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RadiowissenBayerischer Rundfunk

Die halbe Erde unter Schutz - Rettungsmaßnahmen für Klima und Arten

20.01.2025 · 24 Min.

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Über diese Folge

Umweltorganisationen gehen davon aus, dass nur große globale Schutzgebiete den Klimawandel und das Artensterben aufhalten können. 50 Prozent des Planeten müssten und könnten unter Schutz gestellt werden, es sei der günstigste und einfachste Weg. Von Marko Pauli (BR 2021)

Credits
Autor dieser Folge: Marko Pauli
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Irina Wanka, Andreas Neumann, Diana Gaul
Technik: Monika Gsaenger
Redaktion: Bernhard Kastner

Im Interview:
Eric Dinerstein, Biologe und Sachbuchautor; 
Bernie Krause, Natur- und Klangforscher; 
Günter Mitlacher, Leiter internationale Naturschutzpolitik beim WWF; 
Jana Ballenthien, Jana Ballenthien, Waldreferentin bei Robin Wood; 
Pierre Ibisch, Professor an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung; 
Karin Neumann, Sprecherin Aktionsbündnis "Beltretter"; 
Ana Bugnot, Ökologin

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

Sprecherin

Nach der Auswertung von 14.000 Studien zur klimatischen Entwicklung ist der Weltklimarat zu dem Schluss gekommen, dass das Ziel von nur 1,5 Grad Erwärmung wohl nicht erst 2040 überschritten wird, sondern bereits Anfang der 2030er. Dürren, Stürme, Starkregen - Wetterextreme werden sich häufen. Der Meeresspiegel wird ansteigen, bis zum Jahre 2100 im ungünstigen Fall auf bis zu zwei Meter. Zeitgleich findet ein großes Artensterben statt, seit 1970 sind global 68 Prozent der Wirbeltierbestände zurückgegangen.

Musik 2

"Path leading to the high grass" - Album: Shenzhou - Komponist: Geir Jenssen - Touch TO 55 - Länge: 0'10

Sprecherin

Noch ist es nicht zu spät für Artenvielfalt und Klima. Doch schnelleres und konsequenteres Handeln ist nötig. 

Atmo 02 Global Safety Net

Sprecherin

Das Global Safety Net ist eine Studie*, veröffentlicht im Fachblatt Science Advances, in der ein Wissenschaftlerteam ermittelt hat, in welchen Regionen auf der Welt Schutzzonen nötig wären, um das rasante Tempo, in dem Artensterben und Klimaerhitzung voranschreiten, zu verlangsamen. Große Schutzgebiete seien der logische, einfachste und finanziell günstigste Weg, um beides zu erreichen, sagt Eric Dinerstein [Aussprache: Dinnerstein (spitzes s)], US-amerikanischer Biologe und Hauptautor der Studie:

O-Ton 01 Dinerstein 

What is the foundation ... we've done in the paper.

Overvoice (männlich)

"Zugrunde liegt, dass die Lösung des Problems des sechsten großen Artensterbens, des Verlusts der biologischen Vielfalt und die Lösung des Problems des Klimawandels voneinander abhängen. Man kann das eine nicht ohne das andere lösen. Wenn die Temperatur weiter steigt, verwandelt sich der Amazonas von einem Regenwald in eine Savanne. Wir verlieren dann nicht nur die dort lebenden Arten, sondern auch die Fähigkeit, eine riesige Menge an Kohlenstoff abzubauen. Es ist also eine doppelte Katastrophe. Deshalb ist es so wichtig, eine Lösung zu finden, die beide Probleme angeht, und genau das haben wir in diesem Papier getan."

Sprecherin

Die angedachten Schutzzonen im Global Safety Net, dem weltweiten Sicherheitsnetz, sind online auf einer Weltkarte zu sehen. 

Musik 3

"Part 04" - Ausführender und Komponist: Stephan Micus - Album: Ocean Länge: 0'40 

Sprecherin

Die erste Ebene, grün gezeichnet, lässt die bereits existierenden 15 Prozent Schutzzonen erscheinen. Hinzu kommen fünf weitere Ebenen: Gebiete für seltene Arten und solche mit hoher biologischer Vielfalt, Landschaften für große Säugetiere, derzeit noch intakte Wildnisgebiete und Gebiete zur Klimastabilisierung. Das Team um Eric Dinerstein hat zwei Jahre am Global Safety Net gearbeitet:

O-Ton 02 Dinerstein

And from there ... and so on. 

Overvoice (männlich)

„Die verschiedenen Ebenen sind aus den wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnissen der verschiedenen Spezialisten für biologische Vielfalt auf der Welt entstanden: Wo gibt es gefährdete Vögel, Säugetiere, Reptilien, Amphibien und Pflanzen und so weiter.“ 

Sprecherin

Eric Dinerstein war 25 Jahre lang leitender Wissenschaftler beim WWF und dort u.a. beteiligt an Naturschutzplänen in aller Welt. Für das Safety Net am wichtigsten, so Dinerstein, sei der Schutz der tropischen Regenwälder. 

Diese bedecken zwar nur noch rund sieben Prozent der Erdoberfläche, hier leben aber nach Schätzungen mehr als 30 Millionen Tier- und Pflanzenarten, und viele davon sind stark gefährdet. 

Damit dort, aber auch in abgelegenen Gegenden auf der Nordhalbkugel Schutzzonen entstehen können, sei das Engagement westlicher Länder nötig.

O-Ton 03 Dinerstein

By far the single most important investment ... So that's critical. 

Overvoice (männlich)

"Die bei weitem wichtigste Einzelinvestition, die wir tätigen können, um eine lebendige Biosphäre für künftige Generationen zu sichern, ist die Investition in die Unterstützung indigener Völker, um das Land, das sie beanspruchen, besser zu schützen. Etwa 37 Prozent des Safety Nets wird von indigenen Gruppen bewohnt. Wir können helfen, indem wir diese indigenen Gemeinschaften besser finanzieren und mit ihnen zusammenzuarbeiten - wenn sie sich denn dafür entscheiden, Teil des Safety Nets zu sein, und das ist natürlich ihre Entscheidung.

Sprecherin

Menschenrechtler geben zu bedenken, dass neue Schutzgebiete bisher oft eingerichtet wurden, ohne dabei die Rechte der indigenen Bevölkerung zu beachten. Das soll hier anders sein, betont Dinerstein. Die Bevölkerung möglicher Schutzgebiete soll ansässig bleiben, ansonsten aber der Kontakt zwischen Menschen und Wildnis stark eingeschränkt werden. Das könnte auch das Aufkommen und die Verbreitung neuartiger Viren verhindern.

