Insektenvielfalt auf der Wiese - Eine Welt für sich
20.05.2025 · 23 Min.
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Wiesen sind voller Geheimnisse, vor allem was ihre kleinsten Bewohner angeht: Die Insekten. Sie sind die wahren Regenten dieses Mikrokosmos und verbringen ihr oft nur kurzes Leben auf sehr vielfältige Weise. Von Christiane Seiler (BR 2019)
Autorin dieser Folge: Christiane Seiler
Regie: Susi Weichselbaumer
Es sprachen: Axel Wostry, Rahel Comtesse
Technik: Christiane Schmidbauer-Huber
Redaktion: Bernhard Kastner
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
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- Autonomie für Korsika? Lieder für die Freiheit
21.05.2025 · 24 Min.
Korsika: Traumschöne Insel im Mittelmeer, bewohnt von widerborstigen Korsen, die seit Jahrhunderten um ihre Freiheit kämpfen. "Korsika ist nicht Frankreich", "Freiheit für Korsika": Solche Graffiti finden sich überall auf der Insel. Welche Rolle spielen dabei die eigene korsische Identität und Sprache? Von Vanja Budde (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Vanja Budde Regie: Ron Schickler Es sprachen: Laura Maire, Florian Schwarz, Ron Schickler Technik: Regine Elbers Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Ghjuvanfrancescu Mattei, Musiker; Alain Di Meglio, Vize-Direktor Universität Corté; Matthias Waechter, Historiker, Leiter des Institut Européen des Hautes Etudes Internationales, Nizza Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Katalonien - Spanische Region mit eigener Geschichte JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Matthias Wächter, Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert. Verlag C.H. Beck, München 2019. Matthias Wächter, Geschichte Frankreichs. Verlag C.H. Beck, München 2023. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo 1 , Konzert, L’Alba, polyphoner Gesang auf Korsisch, a capella, steht 0’38 frei, bis sie das erste Mal Luft holen, dann leise weiter unter Sprecherin Algajola, ein kleiner Ort an der zerklüfteten Westküste Korsikas. In der Dorf-Kirche verbinden drei Männer ihre Stimmen zum Paghjella-Gesang: Sie sind die Wurzeln der korsischen Musik, diese klagend-dramatischen mehrstimmigen Melodien. Wenn man sie hört, sieht man Korsikas schroffe Berge vor sich, die mehr als 50 Gipfel über 2.000 Meter Höhe, die eiskalten, klaren Flüsse, die zu Tal stürzen, die stachelige Macchia, die das harte Leben der Schäfer im Inneren der Ile de Beauté Jahrhunderte lang bestimme: der heute bei Touristen beliebten „Insel der Schönheit“. Atmo Gesang, kommt kurz hoch, dann weiter unter Denn Korsika ist schön, aber auch wild. Ein „Gebirge im Meer“, umkämpft seit Jahrtausenden, stets beherrscht von fremden Mächten, gegen die sich die Korsen immer gewehrt haben. All das klingt mit in diesem traditionellen, polyphonen Gesang. Die UNESCO hat ihn darum 2009 zum immateriellen Erbe der Menschheit erklärt. Atmo 1 Gesang, kommt kurz hoch, endet Applaus, steht kurz frei, dann Kreuzblende zu Leadsänger Ghjuvanfrancescu Mattei begrüßt das Publikum, kurz auf Korsisch, dann auf Französisch, steht kurz frei, dann leise weiter unter Sprecherin Einer der drei Sänger ist Ghjuvanfrancescu Mattei. Seine Gruppe L’Alba lade sie dazu ein, mit in die korsische Seele einzutauchen, erklärt er den Touristen, die an diesem Abend zu annähernd 100 Prozent das Publikum stellen. Darum sängen sie ausschließlich in ihrer eigenen Sprache: Korsisch. Das klingt überhaupt nicht wie Französisch, sondern hat eher Ähnlichkeiten mit Italienisch. Weshalb es auch im Norden der Nachbarinsel Sardinien von vielen verstanden wird. Atmo 2, Lied (Gesang beginnt bei 0’56, davor die Instrumente, Harmonium, Gitarren, Violine, Klarinette, Flöte) bitte mit langer Kreuzblende sanft einblenden und dann so hochkommen lassen, dass man zunächst die Instrumente noch hört), steht frei, dann leise weiter unter Sprecherin Korsika ist nach Sizilien, Sardinien und Zypern die viertgrößte Insel im Mittelmeer; mit knapp 350.000 Einwohnern, in etwa so viele wie Island hat. Früher wurde in den Dörfern im Inselinneren viel gesungen, bei Festen, aber auch abends in den Familien. Doch immer mehr junge Leute wandern in die Städte ab, nach Bastia an der Ostküste mit ihren langen Sandstränden oder in die Insel-Hauptstadt Ajaccio im Südwesten. Zurück bleiben die Alten, gesungen wird immer seltener. Gruppen wie I Muvrini, A Filetta oder eben L’Alba sind darum die Hüter nicht nur von Geschichte und Tradition, sondern sie bewahren und fördern auch die korsische Identität. Sagt Ghjuvanfrancescu Mattei: O-Ton 1 Ghjuvanfrancescu Mattei, Französisch, OV OV MÄNNLICH „Unsere Insel hat in der Vergangenheit gelitten. Und sie hat sich an jedes Leiden angepasst. Deshalb findet man auch in der Musik, im künstlerischen Ausdruck, eine Form von Melancholie, eine Form von Schmerz. Denn die korsische Bevölkerung wurde in all den Jahren der Fremdherrschaft mundtot gemacht. Das erzählen wir auch in unseren Liedern: Dass wir Korsen schweigen mussten. Immer wieder unsere Staatsangehörigkeit ändern mussten. Sicherlich spürt man das in unserer Musik: Korsikas melancholische Leuchtkraft.