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RadiowissenBayerischer Rundfunk

Der Orientalist Karl Süßheim - Vergessen und wiederentdeckt

06.03.2025 · 24 Min.

Folgen-Webseite

Über diese Folge

Karl Süßheim ist Anfang des 20.Jahrhunderts in Bayern ein Begriff. Während des Ersten Weltkrieges sind die Sprachkenntnisse des jüdischen Historikers und Orientalisten sogar unentbehrlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg gerät Karl Süßheim allerdings jahrzehntelang in Vergessenheit. Von Ulrike Beck (BR 2024)

Credits
Autorin dieser Folge: Ulrike Beck
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Stefan merki, Laura Maire, Christopher Mann
Technik: Roland Böhm
Redaktion: Thomas Morawetz

Im Interview:
Dr. Kristina Milz, Historikerin, Autorin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Ad hoc-AG Judentum in Bayern in Geschichte und Gesellschaft der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Referentin am Institut für Zeitgeschichte München–Berlin;
Lisa D’Angelo, Enkelin Karl Süßheims

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ZUM PODCAST

Literaturtipps:

Kristina Milz, „Karl Süßheim Bey (1878 –1947). Eine Biografie über Grenzen“. Sehr ausführliche und detaillierte Biografie über das Leben und Werk Karl Süßheims.

Kristina Milz, „Karl Süßheim (1878–1947). Ein verfolgter Wissenschaftler und seine Universität“. In: Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildung. Ausgabe 02/22. Sehr kompakter und lesenswerter Artikel.

Barbara Flemming, Jan Schmidt: The diary of Karl Süssheim (1878–1947). Orientalist between Munich and Istanbul. Steiner, Stuttgart 2002

Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.


RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

Erzähler

Karl Süßheim. Die Historikerin Kristina Milz wird hellhörig, als sie auf den Namen stößt. 

1.O-Ton (Kristina Milz)

Also ich habe an der LMU Magister Geschichte studiert und habe mich damit auseinandergesetzt, wie die Historiker an der LMU mit dem Nationalsozialismus umgegangen sind. Und dafür habe ich mir erstmal angeschaut, wer von 1933 bis 45 in der Fakultät überhaupt da war. Und da ist mir sein Name aufgefallen. Er war 1933 noch da, im Sommersemester, und es war ein klar erkennbar jüdischer Name und verschwindet dann eben sang- und klanglos. Man hört nichts mehr von ihm. Da war mir relativ schnell klar, er muss einer der Opfer der Rassenpolitik gewesen sein, also dieses Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Und dachte natürlich, dass sich im Historicum in der Bibliothek Literatur dazu finden lässt. 

MUSIK 2 ( Thomas Lemmer: Infinity 0’55)

Erzählerin:

Doch auch nach längerer Suche stellt sich heraus: Es gibt nichts. 

2.O-Ton (Kristina Milz)

Und so bin ich dann natürlich sehr neugierig worden.

Erzählerin

Das Ergebnis ist eine Dissertation, die 2022 als Biografie erscheint und den Titel trägt: „Karl Süßheim Bey. Eine Biografie über Grenzen“.  

Kristina Milz hat ihre Dissertation am Institut für Zeitgeschichte in München verfasst. Seit 2022 arbeitet sie auch für die Ad hoc-Arbeitsgruppe „Judentum in Bayern in Geschichte und Gegenwart“ an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, die sich der Erforschung und Vermittlung jüdischen Lebens in Bayern widmet.

Erzähler

Während der Recherchen zu ihrer Biographie stößt Kristina Milz darauf, dass Jahrzehnte vor ihr im niederländischen Leiden die Orientalistin Barbara Flemming und ihr Kollege Jan Schmidt auf Karl Süßheim aufmerksam geworden sind. Und in langjähriger Kleinarbeit seine Tagebücher ins Englische übersetzt haben.

Erzählerin

Es sind zeitgeschichtliche Dokumente von unschätzbarem Wert, die Kristina Milz damit auf Englisch zur Verfügung stehen. Um mit den übrigen Quellen und dem Nachlass arbeiten zu können, nimmt sie Sprachunterricht am Münchner Nahostinstitut, wo der Name Süßheim ihrem Dozenten noch geläufig ist:

3. O-Ton (Kristina Milz)

Das heißt, ich musste tatsächlich anfangen, erst mal Türkisch zu lernen, habe auch Arabischkurse belegt und habe dann eben das Osmanische, dafür gibt es an der LMU auch Kurse, und da bin ich auch dringesessen. Mein Osmanisch-Dozent hat auch immer gesagt: Kristina, du lernst nicht Osmanisch, Du lernst Süßheim!

MUSIK 3 ( Bamberger Symphoniker - Gustav Mahler: Blumine. Sinfonischer Satz 1’10)

Erzähler

Karl Süßheim kommt am 21. Januar 1878 in Nürnberg zur Welt. Sein Vater Sigmund betreibt einen florierenden Hopfenhandel, die Mutter Clara stammt als Tochter des Fabrikanten und Politikers David Morgenstern aus sehr wohlhabenden Verhältnissen. 

Erzählerin

Karl wächst also gemeinsam mit seinem älteren Bruder Max und seiner jüngeren Schwester Paula in einer wohlsituierten und jüdisch-liberalen Familie auf.

Erzähler

Sigmund Süßheim möchte selbstverständlich, dass einer seiner Söhne das erfolgreiche Geschäft übernehmen soll. Doch der Hopfenhandel interessiert weder Max, noch Karl. 

Erzählerin

Nachdem Max nach dem Abitur seinen Weg als Jurist und späterer SPD-Politiker im Bayerischen Landtag einschlägt, entscheidet sich auch Karl gegen den Wunsch des Vaters. Er beginnt 1896, Geschichte zu studieren. Zunächst in Jena, dann in München, Erlangen und Berlin. 

Erzähler

In Berlin besucht Karl das Seminar für orientalische Sprachen und lernt dabei junge Gaststudenten aus dem Osmanischen Reich kennen. Woher sein Interesse an dieser Region kommt, lässt sich nur rekonstruieren.

4.O-Ton (Kristina Milz)

Das durfte seine Familie auf keinen Fall wissen, weil die Orientalistik damals ja auch noch sehr so als Orchideenfach verschrien war. Und als Karl Süßheim dann in Berlin war, (…) war einige Jahre zuvor das sogenannte Seminar für Orientalische Sprachen gegründet worden. (…) Also in dieser Zeit muss man sich vorstellen, entsteht eigentlich die Islamwissenschaft. Es entsteht dieses Fach, das sich mit dem „zeitgenössischen Orient“, wie man damals gesagt hat, beschäftigt hat. Und das ist genau das, was Karl Süßheim dann interessiert hat.

MUSIK 4 (Adrien Espinouze; Evgenios Voulgaris - Taksim & Mahur Pesrev 0‘50)

Erzählerin

Gleich nach der Abgabe seiner Dissertation über die „Preußischen Annexionsbestrebungen in Franken…“ zieht Karl Süßheim 1902 für einige Jahre nach Konstantinopel. Um dort seine Sprachkenntnisse im Türkischen und Arabischen zu vertiefen.

Erzähler

In Konstantinopel erlebt der frisch promovierte Historiker eine ganz andere Atmosphäre als im Kaiserreich.

5.O-Ton (Kristina Milz)

Als er zuerst nach Konstantinopel gekommen ist und sich vor allem in diesem sultanstreuen Umfeld bewegt hat, war er ja durchaus an der einen oder anderen Stelle mit Antisemitismus konfrontiert. (…)

Aber bei ihm ist es tatsächlich so, dass er erstmals in seinem Leben nicht in erster Linie als Jude wahrgenommen wird. In ihm wird vor allem der deutsche Wissenschaftler gesehen, der sich diese Sprachen so gut angeeignet hat und mit dem man jetzt eben über Politik und Geschichte und dergleichen diskutieren kann. Und noch sehr viel evidenter wird das dann, wenn er sich mit den sogenannten Jungtürken abgibt, also der osmanischen Opposition, die sehr nach Westen ausgerichtet war, die sehr auf Modernisierung geschaut hat und auch genau das einfordern wollte vom Sultan. 

Erzählerin

Karl Süßheim ist selbst zunächst überzeugter Konservativer und Monarchist.

6.O-Ton (Kristina Milz)

Als Karl Süßheim ins Osmanische Reich kam, war er politisch äquivalent eigentlich aufgestellt zu seiner Einstellung im Kaiserreich also sehr königstreu und patriotisch. Und hat dann aber eben dadurch, dass er diesen Kontakt mit den Jungtürken in Kairo hatte, zum ersten Mal die Idee des Tyrannensturzes für sich auch akzeptiert. Und war dann auch mitten im Zentrum dieser Revolution.

Erzähler

Die Jahre im Osmanischen Reich sind in Süßheims Leben in vielerlei Hinsicht ein Wendepunkt. Er, der Zeit seines Lebens kein guter Netzwerker war, sucht plötzlich die Nähe zu orientalischen Intellektuellen und knüpft Kontakte. Dabei findet er auch den Zugang zu seinem Glauben.

7.O-Ton (Kristina Milz)

Er macht es in seinem Tagebuch gar nicht so explizit, an welcher Stelle es dann so ist, dass er wirklich jüdisch gläubig wird. Aber man sieht, er beschäftigt sich eben mit dem Islam auch sehr intensiv. Er hat zum Beispiel Kontakt mit dem Islamgelehrten Musa Kazim, der später dann der Scheichülislam, also der Großmufti eigentlich von Konstantinopel wird. Also das ist derjenige, der Süßheim zum Islam bringen will und da wird viel diskutiert. Und als er sich dann davon wieder abgrenzt und abwendet, findet er immer mehr Kontakt, auch mit den orientalischen Juden und beschäftigt sich dann damit und kommt dann eben sehr gläubig zurück.

MUSIK 5 (Produktionsmusik: N/A - Mash'aal instrumental 0’52)

Erzählerin

Karl Süßheim ist 30 Jahre alt, als er zurückkehrt und an der Uni München beginnt, seine Habilitation zu schreiben. Darin beschäftigt er sich mit der Geschichte der Dynastie vor den Osmanen: den Seldschuken.

Erzähler

Als frisch habilitierter Privatdozent gibt er ab 1911 an der Münchner Universität Kurse in Arabisch, Persisch und Osmanisch. Anfangs ist die Zahl seiner Studenten noch überschaubar, aber mit Beginn des Ersten Weltkrieges ändert sich das schlagartig. 

Erzählerin

Mit dem Osmanischen Reich als Verbündeten wollen plötzlich viele Studenten Türkisch lernen. Es entsteht ein regelrechter Boom auf die Expertise des Karl Süßheim. Wobei er nicht nur an der Uni gefragt ist.

8.O-Ton (Kristina Milz)

Im Ersten Weltkrieg war es so, dass Süßheim nicht eingezogen wurde, weil er eben an der Heimatfront, wie man es nannte, unentbehrlich war. Das lag daran, dass er eben als einer der wenigen diese Sprachkenntnisse hatte und dann in vielerlei Hinsicht helfen konnte zu Hause. Zum einen bei der bayrischen Militärzensur hat er gearbeitet. Er hat aber auch als Dolmetscher gearbeitet. Wenn zum Beispiel jungtürkische Delegationen zu Besuch waren, dann ist er mit denen mitgefahren und hatte eben übersetzt.

MUSIK 6 ( Sercan Halili - Nikriz sirto 0’35)

Erzähler

Ab 1919 unterrichtet Karl Süßheim als außerordentlicher Professor die Sprachen Arabisch, Persisch und Türkisch. Er ist inzwischen 41 Jahre alt und noch immer Junggeselle. 

Erzählerin

Karl findet erst acht Jahre später die Frau, die zu ihm passt. Mit Karolina Plank, einer tiefgläubigen Katholikin. Ausgerechnet er, der als einziger in seiner Familie ein gläubiger Jude ist, lässt sich 1927 auf eine gemischt-konfessionelle Ehe mit Karolina ein.

9.O-Ton (Kristina Milz)

Man muss aber schon auch sagen, das war sicher für ihn ein großer Schritt zu gehen, weil er davor sehr, sehr lange explizit nach einer jüdischen Frau gesucht hat. Er hat sich dann aber von seiner Frau versprechen lassen, dass er für die religiöse Erziehung der Kinder zuständig sein wird in der Ehe. Und wir reden vom Jahr 1927. Da hat sie sich auch darauf eingelassen, weil sie auch noch überhaupt gar nicht wusste, was das für Auswirkungen haben wird.

