus oder Ananas, können die Schwemme von Billigprodukten nicht ausgleichen. MUSIK 11 ( Nancy Sinatra: These Boots Are Made For Walking 0’20) MUSIK 12 (Son Lux: Switch Shoes To The Wrong Fell 1’00) Erzählerin Das ist die ökologische Seite des Themas. Und dann gibt es noch die psychologischen Deutungen. Schuhe entfesseln Phantasien, kokettieren mit Schlüsselreizen, in vielen Schattierungen, vom Puderquasten-Pantöffelchen der 1950er Jahre bis zu den Schnürungen und Latexinszenierungen und auf die Spitze getriebenen Requisiten der Fetischszene. Ein Spiel um sexuelle Dominanz oder Unterwerfung. Manche Menschen erregen sich am Geruch getragener Damenschuhe. Der Übergang vom Fetisch zum modischen Accessoire ist fließend. Modedesigner frönen ihm, Künstler setzen ihn visuell in Szene. Helmut Newtons „Nudes“, die nackten Frauen in High Heels, Rudolf Schlichters Frauenakte in hochgeknöpften Stiefeln. Der Maler der Neuen Sachlichkeit soll seine Frau und Muse „Stiefelchen“ genannt haben. Was für eine Freiheit, Schuhe zu tragen, wie man will! Männer, Frauen, ob hetero oder queer, cis, nonbinär oder trans, können hochhackige Highheels tragen oder Sandalen, deren Fußbett aussieht wie ein trockengelegtes Schlammflussbett. Und in beiden sexy aussehen. Oder eben nicht. Ganz nach Belieben. An der Absatzhöhe und dem Klackklack der Stilettos muss sich jedenfalls kein Emanzipationsstreit mehr entzünden. Und kollektive Zwänge bleiben hoffentlich historisch. MUSIK 13 ( Michi Koerner: Glassy Drop 0’15) 12 ZSP Also für uns jetzt aus westlichem Blick findet man das natürlich ganz schrecklich, so einen winzigen kleinen Schuh in der Hand zu haben, wie wir hier sehen, der nicht mal die Länge einer Handfläche hat – und da passte der Fuß rein, er passte natürlich nicht rein, weil auch der Fuß von Chinesinnen von Natur aus nicht so klein war, das ist natürlich ein völlig verkrüppelter Fuß. Dass ein Schuh sozusagen eine Art ist, jemanden zu unterwerfen oder zu knechten, sieht man ja dann an diesen doch ja sehr gruseligen Lotus-Schuhen. MUSIK 14 ( Michi Koerner: Glassy Drop 0’30) Erzählerin Isabella Belting hält eine Art Seidentäschchen in der Hand, mit denen die Chinesinnen, denen die Füße gebunden wurden, in kleinen Schritten tippeln konnten. Sie kaschierten eine brutale Methode, die bis ins 20. Jahrhundert hinein noch praktiziert wurde: Das Binden der Füße war jahrhundertelang ein Ritual der gehobenen Gesellschaft in China. Eine Demonstration von Wohlstand, eine Frau mit gebundenen Füßen musste nicht arbeiten -sie konnte ja kaum gehen. 13 ZSP Es ist tatsächlich eine Folter, wenn man sich das durchliest. Die 4 Zehen, wurden gebrochen und nach innen gebunden, und das einzige, das noch als stabiles Glied da war, war nur der große Zeh. Und die wurden extrem gebunden und geschnürt, es muss sehr, sehr schmerzhaft gewesen sein. Aber die Mütter haben es im besten Glauben gemacht, weil sie dachten, ihre Töchter haben dann ein besseres Leben, ein gutes Leben - also ausgewickelt hat man den Fuß nie gezeigt. Erzählerin Schuhe sind Lebensbegleiter. Wenn es gut läuft, baut man eine Beziehung zu ihnen auf. Sieht man irgendwo Schuhe, die liegengeblieben sind, ist das eine Irritation, die sofort Gedanken in Gang setzt, wem diese Schuhe wohl gehören mögen und warum sie da alleine stehen. Noch schlimmer, wenn es nur ein einzelner ist. MUSIK 15 ( Giora Feidman: Main shikhelekh varfoylt – Mkh tsudieygelekh 0’45) Und geradezu erschütternd ist der Anblick jener Fotodokumente auf denen haufenweise zurückgebliebene