O-Ton 04 Dinerstein

Overvoice (männlich)

Durch die Verringerung von Kontaktzonen retten wir nicht nur die Artenvielfalt dieser Wälder, erhalten den Kohlenstoff und schützen unser Klima, wir verringern auch die Wahrscheinlichkeit künftiger Pandemien.“

Atmo 03 Krause 01 - Tropischer Regenwald

Sprecherin

Was für einzigartige Lebensräume die tropischen Regenwälder sind, ist in den Aufnahmen des Bioakustikers Bernie Krause [Aussprache: Böhrni Krauss] zu erahnen. Krause spricht von "Biophonien" und meint das Zusammenspiel der einzelnen Tierstimmen - ein "Orchester der Tiere"**, in dem jede Tierart eine eigene akustische Nische besetze.  

Atmo Krause hoch

Sprecherin

In den tropischen Regenwäldern leben nicht einfach nur Tierarten, hier wird nicht einfach nur CO2 gespeichert, betont Bernie Krause, hier lebten auch unsere Vorfahren einst selbst und eng verbunden mit der Natur. Hier seien die Ursprünge der menschlichen Kultur zu finden.

O-Ton 05 Krause

Animals taught us to dance and sing ... language, spirituality, medicine from it.

Overvoice (männlich)

"Aus den Tierstimmen, die aus den Lebensräumen kamen, in denen wir einst lebten, haben wir die Rhythmen, die Melodien und die Anordnung der Klänge herausgehört und nachgeahmt. Wir haben diese natürlichen Gaben dann in unseren musikalischen Ausdruck integriert. 

Und daraus entwickelte sich nicht nur die Musik, sondern auch die Sprache. 

Musik 4

"Part 04" - Ausführender und Komponist: Stephan Micus - Album: Ocean Länge: 0'55

Sprecherin

Die größten Schutzzonen im Global Safety Net würden weit im Norden der Erde entstehen, in abgelegenen Regionen in Nordasien und Kanada - Lebensraum für große Säugetiere wie Bären, Bisons, Pumas und Luchse. Zwischen den Schutzzonen sind Verbindungsstrecken geplant, mit denen es Wildtieren und Pflanzen ermöglicht werden soll, sich in andere Gebiete auszubreiten. Diese ohnehin notwendige Voraussetzung zum Überleben wird noch wichtiger werden, denn es ist davon auszugehen, dass sich die Bestände vieler Arten räumlich verschieben müssen, da sie aufgrund des Klimawandels zukünftig in ihrem bisherigen Biotop nicht mehr existieren können. Die Verbindung der Biotope spielt im Global Safety Net eine wichtige Rolle:

O-Ton 06 Dinerstein

How much land would it take ... traveling from A to B to C. 

Overvoice (männlich)

"Wie viel Land würde man benötigen, um alle Schutzgebiete und alle intakten Gebiete der Erde miteinander zu verbinden? 

Wenn wir das mit 2,5 Kilometer breiten Korridoren tun würden, benötigten wir dafür nur etwa 2,7 Prozent der Erdfläche. Im Falle des Klimawandels können Arten so auch von einem Gebiet in ein anderes umziehen."

Sprecherin

In Deutschland ist die Verbindung der einzelnen Biotope seit 2002 im Naturschutzgesetz als Ziel verankert, die Bundesländer sollen dafür eigentlich zehn Prozent ihrer Flächen zur Verfügung stellen. Doch davon ist man weit entfernt. 

Musik 5

"Part 04" - Ausführender und Komponist: Stephan Micus - Album: Ocean Länge: 0'15

Sprecherin

Sind alle fürs Safety Net angedachten Ebenen aktiviert, ergibt sich ein riesiges Netz von Schutzgebieten, Kohlenstoffsenken und Verbindungen dazwischen. 

O-Ton 07 Dinerstein 

We come up with ... intact habitats on Earth. 

Overvoice (männlich)

„Wir kommen insgesamt auf etwa 46 Prozent der Erdoberfläche, die geschützt werden müssen. 15 Prozent sind bereits geschützt, weitere 31 Prozent müssen hinzukommen, und dann noch ein bisschen mehr für Korridore, die alle intakten Lebensräume auf der Erde miteinander verbinden.“ 

Musik 6

"Path leading to the high grass" - Album: Shenzhou - Komponist: Geir Jenssen - Touch TO 55 - Länge: 1'17

Sprecherin

Die halbe Erde unter Schutz!? - Sehr schwierig das umzusetzen, meint Günter Mitlacher, Leiter Internationale Biodiversitätspolitik beim WWF Deutschland: 

O-Ton 08 Mitlacher

50 Prozent der Erdoberfläche unter Schutz zu stellen wäre eine riesige Anstrengung. Man muss auch fragen, ob sie zum Erfolg führen würde, weil der Druck ist ja dann noch größer auf den anderen 50 Prozent. Und ob die Verteilung von Land auf dieser Erde so sein wird, dass 50 Prozent quasi für Natur und nachhaltige Bewirtschaftung reserviert werden würde, das glaube ich hat wenig Attraktivität bei Politikern.

Musik 7

"Path leading to the high grass" - Album: Shenzhou - Komponist: Geir Jenssen - Touch TO 55 - Länge: 1'17

Sprecherin

Entscheidend sei, so Günter Mitlacher, wie in geschützten und ungeschützten Gebieten mit dem jeweiligen Boden umgegangen wird:

O-Ton 09 Mitlacher

Die Idee ist einfach, dass man Gebiete hat, die anders bewirtschaftet werden, die ökologischer bewirtschaftet werden, und wenn man da schon mal 50 Prozent schaffen würde, dann hätte man schon sehr viel erreicht. 

Sprecherin

Um das rasante Tempo, in dem Klimawandel und Artensterben fortschreiten, abzubremsen, sei die weltweite Aufforstung ein Schlüssel.

O-Ton 10 Mitlacher

Das ist ein wichtiger Punkt, um kurzfristig und halt auch mittelfristig mit ökonomisch überschaubaren Kosten dem Klimawandel zu begegnen. Und wenn man Wiederaufforstungsprogramme macht in einer ökologischen Weise, dann profitieren natürlich halt auch die Wildartenbestände davon. Da gibt's dann die großen Synergien. 

