Deportation und Exil - Eine polnische Odyssee im Zweiten Weltkrieg
26.02.2024 · 53 Min.
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Im Zweiten Weltkrieg suchten zehntausende Polinnen und Polen Schutz in Kenia, Tansania, Uganda und Südafrika. Sie hatten eine lange Flucht hinter sich, auf der viele Mitflüchtende gestorben waren. Autorin: Julia Devlin (BR 2017)
Credits
Autorin dieser Folge: Julia Devlin
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Christian Baumann, Katja Amberger, Caroline Ebner, Stefan Merki
Technik: Ursula Kirstein
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview:
Dr. Tobias Grill, LMU München
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- Die Schutzheilige des Jazz - Pannonica de Koenigswarter
27.02.2024 · 22 Min.
Die Jazz-Baroness - ein Leben für die Musik. Pannonica de Koenigswarter war eine wichtige Mentorin und Schutzpatronin für zahlreiche Jazz-Musiker der 1950er und 1960er Jahre. Für ihre Leidenschaft brach sie, eine geborene Rothschild, mit allen Konventionen. Autor: Georg Gruber Credits Autor dieser Folge: Georg Gruber Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Katja Bürkle, Johannes Hitzelberger, Julia Cortis, Gudrun Skupin Technik: Roland Böhm Redaktion: Nicole Ruchlak Literaturtipps: Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness. Das Leben der Nica Rothschild, Berlin Verlag 2013. David Kastin, Nica’s Dream: The Life and Legend of the Jazz Baroness, Norton & Company 2011. Pannonica de Koenigswarter, Die Jazzmusiker und ihre drei Wünsche, Reclam Verlag 2007. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik 1: „Pannonica“ / Monk, aus Film „Straight no chaser“ Thelonious Monk: Hi everybody! I would like to play a little tune, I composed not so long ago, entitled “Panonnica”. Zitator OV: Ich möchte jetzt ein Stück spielen, das ich vor kurzem erst komponiert habe, mit dem Titel: „Pannonica“. Benannt nach dieser wunderschönen Lady hier. TM: It was named after this beautiful lady here. I think her father gave her that name, after a butterfly, Zitator OV: Ich glaube, ihr Vater gab ihr den Namen nach einem Schmetterling, den er fangen wollte – was ihm, glaube ich, nicht gelang. TM: that he tried to catch. I don’t think he caught the butterfly. Erzählerin Der Pianist Thelonious Monk ist einer der Väter des Bebop, ein brillanter Musiker - und ein Exzentriker. Panonnica de Koenigswarter stammt aus einem wohlhabenden britischen Elternhaus und ist eine geborene Rothschild. Und für sie ist Monk ein Genie. Musik / Pannonica hoch Erzählerin Zwei Welten treffen hier aufeinander, die Welt des Jazz und die des alten Europa. Für ihre Liebe zum Jazz bricht die Baroness in den 1950er Jahren mit allen Konventionen, auch mit ihrer Familie. In ihrer Suite in einem New Yorker Nobelhotel treffen sich die wichtigsten Jazzmusiker jener Zeit zu gemeinsamen Jam-Sessions. Sie ist Schutzpatronin, Förderin und Mäzenin vieler Jazz-Musiker jener Zeit. Musik 2: Etude-Caprice für Violine und Klavier Erzählerin Geboren wurde Kathleen Annie Pannonica am 10. Dezember 1913 in einem Londoner Stadthaus der Familie Rothschild. Ihr Vater Charles ist Bankier, doch seine wahre Leidenschaft gilt der Natur, besonders den Insekten. Schon in seiner Jugendzeit hatte er begonnen, Schmetterlinge zu fangen und zu archivieren. In seiner Sammlung befindet sich auch ein auf den ersten Blick unscheinbarer Nachtfalter, den er in Ungarn entdeckt hatte. Sein Name: Pannonica. Erst wenn er die Flügel öffnet, sind seine zitronengelben Flächen zu sehen. Ein passender Name, so als hätte der Vater schon bei Geburt seiner Tochter gewusst, dass sie besonders nachts aktiv ist und sich erst dann zu ganzer Schönheit entfaltet. Musik hoch Erzählerin Nica und ihre drei Geschwister verbringen die meiste Zeit ihrer Kindheit auf den herrschaftlichen Landsitzen, Tag und Nacht sind sie dabei umgeben von einer Heerschar von Kinderfrauen, Hauslehrern, Dienern, Chauffeuren, Gärtnern und Stallburschen. Die Mädchen werden von Privatlehrern unterrichtet, ihr Bruder Victor geht auf ein Internat. Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness. Das Leben der Nica Rothschild, Berlin Verlag 2013, S. 51 „Zu Mittag aßen die Mädchen im Kinderzimmer und durften erst im Alter von sechzehn Jahren das Abendessen gemeinsam mit den Eltern einnehmen.“ Erzählerin Schreibt Hannah Rothschild in ihrer Biografie „Die Jazz Baroness. Das Leben der Nica Rothschild“ über den Tagesablauf, der einer strengen Routine folgt. Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 51 „Jeden Morgen zu genau der gleichen Zeit wurden die Kinder zu einem Spaziergang durch den Park geführt. Rennen und Versteck spielen waren verboten, damit die Kinder nicht ihre weißen Kleider schmutzig machten oder sich verliefen.“ Musik 3: Blumine. Polka Erzählerin Die Rothschilds sind damals überaus wohlhabend und Teil der besseren Gesellschaft. Sie veranstalten prächtige Feste, Bälle, Mittag- und Abendessen für mehrere Hundert geladene Gäste, darunter Politiker, wie Winston Churchill, Wissenschaftler, Künstler und Könige, sogar die Königin Viktoria und der Schah von Persien sind zu Gast. Auch Albert Einstein soll zu Besuch gewesen sein und die Kinder mit Zauberkunststücken unterhalten haben. Doch es ist keine ungetrübte Kindheit: Nicas Vater leidet an Depressionen, woran auch lange Kuraufenthalte nichts ändern können, immer wieder zieht er sich zurück, ist nicht ansprechbar. Die Eltern verbringen viel Zeit in London, während die Kinder auf dem Lande bleiben. Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 60 „Wenn Nica später sagte: „Meine einzigen Freunde waren Pferde“, so war das die Wahrheit. Ihre Kindheit war materieller Luxus in Verbindung mit seelischer Vernachlässigung. Eine Rothschild-Cousine, die Nica als Kind kannte, sagte, dass sie immer wilder wurde. Wenn es einen besonders hohen Baum zu erklettern galt, tat es Nica; war ein besonders hoher Zaun zu überspringen, lenkte Nica unweigerlich ihr Pferd in dessen Richtung.“ Erzählerin 1923 nimmt sich der Vater das Leben. Nica und ihre Schwestern sind mit ihrer Trauer alleine, eine prägende Erfahrung, denn sie haben niemanden, dem sie ihren Kummer mitteilen können, wie Hannah Rothschild schreibt. Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 98 „Nica fand schon in früher Jugend heraus, dass die Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse und der natürlichen Vitalität zu schrecklichen Formen der Selbstzerstörung führt. Das war einer der Gründe, warum sie als Erwachsene später unter keinen Umständen in einem Leben gefangen sein wollte, das sie unglücklich machte.“ Musik 4: Strawinsky „ Sonate für 2 Klaviere“ 3. Satz - SC011520 010 – 1:03 Min Erzählerin Mit 16 Jahren entkommt Nica zum ersten Mal der abgeschotteten Enge der herrschaftlichen Landsitze, als sie mit ihrer älteren Schwester auf ein Internat in Paris geschickt wird. Danach reisen die beiden ein Jahr lang durch Europa, begleitet von einer Gouvernante, einem Chauffeur und einem Dienstmädchen. In dieser Zeit besucht Nica auch für kurze Zeit die Kunstakademie in München. Zurück in London tanzt sie auf Debütantinnenbällen, lernt von ihrem Bruder Autofahren und stürzt sich ins vornehme Nachtleben. Mit 21 Jahren bringt ihr ein befreundeter Musiker sogar das Fliegen bei. Im Sommer 1935 lernt sie den zehn Jahre älteren Baron Jules de Koenigswarter kennen, auch er ein begeisterter Flieger. Ein paar Monate später heiraten sie in New York, worüber sogar die New York Times berichtet: Sprecher, Zitat aus New York Times „Miss Rothchild Marries Here“ Erzählerin Danach begibt sich das frischvermählte Brautpaar auf Weltreise, inklusive einer Bruchlandung mit dem Flugzeug in der Wüste Gobi. Seit der Hochzeit hat Nica auch selbst ein Flugzeug, ein Geschenk ihres Bruders Victor. Das Paar zieht nach Frankreich, in ein Schloss in der Normandie, palastartig und weitläufig, umgeben von 80 Hektar künstlich angelegter Landschaft, mit Wäldchen und Fahrwegen. Doch das herrschaftliche Leben hat mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges ein Ende. Jules meldet sich beim französischen Militär, Nica bleibt auf dem Schloss. Und flieht im letzten Moment mit ihren Kindern vor den einmarschierenden deutschen Truppen zuerst nach England, dann in die USA, wo sie von der Familie Guggenheim aufgenommen werden. Musik 5: Hindemith: Sonate für Violoncello solo Erzählerin Doch Nica hält es nicht lange in den USA. Sie kehrt zurück nach Europa und schließt sich den Freien Französischen Streitkräften an, die an verschiedenen Fronten gegen Deutschland kämpfen. Die Baroness schlägt sich auf eigene Faust zu ihrem Mann durch, der in Afrika stationiert ist. Sie wird als Übersetzerin, Entschlüsslerin, Rundfunksprecherin und Fahrerin eingesetzt - und soll sogar selbst Lancasterbomber geflogen haben. Nach Kriegsende werden beide, Jules und Nica, für ihre Verdienste um die Befreiung Frankreichs ausgezeichnet. Aber der Krieg hat das alte Europa zerstört, auch vom Landsitz in der Normandie ist nicht mehr viel übrig. Das herrschaftliche Leben und seine vorgegebenen Regeln sind Vergangenheit. Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz-Baroness, S. 163 „Für Nica war der Krieg ein persönlicher Wendepunkt“ Erzählerin Glaubt Hannah Rothschild, ihre Biographin. Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz-Baroness, S. 163 „Mit zweiunddreissig Jahren war sie endlich frei und hatte ein anderes Leben kennengelernt.“ Musik 6: Duke Ellington, Black, Brown and Beige Erzählerin Ihr Interesse für Musik beginnt schon in der Kindheit. Ihr Bruder Victor nimmt Klavierunterricht bei Teddy Wilson, einem der wichtigsten Jazz-Pianisten der 30er und 40er Jahre – und Nica lässt sich von seiner Jazzbegeisterung anstecken. Und dann passiert es: Sie hört zwei Stücke und ihr Leben wird nicht mehr sein wie davor. Musik hoch Erzählerin Das eine ist Duke Ellingtons Sinfonie „Black, Brown and Beige“, die 1943 in New York uraufgeführt wird. Nica hört eine Plattenaufnahme in Mexiko, wo sie zu jener Zeit lebt, weil ihr Mann dort nach dem Zweiten Weltkrieg als Diplomat arbeitet. Zitatorin 1, Pannonica de Koenigswarter, nach Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 177 „Ich empfing die Botschaft, dass ich dort hingehörte, wo diese Musik gemacht wurde.“ Erzählerin Erinnert sich Nica später an diesen Moment. Zitatorin 1, Pannonica de Koenigswarter, nach Hannah Rothschild, Jazz Baroness, S. 177 „Da war etwas, was ich einfach tun musste. In irgendeiner Form musste ich daran teilhaben. Das war eine vollkommen unmissverständliche Botschaft. Wenig später packte ich meine Koffer. Es war eine echte Berufung. Sehr seltsam.“ Musik 7: Thelonious Monk: „Round Midnight“ Erzählerin 1948 oder 49 reist Nica nach New York. Dort besucht sie, schon auf dem Rückweg zum Flughafen Teddy Wilson, jenen Jazzmusiker, der Klavierlehrer ihres Bruders gewesen war. Er fragt sie, ob sie schon „Round Midnight“ gehört habe, die erste Platte eines jungen Pianisten, sein Name: Thelonious Monk. Zitatorin 1, Pannonica de Koenigswarter, nach Hannah Rothschild, Die Jazz-Baroness, S. 177 „Ich mochte meinen Ohren nicht trauen. Ich hatte noch nie etwas Ähnliches gehört. Ich muss das Stück zwanzigmal hintereinander abgespielt haben. Verpasste meinen Flieger.“ Erzählerin Der endgültige Wendepunkt in ihrem Leben. Sie beschließt, nach New York zu ziehen – und sie beschließt, dass sie jenen Ausnahmemusiker unbedingt kennen lernen muss. Von ihrem Mann hatte sie sich zu diesem Zeitpunkt schon länger entfremdet. Zitatorin 1, Pannonica de Koenigswarter, nach Hannah Rothschild, Die Jazz-Baroness, S 166 „Unsere Ehe ist gescheitert (…) weil mein Mann Marschmusik mochte und meine Schallplatten zerbrach, wenn ich zu spät zum Dinner kam. Und ich kam oft zu spät zum Dinner.“ Erzählerin Ihre Tochter Janka, ein Teenager, geht mit ihr, sie beziehen eine großzügige Suite im vornehmen Stanhope Hotel am Rand des Central Park, mitten in der Stadt. Die anderen vier Kinder bleiben beim Vater - Nica ist bereit, sehr viel aufzugeben, um ihren Traum zu leben. Musik 8: „Bloomdido“ Erzählerin New York ist in den 40er und 50er Jahren die Jazzmetropole, hier treffen sich die kreativsten und innovativsten Musiker. Thelonious Monk gehört damals neben dem Saxophonisten Charlie Parker und dem Trompeter Dizzy Gillespie zu den wichtigen Erneuerern des Jazz. Doch als Nica nach New York zieht, hat Monk ein Auftrittsverbot in der Stadt, wegen eines Drogendelikts. Deswegen lernt sie ihn erst 1954 in Paris kennen, nach einem Konzert, für das sie extra nach Frankreich reist. Sie mögen sich von Anfang an, so erzählt es Nica später. Musik 9: Monk’s Point, Thelonious Monk, von der CD Solo Monk Erzählerin Die beiden haben bis zu seinem Tod 1982 eine sehr enge und besondere Beziehung. Sie sind kein Liebespaar, sondern Freunde, auch Monks Frau Nellie sieht in ihr keine Rivalin, so erzählt es zumindest Monks Sohn Toot: Zitator Toot Monk, nach Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S 221 “Ich weiß nicht, ob sie darüber gesprochen haben oder nicht, aber sie beschlossen für ihn zu sorgen. Sie teilten sich die Aufgabe.“ Erzählerin Thelonious Monk leidet an Stimmungsschwankungen und an Depressionen. Nimmt Drogen und Alkohol. Immer wieder ist er im Laufe seines Lebens zur Behandlung im Krankenhaus oder in der Psychiatrie und bekommt Medikamente. Nellie und Nica kümmern sich gemeinsam um ihn, um seinen Alltag, um seine Ernährung, begleiten ihn auch auf seinen Tourneen. Zitator Toot Monk, nach Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 221 “Seit ich acht oder neun war, hatte ich eine Familie, die aus mir, meiner Mutter, meinem Vater, meiner Schwester und Nica bestand.“ Erzählerin Nica hilft Monk auch, seine „Cabaret Card“ wieder zu bekommen, die er braucht, um in New York auftreten zu können. Und sie unterstützt den Pianisten finanziell, denn von der Musik kann Monk seine Familie lange nicht ernähren. Als seine Wohnung abbrennt, nimmt sie sogar die ganze Familie vorübergehend bei sich auf. Doch Monk und Pannonica, der Exzentriker und die vornehme Dame aus der besseren Gesellschaft, verbindet weit mehr als ihr Geld. 2. O-Ton aus Kalenderblatt, DLF, 10.12.2013, Jazzmäzenin Pannonica de Koenigswarter geboren, Autor: Karl Lippegaus Englisch (T. Monk nicht genau zu verstehen) Overvoice (schon vorhanden): „Sie ist eine Rothschild. Ja, ihre Familie hat den englischen König mit Kohle versorgt, damit er Napoleon schlagen konnte. Ich sage allen wer Du bist! Ich bin stolz auf Dich.“ Monk: “She is a billionair” Erzählerin Für Monk sei es entscheidend gewesen, dass sie seine Musik liebte, sagt sein Sohn: Zitator Toot Monk, nach Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 224 “Nica war da, als die Kritiker seine Musik nicht verstanden und als die Hälfte der Musiker sie nicht verstanden. Aber sie verstand sie, und das war sehr wichtig für ihn. Deshalb liebte er sie.“ Musik 10: Monk: „Ba-lue Bolivar Ba-lues“ Erzählerin In New York taucht Nica in das Nachtleben ein, besucht jeden Abend die angesagten Jazz-Clubs der Stadt. Zitatorin 2 Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S 195 „Während der nächsten 30 Jahre veränderte sich Nicas Lebensweise kaum.“ Erzählerin Schreibt ihre Biografin Hannah Rothschild. Zitatorin 2, Hannah Rothschild, Jazz Baroness, S 195 „Sie hörte den Jazz nicht, sie lebte ihn. Sie stand erst auf, wenn es dunkel wurde. Sie ignorierte das Tageslicht, behandelte es mit äußerster Verachtung. Wie die Motte, nach der sie benannt worden war, erwachte sie erst in der Dämmerung zum Leben.“ Erzählerin Ihre Suite im Stanhope Hotel wird zum Treffpunkt der Jazzszene, nach den Konzerten in den Clubs geht es dort weiter bis in die frühen Morgenstunden. Zum wachsenden Missfallen der Geschäftsführung. Im März 1955 gerät die Jazz-Baroness dann ungewollt in die Schlagzeilen. Zitator Daily Mirror „Bop King Dies in Heiress‘ Flat“ - König des Bebop stirbt in Appartement von reicher Erbin Erzählerin Charlie Parker hatte bei ihr Zuflucht gesucht, körperlich am Ende, ausgezehrt von Drogen und Alkohol. Der Saxophonist war auf der Suche nach einem Ort, um sich auszuruhen. Und stirbt vor dem Fernseher in ihrer Suite. Ein tragischer Tod, der ihrem Ruf schadet und für Entsetzen nicht nur bei der Familie in Europa sorgt, sondern auch bei der Geschäftsleitung des Hotels. Pannonica de Koenigswarter in einem ihrer seltenen Interviews: 3. O-Ton Pannonica de Koenigswarter, aus Zeitzeichen, WDR, 17. Februar 1982 – Todestag des Jazzmusikers Thelonious Monk, Autor: Niklas Rudoph Pannonica: I have been living in the Stanhope Overvoice (schon vorhanden): „Ich habe in einem Hotel gelebt, aber als Charlie Parker dort gestorben war, haben sie mich rausgeschmissen. Also bin ich an den Boulevard gezogen, wo ich mir ein Klavier zugelegt habe. Das war der Punkt, an dem Thelonious und die anderen Musiker ständig bei mir waren und großartige Jam-Sessions spielten. Bis acht Uhr morgens.