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Eisschmelze - Verlorene Lebensräume für viele Tiere

27.02.2025 · 22 Min.

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Über diese Folge

Der Klimawandel macht vielen Tieren in kalten Regionen schwer zu schaffen. Vielen Tieren in der Arktis oder in den Alpen schmilzt ihr Lebensraum unter den Pfoten beziehungsweise Flossen weg. Von Claudia Steiner (BR 2023)

Credits:
Autorin dieser Folge: Claudia Steiner
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Ruth Geiersberger, Thomas Birnstiel
Technik: Susanne Herzig
Redaktion: Bernhard Kastner

Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

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  • Das Rentier - Überlebenskünstler in der Arktis

    03.03.2025 · 24 Min.

    Sie prägen das Bild im äußersten Norden Skandinaviens. Die Tiere haben sich im Laufe der Evolution zu wahren Überlebenskünstlern in den extremen Bedingungen der Arktis entwickelt und sind Symbol für die enge Verbindung zwischen den samischen Ureinwohnern und der Natur. Von Andreas Pehl (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Andreas Pehl Regie: Frank Halbach Es sprachen: Katja Amberger, Rahel Comtesse, Andreas Neumann Technik: Wolfgang Lösch, Laura Picerno Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Gabriela Wagner (Chronobiologin und Rentierforscherin, Tromsø); Rune Normann (Archäologe, Alta); Henrik Gaup (Rentierbesitzer, Tromsø); Inga Ellen Gaup (Lehrerin Rentierwirtschaftsschule, Kautokeino) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Der Vielfraß - Unerschrockener Marder des Nordens JETZT ANHÖREN Der Ochse - Symbol der Güte und Beständigkeit JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: 01 ATMO 775 Klassenzimmer mit Protagonisten SPRECHERIN Preiselbeerzweige, Birkenblätter, getrockneter Tang, Flechten und Moose liegen auf den Tischen im Klassenzimmer. Bestimmungsbücher werden herumgereicht, Pflanzennamen auf Samisch, Norwegisch und Lateinisch fliegen durch den Raum. 02 O-TON SCHÜLERIN Mari Kare 767b OVERVOICE SCHÜLERIN Mari Kare (schon vorhanden) Wir machen ein Herbarium mit 30 verschiedenen Pflanzen, die Rentiere fressen. Im Sommer fressen sie Kräuter und Flechten. Und Blätter fressen sie das ganze Jahr über. 04 ATMO Unterricht auf samisch SPRECHERIN In Kautokeino, ganz im Norden Norwegens, gibt es eine besondere Schule: die Schule für Rentierwirtschaft. Hier lernen Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren neben Mathematik und Englisch alles rund um ein Tier, das die Region prägt und perfekt an die arktischen Lebensbedingungen angepasst ist: das Rentier. Hier im Norden der skandinavischen Halbinsel leben die Rentiere halbwild. In großen Herden ziehen sie mit ihren Besitzern umher, die wie Mari Kare und Anders Inger meist der indigenen samischen Bevölkerung angehören. 05 O-TON SCHÜLER Anders Inger 759a OVERVOICE SCHÜLER Anders Inger (schon vorhanden) Man wächst mit den Rentieren auf. Du bist von Anfang an mit dabei, mit der Familie, die ganze Zeit, schon als kleines Baby. SPRECHERIN Im Sommer waren Mari Kare, Anders [Andasch] Inger und ihre Klassenkameradinnen in der Tundra und am Strand unterwegs, haben Pflanzen gesammelt und getrocknet. Jetzt geht es darum, sie zu sortieren und zu bestimmen. Lehrerin Inga Ellen Gaup [Gäüp] unterrichtet Rentier-Biologie, Unterrichtssprache ist Nordsamisch, die Sprache der Urbevölkerung hier in Nordskandinavien. 07 O-TON LEHRERIN Inga Ellen Gaup 701 OVERVOICE LEHRERIN Inga Ellen Gaup Heute können wir nicht mehr davon ausgehen, dass die Jugendlichen schon in der Familie alles gelernt haben, was man über Rentierwirtschaft wissen muss. MUSIK „The return of the sun.”; ZEIT: 00:35 SPRECHERIN Die eleganten Tiere mit eindrucksvollem Geweih, kuschligem Fell in verschiedenen Grau- und Brauntönen und großen Rehaugen prägen durch ihre Beweidung die Kulturlandschaft der Finnmark. Seit vielen Jahrtausenden leben Menschen hier als Nomaden von und mit den Rentieren. MUSIK ENDE 08 O-TON LEHRERIN Inga Ellen Gaup 724 OVERVOICE LEHRERIN Inga Ellen Gaup Das Rentier ist ein wichtiges Tier, das Menschen mit Essen und Kleidung versorgt und Gesellschaft leistet. Wir nutzen das Rentier auch als Zugtier. Dann kann man mit dem Rentierschlitten fahren, so wie der Weihnachtsmann. Solche Zugrentiere werden speziell gezähmt. SPRECHERIN Die Tiere sind perfekt an ein Leben in der Arktis und Subarktis angepasst – das macht sie auch für die Menschen hier so wertvoll. 09 O-TON Gabriela Wagner 807 (spricht deutsch, keine OV!) Das Gehirn ist darauf angelegt, das Allerbeste aus der Lichtinformation zu machen. Das Timing, die genaue zeitliche Verteilung, wann was passiert im Jahr, das steht im Zentrum von allem, was passiert. SPRECHERIN Gabriela Wagner ist Chronobiologin und arbeitet am Forschungsinstitut NIBIO in Tromsø [Trumsöh]. 10 O-TON Gabriela Wagner 814 Im Gehirn sitzt die biologische Uhr, die sagt: der Tag ist kürzer oder länger als gestern, jetzt müssen wir Fett anlegen, Winterfell wachsen lassen, bald das Geweih loswerden, mehr ruhen, bestimmte Pflanzen essen, viele Pilze, das Gehirn gibt Bescheid, was an den verschiedenen Körperstellen passieren muss. SPRECHERIN Gabriela Wagner forscht unter anderem zur inneren Uhr der Tiere, die mit der Mitternachtssonne im Sommer und der Polarnacht im Winter zurechtkommen muss und die körpereigenen Abläufe steuert. 11 O-TON Gabriela Wagner 816 In der Mitternachtssonne im Sommer und in der Dunkelheit im Winter sind die völlig arhythmisch. Die sind den ganzen Tag und die ganze Nacht aktiv, zumindest in ihrem Verhalten. Aber im Körper drin sind die ganzen physiologischen Vorgänge trotzdem an einem 24-Stunden-Zyklus orientiert. Und das können wir nicht. Da ist vielleicht ein großer Unterschied, dass die Rentiere Wiederkäuer sind. Eigentlich schaut es aus, als ob sie wach sind. Die Augen sind offen, sie können stehen, sie können liegen mit dem Kopf oben. Aber das Gehirn schläft in der Zeit. Und das können wir nicht. Wir können nicht im Büro sitzen und das Gehirn offline aufstellen. MUSIK ZE014880107 „Vårsøg“; ZEIT: 00:45 SPRECHERIN Doch es ist nicht nur das Gehirn, das bei den Rentieren bemerkenswert ist. Ihre Augen passen sich an den Wechsel von Mitternachtssonne und Polarnacht an: eine lichtreflektierende Schicht hinter der Netzhaut ist in der Lage, Struktur und Farbe zu verändern. Diese Umprogrammierung ermöglicht es den Tieren, im Winter auch bei Dunkelheit noch zu sehen, ohne im gleißenden Licht der Mitternachtssonne zu erblinden. Und dann ist da ja noch die Sache mit der Nase. MUSIK ENDE 12 O-TON Gabriela Wagner 809 Ein spannendes Ding ist die Nase. Rudolfs Nase, die berühmte. Die ist, innendrin zumindest, sehr, sehr rot. Die haben ein riesengroßes, kompliziertes Höhlensystem in der Nase drin. Das funktioniert ein bisschen wie eine Wärmepumpe in einem Haus. Wenn es sehr kalt ist, -20°C, wenn du ausatmest, dann weißt du die weiße Wolke, die da kommt, das ist die ganze Feuchtigkeit aus deinem Körper, die kondensiert in der Luft und weg ist. Wenn wir in sehr kaltem Wetter draußen sind, trocknen wir sehr schnell aus. Die Rentiere können in ihrer Nase die kalte Luft reinlassen, kühlen damit ihre Körperluft aus der Lunge ab. Und die Luft, die sie ausatmen, hat dann nur noch 2-3°. Die verlieren fast keine Feuchtigkeit. Und das, was sie einatmen, wird gleichzeitig aufgewärmt. Das ist eine fantastische Konstruktion. SPRECHERIN Auch das Fell ist besonders. Rentierhaare sind hohl, jedes Haar ist dadurch einzeln isoliert. Das garantiert, dass die Tiere nicht erfrieren, auch wenn das Thermometer deutlich unter -40° C rutscht. 13 O-TON Gabriela Wagner 811a Wenn du eine wärmesuchende Kamera aufstellst, die Rentiere wirst du fast nicht sehen. Die tauchen da nicht auf, weil die dermaßen gut isoliert sind. Man sieht eigentlich nur die Augen. Das Fell hat zwei Schichten: die untere Wolle und darüber die dickeren Schutzhaare. Das ist ein extrem guter Wasserschutz. SPRECHERIN Die Nahrung der Tiere: feinste Tundra-Kräuter und Gras, Flechten und Moose und ab und zu frischer, salziger Tang an den Fjorden. Das Herbarium, das die Schülerinnen in Kautokeino anlegen, macht deutlich, wie abwechslungsreich der Speisezettel der Tiere ist. 14 O-TON Gabriela Wagner 804 Rentiere brauchen eher zarte Pflanzen, die weniger Fasern haben. Es sind so ein bisschen Gourmets, die sich ganz genau aussuchen, was sie fressen. SPRECHERIN Die Tiere machen aus dieser Region eine riesige Kulturlandschaft und sorgen dafür, dass die weiten Heidelandschaften nicht verbuschen. Doch als großgewachsener Pflanzenfresser-Gourmet in einer Region zu überleben, in der der Boden rund sechs Monate im Jahr schneebedeckt ist – das fordert eine perfekte Anpassung an die Umwelt. 15 O-TON Gabriela Wagner 803 Die ganze Physiologie von den Rentieren handelt darum, Energie zu sparen und sich langsam zu bewegen, um das Allermeiste aus den Ressourcen zu machen, die sie zur Verfügung haben. Die müssen sie maximal ausnutzen: In erster Linie damit, indem man viel rumsteht und sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. SPRECHERIN Selbst im arktischen Winter können die Tiere frisches Gras und Kräuter fressen: Sie benutzen ihre großen Klauen als Schneeschaufeln und graben sich durch den lockeren arktischen Schnee. Wenn die kräftigeren Rentier-Männchen mit ihren Hufen den Schnee weggescharrt haben, kommen die trächtigen Weibchen und jagen sie weg – sie brauchen das Futter dringender. Das funktioniert, weil die Männchen nach der Brunst im Herbst ihr Geweih verlieren, die Weibchen aber ihr Geweih bis nach der Geburt der Kälber im Frühling behalten – es garantiert Schutz und Status der Mütter. 17 ATMO Rentierherde SPRECHERIN Rund 200.000 Rentiere leben heute in der Finnmark, also im nördlichsten Landesteil Norwegens – nicht wild, sondern gut gehütet von ihren samischen Besitzern. 18 O-TON Gabriela Wagner 832 Niemand weiß so viel über Rentiere wie die Sami. Auch nicht wir Wissenschaftler. Und die haben auch dieses Gefühl, das holistische Verstehen. Die haben ein viel tieferes Verständnis dafür, wie ein Rentier funktioniert in Zeit und Raum. ATMO Gesang geht über in MUSIK ZE014880114 „A hidden life. Main title“; ZEIT: 00:37 SPRECHERIN Jedes Rentier, das in Nordnorwegen unterwegs ist, ist Teil einer privaten Herde, die oft aus mehreren hundert Tieren besteht. Die Tiere werden überwacht, vor Wölfen, Bären, Vielfraß und Adlern beschützt, markiert. Da sie sich in den Weidegebieten mit anderen Herden vermischen, müssen die Herden bei großen Rentierscheidungen im Herbst wieder aufwändig getrennt werden. Dazu werden große Rentierzäune gebaut. Eine dieser Herden gehört Henrik Gaup [Gäüp]. 