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Fantasie - Das oft ungenutzte Potenzial

23.06.2025 · 24 Min.

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Über diese Folge

Wer über eine blühende Fantasie verfügt, ist in der Lage, allein in seiner Vorstellungskraft Bilder oder Szenarien zu erzeugen. Während Kinder im Spiel ständig fantasieren, wird bei Erwachsenen eine zu schillernde Fantasie allzu oft als verrückt abgetan. Dabei liegt in der Fantasie ein ungeheurer Schatz. Die lebendige Vorstellungskraft kann Raum öffnen für neue, ungewöhnliche Ideen öffnen. Von Karin Lamsfuß (BR 2023)

Credits
Autorin dieser Folge: Karin Lamsfuß
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Hemma Michel, Christian Baumann
Technik: Christine Frey
Redaktion: Bernhard Kastner

Im Interview:
Heiko Ernst, Psychologe; Norbert Groeben, Psychologie-Professor Uni Heidelberg;
Main Huong Nguyen, Psychotherapeutin und Achtsamkeitstrainerin; Gisa Klönne, Schriftstellerin;
Johannes Golchert, Psychologe

Linktipps:

Süchtig nach Alles | Podcast | ARD Audiothek:
Ob Substanzen wie Kokain und Ecstasy, Verhaltenssüchte wie Glücksspiel und Shopping oder die natürlichste Droge der Welt: die Liebe. In "Süchtig nach Alles" begibt sich Reporter Hubertus Koch auf eine Reise durch verschiedene Süchte.
ZUM PODCAST

Dissertation von Johannes Golchert über das gedankliche Abschweifen:
EXTERNER LINK | https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/9395/diss_j.golchert.pdf?sequence=1&isAllowed=y

Kurzzusammenfassung (englisch) zu a „Wandering mind is an unhappy mind“:
EXTERNER LINK | https://greatergood.berkeley.edu/images/uploads/A_Wandering_Mind_Is_an_Unhappy_Mind.pdf

Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast
Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.
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Literaturtipps:

Heiko Ernst: Innenwelten: Warum Tagträume uns kreativer, mutiger und gelassener machen. Klett Cotta 2011

Luisa Francia Blühende Fantasie: Die eigene Lebensvision gestalten, Knaur 2018

Für Eltern: 
Petra Samarah: Fantasie- und Körperreisen mit Kindern: 57 Imaginationen mit Gestaltungsmöglichkeiten Semnos Verlag, 2013

Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

Erzählerin: 

Ein schmaler, unbefestigter Pfad schlängelt sich immer tiefer in das Dickicht des Waldes hinein. Zugewuchert von Efeu und Farnen führt der Weg in verborgene Ecken, wo Blumen in den buntesten Farben blühen und glitzernde Bäche leise durchs Unterholz mäandern. Es ist die Heimat der Elfen, der Trolle und der Pflanzenwesen. Schon seit Jahrtausenden leben sie, von den Menschen unbemerkt, in dem geheimnisvollen Zauberwald. Nur wer seinen Geist öffnet und die Fantasie fließen lässt, kann sie sehen. 

Sprecher: 

Eine Reise in das Reich der Fantasie. Wir reisen alle dorthin. Unzählige Male am Tag. Fast 50% der wachen Zeit verbringt der Mensch mit Tagträumen, ergab eine Studie der Harvard University aus dem Jahr 2010.

Früher ging man davon aus: Wenn das Gehirn nicht beschäftigt ist, dann verweilt es im Ruhemodus. Das ist falsch. Heute weiß man: Wenn das Gehirn nicht konzentriert denkt, dann geht es gedanklich auf Reisen.

Musik: New hope 0‘42

Erzählerin: 

Der Tagträumer reist an magische Orte, in heile Welten, an den Traumstrand vom letzten Urlaub. Oder sie spielen in der Fantasie durch, wie das erste Date mit der attraktiven Kollegin oder dem attraktiven Kollegen verlaufen könnte. Aber auch unangenehme Dinge werden in der Fantasie durchdacht: etwa, dass das Finanzamt bald Stress machen könnte. Oder wie schrecklich die nächste Prüfung verlaufen wird.

Die Fantasie hat ein riesiges Spektrum: In ihr reisen wir in entfernte Galaxien. Oder planen - ganz handfest – die nächste große Reise.

O-Ton 1 Main Huong Nguyen (0‘13“): 

Es macht uns Menschen ja auch aus, dass wir die Fähigkeit haben, Dinge zu antizipieren, Dinge auszumalen, wir können dadurch viele Dinge planen, wir haben eine Fantasie, die uns unterstützen kann – das ist eine ganz große Ressource.

Sprecher: 

… sagt die Psychotherapeutin Dr. Main Huong Nguyen. (s. Aussprache-Audio) 

Doch was ist Fantasie eigentlich?

Musik: Her dream  0‘35

Sprecher: 

Fantasie – abstammend vom griechischen Wort Phantasia - heißt zunächst nichts anderes als „Vorstellung“ oder „Traumgesicht“. Während die Kreativität meist eine Absicht hat, nämlich etwas zu erschaffen, etwa eine Lösung für ein Problem, wabert die Fantasie meist absichtslos umher. 

Fantasie bedeutet gedankliches Abschweifen, Erschaffen von Gegenwelten, Filme im Kopfkino, Tagträumen. 

O-Ton 2 Heiko Ernst (0‘14“): 

Tagträume sind schon per se tröstlich, beruhigend, angenehm, ein Genuss an sich schon, also man kann auch Tagträume genießen, so wie man einen Film genießt, ich lieg irgendwo am Stand, es ist alles easy, alles in Ordnung …

Sprecher: 

Heiko Ernst, Psychologe. 

In der Fantasie erklimmen wir die höchsten Gipfel, sind die Party-Königin, gewinnen Millionen im Lotto und bleiben ewig schön und faltenfrei. Doch wofür ist das gut? Das sind doch alles nur Hirngespinste! Nein, sagt der Psychologe Heiko Ernst. Fantasieren und Tagträume haben wichtige Funktionen:

O-Ton 3 Heiko Ernst (0‘08“) 

Also man träumt diesen Tagtraum, um auch andere Gedanken abzublocken oder um sich in eine Stimmung zu bringen, in der man ruhiger wird.

