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Die Schutzheilige des Jazz - Pannonica de Koenigswarter

27.02.2024 · 22 Min.

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Über diese Folge

Die Jazz-Baroness - ein Leben für die Musik. Pannonica de Koenigswarter war eine wichtige Mentorin und Schutzpatronin für zahlreiche Jazz-Musiker der 1950er und 1960er Jahre. Für ihre Leidenschaft brach sie, eine geborene Rothschild, mit allen Konventionen. Autor: Georg Gruber

Credits
Autor dieser Folge: Georg Gruber
Regie: Kirsten Böttcher
Es sprachen: Katja Bürkle, Johannes Hitzelberger, Julia Cortis, Gudrun Skupin
Technik: Roland Böhm
Redaktion: Nicole Ruchlak

Literaturtipps:

Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness. Das Leben der Nica Rothschild, Berlin Verlag 2013.

David Kastin, Nica’s Dream: The Life and Legend of the Jazz Baroness, Norton & Company 2011.

Pannonica de Koenigswarter, Die Jazzmusiker und ihre drei Wünsche, Reclam Verlag 2007.

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

Musik 1: „Pannonica“ / Monk, aus Film „Straight no chaser“

Thelonious Monk: Hi everybody! I would like to play a little tune, I composed not so long ago, entitled “Panonnica”. 

Zitator OV: Ich möchte jetzt ein Stück spielen, das ich vor kurzem erst komponiert habe, mit dem Titel: „Pannonica“. Benannt nach dieser wunderschönen Lady hier.

TM: It was named after this beautiful lady here. I think her father gave her that name, after a butterfly, 

Zitator OV: Ich glaube, ihr Vater gab ihr den Namen nach einem Schmetterling, den er fangen wollte – was ihm, glaube ich, nicht gelang.

TM: that he tried to catch. I don’t think he caught the butterfly.

Erzählerin

Der Pianist Thelonious Monk ist einer der Väter des Bebop, ein brillanter Musiker - und ein Exzentriker. Panonnica de Koenigswarter stammt aus einem wohlhabenden britischen Elternhaus und ist eine geborene Rothschild. Und für sie ist Monk ein Genie. 

Musik / Pannonica hoch

Erzählerin

Zwei Welten treffen hier aufeinander, die Welt des Jazz und die des alten Europa. Für ihre Liebe zum Jazz bricht die Baroness in den 1950er Jahren mit allen Konventionen, auch mit ihrer Familie. In ihrer Suite in einem New Yorker Nobelhotel treffen sich die wichtigsten Jazzmusiker jener Zeit zu gemeinsamen Jam-Sessions. Sie ist Schutzpatronin, Förderin und Mäzenin vieler Jazz-Musiker jener Zeit.

Musik 2: Etude-Caprice für Violine und Klavier

Erzählerin

Geboren wurde Kathleen Annie Pannonica am 10. Dezember 1913 in einem Londoner Stadthaus der Familie Rothschild. Ihr Vater Charles ist Bankier, doch seine wahre Leidenschaft gilt der Natur, besonders den Insekten. Schon in seiner Jugendzeit hatte er begonnen, Schmetterlinge zu fangen und zu archivieren. In seiner Sammlung befindet sich auch ein auf den ersten Blick unscheinbarer Nachtfalter, den er in Ungarn entdeckt hatte. Sein Name: Pannonica. Erst wenn er die Flügel öffnet, sind seine zitronengelben Flächen zu sehen. Ein passender Name, so als hätte der Vater schon bei Geburt seiner Tochter gewusst, dass sie besonders nachts aktiv ist und sich erst dann zu ganzer Schönheit entfaltet.

Musik hoch

Erzählerin

Nica und ihre drei Geschwister verbringen die meiste Zeit ihrer Kindheit auf den herrschaftlichen Landsitzen, Tag und Nacht sind sie dabei umgeben von einer Heerschar von Kinderfrauen, Hauslehrern, Dienern, Chauffeuren, Gärtnern und Stallburschen. Die Mädchen werden von Privatlehrern unterrichtet, ihr Bruder Victor geht auf ein Internat.

Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness. Das Leben der Nica Rothschild, Berlin Verlag 2013, S. 51

„Zu Mittag aßen die Mädchen im Kinderzimmer und durften erst im Alter von sechzehn Jahren das Abendessen gemeinsam mit den Eltern einnehmen.“

Erzählerin

Schreibt Hannah Rothschild in ihrer Biografie „Die Jazz Baroness. Das Leben der Nica Rothschild“ über den Tagesablauf, der einer strengen Routine folgt.

Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 51

„Jeden Morgen zu genau der gleichen Zeit wurden die Kinder zu einem Spaziergang durch den Park geführt. Rennen und Versteck spielen waren verboten, damit die Kinder nicht ihre weißen Kleider schmutzig machten oder sich verliefen.“ 

Musik 3: Blumine. Polka 

Erzählerin

Die Rothschilds sind damals überaus wohlhabend und Teil der besseren Gesellschaft. Sie veranstalten prächtige Feste, Bälle, Mittag- und Abendessen für mehrere Hundert geladene Gäste, darunter Politiker, wie Winston Churchill, Wissenschaftler, Künstler und Könige, sogar die Königin Viktoria und der Schah von Persien sind zu Gast. Auch Albert Einstein soll zu Besuch gewesen sein und die Kinder mit Zauberkunststücken unterhalten haben.

Doch es ist keine ungetrübte Kindheit: Nicas Vater leidet an Depressionen, woran auch lange Kuraufenthalte nichts ändern können, immer wieder zieht er sich zurück, ist nicht ansprechbar. Die Eltern verbringen viel Zeit in London, während die Kinder auf dem Lande bleiben.

Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 60

„Wenn Nica später sagte: „Meine einzigen Freunde waren Pferde“, so war das die Wahrheit. Ihre Kindheit war materieller Luxus in Verbindung mit seelischer Vernachlässigung. Eine Rothschild-Cousine, die Nica als Kind kannte, sagte, dass sie immer wilder wurde. Wenn es einen besonders hohen Baum zu erklettern galt, tat es Nica; war ein besonders hoher Zaun zu überspringen, lenkte Nica unweigerlich ihr Pferd in dessen Richtung.“

Erzählerin

1923 nimmt sich der Vater das Leben. Nica und ihre Schwestern sind mit ihrer Trauer alleine, eine prägende Erfahrung, denn sie haben niemanden, dem sie ihren Kummer mitteilen können, wie Hannah Rothschild schreibt.

Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 98

„Nica fand schon in früher Jugend heraus, dass die Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse und der natürlichen Vitalität zu schrecklichen Formen der Selbstzerstörung führt. Das war einer der Gründe, warum sie als Erwachsene später unter keinen Umständen in einem Leben gefangen sein wollte, das sie unglücklich machte.“

Musik 4: Strawinsky „ Sonate für 2 Klaviere“ 3. Satz 

- SC011520 010 – 1:03 Min

Erzählerin

Mit 16 Jahren entkommt Nica zum ersten Mal der abgeschotteten Enge der herrschaftlichen Landsitze, als sie mit ihrer älteren Schwester auf ein Internat in Paris geschickt wird. Danach reisen die beiden ein Jahr lang durch Europa, begleitet von einer Gouvernante, einem Chauffeur und einem Dienstmädchen. In dieser Zeit besucht Nica auch für kurze Zeit die Kunstakademie in München. Zurück in London tanzt sie auf Debütantinnenbällen, lernt von ihrem Bruder Autofahren und stürzt sich ins vornehme Nachtleben. Mit 21 Jahren bringt ihr ein befreundeter Musiker sogar das Fliegen bei. 

Im Sommer 1935 lernt sie den zehn Jahre älteren Baron Jules de Koenigswarter kennen, auch er ein begeisterter Flieger. Ein paar Monate später heiraten sie in New York, worüber sogar die New York Times berichtet: 

Sprecher, Zitat aus New York Times

„Miss Rothchild Marries Here“

Erzählerin

Danach begibt sich das frischvermählte Brautpaar auf Weltreise, inklusive einer Bruchlandung mit dem Flugzeug in der Wüste Gobi. Seit der Hochzeit hat Nica auch selbst ein Flugzeug, ein Geschenk ihres Bruders Victor. 

Das Paar zieht nach Frankreich, in ein Schloss in der Normandie, palastartig und weitläufig, umgeben von 80 Hektar künstlich angelegter Landschaft, mit Wäldchen und Fahrwegen. 

Doch das herrschaftliche Leben hat mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges ein Ende. Jules meldet sich beim französischen Militär, Nica bleibt auf dem Schloss. Und flieht im letzten Moment mit ihren Kindern vor den einmarschierenden deutschen Truppen zuerst nach England, dann in die USA, wo sie von der Familie Guggenheim aufgenommen werden.

Musik 5: Hindemith: Sonate für Violoncello solo

Erzählerin

Doch Nica hält es nicht lange in den USA. Sie kehrt zurück nach Europa und schließt sich den Freien Französischen Streitkräften an, die an verschiedenen Fronten gegen Deutschland kämpfen. Die Baroness schlägt sich auf eigene Faust zu ihrem Mann durch, der in Afrika stationiert ist. Sie wird als Übersetzerin, Entschlüsslerin, Rundfunksprecherin und Fahrerin eingesetzt - und soll sogar selbst Lancasterbomber geflogen haben. 

Nach Kriegsende werden beide, Jules und Nica, für ihre Verdienste um die Befreiung Frankreichs ausgezeichnet. Aber der Krieg hat das alte Europa zerstört, auch vom Landsitz in der Normandie ist nicht mehr viel übrig. Das herrschaftliche Leben und seine vorgegebenen Regeln sind Vergangenheit. 

Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz-Baroness, S. 163

„Für Nica war der Krieg ein persönlicher Wendepunkt“

Erzählerin

Glaubt Hannah Rothschild, ihre Biographin.

Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz-Baroness, S. 163

„Mit zweiunddreissig Jahren war sie endlich frei und hatte ein anderes Leben kennengelernt.“

Musik 6: Duke Ellington, Black, Brown and Beige

Erzählerin

Ihr Interesse für Musik beginnt schon in der Kindheit. Ihr Bruder Victor nimmt Klavierunterricht bei Teddy Wilson, einem der wichtigsten Jazz-Pianisten der 30er und 40er Jahre – und Nica lässt sich von seiner Jazzbegeisterung anstecken. Und dann passiert es: Sie hört zwei Stücke und ihr Leben wird nicht mehr sein wie davor.

Musik hoch

Erzählerin

Das eine ist Duke Ellingtons Sinfonie „Black, Brown and Beige“, die 1943 in New York uraufgeführt wird. Nica hört eine Plattenaufnahme in Mexiko, wo sie zu jener Zeit lebt, weil ihr Mann dort nach dem Zweiten Weltkrieg als Diplomat arbeitet.

Zitatorin 1, Pannonica de Koenigswarter, nach Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 177 

„Ich empfing die Botschaft, dass ich dort hingehörte, wo diese Musik gemacht wurde.“

Erzählerin

Erinnert sich Nica später an diesen Moment.

Zitatorin 1, Pannonica de Koenigswarter, nach Hannah Rothschild, Jazz Baroness, S. 177

„Da war etwas, was ich einfach tun musste. In irgendeiner Form musste ich daran teilhaben. Das war eine vollkommen unmissverständliche Botschaft. Wenig später packte ich meine Koffer. Es war eine echte Berufung. Sehr seltsam.“

Musik 7: Thelonious Monk: „Round Midnight“

Erzählerin

1948 oder 49 reist Nica nach New York. Dort besucht sie, schon auf dem Rückweg zum Flughafen Teddy Wilson, jenen Jazzmusiker, der Klavierlehrer ihres Bruders gewesen war. Er fragt sie, ob sie schon „Round Midnight“ gehört habe, die erste Platte eines jungen Pianisten, sein Name: Thelonious Monk.

