Weltraumteleskope - Vom tiefen Blick ins All
07.12.2023 · 23 Min.
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Unsere "Augen im All" sehen die Welt bunter als wir: im Röntgenlicht, in Gamma- oder Infrarotstrahlung. Seit mehr als 50 Jahren schicken wir sie los, um hinter den Schutzfilter unserer Atmosphäre zu blicken. Die ersten Missionen waren ein einziges Abenteuer - die heutigen aber auch. Autorin: Sophie Stigler (BR 2023)
Credits
Autorin dieser Folge: Sophie Stigler
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Rahel Comtesse, Katja Schild, Frank Manhold
Technik: Susanne Herzig
Redaktion: Iska Schreglmann
Interviewpartner/innen:
Paolo Ferri, früherer Leiter des Missionsbetriebs am ESOC, dem Satellitenkontrollzentrum der europäischen Weltraumorganisation ESA;
Antonella Nota, frühere wissenschaftliche Esa-Projektleiterin Hubble und James Webb;
Steven Finkelstein, Astronom an der University of Texas in Austin
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
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Linktipps:
Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung:
BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG
Wissenschaftsjahr 2023: Das Universum
Im Wissenschaftsjahr 2023 – Unser Universum werfen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft aus vielfältigen Perspektiven einen Blick von der Erde ins All … und wieder zurück. Von Ausstellungen über Schulaktionen bis hin zu Mitmachangeboten: Das Wissenschaftsjahr 2023 lädt dabei Jung und Alt zu einem spannenden Austausch mit Wissenschaft und Forschung ein.
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- Die Tage vor den Tagen - PMS, das prämenstruelle Syndrom
07.12.2023 · 23 Min.
Stimmungsschwankungen bis hin zu depressiven Verstimmungen, Brust- und Unterleibsschmerzen, unreine Haut, Heißhunger, Schlafstörungen - viele Menstruierende leiden unter dem prämenstruellen Syndrom oder prämenstruellen dysphorischen Störungen. Was steckt dahinter und wie kann man den Patientinnen helfen? Autor: Caro Matzko Credits Autor/in dieser Folge: Caro Matzko Regie: Martin Trauner Es sprachen: Thomas Birnstiel, Julia Fischer, Peter Veit Technik: Christine Frey Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Prof. Dr. Med. Vanadin Seiffert-Klaus, Gynäkologische Endokrinologie und Kinderwunsch; Oberärztin der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde im Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München; Daniela Wolf, Autorin des Buches „PMDS“ (TRIAS-Verlag), 1. Deutsche PMDS-Mentorin, Gründerin von Selbsthilfegruppen und Online-Community zum Thema; Prof. Dr. Med. Brigitte Leeners, Klinikdirektorin, Leitung Klinische Forschung für Reproduktions-Endokrinologie am Universitätsspital Zürich; Franka Frei, Autorin des Manifests gegen das Menstruationstabu „Die Periode ist politisch“ (Heyne Verlag) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Der weibliche Zyklus - Lebenskreislauf im Verborgenen JETZT ANHÖREN Hormone - Signalgeber und Botschafter JETZT ANHÖREN Schwangerschaftstests - Emanzipierte Medizingeschichte JETZT ANHÖREN Frauen leiden anders - Männer auch JETZT ANHÖREN Die Gebärmutter, der Uterus - Viel mehr als ein Teil des Geschlechtsorgans JETZT ANHÖREN Wir empfehlen außerdem diese Folge von ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN: FRAUENGESCHICHTEN: Ungewollt schwanger um 1700 JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Daniela Wolf: PMDS - Wege zu einem entspannten Zyklus: Therapie und Selbsthilfe bei extremen Stimmungsschwankungen und Schmerzen. (TRIAS Verlag) Franka Frei: Die Periode ist politisch, ein Manifest gegen das Menstruationstabu (Heyne Verlag) Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZSP 1 (Prof. Leeners - PMS ist eine Krankheit; Franka Frei - PMS ist keine Krankheit Daniela Wolf – Symptome; Vanadin Seiffert-Klauss - Symptome; Franka Frei - Die Periode ist politisch) ZITATOR „Die Geschichte der Menstruation ist eine Geschichte voller Missverständnisse.“ SPRECHER …das war der vermutlich einzige Tampon-Werbeslogan, der berühmt wurde - aus dem Jahr 1994. Und diese missverständliche Geschichte reicht bis in die Antike zurück: Hippokrates, einer der Urväter der Medizin, bezeichnete die Gebärmutter als „Wurzel von tausend Übeln“. Und der Philosoph Platon war der Überzeugung, dass der Uterus, wenn er unbewohnt - also ohne Embryo bliebe - sich in eine Art „Wuterus“ verwandelte, der durch den weiblichen Körper wandern würde, um sich schließlich am Hirn festzubeißen. Und bis heute wird Frauen in einigen Regionen der Welt erzählt, dass sie sich für ihre Periode schämen müssen: SPRECHERIN In Nepal werden Frauen in so genannte Menstruationshütten verbannt, beklagt das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Und in Indien versäumt laut einer Umfrage der UNESCO eines von fünf Mädchen die Schule, sobald die Periode eintritt. SPRECHER Bis heute sind Frauen also damit befasst, die Periode an sich, aber auch die Begleiterscheinungen, zu verstecken und zu verheimlichen. Wobei gerade die Symptome an den Tagen vor den Tagen gewaltig sein können. Die Medizin hat 150 körperliche und psychische Symptome gesammelt, die beim Auf und Ab der Hormone im Lauf des Zyklus auftreten können. Sie alle werden in der Diagnose „PMS“, also prämenstruelles Syndrom, zusammengefasst: MUSIK: „Luicid mind“ – C160849#004 (0:32) SPRECHERIN Wasseransammlungen im Gewebe SPRECHER Stimmungsschwankungen SPRECHERIN Brustspannungen SPRECHER Traurigkeit bis hin zur Depression SPRECHERIN Unterbauchschmerzen und -krämpfe SPRECHER Reizbarkeit und Aggressivität SPRECHERIN Kopf- und Rückenschmerzen SPRECHER Schlafstörungen SPRECHERIN Müdigkeit SPRECHER Konzentrationsstörungen SPRECHERIN Migräne SPRECHER Angstzustände SPRECHERIN Appetitlosigkeit SPRECHER Vermindertes Selbstwertgefühl SPRECHERIN Heißhunger SPRECHER Antriebslosigkeit SPRECHERIN Suizidgedanken