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RadiowissenBayerischer Rundfunk

Das Rentier - Überlebenskünstler in der Arktis

03.03.2025 · 24 Min.

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Über diese Folge

Sie prägen das Bild im äußersten Norden Skandinaviens. Die Tiere haben sich im Laufe der Evolution zu wahren Überlebenskünstlern in den extremen Bedingungen der Arktis entwickelt und sind Symbol für die enge Verbindung zwischen den samischen Ureinwohnern und der Natur. Von Andreas Pehl (BR 2024)

Credits
Autor dieser Folge: Andreas Pehl
Regie: Frank Halbach
Es sprachen: Katja Amberger, Rahel Comtesse, Andreas Neumann
Technik: Wolfgang Lösch, Laura Picerno
Redaktion: Bernhard Kastner

Im Interview:
Gabriela Wagner (Chronobiologin und Rentierforscherin, Tromsø);
Rune Normann (Archäologe, Alta);
Henrik Gaup (Rentierbesitzer, Tromsø);
Inga Ellen Gaup (Lehrerin Rentierwirtschaftsschule, Kautokeino)

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

01 ATMO 775

Klassenzimmer mit Protagonisten

SPRECHERIN

Preiselbeerzweige, Birkenblätter, getrockneter Tang, Flechten und Moose liegen auf den Tischen im Klassenzimmer. Bestimmungsbücher werden herumgereicht, Pflanzennamen auf Samisch, Norwegisch und Lateinisch fliegen durch den Raum. 

02 O-TON SCHÜLERIN Mari Kare 767b

OVERVOICE SCHÜLERIN Mari Kare (schon vorhanden)

Wir machen ein Herbarium mit 30 verschiedenen Pflanzen, die Rentiere fressen. Im Sommer fressen sie Kräuter und Flechten. Und Blätter fressen sie das ganze Jahr über. 

04 ATMO Unterricht auf samisch

SPRECHERIN

In Kautokeino, ganz im Norden Norwegens, gibt es eine besondere Schule: die Schule für Rentierwirtschaft. Hier lernen Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren neben Mathematik und Englisch alles rund um ein Tier, das die Region prägt und perfekt an die arktischen Lebensbedingungen angepasst ist: das Rentier. Hier im Norden der skandinavischen Halbinsel leben die Rentiere halbwild. In großen Herden ziehen sie mit ihren Besitzern umher, die wie Mari Kare und Anders Inger meist der indigenen samischen Bevölkerung angehören.

05 O-TON SCHÜLER Anders Inger 759a

OVERVOICE SCHÜLER Anders Inger (schon vorhanden)

Man wächst mit den Rentieren auf. Du bist von Anfang an mit dabei, mit der Familie, die ganze Zeit, schon als kleines Baby.

SPRECHERIN

Im Sommer waren Mari Kare, Anders [Andasch] Inger und ihre Klassenkameradinnen in der Tundra und am Strand unterwegs, haben Pflanzen gesammelt und getrocknet. Jetzt geht es darum, sie zu sortieren und zu bestimmen. Lehrerin Inga Ellen Gaup [Gäüp] unterrichtet Rentier-Biologie, Unterrichtssprache ist Nordsamisch, die Sprache der Urbevölkerung hier in Nordskandinavien. 

07 O-TON LEHRERIN Inga Ellen Gaup 701

OVERVOICE LEHRERIN Inga Ellen Gaup

Heute können wir nicht mehr davon ausgehen, dass die Jugendlichen schon in der Familie alles gelernt haben, was man über Rentierwirtschaft wissen muss. 

MUSIK  „The return of the sun.”; ZEIT: 00:35

SPRECHERIN

Die eleganten Tiere mit eindrucksvollem Geweih, kuschligem Fell in verschiedenen Grau- und Brauntönen und großen Rehaugen prägen durch ihre Beweidung die Kulturlandschaft der Finnmark. Seit vielen Jahrtausenden leben Menschen hier als Nomaden von und mit den Rentieren.

MUSIK ENDE

08 O-TON LEHRERIN Inga Ellen Gaup 724

OVERVOICE LEHRERIN Inga Ellen Gaup

Das Rentier ist ein wichtiges Tier, das Menschen mit Essen und Kleidung versorgt und Gesellschaft leistet. Wir nutzen das Rentier auch als Zugtier. Dann kann man mit dem Rentierschlitten fahren, so wie der Weihnachtsmann. Solche Zugrentiere werden speziell gezähmt.

SPRECHERIN

Die Tiere sind perfekt an ein Leben in der Arktis und Subarktis angepasst – das macht sie auch für die Menschen hier so wertvoll. 

09 O-TON Gabriela Wagner 807 (spricht deutsch, keine OV!)

Das Gehirn ist darauf angelegt, das Allerbeste aus der Lichtinformation zu machen. Das Timing, die genaue zeitliche Verteilung, wann was passiert im Jahr, das steht im Zentrum von allem, was passiert. 

SPRECHERIN

Gabriela Wagner ist Chronobiologin und arbeitet am Forschungsinstitut NIBIO in Tromsø [Trumsöh]. 

10 O-TON Gabriela Wagner 814

Im Gehirn sitzt die biologische Uhr, die sagt: der Tag ist kürzer oder länger als gestern, jetzt müssen wir Fett anlegen, Winterfell wachsen lassen, bald das Geweih loswerden, mehr ruhen, bestimmte Pflanzen essen, viele Pilze, das Gehirn gibt Bescheid, was an den verschiedenen Körperstellen passieren muss.

SPRECHERIN

Gabriela Wagner forscht unter anderem zur inneren Uhr der Tiere, die mit der Mitternachtssonne im Sommer und der Polarnacht im Winter zurechtkommen muss und die körpereigenen Abläufe steuert. 

11 O-TON Gabriela Wagner 816

In der Mitternachtssonne im Sommer und in der Dunkelheit im Winter sind die völlig arhythmisch. Die sind den ganzen Tag und die ganze Nacht aktiv, zumindest in ihrem Verhalten. Aber im Körper drin sind die ganzen physiologischen Vorgänge trotzdem an einem 24-Stunden-Zyklus orientiert. Und das können wir nicht. Da ist vielleicht ein großer Unterschied, dass die Rentiere Wiederkäuer sind. Eigentlich schaut es aus, als ob sie wach sind. Die Augen sind offen, sie können stehen, sie können liegen mit dem Kopf oben. Aber das Gehirn schläft in der Zeit. Und das können wir nicht. Wir können nicht im Büro sitzen und das Gehirn offline aufstellen. 

MUSIK ZE014880107 „Vårsøg“; ZEIT: 00:45

SPRECHERIN

Doch es ist nicht nur das Gehirn, das bei den Rentieren bemerkenswert ist. Ihre Augen passen sich an den Wechsel von Mitternachtssonne und Polarnacht an: eine lichtreflektierende Schicht hinter der Netzhaut ist in der Lage, Struktur und Farbe zu verändern. Diese Umprogrammierung ermöglicht es den Tieren, im Winter auch bei Dunkelheit noch zu sehen, ohne im gleißenden Licht der Mitternachtssonne zu erblinden. Und dann ist da ja noch die Sache mit der Nase.

MUSIK ENDE

12 O-TON Gabriela Wagner 809

Ein spannendes Ding ist die Nase. Rudolfs Nase, die berühmte. Die ist, innendrin zumindest, sehr, sehr rot. Die haben ein riesengroßes, kompliziertes Höhlensystem in der Nase drin. Das funktioniert ein bisschen wie eine Wärmepumpe in einem Haus. Wenn es sehr kalt ist, 

-20°C, wenn du ausatmest, dann weißt du die weiße Wolke, die da kommt, das ist die ganze Feuchtigkeit aus deinem Körper, die kondensiert in der Luft und weg ist. Wenn wir in sehr kaltem Wetter draußen sind, trocknen wir sehr schnell aus. Die Rentiere können in ihrer Nase die kalte Luft reinlassen, kühlen damit ihre Körperluft aus der Lunge ab. Und die Luft, die sie ausatmen, hat dann nur noch 2-3°. Die verlieren fast keine Feuchtigkeit. Und das, was sie einatmen, wird gleichzeitig aufgewärmt. Das ist eine fantastische Konstruktion.

SPRECHERIN

Auch das Fell ist besonders. Rentierhaare sind hohl, jedes Haar ist dadurch einzeln isoliert. Das garantiert, dass die Tiere nicht erfrieren, auch wenn das Thermometer deutlich unter -40° C rutscht. 