“ Kreuzblende zu Atmo 3, Wellenrauschen, unter Sprecherin Sie ist lang, die Liste der fremden Herrscher über diese gebirgige Insel, die zwischen dem italienischen Festland und Sardinien liegt: Byzantiner, Langobarden, Sarazenen und Franken setzten sich an den Küsten fest. Die Markgrafen der Toskana meldeten ebenso Ansprüche an, wie die Seerepubliken Pisa und Genua. Die meisten Korsen zogen sich ins unzugängliche Inselinnere zurück. Kreuzblende zu Atmo 4, instr. Lied, steht kurz frei, dann unter Dabei war die Insel schon in prähistorischer Zeit bewohnt. Und schon immer begehrt. Ligurer und Etrusker vom nahen italienischen Festland siedelten sich an, aber auch Griechen und Araber hinterließen genetisch ihre Spuren. Unter der Herrschaft Genuas im Mittelalter kamen viele italienische Siedler, die ihre Sprache und Kultur mitbrachten. Es wird daher angenommen, dass die moderne korsische Bevölkerung eine Mischung all dieser ethnischen und linguistischen Gruppen ist. So blieb Korsika, das nie eine brave Kolonie oder Provinz war, immer eine Welt für sich. Kreuzblende zu Atmo 4, instr. Lied, steht kurz frei, dann unter 1729 hatten die Korsen genug: In mehreren, Jahre langen Aufständen lehnten sie sich gegen die Zwangsverwaltung und das Feudalsystem der Genuesen auf. 1755 riefen sie ihre staatliche Unabhängigkeit aus. Unter Führung des Widerstandskämpfers Pascal Paoli, der bis heute als „Babbu di a Patria“ verehrt wird, als „Vater des Vaterlandes“, gaben sich die Korsen eine demokratische Verfassung. Übrigens war es die erste Verfassung im Zeitalter der Aufklärung, lange vor den Verfassungen der Vereinigten Staaten im Jahr 1776 und Frankreichs 1791. Inklusive Gewaltenteilung und Volkssouveränität und des europaweit ersten Frauenwahlrechts immerhin für alleinstehende Frauen und Witwen. Sprecherin Einer der engsten Mitarbeiter Paolis dabei war Carlo Buonaparte: Napoleons Vater. Atmo 4, Lied, instr., kommt kurz hoch, dann weiter unter Sprecherin Die Genuesen mochten sich mit der kämpferischen Inselbevölkerung nicht länger herumärgern und verkauften ihre Ansprüche an Frankreich. Schon nach 14 Jahren war es dann vorbei mit der Freiheit: 1769 besiegte Frankreich die korsischen Truppen in der Schlacht bei Ponte Novu. (Lied ab hier ganz sanft weg blenden, Kreuzblende zu Atmo 5 Corté, Straßenverkehr ect., drunter) MUSIK DEWF82104492 Neutral Assistance (Reduced 3) 01:08min Sprecherin Seither ist Korsika französisches Staatsgebiet. Sieht man von einer kurzen Periode während der Französischen Revolution ab, als die Insel unter englische Oberhoheit geriet. Pascal Paoli ging ins Exil nach England, 1807 starb er in London. Der junge Napoleon schrieb später in seinen unveröffentlichten „Lettres sur la Corse“: „Die Geschichte Korsikas ist ein ständiger Kampf zwischen einem kleinen Volk, das frei sein will, und seinen Nachbarn, die es unterjochen wollen.“ Sprecherin Obwohl der korsische Kampf um Unabhängigkeit nur so kurze Zeit Erfolg hatte, beeinflusste er nicht nur viele Intellektuelle und Staatsmänner jener Zeit, unter ihnen Jean-Jacques Rousseau, der mit Paoli befreundet war, und die Gründungsväter der Vereinigten Staaten. Sondern die Erinnerung an diese 14 goldenen Jahre der Freiheit ist auch heute noch lebendig. Vor allem in der damaligen Hauptstadt des unabhängigen Korsikas: Corté, in den Bergen im Inselinneren gelegen. Heute hat die lebendige Kleinstadt am Zusammenfluss von Restonica und Tavignano 7.500 Einwohner. Die Hälfte davon sind Studenten der einzigen Universität Korsikas. (ab hier Atmo Straßenverkehr sanft weg blenden, Kreuzblende zu Atmo 6, Treppensteigen in der Uni, steht kurz frei, dann unter Text schnell weg blenden und trocken weiter) Die nach Pascale Paoli benannte Universität ist ein wichtiges Symbol des Strebens nach Autonomie, erklärt ihr Vize-Direktor Alain Di Meglio in seinem lichten Büro im oberen Stockwerk des modernen Baus. O-Ton 2 Alain Di Meglio, Französisch (kein OV, da kurz und unten erklärt) „Pascal Paoli, der Gründer des unabhängigen Korsikas, hatte hier eine Universität ins Leben gerufen, die vier Jahre lang bestand, von 1765 bis 1769.“ Sprecherin Denn Pascale Paoli hat hier in Corté nicht nur das unabhängige Korsika gegründet, sondern 1765 auch eine Universität, die bis zur Machtübernahme Frankreichs 1769 bestand. O-Ton 3 Alain Di Meglio, Französisch/OV OV ALAIN „Korsikas Universität war 212 Jahre lang geschlossen und wurde 1981 wiedereröffnet. Und zwar unter Druck, auf Grund von Forderungen. Zu dem Zeitpunkt, als die Universität wiedereröffnet wurde, saßen 120 politische Gefangene in den französischen Gefängnissen. François Mitterrand hat sich dann des Problems angenommen, Wahlen zum ersten Korsischen Regionalparlament zugelassen und die Universität wiedereröffnet. Das war erst möglich, nachdem die Sozialistische Partei unter François Mitterrand an die Regierung gekommen war. Von diesem Zeitpunkt an hat die Universität das Studium der korsischen Sprache wiederaufgenommen und korsischsprachige Lehrer für das Bildungssystem ausgebildet.“ Sprecherin Neben Französisch ist an der Universität Korsisch obligatorisches Nebenfach in sämtlichen Fächern. O-Ton 4 Alain Di Meglio, Französisch/OV OV ALAIN „Das ist sehr, sehr wichtig, weil die Sprache ein Identitätskriterium ist. Aber sie ist keine geschlossene Identität, keine ethnische Identität, sondern eine offene Identität, eine kulturelle Identität.“ MUSIK Voce Ventu – Rughju Di Vita (Label: Voce Ventu – 001) 00:25min Sprecherin Weil sie über die Sprache transportiert werde und nicht über Abstammung, erklärt Di Meglio. Die Sprachforscher der Uni haben die Jahrhunderte lang nur mündlich überlieferte Grammatik des Korsischen verschriftlicht und eine verbindliche Rechtschreibung festgelegt. Die Wissenschaftler zogen kreuz und quer über die Insel, zeichneten die verschiedenen Dialekte auf und brachten ein Wörterverzeichnis des Korsischen heraus. O-Ton 5 Alain Di Meglio, Französisch (kein OV da kurz und unten erklärt) „Die Wiedergeburt der korsischen Sprache ist nicht der Universität allein zu verdanken, sie hat aber einen großen Beitrag dazu geleistet.