MUSIK aus SPRECHER All diese Symptome können einige Tage bis zu zwei Wochen vor der Periode auftreten und verschwinden meist mit dem Beginn der Regelblutung. Wie das PMS, also das prämenstruelle Syndrom, sich anfühlt, kann von Monat zu Monat unterschiedlich sein. Manche Frauen spüren im Alltag kaum etwas, andere fühlen sich stark eingeschränkt. SPRECHERIN Bei einem kleinen Prozentsatz der Frauen werden vor allem die psychischen Symptome des PMS so gravierend, dass dafür ein neuer Begriff eingeführt wurde: die prämenstruelle dysphorische Störung PMDS oder auf Englisch PMDD, premenstrual dysphoric disorder. SPRECHER Prof. Vanadin Seifert-Klauss ist Leiterin der gynäkologischen Endokrinologie am Klinikum rechts der Isar in München. ZSP 2 Vanadin Seifert Klaus - Wer hat alles PMS? „ Ungefähr 95 % aller Frauen bemerken, dass sie kurz vor der Periode andere Symptome haben im weitesten Sinne, andere körperliche Erscheinungsformen haben als zu anderen Phasen des Zyklus. Ungefähr 30 bis 40% haben jemals behandlungsbedürftige prämenstruelle Symptome verspürt vom Schmerz, den man mit einem Schmerzmittel kurz bekämpft über sehr viel stärkere Ausprägungen und endet dann bei der prämenstruellen dysphorischen Störung die gekennzeichnet sind durch emotionale körperliche und verhaltensmäßige Veränderungen während der prämenstruellen Phase ,die mit einem klinisch relevanten Leiden und deutlicher Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit einhergehen. Und das betrifft ungefähr 3 bis 8 Prozent der Frauen.“ SPRECHERIN 95 % der Frauen kennen also das prämenstruelle Syndrom, 3 bis 8 Prozent haben die hierzulande noch recht selten gestellte Diagnose PMDS attestiert bekommen. MUSIK: „music for a decent future“ – C160849#026 (0:52) SPRECHER Fest steht: Dass Frauen sich an den Tagen vor den Tagen mitunter anders fühlen, ist etwas ganz natürliches, das aber trotzdem seit jeher pathologisiert wurde. Schon in der Antike beobachteten die griechischen Gelehrten ein angeblich typisch weibliches Verhalten, das sich jeden Monat aufs Neue wiederholte und das sie „Hysterie“ tauften. Benannt nach einem nur in Frauen entdeckten Organ - der Gebärmutter, griechisch „hystera“. Platon verdächtigte die Gebärmutter, für die so genannte Hysterie verantwortlich zu sein. Heute wissen wir: Nicht die Gebärmutter allein ist für den Zyklus und seine komplexe PMS-Symptomatik verantwortlich, sondern das Auf und Ab der dabei beteiligten Hormone - also der biochemischen Botenstoffe, die für viele zentrale Abläufe und Entwicklungen bei Frau wie Mann verantwortlich sind. Der Endokrinologe Prof. Martin Reincke von der Ludwig-Maximilians-Universität München hat für die Funktionsweise einen sehr schlüssigen Vergleich: ZSP 3 Martin Reincke - aus Hormonfolge Post Vergleich (00:26) „Das Hormonsystem ist ein inneres Kommunikationssystem, das wie die deutsche Bundespost funktioniert. Also ein Brief wird eingeworfen, mit dem Blut an eine andere Stelle transportiert und die Botschaft kommt an. Und wo der Brief wieder geöffnet wird, verändert sich etwas auf zellulärer oder Organ-Ebene.“ SPRECHERIN Beim Menstruationszyklus, der im Schnitt 28 Tage dauert, gibt es vier hormonelle Haupt-Akteure, die jeden Monat aufs Neue ein äußerst kompliziertes und beeindruckendes Zusammenspiel rund um den Eisprung aufführen: MUSIK: „Contradiction“ – C160849#023 (1:35) SPRECHER Akteur Nummer 1: Das follikelstimulierende Hormon FSH SPRECHERIN FSH stößt zunächst einmal die Reifung der Eibläschen - auch Follikel genannt - im Eierstock an. Jeden Monat reift ein Follikel mit einer Eizelle im Inneren heran. Die Follikel produzieren… MUSIKAKZENT // TUSCH?! SPRECHER Akteur Nummer 2: Das Östrogen SPRECHERIN Östrogene sind für den Aufbau der Gebärmutterschleimhaut relevant, die nötig ist, damit sich ein befruchtetes Ei einnisten kann. Der steigende Östrogenspiegel im Blut gibt sodann das Kommando zum Anstieg von LH. Also von… MUSIKAKZENT // TUSCH?! SPRECHER Akteur Nummer 3: das luteinisierende Hormon. SPRECHERIN Das LH gibt nun den Startschuss für den Eisprung. Nachdem ein Follikel geplatzt ist und die Eizelle auf die Reise schickt. Drumherum bildet sich nun der so genannte Gelbkörper. Im Gelbkörper wird nicht nur Östrogen produziert, sondern auch … MUSIKAKZENT // TUSCH?! SPRECHER Akteur Nummer 4: das Progesteron, auch Gelbkörperhormon genannt SPRECHERIN Progesteron unterstützt den weiteren Aufbau der Gebärmutterschleimhaut. Kommt es zu keiner Befruchtung der Eizelle durch ein Spermium, geht der Gelbkörper zugrunde. Die Progesteron- und Östrogenspiegel im Blut sinken wieder, die Gebärmutterschleimhaut wird abgestoßen und es kommt zur nächsten Monatsblutung. Prof. Martin Reincke: ZSP 4 Martin Reincke - Hormonzyklus der Frau Diese 28 Tage passiert jeden Tag etwas anderes, obwohl immer dieselben Hormone beteiligt sind. SPRECHER Im Lauf des Menstruationszyklus verändern sich also die Pegel der beteiligten Hormone. Die Botenstoffe sind durch unseren Blutkreislauf überall im Körper unterwegs - die Gefäße sind so etwas wie ihre Autobahn - ein immer wiederkehrendes Auf und Ab, gleich einer Wellenbewegung. Vom einen Botenstoff wird mehr produziert, während der andere schon wieder abgebaut wird. So weit, so verständlich. Doch bei diesen Auf- und Abbauprozessen der vier hormonellen Hauptakteure entstehen auch so genannte Metaboliten, also Abbauprodukte von Stoffwechselvorgängen, erklärt Prof. Brigitte Leeners vom Universitätsspital Zürich: ZSP 5 Leeners – Hormone und ihre Metaboliten (1:06) „Die ganze Geschichte ist viel, viel komplexer, weil die Hormone haben ganz viele Abbauwege. Und die Metaboliten, die entstehen, haben teilweise auch eine Wirkung. Man weiß nicht genau, welcher Metabolit welche Wirkung wo hat, die Abbauwege sind auch individuell sehr, sehr verschieden. Da spielen auch genetische Voraussetzungen der Frauen SPRECHER Das ist vielleicht auch der