Kinderschuhe zu sehen sind. Sie gehörten jüdischen Kindern, die im KZ Auschwitz ermordet wurden. Hier zeigt sich am deutlichsten, dass der Schuh ein Gegenstand ist, der nahezu als ein Teil des Körpers empfunden werden kann. Die Geschichte einer Gesellschaft lässt sich an ihrer Fußbekleidung erzählen. Soziale Entwicklungen, ästhetische Vorstellungen, Überfluss -oder auch Not, wie manche Exemplare verdeutlichen, die in die Sammlung des Münchner Stadtmuseums gewandert sind, wie Isabella Belting erklärt: 14 ZSP Dass diese Kriegs- und Nahkriegsschuhe was ganz Besonderes sind, hat man sicher in dem Moment erkannt, wenn man es in der Hand hatte – die jetzt mal erstmal per se materiell kein Wert haben, sondern wirklich aus Resten zusammengestückt und zusammengeflickt wurden. Alte Autoreifen, Nägel, aus Gummi, aus irgendwelchen Pappedeckeln zusammen gehämmert, genäht -und wir sehen den und freuen uns riesig, weil das so ein wahnsinnig interessantes Stück Kulturgeschichte ist und eben so etwas Berührendes hat. Erzählerin Der Schuh ist Indikator dynamischer Veränderungen, durch die Jahrhunderte hindurch -und mit ihm unser Fuß, wie der stets zu mokanten Beobachtungen aufgelegte Wiener Architekt Adolf Loos in seinem Buch Ornament und Verbrechen um 1908 herum notiert: MUSIK 16 ( Mortage Stomp 0’40) ZITAT „Aber schon im Laufe dieses Jahrhunderts begann der menschliche Fuß eine Wandlung durchzumachen. Unsere sozialen Verhältnisse haben es mit sich gebracht, dass wir auch von Jahr zu Jahr schneller gehen. (…) So langsam zu schreiten, als sich die Leute in früheren Zeiten fortbewegten, wäre uns heute unmöglich. Dazu sind wir zu nervös. (…) Also gehen wir schneller. Das heißt mit anderen Worten, daß wir uns mit der großen Zehe immer stärker vom Erdboden abstoßen. Und tatsächlich wird unsere große Zehe immer kräftiger und stärker. (…) Durch eigene Kraft vorwärts kommen heißt die Parole für das nächste Jahrhundert.“ Ornament und Verbrechen, Metro Verlag, Seite 31 ff) Erzählerin Adolf Loos konnte nicht ahnen, dass gut 100 Jahre nach seinen Betrachtungen die Verkörperung eines einzigen Schuhs zum Vollstrecker unserer Lebensweise geworden ist: bequem, schnell und allzeit mobil voranzukommen. MUSIK 17 ( Dr. Der: Still D.R.E. 0’55) Der Turnschuh, der Sneaker, hat sich in alle Bereiche hineingeschlichen. Wird zu jedem Style getragen. Jederzeit. Überall. Von allen. Der Sneaker ist Wegwerfware, Kultobjekt, Sammlerfetisch. In den Luxusboutiquen nahe der Piazza San Marco in Venedig wird er auf Säulchen und Sockeln inszeniert wie Diamantware oder die finale Goldreserve. Ein Schuh, der nicht mehr Handwerk ist und nicht mehr architektonische Skulptur. Mögen Soziologen der nahen und ferneren Zukunft herausfinden, welche Essenz unserer Zeit darin fußt.
- Tempo! Immer schneller, immer mehr
31.03.2025 · 22 Min.
Kurz etwas essen, dabei Mails checken, noch schnell eine SMS schreiben - und schon geht's weiter zum nächsten Termin. Viele Menschen fühlen sich ständig gehetzt, Zeit ist irgendwie immer knapp. Was genau hat unser Leben so beschleunigt? Und könnten wir etwas dagegen tun? Wollen wir das überhaupt? Von Maike Brzoska (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Martin Trauner Es sprachen: Katja Amberger, Benjamin Stedler Technik: Christine Frei Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Gerhard Bosch, Arbeitssoziologe, Professor an der Universität Duisburg-Essen; Jürgen Rinderspacher, Zeitforscher, Dozent an der Universität Münster; Dietrich Henckel, Zeitforscher, emeritierter Professor der TU Berlin Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Leistungsmaschine Körper - Als wir zur Maschine wurden JETZT ANHÖREN Literaturtipp: Hartmut Rosa, „Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne“, 2005, Suhrkamp Verlag – ein Klassiker der Zeitforschung, der die Steigerungslogik moderner Gesellschaften anschaulich macht. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Eine Fußgängerzone vormittags an einem klaren Sommertag: Viele Menschen sind unterwegs, einige flanieren, andere hasten durch die Einkaufsmeile, tragen Tüten von Geschäft zu Geschäft. Auf den ersten Blick wirkt alles wie immer – wäre da nicht die kleine Gruppe Forschender, die unauffällig am Gehsteig-Rand mit Stoppuhren hantiert. Denn die Fußgänger sind Teil eines Experiments, sagt der Zeitforscher Dietrich Henckel. Er ist emeritierter Professor der TU Berlin und war selbst nicht an dem Experiment beteiligt. 01 O-TON (Henckel) Da haben sie bestimmte Straßen in den Innenstädten ausgewählt und haben tatsächlich gemessen, wie schnell die Leute bestimmte Strecke zurücklegen. Und das haben sie mit einer Vielzahl von Leuten gemacht und dann eben die Durchschnittsgeschwindigkeit daraus berechnet. SPRECHERIN Die Messung der Gehgeschwindigkeit war Teil eines größeren Projekts. Ein Forschungsteam um den amerikanischen Sozialpsychologen Robert Levine wollte wissen, wie sich das Lebenstempo in Städten weltweit unterscheidet. Dafür reiste das Team in 31 Länder, um mehrere Indikatoren zu erheben. Neben der Gehgeschwindigkeit ermittelten sie auch, wie lange es in einem Land dauert, eine Standard-Dienstleistung zu erbringen. 02 O-TON (Henckel) Das war der Verkauf einer Briefmarke. SPRECHERIN Das Forschungsteam überprüfte auch, wie genau die Uhren in der Öffentlichkeit gehen. Das werteten sie als Indiz für Pünktlichkeit und Zeitspannen, die toleriert werden. Heute dürfte dieser Indikator veraltet sein. 03 O-TON (Henckel) Weil die öffentlichen Uhren verschwinden zunehmend aus dem öffentlichen Raum. Es gibt sie immer weniger, weil jeder das Handy in der Tasche hat und an Fahrplananzeigen und so weiter und so fort ist immer die Zeit auch angezeigt und wesentlich genauer. SPRECHERIN Das breit angelegte Forschungsprojekt ist auch schon einige Jahre her. Es fand Mitte der 1990er Jahre statt. Dennoch gilt es in der Zeitforschung immer noch als wegweisende Studie, die immer wieder zitiert wird, weil sie einige interessante Zusammenhänge aufgedeckt hat. Es zeigte sich beispielsweise, dass die wichtigste Determinante für das Lebenstempo der Wohlstand ist. Genauer gesagt: Je höher das Tempo in den Städten, desto reicher die Menschen. So landeten auf den ersten Plätzen des Tempo-Rankings die Schweiz, Irland und Deutschland. Japan kam auf den vierten Platz – aber nur weil am Postschalter die Briefmarke noch in aller Ruhe eingepackt und hübsch umwickelt wurde. Auf den letzten Plätzen landeten Mexiko, Brasilien und Indonesien. Rund zehn Jahre danach, also Mitte der Nuller Jahre, hat ein britisches Forschungsteam die Gehgeschwindigkeit in den Städten erneut gemessen. Das Ergebnis: Im Schnitt hat das Tempo um zehn Prozent zugenommen. Das Leben in den Städten ist also tatsächlich schneller geworden. Obwohl schon einige Jahre alt, werden die Tempo-Studien immer wieder zitiert. Vielleicht weil sie ein Gefühl vieler Menschen bestätigen: Dass sich ihr Alltag beschleunigt, dass alles immer hektischer wird. Doch warum überhaupt? Wer oder was steckt dahinter? Und wer ist besonders betroffen? 