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RadiowissenBayerischer Rundfunk

Die Tage vor den Tagen - PMS, das prämenstruelle Syndrom

07.12.2023 · 23 Min.

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Über diese Folge

Stimmungsschwankungen bis hin zu depressiven Verstimmungen, Brust- und Unterleibsschmerzen, unreine Haut, Heißhunger, Schlafstörungen - viele Menstruierende leiden unter dem prämenstruellen Syndrom oder prämenstruellen dysphorischen Störungen. Was steckt dahinter und wie kann man den Patientinnen helfen? Autor: Caro Matzko

Credits
Autor/in dieser Folge: Caro Matzko
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Thomas Birnstiel, Julia Fischer, Peter Veit
Technik: Christine Frey
Redaktion: Iska Schreglmann

Im Interview:
Prof. Dr. Med. Vanadin Seiffert-Klaus, Gynäkologische Endokrinologie und Kinderwunsch; Oberärztin der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde im Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München;
Daniela Wolf, Autorin des Buches „PMDS“ (TRIAS-Verlag), 1. Deutsche PMDS-Mentorin, Gründerin von Selbsthilfegruppen und Online-Community zum Thema;
Prof. Dr. Med. Brigitte Leeners, Klinikdirektorin, Leitung Klinische Forschung für Reproduktions-Endokrinologie am Universitätsspital Zürich;
Franka Frei, Autorin des Manifests gegen das Menstruationstabu „Die Periode ist politisch“ (Heyne Verlag)

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Literaturtipps:

Daniela Wolf: PMDS - Wege zu einem entspannten Zyklus: Therapie und Selbsthilfe bei extremen Stimmungsschwankungen und Schmerzen. (TRIAS Verlag)

Franka Frei: Die Periode ist politisch, ein Manifest gegen das Menstruationstabu (Heyne Verlag)

Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

ZSP 1

(Prof. Leeners -  PMS ist eine Krankheit; Franka Frei -  PMS ist keine Krankheit 

Daniela Wolf – Symptome; Vanadin Seiffert-Klauss -  Symptome; Franka Frei -  Die Periode ist politisch)

ZITATOR

„Die Geschichte der Menstruation ist eine Geschichte voller Missverständnisse.“

SPRECHER

…das war der vermutlich einzige Tampon-Werbeslogan, der berühmt wurde - aus dem Jahr 1994. Und diese missverständliche Geschichte reicht bis in die Antike zurück: Hippokrates, einer der Urväter der Medizin, bezeichnete die Gebärmutter als „Wurzel von tausend Übeln“. Und der Philosoph Platon war der Überzeugung, dass der Uterus, wenn er unbewohnt - also ohne Embryo bliebe - sich in eine Art „Wuterus“ verwandelte, der durch den weiblichen Körper wandern würde, um sich schließlich am Hirn festzubeißen. 

Und bis heute wird Frauen in einigen Regionen der Welt erzählt, dass sie sich für ihre Periode schämen müssen:

SPRECHERIN

In Nepal werden Frauen in so genannte Menstruationshütten verbannt, beklagt das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. 

Und in Indien versäumt laut einer Umfrage der UNESCO eines von fünf Mädchen die Schule, sobald die Periode eintritt.

SPRECHER

Bis heute sind Frauen also damit befasst, die Periode an sich, aber auch die Begleiterscheinungen, zu verstecken und zu verheimlichen. Wobei gerade die Symptome an den Tagen vor den Tagen gewaltig sein können.  Die Medizin hat 150 körperliche und psychische Symptome gesammelt, die beim Auf und Ab der Hormone im Lauf des Zyklus auftreten können. 

Sie alle werden in der Diagnose „PMS“, also prämenstruelles Syndrom, zusammengefasst: 

MUSIK: „Luicid mind“ – C160849#004 (0:32)

SPRECHERIN

Wasseransammlungen im Gewebe

SPRECHER

Stimmungsschwankungen

SPRECHERIN

Brustspannungen

SPRECHER

Traurigkeit bis hin zur Depression

SPRECHERIN

Unterbauchschmerzen und -krämpfe 

SPRECHER

Reizbarkeit und Aggressivität

SPRECHERIN

Kopf- und Rückenschmerzen

SPRECHER

Schlafstörungen

SPRECHERIN

Müdigkeit

SPRECHER

Konzentrationsstörungen 

SPRECHERIN

Migräne

SPRECHER

Angstzustände

SPRECHERIN

Appetitlosigkeit

SPRECHER

Vermindertes Selbstwertgefühl

SPRECHERIN

Heißhunger

SPRECHER

Antriebslosigkeit

SPRECHERIN

Suizidgedanken

MUSIK aus

SPRECHER

All diese Symptome können einige Tage bis zu zwei Wochen vor der Periode auftreten und verschwinden meist mit dem Beginn der Regelblutung. Wie das PMS, also das prämenstruelle Syndrom, sich anfühlt, kann von Monat zu Monat unterschiedlich sein. Manche Frauen spüren im Alltag kaum etwas, andere fühlen sich stark eingeschränkt. 

SPRECHERIN

Bei einem kleinen Prozentsatz der Frauen werden vor allem die psychischen Symptome des PMS so gravierend, dass dafür ein neuer Begriff eingeführt wurde: die prämenstruelle dysphorische Störung PMDS oder auf Englisch PMDD, premenstrual dysphoric disorder.

SPRECHER

Prof. Vanadin Seifert-Klauss ist Leiterin der gynäkologischen Endokrinologie am Klinikum rechts der Isar in München.

ZSP 2 Vanadin Seifert Klaus -  Wer hat alles PMS?

„ Ungefähr 95 % aller Frauen bemerken, dass sie kurz vor der Periode andere Symptome haben im weitesten Sinne, andere körperliche Erscheinungsformen haben als zu anderen Phasen des Zyklus. Ungefähr 30 bis 40% haben jemals behandlungsbedürftige prämenstruelle Symptome verspürt vom Schmerz, den man mit einem Schmerzmittel kurz bekämpft über sehr viel stärkere Ausprägungen und endet dann bei der prämenstruellen dysphorischen Störung die gekennzeichnet sind durch emotionale körperliche und verhaltensmäßige Veränderungen während der prämenstruellen Phase ,die mit einem klinisch relevanten Leiden und deutlicher Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit einhergehen. Und das betrifft ungefähr 3 bis 8 Prozent der Frauen.“

SPRECHERIN

95 % der Frauen kennen also das prämenstruelle Syndrom, 3 bis 8 Prozent haben die hierzulande noch recht selten gestellte Diagnose PMDS attestiert bekommen. 

MUSIK: „music for a decent future“ – C160849#026 (0:52)

SPRECHER

Fest steht: Dass Frauen sich an den Tagen vor den Tagen mitunter anders fühlen, ist etwas ganz natürliches, das aber trotzdem seit jeher pathologisiert wurde. Schon in der Antike beobachteten die griechischen Gelehrten ein angeblich typisch weibliches Verhalten, das sich jeden Monat aufs Neue wiederholte und das sie „Hysterie“ tauften. Benannt nach einem nur in Frauen entdeckten Organ - der Gebärmutter, griechisch „hystera“. Platon verdächtigte die Gebärmutter, für die so genannte Hysterie verantwortlich zu sein. Heute wissen wir: Nicht die Gebärmutter allein ist für den Zyklus und seine komplexe PMS-Symptomatik verantwortlich, sondern das Auf und Ab der dabei beteiligten Hormone - also der biochemischen Botenstoffe, die für viele zentrale Abläufe und Entwicklungen bei Frau wie Mann verantwortlich sind. Der Endokrinologe Prof. Martin Reincke von der Ludwig-Maximilians-Universität München hat für die Funktionsweise einen sehr schlüssigen Vergleich:

ZSP 3 Martin Reincke -  aus Hormonfolge Post Vergleich (00:26)

„Das Hormonsystem ist ein inneres Kommunikationssystem, das wie die deutsche Bundespost funktioniert. Also ein Brief wird eingeworfen, mit dem Blut an eine andere Stelle transportiert und die Botschaft kommt an. Und wo der Brief wieder geöffnet wird, verändert sich etwas auf zellulärer oder Organ-Ebene.“  

SPRECHERIN

Beim Menstruationszyklus, der im Schnitt 28 Tage dauert, gibt es vier hormonelle Haupt-Akteure, die jeden Monat aufs Neue ein äußerst kompliziertes und beeindruckendes Zusammenspiel rund um den Eisprung aufführen:

MUSIK: „Contradiction“ – C160849#023 (1:35)

SPRECHER

Akteur Nummer 1: Das follikelstimulierende Hormon FSH

SPRECHERIN

FSH stößt zunächst einmal die Reifung der Eibläschen - auch Follikel genannt - im Eierstock an. Jeden Monat reift ein Follikel mit einer Eizelle im Inneren heran. Die Follikel produzieren… 

MUSIKAKZENT // TUSCH?!

