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Maria Sibylla Merian - Naturforscherin und Künstlerin

11.03.2024 · 23 Min.

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Über diese Folge

Schon als Jugendliche beobachtet Maria Sibylla Merian fasziniert, wie aus gefräßigen Raupen erst wie tot wirkende Puppen und dann bunte Schmetterlinge werden. Für Biologen des 18. Jahrhunderts waren ihre Bücher Fachliteratur. Autorin: Renate Ell (BR 2013)

Credits
Autorin dieser Folge: Renate Ell
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Beate Himmelstoß, Katja Schild, Peter Lersch
Technik: Susanne Herzig
Redaktion: Brigitte Reimer

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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

MUSIK

ERZÄHLERIN

1647, ein Jahr vor dem Ende des 30jährigen Krieges, kommt Maria Sibylla Merian in Frankfurt am Main zur Welt, als jüngstes Kind einer der bedeutendsten Künstler- und Verleger-Familien im deutschsprachigen Raum. Ihr Vater Matthäus Merian stirbt, als sie drei Jahre alt ist. Ihre Mutter heiratet ein Jahr später Jacob Marrell, einen Kunsthändler und Maler, spezialisiert auf Blumen-Stillleben. Ein Glücksfall: Er erkennt und fördert die künstlerische Begabung seiner Stieftochter - in seiner Werkstatt absolviert sie eine Ausbildung als Blumenmalerin gemeinsam mit den männlichen Lehrlingen. Sie lernt, wie sie später in ihrem „Raupenbuch“ erzählt,

ZITATORIN MERIAN („Der Raupen wunderbare Verwandelung …“, Vorwort, S. 5)

"… meine Blumenmalerei mit Raupen, Sommervögelein und dergleichen Thierlein auszuzieren … eines durch das ander’ gleichsam lebendig zu machen."

ERZÄHLERIN

Mit „Sommervögelein“ meint sie Schmetterlinge.

ZITATORIN MERIAN (ebd.)

"Also hab’ ich oft große Mühe in Auffangung derjenigen angewandt, bis ich endlich, vermittelst der Seidenwürmer, auf der Raupen Veränderung gekommen."

ERZÄHLERIN

Frankfurt ist im 17. Jahrhundert ein Zentrum der Seidenspinnerei. In der Werkstatt eines Onkels beobachtet Maria Sibylla erstmals mit 14 Jahren wie aus Seidenraupen Puppen und dann Falter werden. Und entdeckt durch erste Forschungen, vielleicht im Garten hinter dem Haus, dass diese Metamorphose bei allen Schmetterlingen gleich abläuft. Aber sie streift wohl auch durch die Räume des Merian-Verlags - dort liegen Bücher mit Bildern von allen möglichen Tieren - damals bahnbrechende Werke, sagt die Biologie-Historikerin Katharina Schmidt-Loske vom Museum König in Bonn.

MUSIK ENDE

 (1. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE

"Neben dem Ulisse Aldrovandi von 1602, das Werk über die Insektenkunde, gibt es ein zweites, das ist von Thomas Mouffet von 1634, was sich auch wiederum mit der Insektenwelt beschäftigt und diese beiden Werke von Thomas Mouffet und Aldrovandi wurden in der „Historiae naturalis“ von John Johnston zusammengeführt, ein fünfbändiges Werk, in dem eins über Insekten, Schlangen und Drachen zusammengeführt war, und das wurde in der Werkstatt der Merians hergestellt."

ERZÄHLERIN

Es sind keine biologischen Fachbücher im heutigen Sinne. Die damaligen Autoren versuchen lediglich die Vielfalt des Lebens zu erfassen und eine Systematik zu schaffen. Ihre Werke dienen auch Künstlern als Vorlagen, denn sie enthalten vor allem sehr viele präzise Abbildungen. In der „Historiae naturalis“ sind das erstmals fein schattierte Kupferstiche anstelle der zuvor üblichen, viel gröberen Holzschnitte - eine echte Pionierarbeit der Merians. Auch das Kupferstechen lernt Maria Sibylla wohl im Verlag ihres verstorbenen Vaters, meint Brigitte Strehler vom Kunstkabinett Strehler in Sindelfingen.

(2. ZUSP.) BRIGITTE STREHLER

"Ich glaube nicht, dass das für Frauen in der damaligen Zeit üblich war, den Kupferstich zu erlernen, und sie ist eine ganz hervorragende Kupferstecherin - sie kann sehr, sehr fein stechen, in wunderschönen schwarzweiß-Schattierungen; das ist auch durchaus eine schwierige Tätigkeit, wenn man einmal mit dem Stichel in dem Kupfer gearbeitet hat, das lässt sich ja nicht radieren, das ist fix, da ist dann eine Linie, und die lässt sich nicht mehr so leicht wieder entfernen aus der Kupferplatte, weil das ist eine Vertiefung in der Kupferplatte und die ist dann da."

ERZÄHLERIN

Im Alter von 19 Jahren heiratet Maria Sibylla Merian den Architektur-Maler Johann Andreas Graff aus Nürnberg, einen Lehrlings-Kollegen in der Werkstatt. Fünf Jahre später zieht das Paar mit der zweijährigen Tochter nach Nürnberg.

MUSIK N1514040#8

ERZÄHLERIN

In Nürnberg herrscht eine ähnliche Atmosphäre wie in Frankfurt - es ist eine protestantisch geprägte Freie Reichsstadt, also nur dem Kaiser untertan, und regiert von einer Bürgervertretung. Der Kunsthistoriker Andreas Curtius von den Museen der Stadt Nürnberg.

MUSIK N1514040#8 ENDE

(3. ZUSP.) ANDREAS CURTIUS

"Der große Rat und der Kleine Rat, das sind also die Hauptgremien in Nürnberg, die hatten das Sagen in Nürnberg und haben alles eigentlich auch entschieden innerhalb der Stadt, das zweite wesentliche für Nürnberg ist, dass es eine Handelsstadt war, dass Nürnberg Handelsbeziehungen quer über ganz Europa unterhielt, und dass dritte wesentliche Element ist das Patriziat, was sehr ausgeprägt ist in Nürnberg, sehr traditionsbewusst ist, aber gleichzeitig auch sehr weltoffen. Denn der Handel wurde z.T. auch durch das Patriziat geführt, und das Patriziat war eben auch eine sehr gebildete Schicht, und das hatte zur Folge, dass nach dem 30jährigen Krieg Nürnberg auch einen schnellen Wiederaufstieg hatte, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistig-kulturell."

ERZÄHLERIN

Es muss eine anregende Atmosphäre gewesen sein für die junge Künstlerin, zumal sie schnell Kontakt findet zur lokalen Oberschicht, den Patrizierfamilien: Sie gibt deren unverheirateten Töchtern Malunterricht - scherzhaft spricht sie von ihrer „Jungfern-Companey“. Und sie findet auch Kontakt zu anderen Künstlern und Dichtern, für die Nürnberg ein gutes Pflaster ist.

(4. ZUSP.) ANDREAS CURTIUS

"Das Patriziat war ein sehr wichtiger Auftraggeber, und Nürnberg war auch ein Buchdruckerort ähnlich wie Frankfurt, sehr wichtig waren eben auch Unternehmungen wie illustrierte Bücher, das war eine sehr einträgliche Quelle auch für die Künstlerschaft."

ERZÄHLERIN

Sicher haben sie auch die waschechten, mit Blumenmotiven bemalten Tischdecken von Maria Sibylla Merian gekauft. 1675 veröffentlicht die ihr erstes illustriertes Buch - das „Neue Blumenbuch“. Es steht ganz in der Tradition der so genannten Florilegien, wie sie auch der Merian-Verlag auf den Markt brachte. Solche Bücher enthalten Kupferstiche mit einzelnen Blumen oder Blumen-Arrangements als Vorlagen für Amateur-Maler und für Stickarbeiten. Solche Blumenbücher verkaufen sich gut, in schwarz-weiß oder - gegen Aufpreis - einzeln koloriert. Maria Sibylla Merians Blumenbuch erscheint in drei Bänden. Wie sie es bei ihrem Stiefvater gelernt hat, krabbeln hier und da Insekten über die Blätter, flattert ein Schmetterling davon. Vier Jahre später, und ein Jahr nach der Geburt der zweiten Tochter, erscheint das zweite Buch - und da ist auf einmal alles anders. Die Schmetterlinge sind nicht mehr nur ein belebendes Element. Und für ihre Bilder verwendet sie im Unterschied zu den Malern von Stillleben keine Vorlagen aus naturhistorischen Büchern. Die Biologie-Historikerin Katharina Schmidt-Loske:.

(5. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE

"Sie hat eine richtige Insektenzucht betrieben zuhause in Schächtelchen, hat jedes Stadium erfasst und hat dann als Ergebnis dessen ihr 50 Tafeln umfassendes Werk von 1679, das erste Raupenbuch mit dem Titel „Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumennahrung“, in dem hat sie eine Pflanze, die Futterpflanze der Raupe meist in der Mitte dargestellt und rundherum die verschiedenen Entwicklungsstadien. Und das ist absolut neu."

ERZÄHLERIN

Dieses „Metamorphosebild“ ist ihre … 

ZITATORIN MERIAN (Raupenbuch, Teil 1; Titel, S. 3)

"…ganz neue Erfindung …"

ERZÄHLERIN

… wie sie im Titel stolz vermerkt. Die meisten Menschen kennen damals die Entwicklungsstadien nicht, die sie im Vorwort ausführlich erläutert.

(6. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE

"Was weit verbreitet war, war der aristotelische Urzeugungs-Gedanke, dass Insekten aus Schlamm und Dreck entstehen, spontan. Das ist natürlich nicht ganz weit hergeholt, denn was man optisch sehen kann, sind die Larvenstadien, die größer sind, die Eier hat man nicht gesehen, die Entwicklung des Mikroskops steht erst bevor, oder auch die Nutzung von Lupen war noch nicht so gängig, dass man sich überhaupt auf diese kleinsten, kleinen Tiere konzentrierte, das begann ja alles erst, das war also ein hoch spannendes Zeitalter."

ERZÄHLERIN

Auch Maria Sibylla Merian selbst entdeckt erst nach und nach, dass alle Schmetterlinge dieselbe Entwicklung durchlaufen wie die Seidenspinner. Sie hält ihre Beobachtungen in kleinen Aquarellen fest, und aus diesen Einzelteilen - Futterpflanze, Eier, Raupe, Puppe, Schmetterling - entsteht dann der Kupferstich für das Buch. Man merkt ihm diese Entstehung durchaus an: Manche Raupen sitzen etwas steif auf der Pflanze, und die Puppen - die sie „Dattelkern“ nennt - liegen neben der Pflanze oder auf einem Blatt wie auf einem Präsentierteller, statt darunter zu hängen, wie in der Natur. In den Begleittexten wird nur die Futterpflanze namentlich bezeichnet, die meisten Insekten hatten damals noch keine Namen. 

MUSIK N128393000

ZITATORIN MERIAN (Raupenbuch, Teil 1; Tafel XLVII)

"Ob nicht die unten kriechende Raupe eine von der artigsten und fürnehmsten Gattung der bishero abgehandelten Raupen sei, soll sich bald eröffnen. Denn sie hat fünf große, gelbe Haarborstel auf dem Rücken, zu hinterst noch einen aufgerichten roten Schweif oder Haarschwanz, und ist sonst sehr schön gelb, wie ein schönes Dottergelb. Wenn sie sich streckt, so sieht man vom Kopf an zwischen etlichen Gliedern breite schwarze Streife, wie Sammet; hat auch auf jeder Seite des Leibs schwarze Düpfelein. 

Unter dem Kopf finden sich zu jeder Seiten sechs rote Kläulein, in der Mitte des Leibs acht gelbe Füßlein und zu hinterst noch zwei derselben. Ihre Art ist, dass sie von gar erschrockner Natur. Denn so bald sie das geringste merkt oder fühlt, so rümpft sie sich alsobald zu sammen und liegt, als wäre sie tot, so lang, bis alles wieder still ist. 

Zu Ende des Augusts aber hat sie sich zu ihrer Veränderung hinbegeben, und ein weißes Gespinst gemacht, worinnen sie zu einem braunen Dattelkern worden. Und weil ich derer etliche hatte, so sind mir teils Vöglein noch im November, teils aber im April des folgenden Jahres hervorgekommen, welche Motten waren, die nur bei Nacht fliegen. Ihre Farb ist weiß und schön grau, wie silberfarb; sie haben zwei braune Hörner und sechs graue oder silberfarbene Füßlein."

MUSIK N128393000 ENDE

ERZÄHLERIN

Die detaillierte Beschreibung ist wichtig, da die meisten Leser Schwarz-Weiß-Ausgaben haben, erklärt Brigitte Strehler vom Kunstkabinett Strehler in Sindelfingen. Nur sehr wenige Bücher hat Maria Sibylla Merian handkoloriert.