Zitatorin 1, Pannonica de Koenigswarter, nach Hannah Rothschild, Die Jazz-Baroness, S. 177

„Ich mochte meinen Ohren nicht trauen. Ich hatte noch nie etwas Ähnliches gehört. Ich muss das Stück zwanzigmal hintereinander abgespielt haben. Verpasste meinen Flieger.“

Erzählerin

Der endgültige Wendepunkt in ihrem Leben. Sie beschließt, nach New York zu ziehen – und sie beschließt, dass sie jenen Ausnahmemusiker unbedingt kennen lernen muss. Von ihrem Mann hatte sie sich zu diesem Zeitpunkt schon länger entfremdet.

Zitatorin 1, Pannonica de Koenigswarter, nach Hannah Rothschild, Die Jazz-Baroness, S 166

„Unsere Ehe ist gescheitert (…) weil mein Mann Marschmusik mochte und meine Schallplatten zerbrach, wenn ich zu spät zum Dinner kam. Und ich kam oft zu spät zum Dinner.“

Erzählerin

Ihre Tochter Janka, ein Teenager, geht mit ihr, sie beziehen eine großzügige Suite im vornehmen Stanhope Hotel am Rand des Central Park, mitten in der Stadt. Die anderen vier Kinder bleiben beim Vater - Nica ist bereit, sehr viel aufzugeben, um ihren Traum zu leben. 

Musik 8: „Bloomdido“

Erzählerin

New York ist in den 40er und 50er Jahren die Jazzmetropole, hier treffen sich die kreativsten und innovativsten Musiker. Thelonious Monk gehört damals neben dem Saxophonisten Charlie Parker und dem Trompeter Dizzy Gillespie zu den wichtigen Erneuerern des Jazz. Doch als Nica nach New York zieht, hat Monk ein Auftrittsverbot in der Stadt, wegen eines Drogendelikts. Deswegen lernt sie ihn erst 1954 in Paris kennen, nach einem Konzert, für das sie extra nach Frankreich reist. Sie mögen sich von Anfang an, so erzählt es Nica später. 

Musik 9:  Monk’s Point, Thelonious Monk, von der CD Solo Monk

Erzählerin

Die beiden haben bis zu seinem Tod 1982 eine sehr enge und besondere Beziehung. Sie sind kein Liebespaar, sondern Freunde, auch Monks Frau Nellie sieht in ihr keine Rivalin, so erzählt es zumindest Monks Sohn Toot:

Zitator Toot Monk, nach Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S 221

“Ich weiß nicht, ob sie darüber gesprochen haben oder nicht, aber sie beschlossen für ihn zu sorgen. Sie teilten sich die Aufgabe.“

Erzählerin

Thelonious Monk leidet an Stimmungsschwankungen und an Depressionen. Nimmt Drogen und Alkohol. Immer wieder ist er im Laufe seines Lebens zur Behandlung im Krankenhaus oder in der Psychiatrie und bekommt Medikamente. Nellie und Nica kümmern sich gemeinsam um ihn, um seinen Alltag, um seine Ernährung, begleiten ihn auch auf seinen Tourneen. 

Zitator Toot Monk, nach Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 221

“Seit ich acht oder neun war, hatte ich eine Familie, die aus mir, meiner Mutter, meinem Vater, meiner Schwester und Nica bestand.“

Erzählerin

Nica hilft Monk auch, seine „Cabaret Card“ wieder zu bekommen, die er braucht, um in New York auftreten zu können. Und sie unterstützt den Pianisten finanziell, denn von der Musik kann Monk seine Familie lange nicht ernähren. Als seine Wohnung abbrennt, nimmt sie sogar die ganze Familie vorübergehend bei sich auf. 

Doch Monk und Pannonica, der Exzentriker und die vornehme Dame aus der besseren Gesellschaft, verbindet weit mehr als ihr Geld.

2. O-Ton aus Kalenderblatt, DLF, 10.12.2013, Jazzmäzenin Pannonica de Koenigswarter geboren, Autor: Karl Lippegaus

Englisch (T. Monk nicht genau zu verstehen)

Overvoice (schon vorhanden): „Sie ist eine Rothschild. Ja, ihre Familie hat den englischen König mit Kohle versorgt, damit er Napoleon schlagen konnte. Ich sage allen wer Du bist! Ich bin stolz auf Dich.“

Monk: “She is a billionair”

Erzählerin

Für Monk sei es entscheidend gewesen, dass sie seine Musik liebte, sagt sein Sohn:

Zitator Toot Monk, nach Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 224

“Nica war da, als die Kritiker seine Musik nicht verstanden und als die Hälfte der Musiker sie nicht verstanden. Aber sie verstand sie, und das war sehr wichtig für ihn. Deshalb liebte er sie.“

Musik 10: Monk: „Ba-lue Bolivar Ba-lues“

Erzählerin

In New York taucht Nica in das Nachtleben ein, besucht jeden Abend die angesagten Jazz-Clubs der Stadt. 

Zitatorin 2 Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S 195

„Während der nächsten 30 Jahre veränderte sich Nicas Lebensweise kaum.“

Erzählerin

Schreibt ihre Biografin Hannah Rothschild.

Zitatorin 2, Hannah Rothschild, Jazz Baroness, S 195

„Sie hörte den Jazz nicht, sie lebte ihn. Sie stand erst auf, wenn es dunkel wurde. Sie ignorierte das Tageslicht, behandelte es mit äußerster Verachtung. Wie die Motte, nach der sie benannt worden war, erwachte sie erst in der Dämmerung zum Leben.“

Erzählerin

Ihre Suite im Stanhope Hotel wird zum Treffpunkt der Jazzszene, nach den Konzerten in den Clubs geht es dort weiter bis in die frühen Morgenstunden. Zum wachsenden Missfallen der Geschäftsführung. Im März 1955 gerät die Jazz-Baroness dann ungewollt in die Schlagzeilen.