04 O-TON (Rinderspacher) Davon betroffen sind vor allen Dingen die, die man so als die Menschen bezeichnet, die in der Rushhour des Lebens stehen. Das sind eben Menschen, die gleichzeitig berufliches Fortkommen und Familie bewerkstelligen müssen und da natürlich in die üblichen Zeitprobleme geraten und einfach in einer Phase sind, in der sich sehr viele Anforderungen stauen. Das sind aber auch Menschen, die viele Überstunden machen müssen. SPRECHERIN Sagt der Zeitforscher Jürgen Rinderspacher. Er ist Dozent an der Universität Münster. Ein guter Teil des Stresses entsteht also am Arbeitsplatz. Dort jagt ein Termin den nächsten, nebenbei werden schnell Mails beantwortet, beim Mittagessen das Projekt besprochen und abends geht’s dann noch zur Weiterbildung. Man will ja beruflich fortkommen. Im privaten Bereich geht’s dann weiter: Nach der Arbeit zur Kita oder zum kranken Vater hetzen, unterwegs noch ein Geschenk besorgen, eine SMS an die Freundin wegen der Feier am Wochenende, und später zu Hause noch was kochen und die Wäsche aufhängen. Gefühlt tausend Dinge müssen an einem Tag erledigt werden. Man nennt das Zeitverdichtung. 05 O-TON (Rinderspacher) Der Begriff der Zeitverdichtung kommt eigentlich aus dem Erwerbsbereich und das bedeutet, dass man Dinge, die man vorher mit mehr Zeit getan hat, jetzt in kürzerer Zeit tun muss. ((Also das ist das Klassische, was wir unter Rationalisierung verstehen im Erwerbsbereich. Wir haben das aber auch im Bereich der Hausarbeit, dass man Dinge, für die man früher mehr Zeit hatte, nun weniger Zeit sich nimmt oder gezwungen ist, Dinge in kürzerer Zeit zu tun.)) Das ist also eine Verdichtung sozusagen der Poren des Tages. Und die wird eben auch sehr stark als Zeitstress empfunden. SPRECHERIN ((Eine Verdichtung des Arbeitstages gibt es in vielen Bereichen.)) Ein krasses Beispiel ist die Logistikbranche. Paketbotinnen und -boten stehen heute sehr oft unter einem enormen Zeitdruck. 06 O-TON (Henckel) Was dann dazu führt, dass die gar nicht mehr klingeln, sondern gleich die Benachrichtigungskarte in den Briefkasten werfen oder gleich beim Nachbarn im ersten Stock klingeln und das abgeben. Weil die unter einem elenden Druck stehen und dann im fünften Stock laufen und dann ist da niemand. Und gleichzeitig haben sie eben ein unglaubliches Pensum zu erfüllen. SPRECHERIN Zeit ist eben Geld, das gilt auch für andere Bereiche, zum Beispiel die Forschung. 07 O-TON (Henckel) Ich war früher in einem Forschungsinstitut. Und das, was ich damals dort an Forschung gemacht habe und die Art und Weise, wie ich das mit meinen Kolleginnen und Kollegen gemacht habe, das wäre heute nicht mehr denkbar. Wir haben damals auch schon über die Beschleunigung gesprochen und wie viel stärker der Produktionsdruck damals wurde. Also ich rede von den 80er Jahren. Und im Rückblick ist das ein Kinderspiel gegen das, was sich danach abgespielt hat. SPRECHERIN Dietrich Henckel gehörte hierzulande zu den ersten Hochschullehrenden, die Zielvereinbarungen bekamen. Für viele Forschende ist das heute Standard. 