Die Befreiung vom Korsett - Frische Luft und neue Zwänge
08.09.2025 · 23 Min.
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Das Korsett sorgte Jahrhunderte lang dafür, dass der Oberkörper zeitgemäß in Form gebracht wurde. Das ist lange her - doch trotzdem scheint das Korsett auch heute nicht ganz verschwunden. Wie befreit sind unsere Körper wirklich? Von Caro Matzko
Credits
Autorin dieser Folge: Caro Matzko
Regie: Susi Weichselbaumer
Es sprachen: Dorothea Anzinger, Katja Schild, Sven Hussock, Susi Weichselbaumer, Jerzy May
Redaktion: Iska Schreglmann
Im Interview:
MAG. KERSTIN JESSE, LEOPOLDMUSEUM WIEN
DR. MELANIE HALLER, AMD AKADEMIE MODE&DESIGN HAMBURG
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Literaturtipps:
Sandra Lembke, „Scheuersand und Schnürkorsett. Wie Frauen lebten und litten: eine kleine Kulturgeschichte über Mode, Kochen, Körperpflege und Haushalt von 1850 – 1918“
Margret Greiner, „Auf Freiheit zugeschnitten. Emilie Flöge: Modeschöpferin und Gefährtin Gustav Klimts“, btb Verlag
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
SPRECHERIN 2
„Fester, fester“
ZSP 1 Atmo Korsett binden - darüber
SPRECHERIN
Als Kaiserin Elisabeth von Österreich noch lebte, also Mitte des 19. Jahrhunderts, galt das Wiener Hofzeremoniell, das sich an der gestrengen spanischen Tradition orientierte. Kaiserin Sisi soll es zeitlebens als goldenen Käfig erlebt haben – auch weil sie sich durch ihre rein repräsentative Aufgabe als schillernde Schönheit an der Seite ihres Franz Josef sehr eingeengt gefühlt haben soll.
SPRECHER
Wie sieht sie aus, was hat sie an, mit wem hat sie eine Affäre und ist sie dicker und älter geworden?
SPRECHERIN
So tratschte das Volk und klatschte die Presse. Die Kaiserin hungerte zeitlebens und turnte wie besessen, um ihr Gewicht auf gerade mal 45 Kilo zu halten. Mehr durfte sie nicht wiegen, damit sie sich die Taille jeden Tag von ihren Zofen mit einem Korsett auf 48 cm Umfang schnüren lassen konnte.
SPRECHERIN 2:
Fester! Fester!
SPRECHER
Das Korsett und das Ideal der Wespentaille hat die europäische Modegeschichte Jahrhunderte lang bis zum Beginn des ersten Weltkriegs geprägt, sagt Dr. Melanie Haller, Soziologin und Dozentin an der Akademie für Mode und Design in Hamburg.
MUSIK Animals in nap 0.58 min.
SPRECHER
Und wie das gestrenge Hofzeremoniell beginnt auch die Karriere dieses Kleidungsstückes in Spanien.
ZSP 2 Dr. Melanie Haller - Die ersten Korsette
„Also die ersten Korsette gibt es mit der sogenannten spanischen Mode im 15. Jahrhundert als Kleidungsstück, das den Körper einzwängt. Wobei es die nicht nur für Frauen gab, sondern die gab es auch für Männer. Im 15. Jahrhundert waren es Bleiplatten, die den Busen plattdrücken, weil das Ideal der Zeit eine konische Körperfigur ist. Das heißt auch die Männerbrust wurde niedergedrückt, damit dieser Idealkörpertypus entsteht.“
SPRECHER
Das Korsett markiert die Entdeckung der Dreidimensionalität des Körpers: Waren im Mittelalter die Schnitte der Kleidung noch gar nicht an den Körper angepasst, fand man im Spanien des 15. Jahrhunderts große Freude an der Modellierung des Körpers mit Hilfe der Kleidung.
ZSP 3 Haller - Modellierung des Körpers
„…weil mit der Schnittkonstruktion es plötzlich möglich war den Arm zu isolieren, die Brust hervorzuheben oder zu negieren, wie in der spanischen Mode oder wir im Rokoko die Büste hervorzuheben und die Taille einzudrücken. Das heißt wir haben historisch gesehen unfassbar viele unterschiedliche Formen von Korsetten. Das ist nie das eine gleich oder ganz unterschiedliche Formen.“
MUSIK Animals playing catch 0.57 min.
SPRECHER
Bis Anfang des 20. Jahrhunderts stützt, formt oder zwängt das Korsett - auch Mieder oder Schnürbrust genannt - den Körper und verleiht ihm Haltung und Würde: mit Walfischbein, indischem Büffelhorn oder Stahlfedern verstärkt war es ein wichtiges Kleidungsstück für Adelige beiderlei Geschlechts. Denn auch Männer trugen im Biedermeier zuweilen ein Korsett - häufig im Militär, damit die Uniform wie angegossen saß und sie so Breitschultrigkeit und Autorität verkörperten. Mit der Industrialisierung wurde das Ideal dann durch den Typus „Geschäftsmann“ – heute würde man Dandy sagen - abgelöst. Mit einem Schnürgürtel banden die Herren ihren Bauch auf Taille und ließen die Schultern schmal hängen.
Dieses neue Körperideal sollte zeigen: Ich bin so erfolgreich, dass ich für mein Geld nicht körperlich arbeiten muss.
SPRECHERIN
Die Modegeschichtsschreibung hat nur leider einen Haken, findet Melanie Haller von der Akademie für Mode und Design Hamburg. Denn alles, was heute im Museum zu bewundern ist, sind hochwertige Stücke, die sich Adelige oder das gut betuchte Bürgertum leisten konnten.
ZSP 4 Haller: Was trug der normale Mensch?
„Was wir hingegen wenig wissen, was hat die breite Bevölkerung getragen. Die breite Bevölkerung hat sich über Second Hand Kleidung bekleidet, über abgetragene Kleidung und da wird es dann schwierig, da wurden natürlich Korsette übernommen, weil sie aussortiert wurden von den oberen Schichten. Da ist die Forschung aber dünner als aber der Oberschichtskleidung, die in modehistorischen Büchern zu sehen ist, wo man sagt: 15 Jh hat man das getragen, im 16. das, im 17. Jahrhundert das… da kann man schon sagen, dass es unterschiedliche Arten und Weisen gab wie der Körper geformt wurde.“
MUSIK Mysterious animal play 1.50 min.
SPRECHERIN
Geschlechterformen wurden so stereotypisiert. Welche Form populär war, das prägten die zur jeweiligen Zeit tonangebenden Königshäuser. Im 15. Jahrhundert war das der spanische Hof mit der konischen Form, im 16. Jahrhundert der französische, der die Sanduhrsilhouette zelebriert, die lange en vogue bleibt - von Barock bis Rokoko.
ZSP 5 Haller - Königshäuser als Stylereferenten
„…wo dann wirklich mit Marie Antoinette und solchen Figuren der Busen und die Taille betont wird in den Korsetten und das endet dann erst Anfang des 19. Jahrhundert mit dem Klassizismus wo dann die Empirelinie kommt, aber auch die hatte Korsette allerdings, die waren nicht ganz so steif, die haben versucht den Busen ein bisschen zu betonen und der Rest ging grade nach unten. Das ändert sich mit dem Entstehen der Haute Couture also mit einer Produktionsweise mit deren Hilfe sich die oberen Schichten ganz klar abgrenzen wollten von der Masse. Man muss sich überlegen, dass im 19. Jahrhundert parallel dazu die Bekleidungsindustrie entstanden ist. Das heißt, es gab die Möglichkeit für viel mehr Menschen sich neue Kleidung zu kaufen.“
SPRECHER
War das Korsett lange Zeit für die breite Bevölkerung noch ein teures Unterwäschestück, das den feinen Damen vorbehalten war, entstanden Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa viele Korsett-Webereien, durch die die Schnürmieder erschwinglicher wurden.
MUSIK Der fröhliche Landmann 0.42 min.
SPRECHER
Nun mussten sich alle Mädchen ab dem 7. Lebensjahr unter ihren Kleidchen an eine Schnürung gewöhnen, die die Taille schmal halten sollte. An wildes Spiel oder gar Sport war nicht zu denken, doch Mädchen hatten damals vor allem eine Zierde zu sein, um schließlich gut verheiratet werden zu können.
SPRECHERIN
Eine längere Schulbildung konnten sich nur die höheren Töchter erlauben: Die Backfische lernten Klavier spielen, tanzen und Handarbeiten. Bücher waren nur etwas für Männer, wenn Frau doch zu eigener Lektüre kam, dann um besser parlieren zu können und die Herren in den Salons gut zu unterhalten.
SPRECHERIN
Das Vorbild in der Belle èpoque war die Pariser „sans ventre“ Linie: Sans heißt ohne und Ventre Bauch, der Name war Programm, so Melanie Haller.
ZSP 6 Melanie Haller - sans ventre Korsett
„Das Sans Ventre Korsett wie das der Begriff schon sagt, geht es darum den Bauch wegzudrücken und eine S-Linie herzustellen. Der Busen wird sehr hochgedrückt, die Taille eingeschnürt und hinten kommt ein großer Aufbau aus Stoffmassen drauf, das wurde durch die Tournüre erzeugt, eine Art Teilreifrock, den man sich um die Taille gebunden hat.“
MUSIK Die Kaiserin der Herzen 0.30 min.
SPRECHERIN
Über das Korsett kamen Unterröcke, Polster oder bienenkorbartige Gestelle für Brust und Popo – darüber wölbte sich dann irgendwann das eigentliche Kleid mit Volants und Rüschen. Eine bürgerliche Frau schleppte um 1900 nach zeitgenössischen Berechnungen rund 4,5 Kilogramm an Unterwäsche mit sich herum - die schweren Überkleider kamen dann noch dazu.
MUSIK Kaiserwalzer 0.54 min.
SPRECHER
Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts bildete sich Widerstand: In Großbritannien und den Vereinigten Staaten demonstrierten die Suffragetten für das Wahlrecht und auch auf dem europäischen Kontinent schieden sich am Korsett plötzlich die Geister. Und für diese neue geistige Beweglichkeit brauchte es auch mehr körperliche Bewegungsfreiheit. Also weg mit der zentnerschweren Stofflast und den engen Korsetts. Großen Anteil daran hatte auch die Entwicklung des Breitensports.
SPRECHERIN
Doch bis sich die Idee durchsetzte, dass Sport auch für den Frauenkörper gesund sein könnte, dauerte es lange. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es Frauen offiziell gestattet, Sport zu treiben. Melanie Haller von der Akademie für Mode und Design Hamburg
ZSP 7 Haller - Sport
„Es gab lange die These, dass Frauen nicht hüpfen sollen, damit ihre Gebärmutter nicht herausfällt. Es gab auch lange die Auffassung, dass der Frauenkörper sich gar nicht halten könnte, ohne Korsett. Darum gab es auch Kinderkorsette – weil es ganz lang die Überzeugung gab, dass die Frauen diese Stütze von außen brauchen. Und daran sieht man, dass Kleidungsgeschichte eben nie nur Modegeschichte, sondern immer auch die Geschichte der Medizin, der Gesundheit, der Überzeugung der Geschlechterbilder. “
SPRECHERIN
Es bildete sich eine Allianz aus drei illustren Lagern: Mediziner, Moralisten und Feministinnen. Sie alle hatten ihre ganz eigene Motivation, warum sie dem Schnürmieder den Kampf ansagten.
SPRECHER
Die Mediziner sorgten sich um die Gesundheit der Frauen und forderten mehr Bewegungsmöglichkeiten für den gesunden Körper.
SPRECHERIN
Den Moralisten war die Überbetonung der Taille mit herausgeputztem Hinterteil zu aufreizend. Einige hielten das Korsett sogar für einen verführerischen Köder der Prostituierten.
SPRECHER
Die Frauenrechtlerinnen wiederum verdammten es, weil es ihrem Ideal der beruflich und politisch aktiven, sportlich-emanzipierten Frau im Wege stand.
MUSIK Animals playing catch 0.45 min.
SPRECHERIN
Zur letzten Gruppe gehörte auch Emilie Flöge aus Wien.
ZSP 8 Jesse über Flöge 1
„Die Emilie Flöge ist eine moderne Frau gewesen aus meiner Sicht, eine selbständige Frau, eine Unternehmerin, eine Modedesignerin und ja eigentlich auch eine Geschäftsführerin.“
SPRECHERIN
Kerstin Jesse ist Expertin für die Wiener Kunstszene des 19. und Anfang 20. Jahrhunderts - zu der auch Emilie Flöge gehörte. Kerstin Jesse hat die Modeschule in Klagenfurt besucht und ist heute Kuratorin am Leopoldmuseum in Wien. Sie bedauert, dass Emilie Flöge häufig nur als „Lebensmensch“ von Gustav Klimt genannt wird, die der Malerfürst kurz vor seinem Tod ans Sterbebett zitierte:
ZITATOR 1 (Klimt, ächzend)
Die Emilie soll kommen.
SPRECHERIN
Emilie war dabei als Klimt die Kunstbewegung Secession mitbegründete und kannte auch die Gründerväter der Wiener Werkstätten, die sich allesamt eine Reform des Kunstverständnisses auf die Fahne geschrieben hatten. Dazu gehörte auch die Mode:
MUSIK Animals in nap 1.42 min.
SPRECHERIN
Die gelernte Schneiderin Emilie wollte Kleider nähen, die der Frau mehr Bewegungsfreiheit schenken sollte und die Trägerinnen nicht nur zur attraktiven Begleiterin, wenn nicht Beutetier für die Herren zusammenschnürte.
SPRECHER
In der Flöge-Biographie „Auf Freiheit zugeschnitten“ bei btb erschienen, beschreibt die Autorin Margret Greiner die Entwürfe Emilies:
ZITATORIN (gern junge Frauenstimme)
„Sie alle waren ja von den Reformideen angesteckt, die im Zuge der Wiener Werkstätten seit einigen Jahren aus England und Belgien nach Wien herübergeschwappt waren, aber niemand war so begeistert auf die neue Welle aufgesprungen wie Emilie. Zumindest was die Mode anging. Emilie war wirklich radikal – zumindest für sich selbst machte sie keine Kompromisse. Nicht nur die Hand, ihr ganzer Körper vibrierte, wenn sie zum Bleistift griff und ein Modell entwarf, das am Hals hochgeschlossen war mit einem Kragen wie ein textiles Kropfband, und vom Hals aus in weitem Fluss wie eine Tunika über den Körper fiel. Auch die Ärmel waren weit, öffneten sich sichelförmig. Nichts engte den Körper mehr ein, nichts stellte Körperteile als Signalmasten aus, nichts korrigierte mehr die Natur. Und wenn Emilie die Schere an den Stoff anlegte, sagte sie: Jetzt schneiden wir mal auf Freiheit zu! (S. 100)))
SPRECHERIN
Und Emilie wollte mehr: Sie wollte frei, kinderlos, unverheiratet und finanziell unabhängig sein und bleiben. Sie wollte einen eigenen Modesalon – für sich und ihre Schwestern. Beinahe undenkbar in der damaligen Zeit!
MUSIK Wild mammoth reduced 1.17 min.
ZSP 9 Jesse über Flöge 2
„Man musste ja damals wenn man verheiratet war, den Mann um Erlaubnis bitten, wenn man arbeiten gehen wollte. Man durfte nicht über das eigene Geld verfügen, den Wohnort bestimmen auch nicht. Also eigentlich war alles von der Einwilligung des Mannes abhängig. Sehr schwierige Zeiten für die Frauen. Und wenn dann eine Frau wie Emilie Flöge ihren eigenen Salon eröffnet, sich auch entscheidet nicht verheiratet zu sein, ihren Zielen und Wünschen nachgeht und sicher auch mit viel Neid und mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt hat, trotzdem hier mit Mut und Entschlossenheit vorangegangen ist und ihren Salon erfolgreich geführt hat.“
SPRECHERIN
1904 war es soweit: Der Salon „Schwestern Flöge“ öffnet seine Flügeltüren - eingerichtet in schlichtem schwarz-weiß im strengen Stil der Wiener Werkstätten, mit grauem Teppich über dem Fischgrät, einem langen Tisch mit schmalen Stühlen, auf die man sich mit Korsett und ausgestopftem Entenpopo gar nicht hätte setzen können. Hier sollten die modernen und gut betuchten Damen Wiens Haute Couture gewürzt mit einer Prise Widerstand einkaufen. Wer sich bei Flöges ankleiden ließ, der zeigte sich danach auch gern im Café Casa Piccola, las ein Magazin und rauchte demonstrativ tagsüber und dann auch noch in der Öffentlichkeit. Was damals für Frauen noch skandalös war. Bis zu 80 Näherinnen arbeiten für die Flöge Schwestern – teilweise im Homeoffice, wie man heute sagen würde.
MUSIK Cute rodent 0.54 min.
SPRECHERIN
Und Emilie freut sich, dass sich ihre privaten Französischstunden rentierten: Dank ihnen konnte sie souverän die Pariser Modenschauen besuchen und mit renommierten Stoffhändlern verhandeln.
SPRECHER
Inspiriert war sie natürlich auch von den korsettfreien Entwürfen von Designer Paul Poiret, der zu Beginn des 20. Jahrhundert das Schnürmieder aus der Haute Couture verbannt hatte. Seine Kreationen waren farbenfroh, mit großen Mustern, Pailletten und Federhüten. Poiret, der Party Boy der damaligen Fashionszene, erfand eine neue Silhouette – kleiner Busen, schmale Schultern, wallende Stoffkaskaden und orientalische Haremshosen. Die Hosen kamen bei den Käuferinnen nicht allzu gut an, aber die Silhouette setzte sich durch. Barbara Vinken, Romanistin und Modeexpertin an der LMU weiß aber um die Kehrseite der Medaille.
ZSP 11 Prof. Barbara Vinken, Literaturwissenschaftlerin und Modetheoretikerin: Paul Poiret (00:25 Sekunden)
„Poiret hat die Korsage abgeschafft, da musste jetzt aber der Körper seine Gestaltbarkeit im Kleid das heißt sein anderes Sein im Raum eigentlich durch Gymnastik kompensieren. Weil dieser Körper musste jetzt geschmeidiger sein, der musste schlanker sein und er konnte sich nicht mehr durch den äußeren Zwang der Korsage verlassen. Er musste im Prinzip, das was sonst am Körper nicht in Muskeln angelagert war, jetzt in Muskeln verändern.“
MUSIK Tanz der Zuckerfee 0.55 min.
SPRECHERIN
Inspiriert vom Balletts Russe (Aussprache: Ballé Rüss) eines der einflussreichsten, exotisch-erotischen Ballettensembles des 20. Jahrhunderts, war Poirets Ideal nun die gertenschlanke Tänzerin, die in leichtfüßigen Arabesken durchs Leben balanciert. Jeder Theaterabend war ein ausverkauftes Ereignis und die Besucherinnen kleideten sich „à l’orientale“, mit Turban, Federn. Auch Emilie Flöges Entwürfe waren in diesem Sinn Französisch, also für Frauen, die so schlank und flachbrüstig waren wie die Tänzerinnen des Balletts Russe - und auch wie sie selbst. Das so genannte Pariser Mode-Diktat erregte jedoch zuhause in Wien die Gemüter - als quecksilbrig und hüftlos wurden die Poiret- und Flöge-Mannequins tituliert. So wetterte der Maler Paul Sieger bei einem Vortrag in Richtung Emilie:
ZITATOR 2 (älter und gern Österreicher)
„Die welsche Mode passt nicht nach Wien. Arbeiten Sie daher mit uns zur Ehre des Vaterlandes, der Kunst und des Gewerbes, damit die Wienerin wieder als das erscheint, was sie ist und war, die Perle der Schöpfung, ein mudelsauberes, molliges und humorvolles Weib.
MUSIK Little Jumpers 1.20 min.
SPRECHERIN
Ob mudelsauber, sprich ordentlich oder nicht, ob vollbusig oder flach, ob Haute Couture oder Massenware – der erste Weltkrieg beendete schließlich viele Modediskussionen: Stoffknappheit, Arbeitskräftemangel sowie die neue Selbständigkeit der Frauen, die ihre Männer in der Fabrik und auf dem Acker ersetzen mussten, lockerten das Korsett des Kaiserreichs zunächst in Form des Reformkleides, um es schließlich hinwegzufegen - ebenso die bodenlangen Röcke, die langen Unterhosen, zahlreichen Unterkleider und Unterröcke und die aufwendigen Frisuren für die frau lange Haare brauchte. Ab dem 20. Jahrhundert nehmen die Unterkleider ab und die moderne Unterwäsche entsteht: Zwischen 1887 und 1914 meldeten allein sieben Tüftler aus fünf verschiedenen Ländern eine Art BH beziehungsweise „Brustverbesserer“ oder „Brustträger“ zum Patent an. Der Korsettfabrikant Sigmund Lindauer aus Stuttgart-Bad Cannstatt war der erste, der das revolutionäre Dessous in großem Stil industriell herstellte und professionell vermarktete.
SPRECHER
Das neue Ideal war die "Garçonne" – ein androgyner Frauentyp, propagiert von Modemacherin Coco Chanel, die die orientalischen Entwürfe ihres Konkurrenten Paul Poiret als „barbarisch“ tituliert hatte. Doch ohne Poirets Verbannung des Korsetts wären Chanels knabenhafte Mode, also schlichte Kostüme, günstige Stoffe und Matrosenhemden nicht möglich gewesen. Chanels Mode spielte mit den Geschlechtern - ihre Frauen wurden männlicher kostümiert, um sich im Business behaupten zu können. Was wiederum der Nährboden für Christian Diors femininen Nachkriegs-New Look war, den Chanel verabscheute und gar die Rückkehr der Korsage witterte.
SPRECHERIN
Und so variiert das Ideal, je nach Zeitgeist, zwischen mütterlich gerundet, androgyn flach oder barock und üppig. Jeder Trend evozierte einen Gegentrend. Die Hippiemädchen rissen sich die Büstenhalter vom Leib und feierten die neue radikale Natürlichkeit. Bis die Industrie dank Push Up-BHs die Rückkehr des virtuosen Dekolletés feierte. Je sichtbarer der Körper wurde, desto mehr stellt sich die Frage: Wie gestalten wir ihn? Melanie Haller von der Akademie für Mode und Design findet: Das Korsett ist in Wahrheit nie wirklich verschwunden.
MUSIK Plan of Animals 0.45 min.
ZSP 13 Haller - heute und Ideal
„Also das berühmte Lycra in den 60er Jahren ist dann ein ganz starkes Phänomen, oder eben das, was wir heutzutage die Shapewear nennen, ein hochelastisches Material oder was ich immer gern sage der Thrombosestrumpf für den Körper. Und eine Bewegung wäre dann in den letzten Jahren die Athleisuremode, dass wir alle Sportkleidung tragen, die sehr genau zeigen, ob ein Körper definiert ist oder nicht. Und diese Art der Ästhetiken reproduzieren sich auf Social Media, wenn es darum geht: ich habe durch die und die Bewegungsart meinen Körper in die und die Form gebracht und das ist ein neues Narrativ und eine neue Norm für Menschen, an denen sie sich immer abarbeiten müssen und sich denken, bei mir ist das wieder nicht optimiert oder jenes nicht. Wir haben einen unglaublich zugespitzten normativen Blick auf unsere eigenen Körper.
SPRECHERIN
Heute wissen wir, dass unsere Körper bewegt werden müssen, um gesund zu sein. Doch diese Erzählung hat sich zugespitzt - und so trainieren viele Frauen von heute wie einst Elisabeth von Österreich, um der schlanken Ästhetik der Jetzt-Zeit zu entsprechen.
ZSP 14 Haller - Schlussworte
Die Gestaltung des Körpers ist immer Kultur. Aber wir sollten schauen, welche Normen wir setzen und welche Einschränkungen, welche Diskurse, Umgangsweisen und Anmaßungen über andere Körper entscheiden zu können, in dieser Kultur immer noch präsent sind.
MUSIK Cute rodent 0.24 min.
ZSP 14 Haller - Schlussworte
Und ich würde sagen: Wir müssen dagegen kämpfen. Gerade für eine junge Generation. Was macht das eigentlich mit Menschen, wenn sie glauben, ihr Körper ist der falsche Körper? Dann ist es sehr schwer durchs Leben zu gehen. Ich fände es gut, wenn wir da ein bisschen offener werden würden.
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- Das Recht auf Urlaub - Wie es zur bezahlten Freizeit kam
08.09.2025 · 23 Min.
