Fische in Bayern - Wie geht es ihnen?
27.03.2025 · 23 Min.
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Nährstoffmangel, giftige Algen und die Klimaerwärmung machen den Fischen in Bayern zu schaffen. Auch Kormorane oder Gänsesäger setzen den Beständen zu. Vom Fischfang allein kann an den Seen niemand mehr leben. Von Claudia Steiner
Credits
Autorin dieser Folge: Claudia Steiner
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprach: Rahel Comtesse
Technik: Josef Angerloher
Redaktion: Iska Schreglmann
Im Interview:
Prof. Dr. Jürgen Geist, Lehrstuhl für Aquatische Systembiologie an der TUM in Freising
Susanne Huber, Fischwirtschaftsmeisterin in St. Heinrich am Starnberger See
Dr. Michael Schubert, Institut für Fischerei in Starnberg
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Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
Linktipps:
Institut für Fischerei HIER
Lehrstuhl für Aquatische Systembiologie, TUM HIER
Bayerisches Landesamt für Umwelt, Kormoranmanagement HIER
Bayerisches Landesamt für Umwelt, Fische HIER
Verbraucherportal Bayern, Heimischer Fisch HIER
ARD Mediathek: Fischmangel - Wie retten wir unsere Flüsse HIER
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
SPRECHERIN
Susanne Huber ist Fischwirtschaftsmeisterin am Starnberger See. Eben hat sie noch einmal zwei Sätze ausgebracht – so nennt man die aneinander geknoteten Netze. Nun heißt es warten. Die Fischerin aus St. Heinrich hofft, dass am nächsten Morgen einige Karpfen in ihren Netzen zappeln.
O-TON 1
Ich habe jetzt heute einen relativ guten Tag gehabt. Schön. Also man spricht sich ja mit den Kollegen ab. Man weiß dann schon immer: 25 Stück können super sein, wenn man Kollegen hat, die einfach mit null heimfahren. 25 Stück können super mies sein, wenn der Kollege neben einem 60 hat. Da muss man halt schauen: Was hat der anders gemacht? Oder man hat einfach Pech. Man hat auch Wochen, in denen man einfach immer daneben liegt, einfach ein Stück daneben. Es ist brutal frustrierend.
SPRECHERIN
2024 war am Starnberger See ein nicht allzu erfolgreiches Jahr für die gut 30 Berufsfischer. Manchmal blieben die Netze leer.
ATMO (Wasserplätschern)
SPRECHERIN
Warum es für Fischer starke und manchmal schwache Jahre gibt, ist oft unklar – auch für Profis wie Susanne Huber. Denn die Fortpflanzung, das Wachstum und die Entwicklung von Fischen hängen von vielen Faktoren ab: Der Wassertemperatur, dem Algenwachstum, dem Fraßdruck und auch den Nährstoffen.
ATMO (See)
SPRECHERIN
Beispiel Renken. Der beliebte Speisefisch gehört zur Familie der lachsartigen Fische. Regional werden sie auch Felchen oder Maränen genannt. Im Bodensee, aber auch in anderen Seen, variierte ihre Größe über die Jahrzehnte erheblich. Professor Jürgen Geist vom Lehrstuhl für Aquatische Systembiologie an der Technischen Universität München in Freising.
O-Ton 3
Es ist dann im Laufe der Zeit so, bis zu den 70er-Jahren 80er-Jahren sind immer mehr Nährstoffe, vor allem Phosphat, eingetragen worden in das Gewässer. Die Phosphatkonzentration ist fast um den Faktor zehn dort angestiegen und das hat die Produktivität natürlich erhöht. Das heißt, die Renken sind dort deutlich schneller gewachsen, was natürlich aus Sicht zum Beispiel der Berufsfischerei sehr erwünscht war, was aber andere Probleme in Bezug auf die Wasserqualität nach sich gezogen hat.
SPRECHERIN
Die Renken wurden damals zwar schnell groß, doch die Startbedingungen für die Fische wurden immer schwieriger. Renken legen ihre Eier nämlich im Freiwasser ab. Die Eier sinken auf den Gewässergrund und sind darauf angewiesen, dass dort genügend Sauerstoff vorhanden ist. Jürgen Geist:
O-TON 4
In diesen Zeiten des Nährstoffreichtums hat es häufig in Gewässern wie in den Bodensee natürlicherweise gar nicht mehr geklappt. Man hat also Brutanstalten gebaut. Hat diese Renken dann dort künstlich vermehrt, hat also die Laichfische gefangen, die Geschlechtsprodukte gewonnen, hat diese Fische aufgezogen und dann wieder ausgesetzt.
Musik: Delicate information 0‘31
SPRECHERIN
Inzwischen ist die Wasserqualität in vielen bayerischen Seen sehr gut, der Phosphorgehalt viel geringer als früher, als Waschmittel bei uns noch phosphathaltig waren. Gut für die Wasserqualität, nicht so gut für das Nahrungsangebot für Fische. Vor allem weil ein Element, nämlich Stickstoff über die Atmosphäre, das Grundwasser und die Landwirtschaft weiter in die Gewässer gelangt, erklärt Michael Schubert vom Institut für Fischerei in Starnberg.
O-TON 5
Das Verhältnis von Phosphor zu Stickstoff passt eben nicht mehr so. Denn Stickstoff ist übernatürlich viel noch im Gewässer, und somit wächst eben nicht mehr diese Nahrung heran, was die Renken gerade brauchen: Plankton. Deswegen beobachtet man auch seit vielen Jahren eben, dass die Renken, um die geht es in Bayern hauptsächlich, dass die deutlich schlechter wachsen.
SPRECHERIN
Das beobachtet auch Susanne Huber, deren Familienbetrieb „Beim Fischer“ seit 1811 besteht.
O-TON 6
Es gibt Jahre, da haben sie fast kein Futter. Man weiß aber nicht, wo die Ursachen liegen. Ist es jetzt nur die Strömung, nur der Nährstoffgehalt, das Wetter oder die Kombi? (…)Wir hatten es heuer im frühen Frühjahr so, dass wir bisschen Fische gefangen haben, weil es ein bisschen Futter geben hat. Dann kam der nächste Wind. Dann war das Plankton wieder weg. Plankton schwebt ja. Wind. Strömung. Aus. Vorbei. Eine Woche warten. Also, es ist unheimlich filigranes, empfindliches Gleichgewicht.
ATMO (Fluss-Atmo, Schallarchiv)
SPRECHERIN
Und dieses Gleichgewicht wird immer öfter gestört, nicht nur in Seen, sondern auch in Flüssen, sagt der Wissenschaftler Jürgen Geist.