SPRECHER

Akteur Nummer 2: Das Östrogen

SPRECHERIN

Östrogene sind für den Aufbau der Gebärmutterschleimhaut relevant, die nötig ist, damit sich ein befruchtetes Ei einnisten kann. Der steigende Östrogenspiegel im Blut gibt sodann das Kommando zum Anstieg von LH. Also von…

MUSIKAKZENT // TUSCH?!

SPRECHER

Akteur Nummer 3: das luteinisierende Hormon.

SPRECHERIN

Das LH gibt nun den Startschuss für den Eisprung. Nachdem ein Follikel geplatzt ist und die Eizelle auf die Reise schickt. Drumherum bildet sich nun der so genannte Gelbkörper. Im Gelbkörper wird nicht nur Östrogen produziert, sondern auch …

MUSIKAKZENT // TUSCH?!

SPRECHER

Akteur Nummer 4: das Progesteron, auch Gelbkörperhormon genannt

SPRECHERIN

Progesteron unterstützt den weiteren Aufbau der Gebärmutterschleimhaut. Kommt es zu keiner Befruchtung der Eizelle durch ein Spermium, geht der Gelbkörper zugrunde. Die Progesteron- und Östrogenspiegel im Blut sinken wieder, die Gebärmutterschleimhaut wird abgestoßen und es kommt zur nächsten Monatsblutung. 

Prof. Martin Reincke: 

ZSP 4 Martin Reincke -  Hormonzyklus der Frau

Diese 28 Tage passiert jeden Tag etwas anderes, obwohl immer dieselben Hormone beteiligt sind. 

SPRECHER

Im Lauf des Menstruationszyklus verändern sich also die Pegel der beteiligten Hormone. Die Botenstoffe sind durch unseren Blutkreislauf überall im Körper unterwegs - die Gefäße sind so etwas wie ihre Autobahn - ein immer wiederkehrendes Auf und Ab, gleich einer Wellenbewegung. Vom einen Botenstoff wird mehr produziert, während der andere schon wieder abgebaut wird. So weit, so verständlich. 

Doch bei diesen Auf- und Abbauprozessen der vier hormonellen Hauptakteure entstehen auch so genannte Metaboliten, also Abbauprodukte von Stoffwechselvorgängen, erklärt Prof. Brigitte Leeners vom Universitätsspital Zürich:

ZSP 5 Leeners – Hormone und ihre Metaboliten (1:06)

„Die ganze Geschichte ist viel, viel komplexer, weil die Hormone haben ganz viele Abbauwege. Und die Metaboliten, die entstehen, haben teilweise auch eine Wirkung. Man weiß nicht genau, welcher Metabolit welche Wirkung wo hat, die Abbauwege sind auch individuell sehr, sehr verschieden. Da spielen auch genetische Voraussetzungen der Frauen 

SPRECHER

Das ist vielleicht auch der Grund, warum das prämenstruelle Syndrom je nach genetischer Disposition, nach Alter und Sensibilität der Betroffenen ganz anders ausfallen kann. Die meisten haben daher auch unterschiedliche Strategien im Umgang mit den Symptomen:

SPRECHERIN

Von Mönchspfeffer-Tabletten, also einem uralten Heilkraut und der traditionellen Wärmflasche, über Meditation bis zu Schmerzmitteln wie zum Beispiel Ibuprofen, Buscopan oder Paracetamol – die Hausapotheke kann so groß sein wie die Symptompalette. 

SPRECHER

Prof. Vanadin Seifert-Klauss vom Klinikum rechts der Isar in München weiß, was einen „Benefit“ haben kann, also: was wirklich hilft.

ZSP 6 Seifert-Klauss: Was hilft gegen PMS? (1:37)

„Da gibt’s einige Studien, wo es eine Evidenz für einen Benefit gibt und überraschenderweise ist Kalzium in dieser Zeit vor den Tagen ganz hilfreich. Wenn wir zu wenig Kalzium im Blut haben, dann kann das die Krampfneigung verstärken. Wir wissen auch, dass kohlehydratreiche Ernährung in diesen Tagen sich positiv auswirkt, also da nicht Diät halten. Für Vitamin B gab es einen kleinen Benefit in Studien. Andere Studien haben zu Magnesium, Mönchpfeffer, nicht so eindeutige, sondern eher gemischte Ergebnisse erbracht. Auch Johanniskraut und Gingko gibt es eigentlich keine guten Studien dazu. 

MUSIK: „Luicis mind“ – C160849#004 (0:32)

SPRECHER

Wenn die PMS-Symptome, vor allem die psychischen, die Patientinnen an den Tagen vor der Monatsblutung stark mitnehmen - also Angstzustände, depressive Phasen, Aggressivität und Reizbarkeit den Alltag und das Leben beeinträchtigen - dann kann das ein Hinweis auf eine prämenstruelle dysphorische Störung sein. 

SPRECHERIN

So wie bei Daniela Wolf: Sie bekam 2013 die Diagnose PMDS – nach einem jahrzehntelangen Leidensweg und aufwendiger eigener Recherche. 

ZSP 6b PMDS Daniela Wolf Symptome O-Ton (00:16)

„Die Symptompalette war riesig, also körperlich fast alles: Brustschmerzen, Kreuzschmerzen, Ödeme, Migräne, Krämpfe, Kopfschmerzen, Schwindel. Und psychisch war bei mir tatsächlich Impulsivität und Aggressivität sehr stark ausgeprägt.“ 

SPRECHERIN

Daniela Wolf nimmt damals, wie viele Frauen ihrer Generation, jahrelang die Anti-Baby-Pille - bis sie 24 Jahre alt ist. Als sie sie absetzt, verschlimmern sich ihre Menstruationsbeschwerden von Zyklus zu Zyklus. Sie informiert sich, liest sich ein und lässt sich beim Frauenarzt untersuchen. Daniela bekommt die Diagnose „polyzystisches Ovarialsyndrom“, eine Hormonstörung, die sich auf die Eizellreifung auswirkt. Für sie selbst waren jedoch ihre psychischen Reaktionen auf die Schwankungen im Zyklus am gravierendsten.  

Daniela stößt im Internet auf das Krankheitsbild PMDS- und erkennt sich wieder. Sie druckt alle Fachartikel aus und bringt sie zu ihrem Gynäkologen. Er bestätigt ihre Selbstdiagnose schließlich nach Rücksprache mit einer Kollegin und verschreibt Daniela ein Antidepressivum, das sie täglich einnehmen muss. 

SPRECHER 

Prof. Dr. Leeners vom Universitätsspital Zürich hat jedoch auch gute Erfahrungen in der Therapie von PMDS gemacht: mit mikrodosierten Antidepressiva.

ZSP 7 Dr. Leeners Microdosing Antidepressiva (1:12)

“Normalerweise setzt man Antidepressiva kontinuierlich ein und in Zusammenhang mit dem PMDS wirken sehr niedrige Dosierungen schon. Ich verschreibe das gern mit Präparaten, die man auch mit Tropfen dosieren kann. Das ist die einzige Indikation, bei der man auch in Erwägung ziehen kann und das gute Wirkung gezeigt hat, dass man die nur in der zweiten Zyklushälfte einsetzen kann. Aber das muss man im Einzelfall testen und schauen, ob das die gewünschte Besserung bringt. 

SPRECHERIN

Daniela Wolf hat inzwischen viele Fachartikel gelesen und kennt die Schwierigkeiten bei der Diagnose von PMDS.  

ZSP 8 PMDS Dani Wolf -  PMDS ist lebensgefährlich (00:46)

„… mit den Hormonen ist meistens alles in Ordnung. Das wird immer sehr oft falsch dargestellt. Denn das ist die größte Problematik bei der Erkrankung -  die Hormone sind meistens in Ordnung in unsrem Gehirn passieren negative Reaktionen auf völlig normale Schwankungen im Zyklus, die alle Menschen mit Uterus haben, diese Schwankungen. Der eklatanteste Unterschied ist: mit PMS ist man nicht suizidgefährdet -  PMDS kann aber zum Tod führen.“

SPRECHERIN

Daniela Wolf hatte früher in der Woche vor der Menstruation Momente, in denen ihre „innere Dunkelheit“ so unerträglich wurde, dass sie Todessehnsucht spürte. Und sie sagt heute: Viele haben diese Momente, aber sie sprechen darüber nicht gern, weil sie sich dafür schämen. 

SPRECHER

Übrigens: Daniela Wolf - und häufig auch Medizinerinnen und Mediziner - nutzen ganz bewusst die Formulierung „Menschen mit Uterus“, wenn sie über Betroffene sprechen. Denn das schließt auch all diejenigen mit ein, die eine Gebärmutter haben, sich jedoch nicht unbedingt als Frau identifizieren.