13 O-TON Gabriela Wagner 811a

Wenn du eine wärmesuchende Kamera aufstellst, die Rentiere wirst du fast nicht sehen. Die tauchen da nicht auf, weil die dermaßen gut isoliert sind. Man sieht eigentlich nur die Augen. Das Fell hat zwei Schichten: die untere Wolle und darüber die dickeren Schutzhaare. Das ist ein extrem guter Wasserschutz. 

SPRECHERIN

Die Nahrung der Tiere: feinste Tundra-Kräuter und Gras, Flechten und Moose und ab und zu frischer, salziger Tang an den Fjorden. Das Herbarium, das die Schülerinnen in Kautokeino anlegen, macht deutlich, wie abwechslungsreich der Speisezettel der Tiere ist.

14 O-TON Gabriela Wagner 804

Rentiere brauchen eher zarte Pflanzen, die weniger Fasern haben. Es sind so ein bisschen Gourmets, die sich ganz genau aussuchen, was sie fressen.

SPRECHERIN

Die Tiere machen aus dieser Region eine riesige Kulturlandschaft und sorgen dafür, dass die weiten Heidelandschaften nicht verbuschen. Doch als großgewachsener Pflanzenfresser-Gourmet in einer Region zu überleben, in der der Boden rund sechs Monate im Jahr schneebedeckt ist – das fordert eine perfekte Anpassung an die Umwelt. 

15 O-TON Gabriela Wagner 803

Die ganze Physiologie von den Rentieren handelt darum, Energie zu sparen und sich langsam zu bewegen, um das Allermeiste aus den Ressourcen zu machen, die sie zur Verfügung haben. Die müssen sie maximal ausnutzen: In erster Linie damit, indem man viel rumsteht und sich nicht aus der Ruhe bringen lässt.

SPRECHERIN

Selbst im arktischen Winter können die Tiere frisches Gras und Kräuter fressen: Sie benutzen ihre großen Klauen als Schneeschaufeln und graben sich durch den lockeren arktischen Schnee.

Wenn die kräftigeren Rentier-Männchen mit ihren Hufen den Schnee weggescharrt haben, kommen die trächtigen Weibchen und jagen sie weg – sie brauchen das Futter dringender. Das funktioniert, weil die Männchen nach der Brunst im Herbst ihr Geweih verlieren, die Weibchen aber ihr Geweih bis nach der Geburt der Kälber im Frühling behalten – es garantiert Schutz und Status der Mütter.

17 ATMO Rentierherde 

SPRECHERIN

Rund 200.000 Rentiere leben heute in der Finnmark, also im nördlichsten Landesteil Norwegens – nicht wild, sondern gut gehütet von ihren samischen Besitzern. 

18 O-TON Gabriela Wagner 832

Niemand weiß so viel über Rentiere wie die Sami. Auch nicht wir Wissenschaftler. Und die haben auch dieses Gefühl, das holistische Verstehen. Die haben ein viel tieferes Verständnis dafür, wie ein Rentier funktioniert in Zeit und Raum. 

ATMO Gesang geht über in

MUSIK ZE014880114 „A hidden life. Main title“; ZEIT: 00:37

SPRECHERIN

Jedes Rentier, das in Nordnorwegen unterwegs ist, ist Teil einer privaten Herde, die oft aus mehreren hundert Tieren besteht. Die Tiere werden überwacht, vor Wölfen, Bären, Vielfraß und Adlern beschützt, markiert. Da sie sich in den Weidegebieten mit anderen Herden vermischen, müssen die Herden bei großen Rentierscheidungen im Herbst wieder aufwändig getrennt werden. Dazu werden große Rentierzäune gebaut. Eine dieser Herden gehört Henrik Gaup [Gäüp]. 

19 O-TON Henrik Gaup 601

OVERVOICE Henrik Gaup

Das ist keine Arbeit, kein Job, das ist ein Lebensstil. Das ist eine Identität. 

SPRECHERIN

Henrik ist in zwei Welten zu Hause: als Rentierbesitzer in der Welt der samischen Ureinwohner, als Verwaltungsangestellter der Stadt Tromsø in der westlichen Welt. 

20 O-TON Henrik Gaup 602

OVERVOICE Henrik Gaup

Job, Arbeit – das ist der westliche Gedankengang. In der Rentierwirtschaft bist du ein Teil einer Symbiose von Natur, Bergen, Mensch, Tieren. Natürlich ist es Arbeit, aber nicht so, wie der moderne Westen Arbeit definiert.

MUSIK  „A hidden life. Main title“; ZEIT: 00:55

SPRECHERIN

Wilde Rentierherden, die in anderen Regionen der Erde leben, sind regelmäßig mehrere tausend Kilometer pro Jahr unterwegs – soviel wie kein anderes Landsäugetier sonst. Hier in Norwegen sind die Wege nicht ganz so weit. Henrik hat seine Tiere zusammen mit den Herden seiner Brüder im Sommer in den Lyngenalpen nördlich von Tromsø. Den Winter verbringen die Tiere an der rund 400 Kilometer entfernten finnischen Grenze. Vier bis fünf Monate im Jahr sind die Rentiere mit Henriks Familie auf dem Weg zwischen den Weidegebieten. 

22 ATMO Rentierherde im Wasser 

SPRECHERIN

Manche Familien haben ihre angestammten Sommerweiden auf den vorgelagerten Inseln – die Tiere schwimmen dann durch Seen und Fjorde. Dabei wirkt ihr Fell wie eine Schwimmweste und verschafft Auftrieb. Die weit spreizbaren Hufe, die sie im Winter wie Schneeschuhe einsetzen, nutzen die Tiere beim Schwimmen dank einer Spannhaut wie Flossen. Mehrere Kilometer durchs Meer schwimmen ist für sie kein Problem. Die Besitzer ziehen mit ihnen und wohnen im Sommer an der Küste, im Winter in der inneren Finnmark. In der Rentierwirtschaft bestimmt nicht der Mensch, sondern die Tiere. Und die richten sich nach ihrer inneren Uhr, nach den klimatischen Bedingungen, die in jedem Jahr anders sein können. 

MUSIK ENDE

23 O-TON Henrik Gaup 605

OVERVOICE Henrik Gaup

Da passiert die Kollision zwischen der westlichen Art zu denken, zu planen: Ja, Henrik, du musst ja planen. Den Plan kann ich schreiben, ein Dokument. Aber die Rentiere sind frei. Du kannst versuchen, sie zu kontrollieren, aber du musst dem Rentier folgen auf seiner Wanderung. 

SPRECHERIN

Trotz Handy und GPS, Schnee Scooter und Quad, Hubschrauber und Drohnen haben sich in der Lebensweise der Menschen viele Abläufe seit Jahrhunderten erhalten, die eng mit dem Zug der Rentiere verbunden sind – von der in die Ohren der Tiere geschnittenen persönlichen Markierung bis hin zum saisonalen halbnomadischen Leben im Lavvu [Lahwú], dem traditionellen Zelt – oder im Wohnwagen. Auch die samische Sprache macht deutlich, wie sehr das Leben der Menschen hier von den Rentieren geprägt ist. 

ATMO Gesang

25 O-TON Rune Normann 903a

OVERVOICE Rune Normann

Gleich nach der Eiszeit, als das Eis hier geschmolzen ist und sich zurückgezogen hat, sind die Rentiere hinterher gezogen. Das bedeutet auch, dass die Menschen diesen Tieren gefolgt sind. 

SPRECHERIN

Rune Normann [Rüne Nuhrman] ist Archäologe. Er hat sich auf steinzeitliche Felskunst spezialisiert und arbeitet im Museum in Alta. Die Felsritzungen von Alta, UNESCO-Welterbe, sind vor etwa 7.000 Jahren entstanden. Auf derzeit 120 bekannten Felsflächen sind rund 6.000 Figuren in den Stein geritzt.

26 O-TON Rune Normann 902-903b

OVERVOICE Rune Normann

Von diesen 6.000 Figuren sind 1.500 Rentiere. Das zeigt ja schon, dass das Rentier eine extrem wichtige Bedeutung für die Menschen hatte. 

MUSIK  „A hidden life. Main title“; ZEIT: 00:26

SPRECHERIN

Rentiere in unterschiedlichen Größen sind als Umrisse in den Felsen geschlagen, dazu Elche, Bären, Fische, Menschen – je nach Lichteinfall leicht zu erkennen, manchmal dauert es etwas länger, bis das Auge den Kontrast zwischen Felsen und Ritzung erkennt. Und bei manchen Feldern haben die Archäologen mit roter Farbe nachgeholfen.