O-TON 7
Der Zustand der Fische in Bayern (…) ist schon besorgniserregend, kann man sagen. Wir sehen, dass viele Arten, die früher wirklich Allerwelts-Arten waren, die sehr häufig waren, sehr stark zurückgegangen sind. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Arten, die häufiger geworden sind. Und wenn man das mal vergleicht oder analysiert, was sind denn die Eigenschaften, die dazu führen, dass Arten stark zurückgehen oder was sind Eigenschaften, die dazu führen, dass Arten stark zunehmen, dann kann man sehr schnell erkennen, wo die Knackpunkte liegen.
Musik: Take off 0‘50
SPRECHERIN
Ein Blick auf die Fließgewässer, also Flüsse wie die Donau, den Inn oder die Isar. Aufgrund des Klimawandels kommt es vermehrt zu Starkregenereignissen. Dadurch werden mehr Sedimente in die Flüsse gespült, die sich auf das kiesige Substrat am Grund legen. Die Folge: Es gibt immer weniger Zwischenräume im Kies für die Eier von Huchen, die ausgewachsen mehr als einen Meter lang werden können, oder Äschen, die nur etwa halb so lang werden. Wenn sich die Lebensbedingungen so stark verändern, klappt es oft nicht mehr mit dem Fisch-Nachwuchs.
ATMO (Wasserrauschen Schallarchiv)
SPRECHERIN
Hinzu kommt: Diese hochspezialisierten Arten sind an starke Strömungen angepasst. Sie mögen frisches, kühles Wasser. Doch inzwischen werden viele Flüsse gestaut, im Oberwasser nimmt dadurch die Strömung ab. Die Bauten in den oft begradigten und ausgebauten Fließgewässern sind für junge Fische, aber besonders auch für wandernde Arten ein Problem. Sie können nämlich die künstlich geschaffenen Barrieren nicht überwinden. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts – als man in Bayern noch Flusslandschaften mit weit verzweigten Armen, Schotterbänken und Kiesflächen fand - gab es örtlich sogar noch Lachse und Störe. Michael Schubert.
O-TON 8
Verschwunden sind so die Langdistanz-Wanderfischarten. Also Lachse gibt es natürlich in Bayern nicht mehr im fränkischen Gebiet. Auch die Störe sind weg, weil die mit dem ersten Wehr, mit dem ersten Kraftwerk, das gebaut wurde, eigentlich den Zuzug nach Bayern nicht mehr geschafft haben.
SPRECHERIN
Inzwischen findet man mehr als 4.200 Wasserkraftanlagen im Freistaat.
In der Donau zum Beispiel gibt es im Schnitt alle vier Kilometer einen Staubereich, sagt Jürgen Geist.
O-TON 9
Wenn jetzt ein Querbauwerk, also ein Damm in ein Fließgewässer gebaut wird, dann verändern sich natürlich diese Bedingungen. Die Strömungsgeschwindigkeit sinkt oberhalb des Damms ab, (…) das Geschiebe und Sediment wird nicht mehr transportiert, sondern lagert sich ab. Es kommt zur Verschlammung, und es kann natürlich auch dazu kommen, dass sich solche Gewässerbereiche stärker erwärmen als das in einem fließenden System der Fall wäre. Die Lebensgemeinschaften stellen sich darauf ein, und wir sehen dann eben, dass die Arten, die eigentlich auf diese strömenden Fließgewässer spezialisiert wären, dass die verschwinden oder zumindest weniger werden in diesen Systemen. Und auf der anderen Seite Arten, die man eigentlich gar nicht in diesen Fließgewässer-Regionen finden würde, hochrückige Arten wie der Karpfen, (…) dass die dann plötzlich eben in solchen Staubereichen auch vorhanden sind.
SPRECHERIN
Nicht nur Karpfen, auch Waller profitieren von den veränderten Lebensbedingungen. Waller, die am Maul markante Barteln haben, fressen andere Fische, Schnecken, Krebse oder auch Insekten und können Rekordlängen über zwei Meter erreichen.
ATMO (Wasserkraft, Schallarchiv)
Musik: Secret proofs 0‘42
SPRECHERIN
Wasserkraft gilt als umweltfreundliche Energiegewinnung. Für die meisten Fische aber ist die Passage lebensgefährlich. So können Druckveränderungen die Schwimmblase platzen lassen. Das Organ dient Fischen unter anderem zur Stabilisierung im Wasser. Kommt es zu direktem Kontakt mit den Turbinenschaufeln werden die Tiere verletzt oder gar getötet. Dokumentiert sind leichtere Verletzungen wie Schuppenverlust, aber auch Einblutungen an den Augen, Quetschungen, Wirbelbrüche und das Abtrennen von Körperteilen. Viele Wasserkraftwerke wurden nachgerüstet. Neue Anlagen sollen die Fische noch besser schützen. Doch die Passage bleibt gefährlich, sagt Jürgen Geist, der unterschiedliche Anlagen untersucht hat.
O-Ton 10
Wir haben gesehen, dass auch bei einigen der innovativen Wasserkraftanlagen deutliche Sterblichkeiten auftreten. Ja, die bewegen sich im optimalsten Fall im einstelligen Prozentbereich direkter Sterblichkeit der Fische bei der Passage von solchen Anlagen, können aber auch deutlich über 40, bei manchen Arten und Größenklassen sogar bis 50, 60, 70 Prozent liegen.
SPRECHERIN
Besonders groß ist die Gefahr für den Aal mit seinem schlangenhaften Körper. Aale schlüpfen in der Sargassosee östlich von Florida. Die jungen Fischlarven treiben mit den nordatlantischen Strömungen bis vor europäische Küsten, leben im Süßwasser und wandern Jahre später zur Fortpflanzung gut 8.000 Kilometer zurück in die Sargassosee.
Um Verletzungen zu vermeiden, werden vor den Wasserkraftwerken oft sogenannte Feinrechen angebracht, also eng beieinander stehende Stäbe. Sie sollen größere Fische abhalten. Doch Wissenschaftler haben beobachtet, dass es viele Arten trotzdem schaffen, sich durch die Stäbe zu quetschen. Für kleinere Fische stellen die Rechen sowieso keinen Schutz dar, betont Jürgen Geist.
O-TON 12
Wenn man sich mal die Größenverteilung von Fischen in einem Gewässer anschaut, dann ist es einfach aufgrund der Gesetzmäßigkeiten, der Nahrungspyramide (…) so, dass die überwiegende Mehrzahl der Individuen relativ klein ist und nur sehr wenige sehr groß sind. Diese großen Individuen, die können geschützt werden, durch solche Rechen. Aber der überwiegende Anteil dieser kleineren Fische ist in der Lage, diese Anlagen zu passieren.
SPRECHERIN
Eine andere Möglichkeit, um Verletzungen zu vermeiden, ist das Abschalten der Turbinen zur Hauptwanderzeit. Teilweise werden den Fischen auch sichere Bypässe angeboten, also Umgehungswege, die um Kraftwerke führen. Zudem wird mithilfe von Artenhilfsprogrammen immer wieder versucht, bedrohte Fischarten zu züchten und wieder anzusiedeln – doch das gelingt nur, wenn das Habitat passt.