Zitator Daily Mirror

„Bop King Dies in Heiress‘ Flat“ - König des Bebop stirbt in Appartement von reicher Erbin

Erzählerin

Charlie Parker hatte bei ihr Zuflucht gesucht, körperlich am Ende, ausgezehrt von Drogen und Alkohol. Der Saxophonist war auf der Suche nach einem Ort, um sich auszuruhen. Und stirbt vor dem Fernseher in ihrer Suite. Ein tragischer Tod, der ihrem Ruf schadet und für Entsetzen nicht nur bei der Familie in Europa sorgt, sondern auch bei der Geschäftsleitung des Hotels. Pannonica de Koenigswarter in einem ihrer seltenen Interviews:

3. O-Ton Pannonica de Koenigswarter, aus Zeitzeichen, WDR, 17. Februar 1982 – Todestag des Jazzmusikers Thelonious Monk, Autor: Niklas Rudoph

Pannonica: I have been living in the Stanhope

Overvoice (schon vorhanden): „Ich habe in einem Hotel gelebt, aber als Charlie Parker dort gestorben war, haben sie mich rausgeschmissen. Also bin ich an den Boulevard gezogen, wo ich mir ein Klavier zugelegt habe. Das war der Punkt, an dem Thelonious und die anderen Musiker ständig bei mir waren und großartige Jam-Sessions spielten. Bis acht Uhr morgens.“

Pannonica: Til eight or nine the next morning

MUSIK 11: “Nutty” von Thelonious Monk

Erzählerin 

Über den damals alltäglichen Rassismus setzt sie sich hinweg.

Manche Jazzmusiker begegnen ihr anfangs mit Skepsis. Auch der Lyriker, Autor und Aktivist Amiri Baraka äußert sich kritisch:

Zitator Amiri Baraka, nach Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S 279

„Sie war eine wohlhabende Dilettantin, ein Groupie. Das Freundlichste, was ich über sie sagen kann, ist: Sie war eine Frau, die das nötige Kleingeld hatte, um dort zu sein, wo sie sein wollte, und das zu tun, was sie tun wollte.“

Musik 12: Art Blakey: 

„Weehawken mad pad“

Erzählerin

Doch für viele Musiker, die oft in prekären Verhältnissen leben, ist sie der unerwartet auftauchende gute Engel: Sie zahlt dem einen die Miete, als er knapp bei Kasse ist, füllt einem anderen den Kühlschrank, als er krank ist, und holt für einen Dritten sein Instrument aus dem Pfandhaus. Sie übernimmt sogar die Kosten für würdige Begräbnisse. Geld spielt für sie keine Rolle. Monk kauft sie einen Buick, sein erstes Auto überhaupt, dem Schlagzeuger Art Blakey einen Cadillac und Anzüge für die Musiker seiner Band. Und sie versucht sich sogar kurzzeitig als seine Managerin.

Musik hoch

Erzählerin

Nica selbst malt und fotografiert, macht Aufnahmen von den wichtigsten Jazzmusikern jener Zeit, die bei ihr ein und ausgehen. 

Aufnahmen, die sie als Buch veröffentlichen möchte, zusammen mit den Antworten der Musiker auf die Frage, was sie sich wünschen würden, wenn sie drei Wünsche frei hätten. Ein Plan, den erst ihre Nichte Nadine de Koenigswarter umsetzen kann, Jahre nach Nicas Tod.

MUSIK hoch

ERZÄHLERIN

Nica kauft sich sogar ein Tonbandgerät, um Konzerte und Jam-Sessions zu dokumentieren. Die Fotos, die die Jazz Baroness macht, zeigen die große Nähe zwischen ihr und den Musikern. Um keinen Ärger mehr in Luxushotels zu haben, kauft sie sich schließlich ein Haus, das sich der Filmregisseur Josef von Sternberg zehn Jahre zuvor hatte bauen lassen. Ein kreativer Ort für sie und ihre Musikerfreunde, zum Ausruhen, Üben, Jammen – und Tischtennis-Spielen. Thelonious Monk tauft es „Catsville“ und später „Cathouse“. „Cats“ so nennen sich damals Jazz-Musiker gegenseitig, der Name passt aber auch wegen der großen Anzahl von Katzen, die dort mit Nica leben und sich stetig vermehren, über 120 sollen es gewesen sein.

Musik 13: Thelonica, Tommy Flanagan (Piano Solo)

Erzählerin

Anfang der 70er Jahre nimmt sie Thelonious Monk, der sich aus der Öffentlichkeit zurückzieht, ganz bei sich im Cathouse auf – in Sorge um seine körperliche und psychische Gesundheit. Er hat dort ein eigenes Zimmer und seine Frau Nellie kommt ihn fast täglich besuchen. Es gibt Tage, an denen er überhaupt nicht spricht und auch an den Flügel setzt er sich nur noch selten. 1982 stirbt er mit 64 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. 1986 erinnert Nica in einem Zeitungsartikel an ihren langjährigen Freund und schreibt dabei indirekt auch über sich selbst: Thelonious Monk habe Lebenswege verändern und wunderbarerweise nach allen Seiten hin öffnen können. Und er habe, so schreibt sie, die Kraft gehabt, dich ins Herz der Unendlichkeit der Musik hineinzuversetzen.

Musik 14 „Round Midnight“, Thelonious Monk

Erzählerin

Pannonica de Koenigswarter, die Jazz Baroness, stirbt am 30. November 1988 in New York in einem Krankenhaus an Herzversagen, wenige Tage vor ihrem 75. Geburtstag. Ihr letzter Wunsch: Ihre Asche solle in der Nähe ihres Hauses gegen Mitternacht – also Round Midnight - in den Hudson River gestreut werden. 

Musik aus.

