Geschichte der Sklaverei - Wenn der Mensch zum Werkzeug wird
30.07.2025 · 22 Min.
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- Pierre Bourdieu - Denker der feinen Unterschiede
30.07.2025 · 22 Min.
Italiener oder Imbiss. Puccini oder Punkrock. Die Herkunft prägt den Geschmack ein Leben lang. Davon ist der Franzose Pierre Bourdieu überzeugt. Wer ist der Mann, der die Soziologie als Kampfsport bezeichnet? Autorin: Maike Brzoska (BR 2020) Autor/in dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Katja Bürkle, Stefan Merki, Andreas Dirscherl Technik: Roland Böhm Redaktion: Nicole Ruchlak Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Eine Abendgesellschaft irgendwo in Frankreich. Zahlreiche Gäste sind geladen. Sie nehmen Platz an einem großen Tisch. Gleich wird das Essen serviert. Schon an wenigen Details kann man erkennen, wer hier diniert. SPRECHER Sitzen die Paare nebeneinander? Dann gehören die Gastgeber vermutlich der unteren Schicht oder dem Kleinbürgertum an. Sitzen die Paare getrennt voneinander, gehören sie zur Oberschicht, zur Bourgeoisie. SPRECHERIN Auch die Speiseordnung kann die soziale Herkunft verraten. MUSIK 2 SPRECHER Suppe, Kartoffeln, Fleisch – bei Angehörigen ärmerer Schichten kommen die vollen Töpfe und Pfannen mit auf den Tisch. Aufgetragen wird reichlich und mit großen Schöpfkellen. Die Reihenfolge der Speisen ist zwanglos, Zwänge gibt es im Alltag schließlich schon genug. Deshalb räumt die Frau zwischendurch auch ein paar Teller beiseite und holt schon mal die Torte, während andere noch essen. MUSIK 3 SPRECHERIN Bei den Wohlhabenden hingegen hält man sich zurück. Erst wenn ein Gang vollständig abgeräumt ist – inklusive Salzstreuer –, wird das Dessert aufgetragen. Gegessen wird erst, wenn alle einen Nachtisch haben. Sich nicht zurück zu halten, wäre respektlos gegenüber den Gastgebern. SPRECHER Und wer sich immer noch nicht sicher ist, wer hier feiert, sollte auf Speisen und Getränke selbst achten. SPRECHERIN Gemüse, Fisch, Wasser, Wein – auf den Tisch der Oberschicht kommen leichte und exquisite Speisen. Schlank ist schließlich schick. SPRECHER Bei ärmeren Leuten hingegen gibt es kalorienreiches Essen: Fettes Fleisch, salzige Beilagen, Bier, Limo, Schnaps. Gefragt ist hier, was satt macht. Ab Montag wird wieder schwer geschuftet. SPRECHERIN Zurückhaltende Askese hier, zwanglose Völlerei dort. Diese Analyse der Tischsitten stammt von dem Soziologen Pierre Bourdieu. Sein 1979 in Frankreich erschienenes Buch La distinction, zu deutsch: Die feinen Unterschiede, machte ihn über Nacht berühmt, auch außerhalb der wissenschaftlichen Welt. Bourdieu zeigt darin, wie kulturelle Praktiken, ästhetische und kulinarische Vorlieben sich je nach sozialer Herkunft unterscheiden. MUSIK 4 SPRECHER Wobei die Tischsitten nur ein kleines Detail sind aus der Fülle des empirischen Materials, das er über Jahre hinweg gesammelt hat. Stunden habe er damit zugebracht, Gesprächen zuzuhören, schreibt Bourdieu in seinem Buch Ein soziologischer Selbstversuch. SPRECHERIN Gelauscht hat er in Cafés, beim Boule, beim Fußball, auf Postämtern. Aber auch bei Abendgesellschaften, Cocktailpartys und auf Konzerten. Manchmal habe er unter einem Vorwand ein Gespräch angefangen, nur um mehr über Herkunft und Beruf seines Gegenübers zu erfahren. 01 O-TON (Schultheis) Das ist das Besondere bei ihm, seine gesamte Theorie ist empirisch gewonnen. SPRECHER Der Soziologe Franz Schultheis. Er ist Professor an der Universität St. Gallen und hat viele Jahre mit Bourdieu zusammengearbeitet. SPRECHERIN Bourdieus Beobachtungen stammen aus den 1960er und -70er Jahren. Deshalb ist die Analyse des Festessens auch mit Vorsicht zu genießen. Denn ob es bei französischen Abendgesellschaften auch heute noch so zugeht, oder ob die Unterschiede inzwischen mehr Klischee als Realität sind – Bourdieu wäre wohl der erste, der eine neuerliche Analyse anmahnen würde. SPRECHER Aber ganz allgemein lässt sich seine These in Die feinen Unterschiede so zusammenfassen: SPRECHERIN Was ich esse, wie ich mich kleide, welche Musik ich höre, wie ich wohne, was ich schön finde – all das zeigt, welcher sozialen Gruppe ich angehöre. Bourdieu nennt das den Habitus eines Menschen. Er verbindet ihn mit Anderen, die einen ähnlichen Bildungsgrad und eine ähnliche soziale Herkunft haben. SPRECHER Gleichzeitig ist das, was in einer sozialen Gruppe als guter oder schlechter Geschmack gilt, nicht für alle Zeiten festgelegt. Was en vogue ist, resultiert aus Klassenkonflikten, die immer wieder neu ausgetragen werden. Es ist ein ständiger Kampf, ein ständiges „Spiel“, wie Bourdieu es nennt, um Anerkennung und Macht. SPRECHERIN Soziale Hierarchien sind Bourdieus Lebensthema. Wie unterscheiden sich die Schichten voneinander? Was trägt das Bildungswesen zu diesen Unterschieden bei? Warum geben manche Intellektuelle den Ton an? Wie kommt es zur männlichen Herrschaft? Das sind einige der Themen seiner Feldforschung. SPRECHER Und immer schwingt in seinen Analysen auch eine gewisse Kritik mit an den herrschenden Gruppen, den Eliten. MUSIK 5 SPRECHERIN Geboren ist Pierre-Félix Bourdieu 1930 in einem kleinen Dorf am Fuße der Pyrenäen. Sein Vater Albert war erst Kleinbauer und später Postbeamter. Seine Mutter Noémie war ebenfalls bäuerlicher Herkunft. SPRECHER Vor allem sein Vater habe ihn geprägt, schreibt Bourdieu. Albert war Mitglied einer Gewerkschaft und habe weit links gewählt, was in der konservativ-ländlichen Welt immer wieder zu Problemen führte. Er habe seinen Vater nie glücklicher erlebt, als in Momenten, in denen er Bedürftigen helfen konnte. Anweisungen, Witwenrenten, Schuldverschreibungen – in blindem Vertrauen überließen die Leute dem Postbeamten Albert ihre wichtigsten Angelegenheiten, der immer verantwortungsvoll damit umging. Diese Haltung seines Vaters habe ihn früh gelehrt, die sogenannten „kleinen Leuten“ zu achten, so Bourdieu rückblickend. SPRECHERIN Nach der Grundschule kommt er ins Internat nach Pau, um dort aufs Gymnasium zu gehen. Später besucht er noch ein Gymnasium in Paris. Damals etwas Besonderes für einen Jungen aus der Provinz. 03 O-TON (Schultheis) Gleichzeitig hat er aber auch die Schattenseiten kennen gelernt als Außenseiter in diesen Gymnasien, wo er war. Die Anderen waren bürgerlicher Herkunft und er kam eher aus der Unterschicht, und dadurch hat er ein ambivalentes Verhältnis entwickelt. MUSIK 6 SPRECHER Raufereien, Fausthiebe, Hoffnungslosigkeit – die Jahre im Internat in Pau seien fürchterlich gewesen, schreibt Bourdieu. Als Musterschüler sei er immer schnell Zielscheibe von Aggressionen gewesen. Um nicht vollends ausgeschlossen zu werden, habe er angefangen, mit den anderen Jungs Rugby zu spielen. Es seien diese permanenten Auseinandersetzungen gewesen, die ihn dazu gebracht haben, die soziale Welt als andauernden Kampf zu betrachten. Aber trotz dieser negativen Erfahrungen an der höheren Schule war er dem Bildungssystem insgesamt gegenüber wohlgesonnen. 04 O-TON (Schultheis) Er wurde von diesem Bildungssystem quasi entdeckt und über verschiedene Stufen bis an eine Eliteuniversität befördert. Und dadurch hatte er eigentlich gegenüber diesem Bildungssystem immer auch eine sehr positive Einstellung. Es hat ihn errettet, aus dieser Marginalität. MUSIK 7 SPRECHERIN Von der französischen Provinz nach Paris. Als Sohn einfacher Leute auf die besten Gymnasien des Landes. Bourdieu ist ein Außenseiter in mehrfacher Hinsicht. Aber erst später habe er die Besonderheiten seines eigenen Habitus erkannt, schreibt er. Tonfall, Stimme, Gesichtsausdruck – als Junge vom Land habe er sich in vielem von den hochgeborenen Parisern mit ihrer kühlen Selbstsicherheit unterschieden. Vielleicht sei er deshalb so oft als aufmüpfig wahrgenommen worden. SPRECHER Ab 1951 studiert Bourdieu Philosophie an der Pariser École Normale Supérieure, der Kaderschmiede der französischen Intellektuellen, die auch berühmte Denker wie Jean-Paul Sartre, Michel Foucault und Émil Durkheim besucht haben. Anfangs ist er beeindruckt von der akademischen Welt mit ihren Diskursen und illustren Zirkeln. Seine Dissertation will er – wie damals üblich für einen Philosophie-Studenten – über ein abstraktes Thema schreiben. Aber es kommt anders. MUSIK 8 SPRECHERIN In Algerien brechen zu dieser Zeit bewaffnete Konflikte aus. Das nordafrikanische Land stand damals unter französischer Kolonialherrschaft und kämpfte für seine Unabhängigkeit. Das französische Militär schlägt die Aufstände blutig nieder. Bourdieu, obwohl erklärter Gegner des Krieges, muss ab 1955 seinen Wehrdienst dort leisten. 05 O-TON (Schultheis) In Algerien trifft er auf eine Situation, die ihn wachrüttelt, wo er sagt; Ich kann unter diesen Bedingungen, diesem Kolonialkrieg, dem Elend, was er da zu sehen bekam, nicht einfach weiter Philosophie betreiben. Ich muss mich dieser Lage annehmen, kritisch annehmen. Und er schreibt ein Buch Sociologie d Algerie, Soziologie Algeriens, und mit diesem Buch, so sagte er, wollte ich daheim den Franzosen überhaupt mal deutlich machen, was Algerien bedeutet. Denn in Frankreich kennt man Algerien gar nicht. Ich will auch vermitteln, dass auch die Algerier eine eigene Kultur haben, was eigentlich von den Kolonialherren immer verneint wird
- Wilhelm Reich - Soziologe, Sexualforscher, Psychoanalytiker
29.07.2025 · 23 Min.
Für die 68er-Bewegung hatte das Werk Wilhelm Reichs Kultstatus. Der Wiener Psychoanalytiker hielt nämlich die sexuelle Befreiung für politisch notwendig. Später, im amerikanischen Exil, forschte er dann zu einer universellen Lebensenergie namens Orgon. Er war ein höchst umstrittener, radikaler Denker. Autorin: Justina Schreiber (BR 2022) Autor/in dieser Folge: Justina Schreiber Regie: Irene Schuck Es sprachen: Berenike Beschle und Andreas Neumann Technik: Regina Staerke Redaktion: Nicole Ruchlak Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Hier gibt es eine weitere spannende Folge von radioWissen: Freuds Psychoanalyse - Die relativierte Revolution JETZT ANHÖREN Literaturtipps Fallend, Karl und Nitzschke, Bernd (Hrsg), Der „Fall“ Wilhelm Reich, Beiträge zum Verhältnis von Psychoanalyse und Politik, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997 Laska, Bernd A., Wilhelm Reich in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, rororo Bildmonographien, Rowohlt Taschenbuchverlag Reinbek bei Hamburg, 1981 Majewska, Magda, Lust und Limit. Der postmoderne Roman und die sexuelle Befreiungsbewegung in den USA, transcript Verlag, Bielefeld 2019 Mitchell, Juliet, Psychoanalyse und Feminismus, Freud, Reich, Laing und die Frauenbewegung, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1985
- Margaret Stonborough-Wittgenstein - Mit Geld und Moral
28.07.2025 · 23 Min.
Anfang des 20. Jahrhunderts war sie eine der reichsten Frauen Wiens. Klug, kunstbeflissen und voll karitativen Engagements lebte die Schwester des Philosophen Ludwig Wittgenstein ein außergewöhnliches Leben. Autorin: Julie Metzdorf (BR 2021) Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.