Grund, warum das prämenstruelle Syndrom je nach genetischer Disposition, nach Alter und Sensibilität der Betroffenen ganz anders ausfallen kann. Die meisten haben daher auch unterschiedliche Strategien im Umgang mit den Symptomen: SPRECHERIN Von Mönchspfeffer-Tabletten, also einem uralten Heilkraut und der traditionellen Wärmflasche, über Meditation bis zu Schmerzmitteln wie zum Beispiel Ibuprofen, Buscopan oder Paracetamol – die Hausapotheke kann so groß sein wie die Symptompalette. SPRECHER Prof. Vanadin Seifert-Klauss vom Klinikum rechts der Isar in München weiß, was einen „Benefit“ haben kann, also: was wirklich hilft. ZSP 6 Seifert-Klauss: Was hilft gegen PMS? (1:37) „Da gibt’s einige Studien, wo es eine Evidenz für einen Benefit gibt und überraschenderweise ist Kalzium in dieser Zeit vor den Tagen ganz hilfreich. Wenn wir zu wenig Kalzium im Blut haben, dann kann das die Krampfneigung verstärken. Wir wissen auch, dass kohlehydratreiche Ernährung in diesen Tagen sich positiv auswirkt, also da nicht Diät halten. Für Vitamin B gab es einen kleinen Benefit in Studien. Andere Studien haben zu Magnesium, Mönchpfeffer, nicht so eindeutige, sondern eher gemischte Ergebnisse erbracht. Auch Johanniskraut und Gingko gibt es eigentlich keine guten Studien dazu. MUSIK: „Luicis mind“ – C160849#004 (0:32) SPRECHER Wenn die PMS-Symptome, vor allem die psychischen, die Patientinnen an den Tagen vor der Monatsblutung stark mitnehmen - also Angstzustände, depressive Phasen, Aggressivität und Reizbarkeit den Alltag und das Leben beeinträchtigen - dann kann das ein Hinweis auf eine prämenstruelle dysphorische Störung sein. SPRECHERIN So wie bei Daniela Wolf: Sie bekam 2013 die Diagnose PMDS – nach einem jahrzehntelangen Leidensweg und aufwendiger eigener Recherche. ZSP 6b PMDS Daniela Wolf Symptome O-Ton (00:16) „Die Symptompalette war riesig, also körperlich fast alles: Brustschmerzen, Kreuzschmerzen, Ödeme, Migräne, Krämpfe, Kopfschmerzen, Schwindel. Und psychisch war bei mir tatsächlich Impulsivität und Aggressivität sehr stark ausgeprägt.“ SPRECHERIN Daniela Wolf nimmt damals, wie viele Frauen ihrer Generation, jahrelang die Anti-Baby-Pille - bis sie 24 Jahre alt ist. Als sie sie absetzt, verschlimmern sich ihre Menstruationsbeschwerden von Zyklus zu Zyklus. Sie informiert sich, liest sich ein und lässt sich beim Frauenarzt untersuchen. Daniela bekommt die Diagnose „polyzystisches Ovarialsyndrom“, eine Hormonstörung, die sich auf die Eizellreifung auswirkt. Für sie selbst waren jedoch ihre psychischen Reaktionen auf die Schwankungen im Zyklus am gravierendsten. Daniela stößt im Internet auf das Krankheitsbild PMDS- und erkennt sich wieder. Sie druckt alle Fachartikel aus und bringt sie zu ihrem Gynäkologen. Er bestätigt ihre Selbstdiagnose schließlich nach Rücksprache mit einer Kollegin und verschreibt Daniela ein Antidepressivum, das sie täglich einnehmen muss. SPRECHER Prof. Dr. Leeners vom Universitätsspital Zürich hat jedoch auch gute Erfahrungen in der Therapie von PMDS gemacht: mit mikrodosierten Antidepressiva. ZSP 7 Dr. Leeners Microdosing Antidepressiva (1:12) “Normalerweise setzt man Antidepressiva kontinuierlich ein und in Zusammenhang mit dem PMDS wirken sehr niedrige Dosierungen schon. Ich verschreibe das gern mit Präparaten, die man auch mit Tropfen dosieren kann. Das ist die einzige Indikation, bei der man auch in Erwägung ziehen kann und das gute Wirkung gezeigt hat, dass man die nur in der zweiten Zyklushälfte einsetzen kann. Aber das muss man im Einzelfall testen und schauen, ob das die gewünschte Besserung bringt. SPRECHERIN Daniela Wolf hat inzwischen viele Fachartikel gelesen und kennt die Schwierigkeiten bei der Diagnose von PMDS. ZSP 8 PMDS Dani Wolf - PMDS ist lebensgefährlich (00:46) „… mit den Hormonen ist meistens alles in Ordnung. Das wird immer sehr oft falsch dargestellt. Denn das ist die größte Problematik bei der Erkrankung - die Hormone sind meistens in Ordnung in unsrem Gehirn passieren negative Reaktionen auf völlig normale Schwankungen im Zyklus, die alle Menschen mit Uterus haben, diese Schwankungen. Der eklatanteste Unterschied ist: mit PMS ist man nicht suizidgefährdet - PMDS kann aber zum Tod führen.“ SPRECHERIN Daniela Wolf hatte früher in der Woche vor der Menstruation Momente, in denen ihre „innere Dunkelheit“ so unerträglich wurde, dass sie Todessehnsucht spürte. Und sie sagt heute: Viele haben diese Momente, aber sie sprechen darüber nicht gern, weil sie sich dafür schämen. SPRECHER Übrigens: Daniela Wolf - und häufig auch Medizinerinnen und Mediziner - nutzen ganz bewusst die Formulierung „Menschen mit Uterus“, wenn sie über Betroffene sprechen. Denn das schließt auch all diejenigen mit ein, die eine Gebärmutter haben, sich jedoch nicht unbedingt als Frau identifizieren. SPRECHERIN Prof. Vanadin Seifert-Klauss vom Klinikum Rechts der Isar in München empfiehlt Betroffenen mit PMDS ebenfalls, je nach Fall, die Einnahme von Antidepressiva. Doch die Scham und das Stigma, unter depressiven Verstimmungen zu leiden und vielleicht einen Psychiater oder eine Psychiaterin aufsuchen zu müssen, die Antidepressiva verschreiben können, sind groß: ZSP 9 Seifert Klauss: Antidepressiva gegen PMDS (01:06) Viele Patientinnen, die ich in der Hormonsprechstunde gesehen habe, wollten das nicht für sich in Anspruch nehmen. Die haben gesagt: Ich bin doch nicht psychisch gestört. Das ist abhängig vom Leidensdruck und wie man es vermittelt, das kann auch gegen prämenopausale Beschwerden, gegen Hitzewallungen helfen, da werden Vierteldosen diskutiert. Wer suizidale Gedanken hat, muss bitte psychiatrisch Hilfe suchen. Ganz eindeutig. MUSIK: „music for a decent future“ – C160849#026 (0:30) SPRECHERIN Daniela Wolf hat das Antidepressivum geholfen, wieder aktiv zu werden. Sie hat Selbsthilfegruppen gegründet, zuhause und auch online auf Instagram, hat ein Buch geschrieben