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RadiowissenBayerischer Rundfunk

Der Saum der Landschaft - Was existiert zwischen Feld, Bach und Wald?

12.03.2024 · 23 Min.

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Über diese Folge

Die Übergänge zwischen Acker und Feld, Wald und Wiese, Bach und Straße werden immer weniger. Dabei ist längst klar, dass diese kleinen Landschaftsstreifen besonders wertvoll sind für die Artenvielfalt. Für viele Säugetiere, Pflanzen und Insekten sind diese "Säume" zwischen verschiedenen Landschaftsnutzungen der ideale Ort, um zu überleben. Von Daniela Remus (BR 2024)

Credits
Autorin dieser Folge: Daniela Remus
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Rahel Comtesse, Frank Manhold
Technik: Susanne Harasim
Redaktion: Iska Schreglmann

Im Interview:
Prof. Rainer Buchwald, Biologe, Universität Oldenburg;
Dr. Lena Neuenkamp, Biodiversitätsforscherin, Universität Münster;
Prof. Georg Petschenka, Insektenkundler, Universität Hohenheim;
Prof. Andreas Schweiger, Ökologe, Universität Hohenheim

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

ATMO (Sommeratmo, Vögel zwitschern usw., verblenden mit Atmo von Straße oder Bach oder Traktorfahrt) dann darüber:

SPRECHERIN

Sie sind klein, schmal, oft auch etwas kümmerlich und werden häufig übersehen: Die Ränder oder Übergänge von einem Landschaftselement zum nächsten. Zwischen Acker und Wald, Bach und Straße, Wiese und Feld. Den meisten Menschen fallen sie nicht auf, denn sie sind ein „Dazwischen”. Der Name für diese kleinen Biotope: Saum oder Saumhabitat, aber auch – wissenschaftlicher gesprochen – Refugialfläche, Puffer oder Ökoton. Das Lexikon der Biologie beschreibt den Saum als einen…

ZITATOR

„…wachsenden Streifen von krautigen, meist mehrjährigen Pflanzen, der sich floristisch und damit auch strukturell vom angrenzenden Nutzland (Wiese, Acker, Weide) oder von Wegen absetzt. Je nach Wasser- und Nährstoffhaushalt sind die Säume sehr verschiedenartig aufgebaut.”

ATMO (vom Anfang nochmal hoch)

SPRECHERIN

Denn es kommt darauf an, wo sie sich befinden. Welche Bereiche der Landschaftsnutzung umsäumen sie? Wälder, Äcker oder Bäche? Oder unterbrechen sie als sogenannte Knicks mit Hecken und Sträuchern landwirtschaftlich genutzte Felder? 

TAKE 1 (O-Ton Schweiger) L: 0, 15

Grundsätzlich kann man unterscheiden zwischen menschlich gemachten Saumhabitaten und Saumhabitaten oder Ökotonen, die durch nicht menschliches Zutun gestaltet werden, die dann generell als Ökotone bezeichnet werden.

SPRECHERIN

Erklärt Andreas Schweiger, Professor für Pflanzenökologie von der Universität Hohenheim. Natürliche Saumhabitate finden sich beispielsweise in den Bergen: Die Übergange vom Wald in Grasland oder alpine Matten. Außerdem kommen natürliche Säume zum Beispiel auch in den nördlichen Breitengraden vor. Auch dort stellen sie den Übergang dar von bewaldeten Zonen zum offenen, steppigen Gelände der Tundra. 

ATMO (Wind pfeift eisig)

SPRECHERIN

Wenn wir hierzulande über diese Übergänge sprechen, dann geht es in der Regel um andere Säume, nämlich um die von Menschen. Also um die Ränder von Äckern, die Bereiche zwischen Wald und Wiese oder die Böschungen von Bächen und Flüssen. Naturschützerinnen und Biologen fordern, diese oft unscheinbaren Streifen Land besser zu schützen. Denn diese Biotope seien ein Rückzugsort für viele Tier- und Pflanzenarten, und damit für den Erhalt der Artenvielfalt unersetzlich. Was das Besondere an einem solchen Übergangsgelände ist, das lässt sich am Beispiel eines Waldrandes anschaulich machen:

TAKE 2 (O-Ton Buchwald) L: 0, 20

Da gibt es eine bestimmte Abfolge, die nennt man Zonierung oder Zonation, das heißt, da sind vier Zonen nebeneinander geschaltet, die interessanterweise auch durch eine zeitliche Veränderung miteinander verbunden sind…

SPRECHERIN

Erklärt der Biologe Rainer Buchwald. Er ist emeritierter Professor an der Universität Oldenburg.

TAKE 3 (O-Ton Buchwald) L: 0, 30

Das ist einmal der eigentliche Wald, mit einem besonderen Waldinnenklima und der Wald ist eben gekennzeichnet durch die Dominanz von Bäumen… dann das nächste ist der Waldmantel, der ist dem vorgelagert sozusagen und ist dominiert von Sträuchern oder jungen Bäumen kann man auch sagen, und der unterscheidet sich vom Wald durch ein anderes Mikroklima. 

SPRECHERIN

Unter dem Begriff Mikroklima verstehen die Biologen einerseits die klimatischen Bedingungen in Bodennähe bis zu einer Höhe von rund 2 Metern. Und andererseits ist damit das Klima gemeint, in einem kleinen, klar definierten Bereich. Zum Mikroklima gehört die Bodenbeschaffenheit eines Geländes, die Art und Dichte der vorherrschenden Pflanzen und die Lichtverhältnisse. Aber auch Standortbedingungen wie Wind beeinflussen das Mikroklima. Der Waldmantel, in der Aufteilung von Rainer Buchwald Zone zwei, geht in den Waldsaum über und erst danach, als Zone vier beginnt das Kulturland. Das kann ein Acker sein oder eine Straße. Jede dieser vier Zonen weist ein ganz spezielles Mikroklima auf. Und das bedeutet: Die Zonen unterscheiden sich durch die Sonnenbestrahlung, Feuchtigkeit oder die Bodendichte. Und dementsprechend lassen sich in diesen vier Zonen sehr unterschiedliche Tier- und Pflanzenarten nieder.

TAKE 4 (O-Ton Buchwald) L: 0, 30

Man sagt, dass ein Wald, damit er ein richtiges Waldinnenklima hat, sollte er mindestens 1-2 Hektar groß sein. Davor ist er den Randeinflüssen zu stark ausgesetzt und ein richtiges Waldinnenklima bildet sich nicht. Der Waldmantel, wenn er von verschiedenen Sträuchern besiedelt ist, sollte mindestens wenn es geht 4-5 oder noch mehr Meter breit sein. (…) Und dann kommt der Waldsaum, der wieder ein anderen Mikroklima hat, der ist noch stärker besonnt oder offen und ist deshalb den äußeren Einflüssen stärker ausgesetzt als der Wald selber (…)

SPRECHERIN

Waldsäume können eigenständige Biotope sein. Sie bieten dann sichere Brutplätze und Nahrung wie Früchte, Nektar oder Pollen. Insekten, Spinnen, Vögel und kleinere Säugetiere leben dann hier. Um aber als eigenständiges Biotop überhaupt bestehen zu können – gegen die äußeren Einflüsse – können Saumhabitate nicht beliebig groß oder klein sein, sie brauchen eine Mindestgröße. 

TAKE 5 (O-Ton Buchwald) L: 0, 10

Das ist die Krux: Fluch und Segen eines Saums ist eben, dass er einerseits was Eigenes ist, aber auf der anderen Seite in der heutigen Landschaft sehr häufig unter die Räder kommt.

SPRECHERIN

Und damit meint er, dass sie nicht genug in ihrer Besonderheit beachtet werden. Deshalb fordert Rainer Buchwald, dass kein Saum schmaler sein dürfe als zwei Meter, denn sonst sei dieser bewachsene Rand eben kein Biotop, in dem sich die dafür typischen Tiere und Pflanzen ausbreiten können. Neben der Mindestgröße sei darüber hinaus noch ein weiterer Aspekt entscheidend, damit ein solches Gelände auch tatsächlich als Biotop funktionieren kann: Seine Pflege. Denn diese kleinen Landschaftsflecken dürfen nicht komplett verwildern, nicht komplett zuwachsen, um ihre Eigenart nicht zu verlieren, betont der Vegetationskundler Rainer Buchwald:

TAKE 6 (O-Ton Buchwald) L: 0, 25

Ein Saum ist immer ein Offenbiotop und wenn irgendwann Gehölze aufkommen, dann muss eben ein Landwirt oder eine Gemeinde oder ein Naturschutzverband …muss diese Bereiche pflegen, und das Beste, was man da machen kann, ist eben einmal im Jahr mit dem Mäher drübergehen, damit die nicht zuwachsen und wirklich einen Offencharakter haben.

SPRECHERIN

Denn, um beim Waldrand-Beispiel zu bleiben, würde der Waldsaum nicht immer mal wieder gemäht, allerdings höchstens einmal pro Jahr, dann würde sich der Wald nach und nach auf dieses Territorium ausbreiten. 

ATMO (Waldatmo)

SPRECHERIN

Es gibt Tiere und Pflanzen, die sowohl in den kleinen Übergängen als auch im angrenzenden Wald vorkommen. Aber sie brauchen diese unterschiedlichen Biotope für verschiedene Lebensphasen. Die Brut mancher Insekten ist z.B. im Wald perfekt aufgehoben, während die geschlüpften Insekten bessere Lebensbedingungen im Saumhabitat haben. Und manche Arten erfüllen in den unterschiedlichen Umgebungen unterschiedliche Funktionen.

TAKE 7 (O-Ton Petschenka) L: 0,30

So kann es z.B. sein, dass sich am Waldsaum oder am Rand eines Waldweges da kommt beispielsweise durchaus mal ein Baumschößling hoch, und der Baum ist nicht gleich Baum. Der Baum kann ökologisch eine ganz andere Funktion haben, wenn er als kleiner Schößling irgendwo am Wegrand steht, als wenn er eine ausgewachsene Eiche oder Buche im Mischwald ist. Weil manche Insekten beispielsweise ihre Eier nur an Stockaustriebe legen… und da macht es einen ökologischen Unterschied, ob ich einen Baum oder einen Baumschößling vor mir habe und deshalb ist ein Rand oder Saumhabitat ganz wichtig.

SPRECHERIN

Der Lebenszyklus der Pflanzen ist mit dem anderer Arten aufs engste verknüpft, sagt Georg Petschenka, Professor für Insektenforschung an der Universität Hohenheim. Manche Schmetterlinge nutzen junge Bäume zur Eiablage, Wildbienen brauchen Totholz zum Brüten während andere Insekten sich von der Baumrinde ausgewachsener Bäume ernähren. Und nicht zu vergessen, die verblühten Blühwiesen bieten vielen Insekten Unterschlupf als Winterquartier. Deshalb ist es notwendig, unterschiedliche Biotope bestehen zu lassen oder sie anzulegen, um die Artenvielfalt zu erhalten bzw. das Artensterben zu verlangsamen. Und noch ein Beispiel, das zeigt, wie wichtig Saumhabitate sein können: An Gewässern beispielsweise stabilisieren Büsche und kleine Bäume das Ufer und beschatten im Sommer das Wasser. Das bleibt dadurch ein paar Grad kühler und kann so für einzelne Fischarten lebensrettend sein.

ATMO (Bachgeglucker)

SPRECHERIN

Saumhabitate sind also ein wertvoller Lebensraum, der aber in den letzten Jahrzehnten drastisch geschrumpft ist. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Da ist zum einen die Tatsache, dass immer mehr Flächen versiegelt wurden, dass Gewässer begradigt und Feuchtbereiche trockengelegt wurden. Aber auch der Umstand, dass die Landwirte im großen Stil Pestizide auf den Feldern versprühen. Als Hauptursache für den Rückgang dieser kleinen Streifen gebiete benennen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aber den grundlegenden Strukturwandel in der Landwirtschaft, erklärt Andreas Schweiger:

TAKE 8 (O-Ton Schweiger) L: 0, 30

Wenn man das Ganze historisch betrachtet, ist es natürlich so, dass die Flurbereinigung sehr viele von diesen Saumhabitaten aus unserer Landschaft entfernt hat. Es werden ja auch Heckenstrukturen als Saumhabitate z.B. gesehen, die wurden einfach systematisch entfernt aus unseren Landschaften mit den allen bekannten Folgen für die Biodiversität, für die Rückzugsräume, pflanzlich aber auch tierisch.