Erzähler

1929 kommt Tochter Margot zur Welt, die zweite Tochter Gioconda wird 1934 geboren. Ein Jahr, nachdem sich für Karl Süßheim und seine Familie alles verändert hat.

10.O-Ton (Kristina Milz)

1933, kann man zweifellos sagen, dass das das allerschlimmste Jahr in seinem ganzen Leben war. Also neben der nationalsozialistischen Machtübernahme stirbt erstmal sein Bruder an einem Schlaganfall. Dann wird durch das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums ihm seine Stelle an der Universität genommen. Und seine Mutter stirbt auch noch in diesem Jahr. Also alles passiert innerhalb eines Jahres, und da ist der Bruch zwischen der Zeit davor und diesem Jahr ganz extrem in den Quellen.

Erzählerin

Nach der Pogromnacht vom November 1938 wird Karl Süßheim für 16 Tage im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Er schreibt über diese Zeit auf Arabisch in sein Tagebuch und schafft damit laut Kristina Milz ein einzigartiges Dokument. In dem er nicht nur nüchtern Fakten für die Nachwelt festhält, sondern auch sehr akkurate Skizzen vom Konzentrationslager anfertigt, die er auf Arabisch beschriftet.

11.O-Ton (Kristina Milz)

Und man muss sich vorstellen, er war jemand, der natürlich ein relativ behütetes Leben hatte. Und plötzlich kommt er in dieses Konzentrationslager, sieht, dass Menschen erschossen werden. Sieht, dass Menschen zusammenbrechen, wird geschlagen, weil er sich nicht als Judenschwein bezeichnen will. All diese Dinge passieren ihm dort. Und nachdem er zuvor immer gesagt hat, er geht nicht aus Deutschland weg, weil das seine Heimat ist – Bayern, seine Familie lebt seit Jahrhunderten in Bayern –, denkt er dann um. Dabei muss man aber auch wissen, dass er unterschreiben musste, dass er das Land verlassen wird, als er aus dem Konzentrationslager entlassen wird.

Erzähler

Erst im Sommer 1941 gelingt es Karl Süßheim mit seiner Frau und den Töchtern, nach Istanbul zu emigrieren. Sie sind eine der letzten Familien in Bayern, die der Schoa entkommen sind. Ein Teil seiner Privatbibliothek wird beschlagnahmt und landet in der Bayerischen Staatsbibliothek.

Erzählerin

Da aber auch die Türkei zu diesem Zeitpunkt eigentlich keine deutschen Juden mehr aufnimmt, musste das türkische Kabinett eine Ausnahme für Karl Süßheim beschließen. Seine Aufenthaltsgenehmigung ist damit verbunden, dass er an der dortigen Universität unterrichtet. Damit steht er zwar unter Druck, aber auch endlich wieder im Hörsaal. Die Bedingungen an der Universität Istanbul brachten für Karl Süßheim einige Herausforderungen mit sich: Er musste um seinen Professorentitel kämpfen, seine Publikationstätigkeit war eingeschränkt. Auch in der Lehre musste er sich erst eingewöhnen.

12. O-Ton (Kristina Milz)

Man muss sich auch diese Situation mal vorstellen, also er hatte jahrelang während des Nationalsozialismus wenige Schüler bis gar keine Schüler. Er hatte vielleicht noch ein paar Privatstunden gegeben für die Leute, die sich das getraut haben. Und plötzlich ist er da in der Türkei und steht vor vollen Hörsälen, und alle wollen über die türkische Geschichte bei ihm lernen. Es ist auch interessant, weil in seinem Nachlass finden sich die Inskriptionslisten, wo man die ganzen Namen der türkischen Studierenden sieht, die sich für seine Vorlesungen angemeldet haben. Und es sind seitenweise Einträge.

MUSIK 7 (Produktionsmusik: Roman Raithel – Arabic Keys 1’10)

Erzähler

Karl Süßheim bleiben nur wenige Jahre im Exil. Er stirbt am 13. Januar 1947 mit nur 68 Jahren an den Folgen einer Nierenerkrankung. Und wird auf dem jüdischen Friedhof in Istanbul beerdigt.

An seinem Grab spricht der jüdische Romanist Erich Auerbach die Worte:

Zitator

Auf dem Gebiet der türkischen Geschichte wird der Name Karl Süssheim nicht vergessen werden und nicht vergessen werden können.

Erzählerin

Was Süßheims Reputation in der Türkei angeht, sollte Auerbach Recht behalten. Doch in Deutschland passiert das Gegenteil: Der einstige Professor für orientalische Sprachen und die „Geschichte der mohammedanischen Völker“ gerät in Vergessenheit. 

Erzähler

Nicht zuletzt, weil die Ludwig-Maximilians-Universität keinen Nachruf auf ihren einstigen Professor Karl Süßheim herausgibt. Obwohl eine Würdigung von ehemals verfolgten Wissenschaftlern in der Nachkriegszeit eigentlich zum Standard gehört.

Erzählerin

Und auch Süßheims Witwe wird lange ignoriert. Karolina, die nach dem Tod ihres Mannes in die USA ausgewandert ist, wendet sich 1947 mit der Bitte um eine Witwenrente an die Uni. Und muss 11 Jahre lang dafür kämpfen:

13.O-Ton (Kristina Milz)

Man könnte ja meinen, so wie ich auch eben damals auf ihn gestoßen bin, dass er eben einfach vergessen wurde. Man sieht aber sehr deutlich eben an den Quellen auch im Universitätsarchiv, dass das nicht der Fall war, weil die LMU fast 20 Jahre lang damit beschäftigt war, kein Geld auszugeben in der Sache Süßheim. Also diese Quellen im Universitätsarchiv, die betreffen die Universität, das Finanzministerium, das Kultusministerium und so weiter. Und man sieht daran auch, dass zum Beispiel noch mit nationalsozialistischer Gesetzgebung wirklich argumentiert wird. Also es wird dann zum Beispiel, wenn es um die Frage geht, ob seine Witwe Witwenrente bekommt, mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums von 1933 argumentiert.  Und es stellt sich bei ihm sehr lange nicht einmal die Frage in den Dokumenten, was denn mit ihm passiert wäre, wenn es den Nationalsozialismus nicht gegeben hätte. 

MUSIK 8 (Produktionsmusik: N/A – Mercy Gate 0’45)

Erzähler

Erst nachdem Karolina Süßheim 1951 die United Restitution Organization bevollmächtigt, sich ihres Falls anzunehmen, fordert das Kultusministerium die Personalakte Süßheims bei der Uni an. 

Erzählerin

Es werden Gutachten in der Causa Süßheim eingeholt. Unter anderem vom Dekan der Philosophischen Fakultät Anton Spitaler, der während der NS-Zeit Stipendiat der gleichgeschalteten Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft bei der Korankommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften war. Und im Zweiten Weltkrieg der Wehrmacht in Belgien und Frankreich als Dolmetscher gedient hatte. In seinem Gutachten fällt Spitaler ein vernichtendes Urteil über seinen ehemaligen Lehrer.

14.O-Ton (Kristina Milz)

Anton Spitaler (…) wurde direkt gefragt, wie die Karriere von Karl Süßheim weitergegangen wäre, hätte es den Nationalsozialismus nicht gegeben. Und dieses Gutachten ist wirklich erstaunlich vernichtend. (…) Er macht seine Sprachenkenntnisse zum Beispiel sehr schlecht, sagt die wären nicht vorhanden gewesen. Das sind ganz offensichtliche Lügen, die in diesem Gutachten drinstehen. Und an einer Stelle schreibt er sogar noch, er hätte durchaus etwas von Karl Süßheim gelernt, aber das hätte er eher aus ihm herausgeholt, als dass Süßheim es ihm gegeben hätte. Das war natürlich sehr bezeichnend. Und man muss sich vor Augen halten, dass es zu dem Zeitpunkt ja überhaupt nicht mehr darum ging, Karl Süßheims Karriere voranzutreiben oder dergleichen, er war ja längst tot. Also es ging wirklich nur noch darum, seine Familie zu entschädigen.

Erzähler

Dieses Gutachten geht in die Bewertung des Falles ein. Erst 11 Jahre nach dem Tod ihres Mannes bekommt Karolina Süßheim ab 1958 eine entsprechend kleine Entschädigung. Weitere sieben Jahre später wird der Fall zu den Akten gelegt.

MUSIK 9 (Produktionsmusik: Goksun Cavdar: Bosnia Herzegowina 0’27)

Erzählerin

Während in Bayern der Name Süßheim bis zu Beginn dieses Jahrhunderts in Vergessenheit gerät, machen sich im niederländischen Leiden die Orientalistin Barbara Flemming und ihr Kollege Jan Schmidt daran, Süßheims Tagebücher ins Englische zu übersetzen. Zeitgeschichtliche Dokumente von unschätzbarem Wert, die lange Zeit unentdeckt waren. 

15.O-Ton (Kristina Milz)

Weil er sehr viele Handschriften gesammelt hat, im Laufe seines Forscherlebens also originale Handschriften aus dem Nahen Osten und die auch zusammengehalten hat. Seine Witwe hat diese Handschriftensammlung dann verkauft, und die ist in Teilen in Berlin und in Teilen in Washington gelandet. Und in Berlin – bei diesen Handschriften befand sich eben auch sein Tagebuch, was die Witwe bestimmt nicht gewusst hat, weil das natürlich nicht unterscheidbar war zu anderen Notizen, die er gemacht hat für sie, weil es in fremden Sprachen war. Und deswegen sind eigentlich Wissenschaftler erstmals wieder mit ihm in Kontakt gekommen, weil sie sich seine Handschriften angeschaut haben und dann das Tagebuch gefunden haben.

Erzähler

Die Edition „The Diary of Karl Süssheim“ erscheint 2002 und löst eine Welle der Erinnerung aus. Oder wie die FAZ damals schreibt:

Zitator

Erst die kommentierte Übersetzung der Tagebücher gibt Süssheim sein Leben zurück, macht aus dem Vergessenen und Unbekannten einen an allem interessierten Menschen im Wirbel des dramatischen Geschehens der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.

MUSIK 10 (Produktionsmusik: N/A – Mercy Gate 0’23)

Erzählerin

Nicht nur die Bayerische Staatsbibliothek setzt ab 2003 ein Restitutionsverfahren ein, sondern auch die Provenienzforschung des Stadtarchivs Nürnberg wird aktiv. Und setzt sich mit der Familie Süßheim in Verbindung. Für Lisa D’Angelo, der Enkelin von Karl Süßheim, eröffnet sich damit ein ganz neuer Zugang zur eigenen Familiengeschichte:

16.O-Ton (Lisa D‘Angelo)

2014 hatte ein Archivar das Internet genutzt, um meine 84-jährige Tante Margot in New York ausfindig zu machen, wo sie seit über 65 Jahren lebte. Er wollte sie wissen lassen, dass das Archiv ein antikes Buch mit dem Süßheimer Exlibris besaß. Und dieses Buch war von den Nazis beschlagnahmt worden, kurz bevor mein jüdischer Großvater und meine katholische Oma und ihre beiden Mädchen nach Istanbul geflohen waren. Und als das Nürnberger Archiv mit meiner Tante Margot Kontakt aufgenommen hat, hat sich uns natürlich eine ganz neue Welt der Familie Süßheim eröffnet. 

Erzähler

Margot Süßheim ist es, die beginnt, als Zeitzeugin über ihren Vater zu sprechen. Und auch ihrer Nichte einige Details über die Schwierigkeiten ihrer Familie während der Nazizeit zu erzählen. Allerdings erst, als Lisa erwachsen ist.

17.O-Ton (Lisa D‘Angelo)

Ehrlich gesagt, wusste ich nur sehr wenig über meinen Großvater. Als Kind hörte ich, dass mein Großvater ein Sprachwissenschaftler war, der etwa 15 Sprachen beherrschte. Ich hörte auch, dass seine Mutter Clara ein bisschen schwierig war. Und sie sammelte auch Dinge, die mein Großvater auch geerbt hatte.

Und seine Vorliebe für das Sammeln von Büchern rettete tatsächlich die Familie, denn meine Oma verkaufte seine umfangreiche Büchersammlung an die Yale University in den USA, um die Schiffstickets zu kaufen, mit denen sie von Istanbul nach New York auswandern konnten. 

Erzählerin

Lisa D’Angelo ist das öffentliche Gesicht der Familie Süßheim. Sie verwaltet nicht nur den privaten Nachlass ihres Großvaters, sondern reist auch nach Deutschland, um Ausstellungen zu eröffnen oder Vorträge zu halten. So wie 2022 im Münchner Literaturhaus. Da hatte sie die weite Anreise von Chicago auf sich genommen, um zur Vorstellung von Kristina Milz´ Biografie „Karl Süßheim Bey“ zu sprechen; der ersten umfassenden Biografie des bedeutenden bayerischen Orientalisten.