“ Sprecherin So habe die Uni einen wichtigen Beitrag für die Wiedergeburt der Sprache geleistet, sagt Di Meglio. Das war auch dringend nötig, denn unter französischer Herrschaft wurde das Korsische gezielt unterdrückt, wie Matthias Waechter erklärt. Der deutsche Historiker und Frankreich-Experte leitet das Institut Européen des Hautes Etudes Internationales in Nizza. Er hat umfassende Werke über die Geschichte Frankreichs verfasst. O-Ton 6 Matthias Waechter „1870 bis 1940: Das war die Phase, in der sich dieses republikanische Staats- und Nationsmodell in Frankreich durchgesetzt hat. Und es musste sich gegen starke Widerstände durchsetzen. Und in diesem Zusammenhang hat man sich gedacht, um eine einheitliche Republik zu gründen, müssen wir auch alle eine einheitliche Sprache sprechen. Die Regionalsprachen, die ja in Frankreich extrem verbreitet waren, noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert, wurden vom Zentralstaat brutal unterdrückt. Insofern hat Frankreich große Schwierigkeiten, damit zurechtzukommen, dass es ein Volk gibt in Korsika, das seine Kultur autonom leben möchte.“ Sprecherin An öffentlichen Orten wie zum Beispiel den Schulen Korsisch zu sprechen, war verboten. Doch die Unterdrückung ging noch weiter, richtete sich auch gegen die musikalische Tradition, erklärt Matthias Waechter: O-Ton 7 Matthias Waechter „Der Harmoniegesang, der in Korsika gepflegt wurde, galt ja auch als ein Ausdruck korsischen Widerstands. Diese gesamten Ausdrucksformen einer Eigenständigkeit wurden als Widerständigkeit gegenüber der Französischen Republik angesehen.“ O-Ton 8 Matthias Waechter „Man fürchtete, dass die Menschen, die in diesen Grenzregionen oder auf einer Insel wie Korsika lebten, zum Separatismus neigen würden, wenn man ihnen zu viel Eigenständigkeit lassen würde.“ Sprecherin In der französischen Nationalversammlung ging die Angst um, dass dann etwa auch die Bretagne, das Baskenland oder das Elsass ähnliche Ansprüche wie die störrischen Korsen erheben könnten. MUSIK QZ2641950295 Enigmatic Machine 00:57min Im Falle Korsikas nicht ganz zu Unrecht: Nicht nur die restriktive Sprachenpolitik trieb die Korsen auf die Barrikaden. Nachdem Algerien 1962 in einem grausamen Krieg seine Unabhängigkeit errungen hatte, siedelten tausende Algerienfranzosen, die so genannten „Pieds noirs“ nach Korsika über. Viele Korsen fürchteten, eines Tages zur Minderheit auf ihrer eigenen Insel zu werden. Denn gleichzeitig wanderten zehntausende Korsen auf der Suche nach Arbeit von der wirtschaftlich rückständigen Insel ins Ausland ab. Wegen dieser massiven Landflucht verlor Korsika ein Drittel seiner Bevölkerung. In Sorge um die eigene Identität radikalisierte sich der korsische Nationalismus, Korsika wurde mit einer französischen Kolonie verglichen. MUSIK QZ2641950335 Into The Construct 01:08min In den frühen 1970er Jahren gründeten sich mehrere Parteien als politischer Arm der Nationalbewegung. Nachdem Frankreich Forderungen nach offizieller Zweisprachigkeit, Autonomie oder gar Unabhängigkeit strikt ablehnte, gingen einige Nationalisten in den Untergrund. Der 1976 gegründete Frontu di Liberazione Naziunalista Corsu, kurz FLNC, versuchte die Unabhängigkeit mit Bombenattentaten und Morden zu erzwingen. Mehrere bewaffnete Gruppen bekämpften sich auch gegenseitig. 1998 eskalierte die Gewalt: Ein nationalistisches Mordkommando erschoss den französischen Präfekten der Insel, Claude Erignac, aus nächster Nähe, auf offener Straße, mitten in der Hauptstadt Ajaccio. Die französische Öffentlichkeit war schockiert. O-Ton 10 Matthias Waechter „Und insofern wurde dieses Autonomiebestrebungen oder Unabhängigkeitsbestreben der Korsen auch oft als eine Bedrohung wahrgenommen.“ Kreuzblende zu Atmo 8, in den Straßen von Corté, Verkehr usw., steht kurz frei, dann weiter unter Sprecherin Über diese blutigen Zeiten spricht man auf der Insel heute nicht gern. Die Täter von damals und ihre Hintermänner wurden gefasst und zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Die militanten Gruppen haben die Waffen niedergelegt. In den Supermärkten kauft man Baguette und auf den Dorfplätzen spielen die Korsen Boule. Haben sie ihren Frieden mit Frankreich gemacht? Nicht wirklich: Fährt man auf der sich durch die Berge schlängelnden Straße D18 nach Corte, durchquert man kurz vor der Universitätsstadt einen Straßentunnel. Dessen Wände sind über und über mit Spraydosen beschrieben: „Korsika ist nicht Frankreich“, liest man da auf Französisch. „Freiheit für Korsika“, „Franzosen raus aus Korsika“ und so weiter. Atmo 8, in den Straßen von Corté, Verkehr usw., kommt kurz hoch, dann weiter unter MUSIK DEBE91905251 Oriental Strings_STEM Drone 01:10 min Sprecherin Auf der ganzen Insel weht der Mohrenkopf mit Stirnband auf Bannern und Fahnen und klebt als Aufkleber auf Autos: Das Emblem des Freiheitskampfes. Und in den Altstadt-Gassen von Corte ist das Konterfei eines Mannes allgegenwärtig: Es ist das Porträt von Yvan Colonna. Der korsische Nationalist war wegen Beteiligung an dem Präfekten-Mord zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Er hatte dabei stets seine Unschuld beteuert. Im März 2022 wurde Yvan Colonna im Gefängnis im südfranzösischen Arles von einem Mithäftling angegriffen und schwer verletzt. Daraufhin kam es auf Korsika zu Protesten und Ausschreitungen. Dutzende Polizisten wurden verletzt. Yvan Colonna starb drei Wochen später im Alter von 61 Jahren im Krankenhaus. Zu seiner Beerdigung in seinem Heimatdorf in den korsischen Bergen ordnete der Regionalpräsident der Insel Trauerbeflaggung an. MUSIK 4138308 01/001 A Serva - 00:30min Anfang der 2020er-Jahre stand damit Korsikas Verlangen nach Autonomie wieder auf der Tagesordnung. Auf Korsika machte man sich Hoffnungen auf neue Verhandlungen und Fortschritte. Doch dann griff der