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Der Vielfraß - Unerschrockener Marder des Nordens

01.02.2024 · 23 Min.

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Über diese Folge

Vielfraße sind scheue Einzelgänger, die rund um den Polarkreis leben. Sie sind die größten der marderartigen Raubtiere und extrem geschickte Jäger. Jahrhundertelang wurden sie wegen ihres Fells gejagt, heute sind sie geschützt. Autorin: Brigitte Kramer (BR 2021)

Credits
Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer
Regie: Eva Demmelhuber
Es sprachen: Xenia Tiling, Friedrich Schloffer, Gudrun Skupin
Technik: Susanne Herzig
Redaktion: Bernhard Kastner

Im Interview:
Eva Andersson (Biologin, Tierpark Nordens Ark, Schweden);
Thomas Kaindl (Tierpfleger, Tierpark Hellabrunn, München);
Doris Döppes (Paläontologin, Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim)

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

ATMO 1 Vielfraß knurrt

SPRECHERIN drüber

Ganz schön wütend …

ATMO 1 hoch

SPRECHERIN 

… und ziemlich nah klingt dieser Vielfraß. Da möchte man nicht direkt dabeisein … lieber gemütlich von daheim aus zuhören, wie ein Mitarbeiter der amerikanischen Wolverine Foundation (sprich: Wulwerien) diesen wilden Burschen aufgenommen hat. Die Szene spielte sich in den tief verschneiten Cabinet-Mountains ab, einer Bergkette, die zu den Rocky Mountains gehört und zwischen Idaho und Montana im Norden der USA verläuft.

ATMO 1 hoch

SPRECHERIN 

Das ist richtige Wildnis. Die Kabinett-Berge gehören zu den so genannten Streetless Areas der USA: Gebiete ohne Straßen. BLENDE ATMO 1 / ATMO 2 Vielfraß knurrt, schnüffelt, tapst herum Und hier gibt es sie noch, neben Pumas, Grizzlybären und Wölfen: Die Vielfraße, Wolverines auf Englisch, Gulo gulo auf Lateinisch.

ATMO 2 hoch

SPRECHERIN 

Gebiete ohne Straßen bedeutet Gebiete ohne Menschen. Zu Gesicht bekommt man sie deshalb so gut wie nie, weder im Norden der USA, noch in Kanada, Russland oder Skandinavien, wo sie auch leben. Vielfraße sind Einzelgänger. Und sie sind bestens angepasst an die harte Wildnis des Nordens. 

ATMO 2 hoch etwas stehen lassen, dann BLENDE MUSIK 1 ruhig, etwas düster

SPRECHERIN 

Vielfraße sind unglaublich kräftig und ausdauernd. Und sie sind geschickt und schlau. Sie sind etwa so groß wie Bärenjunge, mit denen sie aus der Ferne verwechselt werden können. Schaut man sich Fotos, Zeichnungen oder Videos aber genauer an, stellt man aber fest: Vielfraße haben nichts Niedliches an sich. Sie haben ein dichtes, langes, dunkles Fell, einen buschigen Schwanz, auffallend große Pfoten, einen kleinen, gedrungenen Kopf mit kleinen Ohren und Augen und stumpfer Schnauze. Sie haben starke Zähne und sehr starke Kiefer. Vom Kopf bis zum Hinterteil können sie einen Meter lang werden, dazu kommen dann nochmal rund 20 Zentimeter Schwanz dazu. Normalerweise wiegen sie um die 15 Kilo.

BLENDE MUSIK 1 / ATMO 3 Vielfraß aufgeregt.

SPRECHERIN 

Vielfraße gehören zu den marderartigen Tieren, sind also mit unseren Mardern verwandt, nur viel größer. Auch sie sind nervöse Schnüffler, bewegen sich schnell, werden aufgeregt, wenn ihre Nase etwas entdeckt hat. 

ATMO 3 etwas stehen lassen, dann BLENDE ATMO 4 Vielfraß frisst Karibu

SPRECHERIN 

… zum Beispiel ein unter einer Lawine begrabenes Karibu – tiefgefroren.

ATMO 4 hoch

SPRECHERIN 

Vielfraße halten keinen Winterschlaf. Sie sind das ganze Jahr aktiv, ja sie bevorzugen sogar geschlossene Schneedecken, denn dank ihrer breiten Pfoten können sie sich darauf wie in Schneeschuhen fortbewegen, in einem galoppierenden, sehr leichtfüßig wirkenden Lauf. Sie sinken nicht ein! Und mit den kräftigen Pfoten können sie im tiefen Schnee nach Nahrung graben, denn ihre Spürnase verrät ihnen schon aus großer Distanz, wo ein Happen vergraben liegt – erfrorene Karibus oder Rentiere zum Bespiel. Die steinharten Kadaver zerlegen sie dann mit ihren überaus kräftigen Kiefern.

BLENDE ATMO 4 hoch / MUSIK 1

SPRECHERIN 

Karibus und Rentiere sind mit den Hirschen verwandt und leben rund um den Polarkreis in halbwilder Haltung. Das heißt, die Herden bewegen sich frei, werden aber mehrmals im Jahr von ihren Besitzern eingefangen, um Schlachttiere auszusuchen oder um junge und kranke Tiere zu versorgen. 

SPRECHERIN 

 … und hier tritt der Vielfraß, der auch lebende Tiere erlegen kann, in Konflikt mit den Menschen. Vielfraße bringen sich auf Ästen in Position und stürzen sich dann von oben auf vorbeiziehende Rentiere oder Karibus, die viel größer sind als sie. Oder sie töten die Huftiere nach ermüdenden Verfolgungsjagden über die verschneite, offene Tundra durch einen ATMO 4 kurz hoch gezielten-Biss-ins-Genick.

MUSIK 1

SPRECHERIN 

Die meisten Menschen mögen die Vielfraße nicht. Jahrhundertelang haben sie sie gejagt, mit Fallen, Speeren oder Gewehren, weil sie Tiere fressen, an denen auch der Mensch Interesse hat. Und wegen ihres dichten, warmen Pelzes.

MUSIK 1

SPRECHERIN 

Heute sind Vielfraße vom Aussterben bedroht und stehen deshalb unter Schutz. Der Konflikt mit dem Menschen scheint gelöst zu sein, zumindest in Schweden, wie Eva Andersson vom Tierpark Nordens Ark weiß:

O-TON 1 Eva Andersson 

In Scandinavia, the wolverine its like a ... 

SPRECHERIN:  OV-weiblich

In Skandinavien hat der Vielfraß den Ruf eines zerstörerischen Teufels. Besonders das Samen-Volk, das Rentiere züchtet, will ihn nicht in seinem Lebensraum haben. Aber die schwedische Regierung zahlt den Leuten in ihren Dörfern Geld, damit sie die Fleischfresser in ihrer Gegend tolerieren.

SPRECHERIN

Andersson schätzt, dass es in Schweden und Norwegen noch rund tausend Vielfraße gibt, in Finnland leben rund 300 Tiere. Sie laufen in den nördlichen, unbewaldeten und gebirgigen Landesteilen über die Grenzen hinweg weit herum, auf der Suche nach Futter oder Geschlechtspartnern. 

O-TON 2 Eva Andersson 

Now, the have moved for the south ... 

SPRECHERIN:  OV-weiblich

Jetzt ziehen sie auch nach Süden, in die Wälder. 

Das ist gut für die Samen, dann gibt es keine Konflikte. Wahrscheinlich sind sie einfach nach Süden gezogen, weil wir sie gelassen haben. Und wohl auch wegen des Futters. Sie fressen ja auch Aas und folgen gerne Wolfsrudeln, von denen sie die Reste fressen. Vielfraße sind immer in Bewegung, sie laufen sehr viel. 30 Kilometer am Tag, das ist für sie ganz normal.

SPRECHERIN

Dementsprechend gedrungen und muskulös ist ihr Körper. Sie gehören neben Luchsen, Bären und Wölfen zu den vier großen Fleischfressern des Nordens. Gibt es in einem Landstrich Wölfe, überleben dort die Vielfraße leichter. Die beiden sind zwar nicht verwandt – obwohl der englische Name Wolverine, „kleiner Wolf“, darauf schließen ließe –, aber Vielfraße und Wölfe gehören immerhin beide zur Überfamilie der hundeartigen Raubtiere, im Gegensatz zu den Raubkatzen. Eva Andersson:

O-TON 3 Eva Andersson

I mean woolfs hunt in packs …   

SPRECHERIN:  OV-weiblich

Wölfe jagen im Rudel, so können sie viele Rentiere auf einmal erlegen. Vielfraße reißen nur eins, sie jagen allein. Aber sie treiben die Rentier- oder Schafherden auseinander. Und wenn sie dabei die Gelegenheit haben, mehrere Rentiere zum Beispiel zu erlegen, dann nehmen sie das Fleisch mit. Sie sind ja sehr aktive Tiere, das heißt, sie brauchen eine Menge Energie. Sie verstecken das Fleisch dann, für spätere Zeiten, man weiß ja nie, wann man wieder an Futter kommt. Im Winter sind sie gute Jäger, weil sie über den Schnee laufen können. Aber im Sommer ist es nicht so einfach. Sie verstecken das Fleisch dann, zerkleinern die Rentiere und vergraben die Teile im Schnee oder in der Erde.

SPRECHERIN

Vielfraße können in den Herden also auch großen Schaden anrichten. 

Bei den Samen, dem indigenen Volk Nordeuropas, das von der Rentierzucht lebt, sind deshalb viele Legenden um das „böse“ Tier entstanden, die heute alle Schweden kennen:

O-TON 4 Eva Andersson  

In Sweden we call them …

SPRECHERIN: OV-weiblich

In Schweden heißt er Järv (sprich: Sherrew), das bedeutet furchtlos, oder mutig. Wir haben viele Vielfraß-Legenden. Eine besagt zum Beispiel, dass wenn eine Bärin vier Junge bekommt, dann ist das vierte ein Mörder-Bär. Damit ist der Vielfraß gemeint.

SPRECHERIN

Obwohl Vielfraße in Nordeuropa heimisch sind, ist ihr Image in Skandinavien bis heute eher von Legenden als von echten Erlebnissen mit den Tieren geprägt. 

O-TON 5 Eva Andersson

Scandinavian people is normaly in the nature al lot ... 

SPRECHERIN: OV-weiblich

Skandinavier verbringen eigentlich viel Zeit in der Natur, aber die Vielfraße meiden die Menschen. Um Skigebiete oder Gegenden, wo die Leute mit Schneemobilen unterwegs sein, machen sie einen großen Bogen. Das heißt, fast niemand hat sie je in echt gesehen, und auf Fotos wirken sie oft größer, als sie sind. Und weil sie so große Pfoten haben, denken viele, da war der Schneemann unterwegs (lacht). Ja, das ist auch eine Legende: Der Vielfraß ist vielleicht der Schneemann.

SPRECHERIN

Die Pfotenabdrücke lassen also auf eine falsche Körpergröße schließen. Die schwedische Biologin Eva Andersson ist im Zoo Nordens Ark für Vielfraße zuständig. Und sie leitet im Europäisches Erhaltungszuchtprogramm die Zucht der Vielfraße in Gefangenschaft. Genetische Vielfalt und Arterhalt stehen dabei im Vordergrund. 140 Vielfraße leben derzeit in europäischen Zoos. 

In Gefangenschaft können sie bis zu 20 Jahre alt werden, in der Wildnis sterben sie deutlich früher. Bei Besuchern sorgen sie immer wieder für Überraschungen:

O-TON 6 Eva Andersson

Some people think there are bear pups ... 

