Die Meeresbrandung - Ein Küsten-Schauspiel voller Überraschungen
28.03.2025 · 22 Min.
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Brandung entsteht, wenn eine aus dem offenen Meer heranrollende Welle das flache Wasser erreicht. Die Bewegung der Welle wird am Grund gebremst; die Welle türmt sich auf, bevor sie tosend bricht ? zur Freude vieler Surfer. Den Küstenschutz stellt die Meeresbrandung allerdings vor große Herausforderungen. Von Claudia Steiner (BR 2024)
Credits
Autorin dieser Folge: Claudia Steiner
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Ditte Ferrigan
Technik: Monika Gsaenger
Redaktion: Iska Schreglmann
Im Interview:
Dr. Jochen Horstmann vom Helmholtz-Zentrum Hereon;
Alexander Paffrath von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG);
Dr. Theide Wöffler vom Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK 1 ( Jack Johnson: You Can’t Controll It 0‘40) / ATMO (Wellen)
SPRECHERIN
An der portugiesischen Atlantikküste bei Nazaré türmen sich jeden Herbst und Winter haushohe Wellen auf. Die heimischen Fischer nennen die bis zu 30 Meter hohen Monsterwellen „Witwenmacher“.
ATMO (Wellen)
SPRECHERIN
Die einen meiden die Giganten, andere werden von ihnen magisch angezogen. Big Wave-Surfer aus der ganzen Welt lassen sich von Jetskis in die Wellen ziehen und rasen dann die steil abfallenden Wasserberge, die in Strandnähe laut krachend brechen, hinab.
ATMO (Wellen)
O-TON 1 (Steudtner)
Es gibt für mich nichts Faszinierenderes als so eine mächtige Wand im Rücken zu haben, da runterzufahren und das durchzuziehen.
MUSIK 2 ( Jack Johnson: You Can’t Controll It 0‘30)
SPRECHERIN
…erzählte der Nürnberger Big Wave-Surfer Sebastian Steudtner vor einiger Zeit in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk. Vor Nazaré, das rund 120 km nördlich von Lissabon liegt, befindet sich ein Unterwassergraben, der die Wellen zusammenführt und die Energie des Wassers kanalisiert. An der Wand des Grabens werden die Wellen gestoppt, die Länge der Wellen wird kleiner, sie wachsen in die Höhe –auch durch eine entgegenkommende Küstenströmung. Sebastian Steudtner:
O-TON 2 (Steudtner)
Also die Saison geht jetzt von September bis Ende März. Und in der Zeit, wenn auch immer große Wellen sind, die das Zeug haben – von den Windbedingungen her, von den Gezeiten her, von der Wellenrichtung, vom Wetter, ob’s jetzt regnet oder nicht regnet, die Sonne scheint.
MUSIK 3 ( Die Fantastischen Vier – Tag am Meer 1‘20) / ATMO (Wellen)
SPRECHERIN
Big Wave-Surfer tragen einen Airbag, so dass sie bei einem Sturz, wenn sie von tonnenschweren Wellen umhergewirbelt und unter Wasser gedrückt werden, wieder schneller an die Oberfläche kommen. Ähnlich riesige Wellen wie an der portugiesischen Küste gibt es auch vor der Insel Maui auf Hawaii, in Nordkalifornien und an der Küste von Tahiti, wo die Wellen über einem Korallenriff brechen. Big Wave-Surfen ist ein gefährlicher Sport: Anfang 2023 kam es zu einem tödlichen Unfall. Damals starb der brasilianische Extremsurfer Marcio Freire in der Brandung vor Nazaré.
weiter MUSIK 3 (Die Fantastischen Vier – Tag am Meer 1‘20)
SPRECHERIN
Wind, Wetter, Gezeiten, Strömungen, der Meeresboden, die Beschaffenheit der Küste – all das bestimmt, ob eine Brandung stark ist, oder ob die Wellen sanft an den Strand plätschern. Jochen Horstmann vom Helmholtz-Zentrum hereon in Geesthacht in der Nähe von Hamburg befasst sich mit der Oberflächendynamik der Ozeane und erklärt, wie sich Wasserteilchen in Wellen bewegen.
O-TON 3 (Horstmann)
Viele denken ja, dass eine Welle so eine Art Massentransport ist. Also, dass sich dieser Wellenkamm vielleicht bewegen würde. Aber letztendlich bewegt sich ein Partikel, das in der Welle oder auf der Welle schwimmt, immer nur hoch und runter und bisschen nach vorn und zurück - letztendlich auf sogenannten Orbital-Bahnen, die im tiefen Wasser Kreisbahnen beschreiben. Also so ein Korken würde dann wirklich einen Kreis beschreiben, während diese Welle da durchläuft. Und wenn es jetzt ins flache Wasser kommt, dann würde diese Kreisbahn ja unten den Boden anfangen zu spüren. Und an dem Boden wird dann die Geschwindigkeit zum Beispiel des Korkens oder eines Partikels im Wasser abgebremst. Und dadurch beschreiben die Partikel dann nicht mehr eine Kreisbahn, sondern so eher eine flachgedrückte Ellipse.
MUSIK 4 (Findus Engelbrecht / Tony Delmonte: By The Ocean 0‘55)
SPRECHERIN
Also im tiefem Wasser – auf dem offenen Meer - sind die Bahnen der Wasserteilchen beim Passieren einer Welle fast kreisförmig, im flachem Wasser – also in Küstennähe - elliptisch. Transportiert wird vor allem Energie. Es ist ein bisschen als würde man eine Decke aufschlagen. Die Decke bleibt an derselben Stelle, der Stoff bildet Wellen. Den Effekt kann man auch im flachen Wasser beobachten, sagt Jochen Horstmann:
O-TON 4 (Horstmann)
Wenn man am Strand ist, im flachen Wasser, da sind oft so kleine Rippelwellen unten am Sand. Und dann sieht man, wenn man da mal reinguckt ins Wasser, (…) da sieht man wirklich, wie diese kleinen Sandpartikel immer hin und her sich bewegen, so kleine Wirbel über diesen Kämmen entstehen und das ist eben wirklich ein Effekt von den Orbitalbewegungen, die durch die Wellen induziert werden.
ATMO (Wellen)
SPRECHERIN
Wenn heranrollende Wellen vor Küsten auf die Wand eines Unterwassergrabens, auf Korallenriffe oder auf eine Sandbank treffen, werden die Bewegungen gebremst. Jochen Horstmann:
O-TON 5 (Horstmann)
Durch dieses Abbremsen der Welle unten wird eben oben die Geschwindigkeit höher sein als unten. Und wenn die Geschwindigkeit oben dann die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Welle erreicht, dann ist sozusagen eines der Brecher-Kriterien erfüllt.
SPRECHERIN
Die Welle bricht, es bildet sich weißer Schaum und ein Wasser-Luft-Gemisch.
ATMO (Wellen, Brandung)
SPRECHERIN
Ob Wellen sich hoch auftürmen oder eher klein sind, hängt unter anderem auch mit der Küstenform zusammen, auf die die Meeresbrandung trifft, erklärt der Experte für physikalische Ozeanographie.
O-TON 6 (Horstmann)
Wenn man zum Beispiel eine Bucht hätte, die ganze Wellenenergie verteilt sich dann wirklich an den Stränden in dieser Bucht – die läuft dann auseinander. Und das nennt man dann Divergenz, also die Wellen sind dann divergent. Das heißt: In der tiefen Bucht dort würde man weniger Seegang haben, während so an solchen Nasen (…) kommen die Wellen dort zusammen und dann nennt man das konvergent.
SPRECHERIN
Dort laufen die Wellen aufeinander zu, die Energie addiert sich – die Welle wächst in die Höhe. Und natürlich spielt es für die Größe einer Welle auch eine Rolle, welche Wellen überhaupt an der Küste ankommen, erklärt der Forscher Jochen Horstmann.
O-TON 7 (Horstmann)
Also man braucht eine lange Wirklänge. Sprich: ein großes Gebiet, in dem der Wind die See auffachen kann, so dass sich Wellen aufbauen können. Und man braucht auch eine lange Wirkdauer, also eine lange Dauer von dem Sturm.
SPRECHERIN
Die Wellen, die sich dann vor Nazaré oder auch vor Hawaii zu Giganten entwickeln, sind oft weit entfernt entstanden, bei einem Sturm mitten im Ozean – und Hunderte oder Tausende Kilometer über das Meer gewandert. Es braucht also viele Parameter, um eine starke Brandung entstehen zu lassen.
