Krankheitsfaktor Stress - Auf den Spuren eines Phänomens
21.12.2023 · 22 Min.
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Stress gilt als Ursache für viele körperliche Leiden: Für das Magengeschwür, die Krebserkrankung, für Burn-Out genauso wie für Herzinfarkt. Aber Stress als Auslöser für Krankheiten ist kein neuer Ansatz. (BR 2013) Autorin: Monika Dollinger
Credits
Autorin dieser Folge: Monika Dollinger
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Thomas Loibl, Hemma Michel
Technik: Susanne Harasim, Claudia Wanschura
Redaktion: Nicole Ruchlak
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- Der kleine Liebling der Elite - Schoßhunde im Wandel der Zeit
21.12.2023 · 24 Min.
'Schoßhunde‘, heute auch Gesellschaftshunde genannt, haben eine lange Geschichte. Sie wurden rein zur Freude und Unterhaltung des Adels und der Königshäuser gezüchtet und waren nicht selten kostbare Statussymbole. Heute sind sie beliebte Begleithunde, ideal geeignet für ein Leben in der Stadt. Autorin: Fiona Rachel Fischer Credits Autorin dieser Folge: Fiona Rachel Fischer Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Rahel Comtesse, Thomas Birnstiel, Katja Schild Technik: Klemens Kamp Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Dr. Seán Williams (historischer Berater dieser Folge), School of Languages and Cultures an der University of Sheffield; Dr. phil. Kelsey Granger, Sinologin, Gastwissenschaftlerin an der Ludwig-Maximilians-Universität Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Als das Tier zum Freund wurde - Geschichte des Haustieres JETZT ANHÖREN Qualzucht - Tierleid für menschliche Bedürfnisse JETZT ANHÖREN Tiere verstehen? - Zwischen Deutung und Forschung JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Seán Williams: „Dogged by controversy – our relationship with canines through the ages“, in: The Guardian (2. April 2023): EXTERNER LINK | https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2023/apr/02/dogged-by-controversy-our-relationship-with-canines-through-the-ages (zuletzt abgerufen am 17.10.2023). Kelsey Granger: „The History of (Lap)dogs in China“, in: www.royalasiaticsociety.org (veröffentlicht 2023): EXTERNER LINK | https://royalasiaticsociety.org/the-history-of-lapdogs-in-china-post-by-2023-staunton-prize-winner-dr-kelsey-granger/ (zuletzt abgerufen am 17.10.2023). Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo: Hund SPRECHER: Manchmal passen sie in Handtaschen. SPRECHERIN: Manchmal schieben wir sie in kinderwagenähnlichen Gefährten herum. SPRECHER: Manchmal schmücken wir sie mit Schleifchen und Mäntelchen. SPRECHERIN: Man mische eine Mini-Prise Wolf mit ganz viel Niedlichkeit und … herauskommt: SPRECHER: Der Schoßhund! SPRECHERIN: Der kleine Liebling der Elite. Atmo: freudiges Bellen hecheln, Pfiff, Jagdgeräusche … SPRECHERIN: Moment mal! Zuallererst einmal sind Hunde wehrhafte Jäger! SPRECHER: Stimmt! Und genau an diesem Punkt beginnt die Jahrtausende alte Beziehung zwischen dem Menschen und dem Vorfahren des Hundes, dem Wolf. Es gibt verschiedene Hypothesen dazu, wie die ersten Annäherungen aussahen. Vielleicht überließ der omnivore Homo Sapiens in einer kalten Eiszeitnacht dem karnivoren Wolf das für ihn schlecht verdauliche proteinreiche, magere Fleisch und band ihn so an sich. Vielleicht zog er bewusst kleine Wolfsjunge auf oder rettete verletzte Tiere, um sie für die Jagd trainieren zu können. SPRECHERIN: Fest steht: Der Kontakt wurde immer enger. Schon vor 19.000 bis 32.000 Jahren haben im prähistorischen Europa Menschen mit den angehenden Hunden zusammengearbeitet, wie eine Forschungsgruppe an der Universität Turku in Finnland per Genanalyse festgestellt hat. Die Tiere unterstützten die Jäger und warnten vor Gefahren. Dafür bekamen sie ihren Anteil von der erlegten Beute. Die Annäherung des Wolfes an den Menschen, seine Zähmung und die Entwicklung zum Hund – das ist eine Geschichte der Urzeit. SPRECHER: Im Laufe der jahrhundertelangen Nähe zum Hund, fängt der Mensch an, den Hund nach seinen Bedürfnissen zu formen und gewisse Eigenschaften in ihm zu fördern, die ihm nützlich erscheinen. Größe, Fellbeschaffenheit, Farbe und Charakter. Der Mensch macht sich die Instinkte und Fähigkeiten des Hundes zu Nutze und setzt ihn bei der Jagd, zum Bewachen und zum Beschützen ein. SPRECHERIN: Mit der Weiterentwicklung der menschlichen Gesellschaft kommt jedoch noch ein anderer Aspekt hinzu: Eine wohlhabende Oberschicht mit viel Prestigebedürfnis und Zeit kann Hunde nun auch rein zum Vergnügen halten. Solche Hunde haben keine andere Aufgabe, als nett auszusehen und ihre Besitzerin oder ihren Besitzer zu begleiten. O-TON 1 - Kesley Granger [There´s has been a lot of theories raised] OV weiblich Es gibt viele Theorien darüber, warum Menschen Schoßhunde und andere Haustiere halten, denn es existieren widersprüchliche Vorstellungen darüber, ob der Grund dafür beim Tier oder beim Menschen liegt. Ob es sich also um das angeborene Verlangen des Menschen handelt, ein soziales Wesen zu sein, und ob wir als Ausdruck dessen Haustiere halten oder ob es an der Art und Weise liegt, wie das Tier aussieht. Eine bekannte Theorie besagt, dass viele Haustiere oft sehr große Augen, sehr große Ohren und sehr große Köpfe haben – wie ein Baby. Und dieses Aussehen der Tiere, diese Ähnlichkeit mit menschlichen Babys, weckt in uns den Wunsch, das Tier als Haustier zu halten. SPRECHER: Dr. Kelsey Granger, Sinologin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München mit Forschungsschwerpunkt auf Haustierhaltung in China, insbesondere von Schoßhunden. SPRECHERIN: Der Begriff Schoßhund umfasst alle Hunderassen, die klein und dem Menschen gegenüber freundlich sind. SPRECHER: …. die der Mensch nur zu seinem eigenen Amüsement gezüchtet hat. SPRECHERIN: Wie Malteser, Pekingese, Mops. … und einige mehr … O-TON 2 - Seán Williams Als Tiere sind Schoßhunde natürlich sehr interaktiv. Das heißt, wir behandeln sie immer mehr eigentlich als Menschen. Wir betrachten Sie auch als unsere Freunde. Andererseits sehen sie nicht wie Menschen aus, das heißt, es liegt dann in diesem Tier, vor allem in diesem Haustier, eine Ambiguität. SPRECHERIN: Der Historiker Seán Williams von der School of Languages and Cultures an der Universität in Sheffield. Williams hat sich im Rahmen seiner Forschungen zur deutschen und europäischen Kulturgeschichte mit dem Schoßhund in der Moderne beschäftigt. SPRECHER: Bereits im Alten Rom sind kleine Schoßhunde bekannt und äußerst beliebt. Sie werden verwöhnt, liebkost und manchmal neben ihren Besitzern bestattet, wie Skelettfunde belegen. SPRECHERIN: Im Jahr 2021 untersuchten Wissenschaftler die Überreste eines Hundes aus dem Jahr 169 vor Christus, die im Grab seines Besitzers gefunden wurden, und fanden heraus: das Tier war klein, die Zähne nicht von der Jagd abgenutzt und es muss dem Grabritus nach eine enge Verbindung zu seinem Besitzer gehabt haben. Doch nicht nur das. Es handelt sich auch um eine sehr frühe Züchtung mit sehr kurzer Schnauze, wie wir es später von Möpsen und Bulldoggen kennen. SPRECHER: Offensichtlich gab es also bereits im antiken Rom Züchtungen, die rein auf das Vergnügen der wohlhabenderen Menschen abzielten. SPRECHERIN: In China, einem Land das später für seine Schoßhunde bekannt sein wird, finden sich erst einige hundert Jahre später die ersten Hinweise auf eine solche Hundehaltung. O-TON 3 – Kelsey Granger [The first discernible lapdogs we see entered] OV weiblich Die ersten erkennbaren Schoßhunde kamen im Jahr 624 nach Christus als politisches Geschenk ins Land. Und sie wurden von dem