und coacht Frauen mit der gleichen Problematik. Denn das Alleinsein mit dieser Erkrankung, sagt sie, ist für viele ein großes Problem. Reden helfe - und sie rät, offen mit der Erkrankung umzugehen. ZSP 10 PMDS Dani Wolf - was tun? Der erste und wichtigste Rat ist immer mit einem Tagebuch anzufangen, das zu schreiben. Ein Zyklustagebuch, aber auch in Verbindung mit einem Emotionstagebuch, wie ein klassisches Tagebuch, wo man von seinem Tag erzählt, aber den Zyklus mit einbezieht. SPRECHER Zum Zyklustagebuch raten auch Expertinnen wie Prof. Brigitte Leeners in Zürich. Denn weil alle einen individuellen Zyklus mit individuellen Reaktionen auf die hormonellen Schwankungen haben, muss auch die Therapie darauf abgestimmt werden - sobald die PMDS diagnostiziert wurde. Das eine Medikament gegen die dysphorische Störung kann es gar nicht geben, resümiert Prof. Brigitte Leeners. ZSP 11 Leeners: Therapie/Medikamente (01:15) „Also ich sag mal, ein Medikament, was gezielt ansetzt, das nicht. Die Medikamente, die man hauptsächlich einsetzt mit denen man gegen die Hormonschwankungen im Zyklus einsetzt oder der depressiven Symptomatik entgegenwirkt. Interessanterweise sprechen 40% der Frauen auf eine Pille an, ungefähr 40% auch auf Antidepressiva, manche auf eine Kombination. Ich würde empfehlen, ein ganzheitliches Konzept einzusetzen, wo man Sport und Entspannung einsetzt und schaut, wie weit man die Beschwerden darüber in den Griff kriegt und dann die medikamentöse Therapie mit den Frauen bespricht.“ SPRECHER Sport und Entspannungstraining können nämlich wichtige Helfer sein, PMS oder gar PMDS besser zu bewältigen, denn Stress – das hat die Forschung ergeben - verschlimmert die Beschwerden rund um den Menstruationszyklus signifikant. Vor allem aber sollte jede Betroffene sich und ihre Beschwerden ernst nehmen, raten die Expertinnen, denn genau diesen wichtigen ersten Schritt sind viele noch immer nicht bereit zu gehen, auch weil sie sich für ihre Periode schämen und sie verstecken. Und das geht selbst Ärztinnen wie Vanadin Seifert-Klauss noch so. ZSP 12 Seifert-Klauss: Scham rund um Regelbeschwerden „Ich muss sagen, ich bin aus einer Generation die so, wie Sie geschildert haben, da nicht drüber gesprochen haben. Ich sehe staunend, dass das jetzt viel offener behandelt wird. Und finde das auch nicht schlecht. Ich finde es nur gewöhnungsbedürftig. Und ich selber glaube, dass ich es nicht fertig brächte aus Angst, dass eben dann, wenn man sich mit so etwas typisch Weiblichem identifiziert, dass das im sozialen Kontext auch wieder zu einer Abwertung führen könnte.“ SPRECHERIN Die Abwertung von Frauen aufgrund ihrer Menstruation scheint also wieder so eine „Geschichte voller Missverständnisse“ zu sein, wie es in der Tampon-Werbung vor rund 30 Jahren wörtlich hieß. Die Autorin Franka Frei, die sich selbst als Menstruations-Aktivistin bezeichnet, hat die Kulturgeschichte der Regelblutung in ihrem Buch „Die Periode ist politisch“ zusammengefasst. Die großen Weltreligionen Hinduismus, Islam, Juden- und Christentum bezeichneten laut Franka Frei die Regel früher als Plage oder Strafe Gottes, die die Frau unrein mache, weshalb sich der Mann von blutenden Frauen tunlichst fernhalten sollte. Dieser traurigen Kulturgeschichte der Periode setzt Franka Frei mit ihrem Buch ein Manifest gegen das Menstruationstabu entgegen. Sie will damit Aufklärungsarbeit leisten, weil sie überzeugt ist, dass die Periode instrumentalisiert wurde, um Frauen machtlos zu halten. Es sei, so Franka Frei, die Idee entstanden, dass Frauen, die ihr Tage haben, nicht zurechnungsfähig sind und man habe dies mit zweifelhaften Studien untermauert. ZSP 14 Franka Frei Hysterie und Periode kulturgeschichtlich gesehen (Teil 2) „Man hat diese Wissenschaft dazu genutzt, um zu sagen: Deswegen sollten Frauen nicht wählen, nicht Auto fahren, nicht zur Uni gehen. Und diese Idee hält sich noch ziemlich lange. Sogar die NASA nahm die vermeintlich irrationale Komplexität und Schwankungen von Menschen, die menstruieren zum Argument dagegen, Frauen als Astronautinnen ins All zu schicken. Man sagte: Das ist zu komplex. Eine komplizierte Maschine und eine psycho komplexe Person - das kann nur schlecht ausgehen. Das war ein offizielles Argument der NASA in den 60er Jahren. MUSIK: „luicid mind“ – C160849#004 (0:08) SPRECHER Was ist also dran an der von Platon beschriebenen Hysterie der Menstruierenden? SPRECHERIN Von Hysterie kann keine Rede sein – schon gar nicht während der Regelblutung. Aber: Die meisten Frauen spüren Veränderungen an den Tagen vor den Tagen. Allerdings wird nur ein kleiner Prozentsatz dadurch schwerwiegend eingeschränkt. Sobald die Periode einsetzt, sind die meisten prämenstruellen Symptome vorüber. SPRECHER Und was ist dran an der Idee des so genannten „Period Brain“ - also einem so genannten „Perioden-Hirn“ - die davon ausgeht, dass die Menstruation Auswirkungen auf die Hirnleistung hat? SPRECHERIN Eine Studie aus dem Jahr 2017 am Universitätsspital Zürich rund um die Forscherin und Klinikdirektorin Prof. Dr. Brigitte Leeners hat das widerlegt. Frauenhirne funktionieren vor, während und nach der Periode gleich gut. Aber emotional kann es zu Beeinträchtigungen kommen - für die es jedoch medizinische Hilfe gibt. Daniela Wolf, Autorin von „PMDS - Wege zu einem entspannten Zyklus“ will Mut machen - auch mit ihrer eigenen Patientinnengeschichte. MUSIK: „luicid mind“ – C160849#004 (0:30) ZSP 15 PMDS Dani Wolf - heute Oton „Heute geht es mir viel, viel besser. Ich habe wenige Tage mit Symptomen, habe aber auch zehn Jahre Erfahrung mit allem, was man ausprobieren kann. Ich würde sagen, dass ich die Dani mit PMDS vor vier Jahren nicht mehr bin. Weil ich meinen Weg gefunden habe, mit der Erkrankung umzugehen. Mir geht es mit PMDS besser als noch vor einigen Jahren.“
- Sex im Islam - Liebe, Lust und Leidenschaft
06.12.2023 · 22 Min.