MUSIK 5 ( M. Ward: Tranfiguration No 1 0‘35) / ATMO (Wellen an Küste – Badegäste am Strand)
SPRECHERIN
Manche Badende fühlen sich von Wellen magisch angezogen. Jeden Sommer sieht man am Meer Urlauber, die - wie im Wellenbad - den Wellen entgegenspringen und sich dann wieder Richtung Land treiben lassen. Doch viele unterschätzen die Kraft der Brandung – und die damit verbundenen Gefahren. Problematisch ist vor allem das Phänomen des Brandungssoges, sagt Alexander Paffrath von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft, kurz DLRG:
O-TON 8 (Paffrath)
Der entsteht beispielsweise, wenn das mit den Wellen in Richtung Ufer geströmte Wasser am Meeresboden zurückläuft. Und je größer da die Wassermassen sind, also je höher die Intensität ist, die da an Energie zum Ufer transportiert wird, desto stärker kann dieser Brandungssog ausfallen. Und dann werden den in der Brandung Stehenden regelrecht die Beine weggezogen. Und gerade Kinder oder unsichere Schwimmer werden von dem Phänomen oftmals überrascht. Die landen dann halt unvermittelt im Wasser. Und dann kommt es zu brenzligen Situationen und das teilweise schon im brusttiefen Wasser. Das wird halt vielfach unterschätzt. Und ich sehe halt immer wieder im Sommer, dass dann da auch Eltern mit ihren Kindern im Spülsaum stehen und die Hand nicht am Kind haben. Und letztlich kann es dann alleine dadurch, dass man noch zupacken müsste und das Kind eben nicht dann an der Hand hat, einfach schon zu spät sein, weil die Kinder gegen diesen Sog sich nicht mehr wehren können.
ATMO (Kinder im Wasser) / MUSIK 6 ( Akademisches Blasorchester München: Alfred Reed – Suite Nr. 7 0‘40)
SPRECHERIN
Wenn Kinder oder ungeübten Schwimmer, denen die Beine weggezogen wurden, dann wieder auftauchen, werden sie manchmal schon von der nächsten, anrollenden Welle wieder umgerissen oder überspült – denn Wellen treten in Gruppen auf. Alexander Paffrath:
O-TON 9 (Paffrath)
Dann kommt noch eine Panikreaktion, ein Schockmoment dazu. Und das ist halt das Problem, was da auftreten kann. Und je nachdem, wie hoch die Wellen sind, haben wir ja dann da auch noch eine gewisse Gischt. Wenn man dann in dieser Gischt einatmet, dann atmet man letztendlich auch Wasserpartikel ein. Und gerade bei einem ungeübten Schwimmer führt das einfach zu Panikreaktionen und dann im worst case auch tatsächlich zu einem potenziellen Ertrinkungsfall.
MUSIK 7 ( Mathias Mersch: Oceans Deep 0‘25)
SPRECHERIN
Auch Gezeitenströmungen, also Strömungen, die durch Ebbe und Flut ausgelöst werden, können für Schwimmer gefährlich werden.
O-TON 10 (Paffrath)
Und gerade bei Ebbe kann man natürlich rausgezogen werden ins offene Meer. Und daher sind die Badezeiten an den bewachten Badestellen an der Nordsee in aller Regel auch so kurz vor oder ein, zwei Stunden vor dem Hochwasser. Das heißt also mit dem auflaufenden Wasser, sodass man in diesen Sog der Ebbe eigentlich gar nicht reingeraten kann. An allen unbewachten Badestellen sollte man es tunlichst vermeiden, dann tatsächlich ins Wasser reinzugehen.
SPRECHERIN
Besonders viele Rettungseinsätze gibt es für die DLRG aufgrund der tückischen Rip-Strömung, die auch unter dem Namen Trecker-Strömung bekannt ist. Dabei strömt Wasser vom Strand in Vertiefungen im Meeresboden zurück aufs Meer. Es ist eine oft mehrere Meter breite, sehr schnelle Strömung, gegen die Schwimmer nicht ankommen. Das Gefährliche: Rippströmungen können plötzlich und an unterschiedlichen Stellen auftreten – also auch an Stellen, an denen es kurz vorher noch ungefährlich war. Gerät man in diese Strömung, sollten Schwimmer keinesfalls versuchen, gegen die Strömung anzukämpfen. Die Ursache tödlicher Unfälle in Rippströmungen ist fast immer Ertrinken durch Erschöpfung. Vielmehr sollten Schwimmer quer zur Strömung aus dem Hauptstrom rausschwimmen, rät Alexander Paffrath von der DLRG:
O-TON 11 (Paffrath, 7.14)
Mit dem geübten Auge kann man schon einigermaßen erkennen, wo denn eine Trecker-Strömung ist. Also zum Beispiel, dass man sieht, dass in einem Bereich das Wasser aufgewühlter ist als in einem anderen. Oder die Oberfläche sieht völlig anders aus als im umgebenden Wasser, zum Beispiel im Gegensatz zur flachen Umgebung ist da dann so eine leicht gekräuselte Wasseroberfläche. Oder aber, dass die Wellen, wenn man da ein bisschen länger draufguckt, in einem anderen Winkel brechen als in dem restlichen Brandungsbereich. Aber das sind Dinge, die sind halt für Otto-Normal-Urlauber in Anführungszeichen nicht wirklich einfach zu erkennen.
SPRECHERIN
Nicht nur für Menschen, auch für Tiere können Stürme mit starken Strömungen und hohen Wellen tückisch werden. So wurde 2023 nach dem Sturm „Zoltan“ auf Sylt eine geschwächte Karettschildkröte angespült, die eigentlich im Mittelmeer heimisch ist.
MUSIK 8 (Petra Eisend & Band: Under Water 1‘05) / ATMO (Wellen, Sturm)
SPRECHERIN
Auch der Küstenschutz muss die Brandung immer ganz genau im Blick haben. Denn die Wucht der Brandung ist gewaltig und kann ganze Küstenabschnitte verändern: Wellen können Sandbänke verschieben, Strandabschnitte neu anspülen oder auch abtragen. Bei jeder Sturmflut ist eindrucksvoll zu erleben, wie Wind und Wasser an den Küsten nagen. Beispiel Sylt: Die Wellen tragen den Sand an der Westküste nach und nach ab. „Der Kampf um Land und Sand ist für Sylt eine Überlebensfrage“, heißt es auf der Webseite der Insel. Theide Wöffler vom Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein:
O-TON 12 (Wöffler)
Im Mittel verlieren wir auf der Insel Sylt eine Million Kubikmeter Sand pro Jahr infolge von Brandung und auch Gezeitenströmung.
SPRECHERIN
Das Meer reißt Sandmassen mit sich, die zum Teil im Seegebiet zwischen Sylt und Amrum wieder abgelagert werden. Vor allem das Süd- und Nordende von Sylt sind gefährdet, die Inselenden sind am stärksten von der Erosion betroffen.
MUSIK 9 (Claude Debussy: 2.Satz aus Sonate F-Dur 0‘45) /ATMO (Wind Wellen)
SPRECHERIN
Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts unternahmen die Bewohner von Sylt erste Versuche, ihre Insel vor der Brandung zu schützen. Damals wurden sogenannte Buhnen errichtet. Das waren zunächst Holzpfahlbuhnen, später dann auch Stein-, Stahlspundwand- und Betonpfahlbuhnen, die in langen Reihen rechtwinklig zur Küste ins Meer geschlagen wurden. Diese sollten die Brandungs- und Gezeitenströmungen vom Ufer fernhalten. Sehr effektiv ist diese Methode auf Sylt allerdings nicht gewesen. Eine nachhaltige Verminderung des Küstenrückganges konnte durch die Buhnen nicht erreicht werden. Daher wurden die Buhnen an der Westküste von Sylt in den letzten Jahren fast vollständig zurückgebaut.
ATMO Möwen / MUSIK 10 ( Astor Piazzolla: Vuelvo al sur 0‘45)
SPRECHERIN
In Westerland wurde eine Ufermauer errichtet – doch die Erosion ist stark, immer wieder stehen aufwändige Reparaturarbeiten an. Um Landabbrüche an der Westseite der 38 Kilometer langen Insel zu verhindern, wurden ab den 1960er Jahren am Strand von Hörnum im Süden von Sylt Tetrapoden ausgebracht – das sind riesige, vierfußige Steine aus Beton. Mit Hilfe von Tetrapoden wird vor der Küste eine Art künstliches Riff geschaffen, erklärt Jochen Horstmann:
O-TON 13 (Horstmann)
Die sorgen für immense Turbulenzen. Dann brechen die Wellen zusammen und brechen sich dann an diesen Tetrapoden, die ja auch aus Beton sind und deshalb den Kräften gut widerstehen können, dass wird oft gemacht, insbesondere auch an den Küsten von Taiwan, aber auch vor Sylt gibt es Tetrapoden.
SPRECHERIN
Die Wellenbrecher aus Beton sind mit rund sechs Tonnen allerdings so schwer, dass sie je nach Untergrund einsinken und dann nicht mehr den gewünschten Effekt erfüllen. Auch auf Sylt stecken einige der Riesensteine schon tief im Sand. Damit Sylt nicht weggespült wird, werden auf der Insel zusätzlich seit 1972 Sandaufspülungen vorgenommen. Dabei entnehmen Baggerschiffe etwa acht Kilometer vor der Westküste ein Sand-Wasser-Gemisch und pumpen dies über Rohrleitungen an den Strand. Das Wasser fließt ab, der Sand bleibt zurück und wird von Bulldozern verteilt. Am Meeresboden bleiben Vertiefungen zurück. Theide Wöffler.