Seidenstraßenstaat Turfan geschickt. […] Wir wissen also, dass sie von weit her kamen und recht plötzlich in China ankamen. Vor diesem politischen Geschenk gab es keine Beispiele für Schoßhündchen. SPRECHERIN: Zur Zeit der Tang-Kaiserdynastie, die vom 7. bis zum 10. Jahrhundert an der Macht ist, reißt sich alles, was Geld und Namen hat, um die neuen Haustiere. Zuvor dienten Hunde nie zur reinen Unterhaltung, jetzt sind sie plötzlich die neuen Lieblinge der Elite. SPRECHER: Reguliert wird die Haltung dieser speziellen Hunde nicht und auch über jegliche Sicherheitsbefürchtungen sind sie erhaben. Denn während die normalen ‚Arbeitshunde‘ bei den Zeitgenossen der Tang-Dynastie immer wieder Sorge über Tollwut auslösen und Warnschilder vor beißenden Hunden aufgestellt werden müssen, leben Schoßhunde in einem goldenen Käfig - sozusagen in Quarantäne. Denn sie sind vor allem die Haustiere einer spezifischen Gruppe: SPRECHERIN: Den besser gestellten Frauen, die in einem ganz eigenen, abgeschotteten Reich leben. O-TON 4 (vorher 5) – Kelsey Granger [We know elite women were keeping the lapdogs] OV weiblich Wir wissen, dass Frauen der Elite Schoßhunde hielten. Ob andere Frauen ebenfalls solche Hunde hielten, ist nicht klar, aber es steht fest, dass es grundsätzlich überwiegend Frauen waren, die Schoßhunde hielten, was schon ungewöhnlich ist. Wir haben viele verschiedene Kulturgüter, die sich mit Schoßhunden befassen, wir haben Gedichte, wir haben Gemälde, wir haben Geschichten. Es wurden zuvor noch nie Hunde mit Frauen oder Kindern dargestellt. SPRECHER: Die Frauen der chinesischen Elite entwickeln eine enge emotionale Verbindung zu ihren Hündchen. Die Damen putzen ihre Lieblinge genauso heraus wie sich selbst – mit Parfüm und Schleifchen. SPRECHERIN: Diese Verbindung zwischen der adeligen Frau und ihrem Schoßhund geht sogar über den Tod hinaus, wie die bewegende Geschichte von Madame Lu und ihrem geliebten Schoßhund Huazi – Fleckchen – zeigt. Eines Tages verschwindet das Hündchen und verunglückt tödlich - kurz darauf stirbt auch Madame Lu. SPRECHER: Möglicherweise aus Trauer. SPRECHERIN: Als sie in die Unterwelt kommt, wird ihr offenbart: Sie sei zu früh gestorben und darf für weitere 12 Jahre in ihr Leben zurückkehren. Auf dem Weg zum Land der Lebenden begegnet sie einer wunderschönen jungen Frau. „Erkennst du mich denn nicht?“, fragt diese. „Ich bin Huazi, dein Hündchen.“ Zum Dank für Madame Lus Güte habe sie ihrer ehemaligen Herrin geholfen, dem verfrühten Tod zu entkommen. Mit einem magischen Zahlendreher macht Huazi aus den 12 noch verbleibenden Lebensjahren nun sogar 21 – im Gegenzug soll ihre ehemalige Herrin die Leiche ihres Hundes suchen und begraben. Madame Lu tut, wie ihr geheißen - und bestattet Huazis Gebeine mit den Grabriten eines Kindes. SPRECHER: So will es eine Erzählung aus der Taiping guangji-Sammlung, die halb wahre und halb erfundene Geschichten beinhaltet und Ende des 10. Jahrhunderts fertiggestellt wurde. Sowohl Madame Lu als auch der Ort, an dem Huazis Leiche gefunden wird, sind real. Der Teil mit der Unterwelt, … nun ja. SPRECHERIN: Was diese Geschichte zeigt, ist jedoch unbestreitbar: Die adeligen Frauen des frühen Chinas hatten eine intime, geradezu freundschaftliche Beziehung zu ihren Schoßhunden. Eine Verbindung, die Anlass zu Fantasien gibt. O-TON 5 (vorher 6) – Kelsey Granger [For men, lapdogs and women went together as one image] OV weiblich Für Männer bildeten Schoßhündchen und Frauen ein Bild. Es gibt viele Gedichte über Frauen, in denen es oft um Frauen geht, aber eben nicht direkt. In diesen Gedichten sprechen Männer über die weiblichen Bereiche des Hauses, die für sie unzugänglich waren, es sei denn, sie gingen dorthin, um eine Frau zu verführen. So bellen Schoßhündchen, wenn ein Liebhaber am Tor ankommt, ein Schoßhündchen schläft am Fußende eines Bettes, wenn Frischvermählte ihre Hochzeit vollziehen, ein Schoßhündchen ist als Begleiter für einsame Palastfrauen da, die nicht die Gunst des Kaisers hatten. Die Schoßhündchen dienen den Männern sehr wohl als Symbol für alle weiblichen Räume, aber auch als eine Art Parallele zur Frau. SPRECHER: Lange Zeit bleiben Schoßhunde eine Sache der Elite, des Adels, der Königshäuser – auch im mittelalterlichen und neuzeitlichen Europa. Die Schönen und Reichen lieben ihre Haustiere. Hunde auf Gemälden in goldenen Galerien sind keine Seltenheit. SPRECHERIN: Ende des 18. Jahrhunderts wird die romantische Idee eines Haustiers jedoch langsam zum Massenphänomen. Atmo Maschinen Es ist die Zeit der Industrialisierung, die Zeit von Fabriken und Urbanisierung. SPRECHERIN: Für viele Bürger sind Haustiere eine letzte Bastion der Natur in der Großstadt. Und zugleich schick, denn immerhin war das Haustierhalten bisher eine Sache des Adels. Ein Statussymbol. SPRECHER: In Großbritannien, in Frankreich und im deutschsprachigen Raum werden Schoßhunde immer mehr zu Familienmitgliedern, über alle sozialen Klassen hinweg. SPRECHERIN: Schoßhunde kommen immer mehr in Mode. Es beginnt ein wahrer Hype um die Haltung - und um die verschiedenen Rassen, denen bestimmte Charakteristika zugeschrieben werden. SPRECHER: Mit den Schoßhund-Rassen jedoch ist das so eine Sache. Manche ursprünglichen Jagdhunde, wie der Pudel, werden auch als nicht arbeitende Haushunde gehalten. Und bei den richtigen Schoßhunden, die ohne eine bestimmte Funktionsfähigkeit gezüchtet worden sind, sind die Rassen oft nur schwer auf ihren Zuchtursprung zurückzuverfolgen. Wie zum Beispiel beim Mops, der chinesische Vorfahren hat. Doch die frühe chinesische Hundezucht ist in den historischen Quellen nur schwer zu greifen: OV weiblich: Das ist also das wirklich Schwierige an Rassen, denn heute sprechen wir natürlich von Rassen, sprechen wir vom Mops und vom Pekingesen. Das Problem ist, dass in den Quellen nicht von Möpsen und Pekingesen die Rede ist, sondern nur von Hunden, sodass es wirklich schwierig ist, bestimmte Arten zu unterscheiden. Ich glaube nicht, dass es eine sehr klare Abgrenzung zwischen Möpsen und Pekingesen sowie Shih Tzus und all diesen anderen Hunderassen gab. Sie sahen wahrscheinlich nicht einmal so verschieden aus, wie sie es heute tun. Heute unterscheiden sie sich aufgrund der Rassestandards und der Differenzierung der Rassen, das ist eine moderne Erfindung. SPRECHERIN: Im Europa des 19. Jahrhunderts aber ist gerade die Rasse der Hunde zu einem Statussymbol geworden. Der Mops beispielsweise steht beinahe sinnbildlich für die schicken Gesellschaften aus vergangenen Zeiten: Im 18. Jahrhundert gibt es Mops-Gesellschaften, dekorative Mopsfigürchen, Mops-Mythen … SPRECHERIN: … Sogar eine freimaurerische Gesellschaft namens ‚Mopsorden‘ soll ab 1740 für ein paar Jahre in Frankreich existieren, mit Logen im deutschsprachigen Raum und Großmöpsen an der Spitze der Vereinigung. Hier kommt dann wieder eine Mopsfigur ins Spiel, die als Initialisierungsritus auf den Allerwertesten geküsst werden muss. SPRECHER: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts werden Hunde - und vor allem auch Schoßhunde - als Haustiere in Europa immer beliebter. Das schafft zunehmend auch Probleme, da gerade bei ausgesetzten Straßenhunden die damals grassierende Tollwut zur Bedrohung für den Menschen wird. Das damals gängige Erschießen der streunenden Hunde ist eine Herangehensweise, die mit einem großen Aufschrei aus der hundeliebenden Bevölkerung beantwortet wird. SPRECHERIN: Nach der Französischen Revolution kommt im deutschsprachigen Raum außerdem die Sorge auf, dass mit den Immigranten auch ihre Hunde in Massen aus dem Nachbargebiet übersiedeln. In Frankreich sind die Schoßhunde ein Symbol des alten aristokratischen Regimes und wecken Erinnerungen an Marie Antoinettes Luxushündchen. Den vielen Schoßhunden, die dieser Trend mit sich gebracht hat, muss man nun Herr werden und sucht nach Möglichkeiten, die Haltung zu regulieren. Aus Großbritannien kommt schließlich die Idee der Hundesteuer, die sich schnell weiterverbreitet. Auch Krankenhäuser zur Pflege von erkrankten Haustieren entstehen, um den Lieblingen ein langes und gesundes Leben zu ermöglichen. Ein Produkt des aufklärerischen Feingefühls. SPRECHER: Doch zurück in das Land, das in dieser Zeit in Europa berühmt werden wird für seine Schoßhündchen - nach China! 