19 O-TON Henrik Gaup 601 OVERVOICE Henrik Gaup Das ist keine Arbeit, kein Job, das ist ein Lebensstil. Das ist eine Identität. SPRECHERIN Henrik ist in zwei Welten zu Hause: als Rentierbesitzer in der Welt der samischen Ureinwohner, als Verwaltungsangestellter der Stadt Tromsø in der westlichen Welt. 20 O-TON Henrik Gaup 602 OVERVOICE Henrik Gaup Job, Arbeit – das ist der westliche Gedankengang. In der Rentierwirtschaft bist du ein Teil einer Symbiose von Natur, Bergen, Mensch, Tieren. Natürlich ist es Arbeit, aber nicht so, wie der moderne Westen Arbeit definiert. MUSIK „A hidden life. Main title“; ZEIT: 00:55 SPRECHERIN Wilde Rentierherden, die in anderen Regionen der Erde leben, sind regelmäßig mehrere tausend Kilometer pro Jahr unterwegs – soviel wie kein anderes Landsäugetier sonst. Hier in Norwegen sind die Wege nicht ganz so weit. Henrik hat seine Tiere zusammen mit den Herden seiner Brüder im Sommer in den Lyngenalpen nördlich von Tromsø. Den Winter verbringen die Tiere an der rund 400 Kilometer entfernten finnischen Grenze. Vier bis fünf Monate im Jahr sind die Rentiere mit Henriks Familie auf dem Weg zwischen den Weidegebieten. 22 ATMO Rentierherde im Wasser SPRECHERIN Manche Familien haben ihre angestammten Sommerweiden auf den vorgelagerten Inseln – die Tiere schwimmen dann durch Seen und Fjorde. Dabei wirkt ihr Fell wie eine Schwimmweste und verschafft Auftrieb. Die weit spreizbaren Hufe, die sie im Winter wie Schneeschuhe einsetzen, nutzen die Tiere beim Schwimmen dank einer Spannhaut wie Flossen. Mehrere Kilometer durchs Meer schwimmen ist für sie kein Problem. Die Besitzer ziehen mit ihnen und wohnen im Sommer an der Küste, im Winter in der inneren Finnmark. In der Rentierwirtschaft bestimmt nicht der Mensch, sondern die Tiere. Und die richten sich nach ihrer inneren Uhr, nach den klimatischen Bedingungen, die in jedem Jahr anders sein können. MUSIK ENDE 23 O-TON Henrik Gaup 605 OVERVOICE Henrik Gaup Da passiert die Kollision zwischen der westlichen Art zu denken, zu planen: Ja, Henrik, du musst ja planen. Den Plan kann ich schreiben, ein Dokument. Aber die Rentiere sind frei. Du kannst versuchen, sie zu kontrollieren, aber du musst dem Rentier folgen auf seiner Wanderung. SPRECHERIN Trotz Handy und GPS, Schnee Scooter und Quad, Hubschrauber und Drohnen haben sich in der Lebensweise der Menschen viele Abläufe seit Jahrhunderten erhalten, die eng mit dem Zug der Rentiere verbunden sind – von der in die Ohren der Tiere geschnittenen persönlichen Markierung bis hin zum saisonalen halbnomadischen Leben im Lavvu [Lahwú], dem traditionellen Zelt – oder im Wohnwagen. Auch die samische Sprache macht deutlich, wie sehr das Leben der Menschen hier von den Rentieren geprägt ist. ATMO Gesang 25 O-TON Rune Normann 903a OVERVOICE Rune Normann Gleich nach der Eiszeit, als das Eis hier geschmolzen ist und sich zurückgezogen hat, sind die Rentiere hinterher gezogen. Das bedeutet auch, dass die Menschen diesen Tieren gefolgt sind. SPRECHERIN Rune Normann [Rüne Nuhrman] ist Archäologe. Er hat sich auf steinzeitliche Felskunst spezialisiert und arbeitet im Museum in Alta. Die Felsritzungen von Alta, UNESCO-Welterbe, sind vor etwa 7.000 Jahren entstanden. Auf derzeit 120 bekannten Felsflächen sind rund 6.000 Figuren in den Stein geritzt. 26 O-TON Rune Normann 902-903b OVERVOICE Rune Normann Von diesen 6.000 Figuren sind 1.500 Rentiere. Das zeigt ja schon, dass das Rentier eine extrem wichtige Bedeutung für die Menschen hatte. MUSIK „A hidden life. Main title“; ZEIT: 00:26 SPRECHERIN Rentiere in unterschiedlichen Größen sind als Umrisse in den Felsen geschlagen, dazu Elche, Bären, Fische, Menschen – je nach Lichteinfall leicht zu erkennen, manchmal dauert es etwas länger, bis das Auge den Kontrast zwischen Felsen und Ritzung erkennt. Und bei manchen Feldern haben die Archäologen mit roter Farbe nachgeholfen. MUSIK ENDE 27 O-TON Rune Normann 904 OVERVOICE Rune Normann Links sehen wir eine Rentierherde und einen Mann mit Pfeil und Bogen. Der Köcher liegt neben ihm am Boden. Das bedeutet: Er hatte Zeit. Es ging nicht darum, auf Jagd zu gehen und zufällig auf ein Rentier zu treffen. Hier reden wir davon, zu einer bekannten Stätte zu gehen, wo du weißt: Hier kommt die Herde der wilden Rentiere vorbei. Ansitzjagd würden wir das heute nennen. SPRECHERIN Sie sind auch ein immerwährender Kalender aus der Steinzeit, eine Darstellung, wie sich die Rentiere im Laufe eines Jahres in der Landschaft bewegen. Risse und Unebenheiten wirken wie eine Landkarte mit Flüssen und Bergen; mittendrin: die Herden. Und dann gibt es eigenartige Ritzungen, mehrere Meter groß: eine Art Eisenbahnschienen, die in der Form vierblättriger Kleeblätter um eine Rentierherde herumführen. 29 O-TON Rune Normann 913 OVERVOICE Rune Normann Das ist ein 7.000 Jahre alter Rentierzaun. Man treibt die Tiere in diese Öffnung hier hinein, dann kann man das Ganze schließen. Die Herde beginnt im Kreis zu gehen. Das ist die natürliche Reaktion der Rentiere. Wenn sie mal im Kreis laufen, bleiben sie dabei. Und dann kannst du anfangen, einzelne Tiere von der Herde zu trennen. Die kommen in den anderen Bereich dieses Kleeblattes und fangen dort an, herumzugehen. Wenn du das viermal machst, dann hast du eine große Herde aufgeteilt in vier kleine Herden, die viel besser zu hantieren sind. SPRECHERIN Ganz ähnliche aufgebaute Zäune nutzen die Sami heute noch, wenn sie die Herden sammeln, Schlachttiere aussuchen oder die Kälber markieren. MUSIK „A hidden life. Main title“; ZEIT: 00:19 SPRECHERIN Ohne die Felskunst in Alta mit den rund 1.500 Rentieren wüssten wir nichts davon, wie die Menschen hier seit vielen tausend Jahren zusammen mit und von den Rentieren leben, wie die Tiere den Jahreslauf der Menschen bestimmen. MUSIK ENDE 31 O-TON Rune Normann 919b OVERVOICE Rune Normann Es wurde unter Archäologen spekuliert: haben sie damals schon versucht, auf Rentierwirtschaft mit zahmen Tieren umzustellen? Ist es ihnen in einem gewissen Grad sogar gelungen? Darüber können wir spekulieren. Auf jeden Fall wusste man sehr viel über das Verhalten der Rentiere, schon vor 7.000 Jahren und sicher noch länger. SPRECHERIN Rune Normann betont allerdings, dass die Menschen, die diese Felskunst geschaffen haben, keine direkten Vorfahren der Sami heute sind, trotz aller erkennbaren Parallelen. 32 O-TON Rune Normann 919a OVERVOICE Rune Normann Man muss hier oben von den Rentieren leben, wenn man ein Naturvolk ist. Aber das bedeutet nicht, dass es samisch ist oder norwegisch. Das bedeutet nur, dass die Menschen von der gleichen Natur gelebt haben. MUSIK „Vårsøg“; ZEIT: 00:18 SPRECHERIN Heute ist diese Natur und damit der jahrtausendealte Lebenskreis der Tiere in Gefahr. Der Klimawandel bringt große Veränderungen hier in der Arktis und Subarktis, beobachtet auch Gabriela Wagner. MUSIK ENDE 33 O-TON Gabriela Wagner 821 Das Wetter hat sich massiv verschoben. Wir haben viel nasseren und viel mehr Schnee. Das ist ungewöhnlich in der Arktis. Arktischer Schnee ist trocken und fast staubig. Und dafür sind die Rentiere eigentlich angepasst, diesen ganz trockenen leichten Schnee wegzugraben. Und das andere sind diese Rain-on-Snow-Events, heißt das in der Klimaforschung. Wir haben einen gefrorenen Boden oder Schnee, und dann regnet es rein und dann wird es wieder kalt und es friert. D.h., wir haben mehrere Eislagen in der Schneelage. Und das ist natürlich etwas, wo die Rentiere mit den Hornhufen nicht durchgraben können. D.h., dass die Rentiere, die eigentlich an den arktischen Winter angepasst sind, plötzlich im arktischen Winter verhungern. Und das ist jetzt das, was fast jedes Jahr passiert und in immer größerem Ausmaß. SPRECHERIN Die Besitzer müssen zufüttern, derzeit noch oft mit Pellets aus südamerikanischem Soja – das ist teuer und durchbricht den uralten Kreislauf in der empfindlichen arktischen Natur. Doch nicht nur der Klimawandel bedroht Rentiere und die traditionelle Rentierwirtschaft. Städtewachstum, der Ausbau der Infrastruktur und vor allem die Suche nach Bodenschätzen und die Errichtung von Windparks und Staudämmen, auch durch deutsche Energieunternehmen, zerstören Lebensraum und Weidegebiete, Stromleitungen werden zu unüberwindlichen Barrieren beim Zug der sensiblen Rentiere. 34 O-TON Gabriela Wagner 818 Rentiere können UV-Licht sehen. Das wissen wir erst seit ein paar Jahren. Es ist wahrscheinlich, dass die Stromleitungen für die Rentiere aussehen wie blitzende Lichter, die in der Landschaft hängen. Das andere ist: dort wo die Stromleitungen sind, wird die Vegetation runtergeschnitten. Die Rentiere sind gerade im Winter gewöhnt, dass sie durch den Wald gehen, wo sie geschützt sind. Allein die Tatsache, dass da keine Bäume sind, kann ein Hinderungsgrund sein. SPRECHERIN Wenn die Rentiere weniger werden, dann besteht auch die Gefahr, dass die Kulturlandschaft der Finnmark mit ihren weiten Heideflächen, die viel CO2 speichern können, verschwindet. Möglicherweise spielen die Rentiere auch für unser Klima eine wichtigere Rolle, als es zunächst scheint – doch derzeit gibt es dazu noch zu wenige Forschungsdaten. 35 ATMO 775 Klassenzimmer mit Protagonisten SPRECHERIN Auch wenn die Zukunft der Rentiere und der samischen Rentierwirtschaft derzeit nicht besonders rosig erscheint: Junge Menschen gibt es genug, die diese Traditionen weiterführen möchten – Karen Rita, Mari Kare und Nilsson an der Schule in Kautokeino gehören dazu. Nach der Schule chillen vor dem Bildschirm? Dafür ist nicht so viel Zeit. 36 O-TON SCHÜLERIN Mari Kare 771 OVERVOICE SCHÜLERIN Mari Kare (schon vorhanden) Heute fahre ich in das benachbarte Weidegebiet. Wir sind gerade fertig, die Kälber zu markieren. Und jetzt helfen wir mit und schauen auch, ob sich Tiere von uns in die andere Herde verlaufen haben. 38 O-TON SCHÜLERIN Karen Rita 772 OVERVOICE SCHÜLERIN Karen Rita (schon vorhanden) Ich zähme Kälber, weil ich Rentiere auch als Zugtiere haben möchte. Da werde ich heute Nachmittag hinfahren, sie füttern und mit ihnen unterwegs sein. MUSIK „A hidden life. Main title“; ZEIT: 01:02 SPRECHERIN Gabriela Wagner ist zuversichtlich, dass die Rentiere auch weiterhin ein Teil der großartigen Kulturlandschaft des Nordens bleiben und als Überlebenskünstler in der Arktis Touristen auf ihrer Reise ans Nordkap mitten auf der Straße im Weg stehen werden. 39 O-TON Gabriela Wagner 825 Bei all den Klimaänderungen und den Auswirkungen in der Wirtschaft, in der Landwirtschaft ist meine Hoffnung, dass die Rentiere sich über viele, viele tausend Jahre an sehr viele unterschiedliche Verhältnisse angepasst haben und das auch weiterhin tun werden. Darin liegt vielleicht auch unsere Hoffnung. Und wir müssen ihnen den Platz geben, den die Rentiere brauchen und den die Sami brauchen. MUSIK ENDE