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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik Z9500650 102 „On Thin Ice“; Zeit: 00:36 O 1 Jochen Funktion Farbe DRÜBER Das ist einerseits die Tarnung. Der Organismus hat damit die Möglichkeit, sich seinem Umfeld anzupassen. Sich zu verstecken. Geräusch Rabe Dann dient die Farbe als innerartliches und auch zwischenartliches Signal ist es wichtig für die Kommunikation, ATMO weg … hat aber auch physiologische Relevanz, da es die Thermo-Regulationen beeinflussen kann. Und im Fall von Melanin bietet es auch Schutz vor Strahlung. Weil Melanine eben UV-Strahlung gut abfangen können. SPRECHERIN … sagt der Evolutionsbiologe Jochen Wolf von der Ludwigs-Maximilians-Universität in München. MUSIK ENDE Je mehr Melanine, also Pigmente, Haut, Federn oder Haare haben, desto dunkler sind sie. Eumelanin (sprich: Oi-Melanin) ist für die Farbe Schwarz zuständig. Melanine sind stammesgeschichtlich uralt, es gab also schon schwarze oder sehr dunkle Dinosaurier, wie über 300 Millionen Jahre alte Fossilien zeigen. Die Farbe Schwarz spielt im Tierreich eine wichtige Rolle, bei Insekten gleichermaßen wie bei in Wirbeltieren. ATMO nachts SPRECHERIN drüber Bei nachtaktiven Tieren beispielsweise. Sie wollen entweder beim Jagen erfolgreich sein oder selber nicht gefressen werden: Viele Würmer, Schnecken, Gliedertiere und Säugetiere sind sehr dunkel, schwarz oder zumindest unauffällig gefärbt. ATMO weg SPRECHERIN Doch bei einigen Tieren entstehen dunkles Fell, Federn oder Haut auch aus einer genetischen Laune heraus: ‚Schwärzlinge‘ sind Tiere, die in ihrer Farbe durch übermäßige Pigmentierung mit Melaninen von der Norm abweichen. Schwarze Panther zum Beispiel, aber auch Pferde, Katzen, Mäuse, Kreuzottern, Meerschweinchen oder Finken … Und: Tiere können vorübergehend schwarz werden, als Reaktion auf Stress, weil sie altern, wie manche Schildkrötenarten zum Beispiel, bei Mangelernährung oder bei Lichtmangel – oder weil sich die Umweltbedingungen verändert haben. Ein Beispiel für den so genannten Industrie-Melanismus sind die Birkenspanner von Manchester, Nachtfalter, die sich eigentlich mit ihren hell-grau-gemusterten Flügeln perfekt an die Stämme der Birken angepasst hatten. Bis im 19. Jahrhundert die Schornsteine begannen, Ruß in die Luft zu pusten und sich die Birkenstämme schwarz färbten. Jochen Wolf: O 1a Jochen Birkenspanner Und 1848 hat man die erste schwarze Morphe des Birkenspanners in Manchester entdeckt und bereits weniger als 50 Jahre später, 1895, waren 98 Prozent der Population schwarz. Und diese schwarze Mutation wurde durch Selektion verändert. Und dann aber in den 1970er Jahren, als dann Rußfilter eingeführt wurden und die Birken so langsam wieder ihren Ursprungszustand angenommen haben, wurden die Populationen wieder weiß. Und das ging innerhalb von 20 Jahren. SPRECHERIN `Durch Selektion verändert´ heißt im Klartext: Die hell-gemusterten Falter fielen auf den rußigen Birkenstämmen derart auf, dass sie sofort gefressen wurden. Die dunklen überlebten und trugen ihr Erbgut und mit ihm ihre Melanine weiter. MUSIK C1044980 009 „Deep“; ZEIT: 01:37 & ATMO Unter Wasser SPRECHERIN drüber Auch Tiere in dunklen Lebensräumen sind schwarz – die Fische der Tiefsee zum Beispiel. Forscher haben im Golf von Mexiko entdeckt, dass es mindestens 16 Fischarten gibt, die mehr als 99,5 Prozent des Lichtes, das sie trifft, absorbieren. Sie leben in einer Tiefe von 1.500 Metern in ewiger Dunkelheit. Doch das Licht, das ihre Haut schluckt, ist kein Tageslicht, sondern stammt von Leuchtorganen anderer Fische. Die senden Lichtsignale aus, um mögliche Beutetiere aufzuspüren. Die „ultraschwarzen“ Fische aber bleiben unentdeckt. Das heißt, wenn das Licht eines Raubfisches auf sie fällt, ist da einfach nichts zu erkennen. Den ‚Tarnungs-Rekord‘ leistet der kleine, schuppenlose Laternenfisch der Gattung Oneirodes: Seine Haut wirft weniger als 0,04 Prozent des Lichtes zurück, dank einer sehr dünnen, aber sehr dicht mit Pigmenten bestückten Schicht unter der Hautoberfläche. Beinahe lückenlos sind hier die so genannten Melanosomen, die Pigmentkörperchen in den Zellen, verteilt. Sie geben dem Oneirodes-Fisch seine ultraschwarze Erscheinung: Er ist so dunkel, dass kein Körper und kaum ein Umriss erkennbar sind, wenn ein Lichtstrahl auf ihn fällt. Der kleine Fisch wirkt einfach wie ein schwarzes Loch. Bei vielen anderen, dunkel pigmentierten Fischen sind die Pigmentzellen in der Haut durch Kollagen und andere Zellen voneinander getrennt, deswegen sind sie nicht so tiefschwarz. MUSIK ENDE ATMO Gabun-Viper SPRECHERIN drüber In Kombination mit anderen Farben dient die Farbe Schwarz oft auch als kontrastierendes Element, das das mehrfarbige Federkleid oder die gescheckte Haut noch attraktiver macht – oder sie noch besser tarnt. MUSIK privat Take 001 „March oft he Shadow“; Album: Best African Music; Label: Goldensong – None; Interpret: Arnaud Gauthier; Komponist: Arnaud Gauthier; ZEIT: 00:28 SPRECHERIN drüber Die Westafrikanische Gabun-Viper setzt die Farbe Schwarz äußerst geschickt ein: Sie ist eine sehr große, schwere Giftschlange und lebt auf dem Waldboden. Um dort nicht aufzufallen, hat sie eine scheckige, teils geometrische Färbung aus tiefschwarzen