SPRECHERIN:  OV-weiblich

Manche halten sie für Bärenjunge, wenn sie sie zum ersten Mal in echt sehen. Sie können nicht fassen, wie klein sie sind. Die Pfleger gehen problemlos zu ihnen ins Gehege, viele halten sie ja für gefährlich und denken, sie können dich töten. Sie haben einen wirklich schlechten Ruf! Dabei sind sie normalerweise freundlich und überhaupt nicht aggressiv. Neugierig, ja, das sind sie.

SPRECHERIN

… und gelehrig, wie Eva Andersson weiß:

O-TON 6a Eva Andersson

A lot of zoos around Europe … 

SPRECHERIN:  OV-weiblich

Viele Zoos trainieren mit ihnen. Sie lernen, ihre Pfoten herzuzeigen, oder ihr Maul zu öffnen. Manche lassen sich sogar Spritzen geben, wenn sie geimpft werden müssen oder für Blutproben.

MUSIK 3 stehen lassen / Neuer Aspekt

SPRECHERIN 

Auch Lena und Mo sind neugierig und gelehrig. Das Vielfraß-Pärchen lebt im Münchner Tierpark Hellabrunn. Bislang ohne Nachwuchs. Die Fortpflanzung der Tiere ist ungewöhnlich, auch ein Zeichen der Anpassung an Extrembedingungen: Die Paarung ist im Hochsommer, das befruchtete Ei ruht dann wochenlang im Uterus, es entwickelt sich erst am Winteranfang. 

Ein bis drei kleine Vielfraße kommen dann im März oder April zur Welt, ihre ersten Lebensmonate fallen also mit der warmen Jahreszeit zusammen. Die Weibchen tragen nur alle zwei Jahre Junge aus und ziehen den Nachwuchs alleine auf. Die können deshalb recht lang bei der Mutter bleiben, ein bis eineinhalb Jahre. In Hellabrunn hat die Zucht leider noch nicht geklappt, obwohl sich Lena und Mo schon mehrmals gepaart haben. 

BLENDE MUSIK 3 / ATMO 5 Gehege Regen

Heute steht ihnen der Sinn nach etwas Anderem. Es ist ja auch Winter – keine Paarungszeit. Am Vormittag sind sie besonders aktiv, wie Tierpfleger Thomas Kaindl erzählt. Es sind schöne Tiere. Imposant ist ihr langes, dichtes Fell. Und nein, Vielfraße sind nicht niedlich. Aber sie sind in ihrer Emsigkeit sehr sympathisch. Kein Vergleich zu den benachbarten Raubkatzen, die meistens nur irgendwo herumliegen und Energie sparen. 

ATMO 5 

BLENDE MUSIK 3 / ATMO 5 Gehege Regen

SPRECHERIN 

… der strömende Regen scheint sie null zu stören. Die Tropfen perlen einfach an ihrem dunkelbraunen Fell ab. 

ATMO 5 hoch

O-TON 7 Thomas Kaindl 

Sie sind sehr gesellig untereinander, wir haben hier ein sehr harmonisches, ein sehr junges Pärchen auch, mit acht Jahren, was sehr viel miteinander macht. Die auch sehr viel miteinander spielen, wo‘s auch immer wieder Reibereien gibt, wie bei uns Menschen auch, sag i mal. Die den ganzen Tag auch immer wieder beschäftigt sind, Futter zu suchen. Die Nase ist stark in Beanspruchung den ganzen Tag, a di Pfoten, weil sie sehr viel mit den Pfoten machen, das heißt sie tasten ab, wie ist der Boden, buddeln sehr viel, des sieht ma auch hier, wenn man von außen schaut. Diese ganzen Löcher die hier sind, des ham alles die Vielfraße g‘macht. Des machen die wirklich in Nullkommanix.

ATMO 5 hoch

SPRECHERIN 

Wir stehen außen am Maschendraht, ganz nah dran. Das Mikrofon hat einen großen Windschutz aus langhaarigem Kunstfell. 

Einer der beiden Vielfraße kommt im Gehege heran und beäugt und beschnüffelt die Situation von der anderen Seite des Maschenzauns. Das haarige Mikro scheint er irgendwie interessant zu finden.

O-TON 8 Thomas Kaindl 

Der ist natürlich jetzt neugierig, weil hier jemand steht und schaut, und i hab ja vorher s‘Gehege a saubergmacht, wir müssen auch die Kotstellen reinigen, weil die natürlich sehr viel Kot machen, weil sie an hohen Stoffwechsel haben, die sind sehr aktiv, das heißt, da kommen andere Gerüche rein und die schauen natürlich, was i g‘macht hab. Wir füttern sehr viele Knochen und die Knochenstücke bleiben über, und die verbuddeln se. Hin und wieder räumen wir halt wieder was raus und da schaut er halt, ob ma net alle g‘fundn ham, ob ma a paar vergessen ham, dann buddelt er‘s wieder aus, wenn er weiß, dass ich drin war und sucht wieder an neuen Platz.

ATMO 5 hoch

SPRECHERIN 

Haben Vielfraße also einen Ordnungssinn, oder wollen sie ihre Vorräte vielleicht vor Thomas Kaindl verstecken?

O-TON 9 Thomas Kaindl 

Das liegt immer im Auge des Betrachters (lacht) ….

ATMO 5 hoch

SPRECHERIN 

Thomas Kaindl geht jeden Tag zu Lena und Mo ins Gehege, zum Saubermachen, zum Füttern und zur Unterhaltung. Denn für einen Vielfraß gibt es nichts Schlimmeres als sich zu langweilen. Kaindl lässt sich immer wieder was Neues einfallen:

O-TON 10 Thomas Kaindl 

Mia ham verschiedenste Gerüche, Lebkuchen und Nelkengewürz da fahren alle Raubtiere sehr stark drauf ab, auch n Parfüm, wir haben mittlerweile ne halbe Parfümerie bei uns hinten, wo uns die Leut schenken, wo se nimmer brauchen, des verstreuen ma im Gehege, da reiben sie sich dran, da wird dann drüber markiert, oder ganz klassisch an Karton, wo dann a bissl a Futter mit drin ist, mia ham so Lochkugeln, wo‘s Futter rausfällt, mir hängen an den Bäumen mal was auf …

ATMO 5 hoch

SPRECHERIN 

Und jetzt muss Thomas Kaindl – er muss es ja wissen – die Frage nach dem Namen beantworten. Heißen Vielfraße so, weil sie viel fressen?

O-TON 11 Thomas Kaindl 

Also der Name hat nix mit der Ernährung zu tun, das ist eine falsche Übersetzung. Des kommt aus dem Skandinavischen, Viel Frett, das heißt eigentlich Felsenkatze, man hat‘s mit Vielfraß übersetzt. Aber sie fressen schon relativ viel, also, die ham ein Körpergewicht, der große Mann, der Mo, wiegt so 16 Kilo und sie kriegen schon ein bis zwei Kilo. Wenn ma des umrechnet: Der Tiger wiegt 170 Kilo und bekommt am Tag so 7 bis 8 Kilo. Im Vergleich zum Körpergewicht fressen die dann deutlich mehr wie a große Katze. Aber jetzt kein Vielfraß in dem Sinn, dass sie bis zum Zerplatzen fressen.

ATMO 5 hoch

SPRECHERIN 

Vielfraße fressen also auch in Gefangenschaft nicht mehr, als sie brauchen. Ihren verfressenen Ruf haben sie wohl auch aus dem Nachschlagewerk „Brehms Tierleben“, erstmals erschienen in den 1860er Jahren. BLENDE ATMO 5 / ATMO 4 hoch Zum Vielfraß schreibt der Naturforscher und Zoologe Alfred Brehm Folgendes:

ZITATOR drüber

„Der Name Vielfraß wurde mir, als ich sie zum ersten Mal füttern sah, urplötzlich verständlich. Winselnd, heulend, knurrend, kläffend, zähnefletschend und sich gegenseitig mit Ohrfeigen und anderweitigen Freundschaftsbezeugungen bedenkend, rennen sie wie toll und unsinnig im Käfig umher, gierig nach dem Fleisch blickend. Der unstillbare Blutdurst der Marder scheint bei ihnen in Fressgier umgewandelt zu sein.“

ATMO 4 kurz hoch, dann BLENDE MUSIK 1

((SPRECHERIN 

Es stimmt schon: Zurückhaltend hört sich das nicht an. Auch sein wissenschaftlicher Name Gulo gulo verweist auf das lateinische Gula, Genusssucht. Aber Fressgier, Blutdurst oder gar Völlerei sind nichts als menschliche Phantasien. 

Der Schweizer Naturforscher Conrad Gessner hat in seinem Werk Historia animalium Mitte des 16. Jahrhunderts auch zum Vielfraß einen Eintrag verfasst, in dem er berichtet, das Tier fresse sich erst voll, dann zwänge es sich zwischen eng nebeneinanderstehenden Bäumen durch, um den Darminhalt möglichst rasch wieder loszuwerden und um danach weiter zu fressen. Auch vor menschlichen Leichen mache der Gierschlund nicht Halt, heißt es.))

BLENDE MUSIK 1 / MUSIK 2 Neuer Aspekt

SPRECHERIN 

Woher hat Brehm ((Gessner)) seine Erkenntnisse? Vielleicht hat er die Tiere beobachtet, als sie noch in Mitteleuropa gelebt haben? Wohl kaum. Denn der Vielfraß ist bei uns viel, viel früher verschwunden. Knochenfunde belegen, dass es einmal viele Vielfraße in Mitteleuropa gegeben hat, und zwar während der letzten Eiszeit, der Würm-Eiszeit. Reste von 188 Exemplaren wurden bis jetzt gefunden, in den Alpenländern und in Belgien, Spanien, Ungarn und Kroatien, in der Slowakei und in Slowenien. Sie zeigen, dass die Tiere damals etwa 15 Prozent größer waren als heute. Auch in Bayern gab es Vielfraße, ihre Reste wurden in der Zoolithenhöhle und der Moggaster Höhle bei Forchheim in Oberfranken entdeckt und in den Weinberghöhlen bei Rennertshofen im oberbayerischen Landkreis Neuburg-Schrobenhausen. Die meisten Vielfraß-Knochen stammen aus der Zeit um 18.000 vor Christus, andere vom Ende der Kälteperiode, um 14 bis 10.000 vor Christus. 

MUSIK 2 hoch 

Doch warum leben heute keine Vielfraße mehr in Mitteleuropa? Das Klima spielt wohl eine wichtige Rolle. Es war kalt damals in Mitteleuropa – genau richtig für den Vielfraß. Auch Rentiere lebten bei uns, und an die war der Vielfraß schon damals gebunden. Eine Theorie lautet, dass mit dem Rückzug der Beutetiere nach Nordeuropa am Ende der Eiszeit auch der Vielfraß verschwand. Er ist ihnen nachgewandert.

MUSIK 2 hoch 

Eine andere Theorie vertritt die Wiener Paläontologin Doris Döppes: 

O-TON 12 Doris Döppes

Die Interpretation geht jetzt in die Richtung, dass der Vielfraß rund um die Alpen, sag ich jetzt mal groß, Mitteleuropa, ausgestorben ist, nämlich, dass es verschiedene Unterarten waren und der heutige Vielfraß nicht aus den Alpen kam, sondern dass die dort ausgestorben sind, dieser Genpool, und die neue Einwanderung über Nordamerika beziehungsweise Asien kam. Die haben auch den gleichen Genpool. Also zirkumpolar ist der Vielfraß ein Genpool.

SPRECHERIN

Doris Döppes hat insgesamt acht Vielfraß-Skelette gefunden. Das erste sozusagen aus Versehen, während sie in der Salzofenhöhle in der Steiermark nach Resten von Höhlenbären suchte:

O-TON 13 Doris Döppes

Die liegt auf 2.500 Meter Seehöhe, aber es war nicht möglich an das Material der Höhlenbären dieser Höhle zu kommen, die Knochen waren verschollen. Aber es wurde ein fast vollständiges Vielfraßskelett gefunden. Das ist ein Schachtfund. Also das Tier dürfte in einen Schacht gefallen sein und dort verendet. Ein Unfall. Sicher angezogen von toten Tieren. Und er ist ja sehr neugierig.