SPRECHERIN

Prof. Vanadin Seifert-Klauss vom Klinikum Rechts der Isar in München empfiehlt Betroffenen mit PMDS ebenfalls, je nach Fall, die Einnahme von Antidepressiva. Doch die Scham und das Stigma, unter depressiven Verstimmungen zu leiden und vielleicht einen Psychiater oder eine Psychiaterin aufsuchen zu müssen, die Antidepressiva verschreiben können, sind groß:

ZSP 9 Seifert Klauss: Antidepressiva gegen PMDS (01:06)

Viele Patientinnen, die ich in der Hormonsprechstunde gesehen habe, wollten das nicht für sich in Anspruch nehmen. Die haben gesagt: Ich bin doch nicht psychisch gestört. Das ist abhängig vom Leidensdruck und wie man es vermittelt, das kann auch gegen prämenopausale Beschwerden, gegen Hitzewallungen helfen, da werden Vierteldosen diskutiert. 

Wer suizidale Gedanken hat, muss bitte psychiatrisch Hilfe suchen. Ganz eindeutig. 

MUSIK: „music for a decent future“ – C160849#026 (0:30)

SPRECHERIN

Daniela Wolf hat das Antidepressivum geholfen, wieder aktiv zu werden. Sie hat Selbsthilfegruppen gegründet, zuhause und auch online auf Instagram, hat ein Buch geschrieben und coacht Frauen mit der gleichen Problematik. Denn das Alleinsein mit dieser Erkrankung, sagt sie, ist für viele ein großes Problem. Reden helfe - und sie rät, offen mit der Erkrankung umzugehen. 

ZSP 10 PMDS Dani Wolf -  was tun? 

Der erste und wichtigste Rat ist immer mit einem Tagebuch anzufangen, das zu schreiben. Ein Zyklustagebuch, aber auch in Verbindung mit einem Emotionstagebuch, wie ein klassisches Tagebuch, wo man von seinem Tag erzählt, aber den Zyklus mit einbezieht.

SPRECHER 

Zum Zyklustagebuch raten auch Expertinnen wie Prof. Brigitte Leeners in Zürich. Denn weil alle einen individuellen Zyklus mit individuellen Reaktionen auf die hormonellen Schwankungen haben, muss auch die Therapie darauf abgestimmt werden - sobald die PMDS diagnostiziert wurde. 

Das eine Medikament gegen die dysphorische Störung kann es gar nicht geben, resümiert Prof. Brigitte Leeners.

ZSP 11 Leeners: Therapie/Medikamente (01:15)

„Also ich sag mal, ein Medikament, was gezielt ansetzt, das nicht. Die Medikamente, die man hauptsächlich einsetzt mit denen man gegen die Hormonschwankungen im Zyklus einsetzt oder der depressiven Symptomatik entgegenwirkt. Interessanterweise sprechen 40% der Frauen auf eine Pille an, ungefähr 40% auch auf Antidepressiva, manche auf eine Kombination. Ich würde empfehlen, ein ganzheitliches Konzept einzusetzen, wo man Sport und Entspannung einsetzt und schaut, wie weit man die Beschwerden darüber in den Griff kriegt und dann die medikamentöse Therapie mit den Frauen bespricht.“

SPRECHER

Sport und Entspannungstraining können nämlich wichtige Helfer sein, PMS oder gar PMDS besser zu bewältigen, denn Stress – das hat die Forschung ergeben - verschlimmert die Beschwerden rund um den Menstruationszyklus signifikant. Vor allem aber sollte jede Betroffene sich und ihre Beschwerden ernst nehmen, raten die Expertinnen, denn genau diesen wichtigen ersten Schritt sind viele noch immer nicht bereit zu gehen, auch weil sie sich für ihre Periode schämen und sie verstecken. Und das geht selbst Ärztinnen wie Vanadin Seifert-Klauss noch so. 

ZSP 12 Seifert-Klauss: Scham rund um Regelbeschwerden

„Ich muss sagen, ich bin aus einer Generation die so, wie Sie geschildert haben, da nicht drüber gesprochen haben. Ich sehe staunend, dass das jetzt viel offener behandelt wird. Und finde das auch nicht schlecht. Ich finde es nur gewöhnungsbedürftig. Und ich selber glaube, dass ich es nicht fertig brächte aus Angst, dass eben dann, wenn man sich mit so etwas typisch Weiblichem identifiziert, dass das im sozialen Kontext auch wieder zu einer Abwertung führen könnte.“ 

SPRECHERIN

Die Abwertung von Frauen aufgrund ihrer Menstruation scheint also wieder so eine „Geschichte voller Missverständnisse“ zu sein, wie es in der Tampon-Werbung vor rund 30 Jahren wörtlich hieß. 

Die Autorin Franka Frei, die sich selbst als Menstruations-Aktivistin bezeichnet, hat die Kulturgeschichte der Regelblutung in ihrem Buch „Die Periode ist politisch“ zusammengefasst. 

Die großen Weltreligionen Hinduismus, Islam, Juden- und Christentum bezeichneten laut Franka Frei die Regel früher als Plage oder Strafe Gottes, die die Frau unrein mache, weshalb sich der Mann von blutenden Frauen tunlichst fernhalten sollte. 

Dieser traurigen Kulturgeschichte der Periode setzt Franka Frei mit ihrem Buch ein Manifest gegen das Menstruationstabu entgegen. Sie will damit Aufklärungsarbeit leisten, weil sie überzeugt ist, dass die Periode instrumentalisiert wurde, um Frauen machtlos zu halten.

Es sei, so Franka Frei, die Idee entstanden, dass Frauen, die ihr Tage haben, nicht zurechnungsfähig sind und man habe dies mit zweifelhaften Studien untermauert. 

ZSP 14 Franka Frei Hysterie und Periode kulturgeschichtlich gesehen (Teil 2)

„Man hat diese Wissenschaft dazu genutzt, um zu sagen: Deswegen sollten Frauen nicht wählen, nicht Auto fahren, nicht zur Uni gehen. Und diese Idee hält sich noch ziemlich lange. Sogar die NASA nahm die vermeintlich irrationale Komplexität und Schwankungen von Menschen, die menstruieren zum Argument dagegen, Frauen als Astronautinnen ins All zu schicken. Man sagte: Das ist zu komplex. Eine komplizierte Maschine und eine psycho komplexe Person -  das kann nur schlecht ausgehen. Das war ein offizielles Argument der NASA in den 60er Jahren. 

MUSIK: „luicid mind“ – C160849#004 (0:08)

SPRECHER

Was ist also dran an der von Platon beschriebenen Hysterie der Menstruierenden? 

SPRECHERIN

Von Hysterie kann keine Rede sein – schon gar nicht während der Regelblutung. Aber: Die meisten Frauen spüren Veränderungen an den Tagen vor den Tagen. Allerdings wird nur ein kleiner Prozentsatz dadurch schwerwiegend eingeschränkt. Sobald die Periode einsetzt, sind die meisten prämenstruellen Symptome vorüber. 

SPRECHER

Und was ist dran an der Idee des so genannten „Period Brain“ - also einem so genannten „Perioden-Hirn“ - die davon ausgeht, dass die Menstruation Auswirkungen auf die Hirnleistung hat?

SPRECHERIN

Eine Studie aus dem Jahr 2017 am Universitätsspital Zürich rund um die Forscherin und Klinikdirektorin Prof. Dr. Brigitte Leeners hat das widerlegt. Frauenhirne funktionieren vor, während und nach der Periode gleich gut. Aber emotional kann es zu Beeinträchtigungen kommen - für die es jedoch medizinische Hilfe gibt. 

Daniela Wolf, Autorin von „PMDS -  Wege zu einem entspannten Zyklus“ will Mut machen -  auch mit ihrer eigenen Patientinnengeschichte.

MUSIK: „luicid mind“ – C160849#004 (0:30)

ZSP 15  PMDS Dani Wolf -  heute Oton

„Heute geht es mir viel, viel besser. Ich habe wenige Tage mit Symptomen, habe aber auch zehn Jahre Erfahrung mit allem, was man ausprobieren kann. Ich würde sagen, dass ich die Dani mit PMDS vor vier Jahren nicht mehr bin. Weil ich meinen Weg gefunden habe, mit der Erkrankung umzugehen. Mir geht es mit PMDS besser als noch vor einigen Jahren.“