(7. ZUSP.) BRIGITTE STREHLER

"Aber das konnte sich ein normales Bürgertum nicht leisten. Das waren dann die Luxusausgaben, die dann in die Höfe gingen oder an die etwas adligeren oder wohlhabenderen Bibliotheken, denn das war nicht üblich, dass man zuhause so ein Buch hatte, denn da war überhaupt kein Geld dafür da."

ERZÄHLERIN

Während in den Schwarzweiß-Bildern die deutlichen Linien des Kupferstichs von Vorteil waren, verwendete Merian für einen Teil der kolorierten Bücher eine ganz besondere Drucktechnik.

(8. ZUSP.) BRIGITTE STREHLER

"Sie hat dann ein zweites Büttenpapier, ein etwas leichteres, dünneres Büttenpapier genommen und hat das auf den ganz frischen Kupferdruck nochmal aufgelegt und nochmal durch die Walze gezogen und das abgeklatscht, abgedruckt, und damit entstand ein seitenverkehrter, viel zarterer Abdruck dieses Kupferstichs, der ganz zarte, feine Linien hatte, keinen Prägerand, und den sie dann koloriert hat, und da hatte sie dann diesen Aquarellcharakter, den sie eigentlich haben wollte. Das war eine ganz schlaue Idee von ihr, denn sie hat sozusagen das Aquarell in ein Multiple verwandelt."

ERZÄHLERIN

Nur wenige dieser so genannten Umdrucke haben die Jahrhunderte überdauert - in all ihrer Schönheit: Die farbenfrohen Schmetterlinge scheinen fast über dem Papier zu schweben. Die Bildtafeln kommen mitunter als Einzelblätter in den Kunsthandel. Durch ihr kleines Format - etwa so wie heute ein Roman - wirken aber auch die kolorierten Exemplare bescheiden. 

Das Raupenbuch beginnt mit dem Lobgedicht eines Nürnberger Gelehrten und Poeten, der es in eine Reihe stellt mit den Werken der ersten Insektenforscher. Aber wissenschaftliche Werke erscheinen damals in lateinischer Sprache. Und Maria Sibylla Merian widmet ihr Buch …

ZITATORIN MERIAN (Raupenbuch, Teil 1, Titel, S. 3)

"… den Naturkündigern, Malern und Gartenliebhabern."

ERZÄHLERIN

Die Naturkündiger, das sind eher Natur-Liebhaber als Gelehrte. Sie zieht auch eine klare Grenze ihrer Fähigkeiten, etwa wenn sie beobachtet, dass aus einer Puppe kein Schmetterling wird, sondern Fliegen ausschlüpfen. Das Phänomen der Parasiten war damals noch unbekannt.

ZITATORIN MERIAN (Raupenbuch, Teil 1, Tafel XXII, S. )

"Was nun die rechte Ursach solcher unordentlichen Veränderungen sey, … habe ich nicht ausfinden noch erdenken können, sondern den Herren Gelehrten überlassen müssen und sollen."

ERZÄHLERIN

Einen deutlichen Hinweis auf den Charakter ihres Buchs gibt Maria Sibylla Merian im Vorwort. 

ZITATORIN MERIAN (Raupenbuch, Teil 1, S. 5)

"Suche … hierinnen nicht meine sondern allein Gottes Ehre, Ihn als einen Schöpfer auch dieser Kleinsten und geringsten Würmlein zu preisen. … welcher sie mit solcher Weisheit begabt, dass sie … ihre Zeit und Ordnung fleißig halten und nicht eher hervorkommen, als bis sie ihre Speise zu finden wissen."

ERZÄHLERIN

Die Historikerin Anne-Charlott Trepp von der Universität Kassel sieht das Raupenbuch in einer Tradition mythisch-spiritueller Naturfrömmigkeit.

(9. ZUSP.) ANNE-CHARLOTT TREPP

"Die davon ausging dass man einen direkten Weg zu Gott findet, jeder für sich, und im 17. Jahrhundert finden wir tatsächlich eine Bewegung, sich mehr zu öffnen dem zweiten Buch, kann man so sagen, dem Buch neben der Heiligen Schrift, das ist das Buch der Natur. Es gibt seit dem 17. Jahrhundert so einen Trend, sich überhaupt allgemein mehr mit niederen, gewöhnlicheren Naturphänomenen zu beschäftigen. Nicht mehr mit außergewöhnlichen. Und in diesem Rahmen geraten Insekten ebenfalls ins Zentrum des Interesses. Gerade in dem angeblich Unscheinbaren, oder auf den ersten Blick Unscheinbaren sucht man eben wirklich das Höchste, Gottes Wirken in der Natur, Gottes Allmacht, Gottes Vorsehung in der Natur, gerade da, wo man es nicht vermutet."

ERZÄHLERIN

Bücher wie das von Maria Sibylla Merian sollen also gleichsam durch Wissen über die Natur den Glauben stärken. 

(10. ZUSP.) ANNE-CHARLOTT TREPP

"Sich Faktenwissen anzueignen und sich gleichzeitig über dieses Wissen, auch die Vermehrung des eigenen Wissens, zu erheben, zu erbauen, das ging wirklich eng zusammen in damaliger Zeit und das wurde dann durch so ein Erbauungsbuch wie das Merians wirklich sehr schön möglich."

ERZÄHLERIN

Diese überkonfessionelle, außerkirchliche Bewegung ist in Frankfurt wie auch in Nürnberg stark vertreten in gebildeten Kreisen, zu denen auch gebildete Handwerker wie die Merians zählten. In ihrem Verlag erscheinen etliche religiöse, auch kirchenkritische Schriften.

MUSIK N128393000

ERZÄHLERIN

Rund 12 Jahre lebt und arbeitet Maria Sibylla Merian in Nürnberg. Nach dem Tod ihres Stiefvaters kehrt sie 1683 mit ihren zwei Töchtern nach Frankfurt zurück, um Erbschaftsangelegenheiten zu klären. Dort erscheint auch der zweite Band des Raupenbuchs. 

Nach Nürnberg geht sie nicht mehr - sondern sie zieht mit ihren Töchtern und ihrer Mutter nach Friesland, um dort bei den Labadisten, einer pietistischen Sekte, zu leben.

MUSIK N128393000 ENDE

(11. ZUSP.) ANNE-CHARLOTT TREPP

"Und diese weist alle Elemente einer wirklich eher separatistischen, heute würden wir sagen, fundamentalistischen Frömmigkeit auf. Diese völlige Negation des Körperlichen, aber dies mit einer Konsequenz durchführt, wie wir das in anderen pietistischen Gemeinden, die eben auch diesen Wandlungsvorgang, eine geistige Erneuerung suchen, eben nicht haben."

ERZÄHLERIN

Mit dem Beitritt zu den Labadisten verlässt Maria Sibylla Merian ihren Mann, da die Sekte nur Ehen innerhalb ihrer Gemeinschaft anerkennt, und Johann Andreas Graff diesem Fundamentalismus offenbar nichts abgewinnen kann. Vergeblich reist er nach Friesland um seine Frau umzustimmen. Später beschreibt er seine Eindrücke in einem langen Brief an Johann Jakob Schütz, einen fundamentalistischen Frankfurter Pietisten, der seine Frau in offenbar beeinflusst hat. Es ist der Brief eines verzweifelten Vaters, der sich um seine Töchter sorgt - vor allem um die kleinere, 10-jährige, denn er habe gesehen, wie Kinder dort brutal verprügelt wurden. Und er klagt, seine Frau tue nicht alles freiwillig - und ihr Werk, das er unterstützt habe, drohe verloren zu gehen. Dieser Brief, erst 2009 bekannt geworden, revidiert das Bild von Graff, der in vielen Merian-Biografien schlecht wegkommt: als seiner Frau künstlerisch unterlegen, womöglich ein Trunkenbold oder Weiberheld. Auch äußert der Nürnberger Rat äußert sich lobend über Graffs …

ZITATOR (Nürnberger Ratsverlässe, Nr. 2844)

"… allhie geführten guten Wandel, auch in seiner wißenschafft und Information der Jugend geführten Fleiß."

ERZÄHLERIN

Graff war offenbar nicht nur als Architekturmaler anerkannt, sondern auch als Zeichenlehrer. Auch auf Maria Sibylla Merian wirft der Brief und die genauere Betrachtung  ihres geistigem Umfelds in Frankfurt ein anderes Licht als es in den Biografien bisher der Fall war. Religiöser Fundamentalismus - das passt so gar nicht zu der beliebten emanzipatorischen, gar feministischen Interpretation ihrer Biografie.

MUSIK C5057280#21

ERZÄHLERIN

Graff hat mit seinem Besuch keinen Erfolg - fünf Jahre später wird seine Ehe vom Nürnberger Rat geschieden, und er heiratet wieder. Zu dieser Zeit hat sich die Labadisten-Sekte bereits aufgelöst - und Frau und Töchter sind weitergezogen nach Amsterdam.

In der pulsierenden Metropole war es unter den reichen Bürgern Mode, botanische und zoologische Raritäten in Mode zu sammeln, die regelmäßig mit Schiffen aus den Kolonien kamen, erzählt die Biologiehistorikerin Katharina Schmidt-Loske.

MUSIK C5057280#21 ENDE

(12. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE

"Was war das für eine verrückte Zeit, wo so viele Pflanzenknollen und Material getauscht wurde untereinander, zwischen botanischen Gärten und Leuten, die genug Geld hatten, gigantische Schneckensammlungen, und überall war jeder stolz über diese Sammlungen, da waren die Künstler gut im Geschäft, u.a. Maria Sibylla Merian und ihre Töchter, weil natürlich das Botanisieren eine Möglichkeit war, die Pflanzen zu erhalten, aber die viel schönere war natürlich die kraftvolle Vitalität und Farbenpracht durch einen Künstler für die Ewigkeit zu erhalten. 

ERZÄHLERIN

Die Töchter, ebenfalls begabte Malerinnen, können mit zum Lebensunterhalt beitragen. Außerdem braucht die Mutter Geld für ein teures und gewagtes Unterfangen: Eine Reise in das kleine südamerikanische Land Surinam, damals niederländische Kolonie. Sie will die prächtigen Schmetterlinge, die sie aus Sammlungen kennt, in ihrem Lebensraum sehen und malen. Und sie schafft es - zu einer Zeit, als allein reisende Frauen eigentlich völlig undenkbar sind. Zwei Jahre von 1699 bis 1701, lebt sie mit ihrer jüngeren Tochter in dem tropischen Land, und erkundet das Umfeld der Zuckerrohrplantagen - unterstützt von Einheimischen und Sklaven, von denen sie vieles über die medizinische Verwendung der Pflanzen erfährt. Zurück in Amsterdam, gelingt es ihr in kürzester Zeit, einen großformatigen Prachtband über die Pflanzen und Tiere Surinams zu veröffentlichen.

(13. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE

"Als erstes naturkundliches Werk Surinams ist ihr Werk zu bezeichnen, sie hat wirklich da Grundlagen entdeckt und beschrieben."

ERZÄHLERIN

Wird Maria Sibylla Merian am Ende ihres Lebens doch noch zur Naturforscherin, als die sie sich vorher nie gesehen hat? 

Für das Surinam-Werk zieht sie einen bekannten Amsterdamer Botaniker zu Rate, es erscheint auf Latein und Niederländisch. Es ist kein Andachtsbuch, dem Text fehlen jegliche Hinweise auf Gottes Wirken. Aber es ist nicht ihr letztes Werk: Kurz nach ihrem Tod 1717 veröffentlicht ihre jüngere Tochter einen dritten Band des Raupenbuchs - offenbar ist sie der Naturfrömmigkeit bis zuletzt treu geblieben. Unabhängig davon werden alle ihre Bücher später von Biologen für ihre Forschung genutzt.

(14. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE

"Die Informationen die sie bieten konnte über manche Tierarten, das waren ja die allerersten von manchen Arten. Linné hat 136 mal ihr Werk zitiert."

ERZÄHLERIN

Carl von Linné, der im 18. Jahrhundert die systematischen Grundlagen der heutigen Biologie schuf.

MUSIK N151373#6

ERZÄHLERIN

Maria Sibylla Merian hat keine persönlichen Aufzeichnungen hinterlassen. Ihre wenigen überlieferten Briefe enthalten fast nur Geschäftliches - und außer dem Brief ihres enttäuschten Ehemanns gibt es auch keine persönlichen Äußerungen über sie. Nur ihre Bücher können uns Aufschluss geben über ihr Denken, ihre Ziele. Ihre Eigenständigkeit zu einer Zeit, als das für Frauen so nicht üblich war, weist zweifellos auf eine starke Persönlichkeit hin. Bei den Motiven wird es schon schwieriger. Zielstrebiges Selbstbewusstsein - trotz mancher bescheidenen Äußerung im Raupenbuch? Religion als treibende Kraft - auch für den Weg nach Amsterdam und Surinam? Die Person Maria Sibylla Merian bleibt letztlich rätselhaft - was uns nicht daran hindert, uns an ihren Bildern zu erfreuen und ihre insektenkundliche Pionierarbeit anzuerkennen.