russische Präsident Vladimir Putin die Ukraine an. Die folgende Energiekrise und eine hohe Inflation hielten ganz Europa in Atem, so auch Frankreich. Das Thema Korsika rückte wieder auf die hinteren Ränge. Sprecherin Dabei seien die Forderungen im Vergleich zu den achtziger und neunziger Jahren mittlerweile gemäßigt, betont Alain Di Meglio, der Vize-Direktor der Universität in Corté: Nur noch zehn Prozent der Korsen verlangten die Unabhängigkeit ihrer Insel von Frankreich. Doch für die Autonomie seien 90 Prozent. Er eingeschlossen. O-Ton 11 Alain Di Meglio, Französisch/OV OV ALAIN „Ich bin Autonomist. Ja, ja, ja, ja, ja, ja, ich bin Autonomist, da ich ein Aktivist der korsischen Sprache bin! Ich fordere das Korsische als offizielle Sprache neben Französisch. Und ich bin für ein System, das mehr Vertrauen in Korsika setzt, das Korsika mehr Macht gibt, aber ohne die Armee oder die Polizei zu fordern oder sich aus dem System der Solidarität mit Europa und Frankreich zu lösen. Die deutschen Bundesländer: Die sind ein Modell für uns. Deutschland ist viel besser dezentralisiert als Frankreich.“ Sprecherin Die Verfechter korsischer Freiheit haben ihre Ansichten auch deshalb abgemildert, weil sie den Gang in die Politik und durch die Institutionen angetreten haben: Autonomisten und Separatisten taten sich zusammen und errangen 2015 die Mehrheit im korsischen Regionalparlament. Doch Korsika müsse sich auch Europa und der Welt öffnen, fordert Di Meglio. Ebenso wie Frankreich, das zu sehr auf seinen einheitlichen Zentralstaat fixiert sei und Befugnisse nur zögerlich abgebe. O-Ton 12 Alain Di Meglio, Französisch/OV OV ALAIN „Und ich glaube auf jeden Fall, dass das Prinzip der Autonomie heute ein notwendiges Prinzip ist, sogar weltweit: Wir werden aufgefordert, kurze Transportwege zu fördern, vor Ort zu konsumieren, um die CO2-Kosten des Großhandels zu vermeiden. Man verlangt von uns, die Verpackungen zu reduzieren, man verlangt von uns mehr Ökologie, man verlangt von uns, Energie zu sparen. All das, was in Europa und der Welt im Trend liegt, ist ein Prinzip, das in Richtung Autonomie geht.“ MUSIK Diana Di L'Alba: A Ghitarra (DIA0293/1) 00:40min Sprecherin Auf dem Weg zu mehr Eigenständigkeit sei die korsische Sprache ein wichtiger Trittstein, betont Di Meglio. O-Ton 13 Alain Di Meglio, Französisch/kein OV, da kurz und oben erklärt „Die Sprache ist das wichtigste Kriterium für das Bedürfnis der Korsen nach Identität.“ Sprecherin Doch obwohl sie heute im öffentlichen Leben, auch in der Literatur, anerkannt sei, gebe es da eine große Gefahr: Nur noch zehn bis 15 Prozent der Jugendlichen sprächen aktiv Korsisch und nur noch etwa die Hälfte verstehe die Regionalsprache. Denn in den Familien wird Korsisch zum ersten Mal seit Jahrhunderten nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben. O-Ton 14 Alain Di Meglio, Französisch/OV OV ALAIN „In den vergangenen 40 Jahren hat sich eine Art Paradoxon entwickelt: Die korsische Sprache ist sichtbarer und präsenter in der Politik und in den Medien. In der Bevölkerung geht sie jedoch zurück. Sie wird im Alltag weniger gesprochen.“ Kreuzblende zu Atmo 9, Konzert von L’Alba, Lied sanft einblenden unter Sprecherin Die UNESCO stuft Korsisch darum als bedrohte Sprache ein. Diese Entwicklung müsse gestoppt werden, fordert Alain Di Meglio. Doch er ist guter Hoffnung: Auch wenn es immer weniger gesprochen wird, werde Korsisch immer häufiger an den Schulen gelehrt. Und dann sei da ja auch noch die Musik: Atmo 9, Konzert von L’Alba, Lied kommt kurz hoch, dann leise weiter unter Sprecherin Viele korsische Lieder sind in der Zeit der Unterdrückung verloren gegangen, doch erstaunlich viele haben auch überlebt. Dank der Überlieferung in den Familien, wie Ghjuvanfrancescu Mattei von L’Alba erzählt (Lied kann drunter bleiben, denn da singt ein anderes Bandmitglied): Alle Mitglieder der Gruppe hätten von einer mündlichen Weitergabe profitiert. O-Ton 16 Ghjuvanfrancescu Mattei, Französisch, kein OV, da kurz und unten erklärt „Tous les membres de L’Alba ont bénéficié d'une d'une transmission orale en fait. Et ça fait finalement depuis toujours que l'on fait de la musique, que l'on chante.“ Sprecherin Fragt man ihn, ob er sich als Korse fühle oder als Franzose, antwortet der Musiker überraschend weltoffen: O-Ton 17 Ghjuvanfrancescu Mattei, Französisch/OV OV MÄNNLICH „Ich fühle mich sehr wohl und gut verstanden in der korsischen Sprache, natürlich. Aber ich fühle mich auch sehr gut mit Französisch. Und ich empfinde mich in gewisser Weise auch ein bisschen deutsch, und auch spanisch und auch italienisch. Ich fühle mich jedenfalls sehr wohl in meiner Rolle als Mittelmeeranrainer und das gilt auch für die anderen Musiker der Gruppe.“ Sprecherin Mattei erklärt: Sie stünden mit einem Bein auf jedem Ufer des Mittelmeeres. Zwar bewahren sie die Tradition der korsischen Musik und hüten damit eine uralte kulturelle Tradition. Doch sie wollen sie auch kreativ weiterentwickeln. Darum habe L’Alba sich auch anderen mediterranen Einflüssen geöffnet, sagt Ghjuvanfrancescu Mattei: Griechischen, nordafrikanischen, italienischen Musiktraditionen. O-Ton 18 Ghjuvanfrancescu Mattei, Mix aus Korsisch und Französisch/OV OV MÄNNLICH „Wir versuchen eigentlich mit der korsischen Sprache, der korsischen Musik, eine neue Musik zu machen, die ihre Wurzeln aber nicht verleugnet. Wir versuchen, ein Bindeglied zu schaffen, zwischen allen Ufern des Mittelmeers. Aber natürlich ist der Ausgangspunkt immer noch die Art und Weise zu singen, die für Korsika spezifisch ist. Atmo 10, Konzert, Lied kommt hoch, endet, Applaus, sanft weg blenden
- Sebastian Kneipp - Der Pfarrer als "Wasserdoktor"
17.05.2025 · 26 Min.