O-TON 14 (Wöffler)
Bei den Sandvorspülungen haben wir auch ein wenig die Strategie in den letzten Jahren verändert. Also wenn man sich anguckt, wie am Anfang der Sandvorspülung gearbeitet wurde: Da wurde eine große Menge Sand auf einen Strandabschnitt vorgespült. Und in den letzten Jahren sind wir einfach zielgerichteter geworden, was die Sandvorspülung angeht. Also das heißt: Wir verteilen unsere Sandmengen auf eine größere Länge des Strandabschnitts, also weniger Sand, verteilt auf einen längeren Strandabschnitt und setzen so den Sand zielgerichtete ein.
ATMO (Wellen auf Meer)
SPRECHERIN
Vor Sylt befindet sich etwa 300 bis 400 Meter vor der Küste ein natürlicher Wellenbrecher, ein Sandriff. Es ist ein dynamisches Gebilde, dass sich durch die Brandung immer wieder verändert. Theide Wöffler.
O-TON 15 (Wöffler)
Also dieses Sandriff wandert auch im Laufe des Jahres auf die Küste zu und entfernt sich auch wieder. Also in Abhängigkeit der Wellengröße, wandert dieses Sandriff in den Herbst und Wintermonaten etwas weiter nach draußen. Und in ruhigeren Monaten, wandert dann dieses Sandriff näher auf die Küste zu. Und das hat eine ganz entscheidende Funktion für den Küstenschutz auch. Also ist eine Art natürlicher Wellenbrecher, den wir vor der Insel Sylt einfach liegen haben – in Form dieses Sandriffs.
SPRECHERIN
Auf Sylt wird aber auch vor dem Strand – also im Meer - Sand aufgespült und so das vorgelagerte Sandriff verstärkt. Dadurch wird die Brandung abgeschwächt, bevor sie auf Land trifft. In der Fachsprache heißt diese Maßnahme Vorstrandaufspülung:
O-TON 16 (Wöffler)
Das heißt, wir spülen den Sand nicht mehr auf den Strand vor, sondern verstärken das Riff vor dem Strand und verklappen dort den Sand auf der seewärtigen Seite des Riffs. Und haben da einfach die positive Erfahrung gemacht, dass durch diese Riff-Verstärkung die Strände sich dahinter einfach sehr stabil verhalten und wir so letzten Endes eine wirtschaftlichere Methode haben, den Strand zu schützen.
ATMO (Meer) / MUSIK 11 ( Astor Piazzolla: Vuelvo al sur 1‘00)
SPRECHERIN
An Land soll mit Sandfangzäunen, die oft aus Birken oder Weiden gebaut werden, der Sand gehalten werden. Dazu werden Reisigbündel in den Sand gesteckt, so dass Zäune entstehen, in deren Windschatten sich der Sand ablagern soll. Auch mit dem Anbau von Strandhafer auf den Dünen wird versucht, Sandflug zu vermeiden. Ammophila arenaria – so der lateinische Name von Strandhafer - hat bis zu fünf Meter tiefe Wurzeln. Die Wurzeln der Pflanzen verflechten sich zu einem unterirdischen Netz, das die Düne und den Sand festhält. Gerade nach neuen Sandaufspülungen werden Sandfangzäune gebaut, damit der mühsam ausgebrachte Sand nicht gleich wieder vom Wind weggeweht wird. Wenn Wellen auf Land treffen, sind Dünen das erste Bollwerk gegen die Brandung.
ATMO (Wellen)
SPRECHERIN
Seegang und Wellenschlag gefährden auch die Deiche, die Küstenbewohner vor Überflutungen schützen sollen. Bereits jetzt wohnt in Schleswig-Holstein etwa ein Drittel der Einwohner in potenziell überflutungsgefährdeten Gebieten. Angesichts des Klimawandels steht der Küstenschutz vor neuen Herausforderungen, so Theide Wöffler vom Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz:
O-TON 17 (Wöffler)
Also eines ist sicher, dass infolge des Klimawandels der Meeresspiegel weiter ansteigt. Und ganz sicher ist dann auch, dass zukünftige Sturmfluten auf diesen gestiegenen Meeresspiegel aufsatteln, also sprich: der Meeresspiegelanstieg von einem Meter und dementsprechend laufen dann zukünftige Sturmfluten auch mindestens einen Meter Höhe auf. Und dann haben wir es natürlich auch noch damit zu tun, dass in größeren Wassertiefen auch ja einfach eine größere Seegangs-Energie steckt. Also es können sich größere Wellen bilden in tieferem Wasser. Die Wellen können eine größere Periode haben. Und somit haben wir es dann einfach mit einer größeren Brandung-Energie zu tun, die auf unsere Deiche und auf unsere Küsten trifft.
SPRECHERIN
Deshalb werden in Schleswig-Holstein die Deiche verstärkt und ausgebaut. Die sogenannten Klimadeiche sind höher, breiter und flacher. Theide Wöffler:
O-TON 18 (Wöffler)
Das Profil verfügt über eine wesentlich breitere Deichkrone, auf die dann die nachfolgenden Generationen eine sogenannte Kappe aufsetzen können - mit vergleichsweise geringem Aufwand. Und die nächste Generation, die den Deich dann wiederum verstärkt, kann dann halt - wenn sie diese Kappe aufgesetzt haben - einen Meeresspiegelanstieg von 1,5 Meter schon mal entgegenwirken, (…) dadurch, dass einfach der Deich so breit jetzt ausgestaltet ist, dass man dann letzten Endes nur noch eine Kappe obendrauf setzt. Und dann gibt es noch die zweite Ausbauoption bei diesem Klimadeich, das dann wiederum das Profil noch mal abgeflacht werden kann, dass letzten Endes dann auch wiederum mit sehr gering bautechnischen Aufwand Wasserstände bei einem Meeresspiegel von bis zu zwei Meter gekehrt werden können. Also das ist so das neue Deichprofil, was wir in Schleswig-Holstein umgesetzt haben und was es dann den nachfolgenden Generationen erleichtert, mit dem Meeresspiegelanstieg umzugehen.
SPRECHERIN
Einer der ersten Klimadeiche wurde 2016 auf Nordstrand im Kreis Nordfriesland fertig gebaut. Dafür wurde der Deich auf zweieinhalb Kilometern um 70 Zentimeter erhöht und um zweieinhalb Meter verbreitert. Auch in anderen Gegenden an der Küste wurden Deiche schon verstärkt.
MUSIK 12 ( Die Fantastischen Vier – Tag am Meer 1‘20)
SPRECHERIN
Nicht nur die deutsche Küste und Inseln in der Nord- und Ostsee, weltweit sind viele Regionen gefährdet – durch den steigenden Meeresspiegel, höher auflaufende Sturmfluten, höhere Wellen, zunehmende Wetterextreme und geänderte Strömungs- und Tidebedingungen. Viele Inselstaaten auf der Südhalbkugel sehen sich in ihrer Existenz bedroht. Weltweit versuchen deshalb Forscher, die Entstehung von Wellen, Strömungen und die Brandung besser zu verstehen, um mögliche Folgen besser einschätzen und die Küsten noch besser schützen zu können.
MUSIK / ATMO (Wind, Wellen)
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Denn in seinem Science-Fiction-Epos über die Evolution und Herkunft unserer Intelligenz hielt sich Kubrick an das Motto „Erklär nie etwas, was du selbst nicht verstehst.“ OTON Jan Harlan 1 Ich werde manchmal gefragt, ob es irgendetwas gibt wovor Kubrick Angst gehabt hätte, und halb ernst antworte ich dann: in einen Raum zu gehen mit lauter Fremden, die sich da auf ihn stürzen und nach der Bedeutung von 2001 fragen. Diese Gespräche, die scheute er sehr. Er wollte nie nach seinen Filmen gefragt werden. SPRECHERIN Sagt Jan Harlan, Schwager von Stanley und der jüngere Bruder von Christiane Kubrick. Jahrzehntelang arbeitete er als Assistent des öffentlichkeitsscheuen Regisseurs, der nur äußerst selten Interviews gab und seine Filme auch nie erklären oder interpretieren wollte. Bis zu seinem Tod 1999 hat Stanley Kubrick nur 13 Spielfilme gedreht. Viele davon sind aber einzigartige Meisterwerke, die von jeder Generation immer wieder neu rezipiert und verehrt werden: MUSIK 3: Fanfare for 2001 – 16 Sek SPRECHER 2001 - Odyssee im Weltraum SPRECHERIN A Clockwork Orange SPRECHER Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben SPRECHERIN Shining SPRECHER Full Metal Jacket SPRECHERIN Eyes Wide Shut OTON Sedat Aslan 1 Ich denke, das Wichtigste ist, dass man die Filme immer wieder neu entdecken kann, immer wieder anders lesen kann, sich auch mit steigendem Lebensalter der Blick auf die Filme, die Perspektive von einem selbst da drauf verändert. Und dass die Filme so reich sind an Gedanken, an Ideen, aber eben auch an ästhetischen Verfahren, die von einem großen Geist da hineingeflossen sein müssen, dass man eigentlich ihrer nicht überdrüssig wird. SPRECHERIN Sagt der Filmwissenschaftler und Kubrick-Experte Sedat Aslan. Ihn fasziniert, dass der heute so hochverehrte Kubrick von der zeitgenössischen Filmkritik oft heftig verrissen wurde. So nannte Pauline Kael, die Grande Dame des US-Film-Feuilletons, „2001“ einen Film von „monumentaler Ideenlosigkeit“. OTON Sedat Aslan 2 Eines der Merkmale, die Kubrick-Filme auszeichnen, ist, dass sie eben auch sich einer vorschnellen Beurteilung entziehen. Also ich denke mal, dass das zusammenhängt mit der Abkehr von einem klassischen Erzählkino. Das sind Filme, die den Zuschauer herausfordern, die ihn auch mal ratlos zurücklassen. Die sind ein ästhetisches Erleben, die nicht mit einer Gebrauchsanleitung daherkommen, sondern eben dich auch überfordern sollen. SPRECHER Mit Kubrick zu drehen, war für das gesamte Team eine enorme Herausforderung. Der Perfektionist nahm sich Zeit. Viel Zeit. Die Arbeit an „Eyes Wide Shut“ erstreckte sich über 400 Drehtage und hat einen Eintrag im „Guinness Buch der Rekorde“ als „längste durchgehende Dreharbeiten“. Viele Einstellungen ließ Kubrick wiederholen, immer und immer wieder, bis zu 127 Mal. MUSIK 4: Die diebische Elster – 30 Sek SPRECHER Für die einen war er ein Meister der Präzision, der an jedem Detail bis zur Perfektion arbeitete. Für andere war er ein Pedant, der seine Crew an die Grenzen brachte, und manchmal darüber hinaus. Jan Harlans Dokumentarfilm „Stanley Kubrick - A Life in Pictures“ beginnt mit Zeitungsausschnitten, die Kubrick mal freundlich, mal weniger freundlich beschreiben. SPRECHERIN Genial. Rätselhaft. Kontrovers. Obsessiv. SPRECHER Megalomane. Eigenbrötler. Kontrollfreak. MUSIK Rossini hoch und weg OTON Jan Harlan 2 Er war eine ganz, ganz starke Persönlichkeit. Dem konnte sich niemand entziehen. Das war ein Mann, wenn er ins Zimmer kam, dann ging das Licht an. Ein enormes Talent, ein richtiger Künstler. Es war aber gleichzeitig ein sehr schwieriger Mann. Also war keineswegs alles ganz einfach. 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MUSIK 6: Debris Field – 1:10 Min SPRECHERIN Bei seinen ersten Filmen führt er nicht nur Regie, sondern ist sein eigener Kameramann, Drehbuchautor und Editor, er kümmert sich um die Nachvertonung und um die Finanzen. Bald wird Hollywoodstar Kirk Douglas auf Kubricks Talent aufmerksam und übernimmt die Hauptrolle im Kriegsfilm „Wege zum Ruhm“, der 1957 bei München in den Bavaria-Filmstudios und rund um Schloss Schleißheim gedreht wird. SPRECHER In der letzten Szene von „Wege zum Ruhm“ tritt eine junge deutsche Kriegsgefangene auf. Sie wird auf eine Bühne gezerrt, soll vor den johlenden französischen Soldaten zur Belustigung singen. Doch je länger sie singt, desto mehr verstummen die Männer, und sie beginnen mitzusummen, mit Tränen in den Augen. Aus Feindschaft wird hier ein gemeinsames Gefühl der Humanität und der Trauer über die schier ausweglose Situation an der Front im Ersten Weltkrieg. Für die Schauspielerin, die Deutsche Christiane Harlan, und ihren Regisseur, Stanley Kubrick, wird es Liebe auf den ersten Blick. Nach Ende der Dreharbeiten heiraten sie und ziehen nach England. SPRECHERIN „Wege zum Ruhm“ verhilft Stanley Kubrick zum Durchbruch. Trotz mancher Differenzen ist vor allem Hauptdarsteller Kirk Douglas beeindruckt, der im Hollywood der 1950er und 60er Jahre auch als Produzent großen Einfluss ausübt. OTON Sedat Aslan 4 Kirk Douglas hat diesen Wunderknaben geschätzt und hat auch gesehen, dass er so eine Produktion stemmen kann. Da gibt es eine Anekdote, in der ein Schauspieler nach dem 25. Take sagt, jetzt habe ich genug, und jetzt sollten wir Mittagessen gehen und Kubrick dann sagt, er möchte noch einen Take haben und dann dieser Schauspieler unglaublich wütend wird und einen rasenden Monolog hält und Kubrick ihn aussprechen lässt und dann, als er fertig war mit seiner Tirade, sagt: „Alright, now let’s do another take“. Und das hat Kirk Douglas sehr beeindruckt, dass er gesehen hat, dass dieser junge, autodidaktische Filmemacher ebenso ein Set stemmen kann. Musik 7: Spartacus –51 Sek SPRECHERIN Kirk Douglas feuert bei seinem Großprojekt „Spartacus“ kurz nach Drehstart den ursprünglichen Regisseur, wegen künstlerischer Differenzen. Dann bietet er den frei gewordenen Regiestuhl Stanley Kubrick an. Der akzeptiert, und leitet als 31jähriger plötzlich eine millionenschwere Produktion über den Sklavenaufstand im Römischen Reich, mit Tausenden von Komparsen und Stars wie Laurence Olivier, Peter Ustinov, Tony Curtis und Jean Simmons. „Spartacus“ katapultiert Kubrick in die Liste der Top-Regisseure Hollywoods. Doch er hat kein Mitspracherecht über die finale Fassung des Films und schwört sich, nie wieder ein Projekt anzunehmen, bei dem er nicht die volle künstlerische Kontrolle hat. MUSIK 8: LOLITA YA YA (aus Soundtrack Lolita) - 54 Sek SPRECHERIN Aufrechte Helden mit Identifikationspotential - so wie noch bei „Spartacus“ - verschwinden aus Kubricks Werk. Stattdessen zeigt er eine oft kalt wirkende Welt, die auf das ewige Scheitern der Menschheit blickt. Und er scheut nicht vor riskanten Stoffen zurück. SPRECHER 1962 wagt sich Kubrick an die Verfilmung des Skandalromans „Lolita“ von Vladimir Nabokov, weicht dabei erheblich von der Buchvorlage ab und macht daraus eine mit bissigem Humor durchtränkte Geschichte über Abhängigkeit und Täuschung. Der Brite Peter Sellers schlüpft in eine prägnante Nebenrolle, wechselt darin Dialekte und Verkleidungen und begeistert Kubrick so sehr, dass er mit ihm 1964 auch den nächsten Film realisiert, die Atomkriegs-Satire „Dr. Seltsam - oder: Wie ich lernte die Bombe zu lieben“. SPRECHERIN Hier ist Sellers in gleich drei Rollen zu sehen: als US-Präsident, als britischer Adjutant bei den amerikanischen Streitkräften und als titelgebender Wissenschaftler Dr. Seltsam mit Nazivergangenheit und widerspenstiger Hand, die ständig mit dem Hitlergruß salutieren will. Kubrick greift das Gefühl der Unsicherheit und Paranoia mitten im Kalten Krieg auf, mischt Logik und Wahnsinn zu einer - wie er es nannte - „Albtraumkomödie“. Ein durchgedrehter amerikanischer Militär gibt den Befehl zum atomaren Angriff auf die Sowjetunion und setzt so eine absurde wie unumkehrbare Kettenreaktion in Gang. MUSIK 9: WE’LL MEET AGAIN von Vera Lynn - 26 Sek SPRECHERIN Am Ende überziehen Atompilze den Planeten, erblühen pittoresk zu den Klängen von Vera Lynns „We’ll Meet Again“. Ursprünglich als Trost-Lied für Soldaten und ihre Liebsten im Zweiten Weltkrieg geschrieben, nutzt es Stanley Kubrick als Untermalung für ein höllisches Finale. OTON Sedat Aslan 5 In seinem früheren Werk hat er schon klassisch komponierte, orchestrale Musik verwendet. Erst ab einem gewissen Punkt ging er dazu über, klassische Musik oder Popmusik zu verwenden, die auch immer stärker kontrapunktisch eingesetzt wurde oder wo es um Musik geht, die eher eine Dissonanz darstellt als eine Vermählung, was man aus dem „classical cinema“ kennt, wo quasi jede Emotion durch die Musik auch unterstrichen, vielleicht sogar vorgegeben werden soll. Das wird ja in seinen Filmen komplett aufgehoben. MUSIK 10: An der schönen blauen Donau – 19 Sek SPRECHER Musik wirkt bei Kubrick oft wie eine eigene dominante Figur. In „2001 - Odyssee im Weltraum“ schneidet er zu den Klängen des Johann Strauß-Walzers „An der schönen blauen Donau“ die Reise eines Raumschiffs zu einer sich drehenden Raumstation. MUSIK 11: Ligeti, Atmosphères – 31 Sek SPRECHER Die dissonanten Klänge des Ungarn György Ligeti nutzt Kubrick in 2001 für die halluzinogenen Bilder bei der Reise durch das Sternentor. Nachdem die Finanzierung eines lange bis ins Detail vorbereiteten, monumentalen Projekts über Napoleon scheitert, verfilmt Kubrick Anthony Burgess’ dystopischen Roman „Uhrwerk Orange“. Es wird sein kontroversester und umstrittenster Film. MUSIK 12: Title Music Clockwork Orange - 55 sek SPRECHERIN „A Clockwork Orange“ folgt den Gewalttaten von Alex und seiner Jugendbande. In weißen Hemden, Hosen und Hosenträgern, dunklen Springerstiefeln, mit Stöcken in der Hand und Melonenhut auf dem Kopf ziehen sie durch ein von brutalistischen Betonbauten geprägtes London. Tagsüber schwänzt Alex die Schule, geht in den Plattenladen und hat Sex mit Zufallsbekanntschaften. Nachts vertreibt er sich die Zeit mit Diebstahl, Vergewaltigung und sogar Mord, ehe er glückselig nach Hause kommt. Schließlich wird Alex von der eigenen Gang hintergangen und verhaftet. Im Gefängnis nutzt ihn die Regierung als Versuchskaninchen: mit einer neuartigen Therapie soll Alex so umkonditioniert werden, dass er körperliche und sexuelle Gewalt nicht mehr erträgt. OTON Malcolm McDowell 1 The thing is when it first came out, it was futuristic. People were mesmerized by the look and also the violence. VOICEOVER: Als der Film 1972 in die Kinos kam, war das Publikum wie hypnotisiert vom futuristischen Stil, aber auch von der Gewalt. SPRECHERIN Erinnert sich Hauptdarsteller Malcolm McDowell, dessen Look im Film einen großen Einfluss auf die Populärkultur der 1970er Jahre hatte, vor allem auf die Punk- und die spätere Skinhead-Szene. Die verstörende Wirkung hat „Uhrwerk Orange“ bis heute behalten. Nicht wegen der Gewaltdarstellung, sondern weil der Film auf eine moralische Stellungnahme verzichtet. Alex vertraut sich als Erzähler dem Publikum an, ist Charmeur und Monster zugleich, übt Gewalt aus und wird selbst Opfer staatlicher Gewalt, in einer zunehmend entmenschlichten Welt. Am Ende scheitert seine Therapie und er wird wieder in seine Gewalttätigkeit entlassen. OTON Malcolm McDowell 2 „Today’s audiences, they see the humor, … but at least he has the choice.“ VOICEOVER „Das Publikum heute versteht den dunklen Humor, der im Film steckt, aber auch die immer noch relevante politische Ebene. Deshalb entdeckt jede Generation „A Clockwork Orange“ für sich aufs Neue. Letztlich geht es um die Freiheit selbst bestimmen zu können. Wir mögen uns für den Weg des Guten oder des Bösen entscheiden, aber wir haben die freie Wahl.“ MUSIK 13:Title Music Clockwork Orange – siehe oben - 1:12 Min SPRECHERIN Für Kubrick wird der Film Segen und Fluch zugleich. Ein massiver Erfolg, der über Monate hinweg die Kinosäle füllt. Aber es kommt in Großbritannien auch zu Gewalttaten, die angeblich von „Uhrwerk Orange“ inspiriert sind. In der Regenbogenpresse hagelt es schwere Vorwürfe, der Film und sein Regisseur würden zu Mord und Totschlag anstiften. Kubrick erhält Hassbriefe, auch Todesdrohungen. Er hat Angst um seine Frau und Kinder, immer wieder tauchen Leute vor dem Anwesen der Kubricks auf. SPRECHER Stanley Kubrick zieht die Reißleine. Nach 61 Wochen lässt er - mit dem Einverständnis von Warner Brothers - den Film aus den britischen Kinos nehmen. Bis zu Kubricks Tod gilt „A Clockwork Orange“ in Großbritannien als „verbotener Film“, wird nicht auf der Leinwand oder im Fernsehen gezeigt und ist nur unter dem Ladentisch als illegal importierte Videokassette zu beziehen. So wächst der Mythos um den Film und seine Wirkung. MUSIK Title Music Clockwork Orange hoch und weg SPRECHER Gerade das populäre Hollywood-Kino nimmt das Publikum gerne an die Hand. Gut und Böse sind klar gekennzeichnet. Filme als moralischer Kompass, oft mit Happy End. Nicht so das Kino des Stanley Kubrick, obwohl es auch von großen Hollywood-Studios finanziert wurde. Kubrick blickt distanziert und kühl auf unseren menschlichen Daseinskampf, legt den Finger in Wunden, fordert heraus, verstört. Und schafft so Kunstwerke, die lange nachhallen. Doch für neue Projekte lässt sich der Meister jahrelang Zeit. Mit jedem Film wechselt er die Genres, deren Konventionen er zerlegt und mit dem „Kubrick-Touch“ neu zusammenfügt. MUSIK 14: Sarabande (Main Title Barry Lyndon) - 24 Sek SPRECHERIN 1975 der Historienfilm „Barry Lyndon“. Um die realistischen Lichtstimmungen des 18. Jahrhunderts auf die Leinwand zu zaubern, dreht Kubrick viele Szenen nur bei Kerzenlicht, verwendet dabei die lichtstärksten Objektive der Welt, die die Firma Zeiss eigentlich für den Einsatz bei der NASA entwickelt hat. MUSIK 15: Main Title (Shining) – 24 Sek SPRECHER 1980 der Horrorfilm „Shining“, nach der Romanvorlage von Stephen King. Kubrick entfaltet das Grauen nicht genretypisch in finsterer Nacht, sondern bei Tageslicht. In den Räumen eines einsamen Hotels in den verschneiten Rocky Mountains verfällt Jack Nicholson als Autor immer mehr dem Wahnsinn und wird zur tödlichen Bedrohung für seine Frau und seinen Sohn. MUSIK 16: Ruins (aus Full Metal Jacket) - 28 Sek SPRECHERIN 1987 der Vietnam-Kriegsfilm „Full Metal Jacket“, den Kubrick in zwei Hälften teilt: erst die gnadenlose Ausbildung von Rekruten, ihre Erniedrigung und Entmenschlichung hin zu Killermaschinen. Dann ein harter Schnitt zum Kriegseinsatz in Vietnam, wo eine Einheit von US-Soldaten in den Hinterhalt einer vietnamesischen Heckenschützin gerät. MUSIK 17: Walzer Nr. 2 -20 Sek SPRECHER Es vergehen weitere 12 Jahre, bis zu Stanley Kubricks letztem Film, dem Erotik- und Beziehungsdrama „Eyes Wide Shut“, eine ins New York der Gegenwart verlegte Version von Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“. In den Hauptrollen: Nicole Kidman und Tom Cruise, damals auch im wahren Leben verheiratet. (Ab hier Walzer aushallen lassen) Im März 1999, eine Woche, nachdem Stanley Kubrick die finale Schnittfassung von „Eyes Wide Shut“ fertig gestellt hat, stirbt er an einem Herzinfarkt, im Alter von 70 Jahren. Den finanziellen Erfolg von „Eyes Wide Shut“, die wie immer zwiespältigen Kritiken bei der Premiere so wie die im Lauf der Jahre immer wohlwollender werdende Neubewertung: all das erlebt Stanley Kubrick nicht mehr. Musik 18: William Tell overture – 1:07 Min. SPRECHERIN Doch sein einzigartiges und vielschichtiges Gesamtkunstwerk bleibt so präsent und lebendig wie bei nur wenigen anderen Filmemachern. Er wird analysiert, diskutiert, zitiert. Filme wie „2001 - Odyssee im Weltraum“ und „Uhrwerk Orange“ zeigen keine Altersmüdigkeit und haben über ein halbes Jahrhundert nach ihrem Erscheinen nichts von ihrer Relevanz verloren. Das ist für Filmwissenschaftler Sedat Aslan das große Vermächtnis von Stanley Kubrick: OTON Sedat Aslan 6 „Diese Filme bieten so viel Stoff zur Diskussion und haben technisch, aber auch inhaltlich so viel zu Filmgeschichte beigetragen, dass es einen nicht ermüdet darüber zu sprechen. Und diese Filme sind geblieben, und die werden auch noch bleiben. Da ist also was da, was immer noch zu uns spricht. Ich glaube, das sind Filme, die auch noch in 100, 200 Jahren zu uns sprechen werden. Und das kann ich nicht über viele Regisseure der Filmgeschichte sagen.“ Musik aus. / STOPP
- Fische in Bayern - Wie geht es ihnen?
27.03.2025 · 23 Min.
Nährstoffmangel, giftige Algen und die Klimaerwärmung machen den Fischen in Bayern zu schaffen. Auch Kormorane oder Gänsesäger setzen den Beständen zu. Vom Fischfang allein kann an den Seen niemand mehr leben. Von Claudia Steiner Credits Autorin dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Sabine Kienhöfer Es sprach: Rahel Comtesse Technik: Josef Angerloher Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Prof. Dr. Jürgen Geist, Lehrstuhl für Aquatische Systembiologie an der TUM in Freising Susanne Huber, Fischwirtschaftsmeisterin in St. Heinrich am Starnberger See Dr. Michael Schubert, Institut für Fischerei in Starnberg Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Fische - Die unterschätzen Lebewesen JETZT ENTDECKEN Der Aal - Ein Fischer voller Rätsel JETZT ENTDECKEN Aquakulturen - Fluch oder Segen? JETZT ENTDECKEN Meerestiere im Klimawandel - Wenn das Wasser immer wärmer wird JETZT ENTDECKEN Der Fisch im Menschen - Unser evoltuionäres Erbe JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Linktipps: Institut für Fischerei HIER Lehrstuhl für Aquatische Systembiologie, TUM HIER Bayerisches Landesamt für Umwelt, Kormoranmanagement HIER Bayerisches Landesamt für Umwelt, Fische HIER Verbraucherportal Bayern, Heimischer Fisch HIER ARD Mediathek: Fischmangel - Wie retten wir unsere Flüsse HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Susanne Huber ist Fischwirtschaftsmeisterin am Starnberger See. Eben hat sie noch einmal zwei Sätze ausgebracht – so nennt man die aneinander geknoteten Netze. Nun heißt es warten. Die Fischerin aus St. Heinrich hofft, dass am nächsten Morgen einige Karpfen in ihren Netzen zappeln. O-TON 1 Ich habe jetzt heute einen relativ guten Tag gehabt. Schön. Also man spricht sich ja mit den Kollegen ab. Man weiß dann schon immer: 25 Stück können super sein, wenn man Kollegen hat, die einfach mit null heimfahren. 25 Stück können super mies sein, wenn der Kollege neben einem 60 hat. Da muss man halt schauen: Was hat der anders gemacht? Oder man hat einfach Pech. Man hat auch Wochen, in denen man einfach immer daneben liegt, einfach ein Stück daneben. Es ist brutal frustrierend. SPRECHERIN 2024 war am Starnberger See ein nicht allzu erfolgreiches Jahr für die gut 30 Berufsfischer. Manchmal blieben die Netze leer. ATMO (Wasserplätschern) SPRECHERIN Warum es für Fischer starke und manchmal schwache Jahre gibt, ist oft unklar – auch für Profis wie Susanne Huber. Denn die Fortpflanzung, das Wachstum und die Entwicklung von Fischen hängen von vielen Faktoren ab: Der Wassertemperatur, dem Algenwachstum, dem Fraßdruck und auch den Nährstoffen. ATMO (See) SPRECHERIN Beispiel Renken. Der beliebte Speisefisch gehört zur Familie der lachsartigen Fische. Regional werden sie auch Felchen oder Maränen genannt. Im Bodensee, aber auch in anderen Seen, variierte ihre Größe über die Jahrzehnte erheblich. Professor Jürgen Geist vom Lehrstuhl für Aquatische Systembiologie an der Technischen Universität München in Freising. O-Ton 3 Es ist dann im Laufe der Zeit so, bis zu den 70er-Jahren 80er-Jahren sind immer mehr Nährstoffe, vor allem Phosphat, eingetragen worden in das Gewässer. Die Phosphatkonzentration ist fast um den Faktor zehn dort angestiegen und das hat die Produktivität natürlich erhöht. Das heißt, die Renken sind dort deutlich schneller gewachsen, was natürlich aus Sicht zum Beispiel der Berufsfischerei sehr erwünscht war, was aber andere Probleme in Bezug auf die Wasserqualität nach sich gezogen hat. SPRECHERIN Die Renken wurden damals zwar schnell groß, doch die Startbedingungen für die Fische wurden immer schwieriger. Renken legen ihre Eier nämlich im Freiwasser ab. Die Eier sinken auf den Gewässergrund und sind darauf angewiesen, dass dort genügend Sauerstoff vorhanden ist. Jürgen Geist: O-TON 4 In diesen Zeiten des Nährstoffreichtums hat es häufig in Gewässern wie in den Bodensee natürlicherweise gar nicht mehr geklappt. Man hat also Brutanstalten gebaut. Hat diese Renken dann dort künstlich vermehrt, hat also die Laichfische gefangen, die Geschlechtsprodukte gewonnen, hat diese Fische aufgezogen und dann wieder ausgesetzt. Musik: Delicate information 0‘31 SPRECHERIN Inzwischen ist die Wasserqualität in vielen bayerischen Seen sehr gut, der Phosphorgehalt viel geringer als früher, als Waschmittel bei uns noch phosphathaltig waren. Gut für die Wasserqualität, nicht so gut für das Nahrungsangebot für Fische. Vor allem weil ein Element, nämlich Stickstoff über die Atmosphäre, das Grundwasser und die Landwirtschaft weiter in die Gewässer gelangt, erklärt Michael Schubert vom Institut für Fischerei in Starnberg. O-TON 5 Das Verhältnis von Phosphor zu Stickstoff passt eben nicht mehr so. Denn Stickstoff ist übernatürlich viel noch im Gewässer, und somit wächst eben nicht mehr diese Nahrung heran, was die Renken gerade brauchen: Plankton. Deswegen beobachtet man auch seit vielen Jahren eben, dass die Renken, um die geht es in Bayern hauptsächlich, dass die deutlich schlechter wachsen. SPRECHERIN Das beobachtet auch Susanne Huber, deren Familienbetrieb „Beim Fischer“ seit 1811 besteht. O-TON 6 Es gibt Jahre, da haben sie fast kein Futter. Man weiß aber nicht, wo die Ursachen liegen. Ist es jetzt nur die Strömung, nur der Nährstoffgehalt, das Wetter oder die Kombi? (…)Wir hatten es heuer im frühen Frühjahr so, dass wir bisschen Fische gefangen haben, weil es ein bisschen Futter geben hat. Dann kam der nächste Wind. Dann war das Plankton wieder weg. Plankton schwebt ja. Wind. Strömung. Aus. Vorbei. Eine Woche warten. Also, es ist unheimlich filigranes, empfindliches Gleichgewicht. ATMO (Fluss-Atmo, Schallarchiv) SPRECHERIN Und dieses Gleichgewicht wird immer öfter gestört, nicht nur in Seen, sondern auch in Flüssen, sagt der Wissenschaftler Jürgen Geist. O-TON 7 Der Zustand der Fische in Bayern (…) ist schon besorgniserregend, kann man sagen. Wir sehen, dass viele Arten, die früher wirklich Allerwelts-Arten waren, die sehr häufig waren, sehr stark zurückgegangen sind. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Arten, die häufiger geworden sind. Und wenn man das mal vergleicht oder analysiert, was sind denn die Eigenschaften, die dazu führen, dass Arten stark zurückgehen oder was sind Eigenschaften, die dazu führen, dass Arten stark zunehmen, dann kann man sehr schnell erkennen, wo die Knackpunkte liegen. Musik: Take off 0‘50 SPRECHERIN Ein Blick auf die Fließgewässer, also Flüsse wie die Donau, den Inn oder die Isar. Aufgrund des Klimawandels kommt es vermehrt zu Starkregenereignissen. Dadurch werden mehr Sedimente in die Flüsse gespült, die sich auf das kiesige Substrat am Grund legen. Die Folge: Es gibt immer weniger Zwischenräume im Kies für die Eier von Huchen, die ausgewachsen mehr als einen Meter lang werden können, oder Äschen, die nur etwa halb so lang werden. Wenn sich die Lebensbedingungen so stark verändern, klappt es oft nicht mehr mit dem Fisch-Nachwuchs. ATMO (Wasserrauschen Schallarchiv) SPRECHERIN Hinzu kommt: Diese hochspezialisierten Arten sind an starke Strömungen angepasst. Sie mögen frisches, kühles Wasser. Doch inzwischen werden viele Flüsse gestaut, im Oberwasser nimmt dadurch die Strömung ab. Die Bauten in den oft begradigten und ausgebauten Fließgewässern sind für junge Fische, aber besonders auch für wandernde Arten ein Problem. Sie können nämlich die künstlich geschaffenen Barrieren nicht überwinden. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts – als man in Bayern noch Flusslandschaften mit weit verzweigten Armen, Schotterbänken und Kiesflächen fand - gab es örtlich sogar noch Lachse und Störe. Michael Schubert. O-TON 8 Verschwunden sind so die Langdistanz-Wanderfischarten. Also Lachse gibt es natürlich in Bayern nicht mehr im fränkischen Gebiet. Auch die Störe sind weg, weil die mit dem ersten Wehr, mit dem ersten Kraftwerk, das gebaut wurde, eigentlich den Zuzug nach Bayern nicht mehr geschafft haben. SPRECHERIN Inzwischen findet man mehr als 4.200 Wasserkraftanlagen im Freistaat. In der Donau zum Beispiel gibt es im Schnitt alle vier Kilometer einen Staubereich, sagt Jürgen Geist. O-TON 9 Wenn jetzt ein Querbauwerk, also ein Damm in ein Fließgewässer gebaut wird, dann verändern sich natürlich diese Bedingungen. Die Strömungsgeschwindigkeit sinkt oberhalb des Damms ab, (…) das Geschiebe und Sediment wird nicht mehr transportiert, sondern lagert sich ab. Es kommt zur Verschlammung, und es kann natürlich auch dazu kommen, dass sich solche Gewässerbereiche stärker erwärmen als das in einem fließenden System der Fall wäre. Die Lebensgemeinschaften stellen sich darauf ein, und wir sehen dann eben, dass die Arten, die eigentlich auf diese strömenden Fließgewässer spezialisiert wären, dass die verschwinden oder zumindest weniger werden in diesen Systemen. Und auf der anderen Seite Arten, die man eigentlich gar nicht in diesen Fließgewässer-Regionen finden würde, hochrückige Arten wie der Karpfen, (…) dass die dann plötzlich eben in solchen Staubereichen auch vorhanden sind. SPRECHERIN Nicht nur Karpfen, auch Waller profitieren von den veränderten Lebensbedingungen. Waller, die am Maul markante Barteln haben, fressen andere Fische, Schnecken, Krebse oder auch Insekten und können Rekordlängen über zwei Meter erreichen. ATMO (Wasserkraft, Schallarchiv) Musik: Secret proofs 0‘42 SPRECHERIN Wasserkraft gilt als umweltfreundliche Energiegewinnung. Für die meisten Fische aber ist die Passage lebensgefährlich. So können Druckveränderungen die Schwimmblase platzen lassen. Das Organ dient Fischen unter anderem zur Stabilisierung im Wasser. Kommt es zu direktem Kontakt mit den Turbinenschaufeln werden die Tiere verletzt oder gar getötet. Dokumentiert sind leichtere Verletzungen wie Schuppenverlust, aber auch Einblutungen an den Augen, Quetschungen, Wirbelbrüche und das Abtrennen von Körperteilen. Viele Wasserkraftwerke wurden nachgerüstet. Neue Anlagen sollen die Fische noch besser schützen. Doch die Passage bleibt gefährlich, sagt Jürgen Geist, der unterschiedliche Anlagen untersucht hat. O-Ton 10 Wir haben gesehen, dass auch bei einigen der innovativen Wasserkraftanlagen deutliche Sterblichkeiten auftreten. Ja, die bewegen sich im optimalsten Fall im einstelligen Prozentbereich direkter Sterblichkeit der Fische bei der Passage von solchen Anlagen, können aber auch deutlich über 40, bei manchen Arten und Größenklassen sogar bis 50, 60, 70 Prozent liegen. SPRECHERIN Besonders groß ist die Gefahr für den Aal mit seinem schlangenhaften Körper. Aale schlüpfen in der Sargassosee östlich von Florida. Die jungen Fischlarven treiben mit den nordatlantischen Strömungen bis vor europäische Küsten, leben im Süßwasser und wandern Jahre später zur Fortpflanzung gut 8.000 Kilometer zurück in die Sargassosee. Um Verletzungen zu vermeiden, werden vor den Wasserkraftwerken oft sogenannte Feinrechen angebracht, also eng beieinander stehende Stäbe. Sie sollen größere Fische abhalten. Doch Wissenschaftler haben beobachtet, dass es viele Arten trotzdem schaffen, sich durch die Stäbe zu quetschen. Für kleinere Fische stellen die Rechen sowieso keinen Schutz dar, betont Jürgen Geist. O-TON 12 Wenn man sich mal die Größenverteilung von Fischen in einem Gewässer anschaut, dann ist es einfach aufgrund der Gesetzmäßigkeiten, der Nahrungspyramide (…) so, dass die überwiegende Mehrzahl der Individuen relativ klein ist und nur sehr wenige sehr groß sind. Diese großen Individuen, die können geschützt werden, durch solche Rechen. Aber der überwiegende Anteil dieser kleineren Fische ist in der Lage, diese Anlagen zu passieren. SPRECHERIN Eine andere Möglichkeit, um Verletzungen zu vermeiden, ist das Abschalten der Turbinen zur Hauptwanderzeit. Teilweise werden den Fischen auch sichere Bypässe angeboten, also Umgehungswege, die um Kraftwerke führen. Zudem wird mithilfe von Artenhilfsprogrammen immer wieder versucht, bedrohte Fischarten zu züchten und wieder anzusiedeln – doch das gelingt nur, wenn das Habitat passt. ATMO (Wind, Wasser, See) Musik: climate change A 0‘22 SPRECHERIN Auch der Klimawandel setzt den heimischen Fischen zu. Flüsse führen im Sommer oft nur wenig Wasser, das Wasser erwärmt sich schneller, der natürliche Lebensraum wird kleiner. Auch die Wassertemperaturen in Seen nehmen zu. Vor allem kleinere, nicht so tiefe Gewässer überhitzen. Michael Schubert. O-TON 13 Das große Problem ist, dass die Fische wechselwarm sind. Also sie können nicht wie wir ihre Temperatur regulieren. Sie sind also auf die Umgebungstemperatur angewiesen. Dementsprechend wenn es zu warm wird, müssten sie auch dem ausweichen. SPRECHERIN In tieferen Seen haben kälteliebende Fische wie Renken die Möglichkeit, nach unten, in kühlere Bereiche abzuwandern. Doch dann tummelt sich eine große Zahl von Fischen in bestimmten Wasserschichten und konkurriert dort um Nahrung und Sauerstoff. In kleineren, flachen Seen ist ein Ausweichen dagegen nur schwer möglich. Hitze bedeutet Stress für die Tiere. Auch nimmt in heißen Sommern oft der Sauerstoffgehalt des Wassers dramatisch ab. In kleinen Seen rücken dann Feuerwehren an, die mit Pumpen Wasser entnehmen und über Werfer wieder in das Gewässer zurückleiten. Manchmal sind – wie am Weßlinger See im Landkreis Starnberg – auch feste Anlagen installiert. Durch das Aufwirbeln soll das Wasser mit Sauerstoff angereichert und die Umwälzung verbessert werden MUSIK: Prayer wheel (red) 0‘52 SPRECHERIN Höhere Temperaturen verändern aber auch in tieferen Seen das filigrane Gleichgewicht. Der Starnberger See ist bis zu 128 Meter tief, der Bodensee bis zu 251 Meter. Vier Grad kaltes Wasser ist am schwersten und befindet sich am Grund. Je wärmer das Wasser, desto geringer die Dichte, desto stabiler die Schichtung. Im See bilden sich deshalb unterschiedliche Wasserschichten aus. Im Hochsommer kann sich das oberflächennahe Wasser im Starnberger See auf bis zu 26 Grad erwärmen. Normalerweise werden die unterschiedlichen Schichten im Herbst und Frühjahr – unterstützt durch Stürme - durchmischt. Frischer Sauerstoff gelangt in die Tiefe. Doch die Sommer sind länger und heißer als früher, die Winter milder. Michael Schubert: O-TON 14 In so tiefen Seen wie dem Starnberger See oder Bodensee durchmischt sich das Wasser nicht mehr so häufig und so gut, wenn das Wasser eben durch diesen Klimawandel zu lange warm ist und sich zu stark einschichtet. ATMO (Badende) SPRECHERIN Eine weitere Gefahr: Langanhaltend hohe Temperaturen, viel Sonnenschein und wenig Wind fördern das Algenwachstum. Kommen dann noch Nährstoffe aus landwirtschaftlicher Düngung in die Gewässer, kann das zu einer Massenentwicklung der sogenannten Blaualgen führen. Tatsächlich handelt es sich dabei nicht um Algen, sondern um Cyanobakterien. Diese Bakterien bilden im Wasser grüne Schlieren und produzieren Gifte. Bei hoher Konzentration können die Toxine bei Badenden unter anderem Hautreizungen verursachen. Fische verenden. ATMO (Wind, Wellen – Schallarchiv) Musik: Surgery 0‘37 SPRECHERIN An einigen bayerischen Seen wird angesichts des Klimawandels inzwischen über Seethermie nachgedacht. Das Prinzip: Warmes Wasser wird entnommen, die Wärme zum Heizen genutzt und das kalte Wasser wieder zurückgeleitet. In Prien am Chiemsee soll so zum Beispiel ein Thermalbad geheizt werden. Laut Planern kann man auf diese Weise knapp 100 Tonnen CO2 im Jahr einsparen. Auch am Ammersee, Starnberger See und Tegernsee gibt es entsprechende Überlegungen. Jürgen Geist: O-TON 15 Vom Prinzip her hört sich das ja zunächst mal logisch an und auch nach einer guten Idee an. Dass man sagt, wenn die Gewässer ohnehin wärmer werden, warum sollte man das nicht nutzen und zeitgleich sozusagen eine Maßnahme haben, wie man hier auch wieder eine Abkühlung schaffen kann in dem Gewässer. In der Realität ist es aber natürlich deutlich komplexer, weil man das noch einmal in der Wirkung während verschiedener Jahreszeiten beleuchten muss. Weil man das im Fall der Seen auch beleuchten muss vor dem Hintergrund, wie verändert das diese grundlegenden Prozesse in den Seen. Und da haben wir aus der Praxis heraus schon häufig Erfahrungen gemacht in unseren fischbiologischen, gewässerökologischen Projekten, dass eben die Theorie und die Praxis sich dann doch manchmal unterscheiden. ATMO (Segelflattern, paddeln, Badegäste) SPRECHERIN Seen wie der Starnberger See, der Ammersee oder der Chiemsee sind bei Freizeitsportlern beliebt. An sonnigen Tagen tummeln sich Hunderte Badende, Stand Up-Paddler, Wind- und Kite-Surfer, Ruder-, Tret- und Segelboote auf den Voralpenseen. Der Freizeittourismus kann zum Problem für die Fischbrut werden, sagt Michael Schubert vom Institut für Fischerei. O-TON 16 Die halten sich halt über einen artspezifischen Zeitraum in ganz, ganz seichten Regionen auf, das sind wenige Zentimeter teilweise. Weil sie’s recht warm lieben. Und wenn man da rumtrampelt, möchte ich schon sagen, ist es halt schon ein Problem, weil die Fische entweder wirklich zertrampelt werden oder auch einfach dauernd aufgescheucht. Musik: Obscure intrigue 0‘54 SPRECHERIN Auch besteht die Gefahr, dass durch die Schifffahrt in Flüssen und durch Wassersportler an Seen invasive Arten eingeschleppt werden. Am Bodensee zum Beispiel bereitet Biologen die Quagga-Muschel Sorgen. Sie wurde möglicherweise über Boote eingetragen, vielleicht auch durch Vögel. Ursprünglich ist die Muschel mit der gestreiften Schale im Aralsee und dem Schwarzmeerraum beheimatet. Am Bodensee breitet sich die invasive Art inzwischen stark aus und stellt zunehmend eine Gefahr für andere Lebewesen dar. Die Muschel filtert Plankton aus dem Wasser – so dass Fische oft nicht mehr genügend Nahrung finden. Berufsfischer beklagen zudem, dass sich die Quagga-Muschel in Reusen, Leinen und Netzen festsetzt. Am Starnberger See wurde die Muschel nicht nachgewiesen – noch nicht. Michael Schubert. O-TON 17 Wahrscheinlich muss man so realistisch sein. Irgendwann wird diese Art überall vorhanden sein. Sie können sich vorstellen, mit diesen Stand-up-Paddlern und wer alles Kreuz und quer unterwegs ist und sein Sportgerät vom Wasser zu Wasser transportiert. Das kann man fast wahrscheinlich nicht mehr aufhalten. SPRECHERIN Auch Fischerin Susanne Huber ist alarmiert: O-TON 18 Wir haben im übertragenen Sinne die Quagga-Muschel vor der Tür stehen. Und wenn wir die im See haben, (…) am Bodensee und auch in den Schweizer Seen wächst die halt unheimlich, dann haben wir noch mal einen Futterkonkurrenten für die Renken und nochmal ein Tier, das sich ohne Feind vermehren kann. SPRECHERIN Die Quagga-Muschel wird zwar von Sandfelchen, Schleien und auch von Rotaugen gefressen – doch nicht in ausreichender Menge. Studien gehen davon aus, dass sich die Muschel im Bodensee weiter ausbreiten wird. Es werden Verhältnisse wie im US-amerikanischen Lake Michigan befürchtet. Dort stellt die Muschel inzwischen 90 Prozent der Biomasse. ATMO (Angelrute auswerfen – Schallarchiv) Musik: Undercover investigations red 0‘24 SPRECHERIN Probleme bereiten auch überschüssige Köderfische oder auch freigelassene Tiere aus Aquarien. Auch sie können eine Gefahr für die heimische Fauna darstellen. So verdrängen Sonnenbarsche, die ursprünglich aus Nordamerika stammen und als Zierfische populär sind, Flussbarsche. Fischerin Susanne Huber: O-TON 19 Man hat ab und zu mal irgendwelche, wirklich komischen Fische, die nicht hergehören. Und wenn man jetzt vermeintlich irgendein Fischlein aus einem Teich, aus einem Gartenteich, aus einem Aquarium in den See setzt, um das arme Fischlein am Leben zu halten, dann richtet man vielleicht eine ganze Population im See zugrunde. ATMO (Kormorane – Schallarchiv) SPRECHERIN Eine weitere Gefahr für heimische Fische - Fraßdruck zum Beispiel durch Kormorane. Der Fisch fressende Beutegreifer war in den 1920er Jahren in Mitteleuropa fast ausgerottet. 1979 wurde der dunkel bis schwarz gefärbte Vogel mit dem langen Hals unter Schutz gestellt. Laut Bayerischem Landesamt für Umwelt wuchs die Zahl der brütenden Paare in Bayern seit den 1980er Jahren an. In den letzten Jahren wurden - mit Schwankungen – um die 600 Brutpaare gezählt. Fischwirtschaftsmeisterin Susanne Huber: O-TON 20 Ich glaube, dass die ganzjährigen Kormorane bei uns am See nicht so schlimm sind oder nicht so gravierend wie zum Beispiel am Ammersee. Die haben halt auch Brutkolonien. Aktuell haben wir einen Schwarm Kormorane da. Ich glaube, das waren so 200 Stück. Und wenn ich mir dann überleg, wieviel die fangen. Musik: Rivalry fight 0‘32 SPRECHERIN Denn die Zugvögel sind geschickte Jäger, die sich gemeinschaftlich auf Beutefang machen. Während ein Teil der Vögel durch Flügelschlagen einen Fischschwarm zusammentreibt, fischt der andere Teil. Nach einiger Zeit wechseln sich die Gruppen ab. Um fischereiwirtschaftliche Schäden abzuwenden, dürfen Kormorane zu bestimmten Zeiten außerhalb von Naturschutzgebieten, Nationalparks und Vogelschutzgebieten in der Nähe von Gewässern abgeschossen werden. ATMO (Wasser, Wind) SPRECHERIN Noch gibt es im Starnberger See knapp 30 Fischarten. Im Schilfbereich am Ufer findet man zum Beispiel Raubfische wie Hechte, die dort auch ihre Kinderstuben haben. Außerdem tummeln sich Renken, Saiblinge, Seeforellen, Brachse und Karpfen im Wasser. Und nur weil Fischer manchmal leer ausgehen, heißt es nicht, dass es keine Fische gibt. Die Experten vom Institut für Fischerei fahren regelmäßig mit dem Echolot über die bayerischen Voralpenseen. Michael Schubert. O-TON 21 Die meisten Fische haben wir im Chiemsee, im Tegernsee, im Kochelsee, während der Ammersee zum Beispiel sehr, sehr Fisch-arm ist und der Starnberger See, solche Seen landen vielleicht im Ranking dazwischen. / Insgesamt fangen die Fischer sehr nachhaltig. Das möchte ich betonen, auch wenn es vielleicht einmal an dem ein oder anderen See weniger Fisch gibt. Das ist über die Fanggeräte so geregelt, über den Einsatz, dass da kein Raubbau betrieben wird. SPRECHERIN Der Verzehr von heimischen Fischen ist gesund und angesichts geringer Transportwege auch gut für die Umwelt. Susanne Huber würde sich wünschen, dass die Kunden offener werden, nicht nur Renken nachfragen. Sie betreibt die Fischerei nur im Nebenerwerb, ihre Familie vermietet noch Zimmer und Ferienwohnungen. Doch obwohl das alte Handwerk nicht sehr viel abwirft, möchte Susanne Huber die Tradition fortführen. Fischen darf am Starnberger See, wer Mitglied in der „Fischereigenossenschaft Würmsee“ ist und die Qualifikation des Fischwirtschaftsmeisters hat. Hier kann die Erlaubnis zum Fischen nur weitervererbt werden. In Susanne Hubers Betrieb wird es weitergehen – ihre Tochter fährt bereits mit auf den See. Musik: Green planet red 0‘42 O-TON 22 Es ist viel Aufwand. Aber es ist eben auch ein Privileg, (…) dass man es machen darf, dass man in der Lage ist, hier die Fischerei auszuüben. (…), dass man in der Situation ist, das alles zu haben. (…) Es ist schon auch ein gewisser Reichtum, einen Beruf zu haben, wo man so ausgeliefert ist, wo man sich einfach schon oft fügen muss, wo man nicht alles ausrechnen kann. (…) Licht, Wolken, Wasser, Tiere, das ist auch eine Art Reichtum
- Gian Lorenzo Bernini - Ein barocker Stararchiktekt
26.03.2025 · 22 Min.
Gian Lorenzo Bernini war einer der bedeutendsten italienischen Architekten und Bildhauer des Barock. Er prägte das Erscheinungsbild Roms wie kein zweiter. Bernini verließ die Stadt so gut wie nie und arbeitete für insgesamt acht Päpste. Von Gabriele Knetsch (BR 2022) Autorin dieser Folge: Gabriele Knetsch Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Irina Wanka, Jerzy May Technik: Michael Krogmann Redaktion: Andrea Bräu Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese Folge von Radiowissen könnte Sie auch interessieren: Artemisia Gentileschi - Malerin des Barock JETZT ENTDECKEN Literaturtipps: Gut geschriebene Biographie, die auch die historischen Umstände der Päpste in Rom mitberücksichtigt: Arne Karsten, „Bernini – der Schöpfer des Barocken Rom“, München 2017. Umfangreicher Ausstellungskatalog mit zahlreichen Abbildungen, der Einblicke in Motive und Denkmuster barocker Kunst gibt: Sabine Haag, Taco Dibbits, „Caravaggio – Bernini, Entdeckung der Gefühle“. Schöner kleiner Bildband, der Skizzen und Zeichnungen des Künstlers zu seinen großen Auftragsarbeiten dokumentiert: Gianlorenzo Bernini, „Zeichungen“, Hg. Karl-Heinz Mehnert, Insel, Leipzig 1982.