1860, während des zweiten Opiumkrieges, wird der Sommerpalast in China von britischen und französischen Truppen geplündert und zerstört. Dort finden die Soldaten etwas, was zu einem wichtigen Raubgut wird: Schoßhunde. O-TON 8 (vorher 10) – KELSEY GRANGER [And captain John Hartdone discovers a small dog] OV weiblich Kapitän John Hartdone entdeckt im französischen Lager einen kleinen Hund, der aus diesem Palast gestohlen wurde, und schmuggelt ihn den ganzen Weg zurück nach England. Anscheinend hat er in seinem Hut geschlafen. Und der Kapitän präsentiert diesen kleinen Hund Königin Victoria, die ihn „Looty“ nennt, wörtlich „Beute“ oder „Diebesgut“. Sie behält diesen kleinen Hund. Und das ist der Beginn dieses Pekingesen-Hypes. SPRECHERIN: So wird eine chinesische Schoßhunderasse zur imperialistischen Trophäe der westlichen Mächte. SPRECHER: Pekingesen sind der Qing-Dynastie, die schon seit dem 17. Jahrhundert herrscht, die liebsten Hunde. Angehörige des Hofes berichten von hunderten dieser Schoßhunde, die nur feinstes Futter bekommen und von eigenen Eunuchen bewacht werden. Sie werden in Käfigen durch die Palastgänge gefahren, damit ihre Pfoten den Boden nicht berühren müssen. SPRECHERIN: Das alles endet während des zweiten Opiumkrieges mit den einmarschierenden Truppen aus Europa. SPRECHER: Fünf weitere Pekingesen werden schließlich in den Ruinen des zerstörten Sommerpalastes gefunden und nach England gebracht. Ihre kaiserliche Herkunft macht sie zum perfekten Souvenir aus dem verlorenen alten China, das schon lange in Europa romantisiert wird. O-TON 9 (vorher 11) – KELSEY GRANGER [The problem is especially in China] OV weiblich: Das Problem besteht insbesondere in China darin, dass wir scheinbar zwei unterschiedliche Zeiträume für die Schoßhund Haltung haben. Wir haben diesen Trend in der Tang-Dynastie, wo Frauen die Schoßhunde lieben und Kinder mit ihnen spielen. Und dann verschwinden diese Haustiere irgendwie und wir verlieren sie für Jahrhunderte aus den Augen. Doch dann tauchen sie im späten 18. Jahrhundert am Hof der Kaiserinwitwe Cixi wieder auf. SPRECHER: Dennoch verfassen zahlreiche europäische Hundeliebhaber Historien, in denen sie die Geschichte verschiedener Schoßhunderassen jahrhundertelang zurückverfolgen. Denn was ist wertvoller als kaiserliche Hunde aus China? SPRECHERIN: Kaiserliche Hunde aus China mit einer langen Ahnenreihe. SPRECHER: Und die wenigen Hunde, die Ende des 19. Jahrhunderts nach Europa gelangen, sind der Grundstock für die Zucht der exotischen Hunde aus China. Bis sie eine völlig eigene Rasse sind – die Pekingesen wie wir sie heute kennen. SPRECHERIN: Mit dem Ersten Weltkrieg im 20. Jahrhundert brechen ein katastrophaler Krieg und ein Umsturz nach dem anderen über Menschen und Hunde gleichermaßen herein. Die Situation vieler Menschen verändert sich. Der Wohlstand, der die Haltung von Schoßhunden bedingt, bröckelt. SPRECHER: Hinzu kommt, dass Prestigedenken und das Bedürfnis nach Statussymbolen vielerorts von sozialistischen Werten verdrängt werden. In der Sowjetunion gibt es kein Verständnis für Schoßhunde und Haustiere im Allgemeinen mehr; sie gelten nur noch als überflüssige Fresser, die nichts für ihren eigenen Lebensunterhalt beitragen. Und auch in China ändert sich die Situation für die kleinen Hunde grundlegend: Im Maoismus stehen Schoßhunde für das alte China, aus dessen Fesseln man sich befreien will. SPRECHERIN: Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs lassen in Großbritannien tausende Londoner ihre Lieblinge töten, um sie vorsorglich vor dem kommenden Kriegsleid zu bewahren. Den Schrecken des Fliegeralarms und hungernde Hunde zwischen zerbombten Häusern, diesen Gedanken können viele Besitzer nicht ertragen. Auch in der entbehrungsreichen Nachkriegszeit, können viele Menschen ihre Vierbeiner beim Aufbau der zertrümmerten Städte nicht mehr gebrauchen. Erst mit dem Aufschwung nach der Nachkriegszeit können es sich immer mehr Menschen wieder leisten, einen Hund als häuslichen Gefährten zu halten. SPRECHER: Und es entstehen neue Trends und Moden bei den Haushunden: ein kleiner Hund, der ursprünglich rein zur Jagd und nicht als Schoßhund gezüchtet wurde, erobert die Herzen der Menschen und ist aus Großstädten wie München oder Berlin und nicht mehr wegzudenken: der Dackel. Atmo Dackel O-TON 10 (vorher 12) – SEÁN WILLIAMS: Dann im zwanzigsten Jahrhundert war das eine Erfolgsgeschichte, dass der Dachshund dann Pop wurde und dann mit Andy Warhol und alle anderen, Adele hat auch einen Dackel, dass der Dackel dann irgendwie poppig wurde und ein Bild vom harmlosen, coolen Deutschland, dass man dann so Hipster werden kann aus Berlin mit einem Dackel. SPRECHERIN: Heute ist der Hund mit etwa 10 Millionen Tieren ein äußerst beliebtes Haustier in Deutschland. Viele ehemalige Jagdhunderassen finden Eingang in das Herz der Familie und werden als „Gesellschaftshunde“ gehalten. Auch wenn sie vielleicht nicht besonders klein, besonders kuschelig oder besonders süß sind. SPRECHER: Seit einigen Jahren gibt es aber eine bedenkliche Entwicklung, was die Zucht gerade von Schoßhunden betrifft: in Form und Größe werden sie immer mehr verändert – was zu zahlreichen gesundheitlichen Problemen führt. Ein relativ neuer Zuchttrend ist der sogenannte ‚Teacup-Hund‘, der, wie der Name schon sagt, mit seinen gerade einmal 20 Zentimetern Größe in eine Teetasse passen soll. SPRECHERIN: Zu kurze, platte Schnauzen wie bei Mops und Französischer Bulldogge führen zu gravierenden Atemproblemen; Herzfehler verkürzen das Leben von so manchem überzüchteten Schoßhund. Heute gibt es dazu Verbote und Regulierungen: Seit ein paar Jahren ist es beispielsweise in den Niederlanden verboten, Hunde zu züchten, deren Schnauze kürzer als ein Drittel des Kopfes ist. SPRECHER: Der Schoßhund hat eine lange, wechselhafte Geschichte. Auch heute ist er Moden unterworfen, auch heute ist er oft Ausdruck luxuriösen Lebensstils und doch ist er für zahlreiche Menschen ein treuer Begleiter in guten wie in schlechten und einsamen Zeiten. Das Bedürfnis des Menschen nach tierischer Nähe hat sich auch in der Corona-Pandemie gezeigt. Zwischen Homeoffice, Lockdown und Kurzarbeit werden in Deutschland im ersten Pandemiejahr 2020 25 Prozent mehr Hunde als im Vorjahr registriert. Dass nur kurze Zeit nach diesem Hype die Tierheime voller denn je waren … ist eine andere Geschichte. ATMO Bellen / Kinderlachen SPRECHERIN: Eine Sache der Elite sind Schoßhunde schon lange nicht mehr. Im Gegenteil! Kleine Hunde sind oft gut geeignet für ein Leben in der Stadt, sind je nach Rasse ideale Spielgefährten für Kinder und Begleiter für ältere Menschen – doch sie sind trotz ihres oft niedlichen Aussehens und ihrer Größe vor allem eins: Hunde, die ein artgerechtes Leben mit ausrechender Bewegung und Beschäftigung brauchen. ATMO: Kläffen kleiner Hund
- Liselotte von der Pfalz - Ungeschminktes aus Versailles
19.12.2023 · 23 Min.