und hell-bräunlichen Stellen. Das macht sie im Laub nahezu unsichtbar, ja löst ihre Konturen auf, denn das Schwarz wirkt auch hier nicht wie ein Körper, sondern eher wie eine Lücke. MUSIK ENDE SPRECHERIN drüber Bei der Gabun-Viper sorgen nicht nur Pigmente, sondern Mikro- und Nano-Strukturen ihrer Schuppen dafür, dass auftreffendes Licht fast vollständig absorbiert wird. Tiefes Schwarz entsteht in unserer Wahrnehmung also nicht nur durch dunkle Färbung, sondern auch durch Oberflächenstruktur von Schuppen, Federn oder Panzern. Katrin Vohland (sprich: Foland) vom Naturhistorischen Museum in Wien: 0 2 Katrin Nanotubes Und dann hat man festgestellt, dass es auch Nanostrukturen gibt im Tierreich zum Beispiel bei dem Paradiesvogel, aber zum Teil auch bei Spinnen, die das Licht so oft reflektieren und brechen, dass eben davon überhaupt nichts mehr übrigbleibt. Oder auch bei Schmetterlingen hat man das gefunden. Die sind so schwarz wie dieser Tiefseefisch, also sind auch ultraschwarz. Also das sind so kleine Nanotubes aus Chitin. Und das ist auch noch mal ein anderer Mechanismus, als wenn man ein schwarzes Pigment im Fell hat. SPRECHERIN Chitin ist ein Bestandteil des Außenskeletts vieler Gliederfüßer. Nanotubes sind winzig kleine Röhren, die beispielsweise die Oberfläche von tiefschwarzen Schmetterlingsflügeln bilden. Die Falter der Heliconius-Familie leben in Mittel- und Südamerika und haben intensiv gefärbte Flügel: Zitronengelb-Tiefschwarz, Leuchtrot-Tiefschwarz, Knallblau-Tiefschwarz. Sie nutzen ihre Farbsignale sowohl zur innerartlichen als auch zu zwischenartlichen Kommunikation: Fressfeinden täuschen sie vor, giftig zu sein. Ein klarer Fall von Mimikry, also Signalisierung falscher biologischer Tatsachen. Und unter ihresgleichen dienen die schwarzbunten Kontraste dem Anlocken von Geschlechtspartnern. Männliche Tiere wollen in ihrer Auffälligkeit Weibchen anziehen, denn die Farbe Schwarz bringt andere Farben erst richtig zum Leuchten. Katrin Vohland: O 3 Katrin Female Choise Allgemein geht man davon aus, alles was man sieht, hat einen evolutionären Vorteil. Also Tiere, die farbig sind, sind attraktiver für Geschlechtspartner. Man spricht ja oft auch von ‚Female Choice‘. Also letztlich investieren die Weibchen mehr in der Fortpflanzung und wählen sich dann entsprechend die Tiere aus. Bei einigen von den Tieren, die tatsächlich schwarz sind, die haben oft bunte Punkte, die dann sehr attraktiv wirken und auch eine Signalwirkung haben. ATMO Paradiesvögel im Wald SPRECHERIN drüber Rekord-Halter in diesem Farbenspiel sind da sicher die Paradiesvögel, die vor allem auf der Insel Neuguinea in Austral-Asien leben. Den männlichen Tieren verleihen dunkle Pigmente und winzige Nano-Strukturen auf der Oberfläche ihrer Federn ein samtiges, superschwarzes Aussehen: Die schwarzen Federn absorbieren je nach Einfallwinkel 0,05 bis 0,31 Prozent des Lichtes. Daneben oder dazwischen wachsen dann schillernde und bunt leuchtende Federn. Der Aufwand ist zielführend: Paradiesvögel sind polygyn, das heißt, Männchen paaren sich nach Möglichkeit mit mehreren Weibchen. ATMO ENDE ATMO Fliege SPRECHERIN drüber Ganz bescheiden kommen dagegen viele schwarze Insekten daher. Fliegen zum Beispiel. Sie wollen weder auftrumpfen noch etwas vortäuschen. Sie sind aus ganz anderen Gründen schwarz: Ihr schwarzer Körper erleichtert ihnen schlicht das Überleben: A 5 weg O 4 Katrin Insekten Insekten, die ja nicht selber Energie produzieren, sondern davon abhängig sind, dass Energie von außen kommt, wärmen sich schneller auf, wenn es warm ist. Das könnte einfach ihren Wärmehaushalt und damit ihre Mobilität unterstützen. SPRECHERIN Schwarz absorbiert das komplette Lichtspektrum und nimmt dabei auch die Wärme des Lichts auf. Das bringt nicht nur Insekten, , sondern auch Tieren in kalten Regionen Vorteile. Jochen Wolf: 0 5 Jochen Eisbär drüber Der Eisbär ja, der ist ja weiß, wenn man den Eisbären aber rasieren würde, dann wäre der pechschwarz. Also die Haut des Eisbärs ist schwarz, aber die Fellfarbe ist weiß. Und das hat beim Eisbär den ganz einfachen Sinn, dass der weiße Eisbär natürlich wunderbar getarnt ist. Der muss weiß sein, wenn er auf Robbenjagd geht sonst wird er zu früh entdeckt. Andererseits dient aber die schwarze Hautfarbe dazu, dass er mit der Kälte besser klarkommt. Er kann sich einfach aufwärmen und die Haare sind auch noch besonders gestaltet, sodass sie ganz viel Licht durchlassen und auf die Haut reflektieren. SPRECHERIN Die schwarze Haut des weißen Eisbären sieht man übrigens an den unbehaarten Stellen: Nase, Schleimhäute des Mundes und Augen. ATMO Sumpf nachts SPRECHERIN drüber Auf Menschen wirken schwarze Tiere oft unheimlich. Bei schwarzen Hunden denken vor allem im englischsprachigen Raum Viele an den „Black Dog“. Ein wahrer Höllenhund also, der als Zeichen des Todes gedeutet wird. SPRECHERIN Dabei ist es im wahren Leben genau andersrum: Für viele Hunde ist es ein wahres Unglück, mit einem schwarzen Fell zur Welt zu kommen – auch heute noch. In den USA spricht man mittlerweile vom „Black Dog Syndrome“, oder vom „Big Black Dog Syndrome“, dem Syndrom großer schwarzer Hunde, die wenig Chancen auf eine Adoption haben. ATMO ENDE ATMO 8 Katze hoch SPRECHERIN drüber Schwarze Katzen