Sprecherin

Insgesamt, da sind sich Umweltverbände, aber mittlerweile auch viele Entscheidungsträger aus der Politik einig, sind neue große Schutzgebiete unumgänglich.

O-Ton 11 von der Leyen

2021, I believe the world turns over new leaf for our planet.

Sprecherin

Ursula von der Leyen spricht beim Pariser Umweltgipfel One Planet Summit Anfang 2021 davon, dass ein neues Kapitel für den Planeten aufgeschlagen werde, denn 50 Staaten, darunter auch Deutschland, unterstützen das Ziel, 30 Prozent der Land- und Meeresflächen bis 2030 unter Schutz zu stellen. 

Pläne für den Naturschutz gab und gibt es viele. In Deutschland haben sie meist gemein, dass das jeweilige Ziel weit in der Zukunft liegt und dann dennoch selten erreicht wird. Doch wie sieht praktizierter Naturschutz heute aus, z.B. im Wald, der etwa 32 Prozent der Landfläche Deutschlands ausmacht? 

Atmo 05 Wald

Sprecherin

Dem Wald in Deutschland geht es laut Waldzustandsbericht*** schlecht. Das hängt mit dem Klimawandel, aber womöglich auch mit zu intensiver Forstwirtschaft zusammen. 2007 hat die Bundesregierung das Ziel ausgerufen, bis 2020 fünf Prozent der Wälder ganz aus der Nutzung zu nehmen. Heute liegt der Anteil von solchen Naturwäldern bei 2,8 Prozent. Dabei könnten gerade diese einen besonderen Wert für den Arten- und Klimaschutz darstellen: Hier stehen vorwiegend Laubbäume heimischer Ökosysteme, die alt und groß werden dürfen; sie bilden geschlossene Kronendecken, die für ein kühlendes Waldinnenklima sorgen und den Boden vor Sonnenstrahlen und Austrocknung schützen. Wenn hier die Bäume sterben, bleibt das Totholz liegen, was diversen Tier- und Pflanzenarten zu existieren hilft. Jana Ballenthien, Waldreferentin bei Robin Wood kniet vor einem abgestorbenen Baumstumpf:

O-Ton 12 Ballenthien

Hier können wir das ganze Spektrum des Lebens sehen, wir werden hier unterschiedliche Käfer finden, wahrscheinlich auch seltene Arten, wir werden hier unterschiedliche Pilze finden und auch Mikroorganismen. Und gleichzeitig ist das Totholz auch ein wunderbarer Fundus an Nährstoffen für den kompletten Rest des Waldes, das vermodert jetzt hier so nach und nach über die Jahrzehnte und Jahrhunderte. 

Sprecherin

Im Waldboden herrscht eine riesige Vielfalt: Ein einziges Gramm enthält mehr als 50.000 verschiedene Bakterienarten und mehrere Hundert Meter an Pilzhyphen - von Pilzen ausgebildete Fäden. 

Regenwürmer und Insekten sind in dieser Welt die Riesen, und so klingt es, wenn sie sich durch den Boden arbeiten: 

Atmo 06 - Sounding Soil

Sprecherin (über Atmo sprechend) 

Das Schweizer Öko-Akustik-Projekt Sounding Soil**** hat mit speziellen Mikrofonen das Leben im Boden aufgenommen. 

O-Ton 13 Ballenthien 

Dieser Humus, das ist ein Erbe, den uns diese Wälder schenken. Er ist unglaublich wichtig für uns. Dieser Humus speichert nämlich nicht nur Feuchtigkeit und Nährstoffe, sondern das ist auch unsere CO2-Senke, das ist unser Speicher. Das ist sozusagen ja ein Zersetzungsprozess, wenn es aber erstmal im Humus ist, dann ist das da auch über Jahrhunderte gebunden. Da kommt das nicht mehr raus.

Sprecherin

Etwa die Hälfte des von den Wäldern aufgenommenen Kohlendioxids steckt im Holz der Bäume, die andere Hälfte liegt darunter, im Boden. Eine Tatsache, die bei Berechnungen zur CO2-Speicherung im Wald häufig übersehen wird.

Der in Deutschland eigentlich heimische Laubmischwald wurde vielerorts durch schnell wachsende Fichten ersetzt. Doch die neuen klimatischen Bedingungen setzen insbesondere Fichten-Monokulturen gerade ein Ende. 

Pierre Ibisch, Professor für Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, hat abgestorbene Fichtenhaine aufgesucht, um zu schauen, wie dort nun mit den Böden umgegangen und der zukünftige Wald geplant wird.

O-Ton 14 Ibisch

Der Waldboden wird fast flächig befahren, die Bäume werden teilweise sogar mit den Wurzeln entfernt. Das sind natürlich die denkbar schlechtesten Voraussetzungen, um hier einen neuen Wald zu starten. Ich mache mir große Sorgen tatsächlich, wie die Deutsche Forstwirtschaft umgeht, vor allem mit dem Fundament des Waldes der Zukunft, das ist nämlich der Boden.

Sprecherin

Neben den Ozeanen sind intakte Wälder entscheidend für die Bindung von CO2 und den Erhalt der Artenvielfalt. Doch egal wo man hinschaue, so Pierre Ibisch, überall auf der Welt werden Wälder immer stärker genutzt, anstatt sie zu schonen, dabei hätten sie ohnehin schon mit Bränden, Dürren und Stürmen zu kämpfen. Waldboden degradiert weltweit und wird unfruchtbar. 

Ein Grund dafür, dass der Amazonas-Regenwald mittlerweile von einer Kohlenstoffsenke zur –Kohlenstoff - Quelle geworden ist.***** 

O-Ton 15 Dinerstein

We know ...  those are our sinks. 

Overvoice (männlich)

"Gut die Hälfte aller Emissionen wird vom Land und vom Meer absorbiert, rund 25 Prozent von den Pflanzen an Land und rund 25 Prozent von den Ozeanen. Wir müssen diese natürlichen Kohlenstoffsenken erhalten, wenn wir auch nur den Hauch einer Chance haben wollen, unter dem Schwellenwert von 1,5 Grad Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur zu bleiben. 

Musik 8

"Part 04" - Ausführender und Komponist: Stephan Micus - Album: Ocean Länge: 1'00

Sprecherin

Die Ozeane haben eine entscheidende Bedeutung für die Zukunft der Erde, so Eric Dinerstein. Hier müssten endlich Schutzzonen geschaffen werden, die ihren Namen auch verdienen:

O-Ton 16 Dinerstein

One of the critical … recover the oceans. 