Sommer ist Urlaubszeit. Aber das Recht auf bezahlte Freizeit zum Ausspannen und Erholen war besonders für Arbeiter und Arbeiterinnen lange die Ausnahme. Vorreiter waren Brauereimitarbeiter in Stuttgart, die sich 1903 einen der ersten Tarifverträge mit einem bezahlten Jahresurlaub erstritten - allerdings nur drei Tage.Autor: Georg Gruber (BR2025) Credits Autor/in dieser Folge: Georg Gruber Regie: Irene Schuck, Christian Baumann, Marlen Reichert Es sprachen: Berenike Beschle Technik: Monika Gsaenger Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Hasso Spode, Historiker, langjähriger Leiter des „Historischen Archiv Tourismus“ an der TU Berlin Dr. Holger Starke, Historiker für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, im Vorstand der Gesellschaft für Geschichte des Brauwesens (https://ggb-berlin.de/de) Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Alles Geschichte - Der History-Podcast · URLAUB! Die Erfindung der Ferien · Podcast in der ARD Audiothek Ferien sind eine wunderbare Zeit, und das Bedürfnis danach ist nur menschlich. Dennoch ist die Idee, sich jedes Jahr einige Wochen Auszeit zu nehmen, ziemlich neu. Vor zweihundert Jahren war sie den Menschen so fremd wie der Gedanke, in einer großen Blechkiste um die Welt zu fliegen. (BR 2017) Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: Alles Geschichte – Der History-Podcast Literatur: Hasso Spode, Traum Zeit Reise, Eine Geschichte des Tourismus, BeBra-Verlag 2025 Hasso Spode, Urlaub Macht Geschichte, Reisen und Tourismus in der DDR, BeBra-Verlag 2022 (Hasso Spode ist der Historiker, der sich am längsten und intensivsten mit der Geschichte des Urlaubs, des Tourismus und des Reisens beschäftigt hat. Er war viele Jahre Leiter des Historischen Archiv zum Tourismus an der TU Berlin) Rüdiger Hachtmann, Tourismus-Geschichte, Vandenhoeck & Ruprecht 2007, (Umfassende kompakte Einführung zum Thema Tourismus mit kurzem Abschnitt über den Aspekt des bezahlten Urlaubs) Jürgen Reulecke, Die Entstehung des Erholungsurlaubs für Arbeiter in Deutschland vor dem ersten Weltkrieg, in: Dieter Langewiesche und Klaus Schönhoven, Arbeiter in Deutschland, Studien zur Lebensweise der Arbeiterschaft im Zeitalter der Industrialisierung, Schöningh-Verlag, 1981, S. 240-268 (Jürgen Reulecke hat sehr genau und detailreich die Geschichte des Urlaubs für Arbeiter bis zum Beginn des ersten Weltkrieges untersucht) Jürgen Reulecke, Vom blauen Montag zum Arbeiterurlaub, Vorgeschichte und Entstehung des Erholungsurlaubs für Arbeiter vor dem ersten Weltkrieg, in: Archiv für Sozialgeschichte 16 (1976). Jürgen Reulecke, Die Anfänge des Erholungsurlaubs für Arbeiter, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 31 (1980) S. 716-727 Sina Fabian, Geschichte des Reisens, Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, 2024 (Eine kurze kompakte Einführung in die Geschichte des Reisens) Christine Keitz, Reisen als Leitbild. Die Entstehung des modernen Massentourismus in Deutschland, dtv 1997. (Lesenswerte Untersuchung über die Ursprünge des Massentourismus) Karl Ihmels, Das Recht auf Urlaub. Sozialgeschichte Rechtsdogmatik Gesetzgebung, Athenäum Verlag 1981, (Eine der wenigen Abhandlungen aus juristischer Perspektive über das Recht auf Urlaub, Promotionsarbeit) Michael Schneider, Streit um Arbeitszeit. Geschichte des Kampfes um Arbeitszeitverkürzung in Deutschland, Bund-Verlag 1984 (Übersicht zum Thema Arbeitszeitverkürzung, mit interessanten Dokumenten im Anhang) Thomas Hofmann, Das Recht der Brauereiarbeiter am Ende des 19. und 20. Jahrhunderts, dargestellt insbesondere am Beispiel der Kulmbacher Brauereien, Verlag Dr. Kovac 2001. (Dissertation über die rechtliche Lage der Brauereiarbeiter, interessant auch mit Bezug auf Bestimmungen zu bezahltem Urlaub) Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin Das muss man sich mal vorstellen: Da hat man zum Beispiel monatelang am Bau Zementsäcke geschleppt und Gräben ausgehoben oder in Häusern Rohre verlegt. Und dann geht man mit seinem Urlaubsantrag zum Chef und erfährt: Urlaub? Völlig unnötig. Man habe sich ja bei der Arbeit schon erholt, so von wegen frische Luft und Bewegung. Undenkbar? Nein. Gar nicht. Denn so ähnlich war das früher. Aber der Reihe nach. Urlaub - das war ursprünglich ein Gnadenakt, auf den man keinen Anspruch hatte. Nachzulesen zum Beispiel in einem Universallexikon aus dem Jahr 1747: Zitator „Urlaub, Orlaub oder Verlaub heißt überhaupt nichts anders als die Erlaubniß, Nachsicht oder Vergünstigung derer Obern, daß ihre Untergebenen etwas thun oder unterlassen mögen, welches diesen sonst nicht frey gestanden hätte.“ 1. O-Ton Hasso Spode Erlaubnis bedeutete, sich von dem Hof, also dem Königshof oder vielleicht auch der Truppe für ein paar Tage zu entfernen. Und das machte man nicht aus reinem Vergnügen, sondern hatte man Familienangelegenheiten oder Geschäfte zu erledigen, oder was weiß ich. Sprecherin Erklärt der Historiker Prof. Hasso Spode, langjähriger Leiter des „Historischen Archivs Tourismus“ an der TU Berlin 2. O-Ton Hasso Spode Urlaub war Erlaubnis, sich irgendwo vom Hof zu entfernen. Aber bezahlt war da gar nichts. Musik 2 "After the Circus" - Komponist: Pawel Mykietyn - Album: EO (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'45 Sprecherin Der Radius der meisten Menschen war lange klein, oft nicht sehr viel weiter als bis zum nächsten Dorf oder zur nächsten Stadt. Weiter herum kamen Kaufleute und Hausierer sowie Handwerksburschen auf der Walz oder Pilger und Pilgerinnen. Zum Vergnügen zu verreisen oder zu Bildungszwecken ist bis ins 19. Jahrhundert ein Privileg des Adels und gehobener bürgerlicher Kreise. Die meisten anderen Menschen konnten sich das Reisen auch finanziell gar nicht leisten. Da sogar höhere Staatsbeamte keinen Urlaub erhielten, wurde es Mode, sich mit einem ärztlichen Attest eine Bäderreise genehmigen zu lassen in Kurorte mit heilenden Thermalquellen, wie Aachen, Wiesbaden oder Baden-Baden. 3. O-Ton Hasso Spode Da hat dann irgendwann die Reichsregierung, ich glaube es war 1873 kurz nach der Gründung des Kaiserreichs gesagt: Okay, wir machen jetzt Urlaubsregelungen für Beamte reichsweit. Die gab es ab 1873. Und bis zum Ersten Weltkrieg, dann also bis 1914, hatten praktisch alle Beamte Urlaub, und zwar von zwei Wochen, vier Wochen, teilweise sechs Wochen in den höheren Chargen. Sprecherin Das Beispiel der Reichsbeamten machte Schule, auch Landes- und Gemeindebeamte erhielten bald bezahlten Urlaub, gestaffelt nach Dienstgrad und Lebensalter. Ebenso in Handel und Industrie setzte sich die Idee durch, leitende und mittlere Angestellte so enger an das Unternehmen zu binden - damals wurden sie auch „Privatbeamte“ genannt. Siemens beispielsweise gewährte seinen Angestellten bereits 1873 zwei Wochen Erholungsurlaub, worauf die Arbeiter dort noch 35 Jahre warten mussten. Eine Begründung lautete lange: Arbeiter und Arbeiterinnen brauchen keinen Urlaub. Musik 3 "The Beginning" - Komponist: Pawel Mykietyn - Album: EO (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'43 Zitator „Es geht viel zu weit, einen Erholungsurlaub für Leute einzuführen, die nur körperlich tätig sind und unter die Gesundheit nicht schädigenden Verhältnissen arbeiten.“ Sprecherin Argumentierte etwa die Chemnitzer Handelskammer im Jahr 1906. Zitator „Für Beamte, die geistig tätig sind und häufig Überstunden arbeiten müssen, die auch keine körperliche Ausarbeitung bei ihrer Tätigkeit haben, erscheint die Erteilung von Erholungsurlaub gerechtfertigt. Für Arbeiter dagegen ist ein solcher Urlaub in der Regel nicht erforderlich. Die Beschäftigung dieser Personen ist eine gesunde. Eine geistige Anstrengung kommt nicht vor, auch von körperlicher Überarbeitung kann man nicht reden.“ 4. O-Ton Hasso Spode Sie müssen sich vorstellen, diese Klassengesellschaft im Kaiserreich: Es gab zehn Prozent der Bevölkerung, da hat man gesagt, die haben den weißen Kragen, das sind die, die in den Büros sitzen und dann an die 90 Prozent haben mit den Händen gearbeitet. Die hatten die blauen Kragen. Und diese Kragen-Linie, die zeigt sich wunderbar in der Urlaubsgewährung. Man hatte damals natürlich auch Ärzte, die das legitimiert hatten, dieses Privileg zu verreisen zu dürfen, die haben gesagt ja, dieses Arbeiten im Büro, das zerrüttet sozusagen die Nerven. Es gab dann eine Krankheit, die erfunden wurde, die hieß Neurasthenie. Die gibt es heute nicht mehr. Aber man könnte vielleicht dazu sagen Burn-out, so in der Art. Und das befällt nur diese armen Menschen, die im Büro sitzen und die anderen also, die mit den Händen arbeiten, die arbeiten ja super gesund. Die sind ja entweder an der frischen Luft auf dem Lande oder in schönen Fabriken können Sie sich den ganzen Tag ausarbeiten. Das war natürlich zynisch. Sprecherin In einigen kleineren Betrieben erhielten Arbeiter zwar schon ein paar Tage Urlaub, allerdings nur als Belohnung: für Fleiß, besondere Leistungen, Pünktlichkeit oder lange Betriebszugehörigkeit. Oft waren Firmenjubiläen, ein Geburtstag oder die öffentliche Ehrung des Inhabers der Anlass. Doch profitierten davon nur wenige: Schätzungen zufolge hatten im gesamten Deutschen Reich vor 1900 nur rund 10.000 Arbeiter irgendeine Form von Erholungsurlaub bekommen, also nicht einmal ein Prozent der gesamten Arbeiterschaft. Und meist nicht mehr als drei bis höchstens sechs Tage im Jahr. Vorreiter war das Buchdruckergewerbe. Aber: man war von der Gunst der Chefs abhängig, ein Rechtsanspruch bestand nicht. Zu den ersten Branchen, in denen ein Tarifvertrag abgeschlossen wurde, der auch bezahlten Urlaub beinhaltete, gehörten die Bierbrauereien. Hier war der Arbeitsalltag besonders hart. 5. O-Ton Starke Der Betrieb erfolgte im Prinzip rund um die Uhr, also es gab oft keine freien Sonntage. Urlaub auch nicht. Die Arbeitszeiten waren im Prinzip ungeregelt. Sprecherin Erklärt der Historiker für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Holger Starke. Er ist im Vorstand der Gesellschaft für Geschichte des Brauwesens. 6. O-Ton Starke Die Brauereiarbeiter wohnten in ihrer Mehrzahl innerhalb der Brauerei, wurden dort auch beköstigt. Und waren dann zu Stoßzeiten immer gehalten, den Betrieb aufrechtzuerhalten, beziehungsweise wenn es dort Unregelmäßigkeiten gab. Der Monatslohn inkludierte die ganzen Überstunden und Sonntagsarbeit und so weiter. Und die Arbeitszeit war weit weg von den Forderungen der Arbeitnehmerorganisationen, die ja damals schon acht Stunden forderten. Aber die waren üblicherweise 13 Stunden oder noch höher. Und das rund um die Uhr an sieben Tagen. Musik 4 "Kite" - Komponist: Pawel Mykietyn - Album: EO (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'43 Sprecherin 1903 wurde in Stuttgart der erste Tarifvertrag mit bezahltem Urlaub abgeschlossen. Einer der Gründe war, so vermutet Holger Starke, ein großer Gewerkschaftskongress, der dort ein Jahr vorher stattgefunden hatte. Damals war innerhalb der Arbeiterbewegung umstritten, ob man überhaupt Tarifverträge mit Unternehmen abschließen sollte. Die Reformer in den Gewerkschaften sagten ja, um die Lebensumstände der Menschen zu verbessern. Die Vertreter einer revolutionären Richtung sagten nein, denn solche Verträge würden die Arbeiterbewegung in das kapitalistische System integrieren und den revolutionären Elan abschwächen. 7. O-Ton Starke Die ersten Tarifverträge, die modernen Tarifverträge, die so um 1900 bis 1903 abgeschlossen wurden, die sind gewissermaßen genau in dieser Übergangszeit entstanden als die inneren Auseinandersetzungen in der Arbeiterbewegung noch nicht entschieden waren. Sprecherin Auch wenn der Stuttgarter Tarifvertrag nur drei Tage Jahresurlaub festschrieb, hatte er dennoch eine hohe Symbolfunktion: Er stärkte das Selbstbewusstsein der Brauereimitarbeiter und diente als Blaupause für weitere Verträge, etwa in Greiz in Thüringen oder in Sachsen, wo zeitgleich für bessere Arbeitsbedingungen gekämpft wurde. 8. O-Ton Starke Ende 1902 machte der Leipziger Brauereiverein schon einen Vorschlag an die Brauereiarbeiterschaft in Leipzig, einen Vertrag abzuschließen, der auch schon Urlaubsbestimmungen enthielt als Anspruch, den aber gerade die in Leipzig ja revolutionär gesinnte Sozialdemokratie vorerst noch ablehnte, das wurde dann 1903 im Sommer abgeschlossen, dieser Vertrag, also nach Stuttgart, nach Greiz. Sprecherin Und um diese Tarifabschlüsse durchzusetzen, wurde auch gestreikt. Und sogar zum Bierboykott aufgerufen: Wir trinken kein Bier mehr, wenn ihr nicht einlenkt! In den Folgejahren wurden auch in vielen anderen Orten Brauerei-Tarifverträge mit bezahltem Urlaub abgeschlossen, meist abhängig von der Dauer der Betriebszugehörigkeit. Musik 5 "Kite" - Komponist: Pawel Mykietyn - Album: EO (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'40 Zitator Im Tarifvertrag für München und Umgebung von 1905 erhalten Brauer nach einem Jahr eine Woche Urlaub. Maschinisten, Heizer, Bierführer und Reservebierführer, also die Arbeiter, die für den Transport der Bierfässer zuständig sind, müssen dafür hingegen drei Jahre beim gleichen Betrieb sein. Erst beim nächsten Tarifabschluss vier Jahre später bekommen auch Hilfsarbeiter, Ochsenknechte, Stallwärter, Tagelöhner, Flaschenfüllereiarbeiter sowie die Arbeiterinnen bezahlten Urlaub. Die Dauer: allerdings nur vier Tage. Sprecherin Aber selbst diese rigiden Regelungen blieben vor dem Ersten Weltkrieg noch die Ausnahme. Die Gewerkschaften selbst standen bezahltem Urlaub lange skeptisch gegenüber, auch weil er als ein Instrument zur Ruhigstellung der Arbeiter angesehen wurde, ein Mittel um - Zitator „Arbeiter und Angestellte an den Betrieb zu fesseln, sie in Abhängigkeit und Anspruchslosigkeit zu erhalten und dem gewerkschaftlichen Gedanken zu entfremden.“ Sprecherin Wie es in einem Artikel in der SPD nahen Zeitschrift „Die Neue Zeit“ von 1912 heißt. Wichtiger waren ihnen höhere Löhne, die Verkürzung der täglichen Arbeitszeit und bessere Arbeitsbedingungen. Auch auf politischer Ebene gab es nur wenige, die sich für das Thema einsetzten. 1909 hielt der sozialdemokratische Abgeordnete Emanuel Wurm das einzige ausführliche Plädoyer für Arbeiterferien vor dem Ersten Weltkrieg im Reichstag. Er forderte: Zitator (Emanuel Wurm, Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstages, Bd. 271, S. 325 f.) „Ruhepausen, die tagelang dauern, Ferien! Man darf heute das Wort aussprechen, das vor Jahrzehnten noch mit einem Hohngelächter aufgenommen worden ist. Wir verlangen, dass die Arbeiter Ferien bekommen, Urlaub mit voller Zahlung des Lohns.“ Sprecherin Aber noch gab es für eine gesetzliche Regelung keine Mehrheiten im Parlament. Zitator Emanuel Wurm „Aber die Zeit wird um so eher kommen, je stärker wir werden, wo auch auf diesen Gebieten von Ihnen Zugeständnisse gemacht werden müssen.“ Sprecherin Manchem Arbeiter war es schließlich auch nicht ganz geheuer, als er endlich Urlaub bekam. So wie jenem Vorarbeiter im AEG-Werk in Berlin, der 1916 nach zwanzigjähriger Betriebszugehörigkeit erstmals vier freie Tage erhielt und dennoch jeden Mittag vorbeikam, um nachzuschauen, ob nicht inzwischen jemand anderes an seinem Arbeitsplatz stand. Erst nach dem Ersten Weltkrieg stieg die Anzahl der Branchen, in denen Tarifverträge mit Urlaubsanspruch abgeschlossen werden konnten. Die gesellschaftliche Stimmung hatte sich verändert, erklärt der Historiker Hasso Spode: 9. O-Ton Hasso Spode In der Tat haben dann die Gewerkschaften in den 20er-Jahren für fast alle tariflich Beschäftigten einen Urlaubsanspruch durchgesetzt. Der war allerdings relativ gering, der war geringer als für Angestellte und Beamte, der dauerte so drei bis sechs Tage Urlaub im Jahr. Und dazu muss man sagen, dass erstens über ein Drittel der Arbeiter nicht tarifvertraglich erfasst waren. Das heißt, sie haben überhaupt keinen Urlaub gekriegt. Dann Saisonarbeiter, also Bauarbeiter vor allem kriegten keinen Urlaub. Heimarbeiterinnen waren es ja meistens, die kriegten auch kein Urlaub, und das Geld war superknapp, das weiß jeder. Die Weimarer Republik taumelte von einer Wirtschaftskrise in die nächste. Und da gab es die Regelung, der Abgeltung, davon haben ganz viele Arbeiter Gebrauch gemacht. Das hieß, nehmen wir mal an, die hatten sechs Tage Urlaub im Jahr, dann sind sie die sechs Tage trotzdem arbeiten gegangen und haben das doppelte Geld bekommen, also hatten die faktisch auch keinen Urlaub. Und die Reiseintensität, also der Anteil der Menschen, die jedes Jahr verreist sind, hat sich in der Arbeiterschaft eigentlich nicht groß erhöht, in den 20er-Jahren. Sprecherin Trotzdem wurde bezahlter Urlaub als große Errungenschaft gefeiert. Musik 6 "Kite" - Komponist: Pawel Mykietyn - Album: EO (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'25 Zitatorin „Wenigstens einmal im Jahr eine oder mehrere Wochen ausspannen, der ohne Unterbrechung unerträglichen Arbeitsfron entfliehen und sich als freier Mensch fühlen zu dürfen, das ist ein Ereignis im Leben des Arbeitnehmers, das seine Freude am Leben hebt und ihm Kraft gibt, sein im übrigen ernstes und schweres Dasein zu ertragen.“ Sprecherin Heißt es in einem Artikel aus der „Gewerkschaftlichen Frauenzeitung“ vom September 1925. Zitatorin „Eine tiefgehende Erbitterung würde alle um Lohn und Gehalt fronenden Menschen erfassen, wenn Ihnen der Urlaub, den sie sich so schwer erkämpft haben, genommen werden sollte, wie es die Absicht des Unternehmertums ist.“ Musik 7 "1l" - Album: Equilirium - Komponist: Peter Votava - Länge: 0'25 Sprecherin Die Weimarer Republik endete mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Die Gewerkschaften wurden zerschlagen, SPD und KPD verboten, also die Parteien, mit denen die meisten Arbeiter sympathisiert hatten. Urlaub war hier für die Nationalsozialisten ein Weg, die Arbeiter an das neue Regime zu binden. 10. O-Ton Hasso Spode Da hatte der Gründer der Kraft-durch-Freude Organisation beziehungsweise der Pseudogewerkschaft - die hieß Deutsche Arbeitsfront - Robert Ley hatte gesagt: Wir müssen das Herz der heimatlos gewordenen Arbeiter gewinnen. Das bringt es eigentlich genau auf den Punkt. Die sind heimatlos geworden. Man hat ihnen ihre ganzen Vereine zerschlagen, hat ihre Parteien und Gewerkschaft zerschlagen, und man musste ihnen was Positives bieten. Und da hat sich das Thema Urlaub und Urlaubsreisen angeboten. Und in diese Lücke ist das Regime reingestoßen mit sehr viel Erfolg zunächst. Also der Hauptgrund, weshalb sie das gemacht haben war die noch anfangs fragile Herrschaft zu stabilisieren und haben tatsächlich einiges auf die Beine gestellt in der Hinsicht. Sprecherin Die Kraft-durch Freude-Organisation KDF bot Reisen durch Sonderkonditionen für Bahnfahrten und große Gruppen so günstig an, dass sie auch für Arbeiter und Arbeiterinnen erschwinglich waren - zumindest die Tages- oder Wochenendausflüge. Bis Kriegsbeginn 1939 fanden über 40 Millionen solcher Fahrten statt, darunter etwa sieben Millionen längere Urlaubsreisen. Rund 700.000 Menschen nahmen sogar an einer der bergehrten Kreuzfahrten teil, etwa nach Norwegen, Madeira oder ins Mittelmeer. Ein Recht auf bezahlten Urlaub wurde von den Nationalsozialisten zwar nicht gesetzlich verankert, aber in zahlreiche Tarifordnungen aufgenommen. 11. O-Ton Spode Also fast jeder Arbeiter hatte jetzt Anspruch auf ein bis zwei Wochen, also auch die Bauarbeiter, auch die Frauen und Heimarbeiterinnen, auch die Jung-Arbeiterinnen und Arbeiter, die ursprünglich auch kaum Urlaub bekommen hatten. Also man kann sagen, sie haben bis zum Kriegsbeginn das Recht auf Urlaub in Deutschland durchgesetzt. Sprecherin Seit 1948 ist das Recht auf bezahlten Urlaub sogar in der UN-Menschenrechtscharta verankert, im Artikel 24.
- Flechten, Meister der Extreme
07.09.2025 · 25 Min.
Flechten sind faszinierende Mischwesen aus Pilz und Alge. Die etwa 18.000 Arten können bis zu 1.500 Jahre den schwierigsten Lebensbedingungen trotzen, doch auf die menschengemachte Luftverschmutzung reagieren sie sehr empfindlich. Viele Flechten produzieren wirksame Inhaltsstoffe, die auch für die Medizin interessant sind. Bernhard Kastner im Gespräch mit dem Biologen Thassilo Franke. Credits Autor dieser Folge: Bernhard Kastner Es sprachen: Bernhard Kastner im Gespräch mit Dr. Thassilo Franke Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Dr. Thassilo Franke, Biologe am BIOTOPIA Lab in München Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Neophyten, die eingeschleppten Pflanzen - Alles Natur JETZT ANHÖREN Queere Tiere? Alles Natur! JETZT ANHÖREN Was macht Moore so wertvoll? - Alles Natur JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Thassilo Franke: Flechten sind wahre Fundgruben für neue Arzneimittel. Thassilo Franke: Einerseits kommen Flechten mit den widrigsten Umweltbedingungen zurecht, andererseits zählen sie zu den Lebewesen, die am empfindlichsten auf Luftverschmutzung reagieren. Thassilo Franke: Flechten sind Lebensgemeinschaften aus Pilzen und Algen. Bernhard Kastner: Alles Natur Thassilo Franke: Flechten - Meister Extreme Musik hoch Bernhard Kastner: Der Biologe Thassilo Franke vom BIOTOPIA LAB in München und ich, wir sind hier auf einem Feldweg bei Oberschleißheim in der Nähe von München. Wir stehen an einem Gebüsch-Hein, überall um uns herum sind Felder, Wiesen und Äcker. Und hier, in diesen Büschen an den Ästen, da sind wir auf der Suche nach den heutigen Protagonisten unseres Gesprächs. Thassilo Franke: Wir befinden uns hier an einem Feld-Hein und die ganzen Gehölze, die wir hier zu unserer Rechten sehen, die haben vollkommen gelb überkrustete Zweige und diese gelbe Kruste, das ist genau das, worum es in unserem heutigen Beitrag geht. Das sind nämlich Flechten. Bernhard Kastner: Also wenn ich die mir jetzt so anschaue, die haben so eine ganz satte curry-gelbe Farbe, die sind wie so Inseln, die sich um die Äste oder um die kleinen Stämme wickeln. Schaut ein bisschen trocken, schuppig aus … Thassilo Franke: Ja, genau, und was man hier sieht und auch auf den ganzen Sträuchern hier in der Umgebung, was hier alles so gelb einkrustet, das ist die Gemeine Gelbflechte. Und sie gehört zu einer riesigen Verwandtschaft von Lebewesen, von denen man bisher ungefähr 18.000 Arten kennt und die auf der ganzen Welt verbreitet sind, die schon seit über einer halben Milliarde Jahre auf unserer Erde zu Hause sind. Und es gibt ganz winzige Flechtenarten, die im Inneren vom Gestein leben, die auf der Oberfläche von Blättern leben. Und auf der anderen Seite gibt es auch Riesen-Flechten, die wie Girlanden meterlang von den Bäumen herunterhängen. Und überhaupt ist diese Gruppe dafür bekannt, dass sie die Meister der Extreme sind. Also sie kommen wirklich in den Kältewüsten der Antarktis vor, sie kommen