SPRECHERIN

Döppes hat das Skelett genau untersucht und sich dann im Laufe der Jahre auf den Eiszeit-Vielfraß spezialisiert:

O-TON 14 Doris Döppes

Er wird auch oft übersehen, wenn man die Knochen durchsieht. Er hat aber sehr typische Merkmale an den Knochen. Manchmal hab ich neue Knochen gefunden, die zum Vielfraß gehören, manche waren aber auch falsch bestimmt. Er kann leicht verwechselt werden mit dem Wolf. 

SPRECHERIN:

Oder mit dem Bären ...

O-TON 14a Doris Döppes

... es sind ja beides Raubtiere, beide sind Allesfresser im Großen und Ganzen und dadurch sind sich die im Körperaufbau ähnlich. Und das Spannende war eben, dass in Unterkiefer auffallend war, zu den heute lebenden Vielfraßen, dass der letzte Molar, also der zweite Molar fehlte.

SPRECHERIN:

Er hatte einen Backenzahn weniger als seine heutigen Artgenossen. Ein Indiz dafür, warum die eiszeitlichen Vielfraße ausgestorben sind? Konnte er nicht so gut kauen, oder bestimmte Nahrung nicht gut kauen?

O-Ton 15 Doris Döppes

Für die pflanzliche Ernährung sind breite Zähne und mehr Zähne, sagen wir auch so, von Vorteil. Und der Vielfraß hat ein typisches Raubtiergebiss, also mit einer Brechstange wie man‘s vom Löwen vielleicht kennt, teilweise auch vom Hund, und auch von der Hyäne. Die Hyäne ist angepasst an Knochen-Zerbrechen und das ist auch beim Vielfraß sichtbar. Der Vielfraß hat eine sehr starke Beißkraft im hinteren Bereich.

SPRECHERIN

Auf die Frage, ob das Gebiss mit dem Aussterben zu tun hat, gibt es noch keine schlüssige Antwort. Wie auch bei vielen anderen Eiszeit-Säugetieren:

O-TON 16 Doris Döppes

Er gehört zur damaligen Fauna, zu dieser Kältefauna. Wie das Mammut, Wollnashorn, Höhlenlöwe, Höhlenbär, Rentier, Pferd. Ja, manche sind ausgestorben zu unterschiedlichen Zeiten, der Höhlenbär ist ausgestorben, der Höhlenlöwe, die Höhlenhyäne, das Mammut, Riesenhirsch ist ausgestorben. Manche sind noch da wie zum Beispiel der Wolf. Hirsch hat‘s damals gegeben und gibt‘s heute auch noch. Aber Moschusochse gibt‘s auch noch, das Pferd mehr oder weniger, das Rentier, der Vielfraß…

SPRECHERIN

Könnte er nicht wieder zurückkommen, so wie auch Wölfe oder Bären wieder in Mitteleuropa leben?

O-Ton 17 Doris Döppes

Also er braucht geschlossene Wälder und die sind in Europa einfach nicht vorhanden. Und wenn man sieht, was jetzt mit Luchs, Wolf etc. oder auch Rothirsch in Europa abgeht, macht‘s keinen Sinn und ist auch nicht zielführend. Eventuell wandert er von selber, so wie ein Wolf oder ein Bär oder ein Luchs. Aber der Fall ist überhaupt nicht gegeben. Also es gibt überhaupt keine Tendenzen, dass der Vielfraß hier südlich abwandert aus Skandinavien oder auch nicht vom Osten rein, von Russland.

SPRECHERIN

Vielleicht kommt er doch irgendwann zurück, wenn Europa mehr Wildnis zulässt und grüne Korridore heimischen Säugetieren mehr Bewegungsfreiheit ermöglichen? Bis dahin können wir ihn leider nur im Tierpark erleben, den rauen Gesellen aus dem Norden.