MUSIK ENDE

27 O-TON Rune Normann 904

OVERVOICE Rune Normann

Links sehen wir eine Rentierherde und einen Mann mit Pfeil und Bogen. Der Köcher liegt neben ihm am Boden. Das bedeutet: Er hatte Zeit. Es ging nicht darum, auf Jagd zu gehen und zufällig auf ein Rentier zu treffen. Hier reden wir davon, zu einer bekannten Stätte zu gehen, wo du weißt: Hier kommt die Herde der wilden Rentiere vorbei. Ansitzjagd würden wir das heute nennen. 

SPRECHERIN

Sie sind auch ein immerwährender Kalender aus der Steinzeit, eine Darstellung, wie sich die Rentiere im Laufe eines Jahres in der Landschaft bewegen. Risse und Unebenheiten wirken wie eine Landkarte mit Flüssen und Bergen; mittendrin: die Herden.

Und dann gibt es eigenartige Ritzungen, mehrere Meter groß: eine Art Eisenbahnschienen, die in der Form vierblättriger Kleeblätter um eine Rentierherde herumführen. 

29 O-TON Rune Normann 913

OVERVOICE Rune Normann

Das ist ein 7.000 Jahre alter Rentierzaun. Man treibt die Tiere in diese Öffnung hier hinein, dann kann man das Ganze schließen. Die Herde beginnt im Kreis zu gehen. Das ist die natürliche Reaktion der Rentiere. Wenn sie mal im Kreis laufen, bleiben sie dabei. Und dann kannst du anfangen, einzelne Tiere von der Herde zu trennen. Die kommen in den anderen Bereich dieses Kleeblattes und fangen dort an, herumzugehen. Wenn du das viermal machst, dann hast du eine große Herde aufgeteilt in vier kleine Herden, die viel besser zu hantieren sind.

SPRECHERIN

Ganz ähnliche aufgebaute Zäune nutzen die Sami heute noch, wenn sie die Herden sammeln, Schlachttiere aussuchen oder die Kälber markieren. 

MUSIK  „A hidden life. Main title“; ZEIT: 00:19

SPRECHERIN

Ohne die Felskunst in Alta mit den rund 1.500 Rentieren wüssten wir nichts davon, wie die Menschen hier seit vielen tausend Jahren zusammen mit und von den Rentieren leben, wie die Tiere den Jahreslauf der Menschen bestimmen. 

MUSIK ENDE

31 O-TON Rune Normann 919b

OVERVOICE Rune Normann

Es wurde unter Archäologen spekuliert: haben sie damals schon versucht, auf Rentierwirtschaft mit zahmen Tieren umzustellen? Ist es ihnen in einem gewissen Grad sogar gelungen? Darüber können wir spekulieren. Auf jeden Fall wusste man sehr viel über das Verhalten der Rentiere, schon vor 7.000 Jahren und sicher noch länger. 

SPRECHERIN

Rune Normann betont allerdings, dass die Menschen, die diese Felskunst geschaffen haben, keine direkten Vorfahren der Sami heute sind, trotz aller erkennbaren Parallelen.

32 O-TON Rune Normann 919a

OVERVOICE Rune Normann

Man muss hier oben von den Rentieren leben, wenn man ein Naturvolk ist. Aber das bedeutet nicht, dass es samisch ist oder norwegisch. Das bedeutet nur, dass die Menschen von der gleichen Natur gelebt haben. 

MUSIK  „Vårsøg“; ZEIT: 00:18

SPRECHERIN

Heute ist diese Natur und damit der jahrtausendealte Lebenskreis der Tiere in Gefahr. Der Klimawandel bringt große Veränderungen hier in der Arktis und Subarktis, beobachtet auch Gabriela Wagner.

MUSIK ENDE

33 O-TON Gabriela Wagner 821

Das Wetter hat sich massiv verschoben. Wir haben viel nasseren und viel mehr Schnee. Das ist ungewöhnlich in der Arktis. Arktischer Schnee ist trocken und fast staubig. Und dafür sind die Rentiere eigentlich angepasst, diesen ganz trockenen leichten Schnee wegzugraben. Und das andere sind diese Rain-on-Snow-Events, heißt das in der Klimaforschung. Wir haben einen gefrorenen Boden oder Schnee, und dann regnet es rein und dann wird es wieder kalt und es friert. D.h., wir haben mehrere Eislagen in der Schneelage. Und das ist natürlich etwas, wo die Rentiere mit den Hornhufen nicht durchgraben können. D.h., dass die Rentiere, die eigentlich an den arktischen Winter angepasst sind, plötzlich im arktischen Winter verhungern. Und das ist jetzt das, was fast jedes Jahr passiert und in immer größerem Ausmaß.

SPRECHERIN

Die Besitzer müssen zufüttern, derzeit noch oft mit Pellets aus südamerikanischem Soja – das ist teuer und durchbricht den uralten Kreislauf in der empfindlichen arktischen Natur. Doch nicht nur der Klimawandel bedroht Rentiere und die traditionelle Rentierwirtschaft. Städtewachstum, der Ausbau der Infrastruktur und vor allem die Suche nach Bodenschätzen und die Errichtung von Windparks und Staudämmen, auch durch deutsche Energieunternehmen, zerstören Lebensraum und Weidegebiete, Stromleitungen werden zu unüberwindlichen Barrieren beim Zug der sensiblen Rentiere. 

34 O-TON Gabriela Wagner 818

Rentiere können UV-Licht sehen. Das wissen wir erst seit ein paar Jahren. Es ist wahrscheinlich, dass die Stromleitungen für die Rentiere aussehen wie blitzende Lichter, die in der Landschaft hängen. Das andere ist: dort wo die Stromleitungen sind, wird die Vegetation runtergeschnitten. Die Rentiere sind gerade im Winter gewöhnt, dass sie durch den Wald gehen, wo sie geschützt sind. Allein die Tatsache, dass da keine Bäume sind, kann ein Hinderungsgrund sein. 

SPRECHERIN

Wenn die Rentiere weniger werden, dann besteht auch die Gefahr, dass die Kulturlandschaft der Finnmark mit ihren weiten Heideflächen, die viel CO2 speichern können, verschwindet. Möglicherweise spielen die Rentiere auch für unser Klima eine wichtigere Rolle, als es zunächst scheint – doch derzeit gibt es dazu noch zu wenige Forschungsdaten.

35 ATMO 775 Klassenzimmer mit Protagonisten

SPRECHERIN

Auch wenn die Zukunft der Rentiere und der samischen Rentierwirtschaft derzeit nicht besonders rosig erscheint: Junge Menschen gibt es genug, die diese Traditionen weiterführen möchten – Karen Rita, Mari Kare und Nilsson an der Schule in Kautokeino gehören dazu. Nach der Schule chillen vor dem Bildschirm? Dafür ist nicht so viel Zeit. 

36 O-TON SCHÜLERIN Mari Kare 771

OVERVOICE SCHÜLERIN Mari Kare (schon vorhanden)

Heute fahre ich in das benachbarte Weidegebiet. Wir sind gerade fertig, die Kälber zu markieren. Und jetzt helfen wir mit und schauen auch, ob sich Tiere von uns in die andere Herde verlaufen haben.

38 O-TON SCHÜLERIN Karen Rita 772

OVERVOICE SCHÜLERIN Karen Rita (schon vorhanden)

Ich zähme Kälber, weil ich Rentiere auch als Zugtiere haben möchte. Da werde ich heute Nachmittag hinfahren, sie füttern und mit ihnen unterwegs sein.

MUSIK  „A hidden life. Main title“; ZEIT: 01:02

SPRECHERIN

Gabriela Wagner ist zuversichtlich, dass die Rentiere auch weiterhin ein Teil der großartigen Kulturlandschaft des Nordens bleiben und als Überlebenskünstler in der Arktis Touristen auf ihrer Reise ans Nordkap mitten auf der Straße im Weg stehen werden. 

39 O-TON Gabriela Wagner 825

Bei all den Klimaänderungen und den Auswirkungen in der Wirtschaft, in der Landwirtschaft ist meine Hoffnung, dass die Rentiere sich über viele, viele tausend Jahre an sehr viele unterschiedliche Verhältnisse angepasst haben und das auch weiterhin tun werden. Darin liegt vielleicht auch unsere Hoffnung. Und wir müssen ihnen den Platz geben, den die Rentiere brauchen und den die Sami brauchen.

MUSIK ENDE

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Wildnis wurde nach und nach in Agrarland umgeformt, der Abschied von der ‚ersten Wildnis‘ begann vor 4.000 Jahren und zog sich bis ins Mittelalter. Musik aus Musik Weg wart für Laute solo SPRECHERIN Mit Burgen, Stadt- und Klostermauern grenzten sich menschliche Gemeinschaften von der zunehmend als Bedrohung empfundenen Wildnis ab. Hier wohnten die nichtsesshaften ‚wilden Menschen‘ der Märchen und Sagen, die Vogelfreien, deren Mut und Authentizität in Geschichten zwar besungen wurden, vor denen man sich aber schützen musste, wie vor der unberechenbaren Natur. Musik aus Musik Regina coelorum für Männerstimmen Kontrolle durch Kolonisation lautete die Devise der sich ausbreitenden Zivilisation. Die Kirche spielte dabei eine wichtige Rolle und schuf ein Modell der Landnahme und Zerstörung von Wildnis, dass später auch die Eroberung der III. Welt prägte, so der Religionswissenschaftler Michael v. Brück. Musik aus ZUSPIELUNG Wort 4 (3/12:12) Die Benediktiner sind ja diejenigen, die das ‚ora et labora’ haben und die dann in ihrer reformierten Gestalt als Zisterzienser im gesamten Mittelalter nicht nur die Missionierung, sondern auch die Kultivierung Europas vorangetrieben haben. Also das, was dort Waldwildnis war, urbanisiert haben, bzw. zunächst mal gerodet haben, Felder bestellt haben und die ganzen Weiten Mitteleuropas Richtung Osten eigentlich urbar gemacht haben. Da ist ein Umbruch, da ist ein anderes Verhältnis zur Wildnis da, als wir es in der Frühzeit des Christentums hatten. SPRECHER In einem etwa 250 Jahre alten Lexikon der Frühaufklärung ist ‚Wildnis‘ als die Wohnstätte des Wildes definiert ... ZITATOR „Wohlanständige Sittsamkeit kann dort keine Wohnung aufschlagen“ SPRECHER ... Wildnis bezeichnet also das Amoralische, Gefahrvolle, Unbehauste, die Natur als Katastrophe, die es abzuwenden galt. Der bedrohlichen Wildnis stand die gefahrlose, heimische Kulturlandschaft gegenüber. Wildnis galt dem Klerus gar als sündig, als Wohnstätte des Teufels und wurde unter dem Schlagwort ‚opus contra naturam‘ dämonisiert – und weiter vernichtet. In der Aufklärung und beginnenden Industrialisierung entstehen anstelle der mitteleuropäischen Wälder kahle, gerodete Heidelandschaften. In der verwüsteten Landschaft wurden Parks und Gärten angelegt, Aufforstungsprogramme schufen die Grundlage für die heutigen Fichten und Kiefernwälder. Gezirkelte Gartenlandschaften unterstrichen den Anspruch absoluter Kontrolle. SPRECHERIN Das Bild, was ‚Wildnis‘ ist, veränderte sich über die Jahrhunderte also mehrfach. Aus einem Meer von Wildnis wurden kleine Inseln, die irgendwann zu Naturparks ernannt wurden. Aus einer tiefen Verbundenheit mit der unkontrollierbaren Welt verabschiedete sich die moderne Zivilisation: Die Spaltung zwischen Mensch und Natur, das Gefühl der Abtrennung vom Wilden wurde zur Basis der westlichen Kultur – die eben dort war, wo Wildnis überwunden, ausgegrenzt und erfolgreich besiegt worden war. Die Wildnis war das ‚Andere‘, das ‚Fremde‘, das ‚Triebhafte‘, das ‚Unfertige‘. Und das Ausgegrenzte sagt Rolf Haubl, Professor für Sozialpsychologie in Frankfurt …: ZUSPIELUNG Wort 5 (IIA 086) Dieses Ausgeschlossene oder Verdrängte erzeugt im Grunde genommen zwei gegenteilige Reaktionen: Die eine ist, es ausgeschlossen zu lassen und das Ausgeschlossene als bedrohlich zu empfinden. Aber gleichzeitig ist das, was ausgeschlossen ist, auch das, was fasziniert, was dazu führt, dass wir Sehnsüchte danach entwickeln, das Ausgeschlossene kennenzulernen. (II A 093) .... Dann denke ich, ist das Ausgeschlossene ein Stück weit die Auseinandersetzung mit der eigenen Natur, die sich widerspiegelt in der Art und Weise, wie wir mit äußerer Natur umgehen. Insofern wäre Auseinandersetzung mit dem Ausgeschlossenen, also der ‚inneren Wildnis‘ eine Voraussetzung dafür, mit der äußeren Wildnis mit größerer Akzeptanz umzugehen. SPRECHER Denn die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation hatte sich längst auch in den Bereich der psychischen Innenwelt des Menschen verlagert. Kultur bedeutete Affektkontrolle und Körperdisziplin. Sigmund Freud hat die innere Wildnis das „Es“ genannt und seine Kontrolle und Unterwerfung durch die Ordnungsmacht des ‚Ich‘ nicht zufällig mit Sinnbildern belegt, die aus dem Bereich der Flurbereinigung, Domestizierung, und Landnahme kommen. ZITATOR Es ist der dunkle unzugängliche Teil unserer Persönlichkeit, den wir als Kessel brodelnder Erregungen erleben. Das ‚Es‘ ist ein Chaos, hat keine Organisation, bringt keinen Gesamtwillen auf, kennt weder logisches Denken noch Moral. Es ist ein sumpfiges, morastiges Gebiet, das erst durch die Ich-Entwicklung überhaupt urbar wird.“ SPRECHER Der Philosoph und Zivilisationskritiker Norbert Elias bezeichnete den Menschen, der sich dann wider seiner Natur entwickelt, als ‚Homo Clausus‘: ein gegenüber der Umwelt abgeschlossener, in sich verschlossener Mensch, vorwiegend ein Mann, dem innere und äußere Natur gleichermaßen fremd geworden ist. Dieses Menschenbild vermischte sich in der europäischen Kulturgeschichte mit Charles Darwins Evolutionstheorie einer natürlichen Welt, in der sich nur der Stärkste durchsetzt. Musik John Zorn - Engano SPRECHERIN In der deutschen Geschichte des 20.Jahrhunderts floss dieses Denken in Hitlers Faschismus ein. Er glaubte an die „Herrschaft der grausamen Mutter Natur“ und strickte daraus eine Ideologie, in der die angeblich gnadenlosen Gesetze der Wildnis zum Vorbild für einen Kampf Aller gegen Alle wurden. Sieger in diesem Kampf war dann eine diktatorische Herrenrasse, die andere zu ‚Untermenschen‘ erklärte und mit scheinbar ‚natürlichen‘ Recht ihre Vernichtung anordnete. Mit dem Ende seines ‚1.000-jährigen Reiches‘ landete zwar der Faschismus auf dem Müllhaufen der Geschichte, nicht aber die Idee der gnadenlosen Wildnis, der Kontrolle über sie und die Idee der Beherrschung der Natur. Musik aus Musik Green Piece SPRECHER Eine veränderte Auseinandersetzung sollte erst in den 60er Jahren beginnen, als die junge Nachkriegsgeneration das alte Denken abschütteln wollte. Als die Lockerung der allgegenwärtigen Kontrolle zugunsten