auf entlegenen atlantischen, ozeanischen Inseln vor, wo es sonst kaum andere Lebewesen gibt. Sie kommen in Hochgebirgen vor bis über 7.000 Meter, und man findet sie auch in den Tieflagen des Amazonas-Regenwaldes. Bernhard Kastner: 2.25 Sie haben jetzt gerade gesagt ‚eine Gruppe von Lebewesen‘, wir wollen es natürlich genauer wissen: welche Gruppe? Sind es Pflanzen, sind es Pilze, sind es Tiere, sind es Moose? Thassilo Franke: Flechten sind keine Moose, also das können wir schon mal ausschließen. Was die anderen Gruppen, die Sie erwähnt haben, betrifft, nämlich die Pilze und die Algen, da wird die Sache schon komplizierter. Also, wenn wir die Flechten jetzt rein taxonomisch betrachten, dann würde ich sie folgendermaßen definieren: wir haben es hier mit Pilzen zu tun, und zwar genau genommen mit ‚Schlauchpilzen‘, die mit Algen in einer Lebensgemeinschaft leben. Und wenn man aber das Ganze ökologisch sieht, weil nämlich diese Lebensgemeinschaft von wirklich essenzieller Bedeutung ist, da kann man dann von ‚Mischwesen‘ sprechen oder von ‚Doppellebewesen‘, weil nämlich das zwei Partner sind, die auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen sind und auch ganz neue Formen hervorgebracht haben, die es ohne diese Lebensgemeinschaft so gar nicht gegeben hätte. Bernhard Kastner: 3.22 Ich schaue mir jetzt aber gerade diese gelben Flechten hier in den Ästen an: Wo genau ist der Pilz? Und wo ist die Alge? Algen sind grün. Ich sehe hier nur eine gelbe Oberschicht. Wo ist Pilz und Alge? Thassilo Franke: 3.04 Das, was Sie auf den ersten Blick sehen, ist immer der Pilz. Und der Pilz trägt eigentlich auch den Namen, der für die ganze Flechte gebräuchlich ist. In dem Fall ist es die Gemeine Gelbflechte. Und da ist der Name des Pilzes oder der wissenschaftliche Name der Flechte Xanthoria Parietina. Und diese Flechte beherbergt in ihrem Inneren Algen und diese Algen, das sind winzig kleine, kugelförmige, mikroskopisch kleine Grünalgen, Und man sieht von den eigenen natürlich erst mal auf den ersten Blick nichts, weil die sind, wie gesagt, mikroskopisch klein im Inneren der Flechte. Aber wenn man mal schaut, also, wenn Sie sehen, ich habe hier am Boden so einen nassen Ast gefunden. Wenn man ihn danebenhält, dann ist er doch ganz grün?! Bernhard Kastner: Ja total – und zwar giftgrün… also richtig grün! Thassilo Franke: 3.04 Und das liegt einfach nur daran, dass hier die ganzen Hohlräume in der Flechte von Feuchtigkeit vollgesogen sind und auf die Art und Weise dieses pilzliche Fadengeflecht durchsichtig erscheint. Und dadurch sieht man eben, dass da was Grünes drin ist, und das Grüne sind die Algen. Bernhard Kastner: Also kann ich mir das so vorstellen, dass der Pilz die Hülle, den Deckel und die Umrandung, von der Alge bildet?! Thassilo Franke: Das Gehäuse dieser Alge! Also die Algen wohnen im Inneren dieser Flechte. Und das ist eigentlich auch das, was diese diesen Flechten-Pilz für die Alge so wertvoll macht, weil er ihr praktisch Logis bietet. Das heißt, die Alge haust im Inneren der Flechte. Und dann fragt man sich natürlich, woher kommt die Kost, wenn die Logis vom Flechten-Pilz für die Alge kommt, die Kost für beide? Die liefert die Alge, weil die Alge ist imstande, Photosynthese zu betreiben, Zucker zu produzieren. Einen Teil des Zuckers, den behält sie für sich selbst und einen weiteren Teil des Zuckers kann sie an ihren Vermieter praktisch, an den Pilz abgeben. Und dadurch ist es eben eine hervorragende Lebensgemeinschaft. Bernhard Kastner: 5.26 Also der Pilz profitiert, weil er sich die Nährstoffe von der Alge zieht. Die Alge ernährt den Pilz. Aber was hat die Alge davon? Thassilo Franke: Die Alge profitiert in vielerlei Hinsicht davon. Auf der einen Seite ist natürlich dieses Pilzliche, man spricht da von einem Myzel, von Farben-Geflecht oder bei den Flechten, weil das so kompakt ist, nennt man dieses pilzliche, ganz dichte Fadengeflecht auch ‚Lager‘, also dieses Pilzlager ist wie eine schützende Hülle. Das heißt, es schirmt die Algen in ihrem Inneren vor UV-Strahlung ab, vor extremen Temperaturunterschieden, auch vor Fressfeinden und Krankheitserregern. Bernhard Kastner: Und dieses System, das Sie so beschrieben haben, also, dass der Pilz die Hülle bildet, dass der Pilz die Alge schützt, umhüllt … diese Symbiose der beiden, dieses wechselseitige Geben und Nehmen, das betrifft nicht nur diese flachen Flechten, sondern alle Flechten? Es gibt ja wohl mehrere Arten von Flechten. Ich kann mich erinnern, wenn wir beim Bergwandern früher waren oder auch beim Skifahren, da sieht man ja diese Flechten, die so ganz wie so lange graue Haare von den Bäumen hängen. Ist da das gleiche System, dass eine Hülle der Pilz und innen eine Alge ist? Thassilo Franke: 6.35 Ja genau! Was Sie da ansprechen, was Sie da beim Skifahren beobachtet haben, das sind sogenannte ‚Bartflechten‘. Die heißen auch auf Englisch ‚Methusalems Bart‘, also die hängen wie Bärte von den Ästen runter. Und der Grund, warum sie so wachsen, ist, dass sie eine Oberflächenvergrößerung haben, auf der einen Seite und dann eben auch als Nebelkämmer. Sie kommen also in sehr feuchten Tälern vor normalerweise diese Bartflechten, als Nebelkämmer, den Nebel, deren diesen Tälern aufsteigt, regelrecht auskämmen können und auf die Art und Weise das gesamte System mit Feuchtigkeit versorgen können. Also das sind Bartflechten, die gehören mit den Strauchflechten in eine Gruppe. Es gibt aber auch noch andere Formen, Sie haben die beim Skifahren wahrscheinlich oder beim Bergsteigen auch schon oft gesehen. Die Krusten-Flechten, das sind Flechten, die auf Felsoberflächen wachsen, die also mit einer mit der Unterseite fest auf der ganzen Fläche mit dem Felsen verbunden sind. Und auf der anderen Seite gibt es dann noch Laub-Flechten, das sind Flechten, zu denen auch die Flechten hier gehören, einige der Flechten, die man hier sieht, die nur an einer Stelle mit der Unterlage verwachsen sind und auf die Art und Weise, Ober- und Unterseite gleichzeitig dem Licht entgegen richten können und so mehr Photosynthese betreiben können. Und solche Laub-Flechten findet man vor allem an der Rinde der Bäume oder auch auf dem Boden. Und dann gibt es noch eine weitere Gruppe, die Gallert-Flechten, die ganze gelatinös sind und die hauptsächlich nicht mit Algen zusammenleben, sondern mit Zualo-Bakterien. Bernhard Kastner: 7.35 Aber wir gehen jetzt zurück zu diesen kleinen gelben Flechten. Ich kenne die ja von mir zu Hause. Ich wohne in der Nähe vom Ammersee. und in den letzten Jahren habe ich das beobachtet, wenn dann die Blätter runterfallen, dass die Äste, die früher so braun-grau waren, heute immer mehr wirklich auch diese gelb-grüne Farbe annehmen. Und ich dachte bis jetzt, das ist ein Schädling, der dem Baum schadet. Aber das ist ja anscheinend nicht so?! Thassilo Franke: 8.23 Also Flechten, auch wie hier, wenn man hier mal hinschaut, da sind ja die Äste bis zu den Ansatzstellen der Blätter komplett eingekrust, da könnte man wirklich meinen, wir hätten es mit Parasiten zu tun. Aber in Wirklichkeit schaden die Flechten den Bäumen und Sträuchern, auf denen sie wachsen, nicht. Sie sind vollkommen autark. Also sie haben auch überhaupt keine Saugorgane, mit denen sie jetzt irgendwie Pflanzensaft saugen könnten, sondern sie versorgen sich ja durch ihre gelungene Lebenspartnerschaft mit den Algen komplett selbst. Also, was Sie da beobachtet haben, das ist wahrscheinlich auch die Gemeine Gelbflechte und warum wir hier an diesem Feld-Hein stehen, wo auch alle Äste der Sträucher dick gelb überkrustet sind, das hat einen ganz bestimmten Grund. Und zwar hat diese Flechtenart eine besondere Vorliebe für Ammoniak. Und Ammoniak ist ja ein Gas, was entsteht, wenn Gülle ausgebracht wird, also im Urin von unseren Nutztieren, da ist ja sehr viel Harnstoff enthalten, und wenn dann dieser Harnstoff abgebaut wird, dann wird dieses stechend riechende Gas dieser Ammoniak freigesetzt. Und dieser Ammoniak in Form von Ammonium-Ionen, der wird dann von dieser Gelbflechte aufgenommen und ist für deren Überleben wichtig. Und was auch noch hinzukommt, dass es eben ganz viele andere Flechtenarten gibt, die mit Ammonium nicht zurechtkommen, also für die Ammonium schädlich ist und deswegen hat sie einen unglaublichen Konkurrenzvorteil und ist mit Ausnahme einiger anderer Flechten, die auch gerne Ammonium mögen, eine der wenigen Flechten, die hier in diesen Feld-Reihen oder auch ein Gärten zurechtkommt mit der Situation. Und deswegen ist hier eben alles so gelb überkrustet. Bernhard Kastner: 9.40 Das finde ich jetzt total spannend, denn wir haben ja am Anfang gehört, dass die Flechten, wie der Titel der Sendung ja auch schon sagt, wahre Meister der Extreme sind. Sie können also unter extremen Lebensbedingungen im Eis, in der Hitze, in der Kälte in der Trockenheit überstehen. Auf der anderen Seite scheinen sie, was die Zunahme von dieser Gelbflechte hier zeigt, sehr empfindlich auf Umwelteinflüsse, auf Luft-Veränderungen zu reagieren?! Thassilo Franke: 10.23 Was Sie ansprechen, das ist ja eigentlich wirklich ein Paradox. Auf der einen Seite haben wir es mit den robustesten Lebewesen überhaupt zu tun. Auf der anderen Seite sind aber genau diese Lebewesen, die, die am empfindlichsten auf Luftverschmutzung reagieren. Also man kennt einige Flechtenarten, wie zum Beispiel die Riesen-Bartflechte, die früher in den Alpen weit verbreitet war und zum Teil sogar bis ins Flachland runterging. Und diese Flechte ist mittlerweile in Deutschland komplett verschwunden. Sie ist bei uns ausgestorben. Und da fragt man sich, warum? Und die Ursache dafür ist eine Substanz, nämlich das Schwefeldioxid. Schwefeldioxid ist ein Gas, was vor allem bei der Verbrennung von fossilen Rohstoffen freigesetzt wird, und was sich dann über chemische Reaktionen umwandelt in schwefelige Säure. Und die, das kennen Sie sicher noch aus den 80er-Jahren, die verantwortlich ist für den berühmten Sauren Regen. Und dieser Saure Regen, der ist natürlich schädlich für Bäume, aber der Saure Regen ist der Tod für die allermeisten Flechten und besonders für so empfindliche Arten wie die Riesen-Bartflechte. Bernhard Kastner: 11.38 Und wie kommt dieses Schwefeldioxid in die Alpen? Thassilo Franke: Ja also wie das Schwefeldioxid in die Berge kommt, klar mit dem Fernverkehr natürlich, damals gab es ja auch schon Eisenbahnen, die durch die Berge gefahren sind und dort wurde auch Kohle verheißt. Und da ist das dann sehr viele Schwefeldioxid freigesetzt worden, aber natürlich nicht ansatzweise so viel wie in den Industriegebieten oder in den Städten. Aber die Riesen-Bartflechte hat eine gewaltige Oberfläche, weil sie als ‚Nebelkämmer‘ dort eben auch den Nebel auskämmt, und mit dieser feuchten Luft natürlich riesige Mengen von dieser schwefeligen Säure auch aufgesaugt hat. Und das hat ihr einfach sehr schnell den Garaus gemacht. Ja, aber ganz geballt tritt dieses Problem natürlich in den Städten auf. Also früher hat man viel mit Kohle geheizt und auch die Industriegürtel um die Städte rum, da wurden sehr viele fossile Rohstoffe zur Energiegewinnung verbrannt, und man hat ja auch immer so Smog-Glocken über den Städten gehabt. Und das hat dazu geführt, dass in den Stadtzentren, die haben sich in wahre Flechten-Wüsten verwandelt, sodass die gesamte Flechten-Flora zusammengebrochen ist, bis auf ein, zwei Arten, die das vielleicht irgendwie noch ausgehalten haben. Und das wurde aber sehr schnell bemerkt von Spezialisten. Und die haben dann die Idee entwickelt, man könnte ja die Flechten nutzen, um die Luft-Güte zu bestimmen. Und da entstand dann in den 70er-Jahren die Flechten-Kartierung. Man hat also an bestimmten Stellen im Untersuchungsgebiet dann immer die gleichen Stellen wieder besucht und die die Flechten dort kartiert und ist zu den Stellen wieder zurückgekehrt und hat geschaut, ob es weniger geworden sind, ob es mehr geworden sind und vor allem auch qualitativ, was für Flechtenarten überhaupt da sind, ob wieder eine Art verschwunden ist aus einem Sampling, oder ob vielleicht sogar einer dazugekommen ist. Es kann auch sein, dass die Luftqualität sich verbessert, und man hat dann tatsächlich auch so nach einer Weile erkannt, vor allem in der Mitte der 90er-Jahre, dass plötzlich Flechten wieder in die Städte zurückgekommen sind, also auch in Gebiete, wo es früher gar keine Flechten mehr gegeben hat. Man hat ja Maßnahmen ergriffen: Man hat Rauchgasentschwefelungsanlagen eingebaut, in die die Verbrennungsanlagen in den Kraftwerken. Man hat Treibstoffe, auch entschwefelt, bevor sie überhaupt verbrannt wurden. Und man kann wirklich sagen, also die Schwefeldioxidbelastung ist in den letzten 20 Jahren irrsinnig zurückgegangen, und das hat natürlich zur Folge gehabt, dass dann die Flechten, die so empfindlich auf Schwefeldioxid reagieren, dann auch wieder in diese freigewordenen Habitate wieder zurückgekehrt sind und die Städte wieder besiedelt haben. Bernhard Kastner: Also ist die Fläche ja wirklich ein Bioindikator für gute Luft?! Thassilo Franke: 14.09 Genau, man kann sagen, ein Bioindikator für gute Luft, aber eigentlich nur eingeschränkt. Also es ist ja so, die Flechten kamen zurück, und man hat aber dann sehr schnell gemerkt, Moment, das sind aber nicht die Flechtenarten, die vorher da waren. Man hatte ja die Herbarien in den Staatssammlungen, da konnte man ja sehr genau nachschauen, was die Leute früher im neunzehnten Jahrhundert zum Beispiel in den Städten gesammelt haben und was man jetzt dort auf den Baumstämmen hatte. Und auf den Hauswänden waren ganz andere Flechtenarten als früher, und zwar, man hat festgestellt, diese Flechten sind Flechten, die man sonst eher aus der Umgebung von landwirtschaftlichen Betrieben kannte, wie zum Beispiel diese Gemeine Gelbflechte hier hinter uns. Und da stellte sich die Frage, warum kommen denn die in die Städte zurück? Und die Antwort war die: Die sind zwar jetzt zurückgekehrt, weil das Schwefeldioxid-Problem gelöst war, aber sie waren Indikatoren, also Zeiger für ein anderes Problem, was sich in Städten breitgemacht hat, nämlich die Stickstoffbelastung. Bernhard Kastner: 15.10 Und wo kommt die Stickstoffbelastung her? Thassilo Franke: Also 95 Prozent der Stickstoffbelastung durch Ammoniak kommt ja aus der Landwirtschaft, und nur fünf Prozent hat man in diesen städtischen Gegenden eigentlich gemessen. Und da fragt man sich: wo kommen denn diese fünf Prozent her? Und die die Entdeckung, die war eigentlich sehr überraschend. Der Ammoniak kommt aus den Katalysatoren der Autos, also ein Nebenprodukt bei diesen Reaktionen, die in dem Katalysator ablaufen, ist dieser Ammoniak. Und eine Aufgabe ist ja, dass man eben Stickoxide vermeidet. Auf der anderen Seite kommt aber eben Ammoniak hinten aus dem auf Auspuff raus. Und jetzt passiert Folgendes: jetzt geht dieser Ammoniak in die Luft, und gleichzeitig gehen auch Stickoxide in die Luft. Und wenn die sich dann in der Atmosphäre in Gegenwart von Ozon und Wasserdampf begegnen, dann bildet sich ein Salz, und zwar das Ammoniumnitrat und das Ammoniumnitrat ist ein Feststoff und als Feststoff bildet er Staub. Und das ist dann der berühmte Feinstaub, der sich dabei den Städten bildet, Also 50 Prozent - die Hälfte - müssen Sie mal bedenken von dem Feinstaub ist nicht Reifenabrieb, Ruß oder Bremsbelege-Abrieb, was man sonst immer so unter Generalverdacht hat, sondern die Hälfte des Feinstaubs, ist Ammoniumnitrat! Und dieser Feinstaub, der rieselt natürlich dann wieder auf die auf die Erde runter. Da schwebt nach unten, der setzt sich hier auf den Ästen der Bäume fest, und wenn dann dort diese Gemeine Gelbflechte, wächst, dann ist die wie im Schlaraffenland. Musik Bernhard Kastner: 16.56 Sie hören radioWissen hier auf Bayern2 und ich unterhalte mich heute in unserer Gesprächsreihe ‚Alles Natur‘ mit dem Biologen. Dr. Thassilo Franke von Biotopia LAB in München, und wir sprechen über die Flechten, und die haben sie ja wirklich in sich. Thassilo Franke: Ja, das kann man wirklich so sagen. Also Flechten, die Pilzpartner von Flechten, das sind reine Fabriken für interessante chemische Substanzen, die dort erzeugt werden von dem Organismus. Und diese Substanzen sind zum Beispiel tumorhemmende Substanzen, die die arzneiliche interessant sind. Es sind Substanzen dabei, die antibakteriell wirken, entzündungshemmend wirken. Und das weiß man auch schon sehr lange. Man weiß zum Beispiel auch, dass in sehr vielen verschiedenen Kulturen auf der Welt Flechten als Wundverband früher verwendet wurden, aber auch heute noch, zum Beispiel im Himalaja, eine ganz wichtige Bedeutung haben. Es heißt, wenn sich jemand verletzt und die Wunde anfängt zu eitern, dann wird dann eine Flechte draufgelegt und das Ganze gut verbunden, weil man eben weiß, dass diese Flechte entzündungshemmende antibakterielle Wirkungen hat. Und diese Wirkung, das Flechten, Inhaltsstoffe Bakterien abtöten können, das wussten auch schon die Alten Ägypter. Und die haben zum Beispiel die Leibeshöhle von mumifizierten Toten mit Flechten ausgefüllt, aber auch Flechten auf dem Körper verteilt und zwischen den Bandagen. Und das hat dann eben dazu geführt, dass diese einbalsamierten Körper nicht von Bakterien zersetzt wurden, weil sie eben von diesen Flechten davor geschützt wurden. Und eine der Flechten, die da immer wieder nachgewiesen werden konnte, das ist eine Flechte mit dem etwas irreführenden Namen Baummoos. Und dieses Baummoos hat auch noch andere interessante Inhaltsstoffe. Und die sind auch schon seit vielen, vielen Jahrhunderten als Parfümstoffe bekannt und vor allem in Südfrankreich, da, wo ja die meisten Parfüms herkommen, werden die schon seit langer Zeit aus diesen Flechten herausisoliert. Und das sind die Grundsubstanzen eigentlich in einer ganzen Reihe von sehr gängigen klassischen Parfüms. Bernhard Kastner: Ja, und teilweise sind die Inhaltsstoffe von Flechten ja auch ziemlich giftig?! Thassilo Franke: Ja, also, was Sie da ansprechen, das ist die Wolfsflechte, die den schönen wissenschaftlichen Namen Letharia Vulpina hat. Letal, Sie kennen den Ausdruck letal, Letharia, die Tödliche; Vulpina heißt, die den Fuchs tötet, wenn man so will. Vulpius ist der Fuchs, weil man eben früher damit Wölfe und Füchse vergiftet hat, indem man die Flechten pulverisiert hat und dann Fleischköder eben da damit behandelt hat. Und wenn dann der Wolf kam oder der Fuchs kam und von dem Fleisch gefressen hat, dann ist er gestorben. Und die Ursache dafür war ein ganz heimtückisches Gift, nämlich die Vulpin-Säure. 19.54 Bernhard Kastner: Und einen dieser vielen, vielen Inhaltsstoffe kennen wir alle wohl. Oder die meisten von uns gerade jetzt in der Erkältungszeit. Das sind Präparate aus dem sogenannten Islandmoos. Aber Achtung der Name leitet in die Irre: Es ist kein Moos?! Thassilo Franke: 20.01 Ja, da haben wir schon wieder Baummoos, Eichenmoos und jetzt ist Islandmoos alles keine Moose, sondern Flechten. Aber das sind genau diese kleinen, bräunlichen Pastillen, die wahrscheinlich jeder schon mal gelutscht hat, die dann so angenehm, gerade wenn man einen kratzigen Hals hat, so eine schöne Schleimschicht dort auf den auf den wunden Stellen in der Luftröhre dort verteilen. Und dieser Schleim - es ist wirklich Schleim, der da drin ist. Es ist der sogenannte Lichnin. Lichnin wird auch ‚Flechten-Stärke‘ genannt, und in diesem Schleim sind dann auch noch antiseptische, antibakterielle Substanzen, die enthalten, legen sich schön über die entzündete Stelle und führen dann zu einer schnellen Abheilung eben dieses Problems. Bernhard Kastner: 20.47 Das sind ja jetzt schon einige hochwirksame Wirkstoffe, über die Sie hier gesprochen haben. Aber es sind noch längst nicht alle in den Flechten vorhandenen Stoffe entdeckt worden?! Thassilo Franke: 20.55 Ja, genau. An den staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns hat eine Forschergruppe vor kurzem eine ganz interessante Entdeckung gemacht. Und zwar, sie haben sich die Erbinformationen von verschiedenen Flechtenarten genauer angeschaut und haben dann Gene entdeckt, die bestimmte arzneilich interessante Substanzen codieren. Also ganz einfach formuliert, haben sie in der Erbinformation verschiedene Rezepte gefunden, die für diese arzneilich interessanten Inhaltsstoffe die Ursache sind. Und sie haben mehr solche Rezepte gefunden, als Inhaltsstoffe bekannt sind. Und das hat ihnen natürlich dann wiederum den Rückschluss erlaubt, dass man noch erwarten kann, sehr viele arzneilich interessante Stoffe in Flechten zu finden, die man heute noch gar nicht kennt, aber von dem man schon weiß, dass sie da sein müssen, weil man ihre Rezepte gefunden hat. Bernhard Kastner: Also, auf der einen Seite sind Flechten noch längst nicht erforscht, noch längst wissen wir nicht alles über die Inhaltsstoffe von Flechten. Auf der anderen Seite wissen wir, dass viele Flechten schon ausgestorben sind oder in ihrer Existenz bedroht sind. Das ist jetzt also ein Wettlauf mit der Zeit. Da frage ich mich kann man Flechten nicht gezielt züchten oder sie kultivieren, vermehren, anpflanzen wie zum Beispiel andere Arzneimittelpflanzen auch?! Thassilo Franke: 22.15 Ja, so dass mit den Flechten züchten ist in der Tat ein Problem also großflächig züchten sowieso eigentlich ausgeschlossen und hat tut sich ja schon im Labor schwer, die zu züchten, weil man einfach diese Wachstumsbedingungen sehr schwer simulieren kann, die Flechten zum Leben brauchen. Außerdem ist es so, dass die meisten Flechtenarten auch sehr, sehr langsam wachsen. Es gibt Flechten, die wirklich nur einen Bruchteil von einem Millimeter pro Jahr Zuwachs haben und die weit über tausend Jahre alt werden können, trotzdem nur die Größe von meiner Handfläche vielleicht haben. Und solange kann man natürlich nicht warten, wenn man einen Organismus züchten will, den man eben auch wirklich nutzen möchte. Es heißt hier ist man tatsächlich immer noch auf die Wild-Flechten angewiesen. Bei Flechten ist es ja so, dass sie sich einerseits über Born formieren sowie Pilze, die dann natürlich aber da, wo sie landen, dann auch den passenden eigenen Partner finden müssen, was gar nicht so einfach zu sein scheint. Musik Bernhard Kastner: Also mit der Zucht und der Kultivierung von Flechten sieht's noch nicht so rosig aus. Umso wichtiger ist es, dass wir die Flechten, die wir kennen und die wir haben und noch längst nicht erforscht und verstanden haben, schützen. Ich danke Ihnen für dieses wirklich interessante Gespräche. Ich hab wieder sehr viel gelernt, und ich freue mich schon auf das nächste Mal. Thassilo Franke: Ja, ich freue mich schon sehr auf die nächste Sendung Musik out
- Der Schulweg - früher und heute, hier und anderswo
05.09.2025 · 22 Min.