“ Pannonica: Til eight or nine the next morning MUSIK 11: “Nutty” von Thelonious Monk Erzählerin Über den damals alltäglichen Rassismus setzt sie sich hinweg. Manche Jazzmusiker begegnen ihr anfangs mit Skepsis. Auch der Lyriker, Autor und Aktivist Amiri Baraka äußert sich kritisch: Zitator Amiri Baraka, nach Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S 279 „Sie war eine wohlhabende Dilettantin, ein Groupie. Das Freundlichste, was ich über sie sagen kann, ist: Sie war eine Frau, die das nötige Kleingeld hatte, um dort zu sein, wo sie sein wollte, und das zu tun, was sie tun wollte.“ Musik 12: Art Blakey: „Weehawken mad pad“ Erzählerin Doch für viele Musiker, die oft in prekären Verhältnissen leben, ist sie der unerwartet auftauchende gute Engel: Sie zahlt dem einen die Miete, als er knapp bei Kasse ist, füllt einem anderen den Kühlschrank, als er krank ist, und holt für einen Dritten sein Instrument aus dem Pfandhaus. Sie übernimmt sogar die Kosten für würdige Begräbnisse. Geld spielt für sie keine Rolle. Monk kauft sie einen Buick, sein erstes Auto überhaupt, dem Schlagzeuger Art Blakey einen Cadillac und Anzüge für die Musiker seiner Band. Und sie versucht sich sogar kurzzeitig als seine Managerin. Musik hoch Erzählerin Nica selbst malt und fotografiert, macht Aufnahmen von den wichtigsten Jazzmusikern jener Zeit, die bei ihr ein und ausgehen. Aufnahmen, die sie als Buch veröffentlichen möchte, zusammen mit den Antworten der Musiker auf die Frage, was sie sich wünschen würden, wenn sie drei Wünsche frei hätten. Ein Plan, den erst ihre Nichte Nadine de Koenigswarter umsetzen kann, Jahre nach Nicas Tod. MUSIK hoch ERZÄHLERIN Nica kauft sich sogar ein Tonbandgerät, um Konzerte und Jam-Sessions zu dokumentieren. Die Fotos, die die Jazz Baroness macht, zeigen die große Nähe zwischen ihr und den Musikern. Um keinen Ärger mehr in Luxushotels zu haben, kauft sie sich schließlich ein Haus, das sich der Filmregisseur Josef von Sternberg zehn Jahre zuvor hatte bauen lassen. Ein kreativer Ort für sie und ihre Musikerfreunde, zum Ausruhen, Üben, Jammen – und Tischtennis-Spielen. Thelonious Monk tauft es „Catsville“ und später „Cathouse“. „Cats“ so nennen sich damals Jazz-Musiker gegenseitig, der Name passt aber auch wegen der großen Anzahl von Katzen, die dort mit Nica leben und sich stetig vermehren, über 120 sollen es gewesen sein. Musik 13: Thelonica, Tommy Flanagan (Piano Solo) Erzählerin Anfang der 70er Jahre nimmt sie Thelonious Monk, der sich aus der Öffentlichkeit zurückzieht, ganz bei sich im Cathouse auf – in Sorge um seine körperliche und psychische Gesundheit. Er hat dort ein eigenes Zimmer und seine Frau Nellie kommt ihn fast täglich besuchen. Es gibt Tage, an denen er überhaupt nicht spricht und auch an den Flügel setzt er sich nur noch selten. 1982 stirbt er mit 64 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. 1986 erinnert Nica in einem Zeitungsartikel an ihren langjährigen Freund und schreibt dabei indirekt auch über sich selbst: Thelonious Monk habe Lebenswege verändern und wunderbarerweise nach allen Seiten hin öffnen können. Und er habe, so schreibt sie, die Kraft gehabt, dich ins Herz der Unendlichkeit der Musik hineinzuversetzen. Musik 14 „Round Midnight“, Thelonious Monk Erzählerin Pannonica de Koenigswarter, die Jazz Baroness, stirbt am 30. November 1988 in New York in einem Krankenhaus an Herzversagen, wenige Tage vor ihrem 75. Geburtstag. Ihr letzter Wunsch: Ihre Asche solle in der Nähe ihres Hauses gegen Mitternacht – also Round Midnight - in den Hudson River gestreut werden. Musik aus.
- Schwarz, schwärzer am schwärzesten - Die Farbe Schwarz im Tierreich
22.02.2024 · 23 Min.
Es gibt ultraschwarze Fische, schwarze Panter und Raben, auch Hunde und Katzen können pechschwarz sein. Tarnung in der Tiefsee oder in der Nacht, aber auch eine Genmutation, Alterserscheinung, Stress oder Mangelernährung können hinter dem Melanismus, der Schwarzfärbung bei Tieren stecken. Autorin: Brigitte Kramer (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer Regie: Frank Halbach Es sprachen: Ditte Ferrigan, Frank Manhold Technik: Robin Auld Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Lea Schmitz, Sprecherin Deutscher Tierschutzbund, Bonn; Jochen Wolf, Evolutionsbiologe, LMU München; Katrin Vohland, Biologin, Naturhistorisches Museum, Wien. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik Z9500650 102 „On Thin Ice“; Zeit: 00:36 O 1 Jochen Funktion Farbe DRÜBER Das ist einerseits die Tarnung. Der Organismus hat damit die Möglichkeit, sich seinem Umfeld anzupassen. Sich zu verstecken. Geräusch Rabe Dann dient die Farbe als innerartliches und auch zwischenartliches Signal ist es wichtig für die Kommunikation, ATMO weg … hat aber auch physiologische Relevanz, da es die Thermo-Regulationen beeinflussen kann. Und im Fall von Melanin bietet es auch Schutz vor Strahlung. Weil Melanine eben UV-Strahlung gut abfangen können. SPRECHERIN … sagt der Evolutionsbiologe Jochen Wolf von der Ludwigs-Maximilians-Universität in München. MUSIK ENDE Je mehr Melanine, also Pigmente, Haut, Federn oder Haare haben, desto dunkler sind sie. Eumelanin (sprich: Oi-Melanin) ist für die Farbe Schwarz zuständig. Melanine sind stammesgeschichtlich uralt, es gab also schon schwarze oder sehr dunkle Dinosaurier, wie über 300 Millionen Jahre alte Fossilien zeigen. Die Farbe Schwarz spielt im Tierreich eine wichtige Rolle, bei Insekten gleichermaßen wie bei in Wirbeltieren. ATMO nachts SPRECHERIN drüber Bei nachtaktiven Tieren beispielsweise. Sie wollen entweder beim Jagen erfolgreich sein oder selber nicht gefressen werden: Viele Würmer, Schnecken, Gliedertiere und Säugetiere sind sehr dunkel, schwarz oder zumindest unauffällig gefärbt. ATMO weg SPRECHERIN Doch bei einigen Tieren entstehen dunkles Fell, Federn oder Haut auch aus einer genetischen Laune heraus: ‚Schwärzlinge‘ sind Tiere, die in ihrer Farbe durch übermäßige Pigmentierung mit Melaninen von der Norm abweichen. Schwarze Panther zum Beispiel, aber auch Pferde, Katzen, Mäuse, Kreuzottern, Meerschweinchen oder Finken … Und: Tiere können vorübergehend schwarz werden, als Reaktion auf Stress, weil sie altern, wie manche Schildkrötenarten zum Beispiel, bei Mangelernährung oder bei Lichtmangel – oder weil sich die Umweltbedingungen verändert haben. Ein Beispiel für den so genannten Industrie-Melanismus sind die Birkenspanner von Manchester, Nachtfalter, die sich eigentlich mit ihren hell-grau-gemusterten Flügeln perfekt an die Stämme der Birken angepasst hatten. Bis im 19. Jahrhundert die Schornsteine begannen, Ruß in die Luft zu pusten und sich die Birkenstämme schwarz färbten. Jochen Wolf: O 1a Jochen Birkenspanner Und 1848 hat man die erste schwarze Morphe des Birkenspanners in Manchester entdeckt und bereits weniger als 50 Jahre später, 1895, waren 98 Prozent der Population schwarz. Und diese schwarze Mutation wurde durch Selektion verändert. Und dann aber in den 1970er Jahren, als dann Rußfilter eingeführt wurden und die Birken so langsam wieder ihren Ursprungszustand angenommen haben, wurden die Populationen wieder weiß. Und das ging innerhalb von 20 Jahren. SPRECHERIN `Durch Selektion verändert´ heißt im Klartext: Die hell-gemusterten Falter fielen auf den rußigen Birkenstämmen derart auf, dass sie sofort gefressen wurden. Die dunklen überlebten und trugen ihr Erbgut und mit ihm ihre Melanine weiter. MUSIK C1044980 009 „Deep“; ZEIT: 01:37 & ATMO Unter Wasser SPRECHERIN drüber Auch Tiere in dunklen Lebensräumen sind schwarz – die Fische der Tiefsee zum Beispiel. Forscher haben im Golf von Mexiko entdeckt, dass es mindestens 16 Fischarten gibt, die mehr als 99,5 Prozent des Lichtes, das sie trifft, absorbieren. Sie leben in einer Tiefe von 1.500 Metern in ewiger Dunkelheit. Doch das Licht, das ihre Haut schluckt, ist kein Tageslicht, sondern stammt von Leuchtorganen anderer Fische. Die senden Lichtsignale aus, um mögliche Beutetiere aufzuspüren. Die „ultraschwarzen“ Fische aber bleiben unentdeckt. Das heißt, wenn das Licht eines Raubfisches auf sie fällt, ist da einfach nichts zu erkennen. Den ‚Tarnungs-Rekord‘ leistet der kleine, schuppenlose Laternenfisch der Gattung Oneirodes: Seine Haut wirft weniger als 0,04 Prozent des Lichtes zurück, dank einer sehr dünnen, aber sehr dicht mit Pigmenten bestückten Schicht unter der Hautoberfläche. Beinahe lückenlos sind hier die so genannten