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Diese Erkenntnisse aus der Optik sollten später in Newtons gleichnamiges Hauptwerk zu diesem Thema einfließen. Besonders umstritten darin war die so genannte Teilchen-Theorie, erklärt der Münchner Physik-Professor Thomas Udem. O-Ton 4 Prof. Thomas Udem, Max-Planck-Institut für Quantenoptik „Newton war der Meinung, dass Licht aus Teilchen besteht. Er hat die „Korpuskeln“ genannt – und hat auch zum ersten Mal erklärt, dass weißes Licht zusammengesetzt ist aus farbigem Licht. (…) Und er hat sich das so erklärt, dass es verschieden große Korpuskeln gibt, die zu verschiedenen Farben gehören. Und das Gegenprogramm zu dieser Theorie sozusagen war die Wellentheorie. Also einige Leute haben geglaubt, dass Licht aus Wellen besteht – und nicht aus Teilchen, die durch die Gegend fliegen. Und das war quasi ein zwei, drei Jahrhunderte andauernder Disput“ SPRECHERIN Nicht hinreichend erklären konnte Isaac Newton mit seiner Teilchen-Theorie, dass sich zwei Lichtquellen unter bestimmten Bedingungen gegenseitig auslöschen - oder dass sich Licht in zwei Strahlen unterschiedlicher Polarisation aufspalten kann. Dies gelang erst dem englischen Augenarzt und Physiker Thomas Young. Aufgrund seiner Erkenntnisse setzte sich erst nach 1800 die Sichtweise durch, dass das Licht aus Wellen bestehe. O-Ton 5 Udem „Es hat dann noch sehr lange gedauert, bis sich die Wellentheorie über den Newton hinweggesetzt hat, und sehr stark etabliert hat. Der Grund war einfach Newtons unglaubliche Autorität.“ SPRECHERIN Welle – oder doch Teilchen? Endgültig entschieden scheint die Fragestellung, die Isaac Newton aufs Tapet der optischen Physik brachte, aber bis heute nicht. Thomas Udem: O-Ton 6 Udem „Ironischerweise muss man sagen, dass die Quantentheorie das wieder umgeworfen hat. Und die Quantentheorie beschreibt das Licht jetzt quasi als so ein Hybrid. Das ist quasi gleichzeitig ne Welle und ein Teilchen. Also man hat jetzt quasi einen Kompromiss gefunden...“ (lacht) SPRECHERIN Zu Kompromissen war Isaac Newton seinerzeit nicht bereit: Er ging seinem Erkenntnisdrang nach, koste es, was es wolle – auch um den Preis der eigenen Gesundheit, sagt der Buchautor Florian Freistetter. O-Ton 7 Freistetter Teil 1 „Jedes Mittel war Newton recht, um mehr über die Welt herauszufinden. Er war dabei rücksichtslos gegen andere – er war aber genauso rücksichtslos gegenüber sich selbst. Er hat eben auch vor Selbstversuchen nicht zurückgeschreckt: Eines der Dinge, die er herauszufinden wollte, war, wie das Auge funktioniert. Und Newton hat die Frage interessiert: Was passiert, wenn der Augapfel sich verformt? Wie ändert das den Sinneseindruck? Das wusste man nicht, Newton wollte das wissen – also hat er das einfach ausprobiert. MUSIK SPRECHERIN Mit einem Versuch, dessen Imitation man nicht empfehlen kann... Aber er zeigt beispielhaft, wie Newtons Erkenntnisdrang jegliche natürliche Vorsicht, Furcht und Panik überlagert. O-Ton 7 Freistetter Teil 2 Und zwar, indem er sich so ne dicke, stumpfe Nadel am Augapfel vorbei quasi ins Auge gestochen hat. Und dann von hinten mit dieser Nadel gegen seinen Augapfel gedrückt hat, um zu sehen, was passiert.“ ZITATOR „Es erschienen einige weiße, dunkle, farbige Kreise, die am deutlichsten waren, wenn ich mein Auge weiter mit der Haarnadelspitze rieb. Wenn ich hingegen Auge und Haarnadel stillhielt, aber weiter auf das Auge drückte, verblassten die Kreise und verschwanden oft, bis ich Auge oder Haarnadel wieder bewegte.“ MUSIK SPRECHERIN Trotz der Hartnäckigkeit dabei, Dinge experimentell zu erkunden, verlor sich Isaac Newton nie in Details, behielt stets den großen Zusammenhang im Blick. Hier ein theoretisches Problem – dort die praktische Lösung: Für Newton zwei Seiten derselben Medaille. So wurden zu seiner Zeit Teleskope zur Betrachtung von Sternen populär. Üblicherweise waren es Linsenteleskope, mit denen die Beobachter dabei gen Himmel blickten. Das Vergnügen dabei wurde indes getrübt durch störende, farbige Säume am Rande des Blickfelds. Diese Aberrationen traten auf, da die Linse die einzelnen Farben des Lichts unterschiedlich stark bricht. Ein Problem, das Isaac Newton wohl bekannt war, sagt der Physiker und Wissenschaftshistoriker Stefan Zieme. O-Ton 8 Stefan Zieme, Physiker und Wissenschaftshistoriker, HU Berlin „Das Newton-Teleskop trägt noch immer seinen Namen und ist ja von ihm 1668 bei der Royal Society vorgestellt worden. SPRECHERIN Das Prinzip des Newton-Teleskops ist so einfach wie bestechend: Das Licht wird durch zwei Spiegel durch den Tubus - die Röhre des Teleskops gelenkt. Teleskope, die das Licht nicht brechen, sondern mit Hilfe von Spiegeln reflektieren, sind heute weltweit im Einsatz, erklärt Stefan Geier, der als Astronom am Observatorium „Roque de los muchachos“ auf der Kanareninsel La Palma arbeitet. O-Ton 9 Stefan Geier, Astronom am Observatorium Roque de los muchachos“ „Am Ende vor dem Tubus ist eben der so genannte Hauptspiegel, der das Licht auffängt und reflektiert. Und weiter oben im Tubus sitzt dann der so genannte Sekundärspiegel drin, der das Licht dann aus dem Tubus rausreflektiert – und dort sitzt dann das Okular, wo man dann quasi durchschaut.“ SPRECHERIN Die großen Teleskope am Observatorium der Kanareninsel beruhen auf Weiterentwicklungen des von Newton genutzten Prinzips: Für den Physiker wie für den Astronomen Stefan Geier ist und bleibt Isaac Newton eine wichtige Referenz. O-Ton 10 Geier „Die ganze Himmelsmechanik - die Umläufe der Planeten im Sonnensystem – lässt sich sehr gut mit der Newtonschen Mechanik erklären. Auf der Erde haben wir die Anziehungskraft, die uns am Boden hält – und die ist wunderbar durch´s Newtonsche Gravitationsgesetz beschrieben. Auf der Erde funktioniert das wunderbar...die ganzen alltäglichen Dinge. Selbst die Statik von Gebäuden – das alles funktioniert nach den Gesetzen der Newtonschen Physik.“ O-Ton 11 Udem „F gleich M x A. Kraft gleich Masse mal Beschleunigung...“ MUSIK SPRECHERIN ...fasst der Physikprofessor Thomas Udem das wohl bekannteste der drei Newtonschen Bewegungsgesetze in eine Formel. Grundlegende Gesetze zur Bewegung, die sowohl am Himmel, wie auch auf der Erde gültig sind: Damit bricht Newton mit der traditionellen, auf Aristoteles zurückgehenden Lehre. ATMO APFEL FÄLLT AUF WIESE O-Ton 12 Freistetter „Damals war´s durchaus noch normal, sich vorzustellen: Es gibt halt Kräfte, Physikgesetze, die auf der Erde wirken. Es gibt andere Gesetze, die im Himmel wirken. Und die haben erst einmal nix miteinander zu tun. Und was Newton gezeigt hat– und was wirklich seine große Leistung war, war zu zeigen, dass es wirklich so etwas wie universelle Gesetze gibt: Also ein Gesetz, eine Regel, eine Kraft, die überall gilt, die die gleichen Phänomene am Himmel wie auf der Erde beeinflusst. Das hat er aufgrund dieses Vergleichs: Also der Apfel, der von der Erde angezogen wird, Mond am Himmel – und allen Gedanken, die daraus gefolgt sind, abgeleitet.“ SPRECHERIN Da ist er endlich, der mythenumrankte Apfel - dessen Fall vom Baum Isaac Newton auf die Erdanziehungskraft gebracht haben soll. Newton selbst nährte diese Legende, indem er dem Autoren seiner Memoiren, William Stukeley, von der inspirierenden Kraft der Obstbäume im Garten erzählte. Dass Newton mit dem Apfel quasi der Erkenntnisblitz getroffen hat – diese populäre Variante der Geschichte hält Florian Freistetter für Unsinn: Auf seiner Professur für Mathematik, die Isaac Newton 1669 in Cambridge antrat, habe er seine Theorie zur Gravitation über Jahre hinweg entwickelt. Die Anekdote vom Apfel nährt außerdem das Bild vom genialischen Wissenschaftler, der alleine in seiner Kammer oder der Einsamkeit der Natur zu seinen Erkenntnissen gelangt. Auch das ist falsch, sagt der Wissenschaftshistoriker Stefan Zieme. Er beschäftigt sich an der Berliner Humboldt-Universität mit der Kultur- und Wissensgeschichte von Astronomie, Mathematik und Physik. Newton hatte gleichsam ein globales Informations-Netzwerk, erklärt Thomas Zieme. O-Ton 13 Stefan Zieme „Alle haben ne Abhängigkeit, und bewegen sich in nem Netz von Personen: Das sieht man auch an der „Principia“. Das Werk entsteht ja nicht aus der Luft. Newton beschreibt zum Beispiel, wie sich die Gezeiten überall auf der Welt verhalten. Wie ändern sich Pegelstände im Golf von Tomkin? Das ist irgendwo im südchinesischen Meer. Er kennt überall Leute. Er kennt Arthur Storer zum Beispiel, der in Amerika wahrscheinlich Baumwollplantagen besessen hat, und Arthur Storer schickt Newton astronomische Daten von der Beobachtung eines Kometen.(...) Die braucht er auch für seine Naturphilosophie, um Erklärungen für seinen mathematischen Kosmos zu finden. Das heißt, diese Daten können ihm nur zur Verfügung stehen, weil es eben auch ein expansorisches Verhalten des Britsh Empires gibt.“ MUSIK SPRECHERIN Um an Messwerte für die „Principia“ zu gelangen, an Daten, die sein Hauptwerk über die „Mathematischen Grundlagen der Naturphilosophie“ untermauern, ging Isaac Newton absolut skrupellos vor. Seinem Kollegen Robert Hooke, der ihn in der Frage der Planetenbewegung erst auf die richtige Spur brachte, verweigerte Newton jede Anerkennung. Noch schlimmer erging es John Flamsteed – ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter Isaac Newtons in Sachen Mechanik. Der Hofastronom Flamsteed beobachtete im Gegensatz zum Theoretiker Newton ständig die Sterne, und führte darüber akribisch Buch. Ein wahrer Schatz an Daten, auf die Newton sofort und umfassend zugreifen wollte. O-Ton 14 Freistetter „Und Flamsteed wollte ihm die nicht direkt geben. Newton hat das aber nicht akzeptiert, der wollte die Daten sofort haben, und hat gesagt, frei übersetzt: Flamsteed, du hörst auf mit dem, was du jetzt machst du beobachtest für mich, du gibst mir meine Daten, und alles andere ist mir egal. (…) Newton hat sich, mit seinen Kontakten, die er zum Königshaus gehabt hat, zu einer Art Oberaufseher der Sternwarte ernennen lassen. Er hat dann Flamsteed unter Androhung der Verhaftung wegen Landesverrates gezwungen, seine Daten rauszugeben, hat Daten dann auch geklaut... Im Wesentlichen läufts darauf hinaus, dass Newton das Lebenswerk von Flamsteed, diesen Katalog, ruiniert hat.“ SPRECHERIN Bekannter als der Streit mit Flamsteed ist die Auseinandersetzung Isaac Newtons mit dem deutschen Mathematiker und Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz. Diese sollte als „Prioritätsstreit“ in die Wissenschaftsgeschichte eingehen. MUSIK ZITATOR 1 Leibniz „Ich denke, es wäre ein lächerliches Schauspiel, wenn Gelehrte, die höhere Grundsätze vertreten als andere Menschen, sich wie Fischweiber gegenseitig beschimpften." SPRECHERIN ...schrieb Gottfried Wilhelm Leibniz im Jahr 1700, der Nachstellungen durch Newton bereits überdrüssig. Wer hat nun die mathematische Methode der Infinitesimalrechnung wirklich erfunden? Eine Methode, mit der man zum Beispiel Flächeninhalte oder Volumeninhalte mathematisch exakt berechnen kann, auch wenn die Umrandung oder Oberfläche beliebig komplex ist. Ebenso kann man mit dieser Methode die Krümmung oder Neigung beliebig komplexer Oberflächen exakt berechnen. Für Isaac Newton war dieses Verfahren mehr als graue Theorie – es war sein wissenschaftliches Handwerkszeug. O-Ton 15 Udem „Für die Newtonsche Mechanik ist die Infinitesimalrechnung quasi maßgebend. Also ohne die kann man diese Theorien quasi gar nicht aufstellen. Das heißt, er musste quasi erst seine Mathematik erfinden, bevor er seine Theorien machen konnte.“ SPRECHERIN Mehrere Jahrzehnte tüftelte Isaac Newton an der Infinitesimalrechnung – seiner dritten großen Theorie neben derjenigen des Lichts und der Gravitationstheorie. Während sein Widersacher Leibniz die Überlegungen zum so genannten Calculus bereits im Jahr 1684 veröffentlichte, hielt Newton seine Erkenntnisse unter Verschluss. O-Ton 16 Freistetter „Erst später, als Newton dann schon sehr berühmt war, Präsident der Royal Society...also wirklich ein einflussreicher Mann war. Erst dann hat Newton diesen Priotitätsstreit wieder aufflammen lassen, hat Leibniz beschuldigt er hätte plagiiert, er hätte abgeschrieben...Selbst als Leibniz schon tot war, (...) hat Newton nochmal Veröffentlichungen geschrieben und nochmal quasi auf den toten Leibniz nachgetreten. Heute wissen wir: Newton war der Erste der das herausgefunden hat, aber Leibniz war der, der diese Mathematik wirklich auf eine Weise formuliert hat, die wirklich praktisch war. Also wenn wir heute Infinitesimalrechung betreiben, dann tun wir das so, wie Leibniz das damals entwickelt hat. Newtons Methode war nicht so leicht anwendbar, weil er sich keine Gedanken über die Öffentlichkeitsarbeit, über die Wirkung, über die Einsatzfähigkeit seiner Arbeit gemacht hat.“ SPRECHERIN Isaac Newton formulierte sogar absichtlich kompliziert, um sich nur mit echten Kennern der Materie auseinandersetzen zu müssen. Kritik, womöglich aus unberufenem Munde, fasste Newton als Beleidigung auf; Diskussionen mit Laien galten ihm als verschwendete Lebenszeit. Der Berliner Physiker Stefan Zieme konstatiert... O-Ton 17 Zieme „...dass Newton oftmals nicht daran interessiert war, minutiös alle seine Dinge zu erklären und sich in Debatten zu äußern, sondern eher diese Zeit für sich allein haben wollte. Vermutlich auch, um andere Interessen zu verfolgen: Um alchemische Experimente zu machen...“ MUSIK SPRECHERIN Naturforscher wie Newton gelangten zwar nach und nach an mehr Wissen, wie und warum sich Dinge bewegen. Woraus aber diese Dinge genau bestanden, lag für sie weitgehend im Dunkeln. Wie andere Wissenschaftler bediente sich auch Newton noch der Alchemie, um den „Stein der Weisen“ zu finden, der normales Metall in Gold verwandeln könnte. Vielleicht fühlte er sich deswegen 1695 bemüßigt, dem englischen Königshaus einen Rat zu übersenden, wie die Münzen des Empire fälschungssicher produziert werden können. Im Jahr darauf wurde Isaac Newton – wohl mit Hilfe von Beziehungen - zum Chef der Münzprägeanstalt ernannt. Doch statt sich auf diesem lukrativen Posten einen gemütlichen Lebensabend zu gönnen, peitschte er eine komplette Neuprägung der britischen Währung durch. Isaac Newton konnte auch in diesem Amt, das er bis zu seinem Tod innehatte, nicht aus seiner Haut. Dies zeigte sich besonders bei seiner Jagd auf die berüchtigten Falschmünzer. O-Ton 18 Freistetter „Er hat da wirklich alles getan, er hat tagelang Leute verhört. Und am Ende sind die Leute zum Tode verurteilt worden. Natürlich haben viele dann auch Newton Petitionen geschrieben, Briefe geschrieben, ob man sie nicht vielleicht verschonen kann – was Newton aber komplett egal war. Jeden den er geschnappt hat: Die sind dann zum Tode verurteilt worden: Also auch da war er so rücksichtslos und hartnäckig, wie er in seiner wissenschaftlichen Arbeit war.“ MUSIK SPRECHERIN Von seinen Pflichten als Professor war Isaac Newton bereits 1701 zurückgetreten. Die wissenschaftliche Tätigkeit stellte er aber keineswegs ein: Newton wirkte bis zu seinem Tod im Jahr 1727 als Präsident der Wissenschaftler-Vereinigung Royal Society. Das herrschaftliche Haus, das er in London bewohnte, beherbergte ein kleines Observatorium. Dort widmet sich der so unverträgliche wie tief religiöse Einzelgänger, der nie geheiratet hat, weiter seinen Studien – und wachte akribisch über sein wissenschaftliches Erbe. Newtons Vermächtnis für die Nachwelt ist umfangreich – und zum großen Teil immer noch für Forscher wie Praktiker relevant: Die Beschreibung der Schwerkraft, die neue Theorie des Lichts, die Entwicklung des Spiegelteleskops, wie wir es heute kennen: Der Wert von Isaac Newtons Werk für die Wissenschaft ist so unermesslich wie unbestritten.

  • Agnes Heller - 'Du hast immer die Wahl!‘

    31.01.2024 · 24 Min.

    Verfolgt von den Nationalsozialisten, bedroht von den Kommunisten: Die ungarische Jüdin Agnes Heller hat sich zeitlebens als Philosophin der Freiheit und politische Kämpferin für Demokratie gesehen. Autorin: Daniela Remus (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Daniela Remus Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Xenia Tiling, Hemma Michel, Peter Veit Technik: Susanne Herzig Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Csaba Olay, Philosoph, Eötvös Loránd Universität Budapest; Dr. Ludger Hagedorn, Philosoph, Institut für die Wissenschaften vom Menschen, Wien; Dr. Georg Hauptfeld, Historiker, Edition Konturen Verlag, Wien Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Literaturtipps: Heller, Agnes: Eine kurze Geschichte meiner Philosophie. Edition Konturen, Wien 2017. Hauptfeld, Georg: Der Wert des Zufalls. Agnes Heller über ihr Leben und ihre Zeit. Edition Konturen, Wien 2018. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo (Tagesschau Jingle dann Ausschnitt 2. Mai 1989) „Ungarn hat heute damit begonnen, die seit 40 Jahren zu Österreich bestehenden Grenzbefestigungen abzubauen. Auf mehreren Kilometern wurden elektrische Signalanlagen demontiert und Stacheldraht niedergerissen.” MUSIK 1: Z8035223303 John Frizell: Frank’s Parents 0‘37 Sprecherin: Am 2. Mai 1989 beginnt Ungarn als erstes osteuropäisches Land, den sogenannten ‚Eisernen Vorhang‘, Stück für Stück zu öffnen. Was danach folgt ist allgemein bekannt: Tausende Flüchtlinge verlassen über Ungarn die DDR. Nach und nach löst sich ein Land nach dem anderen aus der sowjetischen Umklammerung. Freies Umherreisen zwischen Ost und West ist wieder möglich. Und davon machen auch viele Emigranten Gebrauch, die Jahrzehnte vorher in den Westen geflohen waren. So wie die ungarische Philosophin Agnes Heller. Take 1 (O-Ton Hagedorn) Sie liebte das Land, sie liebte die Sprache. Ich bin eine ungarische Jüdin und ich liebe die ungarische Sprache! Ist der Satz, den sie immer wieder gesagt hat, das war wichtig für sie. MUSIK 2: Z8035223304 John Frizell: The Blackouts 0‘37 Sprecherin: Agnes Heller kehrt voller Freude und Enthusiasmus nach jahrzehntelangem Exil zurück nach Ungarn, erzählt Ludger Hagedorn, Mitarbeiter am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien. Und begleitet in den kommenden Jahrzehnten kritisch und meinungsstark die Entwicklung der ungarischen Gesellschaft. Für viele Intellektuelle wird sie so zur Grande Dame der ungarischen Philosophie, für viele Konservative und Rechte dagegen wird sie eine verhasste politische Kommentatorin. Take 2 (O-Ton A. Heller) Das ist meine wichtigste Geschichte, die einzige kontinuierliche Geschichte, ich habe sehr viele Geschichten, ich kann schreiben die Geschichte meiner politischen Engagements, die Geschichte meiner Lieben, sehr viele Geschichten hat man doch … Sprecherin: Erzählt Agnes Heller 2017 in einem Interview mit Ludger Hagedorn im Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien. Take 3 (O-Ton A. Heller) Aber das ist die einzige kontinuierliche Geschichte, das ist meine Lebensgeschichte, das ist wichtigste Sache in meinem Leben, dass ich eine Philosophin geworden bin und auch geblieben bin! MUSIK 3: ZE002570106 Bela Bartok (Corinna Simon): Spottlied 0‘20 Sprecherin: 1929 wird Agnes Heller in Budapest geboren, als Tochter assimilierter jüdischer Eltern. Ihr Vater ist Rechtsanwalt, die Mutter Hutmacherin. Kultur, deutsche und ungarische Literatur, Philosophie und Musik sind wichtig im Hause Heller, auch wenn es der Familie finanziell nicht besonders gut geht. Agnes Heller ist ein wissbegieriges Kind, spricht und liest Deutsch und Ungarisch, schreibt Geschichten und diskutiert mit ihrem Vater stundenlang über Politik, schreibt sie in ihren Erinnerungen Der Wert des Zufalls: Zitatorin: „Meine Kindheit war sehr glücklich, meine Eltern verstanden sich wunderbar. Wir waren wirklich arm, es kam vor, dass wir kein Mittagessen hatten. Gehen lernte ich sehr langsam, als ich ein Jahr alt war, konnte ich noch immer nicht richtig laufen. Sprechen konnte ich schon mit neun Monaten, und seither habe ich damit nicht mehr aufgehört.” (S. 11 Zufall) MUSIK 4: Z803522330 John Frizell: Edgewood Arsenal 0‘35 Sprecherin: Ungarn ist damals ein wirtschaftlich erschöpftes und politisch zerstrittenes Land: Nach dem Ersten Weltkrieg, den es an der Seite von Österreich verloren hat, sind rund zwei Drittel seines Territoriums durch die Friedensverträge verloren. Millionen von Ungarn leben in den angrenzenden Ländern. Die kommunistische Räterepublik wird von einer rechten Regierung abgelöst, die diese Folgen rückgängig machen will und sich deshalb mit den Nationalsozialisten verbündet. Atmo (Musik aus Wochenschau G0028030Z00 Deutsch Wochenschau-Fanfaren von 1945) Sprecherin: Aber das Bündnis endet 1944. Weil die Ungarn, die, Zitat „ jüdische Frage” nicht im Sinne der Nationalsozialisten lösen, marschiert die Wehrmacht ins Land. Agnes Heller, mittlerweile 15 Jahre alt, lebt mit ihrer Familie im Budapester Ghetto, als der Vater von der Gestapo verhaftet und nach Auschwitz deportiert wird. Dort stirbt er Anfang 1945. Agnes und ihre Mutter sollen mitten in Budapest am Ufer der Donau mit Tausenden anderer ungarischer Juden erschossen werden. Aber durch glückliche Umstände und Zufälle, gelingt ihr gemeinsam mit ihrer Mutter die Flucht - und das Überleben bis zum Eintreffen der Roten Armee. MUSIK 5: R0103330W01 Bela Bartok: Bilder aus Ungarn für Orchester, Sz 97 0‘39 Sprecherin: Nach der Befreiung engagiert sich Agnes Heller zunächst bei den Zionisten, wo sie István Hermann kennen- und lieben lernt. 1948 wird sie ihn mit 19 Jahren heiraten. Kurz davor hat sie begonnen in Budapest Chemie und Physik zu studieren. Aber nachdem sie durch ihren späteren Ehemann eine Philosophievorlesung gehört hat, wech¬selt sie begeistert zur Philosophie. Ihr Lehrer und Mentor ist der ungarische Marxist und Philosoph György oder Georg Lukács. Zitatorin: „Zu jener Zeit war ich noch nicht ganz bei mir, eher ein philosophischer Embryo. Als achtzehnjährige Universitätsstudentin schrieb ich Seminararbeiten unter anderem über Kant, Hegel und Spinoza. Zum Glück sind sie nicht erhalten.” (S. 16 Philosophie) Sprecherin: So selbstironisch beschreibt Agnes Heller Jahrzehnte später in Eine kleine Geschichte meiner Philosophie ihren Einstieg in die Welt der Philosophie, die sie durch György Lukács kennenlernt. Zitatorin: „Seine Schülerin zu werden war das größte Glück meines Lebens. Ohne ihn wäre ich nie Philosophin geworden, sondern wäre bei meinem ursprünglichen Vorhaben geblieben, Chemie zu studieren.” (S. 17 Philosophie) Sprecherin: Agnes Heller ist, wie viele ihrer Zeitgenossen in ganz Europa, zutiefst davon überzeugt, dass der Kommunismus die richtige Antwort auf die Erfahrung des Holocaust und der nationalsozialistischen Ver¬wüstung Europas ist. Take 4 (O-Ton Heller) Wir lebten nach dem Krieg in einer Illusion, wir wollten doch die Erlösung. Nach diesem Krieg mit unseren Erlebnissen, ob es der Holocaust war oder nur der Zweite Weltkrieg gewesen war, wir hatten unsere Toten, wir hatten unsere Wunden. Alle von uns wollten die Erlösung, alle! MUSIK 6: Z9358598008 Moby: Scream Pilots 0‘35 Sprecherin: Aber die Hoffnung auf Erlösung durch den Kommunismus nach marxistisch-leninistischem Vorbild hält nicht lange an. Und als 1956 die Rote Armee die ungarische Revolution mit Panzern blutig niedergewalzt, werden auch Intellektuelle wie Lukács und Heller, die sich den Demonstranten und Reformern angeschlossen hatten, verhört, kurzfristig verhaftet, aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen und als Universitätsdozenten entlassen. Säuberungen durchziehen das Land, viele Demonstranten werden zum Tode verurteilt. Agnes Heller verliert ihre Stelle als Assistentin von Lukács und muss fünf Jahre lang als Lehrerin an einer Schule arbeiten. In dieser Zeit geht auch ihre Ehe mit István Hermann in die Brüche. Der Vater ihrer Tochter Zsuzsa, die 1952 geboren wird, plädiert dafür, sich mit dem Regime zu arrangieren. Für Agnes Heller unmöglich. Nicht nur politisch geht sie einen anderen Weg, auch privat: Sie lernt ihren zweiten Ehemann, den Historiker Ferenc Fehér kennen, mit dem sie bis zu dessen Tod zusammenlebt. 1963 heiraten sie, 1964 wird ihr Sohn György geboren. Take 5 (O-Ton Hauptfeld) Ich seh es so, dass sie von großen idealistischen Hoffnungen der Revolution 1956 Schritt für Schritt von einem orthodoxen Marxismus weggegangen ist, dann in den 70er Jahren noch gehofft hat, dass eine neue Linke eine bessere Art von Marxismus entwickeln kann und sich dann in den späten 80er und 90er Jahren sich endgültig davon verabschiedet hat. Sprecherin. So zeichnet Georg Hauptfeld, Geschäftsführer des Verlags Edition Konturen in Wien, der seit Jahren die Bücher von Agnes Heller publiziert, ihren intellektuellen Werdegang skizzenhaft nach. Als die ungarische Regierung in den 60er Jahren Lukács und auch Agnes Heller rehabilitiert, geht sie zurück an die Universität und wird Teil der sogenannten ‚Budapester Schule‘, bis heute die einflussreichste Strömung ungarischer Philosophen. Take 6 (O-Ton Olay) Die Budapester Schule ist eine Schule bestehend aus den engeren Schülern von Georg Lukács, der wichtigste Philosoph ungarischer Abstammung ist, und Lukács selber hat (…) vier Denker als die Budapester Schule bezeichnet, das ist Agnes Heller, Michael Vajda, der zweite Ehemann von Heller Ferenc Fehér und György Márkus. Sprecherin: Erklärt Csaba Olay, Professor für Philosophie an der Eötvös Loránd Universität in Budapest. Take 7 (O-Ton Olay) Diese Leute, alle geboren in den 20er und 30er sammelten sich um Lucács herum und bemühten sich um eine Renaissance des Marxismus. (…) Es war ganz klar, dass diese Formel Renaissance des Marxismus und Rückkehr zu den Quellen gegen einen starren Stalinismus gerichtet war, aber was das theoretisch bedeuten sollte, das war viel weniger deutlich. MUSIK 7: Z8035223312 John Frizell: Laurel Canyon 0‘30 Sprecherin: Das Eintreten für eine Renaissance des Marxismus, das Suchen nach Reformen ohne das linke Gesellschaftsmodell völlig aufzugeben, hatte keine Chance in Ungarn. Genauso wenig wie in den anderen Ostblock-Staaten zur Zeit des Kalten Kriegs. Die Intellektuellen der Budapester Schule wurden zu Dissidenten im eigenen Land, mit Publikations- und Lehrverboten. Schließlich konnte Agnes Heller emigrieren, 1977 nach Australien, wo sie eine Professur für Soziologie innehatte, knapp zehn Jahre später erhielt sie einen Ruf auf den Lehrstuhl von Hannah-Arendt in New York. MUSIKENDE Sprecherin: Das Denken von Agnes Heller war und ist untrennbar verwoben mit ihrer Biographie: Als Jüdin von den Nationalsozialisten verfolgt, als abweichende Denkerin zur Dissidentin in Ungarn geworden, ein Star der Neuen Linken in Westeuropa und den USA. Und in ihren späten Jahren die Ikone der Demokraten gegen die europa- und demokratiefeindliche Politik Viktor Orbans. Diese gegensätzlichen Erfahrungen haben ihr philosophisches Denken grund¬legend geprägt, so Csaba Olay: Take 8 (O-Ton Olay) Ich würde das so auf den Punkt bringen, dass wir zwei Hauptthemen bei Agnes Heller finden: Einmal die Ethik, in einem weiten Sinne (…) und zum zweiten die Theorie der Moderne. (…) Und man kann sagen, dass die tragische Erfahrung des Holocaust und des real existierenden Sozialismus eben beide Fragen motivieren können. Und Agnes Heller hat selber kurz und bündig ihr Denken so charakterisiert: Sie suchte Antworten auf die Katastrophen ihres Jahrhunderts! Sprecherin: Und das heißt, sie wollte diese Katastrophen des 20. Jahrhunderts verstehen, sagt Ludger Hagedorn: Take 9 (O-Ton Hagedorn) Verstehen heißt für sie, einen Umgang damit finden, Erklärungen zu finden, vor allem Erklärungen zu finden, wie solche Systeme funktionieren konnten, nicht aber, wie sie immer gesagt hat, die Menschen, die daran beteiligt waren, zu hassen. Sprecherin: Das Feld, auf dem sie diese totalitären Systeme intellektuell durchdringen und verstehen wollte, waren die philosophischen Teildisziplinen Ethik und Moral¬philosophie. In drei Bänden hat Agnes Heller ihre Überlegungen dazu ausgearbeitet. Take 10 (O-Ton Heller) Im ersten Buch beschäftige ich mich mit den Traditionen ethischer Themen, mit Absichten und Konsequenzen, was man in Frage stellen kann, was ist gut was ist böse usw. Im zweiten Buch, (…) was in den verschiedenen Situationen ein Vorbild tat oder tun kann und im dritten Buch, das ist Ethik der Persönlichkeit. Sprecherin: Der Philosoph Csaba Olay, der zehn Jahre lang mit ihr in Budapest an der Universität zusammengearbeitet hat, ordnet Hellers Ansatz philosophiehistorisch so ein: Take 11 (O- Ton Olay) Es ist keine politische Ethik oder keine Ethik für überindividuelle Entitäten oder Größen. Und es ist auch ein weiteres Verständnis von moralischen Phänomenen, in dem Sinne, dass sich Heller nicht nur fragt, was ist (…) das Grundprinzip der Ethik, sondern auch solche Fragen stellt, wie ethische Forderungen in ein gutes, gelingendes Leben einpassen? Wie man ein gerechter Mensch wird? Sprecherin: Dreh- und Angelpunkt in Hellers Philosophie ist der Begriff der Freiheit. Nach Hellers Lesart bedeutet Freiheit, sich zu entscheiden und frei zu wählen. Und zwar als existentielle Möglichkeit zu handeln, die jedem Menschen zukommt, unabhängig von Bildung, Herkunft oder Geschlecht. Jede und jeder hat immer die Wahl! Davon ist die Philosophin überzeugt, selbst in Umständen und Situationen, die äußerlich unfrei erscheinen. Als Beispiel verweist sie auf ihre eigene Erfahrung: Als sie 1944 am Ufer der Donau steht, darauf wartend von den ungarischen Faschisten erschossen zu werden, habe sie sich entschieden, kurz vor ihrer Erschießung in die Donau zu springen. Eine solche Entscheidung treffen zu können, mache die individuelle Freiheit aus, selbst in Unfreiheit. MUSIK 8: Z8035223304 John Frizell: The Blackouts 0‘29 Sprecherin: Aber Agnes Heller hat diesen Freiheitsbegriff nicht zum Bestandteil eines philosophischen Systems gemacht, wie es beispielsweise Spinoza, Kant oder Hegel getan haben. Komplexe und v.a. systematische Theoriegebäude hat sie abgelehnt, sie führten zwangsläufig zu einem totalitaristischen Anspruch, so ihr Vorbehalt, erklärt Philosoph Ludger Hagedorn, vom Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen. Take 12 (O-Ton Hagedorn) Das ist für sie ein Impuls, der ein philosophischer Impuls gewesen ist, sich nicht einem -ismus zu verschreiben. Sie hatte ja große Schwierigkeiten mit den -ismen hat sie immer gesagt, sogar mit dem Feminismus, der ihr von allen vielleicht noch der sympathischste war und der Humanismus auch. Selbst diese -ismen wollte sie nicht unterschreiben. Wenn du in einem -ismus bist, dann musst du alles unterschreiben oder alles glauben, was die Menschen glauben, die in einem -ismus sind, so hat sie das öfter formuliert. MUSIK 9: Z8035223321 John Frizell: Fake It 0‘53 Sprecherin: Aber nicht nur Hellers Skepsis gegenüber allumfassenden Welt¬er-klärungssystemen hat dazu geführt, dass sie ihr Denken nicht als philosophisches System angelegt hat, sondern auch die Tatsache, dass sie jegliche Art von Metaphysik ablehnte. Eine Welt hinter der sinnlich Erfahrbaren anzunehmen und damit die letzten Fragen nach Sinn und Zweck des menschlichen Lebens beantworten zu können, verneinte sie. Zitatorin: „Gewöhnlich verlassen sich Philosophen bei der Ausarbeitung ihrer Systeme auf eine Grundlage, ein Fundament, auf unbezweifelbare Prinzipien, zum Beispiel den höchsten Gott oder die höchste Wahrheit, und demonstrieren daran ihren Entwurf. Der Trick dabei ist, dass da Ergebnis der Demonstration bereits vorausgesetzt wird, bevor das Verfahren beginnt. ” (S. 80 Philosophie) Sprecherin: Und deshalb sei sie zu der Einsicht gelangt, dass moderne Philosophinnen und Philosophen diesen grundlegenden Welterklärungsansatz nicht mehr erfüllen könnten. Selbst von ihrem Lieblingsphilosophen Immanuel Kant hat sie sich in dieser Hinsicht deutlich distanziert: Take 13 (O-Ton Heller) Ich bin doch ein moderner Mensch, moderne Frau das heißt Metaphysik kann ich nicht annehmen. Dass es zwei verschiedene Welten sind, die Welt der Natur und die Welt der Freiheit, das kann man heute nicht mehr annehmen, das tut mir leid, Kant konnte es annehmen wir können es nicht! Sprecherin: Und das bedeutet, die Kantische Aufforderung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, vollkommen ernst zu nehmen so ihr Verleger Georg Hauptfeld. Und zwar individuell, auf allen Ebenen des mensch-lichen Zusammenlebens. Take 14 (O-Ton Hauptfeld) Es gibt bei ihr keinen Bezug außerhalb dieser Welt, es gibt da keinen Gott, den man fragen kann, wie man handeln soll, sondern man muss sich das unbedingt selber fragen. Sprecherin: Das bedeutet für Agnes Heller aber nicht, dass alles beliebig ist, dass jedes Verhalten gleichermaßen zu rechtfertigen sei. Oder, dass es lediglich subjektive Wahrheiten geben könnte. Im Gegenteil, so der Budapester Philosoph Csaba Olay, Agnes Heller hat sehr konkrete Vorstellungen davon, was den einzelnen Menschen zu einem gerechten und guten Menschen macht. Take 15 (O-Ton Olay) Die Auszeichnung eines guten Menschen liegt in der existentiellen Selbstwahl. Es liegt darin, dass jemand sich entschließt, ein guter, ein gerechter Mensch zu werden, und das ist das Konzept, was Agnes Heller im Anschluss an Kierkegaard (…) ausführt. Sprecherin: Jeder Mensch könne sich entscheiden, ob er gut oder böse sein wolle. Dazu bedürfe es keiner theoretischen Erkenntnisse, sondern vielmehr einer ethisch-moralischen Praxis das Gute tun zu wollen, so Agnes Heller: Take 16 (O-Ton Heller) Es gibt gute Menschen in allen Gesellschaften und auf diesen guten Menschen stütze ich meine Ethik. MUSIK 10: CD603370024 Polish Military Orchestra: National Anthem Of Hungary 0‘23 Zitatorin: „Der Fall des Eisernen Vorhangs erfüllte mich mit Freude. Endlich änderte sich das Antlitz der Welt, die Eiszeit, die mein Leben viel zu lang geprägt hatte war vorbei. Wir fühlten uns auf der Seite der Wahrheit gegen ein System voller Lügen und Verfälschung der Realität.” (S. 171 Zufall) Sprecherin: 1989 macht Ungarn als erstes osteuropäisches Land seine Grenzen nach Westen auf und beschleunigt damit den Niedergang der sowjetischen Herrschaft über Osteuropa. MUSIK 11: Z8035223306 John Frizell: Studio Z 0‘36 Agnes Heller nutzt diese Möglichkeit und reist neugierig nach Ungarn, das erste Mal seit ihrer Emigration nach Australien. Und ist voller Hoffnung und Vorfreude, weil sie davon überzeugt ist, dass ihr Heimatland jetzt endlich demokratisch, frei und rechtsstaatlich werde. Heller sucht in Budapest eine Wohnung, bekommt eine Stelle als Philosophieprofessorin an der Eötvös Loránd Universität in Budapest und pendelt in den nächsten 20 Jahren zwischen ihrer Professur in New York und der in Budapest hin und her. 2009 zieht sie komplett nach Budapest und begleitet dort meinungsstark und furchtlos die politische Entwicklung Ungarns und Europas. Zitatorin: „Die Regierungen nach der Systemwende und auch wir glaubten, das größte Bedürfnis der Menschen sei die Freiheit, sei ein Rechtsstaat, es würde genügen, liberal-demokratische Institutionen zu schaffen. Doch den Menschen war Wohlstand wichtiger als Demokratie. Sie hatten keine Ahnung, dass sie ihre Zukunft selbst in die Hand hätten nehmen können. Das Ergebnis war Orbán und der Orbánismus.” (S. 173, Zufall) Sprecherin: In Ungarn machte sie sich dadurch viele Feinde, vor allem seit Viktor Orbán dort das Sagen hatte. Take 17 (O-Ton Hagedorn) Agnes Heller war eine Symbolfigur in Ungarn auch gerade im Ungarn der letzten 15-20 Jahre, hatte häufig auch unter politischen Angriffen und Attacken zu leiden und hat versucht, sie weitestgehend zu ignorieren, denen nicht allzu viel Bedeutung beizumessen. Sprecherin: Agnes Heller wurde antisemitisch verunglimpft, nicht nur privat, sondern auch auf den Titelseiten der regierungsnahen Tageszeitung. Man warf ihr vor, korrupt zu sein und beschimpfte sie als vom Ausland finanzierte Kritikerin der Regierung. Aber Agnes Heller, mittlerweile über 80 Jahre alt, ließ sich nicht einschüchtern. Sie lebte unverdrossen weiter in Budapest, gab Interviews, lehrte an der Universität, reiste auf Kongresse, hielt Vorträge, erhielt zahlreiche Auszeichnungen und lud einmal pro Monat in ein Szene-Restaurant im jüdischen Viertel, um über Philosophie und Politik zu diskutieren. Take 18 (O-Ton Olay) Zusammenfassend würde ich sagen, dass sie eine sehr liebenswürdige Person war, unbestreitbar war und ist sie die international am meisten bekannte Philosophin von Ungarn, das ist eine Tatsache, mit Büchern, die in über 30 Sprachen übersetzt wurden, das ist einfach nicht zu leugnen. Sprecherin: Alle, die sie kennenlernen durften, wie Csaba Olay, waren von ihrer Energie, ihrem Mut und ihrer gedanklichen Schnelligkeit, selbst im hohen Alter, maximal beeindruckt. Auch Ludger Hagedorn: Take 19 (O-Ton Hagedorn) Das hat Agnes Heller ganz deutlich ausgezeichnet, diese Distanz, die sie zu ihrem eigenen Denken immer hatte. Und die sie auch geschafft hat glaubhaft zu machen, gerade auch in Gesprächen, wenn man ihr begegnet ist, das hatte immer so einen Witz und eine Schnelligkeit, eine Verve, mit der sie das artikuliert hat, dass man gesehen hat, wie ernst ihr das war und dass ihr das auch gelungen ist diese Distanz zu sich selber zu haben. Sprecherin: Dennoch ist Agnes Heller mit ihrer Philosophie, die sie immer wieder selbstkritisch hinterfragt, revidiert und verändert hat, in der intel¬lek-tuellen Welt weitaus weniger präsent, als mit ihrem politischen Denken. Georg Hauptfeld, ihr Wiener Verleger, ist der Ansicht, dass sie unterschätzt wird, eben deshalb, weil sie die herkömmlichen Spielregeln der akademischen Philosophie nicht wirklich eingehalten habe: Take 20 (O-Ton Hauptfeld) Sie war in der akademischen Welt in vieler Hinsicht ein Quer- und Andersdenkender, die nicht wirklich akzeptiert wurde in vielen akademischen Kreisen. Und sie hat auch andererseits viele Philosophen nicht sehr geschätzt, Habermas, Foucault und Derrida waren für sie ganz große Philosophen, aber sonst war sie in der akademischen Welt nicht wirklich akzeptiert. MUSIK 12: Z8035223320 John Frizell: Frank’s Business Perspective 0‘32 Sprecherin: Zeit ihres Lebens ging Agnes Heller jeden Morgen Schwimmen. So auch am 19. Juli 2019. Die mittlerweile 90jährige Philosophin verbrachte den Sommer am Balaton, dem Plattensee, schwamm auf den See und kehrte nicht zurück. Take 21 (O-Ton Hauptfeld) Das letzte, was man von ihr weiß, ist, dass sie zu ihrer Freundin, die gesagt hat sie will umkehren, gesagt hat, das Wasser ist heute so schön, ich schwimme noch eine Weile. MUSIKENDE

  • Romantik - Zwischen Schwärmerei und Freiheitsstreben

    30.01.2024 · 22 Min.

    Angesichts der gesellschaftlichen Umbrüche verlieren die Romantiker den Glauben an die nüchterne Vernunft und stellen ihr das Gefühl entgegen: Sie schwärmen für die Natur, feiern die Dunkelheit und ergründen mystische Welten. Autorin: Hanna Dragon (BR 2019) Credits Autor/in dieser Folge: Hanna Dragon Regie: Irene Schuck Es sprachen: Katja Bürkle, Wolfgang Pregler Technik: Robin Auld Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Christian Begemann (Professor; LMU) Linktipp: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK SPRECHERIN Die thüringer Universitätsstadt Jena im Jahr 1799. Im Haus des 32-jährigen Sprachforscher August Wilhelm Schlegel versammeln sich junge, aufbegehrende Intellektuelle. Und bilden eine Art Wohngemeinschaft. Unter ihnen: Augusts jüngerer Bruder Friedrich, Altphilologe. Dann: Der Naturphilosoph Friedrich Wilhelm Schelling, verliebt in Caroline, die gebildete Gattin des Gastgebers. Der 22-jährige, streng gläubige Medizinstudent und Dichter Clemens Brentano, der für die acht Jahre ältere Schriftstellerin Sophie Mereau schwärmt. Der charismatische Bergbaustudent Friedrich von Hardenberg alias Novalis, 27, dem Goethe das Zeug zum „geistigen Imperator“ bescheinigt. Und der Sprachkünstler Ludwig Tieck, der 30 Jahre später an August Wilhelm Schlegel schreiben wird: MUSIK ENDET ZITATOR Jene schöne Zeit in Jena ist (…) eine der glänzendsten und heitersten Perioden meines Lebens. Du und Dein Bruder Friedrich, Schelling mit uns, wir alle jung und aufstrebend, Novalis-Hardenberg, der oft zu uns herüber kam: diese Geister bildeten ununterbrochen ein Fest von Witz, Laune und Philosophie. SPRECHERIN Die Jenaer Freunde philosophieren miteinander beim Mittagessen, kultivieren gemeinsame Spaziergänge durch die Natur, tragen einander ihre unveröffentlichten Texte vor, besprechen die Artikel, die sie für die programmatische Zeitschrift „Athenäum“ schreiben, hinterfragen die traditionelle Rolle der Frau. Und verspotten die Verse des an der Jenaer Universität lehrenden Dichterfürsten Schiller, der sie vor dem „unendlichen Fall in bodenlose Tiefe“ warnt. MUSIK Die Romantiker lassen ihrer Phantasie freien Lauf in einer Zeit der politischen Umstürze. Die Revolution in Frankreich hatten die deutschen Intellektuellen anfangs noch als Durchbruch der Freiheit gefeiert. Doch die Erhebung des Volkes schlug um in Gewaltexzesse. Seit der Machtübernahme Napoleons herrscht in Europa Krieg. Aus Sicht der Romantiker habe die Vernunft, das grundlegende Prinzip der Revolution, den Kontinent in den Abgrund geführt. SPRECHERIN Auch gesellschaftliche Umbrüche prägen die Zeit um 1800. Die allmählich einsetzende Industrialisierung fördert Landflucht, Verstädterung und soziale Missstände. Die Romantiker bezweifeln, dass der Fortschritt immer das Bessere mit sich bringe. Und kritisieren die Gesellschaft, in der sich alles zunehmend ums Geld dreht. MUSIK endet Romantik: Was bedeutete dieser Begriff damals? Christian Begemann vom Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Ludwigs-Maximilian-Universität in München: ZUSPIELUNG 1: Im 18. Jahrhundert wird „romantisch“ im Sinne von „romanhaft“ verstanden. Und das ist kein Kompliment. Denn der Roman hat ein ganz schlechtes Ansehen. Er ist, wenn man an den Barockroman denkt, eine Abfolge von kuriosen Ereignissen und Geschichten. Und der Begriff des Romantischen, der ist erstmal auf das Abenteuerliche hin ausgerichtet und ändert sich dann erst im Zuge der romantischen Bewegung selber. (0:29) MUSIK ZITATOR Die Welt muss romantisiert werden. SPRECHERIN Fordert Novalis, der Erfinder der berühmten „blauen Blume“, dem Symbol der romantischen Sehnsucht. Und liefert die vielleicht schönste Definition der Romantik: ZITATOR Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es. MUSIK ENDET SPRECHERIN Die Romantiker sehnen sich nach dem Geheimnisvollen, Unerklärlichen. Denn: Die Aufklärung hat viele Mythen entzaubert. Germanistikprofessor Christian Begemann: ZUSPIELUNG 2: Mit der Aufklärung, überhaupt mit dem ganzen Schub der Verwissenschaftlichung in der Neuzeit - so sehen es jedenfalls die Romantiker - tritt eine Trennung von der Natur ein. Die Natur wird unterworfen, sie wird ausgebeutet, sie wird auch in der Wissenschaft beobachtet oder im Experiment dazu gezwungen, uns wie ein Angeklagter auf der Folter Antwort zu erstatten, und damit ist die Natur nichts mehr, was uns auf Augenhöhe gegenübersteht, sondern sie ist nur noch ein Objekt MUSIK SPRECHERIN Die Romantiker wollen die mythische Einheit des Menschen mit der Natur wiederherstellen. Durch Poesie. Josef von Eichdorff: Die Wünschelrute. ZITATOR Schläft ein Lied in allen Dingen Die da träumen fort und fort, Und die Welt hebt an zu singen, Triffst du nur das Zauberwort. SPRECHERIN Das dichterische Zauberwort „romantisiert“ die Welt. MUSIK endet Dieser Vorstellung folgend bringt Friedrich Schlegel, der theoretische Kopf des Jenaer Kreises, das Programm der Romantik auf den Punkt. In dem berühmten 116. Athenäums-Fragment heißt es: ZITATOR Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. SPRECHERIN Mit „progressiv“ meint der Theoretiker Schlegel: Der mythische Zustand der Harmonie, das Absolute, lässt sich mit Worten nicht erfassen. Der Dichter kann sich diesem Ziel nur „progressiv“, also Schritt für Schritt nähern. Das Werk wird somit nie vollendet; das Fragment wird zu einer neuen literarischen Gattung. Den Begriff „Universalpoesie“ erklärt Schlegel folgendermaßen: ZITATOR Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen. SPRECHERIN In romantischen Romanen und Erzählungen werden Gedichte vorgetragen, Lieder gesungen und Bilder beschrieben: Eine Vorwegnahme des Wagnerschen Gesamtkunstwerks, das alle Künste vereinigt. Die „progressive Universalpoesie“ soll nach Schlegel das ganze Leben durchdringen: Das Leben wird zum Kunstevent. MUSIK SPRECHERIN Der Heidelberger Dichter Joseph von Eichendorff verwirklicht diese Vorstellung in seiner Märchennovelle „Aus dem Leben eines Taugenichts.“ ZITATOR Fahre zu, Ich mag nicht fragen, Wo die Fahrt zu Ende geht. SPRECHERIN Das ist das Lebensmotto des jungen Müllerssohns, den das Klappern des Mühlrades an das trostlose Einerlei des bürgerlichen Alltags erinnert. Er folgt seiner Sehnsucht, und zieht in die Ferne. Wandern: Ein typisches Motiv der Romantik, das die Sehnsucht nach dem Absoluten versinnbildlicht. Der Taugenichts - ein Abbild des mittelalterlichen fahrenden Gesellen - spielt Geige und überlässt sich diversen Genüssen und Liebeleien. Eine Zeit lang wird er sesshaft als Zolleinnehmer, sitzt da… ZITATOR im prächtigen roten Schlafrock mit gelben Punkten, SPRECHERIN und raucht seine Pfeife. Er will finanziell für seine Zukunft vorsorgen: Ein Gedanke, den er schnell wieder verwirft. ZITATOR Die Kartoffeln, und anderes Gemüse, das ich in meinem kleinen Gärtchen fand, warf ich hinaus und bebaute es ganz mit den auserlesensten Blumen. SPRECHERIN Und dann macht er sich wieder auf den Weg. ZUSPIELUNG 3: Man könnte sagen, das ist fast eine Künstlererzählung, nur, dass der Taugenichts eben gar kein Künstler ist. Das heißt: alles wird ihm zur Kunst. Das Leben selber wird ihm zur Kunst. Er ist die poetische Existenz, die man realisieren will. (0:14) SPRECHERIN Der Taugenichts heiratet am Ende seine große Liebe und bekommt obendrauf ein Schloss geschenkt. ZITATOR (…) und von fern schallte immerfort Musik herüber, und Leuchkugeln flogen vom Schloß durch die stille Nacht über die Gärten (…) - und es war alles, alles gut! SPRECHERIN Dass ideale Traumwelten und Realität auseinanderklaffen ist den Romantikern bewusst. Um das deutlich zu machen, greifen sie auf eine weitere Erfindung Schlegels zurück: Die romantische Ironie, die alles Gesagte in einem Schwebezustand belässt. Professor Begemann: ZUSPIELUNG 4: Die romantische Ironie ist das, was das Gesagte immer relativiert und zurücknimmt. Und immer deutlich macht: „Also, nehmt es nicht wörtlich!