Elterntaxi, Schulbus oder stundenlanger Fußmarsch - allmorgendlich machen sich zig Kinder auf den Weg zur Schule. Wie hat sich dieser Weg im Laufe der Jahrhunderte verändert? Und wie sieht er in anderen Ländern aus? Credits Autorin dieser Folge: Susanne Hofmann Regie: Frank Halbach Es sprach: Stefan Wilkening Redaktion: Maike Brzoska Im Interview: Prof. Dr. Rudolf Egger, Professor für Pädagogik am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft der Karl-Franzens-Universität Graz, Fachbereichsleiter Empirische Lernweltforschung Saskia Haspel, Gründerin und Leiterin der österreichischen Montessori-Akademie in Wien Malte Pfau, Campaigner für Bildung der Kindernothilfe Linktipp: - Malte Pfau: Zur Schule ohne Hindernisse – Was Schulwege weltweit mit dem Kinderrecht auf Bildung zu tun haben, 2023: https://www.bildungskampagne.org/zur-schule-ohne-hindernisse-was-schulwege-weltweit-mit-dem-kinderrecht-auf-bildung-zu-tun-haben HIER gehts zur Website Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Einschulung: Tipps für den perfekten Schulanfang auf ARD alpha HIER ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLER Wenn Frieda Specker, geboren 1932 in Augsburg, von ihrem Schulweg erzählt, blitzen ihre Augen vergnügt. Sie erinnert sich noch genau an ihre Erlebnisse, damals vor mehr als 80 Jahren: MUSIK ENDE 1. ZUSPIELUNG Frieda Specker „Also wir sind mit Freundinnen und mit meiner Schwester immer gemeinsam in Schule gegangen, haben Blödsinn gemacht. Und es war immer schön. Im Winter haben wir Schneeballen in die Kirch nei geschmissen oben, und wenn meine Mutter kein Brot mehr hatte, dann haben wir zehn Pfennig gekriegt. Und dann hat sie gesagt: Aber nicht mit Kuchen vertun, sondern wir sollten uns zwei Brezen kaufen. Ja, was haben wir uns gekauft? Boxer! Boxer waren Amerikaner, die unten mit Schokolade bepinselt waren oder mit Zuckerguss. Ja, und da war man natürlich als Kind ganz wild drauf. Und dann sind wir weiter die Karmelitengasse hoch und da war links das Gefängnis. Und da sind wir immer mit Ehrfurcht vorbei gegangen und haben Mitleid gehabt und Angst gehabt, was da für Räuber drin sind. Und am Rückweg da war dann ein Schuster, der immer so blöd geschaut hat, da haben wir immer an die Scheibe hingehauen, und da habe ich mal zu fest hingehauen, das war eine Katastrophe! Ja, da kann ich mich gut erinnern. Ja, freilich ja, ja, meine Eltern mussten das ersetzen, und: So ein freches Kind! MUSIK „Sophies Thema“; ZEIT: 00:31 ERZÄHLER Kleine Abenteuer erleben, Streiche spielen, auch einmal über die Stränge schlagen – das ist es, was auch Waltraud Fischer, geboren 1943 im Allgäu, von ihrem Schulweg in Erinnerung geblieben ist. Noch heute weiß sie, wie sie die Kinder beneidet hat, die in den Einödhöfen hoch oben auf dem Berg lebten – denn deren Schulweg war besonders lang. MUSIK ENDE 2. ZUSPIELUNG Waldtraud Fischer Und drum sind wir öfter mal mitgegangen mit denne, das war einfach toll. Freiheit! Du bist nicht so schnell heimgekommen. Im Winter sind sie mit dem Schlitten gekommen. Und man hat gestritten miteinander, und man hat auch die Buben geärgert. Das hat dazu gehört, und es war einfach schön. MUSIK privat Take 009 „Realise“; Album: Eyes of a Beginner; Label: 2013 Thomas Marland; Interpret: Thomas Marland; Komponist: Thomas Marland; ZEIT: 00:34 ERZÄHLER Den Schulweg umgibt ein Hauch von Freiheit, nicht nur in der Erinnerung der beiden älteren Damen. Er bietet von je her für viele Kinder und Jugendliche einen Freiraum zwischen den Anforderungen der Schule und den Anforderungen der Eltern, eine Nische, in der sie sich weitgehend ohne Erwachsene bewegen können – jedenfalls wenn sie es dürfen, sagt die Montessori-Pädagogin Saskia Haspel, Gründerin und Leiterin der österreichischen Montessori-Akademie in Wien: MUSIK ENDE 3. ZUSPIELUNG Saskia Haspel Der Schulweg ist in mehrfacher Hinsicht etwas ganz Besonderes für Kinder. Einerseits kann er eine sehr gute Brücke darstellen zwischen dem Zuhause und umgekehrt. Das heißt, das Kind hat Zeit, Eindrücke zu verarbeiten, sich auch einzustellen darauf, was jetzt Neues kommt. Menschen brauchen ja Zeit für viele Übergänge aus einer Situation in die andere. Und das leistet der Schulweg schon einmal sehr, sehr gut, da Zeit zu geben. Das zweite, und für uns als Pädagoginnen vielleicht immer das Wichtigste ist, dass Kinder durch die selbständige Bewältigung des Schulwegs einfach eine ganz andere Möglichkeit haben, sich draußen in der Welt zu bewähren. Also nicht nur einfach in die Schule zu gehen, sondern natürlich auch Situationen vorzufinden, mit denen sie vielleicht nicht gerechnet haben oder die vielleicht auch an einer Stelle mal ein bisschen herausfordernder sind, und dann auch dieses Gefühl haben zu können: Ich habe etwas selbständig bewältigt – sei es jetzt leicht gewesen oder auch einmal bisschen schwieriger. ERZÄHLER Eine Straße überqueren, sich vielleicht an einem finsteren Eck oder einem kläffenden Hund vorbeitrauen, mit anderen ins Gespräch kommen, in der Schule Erlebtes besprechen, sich mit dem Taschengeld eine Kleinigkeit kaufen – Kinder, die solche Situationen ohne Eltern meistern, bekommen die Chance, sich als selbständig und erfolgreich zu empfinden. Für ihre Entwicklung ein wichtiger Schritt, ist die Pädagogin Saskia Haspel überzeugt. Das entscheidende Ziel nennt sich Selbstwirksamkeit: 4. ZUSPIELUNG Saskia Haspel Also ich fühle mich mächtig, etwas in dieser Welt zu schaffen oder zu verändern. Und je älter das Kind wird, desto größer ist natürlich der Spielraum. Je mehr wir es behindern, desto weniger kann es das Gefühl aufbauen: Ich kann etwas schaffen. Vielleicht nicht beim ersten Mal, vielleicht beim zehnten Mal. Also es hat sehr viel zu tun mit Selbstvertrauen, ja, aber auch mit Selbstwertgefühl. ((Wenn ich mich als handelnde Person fühlen kann, die etwas bewirken kann in dieser Welt, ja, ich glaube, was wünschen wir uns mehr für unsere Kinder als, dass sie sich zu solchen Menschen entwickeln?)) ERZÄHLER Auf dem Schulweg sind das viele kleine unscheinbare Situationen, in denen sich Kinder selbstwirksam fühlen können, sagt Rudolf Egger, Professor für Pädagogik am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft der Karl-Franzens-Universität Graz. Und dennoch prägt sich diese Erfahrung ein, auch unbewusst: 5. ZUSPIELUNG Rudolf Egger Ein kleines Beispiel: Ein Mädchen kommt an eine Kreuzung, und dort ist ein Fußgängergang in Zebrastreifen. Sie schaut nach links, sie schaut nach rechts, so wie sie das gelernt hat, wieder nach links, und da kommt ein Riesen SUV daher, und sie schaut dem Fahrer in die Augen, und der Fahrer wird langsam, und nur durch den Augenkontakt merkt dieses Mädchen, dass es einen riesengroßen Volvo abbremsen kann, wir nennen das Joint Attention, das sind die Begegnungsflächen, wo ich merke, ich brauche nicht immer eine Druckknopfampel oder Schülerlotsinnen und -lotsen. Ich kann selber, durch so etwas Bescheidenes wie den Augenkontakt, was eigentlich was Großartiges ist, in die Gesellschaft eingreifen und dort meinen Platz finden. ERZÄHLER Doch der Pädagogik-Professor Rudolf Egger beobachtet, dass Kindern die Möglichkeit, solche Erfahrungen zu machen, inzwischen oft genommen wird. Das habe mit der Motorisierung und mit der getakteten Arbeitswelt ihrer Eltern zu tun. 6. ZUSPIELUNG Rudolf Egger Vielleicht haben Sie das auch schon festgestellt – so 20 Minuten vor Schulbeginn ist quasi Großkampf-Arena vor den Schulen. Die Eltern würden ihre Kinder am liebsten mit dem SUV in die Klasse führen, weil sie Angst vor dem Verkehr haben, den sie selber verursachen. Und das ist der Teil, wo wir uns gefragt haben: Was hängt eigentlich am Schulweg, wenn immer weniger Kinder quasi einen selbstgestalteten Schulweg haben - wie hängt es dann mit dem Erleben der Umwelt, mit dem Erlernen von Demokratie, mit dem Erlernen des Miteinander - wie hängt das zusammen? MUSIK „“I need exile; ZEIT: 00:50 ERZÄHLER Rudolf Egger forscht zu Lernprozessen, die außerhalb von Institutionen, beispielsweise der Schule, stattfinden und untersucht, was informelle Lernprozesse fördert. Auch der Schulweg ist so eine Lernwelt – oder könnte es sein, sagt Egger: Hier können sich Kinder, zumindest in einem gewissen Rahmen, ausprobieren, sich selbst ihren Weg bahnen, anderen Menschen begegnen, Unvorhergesehenes erleben und auch einmal Umwege machen. All das kennzeichnete über Jahrzehnte den Schulweg, und machte ihn zu einer eigenen kleinen Lernwelt. Egger beobachtet jedoch, dass sich die Spielräume von Kindern zunehmend verengen. Viele Eltern stehen aufgrund ihrer Berufstätigkeit unter Druck. Insbesondere morgens gilt es, alle Familienmitglieder auf die Spur zu bringen, um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen und alle anstehenden Aufgaben zu bewältigen. MUSIK ENDE 7. ZUSPIELUNG Rudolf Egger Man versucht, das sehr strikt zu handhaben, aber was dabei eben, wenn das so reglementiert ist, auf der Strecke bleibt, ist, dass es kaum mehr Begegnungsflächen zwischen den Menschen gibt, sondern es gibt in der Früh Stress bis alle im Auto sitzen, und dann sind sie quasi kleine Monaden, die zugestöpselt sind mit Kopfhörern - dieses Phänomen gibt es schon sehr lange und ist jetzt in den letzten 15 Jahren viel, viel stärker geworden. MUSIK „Familiar things disappear”; ZEIT: 00:46 ERZÄHLER Im Vergleich zu früheren Jahrzehnten tobt heute in vielen Städten der Verkehr und stellt insbesondere für junge Schüler, die damit noch wenig Erfahrung haben, eine Gefahr dar und schränkt ihre Bewegungsfreiheit ein. Der Tag von Kindern gleicht außerdem zunehmend dem von Erwachsenen. Er ist von früh bis spät durchorganisiert: Auf den regulierten Schulalltag folgt die durchgeplante Freizeit. Betreuungs- und Freizeiteinrichtungen sowie TÜV-geprüfte Spielplätze und wohlgeordnete Parkanlagen sind an die Stelle von unbeaufsichtigten Hinterhöfen, Straßen, öffentlichen Plätzen, Fabrikgeländen und Wäldern getreten, in denen sich Kinder noch vor wenigen Jahrzehnten weitgehend nach ihrer eigenen Vorstellung bewegen konnten. Zeiten, in denen sie niemand unbeobachtet, sind rar geworden für die Kinder von heute. MUSIK ENDE Ein wichtiger Lernschritt auf dem Weg zum Erwachsenenalter ist aus Sicht der Pädagogen auch, dass Kinder mit anderen Kindern zusammen sein können, und zwar ohne die Aufsicht von Erwachsenen. Dass sie sich als Mitglied einer Gruppe fühlen und Verantwortung übernehmen, für sich selbst und für andere. Auch dafür eignet sich der Schulweg. ((Zugleich sei ihre Aufgabe, so Saskia Haspel, 9. ZUSPIELUNG Saskia Haspel dass sie aufmerksam bleiben, dass sie fokussiert sind auf den Straßenverkehr, dass sie genug Selbstsicherheit haben, nicht mitzumachen, wenn andere Kinder auf Ideen kommen, die vielleicht gefährlich sein könnten.)) ERZÄHLER Aber im gleichen Maße, wie der Schulweg ein wichtiger Schritt eines Kindes zu mehr Autonomie ist, ist er eine Herausforderung für die Eltern. Sie müssen eine Balance finden zwischen ihrem Sicherheitsbedürfnis und dem Selbständigkeitsdrang des Kindes. Die Eltern haben dabei die Verantwortung, dem Kind zu zeigen, wie es sicher zur Schule kommt, müssen es dann aber schrittweise in die Unabhängigkeit entlassen, findet die Montessori-Pädagogin Saskia Haspel: 10. ZUSPIELUNG Saskia Haspel Also wichtig ist, wirklich aufs Kind zu schauen. Manche Kinder brauchen länger, manche Kinder sind unsicherer, die brauchen danach wirklich länger die Begleitung, und die müssen wir ihnen geben. Natürlich. Was wir nicht machen dürfen, ist aus falsch verstandener Fürsorge vielleicht oder aus eigener Bequemlichkeit, wenn man länger schlafen kann, wenn man das Kind mit dem Auto vor die Schule führt, ihm diesen Schulweg wegzunehmen. Das ist sehr, sehr schade und des verhindert die Entwicklung die Selbständigkeit in diesem Bereich. ERZÄHLER Beim Loslassen können Eltern auf das bauen, was sie ihrem Nachwuchs in den ersten sechs Lebensjahren mitgegeben haben, so Saskia Haspel. Normalerweise unternehmen Kinder in dieser Zeit auch schon kurze Wege alleine, besuchen vielleicht Freunde um die Ecke oder gehen auch schon einmal alleine zum Bäcker. Dadurch können das kindliche Selbstvertrauen und das Vertrauen der Eltern in die Kinder gleichermaßen wachsen. Wenn Kinder dagegen viel Zeit im Auto sitzen, anstatt selbst zu laufen oder mit dem Fahrrad zu fahren, hat das sichtbare Folgen für ihre motorische Entwicklung, beobachtet Saskia Haspel im Schulalltag: Beim Treppensteigen gingen viele Schulanfänger noch jede einzelne Stufe mit zwei Füßen oder auch seitwärts. 