08 O-TON (Henckel) Ihr müsst so und so viele Aufsätze in referierten Journals veröffentlichen in der und der Zeit. Und die ganzen Evaluationen der Institute, die funktionieren alle nach diesen Geschichten; wie viele Publikationen in referierten Zeitschriften veröffentlicht werden, wie ist der Output dieser Institution dann abteilungsweise und so weiter und so fort. Also da ist ein unglaublicher Beschleunigungsdruck überall drin. SRECHERIN Man kann also festhalten: In vielen Bereichen gibt es einen starken Produktions- und Leistungsdruck – und der führt dazu, dass tatsächlich immer mehr in kürzerer Zeit erledigt werden muss. Wobei wir auf der anderen Seite heute auch sehr viele Hilfsmittel haben. Dinge, die uns Arbeit abnehmen oder schneller erledigen lassen. Zuhause übernehmen Wasch-, Spül- und Küchenmaschinen einen großen Teil der Hausarbeit. Mit Auto, Zug oder Flugzeug kommen wir sehr viel schneller ans Ziel. Und dank Computer und Internet können wir binnen Sekunden Emails schicken, komplizierte Berechnungen anstellen oder ganze Bibliotheken durchforsten. Im Prinzip „sparen“ wir also jede Menge Zeit – und haben trotzdem keine. Woran liegt das? 09 O-TON (Rinderspacher) Ich habe das mal genannt: die infinitesimale Verwendungslogik der Zeit. Wir versuchen eben Zeit zu gewinnen, um dann in diese gewonnenen Zeiträume immer mehr reinzutun. Und das bedeutet natürlich, dass wenn ich jetzt durch eine Geschirrspülmaschine Zeit spare, dann werde ich mir in der Zeit, die ich gewonnen habe, irgendwas vornehmen. Damit wachsen dann auch die Anforderungen an uns selbst. Wir haben ja dann Zeit erspart und diese ersparte Zeit wollen wir irgendwie dann – jetzt kommt das Stichwort – sinnvoll nutzen. Das ist eben eine Folge der infinitesimalen Verwendungslogik der Zeit. SPRECHERIN Es sind also nicht nur die Anforderungen im Beruf, die vielerorts gestiegen sind, sondern auch die Erwartungen an uns selbst. Die Wohnung soll tiptop aussehen – man kann schließlich, während die Spülmaschine läuft, schon mal aufräumen. Oder während der Konferenz online neue Gummistiefel für den Urlaub bestellen. Wieder Zeit gespart, denken wir zumindest. Denn einige Studien zeigen, dass Multitasking oft dazu führt, dass wir letztlich sogar länger brauchen. Auch einige Haushaltsgeräte, die Zeit sparen sollten, hatten letzten Endes einen gegenteiligen Effekt. 10 O-TON (Henckel) Also die Waschmaschine ist ein typisches Beispiel dafür, dass es den damals noch rein den Hausfrauen die Arbeit erleichtern sollte und ihnen ein hohes Maß an Zeitersparnis bringen sollte, weil sie jetzt nicht mehr die Wäsche in den Topf, nicht kochen müssen, das läuft nebenher. Damit einhergegangen sind aber völlig andere Hygiene-Vorstellungen und Sauberkeitsvorstellungen, was Kleider angeht. Man wäscht viel häufiger. Das ist mit Geschirrspülmaschinen genau das gleiche. Man verbraucht einfach auch viel mehr als früher. Man ist früher viel sparsamer mit Geschirr umgegangen, also dem Schmutzigmachen von Geschirr, als das heute der Fall ist. Und das sind so Sachen, die die Zeit, die eingespart wird, auch wieder auffressen. SPRECHERIN Die Teller kommen wegen ein paar Krümeln in die Spülmaschine. Die T-Shirts nach einmal Tragen in die Wäsche. Die Folge ist, dass sich die Dinge schneller abnutzen – und wir wieder schneller neue brauchen. Ein durchschnittlicher Konsument, eine durchschnittliche Konsumentin kauft heute sehr viel mehr Dinge als in früheren Zeiten, sagt der Arbeitssoziologe Gerhard Bosch. Er ist Professor an der Universität Duisburg-Essen. 11 O-TON (Bosch) Man kauft nicht mehr das Porzellan, die Möbel fürs Leben, wie das früher mit der Aussteuer war, sondern das wird mehrfach im Leben dann neu gekauft. SPRECHERIN Das liegt zum Teil auch daran, dass die Dinge nicht so lange halten. Für ein zehn Jahre altes Handy gibt es oft keine Ersatzteile mehr. Das Fernsehgerät braucht einen neuen technischen Standard, also muss ein neues her. Und eine kaputte Uhr zu reparieren, lohnt sich oft gar nicht. Eine neue zu kaufen ist günstiger – und dauert auch nicht so lang. Heute bestellt, morgen geliefert – in einigen Städten sogar noch schneller. 