Seine Wasserkur hat den Pfarrer Sebastian Kneipp berühmt gemacht. Arme und reiche Menschen pilgerten Ende des 19. Jahrhunderts nach Bad Wörishofen, um sich vom "Wasserdoktor" behandeln zu lassen. Manch Apotheker und Arzt neidete Kneipp den Erfolg und sie verklagten ihn wegen Kurpfuscherei. Von Barbara Weiß (BR 2021) Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN
- Der Kiebitz - Wenn der Lebensraum Wiese verschwindet
15.05.2025 · 23 Min.
Kiebitze zählten einst zu den häufigsten Wiesenbrütern in Deutschland. Doch ihre Bestände gehen rasant zurück. Vogelschützer wollen jetzt in einem "Kiebitz-Projekt" das Überleben des Wiesenbrüters sichern. Von Werner Bader (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Werner Bader Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Rahel Comtesse, Werner Härtl Technik: Andreas Lucke Redaktion: Yvonne Maier Im Interview: Christina Niegl, Biologin, Landschaftspflegeverband Aichach-Friedberg Stefan Haas, Landwirt (Mühlhausen) Jan Skorupa, Biologe, Landesbund für Vogelschutz Anton Burnhauser, Biologe, Höhere Naturschutzbehörde, Regierung von Schwaben Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Philipps Playlist Mit Musik lässt es sich wunderbar aus dem Alltag herausträumen! NDR Kultur-Moderator Philipp Schmid stellt jede Woche neue handverlesene Playlists zusammen. Von Pop bis Klassik – die Musik ist für ihn ein Anlass, sich gemeinsam mit seinen Hörerinnen und Hörern auf fantasievolle Gedankenreisen zu begeben. JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER: Ortstermin im Lechhauser Moos, nördlich von Augsburg. Auf den moorigen Ackerböden bei Mühlhausen, umgeben von Siedlungen, Autobahn, Flughafen, Auwald und Straßen, begeben wir uns Ende Februar auf die Suche nach den ersten Kiebitzen des Jahres. Biologin Christina Niegl weiß, wo sich die Kiebitze bevorzugt niederlassen und steuert einen Acker an. Einen Acker mit dunklem, moorigem Boden und Pfützen. ZSP 2 „Ich habe heute tatsächlich schon die ersten Kiebitze im Landkreis beobachten können. 56 an der Zahl, und ja, da war dann ein Riesen-Schwarm über mir, und dann haben sie sich an einem bekannten Brutplatz niedergelassen. Um zu rasten, und um Nahrung zu suchen. Man kann jetzt nicht genau sagen, ob das jetzt die Kiebitze sind, die später hier auch brüten werden. Kann auch sein, dass das die Durchzügler sind, weil es einfach noch die Durchzugszeit ist und die sich so ein bisschen sortieren.“ 0‘30‘‘ ATMO Kiebitz SPRECHERIN: Viele Kiebitze fliegen bei der Rückkehr aus ihren Überwinterungs-gebieten in Frankreich oder Spanien von hier aus weiter in den Norden. Erst im März treffen die Kiebitze ein, die schon im Vorjahr auf diesem Acker gebrütet haben. Kiebitze sind standorttreu, meist kehren die Zugvögel zu ihren angestammten Brutplätzen zurück. Die hat Christina Niegl auf einer Karte vor sich. Für den Landschaftspflegeverband betreut sie 13 Kiebitz-Brutgebiete, mit insgesamt 2.500 Hektar. Wenn die Kiebitze dann da sind und zu brüten beginnen, kommt viel Arbeit auf sie zu. Musik 2: 10 Midi SPRECHER: Manche Äcker und Wiesen werden jedes Jahr von Kiebitzen als Brutplatz genutzt, manche nur jedes zweite Jahr, sagt die Biologin, je nachdem, was darauf angebaut wird. Wird ein Maisacker im nächsten Jahr zum Getreideacker, dann brüten die Kiebitze nicht darauf, denn in Getreidefeldern finden sie keine Deckung. In diesem Jahr will Landwirt Stefan Haas auf seinem Acker Mais anbauen. Ihm gehört der moorige Acker. Und er kennt die Brutplätze. Denn Landwirt Haas nimmt, wie eine ganze Handvoll Landwirte im Landkreis Aichach-Friedberg, am Wiesenbrüter-Schutzprogramm teil. ZSP 3 „Der Kiebitz ist halt hier bei uns, hat sich auf meiner Fläche niedergelassen, und brütet hier. Ich find das eine tolle Sache. Die Fläche teilen wir uns, sagen wir mal so. Er kriegt einen Teil, ich krieg einen Teil. Es ist ja nicht so viel, was da jetzt nicht bewirtschaftet werden kann, das ist ja nur eine kleine Prozentzahl. Und von dem her habe ich kein Problem damit.“ 0‘17‘‘ SPRECHERIN: Und dafür bekommt der Landwirt einen finanziellen Ausgleich. Mitte März jeden Jahres startet das Wiesenbrüter-Projekt. Noch vor dem 20.März, wenn die ersten Kiebitz-Gelege in den Äckern sind, identifiziert Christina Niegl die Standorte der Brutpaare. Dann werden die Gelege mit einer Stange mit Fähnchen markiert, der Landwirt wird die so genannte Linse, 3 Meter breit und bis zu 16 Meter lang, beim Ackern umfahren, damit das Kiebitz-Weibchen bis zu 25 Tage ungestört brüten kann. Musik 3: Glockenturm – siehe vorn – 1:03 Min SPRECHER: Kiebitz-Nester sind offene Gelege mitten im Acker. In eine Bodenmulde legt das Kiebitz-Weibchen in der Regel 4 Eier. Die sind oliv-braun gefärbt, mit schwarzen Punkten gesprenkelt. Also perfekt getarnt. In den dunklen Ackerböden werden die Eier selbst von Fachleuten leicht übersehen. Mit etwas Übung entdeckt man in einem Acker viel eher das brütende Kiebitz-Weibchen auf dem Nest. SPRECHERIN: Auch wegen der abstehenden „Federholle“ auf ihrem schwarz-weißen Kopf, die so charakteristisch ist für die etwa taubengroßen Vögel. Bei den Männchen ist die Federholle zur Brutzeit etwas ausgeprägter, etwas