Musik: Premium 0‘32

Sprecher: 

Durch positive Fantasien wird das Leben entspannter, bunter und abwechslungsreicher. Fantasievolle Menschen können sich gut in andere hineinversetzen. Sie sind offen, neugierig und flexibel. In der Berufswelt führt Fantasie zu Fortschritt durch bislang ungeahnte Ideen.

Wenn Fantasie so viele positive Effekte hat, stellt sich die Frage: Wie kann man diese Quelle anzapfen?

O-Ton 4 Reportage Gisa Klönne (0‘15“):  

Ja, der Hängesessel…. Ich hab ein Dacharbeitszimmer, und dann hab ich mir hier einen Hängesessel gekauft. 

Erzählerin: 

Gisa Klönne auf der Suche nach der Fantasie. Die Schriftstellerin hat bereits sechs Krimis und drei Romane geschrieben. Gerade sitzt sie an ihrem vierten. Gisa Klönne braucht die Fantasie – wie alle Künstler und Kreativen - wie die Luft zum Atmen. Auch wenn am Anfang immer ein grobes Gerüst steht - und natürlich viel Recherche - folgt dann die Phase der Fantasie. In dieser Phase erweckt sie ihre Romanwelt zum Leben: Sie malt sich Orte aus, entwirft Charaktere und Handlungen und erschafft Stimmungen. Das klappt leider nicht auf Knopfdruck. Doch sie hat so ihre Techniken, die Fantasie zum Fließen zu bringen. Gerade schwingt sie in ihrem lindgrünen Hängesessel, der an der Decke befestigt ist. 

O-Ton 5 Reportage Gisa Klönne (0‘26“):  

Das ist ja so wie ein Baby in der Wiege, ich schaukele dann hier, ich hab hier immer neben mir inspirierende Lektüre, Notizbücher liegen, und morgens und auch, wenn ich nicht weiterkommen, mache ich hier ne Pause, schwinge so, gucke auf mein Bücherregal mit den Buchtiteln, gucke in die Wolken aus dem Dachfenster und schreibe vor mich hin. Ich schreibe dann z.B. schwingend im Hängesessel, und dann schreibe ich, was mir einfällt. Mit der Hand. Ganz wichtig! 

Erzählerin: 

So schwingt sie sanft hin und her, in der Hand einen Notizblock und einen Füller mit grüner Tinte. Das muss sein. 

Aufbruch (reduced 2) 0‘15

Sprecher: 

Experten gehen davon aus, dass beim Schreiben mit der Hand die visuell-räumlichen Fähigkeiten gefördert werden, also das, was für die Vorstellungskraft essenziell ist.

O-Ton 6 Gisa Klönne (0‘22“): 

Die ersten guten Ideen kommen immer per Hand. Es ist unmittelbarer, näher an mir dran, also mehr an den Quellen, die in die Kreativität gehen, an das Unbewusste, das Anzapfen, d.h. ich schreibe weite Passagen oder auch wenn ich nachts aufschrecke, weil mir irgendeine Idee kommt, mit der Hand, und wenn ich dann an einem Roman bin, dann tippe ich sie ab.

Sprecher: 

Der Psychologieprofessor Norbert Groeben nennt diesen Zustand, in dem die Fantasie sich zeigen darf, „defokussierte Konzentration“.

O-Ton 7 Groeben (0‘28“): 

Man kann es auch „schwebende Aufmerksamkeit“ nennen. Diese schwebende Aufmerksamkeit, die gilt es zu erreichen, dafür gibt es eine Menge an Möglichkeiten: zum Beispiel manche Leute haben diese schwebende Aufmerksamkeit beim Musikhören. Andere unter der Dusche. Weil da diese körperliche Entspannung da ist, die den Geist auch frei macht, und zugleich aber der Geist immer noch schön arbeiten kann. Vital ist.

Sprecher: 

Diese schwebende Aufmerksamkeit kann auch erlebt werden morgens vor dem Aufwachen. Sozusagen auf dem Weg aus den Träumen in die Realität. 

O-Ton 8 Gisa Klönne (0‘38“):  

Als Autorin geht bei mir immer parallel ein Film, in dem ich Geschichten sehe, Bilder, das kann dann z.B. auch sein, wenn ich morgens aufwache, wenn ich sehr in einem Roman bin und denke als erstes: Wie geht’s jetzt dieser Figur? Was macht die als nächstes? Und die sind für mich so real da wie die Menschen in meinem Umfeld oder mein Mann!

Und der kennt das dann schon, wenn ich dann runterkomme in die Küche, dann sag ich: „Kann nicht! Schweigen!“ weil ich dann einfach diesen Figuren und dieser Geschichte in meinem Kopf erst mal zuhören will! Ich lass die einfach mal wie so ein Kopfkino ablaufen!

Musik: Joy research (no drums) 0‘53

Sprecher: 

Ob Traum, Tagtraum, gedankliches Umherwabern, fantasievolles Abgleiten – das findet im Gehirn im so genannten „Default Mode Network“ statt. Im Ruhe-Zustands-Netzwerk.

Zu diesem Netzwerk gehören mehrere miteinander verbundene Hirnregionen, darunter unter anderem der mediale präfrontale Kortex – zuständig für Zukunftsplanungen - und der Hippocampus, der „Arbeitsspeicher“ des Gehirns. Dieses Netzwerk ist – so Forschungsergebnisse des Dartmouth College in New Hampshire – bei Menschen in kreativen Berufen besonders aktiv. Gerade wenn es darum geht, sich wirklich Fantastisches und Utopisches fern der Realität vorzustellen. 

Musik Ende

Sprecher: 

Früher dachte man, dass es zwei Arten von Menschen gibt: Diejenigen, die Kontrolle über ihre Gedanken haben und die, die abschweifen, so der Psychologe Dr. Johannes Golchert, der am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften über Tagträume geforscht hat: 

O-Ton 9 Golchert (0‘16“): 

Heute weiß man eigentlich, dass man das differenzierter betrachten muss, und dass es neben diesem spontanen Gedankenabschweifen, was man immer wieder erlebt, noch ne weitere Form gibt: Das ist eher das bewusstere Abschweifen, ein willkürlicher Prozess, für den ich mich entscheide und dem dann auch nachgehe …

Atmo 15‘30“ Gong

O-Ton 10 Klönne (0‘19“): 

Das sind beides tibetische Klangschalen, diese hier kann bis zu eine Minute nachhallen … (geht weiter)

Erzählerin: 

Im Arbeitszimmer der Schriftstellerin Gisa Klönne liegen ein flauschiger Teppich und ein Sitzkissen auf dem Boden in der Mitte des Raums. Mit dem Gong der Klangschale bringt sie sich in einen Zustand, der ihren Geist für Einfälle öffnet. 