12 O-TON (Henckel) Amazon wirbt damit, in einer Stunde irgendwas auszuliefern. Und diese Erwartung: Wir kriegen alles sofort oder ganz, ganz schnell, das ist einerseits nachfrageseitig bestimmt, aber andererseits auch angebotsseitig, wo die Wettbewerber dann sagen: Aber wir sind noch schneller und wir liefern euch das Zeug noch schneller, und das paust sich dann auch durch auf die Fahrer. SPRECHERIN Man kann natürlich sagen: Das mache ich nicht mit. Man kann schließlich die Küchenmaschine auch reparieren lassen. Warten, bis der Pullover deutlich müffelt, bevor er in die Wäsche kommt. Und erst neue Hosen kaufen, wenn die alten durchgescheuert sind. Aber das machen eher wenige. Die meisten Menschen passen sich dem Tempo des modernen Lebens an. Warum? 13 O-TON (Rinderspacher) Der Mensch ist ja ein Herdentier, sage ich mal ganz einfach. Wissenschaftlich ausgedrückt wäre das der soziale Vergleich. SPRECHERIN Der Nachbar hat so tolle Möbel, die Schwester schon wieder neue Klamotten und der Sohn will, wie sein bester Kumpel, auch mal nach Spanien fliegen. Das alles auszusuchen, zu vergleichen, zu probieren, zu bestellen und vielleicht zu retournieren, kostet Zeit. Wobei man den Stress im Privaten noch selbst dosieren kann. Anders ist das im Erwerbsleben, dort haben viele Menschen gar keine andere Wahl, als das zunehmende Tempo mitzumachen. 14 O-TON (Bosch) Die wollen ihren Lebensunterhalt verdienen, die Miete muss bezahlt werden, man will vielleicht noch mehr, man hat eine Familie, man will auch seine Fähigkeiten nutzen und das kann man eigentlich nur innerhalb des Systems. Außerhalb des Systems können das ein paar Künstler machen, ein paar Aussteiger, die aber massive Einbußen des Lebensstandards dafür in Kauf nehmen. SPRECHERIN Deshalb machen viele das zunehmende Tempo mit. Sie hetzen durch den Alltag, versuchen Schritt zu halten, vielleicht sogar die Nase vorn zu haben im kollektiven Wettlauf gegen die Zeit. Auch wenn es einem hin und wieder so vorkommt, als finde das Rennen im Hamsterrad statt. Aber wer dreht dieses Rad eigentlich immer schneller? Was beschleunigt unser Leben? Warum muss oder will man immer mehr erledigen? Um das zu verstehen, hilft ein Blick zurück in die Geschichte. In früheren Jahrhunderten gab die Natur den Rhythmus vor, und der war deutlich langsamer. Gesät wurde im Frühjahr, geerntet im Herbst, wenn das Korn reif war. Beschleunigen ließ sich das nicht. Es gab sicherlich auch damals stressige Phasen, aber auch Zeiten der Muße. 15 O-TON (Bosch) Auch die Arbeiter in den Manufakturen hatten immer ihre Pausen, weil die Produktion hing ja ab von Windkraft und von Wasserkraft. Das lief nicht kontinuierlich. Und das hat sich dann aber geändert mit der Industrialisierung. SPRECHERIN Die Industrialisierung begann vor gut 250 Jahren. Damals fingen die Menschen an, Dinge mithilfe von Maschinen herzustellen. Anfangs waren das automatisierte Webstühle. Nach und nach gab es immer mehr Maschinen und automatisierte Abläufe. Das veränderte die Art zu arbeiten grundlegend. 16 O-TON (Bosch) Es wurden große Fabriken gebaut und der eigentliche Durchbruch kam mit der Dampfkraft und der Elektrizität, weil mit diesen Energiequellen konnte man sicherstellen, dass kontinuierlich auch rund um die Uhr und ohne große Ausfälle produziert wurde. SPRECHERIN Statt dem Rhythmus der Natur gaben nun Maschinen den Takt vor. Und der war anfangs gnadenlos. 17 O-TON (Bosch) Zwölf Stunden am Tag war üblich, sechs Tage die Woche auch. Am Sonntag wurde den halben Tag noch gearbeitet. Es gab keine bezahlten Feiertage, Urlaub eh nicht. SPRECHERIN Und noch etwas Anderes half, die Arbeit in den Fabriken zu organisieren. Eine Erfindung, die unser modernes Leben im wahrsten Sinne des Wortes „einläutete“: die Uhr. Erste Exemplare gab es schon im Mittelalter, aber mit der Industrialisierung bekamen sie eine deutlich größere Bedeutung für jeden und jede Einzelne. Denn damit konnte man zum Beispiel feste Zeiten für Arbeitsbeginn und Ende vorgegeben. Damals eine neue Erfahrung für die Menschen. 18 O-TON (Rinderspacher) Das war zunächst ein sehr großes Problem, die Arbeitsbevölkerung so zu erziehen, in Richtung Pünktlichkeit zu erziehen, dass sie dann auch pünktlich zur Arbeit kam, dass sie dann in bestimmten Zeiten auch bestimmte Dinge erledigt haben. Das ist ein großer kollektiver Sozialisationsprozess geworden. Die Umerziehung ganzer Kulturen, kann man sagen, hin zu einer industriellen Zeit-Kultur. Und dann wird die Uhr zu einem Ordnungssystem. SPRECHERIN Bevor Uhren den Takt vorgaben, traf man sich zur „Zeit der größten Mittagshitze“. Oder „vor Sonnenuntergang“. Pünktlichkeit war da Ansichtssache. Man wartete halt. Die Uhren veränderten das Erwerbs- aber auch das soziale Leben. Man konnte sich nun zu einer bestimmten Zeit treffen. Wobei anfangs noch jeder Ort seine eigene Uhrzeit hatte, die sich nach dem Stand der Sonne richtete. Ende des 19. Jahrhunderts wurde das vereinheitlicht. Das Deutsche Kaiserreich schloss sich der mitteleuropäischen Zeitzone innerhalb der Weltstandardzeit an. Im Gesetzesblatt hieß es: ZITATOR Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen, verordnen im Namen des Reichs: Die gesetzliche Zeit in Deutschland ist die mittlere Sonnenzeit des 15. Längengrades östlich von Greenwich. SPRECHERIN Hintergrund dafür waren die Eisenbahnfahrpläne. 19 O-TON (Henckel) Damals war in jeder Stadt eine lokale Zeit und dann kann man natürlich die Fahrpläne nicht vernünftig aufeinander abstimmen. Und deshalb wurde die Eisenbahnzeit eingeführt, um in größeren Räumen eine Standardzeit zu haben, um das zu verbinden. SPRECHERIN Mit der Eisenbahn wurden damals zunehmend auch Waren und Güter transportiert. Es lohnte sich deshalb bald, größere Fabriken zu bauen, um mehr zu produzieren und die Waren anderswo zu verkaufen. Das veränderte wiederum die Arbeitsweise. Die Effizienz nahm zu, und gleichzeitig auch die Geschwindigkeit. 20 O-TON (Bosch) Mit der großen Fabrik entstand natürlich dann auch eine Form der Organisation, wo komplexere Arbeit in kleine Schritte zerlegt wurde und diese einfachen Tätigkeiten in hohem Tempo verrichtet werden mussten. Also was man allgemein die Verdichtung der Arbeitszeit nennt. SPRECHERIN Die Rationalisierung setzte sich nach und nach durch. Denn sie machte die Ware günstiger, was für andere Fabrikantinnen und Fabrikanten bedeutete, dass sie nachziehen mussten. Sonst drohte die Pleite. 21 O-TON (Bosch) Der Kapitalismus ist ein Konkurrenzsystem und die Unternehmen versuchen natürlich, möglichst große Marktanteile zu gewinnen. SPRECHERIN Das gelang auch über neue Maschinen – oder allgemeiner gesprochen: Innovationen. Manche davon sparten Arbeitskraft ein. Andere brachten ganz neue Produkte hervor: Autos, Flugzeuge, Waschmaschinen, Computer, Handys. Wobei sich im Laufe der Zeit auch der Innovationszyklus selbst beschleunigte. Immer schneller kamen und kommen neue Produkte auf den Markt. 22 O-TON (Bosch) Man kann sagen, dass die Innovationszyklen, also die Entwicklung neuer Produkte, sich auch beschleunigt hat. Die Einführung etwa neuer digitaler Instrumente, die geht viel schneller als die Einführung des Autos oder des Radioapparats in der Vergangenheit. SPRECHERIN Über die Jahrhunderte hinweg führte dieses System aus Rationalisieren, Innovieren, Marktanteile gewinnen, Konkurrenten abhängen zu enormen Produktivitätsgewinnen. 23 O-TON (Bosch) Unsere Produktivität ist zwischen 1870 und 1990 um 700 Prozent gestiegen. Das heißt pro Kopf 17 Mal so viel. SPRECHERIN Und deshalb haben wir heute auch ein Vielfaches an Waren und Dienstleistungen im Vergleich zu früheren Jahrhunderten. Ein modernes Leben mit einem enormen Wohlstand – aber eben auch einem deutlich höheren Tempo. Wobei es immer auch Zeiten gab, wo die Geschwindigkeit gedrosselt wurde. Denn der gnadenlose Takt der Maschinen in den Fabriken führte dazu, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter Pausen einforderten. Sie legten die Arbeit kollektiv nieder und schalteten die Maschinen ab. Es waren sprichwörtliche „Aus-Zeiten“. Und sie schlossen sich zu Gewerkschaften zusammen und kämpften für den 8-Stunden-Tag oder den freien Samstag. Man könnte auch sagen: Sie kämpften für mehr Zeitwohlstand. 24 O-TON (Bosch) Samstags gehört Papi mir. War ja nichts anderes als ein Zeitwohlstand, der wirklich auch funktioniert hat. ((Und wenn sich eine Arbeitszeitverkürzung mal durchgesetzt hat, dann stellen die Leute ihr ganzes Leben um und genießen diesen Zeitwohlstand und bauen den in ihre Lebensplanung ein. Der freie Samstag und der freie Sonntag sind ja heute selbstverständlich. Mein Vater musste noch samstags arbeiten und ich bin noch samstags zur Schule gegangen, was heute auch nicht mehr der Fall ist.)) SPRECHERIN Daneben gab es aber auch Zeiten, in denen das Tempo schneller zunahm. Oft waren es politische Entscheidungen, die den Startschuss dafür gaben. 25 O-TON (Bosch) Die Regeln des Systems haben sich so verändert, dass das System beschleunigt wurde. In den letzten Jahren also zum Beispiel die Privatisierung vieler öffentlicher Dienstleistungen. Früher war die Bahn ein Monopol Unternehmen, die Post auch. Und heute gibt es viele Konkurrenten und die setzen sich gegenseitig unter Druck. SPRECHERIN Ausbaden müssen das in erster Linie die Paketbotinnen und Paketboten. Zumindest wenn politisch nicht gegengesteuert wird, um das Tempo in der Branche zu drosseln. Ohnehin drehen sich viele politische Debatten eigentlich um Zeit, auch wenn vordergründig um Geld gerungen wird. Die Lokführer bei der Bahn zum Beispiel streikten zuletzt dafür, nur noch 35 statt 38 Stunden in der Woche arbeiten zu müssen. Auch beim Elterngeld oder der bezahlten Pflege von Angehörigen geht es letztlich um Zeitwohlstand. ((26 O-TON (Bosch) Das ist ja auch eine Form von Arbeitszeitverkürzung in einer bestimmten Lebensphase, wo man Kinder hat, und auch die Option, freie Tage für Pflege zu bekommen.)) SPRECHERIN Am Ende kann man festhalten: Es hängt alles zusammen: Die Gehgeschwindigkeit in den Innenstädten und der Wohlstand. Die Genauigkeit der Uhren und die Effizienz. Der Leistungsdruck und die rationalisierte Standard-Dienstleistung. Vielleicht sollte man es deshalb hin und wieder machen wie die Japaner: Sich Zeit nehmen und in aller Ruhe eine schöne Schleife um die Briefmarke binden. Auch wenn man dann nicht auf dem ersten Platz landet.