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Das Gürteltier - Gepanzerter Sonderling und Superheld des Tierreichs

16.01.2025 · 24 Min.

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Über diese Folge

Sie sind die X-Men unter den Tieren: Ihr Superheldenkostüm ist ein Panzer aus beweglichen Hornplatten. Dabei sind sie Säugetiere! Die einzigen auf der Welt mit einem Panzer. Und jede Gürteltierart hat ihre eigene Superfähigkeit. Von Katharina Hübel (BR 2021)

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  • Gefühle wagen! Für mehr Berührbarkeit und Verletzlichkeit

    17.01.2025 · 23 Min.

    Gefühle gehören ins Private, m Job hingegen muss man sich einen dicken Panzer zulegen - so der Mythos. Gefühle wie Angst oder Ohnmacht gelten als unprofessionell. Doch der Preis dieser "Unberührbarkeit" ist hoch: Abstumpfung auch gegenüber den schönen Gefühlen. Von Karin Lamsfuß Credits Autorin dieser Folge: Karin Lamsfuß Regie: Irene Schuck Es sprachen: Katja Amberger, Stefan Wilkening Technik: Lorenz Kersten Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Dr. Andrea Dederichs, Psychologin Dr. Christoph Quarch, Philosoph Prof. Giovanni Maio, Medizinethiker Uni Freiburg Dirk Breitenbach, ehemaliger Polizist und Polizei-Poet Renate Langenbach, Anästhesistin und Palliativmedizinerin Hubert Liebertz, ehemaliger Schlachter Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Linktipps: www.polizei-poeten.de Literatur: Giovanni Maio: Ethik der Verletzlichkeit, Herder 2024 Ankündigung: Barbara Schmitz: Offenheit und Berührbarkeit: Neue Wege zu Verletzbarkeiten und Resilienz, erschein am 12.2.2025 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: O-Ton 1 Dirk Breitenbach, liest vor (0‘11“): Mein Blick fällt auf die laut tickende Wanduhr. 4:30 Uhr. Wann bin ich gestern nach Hause gekommen? Halb zwölf? Oder war es doch erst heute Morgen? Heute kommt die sechste Schicht in Folge. Musik hochziehen O-Ton 2 Breitenbach, liest eigenen Text vor (0‘06“): Jetzt schnell umziehen und nach Hause. Ich möchte meiner Frau möglichst gut gelaunt entgegentreten. Was kann sie für meine Erlebnisse? Sprecherin: Dirk Breitenbach, ehemaliger Polizist. Und Mitglied der Polizei-Poeten: einem deutschlandweiten Netzwerk von Polizisten, die ihre belastenden Erfahrungen nicht verdrängen und abspalten, sondern aufschreiben und im Netz veröffentlichen. Und so ein anderes Bild von vermeintlich knallharten Profis erschaffen. O-Ton 3 Dirk Breitenbach, liest eigenen Text vor (0‘20“): Auf ihre Frage nach dem Tag antworte ich nur, dass viel zu tun war. Hätte ich Ihr alle Gefühle berichten sollen, die Angst etwas verkehrt zu machen? Die Angst davor sich die Verletzungen der anderen ansehen zu müssen, die Angst davor bei einer Einsatzfahrt, oder sonst wie selber verletzt zu werden? Die Angst der Hilflosigkeit oder der Aggressivität anderer nicht adäquat begegnen zu können. Klänge weg O-Ton 4 Dirk Breitenbach (0‘24“) Ich glaub, wir sind schon ziemlich stark. Nur die Art dessen, was auf uns einwirkt. Die Schrecklichkeit, die Intensität dessen, die Vielfalt, die Menge, das verlangt dann auch von einem starken Menschen auch tatsächlich das Allerletzte ab. Weil was wir in einer Woche oder einem Monat erleben, haben viele vielleicht in ihrem ganzen Leben nicht an schrecklichen Dingen, selbst wenn wir nicht stark sind, sind wir immer noch stark. Sprecher: Es gibt so etwas wie ein gesellschaftlich akzeptiertes, ungeschriebenes Gesetz: Im Job und generell im öffentlichen Leben sind vor allem positive Gefühle akzeptiert wie Freude oder Stolz. Vielleicht auch noch Wut. Was zählt, ist ein starker Intellekt. Gepaart mit Tatendrang, Zielstrebigkeit, Entschlossenheit und Durchsetzungsfähigkeit. Eine funktionierende Hülle also. Alle unliebsamen Gefühle wie Angst, Verzweiflung, Verzagtheit, Scham werden ins Private verbannt. O-Ton 5 Andrea Dederichs (0‘19“): Warum tun wir so, als wären wir zu 90 Prozent am Tag bewusste, kognitive Wesen, und diese 10 Prozent Emotionen, mit denen wir nicht umgehen können oder wollen, die sperren wir entweder ein oder bagatellisieren sie, auf jeden Fall aber wollen wir sie kontrollieren. Sprecherin: Dr. Andrea Dederichs ist Psychologin, Emotionsforscherin und Professorin an der Polizeiakademie. Sie schult unter anderem Beamte des Sonder-Einsatz-Kommandos in emotionaler Kommunikation. Trainiert mit ihnen, eine angemessene Sprache für den Druck, den Stress und manchmal auch ihre Todesangst zu finden. O-Ton 6 Andrea Dederichs (0‘29“): Wir machen Folgendes: Wir sagen „Jetzt ist Professionalität, also Emotionen dürfen nicht rauskommen, und was machen wir dann mit diesem aufgestauten emotionalen Ballast? Den wir auch als Ballast wahrnehmen und nicht als etwas, das einfach zu uns gehört? Wir gehen damit in die Privatheit, und wenn’s richtig scheiße gelaufen ist in unserem vernunftbegabten, kognitiven Tag, dann wird’s auch richtig scheiße im Privaten, weil es sich da nämlich komplett entlädt an Ort und Stelle – wo es nicht hingehört! Sprecher: Fühlen ist in der Öffentlichkeit nicht besonders beliebt. Tränen fließen eher im geschützten, privaten Raum. Fühlen heißt auch immer: durchlässig zu sein. Nackt und ungeschützt. O-Ton 7 Dirk Breitenbach, unter Musik, liest eigenen Text vor (0‘14“): Ich weiß jetzt wieder, warum ich Unfälle hasse. Du weißt nie, welcher Schrecken auf Dich wartet. Ist es nur zerknülltes Blech, oder müssen wir Gliedmaßen suchen? Kurz überkommt mich Panik. Das habe ich immer, wenn ich damit rechnen muss, dass es gleich blutig oder sonst wie erschreckend wird. Musik kurz hoch O-Ton 8 Dirk Breitenbach, unter Musik, liest Text vor (0‘16“): Was hätte ich sagen sollen? „Jungs, es war nett mit Euch, aber ich habe gerade das Gefühl von Hilflosigkeit und kann außerdem nicht so gut Blut sehen. Ich würde jetzt gerne wieder fahren. Ich bitte euch, habt Mitleid mit mir?!