Die Heiratspolitik hat Liselotte von der Pfalz an den Hof von Versailles verschlagen. Über das Leben am Hof von Sonnenkönig Ludwig verfasste sie Zehntausende von heute noch berührenden Briefen an ihre deutsche Verwandtschaft. (BR 2016) Autorin: Prisca Straub Credits Autorin dieser Folge: Prisca Straub Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Ruth Geiersberger, Axel Wostry, Rahel Comtesse Technik: Roland Böhm Redaktion: Petra Hermann-Boeck Im Interview: Prof. Dr. Helen Watanabe-O’Kelly, Kulturwissenschaftlerin, Universität Oxford. Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Bei Straßburg, an der Grenze zu Frankreich: Eine prächtige Kutsche hält. An Bord - eine hemmungslos heulende Prinzessin. Denn jetzt heißt es Abschied nehmen. Elisabeth Charlotte, genannt Liselotte von der Pfalz, sagt ihrem Vater Lebewohl. Sie wird Kurfürst Karl I. Ludwig und ihre gesamte Familie nie wieder sehen. SPRECHERIN Es ist ein herzergreifender Novembertag im Jahr 1671. Die 19-jährige Liselotte ist auf dem Weg nach Frankreich - zu ihrer Trauung: Sie ist an den Hof des Sonnenkönigs verheiratet worden. Und ihr zukünftiger Mann ist kein Geringerer als der Bruder von Ludwig XIV. MUSIK SPRECHER Wie bei politisch arrangierten Hochzeiten üblich, sind sich die Eheleute bisher kein einziges Mal begegnet. Der Heiratsvertrag? Längst unterschrieben! Und ein Ergebnis zäher Verhandlungen: Denn die Pfalz ist ein kleines, von politischen Großmächten umringtes Land. Die Prinzessin aus Heidelberg nach Versailles zu verheiraten - noch dazu für eine vergleichsweise bescheidene Mitgift - das ist ein Kabinettstück der absolutistischen Diplomatie. MUSIK ENDE O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Sie war aus politischen Gründen eine gute Partie. Geld war nicht groß da. Sie heiratete den Bruder von Ludwig XIV., Philippe d'Orléans, und er hätte eigentlich eine höherstehende Prinzessin heiraten können. Aber Ludwig XIV. hatte ein Auge auf die Pfalz. Die er dann auch nachher tatsächlich erobert hatte. Aber aus politischen Gründen war sie ihm angenehm. SPRECHERIN Professor Helen Watanabe-O’Kelly ist Kulturwissenschaftlerin. Sie lehrt deutsche Literatur in Oxford. Ihr Spezialgebiet: 'Marrying Cultures'. Dabei geht es um adlige Hochzeitskulturen im europäischen Vergleich. SPRECHER Liselotte, die blondgelockte Prinzessin, ist also eine attraktive Bündnispartnerin. Dank der brisanten geografischen Lage der Pfalz als Pufferstaat zwischen Frankreich und den deutschen Fürstentümern. Doch nicht nur das: Ludwig XIV. will seinen verwitweten, jüngeren Bruder Philipp so schnell wie möglich wieder verheiratetet sehen. Der 30-jährige Prinz hat nämlich noch eine wichtige Aufgabe zu erfüllen: O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Man muss auch sagen, dass der Herzog von Orléans, also der Mann von Liselotte, der war schon Witwer. Der hatte Töchter gezeugt, keinen Sohn. Er brauchte einen Sohn. Er brauchte eine also Ehefrau, um einen Sohn zu haben. (lacht) Und er war schwul! Also es war nicht zu erwarten, dass er 18 Kinder in die Welt setzt. MUSIK SPRECHERIN: Die Staatsraison hat also entschieden. Da helfen jetzt auch keine Tränen! So überquert die Kutsche die Grenze nach Frankreich - Liselotte verliert ihr Land, ihren Hof, ihre Vertrauten - und ihren Glauben. Denn die Prinzessin muss sogar zum Katholizismus übertreten. Schmerzvoll für die Calvinistin, doch auch darauf kann das Arrangement keine Rücksicht nehmen. Helen Watanabe-O’Kelly: MUSIK ENDE O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Sie war dazu da, um der Dynastie ihres Ehemannes ihren Körper zur Verfügung zu stellen. Das war ihre Hauptpflicht und bestand darin, männliche Erben auf die Welt zu bringen. Sie wusste das von klein auf. Sie hoffte auch, dass das vielleicht kein brutaler Trinker wäre oder eben ein Mann - 50 Jahre älter! Aber andere Gründe wogen dann immer schwerer. MUSIK SPRECHER Auf den ersten Blick kann Liselotte sich glücklich schätzen: Der Herzog von Orléans ist nur gut zehn Jahre älter als sie selbst - und steht durchaus nicht im Ruf, ein Grobian zu sein. Im Gegenteil: SPRECHERIN Der kleine, rundliche Mann, der so hohe Schuhe trägt, dass er wie auf Stelzen läuft, ist liebenswürdig und elegant. Herausgeputzt mit Schminke, Puder, Armbändern und Schleifen … SPRECHER Und Philippes Homosexualität? MUSIK ENDE O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Sie hat das mit Sicherheit nicht gewusst. Ich weiß auch nicht, ob ihr Vater das gewusst hat. Es scheint, dass es sie auch nicht so sehr gestört hatte – also die Homosexualität an sich. MUSIK ZITATORIN Er hat zwar keine Neigung zu Frauen. Aber wir vertragen uns gar wohl! SPRECHER Ein anderes Mal klagt sie allerdings: ZITATORIN Monsieurs Leben finde ich so übel nicht, nur ist ihm nichts zu teuer für die Burschen! MUSIK ENDE O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Was sie sehr gestört hatte, das war, war, dass ihr Mann seine Liebhaber viel höher schätzte als er sie schätzte - und ihnen unglaubliche Summen geschenkt hatte: Juwelen und, und, und – alles Mögliche. SPRECHER Trotzdem unterm Strich: O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Die ersten zehn Jahre oder so, die waren gar nicht so schlimm. SPRECHER Bald stellt sich nämlich ein Arrangement ein, mit dem Liselotte glänzend zurecht kommt: O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Madame, wie sie immer am französischen Hof genannt wurde, war dankbar, dass sie nicht mehr mit ihm schlafen musste, nachdem sie drei Kinder auf die Welt gebracht hatte. Der Ehemann hat zu ihr gesagt: 'Wollen wir jetzt nicht 'lit à part', also, getrennte Betten, getrennte Schlafzimmer? Und sie sagte sich: 'Gott sei Dank!' Sex genießen war für die arme Madame gar nicht drin! Es kann sein, mit einem ganz anderen Mann wäre das für sie anders gewesen. SPRECHERIN Ein eigener Liebhaber? Undenkbar für Liselotte! Nach der Königin ist sie als Schwägerin von Ludwig XIV. die zweite Frau im Königreich. Also, es bleibt dabei: Nach drei Kindern - getrennte Schlafzimmer. Mit 25 Jahren. MUSIK ZITATORIN Wenn man Jungfer wieder kann werden, nachdem man in neunzehn Jahren nicht bei sein Mann geschlafen hat, so bin ich es gar gewiss wieder. SPRECHER Monsieur und Madame gehen auch tagsüber zumeist getrennte Wege: SPRECHERIN Er liebt rauschende Feste, sie das Reiten. Er hat eine Schwäche für Juwelen, sie für die Jagd. Er mag Musik, Tanz und ganz besonders das Glücksspiel, sie ihre Bibliothek und Spaziergänge bei jedem Wetter. Die prunkvollen Toiletten ihres Gemahls sind so gar nicht nach Liselottes Geschmack. Sie scheut sogar den Aufwand, sich Locken drehen lassen. Macht aber nichts, sagt Helen Watanabe-O’Kelly: MUSIK ENDE O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Die Vorstellungen damals von Liebe zwischen Mann und Frau waren anders: Gegenseitig Respekt, gegenseitig durchaus Zuneigung. Und man hatte auch nicht so sehr getrennt zwischen öffentlich und privat. Das ist auch eine Sache vom Ende des 18. ins 19. Jh. Die private, intime Sphäre und die öffentliche Sphäre, nein! Das war eigentlich alles öffentlich: Man gebar seine Kinder öffentlich. Am Hof von Ludwig XIV. beim Lever: Er stand auf, zog sein Nachthemd aus, stand nackt da, bekam dann seine Kleidungsstücke gereicht, hat sich angezogen. Ich glaube, wenn man Ludwig XIV. gefragt hätte: 'Ja, privat, was machen Sie privat?' Hätte er gesagt: 'Privat? Ich bin da, um gesehen zu werden!' MUSIK SPRECHER Ludwig XIV. findet Gefallen an der pfälzischen Außenseiterin, die sagt, was sie denkt, laut in der Messe lacht und sich kategorisch weigert, von den Leibärzten des Königs zur Ader gelassen zu werden. Die neue Madame mit ihrem lebhaften Wesen und dem erfrischenden Witz bringt Schwung in die stickigen Appartements. SPRECHERIN Es sind glänzende Jahre am Hof von Versailles - Molière führt seine Komödien auf, Racine seine Tragödien. Lully schwingt den Taktstock und täglich wird eine Oper aufgeführt - oder zumindest ein Cembalo-Konzert. SPRECHER Liselotte führt ein aufregendes, aber auch ein streng reglementiertes Leben. Ihr bleibt nicht das Geringste verborgen: Weder die Amouren ihres eigenen Mannes, noch die des Königs: Mit Madame de Montespan, seiner offiziellen Mätresse, hat der König acht Kinder! Und all die unzähligen Geliebten und Favoritinnen - sogar von Liselottes Ehrenjungfern kann der König nicht die Finger lassen. Doch Liselotte ist diplomatisch und klug genug, sich niemals einzumischen. MUSIK ENDE O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Ein Hof, das war ein absoluter Hexenkessel von Geflüster. Alle haben alles gewusst, sofort! Also dass man etwas hätte geheim hätte halten können, das wäre sehr, sehr schwierig gewesen. Ludwig XIV. hat sie offensichtlich gemocht. Und sie kamen sehr gut miteinander aus. Und das war ein großes Glück für sie, dass so ein wichtiger Mensch, um den der ganze Hof kreiste, dass er sie mochte und sie eigentlich auch beschützte. MUSIK ZITATORIN Ich gehe fast alle Tage mit dem König auf die Jagd. Und vorgestern hat er mir ein über die Maßen schönes Pferd verehret. SPRECHERIN Bei einem Unfall auf einem Ausritt kümmert sich der König sogar höchstpersönlich um Liselottes Blessuren: ZITATORIN Der König war selber der erste bey mir, so bleich wie der Todt. Und ob ich ihm versicherte, dass mir gar kein Wehe gethan undt nicht auf den Kopff gefallen were, so hatt er doch keine Ruhe gehabt, biss er mir selber den Kopff auff alle Seitten visirt undt endtlich funden, dass ich ihm wahr gesagt hatte. Hatt mich selber hir in mein Cammer geführt undt ist noch etlich Zeitt bey mir blieben, umb zu sehen, ob ich auffs wenigst nicht taumblich were. SPRECHER Ihre ersten zehn Jahre bei Hofe - bis etwa 1680 - im Rückblick werden sie Liselottes beste und heiterste Jahre gewesen sein. SPRECHERIN Woher die Nachwelt so genau Bescheid weiß (MUSIK ENDE)? Die deutsche Prinzessin am Hof des Sonnenkönigs führt eine ausführliche Korrespondenz. Schon in jungen Jahren ist Liselotte (MUSIK) eine eifrige Briefeschreiberin. Doch was sie als ältere und schließlich als alte Dame täglich zu Papier bringt, stellt alles in den Schatten: SPRECHER Liselotte schreibt von morgens bis abends. In ihrer großen, etwas ungelenken Schrift füllt sie Seite um Seite - und schläft nicht selten über ihrem Briefpapier ein. Rund 60.000 Briefe hat sie verfasst - erhalten geblieben ist davon rund ein Zehntel. MUSIK ENDE O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Die Fürstin hatte erstmals viele zeremonielle Briefe zu schreiben. Man gratulierte zu Geburtstagen, zu Namenstagen, zur Genesung von Krankheiten, zu Hochzeiten. Man hat Kondolenzbriefe geschrieben, das gehörte dazu. Und man hat geschrieben an Personen, die man nie kennengelernt hatte. Und dann gab es dann mehr so persönliche Briefe an Menschen, die man wirklich kannte. An Personen aus der näheren Familie. Also für Liselotte war das mit Sicherheit ein Ventil. Heutzutage hätte sie vielleicht wahnsinnig viel telefoniert. Manchmal sagt sie, also sie schreibt sie in einem Brief, sie hat angefangen: 'Oh ich muss jetzt weg, weil grade Abendessen ist!' Und dann kommt sie zurück und sagt: 'So, das war das Abendessen, ich schreibe jetzt weiter!' (lacht) Das war wie: 'Ich ruf Dich in einer halben Stunde an!'