ATMO (Wind, Wasser, See)
Musik: climate change A 0‘22
SPRECHERIN
Auch der Klimawandel setzt den heimischen Fischen zu. Flüsse führen im Sommer oft nur wenig Wasser, das Wasser erwärmt sich schneller, der natürliche Lebensraum wird kleiner. Auch die Wassertemperaturen in Seen nehmen zu. Vor allem kleinere, nicht so tiefe Gewässer überhitzen. Michael Schubert.
O-TON 13
Das große Problem ist, dass die Fische wechselwarm sind. Also sie können nicht wie wir ihre Temperatur regulieren. Sie sind also auf die Umgebungstemperatur angewiesen. Dementsprechend wenn es zu warm wird, müssten sie auch dem ausweichen.
SPRECHERIN
In tieferen Seen haben kälteliebende Fische wie Renken die Möglichkeit, nach unten, in kühlere Bereiche abzuwandern. Doch dann tummelt sich eine große Zahl von Fischen in bestimmten Wasserschichten und konkurriert dort um Nahrung und Sauerstoff. In kleineren, flachen Seen ist ein Ausweichen dagegen nur schwer möglich. Hitze bedeutet Stress für die Tiere. Auch nimmt in heißen Sommern oft der Sauerstoffgehalt des Wassers dramatisch ab. In kleinen Seen rücken dann Feuerwehren an, die mit Pumpen Wasser entnehmen und über Werfer wieder in das Gewässer zurückleiten. Manchmal sind – wie am Weßlinger See im Landkreis Starnberg – auch feste Anlagen installiert. Durch das Aufwirbeln soll das Wasser mit Sauerstoff angereichert und die Umwälzung verbessert werden
MUSIK: Prayer wheel (red) 0‘52
SPRECHERIN
Höhere Temperaturen verändern aber auch in tieferen Seen das filigrane Gleichgewicht. Der Starnberger See ist bis zu 128 Meter tief, der Bodensee bis zu 251 Meter. Vier Grad kaltes Wasser ist am schwersten und befindet sich am Grund. Je wärmer das Wasser, desto geringer die Dichte, desto stabiler die Schichtung. Im See bilden sich deshalb unterschiedliche Wasserschichten aus. Im Hochsommer kann sich das oberflächennahe Wasser im Starnberger See auf bis zu 26 Grad erwärmen. Normalerweise werden die unterschiedlichen Schichten im Herbst und Frühjahr – unterstützt durch Stürme - durchmischt. Frischer Sauerstoff gelangt in die Tiefe. Doch die Sommer sind länger und heißer als früher, die Winter milder. Michael Schubert:
O-TON 14
In so tiefen Seen wie dem Starnberger See oder Bodensee durchmischt sich das Wasser nicht mehr so häufig und so gut, wenn das Wasser eben durch diesen Klimawandel zu lange warm ist und sich zu stark einschichtet.
ATMO (Badende)
SPRECHERIN
Eine weitere Gefahr: Langanhaltend hohe Temperaturen, viel Sonnenschein und wenig Wind fördern das Algenwachstum. Kommen dann noch Nährstoffe aus landwirtschaftlicher Düngung in die Gewässer, kann das zu einer Massenentwicklung der sogenannten Blaualgen führen. Tatsächlich handelt es sich dabei nicht um Algen, sondern um Cyanobakterien. Diese Bakterien bilden im Wasser grüne Schlieren und produzieren Gifte. Bei hoher Konzentration können die Toxine bei Badenden unter anderem Hautreizungen verursachen. Fische verenden.
ATMO (Wind, Wellen – Schallarchiv)
Musik: Surgery 0‘37
SPRECHERIN
An einigen bayerischen Seen wird angesichts des Klimawandels inzwischen über Seethermie nachgedacht. Das Prinzip: Warmes Wasser wird entnommen, die Wärme zum Heizen genutzt und das kalte Wasser wieder zurückgeleitet. In Prien am Chiemsee soll so zum Beispiel ein Thermalbad geheizt werden. Laut Planern kann man auf diese Weise knapp 100 Tonnen CO2 im Jahr einsparen. Auch am Ammersee, Starnberger See und Tegernsee gibt es entsprechende Überlegungen. Jürgen Geist:
O-TON 15
Vom Prinzip her hört sich das ja zunächst mal logisch an und auch nach einer guten Idee an. Dass man sagt, wenn die Gewässer ohnehin wärmer werden, warum sollte man das nicht nutzen und zeitgleich sozusagen eine Maßnahme haben, wie man hier auch wieder eine Abkühlung schaffen kann in dem Gewässer. In der Realität ist es aber natürlich deutlich komplexer, weil man das noch einmal in der Wirkung während verschiedener Jahreszeiten beleuchten muss. Weil man das im Fall der Seen auch beleuchten muss vor dem Hintergrund, wie verändert das diese grundlegenden Prozesse in den Seen. Und da haben wir aus der Praxis heraus schon häufig Erfahrungen gemacht in unseren fischbiologischen, gewässerökologischen Projekten, dass eben die Theorie und die Praxis sich dann doch manchmal unterscheiden.
ATMO (Segelflattern, paddeln, Badegäste)
SPRECHERIN
Seen wie der Starnberger See, der Ammersee oder der Chiemsee sind bei Freizeitsportlern beliebt. An sonnigen Tagen tummeln sich Hunderte Badende, Stand Up-Paddler, Wind- und Kite-Surfer, Ruder-, Tret- und Segelboote auf den Voralpenseen. Der Freizeittourismus kann zum Problem für die Fischbrut werden, sagt Michael Schubert vom Institut für Fischerei.
O-TON 16
Die halten sich halt über einen artspezifischen Zeitraum in ganz, ganz seichten Regionen auf, das sind wenige Zentimeter teilweise. Weil sie’s recht warm lieben. Und wenn man da rumtrampelt, möchte ich schon sagen, ist es halt schon ein Problem, weil die Fische entweder wirklich zertrampelt werden oder auch einfach dauernd aufgescheucht.
Musik: Obscure intrigue 0‘54
SPRECHERIN
Auch besteht die Gefahr, dass durch die Schifffahrt in Flüssen und durch Wassersportler an Seen invasive Arten eingeschleppt werden. Am Bodensee zum Beispiel bereitet Biologen die Quagga-Muschel Sorgen. Sie wurde möglicherweise über Boote eingetragen, vielleicht auch durch Vögel. Ursprünglich ist die Muschel mit der gestreiften Schale im Aralsee und dem Schwarzmeerraum beheimatet. Am Bodensee breitet sich die invasive Art inzwischen stark aus und stellt zunehmend eine Gefahr für andere Lebewesen dar. Die Muschel filtert Plankton aus dem Wasser – so dass Fische oft nicht mehr genügend Nahrung finden. Berufsfischer beklagen zudem, dass sich die Quagga-Muschel in Reusen, Leinen und Netzen festsetzt. Am Starnberger See wurde die Muschel nicht nachgewiesen – noch nicht. Michael Schubert.