SPRECHERIN

Die Flurbereinigung. Hinter diesem Begriff steht die umfassende Umstrukturierung der Landwirtschaft, die bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen hat. Durch die Erfindung des Kunstdüngers und den Einsatz der ersten landwirtschaftlichen Maschinen. Der entscheidende Schritt aber erfolgte in der Mitte des 20. Jahrhunderts durch das sogenannte Flurbereinigungsgesetz, das am 1. Januar 1954 in Kraft trat. Der erste Paragraph beschreibt das Ziel dieses Gesetzes: 

ZITATOR

„Zur Förderung der landwirtschaftlichen und forstwirtschaftlichen Erzeugung und der allgemeinen Landeskultur kann zersplitterter oder unwirtschaftlich geformter ländlicher Grundbesitz nach neuzeitlichen betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten zusammengelegt, wirtschaftlich gestaltet und durch andere landeskulturelle Maßnahmen verbessert werden (Flurbereinigung). ” (§1 Flurbereinigungsgesetz 1953)

SPRECHERIN

Die Konsequenzen dieses Gesetzes: Das Nebeneinander vieler kleiner Äcker, zum Teil schief und krumm, durch Hecken, Gebüsch oder schmale Blühstreifen voneinander getrennt, in manchen Regionen eher einem Flickenteppich ähnelnd, wurde nach und nach neu geordnet. 

ATMO (landwirtschaftliche Maschinen)

SPRECHERIN

So entstanden große rechteckige Flächen, die von Ackerwalzen, Beregnungsmaschinen oder Mähdreschern problemlos befahren werden können. 

TAKE 9 (O-Ton Neuenkamp) L: 0, 25

Die Flächen, seitdem es die Ackermaschinen gab, sind seitdem viel, viel größer geworden. Früher konnten die Arten immer noch einmal durch´s Feld laufen oder fliegen, heute sind die so groß, dass das einfach unmöglich ist. Und deswegen ist es so wichtig, Ausweichhabitate zu haben. Und die können linear sein aber letztendlich geht es um alle Brachflächen.

SPRECHERIN

Erklärt Dr. Lena Neuenkamp, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Münster, mit Schwerpunkt Biodiversitätsforschung. Die Flurbereinigung veränderte aber nicht nur die Größe der Äcker, das Aussehen der Landschaft, sondern auch die Lebensbedingungen vieler Pflanzen und Tiere: Hecken und schmale Blühstreifen standen der intensiven Nutzung des Bodens entgegen und mussten deshalb vielfach weichen:

TAKE 10 (O-Ton Schweiger) L: 0, 10

Die menschlichen bedingten Saumhabitate sind, oder waren traditionell Bereiche, der extensiveren Nutzung, also Rückzugsorte für Pflanzen und Tiere. 

SPRECHERIN

Sagt der Ökologe Andreas Schweiger. Diese Rückzugsorte, wissenschaftlich Refugialflächen genannt, gingen durch die Flurbereinigung im großen Stil verloren. Wie groß der Verlust der Flächen tatsächlich ist, lässt sich allerdings nur schätzen. Denn nicht in allen Bundesländern ist der Verlust dokumentiert worden. Aus Schleswig-Holstein liegen aber z.B. Daten vor. Dort verschwanden zwischen 1950 und 1980 rund 28.000 Kilometer dieser Saumhabitate. Heute ist klar, und wissenschaftlich erwiesen, dass diese Randstreifen und Übergangspassagen bei der Flurbereinigung unterschätzt wurden. Denn sie spielen für den Erhalt der Artenvielfalt eine ganz zentrale Rolle, betont Insektenkundler Georg Petschenka von der Uni Hohenheim:

TAKE 11 (O-Ton Petschenka) L: 0, 30

 (…)und die Besonderheit ist, dass diese Lebensräume einfach sehr, sehr heterogen sind, das sind einfach Lebensräume, die sich im Prinzip von links und rechts unterscheiden. Also von dem, was angrenzt, (…) und dieser Übergangsbereich ist besonders interessant, weil wir da andere Bedingungen vorfinden, (…), das geht einher mit einem heterogenen Mikroklima auch unterschiedlichen Nischen und einer erhöhten Biodiversität. 

SPRECHERIN

Die Biodiversität ist aber nicht in allen Säumen gleich. Sie variiert je nach Struktur des Saums und je nach Umgebung. Eine junge Hecke beherbergt andere Arten als eine alte Hecke, eine Blühwiese am Waldrand ist ein anderer Lebensraum als der bewachsene Rand einer Autobahn. 

TAKE 12 (O-Ton Buchwald) L: 0, 20

Es ist ein eigenes Mikroklima, es sind Arten, die dort ihren Schwerpunkt haben, es ist extrem schwierig, da exklusive Arten zu finden… aber die Zusammensetzung der Arten, die Artengemeinschaft, die ist schon einmalig, das auf jeden Fall, wegen dieses Mikroklimas.

SPRECHERIN

Und Georg Petschenka ergänzt:

TAKE  13 (O-Ton Petschenka) L: 0, 35

Wenn ich jetzt einen Waldrand hab, dann finde ich dort nicht nur Arten, die es im Wald gibt oder auf der angrenzenden Wiese, sondern ich finde auch Arten, die vielleicht nicht ausschließlich aber doch vorrangig in solchen Habitaten vorkommen. Also gerade wenn ich an Wegränder denke, da finde ich (…) eine Insektenfauna die vielleicht einen offenen, lückigen Bodenbewuchs braucht, bestimmte Laufkäfer beispielsweise, die ich möglicherwiese in der Wiese daneben gar nicht finde. (…) Da werden Lebensräume geschaffen, die für bestimmte Arten letztendlich essentiell sind.

SPRECHERIN

Die Forschenden schätzen, dass es rund 8 Millionen Arten gibt. Etwa 1 Millionen davon steht kurz vor dem Aussterben, so der Welt-biodiversitätsrat. Und: Das gegenwärtige Artensterben gehe 10 bis 100 Mal schneller voran, als in den letzten 10 Millionen Jahren. Selbstverständlich sind diese alarmierenden Prognosen nicht allein damit zu erklären, dass es immer weniger Säume in der Landschaft gibt. Aber der Rückgang dieser Lebensräume trägt zum Artensterben ebenfalls bei. So hat sich beispielsweise allein in Deutschland die Anzahl der Vogelarten in der Agrarlandschaft in den letzten Jahrzehnten um mehr als 36 Prozent verringert.

ATMO (Wiesenatmo)

SPRECHERIN

Deshalb haben mittlerweile alle Bundesländer sogenannte Naturschutzpläne, in denen es auch um die Wiederherstellung und die Pflege von Saumhabitaten geht. In Bayern zum Beispiel ist 2019 durch das Volksbegehren Artenvielfalt und Naturschönheit in Bayern das Ziel ins Auge gefasst worden, den „Biotopverbund Offenland” bis 2030 auf 15 Prozent zu steigern. Zur Zeit liegt er noch bei rund 10 Prozent. Denn, das ist die zweite nicht zu unterschätzende Funktion von Saumhabitaten: Sie ermöglichen es, Biotope miteinander zu vernetzen, wie Rainer Buchwald erklärt:

TAKE 14 (O-Ton Buchwald) L. 0, 20

Entlang dieser Korridore wandern z.B. Rehe, das machen Rebhühner, das machen Tagfalter, wenn ich drumrum nur eine Straße und Acker hab, dann ist das das einzige was noch halbwegs ein paar Blüten anbietet für die Tagfalter oder Wildbienen, auch nicht immer viel, aber besser als nichts. 

SPRECHERIN

Feldhasen, Rehe, Wildkatzen, Rebhühner und auch die verschiedensten Insektenarten, sie alle brauchen den sogenannten Biotopverbund. Also eine Vernetzung zwischen den Gebieten, in denen sie sich aufhalten und verstecken können oder in denen sie Nahrung finden. Denn viele von ihnen haben keine große Reichweite, wie es in der Biologie heißt. Und das bedeutet, dass sie eine Entfernung von mehreren hundert Metern nicht überwinden können. Ohne Korridore, die einen Saum mit dem anderen verbindet, schaffen sie es also nicht die Entfernung zu bewältigen, sagt Georg Petschenka:

TAKE 15 (O-Ton Petschenka) L: 0, 30

Verinselung ist ein großes Problem, dass Biotope oder Habitate zerschnitten werden, und dann Populationen isoliert. Damit eine Art dauerhaft existieren kann…Insektenarten sind da von ihrer Empfindlichkeit her relativ unterschiedlich, aber üblicherweise ist doch schon so, die Meinung, dass wir einen großen genetischen Fluß wollen und deswegen ist es wichtig, dass die Einzelvorkommen vernetzt sind. Und da helfen natürlich viele kleine Inselchen, um so etwas zu erreichen.

SPRECHERIN

Trittsteinhabitate nennen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diese kleinen Inselchen, die eine Biotopvernetzung ermöglichen, erklärt Lena Neuenkamp.

TAKE 16 (O-Ton Neuenkamp) L: 0, 15

Die werden dementsprechend Trittsteinhabitate genannt, dass man sagt, dass selbst die Arten, die in der Intensivlandwirtschaft nicht leben können, die haben dann da wie so Trittsteine, um dann ein Habitat mit dem anderen zu verknüpfen.

SPRECHERIN

Das Wissen um die Bedeutung der kleinen Saumgebiete für die Artenvielfalt ist in den letzten Jahrzehnten gewachsen. Und damit auch die Erkenntnis, dass die Flurbereinigung zwar dazu beigetragen hat, die Landwirtschaft zu optimieren, dass sie aber gleichzeitig viele Schäden verursacht hat und auch noch heute bewirkt. Dennoch passiere in der Praxis bisher viel zu wenig, so das einhellige Urteil der Expertinnen und Experten, um diese wertvollen kleinen Flächen angemessen zu schützen. Rainer Buchwald von der Universität Oldenburg:

TAKE 17 (O-Ton Buchwald) L: 0, 30

Man kann nicht sagen, dieser Saum hier, egal ob das am Graben ist oder am Weg oder am Wald, er ist per se schutzwürdig. Und deshalb weil er oft zu schmal, zu klein ist und deshalb ist oft auch dies „geschützter Landschaftsraum”, den man oft bei Baumreihen, bei Alleen hat, der greift da nicht richtig. Und wer macht sich die Mühe, so einen wunderbaren Saum (…) zusammen mit dem Wald oder mit dem Trockenrasen unter Schutz zu bringen?

SPRECHERIN

Das sieht auch Andreas Schweiger von der Universität Hohenheim so. 

TAKE 18 (O-Ton Schweiger) L: 0, 10

Das Bewußtsein ist da…ich denk, letztendlich es hängt damit zusammen, dass Förderung noch nicht gezielt genug zur Verfügung gestellt wird, bzw. umgesetzt werden kann. 

SPRECHERIN 

Die Ursache für die oft halbherzige Umsetzung liegt vermutlich auch daran, dass es bisher, ganz formal, kein Naturschutzprogramm gibt, in dem es ausdrücklich um Saumhabitate geht. Ein solches existiert nicht, betont Rainer Buchwald.

TAKE 19 (O-Ton Buchwald) L: 0, 20

Es gibt keinen geschützten Biotoptyp nach §30 vom Naturschutzgesetz, der sagt, dieser Waldsaum oder dieser Grabenrand ist besonders schutzwürdig! Das gibt es nicht. Und wenn man Glück hat, wird er auch so erhalten und wenn man Pech hat, wird er eben weggenietet.

SPRECHERIN

Dabei gäbe es Möglichkeiten, diese Rand- und Übergangsbereiche zu schützen, zu pflegen und zu erhalten. Viele dieser Flächen sind im kommunalen Besitz. In Bayern zum Beispiel gibt es im Internet den „Bayernatlas”, auf dem ist die Flurstückskarte einsehbar. Dort sind die Flächen gekennzeichnet, die am Rand von Straßen, Feldern oder Gewässern im kommunalen Besitz sind und die als Saumhabitat angelegt oder gepflegt werden könnten. Allerdings rät Lena Neuenkamp von der Universität Münster davon ab, in Aktionismus zu verfallen und überall die gleichen Hecken zu pflanzen oder Blühstreifen anzulegen. Denn für die Artenvielfalt brauche es landschaftliche Diversität, gibt sie zu bedenken:

TAKE 20 (O-Ton Neuenkamp) L: 0, 20

Eine Saumstruktur eine Ackerbiodiversitätsmaßnahme, die kann nicht alles abdecken. Es geht ja auch um Dinge wie, eine Hecke speichert viel Kohlenstoff, die einen sind gut für die Bodeninsekten, die anderen für die Bestäuber…

SPRECHERIN

Deshalb sieht sie es als erforderlich an, nicht nur neue Säume anzulegen, sondern sie in ihrer Struktur so zu mischen, so dass sie für unterschiedliche Tiere und Pflanzen attraktiv sind. Und das bedeutet, dass es neben den generellen Schutzprogrammen für diese Gebiete auch Pflege- oder Aufbauprogramme geben sollte, die die landschaftlichen Bedingungen in einer Region übergeordnet bedenken und nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen bepflanzen und pflegen. Bis dahin aber kann jeder Einzelne viel dafür tun, den eigenen Garten, die Terasse oder den Balkon zu Rückzugsorten für heimische Arten zu machen. 

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SPRECHER Die Menschen, die er zu dieser Kategorie X zählt, beschreibt Kinsey folgendermaßen: ZITATOR Wenn sie erotisch weder auf hetero- noch auf homosexuelle Reize reagieren und weder mit dem gleichen noch dem entgegen gesetzten Geschlecht irgendwelche körperlichen Kontakte haben, die als sexuell bezeichnet werden können. O-TON 12 (Flörcken) Einige Wissenschaftler sehen halt in dieser Kategorie X so einen Vorläufer von Asexualität. SPRECHER Kinsey hat sich allerdings nicht weiter mit der Kategorie X beschäftigt. Ihm ging es damals auch eher darum, seinen Zeitgenossen darüber aufzuklären, welche sexuellen Varianten es gibt und dass seiner Meinung nach viele Menschen eigentlich bisexuell sind. Für die damalige Gesellschaft ein Schock. Menschen, die keine Lust auf Sex haben – das war zu dieser Zeit kein großes Thema. Musik Clean you Up (privat) Das änderte sich erst in den späten 90ern. In dieser Zeit existierte zwar der Begriff Asexualität aber nicht in Bezug auf den Menschen. Asexuell, das sind in der Biologie Lebewesen, die sich ungeschlechtlich fortpflanzen, zum Beispiel Amöben, englisch: amoeba. O-TON 13 (Flörcken) Und 1997 gab es einen Artikel mit dem Titel „My life as an amoeba“, das spielt also auf das biologische Verständnis von Asexualität an. SPRECHER Die Autorin Zoe O`Reilly beschreibt in dem kurzen Text auf recht unterhaltsame und teilweise ironische Weise, wie zufrieden sie als „Amöbe“ lebt. ZITATORIN Ich gehöre nicht zu den Leuten, die eine große Sache daraus machen, dass sie keinen Sex haben. (...) Es ist vielmehr so, dass mich das Thema überhaupt nicht interessiert. Und ich finde, dass die Abwesenheit von Sexualität mein Leben um einiges leichter macht. (...) Ein Geburtstag weniger, den ich mir merken muss, weniger Lebensmittel, die ich einkaufen muss und niemand, der mich davon abhält, dass ich auf meiner eigenen Liste ganz oben stehe. SPRECHER Stellenweise liest sich der Text von O`Reilly sogar wie eine Art Manifest. ZITATORIN Hier bin ich und ich bin stolz asexuell zu sein. Meine Leute sind definitiv eine Minderheit und wünschen sich anerkannt zu werden wie alle anderen. Wir wollen farbige Schleifen, einen nationalen Feiertag, Gutscheine für Fast Food! Und wir wollen, dass die Welt da draußen weiß, dass es uns gibt. Musik aus SPRECHER Der Artikel hatte offenbar einen Nerv getroffen. Viele Menschen erkannten sich wieder. In den Kommentaren unter dem Online-Artikel entwickelte sich in den folgenden Wochen und Monaten eine rege Diskussion zu dem Thema. O-TON 14 (Flörcken) Und das wird so als erste Möglichkeit angesehen, für Menschen mit ähnlichen Erfahrungen sich auszutauschen. Musik Robots (privat) SPRECHER Einige Jahre nach Erscheinen des Textes gründeten sich die ersten Foren und Communities. Das bekannteste ist heute Aven, das es seit 2001 gibt. Die Buchstaben stehen für Asexual Visibility and Education Network, was auf deutsch so viel bedeutet wie: Sichtbarkeit von und Aufklärung über Asexualität. Auch Kati Radloff ist vor einigen Jahren auf das Online-Forum gestoßen. Musik aus O-TON 15 (Radloff) Und ich dachte natürlich; krass, andere Asexuelle, es gibt sie wirklich und das war auch inspirierend irgendwie, worüber sie gesprochen haben. Also was Asexualität ist, war nur eine von vielen Fragen, größtenteils ging es darum, wie gestalte ich meine Beziehung oder wie gehe sozusagen gegenüber anderen um, oute ich mich oder nicht, (was für eine Einstellung habe ich gegenüber meinem Körper, was für eine Einstellung habe ich zu Nähe, Intimität und so weiter.) Das fand ich unglaublich bereichernd und dachte, das muss es auch auf deutscher Seite geben. In Deutschland gibt es bestimmt auch Asexuelle, also habe ein deutsches Unterforum dazu aufgemacht, und das hat wirklich relativ viel Resonanz gefunden, muss ich sagen. Also innerhalb von kürzester Zeit hatten wir schon mehrere tausend Benutzer, die gesagt haben; ja, ich bin auch asexuell, wow, ich bin jetzt 50 oder 60, 70, und dachte wirklich mein ganzes Leben lang, ich wäre irgendwie verkehrt. Musik Robots (privat) SPRECHER Aven gibt es heute in vielen Ländern und Sprachen. Das Internetforum hat sehr stark dazu beigetragen, Asexualität bekannter zu machen. Viele Wissenschaftler und Journalisten beziehen sich auf das Online-Forum und auch die heutige Definition geht größtenteils auf Selbstbeschreibungen von Aven-Mitgliedern zurück. Warum Asexualität so plötzlich in Wissenschaft und Öffentlichkeit aufpoppte und diskutiert wird, ist unklar. Jückstock vermutet, dass es heute generell mehr Toleranz gegenüber solchen Themen gibt. Musik aus O-TON 16 (Jückstock) Es ist einfach mehr Offenheit da, über Sexualität zu reden, auch über unterschiedliche Ausgestaltungen von Sexualität, vielleicht hat es das erleichtert. SPRECHER Viele Asexuelle beschreiben das Online-Forum Aven als erste Anlaufstelle, wo sie nicht nur Informationen bekommen haben, sondern auch erleichtert feststellen konnten: Es gibt andere Menschen, die ähnlich empfinden wie ich. O-TON 17 (Jückstock) Das ist der große Vorteil davon, endlich zu wissen, was ist eigentlich los mir mir und auch mitzubekommen, es gibt andere, denen geht es genauso und das ist nichts Schlimmes, sondern es ist einfach eine bestimmte Art, wie die Sexualität ausgeprägt ist. Und dass es viel Druck nimmt, den Fehler – den Fehler in Anführungsstrichen – bei sich zu suchen oder eben herausfinden zu wollen, was stimmt mit mir nicht. SPRECHER Ein großes Thema in den Foren sind Beziehungen. O-TON 18 (Radloff) Es gibt viele Asexuelle, die haben keine Liebesbeziehung im klassischen Sinne, die sind halt aromantisch, das heißt, die haben halt enge Freundschaften, die ähnlich wie Lebenspartnerschaften sind, oder einen ganz engen Freundeskreis und haben mit denen auch zusammen Kinder, was weiß ich. Aber die haben halt nicht dieses Liebesbeziehungskonzept sozusagen. SPRECHER Radloff ist eher der romantische Typ. Für sie war es deshalb besonders interessant zu erfahren, wie andere Asexuelle ihre Partnerschaft – und ein eventuelles Liebesleben – gestalten. Musik Did that hurt? Z8007984 116 O-TON 19 (Radloff) Wie ist denn das bei dir mit Treue, mit Liebessachen und so weiter. Wie können Beziehungen gestaltet werden, welche Nähe und welche Form von Intimität möchte ich gerne ausleben? Möchte ich Kinder haben oder nicht, wie sieht es mit meiner Weiblichkeit aus? SPRECHER Beim Thema Sex haben sich Radloff und ihr Freund inzwischen gut arrangiert – zu ihrer beider Zufriedenheit. O-TON 20 (Radloff) Wir haben da wirklich Wege gefunden, die da gut funktionieren, um sexuelle Nähe zu leben, ohne dass einer von uns beiden zu weit über sich selbst hinaus gehen muss. SPRECHER Wie Paare, bei denen einer asexuell ist, ihr Liebesleben gestalten – und wie sie mit Treue oder Eifersucht umgehen – ist sehr unterschiedlich. Auch in den Online-Foren zeigt sich auch, dass es „die“ Asexuellen natürlich nicht gar gibt. Musik aus O-TON 21 (Jückstock) Es gibt jetzt wieder neue Unterkategorien, also ob man nun ein romantischer Asexueller ist, romantische Beziehungen eingeht ohne Sexualität oder ein Solo-Asexueller, also es gibt schon wieder ganz viele Unterkategorien, die zeigen, wie vielfältig es ist. Es gibt Menschen, die sich als asexuell bezeichnen, aber viel Freude an Masturbation haben. Es gibt Menschen, die sich als asexuell bezeichnen und überhaupt kein Interesse an Masturbation haben. SPRECHER Mit Gleichgesinnten zu sprechen, ist für viele auch deshalb wichtig, weil das Umfeld oft irritiert reagiert. Keine Lust auf Sex, da muss etwas schief gelaufen sein, denken offenbar viele Menschen. Diese Erfahrung hat auch Kati Radloff gemacht. O-TON 22 (Radloff) Mir wurde unterstellt, ich wurde missbraucht, ich wurde missbraucht und hätte es nur vergessen, mir wurde gesagt, ich hätte eine schwierige Kindheit gehabt, meine Eltern wären zu offen gewesen oder sie wären zu rigide gewesen, mir wurde gesagt, ich soll zum Arzt gehen, meine Hormone überprüfen lassen, das ist krank. SPRECHER Viele Asexuelle berichten, dass sie erst einmal auf Ablehnung stoßen, wenn sie Freunden und Bekannten erzählen, dass sie Sex nicht interessiert. Ähnlich wie Homosexuelle sprechen sie deshalb von einem Coming-Out, wenn sie sich zu ihrer Asexualität bekennen. O-TON 23 (Jückstock) In den seltensten Fällen löst es ja wohlwollende Neugier aus, sonst hätte man nichts zu befürchten, wenn man das sagt, wenn man dann auf viel wohlwollende Neugier stößt und Nachfragen. Sondern häufig gibt es ebenso latente Anfeindungen. Bist du frigide? Kommt dann im schlimmsten Fall noch die Nachfrage. Es gibt sehr viele negative Bezeichnungen für Menschen, die wenig sexuellen Kontakt haben, gerade was Frauen angeht. Und das mag zum einen sein, dass Menschen so reagieren, wenn sie auf etwas Anderes stoßen, was im ersten Moment fremd ist. Aber irgendwie scheint es ja auch sozusagen etwas auszulösen, dass sich jemand angegriffen fühlt. SPRECHER Die Frage ist: Warum eigentlich? Denn es könnte anderen ja eigentlich herzlich egal sein, wenn jemand asexuell ist – mal abgesehen vielleicht vom eigenen Partner. Jückstock vermutet, dass der ein oder andere, der ablehnend auf ein Coming-Out reagiert, gekränkt sein könnte, vielleicht auch nur unbewusst. O-TON 24 (Jückstock) Natürlich hat Sex auch was mit Fortpflanzung zu tun und wenn da jemand, der aus evolutionsbiologischer Sicht gute Erbanlagen verspricht, sagt: Meine Erbanlagen stehen nicht zur Verfügung. Das ist ne Frustration. Das eigene Begehren kommt nicht an bei einem Menschen, der sich als asexuell bezeichnet. SPRECHER Zwar würden eher wenige von sich behaupten, in evolutionsbiologischer Mission unterwegs zu sein und nach guten Erbanlagen Ausschau zu halten. Aber man sollte, sagt Jückstock, sich mal vor Augen führen, was Menschen so alles veranstalten, um attraktiv für potenzielle Sexpartner zu sein. O-TON 25 (Jückstock) Freitagabend in die Disco gehen und gucken, ob man mit jemandem knutschen kann, kann ne hohe Motivation sein, am Freitagabend loszugehen und irgendwie sich in enge Klamotten zu zwängen und draußen zu frieren, weil man sagt: Ach, vielleicht treffe ich jemand Nettes. Das ist sozusagen der Motivator. Wenn der sozusagen nicht da ist, dann würde jemand sagen: Warum soll ich mich bei Kälte, in unbequeme Klamotten, in eine Horde von betrunkenen Menschen begeben? Musik Hubble (privat) SPRECHER Fragen wirft Asexualität auch in der Wissenschaft auf. Zwar gehen die meisten Forscher heute davon aus, dass keine oder wenig körperliche Anziehung durch andere Menschen genauso eine Ausprägung von Sexualität ist wie dessen Gegenteil, wenn jemand sehr schnell und häufig erregt ist. Dennoch stellen manche Forscher die Frage, inwieweit Asexualität einen Krankheitswert hat. Denn wenn jemand keine Lust auf Sex hat, kann das durchaus auf Erkrankung zurückgehen, zum Beispiel auf eine Depression. Deshalb ist es für Therapeuten wie Jückstock sehr wichtig, genau hinzuhören, wenn jemand von fehlender Libido berichtet. Musik aus O-TON 26 (Jückstock) Wir haben Patienten oder Patientinnen, die sagen: Ich bemerke, dass ich keine sexuelle Lust mehr hab und das macht mir Probleme. Die bezeichnen sich nicht als asexuell, sondern da ist ein klarer Wunsch nach Veränderung Wunsch nach Hilfe. Deswegen suchen die therapeutische Hilfe auch auf. SPRECHER Wobei es auch einige Wissenschaftler gibt, die fragen, ob Asexualität nicht generell als sexuelle Störung gewertet werden sollte. Jückstock hat dazu eine klare Meinung: O-TON 27 (Jückstock) Das Entscheidende ist, dass ein Leidensdruck bei der betroffenen Person vorliegt, Leidensdruck und ein Veränderungswunsch, und das ist ganz häufig bei jemandem, der sich als asexuell bezeichnet, überhaupt nicht gegeben. Damit ist ein wesentlicher Bestandteil, um etwas als Krankheit klassifizieren zu können, gar nicht gegeben. Ich finde es auch durchaus sinnvoll, dass Asexualität nicht als Krankheit gewertet wird, sondern dass es einfach eine Ausprägung von Sexualität ist wie viele andere Ausprägungen auch. SPRECHER Ungeklärt ist auch die Frage, ob Asexualität dauerhaft oder temporär ist. Denn die Sexualität verändert sich im Laufe des Lebens, bei allen Menschen. O-TON 28 (Jückstock) Das bleibt ja nicht starr. Also in der Jugend ist die Sexualität anders als im Alter. Ich würde sehr dafür plädieren, offen zu sein für die Veränderung, die in uns möglich sind. SPRECHER Dass sich manche damit schwer tun, Asexualität als sexuelle Orientierung anzuerkennen, liegt vermutlich auch daran, dass sie nicht so richtig in unser Bild von Sexualität passt. Die gängige Vorstellung ist, dass Sex natürlich, eine Art Instinkt ist und man als junger, gesunder Mensch eben ein Liebesleben hat, egal, wie das im Einzelnen aussehen mag. O-TON 29 (Flörcken) Und darauf hatten Theorien von Sigmund Freud oder auch Masters und Johnson, das sind andere Sexualforscher, die haben das mitbeeinflusst. Musik Water and Glass (privat) SPRECHER Laut dem Psychoanalytiker Freud ist der Mensch ein Wesen, das – bewusst oder unbewusst – durch seine Triebe gesteuert wird. Menschen, die keine Lust haben, passen nicht in dieses Modell. Und auch wenn nicht jeder die Theorien Sexualforschern wie Freud im Detail kennt – auf unser derzeitiges Verständnis von Sexualität hatten sie maßgeblichen Einfluss. Vielleicht stellen deshalb manche die Frage, ob bei Asexuellen etwas nicht stimmt oder ob in ihrer Kindheit etwas schief gegangen ist. Sie werden auf diese Weise pathologisiert, weil Asexualität bei Freud und Co einfach nicht vorgesehen war. O-TON 30 (Flörcken) Dieses Konzept von Sexualität als Norm führte dann lange Zeit oder führt immer noch dazu, dass Asexualität gar nicht richtig denkbar ist. Musik aus Musik Crazy in Love Z8007984 110 SPRECHER Es wird deshalb sehr spannend, wie Asexualität als neue sexuelle Orientierung in wissenschaftliche Konzepte integriert wird, und wie das wiederum unsere Vorstellung von Sexualität verändern wird. Musik aus

  • Maria Sibylla Merian - Naturforscherin und Künstlerin

    11.03.2024 · 23 Min.

    Schon als Jugendliche beobachtet Maria Sibylla Merian fasziniert, wie aus gefräßigen Raupen erst wie tot wirkende Puppen und dann bunte Schmetterlinge werden. Für Biologen des 18. Jahrhunderts waren ihre Bücher Fachliteratur. Autorin: Renate Ell (BR 2013) Credits Autorin dieser Folge: Renate Ell Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Beate Himmelstoß, Katja Schild, Peter Lersch Technik: Susanne Herzig Redaktion: Brigitte Reimer Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK ERZÄHLERIN 1647, ein Jahr vor dem Ende des 30jährigen Krieges, kommt Maria Sibylla Merian in Frankfurt am Main zur Welt, als jüngstes Kind einer der bedeutendsten Künstler- und Verleger-Familien im deutschsprachigen Raum. Ihr Vater Matthäus Merian stirbt, als sie drei Jahre alt ist. Ihre Mutter heiratet ein Jahr später Jacob Marrell, einen Kunsthändler und Maler, spezialisiert auf Blumen-Stillleben. Ein Glücksfall: Er erkennt und fördert die künstlerische Begabung seiner Stieftochter - in seiner Werkstatt absolviert sie eine Ausbildung als Blumenmalerin gemeinsam mit den männlichen Lehrlingen. Sie lernt, wie sie später in ihrem „Raupenbuch“ erzählt, ZITATORIN MERIAN („Der Raupen wunderbare Verwandelung …“, Vorwort, S. 5) "… meine Blumenmalerei mit Raupen, Sommervögelein und dergleichen Thierlein auszuzieren … eines durch das ander’ gleichsam lebendig zu machen." ERZÄHLERIN Mit „Sommervögelein“ meint sie Schmetterlinge. ZITATORIN MERIAN (ebd.) "Also hab’ ich oft große Mühe in Auffangung derjenigen angewandt, bis ich endlich, vermittelst der Seidenwürmer, auf der Raupen Veränderung gekommen." ERZÄHLERIN Frankfurt ist im 17. Jahrhundert ein Zentrum der Seidenspinnerei. In der Werkstatt eines Onkels beobachtet Maria Sibylla erstmals mit 14 Jahren wie aus Seidenraupen Puppen und dann Falter werden. Und entdeckt durch erste Forschungen, vielleicht im Garten hinter dem Haus, dass diese Metamorphose bei allen Schmetterlingen gleich abläuft. Aber sie streift wohl auch durch die Räume des Merian-Verlags - dort liegen Bücher mit Bildern von allen möglichen Tieren - damals bahnbrechende Werke, sagt die Biologie-Historikerin Katharina Schmidt-Loske vom Museum König in Bonn. MUSIK ENDE (1. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE "Neben dem Ulisse Aldrovandi von 1602, das Werk über die Insektenkunde, gibt es ein zweites, das ist von Thomas Mouffet von 1634, was sich auch wiederum mit der Insektenwelt beschäftigt und diese beiden Werke von Thomas Mouffet und Aldrovandi wurden in der „Historiae naturalis“ von John Johnston zusammengeführt, ein fünfbändiges Werk, in dem eins über Insekten, Schlangen und Drachen zusammengeführt war, und das wurde in der Werkstatt der Merians hergestellt." ERZÄHLERIN Es sind keine biologischen Fachbücher im heutigen Sinne. Die damaligen Autoren versuchen lediglich die Vielfalt des Lebens zu erfassen und eine Systematik zu schaffen. Ihre Werke dienen auch Künstlern als Vorlagen, denn sie enthalten vor allem sehr viele präzise Abbildungen. In der „Historiae naturalis“ sind das erstmals fein schattierte Kupferstiche anstelle der zuvor üblichen, viel gröberen Holzschnitte - eine echte Pionierarbeit der Merians. Auch das Kupferstechen lernt Maria Sibylla wohl im Verlag ihres verstorbenen Vaters, meint Brigitte Strehler vom Kunstkabinett Strehler in Sindelfingen. (2. ZUSP.) BRIGITTE STREHLER "Ich glaube nicht, dass das für Frauen in der damaligen Zeit üblich war, den Kupferstich zu erlernen, und sie ist eine ganz hervorragende Kupferstecherin - sie kann sehr, sehr fein stechen, in wunderschönen schwarzweiß-Schattierungen; das ist auch durchaus eine schwierige Tätigkeit, wenn man einmal mit dem Stichel in dem Kupfer gearbeitet hat, das lässt sich ja nicht radieren, das ist fix, da ist dann eine Linie, und die lässt sich nicht mehr so leicht wieder entfernen aus der Kupferplatte, weil das ist eine Vertiefung in der Kupferplatte und die ist dann da." ERZÄHLERIN Im Alter von 19 Jahren heiratet Maria Sibylla Merian den Architektur-Maler Johann Andreas Graff aus Nürnberg, einen Lehrlings-Kollegen in der Werkstatt. Fünf Jahre später zieht das Paar mit der zweijährigen Tochter nach Nürnberg. MUSIK N1514040#8 ERZÄHLERIN In Nürnberg herrscht eine ähnliche Atmosphäre wie in Frankfurt - es ist eine protestantisch geprägte Freie Reichsstadt, also nur dem Kaiser untertan, und regiert von einer Bürgervertretung. Der Kunsthistoriker Andreas Curtius von den Museen der Stadt Nürnberg. MUSIK N1514040#8 ENDE (3. ZUSP.) ANDREAS CURTIUS "Der große Rat und der Kleine Rat, das sind also die Hauptgremien in Nürnberg, die hatten das Sagen in Nürnberg und haben alles eigentlich auch entschieden innerhalb der Stadt, das zweite wesentliche für Nürnberg ist, dass es eine Handelsstadt war, dass Nürnberg Handelsbeziehungen quer über ganz Europa unterhielt, und dass dritte wesentliche Element ist das Patriziat, was sehr ausgeprägt ist in Nürnberg, sehr traditionsbewusst ist, aber gleichzeitig auch sehr weltoffen. Denn der Handel wurde z.T. auch durch das Patriziat geführt, und das Patriziat war eben auch eine sehr gebildete Schicht, und das hatte zur Folge, dass nach dem 30jährigen Krieg Nürnberg auch einen schnellen Wiederaufstieg hatte, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistig-kulturell." ERZÄHLERIN Es muss eine anregende Atmosphäre gewesen sein für die junge Künstlerin, zumal sie schnell Kontakt findet zur lokalen Oberschicht, den Patrizierfamilien: Sie gibt deren unverheirateten Töchtern Malunterricht - scherzhaft spricht sie von ihrer „Jungfern-Companey“. Und sie findet auch Kontakt zu anderen Künstlern und Dichtern, für die Nürnberg ein gutes Pflaster ist. (4. ZUSP.) ANDREAS CURTIUS "Das Patriziat war ein sehr wichtiger Auftraggeber, und Nürnberg war auch ein Buchdruckerort ähnlich wie Frankfurt, sehr wichtig waren eben auch Unternehmungen wie illustrierte Bücher, das war eine sehr einträgliche Quelle auch für die Künstlerschaft." ERZÄHLERIN Sicher haben sie auch die waschechten, mit Blumenmotiven bemalten Tischdecken von Maria Sibylla Merian gekauft. 1675 veröffentlicht die ihr erstes illustriertes Buch - das „Neue Blumenbuch“. Es steht ganz in der Tradition der so genannten Florilegien, wie sie auch der Merian-Verlag auf den Markt brachte. Solche Bücher enthalten Kupferstiche mit einzelnen Blumen oder Blumen-Arrangements als Vorlagen für Amateur-Maler und für Stickarbeiten. Solche Blumenbücher verkaufen sich gut, in schwarz-weiß oder - gegen Aufpreis - einzeln koloriert. Maria Sibylla Merians Blumenbuch erscheint in drei Bänden. Wie sie es bei ihrem Stiefvater gelernt hat, krabbeln hier und da Insekten über die Blätter, flattert ein Schmetterling davon. Vier Jahre später, und ein Jahr nach der Geburt der zweiten Tochter, erscheint das zweite Buch - und da ist auf einmal alles anders. Die Schmetterlinge sind nicht mehr nur ein belebendes Element. Und für ihre Bilder verwendet sie im Unterschied zu den Malern von Stillleben keine Vorlagen aus naturhistorischen Büchern. Die Biologie-Historikerin Katharina Schmidt-Loske:. (5. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE "Sie hat eine richtige Insektenzucht betrieben zuhause in Schächtelchen, hat jedes Stadium erfasst und hat dann als Ergebnis dessen ihr 50 Tafeln umfassendes Werk von 1679, das erste Raupenbuch mit dem Titel „Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumennahrung“, in dem hat sie eine Pflanze, die Futterpflanze der Raupe meist in der Mitte dargestellt und rundherum die verschiedenen Entwicklungsstadien. Und das ist absolut neu." ERZÄHLERIN Dieses „Metamorphosebild“ ist ihre … ZITATORIN MERIAN (Raupenbuch, Teil 1; Titel, S. 3) "…ganz neue Erfindung …" ERZÄHLERIN … wie sie im Titel stolz vermerkt. Die meisten Menschen kennen damals die Entwicklungsstadien nicht, die sie im Vorwort ausführlich erläutert. (6. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE "Was weit verbreitet war, war der aristotelische Urzeugungs-Gedanke, dass Insekten aus Schlamm und Dreck entstehen, spontan. Das ist natürlich nicht ganz weit hergeholt, denn was man optisch sehen kann, sind die Larvenstadien, die größer sind, die Eier hat man nicht gesehen, die Entwicklung des Mikroskops steht erst bevor, oder auch die Nutzung von Lupen war noch nicht so gängig, dass man sich überhaupt auf diese kleinsten, kleinen Tiere konzentrierte, das begann ja alles erst, das war also ein hoch spannendes Zeitalter." ERZÄHLERIN Auch Maria Sibylla Merian selbst entdeckt erst nach und nach, dass alle Schmetterlinge dieselbe Entwicklung durchlaufen wie die Seidenspinner. Sie hält ihre Beobachtungen in kleinen Aquarellen fest, und aus diesen Einzelteilen - Futterpflanze, Eier, Raupe, Puppe, Schmetterling - entsteht dann der Kupferstich für das Buch. Man merkt ihm diese Entstehung durchaus an: Manche Raupen sitzen etwas steif auf der Pflanze, und die Puppen - die sie „Dattelkern“ nennt - liegen neben der Pflanze oder auf einem Blatt wie auf einem Präsentierteller, statt darunter zu hängen, wie in der Natur. In den Begleittexten wird nur die Futterpflanze namentlich bezeichnet, die meisten Insekten hatten damals noch keine Namen. MUSIK N128393000 ZITATORIN MERIAN (Raupenbuch, Teil 1; Tafel XLVII) "Ob nicht die unten kriechende Raupe eine von der artigsten und fürnehmsten Gattung der bishero abgehandelten Raupen sei, soll sich bald eröffnen. Denn sie hat fünf große, gelbe Haarborstel auf dem Rücken, zu hinterst noch einen aufgerichten roten Schweif oder Haarschwanz, und ist sonst sehr schön gelb, wie ein schönes Dottergelb. Wenn sie sich streckt, so sieht man vom Kopf an zwischen etlichen Gliedern breite schwarze Streife, wie Sammet; hat auch auf jeder Seite des Leibs schwarze Düpfelein. Unter dem Kopf finden sich zu jeder Seiten sechs rote Kläulein, in der Mitte des Leibs acht gelbe Füßlein und zu hinterst noch zwei derselben. Ihre Art ist, dass sie von gar erschrockner Natur. Denn so bald sie das geringste merkt oder fühlt, so rümpft sie sich alsobald zu sammen und liegt, als wäre sie tot, so lang, bis alles wieder still ist. Zu Ende des Augusts aber hat sie sich zu ihrer Veränderung hinbegeben, und ein weißes Gespinst gemacht, worinnen sie zu einem braunen Dattelkern worden. Und weil ich derer etliche hatte, so sind mir teils Vöglein noch im November, teils aber im April des folgenden Jahres hervorgekommen, welche Motten waren, die nur bei Nacht fliegen. Ihre Farb ist weiß und schön grau, wie silberfarb; sie haben zwei braune Hörner und sechs graue oder silberfarbene Füßlein." MUSIK N128393000 ENDE ERZÄHLERIN Die detaillierte Beschreibung ist wichtig, da die meisten Leser Schwarz-Weiß-Ausgaben haben, erklärt Brigitte Strehler vom Kunstkabinett Strehler in Sindelfingen. Nur sehr wenige Bücher hat Maria Sibylla Merian handkoloriert. (7. ZUSP.) BRIGITTE STREHLER "Aber das konnte