“ PAUSE Ich schaue zum Notarzt. Unsere Blicke treffen sich. Wortlos schüttelt er seinen Kopf und wendet sich ab. O-Ton 9 Andrea Dederichs (0‘36“): Das ist natürlich ne ganz extreme Situation, auf die man Menschen auch nicht komplett vorbereiten kann. Selbst Leute, die professionell in solchen Berufen arbeiten, also Polizisten, Feuerwehrleute, Sanitäter… in so einem Moment passiert eigentlich etwas, was Schutz ist. Und Dinge, die wir in einem Moment vielleicht nicht verarbeiten können, wo vielleicht auch zu viele unterschiedliche Eindrücke aufeinanderprallen, und wir können es nicht mehr sortieren, da macht unsere Psyche so eine Art Cut und verschließt das. Sprecherin: Die Psychologin Andrea Dederichs sagt: emotional berührbar sind wir sowieso. Immer. Die Frage ist nur, wie wir damit umgehen. O-Ton 10 Andrea Dederichs (0‘20“): Bei solchen Berufen würde ich mir wünschen, dass es jede Woche ein Forum gibt, unabhängig vom Anlass, dass Menschen darüber sprechen, was sie gerade für Schwierigkeiten haben im Job, aber was auch gut läuft. Also dass es wirklich ritualisiert wird, über die eigenen Emotionen im professionellen Kontext zu sprechen. Sprecher: Gemeint ist dabei jedoch nur die echte, authentische Emotion. Also sind nicht diejenigen, die auf Knopfdruck während der Konferenz in Tränen ausbrechen, weil sie gerade ihren Willen nicht durchsetzen konnten. Oder die mit ewigen Dramen versuchen, andere zu manipulieren. Musikakzent Sprecher: Die Frage nach der Berührbarkeit, dem Eingeständnis der eigenen Verletzlichkeit stellt sich in vielen Berufen. Sie taucht überall dort auf, wo Menschen mit dem Leid anderer konfrontiert sind: nicht nur bei Polizisten, Feuerwehrleuten und Rettungskräften, auch bei Profis, die in medizinischen, therapeutischen und sozialen Berufen arbeiten. Sprecherin: Der Philosoph Dr. Christoph Quarch hat an einer Fachhochschule für pädagogische Berufe das Fach Ethik unterrichtet: O-Ton 11 Christoph Quarch (0‘26“): Da gibt es eine Doktrin, die sagt: Du musst dich von jeder emotionalen Bildung zu deinen Klienten freihalten. In dem Bereich würde ich dem vehement widersprechen. Ich glaube, dass man als Pädagoge und auch als in sozialen Berufen tätiger Mensch seine Arbeit nicht machen kann, ohne ein hohes Maß an Empathie und Berührbarkeit und auch Mitgefühl zu kultivieren. Sprecher: Nur wer nichts fühlt, ist stark. Vermeintlich. Fühlen macht schwach, angreifbar, verwundbar. So empfinden es viele. O-Ton 12 Christoph Quarch (0‘37“): Generell würde ich sagen ist das Gefühl in der Arbeitswelt ein ganz entscheidender Faktor. Und nicht nur in sozialen Berufen und nicht nur in Pflegeberufen. Das Gleiche gilt für ne Bank und für ne Versicherung, und am Ende gilt’s wahrscheinlich auch sogar für die Justiz und von mir aus sogar für die Bundeswehr! Auf der anderen Seite würde ich eben doch sagen: Wenn man sich jetzt emotional völlig fallen lässt und sich ohne Rücksicht auf Verluste von seinen Emotionen auch davontragen lässt, ist es auch nicht professionell. Es geht darum, eine gute Kultur des Fühlens zu entwickeln. Und die wird leider Gottes an den Ausbildungsstätten in der Regel nicht vermittelt. Sprecher: Es ist eine schwierige Gratwanderung zwischen Fühlen einerseits und Verdrängen und Abgrenzen andererseits. Was mag die Richterin fühlen, wenn sie einen Menschen durch ihr Urteil hinter Gitter bringt - und vielleicht eine Familie auseinanderreißt? Der Chirurg, während er ein Bein amputiert. Mitgefühl? Schwer zu leben. Bestimmte Professionen, bestimmte Rollen verlangen ein hohes Maß an Abgrenzung. Folgenden O-Ton in Klänge einbetten: O-Ton 13 Renate Langenbach (0‘18“): Es gab Situationen, da musste man diesen kleinen Säugling mit nem winzigsten Tubus intubieren, man hatte ne kleine Maske und hatte überhaupt ne Riesenangst davor, diesem kleinen Etwas dann auch noch mal weh zu tun. Das war für mich das Stressigste und das Aufregendste und das Schwierigste in dieser Zeit der Anästhesie. Sprecherin: Dr. Renate Langenbach, Anästhesistin. O-Ton 14 Renate Langenbach (0‘17“): Ich durfte es im Nachhinein meinen Kollegen sagen, aber als ich dann in der Situation in der ich als Ärztin in der Anästhesie diejenige war, die die Verantwortung auch hatte, musste ich Kenntnis haben, musste ich Fertigkeiten haben und musste eine gewisse Souveränität haben. Sprecher: Ein Profi fühlt nicht, er funktioniert. Das ist oft das Dogma. Doch schlimmstenfalls wird der Profi dadurch vor allem eins: stumpf, leer und unlebendig. Sprecherin: Der Medizinethiker Prof. Giovanni Maio von der Uni Freiburg sagt: Ein Grund dafür liegt auch im falschen Verständnis der eigenen Verletzlichkeit. Wer verletzlich ist, der macht sich angreifbar, so der weitverbreitete Glaube: O-Ton 15 Giovanni Maio (0‘35“): Die Verletzlichkeit ist natürlich negativ konnotiert, aber wenn wir vertiefter drüber nachdenken, werden wir feststellen, dass wir diesen Modus der Verletzlichkeit brauchen, denn nur wenn wir verletzungsoffen sind, werden wir uns selbst auch entwickeln können. Nur dadurch, dass wir wissen: Wir sind verletzlich, können wir uns einfühlen in andere; wenn wir meinen, wir wären vollkommen unverletzlich im Sinne einer Unabhängigkeit, dann wähnen wir uns als selbstmächtige Herrscher über uns selbst. Sprecher: Natürlich erwarten wir von Helfern stets einen kühlen Kopf und kontrolliertes Eingreifen! Wer wünschte sich allen Ernstes unkontrollierte, gefühlsduselige Profis? Ein Polizist, der am Einsatzort weint? Oder einen Anwalt, der in Mitgefühl für seinen Mandanten versinkt? Eine Notärztin, die im Schockraum überflutet wird von ihren Gefühlen? Es kann durchaus sinnvoll sein, den Kopf ein und das Gefühl weitgehend auszuschalten – allerdings nur vorübergehend! O-Ton 16 Renate Langenbach: (0‘13“) Auf einem chirurgischen Visitenwagen stand geschrieben: „Bevor du in dieses Zimmer trittst, denke daran, dass die Wunde, die du eventuell öffnest, zu einem Menschen gehört, und konzentriere dich auch auf diesen Menschen!