dagegen setzten lange Zeit christlich geprägte Assoziationen frei, wurden mit dem Teufel und Hexen assoziiert oder schlicht als Unglücksbringer abgestempelt. Vielen brachte ihre Fellfarbe früher tatsächlich den Tod. Katrin Vohland: ATMO kurz hoch, dann weg O 6 Katrin Was man auch weiß, ist, dass man ganz schwarze Katzen früher umgebracht hat. Das heißt, die Katzen, die immer noch ein weißes Fleckchen hatten, hatten eine höhere Überlebenschance. Das heißt, hier wird gewissermaßen ein künstlicher oder ein von Menschen gemachter Selektionsdruck auf die Katzen. Deswegen findet man offenbar sehr wenig schwarze Katzen ... SPRECHERIN … also rein schwarze Katzen, ohne weißes Fleckchen. Eine Umfrage des Deutschen Tierschutzbundes in deutschen Tierheimen hat Vorurteile gegenüber schwarzen Haustieren bestätigt: Lea Schmitz: O 7 Lea länger sitzen Eine Katze, die irgendwie grau getigert ist, die wird sicherlich schneller Interessenten finden als ein schwarzes Tier. Die sind auch oft so ein bisschen unsichtbar, also die werden so’n bisschen übersehen. Und wenn da so ein gemustertes Tier, helle Farbe, ist, wirkt vielleicht irgendwie freundlicher. Die finden dann schnell ein neues Zuhause und die schwarzen Tiere bleiben definitiv oft öfter länger im Tierheim sitzen. SPRECHERIN 550 Tierheime sind dem Tierschutzbund angeschlossen. Bei der Umfrage haben 313 Einrichtungen teilgenommen. Insgesamt hat rund die Hälfte der teilnehmenden Tierheime bestätigt: Schwarze Hunde und Katzen haben es schwer, ein neues Zuhause zu finden. Viele sind so genannte „Dauersitzer“, verbringen schon ihr halbes Leben oder mehr im Heim.Gründe für die Ablehnung der Menschen sind übrigens nicht nur Angst oder Aberglaube, wie Lea Schmitz weiß: O 8 Lea Da spielt dann das Thema Ästhetik eher noch eine Rolle. Also, dass die einfach nicht so als schön empfunden werden, auch Fotogenität. Also die Leute machen ja heute viele Fotos auch von ihren Tieren, teilen die in den sozialen Medien. Und ein schwarzes Tier ist vielleicht nicht ganz so einfach zu fotografieren, weil man einfach so die Umrisse, die Mimik einfach nicht so gut wahrnimmt. SPRECHERIN ((Deswegen hat der Tierschutzbund im Oktober 2020 die Kampagne „Schwarze Tierheimtiere“ gestartet, um mit den Vorurteilen aufzuräumen. Unter anderem wurde ein Fotowettbewerb ausgeschrieben für schwarzer Tiere und eine „Top-Ten-Liste“ schwarzer Tierheimtiere im Netz publiziert, die besondere Menschen brauchen.)) Denn wenn zur schwarzen Fellfarbe andere „Vermittlungshemmnisse“ kommen, wie Kristina Berchthold vom Münchner Tierschutzverein sagt, dann wird es richtig schwierig: Tiere mit Leinenaggression oder solche, die sich mit Artgenossen nicht vertragen ... ATMO Hundegebell hoch, dann weg SPRECHERIN: Nur, warum ist das so? Ist denn was dran an dem Vorurteil, dass schwarze Tiere aggressiver sind als andere? Der Evolutionsbiologe Jochen Wolf hat sich diese Frage auch gestellt: O 9 Jochen Wolf Stresshormon-Achse Fürs Verhalten wahrscheinlich am wichtigsten ist der Zusammenhang der Melano-Genese, also der Herstellung von Melanin mit der sogenannten Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinde-Achse, HPA Achse, das wird auch Stressachse genannt und das ist einfach ein System in Wirbeltier-Organismen, was zwischen mehreren Hormondrüsen kommuniziert … SPRECHERIN … Drüsen, Hormone und Teile des Mittelhirns interagieren im Verlauf dieses Stress-Reaktions-Stoffwechselweges. Stoffwechsel findet permanent in den Zellen statt: Er ist ein biochemischer Prozess, bei dem etwas auf-, ab- oder umgebaut wird, zum Beispiel bei der Atmung, der Energiegewinnung, der Entgiftung – oder eben auch bei der Stressreaktion. Vorangetrieben und gesteuert werden diese Stoffwechselprozesse in den Zellen von Enzymen. Und Enzyme sind Eiweißverbindungen, die mach sich wie winzig kleine Maschinen vorstellen kann, die die biochemischen Prozesse im Organismus katalysieren. Der Bauplan der Enzyme ist in der genetischen Information in jeder Zelle gespeichert. Und weil Stoffwechselwege untereinander vernetzt sind, kann ein und dasselbe Enzym in unterschiedlichen, zellulären Prozessen eine Rolle spielen kann – bei Stressreaktion und bei der Pigmentierung zum Beispiel: O 10 Jochen Wolf Zusammenhang da Diese HPA Achse, wenn man sich die Stoffwechselwege anschaut, überlappt die oder steht die in Verbindung mit dem Melanom-Genese-Stoffwechselweg. Und so kann man sich schon vorstellen, dass Mutationen in diesem Bereich Auswirkungen auf beides haben, auf Farbe und auf den Hormonen-Stoffwechsel und vor allem auf den Stresshormon-Stoffwechsel. SPRECHERIN Allerdings heißt das noch nicht, dass dunkle Tiere aggressiver auf Stress reagieren. Wissenschaftler in Bielefeld untersuchen das gerade bei Mäusebussarden: O 11 Jochen Mäusebussarde drüber Die stellen Unterschiede fest im Verhalten zwischen drei Farb-Morphen, die dort vorkommen. Es gibt diese ganz hellen Mäusebussarde, so mittelbraune und ganz dunkelbraune, und die hellen Männchen sind aggressiver, genau andersherum!, gegen Attrappen von Nesträubern. Und die dunklen Männchen sind am wenigsten aggressiv. Bei Weibchen ist es genau umgekehrt. ATMO weg SPRECHERIN Farb-Verhaltens-Kombinationen bei Mäusebussarden und anderen Wildtieren gibt es offensichtlich, dennoch