MUSIK N151373#6 ENDE

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RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO (Sommeratmo, Vögel zwitschern usw., verblenden mit Atmo von Straße oder Bach oder Traktorfahrt) dann darüber: SPRECHERIN Sie sind klein, schmal, oft auch etwas kümmerlich und werden häufig übersehen: Die Ränder oder Übergänge von einem Landschaftselement zum nächsten. Zwischen Acker und Wald, Bach und Straße, Wiese und Feld. Den meisten Menschen fallen sie nicht auf, denn sie sind ein „Dazwischen”. Der Name für diese kleinen Biotope: Saum oder Saumhabitat, aber auch – wissenschaftlicher gesprochen – Refugialfläche, Puffer oder Ökoton. Das Lexikon der Biologie beschreibt den Saum als einen… ZITATOR „…wachsenden Streifen von krautigen, meist mehrjährigen Pflanzen, der sich floristisch und damit auch strukturell vom angrenzenden Nutzland (Wiese, Acker, Weide) oder von Wegen absetzt. Je nach Wasser- und Nährstoffhaushalt sind die Säume sehr verschiedenartig aufgebaut.” ATMO (vom Anfang nochmal hoch) SPRECHERIN Denn es kommt darauf an, wo sie sich befinden. Welche Bereiche der Landschaftsnutzung umsäumen sie? Wälder, Äcker oder Bäche? Oder unterbrechen sie als sogenannte Knicks mit Hecken und Sträuchern landwirtschaftlich genutzte Felder? TAKE 1 (O-Ton Schweiger) L: 0, 15 Grundsätzlich kann man unterscheiden zwischen menschlich gemachten Saumhabitaten und Saumhabitaten oder Ökotonen, die durch nicht menschliches Zutun gestaltet werden, die dann generell als Ökotone bezeichnet werden. SPRECHERIN Erklärt Andreas Schweiger, Professor für Pflanzenökologie von der Universität Hohenheim. Natürliche Saumhabitate finden sich beispielsweise in den Bergen: Die Übergange vom Wald in Grasland oder alpine Matten. Außerdem kommen natürliche Säume zum Beispiel auch in den nördlichen Breitengraden vor. Auch dort stellen sie den Übergang dar von bewaldeten Zonen zum offenen, steppigen Gelände der Tundra. ATMO (Wind pfeift eisig) SPRECHERIN Wenn wir hierzulande über diese Übergänge sprechen, dann geht es in der Regel um andere Säume, nämlich um die von Menschen. Also um die Ränder von Äckern, die Bereiche zwischen Wald und Wiese oder die Böschungen von Bächen und Flüssen. Naturschützerinnen und Biologen fordern, diese oft unscheinbaren Streifen Land besser zu schützen. Denn diese Biotope seien ein Rückzugsort für viele Tier- und Pflanzenarten, und damit für den Erhalt der Artenvielfalt unersetzlich. Was das Besondere an einem solchen Übergangsgelände ist, das lässt sich am Beispiel eines Waldrandes anschaulich machen: TAKE 2 (O-Ton Buchwald) L: 0, 20 Da gibt es eine bestimmte Abfolge, die nennt man Zonierung oder Zonation, das heißt, da sind vier Zonen nebeneinander geschaltet, die interessanterweise auch durch eine zeitliche Veränderung miteinander verbunden sind… SPRECHERIN Erklärt der Biologe Rainer Buchwald. Er ist emeritierter Professor an der Universität Oldenburg. TAKE 3 (O-Ton Buchwald) L: 0, 30 Das ist einmal der eigentliche Wald, mit einem besonderen Waldinnenklima und der Wald ist eben gekennzeichnet durch die Dominanz von Bäumen… dann das nächste ist der Waldmantel, der ist dem vorgelagert sozusagen und ist dominiert von Sträuchern oder jungen Bäumen kann man auch sagen, und der unterscheidet sich vom Wald durch ein anderes Mikroklima. 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TAKE 4 (O-Ton Buchwald) L: 0, 30 Man sagt, dass ein Wald, damit er ein richtiges Waldinnenklima hat, sollte er mindestens 1-2 Hektar groß sein. Davor ist er den Randeinflüssen zu stark ausgesetzt und ein richtiges Waldinnenklima bildet sich nicht. Der Waldmantel, wenn er von verschiedenen Sträuchern besiedelt ist, sollte mindestens wenn es geht 4-5 oder noch mehr Meter breit sein. (…) Und dann kommt der Waldsaum, der wieder ein anderen Mikroklima hat, der ist noch stärker besonnt oder offen und ist deshalb den äußeren Einflüssen stärker ausgesetzt als der Wald selber (…) SPRECHERIN Waldsäume können eigenständige Biotope sein. Sie bieten dann sichere Brutplätze und Nahrung wie Früchte, Nektar oder Pollen. Insekten, Spinnen, Vögel und kleinere Säugetiere leben dann hier. Um aber als eigenständiges Biotop überhaupt bestehen zu können – gegen die äußeren Einflüsse – können Saumhabitate nicht beliebig groß oder klein sein, sie brauchen eine Mindestgröße. TAKE 5 (O-Ton Buchwald) L: 0, 10 Das ist die Krux: Fluch und Segen eines Saums ist eben, dass er einerseits was Eigenes ist, aber auf der anderen Seite in der heutigen Landschaft sehr häufig unter die Räder kommt. SPRECHERIN Und damit meint er, dass sie nicht genug in ihrer Besonderheit beachtet werden. Deshalb fordert Rainer Buchwald, dass kein Saum schmaler sein dürfe als zwei Meter, denn sonst sei dieser bewachsene Rand eben kein Biotop, in dem sich die dafür typischen Tiere und Pflanzen ausbreiten können. Neben der Mindestgröße sei darüber hinaus noch ein weiterer Aspekt entscheidend, damit ein solches Gelände auch tatsächlich als Biotop funktionieren kann: Seine Pflege. Denn diese kleinen Landschaftsflecken dürfen nicht komplett verwildern, nicht komplett zuwachsen, um ihre Eigenart nicht zu verlieren, betont der Vegetationskundler Rainer Buchwald: TAKE 6 (O-Ton Buchwald) L: 0, 25 Ein Saum ist immer ein Offenbiotop und wenn irgendwann Gehölze aufkommen, dann muss eben ein Landwirt oder eine Gemeinde oder ein Naturschutzverband …muss diese Bereiche pflegen, und das Beste, was man da machen kann, ist eben einmal im Jahr mit dem Mäher drübergehen, damit die nicht zuwachsen und wirklich einen Offencharakter haben. SPRECHERIN Denn, um beim Waldrand-Beispiel zu bleiben, würde der Waldsaum nicht immer mal wieder gemäht, allerdings höchstens einmal pro Jahr, dann würde sich der Wald nach und nach auf dieses Territorium ausbreiten. ATMO (Waldatmo) SPRECHERIN Es gibt Tiere und Pflanzen, die sowohl in den kleinen Übergängen als auch im angrenzenden Wald vorkommen. Aber sie brauchen diese unterschiedlichen Biotope für verschiedene Lebensphasen. Die Brut mancher Insekten ist z.B. im Wald perfekt aufgehoben, während die geschlüpften Insekten bessere Lebensbedingungen im Saumhabitat haben. Und manche Arten erfüllen in den unterschiedlichen Umgebungen unterschiedliche Funktionen. TAKE 7 (O-Ton Petschenka) L: 0,30 So kann es z.B. sein, dass sich am Waldsaum oder am Rand eines Waldweges da kommt beispielsweise durchaus mal ein Baumschößling hoch, und der Baum ist nicht gleich Baum. Der Baum kann ökologisch eine ganz andere Funktion haben, wenn er als kleiner Schößling irgendwo am Wegrand steht, als wenn er eine ausgewachsene Eiche oder Buche im Mischwald ist. Weil manche Insekten beispielsweise ihre Eier nur an Stockaustriebe legen… und da macht es einen ökologischen Unterschied, ob ich einen Baum oder einen Baumschößling vor mir habe und deshalb ist ein Rand oder Saumhabitat ganz wichtig. SPRECHERIN Der Lebenszyklus der Pflanzen ist mit dem anderer Arten aufs engste verknüpft, sagt Georg Petschenka, Professor für Insektenforschung an der Universität Hohenheim. Manche Schmetterlinge nutzen junge Bäume zur Eiablage, Wildbienen brauchen Totholz zum Brüten während andere Insekten sich von der Baumrinde ausgewachsener Bäume ernähren. Und nicht zu vergessen, die verblühten Blühwiesen bieten vielen Insekten Unterschlupf als Winterquartier. Deshalb ist es notwendig, unterschiedliche Biotope bestehen zu lassen oder sie anzulegen, um die Artenvielfalt zu erhalten bzw. das Artensterben zu verlangsamen. Und noch ein Beispiel, das zeigt, wie wichtig Saumhabitate sein können: An Gewässern beispielsweise stabilisieren Büsche und kleine Bäume das Ufer und beschatten im Sommer das Wasser. Das bleibt dadurch ein paar Grad kühler und kann so für einzelne Fischarten lebensrettend sein. ATMO (Bachgeglucker) SPRECHERIN Saumhabitate sind also ein wertvoller Lebensraum, der aber in den letzten Jahrzehnten drastisch geschrumpft ist. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Da ist zum einen die Tatsache, dass immer mehr Flächen versiegelt wurden, dass Gewässer begradigt und Feuchtbereiche trockengelegt wurden. Aber auch der Umstand, dass die Landwirte im großen Stil Pestizide auf den Feldern versprühen. Als Hauptursache für den Rückgang dieser kleinen Streifen gebiete benennen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aber den grundlegenden Strukturwandel in der Landwirtschaft, erklärt Andreas Schweiger: TAKE 8 (O-Ton Schweiger) L: 0, 30 Wenn man das Ganze historisch betrachtet, ist es natürlich so, dass die Flurbereinigung sehr viele von diesen Saumhabitaten aus unserer Landschaft entfernt hat. Es werden ja auch Heckenstrukturen als Saumhabitate z.B. gesehen, die wurden einfach systematisch entfernt aus unseren Landschaften mit den allen bekannten Folgen für die Biodiversität, für die Rückzugsräume, pflanzlich aber auch tierisch. SPRECHERIN Die Flurbereinigung. Hinter diesem Begriff steht die umfassende Umstrukturierung der Landwirtschaft, die bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen hat. Durch die Erfindung des Kunstdüngers und den Einsatz der ersten landwirtschaftlichen Maschinen. Der entscheidende Schritt aber erfolgte in der Mitte des 20. Jahrhunderts durch das sogenannte Flurbereinigungsgesetz, das am 1. Januar 1954 in Kraft trat. Der erste Paragraph beschreibt das Ziel dieses Gesetzes: ZITATOR „Zur Förderung der landwirtschaftlichen und forstwirtschaftlichen Erzeugung und der allgemeinen Landeskultur kann zersplitterter oder unwirtschaftlich geformter ländlicher Grundbesitz nach neuzeitlichen betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten zusammengelegt, wirtschaftlich gestaltet und durch andere landeskulturelle Maßnahmen verbessert werden (Flurbereinigung). ” (§1 Flurbereinigungsgesetz 1953) SPRECHERIN Die Konsequenzen dieses Gesetzes: Das Nebeneinander vieler kleiner Äcker, zum Teil schief und krumm, durch Hecken, Gebüsch oder schmale Blühstreifen voneinander getrennt, in manchen Regionen eher einem Flickenteppich ähnelnd, wurde nach und nach neu geordnet. ATMO (landwirtschaftliche Maschinen) SPRECHERIN So entstanden große rechteckige Flächen, die von Ackerwalzen, Beregnungsmaschinen oder Mähdreschern problemlos befahren werden können. TAKE 9 (O-Ton Neuenkamp) L: 0, 25 Die Flächen, seitdem es die Ackermaschinen gab, sind seitdem viel, viel größer geworden. Früher konnten die Arten immer noch einmal durch´s Feld laufen oder fliegen, heute sind die so groß, dass das einfach unmöglich ist. Und deswegen ist es so wichtig, Ausweichhabitate zu haben. Und die können linear sein aber letztendlich geht es um alle Brachflächen. SPRECHERIN Erklärt Dr. Lena Neuenkamp, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Münster, mit Schwerpunkt Biodiversitätsforschung. Die Flurbereinigung veränderte aber nicht nur die Größe der Äcker, das Aussehen der Landschaft, sondern auch die Lebensbedingungen vieler Pflanzen und Tiere: Hecken und schmale Blühstreifen standen der intensiven Nutzung des Bodens entgegen und mussten deshalb vielfach weichen: TAKE 10 (O-Ton Schweiger) L: 0, 10 Die menschlichen bedingten Saumhabitate sind, oder waren traditionell Bereiche, der extensiveren Nutzung, also Rückzugsorte für Pflanzen und Tiere. SPRECHERIN Sagt der Ökologe Andreas Schweiger. Diese Rückzugsorte, wissenschaftlich Refugialflächen genannt, gingen durch die Flurbereinigung im großen Stil verloren. Wie groß der Verlust der Flächen tatsächlich ist, lässt sich allerdings nur schätzen. Denn nicht in allen Bundesländern ist der Verlust dokumentiert worden. Aus Schleswig-Holstein liegen aber z.B. Daten vor. Dort verschwanden zwischen 1950 und 1980 rund 28.000 Kilometer dieser Saumhabitate. Heute ist klar, und wissenschaftlich erwiesen, dass diese Randstreifen und Übergangspassagen bei der Flurbereinigung unterschätzt wurden. Denn sie spielen für den Erhalt der Artenvielfalt eine ganz zentrale Rolle, betont Insektenkundler Georg Petschenka von der Uni Hohenheim: TAKE 11 (O-Ton Petschenka) L: 0, 30 (…)und die Besonderheit ist, dass diese Lebensräume einfach sehr, sehr heterogen sind, das sind einfach Lebensräume, die sich im Prinzip von links und rechts unterscheiden. Also von dem, was angrenzt, (…) und dieser Übergangsbereich ist besonders interessant, weil wir da andere Bedingungen vorfinden, (…), das geht einher mit einem heterogenen Mikroklima auch unterschiedlichen Nischen und einer erhöhten Biodiversität. SPRECHERIN Die Biodiversität ist aber nicht in allen Säumen gleich. Sie variiert je nach Struktur des Saums und je nach Umgebung. Eine junge Hecke beherbergt andere Arten als eine alte Hecke, eine Blühwiese am Waldrand ist ein anderer Lebensraum als der bewachsene Rand einer Autobahn. TAKE 12 (O-Ton Buchwald) L: 0, 20 Es ist ein eigenes Mikroklima, es sind Arten, die dort ihren Schwerpunkt haben, es ist extrem schwierig, da exklusive Arten zu finden… aber die Zusammensetzung der Arten, die Artengemeinschaft, die ist schon einmalig, das auf jeden Fall, wegen dieses Mikroklimas. SPRECHERIN Und Georg Petschenka ergänzt: TAKE 13 (O-Ton Petschenka) L: 0, 35 Wenn ich jetzt einen Waldrand hab, dann finde ich dort nicht nur Arten, die es im Wald gibt oder auf der angrenzenden Wiese, sondern ich finde auch Arten, die vielleicht nicht ausschließlich aber doch vorrangig in solchen Habitaten vorkommen. Also gerade wenn ich an Wegränder denke, da finde ich (…) eine Insektenfauna die vielleicht einen offenen, lückigen Bodenbewuchs braucht, bestimmte Laufkäfer beispielsweise, die ich möglicherwiese in der Wiese daneben gar nicht finde. (…) Da werden Lebensräume geschaffen, die für bestimmte Arten letztendlich essentiell sind. SPRECHERIN Die Forschenden schätzen, dass es rund 8 Millionen Arten gibt. Etwa 1 Millionen davon steht kurz vor dem Aussterben, so der Welt-biodiversitätsrat. Und: Das gegenwärtige Artensterben gehe 10 bis 100 Mal schneller voran, als in den letzten 10 Millionen Jahren. Selbstverständlich sind diese alarmierenden Prognosen nicht allein damit zu erklären, dass es immer weniger Säume in der Landschaft gibt. Aber der Rückgang dieser Lebensräume trägt zum Artensterben ebenfalls bei. So hat sich beispielsweise allein in Deutschland die Anzahl der Vogelarten in der Agrarlandschaft in den letzten Jahrzehnten um mehr als 36 Prozent verringert. ATMO (Wiesenatmo) SPRECHERIN Deshalb haben mittlerweile alle Bundesländer sogenannte Naturschutzpläne, in denen es auch um die Wiederherstellung und die Pflege von Saumhabitaten geht. In Bayern zum Beispiel ist 2019 durch das Volksbegehren Artenvielfalt und Naturschönheit in Bayern das Ziel ins Auge gefasst worden, den „Biotopverbund Offenland” bis 2030 auf 15 Prozent zu steigern. Zur Zeit liegt er noch bei rund 10 Prozent. Denn, das ist die zweite nicht zu unterschätzende Funktion von Saumhabitaten: Sie ermöglichen es, Biotope miteinander zu vernetzen, wie Rainer Buchwald erklärt: TAKE 14 (O-Ton Buchwald) L. 0, 20 Entlang dieser Korridore wandern z.B. Rehe, das machen Rebhühner, das machen Tagfalter, wenn ich drumrum nur eine Straße und Acker hab, dann ist das das einzige was noch halbwegs ein paar Blüten anbietet für die Tagfalter oder Wildbienen, auch nicht immer viel, aber besser als nichts. SPRECHERIN Feldhasen, Rehe, Wildkatzen, Rebhühner und auch die verschiedensten Insektenarten, sie alle brauchen den sogenannten Biotopverbund. Also eine Vernetzung zwischen den Gebieten, in denen sie sich aufhalten und verstecken können oder in denen sie Nahrung finden. Denn viele von ihnen haben keine große Reichweite, wie es in der Biologie heißt. Und das bedeutet, dass sie eine Entfernung von mehreren hundert Metern nicht überwinden können. Ohne Korridore, die einen Saum mit dem anderen verbindet, schaffen sie es also nicht die Entfernung zu bewältigen, sagt Georg Petschenka: TAKE 15 (O-Ton Petschenka) L: 0, 30 Verinselung ist ein großes Problem, dass Biotope oder Habitate zerschnitten werden, und dann Populationen isoliert. Damit eine Art dauerhaft existieren kann…Insektenarten sind da von ihrer Empfindlichkeit her relativ unterschiedlich, aber üblicherweise ist doch schon so, die Meinung, dass wir einen großen genetischen Fluß wollen und deswegen ist es wichtig, dass die Einzelvorkommen vernetzt sind. Und da helfen natürlich viele kleine Inselchen, um so etwas zu erreichen. SPRECHERIN Trittsteinhabitate nennen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diese kleinen Inselchen, die eine Biotopvernetzung ermöglichen, erklärt Lena Neuenkamp. TAKE 16 (O-Ton Neuenkamp) L: 0, 15 Die werden dementsprechend Trittsteinhabitate genannt, dass man sagt, dass selbst die Arten, die in der Intensivlandwirtschaft nicht leben können, die haben dann da wie so Trittsteine, um dann ein Habitat mit dem anderen zu verknüpfen. SPRECHERIN Das Wissen um die Bedeutung der kleinen Saumgebiete für die Artenvielfalt ist in den letzten Jahrzehnten gewachsen. Und damit auch die Erkenntnis, dass die Flurbereinigung zwar dazu beigetragen hat, die Landwirtschaft zu optimieren, dass sie aber gleichzeitig viele Schäden verursacht hat und auch noch heute bewirkt. Dennoch passiere in der Praxis bisher viel zu wenig, so das einhellige Urteil der Expertinnen und Experten, um diese wertvollen kleinen Flächen angemessen zu schützen. Rainer Buchwald von der Universität Oldenburg: TAKE 17 (O-Ton Buchwald) L: 0, 30 Man kann nicht sagen, dieser Saum hier, egal ob das am Graben ist oder am Weg oder am Wald, er ist per se schutzwürdig. Und deshalb weil er oft zu schmal, zu klein ist und deshalb ist oft auch dies „geschützter Landschaftsraum”, den man oft bei Baumreihen, bei Alleen hat, der greift da nicht richtig. Und wer macht sich die Mühe, so einen wunderbaren Saum (…) zusammen mit dem Wald oder mit dem Trockenrasen unter Schutz zu bringen? SPRECHERIN Das sieht auch Andreas Schweiger von der Universität Hohenheim so. TAKE 18 (O-Ton Schweiger) L: 0, 10 Das Bewußtsein ist da…ich denk, letztendlich es hängt damit zusammen, dass Förderung noch nicht gezielt genug zur Verfügung gestellt wird, bzw. umgesetzt werden kann. SPRECHERIN Die Ursache für die oft halbherzige Umsetzung liegt vermutlich auch daran, dass es bisher, ganz formal, kein Naturschutzprogramm gibt, in dem es ausdrücklich um Saumhabitate geht. Ein solches existiert nicht, betont Rainer Buchwald. TAKE 19 (O-Ton Buchwald) L: 0, 20 Es gibt keinen geschützten Biotoptyp nach §30 vom Naturschutzgesetz, der sagt, dieser Waldsaum oder dieser Grabenrand ist besonders schutzwürdig! Das gibt es nicht. Und wenn man Glück hat, wird er auch so erhalten und wenn man Pech hat, wird er eben weggenietet. SPRECHERIN Dabei gäbe es Möglichkeiten, diese Rand- und Übergangsbereiche zu schützen, zu pflegen und zu erhalten. Viele dieser Flächen sind im kommunalen Besitz. In Bayern zum Beispiel gibt es im Internet den „Bayernatlas”, auf dem ist die Flurstückskarte einsehbar. Dort sind die Flächen gekennzeichnet, die am Rand von Straßen, Feldern oder Gewässern im kommunalen Besitz sind und die als Saumhabitat angelegt oder gepflegt werden könnten. Allerdings rät Lena Neuenkamp von der Universität Münster davon ab, in Aktionismus zu verfallen und überall die gleichen Hecken zu pflanzen oder Blühstreifen anzulegen. Denn für die Artenvielfalt brauche es landschaftliche Diversität, gibt sie zu bedenken: TAKE 20 (O-Ton Neuenkamp) L: 0, 20 Eine Saumstruktur eine Ackerbiodiversitätsmaßnahme, die kann nicht alles abdecken. Es geht ja auch um Dinge wie, eine Hecke speichert viel Kohlenstoff, die einen sind gut für die Bodeninsekten, die anderen für die Bestäuber… SPRECHERIN Deshalb sieht sie es als erforderlich an, nicht nur neue Säume anzulegen, sondern sie in ihrer Struktur so zu mischen, so dass sie für unterschiedliche Tiere und Pflanzen attraktiv sind. Und das bedeutet, dass es neben den generellen Schutzprogrammen für diese Gebiete auch Pflege- oder Aufbauprogramme geben sollte, die die landschaftlichen Bedingungen in einer Region übergeordnet bedenken und nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen bepflanzen und pflegen. Bis dahin aber kann jeder Einzelne viel dafür tun, den eigenen Garten, die Terasse oder den Balkon zu Rückzugsorten für heimische Arten zu machen.

  • Luchino Visconti - Schönheit, Dekadenz und Tod

    11.03.2024 · 24 Min.

    Als Sohn einer italienischen Adelsfamilie wäre sein Weg vorgezeichnet. Doch Luchino Visconti will hinter die Fassaden von Prunk und Pomp blicken. Er wird Drehbuchautor und Regisseur. "Ludwig II.", "Der Leopard", "Der Tod in Venedig", seine Filme zu Schönheit, Tod und Dekadenz erreichen Weltruhm. Von Susi Weichselbaumer (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Susi Weichselbaumer Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Friedrich Schloffer, Julia Fischer, Stefan Wilkening, Katja Schild Technik: Susanne Herzig Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Michaela Krützen, Professorin für Medienwissenschaft, HFF München Literaturtipps: Schifano, Laurence: Luchino Visconti. Fürst des Films. Casimir Katz Verlag. Schneider, Marianne/ Schirmer, Lothar: Visconti. Schriften, Filme, Stars und Stills. Schirmer/Mosel. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Michaela Krützen, Professorin für MediATMO Dreh ERZÄHLER Der alte Palazzo Gangi in Palermo ist längst aufgegeben. Für diesen Dreh jedoch soll das verlassene Gebäude wieder erstrahlen. Strotzen vor Prunk und Pracht, erhabener wirken, denn je. ERZÄHLERIN Günstigere Pappkulissen hätten es vielleicht genauso getan… ERZÄHLER Nicht, wenn der Filmverantwortliche Luchino Visconti heißt. Visconti steht Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Drehbuchautor, Theater-, Opern- und eben Filmregisseur. Das Credo des Italieners: ZITATOR VISCONTI (Akustik Patina) „Es ist meine Überzeugung, dass, wenn man sich mit etwas befasst, man es immer mit Leidenschaft tun muss. Aus diesem Grund sind wir ja auf der Welt, wir müssen brennen bis der Tod, der ja nur der letzte Akt des Lebens ist, sein Werk vollendet, indem er uns in Asche verwandelt.“ MUSIK Der Leopard 1 ERZÄHLER Für die Produktion des Films „Der Leopard“ 1962 bedeutet das: Soll eine Szene auf einem Ball spielen, dann muss ein Ball stattfinden. ERZÄHLERIN Als Komparsen lädt Visconti die Creme de la Creme der palermischen Aristokratie ein. Er beschäftigt zwanzig Elektriker, einhundertfünfzig Handwerker, die Dekorationen bauen, dazu Schneiderinnen, Tanzlehrer, Maskenbildnerinnen… ZITATORIN (Akustik Patina) „Ich erinnere mich, dass ich im 13:30 Uhr mit meiner Arbeit begann und am anderen Morgen um 6.00 Uhr aufhörte.“ ERZÄHLER Der sizilianische Sommer ist heiß. ERZÄHLERIN Die eigens im Palazzo installierte Klimaanlage ist teuer, reicht aber nicht aus – ERZÄHLER Visconti nutzt also die kühle Nacht und die Morgendämmerung. Genau 48 Nächte hintereinander. ERZÄHLERIN Für EINE EINZIGE Ballszene… ERZÄHLER Für DIE Ballszene der Filmgeschichte! Der Blumenschmuck kommt jeden Tag frisch, eingeflogen aus San Remo. Das Geschirr aus Gold und Silber für die Tafel ist von den ältesten Familien Palermos geliehen. ERZÄHLERIN Die Kerzen an den Lüstern sind echt und müssen stündlich erneuert werden… ZITATORIN „Ehe er zu drehen begann, inspizierte Visconti alle Darsteller von Kopf bis Fuß. Das waren nicht weniger als hundert Leute.“ ATMO Dreh ERZÄHLER Darunter ist die junge Claudia Cardinale in der weiblichen Hauptrolle. Dunkle, tiefblickende Augen in einem symmetrischen, herzförmigen Gesicht. Sie wird über diesen sizilianischen Dreh-Sommer sagen: MUSIK Der Leopard 2 ZITATORIN Cardinale „Fast wie ein Besessener studierte Visconti jedes Detail, er war bei den Kostümproben, beim Schminken dabei. Nach diesem Film hatte meine Friseurin einen Nervenzusammenbruch, weil meine Frisur so kompliziert war, dass sie jedes Mal, wenn sie mich frisieren musste, mehr als zwei Stunden dazu brauchte.“ MUSIK ENDE ERZÄHLERIN Zur Besessenheit kommt wenig Teamgeist. Für „Der Leopard“ drillt Visconti Claudia Cardinale, Alain Delon und Burt Lancaster. Der Cineast ist bekannt für seine aufbrausende Art – anklagend, schnell beleidigt – ERZÄHLER Aber er ist auch enorm begeisterungsfähig! Mal gleicht Visconti einem verheerenden Tsunami, dann einem euphorischen Vulkanausbruch. Künstlerisch leuchtet er die tiefsten Abgründe in all ihrer naturalistischen Hässlichkeit aus und sucht doch nur das Überdauernde, das Schöne – Zuneigung. ZITATORIN Cardinale (Akustik Patina) „Im Studio, auf der Bühne war er der absolute Herr und Meister, der letzte Fürst des Films.“ ERZÄHLER Erinnert sich Claudia Cardinale an die Dreharbeiten. Bis heute ist „Der Leopard“ einer der bedeutendsten Filme des italienischen Cineasten, bestätigt die Professorin an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film HFF, Michaela Krützen. MUSIK Der Leopard 1 ZU Krützen 5.40 Von Visconti lernen ist wichtig. Und das ist für Filmstudierende vor allem, dass man sich einzelne Einstellungen, einzelne Szenen noch mal ganz langsam ankuckt wie in Zeitlupe, beispielsweise den Tanz in „Der Leopard“, wie wunderschön diese Tanzsequenz ist, nicht einmal zeigen, sondern mehrfach zeigen und genießen. ERZÄHLERIN Wogende Paare in paillettenbesetzten Kleidern und glänzenden Anzügen, beschienen vom Flackerschein unzähliger Lüster – ERZÄHLER Tatsächlich ähnelt die Szene einem Totentanz. Hier treffen alte und neue Gesellschaft aufeinander. Das Ende einer Ära ist offensichtlich. Auch wenn Don Fabrizio Corbera, Fürst von Salina – ERZÄHLERIN Burt Lancaster – ERZÄHLER Auch wenn der Fürst die Augen davor verschließen möchte... Auf Sizilien gewinnen ab 1860 bürgerlich-liberale Kräfte an Macht. Letztlich erlaubt Don Fabrizio seinem umstürzlerischen Neffen Tancredi – ERZÄHLERIN Alain Delon – ERZÄHLER Don Fabrizio erlaubt es dem Neffen, die Tochter des opportunistischen Bürgermeisters zu heiraten... Gespielt von Claudia Cardinale. MUSIK ENDE ERZÄHLERIN Jedoch verweigert der Fürst seine Mitarbeit am neuen Königreich Italien. Er will sein altes Leben weiterführen, ohne von den manierenlosen Emporkömmlingen zu sehr belästigt zu werden. Deren Geld hingegen ist ihm willkommen. Wie viele Adelige zur damaligen Zeit ist Don Fabrizio knapp bei Kasse. ERZÄHLER Der Niedergang der Aristokratie - Schönheit, Dekadenz, Tod - diese Film-Themen sind Luchino Visconti aus dem realen Leben vertraut. MUSIK ERZÄHLER Am 2. November 1906 kommt er in Mailand zur Welt, als viertes Kind des Herzogs Guiseppe Visconti di Modrone und Carla Erba. Die Mutter stammt aus einer reichen Großindustriellenfamilie. Luchino und seine fünf Geschwister werden streng erzogen. Zur musikalischen Ausbildung gehören Opernbesuche in der Scala selbstverständlich dazu. ERZÄHLERIN Überhaupt ist bei Visconti vieles selbstverständlich. Theater, Feste, Gesellschaften – Stadthäuser, Ferienvillen, Reisen, Personal verfügbar an allen Orten und zu allen Zeiten. Selbst während des Ersten Weltkriegs bemüht man sich diesbezüglich um – glanzvolle – Kontinuität. MUSIK ERZÄHLER Auch als der Herzog als Freiwilliger an die Front geht. Carla Erba kümmert sich alleine um die Kinder. Statt der Besuche in der Scala gibt es zunehmend Programm auf der Familienbühne. Luchino inszeniert für seine Geschwister und Freunde bekannte Opern, Shakespeare-Dramen oder eigene Stücke. Der Junge interessiert sich für Literatur, verschlingt Proust, Stendhal, Balzac – ERZÄHLERIN Die Wirklichkeit, die ihn umgibt, wird immer unpoetischer. Nach dem Ersten Weltkrieg greift in Italien der Faschismus um sich. Luchino ist jetzt 16, er hat gesehen, wie Mailand Kulisse eines Bürgerkrieges wird mit täglichen Plünderungen und Gewalttaten. Viele hofieren Mussolini, allen voran der König und weite Teile der Hocharistokratie. Genauso Teile der verzweigten Familie Visconti. ERZÄHLER Luchino ist klarer Mussolini-Gegner wie sein Vater, an dessen liberaler Haltung er sich orientiert. ERZÄHLERIN Allerdings sehen sich Vater und Sohn nicht mehr so häufig. Visconti Senior ist ein Weiberheld, seine Frau verlässt ihn und nimmt die drei jüngsten Kinder mit. Darunter Luchino. ZITATOR Visconti „Mein Vater war ein sehr charmanter Mann und sehr sanftmütig; aber er war ziemlich oberflächlich, hatte viele Frauengeschichten und machte meiner Mutter das Leben schwer. Sie war eine sehr leidenschaftliche Frau und der Bruch war endgültig. In der heutigen Zeit, in der Paare, die sich getrennt haben, weiterhin Beziehungen miteinander haben und sich sogar besuchen, kann man sich dies kaum noch vorstellen.“ ERZÄHLERIN Luchino Visconti kann sich bereits damals ziemlich alles vorstellen. ERZÄHLER Er hält weiter Kontakt zu beiden Elternteilen. Er ist jung und offen für das Leben und die Liebe. MUSIK ERZÄHLERIN Also probiert er sich aus. Finanziell muss er keine Grenzen fürchten. Mit seinen dunklen Augen, den schwarzen Haaren und den ebenmäßigen, aristokratischen Gesichtszügen, der stilsicheren Kleidung und seiner formvollendeten selbstsicheren Art… ERZÄHLER Sein Kopf sprüht vor Ideen. Er beginnt eine Militärkarriere, reist um die Welt, verlegt sich erfolgreich auf die Zucht von Vollblütern. Er jagt von Pferderennen zu Reitturnier. Nebenbei versucht er sich als Literat und Filmemacher. Ende 1934 wird er in Kitzbühel der österreichischen Prinzessin Irma von Windisch-Graetz vorgestellt. ERZÄHLERIN Luchino will sofort heiraten, die Eltern Visconti – sonst in allem verstritten - wollen das - gemeinschaftlich überzeugt – nicht. Irmas Eltern sind auch dagegen. Herzzerreißende Briefe gehen hin und her, Pläne werden geschmiedet und verworfen – ZITATOR Visconti „Ich sehe Dein liebes, trauriges Gesichtchen wieder, als ich vom Bahnhof in Kitzbühl abreiste. Ich denke an Dich. Ich glaube an Dich und Du musst an mich glauben. Ciao, Dein Luchi.“ ERZÄHLER Der Widerstand der Familien ist zu stark. ERZÄHLERIN Oder die Liebenden sind zu schwach, um einfach bei Nacht und Nebel miteinander durchzubrennen. ERZÄHLER Visconti ist zu sehr Kind seiner Klasse. Man wirft nicht Status und Vermögen hin und flieht in der Dämmerung. ERZÄHLERIN Man verliebt sich aus Sicht seiner Klasse auch nicht in Männer. Dennoch passiert es. Zwei Jahre nach Irma trifft Visconti beruflich auf den erfolgreichen deutschen Modefotografen Horst P. Horst. ZITATOR Visconti „Ich umarme Dich herzlich, mein lieber Horst. Halte mich nicht für verrückt. Ich sehne mich sehr nach Dir. Ciao ciao Luchino.“ ERZÄHLER Offen homosexuell lebt Visconti nicht. Horst fasziniert ihn, reizt ihn, stößt ihn ab. ERZÄHLERIN Eine toxische Verbindung, wie später mit vielen anderen Männern. Generell sind Verbindungen mit Visconti kompliziert. Überbordende Gefühle der Verehrung, Freundschaft, Eifersucht. Alles ist Drama. Immer. Am besten versteht er sich mit Menschen, die genauso sind wie er. Zum Beispiel mit der Designerin Coco Chanel. ERZÄHLER So intensiv Beziehungen mit Visconti sind, so produktiv sind sie auch. Alles ist Netzwerk. Coco Chanel vermittelt ihn als Regieassistent an den renommierten Filmkünstler Jean Renoir, sein großes Idol. Visconti ist fortan oft in Paris, reist viel, nach dem Tod seiner Mutter zieht er von Mailand um nach Rom. Nur um dann wieder nach Paris zu fahren: Renoir braucht ihn für die Dreharbeiten zu „Tosca“. In Frankreich wie daheim in Italien dringt er weiter vor in die höchsten Filmkreise. Er schließt sich einer Gruppe antifaschistischer Intellektueller um die römische Kinozeitschrift „Cinema“ an. ERZÄHLERIN Man diskutiert Filmstoffe, entwickelt kommunistische Ideen – für die Leinwand und für eine gesellschaftliche Neuordnung. 