11. ZUSPIELUNG Saskia Haspel Und ja, da würden wir uns natürlich wünschen, dass sie mehr Gelegenheit gehabt hätten, sich zu bewegen, und jede Bewegung, die ein Mensch macht, ist gut, wenn sie strukturiert ist und somit natürlich auch ein Schulweg, der zu Fuß bewältigt wird oder ein Teil davon zu Fuß bewältigt werden kann, sehr hilfreich auch für die weitere Entwicklung. Von einer Gehsteigkante hinuntersteigen, braucht Bewegungskoordination, oder links und rechts zu schauen und dann loszugehen. Also man muss gut in seinem Körper zu Hause sein, ein gutes Körperbild haben, seinen Körper gut kennen, auch wissen, was kann ich mir denn zutrauen an Bewegung, und ein wirklich stabiles reifes Gleichgewichtssystem entwickelt zu haben, sind wesentliche Voraussetzungen dafür, unter anderem den Schulweg sicher bewältigen zu können. ERZÄHLER Die Eltern müssen sich zudem darauf verlassen können, dass sich ihr Nachwuchs an Regeln hält. Sie brauchen aber auch das Vertrauen in die Kinder und insbesondere in die Jugendlichen, dass sie auch dann zurechtkommen, wenn sie einmal vom vorgegebenen Pfad abweichen, meint Saskia Haspel: 12. ZUSPIELUNG Saskia Haspel 9.30 Menschen probieren neue Dinge aus, auch Kinder probieren neue Dinge aus. Und manchmal ist es doch ein bisschen gefährlich oder manchmal ist es keine besonders gute Idee. Aber auch das gehört dazu und auch daran wächst man. Wir hatten ja noch Samstagsschule, und ich ging an einer Kirche vorbei, und samstags wird häufig geheiratet. Ich hatte die Freiheit, ich hatte noch kein Handy, mir hat nicht nach 10 Minuten schon jemand nachtelefoniert: Wo bleibst du?, wenn ich mich ein bisschen verspätet hab, ich konnte dort Braut schauen, bei der Kirche stehen bleiben, wenn da gerade eine Hochzeit war. Niemand hat sich damals Sorgen gemacht, wenn ein Kind 10 Minuten später dran war. Oder wenn man einen Bus später gekommen ist. Also auch da wird Kindern sehr viel Freiheit genommen. Heutzutage diese Handy-Nabelschnur, dass sofort angerufen wird. Wo bleibst du denn? Was ist denn los? ERZÄHLER Saskia Haspel und Rudolf Egger erkennen einen Hang zur Überfürsorge bei heutigen Eltern – das spiegelt sich auch im Begriff Helikoptereltern. Daran, wie Kinder zur Schule kommen, lasse sich ablesen, wie sich die Gesellschaft und auch die Beziehung zwischen Eltern und Kind in den vergangenen Jahrzehnten verändert hätten. Rudolf Egger: 13. ZUSPIELUNG Egger Kind ist natürlich Statussymbol Nummer eins, also für den Großteil der Eltern – hängt natürlich von der sozioökonomischen Situation ab – ist Kind Identifikationsmerkmal. Also Kinder werden immer wichtiger, Kinder sind ganz wesentliche Elemente der eigenen Lebensplanung, und auf der anderen Seite hat sich das auch eben durch die strukturelle Berufstätigkeit auch verändert, diese Beziehung, wo wir eben vieles organisieren müssen. Und man ist froh, wenn die Kinder hinten im Auto eben zugestöpselt sind. Weil da kann man sich selber konzentrieren, was man alles zu tun hat. MUSIK privat Take 009 „Realise“; Album: Eyes of a Beginner; Label: 2013 Thomas Marland; Interpret: Thomas Marland; Komponist: Thomas Marland; ZEIT: 00:16 ERZÄHLER Der Weg zur Schule unterscheidet sich nach der Beobachtung von Rudolf Egger deutlich vom Heimweg, vor allem, was die emotionale Verfassung der Schülerinnen und Schüler angeht: MUSIK ENDE 14. ZUSPIELUNG Egger Der Weg von der Schule nach Hause dauert in der Regel ungefähr acht bis zehn Minuten länger, weil sie langsamer gehen, nicht so zielbezogen gehen, vielleicht einmal einen Umweg auch noch machen und Möglichkeiten finden, quasi diesen Ballast der Schule auch abzulagern. Weil Schule ist - da darf man sich auch nichts vormachen - ist Druck auch schon für die ganz Kleinen. Schule ist soziales Miteinander, kognitives Lernen, Forderung, und mit dem muss auch umgehen lernen, das Fading-Out von der Schule - auch dafür ist der Schulweg ganz, ganz wichtig. MUSIK privat Take 016 „Interlude II”; Album: Prince of Persia: The Forgotten Sands; Label: Ubisoft 2010; Interpret: Tom Salta; Komponist: Tom Salta; ZEIT: 00:51 ERZÄHLER In den Weiten der Savanne im Süd-Westen Kenias: Wenn sich der 8-jährige Musega auf den Weg zur Schule macht – die einzige im Umkreis von 20 Kilometern -, hat er einen ständigen Begleiter: Die Angst vor wilden Tieren wie Hyänen, Löwen und Elefanten. Exotisch anmutende Schulwege wie der von Musega werden gerne in Dokumentationen gezeigt, beobachtet Malte Pfau von der Kindernothilfe, einem der größten christlichen Hilfswerke in Deutschland. Der gelernte Lehrer setzt sich seit Jahren auf der politischen Ebene für Kinderrechte ein. Sein Schwerpunkt-Thema: Das Recht auf Bildung und die Frage, wie man mehr Kindern eine Schulbildung ermöglichen kann. MUSIK ENDE 15. ZUSPIELUNG Malte Pfau Dass Kinder mit einer Seilbahn über Schluchten fahren oder mit einem Esel über Gebirgspässe gehen, das ist natürlich auch alles da, aber ich denke immer, das romantisiert das so ein bisschen, das stellt das so dar, als wären das Abenteuer auf dem Weg zur Schule. Und ich glaube, für 99,99 Prozent der Kinder gilt einfach nur, dass die Entfernung die Einschränkung, Gefahren diese Länge des Weges mit sich bringt. ERZÄHLER Malte Pfau war für die Kindernothilfe selbst viel in fernen Ländern unterwegs, unter anderem in Indien und mehreren afrikanischen Ländern und hat dort erfahren: Ein großes Hindernis für Kinder und ihr Recht auf Bildung ist die Distanz zur nächsten Schule. Insbesondere in ärmeren, weniger entwickelten Ländern ist der weite, oftmals beschwerliche Weg zur Schule ein großes Problem. 16. ZUSPIELUNG Malte Pfau Schulwege von einem bis zwei Stunden – also hin und zurück sind es dann eher drei bis vier – sind schon eher die Regel, aber das sind zumindest noch Schulwege, die ja bewältigt werden können. Die weiterführende Schule ist dann ja häufig eher in Oberzentren oder in Städten angesiedelt. Das heißt, wenn Kinder oder Jugendliche dann die Grundschule verlassen und auf eine weiterführende Schule gehen, bedeutet das häufig, dass das Kapitel Schule zu Ende ist, einfach weil gar nicht mehr erreichbar ist, oder aber dass Kinder schon sehr früh das Elternhaus verlassen, um dann in Städten bei Verwandten zu leben oder aber auch teilweise auch allein zu leben, um die weiterführende Schule wahrnehmen zu können. MUSIK „The game has changed”; ZEIT: 00:18 ERZÄHLER Auch in den Großstädten des globalen Südens machen sich unzählige Kinder jeden Tag auf den Weg zur Schule. Erschwert wird ihnen der Weg dort vor allem durch den Verkehr und die unzureichenden Öffentlichen Verkehrsmittel, sagt Malte Pfau. MUSIK ENDE 17. ZUSPIELUNG Malte Pfau Also wenn man sich jetzt solche Millionenstädte wie Addis Abeba anguckt oder Nairobi, Kapstadt, Johannesburg, das sind ja alles Städte, wo wir ja in den Townships oder Slums arbeiten, wo es zwar natürlich häufig auch Schulen gibt, aber auch da ist es ja so, dass Kinder innerhalb dieser Städte wahnsinnige Distanzen zurücklegen, die auch nicht vergleichbar sind mit Leben in der Großstadt bei uns, weil es halt einfach kein öffentliches Transportsystem gibt, was man so nutzen kann oder teilweise Schnellstraßen oder Hindernisse innerhalb einer Stadt darstellen, die bedeuten, dass man kilometerweit erst einmal gehen muss, um überhaupt einen Weg zu finden, um diese fast schon Flüsse ohne Brücken innerhalb der Städte überwinden zu können. ERZÄHLER Weltweit sterben täglich 500 Kinder bei Verkehrsunfällen, die meisten von ihnen vermutlich auf ihrem Schulweg. Das heißt, für junge Menschen auf der ganzen Welt ist der Straßenverkehr die Todesursache Nummer eins, noch vor Naturkatastrophen, Kriegen oder Seuchen. Dazu kommt insbesondere für Mädchen in vielen Ländern die Gefahr, auf ihrem Schulweg Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden. 18. ZUSPIELUNG Malte Pfau Weil Raubüberfälle aber auch sexueller Missbrauch an der Tagesordnung ist, und das weiß ich auch aus dem südafrikanischen Kontext, dass da der Missbrauch von Mädchen massiv steigt, wenn die Ferienzeit vorbei ist, weil Schule und Schulweg für Mädchen einfach grundsätzlich sehr gefährlicher Ort ist, wo Übergriffe tagtäglich leider sind. ERZÄHLER Nicht wenige Eltern behalten ihre Kinder auch deshalb lieber zuhause, wo sie dann von jeglicher Schulbildung abgeschnitten sind. MUSIK privat Take 009 „Realise“; Album: Eyes of a Beginner; Label: 2013 Thomas Marland; Interpret: Thomas Marland; Komponist: Thomas Marland; ZEIT: 00:27 ERZÄHLER Aber trotz aller Gefahren, die auf dem Schulweg insbesondere in den Ländern des globalen Südens lauern: Für Kinder weltweit ist der Schulweg nicht nur ein Weg zu einer Bildungsstätte. Er ist auch ein wichtiger Schritt auf ihrem Weg ins selbständige Leben und bietet die Chance auf eine ganz eigene wertvolle Erfahrung. Davon ist Malte Pfau überzeugt. MUSIK ENDE 19. ZUSPIELUNG Malte Pfau Für viele Kinder ist das ja auch nur der einzige unbeobachtete Moment, den sie am Tag haben – die Schule ist wahnsinnig streng, das Elternhaus ist wahnsinnig streng. Im Elternhaus sind die auch voll eingebunden. Das ist ja nicht so, dass sie da irgendwie ihr eigenes Zimmer haben, sondern auch häufig ist das irgendeine Lehmhütte, wo man irgendwie zu acht in einem Raum wohnt. Das heißt, dieser Schulweg ist ja für die so der einzige Moment am Tag, wo sie vielleicht auch für sich mal mit anderen Kindern Quatsch machen können oder so ein bisschen, ja, Kind sein können. MUSIK privat Take 009 „Realise“; Album: Eyes of a Beginner; Label: 2013 Thomas Marland; Interpret: Thomas Marland; Komponist: Thomas Marland; ZEIT: 00:47 ERZÄHLER Kind sein, Quatsch machen, ein kleines Stückchen Freiheit genießen zwischen Schule und Elternhaus – das haben wohl die meisten Schulwege dieser Welt gemeinsam, auch wenn sie sonst sehr verschieden sind. Und auch die beiden älteren Damen Frieda Specker und Waldtraud Fischer sind sich einig: 20. ZUSPIELUNG Es war schön, es war lustig, ich möchte‘s nicht missen. Ein Kind braucht den Kontakt mit anderen Kindern, kann über Lehrer schimpfen und, ja, kann einfach sich ausdrücken lernen. Und das finde ich sehr wichtig.