Overvoice (männlich)

"Ein entscheidender Unterschied zwischen Meeres- und Landschutzgebieten besteht darin, dass Meeresschutzgebiete weiterhin vielfältig genutzt werden können, zum Beispiel durch Fischfang, während in Schutzgebieten an Land z.B. kein Holzeinschlag mehr möglich ist. 

Es wäre wichtig, strenge No-Take-Zonen einzurichten, in denen die Fischerei hundertprozentig ausgeschlossen ist. In solchen Gebieten können sich die Populationen erholen. Derzeit werden alle größeren Fische bis zum kommerziellen Aussterben befischt." 

Sprecherin

Nur 2,7 Prozent der Weltmeere sind bislang streng geschützt. Viel zu wenig, sagen viele, um die Bestände gegen die radikalen Methoden der Fischerei zu verteidigen. Werden etwa Grundschleppnetze kilometerweit über den Meeresboden gezogen, sorgt das nicht nur für Unmengen an unerwünschtem Beifang, im Vorbeifahren wird auch der Lebensraum Meeresboden zerstört und zugleich viel CO2 freigesetzt. Größere echte Meeresschutzzonen kommen nicht nur der Artenvielfalt zugute, auch die Fischerei profitiert von sich erholenden Beständen - das zeigt eine im Fachjournal Nature publizierte Studie. ****** Auch in deutschen Gewässern darf in Meeresschutzzonen gefischt werden. Aber nicht nur das.

Atmo 08 Fehmarn

Sprecherin 

Ganz im Norden der Republik, kurz vor Dänemark, auf der Insel Fehmarn:

O-Ton 17 Neumann

Genau hier ist geplant, die Ostsee über 18 Kilometer auszubaggern, um dort Betonelemente zu versenken für eine Autobahn, maut-finanziert, und auch eine Güterbahntrasse.

Sprecherin

Karin Neumann kämpft seit Jahren mit dem Aktionsbündnis "Beltretter" gegen den Fehmarnbelttunnel, der quer durch ein Meeresschutzgebiet führt. Fassungslos sieht sie über die noch ruhige Ostsee. 

O-Ton 18 Neumann

Und genau hier soll eben über Jahre die Ostsee ausgebaggert werden, der Meeresboden tief und breit, also bis zu 200 m breit und 16 tief, und das wird über Jahre hier die Ostsee eintrüben. Wir haben hier Robben, wir haben hier den seltenen Schweinswal, der hat hier seine Kinderstube. Und auch die Riffe, die gefunden wurden, sind ja nach wie vor genau da wo auch die Tunneleinfahrt hier an Land kommen soll. 

Sprecherin

Achteinhalb Jahre Bauzeit, Millionen von Kubikmetern aufgebaggerter Meeresgrund, tonnenweise vorgefertigte Tunnelteile aus Beton. Man hätte auch einen die Umwelt schonenden Tunnel unter dem Meeresboden bauen können, doch dieser hätte mehr gekostet. 

Musik 9

"Path leading to the high grass" - Album: Shenzhou - Komponist: Geir Jenssen - Touch TO 55 - Länge: 1'00

Sprecherin

Der Tunnel ist nur ein Beispiel für nicht praktizierten Meeresschutz. In die Ozeane wird auf der ganzen Welt kaum reguliert eingegriffen. Erstmals wurde nun in einer Studie******* die bauliche Substanz in den Meeren vermessen - Häfen, Aquakulturanlagen, Tiefseekabel und vieles mehr - und deren Einfluss auf die Ökosysteme. Geleitet wurde die Studie von der Ökologin Ana Bugnot [Aussprache: Anna Banott] von der Universität Sydney:

O-Ton 20 Bugnot 

"So if you add ... around the shorelines."

Overvoice (weiblich)

"Wenn man den physischen Fußabdruck plus Umgebung zusammenzählt, kommt man auf zwei bis vier Millionen Quadratkilometer Meeresboden, die auf ganz verschiedene Art und Weise verändert oder beeinflusst wurden. Und fast alles davon, nämlich 99 Prozent, spielt sich rund um die Meeresküsten ab."

Sprecherin

An den Küsten ist die Biodiversität am größten. Durch Bauten werden die Meere also an ihrer empfindlichsten Stelle beeinflusst. Den meisten Raum nehmen mittlerweile Aquakulturanlagen ein, durch sie gelangen großflächig Chemikalien und Medikamente ins Wasser. Den größten Einfluss auf die marinen Ökosysteme üben aber laut der Studie die Häfen in aller Welt aus.

O-Ton 21 Bugnot

The biggest impact ... in the world.

Overvoice (weiblich)

„Das Verkehrsaufkommen dort und drum herum, die Arbeiten in den Häfen, der gewaltige und weithin hörbare Lärm von den Schiffen – all das wirkt sich auf einen großen Teil der Küstenökosysteme der Welt aus. 

Sprecherin

Die Ozeane haben nicht nur mit Plastikmüll, Versauerung und Überfischung zu tun, sondern auch mit kaum regulierten baulichen Maßnahmen.

O-Ton 22 Bugnot

What we are trying to do ... airports.

Overvoice (weiblich)

"Wir fordern ein angemessenes Management dafür, wo und wie im Meer gebaut wird, um die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten. Die Raumplanung im Meer hat gerade erst begonnen."

Musik 10

"Part 04" - Ausführender und Komponist: Stephan Micus - Album: Ocean Länge: 0'45

Sprecherin

Eine Raumplanung, die die Bedürfnisse der Natur besser beachtet und große neue Schutzzonen - beides verlangt konsequentes gemeinsames Handeln der Nationen der Welt, kann man sich das überhaupt vorstellen?

O-Ton 23 Dinerstein

It requires ... will they inherit.

Overvoice (männlich)

"Es bedarf einer neuen Ära der globalen Verantwortung, wir müssen Politiker wählen, die eine umfassendere Weltanschauung haben als nur den Blick bis zur nächsten Wahl und was in den eigenen Hinterhöfen vor sich geht. Die auch an die folgenden Generationen denken und was für eine Welt diese erben sollen." 

Sprecherin

Eric Dinerstein weist darauf hin, dass der Umgang mit der Corona-Pandemie doch beweise, was alles möglich ist, wenn nur alle an einem Strang ziehen. 

O-Ton 24 Dinerstein

In the USA ... safety net in 10 years. 

Overvoice (männlich)

"Allein in den USA werden Billionen Dollar für den Kampf gegen das Coronavirus und all seine Auswirkungen ausgegeben. Wenn wir nur einen Bruchteil davon für den Schutz der Natur und den Schutz unseres Klimas ausgeben, kann es uns gelingen, all diesen existenziellen Bedrohungen auf einmal zu begegnen. Einhundert bis Einhundertfünfzig Milliarden Dollar pro Jahr weltweit würden uns in zehn Jahren dieses Sicherheitsnetz geben." 

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Musik hochziehen O-Ton 2 Breitenbach, liest eigenen Text vor (0‘06“): Jetzt schnell umziehen und nach Hause. Ich möchte meiner Frau möglichst gut gelaunt entgegentreten. Was kann sie für meine Erlebnisse? Sprecherin: Dirk Breitenbach, ehemaliger Polizist. Und Mitglied der Polizei-Poeten: einem deutschlandweiten Netzwerk von Polizisten, die ihre belastenden Erfahrungen nicht verdrängen und abspalten, sondern aufschreiben und im Netz veröffentlichen. Und so ein anderes Bild von vermeintlich knallharten Profis erschaffen. O-Ton 3 Dirk Breitenbach, liest eigenen Text vor (0‘20“): Auf ihre Frage nach dem Tag antworte ich nur, dass viel zu tun war. Hätte ich Ihr alle Gefühle berichten sollen, die Angst etwas verkehrt zu machen? Die Angst davor sich die Verletzungen der anderen ansehen zu müssen, die Angst davor bei einer Einsatzfahrt, oder sonst wie selber verletzt zu werden? Die Angst der Hilflosigkeit oder der Aggressivität anderer nicht adäquat begegnen zu können. Klänge weg O-Ton 4 Dirk Breitenbach (0‘24“) Ich glaub, wir sind schon ziemlich stark. Nur die Art dessen, was auf uns einwirkt. Die Schrecklichkeit, die Intensität dessen, die Vielfalt, die Menge, das verlangt dann auch von einem starken Menschen auch tatsächlich das Allerletzte ab. Weil was wir in einer Woche oder einem Monat erleben, haben viele vielleicht in ihrem ganzen Leben nicht an schrecklichen Dingen, selbst wenn wir nicht stark sind, sind wir immer noch stark. Sprecher: Es gibt so etwas wie ein gesellschaftlich akzeptiertes, ungeschriebenes Gesetz: Im Job und generell im öffentlichen Leben sind vor allem positive Gefühle akzeptiert wie Freude oder Stolz. Vielleicht auch noch Wut. Was zählt, ist ein starker Intellekt. Gepaart mit Tatendrang, Zielstrebigkeit, Entschlossenheit und Durchsetzungsfähigkeit. Eine funktionierende Hülle also. Alle unliebsamen Gefühle wie Angst, Verzweiflung, Verzagtheit, Scham werden ins Private verbannt. 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Wir gehen damit in die Privatheit, und wenn’s richtig scheiße gelaufen ist in unserem vernunftbegabten, kognitiven Tag, dann wird’s auch richtig scheiße im Privaten, weil es sich da nämlich komplett entlädt an Ort und Stelle – wo es nicht hingehört! Sprecher: Fühlen ist in der Öffentlichkeit nicht besonders beliebt. Tränen fließen eher im geschützten, privaten Raum. Fühlen heißt auch immer: durchlässig zu sein. Nackt und ungeschützt. O-Ton 7 Dirk Breitenbach, unter Musik, liest eigenen Text vor (0‘14“): Ich weiß jetzt wieder, warum ich Unfälle hasse. Du weißt nie, welcher Schrecken auf Dich wartet. Ist es nur zerknülltes Blech, oder müssen wir Gliedmaßen suchen? Kurz überkommt mich Panik. Das habe ich immer, wenn ich damit rechnen muss, dass es gleich blutig oder sonst wie erschreckend wird. Musik kurz hoch O-Ton 8 Dirk Breitenbach, unter Musik, liest Text vor (0‘16“): Was hätte ich sagen sollen? „Jungs, es war nett mit Euch, aber ich habe gerade das Gefühl von Hilflosigkeit und kann außerdem nicht so gut Blut sehen. Ich würde jetzt gerne wieder fahren. Ich bitte euch, habt Mitleid mit mir?!“ PAUSE Ich schaue zum Notarzt. Unsere Blicke treffen sich. Wortlos schüttelt er seinen Kopf und wendet sich ab. O-Ton 9 Andrea Dederichs (0‘36“): Das ist natürlich ne ganz extreme Situation, auf die man Menschen auch nicht komplett vorbereiten kann. Selbst Leute, die professionell in solchen Berufen arbeiten, also Polizisten, Feuerwehrleute, Sanitäter… in so einem Moment passiert eigentlich etwas, was Schutz ist. Und Dinge, die wir in einem Moment vielleicht nicht verarbeiten können, wo vielleicht auch zu viele unterschiedliche Eindrücke aufeinanderprallen, und wir können es nicht mehr sortieren, da macht unsere Psyche so eine Art Cut und verschließt das. Sprecherin: Die Psychologin Andrea Dederichs sagt: emotional berührbar sind wir sowieso. Immer. Die Frage ist nur, wie wir damit umgehen. O-Ton 10 Andrea Dederichs (0‘20“): Bei solchen Berufen würde ich mir wünschen, dass es jede Woche ein Forum gibt, unabhängig vom Anlass, dass Menschen darüber sprechen, was sie gerade für Schwierigkeiten haben im Job, aber was auch gut läuft. Also dass es wirklich ritualisiert wird, über die eigenen Emotionen im professionellen Kontext zu sprechen. Sprecher: Gemeint ist dabei jedoch nur die echte, authentische Emotion. Also sind nicht diejenigen, die auf Knopfdruck während der Konferenz in Tränen ausbrechen, weil sie gerade ihren Willen nicht durchsetzen konnten. Oder die mit ewigen Dramen versuchen, andere zu manipulieren. Musikakzent Sprecher: Die Frage nach der Berührbarkeit, dem Eingeständnis der eigenen Verletzlichkeit stellt sich in vielen Berufen. Sie taucht überall dort auf, wo Menschen mit dem Leid anderer konfrontiert sind: nicht nur bei Polizisten, Feuerwehrleuten und Rettungskräften, auch bei Profis, die in medizinischen, therapeutischen und sozialen Berufen arbeiten. Sprecherin: Der Philosoph Dr. Christoph Quarch hat an einer Fachhochschule für pädagogische Berufe das Fach Ethik unterrichtet: O-Ton 11 Christoph Quarch (0‘26“): Da gibt es eine Doktrin, die sagt: Du musst dich von jeder emotionalen Bildung zu deinen Klienten freihalten. In dem Bereich würde ich dem vehement widersprechen. Ich glaube, dass man als Pädagoge und auch als in sozialen Berufen tätiger Mensch seine Arbeit nicht machen kann, ohne ein hohes Maß an Empathie und Berührbarkeit und auch Mitgefühl zu kultivieren. Sprecher: Nur wer nichts fühlt, ist stark. Vermeintlich. Fühlen macht schwach, angreifbar, verwundbar. So empfinden es viele. O-Ton 12 Christoph Quarch (0‘37“): Generell würde ich sagen ist das Gefühl in der Arbeitswelt ein ganz entscheidender Faktor. Und nicht nur in sozialen Berufen und nicht nur in Pflegeberufen. Das Gleiche gilt für ne Bank und für ne Versicherung, und am Ende gilt’s wahrscheinlich auch sogar für die Justiz und von mir aus sogar für die Bundeswehr! Auf der anderen Seite würde ich eben doch sagen: Wenn man sich jetzt emotional völlig fallen lässt und sich ohne Rücksicht auf Verluste von seinen Emotionen auch davontragen lässt, ist es auch nicht professionell. Es geht darum, eine gute Kultur des Fühlens zu entwickeln. Und die wird leider Gottes an den Ausbildungsstätten in der Regel nicht vermittelt. Sprecher: Es ist eine schwierige Gratwanderung zwischen Fühlen einerseits und Verdrängen und Abgrenzen andererseits. Was mag die Richterin fühlen, wenn sie einen Menschen durch ihr Urteil hinter Gitter bringt - und vielleicht eine Familie auseinanderreißt? Der Chirurg, während er ein Bein amputiert. Mitgefühl? Schwer zu leben. Bestimmte Professionen, bestimmte Rollen verlangen ein hohes Maß an Abgrenzung. Folgenden O-Ton in Klänge einbetten: O-Ton 13 Renate Langenbach (0‘18“): Es gab Situationen, da musste man diesen kleinen Säugling mit nem winzigsten Tubus intubieren, man hatte ne kleine Maske und hatte überhaupt ne Riesenangst davor, diesem kleinen Etwas dann auch noch mal weh zu tun. Das war für mich das Stressigste und das Aufregendste und das Schwierigste in dieser Zeit der Anästhesie. Sprecherin: Dr. Renate Langenbach, Anästhesistin. O-Ton 14 Renate Langenbach (0‘17“): Ich durfte es im Nachhinein meinen Kollegen sagen, aber als ich dann in der Situation in der ich als Ärztin in der Anästhesie diejenige war, die die Verantwortung auch hatte, musste ich Kenntnis haben, musste ich Fertigkeiten haben und musste eine gewisse Souveränität haben. Sprecher: Ein Profi fühlt nicht, er funktioniert. Das ist oft das Dogma. Doch schlimmstenfalls wird der Profi dadurch vor allem eins: stumpf, leer und unlebendig. Sprecherin: Der Medizinethiker Prof. Giovanni Maio von der Uni Freiburg sagt: Ein Grund dafür liegt auch im falschen Verständnis der eigenen Verletzlichkeit. Wer verletzlich ist, der macht sich angreifbar, so der weitverbreitete Glaube: O-Ton 15 Giovanni Maio (0‘35“): Die Verletzlichkeit ist natürlich negativ konnotiert, aber wenn wir vertiefter drüber nachdenken, werden wir feststellen, dass wir diesen Modus der Verletzlichkeit brauchen, denn nur wenn wir verletzungsoffen sind, werden wir uns selbst auch entwickeln können. Nur dadurch, dass wir wissen: Wir sind verletzlich, können wir uns einfühlen in andere; wenn wir meinen, wir wären vollkommen unverletzlich im Sinne einer Unabhängigkeit, dann wähnen wir uns als selbstmächtige Herrscher über uns selbst. Sprecher: Natürlich erwarten wir von Helfern stets einen kühlen Kopf und kontrolliertes Eingreifen! Wer wünschte sich allen Ernstes unkontrollierte, gefühlsduselige Profis? Ein Polizist, der am Einsatzort weint? Oder einen Anwalt, der in Mitgefühl für seinen Mandanten versinkt? Eine Notärztin, die im Schockraum überflutet wird von ihren Gefühlen? Es kann durchaus sinnvoll sein, den Kopf ein und das Gefühl weitgehend auszuschalten – allerdings nur vorübergehend! O-Ton 16 Renate Langenbach: (0‘13“) Auf einem chirurgischen Visitenwagen stand geschrieben: „Bevor du in dieses Zimmer trittst, denke daran, dass die Wunde, die du eventuell öffnest, zu einem Menschen gehört, und konzentriere dich auch auf diesen Menschen!“ O-Ton 17 Giovanni Maio (0‘26“): Je mehr wir uns selbst als verletzliche Wesen empfinden, desto mehr erkennen wir auch das Kostbare, was zerrüttet werden könnte. Die Verletzlichkeit ist ja auch ein Appell. Wenn wir uns vergegenwärtigen: Die anderen sind verletzlich, so wie ich, ist es ein Appell, alles dafür zu tun, damit die anderen nicht verletzt werden. Wir teilen diese Verletzlichkeit, und insofern gehören wir Menschen alle zusammen, im Bewusstsein dieses Bandes, das uns letzten Endes alle zusammenführt. Musikzäsur Sprecherin: Natürlich gibt es Orte, wo Profis weich und gefühlvoll sein dürfen: Bei Supervisioren, Psychologinnen oder Seelsorgern. Für den Polizisten Dirk Breitenbach war das nie eine Option. O-Ton 18 Dirk Breitenbach (0‘40“): Es natürlich ein Schritt, zu sagen: „Hier, das war jetzt gerade zu viel für mich, das erfordert tatsächlich Mut und man muss auch das Gefühl haben, dass man in einem Kreis ist, der das auch akzeptiert und hinnimmt, wo man dann nicht nachher gemobbt wird und irgendwelche Ressentiments zu befürchten hat. In einem Klima, wo alle stark sind, ist es schwierig, selber zu sagen „jawohl, ich bin hilflos, ich brauche Hilfe!