länger. Männliche Kiebitze haben eine komplett schwarz gefärbte Brust, während bei Weibchen dort auch weiße Federn eingestreut sind. Das Gefieder der Kiebitze ist ansonsten kontrastreich, mit metallisch glänzender schwarzer Oberseite und weißer Unterseite. Daran kann man Kiebitze gut erkennen. Und an ihrem Ruf. Denn Kiebitze rufen ihren Namen: „Kie-Witt“. ATMO Kiebitz Musik 4: Glockenturm – siehe vorn – 49 Sek SPRECHER: Zur Balzzeit steigen die Kiebitz-Männchen in die Luft und machen kuriose Flugmanöver, mit denen sie auch ihre Nester verteidigen, sagt Jan Skorupa vom Landesbund für Vogelschutz. Damit machen sie auf sich aufmerksam und signalisieren den Kiebitz-Weibchen, hier hat ein Männchen einen Brutplatz, den es beanspruchen möchte. ZSP 4 „Die drehen sich teilweise ganz spontan in der Luft und das sieht dann manchmal von außen so aus, als würden sie gezielte Abstürze in den Flug einbauen. Und was auch dabei auffällig ist, ist einmal der Ruf. Die haben auch eine Art von Gesang. Und sie erzeugen dabei mit ihren Flügeln so ein spezielles Geräusch, so eine Art Wummern. Und das ist dann relativ auffällig, wenn die da ihre Pirouetten drehen und ihre spektakulären Flugmanöver vollziehen.“ 0‘35‘‘ SPRECHERIN: Kiebitz-Paare sind saisonal monogam, aber manchmal brüten sie auch im nächsten Jahr gemeinsam. Bis zu 24 Jahre alt können Kiebitze werden. Ein Kiebitz kann sich aber auch mit mehreren Weibchen paaren und brüten. Zur besseren Verteidigung ihrer Nester brüten Kiebitze gemeinsam in kleineren Kolonien. Und auf offenen Ackerflächen, so können sie herannahende Feinde schneller erkennen und ihr Nest verteidigen. Dennoch werden sehr viele Nester geplündert, die Sterblichkeit ist hoch. ZSP 5 Skorupa: „Ein Großteil der Gelege, der geht an den Fuchs verloren. Es sind natürlich auch Marder, oder auch Hermeline oder so. Es gibt durchaus auch Gelege-Prädation durch Igel. Wenn der so ein Nest findet, nimmt er das auch gerne mit. Ansonsten ist auch Bedrohung durch die Luft vorhanden. Das wird insbesondere dann für die Küken relevant. Bussarde, mitunter auch Turmfalken, und Rabenkrähen gehen durchaus auch auf die Küken. Wenn sich da eine günstige Gelegenheit bietet.“ 0‘32‘‘ ATMO Kiebitz SPRECHER: Nach 21 bis 28 Tagen schlüpfen die Küken, schon ab einem Alter von 35 bis 40 Tagen können sie fliegen. Das Schlüpfen aus dem Ei ist Schwerstarbeit für die Jungvögel, es dauert meist zwei ganze Tage, bis sie sich aus der Eischale befreit haben. Die flauschigen Küken, auch „Pullis“ genannt, sind Nestflüchter und suchen bald selbständig nach Nahrung. Biologe Jan Skorupa: ZSP 6 Skorupa: „Das heißt aber nicht, dass die Altvögel da keine Rolle mehr spielen, weil die Altvögel durchaus die Küken überwachen und vor Feinden warnen. Und ihnen gleichzeitig Signale geben, wann sie sich vor Feinden ducken und verstecken müssen. Sie hudern, das heißt, dass sie sich wärmend auf die Küken setzen und sie damit vor dem Auskühlen schützen. Weil das Federkleid der jungen Vögel, das isoliert noch nicht so gut und die kühlen vergleichsweise schnell aus. Und außerdem führen die Eltern zu entsprechend geeigneten Futterplätzen.“ 0‘35‘‘ SPRECHERIN: Und damit beginnt eine aufregende Zeit für die Kiebitz-Familie. Die Jungen brauchen Nahrung, die finden sie auf feuchten Böden, auch in nassen Gräben. Dort gibt es Würmer, Käfer, Insekten. Und jetzt brauchen sie auch Deckung, am besten in einer Wiese. Immer auf der Hut vor Fuchs und Co und Greifvögeln am Himmel. Viele Kiebitz-Junge überleben diese Phase ihres Lebens nicht, manchmal ist auch der gesamte Nachwuchs weg. SPRECHER: In solchen Fällen beginnen die Kiebitze ein so genanntes Nachgelege. Bis zu zwei Mal schaffen sie das, wobei die vitalsten Küken diejenigen sind, die beim ersten Gelege geschlüpft sind. Wenn dann ein Küken bis zum Sommer überlebt, ist das schon ein Erfolg, ein Schnitt von 0,8 oder 0,9 flüggen Jungvögeln pro Brutpaar und Jahr ist nötig, sagen die Experten, um den Bestand stabil zu halten. Denn gezählt wird pro Saison, in dem ein Kiebitz-Paar ein Gelege und bis zu 2 Nachgelege anlegen kann. Musik 5: Start from Innocence SPRECHERIN: Und das hat über Jahrhunderte hervorragend geklappt – mehr noch, in der Vergangenheit hatten sich die Kiebitze zu Allerweltsvögeln auch hier in Deutschland entwickelt. Kiebitze gab es in Massen, wer hätte schon darüber nachgedacht, dass Kiebitz-Bestände hierzulande eines Tages massiv einbrechen? Mittlerweile gilt ihre Art in Europa als gefährdet, in Deutschland als stark gefährdet. Wie konnte das passieren? Das fragte sich auch der Biologe Anton Burnhauser. Er betreibt im Donauried seit gut 40 Jahren Wiesenbrüterschutz, im Auftrag der Höheren Naturschutzbehörde, die Regierung von Schwaben, und beschreibt die Situation so: ZSP 7 Burnhauser: „Mit einem Satz: Es ist ein dramatischer Rückgang. Es ist fast ein Absturz. Und wenn ich jetzt zurückdenke, an die Zeit, wo es noch Flächenstilllegungen in den Agrar-Umweltprogrammen gab, zum Beispiel 2005, da kann ich mich an eine Fläche erinnern, hier im Donauried, ungefähr 25 Hektar, da waren 25 Kiebitz-Paare drauf. Auf dieser Stilllegungsfläche. Also, da waren noch so viele Kiebitze da, wir haben die nicht gezählt, muss ich ganz ehrlich sagen. Und wir sind ein bissl auf dem falschen Fuß erwischt worden, weil es so dramatisch und so schnell ging.“ 0‘37‘‘ SPRECHER: Vor 20 Jahren also waren Kiebitze auch hier noch massenhaft verbreitet und heute, da sind sie stark gefährdet! Dabei ist das Aislinger Ried an der Donau, unweit der Kühltürme des stillgelegten AKW Gundremmingen, seit Menschengedenken ein „Hotspot“ für Bodenbrüter wie den Kiebitz. In seinem moorigen Kern staut sich das Wasser, es gibt ein dichtes Grabennetz, eine kleinteilige Flur und eine sehr offene Landschaft. All das, was Bodenbrüter wie der Kiebitz brauchen. Verschwunden sind aber die vielen Wiesen, die es hier einmal gab. Und der Fest-Mist aus den Kuhställen. Weil kaum mehr Milchkühe gehalten werden. Festmist ist wichtig, er zieht Würmer, Käfer und Insekten an. Alles Nahrung für Kiebitze, die jetzt fehlt. ATMO Traktor + Musik 6 Stealth bells SPRECHERIN: Etwa zur Mitte der 1990er Jahre gab es einen Intensivierungsschub in der Landwirtschaft. Immer größere Maschinen fahren seither durch das moorige Ried, feuchte Wiesen wurden und werden zu großflächigen Maisäckern umgepflügt. Plötzlich gibt es Dünger und Pestizide, wo es vorher keine gab. Schädlich, oft tödlich für die Brutnester der Kiebitze und anderer Wiesenbrüter. Der Brachvogel ist bereits aus dem Aislinger Ried verschwunden. Und die Kiebitze? Die tun sich schwer, sagt Anton Burnhauser. Denn eigentlich waren Kiebitze auf Feuchtwiesen spezialisiert, seit es die kaum mehr gibt, weichen sie auf Ackerflächen zum Brüten aus. Damit sei der Kiebitz als eine Art „Kulturfolger“ in Richtung Acker in eine für ihn sehr bedrohliche Situation geraten. ZSP 8 Burnhauser: „Weil früher, wo Rüben und Mais noch mit der Hand gehackt worden sind, da ist dem Nest natürlich nichts passiert. Heute geht alles maschinell, da kann er nicht mehr leben. Er hat sich auf den Lebensraum spezialisiert. Und wenn durch die Bodenbearbeitung die Gelege alle verschwinden, oder auch die Küken, dann kann er nicht überleben, und das ist sicher ein Grund, warum er so drastisch zurückgegangen ist. 85 Prozent in vierzig Jahren, das ist schon dramatisch! 0‘28‘‘ SPRECHER: Und sehr beunruhigend für Naturschützer wie Anton Burnhauser. Für ihn war bald klar, dass man den Kiebitz fortan dort schützen muss, wo er jetzt brütet, nämlich auf dem Acker. Also änderten Burnhauser und seine Kollegen ihre Maßnahmen zum Schutz der Wiesenbrüter. Die bisherigen Agrar-Umweltprogramme, die Flächenankäufe, ja, sogar die Umsetzung eines gesamt-ökologischen Gutachtens für das Donauried hatten den dramatischen Rückgang der Wiesenbrüter, insbesondere des Kiebitzes nicht stoppen können. Musik 7: Infinite – 1:49 Min SPRECHERIN: 2013 wurde ein „Kiebitz-Soforthilfe-Programm“ gestartet. Zwei Jahre später wurde es erweitert zum Biodiversität- und Artenhilfsprogramm „Wiesenbrüter-Brutplatz-Management Schwaben“. In enger Zusammenarbeit mit den Landwirten. Das alles war Neuland für den Naturschutz. Was könnte den Kiebitzen helfen? Viele Maßnahmen wurden diskutiert, einige ausprobiert, so Kiebitz-Experte Burnhauser. Mittlerweile habe man im Aislinger Ried mit den neuen Methoden einige Erfahrungen gesammelt, die Mut machen. SPRECHER: Um den Kiebitzen wieder günstige Bedingungen für ihre Gelege und die Aufzucht ihrer Jungen zu schaffen, hatten sich die Experten auf insgesamt 4 Maßnahmen geeinigt. Drei davon haben sich bewährt, berichtet Anton Burnhauser. Etwa die verspätete Aussaat von Mais, erst ab dem 20.Mai. So bleibt den Kiebitzen genügend Zeit, auf einem bis dahin offenen Acker ihrer erste, vielleicht sogar ihre zweite Brut anzulegen. Denn bis dahin wächst kaum etwas auf dem Acker, das Kiebitz-Nest mit den Eiern liegt offen da. So können es die Brutvögel besser gegen Feinde verteidigen. SPRECHERIN: Eine weitere Maßnahme: Nasse Mulden zwischen Maisäckern und Wiesen werden ab Mitte März bis Ende Juni nicht bewirtschaftet. Denn sobald die Jungen auf dem Maisacker aus ihren Eiern geschlüpft sind, führen die Kiebitz-Paare sie dort zusammen. Auch dadurch können sie Feinde wirkungsvoll abwehren und gleichzeitig Nahrung am Gewässer finden. ZSP 9 : Burnhauser: „Solche eher feuchten Wiesen sind für den Kiebitz ganz wichtig. Weil hier Regenwurmnahrung da ist und dann auch Insekten. Aber rechts grenzt der Acker an. Und in der Furche, die wird immer wieder ein bisschen ausgeackert auch, das steht ganz schnell das Wasser. Und das ist entscheidend. Das sind jetzt 300 Meter, wo der Kiebitz eine Futterquelle hat. Und das sind so kleine Elemente in der Landschaft, die man gern übersieht. Aber für den Kiebitz sind sie entscheidend.“ 0‘29‘‘ SPRECHER: Vor allem vielfältige Strukturen in der Landschaft helfen den Kiebitzen weiter. Und hier müssen Landwirte umdenken, die im Herbst Bewuchs auf dem Acker lassen und diesen dann zur Düngung einpflügen, also mulchen. Solche Flächen sind in der Regel ungeeignet für brütende Kiebitze. Dicht wie ein Sportrasen, ohne Struktur. Mit geringem Aufwand aber ließe sich auf ihnen ein regelrechtes „Bett“ für die Kiebitze bereiten. ZSP 10 : Burnhauser: „Wenn man das jetzt zubereitet. Also ein Landwirt, der das versteht, dass der das klein macht, zum Beispiel mit der Sternwalze. Auf der gleichen Fläche drei Mal herumfährt, und ein paar Kurven rein macht, das ein Landwirt nie freiwillig machen würde, dann hätte er für den Kiebitz ein „Bett“ bereitet. Weil dann geht der nämlich rein. Da hat er nämlich Beides: ein Muster und er hat Deckung und Übersicht.“ 0‘27‘‘ SPRECHERIN: Gute und unkomplizierte Zusammenarbeit mit den Landwirten vor Ort sei entscheidend für den Erfolg beim Schutz der Kiebitze, sagt Anton Burnhauser. Die Verträge mit ihnen hat er selbst entworfen. Sie sind knapp und präzise gehalten, die Landwirte verpflichten sich für Maßnahmen in einem begrenzten Zeitraum innerhalb der Saison und werden, so sagt er, „anständig“ dafür bezahlt. Gegenseitiges Vertrauen und Wertschätzung seien wichtig. Viele Landwirte reagierten mittlerweile erfreut, wenn er ihnen berichtet, dass auf einer ihrer Flächen ein schützenswertes Kiebitz-Gelege ist. Sie helfen mit und freuen sich über jeden Bruterfolg. ATMO Wiese + zwei Kiebitze SPRECHER: Und so wurden und werden im Wiesenbrüter-Gebiet Aislinger Ried auch steile Ufer an Bächen und Gräben abgeflacht, damit die Kiebitz-Jungen ungefährdet ans Wasser kommen. Auf einer neu ausgewiesenen Fläche wurde der Lebensraum für den Kiebitz nach und nach optimiert. Dort wurde eine Kies-Abbaufläche rekultiviert, ein kleiner See entstand. Auf den Wiesen wurden Mulden ins Erdreich gegraben, der Humus weitflächig abgeräumt und zum Roh-Boden für den Kiebitz gemacht. Eine Weidehaltung mit Rindern wurde etabliert, jetzt gibt es dort Dung und damit Nahrung für die Kiebitze. Letztendlich führte hier ein Bündel an Maßnahmen zum Erfolg: ZSP 11 : Burnhauser: „Die Schilfflächen werden so immer Wiesenbrüter-tauglich gemäht, man lässt immer einen kleinen Bereich für Kleinvögel. Aber der Kiebitz mags übersichtlich. Und das ist wunderbar, wenn man hier beobachten kann, wie die Altvögel ihre Jungvögel verteidigen, wenn zum Beispiel die Rohrweihen kommen, oder Milane. Das ist phantastisch. Und wir haben jedes Jahr hier einen deutlichen Bruterfolg. Da kann ich schon sagen, die Sache hat etwas gebracht.“ 0‘27‘‘ Musik 8: Glockenturm – siehe vorne - 33 Sek + Atmo Dorf SPRECHERIN: Schauen wir noch einmal zurück ins Lechhauser Moos zu Christina Niegl. Die Biologin vom Landschaftspflegeverband Aichach-Friedberg, einer der Projektträger im schwäbischen Wiesenbrüter-Brutplatzmanagement, hat inzwischen mit Landwirt Stefan Haas genau besprochen, wo sie demnächst auf seinem Maisacker Brutnester von Kiebitzen erwartet und an welchen Stellen sie diese markieren wird. Etwa 50 Brutpaare zählt sie in einer Saison, also 100 Kiebitze in ihrem Gebiet. Wenn, wie sie hofft, möglichst alle Kiebitze vom Vorjahr an ihre angestammten Brutplätze im Lechhauser Moos zurückkehren. SPRECHER: Denn auf dem Zug in den warmen Süden und zurück sind Kiebitze vielen Gefahren ausgesetzt. Noch immer dürfen sie in einigen Ländern Europas gejagt werden, pro Jahr werden mehr als 100.000 Kiebitze erlegt. Und das, obwohl Kiebitze in ganz Europa als gefährdet gelten und sich die Bestände seit 1980 mehr als halbiert haben! Weltweit steht der Kiebitz auf der Vorwarnliste bedrohter Vogelarten. SPRECHERIN: In Deutschland stehen die Kiebitze in manchen Regionen kurz vor dem Aussterben, gerade in Süddeutschland ist ihr Rückgang besonders dramatisch. Und dennoch sind Christina Niegl und Anton Burnhauser optimistisch, dass es in Bayerisch-Schwaben mit den Kiebitz-Beständen bald schon wieder aufwärts gehen könnte. Das aber hänge von einer Reihe von Faktoren ab, und davon, welche Weichen Politik und Gesellschaft jetzt und in naher Zukunft beim Natur- und Artenschutz stellen, sagt Christina Niegl. ZSP 12 : Niegl: „Flächenfraß, Zerschneidung der Landschaft, wie unsere Agrarpolitik auch weiter sich aufstellt, wie sie die Landwirte fördert. Da sind wir nur ein kleines Rädchen in einem großen Prozess. Man kann nur hoffen, dass da alle in die richtige Richtung gehen und man auch sich überlegt, welche Flächen müssen wir tatsächlich versiegeln, wo müssen wir tatsächlich neue Straßen bauen, das sind alles solche Themen.“ 0‘25‘‘ ATMO ZSP 1 + Musik 9: Glockenturm – siehe vorn – 1:18 Min SPRECHER: Und die Kiebitze? Sie sind eine von vielen Arten in unserem Ökosystem, die seit Jahrzehnten unter großem Druck stehen oder gleich ganz aus unseren Landschaften verschwinden. Schon lange warnen Experten, dass Raubbau an der Natur und das Artensterben letztendlich die Zukunft der Menschheit bedrohen. Zerstörte Lebensgrundlagen wieder herzustellen oder adäquat zu ersetzen, das zeigen die Anstrengungen zum Erhalt der Kiebitze in Schwaben, ist aufwändig und mühsam. Zum Glück haben die Wiesenbrüter mittlerweile Beschützer wie Christina Niegl. Sie zählt den Kiebitz zu ihren Lieblingsvögeln: ZSP 13 : Niegl: „Vermutlich weil ich ihn seit fünf Jahren übers Brutgeschäft betreue und viele Verhaltensweisen kenne. Und weil er halt ein wunderschön anmutiger Vogel ist. Mit seiner Haartolle, und seinem grün schimmernden Gefieder und seinen paddelförmigen Flügeln ist er einfach ein außergewöhnlicher Vogel bei uns in der Landschaft, den man so selten sieht.“ 0‘22‘