Melanosomen, die Pigmentkörperchen in den Zellen, verteilt. Sie geben dem Oneirodes-Fisch seine ultraschwarze Erscheinung: Er ist so dunkel, dass kein Körper und kaum ein Umriss erkennbar sind, wenn ein Lichtstrahl auf ihn fällt. Der kleine Fisch wirkt einfach wie ein schwarzes Loch. Bei vielen anderen, dunkel pigmentierten Fischen sind die Pigmentzellen in der Haut durch Kollagen und andere Zellen voneinander getrennt, deswegen sind sie nicht so tiefschwarz. MUSIK ENDE ATMO Gabun-Viper SPRECHERIN drüber In Kombination mit anderen Farben dient die Farbe Schwarz oft auch als kontrastierendes Element, das das mehrfarbige Federkleid oder die gescheckte Haut noch attraktiver macht – oder sie noch besser tarnt. MUSIK privat Take 001 „March oft he Shadow“; Album: Best African Music; Label: Goldensong – None; Interpret: Arnaud Gauthier; Komponist: Arnaud Gauthier; ZEIT: 00:28 SPRECHERIN drüber Die Westafrikanische Gabun-Viper setzt die Farbe Schwarz äußerst geschickt ein: Sie ist eine sehr große, schwere Giftschlange und lebt auf dem Waldboden. Um dort nicht aufzufallen, hat sie eine scheckige, teils geometrische Färbung aus tiefschwarzen und hell-bräunlichen Stellen. Das macht sie im Laub nahezu unsichtbar, ja löst ihre Konturen auf, denn das Schwarz wirkt auch hier nicht wie ein Körper, sondern eher wie eine Lücke. MUSIK ENDE SPRECHERIN drüber Bei der Gabun-Viper sorgen nicht nur Pigmente, sondern Mikro- und Nano-Strukturen ihrer Schuppen dafür, dass auftreffendes Licht fast vollständig absorbiert wird. Tiefes Schwarz entsteht in unserer Wahrnehmung also nicht nur durch dunkle Färbung, sondern auch durch Oberflächenstruktur von Schuppen, Federn oder Panzern. Katrin Vohland (sprich: Foland) vom Naturhistorischen Museum in Wien: 0 2 Katrin Nanotubes Und dann hat man festgestellt, dass es auch Nanostrukturen gibt im Tierreich zum Beispiel bei dem Paradiesvogel, aber zum Teil auch bei Spinnen, die das Licht so oft reflektieren und brechen, dass eben davon überhaupt nichts mehr übrigbleibt. Oder auch bei Schmetterlingen hat man das gefunden. Die sind so schwarz wie dieser Tiefseefisch, also sind auch ultraschwarz. Also das sind so kleine Nanotubes aus Chitin. Und das ist auch noch mal ein anderer Mechanismus, als wenn man ein schwarzes Pigment im Fell hat. SPRECHERIN Chitin ist ein Bestandteil des Außenskeletts vieler Gliederfüßer. Nanotubes sind winzig kleine Röhren, die beispielsweise die Oberfläche von tiefschwarzen Schmetterlingsflügeln bilden. Die Falter der Heliconius-Familie leben in Mittel- und Südamerika und haben intensiv gefärbte Flügel: Zitronengelb-Tiefschwarz, Leuchtrot-Tiefschwarz, Knallblau-Tiefschwarz. Sie nutzen ihre Farbsignale sowohl zur innerartlichen als auch zu zwischenartlichen Kommunikation: Fressfeinden täuschen sie vor, giftig zu sein. Ein klarer Fall von Mimikry, also Signalisierung falscher biologischer Tatsachen. Und unter ihresgleichen dienen die schwarzbunten Kontraste dem Anlocken von Geschlechtspartnern. Männliche Tiere wollen in ihrer Auffälligkeit Weibchen anziehen, denn die Farbe Schwarz bringt andere Farben erst richtig zum Leuchten. Katrin Vohland: O 3 Katrin Female Choise Allgemein geht man davon aus, alles was man sieht, hat einen evolutionären Vorteil. Also Tiere, die farbig sind, sind attraktiver für Geschlechtspartner. Man spricht ja oft auch von ‚Female Choice‘. Also letztlich investieren die Weibchen mehr in der Fortpflanzung und wählen sich dann entsprechend die Tiere aus. Bei einigen von den Tieren, die tatsächlich schwarz sind, die haben oft bunte Punkte, die dann sehr attraktiv wirken und auch eine Signalwirkung haben. ATMO Paradiesvögel im Wald SPRECHERIN drüber Rekord-Halter in diesem Farbenspiel sind da sicher die Paradiesvögel, die vor allem auf der Insel Neuguinea in Austral-Asien leben. Den männlichen Tieren verleihen dunkle Pigmente und winzige Nano-Strukturen auf der Oberfläche ihrer Federn ein samtiges, superschwarzes Aussehen: Die schwarzen Federn absorbieren je nach Einfallwinkel 0,05 bis 0,31 Prozent des Lichtes. Daneben oder dazwischen wachsen dann schillernde und bunt leuchtende Federn. Der Aufwand ist zielführend: Paradiesvögel sind polygyn, das heißt, Männchen paaren sich nach Möglichkeit mit mehreren Weibchen. ATMO ENDE ATMO Fliege SPRECHERIN drüber Ganz bescheiden kommen dagegen viele schwarze Insekten daher. Fliegen zum Beispiel. Sie wollen weder auftrumpfen noch etwas vortäuschen. Sie sind aus ganz anderen Gründen schwarz: Ihr schwarzer Körper erleichtert ihnen schlicht das Überleben: A 5 weg O 4 Katrin Insekten Insekten, die ja nicht selber Energie produzieren, sondern davon abhängig sind, dass Energie von außen kommt, wärmen sich schneller auf, wenn es warm ist. Das könnte einfach ihren Wärmehaushalt und damit ihre Mobilität unterstützen. SPRECHERIN Schwarz absorbiert das komplette Lichtspektrum und nimmt dabei auch die Wärme des Lichts auf. Das bringt nicht nur Insekten, , sondern auch Tieren in kalten Regionen Vorteile. Jochen Wolf: 0 5 Jochen Eisbär drüber Der Eisbär ja, der ist ja weiß, wenn man den Eisbären aber rasieren würde, dann wäre der pechschwarz. Also die Haut des Eisbärs ist schwarz, aber die Fellfarbe ist weiß. Und das hat beim Eisbär den ganz einfachen Sinn, dass der weiße Eisbär natürlich wunderbar getarnt ist. Der muss weiß sein, wenn er auf Robbenjagd geht sonst wird er zu früh entdeckt. Andererseits dient aber die schwarze Hautfarbe dazu, dass er mit der Kälte besser klarkommt. Er kann sich einfach aufwärmen und die Haare sind auch noch besonders gestaltet, sodass sie ganz viel Licht durchlassen und auf die Haut reflektieren. SPRECHERIN Die schwarze Haut des weißen Eisbären sieht man übrigens an den unbehaarten Stellen: Nase, Schleimhäute des Mundes und Augen. ATMO Sumpf nachts SPRECHERIN drüber Auf Menschen wirken schwarze Tiere oft unheimlich. Bei schwarzen Hunden denken vor allem im englischsprachigen Raum Viele an den „Black Dog“. Ein wahrer Höllenhund also, der als Zeichen des Todes gedeutet wird. SPRECHERIN Dabei ist es im wahren Leben genau andersrum: Für viele Hunde ist es ein wahres Unglück, mit einem schwarzen Fell zur Welt zu kommen – auch heute noch. In den USA spricht man mittlerweile vom „Black Dog Syndrome“, oder vom „Big Black Dog Syndrome“, dem Syndrom großer schwarzer Hunde, die wenig Chancen auf eine Adoption haben. ATMO ENDE ATMO 8 Katze hoch SPRECHERIN drüber Schwarze Katzen dagegen setzten lange Zeit christlich geprägte Assoziationen frei, wurden mit dem Teufel und Hexen assoziiert oder schlicht als Unglücksbringer abgestempelt. Vielen brachte ihre Fellfarbe früher tatsächlich den Tod. Katrin Vohland: ATMO kurz hoch, dann weg O 6 Katrin Was man auch weiß, ist, dass man ganz schwarze Katzen früher umgebracht hat. Das heißt, die Katzen, die immer noch ein weißes Fleckchen hatten, hatten eine höhere Überlebenschance. Das heißt, hier wird gewissermaßen ein künstlicher oder ein von Menschen gemachter Selektionsdruck auf die Katzen. Deswegen findet man offenbar sehr wenig schwarze Katzen ... SPRECHERIN … also rein schwarze Katzen, ohne weißes Fleckchen. Eine Umfrage des Deutschen Tierschutzbundes in deutschen Tierheimen hat Vorurteile gegenüber schwarzen Haustieren bestätigt: Lea Schmitz: O 7 Lea länger sitzen Eine Katze, die irgendwie grau getigert ist, die wird sicherlich schneller Interessenten finden als ein schwarzes Tier. Die sind auch oft so ein bisschen unsichtbar, also die werden so’n bisschen übersehen. Und wenn da so ein gemustertes Tier, helle Farbe, ist, wirkt vielleicht irgendwie freundlicher. Die finden dann schnell ein neues Zuhause und die schwarzen Tiere bleiben definitiv oft öfter länger im Tierheim sitzen. SPRECHERIN 550 Tierheime sind dem Tierschutzbund angeschlossen. Bei der Umfrage haben 313 Einrichtungen teilgenommen. Insgesamt hat rund die Hälfte der teilnehmenden Tierheime bestätigt: Schwarze Hunde und Katzen haben es schwer, ein neues Zuhause zu finden. Viele sind so genannte „Dauersitzer“, verbringen schon ihr halbes Leben oder mehr im Heim.Gründe für die Ablehnung der Menschen sind übrigens nicht nur Angst oder Aberglaube, wie Lea Schmitz weiß: O 8 Lea Da spielt dann das Thema Ästhetik eher noch eine Rolle. Also, dass die einfach nicht so als schön empfunden werden, auch Fotogenität. Also die Leute machen ja heute viele Fotos auch von ihren Tieren, teilen die in den sozialen Medien. Und ein schwarzes Tier ist vielleicht nicht ganz so einfach zu fotografieren, weil man