O-TON 17
Wahrscheinlich muss man so realistisch sein. Irgendwann wird diese Art überall vorhanden sein. Sie können sich vorstellen, mit diesen Stand-up-Paddlern und wer alles Kreuz und quer unterwegs ist und sein Sportgerät vom Wasser zu Wasser transportiert. Das kann man fast wahrscheinlich nicht mehr aufhalten.
SPRECHERIN
Auch Fischerin Susanne Huber ist alarmiert:
O-TON 18
Wir haben im übertragenen Sinne die Quagga-Muschel vor der Tür stehen. Und wenn wir die im See haben, (…) am Bodensee und auch in den Schweizer Seen wächst die halt unheimlich, dann haben wir noch mal einen Futterkonkurrenten für die Renken und nochmal ein Tier, das sich ohne Feind vermehren kann.
SPRECHERIN
Die Quagga-Muschel wird zwar von Sandfelchen, Schleien und auch von Rotaugen gefressen – doch nicht in ausreichender Menge. Studien gehen davon aus, dass sich die Muschel im Bodensee weiter ausbreiten wird. Es werden Verhältnisse wie im US-amerikanischen Lake Michigan befürchtet. Dort stellt die Muschel inzwischen 90 Prozent der Biomasse.
ATMO (Angelrute auswerfen – Schallarchiv)
Musik: Undercover investigations red 0‘24
SPRECHERIN
Probleme bereiten auch überschüssige Köderfische oder auch freigelassene Tiere aus Aquarien. Auch sie können eine Gefahr für die heimische Fauna darstellen. So verdrängen Sonnenbarsche, die ursprünglich aus Nordamerika stammen und als Zierfische populär sind, Flussbarsche. Fischerin Susanne Huber:
O-TON 19
Man hat ab und zu mal irgendwelche, wirklich komischen Fische, die nicht hergehören. Und wenn man jetzt vermeintlich irgendein Fischlein aus einem Teich, aus einem Gartenteich, aus einem Aquarium in den See setzt, um das arme Fischlein am Leben zu halten, dann richtet man vielleicht eine ganze Population im See zugrunde.
ATMO (Kormorane – Schallarchiv)
SPRECHERIN
Eine weitere Gefahr für heimische Fische - Fraßdruck zum Beispiel durch Kormorane. Der Fisch fressende Beutegreifer war in den 1920er Jahren in Mitteleuropa fast ausgerottet. 1979 wurde der dunkel bis schwarz gefärbte Vogel mit dem langen Hals unter Schutz gestellt. Laut Bayerischem Landesamt für Umwelt wuchs die Zahl der brütenden Paare in Bayern seit den 1980er Jahren an. In den letzten Jahren wurden - mit Schwankungen – um die 600 Brutpaare gezählt. Fischwirtschaftsmeisterin Susanne Huber:
O-TON 20
Ich glaube, dass die ganzjährigen Kormorane bei uns am See nicht so schlimm sind oder nicht so gravierend wie zum Beispiel am Ammersee. Die haben halt auch Brutkolonien. Aktuell haben wir einen Schwarm Kormorane da. Ich glaube, das waren so 200 Stück. Und wenn ich mir dann überleg, wieviel die fangen.
Musik: Rivalry fight 0‘32
SPRECHERIN
Denn die Zugvögel sind geschickte Jäger, die sich gemeinschaftlich auf Beutefang machen. Während ein Teil der Vögel durch Flügelschlagen einen Fischschwarm zusammentreibt, fischt der andere Teil. Nach einiger Zeit wechseln sich die Gruppen ab. Um fischereiwirtschaftliche Schäden abzuwenden, dürfen Kormorane zu bestimmten Zeiten außerhalb von Naturschutzgebieten, Nationalparks und Vogelschutzgebieten in der Nähe von Gewässern abgeschossen werden.
ATMO (Wasser, Wind)
SPRECHERIN
Noch gibt es im Starnberger See knapp 30 Fischarten. Im Schilfbereich am Ufer findet man zum Beispiel Raubfische wie Hechte, die dort auch ihre Kinderstuben haben. Außerdem tummeln sich Renken, Saiblinge, Seeforellen, Brachse und Karpfen im Wasser. Und nur weil Fischer manchmal leer ausgehen, heißt es nicht, dass es keine Fische gibt. Die Experten vom Institut für Fischerei fahren regelmäßig mit dem Echolot über die bayerischen Voralpenseen. Michael Schubert.
O-TON 21
Die meisten Fische haben wir im Chiemsee, im Tegernsee, im Kochelsee, während der Ammersee zum Beispiel sehr, sehr Fisch-arm ist und der Starnberger See, solche Seen landen vielleicht im Ranking dazwischen. /
Insgesamt fangen die Fischer sehr nachhaltig. Das möchte ich betonen, auch wenn es vielleicht einmal an dem ein oder anderen See weniger Fisch gibt. Das ist über die Fanggeräte so geregelt, über den Einsatz, dass da kein Raubbau betrieben wird.
SPRECHERIN
Der Verzehr von heimischen Fischen ist gesund und angesichts geringer Transportwege auch gut für die Umwelt. Susanne Huber würde sich wünschen, dass die Kunden offener werden, nicht nur Renken nachfragen. Sie betreibt die Fischerei nur im Nebenerwerb, ihre Familie vermietet noch Zimmer und Ferienwohnungen. Doch obwohl das alte Handwerk nicht sehr viel abwirft, möchte Susanne Huber die Tradition fortführen. Fischen darf am Starnberger See, wer Mitglied in der „Fischereigenossenschaft Würmsee“ ist und die Qualifikation des Fischwirtschaftsmeisters hat. Hier kann die Erlaubnis zum Fischen nur weitervererbt werden. In Susanne Hubers Betrieb wird es weitergehen – ihre Tochter fährt bereits mit auf den See.