sollte man solche Einzelbeobachtungen vorsichtig bewerten: O 12 Jochen Zusammenhang unklar Dieser Zusammenhang, den gibt es schon irgendwie. Stressresistenz, Immun-Antwort und vielleicht auch Aggressivität sind Verhaltens- Komponenten, die denkbar sind und für die es auch einige Hinweise gibt. Aber ein ganz, ganz klares Signal auf Farbe und Verhalten gibt es meines Wissens bisher kaum. Das ist schon relativ hypothetisch. ATMO 11 Saat/Nebelkrähen SPRECHERIN Anderes Beispiel: Krähen. In Westeuropa brüten die tiefschwarzen Rabenkrähen, im Osten hellgrau-schwarze Nebelkrähen. Sie gehören zur gleichen Art, vermischen sich grundsätzlich aber nicht – nur in einem 50 bis 100 Kilometer breiten Streifen entlang der Elbe. Welche Rolle spielt die Farbe ihres Gefieders - und vielleicht auch ihr unterschiedliches Verhalten? Jochen Wolf hat dazu mit einem internationalen Forscherteam junge Raben- und Nebelkrähen untersucht: O 13 Jochen Bäume hoch Also wir klettern dann die Bäume hoch, holen die kleinen Krähen raus und haben das einmal ein Radolfzell gemacht und dann einmal noch in Schweden, in der Nähe von Stockholm. ATMO hoch SPRECHERIN drüber, dann weg Die Krähen wurden in Volieren direkt miteinander konfrontiert: O 14 Jochen Schwarze und graue miteinander Schwarze untereinander, graue untereinander, ab einem bestimmten Zeitpunkt haben wir dann eine graue mit einer schwarzen jeweils immer wieder zusammengesetzt und geschaut, ob die sich ob es da konsistente Verhaltens-Unterschiede in der Interaktion gibt. SPRECHERIN Und? Waren die schwarzen pfiffiger oder aggressiver? Wie haben sie denn reagiert? ATMO ENDE O 15 Jochen Nö Nö, mei, wie so’ne Krähe halt reagiert, ja, krähen ab und zu, setzen sich nebeneinander, verscheuchen sich … Aber Krähen sind ja wahnsinnig sozial, bis eben auf die Fortpflanzungszeit, da werden sie territorial. Aber sonst, erst mal abtasten, es stellt sich sehr schnell ne Dominanz-Hierarchie raus, die aber eben nicht an der Farbe hing. Und gar nicht mal die Körpergröße, das sind wirklich … die haben wahnsinnig unterschiedliche Persönlichkeiten. SPRECHERIN Also: die Federfarbe macht keinen Unterschied. Bleibt die Frage, warum es im gesamten Verbreitungsgebiet Europa nicht mehr gemischte Paare gibt, warum sie sich nur entlang der Elbe vermischen. O 16 Jochen Wir haben das genomisch untersucht, haben da von ganz, ganz vielen Individuen das gesamte Erbgut sequenziert und stellen fest, dass die sich tatsächlich im Grunde nur in zwei, drei Bereichen unterscheiden, die alle mit der Farbgebung zusammenhängen. SPRECHERIN Also dieselbe Krähenart, in der es Tiere mit hellerem und mit dunklerem Gefieder gibt. Eine scheinbar unwichtige Farbmutation, die den Tieren doch wichtig zu sein scheint, denn die allermeisten schwarzen Saatkrähen ziehen schwarze Partner vor und graue wählen graue. Ihr Auswahlkriterium ist nicht, wie bei den Paradiesvögeln zum Beispiel, ästhetischer Natur ... O 17 Jochen … aber es scheint schon so zu sein, dass die durch Imprinting, das haben ja Vögel, ganz früh durch Prägung für später für die Partnerwahl auf ihre Eltern geprägt werden. Und dann wählt man eben nicht die Falschen. SPRECHERIN Das heißt: Junge Krähen aus gemischten „Ehen“ im Gebiet der Elbe haben nichts gegen Partner mit anderer Federfärbung, die Krähen außerhalb finden es schon wichtig, dass ihre Partner so aussehen wie sie und ihre Eltern: Entweder schwarz (im Westen) oder grau (im Osten Europas). ATMO Krähe hoch, dann weg SPRECHERIN Vielleicht liegt es auch bei anderen Tieren an der Prägung, dass andersartige Artgenossen ausgestoßen werden. MUSIK privat Take 005 „Castle Leoch“; Album: Outlander; Label: Madison Gate Records – 043396406490; Interpret: Bear McCreary; Komponist: Bear McCreary; ZEIT: 01:08 & ATMO Schaf kurz hoch Schwarze Schafe zum Beispiel. Ihnen kann die Farbmutation tatsächlich Pech bringen, allerdings nicht wegen ihrer dunklen Erscheinung. In Schottland gibt es immer weniger schwarze Schafe, von der alten Soay-Rasse zumindest (sprich: So-i). Forscher der Universität Sheffield haben festgestellt, dass das Gen für dunkle Wolle mit nachteiligen Eigenschaften gekoppelt ist. Eigentlich müssten die schwarzen Schafe gemäß der Evolutionstheorie ihre helleren Geschwister verdrängen. Denn schwarze Schafe sind bei dieser Rasse größer und schwerer, also besser angepasst als die weißen. Aber dunkle Soay-Schafe leben kürzer und pflanzen sich weniger erfolgreich fort. Die natürliche Auslese hat also nicht primär etwas mit der dunklen Fellfarbe zu tun, sondern mit versteckten Eigenschaften, die an das Farbgen gekoppelt sind: Bei den schottischen Schafen die kürzere Lebensdauer und die weniger erfolgreiche Fortpflanzung. MUSIK ENDE ATMO 12 Schaf SPRECHERIN Kommunikation, Tarnung, Wärmehaushalt oder auch genetische Laune: Es gibt viele Gründe für ein schwarzes Fell oder Federkleid, für schwarze Schuppen oder eine schwarze Haut. Tiefseefische und Fliegen, Paradiesvögel, Gabun-Vipern, Katzen, Hunde, Saatkrähen, Soay-Schafe … außer ihrer Farbe haben sie nicht viel gemein. Auf uns Menschen wirken dunkle Tiere eher beunruhigend. Dabei haben sie doch nur eins im Sinn: Das eigene Überleben sichern. GERÄUSCH RABE ATMO ENDE

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