sich ein normales Bürgertum nicht leisten. Das waren dann die Luxusausgaben, die dann in die Höfe gingen oder an die etwas adligeren oder wohlhabenderen Bibliotheken, denn das war nicht üblich, dass man zuhause so ein Buch hatte, denn da war überhaupt kein Geld dafür da." ERZÄHLERIN Während in den Schwarzweiß-Bildern die deutlichen Linien des Kupferstichs von Vorteil waren, verwendete Merian für einen Teil der kolorierten Bücher eine ganz besondere Drucktechnik. (8. ZUSP.) BRIGITTE STREHLER "Sie hat dann ein zweites Büttenpapier, ein etwas leichteres, dünneres Büttenpapier genommen und hat das auf den ganz frischen Kupferdruck nochmal aufgelegt und nochmal durch die Walze gezogen und das abgeklatscht, abgedruckt, und damit entstand ein seitenverkehrter, viel zarterer Abdruck dieses Kupferstichs, der ganz zarte, feine Linien hatte, keinen Prägerand, und den sie dann koloriert hat, und da hatte sie dann diesen Aquarellcharakter, den sie eigentlich haben wollte. Das war eine ganz schlaue Idee von ihr, denn sie hat sozusagen das Aquarell in ein Multiple verwandelt." ERZÄHLERIN Nur wenige dieser so genannten Umdrucke haben die Jahrhunderte überdauert - in all ihrer Schönheit: Die farbenfrohen Schmetterlinge scheinen fast über dem Papier zu schweben. Die Bildtafeln kommen mitunter als Einzelblätter in den Kunsthandel. Durch ihr kleines Format - etwa so wie heute ein Roman - wirken aber auch die kolorierten Exemplare bescheiden. Das Raupenbuch beginnt mit dem Lobgedicht eines Nürnberger Gelehrten und Poeten, der es in eine Reihe stellt mit den Werken der ersten Insektenforscher. Aber wissenschaftliche Werke erscheinen damals in lateinischer Sprache. Und Maria Sibylla Merian widmet ihr Buch … ZITATORIN MERIAN (Raupenbuch, Teil 1, Titel, S. 3) "… den Naturkündigern, Malern und Gartenliebhabern." ERZÄHLERIN Die Naturkündiger, das sind eher Natur-Liebhaber als Gelehrte. Sie zieht auch eine klare Grenze ihrer Fähigkeiten, etwa wenn sie beobachtet, dass aus einer Puppe kein Schmetterling wird, sondern Fliegen ausschlüpfen. Das Phänomen der Parasiten war damals noch unbekannt. ZITATORIN MERIAN (Raupenbuch, Teil 1, Tafel XXII, S. ) "Was nun die rechte Ursach solcher unordentlichen Veränderungen sey, … habe ich nicht ausfinden noch erdenken können, sondern den Herren Gelehrten überlassen müssen und sollen." ERZÄHLERIN Einen deutlichen Hinweis auf den Charakter ihres Buchs gibt Maria Sibylla Merian im Vorwort. ZITATORIN MERIAN (Raupenbuch, Teil 1, S. 5) "Suche … hierinnen nicht meine sondern allein Gottes Ehre, Ihn als einen Schöpfer auch dieser Kleinsten und geringsten Würmlein zu preisen. … welcher sie mit solcher Weisheit begabt, dass sie … ihre Zeit und Ordnung fleißig halten und nicht eher hervorkommen, als bis sie ihre Speise zu finden wissen." ERZÄHLERIN Die Historikerin Anne-Charlott Trepp von der Universität Kassel sieht das Raupenbuch in einer Tradition mythisch-spiritueller Naturfrömmigkeit. (9. ZUSP.) ANNE-CHARLOTT TREPP "Die davon ausging dass man einen direkten Weg zu Gott findet, jeder für sich, und im 17. Jahrhundert finden wir tatsächlich eine Bewegung, sich mehr zu öffnen dem zweiten Buch, kann man so sagen, dem Buch neben der Heiligen Schrift, das ist das Buch der Natur. Es gibt seit dem 17. Jahrhundert so einen Trend, sich überhaupt allgemein mehr mit niederen, gewöhnlicheren Naturphänomenen zu beschäftigen. Nicht mehr mit außergewöhnlichen. Und in diesem Rahmen geraten Insekten ebenfalls ins Zentrum des Interesses. Gerade in dem angeblich Unscheinbaren, oder auf den ersten Blick Unscheinbaren sucht man eben wirklich das Höchste, Gottes Wirken in der Natur, Gottes Allmacht, Gottes Vorsehung in der Natur, gerade da, wo man es nicht vermutet." ERZÄHLERIN Bücher wie das von Maria Sibylla Merian sollen also gleichsam durch Wissen über die Natur den Glauben stärken. (10. ZUSP.) ANNE-CHARLOTT TREPP "Sich Faktenwissen anzueignen und sich gleichzeitig über dieses Wissen, auch die Vermehrung des eigenen Wissens, zu erheben, zu erbauen, das ging wirklich eng zusammen in damaliger Zeit und das wurde dann durch so ein Erbauungsbuch wie das Merians wirklich sehr schön möglich." ERZÄHLERIN Diese überkonfessionelle, außerkirchliche Bewegung ist in Frankfurt wie auch in Nürnberg stark vertreten in gebildeten Kreisen, zu denen auch gebildete Handwerker wie die Merians zählten. In ihrem Verlag erscheinen etliche religiöse, auch kirchenkritische Schriften. MUSIK N128393000 ERZÄHLERIN Rund 12 Jahre lebt und arbeitet Maria Sibylla Merian in Nürnberg. Nach dem Tod ihres Stiefvaters kehrt sie 1683 mit ihren zwei Töchtern nach Frankfurt zurück, um Erbschaftsangelegenheiten zu klären. Dort erscheint auch der zweite Band des Raupenbuchs. Nach Nürnberg geht sie nicht mehr - sondern sie zieht mit ihren Töchtern und ihrer Mutter nach Friesland, um dort bei den Labadisten, einer pietistischen Sekte, zu leben. MUSIK N128393000 ENDE (11. ZUSP.) ANNE-CHARLOTT TREPP "Und diese weist alle Elemente einer wirklich eher separatistischen, heute würden wir sagen, fundamentalistischen Frömmigkeit auf. Diese völlige Negation des Körperlichen, aber dies mit einer Konsequenz durchführt, wie wir das in anderen pietistischen Gemeinden, die eben auch diesen Wandlungsvorgang, eine geistige Erneuerung suchen, eben nicht haben." ERZÄHLERIN Mit dem Beitritt zu den Labadisten verlässt Maria Sibylla Merian ihren Mann, da die Sekte nur Ehen innerhalb ihrer Gemeinschaft anerkennt, und Johann Andreas Graff diesem Fundamentalismus offenbar nichts abgewinnen kann. Vergeblich reist er nach Friesland um seine Frau umzustimmen. Später beschreibt er seine Eindrücke in einem langen Brief an Johann Jakob Schütz, einen fundamentalistischen Frankfurter Pietisten, der seine Frau in offenbar beeinflusst hat. Es ist der Brief eines verzweifelten Vaters, der sich um seine Töchter sorgt - vor allem um die kleinere, 10-jährige, denn er habe gesehen, wie Kinder dort brutal verprügelt wurden. Und er klagt, seine Frau tue nicht alles freiwillig - und ihr Werk, das er unterstützt habe, drohe verloren zu gehen. Dieser Brief, erst 2009 bekannt geworden, revidiert das Bild von Graff, der in vielen Merian-Biografien schlecht wegkommt: als seiner Frau künstlerisch unterlegen, womöglich ein Trunkenbold oder Weiberheld. Auch äußert der Nürnberger Rat äußert sich lobend über Graffs … ZITATOR (Nürnberger Ratsverlässe, Nr. 2844) "… allhie geführten guten Wandel, auch in seiner wißenschafft und Information der Jugend geführten Fleiß." ERZÄHLERIN Graff war offenbar nicht nur als Architekturmaler anerkannt, sondern auch als Zeichenlehrer. Auch auf Maria Sibylla Merian wirft der Brief und die genauere Betrachtung ihres geistigem Umfelds in Frankfurt ein anderes Licht als es in den Biografien bisher der Fall war. Religiöser Fundamentalismus - das passt so gar nicht zu der beliebten emanzipatorischen, gar feministischen Interpretation ihrer Biografie. MUSIK C5057280#21 ERZÄHLERIN Graff hat mit seinem Besuch keinen Erfolg - fünf Jahre später wird seine Ehe vom Nürnberger Rat geschieden, und er heiratet wieder. Zu dieser Zeit hat sich die Labadisten-Sekte bereits aufgelöst - und Frau und Töchter sind weitergezogen nach Amsterdam. In der pulsierenden Metropole war es unter den reichen Bürgern Mode, botanische und zoologische Raritäten in Mode zu sammeln, die regelmäßig mit Schiffen aus den Kolonien kamen, erzählt die Biologiehistorikerin Katharina Schmidt-Loske. MUSIK C5057280#21 ENDE (12. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE "Was war das für eine verrückte Zeit, wo so viele Pflanzenknollen und Material getauscht wurde untereinander, zwischen botanischen Gärten und Leuten, die genug Geld hatten, gigantische Schneckensammlungen, und überall war jeder stolz über diese Sammlungen, da waren die Künstler gut im Geschäft, u.a. Maria Sibylla Merian und ihre Töchter, weil natürlich das Botanisieren eine Möglichkeit war, die Pflanzen zu erhalten, aber die viel schönere war natürlich die kraftvolle Vitalität und Farbenpracht durch einen Künstler für die Ewigkeit zu erhalten. ERZÄHLERIN Die Töchter, ebenfalls begabte Malerinnen, können mit zum Lebensunterhalt beitragen. Außerdem braucht die Mutter Geld für ein teures und gewagtes Unterfangen: Eine Reise in das kleine südamerikanische Land Surinam, damals niederländische Kolonie. Sie will die prächtigen Schmetterlinge, die sie aus Sammlungen kennt, in ihrem Lebensraum sehen und malen. Und sie schafft es - zu einer Zeit, als allein reisende Frauen eigentlich völlig undenkbar sind. Zwei Jahre von 1699 bis 1701, lebt sie mit ihrer jüngeren Tochter in dem tropischen Land, und erkundet das Umfeld der Zuckerrohrplantagen - unterstützt von Einheimischen und Sklaven, von denen sie vieles über die medizinische Verwendung der Pflanzen erfährt. Zurück in Amsterdam, gelingt es ihr in kürzester Zeit, einen großformatigen Prachtband über die Pflanzen und Tiere Surinams zu veröffentlichen. (13. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE "Als erstes naturkundliches Werk Surinams ist ihr Werk zu bezeichnen, sie hat wirklich da Grundlagen entdeckt und beschrieben." ERZÄHLERIN Wird Maria Sibylla Merian am Ende ihres Lebens doch noch zur Naturforscherin, als die sie sich vorher nie gesehen hat? Für das Surinam-Werk zieht sie einen bekannten Amsterdamer Botaniker zu Rate, es erscheint auf Latein und Niederländisch. Es ist kein Andachtsbuch, dem Text fehlen jegliche Hinweise auf Gottes Wirken. Aber es ist nicht ihr letztes Werk: Kurz nach ihrem Tod 1717 veröffentlicht ihre jüngere Tochter einen dritten Band des Raupenbuchs - offenbar ist sie der Naturfrömmigkeit bis zuletzt treu geblieben. Unabhängig davon werden alle ihre Bücher später von Biologen für ihre Forschung genutzt. (14. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE "Die Informationen die sie bieten konnte über manche Tierarten, das waren ja die allerersten von manchen Arten. Linné hat 136 mal ihr Werk zitiert." ERZÄHLERIN Carl von Linné, der im 18. Jahrhundert die systematischen Grundlagen der heutigen Biologie schuf. MUSIK N151373#6 ERZÄHLERIN Maria Sibylla Merian hat keine persönlichen Aufzeichnungen hinterlassen. Ihre wenigen überlieferten Briefe enthalten fast nur Geschäftliches - und außer dem Brief ihres enttäuschten Ehemanns gibt es auch keine persönlichen Äußerungen über sie. Nur ihre Bücher können uns Aufschluss geben über ihr Denken, ihre Ziele. Ihre Eigenständigkeit zu einer Zeit, als das für Frauen so nicht üblich war, weist zweifellos auf eine starke Persönlichkeit hin. Bei den Motiven wird es schon schwieriger. Zielstrebiges Selbstbewusstsein - trotz mancher bescheidenen Äußerung im Raupenbuch? Religion als treibende Kraft - auch für den Weg nach Amsterdam und Surinam? Die Person Maria Sibylla Merian bleibt letztlich rätselhaft - was uns nicht daran hindert, uns an ihren Bildern zu erfreuen und ihre insektenkundliche Pionierarbeit anzuerkennen. MUSIK N151373#6 ENDE