Musik: Green planet red 0‘42
O-TON 22
Es ist viel Aufwand. Aber es ist eben auch ein Privileg, (…) dass man es machen darf, dass man in der Lage ist, hier die Fischerei auszuüben. (…), dass man in der Situation ist, das alles zu haben. (…) Es ist schon auch ein gewisser Reichtum, einen Beruf zu haben, wo man so ausgeliefert ist, wo man sich einfach schon oft fügen muss, wo man nicht alles ausrechnen kann. (…) Licht, Wolken, Wasser, Tiere, das ist auch eine Art Reichtum
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1 ( Jack Johnson: You Can’t Controll It 0‘40) / ATMO (Wellen) SPRECHERIN An der portugiesischen Atlantikküste bei Nazaré türmen sich jeden Herbst und Winter haushohe Wellen auf. Die heimischen Fischer nennen die bis zu 30 Meter hohen Monsterwellen „Witwenmacher“. ATMO (Wellen) SPRECHERIN Die einen meiden die Giganten, andere werden von ihnen magisch angezogen. Big Wave-Surfer aus der ganzen Welt lassen sich von Jetskis in die Wellen ziehen und rasen dann die steil abfallenden Wasserberge, die in Strandnähe laut krachend brechen, hinab. ATMO (Wellen) O-TON 1 (Steudtner) Es gibt für mich nichts Faszinierenderes als so eine mächtige Wand im Rücken zu haben, da runterzufahren und das durchzuziehen. MUSIK 2 ( Jack Johnson: You Can’t Controll It 0‘30) SPRECHERIN …erzählte der Nürnberger Big Wave-Surfer Sebastian Steudtner vor einiger Zeit in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk. Vor Nazaré, das rund 120 km nördlich von Lissabon liegt, befindet sich ein Unterwassergraben, der die Wellen zusammenführt und die Energie des Wassers kanalisiert. An der Wand des Grabens werden die Wellen gestoppt, die Länge der Wellen wird kleiner, sie wachsen in die Höhe –auch durch eine entgegenkommende Küstenströmung. Sebastian Steudtner: O-TON 2 (Steudtner) Also die Saison geht jetzt von September bis Ende März. Und in der Zeit, wenn auch immer große Wellen sind, die das Zeug haben – von den Windbedingungen her, von den Gezeiten her, von der Wellenrichtung, vom Wetter, ob’s jetzt regnet oder nicht regnet, die Sonne scheint. MUSIK 3 ( Die Fantastischen Vier – Tag am Meer 1‘20) / ATMO (Wellen) SPRECHERIN Big Wave-Surfer tragen einen Airbag, so dass sie bei einem Sturz, wenn sie von tonnenschweren Wellen umhergewirbelt und unter Wasser gedrückt werden, wieder schneller an die Oberfläche kommen. Ähnlich riesige Wellen wie an der portugiesischen Küste gibt es auch vor der Insel Maui auf Hawaii, in Nordkalifornien und an der Küste von Tahiti, wo die Wellen über einem Korallenriff brechen. Big Wave-Surfen ist ein gefährlicher Sport: Anfang 2023 kam es zu einem tödlichen Unfall. Damals starb der brasilianische Extremsurfer Marcio Freire in der Brandung vor Nazaré. weiter MUSIK 3 (Die Fantastischen Vier – Tag am Meer 1‘20) SPRECHERIN Wind, Wetter, Gezeiten, Strömungen, der Meeresboden, die Beschaffenheit der Küste – all das bestimmt, ob eine Brandung stark ist, oder ob die Wellen sanft an den Strand plätschern. Jochen Horstmann vom Helmholtz-Zentrum hereon in Geesthacht in der Nähe von Hamburg befasst sich mit der Oberflächendynamik der Ozeane und erklärt, wie sich Wasserteilchen in Wellen bewegen. O-TON 3 (Horstmann) Viele denken ja, dass eine Welle so eine Art Massentransport ist. Also, dass sich dieser Wellenkamm vielleicht bewegen würde. Aber letztendlich bewegt sich ein Partikel, das in der Welle oder auf der Welle schwimmt, immer nur hoch und runter und bisschen nach vorn und zurück - letztendlich auf sogenannten Orbital-Bahnen, die im tiefen Wasser Kreisbahnen beschreiben. Also so ein Korken würde dann wirklich einen Kreis beschreiben, während diese Welle da durchläuft. Und wenn es jetzt ins flache Wasser kommt, dann würde diese Kreisbahn ja unten den Boden anfangen zu spüren. Und an dem Boden wird dann die Geschwindigkeit zum Beispiel des Korkens oder eines Partikels im Wasser abgebremst. Und dadurch beschreiben die Partikel dann nicht mehr eine Kreisbahn, sondern so eher eine flachgedrückte Ellipse. MUSIK 4 (Findus Engelbrecht / Tony Delmonte: By The Ocean 0‘55) SPRECHERIN Also im tiefem Wasser – auf dem offenen Meer - sind die Bahnen der Wasserteilchen beim Passieren einer Welle fast kreisförmig, im flachem Wasser – also in Küstennähe - elliptisch. Transportiert wird vor allem Energie. Es ist ein bisschen als würde man eine Decke aufschlagen. Die Decke bleibt an derselben Stelle, der Stoff bildet Wellen. Den Effekt kann man auch im flachen Wasser beobachten, sagt Jochen Horstmann: O-TON 4 (Horstmann) Wenn man am Strand ist, im flachen Wasser, da sind oft so kleine Rippelwellen unten am Sand. Und dann sieht man, wenn man da mal reinguckt ins Wasser, (…) da sieht man wirklich, wie diese kleinen Sandpartikel immer hin und her sich bewegen, so kleine Wirbel über diesen Kämmen entstehen und das ist eben wirklich ein Effekt von den Orbitalbewegungen, die durch die Wellen induziert werden. ATMO (Wellen) SPRECHERIN Wenn heranrollende Wellen vor Küsten auf die Wand eines Unterwassergrabens, auf Korallenriffe oder auf eine Sandbank treffen, werden die Bewegungen gebremst. Jochen Horstmann: O-TON 5 (Horstmann) Durch dieses Abbremsen der Welle unten wird eben oben die Geschwindigkeit höher sein als unten. Und wenn die Geschwindigkeit oben dann die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Welle erreicht, dann ist sozusagen eines der Brecher-Kriterien erfüllt. SPRECHERIN Die Welle bricht, es bildet sich weißer Schaum und ein Wasser-Luft-Gemisch. ATMO (Wellen, Brandung) SPRECHERIN Ob Wellen sich hoch auftürmen oder eher klein sind, hängt unter anderem auch mit der Küstenform zusammen, auf die die Meeresbrandung trifft, erklärt der Experte für physikalische Ozeanographie. O-TON 6 (Horstmann) Wenn man zum Beispiel eine Bucht hätte, die ganze Wellenenergie verteilt sich dann wirklich an den Stränden in dieser Bucht – die läuft dann auseinander. Und das nennt man dann Divergenz, also die Wellen sind dann divergent. Das heißt: In der tiefen Bucht dort würde man weniger Seegang haben, während so an solchen Nasen (…) kommen die Wellen dort zusammen und dann nennt man das konvergent. SPRECHERIN Dort laufen die Wellen aufeinander zu, die Energie addiert sich – die Welle wächst in die Höhe. Und natürlich spielt es für die Größe einer Welle auch eine Rolle, welche Wellen überhaupt an der Küste ankommen, erklärt der Forscher Jochen Horstmann. O-TON 7 (Horstmann) Also man braucht eine lange Wirklänge. Sprich: ein großes Gebiet, in dem der Wind die See auffachen kann, so dass sich Wellen aufbauen können. Und man braucht auch eine lange Wirkdauer, also eine lange Dauer von dem Sturm. SPRECHERIN Die Wellen, die sich dann vor Nazaré oder auch vor Hawaii zu Giganten entwickeln, sind oft weit entfernt entstanden, bei einem Sturm mitten im Ozean – und Hunderte oder Tausende Kilometer über das Meer gewandert. Es braucht also viele Parameter, um eine starke Brandung entstehen zu lassen. MUSIK 5 ( M. Ward: Tranfiguration No 1 0‘35) / ATMO (Wellen an Küste – Badegäste am Strand) SPRECHERIN Manche Badende fühlen sich von Wellen magisch angezogen. Jeden Sommer sieht man am Meer Urlauber, die - wie im Wellenbad - den Wellen entgegenspringen und sich dann wieder Richtung Land treiben lassen. Doch viele unterschätzen die Kraft der Brandung – und die damit verbundenen Gefahren. Problematisch ist vor allem das Phänomen des Brandungssoges, sagt Alexander Paffrath von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft, kurz DLRG: O-TON 8 (Paffrath) Der entsteht beispielsweise, wenn das mit den Wellen in Richtung Ufer geströmte Wasser am Meeresboden zurückläuft. Und je größer da die Wassermassen sind, also je höher die Intensität ist, die da an Energie zum Ufer transportiert wird, desto stärker kann dieser Brandungssog ausfallen. Und dann werden den in der Brandung Stehenden regelrecht die Beine weggezogen. Und gerade Kinder oder unsichere Schwimmer werden von dem Phänomen oftmals überrascht. Die landen dann halt unvermittelt im Wasser. Und dann kommt es zu brenzligen Situationen und das teilweise schon im brusttiefen Wasser. Das wird halt vielfach unterschätzt. Und ich sehe halt immer wieder im Sommer, dass dann da auch Eltern mit ihren Kindern im Spülsaum stehen und die Hand nicht am Kind haben. Und letztlich kann es dann alleine dadurch, dass man noch zupacken müsste und das Kind eben nicht dann an der Hand hat, einfach schon zu spät sein, weil die Kinder gegen diesen Sog sich nicht mehr wehren können. ATMO (Kinder im Wasser) / MUSIK 6 ( Akademisches Blasorchester München: Alfred Reed – Suite Nr. 7 0‘40) SPRECHERIN Wenn Kinder oder ungeübten Schwimmer, denen die Beine weggezogen wurden, dann wieder auftauchen, werden sie manchmal schon von der nächsten, anrollenden Welle wieder umgerissen oder überspült – denn Wellen treten in Gruppen auf. Alexander Paffrath: O-TON 9 (Paffrath) Dann kommt noch eine Panikreaktion, ein Schockmoment dazu. Und das ist halt das Problem, was da auftreten kann. Und je nachdem, wie hoch die Wellen sind, haben wir ja dann da auch noch eine gewisse Gischt. Wenn man dann in dieser Gischt einatmet, dann atmet man letztendlich auch Wasserpartikel ein. Und gerade bei einem ungeübten Schwimmer führt das einfach zu Panikreaktionen und dann im worst case auch tatsächlich zu einem potenziellen Ertrinkungsfall. MUSIK 7 ( Mathias Mersch: Oceans Deep 0‘25) SPRECHERIN Auch Gezeitenströmungen, also Strömungen, die durch Ebbe und Flut ausgelöst werden, können für Schwimmer gefährlich werden. O-TON 10 (Paffrath) Und gerade bei Ebbe kann man natürlich rausgezogen werden ins offene Meer. Und daher sind die Badezeiten an den bewachten Badestellen an der Nordsee in aller Regel auch so kurz vor oder ein, zwei Stunden vor dem Hochwasser. Das heißt also mit dem auflaufenden Wasser, sodass man in diesen Sog der Ebbe eigentlich gar nicht reingeraten kann. An allen unbewachten Badestellen sollte man es tunlichst vermeiden, dann tatsächlich ins Wasser reinzugehen. SPRECHERIN Besonders viele Rettungseinsätze gibt es für die DLRG aufgrund der tückischen Rip-Strömung, die auch unter dem Namen Trecker-Strömung bekannt ist. Dabei strömt Wasser vom Strand in Vertiefungen im Meeresboden zurück aufs Meer. Es ist eine oft mehrere Meter breite, sehr schnelle Strömung, gegen die Schwimmer nicht ankommen. Das Gefährliche: Rippströmungen können plötzlich und an unterschiedlichen Stellen auftreten – also auch an Stellen, an denen es kurz vorher noch ungefährlich war. Gerät man in diese Strömung, sollten Schwimmer keinesfalls versuchen, gegen die Strömung anzukämpfen. Die Ursache tödlicher Unfälle in Rippströmungen ist fast immer Ertrinken durch Erschöpfung. Vielmehr sollten Schwimmer quer zur Strömung aus dem Hauptstrom rausschwimmen, rät Alexander Paffrath von der DLRG: O-TON 11 (Paffrath, 7.14) Mit dem geübten Auge kann man schon einigermaßen erkennen, wo denn eine Trecker-Strömung ist. Also zum Beispiel, dass man sieht, dass in einem Bereich das Wasser aufgewühlter ist als in einem anderen. Oder die Oberfläche sieht völlig anders aus als im umgebenden Wasser, zum Beispiel im Gegensatz zur flachen Umgebung ist da dann so eine leicht gekräuselte Wasseroberfläche. Oder aber, dass die Wellen, wenn man da ein bisschen länger draufguckt, in einem anderen Winkel brechen als in dem restlichen Brandungsbereich. Aber das sind Dinge, die sind halt für Otto-Normal-Urlauber in Anführungszeichen nicht wirklich einfach zu erkennen. SPRECHERIN Nicht nur für Menschen, auch für Tiere können Stürme mit starken Strömungen und hohen Wellen tückisch werden. So wurde 2023 nach dem Sturm „Zoltan“ auf Sylt eine geschwächte Karettschildkröte angespült, die eigentlich im Mittelmeer heimisch ist. MUSIK 8 (Petra Eisend & Band: Under Water 1‘05) / ATMO (Wellen, Sturm) SPRECHERIN Auch der Küstenschutz muss die Brandung immer ganz genau im Blick haben. Denn die Wucht der Brandung ist gewaltig und kann ganze Küstenabschnitte verändern: Wellen können Sandbänke verschieben, Strandabschnitte neu anspülen oder auch abtragen. Bei jeder Sturmflut ist eindrucksvoll zu erleben, wie Wind und Wasser an den Küsten nagen. Beispiel Sylt: Die Wellen tragen den Sand an der Westküste nach und nach ab. „Der Kampf um Land und Sand ist für Sylt eine Überlebensfrage“, heißt es auf der Webseite der Insel. Theide Wöffler vom Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein: O-TON 12 (Wöffler) Im Mittel verlieren wir auf der Insel Sylt eine Million Kubikmeter Sand pro Jahr infolge von Brandung und auch Gezeitenströmung. SPRECHERIN Das Meer reißt Sandmassen mit sich, die zum Teil im Seegebiet zwischen Sylt und Amrum wieder abgelagert werden. Vor allem das Süd- und Nordende von Sylt sind gefährdet, die Inselenden sind am stärksten von der Erosion betroffen. MUSIK 9 (Claude Debussy: 2.Satz aus Sonate F-Dur 0‘45) /ATMO (Wind Wellen) SPRECHERIN Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts unternahmen die Bewohner von Sylt erste Versuche, ihre Insel vor der Brandung zu schützen. Damals wurden sogenannte Buhnen errichtet. Das waren zunächst Holzpfahlbuhnen, später dann auch Stein-, Stahlspundwand- und Betonpfahlbuhnen, die in langen Reihen rechtwinklig zur Küste ins Meer geschlagen wurden. Diese sollten die Brandungs- und Gezeitenströmungen vom Ufer fernhalten. Sehr effektiv ist diese Methode auf Sylt allerdings nicht gewesen. Eine nachhaltige Verminderung des Küstenrückganges konnte durch die Buhnen nicht erreicht werden. Daher wurden die Buhnen an der Westküste von Sylt in den letzten Jahren fast vollständig zurückgebaut. ATMO Möwen / MUSIK 10 ( Astor Piazzolla: Vuelvo al sur 0‘45) SPRECHERIN In Westerland wurde eine Ufermauer errichtet – doch die Erosion ist stark, immer wieder stehen aufwändige Reparaturarbeiten an. Um Landabbrüche an der Westseite der 38 Kilometer langen Insel zu verhindern, wurden ab den 1960er Jahren am Strand von Hörnum im Süden von Sylt Tetrapoden ausgebracht – das sind riesige, vierfußige Steine aus Beton. Mit Hilfe von Tetrapoden wird vor der Küste eine Art künstliches Riff geschaffen, erklärt Jochen Horstmann: O-TON 13 (Horstmann) Die sorgen für immense Turbulenzen. Dann brechen die Wellen zusammen und brechen sich dann an diesen Tetrapoden, die ja auch aus Beton sind und deshalb den Kräften gut widerstehen können, dass wird oft gemacht, insbesondere auch an den Küsten von Taiwan, aber auch vor Sylt gibt es Tetrapoden. SPRECHERIN Die Wellenbrecher aus Beton sind mit rund sechs Tonnen allerdings so schwer, dass sie je nach Untergrund einsinken und dann nicht mehr den gewünschten Effekt erfüllen. Auch auf Sylt stecken einige der Riesensteine schon tief im Sand. Damit Sylt nicht weggespült wird, werden auf der Insel zusätzlich seit 1972 Sandaufspülungen vorgenommen. Dabei entnehmen Baggerschiffe etwa acht Kilometer vor der Westküste ein Sand-Wasser-Gemisch und pumpen dies über Rohrleitungen an den Strand. Das Wasser fließt ab, der Sand bleibt zurück und wird von Bulldozern verteilt. Am Meeresboden bleiben Vertiefungen zurück. Theide Wöffler. O-TON 14 (Wöffler) Bei den Sandvorspülungen haben wir auch ein wenig die Strategie in den letzten Jahren verändert. Also wenn man sich anguckt, wie am Anfang der Sandvorspülung gearbeitet wurde: Da wurde eine große Menge Sand auf einen Strandabschnitt vorgespült. Und in den letzten Jahren sind wir einfach zielgerichteter geworden, was die Sandvorspülung angeht. Also das heißt: Wir verteilen unsere Sandmengen auf eine größere Länge des Strandabschnitts, also weniger Sand, verteilt auf einen längeren Strandabschnitt und setzen so den Sand zielgerichtete ein. ATMO (Wellen auf Meer) SPRECHERIN Vor Sylt befindet sich etwa 300 bis 400 Meter vor der Küste ein natürlicher Wellenbrecher, ein Sandriff. Es ist ein dynamisches Gebilde, dass sich durch die Brandung immer wieder verändert. Theide Wöffler. O-TON 15 (Wöffler) Also dieses Sandriff wandert auch im Laufe des Jahres auf die Küste zu und entfernt sich auch wieder. Also in Abhängigkeit der Wellengröße, wandert dieses Sandriff in den Herbst und Wintermonaten etwas weiter nach draußen. Und in ruhigeren Monaten, wandert dann dieses Sandriff näher auf die Küste zu. Und das hat eine ganz entscheidende Funktion für den Küstenschutz auch. Also ist eine Art natürlicher Wellenbrecher, den wir vor der Insel Sylt einfach liegen haben – in Form dieses Sandriffs. SPRECHERIN Auf Sylt wird aber auch vor dem Strand – also im Meer - Sand aufgespült und so das vorgelagerte Sandriff verstärkt. Dadurch wird die Brandung abgeschwächt, bevor sie auf Land trifft. In der Fachsprache heißt diese Maßnahme Vorstrandaufspülung: O-TON 16 (Wöffler) Das heißt, wir spülen den Sand nicht mehr auf den Strand vor, sondern verstärken das Riff vor dem Strand und verklappen dort den Sand auf der seewärtigen Seite des Riffs. Und haben da einfach die positive Erfahrung gemacht, dass durch diese Riff-Verstärkung die Strände sich dahinter einfach sehr stabil verhalten und wir so letzten Endes eine wirtschaftlichere Methode haben, den Strand zu schützen. ATMO (Meer) / MUSIK 11 ( Astor Piazzolla: Vuelvo al sur 1‘00) SPRECHERIN An Land soll mit Sandfangzäunen, die oft aus Birken oder Weiden gebaut werden, der Sand gehalten werden. Dazu werden Reisigbündel in den Sand gesteckt, so dass Zäune entstehen, in deren Windschatten sich der Sand ablagern soll. Auch mit dem Anbau von Strandhafer auf den Dünen wird versucht, Sandflug zu vermeiden. Ammophila arenaria – so der lateinische Name von Strandhafer - hat bis zu fünf Meter tiefe Wurzeln. Die Wurzeln der Pflanzen verflechten sich zu einem unterirdischen Netz, das die Düne und den Sand festhält. Gerade nach neuen Sandaufspülungen werden Sandfangzäune gebaut, damit der mühsam ausgebrachte Sand nicht gleich wieder vom Wind weggeweht wird. Wenn Wellen auf Land treffen, sind Dünen das erste Bollwerk gegen die Brandung. ATMO (Wellen) SPRECHERIN Seegang und Wellenschlag gefährden auch die Deiche, die Küstenbewohner vor Überflutungen schützen sollen. Bereits jetzt wohnt in Schleswig-Holstein etwa ein Drittel der Einwohner in potenziell überflutungsgefährdeten