1941 stirbt sein Vater. Luchino erbt das Haus der Visconti in der Via Salaria in Rom und ein Vermögen. Großzügig unterstützt er Freunde im Widerstand gegen den Faschismus. Die Via Salaria wird zum Unterschlupf für Verfolgte. ERZÄHLER Von dieser Wirklichkeit will Visconti erzählen, politische und soziale Abgründe aufzeigen, authentische Filme drehen wie Lehrmeister Jean Renoir, der den poetischen Realismus begründet hat. ERZÄHLERIN Problem bloß: Renoir kommt aus einem freien Land, seine Stoffe sind kritisch, seine Herangehensweise ist unverstellt. So zu arbeiten ist in Italien längst nicht mehr möglich. Die staatliche Zensur greift bereits in die Drehbücher ein und verhindert Werke schon im Planungszustand. ERZÄHLER Visconti stößt nur auf Ablehnung. Ob eigene Plots oder Adaptionen von Shakespeare, Miller, Proust - konsequent verweigert die Filmbehörde eine Genehmigung. ERZÄHLERIN Visconti ist dem Regime suspekt, er gilt als adeliger Kommunist. ERZÄHLER Hartnäckig tritt er dennoch für jedes neue Projekt mit Feuereifer ein. Etwa für „Ossessione... Bessenheit“… Heute ist dieser Film fixer Bestandteil der Einführung in die Filmgeschichte für ihre Studierenden, erzählt die Professorin an der HFF München, Michael Krützen. ZU Krützen 0.14 Sie treffen zum ersten Mal auf Visconti, wenn wir über den Neorealismus sprechen, das ist so eine Strömung im italienischen Kino am Ende des Zweiten Weltkriegs, wo man sich plötzlich dafür interessiert hat, so ganz realistische Filme zu machen. Und da ist der Visconti mit seinem Film „Besessenheit, Ossessionen“ 1941 so ein wirkliches Erweckungserlebnis für viele Studierende und da sehen die sowas zum ersten Mal. MUSIK ERZÄHLER Auch für Visconti ist ein derartiger Stoff neu. Renoir hatte ihm den jüngst erschienenen Roman von James Cain empfohlen: „The postman always rings twice“. In diesem Krimi verliebt sich die Ehefrau des Eigentümers eines entlegenen Gasthofs in einen Landstreicher. Sie bringt den Geliebten dazu, ihren Gatten zu töten. Man fingiert einen Autounfall. Visconti versetzt die Handlung nach Italien. ZU Krützen 0.55 Ossessione, Besessenheit, das fängt erstmal an wie so eine super spannende Krimi-Erotik-Geschichte, der Hauptdarsteller mit entblößter Brust, die Hauptdarstellerin wackelt so mit dem Fuß und lockt ihn gewisser Maßen. Am Anfang ist es halt diese Kerngeschichte, eine Frau verführt einen Mann ihren Ehemann umzubringen, doch der Film ändert sich dann und wenn man als Studierende, Studierender nicht vorbereitet ist, dass so nach ungefähr einer Stunde das Ding ungeheuer langsam wird und die so zu zweit ich sag mal durch eine Landschaft stromern, ist man erstmal schockiert. Das heißt, man muss schon etwas Erfahrung haben, um mit VIsconti umgehen zu können, zumindest mit diesem frühen Visconti der Ossessione, dann aber sorgt das durchaus für Begeisterung. ERZÄHLER Wider Erwarten hat die Filmzensur kaum Einwände gegen „Ossessione“. ERZÄHLERIN Der Faschismus verliert überall an Boden, die Regeln werden dehnbar. Für die Hauptrollen, den Landstreicher Gino und die untreue Ehefrau Giovanna, gewinnt Visconti Massimo Grotto und die weit jüngere, zauberhaft schöne Clara Calamai. Visconti will sie ungeschminkt und unfrisiert, realistisch bis an die Grenze zur Hässlichkeit. Erschöpft soll sie hinterm Tresen des Gasthauses stehen. Er demütigt und beschimpft sie, wie er überhaupt sein Ensemble bis auf wenige Ausnahmen hart anpackt. Niemand soll den Text vorher auswendig lernen, erarbeitet wird Wort für Wort zusammen mit ihm. ZITATOR Visconti „Mich interessieren allein Extremsituationen und die Augenblicke, in denen eine außerordentliche Spannung die Wahrheit aus den Menschen hervorlockt. Ich liebe es, die Figuren einer Geschichte sowie ihren Inhalt hart und aggressiv anzugehen“. ERZÄHLERIN Visconti verlangt über die Maßen viel. ERZÄHLER Und bekommt Großartiges. Clara Calamai erinnert sich: ZITATORIN „Wir haben diese Szene – ich weiß nicht wie oft wiederholt – Schließlich verlor Luchino die Geduld. Auf dem Tisch stand ein großes Tablett mit Gläsern. Er nahm eines nach dem anderen und schmetterte es zu Boden, direkt mir vor die Füße, so dass mir die Glassplitter ins Gesicht sprangen. Ich selbst war wie versteinert, es kam mir nicht mal in den Sinn zu protestieren, war ich doch unsterblich in Luchino verliebt.“ ERZÄHLER Wie Calamai wird es vielen ergehen. Sie lassen sich auf den italienischen Cineasten ein, weil er sie ganz fordert. ZITATORIN „So war Luchino, er veränderte die Menschen.“ ERZÄHLER Das gilt für Schauspieler wie Kameraleute, Dekorateurinnen, Beleuchter, Schneiderinnen, Maskenbildner - Visconti ist in jedem Filmgewerk versiert und erzwingt Perfektion in sämtlichen Einzelheiten. MUSIK ERZÄHLER Seine authentische Nähe ist neu im europäischen Kino, schonungslos und ohne Poesie. Als Vater des sogenannten „Neorealismus“ schreibt er Geschichte. ERZÄHLERIN Die einen empfinden „Ossessione“ als Beleidigung am ganzen Volk, andere feiern die Wahrhaftigkeit. Der Film gilt bald als Symbol der antifaschistischen Rebellion. ERZÄHLER Visconti genießt den Beifall, aber auch, dass sich die Kritiker an ihm reiben. Noch realeren Realismus möchte er erschaffen. In entlegenen Dörfern lässt er arme Fischer zu einem vorgegebenen Plot improvisieren. Daraus entsteht eines seiner Meisterwerke, „Die Erde bebt“. ZU Krützen 3.03 „La Terre trema“, „Die Erde bebt“, das ist nun wirklich Neorealismus von blankster Sorte, ein Film, der vor Ort gedreht ist, mit Laiendarstellern im Dialekt, und da wachen dann auch unsere Dokumentarfilmstudenten auf, die haben den noch nie gesehen, also ein Film, der unter den Leuten selber gedreht ist. ERZÄHLER Erzählt die Professorin für Filmgeschichte, Michaela Krützen. Fortan stellt Visconti die Kamera mitten hinein ins echte Leben.1943 rettet er entflohene englische und amerikanische Gefangene vor den deutschen Besatzern, in seiner Villa in Mailand versteckt er Widerständler und Kommunisten. Schließlich wird er von der politischen Polizei gefasst und gefoltert. Als seine damaligen Peiniger nach dem Krieg vor Gericht gestellt werden, filmt Visconti mit. Jeden Augenblick von der Anklagebank bis zur Hinrichtung. ERZÄHLERIN Nach einiger Zeit wird Visconti die Realität zu eng und zu eindimensional. ERZÄHLER Vielleicht stattet er schlichtweg zu gerne aus, möchte die Details wieder stärker dominieren, mit exzellenten Schauspielern Nuancen herausziselieren, Pointen selber definieren, nicht bloß Alltag abfilmen und arrangieren. Mitte der 1940er Jahre konzentriert er sich verstärkt auf seine zweite große Passion: Die Bühne. MUSIK ZITATOR Visconti „Das Theater ist eine Tribüne, von der aus man auch Dinge sagen kann, die dazu angetan sind zu brüskieren“. ERZÄHLERIN Ob mit seiner eigenen Truppe, der „Compagnia Italiana di Prosa“, oder als Gastregisseur: Visconti liefert eine Skandalinszenierung nach der anderen. Zu brutal, zu freizügig, sein Menschenbild zu negativ. Für „Die schrecklichen Eltern“, „Adam“ oder „Die Tabakstraße“ hagelt es Aufführungsverbote, ob in Venedig, Rom oder Mailand. Gleichzeitig gibt es frenetischen Beifall. Die Zuschauer schimpfen und jubeln, buhen und rufen unablässig „Dacapo“. Oft entbrennt eine wütende Schlägerei im Parkett. ERZÄHLER Luchino, der „rote Adelige“ polarisiert. Diese Rolle des gehassten und verehrten Provokateurs gefällt ihm. Die Jugend feiert ihn. Das ist genau das Publikum, das er sich wünscht. Keine versnobten Intellektuellen oder kunstverliebte, weil vom Leben gelangweilten Reiche und Schöne, sondern echte Menschen. ERZÄHLERIN Naja, die Schönen und Reichen mag er schon auch: Künstler, Autorinnen, Komponisten, Sängerinnen und Schauspieler. Letztere bewundert er besonders, sie sind sein Mittel zum Ausdruck. Als Gradmesser gelten ihm die Großen vergangener Tage: Die Duse, Sarah Bernhardt. Aktuell gilt: Je mehr Diva, desto begeisterter ist Visconti. Desto mehr reizt ihn die Zusammenarbeit und vielleicht - bei den Männern – sogar noch ein bisschen mehr. ERZÄHLER Mit seinen Begleitern zeigt er sich in der Öffentlichkeit, doch wird er sich nie als homosexuell outen. ERZÄHLERIN Etlichen wissen ohnehin darum. Visconti brennt leidenschaftlich für viele Herren, feste Beziehungen geht er nicht ein. ERZÄHLER Dafür liebt er zu gerne zu dramatisch und zu gerne solche, die ihm darin ähnlich sind. Sein großer Freundes- und Bekanntenkreis ist seine Ersatzfamilie. Die wichtigste Vertrauensperson bleibt lebenslang seine Schwester Umberta. ERZÄHLERIN Sie ist die einzige, die ihm sagen darf, dass literweise Kaffee und 80 bis 120 Zigaretten am Tag nicht gesundheitsfördernd sind. MUSIK ERZÄHLER Das weiß Visconti selber. Es geht nicht ohne. Er ist ein Workaholic, der für seine Arbeit brennt. Tag und Nacht. Solches Engagement fordert er selbstverständlich genauso von seinen Mitarbeitenden. In den 1950/60er Jahren sind das zahlreiche Weltstars. Auch talentierte Nachwuchsdarsteller werden unter seiner Führung zu Leinwandgrößen. Romy Schneider und Alain Delon baut er in seinen Filmen auf, Maria Callas formt er in opulenten Operninszenierungen zur Grande Dame der Scala. Dorthin lädt ihn endlich Arturo Toscanini ein. Visconti inszeniert für ihn Verdi, den „Don Carlos“ oder „Macbeth“. Für Theater in Italien, Deutschland, Frankreich und Großbritannien richtet er Strindberg, Miller oder Tschechow ein. Für Shakespeares „Wie es Euch gefällt“ heuert er Salvador Dalí als Bühnengestalter an. Maria Schell, Claudia Cardinale, Burt Lancaster... ERZÄHLERIN Jeder sagt bei Visconti zu. Lässt sich am Set anschreien, herabwürdigen, quälen. ERZÄHLER Wächst unter diesem immensen Druck über sich hinaus. ERZÄHLERIN Und bleibt im Geschäft. Inzwischen ist Visconti der Königsmacher im europäischen Film. Er befördert Karrieren und beendet Laufbahnen. Helfendes Netzwerken und zerstörendes Intrigieren. ERZÄHLER Macht und Verfall – im Leben wie auf der Leinwand, das sind jetzt seine Themen. In „Der Leopard“ kreisen alte und neue Gesellschaft im Totentanz umeinander. „Rocco und seine Brüder“ erzählt das Scheitern einer prekären Familie aus dem Süden, die in der Großstadt ihr Glück sucht und gnadenlos untergeht. „Bellissima“ rechnet mit der Scheinwelt des italienischen Hollywood, der Cinecittà ab. MUSIK ERZÄHLERIN Zum Kammerspiel schließlich verdichtet Visconti den Komplex Schönheit, Dekadenz und Tod 1973 in „Ludwig II“. Die intensiv recherchierte historische Figur zeigt er an Originalschauplätzen, Neuschwanstein, Herrenchiemsee, Linderhof. Der Aufwand für Bauten, Technik und Komparserie ist gigantisch. ZITATOR Visconti „In Wahrheit sind die gegen mich gerichteten Vorwürfe angeblicher Verschwendungssucht, Vergeudung und willfährigen Hedonismus stets von Leuten ausgegangen, die es noch immer für Luxus halten, im Speisewagen eines Zuges zu essen.“ ERZÄHLERIN Original Tafelsilber, die Kerzen an den Lüstern mal wieder echt und beim Dreh dauernd auszutauschen... ERZÄHLER Visconti ist gesundheitlich angeschlagen, er merkt, dass ihm die Zeit davonläuft. Er erzwingt den perfekten Film. ERZÄHLERIN Herausforderung dabei: Visconti ist schwer in seinen Hauptdarsteller verliebt. Helmut Berger. Österreichischer Charme. Blond, groß, attraktiv - ZITATOR Visconti „Berger ist wie ein junges Fohlen. Nachwuchs. Er ist voller Phantasie und hat sehr gute Qualitäten. Aber er muss erst heranwachsen, auch ist er sehr launisch.“ ERZÄHLERIN Wie Visconti. MUSIK ERZÄHLER Wie der ist Berger aber auch bereit, den ganzen Weg Ludwigs II. zu gehen. Strahlend und aufgeregt am Tag der Krönung, fortan unsicher und schwankend und träumend. Cousine Sisi alias Romy Schneider verehrend, Männer liebend. Die Nacht für den Tag eintauschen, Richard Wagner folgen, weitere Schlösser entwerfen. Aufgedunsen. Apolitisch. Weggesperrt. ERZÄHLERIN Starnberger See. ERZÄHLER Der Bayerische Rundfunk berichtet über die Dreharbeiten 1972. Visconti schenke den Bayern ihren Film zu ihrem König… ZU Visconti schon mit VO Das ist der Kampf eines Mannes, der ein Ideal, feste Lebensvorstellungen hat und seine Konfrontation mit einer Realität, die ihn dazu bringt, noch radikaler zu werden, einen reinen Künstlerstaat zu schaffen. Meiner Meinung nach ist das eine sehr moderne Auffassung, doch dieser Traum zerbrach an den Gegebenheiten eines Europas, das sich im Umbruch befand. ERZÄHLERIN Allerdings wieder verreißt ihn die Kritik – mit drei Stunden zu lang, zu homosexuell, zu wenig nah am Mythos. ERZÄHLER Wieder feiern ihn die Fans. ERZÄHLERIN Wieder intervenieren Produzenten, Filmaufseher und Verleiher. ERZÄHLER Kürzen. Umschneiden. ERZÄHLERIN Visconti gibt nicht auf. Während der Aufnahmen zu „Ludwig II.“ erleidet er einen Schlaganfall und ist halbseitig gelähmt. Der Zustand nervt ihn. Er muss zurück in den Regiesessel, den Ludwig fertig machen, hat danach tausend weitere Ideen im Kopf. ERZÄHLER Am 17. März 1976 stirbt Visconti – sozusagen mitten in der Arbeit und Planung. Seine Schwester Umberta ist bei dem 69-Jährigen. ZITATORIN „Zum Schluss sah er mich an. Dann sagte er zu mir in unsere Mailänder Mundart: Es genügt, ich bin müde.“ MUSIK ERZÄHLER Nach einem atemlosen, schillernden Leben - ERZÄHLERIN Von dem unzählige einzigartige Filmmomente bleiben. ZU Krützen 6.35 Wer was Opulentes haben will, der soll sich den „Leoparden“ anschauen mit einem großen Kaltgetränk, die Füße hochlegen, es ist ein längerer Film, aber ich verspreche es ist Starkino zum Genießen. ENDE

  • Als das Tier zum Freund wurde - Geschichte des Haustieres

    07.03.2024 · 23 Min.

    Im Laufe der Zeit und unter dem Einfluss gesellschaftlicher Veränderung gewinnt das Haustier für den Menschen große emotionale Bedeutung bis hin zum ebenbürtigen Familienmitglied. Autorin: Silke Wolfrum (BR 2019) Credits Autorin dieser Folge: Silke Wolfrum Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Christian Baumann, Hemma Michel, Carsten Fabian Technik: Roladn Böhm Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Clemens Wischermann (Professor; Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Konstanz); Rüdiger Korbel (Professor; Leiter der Klinik für Vögel, Kleinsäuger, Reptilien und Fische, LMU München); Ernst Günther (Dr.; Autor des Buches "Wenn ich ein Vöglein wär" und Ehrenpräsident der Gesellschaft für arterhaltende Vogelzucht) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Tiere in der Pubertät - abenteuerlustig, impulsiv, risikofreudig JETZT ANHÖREN Tierisch bewusst - Denken und empfinden Tiere? JETZT ANHÖREN Tiere als Therapeuten - Wenn Tiere Seelen heilen JETZT ANHÖREN Tiere verstehen? - Zwischen Deutung und Forschung JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK O-TON 1 Clemens Wischermann Natürlich ist es auch so, dass die Beziehungen zwischen Mensch und Tier nicht herrschaftsfrei sind. Es gibt ne Ausnahme, mit so einer Ausnahme lebe ich auch zusammen, nämlich Katzen, die eine Katzenklappe haben, mit der sie rausgehen können oder nicht. Das ist sozusagen so das Ideal der freiheitsliebenden Tiervorstellung. Die Katze kommt und geht und wenn sie geht, sagt man zu ihr, ‚komm bitte wieder!‘ O-TON 2 Ernst Günther Ich habe zum Beispiel in einer größeren Voliere einen Schwarm Zebrafinken fliegen. Wenn Sie diese Vögel in einem Schwarm fliegen haben, dann zeigen sie ein völlig anderes Verhältnis als wenn sie ein Paar in einem Käfig halten. Oder ich vergesellschafte Vögel verschiedener Arten miteinander, sie kommen ja auch in der Natur miteinander vor. Da erlebt man Verhaltensweisen, die man nicht gewusst hat bis dahin. Die Vogelhaltung wie auch die Tierhaltung in den zoologischen Gärten hat zur Kenntnis der Lebensweise der Tiere in erheblichem Maße beigetragen. O-TON 3 Rüdiger Korbel Auch wenn hier bei uns in der Klinik ein Schwerpunkt die Vogelhaltung darstellt, bin ich - ich traue es mich kaum zu sagen - aber ich bin ein Katzenmensch und habe hier eine sehr große emotionale Bindung zu Katzen. Wenn ich ein Haustier halten könnte, dann würde ich mir eine Katze zulegen. MUSIK endet SPRECHERIN: Mit ihrer Vorliebe für Katzen liegen sie voll im Trend. Clemens Wischermann, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Konstanz und Professor Rüdiger Korbel, Leiter der Klinik für Vögel, Kleinsäuger, Reptilien und Fische der Ludwig-Maximilians-Universität München. Denn die Katze ist momentan mit Abstand das beliebteste Haustier der Deutschen, während Vögel deutlich an Attraktivität verlieren und wohl schon bald auf der Beliebtheitsskala von Reptilien und Kleinsäugern überholt werden. Warum ist das so? Werfen wir zunächst einen Blick zurück zu den Anfängen der Haustierhaltung: SPRECHER: Wobei mit Haustier hier diejenigen Tiere gemeint sind, die eng mit dem Menschen zusammenleben - ohne ihm vorrangig von wirtschaftlichem Nutzen zu sein. Wir haben also auf der einen Seite die Nutztiere, wie etwa Schweine, Rinder oder Hühner und auf der anderen die Haustiere oder besser noch Heimtiere, wie etwa Hunde, Katzen, Vögel, Fische, Reptilien und Kleinsäuger. SPRECHERIN: Die Ursprünge beider Mensch-Tier-Lebensformen liegen zigtausende Jahre zurück und gehen mit der Sesshaftwerdung des Menschen in der Jungsteinzeit einher: O-TON 4 Ernst Günther Jetzt plötzlich schafften Menschen sich Tiere an, weil sie nicht mehr jagen konnten, weil sie nicht mehr wanderten. Und sie mussten jetzt zusehen, dass sie die Tiere beschützen, die sie früher nur gejagt hatten. Sie mussten zusehen, dass ihre Tiere sich fortpflanzen, worum sie sich früher überhaupt nicht zu kümmern brauchten. Und es entstand aus der Jagdbeute ein notwendiger Partner und auf dieser Grundlage entstanden die Freiräume, wo Menschen dann auch sich eines Tieres annehmen konnten, weil sie plötzlich ein Mitempfinden entwickelten zu diesem Tier. Und das hat getragen, bis in unsere Zeit. SPRECHERIN: Dr. Ernst Günther, Ehrenpräsident der „Gesellschaft für arterhaltende Vogelzucht“, hat sich für sein Buch „Wenn ich ein Vöglein wär“ mit der Geschichte der Vogelhaltung beschäftigt. Ihre Anfänge liegen etwa 1.000 v. Chr. im indischen Raum. Viel früher wird der Hund domestiziert. Er wird vor rund 15.000 Jahren zum Begleiter des Menschen und gilt als das älteste Haustier überhaupt. In Israel gibt es dazu einen spektakulären Fund: Eine vor 12.000 Jahren beerdigte Frau hält einen Hundewelpen eng an sich gedrückt in den Armen, genau so, wie eine Mutter ihr Kind umarmt. SPRECHER: War dieser Hund bereits ein Familienmitglied? Eine stark emotionale Beziehung zu Tieren gibt es wohl zu allen Zeiten, dennoch ist eine solche Bindung lange einer privilegierten Schicht vorbehalten und stellt wohl eher die Ausnahme dar, so Clemens Wischermann: O-TON 5 Clemens Wischermann Es gibt dann Tiere, die nur sozialen Status demonstrieren sollen, wenn sie an höfische Gesellschaften in Europa zurückdenken, die hatten Menagieren, die hielten exotische Tiere, die sammelten Tierpräparate. Da demonstrierten Tiere Macht, Kraft, politischen Einfluss oder sie können auch Wissen demonstrieren, indem man große Sammlungen anlegte und daran zeigen konnte, wie viel man über die Welt und ihre Lebensformen und ihre Entwicklungen wusste. Aber im engeren Sinne, das, was ich mit Familienmitgliedern meine, das ist was, was im 19. Jahrhundert einsetzt und sich bis in die Gegenwart entwickelt - und in der Gegenwart zum Massenphänomen wird. SPRECHERIN: Es dauert also eine ganze Weile, bis Tiere zum Freund, Kumpan oder eben Familienmitglied werden. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist das Städtewachstum, das im 18. Jahrhundert einsetzt und mit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts stark zunimmt: O-TON 6 Clemens Wischermann In den Großstädten verliert sich allmählich die Verbindung zum ländlichen Leben, das ja auf eine ganze andere Art auch ein enges Zusammenleben mit Nutztieren war und in den Städten, in den bürgerlichen Schichten v.a. findet man dann allmählich Tiere. Es gibt die Vögel und Hunde, Hunde werden ganz wichtig. Im 19. Jahrhundert entwickelt sich die moderne Hundezucht und das ist eigentlich die wichtigste Spezies, die nah an die Familie herankommt. MUSIK m02 SPRECHERIN: Lange Zeit halten sich höchstens Adlige einen Hund. Für den Rest der Gesellschaft stellen sie eher eine Gefahr dar. Sind herumstreunende Hunderudel doch potentielle Überträger von lebensbedrohlichen Seuchenkrankheiten wie Pest, Lepra oder Pocken. Doch mit der modernen Medizin und der Bekämpfung dieser Krankheiten werden Hunde auch für das Bürgertum interessant. SPRECHER: Der Brite Charles Cruft arbeitet Ende des 19. Jahrhunderts für einen Hundekuchenhersteller. Er hat die Idee, durch Hunde- oder später auch Katzen-Schauen die Tiere aufzuwerten, damit ihre Besitzer dann auch mehr Wert auf Futter und Equipment legen. Eine Überlegung, die mehr als aufgeht. Schon bald ist es in, Rasse-Hunde oder Rasse-Katzen zu halten und zu züchten, mit ihnen über den Laufsteg zu schreiten und Preise zu gewinnen. Die Tiere verhelfen dem Bürger zu Ansehen, sie bieten ihm Aufstiegsmöglichkeiten in der Gesellschaft. Sie sind Statussymbole. Das hierarchische Denken der Gesellschaft spiegelt sich auch in der Tierhaltung wieder: Das „Herrchen“ herrscht über das Tier und bestimmt wie, wann und mit wem es sich fortzupflanzen hat. SPRECHERIN: Doch nicht nur Hunde werden in dieser Zeit gezüchtet, sondern auch Vögel. Die Vogelzucht gibt es zwar schon seit dem 16. Jahrhundert in Europa, doch erst im 19. Jahrhundert wird sie zu einem Massenphänomen, so der Vogelexperte Ernst Günther: O-TON 7 Ernst Günther Dann begann im 19. Jahrhundert das Auftreten von Mutationen, von farblichen Veränderungen, von neuen Rassen, die es von Natur gar nicht gibt. Und die waren dann Gegenstand der Vogelzüchtervereine, die die massenhaft gezüchtet haben. Der Altvater der Vogelzucht, Karl Ruß, hat gesagt: Vogelzüchtervereine sind so gut wie die Ausstellungen, die sie machen. Die Vogelzüchter haben sich zusammengetan um erstens ihre Vögel zu tauschen und gegenseitig zu verkaufen, weil sie damit auch die Preisgeschichte im Griff hatten. Und zweitens um sich gesellschaftlich darzustellen in Gestalt von Ausstellungen, die gleichzeitig auch der Werbefaktor dafür waren, dass mehr Leute sich diesem Hobby zuwenden. SPRECHER: In Europa wurden und werden fast ausschließlich fremdländische, exotische Vögel gehalten und gezüchtet. Besonders beliebt sind Vögel, die sprechen oder besonders schön singen können, wie viele Papageienarten oder der Kanarienvogel. Mit den neuen Reisemöglichkeiten des 19. Jahrhunderts können immer mehr Menschen sich so einen Exoten nach Hause kommen lassen: O-TON 8 Ernst Günther Die Weltreisen der Segelschiffe brachten aus allen Ländern, die sie neu kennenlernten, unter anderem auch lebende Tiere mit, weil die sich wahnsinnig gut absetzen ließen. Und wir hatten dann schon Mitte des 19. Jahrhunderts Hunderttausende von Vögeln, die als Importe ins Land kamen. Und dann entstand natürlich ein Markt und die Preise gingen auch zurück und dann konnte auch der kleine Mann sich die Vögel leisten. MUSIK m03 SPRECHERIN: Ähnliches gilt für Fische, mit dem Unterschied, dass die Meereswelt bis ins 18. Jahrhundert hinein als ein unheimlicher Ort voller monsterhafter Wesen gilt, vor denen man sich eher gruselt. Doch im 19. Jahrhundert beginnen Forscher und Wissenschaftler sich für Meerespflanzen und -Tiere zu interessieren und sammeln diese an der Küste. SPRECHER: Lange Zeit waren Goldfische und andere robuste Süßwasserfische die einzigen im Haus gehaltenen Fische. Für die Haltung von Meerestieren fehlte schlicht und einfach das Wissen und die dafür nötige Technik. Dies ändert sich nun. Maßgeblich trägt dazu der Engländer Philip Henry Gosse bei. 1854 erscheint sein Buch „Das Aquarium – die Enthüllung der Tiefseewunder“ - das Wort ‚Aquarium‘ stammt übrigens von ihm – und erregt großes Interesse. Im gleichen Jahr wird auch in Deutschland über diesen neuen Apparat unter dem Titel „Der Ocean auf dem Tische“ geschrieben. Das Aquarium sei, so heißt es … ZITATOR: … gefüllt mit Leben aus der Tiefe des Meeres, das man nun darin in seinem ganzen, tiefen geheimnisvollen Reichthume auf dem Tische studieren kann, im Schlafrock und Pantoffeln. SPRECHERIN: Das unheimliche und unüberschaubare Meer wird nun in eine manierliche und geordnete Form gebracht und dient dem naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, aber durchaus auch der Unterhaltung. Ein Aquarium zu besitzen – egal, ob Salzwasser- oder ein Süßwasseraquarium – gehört zum guten Ton. Es wertet das Wohnzimmer auf und demonstriert, dass sich sein Eigentümer auf der Höhe der Zeit befindet. Zahlreiche Vereine der Aquaristen entstehen. Während man zunächst vor allem Wasserpflanzen und wirbellose Tiere wie Schnecken und Muscheln hält, werden bald Fische immer beliebter. Je farbenprächtiger, desto besser. Das haben sie mit den Vögeln gemein. MUSIK m04 SPRECHERIN: Doch der Boom um die Haustiere hat natürlich auch seine Kehrseite. Hunde und Katzen werden nach bestimmten Schönheitsidealen gezüchtet. Eine Entwicklung, an deren Ende Tiere entstehen, wie wir sie heute gut kennen: Der Mops mit Glubschaugen und extrem platter Nase, die unter der Reizung ihrer Hornhaut leidet und permanent nach Luft ringt oder Katzen ohne Fell, die sich nicht mehr vor der Sonne schützen können. Im 19. Jahrhundert setzt auch ein rücksichtsloser Raubbau an der Natur ein, da viele exotische Tiere wie Papageien oder Zierfische Wildfänge sind. O-TON 9 Ernst Günther Die Menschheit, speziell die Europäer mit ihrem hohen Lebensstandard, haben in einer Weise auf Naturbestände zugegriffen, das war unerträglich. Und unerträglich war auch zu sehen, wie viele Vögel dabei zugrunde gegangen sind. SPRECHER: Ähnliches gilt für die Küsten- und Unterwasserwelt. 1907 zieht Edmund Gosse, der Sohn von Philip Henry Gosse, ein deprimierendes Fazit über eine Entwicklung, die sein Vater - ohne die Folgen zu ahnen oder zu wollen, mit ausgelöst hat: MUSIK m05 ZITATOR: Diese Felsenbecken, gesäumt von Korallenalgen, angefüllt mit stillem Wasser, das fast so klar war wie die Luft selbst, reich bestückt mit schönen, sensiblen Lebensformen – es gibt sie nicht mehr, alle sind sie profaniert und geleert und entwürdigt worden. Eine Armee von Sammlern ist über sie hergefallen und hat sie bis auf den letzten Winkel geplündert. MUSIK SPRECHERIN: So ist es nicht verwunderlich, dass schon im 19. Jahrhundert die ersten Tierschutzvereine entstehen. Doch ursprünglich geht es ihnen noch mehr um das Wohl des Menschen als um das Tierwohl: O-TON 10 Clemens Wischermann Da gibt es erste Gesetze, die verbieten etwa das Prügeln von Tieren in der Öffentlichkeit, weil man Angst davor hatte, dass diese Grausamkeit gegenüber den Tieren sich in Grausamkeit gegen Menschen verwandeln wird. Da ging es nicht so sehr um die einzelnen Tiere, sondern um Menschen. SPRECHER: Doch mit der Zeit rückt immer mehr das Wohl des Tieres in den Vordergrund und der Einfluss der Tierschützer nimmt zu. Seit 2005 ist der Import von Wildvögeln in die Europäische Union verboten. Auch die Art und Weise, wie man zum Beispiel Vögel hält, hat sich stark verändert, erläutert Rüdiger Korbel: O-TON 11 Rüdiger Korbel Beispielsweise weiß man auch heute, dass die Vogelkäfige nicht rund sein dürfen. Da muss man sich auch vor Augen führen, dass der Vogel in einem runden Käfig überhaupt keinen Rückzugsraum hatte, womöglich auch noch von allen Seiten betrachtet werden konnte und dann permanent unter Stress stand. SPRECHER: Von Tierschützern stark kritisiert ist auch die auch die Einzelhaltung von Vögeln. Eine Haltungsform, die - so ist sich Ernst Günther sicher - Jahrhunderte lang DIE Haltungsform überhaupt war: O-TON 12 Ernst Günther Wenn vor tausend Jahren die Vogelhaltung entstanden ist, dann hat doch niemand Volieren gebaut. Aber vorstellen könnte ich mir eine Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht, die in ihren Gemächern ein Körbchen stehen hat mit einem Halsbandsittich. Und dem sie süße Feigen füttert und der sie dafür beplappert. Es hat anteilig an der Vogelhaltung eine unterschiedliche Rolle gespielt und ich bin überzeugt am Anfang war es ausschließlich diese Haltung. SPRECHERIN: Tiere hinter Gittern? Das – so sind sich viele Tierfreunde einig – ist überhaupt nicht mehr zeitgemäß und die Diskussionen darüber, wie eine artgerechte Tierhaltung aussehen könnte, sind zahlreich und oft hitzig. Fakt ist, dass die Vogelhaltung aus der Mode gekommen ist und die Vogelzuchtvereine an Mitgliedern verlieren. Das liegt, so Clemens Wischermann, auch an veränderten Wertvorstellungen, wie man sie am Beispiel der Hunde- und Katzenhaltung sehen kann. O-TON 13 Clemens Wischermann Es gibt so um die 7 Millionen Hunde in der Bundesrepublik und 12 Millionen Katzen und das Interessante daran ist, dass es eigentlich immer mehr Hunde gab und weniger Katzen und dieses Zahlenverhältnis hat sich in den letzten 20 Jahren umgekehrt. Hunde stehen für eine hierarchische Gesellschaft mit Abstufungen, Hunde stehen für Treue, Zugehörigkeit und Katzen haben den Ruf, dass sie freiheitsliebend sind und sich nicht sehr disziplinieren lassen, da stehen diese beiden Tiere auch für unterschiedliche Wertigkeiten, für unterschiedliche gesellschaftliche Werte. SPRECHERIN: Mag sein, dass der eine oder andere lieber ein Tier hält, das sich frei bewegen kann. Ernst Günther führt für die Abnahme der Vogelhaltung jedoch einen anderen Grund ins Feld. O-TON 14 Ernst Günther Vögel sind diejenigen Heimtiere, die die stärkste Bindung des Menschen erfordern. Es gibt nur unter ganz ausgesuchten Bedingungen die Möglichkeit, einen Vogel nicht jeden Tag betreuen zu müssen. Wenn Sie heute eine Schlange oder ein paar Eidechsen oder ein Aquarium haben, dann können Sie ohne weiteres mal drei Tage wegfahren. Bei einem Vogel geht das nicht, ein Vogel muss jeden Tag frisches Wasser bekommen und jeden Tag frisches Futter bekommen. Hunde kann man mitnehmen. Wo Leute überall Hunde mitnehmen heutzutage! Ich warte darauf, dass ich demnächst in der Oper neben einem Hund sitze und einen Vogel habe ich dort noch nicht gesehen. SPRECHER: Rüdiger Korbel, der Leiter der Klinik für Vögel, Kleinsäuger, Reptilien und Zierfische in München, bestätigt diese Einschätzung. Auch wenn es durchaus auch sehr enge Beziehungen zwischen Mensch und Reptil gebe, würden in der Summe Reptilienbesitzer doch weniger Zeit in ihr Tier investieren als Besitzer anderer Tierarten. Während z.B. Hundebesitzer oft alles tun und viel Geld aufbringen, um ihren kranken Hund zu heilen, kaufen sich Reptilienbesitzer eher einfach ein neues Tier, bevor sie ihr Reptil kostenaufwendig behandeln lassen. O-TON 15 Rüdiger Korbel Das hat sicher etwas damit zu tun, dass in vielen Fällen - kann man auch nicht pauschalisieren - Patientenbesitzer und Patientenbeziehung alleine schon von der Lebensäußerungen und von den Verhaltensweisen bei einem Reptil, wo die Distanz mit Sicherheit größer ist als beispielsweise bei einem Vogel, der menschliche Lautäußerungen nachmacht und wo es dann bei einem Kleinsäuger, ein Kaninchen beispielsweise, noch sehr viel ausgeprägter ist, das Kindchen Schema, was hier ausgelöst wird und hier die Bereitschaft ist, dass man hier höhere Aufwendungen unternimmt um die Gesundheit des Tieres zu erhalten. SPRECHERIN: Je mehr Kommunikation und Nähe mit dem Tier möglich ist, desto leichter wird es zum Familienmitglied. Das ist keine schöne Metapher, sondern ganz real: Haustiere haben Namen, bekommen ausgewähltes Essen, viele schlafen im Bett ihres Besitzers, sie werden mit feinster Ausrüstung versehen und erhalten neben dem Impfpass eine exzellente Gesundheitsversorgung. Rüdiger Korbel beschreibt das so: O-TON 16 Rüdiger Korbel Radiologische Untersuchung, Röntgenbilder natürlich, Ultraschalluntersuchung, Computertomographie, Kernspintomographie, also alles was in der Humanmedizin eingesetzt wird, wird auch bei der Tierversorgung grundsätzlich und auch im Heimtierbereich eingesetzt. Die Kosten, die damit verbunden sind, sind teilweise ganz erheblich. SPRECHER: Und genauso wie es heute möglich ist, über ein künstliches Gelenk für sein Haustier nachzudenken, genauso selbstverständlich ist es, um sein Haustier zu trauern, wie um einen Menschen. Denn die Gefühle für ein Tier sind eben oft die gleichen. O-TON 17 Rüdiger Korbel Wenn ein Tier stirbt oder schwerkrank zu uns in der Klinik vorgestellt wird, dann sind das teilweise wirklich dramatische Situationen, die hier gegeben sind und die dann Situationen erfordern, wo es nicht um die tierärztliche Behandlung mehr geht, sondern einfach um die Patientenbesitzer-Betreuung. Es gibt sogar einzelne Firmen, die hier anbieten eine Bestattung von Tieren nach ihrem Tod und was häufig dann als Bitte an uns herangetragen wird, dass dann Tiere ausgestopft werden, damit sie über ihren Tod hinaus noch physisch zumindest da sind. SPRECHER: Wie sehr Menschen an ihren Haustieren hängen und was sie alles für sie zu tun bereit sind, wirkt oft kurios. Manch einer bringt seine Schildkröte ins Wellness-Center, um ihr eine Entspannungsmassage zu gönnen oder lässt den Hund mittels Laufbänder oder Aqua-Aerobic trainieren, ganz zu schweigen von all den Behandlungen, die so manches Tier im Beauty-Bereich erwarten. Tierbesitzer skypen mit ihren Liebsten, wenn sie getrennt sind oder schreiben ihnen Postkarten. Für den einen ersetzt das Tier ein Kind für den anderen vielleicht den Ehemann oder die Ehefrau? Fakt ist, dass Tiere in vielen Haushalten zum Lebensmittelpunkt werden. SPRECHER: Die Gründe dafür sind vielfältig. Während Tiere im 19. Jahrhundert noch dazu dienen, in der Leistungsgesellschaft mithalten zu können, sollen sie heute eher helfen, ihr zu entfliehen. Tiere dienen der Entlastung, halten körperlich fit, bieten unproblematische Nähe ein Tier gibt keine Widerworte! oder fungieren als Kontaktvermittler. Wer einen Hund spazieren führt, bleibt selten allein. SPRECHERIN: Und während man früher noch stolz den Rassehund vorzeigte, ist es heute angesagt einen Mischling aus dem Tierheim zu holen. Das fühlt sich für viele inzwischen besser an. MUSIK m03 SPRECHER: Es ist wissenschaftlich mehrfach bewiesen, dass Tiere uns Menschen guttun. Wie sehr das auch anders herum der Fall ist, ist eine Frage, die heute eingehend diskutiert wird. Natürlich auch im Zusammenhang mit der Massentierhaltung, die im krassem Gegensatz zur Heimtierhaltung steht. Vielleicht kann das enge und liebevolle Miteinander mit Haustieren, wie es heute üblich ist, ja Auslöser sein für eine Entwicklung, an deren Ende man auch dem Tier und SEINEN Bedürfnissen möglichst gerecht wird. Ein Umdenken in diese Richtung gibt es auf alle Fälle längst und zeigt gerade im Bereich der Vogelhaltung erste Früchte. Noch einmal Ernst Günther: O-TON 19 Ernst Günther In den 60er und 70er Jahren hat der Vogelhandel jeden Vogel in der Welt gefangen, den der Vogelhalter haben und bezahlen wollte. Und das ist einfach nicht schön. Das ändert sich im Moment gerade grundlegend. Es gibt eine Gruppe von Vogelzüchtern, die sich vollkommen von diesen Traditionen trennen und jetzt dazu übergehen Vögel zu halten und zu vermehren im Dienste der Arterhaltung, sich also direkt den zoologischen Einrichtungen als Partner zugesellen und Vögel so halten und pflegen, dass sie, wie man so schön sagt, als genetische Reserve für eventuell untergehende Arten in der Welt gelten können. MUSIK m03 endet

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