  • Vom Comic ins Kino - Konjunktur der Superhelden

    27.02.2025 · 23 Min.

    DC und Marvel - das sind die US-Comic-Verlage, die seit 1939 die Bild-Geschichten von Superhelden wie Superman und Batman, Die Fantastischen Vier oder Spiderman veröffentlichen. Ob als Comic oder Film - die Abenteuer der "Über-Menschen" faszinieren bis heute ein junges Publikum. Von Markus Mayer Credits Autor dieser Folge: Markus Mayer Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Robert Dölle, Ditte Ferrigan, Christiane Klenz, Jay Rutledge Technik: Andreas Lucke Redaktion: Karin Becker, Katharina Hübel-Gohr Im Interview: Andreas Platthaus, Comic-Experte & Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: eat.READ.sleep - Bücher für dich Nach einer literarischen Vorspeise servieren Katharina Mahrenholtz, Daniel Kaiser und Jan Ehlert aktuelle Neuerscheinungen und Lieblingsbücher. Für die Bestseller-Challenge lesen sie sich durch die Titel der aktuellen Top Ten - kneifen gilt nicht, deutliche Meinung ist erwünscht! Beim Quiz können alle ihr Literatur-Wissen testen und Fun Facts für die nächste Party sammeln. Dazu gibt es Interviews mit Büchermenschen und Insights aus der Buchbranche. JETZT ENTDECKEN Linktipps: Marvels Superhelden. Götter unserer Zeit. April/Mai-Ausgabe der Schweizer Kulturzeitschrift Du. Nr. 927. Hg. V. Du Kulturmedien KAG, Bätzibuck 5, CH-8307. Anlässlich der Marvel-Ausstellung in Basel versammelt der Band aufschlussreiche Interviews, Analysen und Hintergrundberichte zum Thema Marvel und den Marvel-Superhelden. Mit zahlreichen, farbigen Abbildungen. Comics richtig lesen. Von Scott McCloud, illustriert von Scott McCloud. Carlsen-Verlag 2001. Der Comicautor und Comictheoretiker klärt in einem Comicstrip, also mit Comic-Bildern auf, wie die Kunstform Bildgeschichte funktioniert, was Seitenaufteilung und Panelgestaltung möglich machen und zur Erzählung beitragen. Standardwerk zum Medium Comic & Graphic Novel. Comic Welten. Geschichte und Struktur der neunten Kunst. Hg. V. Harald A. Havas & Gerhard Habarta. Edition Comic Forum Wien. Ausstellungskatalog 1993. Darin Kapitel 6, 7, & 8: Grossstadthelden: Superman, Grossstadthelden: Batman & Superwelten – Superhelden. S. 52 - 87. Launige, aufschlussreiche Abhandlung der Superhelden-Comics von DC und Marvel, leicht überholt, da die bahnbrechenden Verfilmungen von Marvel nach der Jahrtausendwende noch nicht berücksichtigt werden konnten. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Zitator: It‘s A Bird? Zitatorin: It’s a Plane? Zitator & Zitatorin: It’s Superman! Sprecherin Im Juni 1938 erscheint das erste bunte Heftchen mit Superman auf dem Umschlag. 64 Seiten umfasst der Comicstrip, also die gezeichnete Bildfolge, mit Abenteuern des Superhelden. Superman heißt mit bürgerlichem Namen Clark Kent, aber eigentlich ist er ein Außerirdischer vom Planeten Krypton. Sprecher Nur 10 Cent kostet das Heft. Niemand ahnt, dass mit diesem ersten Heft der Reihe Action Comic, einem nicht besonders hochwertigen Druckerzeugnis, die Weltkarriere des ersten aller Superhelden beginnt. Sprecherin Endlich ist es Jerry Siegel und Joe Shuster, den Erfindern der Figur, gelungen, Superman, der im Alter von drei Jahren von seinem Heimatplaneten in einem Raumschiff auf die Erde geschickt wird, als Protagonisten einer Heftchenreihe unterzubringen. Jahrelang wird die Idee des menschengleichen Helden mit Superkräften von Zeitungen und Verlagen als pubertär und kindisch verworfen. MUSIK 2 ( Laurie Anderson: O Superman 0’57) SPRECHERIN Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg beginnt, erhält die Geschichte dieses Übermenschen, den sich die beiden Science-Fiction- Fans ausgedacht haben, eine weitere Bedeutung. Ein unbesiegbarer, unverwundbarer Superheld auf Seite der Vereinigten Staaten? Irgendwie beruhigend... Superman kann fliegen, er hat Superkräfte und Superpuste, außerdem kann er, wenn es sein muss, mit Röntgenblick Dinge sehen, die normalerweise verborgen sind. SPRECHER Während der Kriegsjahre werden Superman-Hefte zum beliebtesten Lesestoff der GI’s, der jungen amerikanischen Soldaten. 800 tausend Exemplare macht damals die Auflage der Action Comics aus - eine Heftchenreihe, in der neben anderen auch Superman-Abenteuer zu sehen sind. Hefte ausschließlich mit Geschichten des „Stählernen“, wie ihn Fans nennen, setzen mehr als eineinviertel Millionen ab. Hinzu kommen Superman-Comicstrips, die in über 250 Sonntagszeitungen abgedruckt werden. Während der Kriegsjahre gibt es zudem Superman-Radiosendungen und ab 1941 Zeichentrickfilme. MUSIK 3 (Alan Silvestri: Captain America Main Titles 0’56) SPRECHERIN 1941 erscheint im New Yorker Verlag Timely Publications, einem Vorläufer des Marvel-Verlags, eine weitere Heftchenreihe mit einem patriotischen Superhelden: Captain America. So nennt sich Steve Grant Rogers, ein fiktiver US-Amerikaner, der seinem Land als Soldat dienen will. Er wird ausgemustert, erhält aber in einem geheimen Experiment ein Serum, das zu physischen Höchstleistungen verhilft. Weil der Wissenschaftler, der das Serum entwickelt hat, von einem Nazi-Agenten ermordet wird, bleibt Rogers der einzige Superkämpfer. Fortan nennt er sich Captain America, erkennbar an seinem Kostüm und seinem Schild, das Teile der National-Flagge enthält. Captain America bekämpft Nazis, Saboteure und Spione. SPRECHER Der Journalist Andreas Platthaus von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ein ausgewiesener Comic-Experte, erklärt, wer die Macher dieser ersten Superhelden-Comics sind. ZSP Andreas Platthaus – Umfeld Das Umfeld der mittleren bis späten 30er Jahre, als die Superhelden entstanden sind, muss man sich vor allem sehr städtisch vorstellen und aus einer sehr, sehr armen Gegend stammend die meisten Leute, die damals tätig wurden, als Zeichner, als Szenaristen. Und es gab dabei durchaus einige Frauen, die in Hilfsjobs da tätig waren. Die kamen von ganz unten. Die kamen aus den relativen Elendsvierteln von europäischen Einwanderern, und dementsprechend fanden die in den Superhelden eine Art Kompensation für ihr eigenes Schicksal. MUSIK 4 (Sammy Timberg: Superman March 0’50) SPRECHER Wie viele Comickünstler der damaligen Zeit ist auch Superman Migrant. Schließlich kommt er ja vom Planeten Krypton, was es aber zu verbergen gilt, denn er will gleichberechtigt und integriert leben. Die Erfinder und Gestalter dieser Figur, häufig jüdische Migranten oder Kinder jüdischer Einwanderer, beschreiben hier in gewisser Weise ihr eigenes Schicksal anhand einer allmächtigen Heldenfigur, die ein Doppelleben führt. Sie scheinen mit der Figur des unverwundbaren Übermenschen den USA auch gleichsam den Rücken stärken zu wollen, schließlich befinden sich die Vereinigten Staaten im Krieg gegen demokratieverachtende Nazis und die Achsenmächte. ZSP Andreas Platthaus – Jüd. Künstler dominieren I. Dass etliche der Zeichner damals jüdisch waren, hat damit zu tun, dass sehr, sehr viele Juden seit dem Ende des 19. Jahrhunderts aus Europa gekommen waren. Die osteuropäischen Pogrome hatten zu einer Auswanderungswelle geführt und dabei waren sehr viele Leute vor allem aus ländlichen Regionen, aus Handwerkerberufen und so etwas nach Amerika gekommen, die aber dort nicht unbedingt sofort Anstellungen wieder fanden in den Bereichen, die sie kannten, weil sie in den Städten blieben. Und da gab es dann vor allem Industriejobs und ähnliches, damit ließ sich nicht viel Geld verdienen, und dementsprechend war das Comic-Geschäft eine Art Ausstiegsoption. Da konnte man mit künstlerischer Begabung, die natürlich etliche Leute davon besaßen, tatsächlich etwas machen. MUSIK 5 (The Chamber Orchestra Of London: First Mission 0’31) SPRECHERIN Ein Comic-Held wie der patriotische Captain America ist pure Propaganda. Erwartungsgemäß flaut nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg das Interesse an solchen, eindimensionalen Superhelden ab. Comichefte von Superman und Batman, die im New Yorker DC-Verlag erscheinen, bleiben aber weiterhin attraktiv, auch weil die Protagonisten höchst plausibel gestaltet sind. MUSIK 6 ( Prince: Batdance – Prince 0’36) SPRECHER 1939 veröffentlicht DC, die Abkürzung von Detective Comics, erstmals einen Band, in dem die Batman-Figur auftaucht. 