Gebieten. Angesichts des Klimawandels steht der Küstenschutz vor neuen Herausforderungen, so Theide Wöffler vom Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz: O-TON 17 (Wöffler) Also eines ist sicher, dass infolge des Klimawandels der Meeresspiegel weiter ansteigt. Und ganz sicher ist dann auch, dass zukünftige Sturmfluten auf diesen gestiegenen Meeresspiegel aufsatteln, also sprich: der Meeresspiegelanstieg von einem Meter und dementsprechend laufen dann zukünftige Sturmfluten auch mindestens einen Meter Höhe auf. Und dann haben wir es natürlich auch noch damit zu tun, dass in größeren Wassertiefen auch ja einfach eine größere Seegangs-Energie steckt. Also es können sich größere Wellen bilden in tieferem Wasser. Die Wellen können eine größere Periode haben. Und somit haben wir es dann einfach mit einer größeren Brandung-Energie zu tun, die auf unsere Deiche und auf unsere Küsten trifft. SPRECHERIN Deshalb werden in Schleswig-Holstein die Deiche verstärkt und ausgebaut. Die sogenannten Klimadeiche sind höher, breiter und flacher. Theide Wöffler: O-TON 18 (Wöffler) Das Profil verfügt über eine wesentlich breitere Deichkrone, auf die dann die nachfolgenden Generationen eine sogenannte Kappe aufsetzen können - mit vergleichsweise geringem Aufwand. Und die nächste Generation, die den Deich dann wiederum verstärkt, kann dann halt - wenn sie diese Kappe aufgesetzt haben - einen Meeresspiegelanstieg von 1,5 Meter schon mal entgegenwirken, (…) dadurch, dass einfach der Deich so breit jetzt ausgestaltet ist, dass man dann letzten Endes nur noch eine Kappe obendrauf setzt. Und dann gibt es noch die zweite Ausbauoption bei diesem Klimadeich, das dann wiederum das Profil noch mal abgeflacht werden kann, dass letzten Endes dann auch wiederum mit sehr gering bautechnischen Aufwand Wasserstände bei einem Meeresspiegel von bis zu zwei Meter gekehrt werden können. Also das ist so das neue Deichprofil, was wir in Schleswig-Holstein umgesetzt haben und was es dann den nachfolgenden Generationen erleichtert, mit dem Meeresspiegelanstieg umzugehen. SPRECHERIN Einer der ersten Klimadeiche wurde 2016 auf Nordstrand im Kreis Nordfriesland fertig gebaut. Dafür wurde der Deich auf zweieinhalb Kilometern um 70 Zentimeter erhöht und um zweieinhalb Meter verbreitert. Auch in anderen Gegenden an der Küste wurden Deiche schon verstärkt. MUSIK 12 ( Die Fantastischen Vier – Tag am Meer 1‘20) SPRECHERIN Nicht nur die deutsche Küste und Inseln in der Nord- und Ostsee, weltweit sind viele Regionen gefährdet – durch den steigenden Meeresspiegel, höher auflaufende Sturmfluten, höhere Wellen, zunehmende Wetterextreme und geänderte Strömungs- und Tidebedingungen. Viele Inselstaaten auf der Südhalbkugel sehen sich in ihrer Existenz bedroht. Weltweit versuchen deshalb Forscher, die Entstehung von Wellen, Strömungen und die Brandung besser zu verstehen, um mögliche Folgen besser einschätzen und die Küsten noch besser schützen zu können. MUSIK / ATMO (Wind, Wellen)
- Gian Lorenzo Bernini - Ein barocker Stararchiktekt
26.03.2025 · 22 Min.
Gian Lorenzo Bernini war einer der bedeutendsten italienischen Architekten und Bildhauer des Barock. Er prägte das Erscheinungsbild Roms wie kein zweiter. Bernini verließ die Stadt so gut wie nie und arbeitete für insgesamt acht Päpste. Von Gabriele Knetsch (BR 2022) Autorin dieser Folge: Gabriele Knetsch Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Irina Wanka, Jerzy May Technik: Michael Krogmann Redaktion: Andrea Bräu Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese Folge von Radiowissen könnte Sie auch interessieren: Artemisia Gentileschi - Malerin des Barock JETZT ENTDECKEN Literaturtipps: Gut geschriebene Biographie, die auch die historischen Umstände der Päpste in Rom mitberücksichtigt: Arne Karsten, „Bernini – der Schöpfer des Barocken Rom“, München 2017. Umfangreicher Ausstellungskatalog mit zahlreichen Abbildungen, der Einblicke in Motive und Denkmuster barocker Kunst gibt: Sabine Haag, Taco Dibbits, „Caravaggio – Bernini, Entdeckung der Gefühle“. Schöner kleiner Bildband, der Skizzen und Zeichnungen des Künstlers zu seinen großen Auftragsarbeiten dokumentiert: Gianlorenzo Bernini, „Zeichungen“, Hg. Karl-Heinz Mehnert, Insel, Leipzig 1982.
- Die Frauen der Familie Curie - Marie, Irène und Eve
26.03.2025 · 24 Min.
Als Naturwissenschaftlerin ist Marie Curie weltberühmt - und sie ist die Begründerin einer Dynastie bedeutender Forscherinnen: Ihre ältere Tochter Irène wird ebenso Nobelpreisträgerin. Die Enkelin wird eine bekannte Kernphysikerin. Maries jüngere Tochter Eve hingegen macht sich als Kriegsreporterin einen Namen. Von Steffi Illinger Credits Autorin dieser Folge: Steffi Illinger Regie: Martin Trauner Es sprachen: Irina Wanka, Berenike Beschle, Katja Amberger, Jenny Güzel Technik: Helge Schwarz Redaktion: Yvonne Maier Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Claudine Monteil, Autorin, Historikerin; Alina Schadwinkel, Wissenschaftsjournalistin, Autorin Linktipps: Ein spannender Artikel von ARD alpha: Marie Curie: Physikerin, Forscherin, Pionierin - Die Frau mit den zwei Nobelpreisen ZUM ARTIKEL Vierteiler zu Marie Curie in der ARD Mediathek: Das Geheimnis der Radioaktivität (1/4) JETZT ANSEHEN Kalenderblatt zur Entdeckung der künstlichen Radioaktivität durch Irène und Frederic Joliot-Curie: Entdeckung künstlicher Radioaktivität veröffentlicht JETZT ANHÖREN Der Instagram-Kanal „FrauenGeschichte“ hat auch schon über die Frauen der Familie Curie berichtet: Marie Curie: EXTERNER LINK | https://www.instagram.com/p/CquWCKyKAzt/ Irène Curie: EXTERNER LINK | https://www.instagram.com/p/Cqw6zi4O-m-/ Eve Curie EXTERNER LINK | https://www.instagram.com/p/Cqzfll8qYVm/ Literaturtipps: Claudine Monteil: Marie Curie und ihre Töchter. Suhrkamp Verlag 2023, ISBN 978-3-458-68278-3. Alina Schadwinkel: Marie Curie. Reclam 2014, ISBN: 978-3-15-020428-3. Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. WIE WIR TICKEN - EUER PSYCHOLOGIE-PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN