Claude Lévi-Strauss - Ethnologe und Philosoph
21.05.2025 · 23 Min.
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- Surfen - Ein Sport und seine Geschichte
22.05.2025 · 23 Min.
Surfen war für die Ureinwohner Hawaiis mehr als ein Freizeitvergnügen: Sich auf hölzernen Brettern Wind und Wellen auszuliefern, war für die Südsee-Insulaner gar eine Religion. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts verbreitet sich das Surfen weltweit. Von Lukas Grasberger Credits Autor dieser Folge: Lukas Grasberger Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann Technik: Daniela Röder Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Matze und Laura, Wellenreiter und Surftouristen aus Hannover; Prof. Sabine Kind, Professorin an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement, Saarbrücken und Surferin; Timo Sternemann, Diplom-Sportwissenschaftler, Surflehrer und Coach, Münster; Arthur Pauli, Pionier des Flusssurfens, Traunreut; Philip Köster, Windsurf-Weltmeister in der Disziplin „Wellenreiten“, Gran Canaria Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Die Meeresbrandung - Ein Küsten-Schauspiel voller Überraschungen JETZT ENTDECKEN Der Kampf ums Meer - Tiefsee, Nordpol, Pazifik JETZT ENTDECKEN Meerestiere im Klimawandel - Wenn das Wasser imm wärmer wird JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Ein Podcast-Tipp für alle, die gerne authentische Geschichten hören: „Ein Zimmer für uns allein“ – zwei Frauen, zwei Generationen und die Frage „Wie hast du das erlebt?“ Hier trifft Paula Lochte immer zwei Frauen aus verschiedenen Generationen und sie sprechen offen und ehrlich über ein Thema, das sie verbindet. Was waren die Kämpfe damals, was sind sie heute? „Ein Zimmer für uns allein“ findet ihr in der ARD-Audiothek und überall, wo’s Podcasts gibt – oder gleich HIER Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo Wellen, Stimmen am Strand, darüber Sprecher (Aussprache: „Si – ser“, Betonung auf erster Silbe) Es ist ein sonniger, aber windiger Mittag am Cicer-Strand in Las Palmas auf Gran Canaria – einem der beliebtesten Surf-Spots Europas. Matze und seine Freundin Laura aus Hannover haben gerade ihre Wellenreit-Session beendet. Nun entspannt das Paar an der Strandpromenade in der Sonne, lässt den Surf-Tag Revue passieren – und sinniert über die Faszination, die das Surfen für sie im Allgemeinen und im Besonderen ausmacht. O-Ton 1 Matze, Surfer aus Hannover „Weil wir es einfach lieben, im Wasser zu sein, und Verbundenheit zur Natur zu spüren...Wir hatten schon sehr viele sehr schöne Momente, ich erinnere mich an einen Moment in Porto: Es hat leicht geregnet, und die Sonne kam alle paar Minuten doch ein bisschen raus. Und wir mitten im Wasser, und um uns keine Menschen. Also das sind diese fast meditativen Elemente, die mir das Surfen gibt.“ O-Ton 2 Laura, seine Freundin, ebenfalls Surferin „Diese Kombination: Natur und Urlaub gleichzeitig, und auch Sport zu treiben...macht auf jeden Fall viel Spaß!“ Sprecher Matze und Laura sind Surf-Touristen. Wann immer das Paar Urlaub hat, reist es dorthin, wo die Wellen am besten brechen, wo die Urgewalt des Meeres den Surfer oder die Surferin auf seinem Brett meterweit trägt. In Portugal waren sie schon, in Nordfrankreich - und jetzt in Las Palmas auf Gran Canaria. Und überall treffen Matze und Laura auf Gleichgesinnte: Längst ist eine internationale Surf-Community entstanden, die die Faszination für Meer, Wind und Wellen eint. Musik: Inca Gold 0‘35 Sprecherin (Aussprache: Kabaiitos de Totora, Betonung auf den „i“) Es ist indes kein neues Phänomen: Schon vor Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden wagten sich Menschen auf hölzernen Brettern oder auf einem Gefährt aus geflochtenem Schilf aufs Meer. Schon auf Keramiken der Vor-Inka-Zeit fand man Zeichnungen peruanischer Fischer, die auf Caballitos de Totora, auf „Schilf-Pferdchen“ über die Wellen ritten. Auch Höhlenmalereien aus Polynesien aus dem 12. Jahrhundert zeigen bereits, wie sich Vorreiter der heutigen Surfer auf dem offenen Meer bewegen. O-Ton 3 Sabine Kind, Sportwissenschaftlerin und Surferin „Ursprünglich sind die Polynesier und die Hawaiianer mit ihren Auslegerkanus rausgepaddelt, um halt zu fischen, quasi um ihre Nahrung aus dem Wasser zu holen….“ Sprecherin ….weiß Sabine Kind, Professorin für Sportwissenschaften, die zum Thema „Surfen“ promoviert hat. Musik: Ku’ulpolka 0‘30 Sich in die oft meterhohen Wogen des pazifischen Ozeans zu wagen – das taten die Bewohner der Südsee-Inseln nicht nur zum Zweck des Nahrungserwerbs. Nachdem polynesische Seefahrer ihre Art, die Wellen auf einem Kanu, auf einer Planke oder einem Holzbrett zu reiten, nach Hawaii gebracht hatten, surfte man dort zum Freizeitvertreib. Das Surfen entwickelte sich so zur hawaiianischen Alltags-Kultur. O-Ton 4 Kind „Also vergleichbar mit den Inuit, die ich weiß nicht, wie viele hundert Bezeichnungen für Schnee und Schneeflocken haben, also ist das in Hawaii damals gewesen, dass sie unglaublich viele Bezeichnungen für das Meer hatten (…), und in allen Gesellschaftsschichten wurde gesurft. (…) Es gab halt Strände, die waren nur den Häuptlingen und den Königen vorbehalten und es gab halt Strände, die der allgemeinen Bevölkerung vorbehalten waren. (...) da gab es dann bereits maßgefertigte Surfbretter, auch hier gab es eine klare Trennung: bestimmtes Holz nur für die Könige, für die Häuptlinge, also sehr hochwertiges Holz und sage jetzt einfach mal Holz, was vielleicht nicht ganz so hohe Qualität hatte, für die normale Bevölkerung.“ Sprecherin Letztendlich, sagt Sabine Kind, gewann das Surfen auf Hawaii sogar religiösen Charakter. O-Ton 5 Kind „Das Meer hatte halt auch einen Götterstatus.(...)Es gibt kleine Tempel oder gab kleine Tempel, die halt auch errichtet worden sind, in denen dann um Wellen gebeten wurde, wenn keine Wellen da waren.(…) Da gab es dann Opfergaben in Form von Blumen, ich sage jetzt einfach mal Naturopfergaben: Das kann auch Obst gewesen sein - um dann eben auch entsprechend Wellen zu bekommen, gute Wellen zu bekommen. (...) Das andere war zum Beispiel, dass man bei nicht vorhandenen Wellen das Meer mit Seetang gepeitscht hat, um quasi Wellen herbeizuschwören, dazu gab es dann halt auch bestimmte Gesänge.“ Sprecherin Doch: dass die Hawaiianer ihr gesamtes Leben von früh bis spät nach dem Gang der Wellen ausrichteten – dies sollte bald der Vergangenheit angehören. Nach der Entdeckung der Inseln durch James Cook kamen im 19. Jahrhundert christliche Missionare nach Hawaii. Diesen war das heidnische Brauchtum ein Dorn im Auge: allem voran, dass sich die Inselbewohner nackt aufs Brett stellten. Den Missionaren gelang es, ihre moralischen Sitten durchzusetzen. Mit ihnen hielt auch ein klar strukturierter Tagesablauf auf den Südseeinseln Einzug, der sich nicht mehr nach Ebbe und Flut, nach dem Gang der Wellen richtete. Die kulturelle Einbindung des Surfens ging verloren, es verkam zum reinen Zeitvertreib. Musikakzent: White sandy beach of Hawai 0‘15 Es war Duke Paoa Kahanamoku – kurz, der „Duke“ - der Anfang des 20. Jahrhunderts eine Renaissance des immer weniger populären Surfens herbeiführte. O-Ton 6 Kind „...Er hat das Ganze wirklich nach vorne gebracht: Ursprünglich ja auch ein Schwimmer, ein Rettungsschwimmer, wenn man in Waikiki am Strand steht, gibt es eine ganz große Statue von ihm mit einem Surfbrett. (…) Im Prinzip hat er das Surfen wieder gesellschaftsfähig gemacht, also eben, er hat halt im Prinzip einfach wieder gesurft und die Leute neugierig darauf gemacht, das hat ja so eine Sogwirkung dann: „oh, der macht das auf einmal, das ist ja schon wieder was Besonderes!“ Und letzten Endes hat er dann halt viele andere Leute mitgezogen. (...) Es wurden dann erste Surfclubs wieder eingerichtet, 1908 wurde dann die erste offizielle Surforganisation, der Outrigger Surfboard Club nannte der sich, gegründet. Touristen haben dann halt bei diesen typischen Beach Boys, so nannte man sie oder so nennt man sie halt auch immer noch, Surfunterricht bekommen. Das Ganze ist dann ja von Hawaii nach Kalifornien gekommen.“ Musik: Beach Boys“, Surfin´USA 1‘00 O-Ton 7 Sternemann Teil 1 „Da war das mehr so: Hey, wir gehen da raus, wir haben Spaß zusammen und dödeln da auf so Riesenbrettern so ganz langsam durch die Welle (…) Sprecher ...weiß der Surflehrer und Coach Timo Sternemann. O-Ton 7 Sternemann Teil 2 „Und ich denke da, vielleicht hast du so Bilder auch vor Augen, da sind so 50 Leute auf einer Welle gesurft und ich glaube, da war das weniger kompetitiv.“ Sprecher Noch war das Surfen auf großen, trägen Brettern eine recht gemächliche Angelegenheit. Doch diese Zeiten änderten sich spätestens mit den 1950er-Jahren. Tüftler traten auf den Plan, um die Boards leichter, kleiner und wendiger zu machen. Dazu kamen mehreren Finnen: Kunststoffteile, die wie umgekehrte Haiflossen unten aus den Brettern ragen. Sie beschleunigten die Boards, und machten sie drehfähiger. Dies führte Timo Sternemann zufolge dazu... O-Ton 8 Sternemann „….dass die Sportart schneller, agiler, kraftvoller geworden ist, dass irgendwann (...) in den 70er Jahren die Bretter kürzer geworden sind und so ein Dreierfinnen-Set, so ein Thruster erfunden wurde. Da ist so mehr Dynamik reingekommen...und da brauchte dann ein Surfer die ganze Welle, weil der vor, zurück, rauf, runter gefahren ist und dann war dieser Style vom Surfen eben nicht mehr mit 30 Leuten auf einer Welle möglich.“ Sprecher Dass das Surfen so zunehmend Wettbewerbscharakter gewann – und dass es sich gleichzeitig immer mehr verbreitete: Dies hatte mit einer weiteren Neuerung zu tun: Dem Neopren-Anzug. Denn der machte längere Aufenthalte im Wasser auch in kälteren Regionen - wie etwa der französischen Atlantikküste - möglich. Befeuert durch Berichte in Zeitungen, Magazinen, Rundfunk und Fernsehen kam es in den 1960er-Jahren weltweit zu einem Surf-Boom. Atmo: Wellen Auch Arthur Pauli, einem Abiturienten aus dem Chiemgau in Oberbayern, fiel ein Artikel über das Surfen am französischen Atlantik in die Hände. Der junge Mann las ihn – und war sofort fasziniert: O-Ton 9 Pauli „Das war der da...„The Fabulous French Surf“. Und das war natürlich... uih, in Frankreich kann man surfen und Biarritz ist natürlich sozusagen die Hauptstadt des europäischen Surfens. Da musste ich unbedingt hin! Das war dann mein Grund, warum ich dann nach meinem Abitur mit dem Motorrad nach Biarritz gefahren bin.“ Sprecherin Doch: Wie dort surfen ohne eigenes Board? Arthur Pauli und sein ebenso surfbegeisterter Spezl schalteten eine Anzeige in einer Lokalzeitung im fernen Baskenland, um mit Surfern am Atlantik in Kontakt zu kommen. Gemeldet, erzählt Pauli, hat sich niemand. O-Ton 10 Arthur Pauli, Mit-Erfinder des Fluss-Surfens „Dann haben wir gesagt: Da gibt es bestimmt einen von den Surfern, der uns ein Brett leihen wird. Aber haben wir keine Resonanz bekommen, bis wir weggefahren sind nach Biarritz. Und auch in Biarritz selber hatten wir Pech gehabt, hat uns keiner ein Brett geliehen. Die waren alle in Betrieb. Immer wenn gute Wellen waren, waren die Bretter alle draußen. Und wenn keine guten Wellen waren, dann wollten wir auch nicht rausgehen. Der Traum, da viel zu surfen, war dann da ausgeträumt. „ Sprecherin Doch Arthur Pauli, der junge Surf-Pionier aus Trostberg, wusste sich selbst zu helfen. Der Traum, eine schöne Welle zu reiten – der musste sich doch auch fern der Ozeane verwirklichen lassen? Erste Erfahrungen damit hatte Pauli schon als Schüler gesammelt. Zuerst mit Holzbrettern, dann mit der Platte eines alten Campingtischs, die der Jugendliche mit einem Seil am Ufer der Alz befestigte. Sich darauf in die Fluten zu stürzen – das funktionierte aber nur leidlich. Arthur Pauli und seine Freunde verbrachten mit diesen Brettern mehr Zeit unter - als auf dem Wasser. Atmo Welle Surfin 0‘15 Der junge Mann beschloss daher, sein eigenes Surfbrett zu bauen. Als Vorlage hatte er nicht viel mehr als die Abbildung eines Wellenreiters auf einem Plattencover. Aber Pauli hatte schon Erfahrung im Modellbau, wusste bereits, wie man kleine Boote fertigt. Er sägte die Bestandteile des Bretts aus speziellem Sperrholz und überzog das Ganze mit Glasfaser-Polyester. Fertig war das erste im Chiemgau hergestellte Brett - möglicherweise das erste in Deutschland gefertigte Surfboard überhaupt. Mit der Übergabe eines seiner Boards an einen „Kunden“ in München im Jahr 1971 sollte auch die Geschichte des „River-Surfens“ in der Landeshauptstadt Fahrt aufnehmen. O-Ton 11 Pauli „Und da sind wir dann, das war dann südlich des Campingplatz Thalkirchen...da hat es auch eine kleine Welle gegeben, die war aber für uns das erste Mal noch nicht so interessant. Wir wollten das erste Mal mit dem Seil fahren, aber beim Fahren mit dem Seil mit dem Brett sind wir draufgekommen: Da ist ja eigentlich schon ein bisschen eine Welle, und vielleicht könnte man mal versuchen, so hinzufahren mit dem Seil, dass die Welle schiebt! Die war nämlich nicht sehr hoch die Welle, die hat schätzungsweise so 40 Zentimeter, 30 Zentimeter... Das ist uns nicht gelungen!“ Sprecherin Frei, ganz ohne Seil auf einer Welle zu stehen: An der heutigen Königsdiziplin der Fluss-Surfer scheiterten Pauli und seine Surf-Spezln damals – noch. O-Ton 12 Pauli „...aber mein Spezl, dem ich das Brett geliefert habe am Königsplatz, der hat mit einem amerikanischen GI, den wir da auch kennengelernt haben, der hat so lang probiert und so intensiv auf der Welle probiert, bis er es geschafft hat, auf dieser kleinen 30 Zentimeter hohen Welle wirklich ohne Seil zu reiten“ Atmo große Welle(n), darüber Sprecherin Während in München das Riversurfen florierte, die tollkühnen Wellenreiter – nunmehr auf dem Eisbach - nach und nach zur Touristenattraktion wurden, nahm weltweit eine andere Form des Surfens ihren Aufschwung: Musik: Wind beneath the wings 0‘45 Das Windsurfen. Es waren die US-Amerikaner Newman Darby und Jim Drake, die Ende der 1960er-Jahre die Idee, ein Surfbrett mit einem Segel zu verbinden, erstmals in die Tat umsetzten. Doch erst Neuerungen, die das Windsurfen bequemer machen, wie die Entwicklung des Trapezes, das die Hände entlastet, Fußschlaufen für höhere Standfestigkeit auf dem Brett, sowie insgesamt leichtere und agilere Bretter, die Sprünge ermöglichen, sorgten dafür, dass sich die Sportart weit verbreitete. Seinen weltweiten Durchbruch erlebte das Windsurfen Ende der 70-er, Anfang der 80er-Jahre. Sprecher Zu dieser Zeit wandert auch das Hamburger Ehepaar Köster nach Gran Canaria aus - und gründet dort eine Surfschule. Ihr Sohn Philipp wächst mit Wind und Wellen auf. O-Ton 13 Philip Köster, Windsurf-Profi auf Gran Canaria „Ich hatte eigentlich immer das Meer vor meiner Haustür. (...)Surfen ist mein Leben, sozusagen. Seit meinem achten Lebensjahr bin ich eigentlich nur am Windsurfen.“ Atmo: Wind/Meer Sprecher (Aussprache: Poso Iskierdo) Der hier stets wehende, oft starke Wind in Pozo Izquierdo im Südosten von Gran Canaria bietet professionellen Windsurfern wie Philip Köster beste Bedingungen. Musik: Sky in your eyes 0‘30 Manchen Surfer reizt der Speed: Profis erreichen bei starkem Wind Rekordgeschwindigkeiten von bis zu 120 Kilometer pro Stunde. Andere bevorzugen die Disziplin „Slalom“. Philip Köster reizt indes eher das Waveriding: Die Wellen – und was sich aus ihnen machen lässt. O-Ton 14 Köster „Man kann Ein-, Zwei-Meter-Wellen haben bei einem guten Tag. Nicht so wie in Hawaii, wo es dann bis acht Meter geht. Das Spezielle hier auf Gran Canaria in Pozo, ist eigentlich der ganz starke Wind, wo man richtig hoch springen kann. Desto stärker der Wind ist, desto höher kann ich auch springen, was mir auch sehr viel Spaß bringt. Und ich schaue immer, immer höher zu springen. (...) Also ich bin schon seit Jahren lang dran am Triple Loop, also dreifachem Vorwärtssalto.“ Atmo: Meeresstand Sprecher Schon 2009, als Jugendlichem, gelang Philip Köster mit 18 Metern der damals höchste Sprung der Windsurfgeschichte. Köster war der erste Deutsche, der in der Kategorie „Wellenreiten“ Windsurf-Weltmeister wurde. Vier weitere Titel sollten folgen. Der junge Surfprofi ist „mit allen Wassern“ gewaschen. Doch perfekt – das, sagt Köster, ist man im Surfsport nie. O-Ton 15 Köster Man kann nie der perfekte Surfer sein.(…) Die Bedingungen sind eigentlich immer anders (…) Wenn der Wind stärker wird, wird alles unberechenbarer. Man kann Sachen kontrollieren bis zu einem Limit. Wenn der Wind, wenn erst mal zehn, elf, zwölf Windstärken da sind, dann kontrolliert man einfach nichts mehr so richtig. Und an dem Limit zu bleiben und Sachen auszuprobieren, bringt mir Spaß. Ja, das gehört eigentlich dazu zum Windsurfen, sich immer weiterzuentwickeln darin.“ Sprecher Es ist der Reiz des Unkontrollierbaren, der Surferinnen und Surfer bis heute veranlasst, sich den Elementen auszuliefern, sich zum Spielball der Urgewalt des Meeres zu machen. Ungefährlich ist das nicht: Philip Köster verletzte sich bei einem Sturz schwer am Knie, riss sich Bänder, ein Knochen splitterte ab. Beim Surfen kann einiges passieren: Das Board kann einen Surfer am Kopf treffen, er kann bewusstlos werden, im schlimmsten Fall ertrinken. Weltweit verunglücken durchschnittlich jedes Jahr zehn Surfer tödlich. Um das Surfen sicherer und besser zu machen, hat der Mensch die Technik der Boards über die Jahrzehnte immer weiter verfeinert: Zunächst beim Wellenreiten, dann beim Windsurfen, schließlich aktuell beim Kiten – wobei sich der Surfer von einem Lenkdrachen ziehen lässt. Musik: Longing for freedom 0‘20 Sprecherin Freiheit erfahren, sich eins fühlen mit einer Natur, die dem Menschen gleichzeitig genau seinen Platz zuweist: Das macht für den Sportwissenschaftler, Surflehrer und Coach Timo Sternemann die Faszination des Surfens aus. O-Ton 16 Sternemann „Für mich ist das tatsächlich so, dass man sich irgendwie in dieses große System Natur so reinbegibt und ja irgendwo nach diesen Regeln spielen muss. Das sind ja eigentlich Regeln der Physik. Also ich muss irgendwelche Regeln erfüllen, damit ich in diesem System da überhaupt auf diese Welle kommen kann oder mit dem Kite wegfliegen kann. Aber innerhalb dieser Grenzen dieses Systems, da kann man sich dann frei entfalten. Und das finde ich geil. Und ich finde, da kann man auch so ein bisschen Parallelen aufs Leben, auf das Leben in einer Gesellschaft auch ziehen. So wir haben hier bestimmte Regeln, bestimmte Eckpfeiler. Aber innerhalb derer kann man sich dann doch frei entfalten und kreativ sein.“ MUSIK: Hyacinth House 0‘25 Sprecher Neo-Hippies, die mit ihrem VW-Bulli den Wellen nachreisen, auf dem Dach immer das Board, in der Hand den obligatorischen Joint: Die, sagt Timo Sternemann, gebe es immer noch. Und doch habe sich im Surfen etwas verschoben: Weg von einer Lebenseinstellung, einem Lebensgefühl hin zum Sportlichen, das den modernen Prinzipien der Optimierung und Selbstoptimierung folgt. O-Ton 17 Sternemann „Bestimmt ist es kompetitiver geworden, weil die Welt ist ja durchaus, wir leben in den Medien und Marketing und Wirtschaft, das lebt ja irgendwie von Competition, vom Wettbewerb. (…) Und die Gesellschaft macht die Menschen, die Menschen machen die Gesellschaft, also werden diese Menschen auch genau das in so einen Sport reinbringen. In diesem Sinne kann man bestimmt sagen, ja, es gibt mehr Contests, mehr öffentliches Interesse, das würde auch so eine kompetitive Ader des Surfens fördern. Es gibt auch noch einen anderen Aspekt von Competition, das ist im Prinzip auch so ein Neidfaktor an den Spots, da gibt es natürlich auch etwas Kompetitives, nämlich wem gehört die Welle? Ist es den besseren Surfer, dem Surfer, der da wohnt oder sind die für alle da? Also dieses Lokalismus, Localism ist da ein Thema, glaube ich, wo Leute sich irgendwie des Kämpfens verpflichtet fühlen.“ Musik: Smart workaround 0‘45 Sprecherin Denn über Social Media, über Instagram, Facebook oder Tik Tok ist jeder einmal entdeckte Surfspot einer globalen Community einfach in Sekundenschnelle zugänglich. Surfer wüssten heute durch Wind- und Wettervorhersagen oft schon im Vorhinein, welche Orte sich wann zum Wellenreiten lohnen – wo es sich lohnt, hinzufahren, und wo nicht. Doch: Geht dadurch nicht das Geheimnis von Versuch und Irrtum, die Faszination des Entdeckens neuer Strände, die Spontaneität beim Surfen verloren? Timo Sternemann hat daran Zweifel. Denn dank der digitalen Errungenschaften könne man heute eben auch ganz spontan einen Trip dorthin buchen, wo Wind und Wellen gerade am besten sind. Für Sabine Kind, Surferin und Professorin an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement hat ein weiterer Aspekt des Surfens jüngst an Bedeutung gewonnen: Fitness und Gesundheit. O-Ton 18 Kind „Atemübungen, Achtsamkeit, was kann ich meinem Körper zutrauen, was traue ich mir selber zu. (…) Es gibt ein paar wenige Studien, die zum Beispiel festgestellt haben, dass bei depressiven Verstimmungen, depressiven Erkrankungen Surfen helfen kann, das ganze zu verbessern. Eben aufgrund von Achtsamkeit, (...)man stärkt dadurch auch seine Selbstwirksamkeit, weil man ja immer seine Fähigkeiten intensiviert, immer mehr Fähigkeiten dazu gewinnt. Und eben auch durch diese Erfolgserlebnisse, die man dann irgendwann hat, wenn man dran bleibt, seine Selbstwirksamkeit stärkt.“ Musik: The flow of time 0‘45 Sprecherin In ihrer Doktorarbeit „Surfing - Happy and Healthy? Gesundheit im Habitus von Surfern“ zitiert Sabine Kind die brasilianische Big-Wave-Surferin Maya Gabeira, die nach einem lebensbedrohlichen Unfall in meterhohen Wellen gefragt wurde, warum sie trotzdem weitermache. Ihre Antwort: Der Flow. „Wenn Du in einer lebensbedrohlichen Situation in den Flow kommst“, erzählte die Profi-Surferin, „dann erreichst Du ein Level, das Du ohne diese Situation nie erreichen würdest.“ Es sei genau dieser Flow, der Surferinnen und Surfer trotz brenzliger oder auch einfach nur anstrengender Situationen immer wieder aufs Brett treibe, sagt Sabine Kind. O-Ton 19 Kind „Surfer sprechen ja auch oft oder überhaupt in diesen Sportarten, die ja häufig von diesem Flow-Gefühl beschrieben, dass es einen so trägt und dass es einen motiviert, weiterzumachen. Auch wenn vielleicht der Muskelkater von Tag vorher noch extrem vorhanden ist.“ Sprecher „Weitermachen, trotz aller Mühe!“ Das ist auch das Motto von Laura und Matze, die aus Hannover zum Surfen an den Stadtstrand von Las Palmas gekommen sind. Die Bedingungen: Sie waren heute nicht einfach, die Wellen ziemlich choppy, das heißt: Der Wind zerstreut die Wellen, macht sie ungleichmäßig – und so schwer zu reiten. Atmo Wellen Eine Erfahrung, von der sich passionierte Surfer wie Laura und Matze jedoch keineswegs entmutigen lassen. O-Ton 20 Laura „Heute schwierig, aber auch sehr interessant, die Wellen auch zu lesen. Ich habe begonnen – und ich werde, bis ich nicht mehr kann... surfen lernen und üben.“ Musik Ambient flow 0‘35 O-Ton 21 Matze „Ich hab das schon erwähnt mit dem Meditativen: Es ist wie Wandern, aber im Wasser. Und das Gefühl nach so ner Session: Das genieße ich auch immer sehr. Ich fühl mich wie...als wär ich in der Waschmaschine gewesen. Ich war auch in einigen Waschmaschinen: So nennt man das beim Surfen auch, wenn man unter Wasser ist. Von daher: Das Gefühl danach ist auch sehr, sehr schön.“
- Autonomie für Korsika? Lieder für die Freiheit
21.05.2025 · 24 Min.
Korsika: Traumschöne Insel im Mittelmeer, bewohnt von widerborstigen Korsen, die seit Jahrhunderten um ihre Freiheit kämpfen. "Korsika ist nicht Frankreich", "Freiheit für Korsika": Solche Graffiti finden sich überall auf der Insel. Welche Rolle spielen dabei die eigene korsische Identität und Sprache? Von Vanja Budde (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Vanja Budde Regie: Ron Schickler Es sprachen: Laura Maire, Florian Schwarz, Ron Schickler Technik: Regine Elbers Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Ghjuvanfrancescu Mattei, Musiker; Alain Di Meglio, Vize-Direktor Universität Corté; Matthias Waechter, Historiker, Leiter des Institut Européen des Hautes Etudes Internationales, Nizza Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Katalonien - Spanische Region mit eigener Geschichte JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Matthias Wächter, Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert. Verlag C.H. Beck, München 2019. Matthias Wächter, Geschichte Frankreichs. Verlag C.H. Beck, München 2023. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo 1 , Konzert, L’Alba, polyphoner Gesang auf Korsisch, a capella, steht 0’38 frei, bis sie das erste Mal Luft holen, dann leise weiter unter Sprecherin Algajola, ein kleiner Ort an der zerklüfteten Westküste Korsikas. In der Dorf-Kirche verbinden drei Männer ihre Stimmen zum Paghjella-Gesang: Sie sind die Wurzeln der korsischen Musik, diese klagend-dramatischen mehrstimmigen Melodien. Wenn man sie hört, sieht man Korsikas schroffe Berge vor sich, die mehr als 50 Gipfel über 2.000 Meter Höhe, die eiskalten, klaren Flüsse, die zu Tal stürzen, die stachelige Macchia, die das harte Leben der Schäfer im Inneren der Ile de Beauté Jahrhunderte lang bestimme: der heute bei Touristen beliebten „Insel der Schönheit“. Atmo Gesang, kommt kurz hoch, dann weiter unter Denn Korsika ist schön, aber auch wild. Ein „Gebirge im Meer“, umkämpft seit Jahrtausenden, stets beherrscht von fremden Mächten, gegen die sich die Korsen immer gewehrt haben. All das klingt mit in diesem traditionellen, polyphonen Gesang. Die UNESCO hat ihn darum 2009 zum immateriellen Erbe der Menschheit erklärt. Atmo 1 Gesang, kommt kurz hoch, endet Applaus, steht kurz frei, dann Kreuzblende zu Leadsänger Ghjuvanfrancescu Mattei begrüßt das Publikum, kurz auf Korsisch, dann auf Französisch, steht kurz frei, dann leise weiter unter Sprecherin Einer der drei Sänger ist Ghjuvanfrancescu Mattei. Seine Gruppe L’Alba lade sie dazu ein, mit in die korsische Seele einzutauchen, erklärt er den Touristen, die an diesem Abend zu annähernd 100 Prozent das Publikum stellen. Darum sängen sie ausschließlich in ihrer eigenen Sprache: Korsisch. Das klingt überhaupt nicht wie Französisch, sondern hat eher Ähnlichkeiten mit Italienisch. Weshalb es auch im Norden der Nachbarinsel Sardinien von vielen verstanden wird. Atmo 2, Lied (Gesang beginnt bei 0’56, davor die Instrumente, Harmonium, Gitarren, Violine, Klarinette, Flöte) bitte mit langer Kreuzblende sanft einblenden und dann so hochkommen lassen, dass man zunächst die Instrumente noch hört), steht frei, dann leise weiter unter Sprecherin Korsika ist nach Sizilien, Sardinien und Zypern die viertgrößte Insel im Mittelmeer; mit knapp 350.000 Einwohnern, in etwa so viele wie Island hat. Früher wurde in den Dörfern im Inselinneren viel gesungen, bei Festen, aber auch abends in den Familien. Doch immer mehr junge Leute wandern in die Städte ab, nach Bastia an der Ostküste mit ihren langen Sandstränden oder in die Insel-Hauptstadt Ajaccio im Südwesten. Zurück bleiben die Alten, gesungen wird immer seltener. Gruppen wie I Muvrini, A Filetta oder eben L’Alba sind darum die Hüter nicht nur von Geschichte und Tradition, sondern sie bewahren und fördern auch die korsische Identität. Sagt Ghjuvanfrancescu Mattei: O-Ton 1 Ghjuvanfrancescu Mattei, Französisch, OV OV MÄNNLICH „Unsere Insel hat in der Vergangenheit gelitten. Und sie hat sich an jedes Leiden angepasst. Deshalb findet man auch in der Musik, im künstlerischen Ausdruck, eine Form von Melancholie, eine Form von Schmerz. Denn die korsische Bevölkerung wurde in all den Jahren der Fremdherrschaft mundtot gemacht. Das erzählen wir auch in unseren Liedern: Dass wir Korsen schweigen mussten. Immer wieder unsere Staatsangehörigkeit ändern mussten. Sicherlich spürt man das in unserer Musik: Korsikas melancholische Leuchtkraft.“ Kreuzblende zu Atmo 3, Wellenrauschen, unter Sprecherin Sie ist lang, die Liste der fremden Herrscher über diese gebirgige Insel, die zwischen dem italienischen Festland und Sardinien liegt: Byzantiner, Langobarden, Sarazenen und Franken setzten sich an den Küsten fest. Die Markgrafen der Toskana meldeten ebenso Ansprüche an, wie die Seerepubliken Pisa und Genua. Die meisten Korsen zogen sich ins unzugängliche Inselinnere zurück. Kreuzblende zu Atmo 4, instr. Lied, steht kurz frei, dann unter Dabei war die Insel schon in prähistorischer Zeit bewohnt. Und schon immer begehrt. Ligurer und Etrusker vom nahen italienischen Festland siedelten sich an, aber auch Griechen und Araber hinterließen genetisch ihre Spuren. Unter der Herrschaft Genuas im Mittelalter kamen viele italienische Siedler, die ihre Sprache und Kultur mitbrachten. Es wird daher angenommen, dass die moderne korsische Bevölkerung eine Mischung all dieser ethnischen und linguistischen Gruppen ist. So blieb Korsika, das nie eine brave Kolonie oder Provinz war, immer eine Welt für sich. Kreuzblende zu Atmo 4, instr. Lied, steht kurz frei, dann unter 1729 hatten die Korsen genug: In mehreren, Jahre langen Aufständen lehnten sie sich gegen die Zwangsverwaltung und das Feudalsystem der Genuesen auf. 1755 riefen sie ihre staatliche Unabhängigkeit aus. Unter Führung des Widerstandskämpfers Pascal Paoli, der bis heute als „Babbu di a Patria“ verehrt wird, als „Vater des Vaterlandes“, gaben sich die Korsen eine demokratische Verfassung. Übrigens war es die erste Verfassung im Zeitalter der Aufklärung, lange vor den Verfassungen der Vereinigten Staaten im Jahr 1776 und Frankreichs 1791. Inklusive Gewaltenteilung und Volkssouveränität und des europaweit ersten Frauenwahlrechts immerhin für alleinstehende Frauen und Witwen. Sprecherin Einer der engsten Mitarbeiter Paolis dabei war Carlo Buonaparte: Napoleons Vater. Atmo 4, Lied, instr., kommt kurz hoch, dann weiter unter Sprecherin Die Genuesen mochten sich mit der kämpferischen Inselbevölkerung nicht länger herumärgern und verkauften ihre Ansprüche an Frankreich. Schon nach 14 Jahren war es dann vorbei mit der Freiheit: 1769 besiegte Frankreich die korsischen Truppen in der Schlacht bei Ponte Novu. (Lied ab hier ganz sanft weg blenden, Kreuzblende zu Atmo 5 Corté, Straßenverkehr ect., drunter) MUSIK DEWF82104492 Neutral Assistance (Reduced 3) 01:08min Sprecherin Seither ist Korsika französisches Staatsgebiet. Sieht man von einer kurzen Periode während der Französischen Revolution ab, als die Insel unter englische Oberhoheit geriet. Pascal Paoli ging ins Exil nach England, 1807 starb er in London. Der junge Napoleon schrieb später in seinen unveröffentlichten „Lettres sur la Corse“: „Die Geschichte Korsikas ist ein ständiger Kampf zwischen einem kleinen Volk, das frei sein will, und seinen Nachbarn, die es unterjochen wollen.“ Sprecherin Obwohl der korsische Kampf um Unabhängigkeit nur so kurze Zeit Erfolg hatte, beeinflusste er nicht nur viele Intellektuelle und Staatsmänner jener Zeit, unter ihnen Jean-Jacques Rousseau, der mit Paoli befreundet war, und die Gründungsväter der Vereinigten Staaten. Sondern die Erinnerung an diese 14 goldenen Jahre der Freiheit ist auch heute noch lebendig. Vor allem in der damaligen Hauptstadt des unabhängigen Korsikas: Corté, in den Bergen im Inselinneren gelegen. Heute hat die lebendige Kleinstadt am Zusammenfluss von Restonica und Tavignano 7.500 Einwohner. Die Hälfte davon sind Studenten der einzigen Universität Korsikas. (ab hier Atmo Straßenverkehr sanft weg blenden, Kreuzblende zu Atmo 6, Treppensteigen in der Uni, steht kurz frei, dann unter Text schnell weg blenden und trocken weiter) Die nach Pascale Paoli benannte Universität ist ein wichtiges Symbol des Strebens nach Autonomie, erklärt ihr Vize-Direktor Alain Di Meglio in seinem lichten Büro im oberen Stockwerk des modernen Baus. O-Ton 2 Alain Di Meglio, Französisch (kein OV, da kurz und unten erklärt) „Pascal Paoli, der Gründer des unabhängigen Korsikas, hatte hier eine Universität ins Leben gerufen, die vier Jahre lang bestand, von 1765 bis 1769.“ Sprecherin Denn Pascale Paoli hat hier in Corté nicht nur das unabhängige Korsika gegründet, sondern 1765 auch eine Universität, die bis zur Machtübernahme Frankreichs 1769 bestand. O-Ton 3 Alain Di Meglio, Französisch/OV OV ALAIN „Korsikas Universität war 212 Jahre lang geschlossen und wurde 1981 wiedereröffnet. Und zwar unter Druck, auf Grund von Forderungen. Zu dem Zeitpunkt, als die Universität wiedereröffnet wurde, saßen 120 politische Gefangene in den französischen Gefängnissen. François Mitterrand hat sich dann des Problems angenommen, Wahlen zum ersten Korsischen Regionalparlament zugelassen und die Universität wiedereröffnet. Das war erst möglich, nachdem die Sozialistische Partei unter François Mitterrand an die Regierung gekommen war. Von diesem Zeitpunkt an hat die Universität das Studium der korsischen Sprache wiederaufgenommen und korsischsprachige Lehrer für das Bildungssystem ausgebildet.“ Sprecherin Neben Französisch ist an der Universität Korsisch obligatorisches Nebenfach in sämtlichen Fächern. O-Ton 4 Alain Di Meglio, Französisch/OV OV ALAIN „Das ist sehr, sehr wichtig, weil die Sprache ein Identitätskriterium ist. Aber sie ist keine geschlossene Identität, keine ethnische Identität, sondern eine offene Identität, eine kulturelle Identität.“ MUSIK Voce Ventu – Rughju Di Vita (Label: Voce Ventu – 001) 00:25min Sprecherin Weil sie über die Sprache transportiert werde und nicht über Abstammung, erklärt Di Meglio. Die Sprachforscher der Uni haben die Jahrhunderte lang nur mündlich überlieferte Grammatik des Korsischen verschriftlicht und eine verbindliche Rechtschreibung festgelegt. Die Wissenschaftler zogen kreuz und quer über die Insel, zeichneten die verschiedenen Dialekte auf und brachten ein Wörterverzeichnis des Korsischen heraus. O-Ton 5 Alain Di Meglio, Französisch (kein OV da kurz und unten erklärt) „Die Wiedergeburt der korsischen Sprache ist nicht der Universität allein zu verdanken, sie hat aber einen großen Beitrag dazu geleistet.“ Sprecherin So habe die Uni einen wichtigen Beitrag für die Wiedergeburt der Sprache geleistet, sagt Di Meglio. Das war auch dringend nötig, denn unter französischer Herrschaft wurde das Korsische gezielt unterdrückt, wie Matthias Waechter erklärt. Der deutsche Historiker und Frankreich-Experte leitet das Institut Européen des Hautes Etudes Internationales in Nizza. Er hat umfassende Werke über die Geschichte Frankreichs verfasst. O-Ton 6 Matthias Waechter „1870 bis 1940: Das war die Phase, in der sich dieses republikanische Staats- und Nationsmodell in Frankreich durchgesetzt hat. Und es musste sich gegen starke Widerstände durchsetzen. Und in diesem Zusammenhang hat man sich gedacht, um eine einheitliche Republik zu gründen, müssen wir auch alle eine einheitliche Sprache sprechen. Die Regionalsprachen, die ja in Frankreich extrem verbreitet waren, noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert, wurden vom Zentralstaat brutal unterdrückt. Insofern hat Frankreich große Schwierigkeiten, damit zurechtzukommen, dass es ein Volk gibt in Korsika, das seine Kultur autonom leben möchte.“ Sprecherin An öffentlichen Orten wie zum Beispiel den Schulen Korsisch zu sprechen, war verboten. Doch die Unterdrückung ging noch weiter, richtete sich auch gegen die musikalische Tradition, erklärt Matthias Waechter: O-Ton 7 Matthias Waechter „Der Harmoniegesang, der in Korsika gepflegt wurde, galt ja auch als ein Ausdruck korsischen Widerstands. Diese gesamten Ausdrucksformen einer Eigenständigkeit wurden als Widerständigkeit gegenüber der Französischen Republik angesehen.“ O-Ton 8 Matthias Waechter „Man fürchtete, dass die Menschen, die in diesen Grenzregionen oder auf einer Insel wie Korsika lebten, zum Separatismus neigen würden, wenn man ihnen zu viel Eigenständigkeit lassen würde.“ Sprecherin In der französischen Nationalversammlung ging die Angst um, dass dann etwa auch die Bretagne, das Baskenland oder das Elsass ähnliche Ansprüche wie die störrischen Korsen erheben könnten. MUSIK QZ2641950295 Enigmatic Machine 00:57min Im Falle Korsikas nicht ganz zu Unrecht: Nicht nur die restriktive Sprachenpolitik trieb die Korsen auf die Barrikaden. Nachdem Algerien 1962 in einem grausamen Krieg seine Unabhängigkeit errungen hatte, siedelten tausende Algerienfranzosen, die so genannten „Pieds noirs“ nach Korsika über. Viele Korsen fürchteten, eines Tages zur Minderheit auf ihrer eigenen Insel zu werden. Denn gleichzeitig wanderten zehntausende Korsen auf der Suche nach Arbeit von der wirtschaftlich rückständigen Insel ins Ausland ab. Wegen dieser massiven Landflucht verlor Korsika ein Drittel seiner Bevölkerung. In Sorge um die eigene Identität radikalisierte sich der korsische Nationalismus, Korsika wurde mit einer französischen Kolonie verglichen. MUSIK QZ2641950335 Into The Construct 01:08min In den frühen 1970er Jahren gründeten sich mehrere Parteien als politischer Arm der Nationalbewegung. Nachdem Frankreich Forderungen nach offizieller Zweisprachigkeit, Autonomie oder gar Unabhängigkeit strikt ablehnte, gingen einige Nationalisten in den Untergrund. Der 1976 gegründete Frontu di Liberazione Naziunalista Corsu, kurz FLNC, versuchte die Unabhängigkeit mit Bombenattentaten und Morden zu erzwingen. Mehrere bewaffnete Gruppen bekämpften sich auch gegenseitig. 1998 eskalierte die Gewalt: Ein nationalistisches Mordkommando erschoss den französischen Präfekten der Insel, Claude Erignac, aus nächster Nähe, auf offener Straße, mitten in der Hauptstadt Ajaccio. Die französische Öffentlichkeit war schockiert. O-Ton 10 Matthias Waechter „Und insofern wurde dieses Autonomiebestrebungen oder Unabhängigkeitsbestreben der Korsen auch oft als eine Bedrohung wahrgenommen.“ Kreuzblende zu Atmo 8, in den Straßen von Corté, Verkehr usw., steht kurz frei, dann weiter unter Sprecherin Über diese blutigen Zeiten spricht man auf der Insel heute nicht gern. Die Täter von damals und ihre Hintermänner wurden gefasst und zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Die militanten Gruppen haben die Waffen niedergelegt. In den Supermärkten kauft man Baguette und auf den Dorfplätzen spielen die Korsen Boule. Haben sie ihren Frieden mit Frankreich gemacht? Nicht wirklich: Fährt man auf der sich durch die Berge schlängelnden Straße D18 nach Corte, durchquert man kurz vor der Universitätsstadt einen Straßentunnel. Dessen Wände sind über und über mit Spraydosen beschrieben: „Korsika ist nicht Frankreich“, liest man da auf Französisch. „Freiheit für Korsika“, „Franzosen raus aus Korsika“ und so weiter. Atmo 8, in den Straßen von Corté, Verkehr usw., kommt kurz hoch, dann weiter unter MUSIK DEBE91905251 Oriental Strings_STEM Drone 01:10 min Sprecherin Auf der ganzen Insel weht der Mohrenkopf mit Stirnband auf Bannern und Fahnen und klebt als Aufkleber auf Autos: Das Emblem des Freiheitskampfes. Und in den Altstadt-Gassen von Corte ist das Konterfei eines Mannes allgegenwärtig: Es ist das Porträt von Yvan Colonna. Der korsische Nationalist war wegen Beteiligung an dem Präfekten-Mord zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Er hatte dabei stets seine Unschuld beteuert. Im März 2022 wurde Yvan Colonna im Gefängnis im südfranzösischen Arles von einem Mithäftling angegriffen und schwer verletzt. Daraufhin kam es auf Korsika zu Protesten und Ausschreitungen. Dutzende Polizisten wurden verletzt. Yvan Colonna starb drei Wochen später im Alter von 61 Jahren im Krankenhaus. Zu seiner Beerdigung in seinem Heimatdorf in den korsischen Bergen ordnete der Regionalpräsident der Insel Trauerbeflaggung an. MUSIK 4138308 01/001 A Serva - 00:30min Anfang der 2020er-Jahre stand damit Korsikas Verlangen nach Autonomie wieder auf der Tagesordnung. Auf Korsika machte man sich Hoffnungen auf neue Verhandlungen und Fortschritte. Doch dann griff der russische Präsident Vladimir Putin die Ukraine an. Die folgende Energiekrise und eine hohe Inflation hielten ganz Europa in Atem, so auch Frankreich. Das Thema Korsika rückte wieder auf die hinteren Ränge. Sprecherin Dabei seien die Forderungen im Vergleich zu den achtziger und neunziger Jahren mittlerweile gemäßigt, betont Alain Di Meglio, der Vize-Direktor der Universität in Corté: Nur noch zehn Prozent der Korsen verlangten die Unabhängigkeit ihrer Insel von Frankreich. Doch für die Autonomie seien 90 Prozent. Er eingeschlossen. O-Ton 11 Alain Di Meglio, Französisch/OV OV ALAIN „Ich bin Autonomist. Ja, ja, ja, ja, ja, ja, ich bin Autonomist, da ich ein Aktivist der korsischen Sprache bin! Ich fordere das Korsische als offizielle Sprache neben Französisch. Und ich bin für ein System, das mehr Vertrauen in Korsika setzt, das Korsika mehr Macht gibt, aber ohne die Armee oder die Polizei zu fordern oder sich aus dem System der Solidarität mit Europa und Frankreich zu lösen. Die deutschen Bundesländer: Die sind ein Modell für uns. Deutschland ist viel besser dezentralisiert als Frankreich.“ Sprecherin Die Verfechter korsischer Freiheit haben ihre Ansichten auch deshalb abgemildert, weil sie den Gang in die Politik und durch die Institutionen angetreten haben: Autonomisten und Separatisten taten sich zusammen und errangen 2015 die Mehrheit im korsischen Regionalparlament. Doch Korsika müsse sich auch Europa und der Welt öffnen, fordert Di Meglio. Ebenso wie Frankreich, das zu sehr auf seinen einheitlichen Zentralstaat fixiert sei und Befugnisse nur zögerlich abgebe. O-Ton 12 Alain Di Meglio, Französisch/OV OV ALAIN „Und ich glaube auf jeden Fall, dass das Prinzip der Autonomie heute ein notwendiges Prinzip ist, sogar weltweit: Wir werden aufgefordert, kurze Transportwege zu fördern, vor Ort zu konsumieren, um die CO2-Kosten des Großhandels zu vermeiden. Man verlangt von uns, die Verpackungen zu reduzieren, man verlangt von uns mehr Ökologie, man verlangt von uns, Energie zu sparen. All das, was in Europa und der Welt im Trend liegt, ist ein Prinzip, das in Richtung Autonomie geht.“ MUSIK Diana Di L'Alba: A Ghitarra (DIA0293/1) 00:40min Sprecherin Auf dem Weg zu mehr Eigenständigkeit sei die korsische Sprache ein wichtiger Trittstein, betont Di Meglio. O-Ton 13 Alain Di Meglio, Französisch/kein OV, da kurz und oben erklärt „Die Sprache ist das wichtigste Kriterium für das Bedürfnis der Korsen nach Identität.“ Sprecherin Doch obwohl sie heute im öffentlichen Leben, auch in der Literatur, anerkannt sei, gebe es da eine große Gefahr: Nur noch zehn bis 15 Prozent der Jugendlichen sprächen aktiv Korsisch und nur noch etwa die Hälfte verstehe die Regionalsprache. Denn in den Familien wird Korsisch zum ersten Mal seit Jahrhunderten nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben. O-Ton 14 Alain Di Meglio, Französisch/OV OV ALAIN „In den vergangenen 40 Jahren hat sich eine Art Paradoxon entwickelt: Die korsische Sprache ist sichtbarer und präsenter in der Politik und in den Medien. In der Bevölkerung geht sie jedoch zurück. Sie wird im Alltag weniger gesprochen.“ Kreuzblende zu Atmo 9, Konzert von L’Alba, Lied sanft einblenden unter Sprecherin Die UNESCO stuft Korsisch darum als bedrohte Sprache ein. Diese Entwicklung müsse gestoppt werden, fordert Alain Di Meglio. Doch er ist guter Hoffnung: Auch wenn es immer weniger gesprochen wird, werde Korsisch immer häufiger an den Schulen gelehrt. Und dann sei da ja auch noch die Musik: Atmo 9, Konzert von L’Alba, Lied kommt kurz hoch, dann leise weiter unter Sprecherin Viele korsische Lieder sind in der Zeit der Unterdrückung verloren gegangen, doch erstaunlich viele haben auch überlebt. Dank der Überlieferung in den Familien, wie Ghjuvanfrancescu Mattei von L’Alba erzählt (Lied kann drunter bleiben, denn da singt ein anderes Bandmitglied): Alle Mitglieder der Gruppe hätten von einer mündlichen Weitergabe profitiert. O-Ton 16 Ghjuvanfrancescu Mattei, Französisch, kein OV, da kurz und unten erklärt „Tous les membres de L’Alba ont bénéficié d'une d'une transmission orale en fait. Et ça fait finalement depuis toujours que l'on fait de la musique, que l'on chante.“ Sprecherin Fragt man ihn, ob er sich als Korse fühle oder als Franzose, antwortet der Musiker überraschend weltoffen: O-Ton 17 Ghjuvanfrancescu Mattei, Französisch/OV OV MÄNNLICH „Ich fühle mich sehr wohl und gut verstanden in der korsischen Sprache, natürlich. Aber ich fühle mich auch sehr gut mit Französisch. Und ich empfinde mich in gewisser Weise auch ein bisschen deutsch, und auch spanisch und auch italienisch. Ich fühle mich jedenfalls sehr wohl in meiner Rolle als Mittelmeeranrainer und das gilt auch für die anderen Musiker der Gruppe.“ Sprecherin Mattei erklärt: Sie stünden mit einem Bein auf jedem Ufer des Mittelmeeres. Zwar bewahren sie die Tradition der korsischen Musik und hüten damit eine uralte kulturelle Tradition. Doch sie wollen sie auch kreativ weiterentwickeln. Darum habe L’Alba sich auch anderen mediterranen Einflüssen geöffnet, sagt Ghjuvanfrancescu Mattei: Griechischen, nordafrikanischen, italienischen Musiktraditionen. O-Ton 18 Ghjuvanfrancescu Mattei, Mix aus Korsisch und Französisch/OV OV MÄNNLICH „Wir versuchen eigentlich mit der korsischen Sprache, der korsischen Musik, eine neue Musik zu machen, die ihre Wurzeln aber nicht verleugnet. Wir versuchen, ein Bindeglied zu schaffen, zwischen allen Ufern des Mittelmeers. Aber natürlich ist der Ausgangspunkt immer noch die Art und Weise zu singen, die für Korsika spezifisch ist. Atmo 10, Konzert, Lied kommt hoch, endet, Applaus, sanft weg blenden
- Insektenvielfalt auf der Wiese - Eine Welt für sich
20.05.2025 · 23 Min.
Wiesen sind voller Geheimnisse, vor allem was ihre kleinsten Bewohner angeht: Die Insekten. Sie sind die wahren Regenten dieses Mikrokosmos und verbringen ihr oft nur kurzes Leben auf sehr vielfältige Weise. Von Christiane Seiler (BR 2019) Autorin dieser Folge: Christiane Seiler Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Axel Wostry, Rahel Comtesse Technik: Christiane Schmidbauer-Huber Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Eine besondere Empfehlung der Redaktion: WirTier Erik wird gerufen, um sie zu töten. Doch dann passiert dieser eine Moment, in dem der Schädlingsbekämpfer zum ersten Mal spürt, dass Wespen soziale Wesen sind. Bei WirTier erzählt Erik von seiner lebensverändernden Begegnung und stellt Host Vici vor eine Herausforderung, bei der es für die Wespen um alles geht. JETZT ENTDECKEN Die Zahl der Insekten in Deutschland ist regelrecht eingebrochen. Auf BR Wissen finden Sie informative Beiträge zum Thema Insektensterben: BR WISSEN | DRASTISCHER INSEKTENSCHWUND IN DEUTSCHLAND Unsere Empfehlung für Naturinteressierte: Wilde Winkel. Bayerns Natur-Podcast „Wilde Winkel“ nimmt Dich mit auf Entdeckungstour in Bayerns wertvollste Natur. Jeden Monat geht’s in einen anderen wilden Winkel Bayerns zwischen den Alpen und der Rhön, dem Nördlinger Ries und dem Fichtelgebirge. EXTERNER LINK | SPOTIFY.COM | WILDE WINKEL.