einer neuen Erlebnisfähigkeit einsetzte, bekam auch die ‚Wildnis‘ einen neuen Wert. Die globale Bedrohung durch die totale Naturbeherrschung führte zur weltweiten Ökologiebewegung und einer Neubewertung des ‚Wilden‘. Die Sehnsucht des naturfernen Menschen nach der elementaren Natur führte zu einer Wiederentdeckung der Urtümlichkeit der unzerstörten Wildheit als Grundlage des Menschseins. Die ‚unberührte Natur‘ wurde zum idealen Ort, zur heilen Utopie – in der menschlichen Psyche, wie in sozialen Bewegungen, sagt der Psychologe Rolf Haubl: Musik aus ZUSPIELUNG Wort 6 (IIA 210) Ich glaube, ein Stück auch der Fitness-Bewegung, aber auch ein Stück der Wilderness-Bewegung ist die Rückkehr zum Körper um die Erfahrung zu machen, dass in der Wildnis konkrete Handgriffe konkrete Folgen haben. Und ich dadurch eine Art neues Bewusstsein meiner eigenen Wirksamkeit erlebe. Und wenn man davon ausgeht, dass das Gefühl der eigenen Wirksamkeit eine ganz zentrale Grundlage für das Selbstwertgefühl ist, dann ist die Entwirklichung von Wirklichkeit auch etwas, was unser Selbstwertgefühl ankratzt. Und der Versuch, in Wildnis-Zusammenhängen die körperliche Kraft wieder als Ursache für Wirkungen zu spüren, ist etwas das darüber dann den Selbstwert wieder aufbaut. SPRECHER In den letzten 30 Jahren wurde ‚Wildnis‘ wieder gesellschaftsfähig. Abenteurer und Überlebenskünstler gelten als moderne Helden; die Tourismusindustrie lockt erfolgreich in die „letzten Paradiese“, eine ganze ‚Outdoor-Industrie‘ deckt die Bedürfnisse moderner Waldläufer, die Erlebnispädagogik preist den Wert der Wildnis für schulisches Lernen, soziale Therapien und Managementkurse nutzen die Wildnis für Persönlichkeitsentwicklung. Körpertherapien und moderne Psychologie entdecken die wilde Weisheit des Körpers als inneren Wert. Die Befreiung von naturfeindlichen zivilisatorischen Regeln wird zur sozialen Pflicht. Und sogar in Wissenschaft und Forschung bildet sich ein Weltbild aus, in der die Wildnis nicht länger als primitiver blutiger unmoralischer Ort des Kampfes ums Überleben gesehen wird, sondern als Modell für Selbstorganisation, Vernetzung, Kooperation und schöpferische Symbiose. Musik Katedra Botaniki SPRECHERIN Besonders in der modernen Ökologie ist die sich selbst überlassene Wildnis zum Modell dafür geworden, wie komplexe Ökosysteme funktionieren. Eben nicht nach den mechanistischen Gesetzen der klassischen Physik, wie man lange dachte, sondern eher nach den unberechenbaren Prozessen des Lebendigen, in denen alles ineinandergreift, sich alles gegenseitig beeinflusst, korrigiert, ausgleicht. Wer das übersieht, missversteht das Lebendige, untersucht es nach einer Ideologie des Toten und zerstört die Zusammenhänge, die er nicht versteht. SPRECHER Da ist Wildnis quasi zur Matrix eines kooperativen, systemischen und ökologischen Weltbildes geworden. Konsequenterweise muss die Wildnis aus dieser Sicht dann auch geschützt werden. Dahinter verbirgt sich ein Bewusstseinswandel von kulturhistorischen Ausmaßen: Nachdem sich die menschliche Kultur über Jahrtausende über die Abgrenzung von der Wildnis definierte, wird das Wilde heute zum schützenswerten Kulturgut. Statt den Menschen als einzigen Erschaffer und Bewahrer des „Guten, Reinen, Schönen" zu sehen und die Wildnis mit Chaos, Unordnung, Schrecken und Gewalt zu assoziieren, wird die Wildnis heute eher als ursprünglich, harmonisch, nachhaltig, vielfältig empfunden. Statt dem Menschen die Aufgabe zuzuschreiben, Gottes scheinbar unvollkommene Schöpfung erst noch zu veredeln, fordert die neue Würdigung der ungezähmten Natur eine neue Rolle des Menschen – die des wachen Beobachters und verantwortungsvollen Gärtners im Netzwerk des Lebens. Wildnis zu bewahren, ist in diesem Kontext ein kulturelles Ereignis, sagt Friedrich Sinner. Er war Direktor des Naturparks Bayerischer Wald: ZUSPIELUNG Wort 9 (IIIA368) Das ist eine von uns Menschen getroffene Entscheidung, die genauso Kultur beinhaltet wie die Entscheidung den Kölner Dom zu bauen, eine Sinfonie zu schreiben, ein fantastisches Gemälde zu malen, auszustellen, den Menschen zugänglich zu machen. Es ist eine kulturelle Tat, Nationalparke mit Wildnis zuzulassen. SPRECHERIN So ist – kurz vor ihrer endgültigen Zerstörung – die Wildnis neu entdeckt und als wertvolles Modell für Forschung und Erkenntnis verstanden worden. Das ändert nichts daran, dass der Mensch, der sich einst an die Wildnis anpassen musste, heute zum Herrn und Hüter über die verbliebenen wilden Gebiete geworden ist. Er – und nicht länger die Wildnis – ist zur prägenden Kraft des Planeten geworden. SPRECHER Der niederländische Nobelpreisträger Paul Crutzen hat das gegenwärtige irdische Zeitalter deshalb das ‚Anthropozän‘, das ‚menschlich gemachte Neue‘ genannt. Das kann bedrohlich klingen, wenn der Mensch die errungene Beherrschung über die Natur missbraucht, tut was er will und die neue große Verantwortung für die Schöpfung nicht begreift, warnt der Berliner Philosoph und Biologe Andreas Weber. Er sieht die Wiederentdeckung der Wildnis als Chance und Auftrag, Natur und Kultur auf eine neue, gereifte und weise Art zusammenzubringen und das ‚Anthropozän‘ als Chance zu nutzen: ZUSPIELUNG Wort 10 (4/4:22) Die Wiederentdeckung von Wildnis kann ja nur heißen, dass wir 'Wildnis' in unseren menschlichen Dingen wiedererkennen und wiederfinden. Dass wir sehen: Es gibt etwas Wildes im Menschen. Und das wir dadurch die Grenze zwischen dem Menschen und dem Anderen niederreißen. Das wäre eine Aufgabe für das Anthropozän. (7:22) Nämlich zu verstehen, dass die Wildheit nicht das Zügellose und das Hemmungslose ist, sondern ein abgestimmtes Netz von Beziehungen. Musik Katedra Botaniki Das sehen wir in Ökosystemen. So funktionieren die: Alle müssen etwas geben und dafür kann das Ganze gedeihen. Und das ist für mich ein Modell von Kultur. (11:15) Dann ist es auch ein Modell von gelingenden Beziehungen. Und dann ist es sogar das Modell von Liebe. (8:42) Also man könnte sagen: In der menschlichen Kultur müsste das 'Wilde' unsere schöpferische Aufgabe werden. Nur so können wir eine nachhaltige Welt gestalten. Weil wir nur so im Einklang mit der 'wirklichen Welt' bleiben.