O-Ton 11 Klönne (0‘39“): 

Man muss quasi einen Teil des Bewussten ausschalten und sich verbinden, erden und auf eine andere Ebene kommen. Und öffnen. Auf irgendeine Weise öffnen für das, was wir nicht erklären können, was aber trotzdem da ist. Und zuhören, ich sage immer: Es ist ganz viel zuhören bei der Fantasie, die ich brauche, um einen Roman zu schreiben.

Ich setze was vor, und dann lasse ich mich auf ein Thema ein, und dann muss ich auch teilweise die Geduld haben zu hören, was da von irgendwoher diktiert wird, was auf mich zufliegt… 

Musik: Immer mehr (reduced 2)  0‘21

Erzählerin: 

Was nie funktioniere, sagt sie, sei mit einem konkreten Auftrag in die Meditation zu gehen. Und trotzdem könne es sein, dass sie etwas „geschenkt bekommt“, wenn der Kopf leer wird. Einen Einfall, eine gedankliche Skizze, eine spannende Wendung ihres nächsten Romans.

Dabei aber, so die Schriftstellerin, sei es ihr wichtig, nicht ziellos vor sich herzuträumen, die Gedanken vor sich hinwabern zu lassen, sondern das, was sich zeigt, sofort „mit dem Lasso“ einzufangen. Am besten schriftlich. 

Sie muss also switchen: von der Fantasie in die harte Realität. Ideen, Bilder, Gedanken zunächst in der Fantasie entstehen zu lassen, sie dann aber sofort mit dem wachen, klaren Geist einzufangen. Sonst verflüchtigen sie sich.

O-Ton 12 Klönne (0‘22“): 

Man muss immer zweigeteilt sein als Autorin: Das Wichtigste ist erst mal dieses Intuitive, aber gleichzeitig muss man, um die Geschichte zu vollenden, sich komplett distanzieren und natürlich Erfahrung haben: Wie baue ich eine Geschichte auf, Spannungsbogen usw. aber um überhaupt eine Geschichte zu erfinden, um zu schreiben, um diesen Flow zu haben, muss ich das alles wieder zur Seite drängen. Also man ist immer ein Zwitter.

Musik: Green planet red. 0‘33 

Sprecher: 

Gedanklich ein Eisbad nehmen und dabei bibbern. Den trockenen, pfeifenden Wüstenwind wie einen Lufthauch auf der Haut fühlen. Den köstlichen Geschmack einer süßsauren Maracuja auf der Zunge spüren. Die Harvard-Studie über das Tagträumen ergab: Die selben Hirnareale sind aktiv – ganz egal, ob wir etwas real erleben oder es uns nur in der Fantasie vorstellen.

Natürlich gibt es Menschen, die sich etwas schwerer tun als andere auf gedankliche Reise zu gehen. Ihnen, so die Psychotherapeutin und Achtsamkeitstrainerin Main Huong Nguyen, könnte es helfen, die Sinne zu trainieren. Zum Beispiel durch Achtsamkeit.

O-Ton 13 Main Huong Nguyen (0‘20“): 

Weil in der Achtsamkeit trainieren wir immer wieder, das Bewusstsein auf alles, was in uns und um uns herum geschieht, zu lenken: Was sehen wir gerade? Was hören wir? Was riechen wir? D.h. wenn wir Achtsamkeit trainieren und immer wieder beobachten, dann entwickeln wir einen Fundus an Beobachtungen, auf die wir in der Imagination oder bei der Visualisierung zurückgreifen.  

Musik: Dream for reality  0‘34

Sprecher: 

Die Fantasie schafft auch Gegenwelten. Vor allem dann, wenn die Realität zu grau ist. Schüler beamen sich einfach weg: vom langweiligen Matheunterricht auf den Ponyhof. Erwachsene vielleicht vom langweiligen Meeting an den weißen Sandstrand Balis. Und während man in Geiste einen köstlichen Cocktail serviert bekommt, will die Chefin die letzten Zahlen wissen. Opppps! Ertappt!

Musik: Magic rain (reduziert)  1‘02

In magische Klänge einbetten: 

Anmerkung: langer Text. Sprecher kann etwa in der Mitte der Geschichte darüber gelegt werden. Spätestens dann, wenn’s langatmig wird.

Erzählerin: 

Tief in den verschlungenen Wäldern liegt ein verzauberter Bergsee, von Stille und Geheimnis umgeben. Seine Oberfläche schimmert wie ein silbriger Spiegel, der die Wunder der umgebenden Natur widerspiegelt. 

Plötzlich erhebt sich eine geheimnisvolle Nebelschicht aus dem See empor, winzige Lichter tauchen auf, die tief unten im klaren Wasser leuchten. Auf dem Grund des magischen Bergsees erscheint eine zauberhafte Welt: glitzernde Pflanzen, die in leuchtenden Farben erstrahlen, und kleine Kreaturen.

Unterhalb des Gesteins liegt ein altes, von Moos überwuchertes Tor, das den Eingang zu einem vergessenen Reich markiert. Wer durch das Tor schreitet, begegnet flüsternden Wassergeistern, die ihn mit Geschichten aus längst vergangenen Zeiten verzaubern. In einem schimmernden Amphitheater, gebaut aus Kristallen, tanzen bezaubernde Wassernymphen …..

Sprecher: 

Solche Fantasiewelten haben für viele Menschen etwas sehr Anziehendes, Magisches. Diese Welten sprengen Grenzen. Sie sind unendlich, und alles ist in ihnen möglich. Fantasiewelten spenden ein wenig Zauber in einer hochtechnisierten, längst entzauberten Welt. 

Die Welten voller Feen, Elfen, Zwerge und Trolle haben etwas Magisches. Fantastische Werke wie „Herr der Ringe“ oder Der kleine Hobbit“ begeistern viele Menschen.

Doch Fantasiereisen haben auch im Alltag einen ganz praktischen Nutzen: Gedankliches Durchspielen kann eine gute Vorbereitung für schwierige Situationen sein, sagt die Psychotherapeutin Main Huong Nguyen.

O-Ton 14 Main Huong Nguyen (0‘24“)

Wenn wir für ne Prüfung lernen, sollten wir die Prüfungssituation möglichst nachgestalten: Uns an einen Tisch setzen, wenn das ne Multiple Choice-Klausur ist, das auch nachahmen und uns auch vorstellen, dass wir da erfolgreich reingehen und rausgehen werden, dass wir entspannt sind in dieser Situation und nicht mit diesem katastrophisierenden Bild „oh Gott, ich werde ein Blackout bekommen, mir wird nichts einfallen“ – das können wir auch auf unseren Lebensalltag anwenden.

Sprecher: 

Alle Veränderungen wurden zunächst einmal in der Fantasie geboren. Erfindungen, Kunstwerke oder neue geistige Strömungen. 

Fantasie ist der Motor für Weiterentwicklung. 

Sie ist bei Menschen sicherlich unterschiedlich stark ausgeprägt. Ein bisschen aber hat jeder. Bis auf die geschätzten drei bis vier Prozent, die unter einer sogenannten Afantasie leiden. Das heißt: ihnen fehlt die bildliche Vorstellungskraft: Sie können weder das Gesicht eines Freundes noch ihr Wohnzimmer visualisieren. Warum das so ist, darüber rätselt die Forschung noch.

Fest steht aber: Der Grundstein für die Fantasie wird schon sehr früh gelegt, so Psychologe Heike Ernst:

O-Ton 15 Heiko Ernst (0‘36“): 

Das Spiel hat sehr viel Ähnlichkeit mit dem Tagtraum, auch da wird die Realität ja umgedeutet. Die Realität wird verändert, verfeinert, verbessert, das Kind macht aus dem Stock ein Schwert, aus dem Papierstreifen eine Krone, und es fantasiert sich aus einem Kochtopf eine Trommel – also es verändert die Realität im Spiel. Und das ist sozusagen die Vorübung für später auch erwachsenes Tragträumen, für Fantasieren. Wir brauchen diese Fantasien, wir müssen fähig sein, die Realität im Kopf, in unserer Innenwelt immer wieder zu verändern.

Musik: Mysterious animal play  0‘27

Sprecher: 

Eltern können die Fantasie ihrer Kinder fördern, indem sie sie ermutigen, rumzuspinnen. Die Erlaubnis zum Träumen geben, zum realitäts-entrückten Spielen. 

Erzählerin: 

Auch die Schriftstellerin Gisa Klönne erinnert sich, dass ihre gesamte Kindheit von Ausflügen in fantastische Welten geprägt war.

O-Ton 16 Klönne (0‘42“): 

Ich hab Schreiben gespielt. Ich fand Geschichten so toll, dann habe ich mit meinem lila Buntstift in alte Taschenkalender meiner Eltern so Schnörkel reingemacht und hab gespielt ‚ich schreibe‘. Ich wusste sehr früh, dass ich das will.  Und dann war ich ganz schnell dieses Kind, was man jede Woche mit dem Bibliotheksausweis in die Bibliothek geschickt hat: zehn Bücher abgeben, zehn Bücher holen, ich hab mich quer durch alles gelesen. 

Erzählerin: 

Gegenwelten erschaffen in der Fantasie: Das macht sich sogar die moderne Psychotherapie bei Trauma und Depression zunutze. Mit der Methode des „Imagery Rescripting“:

O-Ton 17 Main Huong Nguyen (0‘47“) 

Und das funktioniert so, dass der Patient gebeten wird, in der Imagination in diese belastende Situation zurückzugehen in der Biografie. Häufig sind das Kindheitserinnerungen, aber es kann natürlich auch ein Trauma im Erwachsenenalter sein. Und dann, wenn man an dem Punkt ist, wo die Emotion sehr stark aktiviert wurde, fragt man: Was ist das Bedürfnis des Patienten in dieser Situation. Oft ist es z.B. Sicherheit oder dass man rauskommt aus dieser Situation, und dann in diesem Moment kommt dann dieser Patient als erwachsene Person rein oder eine andere Hilfsperson. Und dann wird quasi die Situation neu umschrieben. Da wird z.B. das Kind aus dieser gefährlichen Situation rausgenommen oder der Täter oder die Täterin wird entmachtet von dieser Hilfsperson; es hört sich vielleicht so ein bisschen crazy an, aber es funktioniert so gut, und das Ziel bei dieser Behandlung ist die emotionale Neubewertung. 

Sprecher: 

Hat Fantasie also nur Sonnenseiten? Ist sie nur kraftvolle Ressource? 

Musik: Daily desolation   0‘30

Nein. Die Fantasie birgt durchaus Gefahren. Etwa dann, wenn sie finster und destruktiv wird oder gar wahnhafte Züge annimmt.

Ob sich die Fantasiewelten des Internets, vor allem gewaltvolle Videospiele auf die Entwicklung junger Menschen auswirken, wird kontrovers diskutiert. Klar ist aber, dass ein komplettes Abtauchen in virtuelle Welten nicht förderlich ist, so Heiko Ernst. 

O-Ton 18 Heiko Ernst (0‘14“): 

Das Kriterium ist einfach die Realitätstüchtigkeit, also die Bewältigung des Alltags, also wenn jemand wirklich versumpft in solchen Traum- und Fantasiewelten, dann ist es Zeit, Hilfe zu suchen, wobei der Betroffene das ja meist gar nicht so empfindet. 

Sprecher: 

Das nennen Experten dann „maladaptives Tagträumen“. 

Darunter versteht man eine Form der Sucht, bei der sich Betroffene stundenlang in Fantasiewelten verlieren und soziale Kontakte vermeiden. Eine krankhafte Form der Fantasie.

Der Psychologe Heiko Ernst befürchtet zudem, dass die eigene Fantasiefähigkeit auf der Strecke bleibt. 

O-Ton 19 Heiko Ernst (0‘46“): 

Weil die wirklich unterminiert wird, wenn wir uns nur noch beliefern lassen durch fremde, vorgefertigte Fantasien, vielleicht auch kranke Fantasien von anderen, die wir übernehmen: Wir sehen Filme über Massenmörder, wir schauen Filme über Massenvernichtungen, wir konsumieren Horrorfilme, Splattermovies, ... die Medienwelt ist ja voll von Dingen, über die man ständig diskutiert, ob man sie nicht unterdrücken soll, also die Inhalte sind sozusagen veröffentlichte schlechte Tagträume anderer, die wir konsumieren wollen und die wir zum Teil ja auch gerne konsumieren wollen, es ist diese Faszination des Bösen natürlich auch, und wenn man sich permanent an diesen Fantasien aus der Konserve aus fremden Tagträumen bedient, bleibt eben diese eigene Fantasiefähigkeit unterentwickelt, und die anderen dominieren.

Sprecher: 

Die Forscher der Harvard-Studie über das Tagträumen weisen noch auf einen weiteren negativen Aspekt hin. Mit Hilfe eines Handyprogramms befragten sie fortlaufend 2.200 Studienteilnehmer, woran sie gerade denken und wie sie sich beim Gedankenabschweifen fühlen. Titel der Studie ist bezeichnenderweise „A wandering mind is an unhappy mind“. Übersetzt: Ein umherschweifender Geist ist ein unglücklicher Geist. 

Musik:  Every man has his own sorrow 0‘15

Ein zentrales Ergebnis der Studie war: Das grübelnde und sorgenvolle Nachdenken darüber, was in der Zukunft sein könnte oder in der Vergangenheit besser gewesen wäre, kann auf Dauer unglücklich machen. 

Musik: Lake views  0‘20

Glücklich mache vor allem der gegenwärtige Moment – sofern er schön ist. Sex, Gespräche mit anderen Menschen, Spielen, Musikhören und Essen waren laut der Studie solch schöne Momente im Hier und Jetzt. 

Musik Ende

Sprecher: 

Fantasie ist also wie ein Instrument, das tröstende, beglückende und beschwingende Melodien spielen kann. Und eben auch düstere, furchteinflößende. Also gilt es, achtsam mit ihr umzugehen. Damit sie nicht anfängt, ihr Eigenleben zu führen. 

In jedem Fall aber ist die Fantasie eine kraftvolle und mächtige Ressource, die Grenzen sprengen und Neues schaffen kann. 

Erzählerin: 

Schriftstellerin Gisa Klönne sitzt in ihrem kleinen Reihenhausgarten auf ihrem Lieblingsplatz: der hölzernen Eckbank. Es ist schon weit nach Mitternacht. Die Stadt wird ruhiger, nur noch das sanfte Rauschen des Verkehrslärms ist hörbar. Die Fledermäuse fliegen über ihren Kopf, im Laub raschelt ein Igel.

In Momenten wie diesem kann es sein, dass plötzlich eine neue Romanfigur um die Ecke kommt.

Musik: Relaxing water 0‘54

O-Ton 20 Gisa Klönne (0‘23“): 

Ich verbinde mich, wenn ich im Garten bin, und nach einer Zeit verbinde ich mich quasi mit der Erde, darüber wieder mit mir, vielleicht auch Ursprung, also dem Leben an sich, und über diese Verbindung mit etwas Höherem – weil ich mich dann auch mit allem verbunden fühle – und geerdet. Und dann ist das das Reich, wo dann manchmal die Fantasie hinkommt. 

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So grauenhaft sieht sie aus, dass zu Stein erstarrt, wer sie erblickt. SPRECHER Seit der Antike dargestellt in Skulpturen, Gemälden, besungen und in sich immer wieder verändernden Mythen erzählt, hat Medusa über Jahrtausende ihren Weg bis in die Popkultur der Gegenwart gefunden: Im Fantasy-Roman, Kinoblockbuster oder PC-Spiel. MUSIK hoch SPRECHERIN Oder besser ihr abgeschlagener Kopf. Medusa und ihre Geschichte sind eines der berühmtesten Motive der griechisch-römischen Mythenwelt. O-Ton 1 Mergenthaler Was man vielleicht vorweg stellen muss ist, dass man Medusa als mythologische Figur begreifen muss. Das heißt: da gibt es nicht irgendwie eine Quelle, die festlegt, was zu ihr dazugehört, sondern das ist das Ergebnis einer Akkumulation eines kontroversen differenzierten Akkumulationsprozesses, der über zweieinhalbtausend Jahre sich hinstreckt, mehr oder minder, und auch nicht eine Figur irgendwie produziert, sondern eine Reihe von Figuren, die unter dem Namen Medusa Karriere gemacht haben und unterschiedliche Ausprägungen genommen haben. Je nachdem, welchen Aspekt man verfolgt. SPRECHER Sagt der Literaturwissenschaftler Professor Volker Mergenthaler, der sich eingehend mit dem Mythos Medusa beschäftigt hat. MUSIK privat Take 001 „Prologue“; Album: Dracula Untold; Label: Back Lot Music – BLM0284; Interpret: Gavin Greenaway; Komponist: Ramin Djawadi; ZEIT: 01:04 SPRECHERIN Wie bei den meisten Mythen liegt der Ursprung der Geschichte der Medusa im Dunklen. Was von Medusa rein mündlich erzählt wurde, vermag niemand zu sagen. Doch schon in einem der ältesten schriftlich fixierten fiktionalen Werke Europas, Homers Ilias, zu datieren auf etwa das 8. Jahrhundert vor Christus, findet die Medusa Erwähnung. ZITATORIN Das gorgonische Haupt, des entsetzlichen Ungeheuers, Schreckenvoll und entsetzlich. SPRECHER Als furchterregendes Emblem auf dem Schild der Göttin Athene und des Anführers der Griechen im Trojanischen Krieg: Agamemnon. ZITATORIN Die Schreckengestalt der Gorgo drohete schlängelnd, Mit wutfunkelndem Blick, und umher war Graun und Entsetzen. SPRECHERIN Das Schreckliche an Medusa, das Furchtbare, das von ihr ausgeht ist… ZITATORIN (bitter) Ihr Antlitz. MUSIK ENDE O-Ton 2 Mergenthaler In den Details wird das dann unterschiedlich ausbuchstabiert: Sie hat Schlangenhaar, sie hat einen furchtbaren Blick, das Gesicht ist irgendwie zu einer Fratze geschnitten, mit bleckenden Zähnen und heraushängender Zunge. Also ich würde sagen, wenn man das irgendwie psychologisieren wollte, in unserer moderne Welt, würde ich sagen das ist eine Entstellungserfahrung. Da begegnet uns etwas, das wir als menschlich in seinen Grundzügen erkennen, das aber so verzerrt verrückt entstellt ist, dass es auf mich selbst zurückfällt und mir Angst macht, sozusagen. Ich könnte selbst so aussehen und ich mich versichern möchte, dass ich nicht so aussehe. (…) Was ist das Monster eigentlich? Es ist ein Gegenüber, das aus der Norm fällt und das nicht deswegen verunsichert und dann eben zu Stein oder wie auch immer erstarren lässt. SPRECHER Ein Monster verlangt nach einem Helden. Die Medusa nach einem der berühmtesten Heroen in der griechischen Mythologie: Perseus, Sohn des Zeus, der sich in Gestalt eines Goldregens seiner Mutter Danaë genähert hatte. MUSIK SPRECHERIN Dem König von Argos war geweissagt worden, ein Sohn seiner Tochter Danaë würde ihm einst zum Verhängnis werden. Er setzt daher Danaë und ihren Sohn Perseus auf dem Meer aus. Die Götter aber retten beide, so dass sie auf einer Insel der Kykladen an Land gespült werden. Hier weckt Danaë die Begierde des Königs Polydektes. SPRECHERIN Der auch vor Drohungen und Erpressungen nicht zurückschreckt, als er Danaë nachstellt. Perseus und dem Fischer, der Mutter und Sohn bei sich aufgenommen hat, gelingt jedoch immer wieder Danaë zu beschützen. SPRECHER Dieser Perseus muss weg. König Polydektes verlangt daher von Perseus, ihm das Haupt der Gorgone Medusa zu bringen, das jeden, der es sieht, zu Stein verwandelt. Die Gorgonen sind gemäß der griechischen Mythologie drei Schwestern, Kinder des Meeresgottes Phorkys und seiner Schwester Keto. Drei geflügelte Schreckensgestalten, welche jeden, der sie erblickt, zu Stein erstarren lassen. ZITATORIN Der Gorgonen Geschlecht, jenseits des Okeanos wohnend, Hart an der Grenze der Nacht, bei den singenden Hesperiden, Stheino, Eurýale auch, und die jammervolle Medusa. Sie war sterblich allein, doch Tod so wenig wie Alter Kannten die zwo. SPRECHER Als echter Held macht sich Perseus natürlich sofort auf den Weg. O-Ton 3 Mergenthaler Allerdings tut er das nicht als Soloplayer, sondern wenn man so will, als Teamplayer mit Backup. Und das Backup ist göttlicher Natur. Das ist Athene, die ihm ein bisschen was mitgebracht hat - wichtige Items: ein Sichelschwert, die „Harpe“, ein Beutelchen, Säckchen wie auch immer die „Kibisis“ und das entscheidende, die „Aigis“, ein Schild. Sie hat einen Schild mitgebracht, der blankpoliert ist, in dem man ein Spiegelbild sehen kann. ZITATORIN Perseus trat an die Schlafenden heran, mit abgewandtem Gesicht in seinen ehernen Schild blickend, der ihm das Bild der Gorgo zeigte, und indem ihm Athene die Hand führte, schnitt er ihr das Haupt ab. g Schwert + MUSIK ENDE O-Ton 4 Mergenthaler Also das ist die die Erfolgsgeschichte von Perseus. Und da ist eben, dass das Spannende dran, dass damit eigentlich erst mal eine Medientheorie verbunden ist: Also das denkbar Schrecklichste, dem kann ich mich eigentlich nicht aussetzen, ohne zugrunde zu gehen. Ich kann ihm aber begegnen, wenn ich es medialisiere. Das heißt, wenn ich vermittelt draufschaue. Und das kann man bis in unsere Zeit eigentlich übertragen. SPRECHERIN Dokumentierte Grausamkeiten aus dem ukrainischen Ort Butscha, verstörende Bilder ungeheurer Zerstörung und Gewalt aus Gaza, unerträgliche Aufnahmen von Morden der Hamas… O-Ton 5 Mergenthaler Das ist entsetzlich, was wir da zu sehen haben. Wir gucken es aber an, auf dem TV-Bildschirm, auf dem Handy, und halten das irgendwie aus. Und so würde ich sagen das ist das ist das, was uns der der Mythos im Grunde für heute liefern kann: mit dem mit dem Entsetzlichen, mit dem Grauenhaften Können wir irgendwie umgehen, wenn es eingekastelt wird, nicht, wenn es auf einem kleinen Bildschirm ist, der jederzeit signalisiert: das ist nicht in echt, das ist eine Repräsentation des Schrecklichen. Und dann lässt sich das bearbeiten, bewältigen und aushalten in irgendeiner Form. Das ist also das sozusagen das medientheoretisch Interessante am Mythos. SPRECHER Mythos bedeutet zu erzählen. Aber warum erzählen wir? SPRECHERIN Indem wir erzählen, übernehmen wir die Kontrolle. Der Literaturwissenschaftler Volker Mergenthaler: O-Ton 6 Mergenthaler Ich kann etwas in eine Ordnung bringen, das Unstrukturierte, das Schreckenerregende dieses Gegenübers, kann ich in eine Ordnung übertragen, indem ich sie auf die auf die Spiegelfläche bringe oder indem ich sie in eine Erzählung überführe. Beides sind Formen der Medialisierung. beides sind Formen der Strukturierung und der Ordnung. Und insofern Mythos das Schreckliche erzählt und weiterträgt und transformiert ist es immer auch eine Form der Kontrolle der Rationalisierung. Von daher ist dieser Medialisierungskniff, den Perseus mit Hilfe der Athene vollzogen hat, eben mythos-theorethisch interessant, aber auch für ganz moderne Medientheorie immer noch ganz brauchbar. MUSIK privat Take 001 „Mercy In Darkness”; Album: Archangel; Label: Two Steps From Hell Athene nahm das Haupt der Gorgo in die Mitte ihres Schildes. SPRECHERIN Als Unheil abwehrendes magisches Schutz- und Schreckmittel schmückt das sogenannte Gorgoneion fortan Waffen, Wagen, Schiffe, Stadt-mauern, Amulette, Gewänder, Möbel und Sarkophage. SPRECHER Der abgeschlagene Kopf ist ein Zeichen, das Macht demonstriert. Das Ungeheuer ist besiegt - doch zugleich gegenwärtig. ((ZITATORIN Vor dem Anblick jedem stirbt des Lebens Hauch. SPRECHER Das Antlitz der Medusa behält seine Wirkung: Zunächst als bluttriefend hervorgezogenes Haupt und später als Abbild auf dem Schild. SPRECHERIN Die Enthauptung: blutige Machtdemonstration von Königen, Revolutionären und Terrorristen. )) SPRECHER Aber was genau speziell am Haupt der Medusa ist so schrecklich? Und: Wie ist dieses schreckliche Monster entstanden? ZITATORIN (geflüstert) accipe quaesiti causam. clarissima forma multorumque fuit spes invidiosa procorum illa, nec in tota conspectior ulla capillis pars fuit: inveni, qui se vidisse referret. hanc pelagi rector templo vitiasse Minervae dicitur: aversa est et castos aegide vultus nata Iovis texit, neve hoc inpune fuisset, Gorgoneum crinem turpes mutavit in hydros. nunc quoque, ut attonitos formidine terreat hostes, pectore in adverso, quos fecit, sustinet angues. (darüber) Höre den Grund des, was du erfragst. Obsiegend in Schönheit War der beneidete Wunsch zahlreicher Bewerber Medusa; Aber es fiel kein Teil an der ganzen Gestalt in das Auge Mehr, als das Haar. So hört' ich von manchen, die selbst es gesehen. Diese entehrt der Fürst des Meers, wie es heißt, in Minervas Tempel. (wegblenden) [Von hinnen gewandt hielt Iupiters Tochter die Aigis Vor ihr keusches Gesicht, und damit nicht fehlte die Strafe, Ließ sie der Gorgo Haar sich wandeln in scheußliche Hydern. Jetzt noch immer, mit Angst zu schlagen erbebende Feinde, Trägt sie vorn auf der Brust von ihr selber geschaffene Schlangen.] darüber SPRECHERIN Im ersten Jahrzehnt nach Christi Geburt erzählt auch der antike römische Dichter Ovid in seinem mythologischen Gedicht „Metamorphosen“ von Perseus und Medusa. MUSIK ENDE O-Ton 7 Grossi I Und eine Innovation des Ovid ist, dass er uns jetzt aber noch einen Hintergrund zu dieser Figur erzählt. Und zwar sei diese Gorgone, diese Medusa, nicht einfach immer schon ein Monster gewesen, sondern sie sei ursprünglich mal eine wunderschöne junge Frau gewesen, die sich vor männlichen Verehrern kaum retten konnte und vor menschlicher Aufmerksamkeit. SPRECHER Die Althistorikerin Giulia Grossi hat sich dem Medusa-Mythos aus feministischer Perspektive genähert. O-Ton 8 Grossi Und diese wunderschöne junge Frau war allerdings eine Priesterin der Athene, also der Göttin, die später ganz wesentlich zu ihrem Tod beiträgt. Und ja, diese ungewollte männliche Aufmerksamkeit ist leider ein Leitmotiv ihres Lebens, denn sie zieht eben die Aufmerksamkeit von Poseidon beziehungsweise Neptun, auf sich, dem Meeresgott. Und dem kann sie leider nicht entkommen. Denn der tut ihr sexualisierte Gewalt an, und zwar in dem Tempel der Athene. Und statt also ihrer Schutzbefohlenen zu Hilfe zu kommen, sieht Athene das als ein schweres Vergehen gegen sie selbst, gegen die Integrität dieser Göttin und der Integrität dieses Heiligtums. Und sie bestraft Medusa dafür, indem sie ihr ein furchtbares Aussehen verleiht eben durch beispielsweise das Schlangenhaar, was heute noch ein sehr bekanntes Motiv oder das bekannteste ikonografische Motiv der Medusa ist und sie eben gleichzeitig auf diese Insel verbannt. Und zudem noch diese schreckliche Gabe des ja das versteinernden Blickes, was diese arme Frau, zusätzlich auch noch isoliert, komplett. MUSIK privat Take 001 „Mercy In Darkness”; Album: Archangel; Label: Two Steps From Hell SPRECHERIN Medusa wird vergewaltigt und dafür auch noch bestraft, von der, die sie eigentlich beschützen sollte, ihrer Priesterin. SPRECHER Sie wird also keineswegs nur Opfer männlicher Gewalt, sondern zugleich auch des weiblichen Neids. ZITATORIN Meine Locken wanden sich wild in Wut, mein Bewusstsein klammerte sich fest am Hass, der Wunsch nach Rache erfüllte mich und ich begann mich an ihm zu nähren. Mein Haar verwandelte sich in Vergeltung zischende Vipern und meine Augen sahen die Welt in Stein. MUSIK ENDE O-Ton 9 Gross Wir wissen ganz genau, den Kontext, den politischen Kontext, den gesellschaftlichen Kontext, in dem Ovid schreibt. Und zwar ist es in dem ja ziemlich brisanten Zeitalter des Übergangs einer republikanischen Staatsform in eine monarchisch Staatsform der römischen Kaiserzeit, die eigentlich jetzt beginnt, also mitschreibt um die Zeitenwende der Herrschaft des Augustus, mit dem er ein sehr angespanntes Verhältnis hat. Und er macht gar kein Geheimnis daraus, dass Augustus in seinem Epos als quasi-göttliche Figur gleichgestellt wird. Und ein sehr wichtiges Thema, was sich durch die Metamorphose vor allem die ersten Metamorphosen-Bücher durchzieht, wo auch dieser Medusa-Mythos beziehungsweise Perseus-Mythos drin erzählt, ist die Ohnmacht der Menschen vor göttlicher Macht. Also alle Menschen sind dieser göttlichen Macht, der absoluten Willkür dieser olympischen Götter zu allen Zeiten unterworfen. Und was wir in diesem Epos ja auch sehen, ist, dass es keinerlei Konsequenzen für Athene gibt oder für Perseus, der ja der Held dieser Geschichte ist, und die soll es auch nicht geben. SPRECHERIN In der patriarchalen Weltordnung hat die Schönheit Medusas eine gewaltige Schattenseite: Sie provoziert männliches Begehren und sexualisierte Gewalt. Erst mit der Verwandlung ins schlangenhaar-bewehrte zornige Ungeheuer gewinnt Medusa Sicherheit. Zudem kann sich die Medusa jetzt mit ihrem versteinernden Blick zur Wehr setzen und wird schließlich auch noch auf eine Insel verbannt, auf der sie nur mit ihren gorgonischen Schwestern lebt. Verwandlung und Verbannung gewährleisten also Schutz vor weiterer männlicher Gewalt. Giulia Grossi: O-Ton 10 Grossi Die Tatsache, dass Medusa ja Opfer eines sexuellen Übergriffes wurde und das Ganze aber ja keinerlei Konsequenzen für ihren Aggressor einerseits bedeutet hat, andererseits aber auch für diese Gottheit ihre Schutzbefohlene, ihre Patronin, die sie dafür bestraft. Das ist, glaube ich, ein Motiv, was ganz wichtig wird und ganz emblematisch für diese Auseinandersetzung mit eben der Normalisierung von solcher sexuellen Gewalt. Das ist einfach an der Tagesordnung ist. Und es gibt keine Konsequenzen mehr. Was für Konsequenzen soll es schon geben? Und andererseits eben auch dieses die Thematik des weiblichen Neides. Dass Frauen gegeneinander ausgespielt werden und wenig Solidarität untereinander zeigen, ist eben auch ein Motiv, was hier ganz gut abgehandelt und diskutiert werden kann. SPRECHER In den 1960er und 70er Jahren entdeckt der Feminismus den Medusa-Mythos für sich. SPRECHERIN Es geht um weibliche Autonomie, um Selbstbestimmung, die sich eben auch auf sexuelle Selbstbestimmung erstreckt. Um autonome Organisations- und Lebensformen – die drei Gorgonen leben frei und unabhängig - ohne Männer – ihr eigenes Leben. Eine autonome Gemeinschaft, die sich mittels des versteinernden Blicks der Medusa auch verteidigen kann. MUSIK privat Take 001 „Mercy In Darkness”; Album: Archangel; Label: Two Steps From Hell ZITATORIN Es reicht Medusa ins Gesicht zu schauen, um sie zu sehen: und sie ist nicht tödlich. Sie ist schön und sie lacht. MUSIK ENDE SPRECHER Schreibt die französische Schriftstellerin Hélène Cixous in ihrem Essay „Das Lachen der Medusa“ aus dem Jahr 1975, der als ein Schlüsseltext der feministischen Theorie gilt. O-Ton 11 Grossi II Und Hélène Cixous eben dann darauf verweist, eben einerseits diese männliche Angst, die sich in Medusa manifestiert, vor weiblicher Selbstbestimmung und vor weiblicher Macht und andererseits die Tatsache eben, dass Medusa eine schöne Frau gewesen sei und gelacht hat.(…) 04:06 Dass eben diese männliche Angst vor weiblicher M acht, die jahrhundertelang eben zu solcher Unterdrückung geführt hat und eben auch zu einer Selbstunterdrückung von Frauen versucht zu lösen. Und eben die Selbstbestimmung und Freiheit von Medusa unterstreicht und nicht das Gefährliche, das ihre Schönheit hatte, auch aus weiblicher Perspektive die Gefahr eines sexuellen Übergriffs, sondern eben die Freiheit, die solche Schönheit und sexuelle Selbstbestimmtheit mit sich bringen kann. MUSIK privat Take 001 „Mercy In Darkness” Als Gefangene meiner selbst sehne ich mich danach, mein zischendes Haar abzuwerfen, meine verhängnisvollen Augen zu schließen, die verdreht sind von einer Wut, die ich nie wollte… SPRECHERIN Weit weniger optimistisch nähern sich Dichterinnen wie die amerikanische Lyrikerin Ann Stanford dem Medusa-Mythos. Düster und schonungslos erzählen sie von der Vergewaltigung durch Poseidon aus der Ich-Perspektive. Endlich erhält Medusa selbst eine Stimme. Und es ist keine göttliche Strafe, sondern die Wut über Poseidons Angriff, die Medusa verwandelt. ZITATORIN Mein zorngetränkter Blick tötete alles Lebendige. Ich war allein. Ich bin allein. MUSIK ENDE SPRECHERIN Medusas entstelltes Antlitz: der Ausdruck weiblicher Wut. Wut, die seit jeher keinen Platz in der patriarchalen Gesellschaft hatte - sanktioniert, pathologisiert, weggeschlossen, wegerzogen. SPRECHER Medusa bleibt eine zutiefst ambivalente Figur: furchteinflößend und als Zeichen zugleich schützend. SPRECHERIN Opfer männlicher sexueller Gewalt einerseits, Symbolfigur autonomer Weiblichkeit andererseits. SPRECHER Der Mythos Medusa wird fortgeschrieben: Die Gorgone tritt in Computerspielen wie „Heroes of Might and Magic“, „God of War“ oder „Assassin’s Creed“ auf. In Kinoblockbustern wie „Kampf der Titanen“ in Jugend-Fantasy wie „Percy Jackson“… SPRECHERIN 2022 veröffentlicht die britische Schriftstellerin Natalie Haynes ihren Roman „Stone Blind – Der Blick der Medusa“. SPRECHER Der Kopf der Gorgone werde hier zum Symbol dafür, wie Geschichten durch die Zeit verzerrt werden können und eine neue und kraftvolle Resonanz erhalten, urteilt „The Guardian.“ SPRECHERIN 2022 hat an den Münchner Kammerspielen „Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)“ der israelischen Autorin Sivan Ben Yishai Premiere. Yishai schildert schonungslos in ihrem klageliedartig komponierten Textgeflecht alle erdenklichen Details sexualisierter Gewalt. Im Mai 2023 führt Sabine Fischmann das Stück „#MeToo Medusa. Ein feministischer Wutausbruch“ im Frankfurter Stalburg Theater auf. MUSIK privat Take 001 „Mercy In Darkness” ZITATORIN Ich bin die für schuldig befundene Unschuldige. Die man enthauptete, während sie schlief. Deren verstümmelte Überreste ganze Heere in Schrecken versetzen. Ich bin, was nach einer Vergewaltigung von einer Frau bleibt. SPRECHERIN Medusa-Varianten, die Frauen, die Opfer sexueller Gewalt wurden, ihre eigene Stimme zurückzugeben versuchen. Medusa steht heute mehr denn je für ein sehr intimes und persönliches Thema, das zugleich doch höchst politisch ist.

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