“ O-Ton 17 Giovanni Maio (0‘26“): Je mehr wir uns selbst als verletzliche Wesen empfinden, desto mehr erkennen wir auch das Kostbare, was zerrüttet werden könnte. Die Verletzlichkeit ist ja auch ein Appell. Wenn wir uns vergegenwärtigen: Die anderen sind verletzlich, so wie ich, ist es ein Appell, alles dafür zu tun, damit die anderen nicht verletzt werden. Wir teilen diese Verletzlichkeit, und insofern gehören wir Menschen alle zusammen, im Bewusstsein dieses Bandes, das uns letzten Endes alle zusammenführt. Musikzäsur Sprecherin: Natürlich gibt es Orte, wo Profis weich und gefühlvoll sein dürfen: Bei Supervisioren, Psychologinnen oder Seelsorgern. Für den Polizisten Dirk Breitenbach war das nie eine Option. O-Ton 18 Dirk Breitenbach (0‘40“): Es natürlich ein Schritt, zu sagen: „Hier, das war jetzt gerade zu viel für mich, das erfordert tatsächlich Mut und man muss auch das Gefühl haben, dass man in einem Kreis ist, der das auch akzeptiert und hinnimmt, wo man dann nicht nachher gemobbt wird und irgendwelche Ressentiments zu befürchten hat. In einem Klima, wo alle stark sind, ist es schwierig, selber zu sagen „jawohl, ich bin hilflos, ich brauche Hilfe!“ Weil ich fest überzeugt war, ich brauche das nicht. Auch die Kollegen, denen ich gesagt hab: „Nehmt das doch in Anspruch“, die haben gesagt „Ich brauch das nicht. Das ist Quatsch! So schlimm war das jetzt gar nicht. Da gibt’s viel schlimmere Sachen!“ Heute rückblickend würde ich sagen: Hätte ich doch mal besser das ein oder andere in Anspruch genommen, einfach damit es raus kann. Damit dieses Ventil mal geöffnet wird. O-Ton 19 Andrea Dederichs (0‘15“): Ich behaupte ja, dass allein die Tatsache, dass ich darüber sprechen kann und es so etwas gibt, jemand, der mich versteht und nicht sagt: „Sag mal, was bist du denn fürn Bulle? Willste Sozialarbeiter werden?“ führt dazu, dass man gestärkter in den Job geht, und dann schafft man das auch! Sprecher: Sprechen über Zweifel, über Grenzen, Überlastung, Versagensängste, über Albträume – also über all das, was Menschen in diesen Berufen so umtreibt. Das würde eine völlig neue Kultur in Einrichtungen, aber auch in Unternehmen erfordern. Weg von der Coolness, hin zur Menschlichkeit und Lebendigkeit. [[ O-Ton 20 Christoph Quarch (0‘30“): Wir zahlen letztlich den Preis der Lebendigkeit, wenn wir meinen, wir müssten uns von unseren Gefühlen fernhalten. Wir werden dann zu einer erkalteten, erfrorenen Gesellschaft, und das kann niemand wünschen. Mir scheint es so zu sein, dass wir Menschen dann am meisten bei uns selber sind, dass wir dann am lebendigsten sind, wenn wir fühlen. Und um fühlen zu können, müssen wir uns berührbar machen.]] Sprecher: Wünscht sich die Gesellschaft überhaupt berührbare Menschen? Würde die Wirtschaft noch reibungslos funktionieren, lebten die Menschen ihre Berührbarkeit offen aus? Würden nicht ganze Branchen zusammenbrechen, wenn die, die dort arbeiten, plötzlich ihre Zartheit und Verletzlichkeit wieder zulassen würden? O-Ton 21 Hubert Liebertz (0‘13“): Emotionslos. Das erste Mal emotionslos. „Hier hast du nen Schussapparat, dein erstes Tier!“ Man denkt nicht drüber nach. Man verschwendet keinen Gedanken an das Tier selber. Sprecherin: Hubert Liebertz hat erst eine Lehre als Metzger gemacht und dann sechs Jahre lang im Schlachthof gearbeitet. Tiere töten und zerlegen. Das war seine tägliche Arbeit. Das Tier, das vor ihm auf der Schlachtbank lag, hat er nicht als fühlendes Wesen wahrgenommen. O-Ton 22 Hubert Liebertz (0‘22“): Es war wie ein Stück Holz, es war nichts Lebendes. Es war einfach nur… ja… Job! Man hat auch nicht viel Rücksicht auf die Tiere genommen. Wenn man im Nachhinein zurücksieht, ist es schon ziemlich grausam. Man verändert sich in dem Sinne, dass man härter wird. Man wird zu sich selber härter, man wird zu seiner Familie härter, meine Mutter hat damals mal gesagt „Junge, zu verrohst!“ Sprecherin: Viele Grausamkeiten hat der Schlachter erlebt. O-Ton 23 Hubert Liebertz (0‘23“): Wenn Pferde geschlachtet werden, Schweine, Rinder, wenn Sie sehen, was die für ein Theater machen. Was meinen Sie, wie das Tier getrieben wird? Bullen wird vor die Hoden getreten, da wird die Rute, der Schwanz wird geknickt, denen wird auf die Beckenknochen mit dem Holzknüppel gehauen ... Und mir will dann irgendeiner sagen, dass die Tiere kein Empfinden haben – nee!! Sprecherin: Viele seiner Kollegen, so erzählt er heute, waren Alkoholiker. Ohne diese Eigen-Betäubung konnten sie den Job nicht durchstehen. O-Ton 24 Hubert Liebertz (0‘30“): Man stumpft so sehr ab, dass man das überhaupt gar nicht registriert, dass man da lebende Tiere hat. Man denkt da gar nicht drüber nach. Sie müssen sich vorstellen: Das ist Ihr Job, damit verdienen Sie ihr Geld. Zuerst macht es Ihnen was aus. Und wird das immer weniger, was Ihnen ausmacht. Und irgendwann ist das so wenn Sie im Stall 300 Schweine haben und die fangen auf einmal kollektiv das Schreien an – da werden Sie bekloppt bei! Da läuft es mir heute noch eiskalt den Rücken runter. Ewas Schlimmeres gibt es nicht. Das ist, als wenn kleine Kinder schreien. Sprecherin: Und dann kam der Tag, an dem sich beim scheinbar verrohten und gefühllosen Schlachter etwas zurückmeldete, das er ewig nicht gespürt hatte: Mitgefühl. Es tauchte aus dem Nichts auf. O-Ton 25 Hubert Liebertz (0‘18“): Wir waren Großvieh schlachten, nach dem Großvieh-Schlachten sind wir Kälber schlachten gegangen. Dann auf einmal Blöken, guck runter, setzt den Schussapparat an, ja, und dann flossen dann die Tränen, dem Kälbchen. Und dann war es vorbei. Dann konnt ich nicht mehr. Sprecherin: Rechts und links liefen zwei Tränen die Wangen des Kälbchens hinunter. O-Ton 