“ (0:11) SPRECHERIN Ludwig Tieck ist ein Meister der romantischen Ironie. Er bringt das Spiel im Spiel auf die Bühne. In dem Stück „Der gestiefelte Kater“, in dem er den Theatergeschmack der Berliner Bildungsbürger aufs Korn nimmt, verschachtelt er mehrere Spielebenen ineinander: Die auf der Bühne von Schauspieler dargestellten, sich selbst als aufgeklärt bezeichnenden Zuschauer, lehnen das bevorstehenden Stück über eine Märchenfigur ab. Als sie ungehalten werden, muss sich der Autor, ebenfalls eine Figur im Stück, vor ihnen rechtfertigen. ZITATOR Ich wollte einen Versuch machen, durch Laune, wenn sie mir gelungen ist, (…) durch wirkliche Possen zu belustigen, da uns unsere neuen Stücke so selten zum Lachen Gelegenheit geben. SPRECHERIN Der Autor ist permanent gezwungen, auf die Wünsche des Publikums einzugehen, dem eine „vernünftige Illusion“ fehlt. Die Schauspieler fallen stets aus ihren Rollen und kommentieren die misslingende Aufführung. Was gehört nun zum Stück? Was ist Wirklichkeit? Wilhelm Tieck setzt hier das um, was Schlegel in der Theorie einfordert: Im Sinne der „Universalpoesie“ reflektiert die Literatur sich selbst. Und präsentiert sich augenzwinkernd als „nur Literatur“: Der Autor erhebt sich über sein Werk. SPRECHERIN Die Romantiker gehen sehr ironisch mit der Kunst um. Die gleichzeitig einen sehr hohen sakralen Stellenwert einnimmt. Denn: Seit der Aufklärung und der Säkularisierung der Gesellschaft bietet der christliche Glaube nicht mehr ausreichend Halt. ZUSPIELUNG 5: Wenn man zum Beispiel an die Bilder von Caspar David Friedrich denkt, die Kirchenruinen, das ist auch der Zustand des Glaubens, der Zustand des Christentums, das ist eigentlich ruiniert. Und die Romantiker versuchen, dagegen wieder etwas, wie einen neuen Glauben, eine neue Mythologie zu setzen. (0:19) SPRECHERIN Und sie erheben die Kunst zur Religion. Josef von Eichendorff über die Rolle des Dichters: ZITATOR Ihm ist's verlieh‘n, aus den verworrnen Tagen, Die um die andern sich wie Kerker dichten, Zum blauen Himmel sich emporzurichten, In Freudigkeit: Hier bin ich, Herr! zu sagen. ZUSPIELUNG 6: Der Dichter wird enorm überhöht gegenüber den Wissenschaftlern, vor allem den Philistern, also den Normalbürgern, die allein um ihren Lebensunterhalt herum kreisen, oder die rationalistisch an die Wirklichkeit herangehen, die auf die Ökonomie ausgerichtet sind. Und der Dichter ist der Einzige, der noch eine Ahnung davon hat, worum es eigentlich geht. Deswegen hat er einen besonderen Zugang zu tieferen Quellen des Wissens und der Weisheit und stilisiert sich dann gerne als Seher und Prophet (0:34) MUSIK ZITATOR Wo keine Götter sind, walten die Gespenster. SPRECHERIN Sagt Novalis. In den „Hymnen an die Nacht“, dem Inbegriff der todesverliebten, mystischen Romantik, arbeitet er ein persönliches, spirituelles Erlebnis auf. Die künstlerische Umsetzung verleiht ihm nach dem Tod seiner jungen Geliebten, der er kraft seines Willens „nachsterben“ wollte, einen neuen Lebensantrieb. ZITATOR Einst, da ich bitt‘re Tränen vergoß, da in Schmerz aufgelöst meine Hoffnung zerrann, und ich einsam stand am dürren Hügel (…) SPRECHERIN In der dritten Hymne steht das lyrische Ich, eingehüllt in die Dunkelheit der Nacht, am Grab der Geliebten und betrauert ihren Tod. Friedhof, Grab, Einsamkeit und Liebesleid: Typisch Romantik. Die schmerzhafte Erfahrung wendet sich ins Positive, als sich das lyrische Ich seinen eigenen Tod, ZITATOR den Schlummer des Himmels, SPRECHERIN imaginiert, und sich in der Vorstellung des Losgelöstseins vom Irdischen mit seiner Geliebten vereinigt. ZITATOR An ihrem Halse weint‘ ich dem neuen Leben entzückende Tränen. SPRECHERIN Das lyrische Ich gewinnt die Erkenntnis, dass am Ende des irdischen Lebens das ewige Bündnis mit seiner Geliebten stehen wird. ZITATOR … seitdem fühl‘ ich ewigen, unwandelbaren Glauben an den Himmel der Nacht und sein Licht, die Geliebte. SPRECHERIN Die Nacht: Ein zentrales Thema der Romantik. Ihre Dunkelheit steht im Gegensatz zum Licht der Aufklärung. Sie ist ein Projektionsraum unerschöpflicher Phantasien. Josef von Eichendorff: ZITATOR Es war, als hätt‘ der Himmel Die Erde still geküßt, Daß sie im Blütenschimmer Von ihm nun träumen müsst Die Luft ging durch die Felder Die Ähren wogten sacht Es rauschten leis die Wälder, so sternklar war die Nacht. Und meine Seele spannte Weit ihre Flügel aus, Flog durch die stillen Lande, Als flöge sie nach Haus MUSIK ENDET SPRECHERIN Nach Haus: Also zurück in den mythischen Zustand der Harmonie, das Ziel der romantischen Sehnsucht. Für den grundgläubigen Katholiken Eichendorff ist es die Rückkehr zu Gott. Nachdem sich der Jenaer Kreis nach kurzer Zeit zerstreut hat, gehen die Romantiker auf der Suche nach ihren Idealen unterschiedliche Wege. Sie konvertieren, wie Wilhelm Schlegel, zum Katholizismus, der traditionellen Form der Religion. Oder: Sie wenden sich der Vergangenheit zu, verklären das Mittelalter, erforschen die germanische Mythologie. Ludwig Tieck bearbeitet den Stoff der Nibelungensage. Clemens Brentano schreibt ein Gedicht über die Lore Lay – die Zauberin, ZITATOR „so schön und feine“, SPRECHERIN die einer alten Legende nach mit ihrem Gesang Rheinschiffer ins Verderben stürzt. ZITATOR Und brachte viel zu Schanden Der Männer rings umher, Aus ihren Liebesbanden War keine Rettung mehr. SPRECHERIN Andere Romantiker werden zu Patrioten. Während Napoleon das Land besetzt hält, suchen sie nach dem, was das deutsche Volk ausmacht. Die Gebrüder Grimm editieren ihre Sammlung von mündlich überlieferten Volksmärchen. Achim von Arnim und Clemens Brentano veröffentlichen die volkstümliche Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“. ZUSPIELUNG 7: Das hängt mit dem Außendruck zusammen, dass man versucht, etwas zu finden, was eine Gemeinsamkeit, ein Band stiftet gegenüber der napoleonischen Fremdherrschaft. Und das Volk wird da eine ein bisschen unbehaglich stimmende, mythisch verklärte Größe (0:19) ZITATOR Wir träumen von Reisen durch das Weltall: Ist denn das Weltall nicht in uns? SPRECHERIN Fragt sich Novalis. In der Phase der Spätromantik, also ab etwa 1815, wird der Romantiker zum Seelenergründer. Zum Vorläufer des heutigen Psychoanalikers. Bergwerke, in denen das Innere erschürft wird, werden mit ihrer Symbolkraft zu einem beliebten Motiv. Der Jurist E.T.A. Hoffmann lebt in Berlin, wo sich in privaten Salons bürgerlich-adelige Intellektuelle versammeln. Tagsüber spricht er Recht. Danach widmet er sich dem Schreiben seiner schaurigen Geschichten. MUSIK Im „Der Sandmann“ wird die volkstümliche Figur, die Träume schenkt, ins Schreckliche verzerrt: Der Sandmann streut den Kindern Sand in die Augen, damit sie ihnen aus dem Kopf herausspringen. Mit dieser Beute nährt der böse Kobold dann seine Jungen. Diese traumatisierende Vorstellung verfolgt den Protagonisten Nathanel sein leben lang. Er bringt sie mit dem Alchemisten, der ihn in seiner Kindheit misshandelt hat, in Verbindung. Später glaubt er diesen in der Figur eines Wetterglashändler zu erkennen und steigert sich dadurch immer mehr in eine Paranoia. Auf der Seite der Vernunft, des klaren Verstandes steht Clara, seine Verlobte. Sie hält seine Visionen für innere Bilder, die er nach außen verlegt. MUSIK ENDET ZUSPIELUNG 8: Gespenstisch ist, das wir uns keinen Reim darauf machen können, was hier wirklich geschieht, hat er Recht, gibt es da einen geheimnisvollen Advokaten, Alchemisten, Wetterglashändler der sich sozusagen immer durch sein Leben hindurchzieht? Oder hat Clara Recht, die sagt, das ist einfach ein Wahnsystem. Wir wissen es nicht. Das ist die Geburtstunde einer bestimmten Gattung der Literatur, nämlich der phantastischen Literatur, die genau damit spielen wird, dass wir als Leser nicht wissen: Woran sollen wir uns halten? Und das verwirrt unser Realitätsverständnis ganz erheblich. (0:38) SPRECHERIN Zu Nathanaels Pathologie gehört, dass er sich in die Automate Olimpia verliebt, künstliche Intelligenz, von Menschenhand erschaffen, wie Mary Shalleys Frankenstein. Eine für diese Epoche typische Auseinandersetzung mit dem mechanistischen Denken des Rationalismus und seinen Folgen. „Ach, ach!“ Das ist alles, was Olimpia sagen kann: Ein ideales Gegenüber für den narzistischen Helden. Seine Gedichte, die Clara nicht würdigt, finden offenbar Zuspruch bei seiner neuen Geliebten. Nathanael glaubt, dank seines „poetischen Gemüts“ als einziger ihr wahres Wesen zu erkennen. ZITATOR Sie spricht wenig Worte, das ist wahr; aber diese wenigen Worte erscheinen als echte Hieroglyphe der inneren Welt voll Liebe und hoher Erkenntnis des geistigen Lebens in der Aschauung des ewigen Jenseites. Doch für alles das habt ihr keinen Sinn und alles sind verlorne Worte. SPRECHERIN Eine doppelte Kritik: An den Philistern, die keinen Sinn für das Eigentliche haben. Und an dem sich selbst feiernden romantischen Künstler. E.T.A. Hoffmann zählt zu den letzten großen Dichtern der Romantik. Während diese Epoche in den 1830er Jahren allmählich verblasst, schreibt Josef von Eichendorff noch seine großen Gedichte. Gleichzeitig treten andere, zum Teil politisch motivierte Strömunge auf - Biedermeier, Junges Deutschland und Vormärz. Heinrich Heine verfasst die polemische Schrift „Die romantische Schule“. Eine erste zusammenfassende Darstellung der Romantik. Und gleichzeitig: Ihr Verriss. ZITATOR Das Fräulein stand am Meere Und seufzte lang und bang, Es rührte sie so sehre Der Sonnenuntergang. Mein Fräulein! sein sie munter, Das ist ein altes Stück; Hier vorne geht sie unter Und kehrt von hinten zurück. SPRECHERIN Wie Heine gehen auch andere Romantiker zu sich selber auf Distanz. Zum Beispiel Ludwig Tieck, eine der Gründungsfiguren der Romantik. ZUSPIELUNG 9: Tieck hat in der frühen Erzählung „Der blonde Eckberg“ eine Formel der Romantik geprägt, das Wort „Waldeinsamkeit.“ MUSIK Und das Wort findet sich in gefühlt 150 Texten der Romantik wieder, weil es genau so einen neuralgischen Punkt trifft: Der Wald, die Natur, die Dunkelheit. Und in seinen letzten Jahren als Schriftsteller, 1839, publiziert Tieck eine Erzählung, die heißt „Waldeinsamkeit.“ Und das geht davon aus, dass das Wort auf einmal in einer Immobilienanzeige erscheint: Ein schönes Haus mit angrenzender Waldeinsamkeit günstig zu verkaufen. Da ist die Romantik auf die Immobilienanzeige gekommen. Das ist der ultimative Verbrauch von einst ganz emphatisch besetzten romantischen Vokabeln, die jetzt einfach sich totgelaufen haben. Die in den allgemeinen Wortschatz übergegangen sind. (0:58) MUSIK endet

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