  • Eisschmelze - Verlorene Lebensräume für viele Tiere

    27.02.2025 · 22 Min.

    Der Klimawandel macht vielen Tieren in kalten Regionen schwer zu schaffen. Vielen Tieren in der Arktis oder in den Alpen schmilzt ihr Lebensraum unter den Pfoten beziehungsweise Flossen weg. Von Claudia Steiner (BR 2023) Credits: Autorin dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Ruth Geiersberger, Thomas Birnstiel Technik: Susanne Herzig Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Das Walross - Dickhäutiger Koloss der Arktis JETZT ANHÖREN Kampf gegen Klimawandel - Warum tut sich der Mensch so schwer? JETZT ANHÖREN Klimawandel - Der Konfliktanheizer JETZT ANHÖREN Spanende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BR PODCAST | BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Außerdem empfehlen wir einen lesenswerten Beitrag von ARDalpha: KLIMAWANDEL IN DEN ALPEN - Bergbewohner auf der Flucht nach oben JETZT LESEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

  • Vom Comic ins Kino - Konjunktur der Superhelden

    27.02.2025 · 23 Min.

    DC und Marvel - das sind die US-Comic-Verlage, die seit 1939 die Bild-Geschichten von Superhelden wie Superman und Batman, Die Fantastischen Vier oder Spiderman veröffentlichen. Ob als Comic oder Film - die Abenteuer der "Über-Menschen" faszinieren bis heute ein junges Publikum. Von Markus Mayer Credits Autor dieser Folge: Markus Mayer Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Robert Dölle, Ditte Ferrigan, Christiane Klenz, Jay Rutledge Technik: Andreas Lucke Redaktion: Karin Becker, Katharina Hübel-Gohr Im Interview: Andreas Platthaus, Comic-Experte & Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: eat.READ.sleep - Bücher für dich Nach einer literarischen Vorspeise servieren Katharina Mahrenholtz, Daniel Kaiser und Jan Ehlert aktuelle Neuerscheinungen und Lieblingsbücher. Für die Bestseller-Challenge lesen sie sich durch die Titel der aktuellen Top Ten - kneifen gilt nicht, deutliche Meinung ist erwünscht! Beim Quiz können alle ihr Literatur-Wissen testen und Fun Facts für die nächste Party sammeln. Dazu gibt es Interviews mit Büchermenschen und Insights aus der Buchbranche. JETZT ENTDECKEN Linktipps: Marvels Superhelden. Götter unserer Zeit. April/Mai-Ausgabe der Schweizer Kulturzeitschrift Du. Nr. 927. Hg. V. Du Kulturmedien KAG, Bätzibuck 5, CH-8307. Anlässlich der Marvel-Ausstellung in Basel versammelt der Band aufschlussreiche Interviews, Analysen und Hintergrundberichte zum Thema Marvel und den Marvel-Superhelden. Mit zahlreichen, farbigen Abbildungen. Comics richtig lesen. Von Scott McCloud, illustriert von Scott McCloud. Carlsen-Verlag 2001. Der Comicautor und Comictheoretiker klärt in einem Comicstrip, also mit Comic-Bildern auf, wie die Kunstform Bildgeschichte funktioniert, was Seitenaufteilung und Panelgestaltung möglich machen und zur Erzählung beitragen. Standardwerk zum Medium Comic & Graphic Novel. Comic Welten. Geschichte und Struktur der neunten Kunst. Hg. V. Harald A. Havas & Gerhard Habarta. Edition Comic Forum Wien. Ausstellungskatalog 1993. Darin Kapitel 6, 7, & 8: Grossstadthelden: Superman, Grossstadthelden: Batman & Superwelten – Superhelden. S. 52 - 87. Launige, aufschlussreiche Abhandlung der Superhelden-Comics von DC und Marvel, leicht überholt, da die bahnbrechenden Verfilmungen von Marvel nach der Jahrtausendwende noch nicht berücksichtigt werden konnten. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Zitator: It‘s A Bird? Zitatorin: It’s a Plane? Zitator & Zitatorin: It’s Superman! Sprecherin Im Juni 1938 erscheint das erste bunte Heftchen mit Superman auf dem Umschlag. 64 Seiten umfasst der Comicstrip, also die gezeichnete Bildfolge, mit Abenteuern des Superhelden. Superman heißt mit bürgerlichem Namen Clark Kent, aber eigentlich ist er ein Außerirdischer vom Planeten Krypton. Sprecher Nur 10 Cent kostet das Heft. Niemand ahnt, dass mit diesem ersten Heft der Reihe Action Comic, einem nicht besonders hochwertigen Druckerzeugnis, die Weltkarriere des ersten aller Superhelden beginnt. Sprecherin Endlich ist es Jerry Siegel und Joe Shuster, den Erfindern der Figur, gelungen, Superman, der im Alter von drei Jahren von seinem Heimatplaneten in einem Raumschiff auf die Erde geschickt wird, als Protagonisten einer Heftchenreihe unterzubringen. Jahrelang wird die Idee des menschengleichen Helden mit Superkräften von Zeitungen und Verlagen als pubertär und kindisch verworfen. MUSIK 2 ( Laurie Anderson: O Superman 0’57) SPRECHERIN Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg beginnt, erhält die Geschichte dieses Übermenschen, den sich die beiden Science-Fiction- Fans ausgedacht haben, eine weitere Bedeutung. Ein unbesiegbarer, unverwundbarer Superheld auf Seite der Vereinigten Staaten? Irgendwie beruhigend... Superman kann fliegen, er hat Superkräfte und Superpuste, außerdem kann er, wenn es sein muss, mit Röntgenblick Dinge sehen, die normalerweise verborgen sind. SPRECHER Während der Kriegsjahre werden Superman-Hefte zum beliebtesten Lesestoff der GI’s, der jungen amerikanischen Soldaten. 800 tausend Exemplare macht damals die Auflage der Action Comics aus - eine Heftchenreihe, in der neben anderen auch Superman-Abenteuer zu sehen sind. Hefte ausschließlich mit Geschichten des „Stählernen“, wie ihn Fans nennen, setzen mehr als eineinviertel Millionen ab. Hinzu kommen Superman-Comicstrips, die in über 250 Sonntagszeitungen abgedruckt werden. Während der Kriegsjahre gibt es zudem Superman-Radiosendungen und ab 1941 Zeichentrickfilme. MUSIK 3 (Alan Silvestri: Captain America Main Titles 0’56) SPRECHERIN 1941 erscheint im New Yorker Verlag Timely Publications, einem Vorläufer des Marvel-Verlags, eine weitere Heftchenreihe mit einem patriotischen Superhelden: Captain America. So nennt sich Steve Grant Rogers, ein fiktiver US-Amerikaner, der seinem Land als Soldat dienen will. Er wird ausgemustert, erhält aber in einem geheimen Experiment ein Serum, das zu physischen Höchstleistungen verhilft. Weil der Wissenschaftler, der das Serum entwickelt hat, von einem Nazi-Agenten ermordet wird, bleibt Rogers der einzige Superkämpfer. Fortan nennt er sich Captain America, erkennbar an seinem Kostüm und seinem Schild, das Teile der National-Flagge enthält. Captain America bekämpft Nazis, Saboteure und Spione. SPRECHER Der Journalist Andreas Platthaus von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ein ausgewiesener Comic-Experte, erklärt, wer die Macher dieser ersten Superhelden-Comics sind. ZSP Andreas Platthaus – Umfeld Das Umfeld der mittleren bis späten 30er Jahre, als die Superhelden entstanden sind, muss man sich vor allem sehr städtisch vorstellen und aus einer sehr, sehr armen Gegend stammend die meisten Leute, die damals tätig wurden, als Zeichner, als Szenaristen. Und es gab dabei durchaus einige Frauen, die in Hilfsjobs da tätig waren. Die kamen von ganz unten. Die kamen aus den relativen Elendsvierteln von europäischen Einwanderern, und dementsprechend fanden die in den Superhelden eine Art Kompensation für ihr eigenes Schicksal. MUSIK 4 (Sammy Timberg: Superman March 0’50) SPRECHER Wie viele Comickünstler der damaligen Zeit ist auch Superman Migrant. Schließlich kommt er ja vom Planeten Krypton, was es aber zu verbergen gilt, denn er will gleichberechtigt und integriert leben. Die Erfinder und Gestalter dieser Figur, häufig jüdische Migranten oder Kinder jüdischer Einwanderer, beschreiben hier in gewisser Weise ihr eigenes Schicksal anhand einer allmächtigen Heldenfigur, die ein Doppelleben führt. Sie scheinen mit der Figur des unverwundbaren Übermenschen den USA auch gleichsam den Rücken stärken zu wollen, schließlich befinden sich die Vereinigten Staaten im Krieg gegen demokratieverachtende Nazis und die Achsenmächte. ZSP Andreas Platthaus – Jüd. Künstler dominieren I. Dass etliche der Zeichner damals jüdisch waren, hat damit zu tun, dass sehr, sehr viele Juden seit dem Ende des 19. Jahrhunderts aus Europa gekommen waren. Die osteuropäischen Pogrome hatten zu einer Auswanderungswelle geführt und dabei waren sehr viele Leute vor allem aus ländlichen Regionen, aus Handwerkerberufen und so etwas nach Amerika gekommen, die aber dort nicht unbedingt sofort Anstellungen wieder fanden in den Bereichen, die sie kannten, weil sie in den Städten blieben. Und da gab es dann vor allem Industriejobs und ähnliches, damit ließ sich nicht viel Geld verdienen, und dementsprechend war das Comic-Geschäft eine Art Ausstiegsoption. Da konnte man mit künstlerischer Begabung, die natürlich etliche Leute davon besaßen, tatsächlich etwas machen. MUSIK 5 (The Chamber Orchestra Of London: First Mission 0’31) SPRECHERIN Ein Comic-Held wie der patriotische Captain America ist pure Propaganda. Erwartungsgemäß flaut nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg das Interesse an solchen, eindimensionalen Superhelden ab. Comichefte von Superman und Batman, die im New Yorker DC-Verlag erscheinen, bleiben aber weiterhin attraktiv, auch weil die Protagonisten höchst plausibel gestaltet sind. MUSIK 6 ( Prince: Batdance – Prince 0’36) SPRECHER 1939 veröffentlicht DC, die Abkürzung von Detective Comics, erstmals einen Band, in dem die Batman-Figur auftaucht. 1940 erhält der Fledermausmann eine eigene Heftchenreihe. SPRECHERIN Ausgedacht haben sich Batman der Autor Bill Finger und der Zeichner Bob Kane. Finger liebt sogenannte Pulp Fiction, Heftchenromane, die auf billigem, stark holzhaltigem Papier, im Amerikanischen Pulp genannt, gedruckt werden. In diesen Spannungsgeschichten ist der Held ähnlich wie Batman aus wohlhabendem Milieu - eine Figur, die es sich leisten kann, Detektiv zu spielen. Weil Szenarist Bill Finger zudem Expressionismus-Fan ist, spielen Batmans Abenteuer immer bei Nacht in einer dystopischen, düsteren Großstadt, einem anonymen Häusermeer, von Straßenschluchten durchzogen. SPRECHER Gotham City nennt Bill Finger diesen Ort, ein Synonym für Manhattan in New York. Finger erfindet auch Nebenfiguren wie den Commissioner James Gordon und Butler Alfred. Sie rufen oder unterstützen Batman alias Bruce Wayne, einen milliardenschweren Erben, der nach außen als Playboy auftritt. SPRECHERIN Bruce Wayne muss als Kind erleben, wie ein Gangster seine Eltern bei einem Raubüberfall erschießt, nachdem sie mit ihrem Sohn ein Kino besucht haben. Der verwaiste Junge schwört daraufhin Rache und wird zum Kämpfer für Gerechtigkeit. Bruce Wayne hat zwar keine Superkräfte, studiert aber Chemie, Kriminalistik, Mathematik und Physik und trainiert sich Kampfkünste an. Unter seiner Villa richtet er eine geräumige Höhle ein, die ein Labor und eine Garage für die Batmobile umfasst. SPRECHER Bruce Wayne, der die Stadt vom Verbrechen befreien will, inszeniert sich mit Kostüm und Maske als Fledermaus - ein Wesen, das lautlos durch die Nacht gleitet, - ein Regulator der Natur, der hilft, Schädlinge und Insekten zu reduzieren. MUSIK 7 ( Neal Paul Hefti: Batman 0’24) SPRECHERIN Comic Strips, gezeichnete Bildfolgen, sind in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das perfekte Medium, um die imaginären Abenteuer von Superman und Batman in Szene zu setzen. Denn: Filme, die bis dato hauptsächlich im Studio gedreht werden, können Handlungen, die im Weltraum oder in der Stratosphäre spielen, nicht überzeugend abbilden. Im gezeichneten Bild hingegen bereitet das keinerlei Probleme. Trotzdem verliert das Comic-Genre in den 50er Jahren an Popularität. Das hat zum Einen mit dem Fernsehen zu tun, das jetzt Einzug hält in die Haushalte und Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es hat zum Anderen damit zu tun, dass Comics während der McCarthy-Ära als minderwertig eingestuft werden – sie seien, heißt es, gefährlicher Schund, der die Jugend verderbe. SPRECHER Die Comic-Produzenten formulieren jedenfalls, um das Geschäftsmodell aufrecht zu erhalten, den sogenannten Comics-Code, ein selbstauferlegtes Regelwerk, dem sich die Branche unterwirft, eine Form der Selbstzensur. Nacktheit ist ab jetzt im Comic ebenso Tabu wie Drogenkonsum, Homosexualität, Scheidungen oder Flüche. Comic-Kenner Andreas Platthaus: ZSP Andreas Platthaus – Folgen der Krise der 50er I. gadgets Die Krise der 50er-Jahre (über den Comic Code) hat dazu geführt, dass bestimmte Geschichten nicht mehr so erzählt werden konnten, wie es vorher der Fall war. Es konnte nicht mehr so gewalttätig sein, es konnten auch beispielsweise keine Schurken mehr sterben, was vorher noch durchaus üblich gewesen ist. Und dementsprechend musste man andere interessante Dinge für eine jugendliche Leserschaft finden. Und da waren technische Gadgets natürlich sehr, sehr interessant. Plötzlich wurden die Superhelden viel aufwendiger ausgerüstet, als das vorher der Fall war, weil man mit solchen Sachen begeistern konnte. MUSIK 8 ( Anne Clark - Sleeper in Metropolis 0’24) SPRECHERIN Batman hat beispielsweise von Anfang an einen Gürtel mit diversen, nützlichen Utensilien, mit Robin, seinem jungen Helfer, begibt er sich im Batmobil, einem phantastischen Vehikel auf Verbrecherjagd. Technische Elemente wie Gürtel und Fahrzeuge werden in den 50er Jahren ausführlich dargestellt. SPRECHER Zu Beginn der 60er Jahre geht in New York ein neuer Verlag an den Start, der wegweisend wird für das Comic-Geschäft. Marvel Comics mischt mit Reihen wie den Fantastischen Vier, Spiderman, Hulk und Thor, um nur einige zu nennen auf, die Comic-Branche auf. ZSP Andreas Platthaus - Krise der 50er & Leserbindung Man brachte ein neues Identifikationsmoment hinein, indem man die ganzen Helden mehr an den Alltag ihrer Leserschaft heranführte, dass es vor allem um die große Errungenschaft des Marvel-Verlags gewesen. Wenn man da plötzlich sieht, dass jemand wie Peter Parker aus einer Schule kommt und durch einen Biss einer radioaktiven Spinne zum Superhelden wird, dann ist das zwar vielleicht nicht das, was man sich selbst erträumt. Aber zumindest bringt einem das diese Figur wieder sehr, sehr nah und so abstrus das Ganze auch ist, war das dann etwas, womit man sich tatsächlich als jugendliche Leserinnen oder Leser, da waren es dann vor allem doch nur Männer, identifizieren konnte. MUSIK 9 ( Metroboomin & Future - Superhero (Heroes & Villains) 0’27) SPRECHERIN Die Superhelden von Marvel sind nicht per se besonders, sondern Repräsentanten der weißen Mittelklasse, aus der sich auch die Leserschaft rekrutiert. Ihre Superkräfte erlangen sie meist durch einen Unfall mit radioaktivem Material. Die Entscheidung, ein Superhelden-Dasein zu führen, fällt ihnen nicht leicht. SPRECHER Die Fantastischen Vier sind vier gleichaltrige Wissenschaftler, im Grunde eine Familie. Mister Fantastic, der sich in jegliche Form dehnen kann, ist der Moderator der Gruppe. Susan, die Unsichtbare, ist seine Frau, Johnny, The Storm, ist ihr Bruder und Ben Grimm, das Ding, verfügt über einen versteinerten Körper, was dazu führt, dass er aushält, woran normal sterbliche zu Grunde gehen. SPRECHERIN Der Hulk heißt eigentlich Bruce Banner und ist promovierter Nuklearmediziner. Als er bei einem Unfall einer erhöhten Dosis von Gammastrahlen ausgesetzt ist, verwandelt er sich in ein wutschnaubendes, grünes Monster namens Hulk. Immer wenn sich Dr. Banner nach diesem Unfall aufregt, wiederholen sich die Anfälle und er wird zum Ungeheuer. SPRECHER Die Marvelhelden sind lebensnäher als die perfekten Superheroes der ersten Generation. Die Protagonisten von Marvel streiten, necken und ärgern sich wie die Fantastischen Vier, sie haben kleine Schwächen, sind eitel, neidisch oder unsicher wie der Teenager Peter Parker, der als Spiderman souverän durch die Straßenschluchten zischt. Dass er in einem Ganzkörperkostüm steckt, fördert die Identifikation mit dieser Figur: jeder könnte Spiderman sein. MUSIK 10 (The Chamber Orchestra Of London: First Mission 0’32) SPRECHERIN Marvelhelden sind auch keine Solisten, häufig bilden sie Gemeinschaften, oft treten sie im Ensemble auf. Diese Tendenz zum Sozialen haben die Marvel-Macher nicht erfunden, sie greifen nur auf, sagt Comic-Experte Andreas Platthaus, was während der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts in der Luft liegt. ZSP Andreas Platthaus - Warum Marvel auf Zielgruppen achtet? … Wenn wir uns an die Bürgerrechtsbewegung erinnern oder natürlich auch an die Unruhen unter den Studenten in Berkeley, die Hippie-Bewegung und so etwas, dann war das etwas, was einfach ins Gespräch natürlich auch der weißen Mehrheitsbevölkerung (gehörte), die letztlich den Hauptteil der Comic-Leserschaft stellte, auch interessierte. SPRECHERIN Marvel beginnt als erster Comic-Konzern Ende der 60er Jahre, schwarze Figuren in die Bildgeschichten einzubauen. Zuerst halten die Drucker die Angaben jedoch für Fehler und färben die Umrisse brauner bzw. schwarzer Passanten weiß ein, aber die Marvel-Macher lassen nicht locker. Im Marvel-Kosmos betreten schwarze Superhelden die Bühne. In Deutschland kommen Comichefte mit schwarzen Superhelden allerdings erst ein halbes Jahrhundert später auf den Markt, nach dem Erfolg der Black-Lives-Matter-Bewegung. SPRECHER Luke Cage etwa, ein schwarzer Söldner mit einer riesigen Kette als Gürtel. Um einer Gefängnisstrafe zu entkommen, stellt er sich für ein Experiment zur Verfügung, das ihm Superkräfte verschafft. MUSIK 11 ( Soundtrack Black Panther: Vince Staples & Yugen Blakrok – Opps 0’37) SPRECHERIN Und dann ist da noch Black Panther, die afrofuturistische Reihe von Marvel, über den König des fiktiven afrikanischen Wakanda-Reiches, das vorgibt ein armer Staat zu sein. Tatsächlich hat es hier einen Meteoriteneinschlag gegeben, der die Vorkommen des Wundermetalls Vibranium vermehrt. Durch dieses Metall kann sich Wakanda unsichtbar machen, was vorteilhaft ist, denn die restliche Menschheit ist noch nicht bereit für den Wohlstand und den Reichtum von Wakanda. SPRECHER Natürlich erinnert der Name Black Panther an die gleichnamige, radikale Black-Power-Partei, die Ende der der 60er Jahre entsteht. Sie plädiert radikal antikapitalistisch - für schwarzes Unternehmertum, reformierte Bildung und Plebiszite des schwarzen Amerika. 1981 löst sich die Organisation auf. SPRECHERIN Verantwortlich für den Erfolg von Marvel ist der Redakteur und Szenarist Stanley Lieber. Seinen Vornamen zerlegt er für seinen Künstlernamen in zwei Silben: Stan Lee. SPRECHER In den frühen 60er Jahren revolutioniert er mit von ihm erfundenen Figuren wie Spiderman, den Fantastischen Vier und Hulk das Genre. Die Zeichner, mit denen er kooperiert, Jack Kirby und Steve Ditko, entwickeln einen klaren, dynamischen Stil, der Überschwang von Actionszenen lässt sich in ihren Panels, wie man einzelne Bilder im Comic nennt, unmittelbar nachvollziehen. SPRECHERIN Superhelden - ob von DC oder Marvel - erschließen dem Comic neue Zielgruppen im Teenager- und Jugendlichen-Alter, was aber nicht bedeutet, findet Andreas Platthaus, einer der besten Comic-Kenner, dass sie die Kunstform der Graphic Novel voranbringen. ZSP Andreas Platthaus – Superhelden-C. ästhetisch regressiv Da wurde relativ schlicht drin gearbeitet, da war kein Platz für grafische Experimente oder fantastische Arrangements und Seitenarchitekturen. … Dementsprechend würde ich sagen, dass alles das, was wir als Comics kennen, durch die Superhelden-Hefte extrem geprägt worden ist, dass das aber nicht besonders ästhetisch fortschrittlich war. // Der Comic war in den 10er und 20er Jahren des 20. Jahrhunderts viel, viel weiter ästhetisch, als es dann nach dem Zweiten Weltkrieg war, als Superhelden so ziemlich alles dominierten. Wir verdanken es dem japanischen und den französischen Comics, dass interessantere Seitenarchitekturen, dass großzügigere Grafik, dass experimentelles Erzählen zurückgekommen ist, und das haben dann irgendwann die Superhelden-Comics auch übernommen. Aber da haben Sie sich einfach an Erfolge angehängt. Ihr eigener Erfolg hat zu einem Rückschritt in der Entwicklung der Comic-Ästhetik geführt. MUSIK 12 (John Williams – Theme From Superman 0‘46) MUSIK 13 ( Red Man – Soopaman Luva 3 („It‘s A Bird? / It’s a Plane?) 0’06) Zitator & Zitatorin: It’s Superman! SPRECHER In den 70er und 80er Jahren kommen alte DC-Helden wieder zum Zug. 1978 wird Superman aufwändig verfilmt, mit Christopher Reeve in der Hauptrolle. Eine Verfilmung ist deshalb nicht abwegig, weil die Bildsprachen von Comics und Film ähnlich strukturiert sind. Filmemacher und Regisseure arbeiten oft mit gezeichneten storyboards, mit Bilderfolgen, damit sich Team, Kameraleute und Darstellerinnen das Endergebnis vorstellen können. Ein solches storyboard sieht ähnlich aus wie die Seite eines Comichefts, nur die Sprechblasen fehlen. MUSIK 14 ( War – Galaxy 0’30 aus: Superman Batman Dance All Night) SPRECHERIN Jüngere Comic-Künstler wie Frank Miller zeigen in den 80er Jahren Batman als gealterte, frustrierte Figur - ein Gewalttäter in kompromisslosem Schwarz-Weiß, der sich entfernt hat vom Pfad des tugendhaften Weltverbesserers. SPRECHER Diese aktualisierte Sichtweise des Superhelden bildet die Grundlage für Kinofilme, in denen der US-Schauspieler Michael Keaton Ende der 80er Jahre den Fledermausmann gibt. MUSIK 15 ( Rod Stewart – Superman Batman Spiderman 0’15) SPRECHERIN Nach den Anschlägen vom Elften September geraten die USA erneut unter Druck und übernehmen die Rolle der Weltpolizei – zeitgleich steigt die Beliebtheit von Superhelden. Diesmal haben Helden aus dem Hause Marvel die Nase vorn. Was früher nur Zeichner und Comickünstler konnten, lässt sich jetzt durch Spezialeffekte und mit immenser Rechnerleistung als Bewegtbild herstellen und im Kino erleben. Millionen-Dollar-Erfolge wie Spiderman 1, 2 & 3 zeigen das enorme kommerzielle Potential, das der Marvel-Konzern für weitere Produktionen nutzt. Marvel-Filme sind durch Gastauftritte einzelner Schauspieler miteinander verknüpft, was ihre Attraktivität weiter steigert. SPRECHER Ab 2008 etabliert der Unterhaltungs-Konzern das sogenannte Marvel Cinematic Universe. Alte Helden wie Iron Man, Thor, Black Panther und sogar Captain America, als First Avenger tituliert, fliegen jetzt wieder über die Leinwand und begeistern erneut das Publikum - Helden, die alles tun, um die Welt und den Planeten zu retten. Über ein Jahrzehnt lang produziert Marvel einen Erfolgsfilm nach dem anderen. MUSIK 16 ( Mark Graham – The Avengers 0’26) SPRECHERIN Marvel-Mastermind Stan Lee wird in einigen Filmen durch sogenannte Cameos, also Gast-Auftritte geehrt. 2018 stirbt der hochgeschätzte Comic-Pionier und Begründer des Marvel-Universums. Der Marvel-Konzern setzt da längst auf Zielgruppenforschung, wenn es darum geht, neue Heldinnen zu kreieren. Miss Marvel etwa ist, was man heute eine migrantisch gelesene Person nennt - eine Figur, die die große Zahl von Einwanderinnen und Einwandern aus Pakistan und Indien in den USA repräsentiert bzw. deren Nachkommen ansprechen soll. SPRECHER Kamala Khan ist 19, eine gute Schülerin und eine begeisterte Gamerin. Umgeben von einer Gluckenmutter, einem ehrgeizigen Vater und einem frommen Bruder findet sie Zuflucht im Schreiben von Fan-Fiction über Superhelden. Als sie in der Schule und zuhause in Schwierigkeiten gerät, kann sie sich retten, indem sie - wie ihre Idole - Superkräfte erlangt. Miss Marvel wird erst als gedruckte Comicreihe getestet, bevor die Figur 2022 zur Heldin einer TV-Serie wird. SPRECHERIN Superhelden sind fester Teil der westlichen Popkultur. Auch wenn jedem klar ist, dass es unmöglich ist: Wer würde nicht gerne einmal Kräfte haben wie Superman oder der Hulk? MUSIK 17 ( Hildur Guðnadottir; The Hollywood Studio Symphony - Bad Comedian 1’03) Aktuell sieht Andreas Platthaus das Superhelden-Genre sich in Richtung seiner Bösewichte bewegen. Die Geschichten insbesondere der Marvel-Superhelden sind für Andreas Platthaus auserzählt. ZSP A. Platthaus - Schurken & gebrochene Helden angemessen … Jetzt hat man eigentlich sämtliche prominente Figuren wirklich ausgemolken. Und ich glaube kaum, dass da noch irgendeine neue Facette zu erzielen ist. Darum sind Filme wie über Dead Pool oder eben den eben schon erwähnten Joker zurzeit viel interessanter und viel kassenträchtiger, weil die tatsächlich noch einmal etwas Neues erzählen, eben auch mit viel gebrocheneren Figuren. Und ich glaube, dass das wiederum etwas ist, was unserer Zeit entgegenkommt. Und wenn man danach fragt, inwieweit Superheldenfilme heute noch dem Unterhaltungsbedürfnis oder auch dem Belehrungs-Bedürfnis entsprechen, dann würde ich sagen, der Gespaltenheit unserer Gesellschaft und der Zwiespältigkeit, all dessen, was wir zurzeit weltgeschichtlich erleben, sind die Schurken und die gebrochenen Helden deutlich angemessener.

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