26 Hubert Liebertz (0‘07“): Das war ein Knaller, war das. Was da in einem vorgeht, das kann man gar nicht beschreiben. Man denkt auf einmal, das ist nicht richtig! Da kann man nicht mehr! Sprecherin: Viele Tiere weinen vor dem Schlachten, sagt Hubert Liebertz. Er hatte es wohl immer übersehen. An dem Tag schaffte er es nicht mehr, wegzuschauen. Er legte seinen Schussapparat zur Seite, streifte die Schürze ab und ging zur Tür raus. Den Schlachthof betrat er nie mehr. Wegen eines weinendenden Kalbs. Sprecher: Nicht zu leugnen ist aber auch: Die Gesellschaft in der jetzigen Form profitiert von Menschen, die sich innerlich stumpf machen. Stumpf machen müssen. Die gezwungen sind, sich von ihren Gefühlen abzutrennen. Würden alle Schlachter ihre Berührbarkeit und Verletzlichkeit leben, blieben die Fleischtheken leer. Musikzäsur Sprecherin: Hubert Liebertz musste seinen Arbeitsplatz für immer verlassen, um wieder empfindsam zu werden. Aber wie sieht es in der übrigens Arbeitswelt aus? Ein Chirurg, der offen zweifelt. Ein Polizist, der zugibt, am liebsten vom Unfallort wegzurennen. Ein Sanitäter, den abgetrennte Gliedmaßen bis in den Schlaf verfolgen. Undenkbar? O-Ton 27 Quarch (0‘24“): Ich denke, es ist zu nem Großteil auch die hochgetaktete, ökonomisierte Arbeitswelt, es ist so gesehen das System, aber das System nährt sich wiederum von Individuen, die dieses Spiel mitspielen. [[ Und dass Menschen dieses Spiel mitspielen, hat sehr viel damit zu tun, dass es eben eine riesige Angst vor Verletzung gibt. Wir verzichten ja deswegen auf Gefühl, weil wir Angst haben, emotional verletzt zu werden. ]] O-Ton 28 Dederichs (0‘18“): Die Emotionen, die nehmen wir an uns als das Ungezügelte, das Spontane, auch das Innerste, aber vor allem das, wo wir antastbar sind. So nehmen wir Emotionen wahr. Wir nehmen sie nicht als Quelle der Kraft wahr und deswegen trauen wir ihnen auch wenig zu. Sprecher: Hinzu kommt: So lange Emotionalität als gefühlsduselig gilt, allein rationales Denken und Handeln als professionell, haben Menschen kaum den Mut, sich zu öffnen und sich verletzlich zu zeigen. Schließlich glauben die meisten: einen Profi haut so schnell nichts um! O-Ton 29 Giovanni Maio (0‘18“): Das Problem der Resilienz ist ja, dass suggeriert wird, als würde man alles im Griff haben können, sofern man alles gut managt. Aber wir dürfen eben nicht verkennen, dass wir ohne gute Erfahrungen mit anderen eben diese eigenen Ressourcen gar nicht mobilisieren können. O-Ton 30 Dederichs (0’22): Es ist die Angst vor der Überflutung, aber es ist vor allen Dingen die Angst, falsch wahrgenommen zu werden. Die Angst nen Fehler zu machen und die Angst, nicht wertgeschätzt zu werden, glaube ich, die macht aus uns so Lemminge. Dass wir sagen: Eh wir uns auf das Risiko einlassen, die eigene Persönlichkeit auszuspielen, gehen wir lieber in so ne Kollektivpersönlichkeit. Musikzäsur Sprecherin: Die Anästhesistin Renate Langenbach wollte Mitgefühl und Menschlichkeit leben. Im Krankenhausbetrieb, vor allem in der Notfallmedizin, sah sie dafür einfach keine Chance. Erst in der Palliativmedizin fand sie wieder zu ihrer Berührbarkeit und Verletzlichkeit als Ärztin. In sicherlich einer der schwierigsten medizinischen Disziplinen stand nämlich etwas Bedeutendes im Vordergrund: der Mensch. O-Ton 31 Langenbach (0‘30“): Ich musste einem Mann mitteilen, dass seine Knochenmetastasen nicht mehr bestrahlbar sind und dass er wahrscheinlich nicht mehr laufen kann. Und wir haben dann dagesessen, beide, er lag, ich saß, und wir wussten nichts zu sagen, und wir mussten beide weinen. Und der Patient hat dann in sein Nachttischchen gegriffen und hat mir sein Herrentaschentuch gereicht. Und hat gesagt „Frau Doktor, trocknen Sie Ihre Tränen.“ Und das ist für mich ein ganz wichtiges Erlebnis: Ja, ich darf weinen beim Patienten. Sprecherin: Berührbar bleiben und trotzdem professionell – das darf Renate Langenbach bei der Begleitung und Versorgung von Sterbenden. Dafür müsste sie komplett aus dem akuten Klinikbetrieb aussteigen, in dem sie vergeblich versuchte, diesen Spagat hinzukriegen. Nun darf sie gleichzeitig verletzlich und berührbar sein UND professionell. O-Ton 32 Giovanni Maio (0‘21“): Und deswegen müssen wir unsere Verletzlichkeit anerkennen und in ihr die Ressource sehen, durch die wir überhaupt zur Empathie befähigt werden, wenn Sie unverletzbar bleiben wollen, sein wollen, unverwundbar, dann werden Sie sich nie auf eine tiefe Beziehung einlassen. Musikzäsur Sprecherin: Polizist Dirk Breitenbach fand erst durch eine längere Krankheit zurück zu seinen Gefühlen. Irgendwann begann er zu schreiben. Über seine Einsätze, seinen Berufsalltag, sein Leben. O-Ton 33 Breitenbach (0‘23“): Also die Geschichten sind so aus mir rausgelaufen, dass ich mit dem Schreiben nicht nachgekommen bin. Worüber ich sehr erstaunt war, waren einfach diese vielen Gefühle, tatsächlich diese Wut, die dann erlebbar war. Tatsächlich dieser Schrecken, tatsächlich diese Ohnmacht, die ich erlebte, weil ich ja eigentlich dachte, dass die so tief vergraben habe, dass die kein Problem sind, und darüber war ich sehr überrascht, dass da so viele Emotionen noch in mir dringesteckt haben, die sich tatsächlich ihren Weg gesucht haben. Sprecherin: Seitdem gehört Dirk Breitenbach zu den Polizei-Poeten. Das sind Polizisten, die keine Lust mehr haben auf das unnahbare Macker-Image. Sie setzen sich in ihren erlebten Geschichten mit ihrer Hilflosigkeit auseinander, ihrer Angst und ihrer Ohnmacht. O-Ton 34 Dirk Breitenbach (0‘16“): Am Anfang war’s erschreckend für mich, weil ich damit nicht gerechnet habe. Ich dachte, das passiert nicht. Und dann war’s wahnsinnig wohltuend. Es war unheimlich befreiend, sich das selber einzugestehen und hat mir eigentlich gezeigt, dass ich noch ganz normal funktioniere und nicht abgestumpft bin.