“ Weil ich fest überzeugt war, ich brauche das nicht. Auch die Kollegen, denen ich gesagt hab: „Nehmt das doch in Anspruch“, die haben gesagt „Ich brauch das nicht. Das ist Quatsch! So schlimm war das jetzt gar nicht. Da gibt’s viel schlimmere Sachen!“ Heute rückblickend würde ich sagen: Hätte ich doch mal besser das ein oder andere in Anspruch genommen, einfach damit es raus kann. Damit dieses Ventil mal geöffnet wird. O-Ton 19 Andrea Dederichs (0‘15“): Ich behaupte ja, dass allein die Tatsache, dass ich darüber sprechen kann und es so etwas gibt, jemand, der mich versteht und nicht sagt: „Sag mal, was bist du denn fürn Bulle? Willste Sozialarbeiter werden?“ führt dazu, dass man gestärkter in den Job geht, und dann schafft man das auch! Sprecher: Sprechen über Zweifel, über Grenzen, Überlastung, Versagensängste, über Albträume – also über all das, was Menschen in diesen Berufen so umtreibt. Das würde eine völlig neue Kultur in Einrichtungen, aber auch in Unternehmen erfordern. Weg von der Coolness, hin zur Menschlichkeit und Lebendigkeit. [[ O-Ton 20 Christoph Quarch (0‘30“): Wir zahlen letztlich den Preis der Lebendigkeit, wenn wir meinen, wir müssten uns von unseren Gefühlen fernhalten. Wir werden dann zu einer erkalteten, erfrorenen Gesellschaft, und das kann niemand wünschen. Mir scheint es so zu sein, dass wir Menschen dann am meisten bei uns selber sind, dass wir dann am lebendigsten sind, wenn wir fühlen. Und um fühlen zu können, müssen wir uns berührbar machen.]] Sprecher: Wünscht sich die Gesellschaft überhaupt berührbare Menschen? Würde die Wirtschaft noch reibungslos funktionieren, lebten die Menschen ihre Berührbarkeit offen aus? Würden nicht ganze Branchen zusammenbrechen, wenn die, die dort arbeiten, plötzlich ihre Zartheit und Verletzlichkeit wieder zulassen würden? O-Ton 21 Hubert Liebertz (0‘13“): Emotionslos. Das erste Mal emotionslos. „Hier hast du nen Schussapparat, dein erstes Tier!“ Man denkt nicht drüber nach. Man verschwendet keinen Gedanken an das Tier selber. Sprecherin: Hubert Liebertz hat erst eine Lehre als Metzger gemacht und dann sechs Jahre lang im Schlachthof gearbeitet. Tiere töten und zerlegen. Das war seine tägliche Arbeit. Das Tier, das vor ihm auf der Schlachtbank lag, hat er nicht als fühlendes Wesen wahrgenommen. O-Ton 22 Hubert Liebertz (0‘22“): Es war wie ein Stück Holz, es war nichts Lebendes. Es war einfach nur… ja… Job! Man hat auch nicht viel Rücksicht auf die Tiere genommen. Wenn man im Nachhinein zurücksieht, ist es schon ziemlich grausam. Man verändert sich in dem Sinne, dass man härter wird. Man wird zu sich selber härter, man wird zu seiner Familie härter, meine Mutter hat damals mal gesagt „Junge, zu verrohst!“ Sprecherin: Viele Grausamkeiten hat der Schlachter erlebt. O-Ton 23 Hubert Liebertz (0‘23“): Wenn Pferde geschlachtet werden, Schweine, Rinder, wenn Sie sehen, was die für ein Theater machen. Was meinen Sie, wie das Tier getrieben wird? Bullen wird vor die Hoden getreten, da wird die Rute, der Schwanz wird geknickt, denen wird auf die Beckenknochen mit dem Holzknüppel gehauen ... Und mir will dann irgendeiner sagen, dass die Tiere kein Empfinden haben – nee!! Sprecherin: Viele seiner Kollegen, so erzählt er heute, waren Alkoholiker. Ohne diese Eigen-Betäubung konnten sie den Job nicht durchstehen. O-Ton 24 Hubert Liebertz (0‘30“): Man stumpft so sehr ab, dass man das überhaupt gar nicht registriert, dass man da lebende Tiere hat. Man denkt da gar nicht drüber nach. Sie müssen sich vorstellen: Das ist Ihr Job, damit verdienen Sie ihr Geld. Zuerst macht es Ihnen was aus. Und wird das immer weniger, was Ihnen ausmacht. Und irgendwann ist das so wenn Sie im Stall 300 Schweine haben und die fangen auf einmal kollektiv das Schreien an – da werden Sie bekloppt bei! Da läuft es mir heute noch eiskalt den Rücken runter. Ewas Schlimmeres gibt es nicht. Das ist, als wenn kleine Kinder schreien. Sprecherin: Und dann kam der Tag, an dem sich beim scheinbar verrohten und gefühllosen Schlachter etwas zurückmeldete, das er ewig nicht gespürt hatte: Mitgefühl. Es tauchte aus dem Nichts auf. O-Ton 25 Hubert Liebertz (0‘18“): Wir waren Großvieh schlachten, nach dem Großvieh-Schlachten sind wir Kälber schlachten gegangen. Dann auf einmal Blöken, guck runter, setzt den Schussapparat an, ja, und dann flossen dann die Tränen, dem Kälbchen. Und dann war es vorbei. Dann konnt ich nicht mehr. Sprecherin: Rechts und links liefen zwei Tränen die Wangen des Kälbchens hinunter. O-Ton 26 Hubert Liebertz (0‘07“): Das war ein Knaller, war das. Was da in einem vorgeht, das kann man gar nicht beschreiben. Man denkt auf einmal, das ist nicht richtig! Da kann man nicht mehr! Sprecherin: Viele Tiere weinen vor dem Schlachten, sagt Hubert Liebertz. Er hatte es wohl immer übersehen. An dem Tag schaffte er es nicht mehr, wegzuschauen. Er legte seinen Schussapparat zur Seite, streifte die Schürze ab und ging zur Tür raus. Den Schlachthof betrat er nie mehr. Wegen eines weinendenden Kalbs. Sprecher: Nicht zu leugnen ist aber auch: Die Gesellschaft in der jetzigen Form profitiert von Menschen, die sich innerlich stumpf machen. Stumpf machen müssen. Die gezwungen sind, sich von ihren Gefühlen abzutrennen. Würden alle Schlachter ihre Berührbarkeit und Verletzlichkeit leben, blieben die Fleischtheken leer. Musikzäsur Sprecherin: Hubert Liebertz musste seinen Arbeitsplatz für immer verlassen, um wieder empfindsam zu werden. Aber wie sieht es in der übrigens Arbeitswelt aus? Ein Chirurg, der offen zweifelt. Ein Polizist, der zugibt, am liebsten vom Unfallort wegzurennen. Ein Sanitäter, den abgetrennte Gliedmaßen bis in den Schlaf verfolgen. Undenkbar? O-Ton 27 Quarch (0‘24“): Ich denke, es ist zu nem Großteil auch die hochgetaktete, ökonomisierte Arbeitswelt, es ist so gesehen das System, aber das System nährt sich wiederum von Individuen, die dieses Spiel mitspielen. [[ Und dass Menschen dieses Spiel mitspielen, hat sehr viel damit zu tun, dass es eben eine riesige Angst vor Verletzung gibt. Wir verzichten ja deswegen auf Gefühl, weil wir Angst haben, emotional verletzt zu werden. ]] O-Ton 28 Dederichs (0‘18“): Die Emotionen, die nehmen wir an uns als das Ungezügelte, das Spontane, auch das Innerste, aber vor allem das, wo wir antastbar sind. So nehmen wir Emotionen wahr. Wir nehmen sie nicht als Quelle der Kraft wahr und deswegen trauen wir ihnen auch wenig zu. Sprecher: Hinzu kommt: So lange Emotionalität als gefühlsduselig gilt, allein rationales Denken und Handeln als professionell, haben Menschen kaum den Mut, sich zu öffnen und sich verletzlich zu zeigen. Schließlich glauben die meisten: einen Profi haut so schnell nichts um! O-Ton 29 Giovanni Maio (0‘18“): Das Problem der Resilienz ist ja, dass suggeriert wird, als würde man alles im Griff haben können, sofern man alles gut managt. Aber wir dürfen eben nicht verkennen, dass wir ohne gute Erfahrungen mit anderen eben diese eigenen Ressourcen gar nicht mobilisieren können. O-Ton 30 Dederichs (0’22): Es ist die Angst vor der Überflutung, aber es ist vor allen Dingen die Angst, falsch wahrgenommen zu werden. Die Angst nen Fehler zu machen und die Angst, nicht wertgeschätzt zu werden, glaube ich, die macht aus uns so Lemminge. Dass wir sagen: Eh wir uns auf das Risiko einlassen, die eigene Persönlichkeit auszuspielen, gehen wir lieber in so ne Kollektivpersönlichkeit. Musikzäsur Sprecherin: Die Anästhesistin Renate Langenbach wollte Mitgefühl und Menschlichkeit leben. Im Krankenhausbetrieb, vor allem in der Notfallmedizin, sah sie dafür einfach keine Chance. Erst in der Palliativmedizin fand sie wieder zu ihrer Berührbarkeit und Verletzlichkeit als Ärztin. In sicherlich einer der schwierigsten medizinischen Disziplinen stand nämlich etwas Bedeutendes im Vordergrund: der Mensch. O-Ton 31 Langenbach (0‘30“): Ich musste einem Mann mitteilen, dass seine Knochenmetastasen nicht mehr bestrahlbar sind und dass er wahrscheinlich nicht mehr laufen kann. Und wir haben dann dagesessen, beide, er lag, ich saß, und wir wussten nichts zu sagen, und wir mussten beide weinen. Und der Patient hat dann in sein Nachttischchen gegriffen und hat mir sein Herrentaschentuch gereicht. Und hat gesagt „Frau Doktor, trocknen Sie Ihre Tränen.“ Und das ist für mich ein ganz wichtiges Erlebnis: Ja, ich darf weinen beim Patienten. Sprecherin: Berührbar bleiben und trotzdem professionell – das darf Renate Langenbach bei der Begleitung und Versorgung von Sterbenden. Dafür müsste sie komplett aus dem akuten Klinikbetrieb aussteigen, in dem sie vergeblich versuchte, diesen Spagat hinzukriegen. Nun darf sie gleichzeitig verletzlich und berührbar sein UND professionell. O-Ton 32 Giovanni Maio (0‘21“): Und deswegen müssen wir unsere Verletzlichkeit anerkennen und in ihr die Ressource sehen, durch die wir überhaupt zur Empathie befähigt werden, wenn Sie unverletzbar bleiben wollen, sein wollen, unverwundbar, dann werden Sie sich nie auf eine tiefe Beziehung einlassen. Musikzäsur Sprecherin: Polizist Dirk Breitenbach fand erst durch eine längere Krankheit zurück zu seinen Gefühlen. Irgendwann begann er zu schreiben. Über seine Einsätze, seinen Berufsalltag, sein Leben. O-Ton 33 Breitenbach (0‘23“): Also die Geschichten sind so aus mir rausgelaufen, dass ich mit dem Schreiben nicht nachgekommen bin. Worüber ich sehr erstaunt war, waren einfach diese vielen Gefühle, tatsächlich diese Wut, die dann erlebbar war. Tatsächlich dieser Schrecken, tatsächlich diese Ohnmacht, die ich erlebte, weil ich ja eigentlich dachte, dass die so tief vergraben habe, dass die kein Problem sind, und darüber war ich sehr überrascht, dass da so viele Emotionen noch in mir dringesteckt haben, die sich tatsächlich ihren Weg gesucht haben. Sprecherin: Seitdem gehört Dirk Breitenbach zu den Polizei-Poeten. Das sind Polizisten, die keine Lust mehr haben auf das unnahbare Macker-Image. Sie setzen sich in ihren erlebten Geschichten mit ihrer Hilflosigkeit auseinander, ihrer Angst und ihrer Ohnmacht. O-Ton 34 Dirk Breitenbach (0‘16“): Am Anfang war’s erschreckend für mich, weil ich damit nicht gerechnet habe. Ich dachte, das passiert nicht. Und dann war’s wahnsinnig wohltuend. Es war unheimlich befreiend, sich das selber einzugestehen und hat mir eigentlich gezeigt, dass ich noch ganz normal funktioniere und nicht abgestumpft bin.

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    16.01.2025 · 24 Min.

    Sie sind die X-Men unter den Tieren: Ihr Superheldenkostüm ist ein Panzer aus beweglichen Hornplatten. Dabei sind sie Säugetiere! Die einzigen auf der Welt mit einem Panzer. Und jede Gürteltierart hat ihre eigene Superfähigkeit. Von Katharina Hübel (BR 2021)

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