Let's talk about sex! Das Bild des Islam ist konservativ, vor Jahrhunderten aber schrieben muslimische Gelehrte offen über Erotik, Liebe und Sex. Sex wurde wie Essen und Trinken als etwas Natürliches angesehen. Heute ist der Umgang mit Sex im Islam häufig ein anderer. (BR 2021) Autorin: Claudia Steiner Credits Autor/in dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Katja Bürkle, Julia Cortis, Christian Schuler Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Dr. Ali Ghandour, Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster; Dr. Meltem Kulacatan, Religionspädagogin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main; Serdar Kurnaz, Professor für Islamisches Recht in Geschichte und Gegenwart an der Humboldt- Universität zu Berlin; Thomas Bauer, Professor für Islamwissenschaften von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster; Fahimah Ulfat, Professorin und Religionspädagogin an der Universität Tübingen Literaturtipps: Ali Ghandour, Liebe, Sex und Allah – Das unterdrückte erotische Erbe der Muslime, C.H. Beck Meltem Kulacatan, Geschlechterdiskurse in den Medien: Türkisch-deutsche Presse in Europa, Springer VS Fahimah Ulfat und Ali Ghandour (Hrsg.), Islamische Bildungsarbeit in der Schule: Theologische und didaktische Überlegungen zum Umgang mit ausgewählten Themen im Islamischen Religionsunterricht, Springer VS Thomas Bauer, Warum es kein islamisches Mittelalter gab: Das Erbe der Antike und der Orient, C.H. Beck Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATORIN (S. 122) „Lust auf eine glatte Vulva, nach Safran duftend! So eng wie eine Tülle, so voll wie Höcker, dass ein Penis darin ersticken würde. Ja, süßer als Honig ist sie für den Genießer.“ SPRECHERIN … schrieb die Dichterin ʿAmra bint al-Hamāris im 7. Jahrhundert über ihren Körper. Let’s talk about sex – über Jahrhunderte war das in vielen muslimisch geprägten Gesellschaften überhaupt kein Problem. SPRECHERIN Verschleierte, entrechtete Frauen, Polygamie, Harems, Homophobie – die westlichen Vorstellungen über Liebe, Leidenschaft, Sex und Erotik in muslimischen Gesellschaften sind nicht selten von Missverständnissen geprägt. Denn zum einen gibt es nicht DEN Islam, sondern unterschiedliche Entwicklungen, Strömungen und Interpretationen vom 7. Jahrhundert bis heute in verschiedenen Ländern, Kulturen und Gesellschaften auf der ganzen Welt. Zum anderen zeigen Schriften, dass in muslimischen Gesellschaften über Jahrhunderte Sex und Liebe gefeiert und als Geschenk Gottes gesehen wurden, sagt Ali Ghandour. Er lehrt am Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster und hat ein Buch mit dem Titel „Liebe, Sex und Allah – Das unterdrückte erotische Erbe der Muslime“ geschrieben: O-TON 1 (Ghandour 1, 0.02) Ja, es herrschen einige Vorurteile über das Thema. Zum Beispiel Sex ist nicht etwas, was mit der Sünde verknüpft wurde bei Muslimen, der Sex ist nicht per se schlecht oder etwas, was dämonisch ist. Sex ist eher positiv konnotiert in der muslimischen Tradition. MUSIK SPRECHERIN Es ging nicht nur darum, wie Männer ihre Lust und den Genuss maximieren konnten, auch die weibliche Lust spielte eine große Rolle. O-Ton 2 (Ghandour, 1, 0.55) Zum Beispiel in vielen erotologischen Werken wurde die weibliche Lust ziemlich ausführlich thematisiert, sprich: was die Frau zum Höhepunkt bringt. Auch die Anatomie der Frau wurde in diesen Werken studiert, auch sexuelle Positionen, die der Frau eher gefallen. Also, all das finden wir in diesen Werken. Es ist zwar aus einer männlichen Perspektive geschrieben, aber die weibliche Lust, wurde schon ernst genommen. SPRECHERIN So schrieb der Gelehrte Ibn al-Hāddsch im 12. Jahrhundert: ZITATOR (S. 138) „Man sollte nicht wie die Unwissenden handeln, die die Frau ohne jeden Übergang penetrieren. Vielmehr soll man mit der Frau spielen und in einer erlaubten Weise mit ihr kokettieren, durch Berührungen, Küsse und Ähnliches. Erst wenn man merkt, dass sie sich wohlfühlt und für den Akt bereit ist, erst dann kann man mit ihr Geschlechtsverkehr haben.“ SPRECHERIN Das westliche Bild des Harems, geprägt von Männerfantasien – vermittelte den Eindruck, dass muslimischen Männern Dutzende oder gar Hunderte Frauen zur sexuellen Verfügung stehen. Der Franzose Jean Auguste Dominique Ingres malte im 19. Jahrhundert barbusige und nackte Frauen, die sich lustvoll auf Diwanen oder in türkischen Bädern räkelten. Tatsächlich waren Harems einfach die Frauenabteilungen von Herrscherhäusern, in denen neben den Frauen auch Dienerinnen und Sklavinnen lebten. Der Begriff Harem geht auf das arabische Wort „haram“ zurück, was „verboten“ heißt. Der Harem war also ein privater Bereich im Palast, der für Außenstehende tabu war. Eine Zeitzeugin war die Lyrikerin Lady Montagu. Sie lebte mit ihrem Mann, der britischer Botschafter in Konstantinopel war, am Bosporus und besuchte die Gemächer, die den Frauen vorbehalten waren. Sie schrieb, dass die Realität nichts mit den erotischen Gemälden des Orientalismus zu tun hatte, sagt der Islamwissenschaftler Professor Thomas Bauer von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster: O-TON 3 (Bauer, 5.35) Die Lady Montagu, die in dem 18. Jahrhundert herumreiste und sich damals schon mokierte über die ganzen Harems-Schilderungen, auch die Schilderung von Frauen-Bädern von Männern aus dem Westen (…) Lady Montagu sagte, dass sie eben die Einzige war, die auch in Frauen-Bädern war und die sah, wie absurd teilweise die Männerfantasien des Westens waren, die ja in einer Zeit entstanden, die ein sehr gespaltenes Verhältnis auch