1940 erhält der Fledermausmann eine eigene Heftchenreihe. SPRECHERIN Ausgedacht haben sich Batman der Autor Bill Finger und der Zeichner Bob Kane. Finger liebt sogenannte Pulp Fiction, Heftchenromane, die auf billigem, stark holzhaltigem Papier, im Amerikanischen Pulp genannt, gedruckt werden. In diesen Spannungsgeschichten ist der Held ähnlich wie Batman aus wohlhabendem Milieu - eine Figur, die es sich leisten kann, Detektiv zu spielen. Weil Szenarist Bill Finger zudem Expressionismus-Fan ist, spielen Batmans Abenteuer immer bei Nacht in einer dystopischen, düsteren Großstadt, einem anonymen Häusermeer, von Straßenschluchten durchzogen. SPRECHER Gotham City nennt Bill Finger diesen Ort, ein Synonym für Manhattan in New York. Finger erfindet auch Nebenfiguren wie den Commissioner James Gordon und Butler Alfred. Sie rufen oder unterstützen Batman alias Bruce Wayne, einen milliardenschweren Erben, der nach außen als Playboy auftritt. SPRECHERIN Bruce Wayne muss als Kind erleben, wie ein Gangster seine Eltern bei einem Raubüberfall erschießt, nachdem sie mit ihrem Sohn ein Kino besucht haben. Der verwaiste Junge schwört daraufhin Rache und wird zum Kämpfer für Gerechtigkeit. Bruce Wayne hat zwar keine Superkräfte, studiert aber Chemie, Kriminalistik, Mathematik und Physik und trainiert sich Kampfkünste an. Unter seiner Villa richtet er eine geräumige Höhle ein, die ein Labor und eine Garage für die Batmobile umfasst. SPRECHER Bruce Wayne, der die Stadt vom Verbrechen befreien will, inszeniert sich mit Kostüm und Maske als Fledermaus - ein Wesen, das lautlos durch die Nacht gleitet, - ein Regulator der Natur, der hilft, Schädlinge und Insekten zu reduzieren. MUSIK 7 ( Neal Paul Hefti: Batman 0’24) SPRECHERIN Comic Strips, gezeichnete Bildfolgen, sind in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das perfekte Medium, um die imaginären Abenteuer von Superman und Batman in Szene zu setzen. Denn: Filme, die bis dato hauptsächlich im Studio gedreht werden, können Handlungen, die im Weltraum oder in der Stratosphäre spielen, nicht überzeugend abbilden. Im gezeichneten Bild hingegen bereitet das keinerlei Probleme. Trotzdem verliert das Comic-Genre in den 50er Jahren an Popularität. Das hat zum Einen mit dem Fernsehen zu tun, das jetzt Einzug hält in die Haushalte und Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es hat zum Anderen damit zu tun, dass Comics während der McCarthy-Ära als minderwertig eingestuft werden – sie seien, heißt es, gefährlicher Schund, der die Jugend verderbe. SPRECHER Die Comic-Produzenten formulieren jedenfalls, um das Geschäftsmodell aufrecht zu erhalten, den sogenannten Comics-Code, ein selbstauferlegtes Regelwerk, dem sich die Branche unterwirft, eine Form der Selbstzensur. Nacktheit ist ab jetzt im Comic ebenso Tabu wie Drogenkonsum, Homosexualität, Scheidungen oder Flüche. Comic-Kenner Andreas Platthaus: ZSP Andreas Platthaus – Folgen der Krise der 50er I. gadgets Die Krise der 50er-Jahre (über den Comic Code) hat dazu geführt, dass bestimmte Geschichten nicht mehr so erzählt werden konnten, wie es vorher der Fall war. Es konnte nicht mehr so gewalttätig sein, es konnten auch beispielsweise keine Schurken mehr sterben, was vorher noch durchaus üblich gewesen ist. Und dementsprechend musste man andere interessante Dinge für eine jugendliche Leserschaft finden. Und da waren technische Gadgets natürlich sehr, sehr interessant. Plötzlich wurden die Superhelden viel aufwendiger ausgerüstet, als das vorher der Fall war, weil man mit solchen Sachen begeistern konnte. MUSIK 8 ( Anne Clark - Sleeper in Metropolis 0’24) SPRECHERIN Batman hat beispielsweise von Anfang an einen Gürtel mit diversen, nützlichen Utensilien, mit Robin, seinem jungen Helfer, begibt er sich im Batmobil, einem phantastischen Vehikel auf Verbrecherjagd. Technische Elemente wie Gürtel und Fahrzeuge werden in den 50er Jahren ausführlich dargestellt. SPRECHER Zu Beginn der 60er Jahre geht in New York ein neuer Verlag an den Start, der wegweisend wird für das Comic-Geschäft. Marvel Comics mischt mit Reihen wie den Fantastischen Vier, Spiderman, Hulk und Thor, um nur einige zu nennen auf, die Comic-Branche auf. ZSP Andreas Platthaus - Krise der 50er & Leserbindung Man brachte ein neues Identifikationsmoment hinein, indem man die ganzen Helden mehr an den Alltag ihrer Leserschaft heranführte, dass es vor allem um die große Errungenschaft des Marvel-Verlags gewesen. Wenn man da plötzlich sieht, dass jemand wie Peter Parker aus einer Schule kommt und durch einen Biss einer radioaktiven Spinne zum Superhelden wird, dann ist das zwar vielleicht nicht das, was man sich selbst erträumt. Aber zumindest bringt einem das diese Figur wieder sehr, sehr nah und so abstrus das Ganze auch ist, war das dann etwas, womit man sich tatsächlich als jugendliche Leserinnen oder Leser, da waren es dann vor allem doch nur Männer, identifizieren konnte. MUSIK 9 ( Metroboomin & Future - Superhero (Heroes & Villains) 0’27) SPRECHERIN Die Superhelden von Marvel sind nicht per se besonders, sondern Repräsentanten der weißen Mittelklasse, aus der sich auch die Leserschaft rekrutiert. Ihre Superkräfte erlangen sie meist durch einen Unfall mit radioaktivem Material. Die Entscheidung, ein Superhelden-Dasein zu führen, fällt ihnen nicht leicht. SPRECHER Die Fantastischen Vier sind vier gleichaltrige Wissenschaftler, im Grunde eine Familie. Mister Fantastic, der sich in jegliche Form dehnen kann, ist der Moderator der Gruppe. Susan, die Unsichtbare, ist seine Frau, Johnny, The Storm, ist ihr Bruder und Ben Grimm, das Ding, verfügt über einen versteinerten Körper, was dazu führt, dass er aushält, woran normal sterbliche zu Grunde gehen. SPRECHERIN Der Hulk heißt eigentlich Bruce Banner und ist promovierter Nuklearmediziner. Als er bei einem Unfall einer erhöhten Dosis von Gammastrahlen ausgesetzt ist, verwandelt er sich in ein wutschnaubendes, grünes Monster namens Hulk. Immer wenn sich Dr. Banner nach diesem Unfall aufregt, wiederholen sich die Anfälle und er wird zum Ungeheuer. SPRECHER Die Marvelhelden sind lebensnäher als die perfekten Superheroes der ersten Generation. Die Protagonisten von Marvel streiten, necken und ärgern sich wie die Fantastischen Vier, sie haben kleine Schwächen, sind eitel, neidisch oder unsicher wie der Teenager Peter Parker, der als Spiderman souverän durch die Straßenschluchten zischt. Dass er in einem Ganzkörperkostüm steckt, fördert die Identifikation mit dieser Figur: jeder könnte Spiderman sein. MUSIK 10 (The Chamber Orchestra Of London: First Mission 0’32) SPRECHERIN Marvelhelden sind auch keine Solisten, häufig bilden sie Gemeinschaften, oft treten sie im Ensemble auf. Diese Tendenz zum Sozialen haben die Marvel-Macher nicht erfunden, sie greifen nur auf, sagt Comic-Experte Andreas Platthaus, was während der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts in der Luft liegt. ZSP Andreas Platthaus - Warum Marvel auf Zielgruppen achtet? … Wenn wir uns an die Bürgerrechtsbewegung erinnern oder natürlich auch an die Unruhen unter den Studenten in Berkeley, die Hippie-Bewegung und so etwas, dann war das etwas, was einfach ins Gespräch natürlich auch der weißen Mehrheitsbevölkerung (gehörte), die letztlich den Hauptteil der Comic-Leserschaft stellte, auch interessierte. SPRECHERIN Marvel beginnt als erster Comic-Konzern Ende der 60er Jahre, schwarze Figuren in die Bildgeschichten einzubauen. Zuerst halten die Drucker die Angaben jedoch für Fehler und färben die Umrisse brauner