  • Luchino Visconti - Schönheit, Dekadenz und Tod

    11.03.2024 · 24 Min.

    Als Sohn einer italienischen Adelsfamilie wäre sein Weg vorgezeichnet. Doch Luchino Visconti will hinter die Fassaden von Prunk und Pomp blicken. Er wird Drehbuchautor und Regisseur. "Ludwig II.", "Der Leopard", "Der Tod in Venedig", seine Filme zu Schönheit, Tod und Dekadenz erreichen Weltruhm. Von Susi Weichselbaumer (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Susi Weichselbaumer Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Friedrich Schloffer, Julia Fischer, Stefan Wilkening, Katja Schild Technik: Susanne Herzig Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Michaela Krützen, Professorin für Medienwissenschaft, HFF München Literaturtipps: Schifano, Laurence: Luchino Visconti. Fürst des Films. Casimir Katz Verlag. Schneider, Marianne/ Schirmer, Lothar: Visconti. Schriften, Filme, Stars und Stills. Schirmer/Mosel. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Michaela Krützen, Professorin für MediATMO Dreh ERZÄHLER Der alte Palazzo Gangi in Palermo ist längst aufgegeben. Für diesen Dreh jedoch soll das verlassene Gebäude wieder erstrahlen. Strotzen vor Prunk und Pracht, erhabener wirken, denn je. ERZÄHLERIN Günstigere Pappkulissen hätten es vielleicht genauso getan… ERZÄHLER Nicht, wenn der Filmverantwortliche Luchino Visconti heißt. Visconti steht Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Drehbuchautor, Theater-, Opern- und eben Filmregisseur. Das Credo des Italieners: ZITATOR VISCONTI (Akustik Patina) „Es ist meine Überzeugung, dass, wenn man sich mit etwas befasst, man es immer mit Leidenschaft tun muss. Aus diesem Grund sind wir ja auf der Welt, wir müssen brennen bis der Tod, der ja nur der letzte Akt des Lebens ist, sein Werk vollendet, indem er uns in Asche verwandelt.“ MUSIK Der Leopard 1 ERZÄHLER Für die Produktion des Films „Der Leopard“ 1962 bedeutet das: Soll eine Szene auf einem Ball spielen, dann muss ein Ball stattfinden. ERZÄHLERIN Als Komparsen lädt Visconti die Creme de la Creme der palermischen Aristokratie ein. Er beschäftigt zwanzig Elektriker, einhundertfünfzig Handwerker, die Dekorationen bauen, dazu Schneiderinnen, Tanzlehrer, Maskenbildnerinnen… ZITATORIN (Akustik Patina) „Ich erinnere mich, dass ich im 13:30 Uhr mit meiner Arbeit begann und am anderen Morgen um 6.00 Uhr aufhörte.“ ERZÄHLER Der sizilianische Sommer ist heiß. ERZÄHLERIN Die eigens im Palazzo installierte Klimaanlage ist teuer, reicht aber nicht aus – ERZÄHLER Visconti nutzt also die kühle Nacht und die Morgendämmerung. Genau 48 Nächte hintereinander. ERZÄHLERIN Für EINE EINZIGE Ballszene… ERZÄHLER Für DIE Ballszene der Filmgeschichte! Der Blumenschmuck kommt jeden Tag frisch, eingeflogen aus San Remo. Das Geschirr aus Gold und Silber für die Tafel ist von den ältesten Familien Palermos geliehen. ERZÄHLERIN Die Kerzen an den Lüstern sind echt und müssen stündlich erneuert werden… ZITATORIN „Ehe er zu drehen begann, inspizierte Visconti alle Darsteller von Kopf bis Fuß. Das waren nicht weniger als hundert Leute.“ ATMO Dreh ERZÄHLER Darunter ist die junge Claudia Cardinale in der weiblichen Hauptrolle. Dunkle, tiefblickende Augen in einem symmetrischen, herzförmigen Gesicht. Sie wird über diesen sizilianischen Dreh-Sommer sagen: MUSIK Der Leopard 2 ZITATORIN Cardinale „Fast wie ein Besessener studierte Visconti jedes Detail, er war bei den Kostümproben, beim Schminken dabei. Nach diesem Film hatte meine Friseurin einen Nervenzusammenbruch, weil meine Frisur so kompliziert war, dass sie jedes Mal, wenn sie mich frisieren musste, mehr als zwei Stunden dazu brauchte.“ MUSIK ENDE ERZÄHLERIN Zur Besessenheit kommt wenig Teamgeist. Für „Der Leopard“ drillt Visconti Claudia Cardinale, Alain Delon und Burt Lancaster. Der Cineast ist bekannt für seine aufbrausende Art – anklagend, schnell beleidigt – ERZÄHLER Aber er ist auch enorm begeisterungsfähig! Mal gleicht Visconti einem verheerenden Tsunami, dann einem euphorischen Vulkanausbruch. Künstlerisch leuchtet er die tiefsten Abgründe in all ihrer naturalistischen Hässlichkeit aus und sucht doch nur das Überdauernde, das Schöne – Zuneigung. ZITATORIN Cardinale (Akustik Patina) „Im Studio, auf der Bühne war er der absolute Herr und Meister, der letzte Fürst des Films.“ ERZÄHLER Erinnert sich Claudia Cardinale an die Dreharbeiten. Bis heute ist „Der Leopard“ einer der bedeutendsten Filme des italienischen Cineasten, bestätigt die Professorin an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film HFF, Michaela Krützen. MUSIK Der Leopard 1 ZU Krützen 5.40 Von Visconti lernen ist wichtig. Und das ist für Filmstudierende vor allem, dass man sich einzelne Einstellungen, einzelne Szenen noch mal ganz langsam ankuckt wie in Zeitlupe, beispielsweise den Tanz in „Der Leopard“, wie wunderschön diese Tanzsequenz ist, nicht einmal zeigen, sondern mehrfach zeigen und genießen. ERZÄHLERIN Wogende Paare in paillettenbesetzten Kleidern und glänzenden Anzügen, beschienen vom Flackerschein unzähliger Lüster – ERZÄHLER Tatsächlich ähnelt die Szene einem Totentanz. Hier treffen alte und neue Gesellschaft aufeinander. Das Ende einer Ära ist offensichtlich. Auch wenn Don Fabrizio Corbera, Fürst von Salina – ERZÄHLERIN Burt Lancaster – ERZÄHLER Auch wenn der Fürst die Augen davor verschließen möchte... Auf Sizilien gewinnen ab 1860 bürgerlich-liberale Kräfte an Macht. Letztlich erlaubt Don Fabrizio seinem umstürzlerischen Neffen Tancredi – ERZÄHLERIN Alain Delon – ERZÄHLER Don Fabrizio erlaubt es dem Neffen, die Tochter des opportunistischen Bürgermeisters zu heiraten... Gespielt von Claudia Cardinale. MUSIK ENDE ERZÄHLERIN Jedoch verweigert der Fürst seine Mitarbeit am neuen Königreich Italien. Er will sein altes Leben weiterführen, ohne von den manierenlosen Emporkömmlingen zu sehr belästigt zu werden. Deren Geld hingegen ist ihm willkommen. Wie viele Adelige zur damaligen Zeit ist Don Fabrizio knapp bei Kasse. ERZÄHLER Der Niedergang der Aristokratie - Schönheit, Dekadenz, Tod - diese Film-Themen sind Luchino Visconti aus dem realen Leben vertraut. MUSIK ERZÄHLER Am 2. November 1906 kommt er in Mailand zur Welt, als viertes Kind des Herzogs Guiseppe Visconti di Modrone und Carla Erba. Die Mutter stammt aus einer reichen Großindustriellenfamilie. Luchino und seine fünf Geschwister werden streng erzogen. Zur musikalischen Ausbildung gehören Opernbesuche in der Scala selbstverständlich dazu. ERZÄHLERIN Überhaupt ist bei Visconti vieles selbstverständlich. Theater, Feste, Gesellschaften – Stadthäuser, Ferienvillen, Reisen, Personal verfügbar an allen Orten und zu allen Zeiten. Selbst während des Ersten Weltkriegs bemüht man sich diesbezüglich um – glanzvolle – Kontinuität. MUSIK ERZÄHLER Auch als der Herzog als Freiwilliger an die Front geht. Carla Erba kümmert sich alleine um die Kinder. Statt der Besuche in der Scala gibt es zunehmend Programm auf der Familienbühne. Luchino inszeniert für seine Geschwister und Freunde bekannte Opern, Shakespeare-Dramen oder eigene Stücke. Der Junge interessiert sich für Literatur, verschlingt Proust, Stendhal, Balzac – ERZÄHLERIN Die Wirklichkeit, die ihn umgibt, wird immer unpoetischer. Nach dem Ersten Weltkrieg greift in Italien der Faschismus um sich. Luchino ist jetzt 16, er hat gesehen, wie Mailand Kulisse eines Bürgerkrieges wird mit täglichen Plünderungen und Gewalttaten. Viele hofieren Mussolini, allen voran der König und weite Teile der Hocharistokratie. Genauso Teile der verzweigten Familie Visconti. ERZÄHLER Luchino ist klarer Mussolini-Gegner wie sein Vater, an dessen liberaler Haltung er sich orientiert. ERZÄHLERIN Allerdings sehen sich Vater und Sohn nicht mehr so häufig. Visconti Senior ist ein Weiberheld, seine Frau verlässt ihn und nimmt die drei jüngsten Kinder mit. Darunter Luchino. ZITATOR Visconti „Mein Vater war ein sehr charmanter Mann und sehr sanftmütig; aber er war ziemlich oberflächlich, hatte viele Frauengeschichten und machte meiner Mutter das Leben schwer. Sie war eine sehr leidenschaftliche Frau und der Bruch war endgültig. In der heutigen Zeit, in der Paare, die sich getrennt haben, weiterhin Beziehungen miteinander haben und sich sogar besuchen, kann man sich dies kaum noch vorstellen.“ ERZÄHLERIN Luchino Visconti kann sich bereits damals ziemlich alles vorstellen. ERZÄHLER Er hält weiter Kontakt zu beiden Elternteilen. Er ist jung und offen für das Leben und die Liebe. MUSIK ERZÄHLERIN Also probiert er sich aus. Finanziell muss er keine Grenzen fürchten. Mit seinen dunklen Augen, den schwarzen Haaren und den ebenmäßigen, aristokratischen Gesichtszügen, der stilsicheren Kleidung und seiner formvollendeten selbstsicheren Art… ERZÄHLER Sein Kopf sprüht vor Ideen. Er beginnt eine Militärkarriere, reist um die Welt, verlegt sich erfolgreich auf die Zucht von Vollblütern. Er jagt von Pferderennen zu Reitturnier. Nebenbei versucht er sich als Literat und Filmemacher. Ende 1934 wird er in Kitzbühel der österreichischen Prinzessin Irma von Windisch-Graetz vorgestellt. ERZÄHLERIN Luchino will sofort heiraten, die Eltern Visconti – sonst in allem verstritten - wollen das - gemeinschaftlich überzeugt – nicht. Irmas Eltern sind auch dagegen. Herzzerreißende Briefe gehen hin und her, Pläne werden geschmiedet und verworfen – ZITATOR Visconti „Ich sehe Dein liebes, trauriges Gesichtchen wieder, als ich vom Bahnhof in Kitzbühl abreiste. Ich denke an Dich. Ich glaube an Dich und Du musst an mich glauben. Ciao, Dein Luchi.“ ERZÄHLER Der Widerstand der Familien ist zu stark. ERZÄHLERIN Oder die Liebenden sind zu schwach, um einfach bei Nacht und Nebel miteinander durchzubrennen. ERZÄHLER Visconti ist zu sehr Kind seiner Klasse. Man wirft nicht Status und Vermögen hin und flieht in der Dämmerung. ERZÄHLERIN Man verliebt sich aus Sicht seiner Klasse auch nicht in Männer. Dennoch passiert es. Zwei Jahre nach Irma trifft Visconti beruflich auf den erfolgreichen deutschen Modefotografen Horst P. Horst. ZITATOR Visconti „Ich umarme Dich herzlich, mein lieber Horst. Halte mich nicht für verrückt. Ich sehne mich sehr nach Dir. Ciao ciao Luchino.“ ERZÄHLER Offen homosexuell lebt Visconti nicht. Horst fasziniert ihn, reizt ihn, stößt ihn ab. ERZÄHLERIN Eine toxische Verbindung, wie später mit vielen anderen Männern. Generell sind Verbindungen mit Visconti kompliziert. Überbordende Gefühle der Verehrung, Freundschaft, Eifersucht. Alles ist Drama. Immer. Am besten versteht er sich mit Menschen, die genauso sind wie er. Zum Beispiel mit der Designerin Coco Chanel. ERZÄHLER So intensiv Beziehungen mit Visconti sind, so produktiv sind sie auch. Alles ist Netzwerk. Coco Chanel vermittelt ihn als Regieassistent an den renommierten Filmkünstler Jean Renoir, sein großes Idol. Visconti ist fortan oft in Paris, reist viel, nach dem Tod seiner Mutter zieht er von Mailand um nach Rom. Nur um dann wieder nach Paris zu fahren: Renoir braucht ihn für die Dreharbeiten zu „Tosca“. In Frankreich wie daheim in Italien dringt er weiter vor in die höchsten Filmkreise. Er schließt sich einer Gruppe antifaschistischer Intellektueller um die römische Kinozeitschrift „Cinema“ an. ERZÄHLERIN Man diskutiert Filmstoffe, entwickelt kommunistische Ideen – für die Leinwand und für eine gesellschaftliche Neuordnung. 