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O-Ton Jung 80-235, 8’12 Wir haben es im ganzen italienischen Raum mit Gesellschaften zu tun, die keine staatliche Organisation hatten und – das ist hier entscheidend – auch keine schriftliche Verwaltung kannten, überhaupt keine Schrift kannten, das heißt, wir haben es dort mit Gesellschaften zu tun, von denen wir keine Aufzeichnungen besitzen. Sprecherin Man weiß also nicht, wie sich diese Gesellschaften nannten. Doch Jung und seine Kollegen haben bei den Städten Lecce und Tarent, auf Sizilien und auf den Liparischen Inseln Siedlungen ausgegraben, die Kontakte ins mykenische Griechenland unterhielten. Diese Gemeinschaften waren nicht so hoch entwickelt wie die Reiche im östlichen Mittelmeer: Die Menschen bearbeiteten weder Gold noch Silber, ihre Tongefäße formten sie mit der Hand, weil sie die Töpferscheibe nicht kannten, Verzierungen mit Malerei und Skulpturen finden sich selten. Sie bildeten auch keine Königreiche mit differenzierter Sozialstruktur. 5. O-Ton Jung 80-235, 9‘50 Wir rechnen mit Häuptlingstümern, wir rechnen mit einer instabilen Herrschaft, die nicht institutionalisiert ist, wir haben keine Hinweise auf Dynastienbildung, aber auf sehr intensive überregionale Kontakte. Wir können also beispielsweise mit Kupferanalysen nachweisen, dass man in Süditalien offensichtlich angewiesen war auf Kupfer, das man aus dem südlichen Alpenraum importiert hat, das heißt also, ein wesentliches Rohmaterial musste regelmäßig aus einem relativ weit entfernten Gebiet zur See herangeschafft werden. Sprecherin Durch den Seehandel kamen die Italiener auch nach Griechenland. Ihre unverwechselbaren, handgefertigten Tongefäße finden sich häufig in mykenischen Siedlungen, nicht zuletzt in Tiryns. Umgekehrt stießen Ausgräber in italienischen Dörfern auf die kunstvollere, scheibengedrehte Keramik der Mykener – die hier ein seltenes, exotisches Importgut war: Ein Beispiel für das große Entwicklungsgefälle zwischen den Kulturen im östlichen und westlichen Mittelmeerraum. Eine Ausnahme bildete das Bronzehandwerk: Die Italiener schmiedeten die besseren Bronzewaffen. 6. O-Ton Jung 80-235, 29‘54 Bei den Schwertern kann man sagen, dass damit auch eine neue Kampfweise einherging, denn zur selben Zeit war das mykenischen Militär mit Kurzschwertern ausgestattet, die zum Stich geeignet waren, wohingegen diese italienischen Schwerter also Hieb- und Stichwaffen gewesen sind, die im Nahkampf den mykenischen Schwertern überlegen gewesen sind - Sprecher So dass die Piraten auch deshalb zu gefürchteten Gegnern wurden. Dass tatsächlich Krieger aus Süditalien die Länder des Ostens überfielen, belegt Reinhard Jung vor allem mit Reliefs vom Totentempel Ramses‘ III., auf denen der Kampf der Ägypter gegen die „Seevölker“ in Text und Bild festgehalten ist. 7. O-Ton Jung 80-235, 51‘25 Die Schiffe der so genannten Seevölker sind immer im gleichen Typ dargestellt und dieser Typ zeichnet sich dadurch aus, dass sowohl auf dem senkrechten Bugaufbau als auch auf dem Heckaufbau ein Wasservogelkopf aufgesetzt ist. Sprecherin Den Schiffstyp mit den beiden Vogelköpfen hat der Archäologe auf stilisierten Darstellungen aus Italien wiedergefunden – Schiffe aus dem östlichen Mittelmeer dagegen hatten nur eine Verzierung auf dem Bug. Auf den ägyptischen Reliefs tragen die Aggressoren auch auffällige Helme, aus denen eine Art Federbusch heraussteht. Daran lässt sich ebenfalls die Spur nach Italien zurückverfolgen, denn bei Ausgrabungen kamen dort vergleichbare Helme ans Licht, die am oberen Rand offenbar mit Büscheln von Pflanzenfasern geschmückt waren. Musik wie oben Sprecherin Vermutlich löste das Wohlstandsgefälle die Überfälle aus. Aus langjährigen Handelskontakten wussten die italienischen Häuptlinge, wie viel Gold und Silber in den mykenischen Palästen lag. Da sie ihren Gefolgschaften Beute bieten mussten, um ihre Herrschaft zu sichern, führten sie ihre Krieger eines Tages auf Raubzug in die Ägäis. Einzelne Gruppen der „Seevölker“ nahmen wohl auch ihre Familien mit, um sich in den wohlhabenden Ländern im Osten niederzulassen. Der selbe Ablauf ist aus vielen historischen Beispielen bekannt, er wiederholte sich bei Germanen und Wikingern, bei den Reitervölkern der eurasischen Steppen und den Beduinen aus der arabischen Wüste. Doch allein die Beutezüge der Seevölker brachten die bronzezeitliche Welt um 1200 vor Christus nicht zum Einsturz. Vermutlich kamen ökonomische Probleme hinzu: Forscher stellten fest, dass der griechische Handel einbrach und dass sich in Tiryns die Qualität des Getreides drastisch verschlechterte. In der Folge könnten in den mykenischen Königreichen auch interne Unruhen ausgebrochen sein. 8. O-Ton Jung 80-235, 1:40‘16 Die Paläste selber sind durch Feuer zerstört worden. Und zwar anscheinend auch selektiv: In Tiryns kann man das sehen, da ist die Oberburg im Feuer untergegangen, die Unterburg ist nicht verbrannt. Und das deutet daraufhin, dass es möglicherweise ein sozialer Konflikt gewesen ist, der dahinter gestanden hat. Sonst würde man erwarten, dass die gesamte Burg abgebrannt ist – oder einfach nur geplündert wäre. Sprecherin Und was kam danach? Die Königreiche zerfielen, die Bevölkerung schrumpfte, der Fernhandel brach ab. Die Schrift wurde nicht mehr gebraucht und geriet in Vergessenheit. Doch in der kollektiven Erinnerung lebte das weltumspannende Desaster fort. Nach rund vierhundert Jahren formte der griechische Dichter Homer aus mündlich überlieferten Erzählungen und Gesängen die „Ilias“ und die „Odyssee“, die Epen über den Untergang Trojas und die Götter und Helden der Bronzezeit. Auf diese Zeit datieren Historiker den Beginn der Klassischen Antike. Die Zwischenphase aber blieb lange unerforscht – sie galt als eine Epoche des Verfalls und der Dunkelheit. I. Atmo 005, 0‘10 Schritte im Kies Sprecherin Doch dieses Bild muss jetzt korrigiert werden: Die Geschichte verlief nicht in Brüchen, sondern kontinuierlich. Dass das reiche kulturelle Niveau der Bronzezeit nicht vollständig verloren ging, wird deutlich, wenn man noch einmal mit Joseph Maran auf die Burg von Tiryns hinaufsteigt. Im zentralen Raum des Palastes glückte Maran und seinem Team vor einigen Jahren eine spektakuläre Entdeckung: Sie konnten nachweisen, dass der Thronsaal, das „Mégaron“, nach dem Brand neu aufgebaut worden war. II. Atmo Burghof 005, 28‘00 9. O-Ton Maran 005, 12‘12 Gehen wir doch mal rein, was erhalten ist. Und zwar gelang uns der Nachweis dadurch, dass wir Pfostengruben für Holzpfosten gefunden haben, die durch C-14-Messungen ein klar spätest-mykenisches Alter ergeben haben. Sprecherin Die Löcher für neue Stützpfosten wurden durch den alten Estrich hindurchgetrieben. Dann baute man das „Megaron“ mit neuen Seitenwänden wieder auf – nur etwas schmaler als den früheren Thronsaal, weil die Gemeinschaft kleiner geworden war. 10. O-Ton Maran 005, 13‘43 Das gehört genau in diesen Kreis des Sonderstatus von Tiryns nach 1200 vor Christus, dass man hier eine Versammlungshalle hineingebaut hat, dieses schmale Megaron wurde um den Thronplatz herumgebaut, man wollte den Thronplatz auf jeden Fall hineinnehmen in diese neue Bauplanung, dieses Podest blieb an Ort und Stelle stehen. Sprecherin Rundherum ließen die neuen Herren die Ruine des Palastes stehen, daher liegt der Brandschutt noch heute auf den alten Mauerstümpfen. Doch den wichtigsten Raum, das politische Herz der Anlage, nutzten sie wieder. Sie stellten sich damit als Erben der mykenischen Herrscher dar, so legitimierten ihren Führungsanspruch. III. Atmo Grabung 001, 0’00 (durchgehend unterlegen) Sprecherin Sie knüpften auch an ein prestigeträchtiges Bauprojekt ihrer Vorgänger an: eine große neue Siedlung unterhalb des Burgbergs. 11. O-Ton Maran 001, 2’25 Kurz nach 1200 fing in diesem Bereich eine Bauplanung an, die ziemlich einzigartig ist. In einer Zeit, die von vielen als der Beginn der Dunklen Jahrhunderte angesehen wird, hat man hier begonnen, eine völlig neue Stadt zu planen und im großen Stil in die Tat umzusetzen. Sprecherin Dieser Siedlung legt Maran jetzt mit einem internationalen Team frei. Die Fläche liegt zwischen der viel befahrenen Fernstraße nach Nafplion und einer Farm für Biogeflügel. Unter bunten Sonnenschirmen hocken Studierende aus Heidelberg auf dem Boden, griechische Grabungsarbeiter rollen Schubkarren herbei. Die gesamte Fläche ist in kleine Quadrate unterteilt, in denen die Archäologen vorsichtig Schicht für Schicht tiefer graben. Der Chef wechselt zwischen den Quadraten hin und her. Sobald sich ein Fund abzeichnet, ist er zur Stelle. 12. O-Ton Maran 001 58’53 Griechisch- das ist ein Eberzahn von einem Eberzahnhelm – griechisch – das ist eine Lamelle von einem Eberzahnhelm. Sollen wir die einmessen? Ja! Die ist bearbeitet, die ist hochgradig bearbeitet. Oxi, oxi, das ist kein Elfenbein, das ist Eberzahn. Sprecherin In allen Grabungsquadraten haben die Ausgräber regelmäßige Mauerfundamente aus der Gründungsphase der Siedlung gefunden. Sie erkennen daran, dass die Stadt aus vielen, einheitlichen Gebäudemodulen bestand: Mehrere rechteckige Bauten waren jeweils um einen Hof mit einer großen Herdstelle gruppiert. Weil man noch Essensreste identifizieren konnten, kennen die Archäologen sogar den Speiseplan der Bewohner: 13. O-Ton Maran 001, 9‘01 Was man gegessen hat in der Zeit, waren hauptsächlich Getreidebreie und Hülsenfrüchte mit und ohne Fleisch. Dann gab es noch besondere Anlässe, bei denen man noch andere Zubereitungsarten angewandt hat, also neben dem Köcheln in Breien und herzhaften Suppen hat man auch Fleisch am Spieß gebraten – der Ursprung des Souvlaki liegt tief in der griechischen Urgeschichte – und das kennt man ja auch aus Homers Erzählungen, wie wichtig der Spießbraten für die Helden war, das war schon eine gehobenere Art der Zubereitung, die es aber auch gab. Sprecherin Die Siedlung war offenbar aus Nachbarschaftsgruppen aufgebaut, die sich voneinander abgrenzten. Innerhalb der Gebäudemodule fanden die Archäologen mehrfach Versammlungshallen, in denen man sich vermutlich traf, während auf dem Herd im Hof gekocht wurde. Nachdem die komplexen alten Machthierarchien zerbrochen waren, fielen so wohl die politischen Entscheidungen: in kleinen Männergruppen, die mit ihrem Häuptling berieten, während sie zusammen aßen. 14. O-Ton Maran 001, 17’40 Ich glaube, dass es Gremien gegeben hat, die sich regelmäßig getroffen haben auf Siedlungsebene und dazwischen gab es kleinere soziale Gruppen, die gemeinsam gespeist haben. Das gemeinsame Speisen ist eine unglaublich wichtige Quelle der Verfestigung sozialer Ordnungen, aber auch der Neudefinition sozialer Ordnungen, je nachdem, wer eingeladen wird oder nicht eingeladen wird, also das Kochen im Umfeld solcher Versammlungshallen ist nicht nur das Decken des alltäglichen Bedarfs gewesen, sondern weit mehr. Sprecherin Und wer wohnte vor rund 3200 Jahren in der neuen Siedlung? Eine sehr heterogene Gemeinschaft, vermutet Maran. Tiryns liegt nur anderthalb Kilometer vom Meer entfernt. In den Gebäudegruppen könnten also Menschen gelebt haben, die aus unterschiedlichen Ländern übers Meer gekommen waren und sich deshalb von einander abgrenzten. Da viele ihr gewohntes Kochgeschirr mitbrachten, kann man ihre Herkunft manchmal an der Form ihrer Tongefäße ablesen. 15. O-Ton Maran 001 23’03 Wir sehen vor allem in bestimmten Formen der Haushaltskeramik, der Kochtöpfe und der Vorratsgefäße, Formengebungen, die eindeutig italienischen Ursprungs sind. Wir wissen nicht, wie lange diese Menschen hier gelebt haben und wie viele davon ursprünglich tatsächlich aus Italien kamen, aber diese kulturellen Traditionen waren fest verwurzelt hier im 12. Jahrhundert. Sprecherin Die Gemeinschaft in Tiryns zerfiel nach zwei Generationen wieder. Aber in anderen Gegenden Griechenlands bildeten sich dauerhaftere neue Strukturen und eine andere Lebensweise entstand. Menschen bauten ihre Dörfer jetzt an besser geschützten Stellen – statt am Meeresufer auf Anhöhen oder auf Inseln – und die Zahl der Bewohner blieb relativ gering. Das Leben spielte sich in kleinteiligen Siedlungs- oder Verwandtschaftsverbänden ab, meist mit einem herausragenden Krieger an der Spitze. Aus dieser Position entwickelte sich im Lauf der Zeit ein Kleinkönig, ein „Basileús“, erzählt Sigrid Deger-Jalkotzy, Archäologie-Professorin bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften: 16. O-Ton Deger 95-250, 16‘20 Der Basileus, der wird ja in der Eisenzeit dann zum Führer eines solchen Verbandes und bei Homer dann der König. Und die wirtschaftliche Grundlage ist jetzt auch ein Haus-Verband. Die sind jetzt architektonisch gebildet aus Gehöften mit Wohneinheiten, mit Wirtschaftsgebäuden und auch mit Werkstätten. Sprecherin Der Handel lebte wieder auf, wurde aber anders organisiert als in der mykenischen Kultur. Da es keine komplexen staatlichen Strukturen und keine schriftkundigen Verwalter mehr gab, endete der großangelegte Austausch mit dem Reich der Pharaonen und dem östlichen Mittelmeerraum. Stattdessen traten die Griechen in engeren Kontakt mit Kulturen auf ähnlichem Niveau: den Gemeinschaften in Süditalien und auf dem Balkan. 17. O-Ton Deger 26‘12 Ich nehme an, dass sich das eher zwischen Einzelpersonen, die miteinander engere Verbindungen hatten, gastfreundschaftliche Verbindungen, eheliche Verbindungen vielleicht, dass sich das in diesem Mikro-Bereich abgespielt hat. Diese großen staatlichen Verbindungen gab es dann nicht mehr oder auch keine Kaufleute mehr im Auftrag einer staatlichen Organisation. Sprecherin Nach und nach lernte man den neuen Werkstoff, nach dem die nächste Epoche „Eisenzeit“ genannt wird, besser zu verarbeiten. Schließlich begannen manche Gemeinschaften wieder mit Großbauten wie Thronsälen und Heiligtümern. Einige Gewohnheiten und Ideen der vergangenen Zeit aber lebten weiter: Archäologen stellen fest, dass sich metallene Bratspieße nach wie vor großer Wertschätzung erfreuten, ebenso Dreifüße, auf denen man Kessel aufstellte. Diese Gegenstände spielen dann auch in Homers Epen eine wichtige Rolle. Die beeindruckendste Verbindung zwischen den Epochen findet sich jedoch in den Bildern auf Tongefäßen: 18. O-Ton Deger 29‘45 Man hat Funde von Krateren, also großen offenen Gefäßen, die zum Mischen von Wasser und Wein gedacht waren, mit figuralen Szenen, die spiegeln dann das Leben dieser Aristokraten, also Jagd, Kampf selbstverständlich – und das Interessante ist, dass das Szenen sind, also Erzählungen. Fast schon wie das Epos: Auszug in den Kampf, wo dann hinter den Kriegern bei den Henkeln die Frau steht mit dem Klagegestus. Was wahrscheinlich darauf hindeutet, dass die Krieger nicht mehr heimkommen werden. Sprecherin Wahrscheinlich handelten davon auch viele Sagen und Heldenlieder. Sie wurden mündlich von Generation zu Generation überliefert – und die Häuptlinge, aus denen allmählich Könige wurden, beriefen sich darauf, um ihre Herrschaft zu legitimieren: Sie stellten sich in eine Reihe mit den Helden der Bronzezeit, die im kollektiven Gedächtnis noch präsent waren. Aus den Erzählungen und Gesängen formte Homer dann im 8. Jahrhundert vor Christus die berühmten Epen über den Trojanischen Krieg, die sich bis heute erhalten haben, weil die Griechen nun von den Phöniziern die Alphabetschrift übernahmen und an ihre Sprache anpassten. Die Klassische Antike brach an, eine neue Kulturblüte, die sich nach dem Ende der Bronzezeit über vier Jahrhunderte kontinuierlich vorbereitet hatte. 19. O-Ton Deger 42‘00 Es war eine sehr kreative Zeit. Ich würde nie wieder sagen wollen, dass es eine Zeit der Verhaltenheit, der Isolierung, war. Oder dunkle Jahrhunderte, davon kann man nicht sprechen.

  • Weltraumteleskope - Vom tiefen Blick ins All

    07.12.2023 · 23 Min.

    Unsere "Augen im All" sehen die Welt bunter als wir: im Röntgenlicht, in Gamma- oder Infrarotstrahlung. Seit mehr als 50 Jahren schicken wir sie los, um hinter den Schutzfilter unserer Atmosphäre zu blicken. Die ersten Missionen waren ein einziges Abenteuer - die heutigen aber auch. Autorin: Sophie Stigler (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Sophie Stigler Regie: Martin Trauner Es sprachen: Rahel Comtesse, Katja Schild, Frank Manhold Technik: Susanne Herzig Redaktion: Iska Schreglmann Interviewpartner/innen: Paolo Ferri, früherer Leiter des Missionsbetriebs am ESOC, dem Satellitenkontrollzentrum der europäischen Weltraumorganisation ESA; Antonella Nota, frühere wissenschaftliche Esa-Projektleiterin Hubble und James Webb; Steven Finkelstein, Astronom an der University of Texas in Austin Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Wie entstehen Planeten? Alles Natur! JETZT ANHÖREN Der Weltraum und wir - Vom Aufbruch der Menschen ins All JETZT ANHÖREN Sternschnuppen - Leuchtende Phänomene am Nachthimmel JETZT ANHÖREN Schwerelosigkeit - Die Faszination des Schwebens JETZT ANHÖREN Linktipps: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wissenschaftsjahr 2023: Das Universum Im Wissenschaftsjahr 2023 – Unser Universum werfen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft aus vielfältigen Perspektiven einen Blick von der Erde ins All … und wieder zurück. Von Ausstellungen über Schulaktionen bis hin zu Mitmachangeboten: Das Wissenschaftsjahr 2023 lädt dabei Jung und Alt zu einem spannenden Austausch mit Wissenschaft und Forschung ein. Mehr Infos gibt es hier: EXTERNER LINK | https://www.wissenschaftsjahr.de/2023/ Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  • Sex im Islam - Liebe, Lust und Leidenschaft

    06.12.2023 · 22 Min.

    Let's talk about sex! Das Bild des Islam ist konservativ, vor Jahrhunderten aber schrieben muslimische Gelehrte offen über Erotik, Liebe und Sex. Sex wurde wie Essen und Trinken als etwas Natürliches angesehen. Heute ist der Umgang mit Sex im Islam häufig ein anderer. (BR 2021) Autorin: Claudia Steiner Credits Autor/in dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Katja Bürkle, Julia Cortis, Christian Schuler Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Dr. Ali Ghandour, Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster; Dr. Meltem Kulacatan, Religionspädagogin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main; Serdar Kurnaz, Professor für Islamisches Recht in Geschichte und Gegenwart an der Humboldt- Universität zu Berlin; Thomas Bauer, Professor für Islamwissenschaften von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster; Fahimah Ulfat, Professorin und Religionspädagogin an der Universität Tübingen Literaturtipps: Ali Ghandour, Liebe, Sex und Allah – Das unterdrückte erotische Erbe der Muslime, C.H. Beck Meltem Kulacatan, Geschlechterdiskurse in den Medien: Türkisch-deutsche Presse in Europa, Springer VS Fahimah Ulfat und Ali Ghandour (Hrsg.), Islamische Bildungsarbeit in der Schule: Theologische und didaktische Überlegungen zum Umgang mit ausgewählten Themen im Islamischen Religionsunterricht, Springer VS Thomas Bauer, Warum es kein islamisches Mittelalter gab: Das Erbe der Antike und der Orient, C.H. Beck Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATORIN (S. 122) „Lust auf eine glatte Vulva, nach Safran duftend! So eng wie eine Tülle, so voll wie Höcker, dass ein Penis darin ersticken würde. Ja, süßer als Honig ist sie für den Genießer.“ SPRECHERIN … schrieb die Dichterin ʿAmra bint al-Hamāris im 7. Jahrhundert über ihren Körper. Let’s talk about sex – über Jahrhunderte war das in vielen muslimisch geprägten Gesellschaften überhaupt kein Problem. SPRECHERIN Verschleierte, entrechtete Frauen, Polygamie, Harems, Homophobie – die westlichen Vorstellungen über Liebe, Leidenschaft, Sex und Erotik in muslimischen Gesellschaften sind nicht selten von Missverständnissen geprägt. Denn zum einen gibt es nicht DEN Islam, sondern unterschiedliche Entwicklungen, Strömungen und Interpretationen vom 7. Jahrhundert bis heute in verschiedenen Ländern, Kulturen und Gesellschaften auf der ganzen Welt. Zum anderen zeigen Schriften, dass in muslimischen Gesellschaften über Jahrhunderte Sex und Liebe gefeiert und als Geschenk Gottes gesehen wurden, sagt Ali Ghandour. Er lehrt am Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster und hat ein Buch mit dem Titel „Liebe, Sex und Allah – Das unterdrückte erotische Erbe der Muslime“ geschrieben: O-TON 1 (Ghandour 1, 0.02) Ja, es herrschen einige Vorurteile über das Thema. Zum Beispiel Sex ist nicht etwas, was mit der Sünde verknüpft wurde bei Muslimen, der Sex ist nicht per se schlecht oder etwas, was dämonisch ist. Sex ist eher positiv konnotiert in der muslimischen Tradition. MUSIK SPRECHERIN Es ging nicht nur darum, wie Männer ihre Lust und den Genuss maximieren konnten, auch die weibliche Lust spielte eine große Rolle. O-Ton 2 (Ghandour, 1, 0.55) Zum Beispiel in vielen erotologischen Werken wurde die weibliche Lust ziemlich ausführlich thematisiert, sprich: was die Frau zum Höhepunkt bringt. Auch die Anatomie der Frau wurde in diesen Werken studiert, auch sexuelle Positionen, die der Frau eher gefallen. Also, all das finden wir in diesen Werken. Es ist zwar aus einer männlichen Perspektive geschrieben, aber die weibliche Lust, wurde schon ernst genommen. SPRECHERIN So schrieb der Gelehrte Ibn al-Hāddsch im 12. Jahrhundert: ZITATOR (S. 138) „Man sollte nicht wie die Unwissenden handeln, die die Frau ohne jeden Übergang penetrieren. Vielmehr soll man mit der Frau spielen und in einer erlaubten Weise mit ihr kokettieren, durch Berührungen, Küsse und Ähnliches. Erst wenn man merkt, dass sie sich wohlfühlt und für den Akt bereit ist, erst dann kann man mit ihr Geschlechtsverkehr haben.“ SPRECHERIN Das westliche Bild des Harems, geprägt von Männerfantasien – vermittelte den Eindruck, dass muslimischen Männern Dutzende oder gar Hunderte Frauen zur sexuellen Verfügung stehen. Der Franzose Jean Auguste Dominique Ingres malte im 19. Jahrhundert barbusige und nackte Frauen, die sich lustvoll auf Diwanen oder in türkischen Bädern räkelten. Tatsächlich waren Harems einfach die Frauenabteilungen von Herrscherhäusern, in denen neben den Frauen auch Dienerinnen und Sklavinnen lebten. Der Begriff Harem geht auf das arabische Wort „haram“ zurück, was „verboten“ heißt. Der Harem war also ein privater Bereich im Palast, der für Außenstehende tabu war. Eine Zeitzeugin war die Lyrikerin Lady Montagu. Sie lebte mit ihrem Mann, der britischer Botschafter in Konstantinopel war, am Bosporus und besuchte die Gemächer, die den Frauen vorbehalten waren. Sie schrieb, dass die Realität nichts mit den erotischen Gemälden des Orientalismus zu tun hatte, sagt der Islamwissenschaftler Professor Thomas Bauer von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster: O-TON 3 (Bauer, 5.35) Die Lady Montagu, die in dem 18. Jahrhundert herumreiste und sich damals schon mokierte über die ganzen Harems-Schilderungen, auch die Schilderung von Frauen-Bädern von Männern aus dem Westen (…) Lady Montagu sagte, dass sie eben die Einzige war, die auch in Frauen-Bädern war und die sah, wie absurd teilweise die Männerfantasien des Westens waren, die ja in einer Zeit entstanden, die ein sehr gespaltenes Verhältnis auch zur Sexualität hatte. SPRECHERIN Lady Montagu war zudem der Ansicht, dass türkische Frauen generell deutlich bessergestellt waren als britische. O-TON 4 (Bauer, 03:46) Die Lady Montagu sagte, dass die islamische Frau im Grunde freier ist als die britische Frau, weil sie über ihr eigenes Vermögen verfügen kann – was damals ja in England oder auch in Deutschland auch nicht ging. Das heißt, manchmal war die Frau sogar reicher als der Mann, es gibt einen bekannten Fall. Der berühmteste Hadith-Gelehrte überhaupt aus dem 14. Jahrhundert ist Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī. Der hatte die allerhöchsten Ämter inne, war Oberkadi in Kairo und hat im Haus seiner Frau gelebt, die eben noch reicher war. SPRECHERIN Durchschnittliche Muslime hatten keinen Palast und damit auch keinen Harem, Polygamie aber war - wie in anderen patriarchalischen Gesellschaften auch, zum Beispiel bei den alten Persern und den vorislamischen Arabern – erlaubt. Noch heute wird sie in einigen Ländern wie Pakistan, Afghanistan oder Nigeria praktiziert, in anderen Ländern ist sie verboten. Dabei war die Ehe mit mehreren Frauen im Islam aber nie die übliche Lebensform, sagt die Religionspädagogin Meltem Kulacatan von der Goethe-Universität Frankfurt am Main: O-TON 5 (Kulacatan, 17.44) Also (eine Konkubine oder wegen Nebengeräusch) eine Geliebte beziehungsweise mehrere Frauen, das wissen die betroffenen Männer, würde ich jetzt mal sagen - auch in Deutschland, muss man sich erst mal leisten können. Nichts Anderes ist das im Islam. Und es war als Notsituation, Notlösung gedacht für gesellschaftliche Situationen, wo Männer beispielsweise durch Kriege versehrt werden und wo es einen Frauenüberschuss gibt in einem patriarchalischen Kontext, wo Frauen einen Vormund benötigen und hier letzten Endes die Eheschließung mit maximal vier weiblichen Personen - vorausgesetzt, man wird ihnen allen gerecht auf die gleiche Art und Weise - ermöglicht werden sollte. SPRECHERIN Neben der Versorgung von Witwen wurden zum Beispiel auch Zweitfrauen genommen, wenn die Ehe mit der ersten Frau kinderlos blieb, sagt der Islamwissenschaftler Bauer: O-TON 6 (Bauer, ca. 2.40) Wenn man eine Frau heiratete, und man wollte bei ihr bleiben, hat aber festgestellt, dass der Kinderwunsch unerfüllt bleibt, da hat dann oft eine zweite Frau aus dem Dilemma geholfen. Aber man muss ja auch dazu sagen das ist natürlich, die Frauen untereinander sich ja auch irgendwie verstehen müssen – sonst wird die Ehe ja zu einer Hölle. Und in der Tat hat bei einigen Theologen diese Forderung, alle vier Frauen oder alle Frauen eins, zwei, drei (…) oder vier gleichermaßen gerecht zu behandeln, dazu geführt, dass man auch durchaus Verständnis für die (…) Monogamie entwickelt hat und sagte: eigentlich ist es nicht erlaubt. SPRECHERIN Umstritten unter Theologen ist die „Ehe auf Zeit“, eine zeitlich begrenzte Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau. Diese Genussbeziehung – die von schiitischen Strömungen als legitim angesehen wird - kann nur drei Tage oder auch mehrere Jahre dauern. Im Koran heißt es in Sure 4, Vers 24: ZITATORIN (Koran, Rudi Paret) Und verboten sind euch die ehrbaren Ehefrauen, außer was ihr an Ehefrauen als Sklavinnen besitzt. Dies ist euch von Gott vorgeschrieben. Was darüber hinausgeht, ist euch erlaubt, nämlich dass ihr euch als ehrbare Ehemänner, nicht um Unzucht zu treiben, mit eurem Vermögen sonstige Frauen zu verschaffen sucht. Wenn ihr dann welche von ihnen im ehelichen Verkehr genossen habt, dann gebt ihnen ihren Lohn als Pflichtteil! Es liegt aber für euch keine Sünde darin, wenn ihr, nachdem der Pflichtteil festgelegt ist, darüberhinausgehend ein gegenseitiges Übereinkommen trefft. Gott weiß Bescheid und ist weise. SPRECHERIN Die Frau bekommt also eine Ehegabe. Zudem muss der Mann während der Dauer der Verbindung für die Frau aufkommen. Männer, die sich zeitlich befristet verheiraten, können bereits eine Frau haben, Frauen müssen dagegen unverheiratet sein. Serdar Kurnaz, Professor für Islamisches Recht in Geschichte und Gegenwart an der Humboldt-Universität zu Berlin: O-TON 7 (Kurnaz, 11.46) Das ist eine alt-arabischen Tradition, die scheinbar einige Jahre auch (…) während der Lebzeiten des Propheten Mohammed (…) praktiziert worden ist. Die Überlieferungen zeigen, dass er das eine Zeit lang zugelassen hat. Scheinbar soll das die Verhältnisse regulieren, dass wenn jemand sich lange Zeit an einem anderen Ort befindet, (…) das ist eine Beziehung, die man führt, bei der danach ganz klar wird, dass jemand mit jemandem zusammen ist. Und wenn es Kinder aus dieser Ehe gibt beziehungsweise Beziehungen gibt, dann wird dieses Kind dann auch entsprechend identifiziert. SPRECHERIN Die Frauen mussten nach Ablauf ihrer Zeitehe zwei Menstruationszyklen warten, bis sie erneut heiraten durften. Im Iran ist die Zeitehe auch heute noch möglich. Die Kritik der Sunniten an dieser Form der Verbindung lautet, dass sie Prostitution ermöglicht, die es aber sowieso über Jahrhunderte gab. Zeitweise existierten Register, in die sich Prostituierte eintragen mussten. Es gab Tavernen, Bordelle und Unterkünfte, in denen man Prostituierte antraf. Prostitution wurde in mehreren Dynastien besteuert und war ein wichtiger Wirtschaftszweig. In den meisten Epochen wurde das Gewerbe toleriert, manchmal aber auch bekämpft und bestraft, indem Prostituierte zum Beispiel des Viertels verwiesen wurden. ZITATOR (S.82) „Den Wein trägt ein Effeminierter in Frauenkleidung, dessen Schläfe Moringaduft trägt. Er küsst die Trinker, während er sich flink unter uns bewegt. Mal ist er unser Lustgarten für unsere reifen und steifen Hengste, mal ist er unser Schenker und Narzisse.“ SPRECHERIN … schrieb der Dichter Abū Nuwās im 8. Jahrhundert über gleichgeschlechtlichen Sex, der durchaus üblich und verbreitet war. Ali Ghandour: O-TON 8 (Ghandour, 8, 0.18) Zum Beispiel, wenn wir jetzt das 9. und 10. Jahrhundert in Bagdad nehmen, waren die gleichgeschlechtlichen Beziehungen sehr verbreitet, auch unter der Oberschicht, aber auch unter der Unterschicht. Und das Gleiche kann man auch über das 15., 16. Jahrhundert in Ägypten sagen oder später auch über Istanbul sagen. Also, es war schon verbreitet, und in meiner Forschung habe ich kaum ein Phänomen, dass wir heute kennen, was nicht damals auch bekannt war und praktiziert war. SPRECHERIN Dies führte teilweise sogar dazu, dass sich Frauen in Bagdad weniger feminin gaben, um Männern zu gefallen, sagt der Berliner Wissenschaftler Kurnaz: O-TON 9 (Kurnaz, ca. 3.02) Es gab zum Beispiel Frauen, die sich bewusst ähnlich wie die Männer gekleidet haben, um aufzufallen. SPRECHERIN Doch die Frage, ob jemand heterosexuell oder homosexuell veranlagt war, stellte sich lange gar nicht. Diese Kategorisierung stammt aus dem späten 19. Jahrhundert. Thomas Bauer: O-TON 10 (Bauer, 8.22) In den islamischen Kulturen ging man einfach davon aus, dass alle erwachsenen Männer gleichermaßen sich in hübsche, junge Frauen und in hübsche, junge Männer verlieben können, die unterschiedlichen Vorlieben sah man nicht anders an als unterschiedliche Vorlieben beim Essen. Das heißt also, dass sich in einen jungen Mann zu verlieben war für einen Mann etwas, was (…) ihn nicht zur Überlegung brachte, ob er nun eine andere Identität hätte als andere Männer. SPRECHERIN Im Laufe der Jahrhunderte gab es - je nach Rechtsauffassung - gar keine Strafen für gleichgeschlechtlichen Sex bis hin zum Auspeitschen oder der Todesstrafe durch Steinigung. Eine Verurteilung war aber nur dann möglich, wenn vier männliche, muslimische, unbescholtene Zeugen den Akt beobachtet haben. Das heißt, selbst in Epochen, in denen Sex zwischen Männern offiziell bestraft worden ist, wurden diese Strafen fast nie vollzogen. SPRECHERIN Auch Liebes- und Sexbeziehungen unter Frauen sind überliefert. Im 9. Jahrhundert soll eine Dienerin und Sängerin mit dem Namen Badhal vor dem abbasidischen Kalifen al Maʿmūn gesungen haben, dass nichts köstlicher sei als Sex mit einer Frau. Der Kalif soll geantwortet haben, dass der Sex zwischen Mann und Frau besser sei, als lesbischer Sex. SPRECHERIN Dies zeige, so Ali Ghandour, wie ungehemmt am abbasidischen Hof selbst vor den Mächtigen über Sex gesprochen werden konnte. Liebes- und Sexbeziehungen unter Frauen galten zwar als moralisch falsch, lösten aber offenbar keine gesellschaftlichen Debatten aus. SPRECHERIN Über Jahrhunderte waren die Sichtweisen in Bezug auf Erotik, Liebe, Leidenschaft und Sexualität sehr liberal. Zu einem klaren Wandel kam es jedoch im 19. Jahrhundert, so Ghandour: O-TON 11 (Ghandour, 9, 0.12) Durch den Kolonialismus wurden Vorstellungen über die Sexualität und auch eine Sexualmoral verbreitet, die damals ziemlich konservativ war. Wir denken jetzt zum Beispiel an die viktorianische Sexualmoral. Auch die Einführung von neuen Kategorien, mit denen wir die Sexualität normieren, wie zum Beispiel das Perverse, das Nicht-Natürliche… Oder die Gesetze, die von Franzosen und Engländern erlassen wurden, die zum Beispiel die Homosexualität in den Kolonien verbieten. SPRECHERIN Auch der Islamwissenschaftler Thomas Bauer sieht einen deutlichen Anteil des Westens an der heutigen Sexualmoral in muslimisch geprägten Ländern: O-TON 12 (Bauer, 34,38) Also, zuerst hielt man islamische Gesellschaften für unmoralisch, und dachte, man muss sie (…) von diesen schrecklichen Lastern befreien. Heute hält man sie für repressiv und sagt: Man muss sie ja von dieser Repression befreien. Das glaube ich ist wirklich ein wichtiger Punkt. Was im Westen ist, was bei uns hier geschieht, es ist immer universell. Solange wir dachten, dass Liebesbeziehungen zwischen Männern etwas Unordentliches sind und diese Muslime sich in diesen schrecklichen Lastern hier suhlen und damit auch zu keiner richtigen Entwicklung kommen, da ist man hingegangen, hat gesagt: Ihr müsst damit aufhören oder auch Polygamie und ähnlichen Dingen. Heute gilt es bei uns ja als ganz normativ, das ist ja was Gutes bei uns. Jetzt geht man hin und sagt: Ihr müsst euch jetzt befreien und in die andere Richtung gehen. Ich glaube, dass diese missionarischen Botschaften, die vom Westen kommen, der sich immer egal welche Meinung er hat, für universell und für Menschheits bildend hält, dass das ein Übel ist. SPRECHERIN Nach Ansicht von Ali Ghandour gibt es aber noch weitere Aspekte, die zu einem Wandel geführt haben wie die Entstehung von modernen Nationalstaaten oder auch die Entstehung von muslimischen Ideologien, die mehr oder weniger sexfeindlich waren: O-TON 13 (Ghandour, 9, 1.23) Und ein weiterer Grund ist die Landflucht, die im Laufe des 20.Jahrhunderts stattfand und die dazu geführt hat, dass diese alte, urbane, mehr oder weniger bürgerliche Tradition verschwand. SPRECHERIN Tatsächlich sind viele muslimische Gesellschaften heute deutlich konservativer als noch vor ein paar Jahrhunderten. Doch solange es um einen normativen Diskurs geht und einen Bezug auf historische Quellen gibt, fühlen sich viele islamische Gelehrte noch immer frei, detailliert über Sex und Erotik zu sprechen, betont Serdar Kurnaz: O-TON 14 (Kurnaz, 16.30) Zum Beispiel, wenn es darum geht, welche Pflichten hat der Mann gegenüber der Frau in der Ehe in Bezug auf Geschlechtsverkehr, dann werden auch zum Beispiel so Überlieferung zitiert, und dann wird darüber gesprochen, wie genau ein Geschlechtsakt auszusehen hat. (…) Ich glaube, das hat damit zu tun, dass die Gelehrten sich dazu verpflichtet fühlen, vor allem in dem normativen Diskurs (…) detailliert darzustellen, wie, was gemacht werden kann oder was alles erlaubt ist, um auch der Verpflichtung gerecht zu werden, dass sie all das, was sie für richtig halten, den Menschen auch entsprechend kommunizieren. Da fühlen Sie sich frei. Da geht es auch darum, zum Beispiel bestimmte sexuelle Praktiken (…), zum Beispiel Sexspielzeuge zu benutzen, Cremes zu benutzen und so weiter, um die Lust zu maximieren, nehmen sie dann als Anlass, eine normative Aussage darüber zu treffen, - und dann wird es auch recht detailliert und recht offen. SPRECHERIN Moderne Sexualpädagogik für junge Musliminnen und Muslime in Deutschland dreht sich – wie bei jungen Menschen anderer Religionen auch - um Fragen wie: Wie gehe ich mit meinem Körper um? Wie gehen wir mit unserer Lust um? Was bedeuten Verlobung und Hochzeit? Welche Verhütungsmöglichkeiten gibt es? Die Frankfurter Religionspädagogin Meltem Kulacatan: O-TON 15 (Kulacatan, 14.20) Es gibt ja auch Sexualaufklärer/innen - muslimische, die hier pädagogische Arbeit leisten, sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden und in Schweden beispielsweise. Die werden häufig von den jungen Menschen angerufen, auch frequentiert und angefragt. SPRECHERIN Die Religionspädagogin Fahimah Ulfat, Professorin an der Universität Tübingen, plädiert deshalb dafür, dass Sexualität nicht nur im Biologie-, sondern auch im Religionsunterricht thematisiert wird: O-TON 16 (Ulfat, 3.1, 1.20) Ja, im islamischen Religionsunterricht ist es zum Beispiel sehr wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler erkennen, dass Sexualität ein Teil des Menschseins ist. Und dass es auch wichtig ist, die eigene Sexualität nicht zu unterdrücken, sondern sich über seinen eigenen Körper bewusst zu werden, sich ein Bild von den eigenen Genitalien und dem Körperinneren zu machen, das heißt auch, seinen eigenen Körper zu erfahren. SPRECHERIN Viele muslimische Jugendliche befänden sich in einem Spannungsverhältnis zwischen Tabuisierung und Liberalisierung von Sexualität. O-TON 17 (Ulfat, 2, 2.00) Beispielsweise wird in manchen konservativen Familien Sexualität zum Teil tabuisiert. Es wird mit Scham und Respekt verbunden, und man spricht eben nicht darüber und zum Teil wird auch ein enger Zusammenhang zwischen Jungfräulichkeit und Ehre hergestellt. Und mit diesem Konzept der Familienehre gehen auch geschlechtsspezifische Rollenvorstellungen einher. SPRECHERIN Andere junge Muslime kritisierten die traditionellen Rollenbilder und die Moralvorstellungen von Keuschheit und Ehre, so Ulfat: O-TON 18 (Ulfat, 2.48) Sie äußern sich eben kritisch zu den Einstellungen, das Männer zugebilligt wird, sexuelle Erfahrungen vor der Ehe zu sammeln, aber von Frauen erwartet wird, dass sie jungfräulich in die Ehe gehen. Und sie verurteilen auch diese starren Geschlechterrollen und die unterschiedliche Sexualmoral in Bezug auf die Geschlechter. Es gibt aber auch muslimische Jugendliche, die ihre Sexualität als ihre private Angelegenheit ansehen und Sexualität ist dann auch für sie ein selbstverständlicher Teil ihrer persönlichen Identität. Aufklärung findet zum Beispiel innerhalb der Familie sehr früh in einer offenen Art und Weise statt und Ehre wird auch von den Eltern nicht am Sexualleben der Tochter festgemacht. (…) Und dann gibt es natürlich auch Beispiele für junge Musliminnen, die sich eben nicht an diese Virginitätsnorm halten und sexuelle Erfahrungen auch außerhalb der Ehe sammeln. SPRECHERIN Untersuchungen zeigen, dass die Art und Weise, wie Muslime heutzutage in unterschiedlichen Ländern über die Sexualität sprechen, wie sie ihre Sexualität leben, eben nicht nur von der Religion abhängt. Ali Ghandour: O-Ton 19 (Ghandour, Take 11, 0.24) Zum Beispiel die soziale Herkunft oder die Bildung spielen hier eine wesentliche Rolle. Das heißt, in der Oberschicht und in der Mittelschicht, in den urbanen Milieus, in den muslimisch geprägten Ländern wird offener mit dem Thema umgegangen als jetzt auf dem Land oder in bildungsfernen Milieus oder in der Unterschicht. Es ist auch eine soziale Frage, wie man mit dem Thema umgeht, hat auch mit Privilegien zu tun und nicht nur (…) mit der Religion oder mit einem bestimmten Islamverständnis zu tun. SPRECHER / ZITATORIN (abwechselnd) Zügellos. Zurückhaltend. Schamlos. Schambehaftet. Freizügig. Bedeckt. Homophob. Erotisch. Selbstbewusst. Lust-betont. Orgiastisch. SPRECHERIN Es gibt nicht DEN Islam, nicht DIE allgemeingültigen Regeln für Sexualität und Liebe, sondern unterschiedliche Interpretationen, Ausprägungen, Ansichten und Lebensweisen – die je nach Epoche, Region und Gesellschaftsschicht fluide sind.

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