bzw. schwarzer Passanten weiß ein, aber die Marvel-Macher lassen nicht locker. Im Marvel-Kosmos betreten schwarze Superhelden die Bühne. In Deutschland kommen Comichefte mit schwarzen Superhelden allerdings erst ein halbes Jahrhundert später auf den Markt, nach dem Erfolg der Black-Lives-Matter-Bewegung. SPRECHER Luke Cage etwa, ein schwarzer Söldner mit einer riesigen Kette als Gürtel. Um einer Gefängnisstrafe zu entkommen, stellt er sich für ein Experiment zur Verfügung, das ihm Superkräfte verschafft. MUSIK 11 ( Soundtrack Black Panther: Vince Staples & Yugen Blakrok – Opps 0’37) SPRECHERIN Und dann ist da noch Black Panther, die afrofuturistische Reihe von Marvel, über den König des fiktiven afrikanischen Wakanda-Reiches, das vorgibt ein armer Staat zu sein. Tatsächlich hat es hier einen Meteoriteneinschlag gegeben, der die Vorkommen des Wundermetalls Vibranium vermehrt. Durch dieses Metall kann sich Wakanda unsichtbar machen, was vorteilhaft ist, denn die restliche Menschheit ist noch nicht bereit für den Wohlstand und den Reichtum von Wakanda. SPRECHER Natürlich erinnert der Name Black Panther an die gleichnamige, radikale Black-Power-Partei, die Ende der der 60er Jahre entsteht. Sie plädiert radikal antikapitalistisch - für schwarzes Unternehmertum, reformierte Bildung und Plebiszite des schwarzen Amerika. 1981 löst sich die Organisation auf. SPRECHERIN Verantwortlich für den Erfolg von Marvel ist der Redakteur und Szenarist Stanley Lieber. Seinen Vornamen zerlegt er für seinen Künstlernamen in zwei Silben: Stan Lee. SPRECHER In den frühen 60er Jahren revolutioniert er mit von ihm erfundenen Figuren wie Spiderman, den Fantastischen Vier und Hulk das Genre. Die Zeichner, mit denen er kooperiert, Jack Kirby und Steve Ditko, entwickeln einen klaren, dynamischen Stil, der Überschwang von Actionszenen lässt sich in ihren Panels, wie man einzelne Bilder im Comic nennt, unmittelbar nachvollziehen. SPRECHERIN Superhelden - ob von DC oder Marvel - erschließen dem Comic neue Zielgruppen im Teenager- und Jugendlichen-Alter, was aber nicht bedeutet, findet Andreas Platthaus, einer der besten Comic-Kenner, dass sie die Kunstform der Graphic Novel voranbringen. ZSP Andreas Platthaus – Superhelden-C. ästhetisch regressiv Da wurde relativ schlicht drin gearbeitet, da war kein Platz für grafische Experimente oder fantastische Arrangements und Seitenarchitekturen. … Dementsprechend würde ich sagen, dass alles das, was wir als Comics kennen, durch die Superhelden-Hefte extrem geprägt worden ist, dass das aber nicht besonders ästhetisch fortschrittlich war. // Der Comic war in den 10er und 20er Jahren des 20. Jahrhunderts viel, viel weiter ästhetisch, als es dann nach dem Zweiten Weltkrieg war, als Superhelden so ziemlich alles dominierten. Wir verdanken es dem japanischen und den französischen Comics, dass interessantere Seitenarchitekturen, dass großzügigere Grafik, dass experimentelles Erzählen zurückgekommen ist, und das haben dann irgendwann die Superhelden-Comics auch übernommen. Aber da haben Sie sich einfach an Erfolge angehängt. Ihr eigener Erfolg hat zu einem Rückschritt in der Entwicklung der Comic-Ästhetik geführt. MUSIK 12 (John Williams – Theme From Superman 0‘46) MUSIK 13 ( Red Man – Soopaman Luva 3 („It‘s A Bird? / It’s a Plane?) 0’06) Zitator & Zitatorin: It’s Superman! SPRECHER In den 70er und 80er Jahren kommen alte DC-Helden wieder zum Zug. 1978 wird Superman aufwändig verfilmt, mit Christopher Reeve in der Hauptrolle. Eine Verfilmung ist deshalb nicht abwegig, weil die Bildsprachen von Comics und Film ähnlich strukturiert sind. Filmemacher und Regisseure arbeiten oft mit gezeichneten storyboards, mit Bilderfolgen, damit sich Team, Kameraleute und Darstellerinnen das Endergebnis vorstellen können. Ein solches storyboard sieht ähnlich aus wie die Seite eines Comichefts, nur die Sprechblasen fehlen. MUSIK 14 ( War – Galaxy 0’30 aus: Superman Batman Dance All Night) SPRECHERIN Jüngere Comic-Künstler wie Frank Miller zeigen in den 80er Jahren Batman als gealterte, frustrierte Figur - ein Gewalttäter in kompromisslosem Schwarz-Weiß, der sich entfernt hat vom Pfad des tugendhaften Weltverbesserers. SPRECHER Diese aktualisierte Sichtweise des Superhelden bildet die Grundlage für Kinofilme, in denen der US-Schauspieler Michael Keaton Ende der 80er Jahre den Fledermausmann gibt. MUSIK 15 ( Rod Stewart – Superman Batman Spiderman 0’15) SPRECHERIN Nach den Anschlägen vom Elften September geraten die USA erneut unter Druck und übernehmen die Rolle der Weltpolizei – zeitgleich steigt die Beliebtheit von Superhelden. Diesmal haben Helden aus dem Hause Marvel die Nase vorn. Was früher nur Zeichner und Comickünstler konnten, lässt sich jetzt durch Spezialeffekte und mit immenser Rechnerleistung als Bewegtbild herstellen und im Kino erleben. Millionen-Dollar-Erfolge wie Spiderman 1, 2 & 3 zeigen das enorme kommerzielle Potential, das der Marvel-Konzern für weitere Produktionen nutzt. Marvel-Filme sind durch Gastauftritte einzelner Schauspieler miteinander verknüpft, was ihre Attraktivität weiter steigert. SPRECHER Ab 2008 etabliert der Unterhaltungs-Konzern das sogenannte Marvel Cinematic Universe. Alte Helden wie Iron Man, Thor, Black Panther und sogar Captain America, als First Avenger tituliert, fliegen jetzt wieder über die Leinwand und begeistern erneut das Publikum - Helden, die alles tun, um die Welt und den Planeten zu retten. Über ein Jahrzehnt lang produziert Marvel einen Erfolgsfilm nach dem anderen. MUSIK 16 ( Mark Graham – The Avengers 0’26) SPRECHERIN Marvel-Mastermind Stan Lee wird in einigen Filmen durch sogenannte Cameos, also Gast-Auftritte geehrt. 2018 stirbt der hochgeschätzte Comic-Pionier und Begründer des Marvel-Universums. Der Marvel-Konzern setzt da längst auf Zielgruppenforschung, wenn es darum geht, neue Heldinnen zu kreieren. Miss Marvel etwa ist, was man heute eine migrantisch gelesene Person nennt - eine Figur, die die große Zahl von Einwanderinnen und Einwandern aus Pakistan und Indien in den USA repräsentiert bzw. deren Nachkommen ansprechen soll. SPRECHER Kamala Khan ist 19, eine gute Schülerin und eine begeisterte Gamerin. Umgeben von einer Gluckenmutter, einem ehrgeizigen Vater und einem frommen Bruder findet sie Zuflucht im Schreiben von Fan-Fiction über Superhelden. Als sie in der Schule und zuhause in Schwierigkeiten gerät, kann sie sich retten, indem sie - wie ihre Idole - Superkräfte erlangt. Miss Marvel wird erst als gedruckte Comicreihe getestet, bevor die Figur 2022 zur Heldin einer TV-Serie wird. SPRECHERIN Superhelden sind fester Teil der westlichen Popkultur. Auch wenn jedem klar ist, dass es unmöglich ist: Wer würde nicht gerne einmal Kräfte haben wie Superman oder der Hulk? MUSIK 17 ( Hildur Guðnadottir; The Hollywood Studio Symphony - Bad Comedian 1’03) Aktuell sieht Andreas Platthaus das Superhelden-Genre sich in Richtung seiner Bösewichte bewegen. Die Geschichten insbesondere der Marvel-Superhelden sind für Andreas Platthaus auserzählt. ZSP A. Platthaus - Schurken & gebrochene Helden angemessen … Jetzt hat man eigentlich sämtliche prominente Figuren wirklich ausgemolken. Und ich glaube kaum, dass da noch irgendeine neue Facette zu erzielen ist. Darum sind Filme wie über Dead Pool oder eben den eben schon erwähnten Joker zurzeit viel interessanter und viel kassenträchtiger, weil die tatsächlich noch einmal etwas Neues erzählen, eben auch mit viel gebrocheneren Figuren. Und ich glaube, dass das wiederum etwas ist, was unserer Zeit entgegenkommt. Und wenn man danach fragt, inwieweit Superheldenfilme heute noch dem Unterhaltungsbedürfnis oder auch dem Belehrungs-Bedürfnis entsprechen, dann würde ich sagen, der Gespaltenheit unserer Gesellschaft und der Zwiespältigkeit, all dessen, was wir zurzeit weltgeschichtlich erleben, sind die Schurken und die gebrochenen Helden deutlich angemessener.

  • Selbstsabotage - Warum wir uns selbst so oft ausbooten

    26.02.2025 · 23 Min.

    Die Angst davor in der Prüfung zu versagen, ist so groß, dass man sich zig Termine in den Kalender packt und keine Zeit mehr zum Lernen hat. Ein typischer Fall von Selbstsabotage. Was steckt dahinter - und wie kann man aufhören, sein größtes eigenes Hindernis zu sein? Von Susi Weichselbaumer Credits Autorin dieser Folge: Susi Weichselbaumer Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Berenike Beschle, Thomas Birnstiel, Marlen Reichert, Peter Weiß Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Prof. Malte Schwinger, Kinder und Jugendpsychologe Universität Marburg Dr. Ulrich Goldmann, Leitung Ausbildungsgang Psychotherapie (MUNIP) Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Prokrastination - Wann Aufschieben schadet und wann es nützt JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATORIN Am Abend vor der Klausur war die Geburtstagsparty meiner besten Freundin. ZITATOR Es war null Zeit, die Präsentation für die Führungskräfte vorzubereiten. Für auf den letzten Drücker lief es puh: Okay. ZITATORIN Dieser Fahrprüfer lässt Frauen grundsätzlich durchfallen. Auch wenn ich dem protzigen SUV nicht die Vorfahrt genommen hätte… MUSIK ENDE SPRECHER Die Klausur gerade mal knapp bestanden? SPRECHERIN Der Job Großraumbüro statt Chefetage? SPRECHER Die Fahrerlaubnis nicht erteilt? Der Pfad zum Erfolg ist gepflastert mit Hindernissen. MUSIK ZITATOR Das Schicksal arbeitet gegen mich. ZITATORIN Heute ist nicht mein Tag. ZITATOR Die ganze Woche ist nicht meine Woche – ZITATORIN Mein ganzes Leben ist nicht mein Leben. MUSIK ENDE SPRECHER Das Wetter, der öffentliche Nahverkehr, die grantige Nachbarin – SPRECHERIN Möglicherweise steht man sich aber auch selbst im Weg. Durch die Art und Weise wie man Dinge angeht oder versucht, bestimmte Situationen zu vermeiden. MUSIK SPRECHER Jedenfalls sicher gilt: Allein ist man als Sich-Selbst-Blockierender nicht. Die Ratgeberregale in den Buchhandlungen stehen voll mit Literatur zum Thema „Selbstsabotage“. In Social Media wird das Phänomen in diversen Facetten diskutiert. Das Internet bietet zig Fragebogen: ZITATOR Wann sabotierst Du Dich selbst? ZITATORIN Warum sabotierst Du Dich? ZITATOR Weswegen solltest Du das lassen? ZITATORIN Wie änderst Du Dich – und damit alles? MUSIK ENDE SPRECHER Das Problem ist bloß: Was in bunten Bänden und auf knalligen Lifestyle-Webseiten angeboten wird, fällt aus wissenschaftlicher Sicht größtenteils in die Kategorie „Küchenpsychologie“. Und: Der Begriff „Selbstsabotage“ für jedwedes, was man sich selbst so in die Bahn werfen oder als Ausrede anführen könnte? Wohl eher ein Modewort: 1 ZU Goldmann 0.00 Wenn ich jetzt an Sabotage denke, da denke ich an Gleise, an Züge, an jemand, der Kabel in Brand steckt. Es ist ein bewusster Akt. Sabotage ist auch in gewisser Weise, ein gewalttätiger Akt. SPRECHERIN Erklärt Dr. Ulrich Goldmann. Er leitet den Bereich Psychotherapie am MUNIP, dem Münchner Universitären Ausbildungsinstitut für Psychologische Psychotherapie. 2 ZU Goldmann 0.00 In der Psychologie wird mehr im Englischen der Begriff „Self-Handicapping“ hergenommen, also „Selbstbehinderung“ übersetzt. Das ist etwas milder. SPRECHERIN Selbstbehinderung gilt nicht als klinische Diagnose, Krankheit oder Persönlichkeitsstörung. Die Wissenschaft sammelt unter dem Begriff eine ganze Reihe an Verhaltensmustern. SPRECHER Verhaltensweisen, mit denen Menschen ihre Erfolgschancen bewusst oder unbewusst selbst vermindern. Generell. Oder lediglich in speziellen Zusammenhängen. Das Ziel dabei ist stets – und das klingt auf den ersten Blick paradox: Auf Biegen und Brechen den Selbstwert erhalten. SPRECHERIN Sich keine Blöße geben, das Gesicht wahren – anderen und sich selbst gegenüber. MUSIK SPRECHER Die Gründe dafür und Strategien dabei faszinieren Forscher wie Malte Schwinger. Er ist Professor für Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Marburg. Studien zum Thema Selbstbehinderung gibt es inzwischen vor allem im Segment „Lernen und Ausbildung“. 3 ZU Schwinger (0.09) Der Grundgedanke dahinter ist immer der, jemand hat Angst vor einer bestimmten Situation, einer bestimmten Bewertung. Das ist bei Studierenden, wo wir das viel untersuchen, häufig irgendeine Art Prüfung, eine Art Klausur. Und da ist die Sorge, dass das schiefgehen kann. Und wenn das schiefgeht, hat man Angst, dass das den Selbstwert bedrohen könnte, dass man sich danach als Person nicht gut fühlt als wertlos fühlt. MUSIK ENDE SPRECHERIN Die Lösung: SPRECHER Eine eventuelle negative Bewertung unbedingt ausschließen. SPRECHERIN Und zwar schon im Vorfeld. 4 ZU Schwinger (0.09) Wenn ich Angst habe, in der Klausur zu versagen, dann sollte ich mir irgendeine Ausrede zurechtlegen, die hinterher erklärt, warum ich nicht so gut war in der Klausur, das ist die Idee. MUSIK ZITATORIN Das Radl hatte auf dem Weg einen Platten. ZITATOR Im Prüfungsraum war es wahnsinnig stickig. ZITATORIN Der Hund hat meine Vorbereitungsunterlagen gefressen. MUSIK ENDE SPRECHER Spannend dabei: Erklärungen dafür, warum es mit einer besseren Note in der Klausur nicht geklappt hat, suchen Selbst-Handicapper eher selten im Außen. Solche Rechtfertigungen gibt es schon auch. Aber: In der Regel sucht man die Erklärung bei sich: Darum wir ich nicht so toll. Oder konnte nicht so toll sein. Halskratzen und leichter Husten – plötzlich fühlt man sich damit richtig krank. Genauso erklärt man es den Studienkollegen. Der wesentliche Punkt bei alldem: Trotz schwerer Grippe tritt man zur Prüfung an. SPRECHERIN Unter derlei Bedingungen muss man dann ja mehr als froh sein über ein gerade noch „bestanden“. MUSIK SPRECHERIN Es kann aber auch das ganz große Programm von „Ich-reite-mich-wo-richtig-rein“ sein, erzählt der Münchner Psychotherapeut Ulrich Goldmann aus dem Praxisalltag. 5 ZU Goldmann 2.44 Das sind so Situationen, die häufig genannt werden, wenn man zu spät ins Bett geht, viel Alkohol trinkt oder ausgeht und am nächsten Tag ausgesprochen müde ist, die Prüfung schreibt. Und wenn es dann schiefgeht, hat man eine fertige und stichhaltige Erklärung, warum es denn schiefgegangen ist und in der Psychologie, und da gibt es einige Experimente dazu, wird angenommen, dass das im Dienste dessen steht, dass es situativ, also auf die Situation bezogen, nicht geklappt hat, weil ich zu lange aus war. MUSIK ENDE SPRECHER Der Grund des Scheiterns ist so nicht ehrenrührig und kratzt am Selbstwert. Man ist nicht etwa zu wenig intelligent, fachlich nicht geeignet – Nein! Die Partyeinladung ging einfach vor. Ehrensache. Lange ausgemacht. Freundschaftsdienst. Man ist eben ein Hecht. SPRECHERIN Allerdings ein ziemlicher „Kurzfrist-Hecht“. 6 ZU Schwinger 2.06 Ja, das ist der Haken da dran, man bleibt tatsächlich eigentlich eher unzufrieden. SPRECHERIN Bilanziert der Marburger Kinder- und Jugendpsychologe Malte Schwinger. Für den Moment nach der Klausur nimmt so eine Ausflucht – da war diese Party - womöglich den Druck aus der akuten Situation. SPRECHER Auf lange Sicht ist nichts gewonnen in Sachen angeknackster Selbstwert. Denn: Das ist der wunde Punkt. Die verletzliche Stelle. 7 ZU Schwinger 2.06 Die Angst resultierte ja vorher schon aus einer Erwartung, dass man das nicht kann. Und die wird natürlich durch dieses Schauspiel, was man da abgezogen hat, nicht anders. Also man ist weiterhin der Meinung, dass man es nicht kann. Und es hat ja, auch wenn man eine Ausrede hatte, keinerlei gegenteiliger Beweis stattgefunden. Das heißt wenn die nächste Prüfung ansteht, geht eigentlich alles von vorne los. MUSIK SPRECHERIN Ein Kreislauf, der einen irgendwann gefangen nimmt und den man mitunter gar nicht als solchen begreift, erinnert sich Rita. Sie will anonym bleiben. Nach Coaching und Therapie ist Rita inzwischen überzeugt: 8 ZU Rita 8.40 Es ist sicher gut sich zu überlegen, will ich das oder nicht. Oder was will ich überhaupt? So. Das führt ja auch zu mehr Zufriedenheit. SPRECHER Jahrelang war für Rita klar: Im Beruf will sie sich keine Patzer leisten, sondern perfekt sein und auch so wahrgenommen werden von ihrem Kollegenkreis, dem Chef. SPRECHERIN Um mögliche Fehler im Vorfeld abzupuffern, überfrachtet sie sich mit Projekten. Springt überall ein. Hebt die Hand. Und ist im Team bald abonniert auf Zusatzaufgaben. Ein Verhalten, das Psychotherapeut Goldmann von einigen Klienten kennt. 9 ZU Goldmann 04:10 Jemand muss einen Vortrag halten und auf PowerPoint etwas machen. Und es gibt eine neue Version, und man hat noch nicht Zeit gehabt aufgrund der vielen, vielen anderen Aufgaben, die man hat, sich in die neue einzuarbeiten, weil noch diese Besprechung gestern war und man noch in dem Projekt XY engagiert ist. Das wären auch selbstwertdienliche Aussagen. SPRECHERIN Auf den ersten Blick positive selbstwertdienliche Aussagen: Man ist vielbeschäftigt, hält alle Bälle in der Luft, auch die der Kollegen, deren Aufgaben man netterweise mit wuppt. Allein holt man die Kohlen aus dem Feuer und macht das Beste daraus. Auch wenn das dann nicht perfekt ist: Unter den gegebenen Umständen ist man über sich selbst hinausgewachsen. Für alle. SPRECHER Aber halt auch ohne alle. MUSIK ENDE 10 ZU Goldmann 04:10 Wenn man sich überlegt, wie man sich dann präsentiert vor anderen, kann man sich auch vorstellen, auf die Dauer erzeugt das jetzt auch nicht unbedingt ein günstiges Bild von sich selbst. SPRECHERIN Studien zeigen: Je nach Situation sind die Strategien mannigfach, wer sich wann wie selbst manipuliert. MUSIK SPRECHERIN Ein häufiges Beispiel: Man legt die Latte erst hoch und bekommt anschließend Bammel, den Mund zu voll genommen zu haben. ZITATOR Klar promoviere ich. ZITATORIN Klappt die Stelle in Frankreich nicht, wechsle ich die Firma. ZITATOR Diese Frau wird mich heiraten. MUSIK ENDE 11 ZU Goldmann 5.52 Wenn ich so ein Ziel konkret gegenüber anderen kommuniziere, bin ich auch eine Art Selbstverpflichtung eingegangen. Dann kann ich ohne Gesichtsverlust oder ohne Erklärung nicht mehr hinter mein Vorhaben zurück. SPRECHERIN Irgendwann erkennt das auch Rita: Sie kommt – aus ihrer damaligen Perspektive – beruflich nicht vom Fleck. Trotz ihres Engagements an allen Ecken und Enden und obschon das Familie und Freunde von ihr zu erwarten scheinen. Im Team hat sie keinen Rückhalt, dabei reibt sich sich auf, um es den Kollegen und dem Chef recht zu machen, zuvorkommend und perfekt zu sein. SPRECHER Perfektion ist ihre Richtschnur. SPRECHERIN Elternhaus und Schule wünschten sich das Vorzeigekind. In späteren Beziehungen müht sich Rita, eine Musterpartnerin zu sein: Um jeden Preis perfekte Harmonie, totale Symbiose. Bloß: 12 ZU Rita 2:04 Auf längere Sicht sieht man auch, dass es sich nicht unbedingt auszahlt, also von wegen, dass man Respekt dadurch bekommt. SPRECHERIN Rita fängt an, genauer hinzuschauen: Was tut sie wann, um was damit zu erreichen? Und was ist tatsächlich das Resultat? MUSIK SPRECHERIN Für viele kann eine ehrliche Selbstbeobachtung ein guter erster Schritt sein weg von den gewohnten selbstbehindernden Verhaltensmustern, empfehlen Therapeuten. Eine Paradelösung dafür, sich von heute auf morgen mal endlich nicht mehr selbst im eigenen Lebensweg zu stehen, gibt es nicht. Manchmal genügen offene Gespräche im engen Familien- oder Freundeskreis: Warum komme ich nicht ans Ziel, was meint ihr? SPRECHER Oft braucht es professionelle Untersützung: Veränderungscoaching. Gesprächstherapie, bei der man aufschlüsselt: Woher kommt mein innerer Druck, die häufige Unzufriedenheit und das Gefühl der Selbstunwirksamkeit, des Ausgeliefertseins? SPRECHERIN Hierin liegt eine Crux. Denn: In gewisser Weise handelt man ja aktiv. Sucht und konstruiert Ausflüchte, Erklärungen. Dennoch bleibt da der Eindruck von: Ich muss noch mehr tun, mehr vorbeugen, weitere Vorkehrungen schaffen – falls es schlecht ausgehen sollte. SPRECHER Dabei gilt: Selbstschädigendes Verhalten kann durchaus auf einen Bereich im Leben beschränkt sein und zieht sich nicht durch wie ein roter Faden. Wer in Prüfungssituationen den eigenen Erfolg torpediert, macht das nicht unbedingt auch bei Rendezvous oder ersten Dates. Wer sich im Job immer auf Festanstellungen bewirbt, für die er nicht geeignet ist, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass er viel lieber Freiheit lebt als Karriere zu machen – wie alle erwarten: Der weiß vielleicht beim Fußball sehr wohl, dass er linkes Mittelfeld spielen will und sonst nichts. MUSIK ENDE SPRECHERIN Studien zeigen: Je nach Situation sind die Strategien mannigfach, wer sich wann wie selbst manipuliert. SPRECHER Nach dem Motto: Schöner Scheitern. In der Sicht von außen auf mich, aber auch in der Innenperspektive. MUSIK SPRECHERIN Die Innenperspektive austricksen und zugleich nach außen positiv wirken – nicht wenige versuchen das über die Taktik: Sich nie festlegen. Spannende Zukunftspläne oder Beziehungsabsichten werden durchaus angedeutet. Doch konsequent bleibt man im Ungefähren. Anderen gegenüber und sich selbst. 13 ZU Goldmann 5.52 Wenn ich den Schluss fest fasse, dann kann ich auch scheitern. Wenn ich ihn nicht fasse, dann kann ich ja immer sozusagen mich drum herummogeln ein Scheitern einzugestehen. MUSIK ENDE SPRECHERIN Ein Scheitern weniger schmerzhaft machen. Den Gesichtsverlust weniger groß. Das sind oft genannte Gründe für Selbstbehinderung. Ein ebenfalls bekannter Faktor, der jedoch weit schwerer dingfest zu machen ist: Ambivalente Motivation. MUSIK SPRECHER Das heißt: Man möchte mehrere Dinge gleichzeitig erreichen, die sich aber gegenseitig ausschließen. Oder man meint, jenes eine zu wollen, weil man es seit jeher wollte. Oder weil einen andere an der Stelle, in der Rolle etc. sehen. Oder weil jede Logik diesen nächsten Schritt - nun ja - logisch macht. SPRECHERIN Innendrin würde eine leise Stimme etwas anderes sagen. Doch die umher sind lauter, überzeugender. SPRECHER Logischer. ZITATORIN Jetzt hat er so lange studiert! ZITATOR Im Freundeskreis sind inzwischen alle verheiratet. Man muss auch erwachsen werden! ZITATORIN Nach all den Jahren in der Firma gehört sie doch mal ins Management! MUSIK ENDE 14 ZU Goldmann 7.03 Führungsposition. Naja, das bringt Verschiedenes mit sich. Ich muss mehr arbeiten. Ich werde mehr Verantwortung haben. Ich werde auch nicht umhinkommen, unangenehme Gespräche zu führen, Leute vielleicht mal einzugrenzen, schlimmstenfalls vielleicht mal sogar disziplinarische Maßnahmen oder Ähnliches auszusprechen. Und es gibt Leute, die einfach Scheu davor haben. Und wenn das nicht bis ins Detail bewusst durchdacht ist, dann können das gegenteilige Motivationen sein, die so ein angebliches Ziel immer wieder ausbremsen, sodass die Ambivalenz, die unter der Oberfläche da ist, eigentlich von der Verwirklichung eines Zieles dann uns immer wieder abbringen kann. SPRECHER Eigene Ambivalenzen zu erkennen und zuzugeben – das kann ein schwieriger Prozess sein, weiß Psychotherapeut Ulrich Goldmann. Zunächst hilft eine persönliche Kosten-Nutzen-Aufstellung: Was gefällt mir an diesem Job, diesem Lebensziel, an dieser Beziehung? Was nicht? Was traue ich mir im Bezug darauf zu? Was weniger? SPRECHERIN Dafür muss man reichlich ehrlich mit sich sein. SPRECHER Und: Überhaupt bemerkt haben, dass man in so einer Ambivalenz feststeckt. MUSIK SPRECHERIN Rita stellt irgendwann fest: Die Angst davor, nicht perfekt zu sein oder nicht als perfekt wahrgenommen zu werden, reibt sie auf. Es tut ihr nicht gut, sich mit Arbeit zu überhäufen, ständig Zusatzprojekte anzunehmen, nur um zum Chef sagen zu können: „Es war drumherum noch derart viel anderes– 1000-prozentig ist es jetzt nicht geworden, aber unter den Umständen…“ SPRECHER Jedoch: Ihr fehlt die eigene Mitte, aus der sie für sich Selbstwert schöpfen könnte. Den sucht sie in der Bestätigung von außen. 