. Und das war wirklich ein Ventil für Emotionen, für Gefühle. MUSIK SPRECHERIN Denn Liselotte ist einsam. Inzwischen muss man sagen. Denn nach 1680 sind ihre Aktien gefallen. Ihr Stern ist am Sinken. Ein Grund dafür: Die zahlreichen Günstlinge ihres Gatten haben begriffen, wie viel leichter es ist, Monsieur auszunehmen, wenn man den Einfluss von Madame beschneidet. Und das tun sie. Ganz gezielt. SPRECHER In offenherzigen und immer öfter auch verdrießlich und scharfzüngigen Briefen beschwert sich Liselotte über die "Cabale", deren Opfer sie jetzt wird. Verleumdung, Intrigen und Lügen bringen ihre exklusive Position beim König ins Wanken. Man macht sich lustig über ihre Kleidung, ihren Akzent. Ihr Ehemann, der Herzog, unternimmt nichts, um das Geschwätz zu stoppen. ZITATORIN Die Cabale macht mir so viele Runzeln, dass ich das ganze Gesicht voll davon habe! SPRECHER Die Intrigen sind ein Dauerthema. ZITATORIN Trost habe ich von nöthen, denn Ich bin wider so leünisch wie ein alter Hundt! SPRECHER Und dann auch das noch! Liselotte begeht den Fehler ihres Lebens: MUSIK ENDE SPRECHERIN Nach dem Tod der Königin im Jahr 1683 sagt Ludwig XIV. sich endgültig los von Madame de Montespan. Die neue Favoritin heißt Madame de Maintenon. Die stets in Schwarz gekleidete Erzieherin seiner Kinder wird seine letzte offizielle Maitresse und sogar heimliche Ehefrau. Die skandalöse, weil ungleiche Verbindung sorgt für Kopfschütteln in ganz Europa. Doch für Liselotte ist die höfische Karriere von Madame de Maintenton schlimmer als alle blutsaugenden Günstlinge Monsieurs zusammen. Die Oxforder Kulturwissenschaftlerin Helen Watanabe-O’Kelly: O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Eine Bürgerliche! Unmöglich für Liselotte! Eine bürgerliche Witwe, die Witwe Scarron, die Hofmeisterin seiner unehelichen Kinder war, und die dann zu seiner zweiten Ehefrau wurde! Und wenn Liselotte nur hätte über ihren eigenen Schatten springen können und sagen können: 'Ist mir egal, dass sie eine Bürgerliche ist! Sie ist eigentlich eine gute Lebensgefährtin für den König!', und hätte die Maintenon zu ihrer Freundin gemacht, die zweite Hälfte ihres Lebens wäre ganz anders gewesen! Aber das konnte sie nicht. MUSIK ZITATORIN Dieser Mausdreck! Der Teufel in der Hölle könnte nicht schlimmer sein! MUSIK ENDE O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Wie sie über sie redet, das ist doch furchtbar! Zottel und Vettel und Hexe und Sack! Wirklich geschimpft - und hat sie regelrecht gehasst. Und das einzige, was eine Prinzessin hatte, war ihre Geburt, ihr Geblüt. Das haben die alle gehütet wie der Schatz, den sie überhaupt hatten. Man hat die Heimat verloren. Man hat den Vater, die Mutter nie wieder gesehen, den Bruder wahrscheinlich auch nicht. Man durfte Personal von zu Hause also ganz wenig mitnehmen. Man war in einer fremden Umgebung, hat eine fremde Sprache gesprochen. Und das einzige, was man selber hatte, was man nicht wegnehmen konnte, das war: 'Ich bin geboren als die und die und die!' Für Liselotte: 'Ich bin die Enkelin von der Winterkönigin! Ich bin aus der Sippe des englischen Königshauses! Ich bin verwandt mit …!' Und dann kommt diese Bürgerliche! SPRECHER Wäre sie ein politischer Kopf gewesen, Liselotte hätte sich wohl ganz anders verhalten. MUSIK SPRECHERIN Ganz besonders unangenehm für Liselotte wird es, als man sie damit konfrontiert, dass ihre Briefe abgefangen werden. MUSIK ENDE O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Häufig hat man auch Briefe geschrieben an eine Cousine, im sicheren Wissen - und das war auch gewollt - dass diese Briefe vorgelesen wurden im Kreis der Freundinnen, im Kreis der vielleicht Damen, Hofdamen dieser Cousine. Aber es gab dann das sogenannte schwarze Kabinett, 'le cabinet noir', wie Bundesnachrichtendienst. also man hat die Briefe sorgfältig aufgemacht, und den Siegellack schmelzen lassen und konnte das alles lesen, kopieren und dann wieder zumachen und dann dem Adressaten zustellen. Also ich weiß nicht, inwiefern sie wirklich bewusst war, dass der König sehr gut unterrichtet ist, wie sie schreibt über zum Beispiel Madame de Maintenon. MUSIK SPRECHER Liselottes Schmach ist perfekt, als Madame de Maintenon die pikantesten Verwünschungen aus ihren Briefen öffentlich zum Besten gibt. Es kommt zu einer tränenreichen Aussprache: Liselotte muss sich bei der verabscheuungswürdigen Bürgerlichen entschuldigen. SPRECHERIN So herrscht Waffenstillstand bis zum Tod Ludwigs im Jahr 1715. Doch Freundinnen werden die beiden Frauen nie. Als die Maintenon vier Jahre später ebenfalls stirbt, macht Liselotte keinen Hehl aus ihrer Genugtuung: ZITATORIN Die alte Schrump ist verreckt! SPRECHER Doch bevor sie diese Prüfung überstanden hat, muss Liselotte eine noch viel ärgere Qual überstehen: Nach dem Tod ihres Vaters und Bruders lässt Ludwig XIV. zu den Waffen greifen: 1688 wird das Land ihrer Kindheit zerstört. ZITATORIN Niedergebrannt mit Stumpf und Stiel. SPRECHERIN Die Verwüstungen, die die französische Armee in der rheinischen Pfalz anrichtet, sind verheerend. Das Heidelberger Schloss wird in die Luft gejagt, das Land - systematisch dem Erdboden gleichgemacht. SPRECHER Liselotte kann nichts unternehmen, um ihren Landsleuten zur Hilfe zu eilen. Im Gegenteil: Seine Ansprüche auf die Pfalz begründet der König ausgerechnet mit seiner Verwandtschaft zu ihr. ZITATORIN Ich bin sozusagen meines Vaterlands Untergang! MUSIK ENDE O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Das war für sie ein furchtbares Schicksal! Dass ihr Land, ihre geliebte Pfalz - Heidelberg liebte sie so sehr! - dass das zerstört wird, und zwar von dem Hof, an dem sie war! Aber diese geteilten Loyalitäten, das hatten sehr viele fürstliche Gemahlinnen. Also die eigene Dynastie lag einem am Herzen, und man musste sich identifizieren mit der Dynastie des Ehemanns. Und das war manchmal sehr schwierig! MUSIK SPRECHERIN Als 1701 ihr Ehemann stirbt, ist Liselottes Schicksal mal wieder ungewiss. Wohin soll sie sich wenden? Etwa zurück in die Pfalz? MUSIK ENDE O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Das Schloss in Heidelberg? Ruinen! Das war unglaublich! Mannheim! Der Krieg hatte so gewütet! Und man muss auch denken, sie war gar nicht wohlhabend auch. O.k., Ludwig XIV. hat sie dann gerettet. Ganz wichtig für jede fürstliche Gemahlin war der Heiratskontrakt. Der Ehevertrag. Da wurde festgelegt, was die Mitgift war. Und die Mitgift wurde dann investiert, um diese Zeit als Witwe zu finanzieren. Und bei ihr war das alles, alles gar nicht so genau. Und dann natürlich hat ihr Ehemann Unsummen verschlungen. Weggeben an seine Geliebten. Und es gab eine Zeit, wo sie wirklich gefürchtet hatte, arm zu sein. Und Ludwig XIV. hat ihr geholfen und dann ihr Sohn. Aber wohin hätte sie gehen können? Sie wollte auch nicht in ein Kloster. Das war auch ein Vorschlag. Nachdem sie Witwe wurde, und da hat sie gesagt: 'Also ich geh doch nicht in ein Kloster!' Das wäre für sie auch der lebende Tod gewesen. MUSIK SPRECHER Liselotte bleibt also am französischen Hof bis an ihr Lebensende - gut 20 Jahre später - 1722 - da ist sie 70 Jahre alt. Sie hat nahezu alle Mitglieder der königlichen Familie überlebt. Und seit Kurzem sind ihre Aktien wieder gestiegen. MUSIK ENDE O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Ludwig XIV. hatte vier Generationen von Nachkommen, die alle vor ihm weggestorben sind. Und dann der kleine Ludwig XV. wurde dann zu seinem Nachfolger. Aber man brauchte einen Regenten, und das war dann der lebende Sohn von Liselotte und von Monsieur, also von dem Herzog von Orléans. MUSIK SPRECHERIN Philipp II. von Orléans wird also Regent für den noch unmündigen König Ludwig XV. Und damit ist Madame, die Mutter des Regenten, plötzlich erste Dame im Staat. Doch Liselotte konnte sich noch nie für Politik begeistern. Und nie war ihr die Staatsraison gleichgültiger als jetzt: ZITATORIN Ich bin alt. Ich habe Ruhe vonnöten. Frauen in meinem Alter knirschen und knarzen an allen Ecken und Enden. Mein Sohn - Gottlob! - hat Verstand, die Sache ohne mich auszuführen. SPRECHER Liselotte wendet sich jetzt ausschließlich ihrer Korrespondenz zu. Manchmal sind es zehn Briefe am Tag. Sie liefert unschätzbare Einblicke in das Alltagsleben des höfischen Absolutismus - die fulminante Briefchronistin hinterlässt ein einmaliges Vermächtnis! Die Oxforder Kulturwissenschaftlerin Helen Watanabe-O’Kelly: O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Unschätzbar! Und das war eine kluge Frau! Früher hat man sie ganz falsch gesehen. Man hat gedacht, ach ja, das ist so ein ungehobeltes Wesen irgendwie aus der deutschen Provinz. Überhaupt nicht so! Was ich an ihr sehr bewundere, das ist dieser Mut: 'Ich gebe nicht auf! Ich habe weiterzuleben, bis Gott mich zu ihm ruft. Das war so die Haltung. Und diese Beharrlichkeit, und diesen Mut und dieses Durchhaltevermögen: also getrennte Ehefrau, Witwe, und dann Mutter des Regenten von Frankreich! Alle sterben vor ihr weg quasi: (lacht) Vater, Bruder, Halbbruder, Karl Lutz, der erste kleine Sohn. Und sie sagt: 'Gottes Wille, ich muss es ertragen!' SPRECHERIN Ertragen konnte sie es, weil sie nicht nur am Hof, sondern auch in der Welt ihrer Korrespondenz leben konnte. Liselotte von der Pfalz ist eine der größten Briefschriftstellerinnen überhaupt und gilt Historikern heute als beste Quelle für Ungeschminktes aus Versailles. ZITATORIN Madame sein, ist ein ellendes [sic!] Handwerk! O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Wenn sie vielleicht eine Bürgerliche gewesen wäre, hätten wir vielleicht eine begnadete Romanschriftstellerin gehabt!