MUSIK 11 (Z8046919112 Thomas Lemmer: Faith 0’40)

Erzähler

Karl Süßheim hat ein kostbares Erbe hinterlassen. Eines, das viel zu lange im Verborgenen geblieben ist, sagt Kristina Milz:

18.O-Ton (Kristina Milz)

Ich finde es vor allem eben sehr wichtig, weil oftmals davon ausgegangen wird, man hätte zum Nationalsozialismus schon alles erzählt. Und gerade die Geschichte von Karl Süßheim zeigt auch mal wieder, dass wir noch lange nicht fertig sind damit, diese Zeit uns anzuschauen.

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Die war wenige Jahre zuvor in Haworth gestorben, hier hatte sie ihr fast ganzes Leben verbracht, in einem kleinen Ort, im Norden Englands. MUSIK stoppt 001 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Elisabeth Gaskell hat ja schon sehr früh ihre Biografie geschrieben, da war die noch keine zehn Jahre tot… SPRECHERIN: Sagt die Anglistin Katharina Pink. Sie hat ein Buch über das Leben der Charlotte Brontë geschrieben. 002 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Und das war sowieso sehr ungewöhnlich, eine Biografie über eine Schriftstellerin zu haben, die ihrerseits von einer Frau und auch einer Schriftstellerin verfasst war, und da wurde schon sehr viel „Imagepflege“ getrieben. Also Gaskell hat schon einiges unterdrückt… MUSIK: „Someone loves us“ SPRECHERIN: Aber wieder zurück in die Mitte des 19.Jahrhunderts, zu Elisabeth Gaskell… In den kargen Norden Englands… ZITATORIN: (Elisabeth Gaskell) Man kann Haworth schon zwei Meilen sehen, bevor man ankommt. Haworth liegt neben einem wirklich sehr hübschen Hügel… SPRECHERIN: Aber aus den Romanen von Charlotte Brontë und derer beiden Schwestern weiß Gaskell auch: Haworth mag zwar auf den ersten Blick irgendwie hübsch sein, aber; Haworth ist auch irgendwie anders …. MUSIK: „Ice glas“ ZITATOR (Lockwood –sarkastisch) (stark verfremdet – HALL -usw) Das ist wirklich eine wahrlich schöne Gegend, ich glaube, in ganz England gibt es keine Gegend, die weiter vom Lärm der Gesellschaft entfernt ist. Der „wahre Himmel“ für einen Misanthropen … ZITATORIN (Charlotte) Hall usw Da saß ich auf dem niedrigen Bettgestell, die Augen auf’s Fenster gerichtet, durch das nichts anderes zu sehen war, als ein riesiges Moor und ein grauer Kirchturm inmitten des Friedhofs. MUSIK bleibt düster und ATMO: Wind SPRECHERIN: Dass der Ort Haworth ein wenig außergewöhnlich sein mag, das hat Elisabeth Gaskell also gewusst, bevor sie auf ihre Recherchereise ging - Haworth, das bedeutet: wilde, kalte Moore - bedrückend und einsam – und da ist eine Kirche mit Friedhof. Mittendrin das Pfarrhaus von Patrick Brontë. Er ist zu Gaskells Zeit der Pfarrer von Haworth. Und er war der Vater dreier literarisch begabter, oder sogar höchst begabter Töchter… Sie alle lebten in diesem beengten, ärmlichen Pfarrhaus… ZITATORIN: (Elisabeth Gaskell) Das Haus ist aus grauem Stein, zwei Stockwerke hoch, mit schweren Ziegeln gedeckt, es muss ja den Winden standhalten… MUSIK aus und Atmo (WIND) weiter 003 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Ja. Also dieses Haus, das muss man sich wirklich vorstellen, das steht so ziemlich weit oben an so einem Hügel, der Wind pfiff sommers wie winters um die Ecken, umgeben von einem Friedhof, und wenn man aus dem Fenster schaut, war da ein grauer Kirchturm und sonst nur dieses Hochmoor, was meistens braun war… SPRECHERIN: Sagt Katharina Pink. Sie lehrt an der Münchner Ludwig Maximilians Universität. Und sie gibt Elisabeth Gaskell irgendwie Recht. Haworth war schon einigermaßen außergewöhnlich. 004 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Tatsächlich muss man sagen, dass der Ort, an dem die Brontë Schwester aufgewachsen sind, „Ticks off the box“ sind… MUSIKAKZENT ATMO PARKPLATZ SPRECHERIN: (Schnell drüber und mit dem Werbevideo verschneiden) Heute liegt vor dem Pfarrhaus ein großer Parkplatz - Ein Wallfahrtsort für die Brontë Verehrer und Verehrerinnen, sie kommen hauptsächlich aus dem angelsächsischen Raum hierher. Um ein wenig in das Leben und in die Welt der Geschwister Brontë einzutauchen. 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Noch heute stolpert man über den Namen „Brontë“ wegen des ungewöhnlichen Schlussvokals. - Jedenfalls, mit seiner Frau Maria, geborene Branwell, bekommt Patrick „Brontë“ sechs Kinder… 009 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Ja, sechs Kinder haben die bekommen, in relativ kurzer Zeit, und von denen sollte Patrick alle überleben. MUSIK: „A model of the universe“ SPRECHERIN: Auch seine Frau überlebt er. Maria stirbt kurz nach der Geburt der letzten Tochter, vermutlich an Unterleibskrebs, mit 38 Jahren. - Patrick hatte mittlerweile die Stelle im Pfarrhaus im nordenglischen Haworth angetreten. Nun musste er alleine auf seine sechs Kinder aufpassen… MUSIK ENDE SPRECHERIN: Sechs Kinder, das bedeutete für ihn: fünf Töchter, ein Sohn: Maria, Elisabeth, Charlotte, Emily, Anne. Und Branwell. - Maria und Elisabeth, die beiden ältesten Schwestern, starben bereits sehr früh im Alter von zehn und elf Jahren. Blieben noch die anderen vier Kinder: - Zum Beispiel Charlotte, die drittgeborene: 010 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Charlotte ist eher unfreiwillig in die Rolle der ältesten Schwester gerückt. Es waren ja noch zwei Schwestern davor, die auf tragische Weise früh ums Leben gekommen sind … Ich würde sagen, sie war so die strengste, also, sie hat sich das selbst auch stark auferlegt, so diese Rolle der strengen großen Schwester, das Vorbild, viel Selbstbeherrschung, Fleiß und vor allem sehr intellektuell, aber das kann man tatsächlich über alle drei sagen… SPRECHERIN: Über Tochter Charlotte wissen wir heute am meisten. Es gibt etliche Briefe und Aufzeichnungen, vor allem ihr erster Roman kann durchaus autobiografisch gelesen werden. Es ist die Geschichte der Gouvernante „Jane Eyre“, die schon doch sehr der realen Charlotte ähnelt. - Charlotte starb als letzte der Geschwister Brontë. Mit 38 Jahren. - Vermutlich hat sie beim Sichten der Nachlässe der anderen auch darauf geachtet, dass nicht all zu viel Intimes aus ihrer Familie in die Nachwelt überliefert wird… 011 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Also es ist doch anzunehmen, dass die sehr viel vernichtet hat… SPRECHERIN: Meint Katharina Pink… 012 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Weil gerade Emily Brontë, die hat ja kein Blatt vor den Mund genommen. Die ist vielleicht die jüngere Schwester von Charlotte gewesen, war vom Naturell her eine wirklich so eigenständige Persönlichkeit in diesem Haushalt. Die hat ihr eigenes Ding gemacht, ihren eigenen Kopf gehabt. MUSIK: „You’ll be Queen for one day “ SPRECHERIN: Emily Brontës Werk ist schmal, aber beeindruckend. Ein paar Gedichte und ein Roman: „Wuthering Heights“. Eine Liebesgeschichte im Hochmoor. Deutscher Titel: „Sturmhöhe“. - Emily stirbt mit 30 Jahren. – Musik aus SPRECHERIN: Und dann gibt es noch eine Schwester, die jüngste. Anne. Auch von ihr sind einige Gedichte überliefert und zwei Romane. – Sie stirbt bereits mit 29 Jahren. – 013 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Bei Anne darf man vermuten … also: Charlotte hatte eine sehr herablassende Haltung gegenüber Anne, die war ja so das Nesthäkchen der Familie und sie wurde von Charlotte chronisch nicht ernst genommen als Autorin (…) also die hat auch noch was geschrieben, die darf auch mitmachen… (Und da ist leider auch davon auszugehen, dass einige Sachen nicht der Zensur anheim gefallen sind, sondern die waren einfach zu trivial in Charlottes Augen. Also: Das kann man vermuten, aber ach das sind natürlich Spekulationen…) MUSIK: „You’ll be Queen for one day “ SPRECHERIN: Fehlt noch der vierte im Bunde, der Bruder. Ja, irgendwie gehört auch er dazu. Freilich: als Schriftsteller war er nicht sonderlich erfolgreich... Der Bruder wird, obwohl er eigentlich wie der Vater „Patrick“ heißt, von allen „Branwell“ genannt. 014 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Patrick Branwell war der einzige Sohn in der Familie. Und er war so der Hoffnungsträger. Von dem hat man sich erhofft, dass er die „steile“ Karriere des Vaters fortsetzt… SPRECHERIN: Der Vater verhätschelt den Sohn. Auf ihn setzt er alles. Und weil Pfarrer Brontë immer schon selbst künstlerische Ambitionen hegte, sollte Branwell in diese großen Fußstapfen treten… 015 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Wenn sich Patrick oder Branwell, wie er hieß in der Familie, eingebildet hat, er wird jetzt Maler, dann wurde auch sämtliches Erspartes mobilisiert, um ihn an der Royal Academy anzumelden. Aber auch das hat natürlich wieder nicht geklappt. Dann wollte er Schriftsteller werden, dafür hat’s dann leider auch nicht gereicht. – Aber das wurde immer unterstützt, und in die Töchter wurde nicht so sehr investiert. Da wurde gerade genug investiert, dass sie hoffentlich eines Tages auf eigenen Beinen stehen können, finanziell. Weil in Sachen Erbe oder Familienunterstützung nicht so viel zu erwarten war… SPRECHERIN: Branwell bricht mit 31 Jahren vor der Tür des Pfarrhauses in Haworth zusammen und stirbt. Todesursache war wahrscheinlich sein heftiger Alkohol- und Drogenkonsum. Also Whiskey und Opium. ATMO „Haworth“ und MUSIK: „We were right “ ZITATORIN (Emily Brontë: High weaving heather) Hochwogendes Heidekraut unter Sturmböen gebeugt. Mitternacht und das Licht des Mondes und der helle Sternenhimmel Dunkelheit und Ruhm verschmelzen im Jubel Die Erde strebt zum Himmel und der Himmel steigt herab… SPRECHERIN: Ein späteres Gedicht von Emily Brontë, „High weaving heather“. Sie konnte in der rauen Umgebung von Haworth eine Spur von Poesie entdecken 016 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Die war vielleicht auch die einzige, die in Haworth, in Yorkshire, was ja eine kalte, karge Landschaft war, wirklich glücklich und beheimatet war… SPRECHERIN: Wie gesagt, die Mutter starb bereits sehr früh, da war Emily gerade zwei Jahre alt. - Aber wie sah nun der harte Alltag in Haworth für die Geschwister Brontë aus? - Nun. Pfarrer Patrick, sehr puritanisch geprägt, legte viel Wert auf Bildung. Vor allem natürlich auf Religion, aber auch auf Philosophie und Politik. Am Morgen las er den Kindern aus der Zeitung vor. Dann ging er in sein Arbeitszimmer. Ansonsten blieben die Kinder sich selbst überlassen. 