1941 stirbt sein Vater. Luchino erbt das Haus der Visconti in der Via Salaria in Rom und ein Vermögen. Großzügig unterstützt er Freunde im Widerstand gegen den Faschismus. Die Via Salaria wird zum Unterschlupf für Verfolgte. ERZÄHLER Von dieser Wirklichkeit will Visconti erzählen, politische und soziale Abgründe aufzeigen, authentische Filme drehen wie Lehrmeister Jean Renoir, der den poetischen Realismus begründet hat. ERZÄHLERIN Problem bloß: Renoir kommt aus einem freien Land, seine Stoffe sind kritisch, seine Herangehensweise ist unverstellt. So zu arbeiten ist in Italien längst nicht mehr möglich. Die staatliche Zensur greift bereits in die Drehbücher ein und verhindert Werke schon im Planungszustand. ERZÄHLER Visconti stößt nur auf Ablehnung. Ob eigene Plots oder Adaptionen von Shakespeare, Miller, Proust - konsequent verweigert die Filmbehörde eine Genehmigung. ERZÄHLERIN Visconti ist dem Regime suspekt, er gilt als adeliger Kommunist. ERZÄHLER Hartnäckig tritt er dennoch für jedes neue Projekt mit Feuereifer ein. Etwa für „Ossessione... Bessenheit“… Heute ist dieser Film fixer Bestandteil der Einführung in die Filmgeschichte für ihre Studierenden, erzählt die Professorin an der HFF München, Michael Krützen. ZU Krützen 0.14 Sie treffen zum ersten Mal auf Visconti, wenn wir über den Neorealismus sprechen, das ist so eine Strömung im italienischen Kino am Ende des Zweiten Weltkriegs, wo man sich plötzlich dafür interessiert hat, so ganz realistische Filme zu machen. Und da ist der Visconti mit seinem Film „Besessenheit, Ossessionen“ 1941 so ein wirkliches Erweckungserlebnis für viele Studierende und da sehen die sowas zum ersten Mal. MUSIK ERZÄHLER Auch für Visconti ist ein derartiger Stoff neu. Renoir hatte ihm den jüngst erschienenen Roman von James Cain empfohlen: „The postman always rings twice“. In diesem Krimi verliebt sich die Ehefrau des Eigentümers eines entlegenen Gasthofs in einen Landstreicher. Sie bringt den Geliebten dazu, ihren Gatten zu töten. Man fingiert einen Autounfall. Visconti versetzt die Handlung nach Italien. ZU Krützen 0.55 Ossessione, Besessenheit, das fängt erstmal an wie so eine super spannende Krimi-Erotik-Geschichte, der Hauptdarsteller mit entblößter Brust, die Hauptdarstellerin wackelt so mit dem Fuß und lockt ihn gewisser Maßen. Am Anfang ist es halt diese Kerngeschichte, eine Frau verführt einen Mann ihren Ehemann umzubringen, doch der Film ändert sich dann und wenn man als Studierende, Studierender nicht vorbereitet ist, dass so nach ungefähr einer Stunde das Ding ungeheuer langsam wird und die so zu zweit ich sag mal durch eine Landschaft stromern, ist man erstmal schockiert. Das heißt, man muss schon etwas Erfahrung haben, um mit VIsconti umgehen zu können, zumindest mit diesem frühen Visconti der Ossessione, dann aber sorgt das durchaus für Begeisterung. ERZÄHLER Wider Erwarten hat die Filmzensur kaum Einwände gegen „Ossessione“. ERZÄHLERIN Der Faschismus verliert überall an Boden, die Regeln werden dehnbar. Für die Hauptrollen, den Landstreicher Gino und die untreue Ehefrau Giovanna, gewinnt Visconti Massimo Grotto und die weit jüngere, zauberhaft schöne Clara Calamai. Visconti will sie ungeschminkt und unfrisiert, realistisch bis an die Grenze zur Hässlichkeit. Erschöpft soll sie hinterm Tresen des Gasthauses stehen. Er demütigt und beschimpft sie, wie er überhaupt sein Ensemble bis auf wenige Ausnahmen hart anpackt. Niemand soll den Text vorher auswendig lernen, erarbeitet wird Wort für Wort zusammen mit ihm. ZITATOR Visconti „Mich interessieren allein Extremsituationen und die Augenblicke, in denen eine außerordentliche Spannung die Wahrheit aus den Menschen hervorlockt. Ich liebe es, die Figuren einer Geschichte sowie ihren Inhalt hart und aggressiv anzugehen“. ERZÄHLERIN Visconti verlangt über die Maßen viel. ERZÄHLER Und bekommt Großartiges. Clara Calamai erinnert sich: ZITATORIN „Wir haben diese Szene – ich weiß nicht wie oft wiederholt – Schließlich verlor Luchino die Geduld. Auf dem Tisch stand ein großes Tablett mit Gläsern. Er nahm eines nach dem anderen und schmetterte es zu Boden, direkt mir vor die Füße, so dass mir die Glassplitter ins Gesicht sprangen. Ich selbst war wie versteinert, es kam mir nicht mal in den Sinn zu protestieren, war ich doch unsterblich in Luchino verliebt.“ ERZÄHLER Wie Calamai wird es vielen ergehen. Sie lassen sich auf den italienischen Cineasten ein, weil er sie ganz fordert. ZITATORIN „So war Luchino, er veränderte die Menschen.“ ERZÄHLER Das gilt für Schauspieler wie Kameraleute, Dekorateurinnen, Beleuchter, Schneiderinnen, Maskenbildner - Visconti ist in jedem Filmgewerk versiert und erzwingt Perfektion in sämtlichen Einzelheiten. MUSIK ERZÄHLER Seine authentische Nähe ist neu im europäischen Kino, schonungslos und ohne Poesie. Als Vater des sogenannten „Neorealismus“ schreibt er Geschichte. ERZÄHLERIN Die einen empfinden „Ossessione“ als Beleidigung am ganzen Volk, andere feiern die Wahrhaftigkeit. Der Film gilt bald als Symbol der antifaschistischen Rebellion. ERZÄHLER Visconti genießt den Beifall, aber auch, dass sich die Kritiker an ihm reiben. Noch realeren Realismus möchte er erschaffen. In entlegenen Dörfern lässt er arme Fischer zu einem vorgegebenen Plot improvisieren. Daraus entsteht eines seiner Meisterwerke, „Die Erde bebt“. ZU Krützen 3.03 „La Terre trema“, „Die Erde bebt“, das ist nun wirklich Neorealismus von blankster Sorte, ein Film, der vor Ort gedreht ist, mit Laiendarstellern im Dialekt, und da wachen dann auch unsere Dokumentarfilmstudenten auf, die haben den noch nie gesehen, also ein Film, der unter den Leuten selber gedreht ist. ERZÄHLER Erzählt die Professorin für Filmgeschichte, Michaela Krützen. Fortan stellt Visconti die Kamera mitten hinein ins echte Leben.1943 rettet er entflohene englische und amerikanische Gefangene vor den deutschen Besatzern, in seiner Villa in Mailand versteckt er Widerständler und Kommunisten. Schließlich wird er von der politischen Polizei gefasst und gefoltert. Als seine damaligen Peiniger nach dem Krieg vor Gericht gestellt werden, filmt Visconti mit. Jeden Augenblick von der Anklagebank bis zur Hinrichtung. ERZÄHLERIN Nach einiger Zeit wird Visconti die Realität zu eng und zu eindimensional. ERZÄHLER Vielleicht stattet er schlichtweg zu gerne aus, möchte die Details wieder stärker dominieren, mit exzellenten Schauspielern Nuancen herausziselieren, Pointen selber definieren, nicht bloß Alltag abfilmen und arrangieren. Mitte der 1940er Jahre konzentriert er sich verstärkt auf seine zweite große Passion: Die Bühne. MUSIK ZITATOR Visconti „Das Theater ist eine Tribüne, von der aus man auch Dinge sagen kann, die dazu angetan sind zu brüskieren“. ERZÄHLERIN Ob mit seiner eigenen Truppe, der „Compagnia Italiana di Prosa“, oder als Gastregisseur: Visconti liefert eine Skandalinszenierung nach der anderen. Zu brutal, zu freizügig, sein Menschenbild zu negativ. Für „Die schrecklichen Eltern“, „Adam“ oder „Die Tabakstraße“ hagelt es Aufführungsverbote, ob in Venedig, Rom oder Mailand. Gleichzeitig gibt es frenetischen Beifall. Die Zuschauer schimpfen und jubeln, buhen und rufen unablässig „Dacapo“. Oft entbrennt eine wütende Schlägerei im Parkett. ERZÄHLER Luchino, der „rote Adelige“ polarisiert. Diese Rolle des gehassten und verehrten Provokateurs gefällt ihm. Die Jugend feiert ihn. Das ist genau das Publikum, das er sich wünscht. Keine versnobten Intellektuellen oder kunstverliebte, weil vom Leben gelangweilten Reiche und Schöne, sondern echte Menschen. ERZÄHLERIN Naja, die Schönen und Reichen mag er schon auch: Künstler, Autorinnen, Komponisten, Sängerinnen und Schauspieler. Letztere bewundert er besonders, sie sind sein Mittel zum Ausdruck. Als Gradmesser gelten ihm die Großen vergangener Tage: Die Duse, Sarah Bernhardt. Aktuell gilt: Je mehr Diva, desto begeisterter ist Visconti. Desto mehr reizt ihn die Zusammenarbeit und vielleicht - bei den Männern – sogar noch ein bisschen mehr. ERZÄHLER Mit seinen Begleitern zeigt er sich in der Öffentlichkeit, doch wird er sich nie als homosexuell outen. ERZÄHLERIN Etlichen wissen ohnehin darum. Visconti brennt leidenschaftlich für viele Herren, feste Beziehungen geht er nicht ein. ERZÄHLER Dafür liebt er zu gerne zu dramatisch und zu gerne solche, die ihm darin ähnlich sind. Sein großer Freundes- und Bekanntenkreis ist seine Ersatzfamilie. Die wichtigste Vertrauensperson bleibt lebenslang seine Schwester Umberta. ERZÄHLERIN Sie ist die einzige, die ihm sagen darf, dass literweise Kaffee und 80 bis 120 Zigaretten am Tag nicht gesundheitsfördernd sind. MUSIK ERZÄHLER Das weiß Visconti selber. Es geht nicht ohne. Er ist ein Workaholic, der für seine Arbeit brennt. Tag und Nacht. Solches Engagement fordert er selbstverständlich genauso von seinen Mitarbeitenden. In den 1950/60er Jahren sind das zahlreiche Weltstars. Auch talentierte Nachwuchsdarsteller werden unter seiner Führung zu Leinwandgrößen. Romy Schneider und Alain Delon baut er in seinen Filmen auf, Maria Callas formt er in opulenten Operninszenierungen zur Grande Dame der Scala. Dorthin lädt ihn endlich Arturo Toscanini ein. Visconti inszeniert für ihn Verdi, den „Don Carlos“ oder „Macbeth“. Für Theater in Italien, Deutschland, Frankreich und Großbritannien richtet er Strindberg, Miller oder Tschechow ein. Für Shakespeares „Wie es Euch gefällt“ heuert er Salvador Dalí als Bühnengestalter an. Maria Schell, Claudia Cardinale, Burt Lancaster... ERZÄHLERIN Jeder sagt bei Visconti zu. Lässt sich am Set anschreien, herabwürdigen, quälen. ERZÄHLER Wächst unter diesem immensen Druck über sich hinaus. ERZÄHLERIN Und bleibt im Geschäft. Inzwischen ist Visconti der Königsmacher im europäischen Film. Er befördert Karrieren und beendet Laufbahnen. Helfendes Netzwerken und zerstörendes Intrigieren. ERZÄHLER Macht und Verfall – im Leben wie auf der Leinwand, das sind jetzt seine Themen. In „Der Leopard“ kreisen alte und neue Gesellschaft im Totentanz umeinander. „Rocco und seine Brüder“ erzählt das Scheitern einer prekären Familie aus dem Süden, die in der Großstadt ihr Glück sucht und gnadenlos untergeht. „Bellissima“ rechnet mit der Scheinwelt des italienischen Hollywood, der Cinecittà ab. MUSIK ERZÄHLERIN Zum Kammerspiel schließlich verdichtet Visconti den Komplex Schönheit, Dekadenz und Tod 1973 in „Ludwig II“. Die intensiv recherchierte historische Figur zeigt er an Originalschauplätzen, Neuschwanstein, Herrenchiemsee, Linderhof. Der Aufwand für Bauten, Technik und Komparserie ist gigantisch. ZITATOR Visconti „In Wahrheit sind die gegen mich gerichteten Vorwürfe angeblicher Verschwendungssucht, Vergeudung und willfährigen Hedonismus stets von Leuten ausgegangen, die es noch immer für Luxus halten, im Speisewagen eines Zuges zu essen.“ ERZÄHLERIN Original Tafelsilber, die Kerzen an den Lüstern mal wieder echt und beim Dreh dauernd auszutauschen... ERZÄHLER Visconti ist gesundheitlich angeschlagen, er merkt, dass ihm die Zeit davonläuft. Er erzwingt den perfekten Film. ERZÄHLERIN Herausforderung dabei: Visconti ist schwer in seinen Hauptdarsteller verliebt. Helmut Berger. Österreichischer Charme. Blond, groß, attraktiv - ZITATOR Visconti „Berger ist wie ein junges Fohlen. Nachwuchs. Er ist voller Phantasie und hat sehr gute Qualitäten. Aber er muss erst heranwachsen, auch ist er sehr launisch.“ ERZÄHLERIN Wie Visconti. MUSIK ERZÄHLER Wie der ist Berger aber auch bereit, den ganzen Weg Ludwigs II. zu gehen. Strahlend und aufgeregt am Tag der Krönung, fortan unsicher und schwankend und träumend. Cousine Sisi alias Romy Schneider verehrend, Männer liebend. Die Nacht für den Tag eintauschen, Richard Wagner folgen, weitere Schlösser entwerfen. Aufgedunsen. Apolitisch. Weggesperrt. ERZÄHLERIN Starnberger See. ERZÄHLER Der Bayerische Rundfunk berichtet über die Dreharbeiten 1972. Visconti schenke den Bayern ihren Film zu ihrem König… ZU Visconti schon mit VO Das ist der Kampf eines Mannes, der ein Ideal, feste Lebensvorstellungen hat und seine Konfrontation mit einer Realität, die ihn dazu bringt, noch radikaler zu werden, einen reinen Künstlerstaat zu schaffen. Meiner Meinung nach ist das eine sehr moderne Auffassung, doch dieser Traum zerbrach an den Gegebenheiten eines Europas, das sich im Umbruch befand. ERZÄHLERIN Allerdings wieder verreißt ihn die Kritik – mit drei Stunden zu lang, zu homosexuell, zu wenig nah am Mythos. ERZÄHLER Wieder feiern ihn die Fans. ERZÄHLERIN Wieder intervenieren Produzenten, Filmaufseher und Verleiher. ERZÄHLER Kürzen. Umschneiden. ERZÄHLERIN Visconti gibt nicht auf. Während der Aufnahmen zu „Ludwig II.“ erleidet er einen Schlaganfall und ist halbseitig gelähmt. Der Zustand nervt ihn. Er muss zurück in den Regiesessel, den Ludwig fertig machen, hat danach tausend weitere Ideen im Kopf. ERZÄHLER Am 17. März 1976 stirbt Visconti – sozusagen mitten in der Arbeit und Planung. Seine Schwester Umberta ist bei dem 69-Jährigen. ZITATORIN „Zum Schluss sah er mich an. Dann sagte er zu mir in unsere Mailänder Mundart: Es genügt, ich bin müde.“ MUSIK ERZÄHLER Nach einem atemlosen, schillernden Leben - ERZÄHLERIN Von dem unzählige einzigartige Filmmomente bleiben. ZU Krützen 6.35 Wer was Opulentes haben will, der soll sich den „Leoparden“ anschauen mit einem großen Kaltgetränk, die Füße hochlegen, es ist ein längerer Film, aber ich verspreche es ist Starkino zum Genießen. ENDE

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