- Bayern zwischen den Kriegen - Von der Boheme zu Barbarei
18.12.2023 · 24 Min.
Mit Rassismus, Antisemitismus und esoterisch-okkulten Ideen vergiften völkische Gruppen schon Anfang des 20. Jahrhunderts die Atmosphäre in München. Sie machen Bayern zum Nährboden für den Aufstieg der Nationalsozialisten. (BR 2021) Autoren: Simon Demmelhuber & Volker Eklhofer Credits Autor/in dieser Folge: Simon Demmelhuber, Volker Eklkofer Regie: Martin Trauner Es sprachen: Thomas Birnstiel, Hemma Michel, Andreas Dirscherl Technik: Monika Gsaenger Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Jörn Retterarth, Institut für Zeitgeschichte München Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: König Ludwig III. - Bayerns letzter König DIESE FOLGE ANHÖREN Vom Zaren zum Sozialismus - Das große Experiment DIESE FOLGE ANHÖREN Die Münchner Räterepublik - Bayern sozialistisch DIESE FOLGE ANHÖREN Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Literaturtipps: Priester, Karin. Rassismus. Eine Sozialgeschichte. Leipzig [Reclam Verlag] 2003. Puschner, Uwe u.a. Hrsg. Handbuch zur völkischen Bewegung. [De Gruyter Saur] 2012. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO: HOCHRUFE, KAISERHYMNE MUSIK: „Heil Dir im Siegeskranz“ - C1002080 005 (0:35) ZITATOR An das deutsche Volk! ATMO: HOCHRUFE, KAISERHYMNE Nachdem die Deutschen Fürsten und freien Städte den Ruf an Uns gerichtet haben, mit Herstellung des Deutschen Reiches die seit mehr denn 60 Jahren ruhende Deutsche Kaiserwürde zu erneuern, bekunden wir hiermit, diesem Rufe Folge zu leisten. ERZÄHLERIN Am 18. Januar 1871 wird Wilhelm I. deutscher Kaiser, die Nation ist geeint. ATMO: HOCHRUFE ERZÄHLER Ein Reich haben sie jetzt, die Deutschen. Aber ein deutsches Volk, sind sie das wirklich? Oder doch nur 25 deutsche Staaten, die ihr Zweckbündnis imperial aufdonnern? ERZÄHLERIN National empfinden die wenigsten der 41 Millionen Reichsbürger. Man ist Untertan eines souveränen Landesherrn, denkt und fühlt regional. Das deutsche Volk? - Muss seine Reichsidentität erst finden. ERZÄHLER Dazu braucht es gemeinsames Erinnern und Erzählen. Ohne ein stets neu inszeniertes kollektives Kulturgedächtnis gibt es kein Nationalbewusstsein. MUSIK „Forgive me“ Z8009312 118 (0:30) und MUSIK „Thannhäuser“ - SC 020840205 (1:00) ERZÄHLERIN Die Suche nach dem Eigenen und Einenden deutscher Identität führt zu den Germanen. Schon die Humanisten hatten die historisch schwer fassbaren Stämme als deutsches Urvolk reklamiert, wobei sie sich auf die Germania des Tacitus beriefen. Zur Zeit der Aufklärung gilt die Vorstellung einer gemeinsamen germanischen Wurzel deutscher und nordischer Völker als ausgemacht; im 19. Jahrhundert schießt sie heftig ins Kraut. Nun weben Germanenkundler aus nordischen Sagen und Göttergeschichten, aus Grabungs- und Textfunden einen Herkunftsmythos. Das junge Reich soll in Sachen Tradition und Bedeutsamkeit auf Augenhöhe mit den Nachbarn gehoben werden. Dass es ein gemeinsames Wurzelvolk aller Deutschen nie gab, was tut's? National begeisterte Fest- und Kanzelreden, Schriften und Schulbücher schmieden dem Reich eine trutzige Vergangenheit. Richard Wagners Opern liefern den Soundtrack des wilhelminischen Germanenkults, Künstler malen, Architekten bauen und Schriftsteller beschwören ihn. MUSIK aus ERZÄHLER Hörnerhelme, Speere, wagalaweia, hoiotoho - das ließe sich wegschmunzeln, wäre da nicht … ERZÄHLERIN … die Verknüpfung des Germanenglaubens mit rassistischem Gedankengut. Erste Versuche, Menschen anhand ihrer Hautfarbe, Schädel- und Ohrenformen in angeblich unterschiedlich wertvolle Rassen zu gliedern, unternimmt die Frühaufklärung. Mitte des 19. Jahrhunderts sind diese Vorstellungen im Bürgertum fest verankert. Menschen werden nun nicht mehr nach ihrer Religion, ihrem Stand, ihrer Herkunft unterschieden, sondern nach ihrem vermeintlich rassischen Potenzial. Das bleibt nicht folgenlos. ERZÄHLER Zwischen 1853 und 1855 legt der Franzose Joseph Arthur de Gobineau ein Werk vor, das die Menschheitsgeschichte als Kampf ungleicher Rassen darstellt. ZITATOR Essai sur l'inégalité des races humaines - Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen ERZÄHLERIN Rasse ist für Gobineau der Schlüssel des Geschichtsverständnisses. Kultur- und zivilisationsschaffend ist für ihn jedoch nur die weiße, arische Rasse, der auch Griechen, Römer und Germanen angehören. Degeneration sei unvermeidlich gewesen, sobald sich arisches Blut mit dem gelber und schwarzer Rassen vermischt habe. Einzig die Germanen hätten ihr Blut bislang rein bewahrt. ERZÄHLER Solche Theorien liebt der politische Zeitgeist! Dem Kolonialismus verschaffen sie die Rechtfertigung für Raub und Unterdrückung; dem deutschen Nationalismus verleihen sie mächtigen Aufwind. ERZÄHLERIN Noch für die Generation, der Schiller und Goethe angehören, ist der Nationalstaat eine befremdliche Vorstellung, die das Dichtergespann spöttisch verwirft: ZITATOR/IN Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens. Bildet, ihr könnt es, dafür freier als Menschen euch aus. ERZÄHLER Doch mit den napoleonischen Kriegen, dem Untergang des Alten Reichs und den Befreiungskämpfen wird der Ruf nach einem wehrhaften Nationalstaat immer lauter. Obwohl die Einheitsbewegung antifranzösisch geprägt ist, bleibt die nationale Idee zunächst vorwiegend bürgerlich-liberal und demokratisch grundiert. Erst im Letzten Viertel des Jahrhunderts erfährt der Nationalismus eine militant-aggressive, im Kern rassistische Übersteigerung. ERZÄHLERIN Aber was löst diese unheilvolle Wendung aus? MUSIK „Paraphrasen“ – R0016380W03 (0:20) ERZÄHLER Eine fatale Weiche stellt die Finanzkrise der 1870er Jahre. Der gemeinsame Sieg, das neue Kaiserreich, fünf Reparationsmilliarden aus Frankreich, all das löst einen überhitzten Gründerboom aus: Tausende neuer Aktiengesellschaften und kreditfinanzierter Unternehmen entstehen, die Kurse steigen, die Umsätze explodieren, alles auf Pump, was kostet die Welt? Im Sommer 1873 ist die Party zu Ende. Erst kollabiert der österreichische Kapitalmarkt, dann wackelt die Berliner Börse. Angst geht um, Geld wird knapp und teuer. Mit dem Konsum sinkt die Produktion, Entlassungen und Lohnkürzungen folgen, Firmen gehen Pleite, zahllose Haushalte sind überschuldet, Offenbarungseide, Selbstmorde, Tragödien häufen sich. MUSIK „Paraphrasen“ – R0016380W03 (0:22) ERZÄHLERIN Wie konnte es so weit kommen? ZITATOR "Die Juden sind unser Unglück!" ERZÄHLER Davon ist nicht nur der Geschichtsprofessor Heinrich von Treitschke überzeugt, diese Ansicht teilen jetzt immer mehr Wutbürger des Kaiserreichs. Antisemitismus gibt es in Deutschland seit Jahrhunderten. Doch was nun passiert, entfesselt rasenden Hass und hysterische Schuldzuweisungen. Den Anfang machen akademische Hetzer wie Treitschke oder der Orientalist Paul de Lagarde. Beide verschmelzen antisemitische Affekte, Krisenängste, Germanenmystik und Rassentheorie. In ihrem Gefolge entsteht ab den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts eine Weltanschauung, die den Volksbegriff grundlegend neu interpretiert - unter Berufung auf Darwins Evolutionstheorie und die Vererbungslehren anderer Forscher. Was diese Sichtweise so folgenschwer macht, erläutert der Historiker Jörn Retterath vom Institut für Zeitgeschichte München: 01 O-Ton Retterath 1 Jetzt kommt hinzu, dass mit den Erkenntnissen der Biologie, mit dem aufkommenden Rassismus, dieses „Volk“ zunehmend biologistisch, rassistisch gedeutet wird. Rassen- und Erblehre sind Anknüpfungspunkte an wissenschaftliche Erkenntnisse, die radikal weitergedacht werden im Sinne einer biologischen Konstruktion von Volk und Nation. ERZÄHLERIN Volk meint jetzt zunehmend Blutgemeinschaft. Weil im Blut die Geistesart, das Wesen und die uralte, ewige Volkseele der Rasse angelegt sei, erzwinge es eine arteigene Organisation des „Volkskörpers“. Diesem zugleich mystischen und konkreten Volk gehört man nicht per Rechtsakt, sondern durch Abstammung an. Werde dieses Bluterbe geschwächt, sei das Verderben des ganzen Volks unausweichlich. MUSIK „Paraphrasen“ – R0016380W03 (0:22) ERZÄHLER Genau das geschehe seit Jahrtausenden, behaupten rassistische Pamphlete: Blutfremde Aggressoren würden das Mark des deutschen Volks zersetzen und seine Vernichtung planen. ZITATOR "Die Juden sind unser Unglück!" ERZÄHLERIN Als blutfremd gelten alle Strömungen der Moderne: Demokratie, Sozialismus, Frauen- und Juden-Emanzipation. All diese vermeintlich undeutschen Tendenzen haben für antisemitische Meinungsmacher nur ein Ziel: die Vernichtung der Volksseele durch einen kalten hebräischen Intellektualismus, artfremde Glaubensformen und den Kult des Hässlichen in der Kunst. ERZÄHLER Rettung liegt für die selbsternannten Bewahrer eines wahrhaft germanischen Volkstums allein im Arteigenen: Deutsche Kunst, Deutsche Wissenschaft, Deutsche Politik, Deutsche Bildung, Deutsches Christentum! ZITATOR Zurück zu den heidnischen Germanen durch Reinigung des Volkskörpers von artfremden Menschen und eine Reinigung der Volksseele von artfremder Religion und Kultur… ERZÄHLERIN …fordert um 1900 der völkische Autor Julius Langbehn und ist damit nicht allein. Die Jahrhundertwende bringt ein unüberschaubares Gefilz von Gruppierungen hervor, die sich als völkisch begreifen und bezeichnen. Die meisten sind kurzlebig, agieren sektenhaft, befehden und spalten sich oder fusionieren. Manche erneuern die Religion, manche nur Kleidung und Kost. Einige verehren Freyja und Wodan, einige wollen Jesus arisieren, andere streben zurück zur gesunden Lebensweise der Ahnen und gründen völkische Siedlungen. Alles, um die germanische Seele aus ihrer zweitausendjährigen Knechtschaft zu lösen. ERZÄHLER Obwohl sie durch Fluten von Zeitschriften, Broschüren, Flugblättern lautstark auf sich aufmerksam machen, eine Massenbewegung sind die Völkischen nicht. Ihr harter Kern wird auf gut 10.000 Aktivisten und etliche zehntausend Anhänger geschätzt. Aber die Strömung ist hoch aktiv, im protestantischen Bürgertum fest verankert und hat ein missionarisches Sendungsbewusstsein. ERZÄHLERIN So widersprüchlich und zersplittert die Streubewegung auch ist, eine Grundüberzeugung teilen alle Gruppen: eine rassistische Volksidee als Kern einer alarmistischen Kultur- und Gesellschaftsanalyse. Die Erzählung vom genetisch angegriffenen Volk liefert Erklärungen und Begründungszusammenhänge für die Krisen und Zerfallssymptome der Gegenwart. Plötzlich scheint diesen Gruppen eine unverständlich gewordene Welt klar durchschaubar, plötzlich macht alles Sinn. Solche völkisch-antisemitischen Deutungsmuster machen das Chaos der Moderne vordergründig beherrschbar, meint Jörg Retterath. 02 O-TON RETTERATH 2 Die Juden werden schon seit dem Mittelalter immer wieder dann zu Sündenböcken gemacht, wenn es zu Krisen kommt, zu gesellschaftlichen Krisen. Und das ist im 19. Jahrhundert nicht anders. Juden werden verantwortlich gemacht für die Wirtschaftskrisen. Dahinter ist auch schon im 19. Jahrhundert eine Verschwörungstheorie zu sehen. Man stellt sich vor, dass die Juden überall dahinterstecken, dass die Juden die Arier, das deutsche Volk, übermannen wollen. ERZÄHLER Um die Jahrhundertwende holen die Völkischen aus zum Rundumschlag gegen den "demokratisierenden, nivellierenden Ungeist des Jahrhunderts", wie sie es nennen. Sie stürmen gegen alles, was der bürgerlichen Kultur das Behagliche und Vertraute austreibt. ZITATOR Die janze Richtung passt uns nicht. ERZÄHLERIN ….poltert Berlins Polizeipräsident Bernhard von Richthofen. Der Kaiser pflichtet bei, das Bürgertum applaudiert. 03 O-TON RETTERATH 3 Diese völkische Bewegung ist eine Bewegung, die sich gegen die Moderne richtet. Es ist eine Rückbesinnung auf das Volk, geht einher mit einer Abschottung, mit einer Abgrenzung und vor allem auch mit einer Unzufriedenheit mit dem Status quo. ERZÄHLER …sagt Jörn Retterath vom Institut für Zeitgeschichte München. ERZÄHLERIN Aus der Menge völkischer Organisationen ragen zwei etwa zeitgleiche Gründungen hervor. 1894 ruft der Journalist Friedrich Lange in Berlin den "Deutschbund" ins Leben, eine entschieden rassistische, vehement antisemitische, antidemokratische und sozialistenfeindliche Bewegung, die rasch Ableger sät. Das Aggressionspotential der Gruppe entlarvt ein Plan, der bereits vor dem Ersten Weltkrieg fordert, was im NS-Staat grausame Wirklichkeit wird: Rassenzucht und Rassensäuberung. ERZÄHLER Die weitaus größte, lauteste und wirksamste völkische Gruppierung des Kaiserreichs ist der 1891 in Berlin gegründete Alldeutsche Verband. Mit dem Kampfruf "Deutschland den Deutschen“ blasen die Radikalnationalisten zur Abwehr der vorgeblichen "jüdischen Gefahr", fordern ein Verbot jüdischer Zuwanderung und den Ausschluss ansässiger Juden von Ämtern und Bürgerrechten. Trotz ihrer zeitweise 50.000 Mitglieder bleiben die Alldeutschen ein elitärer Honoratiorenbund, aber sie nehmen starken Einfluss auf öffentliche Meinungsbildner und politische Entscheidungsträger. ERZÄHLERIN Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts ist die völkische Bewegung vor allem in protestantischen, früh industrialisierten Reichsgebieten aktiv, in den mehrheitlich katholisch und agrarisch geprägten Regionen gewinnt sie zunächst kaum Boden. Das gilt auch für Bayern. Obwohl die Alldeutschen hier bereits vor der Jahrhundertwende vier Ortsgruppen gründen, bleiben sie ein städtisches Phänomen und sind auf dem Land lange als kriegstreibende Stänkerer verschrien. ERZÄHLER Trotzdem ist judenfeindliches Denken auch im Königreich verbreitet. Ende 1891 entsteht in München als erste antisemitische politische Gruppierung der "Deutsch-Soziale Verein“, der sich zwei Jahre später "Antisemitische Volkspartei" nennt. In Franken versucht der "Deutsch-soziale Reform-Verein Nürnberg" judenfeindliche Händler und Handwerker anzusprechen. Noch aber sind die Völkischen in Bayern und vor allem in München eine Randerscheinung, wie Jörg Retterath erklärt: 04 O-TON RETTERATH 4 München ist eine stark katholisch geprägte Stadt, es gibt eine starke Sozialdemokratie, es gibt eine Frauenbewegung, es gibt liberales Denken, das ist wesentlich heterogener als wir vielleicht annehmen können. MUSIK „Isarmärchen“ CD780000 008 (0:55) ERZÄHLERIN Um die Jahrhundertwende gibt sich die Kunstmetropole gemütlich und "leschär". Die Biergärten sind voll, die Ausstellungen üppig, die Konzerte schwungvoll. Der Prinzregent lächelt, Maler- und Dichterfürsten halten Hof, das Bürgertum flaniert und die Avantgardisten der Schwabinger Bohème proben die Zukunft. „Schwabing ist kein Ort, sondern ein Zustand“, …meint die Szene-Literatin Franziska Gräfin zu Reventlow, die sich im Sommer gern nackt in der Isar vergnügt. ERZÄHLER Die guade oide Zeit! Doch unter dem weißblauen Honoratiorenhimmel gärt es. Die Industrialisierung krempelt das Agrarland um, München lockt mit Arbeitsplätzen und verdoppelt zwischen 1883 und 1901 seine Einwohnerzahl von 250.000 auf 500.000 Menschen. In schäbigen Mietskasernen haust dicht gepackt das Elend, der Geldadel residiert in immer prächtigeren Villen. Das soziale Gefüge des Königreichs zerfällt, der Ton wird rauer. 1906 gibt es den ersten Toten bei Arbeiterunruhen. ERZÄHLERIN Selbst im sorglosen Schwabing wachsen Spannungen und Gegensätze: Viele Literaten radikalisieren sich ultralinks, gleichzeitig schwadronieren rechtselitäre Caféhaus-Philosophen von Germanentum und jüdischer Verschwörung. MUSIK „Defiliermarsch“ – Z9366578002 – (0:22) ERZÄHLER Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs vereint die Bayern ein letztes Mal. Am ersten Mobilmachungstag, dem 2. August 1914, jubeln euphorische Massen vor der Münchner Feldherrnhalle. Die Ernüchterung kommt schnell: An den Fronten beginnt das große Sterben, die Heimat leidet unter der von Berlin gesteuerten Kriegswirtschaft. Während Arbeiter und Bauern zunehmend kriegsmüde werden. geben Weltmachtsfantasten aus Adel und Bürgertum schneidige Durchhalteparolen aus. ATMO: MASSENDEMO ERZÄHLERIN Im Herbst 1918 ist der Krieg verloren, rollen Wellen des Aufruhrs durch Deutschland. Demokratie! Frieden! Jetzt! – fordern Demonstranten auch in Bayern. Eine Parlamentsreform soll den Druck aus dem Kessel nehmen. Aber zu spät, mit einer unblutigen Revolution reißt der Linkssozialist Kurt Eisner am 7. November die Macht an sich. Bayern wird Republik, die Monarchie gibt kampflos auf. ERZÄHLER Eisners Coup versetzt die bürgerlichen Kreise in Schockstarre. Damit haben sie nicht gerechnet. ERZÄHLERIN Als eine der ersten Rechtsgruppierungen erwacht die im August 1918 vom Okkultisten Rudolf von Sobottendorf gegründete völkisch-antisemitische Thule-Gesellschaft aus der nachrevolutionären Betäubung. Der militante Orden erklärt der Eisner-Republik den Krieg, er betreibt Propaganda, späht linke Organisationen aus und beteiligt sich an der Gründung paramilitärischer Freikorps. MUSIK 7: STRAWINSKY, GESCHICHTE VOM SOLDATEN, TANZ DES TEUFELS ERZÄHLER Ministerpräsident Eisner, der Sohn eines jüdischen Fabrikanten, gerät unter Druck. Linksradikale Anhänger des Rätesystems und Befürworter der parlamentarischen Demokratie wollen ihre politische Organisationsform durchsetzen. Eisner entscheidet sich für Parlamentswahlen. Am 12. Januar 1919 ist seine USPD der große Verlierer, er entschließt sich zum Rücktritt. Auf dem Weg in den Landtag wird er am 21. Februar von Anton Graf von Arco-Valley erschossen, einem Antisemiten aus dem Dunstkreis der Thule-Gesellschaft. ATMO: SCHUSS, UNRUHE, STIMMENGEWIRR ERZÄHLERIN Eisners Tod hinterlässt ein Machtvakuum. Anarchisten um die Schriftsteller Ernst Toller und Erich Mühsam nutzen die Umstände und rufen am 6. April eine "Räterepublik der Dichter" ins Leben. Nach nur einer Woche werden sie von Kommunisten verdrängt. Angeführt von Eugen Leviné, einem in St. Petersburg geborenen Juden, stellen die neuen Machthaber eine Rote Armee auf und versetzen das Münchner Bürgertum mit willkürlichen Verhaftungen, Hausdurchsuchungen, Plünderungen, Enteignungen und Geiselnahmen in Angst und Schrecken. MUSIK 8: FREIKORPSLIED, STROPHE 2, IN MÜNCHEN ANARCHIE ERZÄHLER Levinés Räterepublik ist chancenlos. Bald erobern Freikorps und Reichswehrtruppen die bayerische Hauptstadt. Dem blutigen Terror der Sieger fallen in den ersten Maitagen Hunderte Menschen zum Opfer. SPRECHERIN Das ist die Stunde der Völkischen! Sie entfesseln einen Propagandasturm gegen Juden und Linke. Umstürzler wie Eisner, Mühsam, Leviné hätten Bayern verraten - jetzt müsse aufgeräumt werden! ERZÄHLER Die Tiraden finden fruchtbaren Boden. Kriegsniederlage, Revolution, und Zwangsmaßnahmen der Roten haben das Bürgertum erbarmungslos gemacht. Eine unverhohlen rechtslastige Justiz verurteilt mehr als 2.000 Frauen und Männer, die revolutionärer Umtriebe beschuldigt werden, zu Haftstrafen. Standgerichte verhängen Todesurteile. Gräueltaten der weißen Truppen bleiben dagegen ungesühnt. sie werden als Retter der Ordnung gefeiert. 05 O-TON RETTERATH 5 Diese Angst im Bürgertum vor dem Kommunismus ist etwas, was vielen in den Knochen steckt und was nun von Seiten der Völkischen für ihre Zwecke verwendet wird. ERZÄHLERIN Waren die Völkischen vor der Revolution kaum breitenwirksam, laufen ihnen nun die Anhänger in Scharen zu: gewaltbereite Ex-Soldaten, zornige Intellektuelle, unzufriedene Beamte und Angestellte, Arbeitslose. Jetzt ist auch Schluss mit dem reinen Theoretisieren, jetzt wird gehandelt – auch mit der Waffe in der Hand. Völkische sickern in Freikorps, Kampfbünde und Einwohnerwehren ein. ERZÄHLER Nach dem Ende der Räterepublik rückt Bayern immer weiter nach rechts. Ministerpräsident Gustav von Kahr ruft 1920 die „Ordnungszelle“ aus und hat keine Skrupel, mit rechten Milizen zusammenzuarbeiten. ((Die von der - eigentlich prodemokratischen - Bayerischen Volkspartei getragenen Staatsregierungen schaffen in den frühen 20er Jahren aus purer Kommunismusangst ein Klima, in dem völkische Bünde gedeihen. Rechtsradikale aus ganz Deutschland, darunter die Mordkommandos der „Organisation Consul“, entdecken München als Aufmarschraum und werden vom Polizeipräsidenten Ernst Pöhner, einem Alldeutschen, gedeckt. )) ERZÄHLERIN Die zunächst bedeutendste ultrarechte Organisation ist der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund. 1919 in Bamberg gegründet, schürt er mit antisemitischen Massenauftritten den Kampf gegen Juden und Republik. Unter dem Hakenkreuz als Vereinsabzeichen sammelt der Bund anfangs der 1920er Jahre rund 180.000 Mitglieder. ERZÄHLER Zum neuen, bald unumstrittenen Star der völkischen Bewegung steigt jedoch die NSDAP auf. Adolf Hitler, Vorsitzender seit 1920, versteht es, den Nationalsozialismus als einzig aussichtsreiche Organisation der radikalen Rechten zu etablieren. Mit Erfolg: Ab Mitte der 1920er Jahre ordnen sich die völkischen Gruppierungen nach und nach den Nationalsozialisten unter. 06 O-TON RETTERATH 6 Die NSDAP ist entscheidend dafür, dass aus dieser zersplitterten völkischen Bewegung eine einheitliche, politische Kraft wird. Die NSDAP ist die erfolgreichste Partei innerhalb dieses völkischen Spektrums und dadurch, dass sie zu einer Massenbewegung wird, ist diese Partei sehr schlagkräftig. ERZÄHLERIN Völkisches Denken ist die Essenz des Nationalsozialismus, sein rassistischer Marken- und Wesenskern: Führerkult, Judenhass, Nationalismus, die Heiligung der Volksgemeinschaft, alles lag bereit. Hitler musste nur zugreifen, um die Apokalypse zu entfesseln. ERZÄHLER 70 Millionen Tote, Zerstörung, Elend, Narben bis heute. Was Hitler an die Macht brachte, erzählt Brechts Parabel vom "Aufstieg des Arturo Ui". Sie schließt mit einer noch immer und schon wieder aktuellen Warnung an die Nachgeborenen: ZITATOR/IN So was hätt' einmal fast die Welt regiert! Die Völker wurden seiner Herr, jedoch Dass keiner uns zu früh da triumphiert – Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.