017 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Es gab keinen Familienkreis in dem Sinne. Deswegen war der Bund unter den Geschwistern so stark… SPRECHERIN: Eine Schule besuchten die Schwestern zunächst nicht. Um Sohn Branwell kümmerte sich der Vater, der sollte ja etwas Besonderes werden. Die Mädchen wurden von der Tante unterrichtet. 018 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Der Erfahrungsraum von den drei Schwestern war wirklich sehr, sehr, sehr begrenzt. Auch wenn man so eine Biografie über die schreibt, dann schreibt man halt wahrscheinlich: Ja, die nächsten fünf Jahre waren sie zu Hause. Ja: Sie waren zu Hause! (…) SPRECHERIN Zu Hause in Haworth. - Ein ebenbürtiger, gesellschaftlicher Austausch fand nicht statt oder besser gesagt, konnte gar nicht stattfinden. Denn in Haworth dürfte eine Pfarrersfamilie zu den gebildetsten gehört haben. Und in die nächste große Stadt, obwohl nur wenige Meilen entfernt, konnte man nicht fahren. Der Weg dahin: zu beschwerlich. Also: 019 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Das heißt: man war immer Zuhause, man hat viel gelesen, deswegen hatte man rein intellektuell einen sehr großen Wissenshorizont, aber der tatsächliche Erfahrungshorizont, wo es dann um Gefühle ging und Emotion – da war nicht viel los … MUSIK: „A model of the universe“ SPRECHERIN Im Laufe des Jahres 1824, Charlotte war acht, Emily sechs Jahre alt, gab Pfarrer Patrick seinen Töchtern doch die Möglichkeit, etwas anderes als das Pfarrhaus und die umliegenden Moore zu sehen. Er brachte seine vier ältesten Töchter – damals lebten die beiden großen Schwestern Elisabeth und Maria noch – in einem Mädcheninternat unter. Der Vorteil: Die „Töchterschule“ war günstig, Pfarrer Brontë konnte sich das Schulgeld leisten und: seine Kinder sollten eine Ausbildung erhalten: als künftige Gouvernanten oder als gute Ehefrauen. Nachteil der Schule: diese Zeit muss für die Schwestern traumatisch gewesen sein. Unbeheizte Räume, karges Essen, aber vor allem viel Beten, viel Frömmigkeit und strengste Disziplin. – Die beiden großen Töchter werden schon einige Monate später wieder nach Hause geschickt. Zu kränklich seien sie für den Schulbesuch. - Die beiden sterben kurz nach der Heimkehr im Elternhaus in Haworth. Pfarrer Brontë holt darauf Charlotte und Emily wieder zu sich ins Pfarrhaus. MUSIK: „Aurora borealis“ ZITATORIN (Charlotte Brontë) Branwell kam mit einer Schachtel Holzsoldaten in unser Zimmer. Emily und ich hüpften aus dem Bett und ich schnappte mir einen der Soldaten und rief: Das ist der Herzog von Wellington! SPRECHERIN Charlotte erinnert sich. Damals muss sie um die 10 Jahre alt gewesen sein. Die vier verbliebenen Geschwister verbrachten nach den bedrückenden Erlebnissen im Internat wieder viel Zeit miteinander. – Die Holzsoldaten hatte Branwell vom Vater geschenkt bekommen. Und mit Hilfe dieser zwölf Figuren entwickelten die Kinder seltsame Spiele… ZITATORIN (Charlotte Brontë) Alle unsere Spiele waren sehr eigenartig. Ich denke, darüber brauche ich nichts zu schreiben. Ich werde sie nie vergessen! SPRECHERIN Was man heute weiß: Die Kinder Brontë erfinden Phantasiewelten, etwa Gondal und Angria. Und für ihr „Spiele“ schreiben sie Texte: Gedichte oder kleine Stücke; oder sie malen Bilder. Sie erschaffen sich eine parallele Phanasiewelt zu der realen Welt in Haworth… 020 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Also das war eher so ein eskapistisches Schreiben, mit dem sich die Kinder auch unterhalten haben gegenseitig. Denn sie hatten ja keinerlei Spielzeug oder Spielkameraden. MUSIK aus ZITATORIN (Charlotte Brontë) Eines Tages stieß ich zufällig auf eine Menge von Manuskripten in der Handschrift meiner Schwester Emily 021 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) (Es war so): Charlotte hat zufällig gemerkt, dass Emily Gedichte schreibt. Die hat einfach Manuskripte oder Zettel herumfliegen sehen und die gelesen. Wobei Emily erst fürchtend wütend war, weil das impertinent war, so was zu lesen… MUSIK: „Aurora borealis“ SPRECHERIN Natürlich wusste Charlotte, dass ihre kleine Schwester – die übrigens zu diesem Zeitpunkt schon 25 Jahre alt war - sie wusste, dass Emily Gedichte schrieb, also für die Welten von Gondal und Angria. Aber diese Verse, die sie da gefunden hatte, die waren ganz anders. ZITATORIN (Charlotte Brontë) Nichts von der Art Poesie, wie sie üblicherweise von Frauen verfasst wird. Es war ein besonderer Sound (Klang). Wild, erhebend, irgendwie auch melancholisch… SPRECHERIN Wie gesagt, Emily war nicht angetan von der Entdeckung, ihr Innerstes ging niemanden etwas an, aber … 022 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) (…) Aber dann kam man doch ins Gespräch und Anne sagte dann, ja, ich hab ja auch noch was geschrieben, und dann haben sich die Schwestern zusammengesetzt… SPRECHERIN Die Schwestern beschließen, gemeinsam einen Gedichtband zu veröffentlichen. Ihren Bruder Branwell, der ja auch literarische Ambitionen hatte und der auch seinen Teil zu den Phantasiewelten beigesteuert hatte, lassen sie außen vor. Sie stellen einen Gedichtband zusammen und schicken ihn an verschiedene Verlage. Als Autoren nennen sie: Currer, Ellis und Acton Bell. Allesamt männliche Pseudonyme… 023 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Nicht, weil es so war, dass Frauen gar nicht publiziert haben zu der Zeit, das gab es durchaus. SPRECHERIN Sagt die Anglistin Katharina Pink… 024 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Aber die Themenfelder, derer man sich als Frau annehmen durfte und wo man als kompetent gelten durfte, waren ja dann auch etwas beschränkt. Und man wurde ja auch immer beurteilt im Hinblick dessen, dass das ja eine Frau geschrieben hat. Und davon wollte Charlotte sich frei machen oder wollte einfach ein neutrales Urteil… SPRECHERIN Der Verlag Aylott & Jones in London veröffentlichte 1846 die „Poems“ von „Currer, Ellis und Acton Bell“. – Die Schwestern übernahmen die Druckkosten, um die 30 Pfund, damit das Bändchen mit seinen 165 Seiten überhaupt erscheinen konnte. Und: Verkauft haben sie ganze zwei Exemplare. Aber immerhin: Die Kritiken waren gut. Es waren derer drei. Übrigens: Charlottes Gedichte, also die von Currer Bell, kamen am schlechtesten weg… MUSIK: „A model of the universe“ SPRECHERIN Und jetzt wird’s gewagt und jetzt geht auch sehr schnell: Romane müssen her. Branwell, der Bruder, er hatte schon geunkt, nur der Roman schaffe Erfolg bei der Leserschaft. Er selbst hätte einen schreiben wollen, aber das ging, wie tragischerweise alles bei ihm, allerdings schief. Aber nicht bei den drei Schwestern … 025 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Sie haben sich dann wirklich überlegt, jetzt probieren wir es mit einem Roman. Und vielleicht sogar so mit einem „Tripledecker“ SPRECHERIN Also so in etwa drei Bücher in einem Schuber – 026 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) (…) den konnte man aufteilen, und somit konnten mehrere Leute gleichzeitig daran lesen … SPRECHERIN Die Schwestern bieten ihre Romane, natürlich noch unter den männlichen Pseudonymen, etlichen Verlagen an … 027 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Also: Emily Brontë eben „Sturmhöhe“, Anne Brontë „Agnes Grey“, das war ihr Gouvernanten-Roman, ihr erster Roman, und Charlotte Brontë „The Professor“ SPRECHERIN Der Verlag nahm die Romane der jüngeren Schwestern, also der vermeintlichen Brüder, an. Nur Charlottes Roman lehnte man ab. Sie musste also nochmals ran. Und Charlotte schrieb ihr bis heute bekanntestes Werk „Jane Eyre“ Und dafür fand sie tatsächlich einen Verlag´. Eine anderen als den der Schwestern. Aber immerhin: ihr Roman wurde schnell veröffentlicht. 028 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) SPRECHERIN Charlottes „Jane Eyre“ wird zu einem viktorianischem Beststeller. Und so zieht der andere Verlag, der die anderen beiden AutorInnen (ja. Hier gern gendern) unter Vertrag hatte, endlich nach. Und veröffentlicht „Sturmhöhe“ und „Agnes Grey“, die Bücher der jüngeren Schwestern, um auch noch Geld mit dem Brontë-Hype zu verdienen. – MUSIK: „A model of the universe“ SPRECHERIN Charlotte, und auch Anne, schreiben in ihren Romanen über die Erfahrungen als Gouvernante. Für diese Form der Literatur gibt es sogar einen Begriff: Der Gouvernantenroman. 029 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Man kann schon sagen, dass sie den maßgeblich mitbegründet haben. Aber in ihrem Falle liegt das daran, dass sie über das geschrieben haben was sie kannten. SPRECHERIN Erst sehr spät hat man verstranden, dass auch Emily nur über das schrieb, was sie kannte, und sogar mochte. Die Moorlandschaften von Hayworth 030 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Das zeigt sich auch im Roman „Sturmhöhe“. Die war da stark verwurzelt, aber eine sehr unkonventionelle Frau, um nicht zu sagen: unweiblich, wenn man das misst an den Maßgaben der viktorianischen Zeit. SPRECHERIN „Sturmhöhe“ gilt als Meisterwerk der Brontë-Schwestern. Der Roman zählt heute wohl zur Weltliteratur. Dabei geht es nur um zwei Anwesen in den Hochmooren von Yorkshire. 031 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Aber es ist halt eine interessante Liebesgeschichte. Weil es eben auch eine Rachegeschichte ist. Und Liebesgeschichten die mit Rache verwoben werden, sind dann doch immer erfolgreich über die Jahre (…) ATMO düster (Haworth) MUSIK: „Someone loves us“ SPRECHERIN In „Sturmhöhe“ lässt Emily ihrem fiktiven Erzähler das sagen, was sie wohl selbst über Haworth dachte. Die Figur Lockwood steht am Schluss des Romans vor drei Gräbern. Er, oder vielleicht Emily, sie haben ihren Frieden mit diesem seltsamen Ort gemacht… Mit Haworth… ZITATOR (Lockwood): Ich verweilte bei ihnen unter dem gütigen Himmel. Sah die Nachtfalter, die um das Heidekraut und die Glockenblume umherflogen. Lauschte dem im Laub flüsternden und mildem Wind und wunderte mich, wie irgendjemand glauben könnte, die Schläfer an diesem stillen Flecken der Erde könnten nicht in Fried ruhen … MUSIK

  • Pessimismus - Die Macht des negativen Denkens

    05.03.2025 · 24 Min.

    Negative Erfahrungen speichert unser Gehirn intensiver ab, als positive Erfahrungen. Denn aus schlechten Erfahrungen können wir lernen. Wird Pessimismus aber zu einer Grundstimmung, dann erreicht eine solche Weltsicht eher das Gegenteil: Dann fehlt es an Motivation, etwas daran ändern zu können. Von Daniela Remus (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Daniela Remus Regie: Martin Trauner Es sprachen: Hemma Michel Technik: Roland Böhm Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Dr. Hennig Beck, Neurowissenschaftler, Frankfurt/M.; Dr. Marlies Pinnow, (sprich: Pinnoo) Psychologin, Ruhr Universität Bochum; Prof. Lars Schwabe, Psychologe, Universität Hamburg Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Hoffnung - Die Stille Kraft JETZT ANHÖREN Was uns tröstet - Kraft in der Krise JETZT ANHÖREN Der Egoismus - Das Zukunftsmodell? JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Pessimistisch sein: Diesen Vorteil haben Pessimisten - ARD alpha Die Prüfung geht sowieso schief, einen Job kriegt ihr nie, alle sind gegen euch. Denkt ihr oft so negativ? Wir erklären, warum manche Menschen eher Pessimisten oder Optimisten sind, was pessimistisch sein bedeutet - und ob das wirklich immer schlecht ist. JETZT ENTDECKEN Literaturtipps: Beck, Hennig: 12 Gesetze der Dummheit. Denkfehler, die vernünftige Entscheidungen in der Politik und bei uns allen verhindern. Ullstein Verlag, Berlin 2023. Forschung von Dr. Marlies Pinnow, Ruhr Universität Bochum: Schlüter, C., Fraenz, C., Pinnow, M., Friedrich, P., Güntürkün, O., & Genç, E. (2018). The structural and Forschung functional signature of action control. Psychological Science, 29(10), 1620-1630. Pinnow, M. (2018). Wünschen, Wählen, Wollen: Individuelles Entscheiden und Handeln im Spiegel der Neurowissenschaft. In C. Gorr und M.C. Bauer (Hrsg.), Was treibt uns an? (pp. 67-81). Springer: Berlin. Forschung von Prof. Lars Schwabe, Universität Hamburg: Rouhani, N., Niv, Y., Frank, M. J., & Schwabe, L. (in press). Multiple routes to enhanced memory for emotionally relevant events. Trends in Cognitive Sciences. Baczkowski, B. M., Haaker, J, & Schwabe, L. (2023). Inferring danger with minimal aversive experience. Trends in Cognitive Sciences, 27, 456-467. Schwabe, L., Hermans, E., Joëls, M., & Roozendaal, B. (2022). Mechanisms of memory under stress. Neuron, 110, 1450-1467. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK SPRECHERIN „Das schaffe ich nie”, „Die denken doch nur an sich” oder „Das wird nie mehr gut”! Nicht wenige Menschen denken so und antworten auch entsprechend negativ. Und sie urteilen dermaßen pessimistisch nicht nur in einzelnen Situationen, sondern bei fast jeder Gelegenheit. Ob es um die Diät nach den Feiertagen geht, die nächste Prüfung, die weltpolitische Lage oder um den Streit in der Familie: „Das kann ja alles gar nicht anders als schlecht enden”! Und mit dieser pessimistischen Grundeinstellung sind sie nicht allein. Weltweit äußern sich in Umfragen zwei Drittel der Menschen düster und negativ über Gegenwart und Zukunft. Das ist für die Bewältigung der aktuellen Krisen kein gutes Zeichen, aber neurobiologisch ist der Pessimismus durchaus zu erklären. TAKE 1 (O-Ton Beck) L: 0, 25 Wir erinnern uns an sehr negative Ereignisse intensiver, als an sehr positive Ereignisse. Das hat einfach auch den Vorteil, dass man dadurch besser lernen kann. Also man stellt sich mal die Alternative vor, wir würden uns an positive Sachen immer erinnern, dann wären die immer präsent und wir hätten gar nicht mehr den Antrieb die nochmal erreichen zu wollen. Wohingegen, wenn ich mich an die negativen Sachen erinnere, dann habe ich die so präsent, dass ich immer weiß, die möchte ich vermeiden. SPRECHERIN Erklärt der Neurowissenschaftler und Sachbuchautor Hennig Beck. Tagein tagaus entscheidet unser Gehirn, was von dem, was wir erleben, als Erinnerung abgespeichert werden soll - und was nicht. Der Streit mit der Chefin, die schlechten Schulnoten, die freundliche Arzthelferin, der heftige Regenschauer und das Laubharken im Garten? Nicht alles, was wir erleben, wird zu einer Erinnerung. Aber negative Erlebnisse haben eine höhere Chance erinnert zu werden als positive. Das begünstigt ganz entscheidend den pessimistischen Blick auf die Welt. TAKE 2 (O-Ton Beck) L: 0, 24 In einem Gehirn liegt Erinnerung nicht irgendwo rum, sondern eine Erfahrung, die Sie machen, etwas, was Sie sehen oder hören, das führt dazu, dass die Nervenzellen sich besser synchronisieren, besser abstimmen in ihrer Aktivität, sie passen ihre Verknüpfungen untereinander an und das führt dazu, dass sie das nächste Mal dieses Aktivitätsmuster, besser auslösen können und das ist das, was man Gedächtnis oder Erinnerung nennt. SPRECHERIN Früher nahmen Forschende an, dass es einen festen Ort im Gehirn gibt, an dem unsere Erinnerungen, ähnlich wie Kleidungsstücke in einer Schublade, aufbewahrt werden. Aber mittlerweile ist klar, diese Erklärung ist zu einfach. An der Gedächtnisbildung sind vielmehr sehr viele und unterschiedliche Bereiche des Gehirns beteiligt: So zum Beispiel die Nervenzellen im sogenannten Hippocampus und im sogenannten Enthorialen Cortex. Was im Einzelnen im Gehirn und speziell in diesen Bereichen passieren muss, damit ein Erlebnis zu einer Erinnerung verarbeitet wird, das haben die Forschenden aber trotz aller Forschungen bisher immer noch nicht in allen Details verstanden. TAKE 3 (O-Ton Schwabe) L: 0, 10 Es ist natürlich so, dass die Relevanz und die emotionale Wertigkeit von Erfahrungen einen maßgeblichen Einfluss darauf haben, wie gut Sachen später erinnert werden. SPRECHERIN Erklärt Lars Schwabe, Professor für Psychologie an der Universität Hamburg. TAKE 4 (O-Ton Schwabe) L: 0, 15 Wir wissen aus Verhaltensstudien auch sehr gut, dass emotional negative Ereignisse aber auch emotional positive Ereignisse tendenziell besser erinnert werden als die neutralen, alltäglichen Ereignisse. Das ist ein relativ robuster Befund in der Literatur. SPRECHERIN Ein relativ robuster Befund in der Literatur, das heißt, dieses Ergebnis hat sich in vielen unterschiedlichen Experimenten immer wieder bestätigt: Die emotionale Betroffenheit in einer Situation führt also dazu, dass sie intensiver im Gehirn verankert wird. Und das macht es wahrscheinlicher, dass sie im Gedächtnis als Erinnerung abgelegt wird, betont der Frankfurter Neurowissenschaftler Beck: TAKE 5 (O-Ton Beck) L: 0,20 Alles, was emotional ist, ist so eine Art Beschleunigung für das Lernen. Es führt dazu, dass es besonders intensiv und weitläufig verarbeitet wird und genau an diesen Schnittstellen wo entschieden wird, was ist wichtig und was ist unwichtig, da ist Emotion so etwas, wie ein Lesezeichen, das markiert, oh das ist etwas, was man besonders intensiv später nochmal verarbeiten sollte. SPECHERIN Denn das Gehirn muss tagtäglich entscheiden, was wird als Erinnerung abgespeichert und was kann weg? Töne, Gerüche, Erlebnisse, Streit, ein unerwartetes Wiedersehen, Musik oder Gespräche: Emotionale Berührung machen einzelne Situationen von anderen unterscheidbar. Und bei negativen Emotionen ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß. dass sie es ins Gedächtnis schaffen und damit zu einem pessimistischen Blick auf die Welt führen. TAKE 6 (O-Ton Beck) L: 0, 32 Es gibt so eine Art Koordinationsstelle im Gehirn, die die wichtigsten Infos des Tages noch einmal reaktiviert. Nennt sich Hippocampus. Und diese Region ist quasi so ein Taktgeber dafür zu entscheiden, was ist wichtig, was ist unwichtig? Und in der Nacht, wenn man schläft, wird dann eben geschaut, was war besonders überraschend? Was war besonders emotional? Was war besonders neu, was man erlebt hat? Und das wird dann in der Nacht in den Großhirnarealen, dezentral, verankert unter Anleitung von eben jenem Hippocampus. SPRECHERIN ‚Gedächtnisspur‘ nennen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das, was der Hippocampus in den verschiedenen Gehirnarealen aufbaut und was dann später als Erinnerung wieder abgerufen werden kann. Positive und negativen Erlebnisse, die in uns Gefühle hervorrufen, entweder der Freude, des Glücks oder auch des Leids und der Trauer, hinterlassen besonders tiefe Gedächtnisspuren, werden also deutlich besser erinnert. Und manchmal, bei besonders traumatisierenden Erlebnissen kommt es dadurch zu einer derart präsenten Erinnerung, dass diese nicht mehr bewusst kontrolliert werden kann, wie bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung. ((TAKE 7 (O-Ton Beck) L: 0, 30 Wenn es besonders positiv oder besonders negativ ist, führt das zu einer besseren Gedächtnisspur, zu einem besseren Training kann man sagen, der Nervenzellen und ich behalte das intensiver. Tatsächlich muss man aber sagen, dass negative Emotionen, hochnegative Emotionen, Niederlagen beispielsweise oder Trauerereignisse, Schicksalsschläge, besonders intensiv verarbeitet werden. Intensiver als positive Emotionen und das führt dazu, dass man sich an solche sehr negativen Ereignisse häufig auch sehr negativ erinnert.)) SPRECHERIN Indem unser Gehirn vergangene Erlebnisse und Erfahrungen strukturiert und gewichtet und unter Umständen zu Erinnerungen macht, hilft es uns, unser Leben zu bewältigen, erklärt Lars Schwabe: TAKE 8 (O-Ton Schwabe) L: 0, 25 Das ist tatsächlich eine Idee, dass die maßgebliche Funktion des Gedächtnisses ist, uns eben auf ähnliche Situationen in der Zukunft bestmöglich vorzubereiten und daraus resultiert einfach auch der Umstand, dass dieses emotionale Gedächtnis, also die Steigerung der Erinnerungsfähigkeit emotionaler Inhalte, dass das auch ein grundadaptiver Mechanismus ist, der uns für zukünftige Gefahren bestmöglich vorbereitet. SPRECHERIN Es ist also vermutlich evolutionsbiologisch zu erklären, dass negative Erfahrungen besonders intensiv erinnert werden. Denn das hilft dabei, solche Erlebnisse in Zukunft zu vermeiden. Insofern könnte man auch sagen, dass ein pessimistischer Mensch sich v.a. davor schützen möchte, besonders negative Situationen zu erleben. Wie zum Beispiel das Anfassen der heißen Herdplatte. Biochemisch betrachtet lässt sich die intensive Erinnerung mit dem Hormoncocktail erklären, den der Körper in solchen Situationen ausschüttet. In glücklichen Momenten, wie beispielsweise bei der Geburt eines Kindes, produziert der Organismus besonders viel vom Botenstoff Dopamin, alltagssprachlich auch bekannt als ‚Belohnungshormon‘. Anders in einer emotional belastenden Situation: in der schüttet der Körper die Botenstoffe Noradrenalin und Cortisol aus, beide alltagssprachlich auch als ‚Stresshormone‘ bekannt. Vor allem diese Stresshormone aktivieren, so der gegenwärtige Wissensstand, die sogenannte Amygdala. Die ist, evolutionsbiologisch betrachtet, ein sehr alter Teil des Gehirns, häufig auch Mandelkern genannt, der für die Bewertung von emotional wichtigen, und zwar vor allem negativen Erlebnissen zuständig ist, ((erklärt Lars Schwabe: TAKE 9 (O-Ton Schwabe) L: 0, 13 Das heißt, die Amygdala sagt gewissermaßen, ‚hey, das ist jetzt eine extrem wichtige Situation, Hippocampus merk dir das mal besonders gut!‘, plakativ gesprochen und das ist der Mechanismus, der für aversive Ereignisse ganz gut etabliert ist. SPRECHERIN Auch für die Entstehung von Angst, die sich ja aus negativen emotionalen Erinnerungen speist, spielt die Amygdala eine wichtige Rolle. Forschende vermuten deshalb, dass es nicht nur graduelle Unterschiede gibt, in der Abspeicherung und Verarbeitung von positiven und negativen Emotionen in unserem Gedächtnis, sondern tatsächlich auch qualitative Unterschiede.)) Und das sei ja auch sinnvoll, so Psychologieprofessor Lars Schwabe, weil Erfahrungen und Erinnerungen unser Verhalten prägen. TAKE 10 (O-Ton Schwabe) L: 0, 17 Das heißt, unser Gedächtnis ist für unser Funktionieren im Alltag, in jeglicher Hinsicht, Motivation, Orientierung, Entscheidungsfindung absolut essentiell, aber auch essentiell dafür, wie wir uns als Person wahrnehmen. SPRECHERIN Ohne Erinnerung fehlten uns auch bedeutende Informationen über uns selbst. Deshalb, so Lars Schwabe, wüssten wir nicht, falls wir sie verlören, was wir für ein Mensch sind und was uns ausmacht. Wenig verwunderlich also, dass Erinnerungen auch mitbeeinflussen, wie Menschen auf die Welt, auf ihr Leben blicken. Sind sie eher optimistisch oder pessimistisch? Erwarten sie positive Entwicklungen für die Zukunft oder wird alles einfach nur immer schlechter? TAKE 11 (O-Ton Schwabe) L: 0, 24 Und wenn wir dann aufgrund unserer Stimmungslage oder unseres Naturells vorrangig negativ gefärbte Erfahrungen erinnern und diese in unserem Gedächtnis überrepräsentiert sind, dann kann das schon was sein, dass dann halt so ein sich selbst verstärkender Prozess fungiert dass man dann einen stärkeren Pessimismus an den Tag legt möglicherweise sogar zu eine depressive Stimmung neigt. SPRECHERIN Und daraus kann sich eine regelrechte Abwärtsspirale entwickeln, in der sich negative Erfahrungen und Erinnerungen dauerhaft selbst verstärken, erklärt Lars Schwabe: TAKE 12 (O-Ton Schwabe) L: 0, 31 Das heißt, dass wir erfahrungsbasiert bestimmte Schemata ausbilden, die Erwartungen widerspiegeln, was in einer bestimmten Situation vorhanden sein sollte. Und das leitet dann auch unsere Wahrnehmung und unsere Gedächtnisbildung, dass wir genau schauen, was sind die Aspekte, die bestimmte Situationen voneinander abgrenzen und was sind bestimmte Merkmale, die eigentlich überall da sind und das natürlich auch hilft für ein effizientere Gedächtnisabspeicherung. SPRECHERIN Im Alltag sprechen wir oft von einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung, wenn Menschen vor einem Prüfungstermin, der Führerscheinprüfung oder dem Bewerbungsgespräch mutmaßen, „das wird sowieso nichts” oder „ich kann das nicht”. Damit meinen wir, dass jede und jeder unbewusst oder bewusst durch das Verhalten mit dazu beiträgt, wie bestimmte Situationen sich entwickeln. Und tatsächlich existiert eine solcher Mechanismus. In Experimenten konnten Forschende nachweisen, dass negative Erlebnisse eine pessimistische Grundhaltung befördern und diese dann wiederum dazu führt, negative Erlebnisse zu begünstigen. Aber, ganz entscheidend in diesem Zusammenhang: Negative Erlebnisse werden dadurch nicht verursacht! MUSIK SPRECHERIN Und noch ein wichtiger Unterschied: Negatives Erlebnis und negatives Erlebnis sind auf keinen Fall identisch. Krieg, Vergewaltigung und Folter sind selbstverständlich unter keinen Umständen zu vergleichen mit anderen Erfahrungen, die wir im Alltag oft als negativ wahrnehmen, wie beispielsweise einer ungerechten Kündigung. Dennoch gehen Menschen mit diesen unterschiedlich belastenden Erfahrungen sehr verschieden um. Und das liegt daran, dass nicht die objektive Schwere einer Situation dafür verantwortlich ist, sondern der Umgang des Individuums damit, erklärt Dr. Marlies Pinnow, Psychologin an der Ruhr-Universität in Bochum: TAKE 13 (O-Ton Pinnow) L: 0, 39 Im Falle einer negativen Emotion … Angst, Trauer, Wut, kommt es ja in der Regel zu einer Coping Reaktion, also sie müssen das irgendwie bewältigen … Davon ist es ja abhängig, wie ich diese Erfahrung verbuche. Die kann ich erfolgreich bewältigen, lerne dadurch noch etwas … oder aber ich bewältige die nicht erfolgreich. Und das sind ja häufig Leute, die wir dann in der Praxis in den Therapien sehen. Die mit irgendeiner Situation in ihrem Leben, im Sinne eines positiven Copings nicht klargekommen sind. SPRECHERIN Selbstverständlich gibt es Menschen, die derart viele unvorstellbar negative Erfahrungen machen, dass sie von diesen geprägt werden und keine Kraft mehr haben, optimistisch, also hoffend und zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Menschen, die Kriege aushalten müssen, die Massaker und Terroranschläge überleben, Vergewaltigungen oder Folter überstehen. Aber nicht immer ist der Blick auf die Welt von solchen tatsächlich objektiv negativen Erlebnissen abhängig. Denn wie Menschen solche Erlebnisse verarbeiten, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab, erklärt der Psychologe Lars Schwabe von der Universität Hamburg: TAKE 14 (O-Ton Schwabe) L: 0,22 Da gibt es eine ganze Reihe von Faktoren: Persönlichkeit, frühkindliche Erfahrungen, genetische Ausstattung aber eben auch bestimmte Erinnerungstendenzen. Wenn es aber so ist, dass eine Person real sehr viel negative Situationen erfährt, die dann natürlich auch im Gedächtnis stark abgespeichert sind, dann hat das natürlich auch Implikationen, dafür, was sie erwartet, was in Zukunft passieren wird. SPRECHERIN Menschen, die extrem negative Situationen erleben mussten, wie z.B. Folter oder Missbrauch, können beispielsweise in eine sogenannte ‚erlernte Hilflosigkeit‘ rutschen. Das heißt, dass die negative Erinnerung und damit eine pessimistische Grundhaltung zum bestimmenden Aspekt der Persönlichkeit wird: TAKE 15 (O-Ton Schwabe) L. 0, 10 Auch auf motivationaler Ebene, wo dann vielleicht so ein Pessimismus reinspielt, und auch auf kognitiver Ebene. Man sieht dann z.B. auch bestimmte Gedächtnis- oder Arbeitsgedächtnisauffälligkeiten. SPRECHERIN Aber auch bei denjenigen, die von solchen objektiv negativen Erlebnissen verschont sind, die Glück, Trauer, Wut und Freude in einem relativ gesicherten Umfeld erleben, so wie es für die meisten Menschen hier in Deutschland gilt, gibt es viele, die vor allem pessimistisch auf die Welt blicken. Sie haben eine Arbeit, werden auch mal krank, fallen durch Prüfungen oder werden von ihren Partnern verlassen, sie ärgern sich, wenn die Bahn unpünktlich, das Auto kaputt ist und das Lieblingsbrötchen ausverkauft. Unterschiedlich stark ausgeprägte Persönlichkeitsmerkmale beeinflussen, so der gegenwärtige Wissensstand, wie Menschen mit solchen negativen Alltagserfahrungen umgehen: Manche sind eher Handlungsorientiert, andere eher Lageorientiert. Handlungsorientierte überlegen bei Missgeschicken und negativen Erlebnissen, warum ist das so gelaufen, welche Gründe gibt es dafür, wie kann ich damit in Zukunft umgehen? Was kann ich verändern, damit das nicht noch einmal passiert? Lageorientierte Menschen dagegen sind so auf die Lage bzw. Situation fixiert, dass sie es nicht - oder nur sehr - schwer schaffen, sich von dieser Erfahrung zu befreien, sich von dem Missgeschick zu erholen oder auch daraus für die Zukunft zu lernen, wie die Psychologin Margret Pinnow erklärt: TAKE 16 (O-Ton Pinnow) L: 0, 20 Wir haben diese Personengruppen tatsächlich in den Scanner gelegt… da haben wir angefangen zu schauen, weil es gibt Strukturen, die erlauben Emotionen besser zu regulieren und die sind tatsächlich bei den Handlungsorientieren stärker ausgeprägt als bei den Lageorientierten. SPRECHERIN Warum die einen deprimiert und pessimistisch reagieren, die anderen aber negative Erlebnisse und Niederlagen wegstecken, das ist bisher noch nicht richtig klar, sagt Marlies Pinnow. Sicherlich sind frühkindliche Bindungen dafür entscheidend, aber auch erlernte Emotionskontrolle und genetische Dispositionen. Fest steht, diese Eigenschaften beeinflussen, wie man auf die Welt blickt, welcher Blick sich verstetigt. Hinzu kommen darüber hinaus, neben diesen individuellen Persön-lichkeits¬merkmalen, auch noch weiter Faktoren. Sie liegen auf der gesellschaftlich-sozialen Ebene: TAKE 17 (O-Ton Beck) L: 0, 17 Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass wirtschaftlich sehr reife Gesellschaften dazu tendieren, pessimistischer zu werden. Weil sie einfach an einem Punkt angekommen sind, wo man sich kaum vorstellen kann, dass es besser werden kann und ich diesen ganzen Fortschritt und Wohlstand als selbstverständlich annehmen. SPRECHERIN Sagt der Frankfurter Neurowissenschaftler Henning Beck, der zum grassierenden, gesellschaftlichen Pessimismus im Herbst 2023 ein Sachbuch veröffentlicht hat. TAKE 18 (O-Ton Beck) L: 0, 23 Also für uns ist selbstverständlich, dass sauberes Wasser aus der Leitung kommt, für uns ist selbstverständlich, dass wir Erdbeeren im Winter kaufen können, ich kann mir alles liefern lassen, was ich will. Wir haben als Gesellschaft einen Zustand erreicht, der kaum noch verbesserungsfähig ist, in unserer Vorstellung. Welche Möglichkeiten hast du darauf psychologisch zu reagieren? Du schaust dir an, wo es schlechter werden könnte und hast Angst davor, und fängst also an zu verteidigen, was du hast. SPRECHERIN Genau das sehen und erleben wir zurzeit in vielen europäischen Staaten. Eine Umfrage des Forsa Instituts vom September 2023 hat beispielsweise ergeben: In Deutschland sind rund 46 Prozent der Befragten der Ansicht, dass es ihnen in zehn Jahren deutlich schlechter gehen wird als heute. Nur 17 Prozent blicken optimistisch in die Zukunft, und erwarten, dass es ihnen dann besser gehen wird. Eine gesellschaftliche Stimmung also, die eindeutig pessimistisch ist und die ihre Ursachen nicht nur in der Angst vor Verlusten hat, sondern auch darin, dass das, was gut läuft, nicht als positiv wahrgenommen wird, sagt Hennig Beck: TAKE 19 (O-Ton Beck) L: 0, 35 Warum sind Menschen so pessimistisch? Menschen erkennen den Fortschritt nicht. Also das Unglück ist sichtbar, das Glück auch, aber man sieht es nicht. Das Glück nimmt man eigentlich als selbstverständlich hin, also das, was früher eine medizinische Sensation war, früher war es eine Sensation, wenn du 90 Jahre alt geworden bist, heute regen sich 70,80jähirge auf, wenn sie in der Coronapandemie nicht mit einem Kreuzfahrtschiff fahren können. Ja, so ändern sich die Zeiten. Und dieser ganze Fortschritt, dass wir gesünder sind, besser leben, dass wir freier sind als früher, das sehen wir nicht, weil wir uns daran gewöhnt haben. SPRECHERIN „Früher war alles besser …” heißt es dann. Dabei sind immer mehr Krebsarten heilbar sind, deutlich mehr Menschen können lesen und schreiben, Demonstrationsfreiheit gilt selbst für abstruse Meinungen, sofern sie nicht gegen das Grundgesetz verstoßen. In Deutschland muss kaum noch jemand Hunger leiden, in Rhein und Elbe kann wieder geschwommen werden und die Zahl der Morde geht kontinuierlich zurück. Dennoch nehmen viele Menschen das ganz anders wahr. Neben den realen und beunruhigenden Kriegen und wirtschaftlichen Krisen, mit denen wir zur Zeit konfrontiert sind, gibt es dafür aber auch noch eine andere Erklärung: TAKE 20 (O-Ton Beck) L 0, 38 Das nennt man Reminiszenz Effekt. Das ist dieser Effekt, dass man sagt, früher war alles besser. Und man vergleicht die Gegenwart jetzt mit der Vergangenheit und stellt fest, ach früher war doch eigentlich alles okay. Und das ist ein psychologischer Streich, den uns unser Gehirn spielt. Denn ja, es stimmt, dass negative Sachen intensiver erlebt werden als positive, …, aber wenn es um das gesamte Leben geht und man schaut zurück, an was erinnert man sich am meisten? Am meisten erinnert man sich an die Phase in den eigenen 20ern. Das ist so die Phase, die am präsentesten ist. Man ist von zu Hause ausgezogen, hat irgendwo eine Arbeit angefangen, hat einen Partner oder eine Partnerin fürs Leben kennengelernt, da ging´s ab. SPRECHERIN Und alles, was danach kommt, Konsolidierung im Beruf oder die Familienphase fällt dagegen ab, erscheint eher langweilig. Denn es passiert in der Regel deutlich weniger komplett Neues als in der Zeit zwischen 20 und 30: TAKE 21 (O-Ton Beck) L: 0, 30 Der Grundton, dass man danach nicht sooo viel erlebt … führt dazu, dass man im Laufe des Lebens sagt, ach ja früher, da ging es rund, da hab ich viel gemacht, da war alles gut und jetzt ist viel weniger los und es wird eigentlich alles immer schlechter. Das führt dazu, dass man so eine pessimistische Grundeinstellung hat, weil man die Gegenwart mit der Vergangenheit vergleicht, obwohl das objektiv vielleicht gar nicht stimmt. SPRECHERIN Wenn große Teile einer Gesellschaft von dieser pessimistischen Grundstimmung erfasst werden, kann das, ganz pragmatisch betrachtet, durchaus problematisch sein. Denn in der gegenwärtigen Lage mit Erderwärmung, Kriegen und Krisen, brauchen Gesellschaften gute Ideen, und Menschen, die optimistisch in die Zukunft blicken, um die anstehenden Schwierigkeiten zu bewältigen und die Entwicklung zum Besseren wenden zu können. Pessimismus und der Blick zurück in eine vermeintlich gute Vergangenheit, ob persönlich oder politisch, ist dafür eher eine Sackgasse.

  • Das Fenster - Geschichte mit Durchblick

    05.03.2025 · 23 Min.

    Fenster gelten als Auge eines Hauses. Sie schaffen eine Verbindung zwischen innen und außen, ermöglichen Aus- und Einblicke. Durch die Jahrhunderte haben sie ihre Form stetig gewandelt, genauso wie das Leben in den Räumen hinter den Fenstern Veränderungen unterlag. Von Susanne Hofmann (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Susanne Hofmann Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Johannes Hitzelberger, Rahel Comtesse, Stefan Merki, Gudrun Skupin Technik: Adele Meßmer Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Dr. Wenderoth, Fachreferent für Bautechnik am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege; Dr. Barbara Perfahl, Wohnpsychologin Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Wohntürme und Wolkenkratzer - Als die Häuser immer höher wurden JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATOR Der Plan, das neue Rathaus nicht viereckig, sondern dreieckig zu bauen, stammte vom Schweinehirten. „Die Idee wird Schilda berühmter machen als Pisa mit seinem schiefen Turm!“, sagte er. ERZÄHLERIN Und so machten sich die Schildbürger an die Arbeit, errichteten drei Mauern und setzten ein Dach darauf. Bei der feierlichen Einweihung wollten die Bürger voller Stolz das neue Gebäude erkunden. ZITATOR Doch sie waren noch nicht auf der Treppe, da purzelten sie auch schon durcheinander und schimpften wie die Rohrspatzen. Da erst dämmerte es den Schildbürgern: „In unserem Rathaus ist es finster!“ Sie hatten doch tatsächlich die Fenster vergessen. ATMO FENSTER zu + ATMO Fenster putzen ERZÄHLERIN Was für uns heute ein, inzwischen sprichwörtlicher, Schildbürgerstreich ist, war für unsere Vorfahren über viele Jahrtausende noch Normalität: Gebäude ohne Fenster: Finster, muffig, höhlenartig muss sich das angefühlt haben. Und dann, irgendwann, kam das Fenster. Musik 2: Glass house - 58 sek ERZÄHLER Fenster – von lateinisch fenestra – bezeichnet eine Maueröffnung in einem Haus zur Belichtung und Belüftung von Innenräumen. Seit dem 8. Jahrhundert gehört das Wort Fenster zum deutschen Wortschatz. Wohnen ohne Fenster ist für uns unvorstellbar. Das bloße Dach über dem Kopf reicht nach heutigen Begriffen höchstens zum Hausen aus, nicht aber, um sich auch zuhause zu fühlen. Die österreichische Wohnpsychologin Dr. Barbara Perfahl befasst sich seit vielen Jahren mit Architektur und damit, wie Räume – und Fenster - wirken. 1. ZUSPIELUNG Perfahl 1:35 „Fenster spielen beim Wohnen und beim Einrichten eine ganz große Rolle und vor allem bei der Frage, wie wohl sich Menschen in Räumen fühlen. Ursprünglich sind Fenster ja einfach in Häuser geschnitten worden, sozusagen um Licht rein und ganz zu Beginn den Rauch rauszulassen. Und einen Sicherheitsaspekt hatte das auch noch. Man hat sich aus dem Haus heraus verteidigt, durch Fensterschlitze zum Beispiel. Aber im heutigen Wohnen spielt es eine ganz große Rolle: Die meisten Menschen suchen beim Wohnen Licht, je heller Wohnungen sind, desto wertiger und angenehmer werden sie wahrgenommen.“ Musik 4: Liz on top of the world –35 Sek ERZÄHLER Die Villa mit Panoramafenstern und entsprechend lichtdurchfluteten Räumen ist für viele der Inbegriff luxuriösen Wohnens. Idealerweise befindet sich das Haus in unbebauter Umgebung und erlaubt den Blick ins Grüne. Dass wir das als angenehm empfinden, hängt womöglich damit zusammen, so Wohnpsychologin Barbara Perfahl, 2. ZUSPIELUNG Perfahl 3:45 „dass der Mensch in unseren Breitengraden seit etwa 16 Generationen erst überwiegend sich in gebauten Räumen aufhält. Also das heißt, vor wenigen hundert Jahren war unser Lebensraum eigentlich das Draußen. … an und für sich sind wir als Menschen Geschöpfe des Draußen, darauf sind wir auch programmiert. Und deshalb suchen wir das auch im Drinnen.“ ERZÄHLERIN Fenster schaffen eine Verbindung zwischen innen und außen. Sie schirmen uns – zumindest in ihrer heutigen Form mithilfe von isolierenden Glasscheiben – vor widrigem Wetter und ungemütlichen Temperaturen ab und gewähren zugleich einen Blick ins Freie. Barbara Perfahl: 3. ZUSPIELUNG Perfahl 4.42 „Wir wollen uns die Natur auch reinholen. … Wir können uns besser konzentrieren, wenn wir einen Arbeitsplatz an einem Fenster haben, von dem aus wir ins Grüne schauen können, als wenn wir einen Arbeitsplatz haben, wo wir nicht so ein Fenster haben.“ ERZÄHLER Der Schutz vor der Natur bei gleichzeitig größtmöglicher Nähe zur Natur scheint ein natürliches Bedürfnis zu sein. Die meisten von uns suchen in unserer Wohnung oder unserem Haus auch Erholung. 4. ZUSPIELUNG Perfahl 6.56 „Das heißt, wir brauchen diesen sicheren Rückzugsraum, um unsere Akkus wieder aufzuladen, um zur Ruhe zu kommen, um wieder aufzutanken. Und da brauchen wir es angenehm, gemütlich, schön. Und da gehört eben Licht, Helligkeit dazu, aber auch die Möglichkeit, zum Beispiel rauszugucken ins Grüne oder in den Himmel oder einfach an die Straße lang, also das zu steuern zu können, wie viel vom Außen ich sehe, das ist schon ein Aspekt auch von diesem Erholtseinkönnen.“ ERZÄHLERIN Licht hebt die Stimmung, stärkt das Immunsystem, und wir brauchen es in vielerlei Hinsicht, zunächst einmal aus einem ganz praktischen Grund: Damit wir sehen, was wir tun. 5. ZUSPIELUNG Perfahl 2:40 „Wir haben ja jetzt ganz tolles, künstliches Licht, aber vor ein paar hundert Jahren hatten wir funzelige Kerzen gehabt und dort seine Arbeit verrichtet. Aber wir brauchen natürlich als Menschen auch Licht zur Steuerung unserer Körperfunktionen, Tag-Nacht-Rhythmus, Vitamin D-Bildung und solche Dinge, also wir brauchen Licht, um gesund zu bleiben. Und jetzt kann man in die Natur rausgehen, da hat man dann die Sonne, hat das Licht, aber man wollte schon relativ früh, im Grunde in dem Moment, wo man sich Häuser gebaut hat, das Licht möglichst auch drin haben.“ ERZÄHLER Doch der Blick zurück in die Vergangenheit zeigt: Fenster, die diese Funktion erfüllen, gibt es menschheitsgeschichtlich gesehen noch gar nicht so lange. Musik 4: Mystique – 35 sek ERZÄHLERIN Als sich vor 10-12.000 Jahren erste Gemeinschaften an einem Ort niederließen und begannen, Häuser aus Stein zu bauen, war das noch eine finstere Angelegenheit. Denn Fenster besaßen diese ersten Häuser noch nicht. Maximal hatte man kleine Löcher in der Wand oder im Dach, um den Rauch des Feuers entweichen lassen zu können, an dem man sich wärmte und Essen kochte. Unpraktische Nebenwirkung: Auch kalte Luft und Feuchtigkeit drangen durch die Löcher ungehindert ins Innere. Musik aus ERZÄHLER Später behalf man sich mit in Öl getauchten Tierhäuten, die man vor die Lüftungsschlitze hängte. So wurden Wind und Regen abgewehrt und es schimmerte zumindest eine Ahnung von Licht hindurch. In Gebrauch kamen außerdem Holzläden vor den Maueröffnungen, die man öffnen und schließen konnte. Die Wohnpsychologin Barbara Perfahl: 6. ZUSPIELUNG Perfahl 5:59 „Wir brauchen … ein Territorium, das uns gehört, wo keine Fremden reinkommen können, wo wir auch aber Schutz vor Einblicken zum Beispiel haben, also Privatsphäre gehört da ja auch dazu. Das heißt Fenster wären vor dem Sicherheitsaspekt betrachtet, eigentlich kleiner, besser: Je kleiner, desto weniger kann man reingucken.“ Musik 5: Historic Secrets (b) - 44 Sek ERZÄHLERIN Im meist heißen und trockenen Ägypten rund 1100 Jahre vor Christus wollte man sich vor allem vor der sengenden Hitze der Sonne schützen. Die Häuser der alten Ägypter muss man sich als einfache rechteckige Kästen vorstellen, erbaut aus Lehmziegeln. Der Wohnbereich, in dem man sich meistens aufhielt, befand sich ganz im Inneren des Hauses, umringt von kleineren Kammern. Man versuchte dadurch, die Hitze von draußen mit mehreren Mauern abzuschirmen. Diese Häuser nennt man auch Schneckenhäuser. Sie öffneten sich für gewöhnlich auf einen Hof, der oft überdacht war und auf dem man die meisten Arbeiten verrichtete. Musik aus ERZÄHLER Zur Belüftung des Hauses dienten Schlitzfenster. Sie befanden sich ganz oben in den Räumen auf der sonnenabgewandten Seite. Ebenso wie die Eingangstüren, die sich in der Regel nach Norden öffneten, um den kühlenden Nordwind einzulassen. Vor den Schlitzfenstern wurden zum Teil auch Vorhänge aus Papyrus befestigt. Diese sollten ebenfalls vor der Sonneneinstrahlung schützen. Auch dünn geschliffene Scheiben aus Alabaster sind verbürgt. Alabaster, eine Art Gips, wirkt aufgrund seiner weißen Farbe und seiner transparenten Beschaffenheit ähnlich wie Milchglas. Im Inneren der Häuser herrschte also Dämmerlicht. Auch reich verzierte Fenstergitter aus Sandstein, die man zum Schutz der Privatsphäre anbrachte, verdunkelten die Räume. Weil sich die Häuser trotzdem im Laufe des Tages aufheizten, bespritzten die Menschen ihre Böden mit Wasser, das in Krügen dafür bereitstand. Die Verdunstung sorgte für ein wenig Kühlung. Abkühlung suchten auch die alten Römer in der Antike. Wie sie lebten, interessierte schon den Universalgelehrten Johann Wolfgang von Goethe: Musik 6: Dr. Mabus – 1:05 Minuten ZITATOR (Goethe) Neapel, den 13. März 1787 Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte. Ich weiß nicht leicht etwas Interessanteres. ERZÄHLERIN Goethe auf seiner Italienischen Reise nach dem Besuch der antiken Stadt Pompeij am Golf von Neapel. Sie wurde 79 vor Christus nach dem Ausbruch des Vesuvs verschüttet und blieb unter der Vulkanasche großenteils erhalten. Pompeji ist also ein Glücksfall für Archäologen. Die Stadt bietet einen Einblick in den Alltag und die Wohnverhältnisse der Menschen damals. Goethe war fasziniert: ZITATOR (Goethe) Pompeji setzt jedermann wegen seiner Enge und Kleinheit in Verwunderung. Schmale Straßen, obgleich grade und an der Seite mit Schrittplatten versehen, kleine Häuser ohne Fenster, aus den Höfen und offenen Galerien die Zimmer nur durch die Türen erleuchtet. ERZÄHLER Nicht alle Häuser der alten Römer waren fensterlos. Insbesondere die Häuser wohlhabender Bewohner hatten Fenster zum Garten oder zum Hof hin, noch ohne Verglasung allerdings. Viele Häuser erhielten ihr Licht von oben, durch eine Dachöffnung. Die großen Stadthäuser besaßen aber auch Fenster zur Straße. Straßenatmo/Stimmengewirr/Wagengeräusche ERZÄHLERIN Die Stadt Rom war zur Kaiserzeit eine pulsierende Metropole mit über einer Million Einwohnern und aufgrund des steten Zuzugs bald hoffnungslos übervölkert. Die meisten Menschen lebten in winzigen Wohnungen oder Zimmern in mehrstöckigen Häuserblocks. Darin war es stickig und beengt, wie der Dichter Martial im 1. Jahrhundert nach Christus in etlichen Epigrammen beklagte. ZITATOR Martial „Ich lebe in einer kleinen Zelle, mit nur einem Fenster, das nicht einmal richtig passt. Boreas selbst, der Nordwind, möchte hier nicht hausen.“ ERZÄHLER Das Leben spielte sich großenteils vor der Haustür ab, in Geschäften, Lokalen und öffentlichen Bädern. Nach Hause kamen die Römer vor allem zum Schlafen. Der Lärm, der von der Straße an die Fenster drang, muss beträchtlich gewesen sein: Wagen rumpelten über das Pflaster, Menschenmassen drängten sich durch die Gassen, Händler priesen ihre Ware an, Viehtreiber brüllten und Lehrer unterrichteten im Freien lautstark ihre Schüler. Ruhe in der Stadt zu finden – ein Ding der Unmöglichkeit, urteilte der römische Satirenschreiber Juvenal: ZITATOR Juvenal „Fragst du, woran hier die Mehrzahl dahinstirbt? Mangel des Schlafes Ist’s; denn welche gemiethete Wohnung lässt hier die Ruh zu? Nur der Reiche und Vornehme kann des Schlafes sich freuen; Das ist die Quelle der Krankheit; das Rasseln der Karren und Wagen In dem engen Gewirre der Gassen, das Fluchen und Schimpfen, das der Fuhrmann erhebt, wenn sein Vieh muss stehen.“ Straßenatmos weg + Fenster zu + Atmo Regen prasselt gegen Fenster ERZÄHLERIN Lärmreduzierendes Fensterglas entwickelten die Römer kurz nach Christi Geburt. Eine bahnbrechende Erfindung: Dank Glasscheibe können nun Wind und Wetter nach draußen verbannt werden, während das Licht ins Gebäude gelassen wird. Das Fensterglas kommt gerade rechtzeitig für die Eroberungsfeldzüge der Römer über die Alpen in den kühleren Norden. Nur dank Glasfenstern waren auch andere zivilisatorische Exporte der Römer in kältere Regionen überhaupt sinnvoll nutzbar – beispielsweise Fußbodenheizungen oder Thermen. Atmo Therme + Wassergeplätscher… ERZÄHLER Hier, in ihren Badeanlagen, setzten die Römer wohl ihre ersten Glasfenster ein. Und zwar nach Süd-Westen ausgerichtet, so dass die Becken zu den Badezeiten zwischen Mittag und Abend die volle Sonne abbekamen und sich die Räume dadurch aufheizen konnten. Eines der ältesten erhaltenen verglasten Fenster stammt aus der Forumstherme in Pompeji: Eine etwa handtellergroße runde Scheibe in einem Bronzerahmen. ERZÄHLERIN Fensterglas, das noch über viele Jahrhunderte ein Luxusgut war, wurde nur in öffentlichen Gebäuden und in den Palästen der Reichen eingebaut. Die frühen Fensterscheiben muss man sich auch noch recht klein vorstellen, sie maßen in der Regel höchstens 20 mal 30 Zentimeter. Außerdem war das Glas matt, uneben und noch lange nicht so durchsichtig, wie wir es heute kennen. Hergestellt wurde es aus einer Mischung von Buchenholzasche und Sand, die man bei rund 1500 Grad Celsius miteinander verschmolz. Vermutlich wurde dieses frühe Fensterglas geblasen, aus der Glaskugel ein Zylinder geformt, welcher schließlich geteilt und ausgerollt wurde. Die Reste wurden wieder eingeschmolzen. Ein äußerst aufwändiger Prozess. Musik 7: Virgo Virginum – 41 Sek ERZÄHLER Aus der Not des kleinen Formats machte man in der Gotik, also ab Mitte des 13. Jahrhunderts, eine Tugend. Man färbte das Glas bunt – unter anderem unter Beifügung von geringen Mengen Gold und Chrom – und setzte es mittels Bleifassungen zu Bildern zusammen. In den gotischen Kathedralen prangen seither prächtige, vielfarbige Glasfenster. Eines der größten ziert die Kathedrale von Metz: Es misst 6.500 Quadratmeter, ist also fast so groß wie ein Fußballfeld, und zeigt unter anderem verschiedene Marienbildnisse. Atmo – Tür knarzt – Archiv 7. ZUSPIELUNG 1.20 Thomas Wenderoth „Hier stehen wir in einem unserer Haupträume. Sie sehen, wenn Sie jetzt um sich schauen, auf der rechten Seite eben eine große Anzahl von Fenstern…Die kommen aus dem gesamten bayerischen Bereich.“ ERZÄHLERIN Der Denkmalschützer Dr. Thomas Wenderoth, Fachreferent für Bautechnik am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, überblickt eine Sammlung von rund 200 historischen Fenstern, verstaut unter dem Dach des ehemaligen Klosters Thierhaupten. Sie alle haben einen hölzernen Rahmen, die meisten besitzen Glasscheiben, viele davon mehrmals unterteilt. Auch Butzenscheiben sind dabei sowie runde oder sechseckige Fensterscheiben. ERZÄHLER Das älteste Fenster im Fundus stammt aus einer Kirche aus dem 12. Jahrhundert – ein übermannsgroßer klobiger Holzrahmen, oben gerundet – und ohne Fensterglas. Ein derart altes Fenster ist eine Rarität, die meisten Fenster aus der Zeit wurden entsorgt. Denn im 15. Jahrhundert führte ein Innovationsschub in der Glasproduktion dazu, dass Glas erschwinglicher wurde. Und mit der Verfügbarkeit stiegen die Ansprüche. Man brach größere Öffnungen in die Fassaden, die alten glaslosen oder kleinen Fenster wurden ersetzt und verschwanden meist spurlos. 8. ZUSPIELUNG 3.26 Thomas Wenderoth „Also man kann rundweg sagen: Ab 1500 ist das Glas allgemein gebräuchlich - egal, ob wir jetzt eine ländliche, bäuerliche Situation haben oder einen herrschaftlichen Bau, und je nach Gattung und Geldbeutel des Bauherrn finden wir natürlich früher Glasfenster und bei ärmeren Personenkreisen eben später.“ Musik 8: Gespenstische Nacht – 51 Sek ERZÄHLERIN Bis 1500 besaßen die meisten Wohnhäuser hierzulande also keine Glasfenster, sondern Wandöffnungen, die mit hölzernen Fensterläden, Leder oder Tüchern verschlossen wurden. Diese Fenster dienten vor allem der Lüftung. Das war wohl auch nötig, schließlich lebten Mensch und Vieh über viele Jahrhunderte unter einem Dach, wie die Archäologin Imma Kilian in der „Geschichte des Wohnens“ schreibt: ZITATORIN „Stallgeruch, Essensdämpfe, Rauch, Kälte, Dunkelheit und Enge waren tägliche, gemeinsame Erfahrungen, die alle Hofbewohner verbunden haben, die aber auch zu Gereiztheit und Streit geführt haben werden.“ ERZÄHLER Die Lüftungsfunktion lässt sich übrigens noch am englischen Wort für Fenster ablesen: Window. Es setzt sich aus „wind“ und dem altenglischen Wort für „eye“ zusammen, zu Deutsch Windauge. Unsere Vorfahren hatten die Wahl: Licht oder Wärme in der Stube. Thomas Wenderoth 9. ZUSPIELUNG Wenderoth 7:45 „Das was sicher nicht komfortabel. Aber wenn man es nicht anders gewohnt ist und weiß, im Winter ist es kalt, und im Winter ist es eben nicht nur kalt draußen, sondern auch in meinem Haus nicht warm - man kannte es dann auch nicht anders.“ ERZÄHLERIN Das Leben der Menschen im Mittelalter richtete sich vor allem nach der Natur, dem Lauf der Jahreszeiten, dem Sonnenauf- und -untergang. Es spielte sich überwiegend im Freien ab. Wohnpsychologin Barbara Perfahl: 10. ZUSPIELUNG 15:21 „Man hat ja auch das Draußen suchen müssen, um arbeiten zu können, weil man ja für ganz viele Arbeiten einfach Licht braucht, ne. Dann ist man eben bei fast jeder Witterung auch draußen gewesen. Und in den Wintermonaten waren halt bestimmte Arbeiten aber auch nicht möglich. Also wenn Sie an die Landwirtschaft denken, bäuerliches Leben, das hat sich natürlich in der hellen Jahreszeit abgespielt, und in den finsteren Monaten ist man dann aber drinnen gewesen und hat sozusagen das, was man sich erwirtschaftet hat, verarbeitet.“ ERZÄHLER Im Laufe der Jahrhunderte verbesserte sich die Glasqualität zusehends – die Produktion wurde industrialisiert, Glas immer transparenter, und technische Fortschritte erlaubten, immer größere Scheiben herzustellen. Dennoch blieben Fenster eine Geldfrage. Wer betucht war, setzte auf große Fenster für seine Repräsentationsräume. Sie dienten auch dazu, nach außen hin zu zeigen, wer man war. In einigen Ländern Europas führten die Herrschenden Ende des 17. Jahrhunderts eine Fenstersteuer ein – sie hatte angeblich zur Folge, dass Hausbesitzer zum Teil Fenster zumauerten oder möglichst fensterarme Häuser bauten, um weniger Abgaben zahlen zu müssen. Andererseits suchten sich reiche Familien gegenseitig zu übertrumpfen, indem sie ihre Häuser mit möglichst vielen Fenstern versahen. Musik 9: Georgiana – 47 Sek ERZÄHLERIN Fenster entwickelten sich zu einem prägenden Gestaltungselement in der Architektur. Sie dienten dazu, Fassaden und Innenräume zu gliedern. Man setzte zur Unterteilung der Scheiben beispielsweise Sprossenfenster ein. Was ursprünglich einmal dazu gedient hatte, kleine und damit günstigere Scheiben zu einer großen Glasfläche zusammenzusetzen, hatte später rein ästhetische Gründe. Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte man das sogenannte Winterfenster – eine zusätzliche Scheibe, die man in der kalten Jahreszeit mithilfe von Haken in die Fensterrahmen einfügte. Thomas Wenderoth: 11. ZUSPIELUNG Wenderoth 16:43 „Beim Einfachfenster mit einer einfachen Scheibe, da hat man im Winter Kondensat, und wenn es sehr kalt wird, eben dann die sogenannten Eisblumen am Fenster, weil das Kondensat, das sich auf der Scheibe sammelt, eben dann gefriert. …Und es war auch unseren Vorfahren schon ganz schnell deutlich und klar, dass, wenn ich eine zweite Fenster-Ebene einbaue, ich so ein Pufferraum bekomme zwischen diesen zwei Fensterebenen und eben die Innenseite meines Fensters dann nicht mehr null Grad hat, sondern dann doch plus fünf, sechs Grad und ich damit wenig Schwitzwasser habe und vor allen Dingen auch keine Eisblumen.“ ERZÄHLER Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es einen weiteren großen Sprung in der Technik der Flachglasproduktion. Ein neuartiges Verfahren erlaubte die Herstellung gleichmäßiger, hauchdünner und vollkommen transparenter Glasplatten. Damit handelte man sich allerdings wieder einen Nachteil ein: Die glasklaren Scheiben gewährten auch Einblicke von draußen, gegen die man sich wiederum mit Gardinen, Rollläden oder Fensterläden schützte. Atmo Fenster öffnen Musik 10: Belises et ses amants – siehe M1 – 1:00 Minute ZITATOR „Sie besprachen, wie man Licht ins Rathaus hineinschaffen konnte. Erst nach dem fünften Glas Bier sagte der Hufschmied nachdenklich: „Wir sollten das Licht wie Wasser hineintragen!“ „Hurra!“, riefen alle begeistert. Am nächsten Tag schaufelten die Schildbürger den Sonnenschein in Eimer und Kessel, Kannen und Töpfe. Andre hielten Kartoffelsäcke ins Sonnenlicht, banden dann die Säcke schnell zu und schleppten sie ins Rathaus. Dort banden sie die Säcke auf, schütteten das Licht ins Dunkel und rannten wieder auf den Markt hinaus, wo sie die leeren Säcke wieder vollschaufelten. So machten sie es bis zum Sonnenuntergang. Aber im Rathaus war es noch dunkel wie am Tag zuvor. Da liefen alle traurig wieder ins Freie.“ ATMO Fenster schließen + Fenster putzen ERZÄHLERIN Der Schildbürgerstreich und der Blick auf die Geschichte der Fenster zeigen: Gäbe es keine Fenster – man müsste sie erfinden.

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