15 ZU Schwinger (4.44) Natürlich sind Personen, die etwas unsicherer sind, etwas neurotischer sind, etwas geringeren Selbstwert haben gefährdeter, sich auch in ihrem Selbstwert bedroht zu fühlen. SPRECHER Bestätigt der Marburger Kinder- und Jugendpsychologe Malte Schwinger. 16 ZU Schwinger (4.44) Und da reichen schon Kleinigkeiten in der Umwelt, die dann so ein Verhalten auslösen. SPRECHERIN Rita erkennt: Sie ist oft so damit beschäftigt, vorzubeugen und abzupuffern, dass jemand sie oder sie selbst sich nicht als „perfekt“ empfinden könnte, dass sie gar nicht weiß, was dieses „perfekt“ im Grunde meint und wohin es führen soll. Für sie ganz persönlich. 17 ZU Rita (9.36) Was will ich? Mensch, alle wissen, was sie wollen. Aber wie finde ich denn raus, was ich will? Was sind meine Wünsche, meine Bedürfnisse, meine Ziele. Da habe ich gedacht, okay, wie möchte ich sein? SPRECHER Rita hilft es, regelmäßig Tagebuch zu schreiben. Was hat heute gut geklappt, was fühlte sich komisch an? Im Coaching nimmt sie sich wöchentlich neue Aufgaben vor: Ich traue mich „Nein“ zu sagen zu Zusatzaufgaben, konzentriere mich auf meine Arbeit. In diesem Rahmen werden für sie auch Fehler besprechbar. SPRECHERIN Und siehe da: Manches, was sie als Fehler fürchtet oder als „nicht perfekt“ wertet, beurteilen andere weit weniger drastisch. Das Coaching macht Perspektiven auf. SPRECHER Aber Achtung: Das klingt nach simpler Lösung für ein auf den ersten Blick vielleicht eh eher merkwürdig daherkommendes Selbstsabotage-Programm. So einfach ist es nicht. SPRECHERIN Meist steckt da ein zäher und auch schmerzhafter Kampf dahinter. Ein dauernd wieder neues Austarieren des eigenen Selbstwerts. Den man – und das ist die Herausforderung – nicht aus sich selbst schöpft. SPRECHER Sondern abhängig ist davon: Was schreiben andere mir zu? 18 ZU Schwinger (6.21) Personen mit geringem Selbstwert, geringem Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, wählen dann meistens auch Aufgaben, die entweder sehr einfach sind, wo sie nicht scheitern können, oder Aufgaben, die viel zu schwer sind. Dann haben sie wieder einen Grund, warum sie gescheitert sind. Und diese Aufgaben, die eigentlich uns im Leben weiterbringen, die immer so einen Ticken schwerer sind, als dass wir glauben, das schaffen zu können, die uns dann eben zu unseren besten Leistungen anspornen, diese Aufgaben wählen solche Personen nicht. SPRECHERIN Eine Entwicklung findet nicht statt. SPRECHER Man bleibt in der Selbstbehinderungsspirale stecken. Ein weiterer typischer Mechanismus dabei: Chronische Aufschieberitis. Stets alles auf den letzten Drücker. Was immer unter solchen Umständen noch geschafft wird, muss als Erfolg verbucht werden, weil: Zumindest besser als nichts. SPRECHERIN Der Fachbegriff für dieses ständige Hinausschieben ist Prokrastination. Und so Kavaliersdelikt-ig, wie es sich eben anhörte, ist das nicht unbedingt. Tatsächlich lassen solche Verhaltensweisen, sobald sie chronisch werden, Leben durchaus aus dem Ruder laufen. Das gilt für jegliche Art der Selbstbehinderung – wer sich über lange Zeit jeden Erfolg selbst verbaut, läuft etwa Gefahr in eine Depression zu geraten. 19 ZU Goldmann (13:23) Natürlich kommen zu uns auch Leute, die schon länger Probleme mit der Zielverwirklichung haben. Und wenn mir das über Jahre nicht gelingt und da gibt es auch ein bisschen Forschung dazu, dann kann auch so etwas wie eine depressive Entwicklung stattfinden, weil es ist ja schließlich wirklich auch eine ganz wichtige Variable: Selbstwirksamkeit nennen wir die, dass wir etwas vorhaben, das versuchen zu gestalten. Und wenn das gelingt, dann ist es für unsere Psyche gut. Und wenn das permanent misslingt, dann ist es für unsere Psyche riskant. Und das wäre ein Faktor, der zur Entstehung von Depressionen beiträgt. MUSIK SPRECHERIN Deshalb rät der Münchner Psychotherapeut Ulrich Goldmann dazu, vorsichtig zu sein, mit schnellen Urteilen und Ratschlägen mal eben aus der Hüfte: ZITATOR Sei Dir nicht im Weg! ZITATORIN Trau Dich einfach! ZITATOR Fang halt früher mit dem Lernen an! MUSIK ENDE SPRECHERIN Gewohnte und für sich wenigstens phasenweise als hilfreich empfundene Strategien wirft niemand so schnell über Bord. SPRECHER Vor allem dann nicht, wenn sie darauf abzielen, den Selbstwert positiv aufzuladen. 20 ZU Goldmann (19:11) Manche sind auch so cool, dass sie mit ganz wenig Lernen nicht nur Vierer abstauben, sondern bessere Noten. Das habe ich mehrmals in der Praxis gehabt, dass dies in der Schule gut ging. Dann geht jemand in das Studium. Aber es geht im Studium überhaupt nicht mehr rundum, weil die Anforderungen wesentlich höher sind, wenn man sich für eine Prüfungsphase mit fünf Prüfungen am Ende des Semesters wirklich strukturiert vorbereiten muss und planen muss. Das geht dann nicht mehr mit aus dem Ärmel schütteln. Und dann wird es manchmal wirklich ziemlich eng. SPRECHERIN Und frustrierend. Denn: Ausrede ist in dem neuen Umfeld nicht mehr. Ab da fordert das Leben ernsthafte Entscheidungen. SPRECHER Wobei das nicht bedeuten muss: Ab jetzt nur noch Selbstgeißelung, Selbstabrechnung, gnadenlose Analyse des eigenen Ichs. Der Marburger Kinder- und Jugendpsychologe Malte Schwinger ist überzeugt: In Maßen betrieben darf man durchaus auch mal das Wetter, den Professor mit seinen unverständlichen Fragen, die Welt oder das Universum an sich dafür verantwortlich machen, dass es die Klausur verhagelt hat. In der Psychologie spricht man von Self Serving Bias, auf Deutsch: Selbstwertdienliche Verzerrung. 21 ZU Schwinger 07:29 Das kann man tun, dass man eben versucht, nicht überall selber sich verantwortlich für zu fühlen. Und eben wenn es nicht gut gelaufen ist, auch gerne mal anderen die Schuld zu geben. Das ist total in Ordnung. Man darf es halt nicht übertreiben und sollte ein bisschen realistisch bleiben. Aber ansonsten ist darin erst einmal nichts Schlimmes. SPRECHERIN Trotzdem: Rita hat für sich beschlossen, um rauszukommen aus der jahrelangen Selbstbehinderung, bleibt sie doppelt wachsam. Augen auf – bei sich und bei anderen. 22 ZU Rita (3.13) Seitdem ich das bei mir entdeckt habe, sehe ich einige, die das haben. Und manchmal geht dann der Schuss nach hinten los, weil es too much ist. Und (4.40) es kommt irgendwann der Moment, da merkt man, das tut einem nicht gut und man merkt, dass man seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse nicht verfolgen kann. MUSIK SPRECHER Genau darum sollte es aber gehen: Eigene Wünsche erkennen. SPRECHERIN Sich ausprobieren, ohne die Sicherheitsausrede schon parat zu haben, um was immer passiert anderen und sich selbst ein positives Bild zu garantieren. SPRECHER Statt sich im Weg zu stehen, sich selbst zu behindert, auch mal aktiv den Kurs ändern, wenn der Pfad sich nicht mehr richtig anfühlt – SPRECHERIN Unterm Strich gilt schließlich: Nur wenn man alte Träume loslässt – SPRECHER Können neue wachsen.

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