zur Sexualität hatte. SPRECHERIN Lady Montagu war zudem der Ansicht, dass türkische Frauen generell deutlich bessergestellt waren als britische. O-TON 4 (Bauer, 03:46) Die Lady Montagu sagte, dass die islamische Frau im Grunde freier ist als die britische Frau, weil sie über ihr eigenes Vermögen verfügen kann – was damals ja in England oder auch in Deutschland auch nicht ging. Das heißt, manchmal war die Frau sogar reicher als der Mann, es gibt einen bekannten Fall. Der berühmteste Hadith-Gelehrte überhaupt aus dem 14. Jahrhundert ist Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī. Der hatte die allerhöchsten Ämter inne, war Oberkadi in Kairo und hat im Haus seiner Frau gelebt, die eben noch reicher war. SPRECHERIN Durchschnittliche Muslime hatten keinen Palast und damit auch keinen Harem, Polygamie aber war - wie in anderen patriarchalischen Gesellschaften auch, zum Beispiel bei den alten Persern und den vorislamischen Arabern – erlaubt. Noch heute wird sie in einigen Ländern wie Pakistan, Afghanistan oder Nigeria praktiziert, in anderen Ländern ist sie verboten. Dabei war die Ehe mit mehreren Frauen im Islam aber nie die übliche Lebensform, sagt die Religionspädagogin Meltem Kulacatan von der Goethe-Universität Frankfurt am Main: O-TON 5 (Kulacatan, 17.44) Also (eine Konkubine oder wegen Nebengeräusch) eine Geliebte beziehungsweise mehrere Frauen, das wissen die betroffenen Männer, würde ich jetzt mal sagen - auch in Deutschland, muss man sich erst mal leisten können. Nichts Anderes ist das im Islam. Und es war als Notsituation, Notlösung gedacht für gesellschaftliche Situationen, wo Männer beispielsweise durch Kriege versehrt werden und wo es einen Frauenüberschuss gibt in einem patriarchalischen Kontext, wo Frauen einen Vormund benötigen und hier letzten Endes die Eheschließung mit maximal vier weiblichen Personen - vorausgesetzt, man wird ihnen allen gerecht auf die gleiche Art und Weise - ermöglicht werden sollte. SPRECHERIN Neben der Versorgung von Witwen wurden zum Beispiel auch Zweitfrauen genommen, wenn die Ehe mit der ersten Frau kinderlos blieb, sagt der Islamwissenschaftler Bauer: O-TON 6 (Bauer, ca. 2.40) Wenn man eine Frau heiratete, und man wollte bei ihr bleiben, hat aber festgestellt, dass der Kinderwunsch unerfüllt bleibt, da hat dann oft eine zweite Frau aus dem Dilemma geholfen. Aber man muss ja auch dazu sagen das ist natürlich, die Frauen untereinander sich ja auch irgendwie verstehen müssen – sonst wird die Ehe ja zu einer Hölle. Und in der Tat hat bei einigen Theologen diese Forderung, alle vier Frauen oder alle Frauen eins, zwei, drei (…) oder vier gleichermaßen gerecht zu behandeln, dazu geführt, dass man auch durchaus Verständnis für die (…) Monogamie entwickelt hat und sagte: eigentlich ist es nicht erlaubt. SPRECHERIN Umstritten unter Theologen ist die „Ehe auf Zeit“, eine zeitlich begrenzte Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau. Diese Genussbeziehung – die von schiitischen Strömungen als legitim angesehen wird - kann nur drei Tage oder auch mehrere Jahre dauern. Im Koran heißt es in Sure 4, Vers 24: ZITATORIN (Koran, Rudi Paret) Und verboten sind euch die ehrbaren Ehefrauen, außer was ihr an Ehefrauen als Sklavinnen besitzt. Dies ist euch von Gott vorgeschrieben. Was darüber hinausgeht, ist euch erlaubt, nämlich dass ihr euch als ehrbare Ehemänner, nicht um Unzucht zu treiben, mit eurem Vermögen sonstige Frauen zu verschaffen sucht. Wenn ihr dann welche von ihnen im ehelichen Verkehr genossen habt, dann gebt ihnen ihren Lohn als Pflichtteil! Es liegt aber für euch keine Sünde darin, wenn ihr, nachdem der Pflichtteil festgelegt ist, darüberhinausgehend ein gegenseitiges Übereinkommen trefft. Gott weiß Bescheid und ist weise. SPRECHERIN Die Frau bekommt also eine Ehegabe. Zudem muss der Mann während der Dauer der Verbindung für die Frau aufkommen. Männer, die sich zeitlich befristet verheiraten, können bereits eine Frau haben, Frauen müssen dagegen unverheiratet sein. Serdar Kurnaz, Professor für Islamisches Recht in Geschichte und Gegenwart an der Humboldt-Universität zu Berlin: O-TON 7 (Kurnaz, 11.46) Das ist eine alt-arabischen Tradition, die scheinbar einige Jahre auch (…) während der Lebzeiten des Propheten Mohammed (…) praktiziert worden ist. Die Überlieferungen zeigen, dass er das eine Zeit lang zugelassen hat. Scheinbar soll das die Verhältnisse regulieren, dass wenn jemand sich lange Zeit an einem anderen Ort befindet, (…) das ist eine Beziehung, die man führt, bei der danach ganz klar wird, dass jemand mit jemandem zusammen ist. Und wenn es Kinder aus dieser Ehe gibt beziehungsweise Beziehungen gibt, dann wird dieses Kind dann auch entsprechend identifiziert. SPRECHERIN Die Frauen mussten nach Ablauf ihrer Zeitehe zwei Menstruationszyklen warten, bis sie erneut heiraten durften. Im Iran ist die Zeitehe auch heute noch möglich. Die Kritik der Sunniten an dieser Form der Verbindung lautet, dass sie Prostitution ermöglicht, die es aber sowieso über Jahrhunderte gab. Zeitweise existierten Register, in die sich Prostituierte eintragen mussten. Es gab Tavernen, Bordelle und Unterkünfte, in denen man Prostituierte antraf. Prostitution wurde in mehreren Dynastien besteuert und war ein wichtiger Wirtschaftszweig. In den meisten Epochen wurde das Gewerbe toleriert, manchmal aber auch bekämpft und bestraft, indem Prostituierte zum Beispiel des Viertels verwiesen wurden. ZITATOR (S.82) „Den Wein trägt ein Effeminierter in Frauenkleidung, dessen Schläfe Moringaduft trägt. Er küsst die Trinker, während er sich flink unter uns bewegt. Mal ist er unser Lustgarten für unsere reifen und steifen Hengste, mal ist er unser Schenker und Narzisse.