einfach so die Umrisse, die Mimik einfach nicht so gut wahrnimmt. SPRECHERIN ((Deswegen hat der Tierschutzbund im Oktober 2020 die Kampagne „Schwarze Tierheimtiere“ gestartet, um mit den Vorurteilen aufzuräumen. Unter anderem wurde ein Fotowettbewerb ausgeschrieben für schwarzer Tiere und eine „Top-Ten-Liste“ schwarzer Tierheimtiere im Netz publiziert, die besondere Menschen brauchen.)) Denn wenn zur schwarzen Fellfarbe andere „Vermittlungshemmnisse“ kommen, wie Kristina Berchthold vom Münchner Tierschutzverein sagt, dann wird es richtig schwierig: Tiere mit Leinenaggression oder solche, die sich mit Artgenossen nicht vertragen ... ATMO Hundegebell hoch, dann weg SPRECHERIN: Nur, warum ist das so? Ist denn was dran an dem Vorurteil, dass schwarze Tiere aggressiver sind als andere? Der Evolutionsbiologe Jochen Wolf hat sich diese Frage auch gestellt: O 9 Jochen Wolf Stresshormon-Achse Fürs Verhalten wahrscheinlich am wichtigsten ist der Zusammenhang der Melano-Genese, also der Herstellung von Melanin mit der sogenannten Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinde-Achse, HPA Achse, das wird auch Stressachse genannt und das ist einfach ein System in Wirbeltier-Organismen, was zwischen mehreren Hormondrüsen kommuniziert … SPRECHERIN … Drüsen, Hormone und Teile des Mittelhirns interagieren im Verlauf dieses Stress-Reaktions-Stoffwechselweges. Stoffwechsel findet permanent in den Zellen statt: Er ist ein biochemischer Prozess, bei dem etwas auf-, ab- oder umgebaut wird, zum Beispiel bei der Atmung, der Energiegewinnung, der Entgiftung – oder eben auch bei der Stressreaktion. Vorangetrieben und gesteuert werden diese Stoffwechselprozesse in den Zellen von Enzymen. Und Enzyme sind Eiweißverbindungen, die mach sich wie winzig kleine Maschinen vorstellen kann, die die biochemischen Prozesse im Organismus katalysieren. Der Bauplan der Enzyme ist in der genetischen Information in jeder Zelle gespeichert. Und weil Stoffwechselwege untereinander vernetzt sind, kann ein und dasselbe Enzym in unterschiedlichen, zellulären Prozessen eine Rolle spielen kann – bei Stressreaktion und bei der Pigmentierung zum Beispiel: O 10 Jochen Wolf Zusammenhang da Diese HPA Achse, wenn man sich die Stoffwechselwege anschaut, überlappt die oder steht die in Verbindung mit dem Melanom-Genese-Stoffwechselweg. Und so kann man sich schon vorstellen, dass Mutationen in diesem Bereich Auswirkungen auf beides haben, auf Farbe und auf den Hormonen-Stoffwechsel und vor allem auf den Stresshormon-Stoffwechsel. SPRECHERIN Allerdings heißt das noch nicht, dass dunkle Tiere aggressiver auf Stress reagieren. Wissenschaftler in Bielefeld untersuchen das gerade bei Mäusebussarden: O 11 Jochen Mäusebussarde drüber Die stellen Unterschiede fest im Verhalten zwischen drei Farb-Morphen, die dort vorkommen. Es gibt diese ganz hellen Mäusebussarde, so mittelbraune und ganz dunkelbraune, und die hellen Männchen sind aggressiver, genau andersherum!, gegen Attrappen von Nesträubern. Und die dunklen Männchen sind am wenigsten aggressiv. Bei Weibchen ist es genau umgekehrt. ATMO weg SPRECHERIN Farb-Verhaltens-Kombinationen bei Mäusebussarden und anderen Wildtieren gibt es offensichtlich, dennoch sollte man solche Einzelbeobachtungen vorsichtig bewerten: O 12 Jochen Zusammenhang unklar Dieser Zusammenhang, den gibt es schon irgendwie. Stressresistenz, Immun-Antwort und vielleicht auch Aggressivität sind Verhaltens- Komponenten, die denkbar sind und für die es auch einige Hinweise gibt. Aber ein ganz, ganz klares Signal auf Farbe und Verhalten gibt es meines Wissens bisher kaum. Das ist schon relativ hypothetisch. ATMO 11 Saat/Nebelkrähen SPRECHERIN Anderes Beispiel: Krähen. In Westeuropa brüten die tiefschwarzen Rabenkrähen, im Osten hellgrau-schwarze Nebelkrähen. Sie gehören zur gleichen Art, vermischen sich grundsätzlich aber nicht – nur in einem 50 bis 100 Kilometer breiten Streifen entlang der Elbe. Welche Rolle spielt die Farbe ihres Gefieders - und vielleicht auch ihr unterschiedliches Verhalten? Jochen Wolf hat dazu mit einem internationalen Forscherteam junge Raben- und Nebelkrähen untersucht: O 13 Jochen Bäume hoch Also wir klettern dann die Bäume hoch, holen die kleinen Krähen raus und haben das einmal ein Radolfzell gemacht und dann einmal noch in Schweden, in der Nähe von Stockholm. ATMO hoch SPRECHERIN drüber, dann weg Die Krähen wurden in Volieren direkt miteinander konfrontiert: O 14 Jochen Schwarze und graue miteinander Schwarze untereinander, graue untereinander, ab einem bestimmten Zeitpunkt haben wir dann eine graue mit einer schwarzen jeweils immer wieder zusammengesetzt und geschaut, ob die sich ob es da konsistente Verhaltens-Unterschiede in der Interaktion gibt. SPRECHERIN Und? Waren die schwarzen pfiffiger oder aggressiver? Wie haben sie denn reagiert? ATMO ENDE O 15 Jochen Nö Nö, mei, wie so’ne Krähe halt reagiert, ja, krähen ab und zu, setzen sich nebeneinander, verscheuchen sich … Aber Krähen sind ja wahnsinnig sozial, bis eben auf die Fortpflanzungszeit, da werden sie territorial. Aber sonst, erst mal abtasten, es stellt sich sehr schnell ne Dominanz-Hierarchie raus, die aber eben nicht an der Farbe hing. Und gar nicht mal die Körpergröße, das sind wirklich … die haben wahnsinnig unterschiedliche Persönlichkeiten. SPRECHERIN Also: die Federfarbe macht keinen Unterschied. Bleibt die Frage, warum es im gesamten Verbreitungsgebiet Europa nicht mehr gemischte Paare gibt, warum sie sich nur entlang der Elbe vermischen. O 16 Jochen Wir haben das genomisch untersucht, haben da von ganz, ganz vielen Individuen das gesamte Erbgut sequenziert und stellen fest, dass die sich tatsächlich im Grunde nur in zwei, drei Bereichen unterscheiden, die alle mit der Farbgebung zusammenhängen. SPRECHERIN Also dieselbe Krähenart, in der es Tiere mit hellerem und mit dunklerem Gefieder gibt. Eine scheinbar unwichtige Farbmutation, die den Tieren doch wichtig zu sein scheint, denn die allermeisten schwarzen Saatkrähen ziehen schwarze Partner vor und graue wählen graue. Ihr Auswahlkriterium ist nicht, wie bei den Paradiesvögeln zum Beispiel, ästhetischer Natur ... O 17 Jochen … aber es scheint schon so zu sein, dass die durch Imprinting, das haben ja Vögel, ganz früh durch Prägung für später für die Partnerwahl auf ihre Eltern geprägt werden. Und dann wählt man eben nicht die Falschen. SPRECHERIN Das heißt: Junge Krähen aus gemischten „Ehen“ im Gebiet der Elbe haben nichts gegen Partner mit anderer Federfärbung, die Krähen außerhalb finden es schon wichtig, dass ihre Partner so aussehen wie sie und ihre Eltern: Entweder schwarz (im Westen) oder grau (im Osten Europas). ATMO Krähe hoch, dann weg SPRECHERIN Vielleicht liegt es auch bei anderen Tieren an der Prägung, dass andersartige Artgenossen ausgestoßen werden. MUSIK privat Take 005 „Castle Leoch“; Album: Outlander; Label: Madison Gate Records – 043396406490; Interpret: Bear McCreary; Komponist: Bear McCreary; ZEIT: 01:08 & ATMO Schaf kurz hoch Schwarze Schafe zum Beispiel. Ihnen kann die Farbmutation tatsächlich Pech bringen, allerdings nicht wegen ihrer dunklen Erscheinung. In Schottland gibt es immer weniger schwarze Schafe, von der alten Soay-Rasse zumindest (sprich: So-i). Forscher der Universität Sheffield haben festgestellt, dass das Gen für dunkle Wolle mit nachteiligen Eigenschaften gekoppelt ist. Eigentlich müssten die schwarzen Schafe gemäß der Evolutionstheorie ihre helleren Geschwister verdrängen. Denn schwarze Schafe sind bei dieser Rasse größer und schwerer, also besser angepasst als die weißen. Aber dunkle Soay-Schafe leben kürzer und pflanzen sich weniger erfolgreich fort. Die natürliche Auslese hat also nicht primär etwas mit der dunklen Fellfarbe zu tun, sondern mit versteckten Eigenschaften, die an das Farbgen gekoppelt sind: Bei den schottischen Schafen die kürzere Lebensdauer und die weniger erfolgreiche Fortpflanzung. MUSIK ENDE ATMO 12 Schaf SPRECHERIN Kommunikation, Tarnung, Wärmehaushalt oder auch genetische Laune: Es gibt viele Gründe für ein schwarzes Fell oder Federkleid, für schwarze Schuppen oder eine schwarze Haut. Tiefseefische und Fliegen, Paradiesvögel, Gabun-Vipern, Katzen, Hunde, Saatkrähen, Soay-Schafe … außer ihrer Farbe haben sie nicht viel gemein. Auf uns Menschen wirken dunkle Tiere eher beunruhigend. Dabei haben sie doch nur eins im Sinn: Das eigene Überleben sichern. GERÄUSCH RABE ATMO ENDE
- Tarnen und Täuschen - Alles Natur
22.02.2024 · 24 Min.
Tiere und Pflanzen haben erstaunliche Überlebenstricks entwickelt: Manche täuschen vor, gefährlich zu sein, obwohl sie es nicht sind. Andere locken potenzielle Partner und ahnungslose Opfer mit falschen Signalen in die Falle. Der Einfallsreichtum der Natur ist erstaunlich, wenn es um Täuschen und Tarnen, um Mimikry und Mimese, geht. Iska Schreglmann im Gespräch mit dem Biologen Thassilo Franke. (BR 2022) Credits Autorin dieser Folge: Iska Schreglmann Es sprachen: Iska Schreglmann im Gespräch mit Dr. Thassilo Franke Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Dr. Thassilo Franke, Biologe am BIOTOPIA Lab in München Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Mimikry - Wie täuschende Tiere enttarnt wurden JETZT ANHÖREN Tiere im Winter – Alles Natur JETZT ANHÖREN Was macht Moore so wertvoll? - Alles Natur JETZT ANHÖREN Linktipp: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Dr. Thassilo Franke Die Wespe ist ein schönes Beispiel. Die hat diese typische, schwarz-gelb geringelte Warntracht, die man in der Natur sehr häufig findet. Dann geht das große Maul auf und saugt diesen armen Fisch ein. Dann wird eben der Jäger zum Gejagten und gefressen. Es gibt auch viele Betrüger, die so tun, als wären sie giftig. Sprecherin Alles Natur, Tarnen und Täuschen. Iska Schreglmann im Gespräch mit dem Biologen Thassilo Franke. Iska Schreglmann Den anderen hinters Licht zu führen, das kennen wir aus der Welt der Menschen ja wirklich zu genüge. Hinterhältige Tricks sind aber auch bei Tieren und Pflanzen sehr verbreitet. Sie existieren auf unserem Planeten ja schon wesentlich länger als wir und haben die Mimikry, also das Täuschen und Tarnen, im Lauf der Jahrmillionen perfektioniert. Dr. Thassilo Franke wird uns gleich faszinierende und teils auch etwas bizarre Beispiele vorstellen. Herr Franke, Sie haben hier auf dem Tisch im Studio schon eine ganze Reihe von Dingen ausgebreitet, über die wir im Lauf der Sendung sprechen werden und die, ehrlich gesagt, erst einmal etwas kurios anmuten. Dr. Thassilo Franke Ja, also, ich habe ein paar Sachen mitgebracht. Zum einen ist da ein aggressives Putzmittel und dann zwei Warnschilder, ganz deutlich schwarz, gelb gefärbt, einen Angelköder und - das ist eigentlich das schönste Exponat, was hier heute auf dem Tisch liegt - das ist ein Balk, also ein präparierter Vogel, ein ausgestopfter Vogel. Und zwar handelt sich hierbei um einen Ziegenmelker. Iska Schreglmann Das müssen wir beschreiben. Wenn ich jetzt nicht wüsste, dass es ein Vogel ist, würde ich sagen, es ist ein Stück große Baumrinde und wenn man es anfasst, merkt man natürlich, dass es ganz ganz weich ist. Das sind Federn. Dr. Thassilo Franke Ja, das ist ganz weiche Baumrinde und genau das will der Vogel damit auch erreichen. Wir haben es hier mit einem sehr schönen Beispiel von Krypsis zu tun, also Tarnung oder auch somatolyse Körperauflösung, so nennt man das in der Wissenschaft. Das ist ein in Vogel, der ganz ausgezeichnet getarnt ist. Und sie sehen auch diese Bänderung, diese rindenartige Bänderung auf dem Gefieder, die geht auch in eine gewisse Richtung, hat also eine Längsrichtung, in der sie verläuft. Und wenn der Vogel ruht, dann setzt er sich auf einen grob berindeten, horizontalen Ast. Er setzt sich nie quer drauf. Er setzt sich immer längst drauf, was für Vögel eher ungewöhnlich ist, normalerweise sitzen Vögel quer auf einem Ast. Der sitzt immer längst auf einen Ast, damit man ihn eben für so einen kleinen Stumpf hält, der von diesem Ast absteht. Iska Schreglmann Von der Farbe her ist es wirklich auch exakt so, wie eine marmorierte Baumrinde, also sämtliche Brauntöne von dunkelbraun bis zu hellbeige, würde ich sagen. Dr. Thassilo Franke Wenn man ihn so auf dem Boden liegen sehen würde, also zwischen Blättern oder Kiefernnadeln zum Beispiel, oder altem abgestorbenem Gras, dann wäre er auch vollkommen unsichtbar. Und natürlich fragt man sich dann, warum macht der Vogel so was. Warum tarnt er sich überhaupt zu gut? Warum hat er das überhaupt nötig? Iska Schreglmann Also wer hat es auf ihn abgesehen? Dr. Thassilo Franke Wer hat es auf ihn abgesehen, genau. Am gefährlichsten ist eigentlich sein Leben, wenn er auf dem Boden sitzt und sein Ei ausbrütet, weil, dann kommt er ja wirklich mit Ratten im Begegnung mit Mardern, Wieseln und dergleichen. Aber Gefahr droht auch aus der Luft, zum Beispiel vom Habicht oder sogar von Vögeln wie Krähen, die, wenn die ihn - so einen relativ kleinen, also nicht sonderlich groß, der ist vielleicht wie groß, kann man sagen, das der ist…? Iska Schreglmann Naja, länger als Ihre Hand würde ich sagen. Dr. Thassilo Franke 20 Zentimeter ungefähr, würde ich sagen ist er von der Schnabelspitze bis zur Schwanzspitze. Ist also wirklich kein besonders großer Vogel. Und wenn der natürlich da mit auffälligem Gefieder auf dem Boden sitzen würde, würde der natürlich sofort erbeutet werden. Iska Schreglmann So, jetzt haben wir aber über eine klassische Tarnung gesprochen. Also dieser Vogel sitzt auf einem Baumstamm auf der Rinde, beziehungsweise auf dem Boden, und kann so schwer entdeckt werden von Fressfeinden. Jetzt gibt's aber Tiere, die noch ganz andere Tricks auf Lager haben, um Fressfeinde zu Narren. Dr. Thassilo Franke Ein Trick ist zum Beispiel vorzugeben, etwas zu sein, etwas Gefährliches zu sein, was man aber in Wirklichkeit nicht ist. Und da gibt es auch schöne Beispiele aus der Vogelwelt, und zwar bei höhlenbrütenden Vögeln kennt man das. Auch in der heimischen Vogelfauna, zum Beispiel unsere Meisen können das sehr gut machen, wenn sich jetzt ein Raubtier zum Beispiel einer Baumhöhle nähert oder in ein Vogelhaus rein schaut. Man kann es auch selber, sollte es aber nicht probieren, aber wenn man es täte, wenn man doch mit dem Finger reingehen würde, da würde die Blaumeisen-Mutter, die auf dem Gelege sitzt und brütet, dann laut fauchen, und dieses Zischen, dieses Fauchen, hört sich genauso an wie das Zischen einer Schlange. Und nachdem ja der Beutegreifer, der von außen in die Höhle eindringen will, im Dunkeln der Höhle nichts sieht, aber dieses Zischen hört, kriegt er es mit der Angst zu tun, weil ja so ein kleines Wiesel auch von einer Schlange überwältigt werden kann und sucht sofort das Weite. Iska Schreglmann Nun haben wir über verschiedene Täuschungsmanöver schon gesprochen, und es gibt dafür auch wissenschaftliche Begriffe, also akustische Mimikry, zum Beispiel, Schreck Mimikry oder auch Bates’sche Mimikry. Dr. Thassilo Franke Also wenn bei uns von Mimikry die Rede ist, ist eigentlich fast immer von der Bates‘schen Mimikry die Rede. Bates‘sche Mimikry heißt sie, weil sie von einem Naturforscher namens Bates entdeckt wurde. Henry Walter Bates war ein ganz begnadeter Naturforscher, und dabei ist ihm aufgefallen, dass eine Gruppe von Schmetterlingen völlig aus dem Rahmen fiel. Er hat viele Schmetterlinge gefangen, aber die sind meistens weggeflogen. Wenn er sich angepirscht hat, sind sie dann in die Baumkronen rauf oder haben sich im Schatten des Waldes versteckt. Aber eine Gruppe, die flog unbeirrt, ganz langsam, gaukelnd durch die Gegend und hat sich von ihm nicht beeindrucken lassen, hat sich auch ganz leicht fangen lassen. Er hat sich die dann angeschaut und hat gemerkt, dass sie so einen faulen Geruch verströmen und ist dann auf die Idee gekommen: Okay, die haben auch sehr auffällige Flügel, Zeichnungen, die sind mit Sicherheit giftig. Durch ihre bunte Farbe und ihren langsam gaukelten typischen Flug zeigen Sie Vögeln: Vorsicht, ich bin giftig. Iska Schreglmann Und welche Farben sind das dann? Dr. Thassilo Franke Das sind meistens orange-, schwarz- und gelbfarben bei diesen Schmetterlingen und diese giftigen Schmetterlinge, die gehören in die Familie der Glasflügler. Das sind Edelfalter. Und von denen weiß man auch heute, dass die ausgesprochen giftig sind. Was ihm aufgefallen ist, und zwar erst beim genaueren Hinschauen, erst als er die Falter in der Hand hatte, dass es noch andere gab, die exakt genauso aussahen, aber zu einer ganz anderen Schmetterlings-Verwandtschaft gehörten. Und bei diesen giftigen Faltern handelt es sich um Edelfalter. In unserer heimischen Schmetterlingsfauna gehört da zum Beispiel das Tagpfauenauge rein und bei der anderen Schmetterlingsgruppe, die genauso aussah, bei der handelt es sich um Weißlinge. Vielleicht ist jedem der Kohlweißling ein Begriff. Iska Schreglmann Ich denke schon. Das ist ja einer der häufigsten Falter bei uns. Dr. Thassilo Franke Und das ist eine ganz andere Schmetterlings-Verwandtschaft, also Edelfalter und Weißlinge sind überhaupt nicht verwandt. Und das hat ihn stutzig gemacht. Also im Endeffekt hat er Paare gefunden von diesen Edelfaltern, diesen giftigen und dem völlig ungiftigen Weißling, die exakt gleich aussagen. Und da hat es dann Klick gemacht und er hat gesagt okay, alles klar ist ja logisch, der eine, der ist ein Betrüger, der tut einfach so, als ob er giftig wäre. Also, er bedient sich dieser Warnsignale, des anderen, der wirklich gefährlich ist und vermeidet dadurch, von einem Vogel gefressen zu werden. Iska Schreglmann Für diese Strategie gibt es ja im Tierreich noch mehrere Beispiele, wenn wir an dieses schwarz-gelb gestreifte Muster der Wespen denken. Dr. Thassilo Franke Ja genau. Also im Endeffekt auch, was wir vorhin bei den Schmetterlingen hatten, diese auffälligen Flügel Zeichnungen. Da haben wir es mit Warnsignalen zu tun. Aposematische Zeichnung nennt man das in der Wissenschaft, also gefährlich. Jeder, der so aposematisch gezeichnet ist macht eigentlich darauf aufmerksam, dass er gefährlich ist. Aber nicht jeder… Iska Schreglmann Die einen sind ja auch gefährlich, nämlich die Wespen. Dr. Thassilo Franke Genau, die Wespe ist ein schönes Beispiel. Die hat diese typische, schwarz-gelb geringelte Warntracht, die man in der Natur sehr häufig findet. Es gibt zum Beispiel Schmetterlingsraupen, die auch schwarz-gelb geringelt sind, wie der Jakobskrautbär, den man vielleicht kennt. Das ist ein Schmetterling, dessen Raupe sich gefährliche Giftstoffe ihrer Nahrungspflanze zu eigen machen. Pyrrolizidinalkaloide heißen die, die sind im Jakobskreuzkraut enthalten. Das ist eine ganz gefährliche, giftige Pflanze, die auch von der Landwirtschaft bekämpft wird, weil sich eben Weidevieh auch daran vergiften kann. Und dieser Raupe macht eben dieses Gift nichts aus, aber sie lagert das Gift in ihrem Körper ein und wird dadurch extrem giftig. Und vor dieser Giftigkeit warnt sie mit dem gleichen Signal, wie die Wespe vor ihrer Giftigkeit warnt. Iska Schreglmann Gut. Das heißt das macht ja dann in dem Fall auch Sinn, dass der Vogel diese Raupe nicht frisst. Dr. Thassilo Franke Und da sprechen Sie einen ganz wichtigen Punkt an, nämlich, man muss überlegen, woher weiß der Vogel überhaupt das schwarz-gelb gefährlich ist? Iska Schreglmann Ist das Erfahrung? Dr. Thassilo Franke Genau. In diesen sauren Apfel muss jeder junge Vogel irgendwann mal beißen, dass er tatsächlich so ein schwarz-gelb geringeltes, saftiges Insekt, sich schnappt und dann eben mit dem Giftstachel in Berührung kommt und gestochen wird, dort sich elend fühlt oder die giftige Raupe frisst und dann erbrechen muss und eine fürchterliche Magenverstimmung hat. Und diese Erfahrung lehrt dann diesen Vogel, den naiven Vogel - man spricht von naiv, also bevor er diese Erfahrungen gemacht hat, weil es eben nicht angeboren ist und das merkt er sich dann von dem Zeitpunkt an und meidet eben alles, was diese Signal-Zeichnungen vorweist. Und das ist im Regelfall auch vernünftig. Aber in manchen Fällen ist es eben überflüssig, weil es gibt eben auch viele Betrüger innerhalb der Tiere, die so tun, als wären sie giftig. Man denke an die Schwebfliege. Das ist das klassische Beispiel, was auch in jedem Schulbuch drinsteht. Die Schneepflüge ist auch schwarz-gelb gestreift, ist vollkommen harmlos, hat keine Giftstoffe. Wäre eigentlich ein wunderbarer Leckerbissen, aber die Amsel, die einmal eine Wespe gefressen hat, die macht einen weiten Bogen um die Schwebfliege, weil sie gar nicht erst ausprobieren will, ob die nicht auch stechen kann. Das ist einfacher dann eben weiterzufliegen und sich eine schwarze Fliege zu schnappen. Iska Schreglmann Und da gibt es auch einen bekannten Forscher, einen Biologen, der genau diese Strategie entdeckt hat, nämlich Fritz Müller. Fritz Müller, der vor 200 Jahren geboren wurde und in Wirklichkeit Johann Friedrich Theodor Müller hieß. Dr. Thassilo Franke Ja, früher waren diese langen Namenskolonnen sehr in Mode. Er hat beobachtet, beobachtet, beobachtet, und er hat alles aufgeschrieben. Er hat dann irgendwann Charles Darwins Buch „Die Entstehung der Arten“ gelesen, war vollkommen fasziniert davon und hat dann eigentlich eifrig Daten gesammelt, Fakten gesammelt und hat die in Briefen immer wieder an Darwin kommuniziert. Und darunter waren eben auch solche Beobachtungen an Schmetterlingen, wo ihnen aufgefallen ist, dass nicht, wie Bates es gesagt hat, es ungiftige Schmetterlinge gibt, die sich der gleichen Warnzeichnungen wie giftige bedienen, sondern dass es auch verschiedenste, nicht näher miteinander verwandte, giftige Schmetterlinge gibt, die mit der gleichen Warntracht werben, die nicht verwandt sind, und das nennen wir heute Signalnormierung. Also, es ist eigentlich in der Technik weit verbreitet, aber dass es so etwas auch im Tierreich gibt, das ist zum ersten Mal Fritz Müller aufgefallen. Iska Schreglmann Und doch nicht nur im Tierreich. Wenn ich mich jetzt hier umschaue und zu unseren Requisiten gucke, die hier auf dem Studiotisch vor uns ausgebreitet liegen, da gibt es ja auch einige signale Leuchtfarben aus unserer menschlichen Welt. Also jetzt diese Putzmittelflasche hier zum Beispiel, die ein auffälliges gelb-schwarzes Etikett trägt. Dr. Thassilo Franke Ja, das ist eine Flasche mit einem Putzmittel, die davor warnt, dass die Flüssigkeit da drin ätzend ist. Ich bin heute früh auch schon so einem Warnzeichen begegnet, und zwar ich habe, bevor ich hier ins Studio kam, einen Antigen-Schnelltest gemacht. Und da ist ja häufig so ein kleines Plastiktütchen mit drin, wo man dann eben diesen mit Nasenschleim durchsetzten kleinen Tupfer entsorgen kann. Iska Schreglmann Ich glaube jeder weiß, was Sie meinen… Dr. Thassilo Franke Und da steht nämlich hier ein wunderschönes - schauen Sie mal, sehen Sie was da drauf ist? Iska Schreglmann Ja, Biohazard - Das ist auch ein Symbol, schwarz auf neongelbem Hintergrund. Das davor warnen soll, dass man das eben nicht anfassen soll. Und hier ist auch noch ein ausgedrucktes Schild, was vor Radioaktivität warnt, das kennt wahrscheinlich auch jeder dieses schwarze Dreieck auf neongelbem Grund. Dr. Thassilo Franke Genau das sind Warnzeichen. Immer diese gelbe Farbe, die schwarze Beschriftung. Das ist die Signalnormierung, zum Beispiel, für Warnzeichen. Iska Schreglmann Wobei man sagen muss, dass wir Menschen einen entscheidenden Vorteil haben gegenüber den Tieren, weil wir nicht erst Radioaktivität erleben müssen oder scharfe Putzmittel, um die Feststellung zu machen, dass wir davon lieber die Finger lassen sollten, sondern wir vertrauen dieser Signalnormierung. Aber es gibt ja auch noch ganz andere Arten der Abschreckung nicht durch Optik, sondern zum Beispiel durch Gerüche. Dr. Thassilo Franke Ja, es gibt auch eine olfaktorische Mimikry, nennt man das. Da ist wahrscheinlich noch ziemlich viel zu erforschen. Man hat sich am Anfang immer eher auf diese optischen Reize, weil wir Menschen eben auch Augentiere sind, konzentriert. Aber es gibt auch Gruppen von Lebewesen, die alle gefährlich sind und mit ähnlichen Düften auf ihre Gefährlichkeit aufmerksam machen. Also ich denke, dass da die Marienkäfer zum Beispiel Beispiel sind. Das kennt ja jeder, der schon mal Marienkäfer in der Hand gehalten hat, dass der dann einen sehr intensiven, typischen Marienkäfer-Geruch verströmt. Und das ist eine Substanz, Coccinidin heißt die, die diesen Geruch ausmacht. Der Marienkäfer gibt sie über seine Fußgelenke ab. Man nennt das Reflexbluten. Dann kommt diese orangene Flüssigkeit raus, und es machen eben sehr, sehr viele verschiedene, nicht unbedingt nah miteinander verwandte Marienkäferarten. Und auch dieser charakteristische Duft könnte eine Art Müller‘sche Mimikry sein, dass sie eben durch diesen penetranten Marienkäfer-Geruch zusätzlich zu ihrer schwarz-roten Warntracht noch auf ihre Giftigkeit aufmerksam machen. Iska Schreglmann Also Abschreckung ist das eine. Aber es gibt auch das andere, umgekehrte, man möchte jemanden anlocken, die sogenannte Lockmimikry. Dr. Thassilo Franke Das wäre dann die dritte Form. Das ist die aggressive, die Peckham‘sche Mimikry, benannt nach dem Ehepaar Elisabeth und George Peckham. Die haben früher an Spinnen gearbeitet, und die haben das sehr ausführlich beschrieben. Aber es ist auch vorher schon Wissenschaftlern bekannt gewesen, dass es das gibt, dass eben Tiere tricksen, um ihrer Beute habhaft zu werden. Ich glaube, das bekannteste Beispiel was jeder kennt, ist dieser Tiefseeanglerfisch, dessen vorderster Rückenflossen-Strahl enorm verlängert ist und der ähnlich wie so eine Angelrute funktioniert und vorne vor dem zähnestarrenden Maul des Fisches dann einen einleuchtenden Köder in die Dunkelheit der Tiefsee hängt und hin und her bewegt. Und wenn dann eben ein kleiner Fisch vorbeikommt und diesen leuchtenden Punkt zieht, dann hält er das für eine leuchtende Qualle oder eine leuchtende Garnele. Und sobald der Fisch da reinbeißen will, dann geht das große Maul von dem Tiefseeangler auf und saugt diesen armen Fisch ein. Dann wird eben der Jäger zum Gejagten und dann eben selbst gefressen. Das wäre jetzt ein Täuschungsmanöver, wo wir von Lockmimikry sprechen. Vorher haben wir jetzt die ganze Zeit über Schreckmimikry gesprochen, wo man abgeschreckt wird. Aber das ist ein Beispiel für Lockmimikry. Iska Schreglmann Und weil sie gerade von Ködern erzählt haben, hier auf dem Tisch vor uns liegt ja auch ein Köder, der allerdings als solcher, finde ich, nicht erkennbar ist. Das ist – ja, zwei fingernagelgroß, würde ich mal sagen, oder lang - und da drangebunden ist so etwas wie eine Vogelfeder. Sie können es besser beschreiben… Dr. Thassilo Franke Ja, was sie da in der Hand halten, das habe ich erst vor zwei Wochen vor meinem Patenkind bekommen, also meinem Patensohn. Der ist begeisterter Angler, er ist Fliegenfischer. Beim Fliegenfischen ist es ja so, dass man mit Kunstködern arbeitet, die verblüffende Ähnlichkeit mit Wasserinsekten haben, zum Beispiel Köcherfliegen oder Eintagsfliegen. Beim Angeln wird dann dieser Kunstköder knapp über der Oberfläche hin und her bewegt. Und wenn da eine Forelle von unten diesen Köder sieht, dann verwechselt sie es tatsächlich mit einer Eintagsfliege, springt aus dem Wasser, schnappt nach dem Kunstköder und zack, hängt sie an der Angel und ist auf den Trick hereingefallen. Iska Schreglmann Und die Menschen ködern aber nicht nur die Tiere, sondern auch sich gegenseitig. Mir fallen gerade diese Phishing-Mails ein, mit denen Betrüger versuchen, zum Beispiel eine Mail - die sieht dann auch täuschend echt aus - einer Bank zu imitieren, um an die Kontodaten von den ahnungslosen Nutzern zu kommen. Dr. Thassilo Franke Das ist ein super Beispiel für aggressive Mimikry bei Menschen. Das ist eigentlich klassisch und die sind zum Teil richtig gut. Also, wenn man mal so eine Phishing-Mail aufmacht, die schaut wirklich aus wie von einer Bank. Da muss man zweimal hinschauen, dass man wirklich sieht, dass man hier im Begriff ist, einer aggressiven Attacke eines Verbrechers auf den Leim zu gehen, wenn man da jetzt sein Passwort zum Beispiel eingeben würde. Iska Schreglmann Also, wenn man mal darüber nachdenkt, gibt es ja noch viele andere Beispiele, also die ganzen Fake-Accounts auf den Social-Media-Plattformen oder ja, erschreckenderweise sogar habe ich gesehen aufblasbare Panzer, die wie ein Gummiboot aufgeblasen werden. Und dann denkt der Feind quasi, dass da eine große Armee im Hintergrund steht. Dr. Thassilo Franke Solche aufblasbaren Panzer, die gehören schon lange zum militärischen Arsenal unterschiedlichster Kräfte. Zum ersten Mal sind sie aufgetaucht gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, von einem Spezialverband, der dreiundzwanzigsten Special Force der US Army. Und da ging es darum, dass diese Special Force vortäuschen wollte, eine große Truppe darzustellen, obwohl sie nur tausend Mann insgesamt hatte, ungefähr, bisschen mehr waren es, glaube ich. Und die haben dann eben aufblasbare Panzer in Position gebracht und haben dann auf die Art und Weise eine Truppenstärke von ungefähr 30.000 vorgetäuscht und haben so die Wehrmacht dort getäuscht am Ende des Krieges. Man nannte die auch Ghost Army, also Geisterarmee, weil sie zum größten Teil nur aus diesen Attrappen bestand. Das ist aber auch ein Beispiel für aggressive Mimikry, da haben Sie ganz recht. Iska Schreglmann Wissenschaftler vermuten das auch Viren und andere Krankheitserreger Mimikry betreiben, um unser Immunsystem zu täuschen. Dr. Thassilo Franke Ja, was sie da ansprechen, das ist die sogenannte molekulare Mimikry. Hier ist es so, dass Krankheitserreger, auch Viren, Proteine produzieren, die den Proteinen gleichen, die auch die menschliche Körperzelle erzeugt. Und ein gesundes Immunsystem greift ja normalerweise nicht den eigenen Körper an und nimmt auch Abstand davon, eben diese Krankheitserreger zu vernichten und deswegen können die sich besser durchsetzen. Das kann übrigens aber auch zu Problemen führen, weil manchmal ist es dann so, dass das Immunsystem dann stimuliert ist und dann doch körpereigene Zellen attackiert. Und deswegen kann so eine molekulare Mimikry, wenn es ganz blöd läuft, eben auch zu einer Autoimmun-Antwort führen. Und es sind Fälle bekannt, wo auch Covid19-Verläufe vermutlich von diesem Phänomen der molekularen Mimikry betroffen waren. Iska Schreglmann Da wird es natürlich brandgefährlich. Jetzt haben wir über verschiedenste Formen der Täuschung gesprochen in unserem Körper. Wir Menschen untereinander, die Tiere gegenüber den anderen Tieren. Aber es gibt ja auch noch die Welt der Pflanzen. Dr. Thassilo Franke Bei den Pflanzen gibt es auch sehr schöne Beispiele. Die sind allerdings noch nicht so lange bekannt. Da gibt es zum Beispiel eine Gruppe von Blumen, die alle mit dem gleichen Signal auf sich aufmerksam machen, nämlich schöne rosarote Blütenbüschel, die vor Nektar nur so triefen. Das ist der Bergbaldrian, die Waldwitwenblume oder die Taubenskabiose. Und da ist es natürlich so, wenn ein Schmetterling dann einmal so eine Nektarquelle anfliegt, dann prägt er sich die Gestalt ein und geht da mit Vorliebe genau auf die. Und es heißt, er muss nur einmal kosten und hat dann gleich die ganze Gilde für sich entdeckt und fliegt die dann ab und bestäubt die Blüten. Und da gibt es auch einen Trickser, das ist die Kugelorchis. Das ist eine kleine Orchidee, die auch in den Alpen vorkommt, die auch genauso aussieht, aber die jetzt im Unterschied zu den anderen dreien eben keinen Nektar enthält. Und wenn da dann der Bestäuber hinfliegt, dann geht er leer aus, kriegt weder Pollen und Nektar, aber bestäubt trotzdem diese Kugelorchis. Iska Schreglmann Gut für die Pflanzen, weniger gut für den Schmetterling. Wobei, wenn es ab und zu passiert, ist es jetzt auch kein Problem. Dr. Thassilo Franke Da ist eben das Verhältnis entscheidend. Es muss natürlich so sein, dass das Modell in dem Fall diese Gilde aus drei rosaroten Puschelblumen, die vor Nektar nur so triefen, häufig ist und der Nachahmer in dem Fall die betrügerische Kugelorchis, die muss selten sein. Und dann fällt es dem Schmetterling gar nicht auf, wenn hin und wieder mal so eine Blüte leer ist. Es ist ja auch so, wenn vor ihm schon ein Artgenosse so eine Blüte abgesammelt hat, dann ist die ja auch leer. Also das fällt dann gar nicht so sehr ins Gewicht. Iska Schreglmann Also bei Tricksen und Täuschen muss es auch eine gewisse Balance geben. Ganz herzlichen Dank an Doktor Thassilo Franke. Dr. Thassilo Franke Ja, gern geschehen, war mir ein Vergnügen. Sprecherin Alles Natur. Iska Schreglmann im Gespräch mit dem Biologen Thassilo Franke. Redaktion Bernhard Kastner