  • Versklavt im Mittelmeer - Als Christen und Moslems sich jagten

    16.01.2025 · 22 Min.

    In der frühen Neuzeit gab es rund ums Mittelmeer viel Sklaverei. Christen und Moslems gleichermaßen kaperten Handels- und Pilgerschiffe und verkauften Menschen auf riesigen Sklavenmärkten in Europa und Nordafrika. Deren Berichte wurden ein beliebtes literarisches Genre. Von Brigitte Kramer (BR 2022) Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer Regie: Martin Trauner Es sprachen: Hemma Michel, Benedikt Schregle, Gudrun Skupin Technik: Roland Böhm Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Mario Klarer, Literaturwissenschaftler, Universität Innsbruck Juliane Schiel, Historikerin Universität Wien Teresa Peláez, Historikerin, Universität Valencia. Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Ware Mensch - Der transatlantische Sklavenhandel HIER Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Literaturtipp: Mario Klarer (Hg.): Verschleppt, Verkauft, Versklavt. Deutschsprachige Sklavenberichte aus Nordafrika (1550–1800), Böhlau Verlag Wien Köln Weimar, 2019 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  • Warum Verzicht so schwer fällt - Und warum weniger mehr sein kann

    15.01.2025 · 22 Min.

    Verzicht klingt nach Entsagung und Verlust. Wem die Überzeugung fehlt, dass sich Nein-Sagen lohnen kann, tut sich schwer. Deshalb finden Aufrufe zu nachhaltigeren, sparsamen Lebensstilen so wenig Resonanz. Von Justina Schreiber Credits Autorin dieser Folge: Justina Schreiber Regie: Susi Weichselbaumer Es sprach: Katja Amberger Technik: Christiane Gerhäuser-Kamp Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Prof. Dr. Dr. Ingo Balderjahn, Betriebswirtschaftswissenschaftler + Konsumforscher, Angela Mauss-Hanke, Psychoanalytikerin Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Meine Challenge Kann ich ohne Schlaf überleben? Wie überwinde ich meine Höhenangst? Und wie viel Nazi steckt in mir? Spannende Fragen, aber wer hat schon Lust, all das selbst auszuprobieren? – Kein Problem, denn Reporterin Daniela Schmidt stellt sich alle zwei Wochen einer neuen Herausforderung und nimmt euch mit, wenn Wissenschaft ihr Leben zum Abenteuer macht! Literatur: Ingo Balderjahn: Lust auf Verzicht, gekom Verlag 2024 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Nur eine Mahlzeit am Tag, und die darf kein Fleisch, keine Milchprodukte und keine Eier enthalten. Ganz schön karg! Doch die Mönche des Mittelalters kannten ihre Tricks, um die strengen Fastengebote vor Ostern zu umgehen. Sie ließen sich Fische, Biber, Truthähne und anderes Geflügel umso reichlicher schmecken. Mit der Begründung: laut Schöpfungsbericht hätte Gott die Fische und Vögel nicht am selben Tag erschaffen wie „die Tiere auf dem Lande“, die klassischen Bratenlieferanten Schwein oder Rind, die ja wohl mit dem Begriff „Fleisch“ gemeint waren. Man kann die listigen Klosterbrüder schon verstehen. Verzichten „zu müssen“ fällt dem Menschen einfach schwer, sagt der Konsumforscher Ingo Balderjahn. O-TON 01: (Balderjahn) „Der Mensch verzichtet nicht gerne. Der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften von 2002, das ist der Daniel Kahneman, der hat das sehr gut herausgearbeitet. Seine Theorie heißt „prospect Theory“, dass das Wesen des Menschen schon ist, dass der Mensch eine Verlustaversion hat. Das stellt sich in Studien sehr stark da. Also Verluste sollen vermieden werden, auf die Zukunft hingeschoben werden, Verluste schmerzen und führen zu emotionaler Betroffenheit.“ MUSIK Opposing forces M00537747 101 0.47 SPRECHERIN: Abzuspecken und etwas Wohlstand aufzugeben, wird logischerweise als Einschränkung empfunden. Man stellt sein Konsumverhalten deshalb auch nicht ständig in Frage. Schließlich trinken andere Leute ebenfalls Alkohol, obwohl er als ungesund gilt, oder machen Kreuzfahrten, obwohl man sie aus Umweltgründen vielleicht besser sein lassen sollte. So tickt der Mensch. Er vergleicht und hat insgeheim Angst, meint Ingo Balderjahn. Angst, etwas her- oder aufgeben zu müssen. Zu kurz zu kommen, drauf zu zahlen. O-TON 02: (Balderjahn) „Man möchte auf Deubel-komm-heraus den Wohlstand und den jetzigen Status, oftmals sind ja auch andere Dinge damit verbunden, Macht und Ansehen. Oder das Schlimmste ist ja, was Menschen sich vorstellen können, sozial abzusteigen. O-TON 02: (Balderjahn) Sie müssen, was weiß ich, ihren Ferrari da vor der Tür wieder verkaufen oder so was, das geht ganz emotional an die Substanz.“ SPRECHERIN: Auch wenn es „nur“ um materielle Dinge geht. Aber was heißt „nur“? Für die mittelalterlichen Mönche waren die strengen Fastengebote oft eine weitere Zumutung im harten Kampf ums Überleben, wenn Ernten ausfielen oder Krieg herrschte. Die Angst vor dem leeren Teller, die Angst vor dem Nichts hat schlicht biologische Ursachen. Nur so lässt sich der fast schon reflexhafte Widerstand erklären, etwa wenn einem von der Politik „jetzt auch noch“ die freie Fahrt auf Autobahnen genommen werden soll. Bloß nicht darben, bloß nicht verzichten müssen. Der Kampf gegen aufgezwungene Askese geht bereits mit der Geburt los, sagt die Psychoanalytikerin Angela (Anschela) Mauss-Hanke: MUSIK Unfolding feelings Z9356382 032 0.32 O-TON 03: (Mauss-Hanke) „Im Mutterleib geht ja alles von selber. Es gibt auch noch keine Bedürfnisse nach irgendetwas, weil das Atmen, das Essen ist einfach ein Ineinander, was von selber funktioniert. So, und dann flutschen wir da durch und kommen auf die Welt. Und warum finden wir es normal, dass jedes Baby schreit, wenn es auf die Welt kommt? Weil: es ist zum Schreien. Nix ist mehr von selber. MUSIK Frames of motion Z93582 002 0.37 O-TON 03: (Mauss-Hanke) Ne, es muss plötzlich aktiv atmen. Das Essen ist nicht immer von selber da, und von Anfang an ist eigentlich das Leben eine Übung im Verzicht darauf, dass Bedürfnisse sofort und unmittelbar befriedigt werden. Und das ist ein ganz langwieriger Lernprozess.“ SPRECHERIN: Erwachsen zu werden, bedeutet aus psychoanalytischer Sicht: das innere Lustprinzip, das alle Wünsche erfüllt haben will, und zwar flott, mit dem äußeren Realitätsprinzip in Einklang zu bringen. Denn die totale Bedürfnisbefriedigung ist auf Erden leider unmöglich. Man kann selbstverständlich trotzdem Größenfantasien und Anspruchsdenken pflegen - nach dem Motto: „Es muss für mich Kaffee aus dem Vollautomaten sein. Sonst ist die Laune im Eimer.“ Aber wir kommen als mehr oder weniger soziale Wesen nicht umhin, laufend ureigene Triebe, Wünsche und Ziele aufzuschieben, umzulenken oder zu ignorieren. Sonst gäbe es nur noch Hauen und Stechen und das Wehklagen wäre groß. Je nach Erziehung, Persönlichkeit und Einflüssen gelingt die notwendige Selbstregulation mal besser, mal schlechter. MUSIK Unfolding feelings Z9356382 032 0.18 O-TON 04: (Mauss-Hanke) „Gehen wir noch mal ganz zurück. Das Baby hat Hunger und schreit, das weiß noch nicht, ich werde nicht sterben, wenn ich jetzt eine Minute warte oder 5 Minuten. Das muss es wirklich durch Erfahrung lernen und je befriedigender oder je unproblematischer, unkomplizierter die Erfahrungen sind, desto leichter lässt sich das auch lernen. Je mehr ich mich darauf verlassen kann, naja, ich muss ein bisschen Geduld haben. Und dann kommt das schon. Dann kann ich auch besser Geduld haben. Wenn es aber unsicher ist, wenn ich nicht weiß: oh, kriege ich jetzt was, kriege ich nix. Wie lange muss ich warten? In so einer unsicheren Bindung, dann wird es auch schwer zu verzichten.“ (oben) MUSIK Sunnylands Z8034859 109 0.33 SPRECHERIN: Der amerikanische Psychologe Walter Mischel (Betonung auf der zweiten Silbe) führte von 1968 bis 74 an der Stanford University ein Experiment durch, das unter dem Namen Marshmallow-Test berühmt und seither vielfach (auch mit Tieren) wiederholt wurde. Vierjährige Kinder wurden damals vor die Wahl gestellt: sie könnten sofort ein Marshmallow essen. Wenn sie es jedoch schafften, eine Weile zu warten, bekämen sie ein weiteres süßes Schaumstück dazu. O-TON 05: The Marshmallow Test (youtube.com) bei 0:26 Kurz frei, dann drunter: MUSIK Sunnylands Z8034859 109 0.44 SPRECHERIN: Videoaufnahmen, die auch im Internet zu finden sind, zeigen, wie die Jungen und Mädchen mit sich ringen und zum Teil den Kampf um ihre Selbstbeherrschung verlieren. Über Jahre hinweg überprüfte Walter Mischel, wie sich die Kinder, die Standhaften und die Verführbaren, jeweils kognitiv und sozial weiterentwickelten. Sein Ergebnis: Kinder, die warten konnten beziehungsweise darauf vertrauten, dass sie die versprochene Belohnung erhalten werden, zeigten später auch beim Lernen oder in anderen Stresssituation mehr Frustrationstoleranz als die, die fast schon reflexhaft nach dem Marshmallow griffen. Das wirkt einleuchtend. Doch Wünsche aufzuschieben ist letztlich leichter als sie komplett aufzugeben. Was zum Beispiel beim Thema Umweltschutz eigentlich viel öfter angezeigt wäre, meint der Konsumforscher Ingo Balderjahn. Etwa ein konsequentes Nein zum neuesten Elektronikteil. Denn: O-TON 06: (Balderjahn) „Ob ich mir jetzt nun ein Smartphone kaufe oder in einer Woche, ist dem Klima höchstwahrscheinlich egal.“ SPRECHERIN: Aber wirklich ganz darauf verzichten ohne irgendeine Belohnung? Schwierig. Religionen vertrösten ihre Gläubigen ja gern auf ein Paradies im Jenseits, in das sie eintreten werden, wenn sie sich an alle Regeln halten. Aber nehmen wir einmal an, jemand entscheidet sich, aus Umweltgründen auf den Flug nach Thailand oder die Autofahrt in die Provence zu verzichten, und reist stattdessen mit der Bahn ans andere Ende Deutschlands. In überfüllten, verspäteten Zügen unterwegs zu sein, ist kein Vergnügen. Wie sieht hier – bitte schön - die Gratifikation aus? O-TON 07: (Balderjahn) „Das Gute, was man tun kann, um den Klimawandel zu verhindern, kommt ja auch später, in zehn, 20, 30 Jahren.“ SPRECHERIN: Aber wer weiß das schon so genau! Prognosen sind keine Versprechen. MUSIK Jolly Stroll Z8036179 120 0.44 SPRECHERIN: Der Begriff des Verzichts stammt aus der mittelalterlichen Rechtssprache. Wer einen Rechtsanspruch aufgab, übte Verzicht oder Verzeihung, wie man noch bis ins 18. Jahrhundert gleichbedeutend sagen konnte. Man entsagte oder verzichtete, um eine Schuld auszugleichen und die gegnerische Partei zufrieden zu stellen. Deshalb liegt bis heute das „Um zu“ so nahe. Man verzichtet auf Kohlehydrate oder Fett, um abzunehmen. Man spart Geld, um den Kindern etwas schenken zu können. Man verzichtet auf einen Seitensprung, um die Ehe nicht zu gefährden. Wenn sich nun aber kein einleuchtender Grund fürs Knapsen, keine „gefühlte“ Not-Wendigkeit finden lässt? Dann kauft man sich eben zweimal im Jahr neue Klamotten oder gönnt sich den One-Night-Stand. Verzicht braucht schon ein gewisses Maß an innerer Zustimmung, bestätigt die Psychologin Angela Mauss-Hanke. Sonst funktioniert der Deal nicht gut: O-TON 08: (Mauss-Hanke) „Wenn ich von außen gesagt bekomme: du, das wäre für uns alle besser, wenn du darauf verzichtet. Und ich denke darüber nach, also meine Vernunft, vielleicht auch sogar mein Einfühlungsvermögen sieht das dann ein, dass das besser wäre. Und ich bin dann vielleicht sogar ein sozialer Mensch, der es auch nicht unwichtig findet, dass es den anderen auch gut geht, dann fällt mir der Verzicht natürlich viel leichter, als wenn das Wichtigste ist, dass ich meine Wünsche, meine Triebe befriedigt kriege.“ MUSIK Frames of motion 2 Z9356382 002 0.42 O-TON 09: (Balderjahn) „Was braucht es für einen Verzicht? Verantwortung, Verantwortung übernehmen. Der Mensch muss sagen: okay, ich bin auch daran beteiligt, dass sich die Erde aufheizt, also nur mal gesagt: mit jedem Euro, den wir ausgeben, circa 150 Gramm Treibhausgase, also wir sind alle daran beteiligt. Und wenn der Einzelne für sich auch die Verantwortung sieht, ich bin verantwortlich dafür, dann kann sich daraus schon eine Bereitschaft ergeben, etwas auch zum Klimaschutz zu tun. Nur, in einer Studie der Europäischen Union, Eurobarometer heißt das, da sagen zwei Drittel der Europäer, sie fühlen sich für den Klimaschutz nicht verantwortlich, und diese zwei Drittel fallen mit dieser Haltung erstmal komplett raus. Die machen nichts.“ SPRECHERIN: Niemand hat gern ein schlechtes Gewissen. Auch wenn Menschen mittlerweile so etwas wie Flugscham empfinden können, geflogen wird trotzdem in gigantischem Ausmaß. Ein weiterer Feind des Verzichts ist nämlich die Bequemlichkeit. Verzicht zu üben, bedeutet, eine Komfortzone zu verlassen. Wer sein Gewicht reduzieren will, muss die Ernährung umstellen und auf die gewohnte abendliche Wurstplatte verzichten. Man muss sich aufraffen und dann vor allem dranbleiben. Der Wille ist gefragt. Und der Wille braucht gute Argumente. Sonst fällt er dem inneren Schweinehund zum Opfer. Selbstoptimierung kann ein starkes Motiv sein: ach ja, besser aussehen, gesünder sein! Dafür darbt man noch relativ gern. O-TON 10: (Mauss-Hanke) „Aber der Verzicht, sagen wir mal, auf Flugreisen eben zu verzichten, weil mir der Klimawandel bewusst ist, dass es eine viel schwierigere Forderung und das braucht schon wirklich viel Vernunft, viel abstraktes Einfühlungsvermögen in die nächste Generation. Und vor allen Dingen auch die Erkenntnis oder die Meinung kann man ja auch sagen, dass das was nutzen kann, wenn ich als Einzelner da etwas anders mache. Und das ist auch verständlich. Wenn ich in eine Millionenstadt komme, dann frage ich mich auch: warum soll ich hier irgendwie den Müll trennen und das dann trotzdem durchzuhalten, das braucht wirklich viel Vernunft, auch gedankliche Geduld vielleicht. Und da muss man dann eben sehen, wie kann man das für sich selber aufrechnen, dass man dann verzichtet.“ SPRECHERIN: Die Regale in unseren Supermärkten sind voll. Lieferdienste bringen Waren bis an die Haustür. Vom USB-Stick bis zum Plantschbecken, von der Pizza bis zum Modeschmuck – fast alles kann man heute ruckzuck im Internet bestellen. MUSIK All in one app Z8033488 114 1.15 SPRECHERIN Die Versuchungen sind groß. Wir leben in einer Überflussgesellschaft. Immer noch. Außer es gibt Probleme mit den Lieferketten, und das Klopapier wird rationiert. Dann bricht Panik aus. Normalität bedeutet hierzulande, dass alles immer verfügbar ist, jetzt auch in Bio-Qualität. O-TON 11: (Balderjahn) „Es ist natürlich das, dass insbesondere von der Wirtschaft, von der Werbewirtschaft, vom Marketing Anreize gesetzt werden für bestimmte konsumintensive Verhaltensweisen. Und da sich kein Mensch von der Werbung wirklich entziehen kann, Werbung hat immer Wirkung. Wir brauchen nur einmal eine Marke zu sehen, und schon kriegen wir die aus dem Gehirn nicht mehr gelöscht. Also, da sind so Antreiber, Konsumantreiber. Und wir werden ja auch groß in einer Gesellschaft und leben in einer Gesellschaft, jetzt sage ich mal hier in Deutschland, die sehr, sehr konsumorientiert ist.“ SPRECHERIN: Anregende Reize aus unzähligen Kanälen triggern den suchtmäßigen Konsum. Der Staat versucht durchaus, mit Kampagnen, Gebühren und Werbeverboten gegenzusteuern. Im Grunde aber bleibt es jedem und jeder Einzelnen überlassen, dem kapitalistischen Prinzip des „Höher, weiter, schneller, mehr!“ die Stirn bieten. Aber nur 15 Prozent der Deutschen schaffen es, konsequent weniger Geld für ihren Konsum auszugeben, als sie könnten, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Ingo Balderjahn. Von anderen Ländern gar nicht zu reden. O-TON 12: (Balderjahn) „Wir konsumieren tatsächlich viel zu viel. Wir ruinieren die Erde, da gibt es Zahlen. Wir verbrauchen die Fläche von 1,7 Erden, damit wir unsere Konsumbedürfnisse befriedigen können, aber diese Komma sieben, diese drei Viertel, die haben wir nicht. Das heißt, wir plündern, und wir heizen auch mit diesem maßlosen Konsum das Klima auf. Und das ist das Problem, wovor wir stehen.“ SPRECHERIN: Die große Frage lautet: Wie lässt sich der Mensch zum Verzichten und Sparen motivieren? Wie lässt sich der maßlose Konsum reduzieren? Darauf läuft es ja hinaus. Trotz neuer energieeffizienter Technologien und nachhaltigerer Produktionsweisen. Was zu viel ist, ist zu viel. Die apokalyptischen Bilder aus aller Welt sprechen eine deutliche Sprache: MUSIK Geiger involved Z8024281 104 0.42 SPRECHERIN Sturzfluten, Bergrutsche, schmelzende Gletscher, Wirbelstürme, brennende Wälder... O-TON 13: (Greta Thunberg W0507488 101) „We should panic!... out of our comfort zones!“ OT 13 kurz frei, dann drüber: SPRECHERIN: „We should panic!“ und „I want you to panic“, sagte die Fridays-for-Future-Aktivistin Greta Thunberg immer wieder in ihren Reden und erntete dafür Kritik. Panikmache bringt nämlich gar nichts, um die Menschen zum Umdenken zu bewegen. Im Gegenteil. O-TON 14: (Balderjahn) „Man sollte nie, und das machen viele Umweltaktivisten falsch, nie den Horror an die Wand malen. Horror mögen Menschen nicht und sortieren das gleich aus. Damit setzen sie sich nicht auseinander. Deswegen funktionieren ja auch diese Horrorbilder auf diesen Zigarettenpackungen nicht mehr.“ SPRECHERIN: Man gewöhnt sich an den Schrecken. Oder steckt den Kopf in den Sand. Wird schon nicht so schlimm sein. Auch wenn das Meer so warm ist wie noch nie und die Korallenriffe sterben. Hauptsache Urlaub. Die moderne Lebensweise erschöpft auch die emotionalen Ressourcen. Jedem und jeder scheint hier alles immer offenzustehen: die persönliche Selbstverwirklichung, der Neuanfang mit 80, dieses haben, jenes machen oder werden zu können. Das kann stressen. MUSIK Sunnylands Quintett Z8034859 110 0.38 SPRECHERIN: Die Entwicklung liegt nahe: Zum Wellnesskurzurlaub gehört heute meist auch „digital detox“, der vorübergehende Verzicht auf digitale Medien und Endgeräte. Individuelle kleine Verzichtsübungen sind „in“, kleine Rettungs- oder Heilungsversuche, private Challenges, deren Verlauf gern in sozialen Netzwerken gepostet wird: Wie lange schaffe ich es, ohne Zucker, Weizen, Ablenkung, weiß nicht was, zu leben? Und ganz wichtig: wie fühle ich mich dabei? Eigentlich gar nicht so schlecht. Überraschenderweise. Studien, die Ingo Balderjahn an der Uni Potsdam durchgeführt hat, brachten ähnliche Ergebnisse: O-TON 15: (Balderjahn) „Wir haben Personen verglichen, die freiwillig verzichten und einen einfacheren Konsum und Lebensstil haben, mit anderen, die voll drauflos konsumieren. Und wir stellen fest: die, die freiwillig verzichten, die empfinden das nicht als Opfer oder als Verlust, sondern eher als Zugewinn an Unabhängigkeit und an Selbstbestimmung, Autonomie, also in der Tendenz sogar stellt sich heraus, dass Menschen, die einfacher leben, nicht alles auf den Kopf hauen, glücklicher sind als die anderen, die in diesem Konsumturbo stecken.“ SPRECHERIN: Das Gefühl von Selbstdisziplin und Selbstwirksamkeit, nicht so getrieben und abhängig zu sein, tut offenbar gut. 70 Prozent der Deutschen wären – laut einer Studie des Bonner Briq-Instituts - rein theoretisch sogar dazu bereit, grundsätzlich kürzer zu treten, ihre Altgeräte zum Recyceln zu bringen, Kleidung second hand zu kaufen, öfters das Fahrrad zu benutzen und so weiter. Doch rechnen sie paradoxerweise nicht damit, dass sich ihre Mitmenschen auch dazu bewegen ließen. Also wagen sie sich nicht aus der Deckung. Wenn aber alle mitmachen würden, dann wäre etwa der Verzicht auf Fleisch oder Flüge „normal“. Gruppendruck und soziale Kontrolle spielen eine Riesenrolle, bestätigt die Psychoanalytikerin Angela Mauss-Hanke. O-TON 16: (Mauss-Hanke) „In großen Gruppen ist das ja häufig so, in Sekten zum Beispiel, es gibt ne Ideologie: wir sollten das und das tun oder was weiß ich, vegan leben. Und dann hilft es natürlich sehr, wenn man dann eine Ideologie hat, an die sich alle halten. Das heißt, da gibt der Einzelne seinen Moralkodex ab an das, was in der Gruppe sozusagen „in“ ist, und hält sich dann daran. MUSIK All in one app Z8033488 114 0.55 O-TON 16: (Mauss-Hanke) Ne, da muss ich nicht mehr überlegen, finde ich das richtig oder falsch, sondern ich tue das einfach und der Gewinn, die Zustimmung durch die Gruppe, das ist schon nicht zu unterschätzen.“ SPRECHERIN: Alkoholfreie Getränke liegen heute voll im Trend. Aber autoritär von oben lässt sich ein generelles Bier- und Wein-Trink-Verbot in unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft kaum durchsetzen. Anders gesagt: der Zeitgeist müsste sich ändern, weg vom materiellen Denken hin zu einer besseren Moral und mehr sozialem Denken. Ohne Zwang. Der Konsumforscher Ingo Balderjahn hat 2024 ein Sachbuch mit dem Titel „Lust auf Verzicht“ veröffentlicht, um die wissenschaftlich belegten positiven Seiten der freiwilligen Beschränkung publik zu machen. Nach dem Motto: „Weniger ist tatsächlich mehr“. O-TON 17: (Balderjahn) „Da gibt es Parallelstudien, die von anderen Kolleginnen und Kollegen betrieben werden, die zeigen, dass je mehr Geld jemand hat, desto relativ weniger spendet er oder sie für gute Zwecke. Daraus ist es auch erkennbar: die Leute, die relativ wenig haben, spenden in Relation dazu zu dem, was sie haben, relativ viel und sind auch viel leichter bereit, etwas abzugeben mit anderen zu teilen.“ MUSIK Jolly stroll Z8036179 120 1.14 SPRECHERIN: Genug zum Leben zu haben, ist wichtig. Aber die Frage: brauche ich das wirklich? verneinen zu können, schafft offenbar Freiräume und reduziert Ohnmachtsgefühle. Warum nicht auch mal einen Probelauf starten, um einen klitzekleinen Beitrag zur Rettung der Welt zu leisten? Wenn irgendein Verzicht dann doch ein bisschen hart erscheint, kann man sich ja zum Trost die Bedingungen der menschlichen Existenz vor Augen halten. Verzicht zu üben, gehört nicht ohne Grund zum Standardprogramm aller Religionen. Wer sich bewusst auf wesentlich Erscheinendes konzentriert, lernt nämlich Abschied zu nehmen. Vielleicht auch von den Illusionen, die unsere Gesellschaft so gerne pflegt: O-TON 18: (Mauss-Hanke) „Das Leben ist immer ein Verzicht. Wir gehen auf den Tod zu, und wir müssen diese begrenzte Zeit irgendwie füllen. Wir werden niemals all das, was wir gerne tun würden, all das, was wir gerne hätten, erreichen, niemals. Wir kommen aus dem Verzichten nicht raus.“

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