“ SPRECHERIN … schrieb der Dichter Abū Nuwās im 8. Jahrhundert über gleichgeschlechtlichen Sex, der durchaus üblich und verbreitet war. Ali Ghandour: O-TON 8 (Ghandour, 8, 0.18) Zum Beispiel, wenn wir jetzt das 9. und 10. Jahrhundert in Bagdad nehmen, waren die gleichgeschlechtlichen Beziehungen sehr verbreitet, auch unter der Oberschicht, aber auch unter der Unterschicht. Und das Gleiche kann man auch über das 15., 16. Jahrhundert in Ägypten sagen oder später auch über Istanbul sagen. Also, es war schon verbreitet, und in meiner Forschung habe ich kaum ein Phänomen, dass wir heute kennen, was nicht damals auch bekannt war und praktiziert war. SPRECHERIN Dies führte teilweise sogar dazu, dass sich Frauen in Bagdad weniger feminin gaben, um Männern zu gefallen, sagt der Berliner Wissenschaftler Kurnaz: O-TON 9 (Kurnaz, ca. 3.02) Es gab zum Beispiel Frauen, die sich bewusst ähnlich wie die Männer gekleidet haben, um aufzufallen. SPRECHERIN Doch die Frage, ob jemand heterosexuell oder homosexuell veranlagt war, stellte sich lange gar nicht. Diese Kategorisierung stammt aus dem späten 19. Jahrhundert. Thomas Bauer: O-TON 10 (Bauer, 8.22) In den islamischen Kulturen ging man einfach davon aus, dass alle erwachsenen Männer gleichermaßen sich in hübsche, junge Frauen und in hübsche, junge Männer verlieben können, die unterschiedlichen Vorlieben sah man nicht anders an als unterschiedliche Vorlieben beim Essen. Das heißt also, dass sich in einen jungen Mann zu verlieben war für einen Mann etwas, was (…) ihn nicht zur Überlegung brachte, ob er nun eine andere Identität hätte als andere Männer. SPRECHERIN Im Laufe der Jahrhunderte gab es - je nach Rechtsauffassung - gar keine Strafen für gleichgeschlechtlichen Sex bis hin zum Auspeitschen oder der Todesstrafe durch Steinigung. Eine Verurteilung war aber nur dann möglich, wenn vier männliche, muslimische, unbescholtene Zeugen den Akt beobachtet haben. Das heißt, selbst in Epochen, in denen Sex zwischen Männern offiziell bestraft worden ist, wurden diese Strafen fast nie vollzogen. SPRECHERIN Auch Liebes- und Sexbeziehungen unter Frauen sind überliefert. Im 9. Jahrhundert soll eine Dienerin und Sängerin mit dem Namen Badhal vor dem abbasidischen Kalifen al Maʿmūn gesungen haben, dass nichts köstlicher sei als Sex mit einer Frau. Der Kalif soll geantwortet haben, dass der Sex zwischen Mann und Frau besser sei, als lesbischer Sex. SPRECHERIN Dies zeige, so Ali Ghandour, wie ungehemmt am abbasidischen Hof selbst vor den Mächtigen über Sex gesprochen werden konnte. Liebes- und Sexbeziehungen unter Frauen galten zwar als moralisch falsch, lösten aber offenbar keine gesellschaftlichen Debatten aus. SPRECHERIN Über Jahrhunderte waren die Sichtweisen in Bezug auf Erotik, Liebe, Leidenschaft und Sexualität sehr liberal. Zu einem klaren Wandel kam es jedoch im 19. Jahrhundert, so Ghandour: O-TON 11 (Ghandour, 9, 0.12) Durch den Kolonialismus wurden Vorstellungen über die Sexualität und auch eine Sexualmoral verbreitet, die damals ziemlich konservativ war. Wir denken jetzt zum Beispiel an die viktorianische Sexualmoral. Auch die Einführung von neuen Kategorien, mit denen wir die Sexualität normieren, wie zum Beispiel das Perverse, das Nicht-Natürliche… Oder die Gesetze, die von Franzosen und Engländern erlassen wurden, die zum Beispiel die Homosexualität in den Kolonien verbieten. SPRECHERIN Auch der Islamwissenschaftler Thomas Bauer sieht einen deutlichen Anteil des Westens an der heutigen Sexualmoral in muslimisch geprägten Ländern: O-TON 12 (Bauer, 34,38) Also, zuerst hielt man islamische Gesellschaften für unmoralisch, und dachte, man muss sie (…) von diesen schrecklichen Lastern befreien. Heute hält man sie für repressiv und sagt: Man muss sie ja von dieser Repression befreien. Das glaube ich ist wirklich ein wichtiger Punkt. Was im Westen ist, was bei uns hier geschieht, es ist immer universell. Solange wir dachten, dass Liebesbeziehungen zwischen Männern etwas Unordentliches sind und diese Muslime sich in diesen schrecklichen Lastern hier suhlen und damit auch zu keiner richtigen Entwicklung kommen, da ist man hingegangen, hat gesagt: Ihr müsst damit aufhören oder auch Polygamie und ähnlichen Dingen. Heute gilt es bei uns ja als ganz normativ, das ist ja was Gutes bei uns. Jetzt geht man hin und sagt: Ihr müsst euch jetzt befreien und in die andere Richtung gehen. Ich glaube, dass diese missionarischen Botschaften, die vom Westen kommen, der sich immer egal welche Meinung er hat, für universell und für Menschheits bildend hält, dass das ein Übel ist. SPRECHERIN Nach Ansicht von Ali Ghandour gibt es aber noch weitere Aspekte, die zu einem Wandel geführt haben wie die Entstehung von modernen Nationalstaaten oder auch die Entstehung von muslimischen Ideologien, die mehr oder weniger sexfeindlich waren: O-TON 13 (Ghandour, 9, 1.23) Und ein weiterer Grund ist die Landflucht, die im Laufe des 20.Jahrhunderts stattfand und die dazu geführt hat, dass diese alte, urbane, mehr oder weniger bürgerliche Tradition verschwand. SPRECHERIN Tatsächlich sind viele muslimische Gesellschaften heute deutlich konservativer als noch vor ein paar Jahrhunderten. Doch solange es um einen normativen Diskurs geht und einen Bezug auf historische Quellen gibt, fühlen sich viele islamische Gelehrte noch immer frei, detailliert über Sex und Erotik zu sprechen, betont Serdar Kurnaz: O-TON 14 (Kurnaz, 16.30) Zum Beispiel, wenn es darum geht, welche Pflichten hat der Mann gegenüber der Frau in der Ehe in Bezug auf Geschlechtsverkehr, dann werden auch zum Beispiel so Überlieferung zitiert, und dann wird darüber gesprochen, wie genau ein Geschlechtsakt auszusehen hat. (…) Ich glaube, das hat damit zu tun, dass die Gelehrten sich dazu verpflichtet fühlen, vor allem in dem normativen Diskurs (…) detailliert darzustellen, wie, was gemacht werden kann oder was alles erlaubt ist, um auch der Verpflichtung gerecht zu werden, dass sie all das, was sie für richtig halten, den Menschen auch entsprechend kommunizieren. Da fühlen Sie sich frei. Da geht es auch darum, zum Beispiel bestimmte sexuelle Praktiken (…), zum Beispiel Sexspielzeuge zu benutzen, Cremes zu benutzen und so weiter, um die Lust zu maximieren, nehmen sie dann als Anlass, eine normative Aussage darüber zu treffen, - und dann wird es auch recht detailliert und recht offen. SPRECHERIN Moderne Sexualpädagogik für junge Musliminnen und Muslime in Deutschland dreht sich – wie bei jungen Menschen anderer Religionen auch - um Fragen wie: Wie gehe ich mit meinem Körper um? Wie gehen wir mit unserer Lust um? Was bedeuten Verlobung und Hochzeit? Welche Verhütungsmöglichkeiten gibt es? Die Frankfurter Religionspädagogin Meltem Kulacatan: O-TON 15 (Kulacatan, 14.20) Es gibt ja auch Sexualaufklärer/innen - muslimische, die hier pädagogische Arbeit leisten, sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden und in Schweden beispielsweise. Die werden häufig von den jungen Menschen angerufen, auch frequentiert und angefragt. SPRECHERIN Die Religionspädagogin Fahimah Ulfat, Professorin an der Universität Tübingen, plädiert deshalb dafür, dass Sexualität nicht nur im Biologie-, sondern auch im Religionsunterricht thematisiert wird: O-TON 16 (Ulfat, 3.1, 1.20) Ja, im islamischen Religionsunterricht ist es zum Beispiel sehr wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler erkennen, dass Sexualität ein Teil des Menschseins ist. Und dass es auch wichtig ist, die eigene Sexualität nicht zu unterdrücken, sondern sich über seinen eigenen Körper bewusst zu werden, sich ein Bild von den eigenen Genitalien und dem Körperinneren zu machen, das heißt auch, seinen eigenen Körper zu erfahren. SPRECHERIN Viele muslimische Jugendliche befänden sich in einem Spannungsverhältnis zwischen Tabuisierung und Liberalisierung von Sexualität. O-TON 17 (Ulfat, 2, 2.00) Beispielsweise wird in manchen konservativen Familien Sexualität zum Teil tabuisiert. Es wird mit Scham und Respekt verbunden, und man spricht eben nicht darüber und zum Teil wird auch ein enger Zusammenhang zwischen Jungfräulichkeit und Ehre hergestellt. Und mit diesem Konzept der Familienehre gehen auch geschlechtsspezifische Rollenvorstellungen einher. SPRECHERIN Andere junge Muslime kritisierten die traditionellen Rollenbilder und die Moralvorstellungen von Keuschheit und Ehre, so Ulfat: O-TON 18 (Ulfat, 2.48) Sie äußern sich eben kritisch zu den Einstellungen, das Männer zugebilligt wird, sexuelle Erfahrungen vor der Ehe zu sammeln, aber von Frauen erwartet wird, dass sie jungfräulich in die Ehe gehen. Und sie verurteilen auch diese starren Geschlechterrollen und die unterschiedliche Sexualmoral in Bezug auf die Geschlechter. Es gibt aber auch muslimische Jugendliche, die ihre Sexualität als ihre private Angelegenheit ansehen und Sexualität ist dann auch für sie ein selbstverständlicher Teil ihrer persönlichen Identität. Aufklärung findet zum Beispiel innerhalb der Familie sehr früh in einer offenen Art und Weise statt und Ehre wird auch von den Eltern nicht am Sexualleben der Tochter festgemacht. (…) Und dann gibt es natürlich auch Beispiele für junge Musliminnen, die sich eben nicht an diese Virginitätsnorm halten und sexuelle Erfahrungen auch außerhalb der Ehe sammeln. SPRECHERIN Untersuchungen zeigen, dass die Art und Weise, wie Muslime heutzutage in unterschiedlichen Ländern über die Sexualität sprechen, wie sie ihre Sexualität leben, eben nicht nur von der Religion abhängt. Ali Ghandour: O-Ton 19 (Ghandour, Take 11, 0.24) Zum Beispiel die soziale Herkunft oder die Bildung spielen hier eine wesentliche Rolle. Das heißt, in der Oberschicht und in der Mittelschicht, in den urbanen Milieus, in den muslimisch geprägten Ländern wird offener mit dem Thema umgegangen als jetzt auf dem Land oder in bildungsfernen Milieus oder in der Unterschicht. Es ist auch eine soziale Frage, wie man mit dem Thema umgeht, hat auch mit Privilegien zu tun und nicht nur (…) mit der Religion oder mit einem bestimmten Islamverständnis zu tun. SPRECHER / ZITATORIN (abwechselnd) Zügellos. Zurückhaltend. Schamlos. Schambehaftet. Freizügig. Bedeckt. Homophob. Erotisch. Selbstbewusst. Lust-betont. Orgiastisch. SPRECHERIN Es gibt nicht DEN Islam, nicht DIE allgemeingültigen Regeln für Sexualität und Liebe, sondern unterschiedliche Interpretationen, Ausprägungen, Ansichten und Lebensweisen – die je nach Epoche, Region und Gesellschaftsschicht fluide sind.
- Weihnachtsmann & Co - Was hinter den winterlichen Gabenbringern steckt
06.12.2023 · 22 Min.
Er kommt, wenn es kalt wird, hat einen langen Bart, einen dicken Bauch, und er bringt schöne Geschenke. Wer glaubt, diese Figur gibt es nur bei uns, der irrt: Mit anderen Namen kennt man sie sogar in China. (BR 2014) Autorin: Bettina Weiz Credits Autor/in dieser Folge: Bettina Weiz Regie: Martin Trauner Es sprachen: Christiane Blumhoff, Friedrich Schloffer Technik: Ursula Kirstein Redaktion: Bernhard Kastner Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN