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Glückshormone - Komplexe Botenstoffe mit viel Wirkung

19.09.2024 · 23 Min.

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Über diese Folge

Sauer macht lustig, Schokolade macht glücklich, Sport macht euphorisch. Hinter diesen Volksweisheiten stecken ein bisschen Wahrheit - und vor allem: Glückshormone. Was bewirken sie? Und wo wird ihnen zu viel Einfluss nachgesagt? Können wir uns mit Ernährung, Bewegung oder auch Lachen glücklich machen? Von Bernd-Uwe Gutknecht (BR 2021)

Credits
Autor dieser Folge: Bernd-Uwe Gutknecht
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Katja Amberger, Andreas Neumann, Constanze Fennel
Technik: Robin Auld
Redaktion: Matthias Eggert

Im Interview: 
Prof. Dr. Ingo Froböse, Professor für Rehabilitation und Prävention an der Deutschen Sporthochschule Köln;
Prof. Dr. Henriette Uhlenhaut, Molekularbiologin an der TU München;
Prof. Dr. Inga Neumann, Neurobiologin an der Universität Regensburg;
Caroline Rauscher, Apothekerin und Ernährungsberaterin in Kelheim

Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

ATMO 1 Stadion 

Zusp. 1 Thomas Müller:

„Dadurch dass ich Dinge von mir selbst abverlange, verlange ich die auch von meinen Mitspielern. Denn am Ende des Tages will ich erfolgreich sein, dann gehe ich glücklich ins Bett und am Ende geht es nur um die Glückshormone.“

SPRECHERIN:

Fußball-Star Thomas Müller ist glücklich, wenn er gewinnt. Trifft er selbst ins Tor, dann sprudeln die Glückshormone besonders üppig! Vor allem der Hormonspiegel von Dopamin und Serotonin, den wichtigsten Botenstoffen in Zusammenhang mit Glücksmomenten und Euphorie wie etwa beim Torjubel Tausender Fans. Insgesamt kennt die Forschung sechs Hormone, die uns glücklich machen. Aber noch weiß sie über sie noch lange nicht alles.

ATMO 2 Reporter 

Zusp.2 Sieg:

„Natürlich macht auch ein Sieg im Sport, ein Torschuss, ein Erfolg innerhalb des Sports erstmal glücklich. Es bedeutet eine erbrachte Leistung während der sportlichen Aktivität, auch das macht positive Stimmung. Und dadurch ist letztendlich das große Spektrum der unterschiedlichsten Sportarten in der Lage, positive Effekte auf unsere Glückshormone auszuüben.“

SPRECHER:

Sagt Dr. Ingo Froböse, Professor für Rehabilitation und Prävention an der Deutschen Sporthochschule Köln:

MUSIK: „White wherever you look“ – ARD-AROMA (0:17)

Zitator: 

Dopamin

SPRECHER:

Dopamin ist körpereigenes Doping! Glückshormone - und natürlich auch ihre Gegenspieler, die Stresshormone – stellt der Körper selbst her. Sie sind nicht mal unter dem Mikroskop zu sehen. Winzig, aber wichtig! 

SPRECHERIN:

Glückshormone bestehen aus Aminosäuren, also aus chemischen Verbindungen mit Stickstoff, Kohlenstoff und Sauerstoff. Prof. Dr. Henriette Uhlenhaut, Molekularbiologin an der TU München, erklärt, dass das System der Glückshormone ein bisschen wie früher die Rohrpost im Büro funktioniert:

Zusp. 6 Brief:

„Ein Glückshormon oder irgendein Hormon ist ein Botenstoff, d.h. Hormone werden irgendwo im Körper – da gibt`s z.B. bestimmte Drüsen – produziert und die werden dann über den Kreislauf, über die Blutbahn zu allen anderen Organen im Körper hin transportiert, um dort eine Botschaft zu übermitteln. D.h. zum Beispiel im Gehirn wird ein Signal losgeschickt, oh, wir müssen jetzt unbedingt den Muskeln was sagen, dann wird eine hormonproduzierende Drüse dieses Hormon ausschütten, das schwimmt sozusagen durch den Blutkreislauf zum Zielorgan hin, schwimmt tatsächlich wie ein Brief durch unsere Blutbahn und docken dann an einem Briefkasten, einem Rezeptor an.“

MUSIK: „Celloverse“ – Z8014390#113 (0:13) und:

MUSIK: „There‘s somebody out“ – Z9382788#004 (0:21)

ATMO 3 Schrei

SPRECHER:

Eine Mutprobe an der Skisprungschanze im slowenischen Planica (sprich: Planitza, Betonung auf erster Silbe). Im Sommer dürfen hier Laien, an einem Drahtseil gesichert, runterspringen. Hier kommt das Signal für die Hormonausschüttung von den Augen der jungen Frau, die oben steht und sich mutig in die Tiefe stürzt. 

SPRECHERIN:

Die Augen nehmen also die potentielle Gefahr wahr und schicken diese Botschaft durch die Blutbahnen an die Rezeptoren: 

Zusp. 7 Rezeptoren:

„Und diese Rezeptoren sitzen fast überall in unserem Körper, in unseren Zellen: Muskelzellen, Leberzellen, Hautzellen, im Gehirn usw. und reagieren dann auf diese Botschaft. Sie hören diese Botschaft sozusagen und schalten dann Prozesse im Inneren der Zelle an.“

SPRECHER:

Botschaft angekommen: Achtung Abgrund! Vorsicht Gefahr! Jetzt geht der Körper in die Alarmhaltung über:

Zusp. 8 Flucht:

„Wenn jetzt ein Stresssignal den Körper erreicht, dann gibt es diese Hormondrüsen, das sind die Nebennieren, die produzieren dann auf ein Signal vom Gehirn hin das Cortisol und schütten es in die Blutbahn aus. D.h. unser ganzer Körper wird mit dem Cortisol überschwemmt und der Cortisol-Rezeptor geht dann in den Zellkern und schaltet Gen-Programme aus oder an, d.h. im Zellkern würden dann ganz viele Prozesse angesteuert, die wiederum Energie freisetzen z.B., wenn ich gestresst bin und ich muss mich wehren unter Umständen, fight or flight, Kampf oder Flucht, das würde als Antwort auf das Hormon passieren.“

SPRECHERIN:

Bei der Frau an dem Drahtseil ist Flucht nicht angesagt...zumal sie den Sprung in die Tiefe ja frei gewählt und dafür bezahlt hat. Nun mischen sich ihre Stress- und Glückshormone:

MUSIK: „Celloverse“ – Z8014390#113 (0:18)

Zusp. 9 Kampf:

„Diese Hormonrezeptoren setzen jeweils im Inneren der Zelle sogenannte Signal-Kaskaden in Gang, d.h. innerhalb der Zelle bewegen sich jetzt ganz viele kleine Proteine, schalten was an oder aus und schicken Signale hin und zurück und das wird alles in den Zellkern geleitet, wo dann der ganze Prozess integriert wird. Es kommt im Zellkern, auf dem Chromatin, das ist unser genetisches Material, da würde dieser Kampf sozusagen stattfinden. Und was am Ende dabei herauskommt, bestimmt dann, wer den Kampf gewonnen hat. Also wer schaltet mehr Programme ein oder aus?“

SPRECHER:

An der Skisprungschanze heißt die hormonelle Frage: hat es der Frau Spaß gemacht oder eher Stress bereitet?

SPRECHERIN:

Dopamin nur als oberflächlichen Glücklichmacher zu definieren, würde der Bedeutung dieses Transmitters aber nicht gerecht werden. Nervenzellen, in denen Dopamin gespeichert ist, heißen „dopaminerg“. Solche Neuronen kommen unter anderem im Zentralen Nervensystem vor und wandern etwa vom Mittelhirn ins Zwischenhirn und ins Endhirn. Ist der Dopaminhaushalt gestört, kann es zu schweren Erkrankungen wie Parkinson oder Schizophrenie kommen. 

SPRECHER:

Auch im Vegetativen Nervensystem spielt Dopamin eine wichtige Rolle: es reguliert die Durchblutung der Bauch-Organe und wirkt bei der Steuerung der Nieren mit, hat also lebensnotwendige Funktionen.  

MUSIK: „White wherever you look“ – ARD-AROMA (0:17)

Zitator: 

Serotonin

SPRECHERIN:

Auch das im Volksmund als Glückshormon bezeichnete Serotonin ist ein vielseitiger Akteur des menschlichen Körpers! Es beeinflusst die Spannung der Blutgefäße und somit den Blutdruck, auch den Augen-Innendruck, unterstützt die Magen-Darm-Tätigkeit und hilft bei der Blutgerinnung mit. Ohne Serotonin wäre unser Leben nicht möglich. Selbst Einzeller wie Amöben produzieren Serotonin. Sogar Pflanzen bauen auf das Gewebshormon. So kommt die brennende Wirkung der Haare auf den Brennnessel-Blättern von Serotonin.  

SPRECHER:

Durch das Stimulieren von Regionen der Großhirnrinde, die unsere Emotionen stark beeinflussen, ist das Serotonin für die Stimmungslage zuständig. Eine ausreichende Konzentration des Neurotransmitters kann Ängste, Aggressionen, depressive Zustände lindern, wie Prof. Dr. Inga Neumann, Neurobiologin an der Universität Regensburg, erklärt:

Zusp. 10 Serotonin:

„Serotonin wird in vielen Regionen des limbischen Systems freigesetzt, es wird im Nukleus raphe produziert und z.B. wenn wir glücklich sind, wenn wir frohen Mutes sind und aktiv sind, dann spielt das eine wichtige Rolle. Im Umkehrschluss, bei Patienten, die Depressionen haben z.B., da geht man davon aus, dass das Serotoninsystem generell unterversorgt ist oder eher nicht so aktiv ist. Deshalb ist eine Behandlungs-Strategie bei klinisch manifester Depression, dass man hier das Serotoninsystem beeinflusst, indem man praktisch die Verfügbarkeit des Serotonins im Gehirn verlängert oder verstärkt.“

SPRECHERIN:

Bei schweren Depressionen kann Serotonin medikamentös verabreicht werden. Die richtige Hormon-Einstellung im Krankheitsfall ist aber eine medizinische Kunst! Zumal die Wechselwirkungen der einzelnen Hormone bisher noch nicht klar erforscht sind. 

MUSIK: „White wherever you look“ – ARD-AROMA (0:09)

Zitator: 

Oxytocin

SPRECHER:

Neben Serotonin und Dopamin ist auch das Hormon Oxytocin für das körperliche und seelische Wohlbefinden wichtig. Oxytocin ist ein Neuropeptid, also ein Botenstoff, der von Nervenzellen freigesetzt wird. Da es aus neun Aminosäuren aufgebaut ist, wird Oxytocin auch als Nonopeptid definiert. Inga Neumann beschäftigt sich intensiv mit den Wechselwirkungen der verschiedenen Hormone:

Zusp. 11 Neuropeptide:

„Im Zentrum unserer Forschung steht die Frage, wie Emotionen, also z.B. Angst, Furcht oder depressives Verhalten im gesunden Organismus, aber auch unter pathologischen Bedingungen, z.B. bei psychischer Erkrankung, reguliert werden. 

SPRECHERIN:

Ihre Untersuchungen haben ergeben, dass ausreichend Glückshormone das seelische Gleichgewicht fördern, aber umgekehrt ein intaktes soziales Umfeld auch den Glückshormonspiegel steigern kann. Einsamkeit etwa wirkt negativ auf das Oxytocin-System, während ein glückliches Familienleben zusätzlich Oxytocin aktivieren kann:

Zusp. 12 Berührung:

„Oxytocin wird freigesetzt in bestimmten Situationen, z.B. sozialer Interaktion, aber auch bei Berührung oder auch bei Sex oder wenn man sich in die Augen schaut, also in bestimmten Situationen, und agiert da auch mit anderen Botenstoffen wie dem Dopamin oder dem Serotonin, die ja auch in die Kategorie Glückshormone gezählt werden.“

Zusp. 13 Kuschel:

„Oxytocin wird in den Medien als Kuschelhormon bezeichnet und in der Tat: Oxytocin fördert Sozialverhalten, es fördert die Mutter-Kind-Bindung und das macht es für mich auch so spannend, dass es einmal die Wirkung als Hormon hat, dass das Muttertier oder die Mutter tatsächlich die Milch geben kann und auf der anderen Seite im Gehirn wirkt es, damit die Mutter sich auch um den Nachwuchs oder das Baby kümmern möchte, dass es die Motivation hat und die Motivation kommt aus dieser Mutter-Kind-Bindung.“

SPRECHER:

Oxytocin ist für seine Wirkung während der Geburt bekannt: es bringt die Gebärmutter dazu, sich zusammenzuziehen, löst dadurch die Wehen aus und leitet den Geburtsvorgang ein. Bei der klinischen Geburtshilfe kann Oxytocin als Tablette, Nasenspray oder mit einer Spritze verabreicht werden. 

SPRECHERIN:

Außerdem regt Oxytocin die Brustdrüsen der Mutter an, Milch abzugeben. Diese hormonell gesteuerte Mutter-Kind-Bindung bildet wohl die Grundlage für spätere soziale Beziehungen. Neurochemiker- und Biologen vermuten, dass die Fähigkeit zu Liebe, Zuneigung oder Vertrauen auch von diesem Konglomerat aus neun Aminosäuren abhängt.

Zusp. 14 bewirken:

„Und es geht sicher nicht nur um die Menge des verfügbaren Oxytocins, das beträfe die Synthese, die Bildung des Oxytocins in Nervenzellen, sondern es geht auch darum, wo ziehen diese Nervenzellen hin, welche Fasern gibt es in welchen Gehirnregionen und wie intensiv werden diese Fasern auch genutzt. Hier geht es also auch um Oxytocin-Transport. Dann geht es natürlich auch um Oxytocin-Freisetzung aus diesen Nervenzellen, also um die neuronale Freisetzung in den Gehirnregionen. Die kann unterschiedlich sein. Und last but not least sind es natürlich auch die Rezeptoren, d.h. die Erkennungsstrukturen in den Regionen. Also wir gehen vor allem davon aus, dass es die Rezeptoren sind oder Unterschiede in den Rezeptoren sind, die auch Unterschiede im Sozialverhalten, Unterschiede im emotionalen Verhalten bewirken können.“

SPRECHER:

Noch sind viele Fragen offen, wie genau dieses hochkomplexe System von hormonellen Mit - und Gegenspielern funktioniert. Eines ist aber erwiesen: ein guter, als glücklich empfundener Lebensstil ist auch gut für unsere Gesundheit, sagt Inga Neumann:

Zusp. 15 Dopamin:

„Also z.B. wenn wir ein gutes Essen zu uns nehmen oder uns schon darauf freuen, oder eine gute Flasche Wein trinken und noch in netter Gesellschaft sind, dann sind das alles Sachen, die uns gut tun und das Belohnungssystem uns signalisiert dann dem Körper: davon bitte mehr! Das ist natürlich eine Motivation zu all diesen Sachen, die wir gerne mögen. Dazu gehört natürlich auch Sozialverhalten, dazu gehört auch Sexualverhalten, da wird das Dopaminsystem hochaktiv im Nukleus accumbens und in den entsprechenden Zielregionen der dopaminergen Neuronen. Und hier kommt es dann auch zu einer engen Interaktion mit dem Oxytocinsystem, d.h. Paarung zum Beispiel, Sexualverhalten triggert nicht nur das Dopaminsystem, sondern auch das Oxytocinsystem, die sich dann auch noch gegenseitig ergänzen.“

MUSIK: „White wherever you look“ – ARD-AROMA (0:09)

Zitator: 

Noradrenalin

SPRECHERIN:

Ein anderes Hormon, das manchmal als Stress – manchmal als Glückshormon bezeichnet wird, ist Noradrenalin, das im Nebennierenmark gebildet wird. Es wurde erst 1948 entdeckt und wird als Auslöser des Fluchtreflexes gesehen. In Gefahren – oder anderen Ausnahmesituationen - verengt es die Blutgefäße und treibt damit den Blutdruck nach oben. Das macht den Menschen sehr schnell wach und agil. Solch einen gesteigerten Tatendrang empfindet jeder etwas anders.

MUSIK: „White wherever you look“ – ARD-AROMA (0:05)

Zitator: 

Endorphine

MUSIK: „There‘s somebody out“ – Z9382788#004 (0:51) und

MUSIK: „Celloverse“ – Z8014390#113 (0:19)

SPRECHER:

Ähnliche Effekte haben auch Endorphine. Chemisch betrachtet sind das Opioid-Peptide. Wenn man so will: selbstproduziertes Opium. Endorphine entstehen im Hypothalamus und in der Hypophyse, also im Gehirn, und können ein Glücksempfinden hervorrufen, das im Extremfall an Drogeneinfluss erinnert. Bekanntes Beispiel aus dem Sport ist das Läufer-High, eine Euphorie, die zum Beispiel am Ende eines Marathons jedes Schmerzgefühl übertüncht. Der genaue Wirkmechanismus ist noch nicht geklärt, aber vermutlich verhindern die Endorphinrezeptoren im Rückenmark, dass ein Schmerzreiz ins Gehirn weitergeleitet wird.

SPRECHERIN:

Als wäre das Zusammenspiel der Glücks-Hormone nicht schon kompliziert genug, mischt sich auch noch unser Essen ein, z.B. Proteine, also Eiweiß!

Zusp. 16 Teller:

„Vom Teller kommt`s in den Mund, wird zerkaut, zerlegt und das Eiweiß ist quasi ein langes Wort und dieses Wort wird in seine Buchstaben zerlegt im Darm, nämlich in die Aminosäuren und diese Buchstaben werden dann wieder zu neuen Wörtern zusammengesetzt und aus diesen Wörtern macht unser Körper beispielsweise Muskelprotein, Organprotein oder eben diese Botenstoffe.“

SPRECHER:

Caroline Rauscher aus dem niederbayerischen Kelheim ist Apothekerin und Ernährungsberaterin. Sie beschäftigt sich intensiv mit der Wirkung verschiedener Lebensmittel auf den Organismus und speziell auf die körperliche Leistungsfähigkeit von Sportlern. Diese hängt natürlich auch mit der emotionalen Verfassung des Athleten zusammen.

Zusp. 17 Darm:

„Die Ernährung liefert uns die Bausteine für unsere Glückshormone. 

Grundsätzlich ist der Ansatz natürlich richtig, dass unser Denken durch unsere Ernährung beeinflusst wird, aber das wäre einen Ticken zu einfach, wenn ich nur die richtige Suppe oder das richtig Gericht esse und schon bin ich auf Wolke sieben!“

SPRECHERIN:

Sauer macht lustig, sagen die Einen. Schokolade macht glücklich, meinen die Anderen. Leider stimmen die Botschaften nur sehr bedingt:

Zusp. 18 Schoki:

„Natürlich hat die Schokolade auch Ausgangsstoffe drin, die sich positiv auf unser Glücksgefühl auswirken, aber um da wirklich pharmakologische Effekte zu erzielen, müsste man an die 100 Kilo Schokolade essen, am Tag! Das Serotonin wird zwar in der Darmschleimhaut aufgenommen, kann aber nicht in unser Gehirn gelangen, weil das Tryptophan, so heißt diese Aminosäure, um ins Gehirn zu gelangen und dort Serotonin produzieren zu können, die sogenannte Blut-Hirn-Schranke passieren muss.“

SPRECHER:

Und diese Schranke hat einen lebensnotwendigen Schließmechanismus, wie Biologin Inga Neumann erläutert:

Zusp. 19 Schranke:

„Die wenigsten Neurotransmitter des Gehirns gelangen einfach so durch die Blut-Hirn-Schranke, das wäre auch schlimm, denn ansonsten würde es in Abhängigkeit von der Nahrungsaufnahme, wenn wir gerade ein dickes Steak gegessen haben das durch den Magen-Darm-Kanal in seine Einzelteile, sprich in seinen einzelnen Aminosäuren zerlegt werden. Und wenn wir gerade einen Cocktail an solchen Aminosäuren im Blut haben und die gelangten alle ins Gehirn, dann würden wir da ganz schön durcheinanderkommen. D.h. das Gehirn ist sehr gut geschützt vor solchen peripher zirkulierenden Substanzen, es bekommt deshalb solche Schwankungen, die nahrungsbedingt auftreten, nicht mit.“

SPRECHERIN:

Ernährungs-Expertin Caroline Rauscher unterstützt Profisportler bei ihrer athletengerechten Ernährung. Einigen von ihnen musste sie den Trend zu eiweißreicher und kohlenhydratarmer Ernährung ausreden. Manche Lifestyle-Magazine empfehlen sogar, Kohlenhydrate komplett wegzulassen. Davor warnt die Pharmazeutin, auch in Hinblick auf Glückshormone:

Zusp. 20 Tür:

„Wenn ich jetzt dominant in der Eiweiß-Zufuhr bin, dann habe ich ein hohes Aufkommen von Aminosäuren im Blut und dann haben wir genau diese Konkurrenz-Situation mit dieser Tür, die ins Gehirn hineingeht. Jetzt stehen ganz viele andere Kandidaten noch an, die eben durch diese Tür wollen.“

SPRECHER:

Damit das Gehirn Serotonin bilden kann, braucht es dessen Vorstufe Tryptophan. Die Aminosäure Tryptophan wiederum ist auf Insulin angewiesen und das bildet der Körper aus Kohlenhydraten. 

Zusp. 21 Insulin:

„Insulin ist ein Türöffner für das Tryptophan ins Gehirn. Wenn ich Kohlenhydrate esse, dann steigt der Blutzuckerspiegel an und Insulin wird ausgeschüttet. Man kann diesen physiologisch leichten Anstieg von Insulin auch dadurch bewirken, dass man sich mit gesunden, komplexen Kohlenhydraten ernährt, sprich Vollkornbrot, Hülsenfrüchte etc. und damit den Punkt hat, dass ein gewisses Insulinspiegel-Niveau da ist.“

MUSIK: „White wherever you look“ – ARD-AROMA (0:18)

SPRECHERIN:

Neben Nahrungsmitteln können auch Genussmittel oder Drogen die Glückshormone in Gang bringen. Nur führt das früher oder später in eine Abhängigkeit. Dr. Inga Neumann:

Zusp. 22 Droge:

„Das fängt mit Alkohol an, das können aber auch andere Drogen sein, Nikotin natürlich genauso, d.h. das Dopaminsystem wird auch dadurch aktiviert und das Problem ist, dass es dann immer mehr von der Droge braucht, dass das Dopamin auf das hohe Level gepusht wird. Dann ist die Konsequenz, dass die Einnahme der Droge steigt oder steigen muss, damit derjenige dasselbe Glücksgefühl intern erlebt.“

MUSIK: „Celloverse“ – Z8014390#113 (1:01)

SPRECHER:

Dann doch lieber ein anregender Sprung ins eisige Wasser beim Canyoning, um Dopamin oder Noradrenalin freizusetzen. Oder – wie Sportwissenschaftler Ingo Froböse empfiehlt – mäßiger, aber regelmäßiger Sport:

Zusp. 23 entstresst:

„Nach zwei bis drei Monaten bin ich durchaus in der Lage, und das bedeutet ungefähr 20 bis 30 Trainingseinheiten, um diese Glückshormone bewusster wahrzunehmen und entsprechende biochemische Prozesse ausgelöst zu haben. Und das verändert langfristig unseren Lebensstil und auch unser Verhalten. Und da muss man sagen: das ist doch gar nicht so viel! Das dauert zwar einige Wochen, aber dann bin ich genau da, wo ich nämlich sein wollte, entspannt, entstresst und glücklich.“

SPRECHERIN: 

Denn die Muskulatur, die bei Bewegung aktiviert wird, ist das größte Stoffwechselorgan des Menschen. Wird sie regelmäßig und über einen längeren Zeitraum benutzt, beeinflusst das den Hormonspiegel erheblich. Der Körper macht dabei einen Lernprozess durch. Deshalb wird Sport auch in Psycho-Therapien wirkungsvoll eingesetzt. 

SPRECHER:

Auch Lachen oder Singen kann Glückshormone aufwecken. In entsprechenden Lach – oder Sing-Seminaren wird das zelebriert. 

MUSIK: „White wherever you look“ – ARD-AROMA (1:00)

SPRECHERIN:

Egal, ob sich die Forscher aus psychologischer, chemischer, ernährungs-oder sportwissenschaftlicher Perspektive mit dem Phänomen Glückshormone befassen: das System der glücklich machenden Aminosäuren ist faszinierend und noch weitgehend unerforscht, resümiert Molekularbiologin Henriette Uhlenhaut:

Zusp. 24 faszinierend:

„Generell finde ich es wahnsinnig spannend, wie komplex das ist. Wir haben das immer noch nicht verstanden, was Hormone alles bewirken können, was die alles draufhaben! Die regulieren gleichzeitig Zehntausende von Genen und kontrollieren so unterschiedliche Prozesse gleichzeitig: Stoffwechsel, Immunreaktionen, unser Verhalten. Jeder von uns ist den ganzen Tag über hormongesteuert. Wenn man sich das mal verdeutlicht, ist es unglaublich, was in unserem Zellinneren abgeht.“

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Es scheint so, als wollte der Südwest-Wind den ganzen Berg schütteln. Der Sturm macht uns fertig. Ich habe alle Arbeiten verboten, damit kein Unglück geschieht. Alle Liebe Achille. Musik 2: Monumental brass (c) –22 Sek SPRECHERIN 1 Doch wozu diese Mühsal? Warum Schützenstellungen mitten auf dem Berggipfel bauen, wenn das tief eingeschnittene, breite Etschtal gleich daneben und 2000 Meter tiefer liegt? SPRECHERIN 2 Die Antwort: Die Täler waren zu gut geschützt. Alexander Jordan, Direktor des Wehrgeschichtlichen Museums Rastatt: Jordan 5 Im 19.Jahrhundert ist man verstärkt darangegangen vor allem die Täler in Tirol - also die geplanten oder potenziellen Einbruchswege - durch ständige Befestigungen zu sperren: also Fortifikationen unterschiedlicher Größe und Dimensionen, Sperrwerke, ganze Sperrgruppen, die einzelne Täler schließen. SPRECHERIN 1 Doch nicht nur Festungen sind im 19.Jahrhundert verstärkt gebaut worden. Auch die touristische Erschließung der Alpen um 1900 spielte eine Rolle für den Krieg in den Bergen. Jordan 4 Man hat immer leistungsfähigere Bahnen gebaut, nicht nur kleine Gebirgsbahnen, sondern auch Vollbahnen: die Semmeringbahn, die Brennerbahn, die Arlbergbahn, die Gotthardbahn. Und so waren Verschiebungen großer Truppenmassen, die für einen Krieg der Moderne unerlässlich waren, schnell und einfach möglich. SPRECHERIN 1 Und so konnte man schnell die große Anzahl an Soldaten, Trägern, Material und Verpflegung, die man für ein ganzes Kriegsdorf wie auf dem Pasubio benötigte, herankarren. Denn eine Kriegsstellung auf einer Anhöhe hat auch strategische Vorteile. Nochmal Alexander Jordan, Autor der Bücher „Krieg um die Alpen“ und „Die deutschen Gebirgstruppen im 1.Weltkrieg“: Jordan 3 Das Besondere ist ja, dass die Umweltbedingungen und das Terrain von jeher die Planung und den Ablauf von militärischen Aktionen beeinflusst haben. 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Und als unabdingbare Voraussetzung für das Zustandekommen eines Abkommens war die sofortige Abtretung dieser genannten Gebiete. Deutschland hat versucht das zu unterstützen und drängt Österreich auf die Forderungen einzugehen. Es gibt ein schönes Zitat des preußischen Kriegsministers Wild von Hohenborn, der das weit verbreitete Denken in einem Brief an seine Frau schildert. Zitat: “An sich könnte es uns ja wurscht sein, ob Italien von dem sterbenden Kamel Österreich ein Stück Schwanz mehr abhackt oder nicht. Aber die militärische Lage verschärft sich durch das Eingreifen Italiens doch bedenklich.“ Parallel hat eben Italien sehr erfolgreich mit den Entente-Mächten verhandelt und im Londoner Vertrag vom April 1915 kriegt Italien für den später angedachten Friedensschluss große Gebietsgewinne zugesichert. Genau das, was Italien auch gefordert hat: Tirol bis zum Brenner, Triest und Istrien, das nördliche und mittlere Dalmatien. Und so erklärt Italien formell am Pfingstsonntag, im Mai 1915 der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn den Krieg. Musik 6: Night fires – siehe vorn – 35 Sek + Atmo marschierende Soldaten SPRECHERIN 2 Um genau zu sein: Am 23.Mai 1915. SPRECHERIN 1 Kurz darauf schickte Italien seine ersten Soldaten auf die Berghöhen, die die Grenze zwischen Österreich-Ungarn und dem Königreich Italien darstellen. Dasselbe machte das Kaiserreich Österreich-Ungarn, unterstützt von Deutschen Gebirgstruppen SPRECHERIN 2 - die anfangs allerdings noch gar nicht angreifen, sondern lediglich den Verbündeten bei der Verteidigung helfen durften. SPRECHERIN 1 Beide Seiten hatten große Pläne. Jordan 9 Für Italien war das eben der Versuch, über den Isonzo Richtung Wien vorzustoßen und sich dann als entferntes strategisches Ziel mit den Verbündeten über den Balkan zu treffen. Auf Seiten Österreich-Ungarns war die strategische Komponente die Überlegung: Südtirol, das ja wie ein Splitter ins Fleisch Italiens nach Süden hineinschneidet als Ausgangspunkt für eine Offensive zu nehmen in Richtung Venedig und Adria, also am engsten Punkt zwischen der Reichsgrenze und dem Mittelmeer, Italien sozusagen, das Friaul abzudrücken und die Truppen zu isolieren. Musik 7: Promenade of stolen Children 1:30 Min SPRECHERIN 1 Um diese Ziele zu erreichen, schien beiden Kriegsparteien jede Methode recht. Berühmtestes Beispiel des Alpenkriegswahnsinns ist wohl der Col di Lana, ein 2462 Meter hoher Berg in der Dolomitengruppe Fanes. ATMO Sprengung SPRECHERIN 2 Es ist der 17. April 1916. Ein italienischer Alpino zündet um 23:35 Uhr mehr als 5000 Kilogramm Sprengstoff, der vorher in zwei in den Fels gegrabene Minenstollen geschafft wurde. Über diesen Stollen sitzen österreichische Soldaten. SPRECHERIN 1 Noch heute liegen über 100 Österreicher unter dem Schutt, der durch die gewaltige Explosion entstanden ist. Der Minen-Krater ist gut 25 Meter breit, 35 Meter lang und 12 Meter tief. SPRECHERIN 2 Seitdem heißt der Col di Lana auch “Col di Sangue” – zu Deutsch “Blutberg”. SPRECHERIN 1 Doch auch die andere Seite schreckte nicht vor dieser Methode zurück. So sprengten österreichische Truppen ein gutes Jahr später, am 22.Mai 1917 ein Felsband am Kleinen Lagazuoi, keine 15 Kilometer vom Col di Lana entfernt. Um 200.000 Kubikmeter Schutt die Felswand herabstürzen zu lassen, wurden über 30.000 Kilogramm Sprengstoff in diese Höhe geschafft. SPRECHERIN 2 Unvorstellbar, wenn man bedenkt, dass manche Truppen tagelang ohne Munition, Wasser oder Essen ausharren mussten! Musik aus, ATMO Eiswind SPRECHERIN 1 So zum Beispiel einige Kilometer weiter südwestlich, an der Marmolata, mit über 3300 Metern der höchste Dolomitengipfel. SPRECHERIN 2 Aus dem Gipfelbuch: ZITATOR 6.November 1916: Furchtbarer Schneesturm, Träger nicht gekommen SPRECHERIN 2 Darunter: ZITATOR Träger wieder nicht gekommen, greifen die Reserveportionen an SPRECHERIN 2 Wieder darunter: ZITATOR Heute die letzte Konserve verzehrt! Wie wird es morgen? Haben nur Bohnen hier ohne alles Zubehör, sehr traurig! Haben nichts mehr zum Heizen und kein Licht, sitzen völlig im Dunkeln. SPRECHERIN 1 Die Marmolata war zusammen mit der Ortler- und der Adamellogruppe eine besondere Herausforderung für Soldaten des Ersten Weltkriegs. Denn auf den großen Gletschern, die diese Berge beherrschen, gab es keinerlei Möglichkeiten sich vor dem Feind zu verstecken. Deswegen kam der Tiroler Ingenieur Leo Handl auf eine unfassbare Idee: Man könne doch ein Tunnelsystem in den Gletscher bohren – ähnlich wie ein Bergwerk. Musik 8: Broken by nature (Part 5) – siehe vorn – 20 Sek SPRECHERIN 2 Und so entstand im Gletscher der Marmolata die erste Stadt im Eis, in der die Soldaten wohnten und durch Stollen mit Höhenunterschieden bis zu 1000 Metern versorgt wurden. Jordan 13 Das ist ja auch ein unglaubliches Vorgehen, dass man aufgrund der immensen Kälte, der man ausgesetzt war, aufgrund von Stürmen und Schnee und Regen und vor allem auch aufgrund des feindlichen Beschusses beschließt: Man baut als Unterkunft für die Soldaten, aber auch als potenzielles Angriffsgelände eine Art Stadt im Eis, im ewigen Eis der Gletscher. Da kann man heute leider nichts mehr sehen, das ist, denke ich, trotz allem ein Gelände, wo man es vielleicht so ein bisschen erahnen kann, vor welchen Schwierigkeiten und Herausforderungen die Soldaten beider Seiten standen. SPRECHERIN 1 Auch wenn man in den Stollen der Witterung deutlich weniger ausgesetzt war als an der Oberfläche, so war das Leben in der Gletscherstollenstadt keineswegs so gemütlich, rein und weiß, wie man es sich vielleicht vorstellt. Musik 7: Into the open 40 Sek ZITATOR Beim Eingang hat das Eis ein grünliches Aussehen, je weiter man in den Stollen kommt, desto dunkler wird es, bis es dann ganz schwarz und finster ist. Ein Gehen ohne Licht war fast unmöglich. Zur Beleuchtung dienten größtenteils Fackeln, die aber so viel Rauch entwickelten, dass man vom Ruß ganz schwarz wurde. Bei Abzweigungen waren Orientierungstafeln angebracht, da ein Zurechtfinden sonst ziemlich ausgeschlossen gewesen wäre. SPRECHERIN 2 Tagebuch eines unbekannten k.u.k.-Soldaten SPRECHERIN 1 Trotz der Orientierungstafeln verliefen sich immer wieder Soldaten in dem Stollengewirr. Manche verschwanden sogar für immer. Denn ein Gletscher ist kein starres Gebilde, sondern bewegt sich unentwegt. Und so entstanden immer wieder neue Spalten und Klüfte, die kurz zuvor noch gar nicht vorhanden waren. SPRECHERIN 2 Überhaupt waren die Naturgewalten für viele Opfer im Gebirgskrieg 1915-1918 verantwortlich. So kamen allein in der Nacht vom 12. auf den 13.Dezember 1916 um die 6000 österreichische Soldaten in Lawinen um. Woanders verhungerten oder erfroren Soldaten, ohne jemals ihr Gewehr benutzt zu haben. SPRECHERIN 1 Auch kam es immer wieder zu absurden Vorfällen wie zu dem am 17.März 1917 in der Ortlergruppe. Musik 8: Herr und Frau Iskue – siehe vorn – 38 Sek SPRECHERIN 2 Da verschwindet auf einmal ein Soldat der italienischen Alpini von der Bildfläche. Wie vom Erdboden – oder besser gesagt Eisboden – verschluckt. Denn unter ihm haben Österreicher einen Stollen bis auf 3500 Meter hoch gegraben. Nur ist die Eisdecke über Ihnen so dünn, dass der italienische Soldat ganz unvermittelt eingebrochen ist. SPRECHERIN 1 Die gerade mit Graben beschäftigten Österreicher fanden sich so unvermittelt in einem Nahkampf wieder. Ebenso die völlig überraschten Italiener. MUSIK 9: Mountain brass (c ) - siehe vorn – 38 Sek SPRECHERIN 1 Zurück zum italienischen Dorf auf dem Pasubio. SPRECHERIN 2 Die gleiche Szenerie wie zu Beginn, ein halbes Jahr später: Es ist Oktober 1917. Der Ort am Fels ist gewachsen, die zusammengeschusterten Häuser sind inzwischen durch Wege und Steinmauern verbunden, auf Dächern, Mauern und Leinen zwischen den Unterkünften ist überall Wäsche zum Trocknen aufgehängt. Die Sonne scheint, alles ist trocken, kein Schnee weit und breit. Überall sind Soldaten zu sehen, die Wäsche aufhängen. Ein fast schon idyllisches Bild! Musik 10: Night fires – siehe vorn – 1:25 Min SPRECHRIN 1 Doch der Schein trügt. In jenem Oktober begann am Pasubio ein grausames Gefecht: Der Minenkampf. SPRECHERIN 2 Bereits am 2.Oktober 1917 sprengten italienische Truppen mit sage und schreibe 16.000 Kilo Sprengstoff einen noch heute erkennbaren Trichter von 40m Durchmesser und 20 Meter Tiefe in den Berg. In einen österreichischen Stollen drangen dabei Gase ein und töteten 12 Soldaten. SPRECHERIN 1 Drei Wochen später begann ein wahrer Reigen der Minensprengungen. Am 29.Oktober starben dabei über 30 Italiener. SPRECHERIN 2 Am Heilgen Abend luden die Österreicher erneut unter die italienische Platte über 6000 Kilogramm Sprengstoff und sprengten mehr als 50 Italiener in die Luft. SPRECHERIN 1 Nachdem am 13. März 1918 die mit 50.000 Kilogramm Sprengstoff größte Mine des gesamten Gebirgskriegs die ganze Frontseite der italienischen Platte am Pasubio zum Einsturz brachte, beendeten beide Seiten ihre Minentätigkeiten. SPRECHERIN 2 Geländegewinne hatte all dies nicht gebracht. SPRECHERIN 1 Knapp 8 Monate später, am 4.November 1918, endete der Krieg zwischen Italien und Österreich-Ungarn und somit der Krieg in den Hochlagen der Alpen. SPRECHERIN 2 Was hat das alles am Ende gebracht? War irgendetwas davon kriegsentscheidend? SPRECHERIN 1 Die wirklich entscheidenden Schlachten wurden woanders gefochten. Jordan 10 Ja, die Frage, ob der Krieg in den Alpen kriegsentscheidend war, oder ob man sich das nicht hätte sparen können, ist für einen Historiker etwas schwierig zu beantworten. Bei Kriegen ist es prinzipiell ja so, dass die nicht durch einzelne Schlachten gewonnen oder verloren werden, sei es jetzt durch diese oder jene Isonzoschlacht oder durch den Versuch der Mai-Offensive 1916 der Österreicher. Aber es werden manchmal an besonderen Orten die Weichen für den Ausgang eines Krieges gestellt. Letzten Endes war der ganze Krieg natürlich ein unglaubliches Morden und Schlachten in ganz Europa. Und die Sinnhaftigkeit des Ganzen sei dahingestellt. SPRECHERIN 2 Was bleibt vom sinnlosen Sterben in einer der schönsten Landschaften Europas? SPRECHERIN 1 Tatsächlich waren die Bauten und Befestigungen des Ersten Weltkriegs förderlich für den wachsenden Tourismus im Alpenraum, der bereits in den 1920er Jahren zu einer Massenbewegung wurde. SPRECHERIN 2 So begann man bereits 1921 auf dem Pasubio aus einer noch gut erhaltenen Steinbaracke eine Unterkunftshütte für Bergwanderer zu bauen. Sie ist bequem über eine Straße zu erreichen, die von Februar 1917 bis Dezember 1917 gebaut wurde, die „Strada delle 52 Gallerie“, die „Straße der 52 Tunnel“. Jordan 11 Ein ganz wichtiger Punkt ist meines Erachtens auch der Ausbau von Feldbahnen, von kleinen Eisenbahnen, die dann teils weiter genutzt wurden, aber noch viel stärker von Seilbahnen, die während des Ersten Weltkriegs an vielen Hochgebirgsabschnitten und Gebirgsabschnitten die Lebensadern zur Front waren. Das zeigt sich, wenn sie die Grenze entlang gehen, vom Stilfserjoch bis hinüber in die Dolomiten ein. Selbst auch am Isonzo wurden entsprechende Seilbahnen zur Versorgung der Truppen gebaut. Und diese Infrastruktur - Wege, Seilbahnen, auch Unterkünfte, die teilweise noch gebaut wurden. Die können natürlich nach dem Krieg weitergenutzt werden und sind Grundlage dann auch für ein quantitativ aufwachsendes Feld des Tourismus. Musik 11: Broken by nature (Part 5) – siehe vorn – 55 Sek SPRECHERIN 1 Ein weiteres Überbleibsel aus dem Ersten Weltkrieg sind die Denk- und Mahnmäler, wie zum Beispiel auf dem Monte Grappa. Und natürlich die zahlreichen Soldatenfriedhöfe. Jordan 14 Überhaupt sind diese Friedhöfe, die Sie entlang der Fronten von damals finden, Zeugen des Krieges und Zeugen von Tod und Leid und insofern Punkte, die wir heute auch besuchen sollten, um uns dessen gewahr werden, wie schlimm der Krieg ist - egal, ob es der erste Weltkrieg ist oder aktuelle Kriege. Es ist immer mit Tod und Leid verbunden, und insofern sollten wir alles dransetzen, das auch für die Zukunft in einem Miteinander zu vermeiden.

  • Daphnis und Chloe - Antike Erotik

    18.09.2024 · 23 Min.

    Boy meets girl - diesen Plot gab es bereits bei den alten Griechen. Der antike Autor Longos lässt in seinem Roman "Daphnis und Chloe" zwei ausgesetzte Königskinder aufeinandertreffen. Ende des 2. Jahrhunderts nach Christus entstand die Liebesgeschichte, die uns Astrid Mayerle vorstellt. (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Astrid Mayerle Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Rahel Comtesse, Anne-Isabelle Zils Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Ondrej Cikan, Altphilologe und Verleger Georg Danek, Altphilologe Literatur: Longos, Daphnis und Chloe. Ein poetischer Liebesroman Übersetzung Ondrej Cikan und Georg Danek 385 Seiten, Ketos Verlag, 2018 # Diese Ausgabe ist sehr zu empfehlen, weil sie die rhythmisierte Prosa und damit die Melodik des Romans nachahmt. Auch die Parallelismen und Reime sind ins Deutsche übertragen. # hervorragend für die Schullektüre geeignet, da ein umfangreiches Nachwort und viele erhellende Anmerkungen das Textverständnis fördern Longos Daphnis und Chloe. Ein Liebesroman Übersetzung Kurt Steinmann 190 Seiten, Manesse Verlag, 2019 # eine der klassischen Übersetzungen Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  • Die OPEC heute - Wieviel Macht hat das Öl-Kartell noch?

    18.09.2024 · 24 Min.

    Mehr als 70 Jahre ist es her, dass sie gegründet wurde - die Organisation erdölexportierender Staaten, kurz: Opec. Vor allem in den 1970ern hat sie wochenlang die Nachrichten dominiert. Inzwischen hört man kaum mehr von ihr. Dennoch wäre es falsch, die Opec als zahnlosen Tiger abzutun. Von Maike Brzoska Credits Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Martin Trauner Es sprachen: Julia Fischer, Burchard Dabinnus Technik: Susanne Harasim Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Andreas Goldthau, Politologe und Professor an der Universität Erfurt Alexander Nützenadel, Wirtschaftshistoriker und Professor an der Humboldt Universität Berlin Diese hörenswerten Folgen von Alles Geschichte - History von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Energiehunger - Die Ölkrise der 1970er HIER Der Schock war groß im Oktober 1973: Erdöl und Benzin waren mit einem Mal nahezu doppelt so teuer wie noch kurz zuvor. Der Grund: Im Nahen Osten war der Jom-Kippur-Krieg ausgebrochen. Mehrere Opec-Staaten beschlossen daraufhin, ihr Öl als Waffe einzusetzen. Sie belieferten die USA und deren westliche Verbündete nicht mehr mit Erdöl. Die Ölkrise hat die westliche Welt erschüttert. Literatur: Jan Martin Witte und Andreas Goldthau: Die Opec. Macht und Ohnmacht des Öl-Kartells. Hanser Verlag, 2009. Daniel Yergin: Der Preis. Die Jagd nach Öl, Geld und Macht. Fischer Verlag, 1991. Giuliano Garavini: The Rise and Fall of Opec in the Twenties Century. Oxford University Press, 2019. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: 01 TON (Krisenplan): Medienbroker (Video) 240517FSMM50056 1061038; Erstsendedatum:10.11.1973; Titel Ölkrise (Piepen) Der Krisenplan. (…) Bei einer akuten Gefährdung der Energieversorgung kann die Bundesregierung zeitlich begrenzte Maßnahmen verordnen, um den Energieverbrauch zu drosseln. (…) Erstens: Fahrverbote für Kraftfahrzeuge am Wochenende. (…). Zweitens: Begrenzung der Geschwindigkeit. Nur mehr 100 Stundenkilometer auf der Autobahn. Drittens: Beschränkung der Heizölabgabe an Private. (…) Viertens: Freiwilliger Verzicht auf das Überflüssige. Selbstbeschränkung bei nächtlicher Illumination. Stromsperren wären nur ein letztes Mittel. SPRECHERIN Zu den befürchteten allgemeinen Stromsperren kam es im Winter 1973 letztlich nicht. Aber ohnehin sparten viele Menschen, wo sie nur konnten. Denn binnen kurzer Zeit hatte sich der Ölpreis vervielfacht. Viele Wohnungen blieben kalt, auch bei dieser Mutter von zwei Kindern. 02 TON (Frau) Medienbroker: Video 1108035TMM00081; Erstsendedatum: 14.12.1973, 1108035TMM00081; Zum Beispiel Sie/ Heute: Sozialpolitik Es ist einfach unmöglich, dass ich es mir leiste wie früher, zwei bis drei Räume zu heizen, weils Öl ja ums Doppelte und teilweise ums Dreifache gestiegen ist. MUSIK: „dark addiction“ (0:30) SPRECHERIN Kalte Wohnungen. Fahrverbote. Dunkle Innenstädte. Lange Schlangen an den Tankstellen. Und immer der bange Blick auf den Ölpreis. Keine Frage, der Schock saß tief Anfang der 1970er Jahre, die Stimmung war am Boden – zumindest in den westlichen Staaten. Denn gleichzeitig war die Ölpreiskrise ein voller Erfolg für eine bis dahin eher unbekannte Organisation. 03 O-TON (Goldthau) Spätestens 1973 mit dem Ölpreisschock zeigten die Opec-Staaten, dass sie in der Lage waren, Preispolitik und Ölproduktion unilateral zu setzen. Damit hatten sie die Opec als zentralen ölpolitischen Akteur etabliert. SPRECHERIN Der Politologe Andreas Goldthau. Er ist Professor für Public Policy an der Universität Erfurt. Mit dem Ölpreisschock begann die goldene Dekade der Opec, das Kürzel steht für Organisation erdölexportierender Länder. 04 O-TON (Goldthau) Das war der Zeitraum, in dem die Opec Öl, den zentralen Schmierstoff der Weltwirtschaft, nutzte für ihre Zwecke, zu politischen Zielen. Und wenn man so will, konnte man es sehr gut ablesen, wie weit die Macht gediehen war. Denn das Ergebnis war eine weltweite Rezession und das Ende eines jahrzehntelangen weltwirtschaftlichen Aufschwunges nach dem Zweiten Weltkrieg. MUSIK: „Main capacity reduced “ (0:35) SPRECHERIN Die Opec war ab 1973 bis Anfang der 1980er auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Wenn sie drohte den Ölhahn zuzudrehen, zitterte die westliche Welt. Das ist einige Jahrzehnte her. Wie ist das heute? Denn trotz aller Bemühungen, vom Erdöl loszukommen, rollen immer noch unzählige Verbrenner-Fahrzeuge über unsere Straßen und auch Millionen Wohnungen werden weiterhin mit Heizöl geheizt. Hat die Opec die Staaten also immer noch im Griff? Die meisten Expertinnen und Experten geben Entwarnung. Sie gehen nicht davon aus, dass die Opec die Industrienationen noch mal so in die Zange nehmen könnte. Und das liegt vor allem an der Organisation selbst. Denn von Beginn an hat sie ein grundlegendes Problem: Ihre Mitglieder ziehen selten an einem Strang. 05 O-TON (Goldthau) Das ist ein sehr heterogener Club. Die haben nicht alle dasselbe Interesse und auch nicht alle dieselben Rationale. SPRECHERIN Die Anfänge der Opec reichen zurück bis in die späten 1950er Jahre. Damals schlossen einige ölfördernde Staaten auf Initiative Saudi-Arabiens und Venezuelas den sogenannten Maadi-Pakt. Erklärtes Ziel war, die Ölförderung stärker abzustimmen, um mehr Einfluss zu bekommen. Dass der Pakt tatsächlich schon kurz darauf in eine formale Organisation mündete, war keineswegs ausgemachte Sache. Denn der Nahe Osten war damals bereits eine politisch instabile Region: Im Irak war gerade ein Putschversuch gescheitert. Kuwait befreite sich zu dieser Zeit aus jahrzehntelanger britischer Kolonialherrschaft. Und Iran und Saudi-Arabien rivalisierten, weil beide Staaten die Vorherrschaft im Nahen Osten beanspruchten. Konflikte gab es also genug. Es bedurfte deshalb erst eines gemeinsamen Gegners, damit sich die Staaten zusammenrauften. Und dieser Gegner waren – die „Seven Sisters“, die Sieben Schwestern. 06 O-TON (Nützenadel) Das waren die großen Erdölgesellschaften wie zum Beispiel BP, wie Standard Oil, wie Royal Dutch Shell und andere Gesellschaften. SPRECHERIN Sagt der Wirtschaftshistoriker Alexander Nützenadel. Er ist Professor an der Humboldt Universität Berlin. Die Arbeitsteilung im Erdölmarkt sah damals so aus: Auf der einen Seite gab es die Länder mit den Ölvorkommen, also Saudi-Arabien, Venezuela, Kuwait und so weiter. Auf der anderen Seite standen die Sieben Schwestern, die westlichen Ölkonzerne, welche die Vorkommen ausbeuteten. 07 O-TON (Nützenadel) Sie haben sozusagen über große Tankerflotten verfügt, über Raffinerien und haben deswegen eine sehr starke Stellung auf dem internationalen Markt gehabt. MUSIK: „Geiger counter“ (0:50) SPRECHERIN Vom Bohrturm bis zur Tankstelle – in den 1950er und 60er Jahren dominierten die Sieben Schwestern den weltweiten Ölmarkt und machten sagenhafte Gewinne. Die Länder, deren Vorkommen sie ausbeuteten, bekamen einen Anteil, der nach einer komplizierten Formel berechnet wurde. Wichtig für den Anteil war der sogenannte Listenpreis. Die Festlegung dieses Rohöl-Preises war deshalb immer eine heikle Angelegenheit. Vor allem Preissenkungen waren schwierig. Denn schon damals waren viele Länder des Nahen Ostens sogenannte Petro-Staaten. 08 O-TON (Goldthau) Das bedeutet, sie sind sehr stark abhängig von einem einzigen Exportprodukt, das Öl, was wiederum die Haushaltslage direkt beeinflusst, wenn der Ölpreis schwankt. SPRECHERIN Eine Senkung des Listenpreises war also gleichbedeutend mit einem schrumpfenden Staatshaushalt. Und genau das wurde Ende der 1950er zum Problem. Weil immer mehr Erdöl auf den Weltmarkt kam, senkten die Ölkonzerne den Listenpreis immer weiter, und zwar weitgehend ohne Absprache. Ein Affront für die Länder, deren Vorkommen sie ausbeuteten. Deshalb schafften es die Staaten, ihre Differenzen zu überwinden und eine neue Organisation zu gründen – die Opec. 09 O-TON (Nützenadel) Die Opec wurde im September 1960 in Bagdad gegründet. Es war eine Gruppe von ursprünglich fünf erdölfördernden Staaten Irak, Iran, Kuwait, Saudi-Arabien und Venezuela, die sich zusammenschlossen und entschieden, dass sie ihre Erdölförderung in Zukunft koordinieren, um eine marktbeherrschende Position auf dem internationalen Ölmarkt zu bekommen. MUSIK: „The vote“ (0:50) SPRECHERIN Der Sitz der neuen Organisation war zunächst in Genf und später in Wien. Auf regelmäßigen Konferenzen wollten die Opec-Mitglieder von nun an über Fördermengen und -Preise beraten. Die Stimmung war anfangs euphorisch. Der venezolanische Politiker Pérez Alfonso sagte damals: ZITATOR Wir haben einen sehr exklusiven Klub gegründet. Wir kontrollieren 90 Prozent aller Rohölexporte in den Weltmarkt und sprechen jetzt mit einer Stimme. Wir schreiben damit Geschichte! SPRECHERIN Das taten sie tatsächlich – allerdings erst später. In den 1960er Jahren hörte man erst mal wenig von der Opec. Und der Listenpreis – der stieg kaum. Das lag vor allem daran, dass die großen Ölkonzerne – die Sieben Schwestern –, auch mit Unterstützung der westlichen Regierungen, geheime Absprachen trafen. Sie bildeten also ein Kartell, um die Politik der Opec zu konterkarieren. 10 O-TON (Nützenadel) Deswegen hat auch die Strategie der Opec in den frühen Jahren nicht so gut funktioniert. SPRECHERIN Das änderte sich schlagartig im Oktober 1973 mit dem Jom-Kippur-Krieg MUSIK: „Dark heartbeat“ (1:10) 11 TON (Nachricht Krieg) Seit heute Mittag finden am Suez-Kanal wie auch an der israel-syrischen Front schwere Kämpfe zwischen Panzer, Infanterie und Lufteinheiten der arabischen wie auch israelischen Streitkräften statt. SPRECHERIN Weil der Westen Israel mit Waffen unterstützte, beschlossen einige Opec-Staaten ein Ölembargo: Pro Monat wollten sie fünf Prozent weniger Rohöl liefern, und zwar so lange, bis Israel Gebiete räumen würde, die es im vorangegangenen Sechs-Tage-Krieg besetzt hatte. Das Embargo war ein Paukenschlag – selbst Nahost-Expertinnen und Experten hatten das so nicht kommen sehen. Der Krieg selbst dauerte nicht lang, die Angreifer waren schnell zurückgedrängt, bereits Ende Oktober wurde ein Waffenstillstand vereinbart. Und doch war plötzlich alles anders: Öl war eine politische Waffe – und den westlichen Industrienationen wurde schlagartig bewusst, wie sehr sie am Öl-Tropf hingen. Der fossile Brennstoff war sprichwörtlich in alle Lebensbereiche gesickert. 12 O-TON (Goldthau) Das war natürlich zum einen Mobilität, also Autofahren. Der Flugverkehr fängt an wichtig zu werden, die Industrieproduktion, die Prozesswärme braucht, oder die Petrochemie, also all die Schwerindustrie, die Öl benötigt. Aber zudem auch der Heizungssektor. SPRECHERIN Hinzu kam, dass die Opec-Staaten die Erdölförderung in ihrem Land nach und nach verstaatlicht hatten. Saudi-Arabien tat dies – als eines der letzten Länder – ab 1972. Deshalb bestimmten die Opec-Staaten nun selbst, wie viel Öl gefördert wurde. Den Einfluss der Sieben Schwestern hatten sie, zumindest auf ihrem Staatsgebiet, erfolgreich zurückgedrängt. Ein Erfolg für die Opec. Aber damit begann auch schon gleich der Abstieg der Organisation. Denn nach dem ersten Ölpreisschock gab es für die Industrienationen nichts Wichtigeres als wegzukommen vom Öl der Opec. Das sollte auf mehreren Wegen passieren. 13 O-TON (Goldthau) Zum einen gelang es den westlichen Industrienationen, eigene Öl-Produktionen aufzubauen oder auszuweiten. Beispielsweise wurde die Nordsee erschlossen. Man setzt aber auch gleichzeitig auf Alternativen, zum Beispiel in Frankreich auf Atomstrom, in Deutschland auf Erdgas. Insofern es war ein Mix aus mehreren Dingen. MUSIK: „Knocking“ (0:20) SPRECHERIN Aber schon wenige Jahre nach der ersten Ölpreiskrise der nächste Schock: 1979 kam es zur Islamischen Revolution in Iran. Ein Jahr später zum Ersten Golfkrieg – dem Krieg zwischen Iran und Irak. Die Förderung in den Ländern lag weitgehend brach. Es kam zu Engpässen auf dem Rohölmarkt, zu erneuter Panik im Westen – und zur zweiten Ölpreiskrise. 14 O-TON (Goldthau) Man war noch mitten in der Frage, wie man auf den Ölpreisschock von 1973 reagieren soll. Einige Dinge wurden da bereits angeschoben und gleichzeitig hat man versucht, auch institutionell zu reagieren, zum Beispiel hat man die Internationale Energieagentur geschaffen, die letzten Endes strategische Ölreserven managt für die Industrieländer, um gewappnet zu sein für einen erneuten Schock. Aber damals, 1979, war natürlich all das erst im Aufbau und noch nicht großflächig genug angelegt, um wirklich einem erneuten Schock zu begegnen. SPRECHERIN Die Reaktion des Westens: Noch mehr Tempo. Und in Bayern zum Beispiel setzte man auch auf den Ausbau der Kernenergie. Gleichzeitig veränderte sich aber auch die Opec selbst in dieser Zeit. Die Differenzen zwischen den Mitgliedern nahmen zu. Die Opec-Konferenzen fanden zwar weiterhin statt, blieben aber oft ohne konkretes Ergebnis. 16 O-TON (Nützenadel) Die Opec ist eben überhaupt gar keine politische Einheit mehr und es sind ja auch andere Länder hinzugekommen, die sich gar nicht mehr so politisch eindeutig zusammenführen lassen. SPRECHERIN Neue Mitglieder, wie zum Beispiel Ecuador, Libyen, Nigeria, Angola und Gabun, sind der Opec nach und nach beigetreten. In den 1980ern kam hinzu, dass das Wachstum der Weltwirtschaft nachließ. Die Nachfrage nach Erdöl sank – und damit auch der Preis. Um den Ölpreis zu stabilisieren, einigten sich die Opec-Staaten darauf, ihre Fördermengen zu kürzen. Zumindest offiziell. Die Praxis sah allerdings meist anders aus. Vor allem kleinere Mitglieder hielten sich oft nicht daran. 17 O-TON (Goldthau) Wenn es um Förderausweitungen geht, sind Absprachen zumeist unproblematisch. Man fördert einfach mehr. Bei Kürzungen allerdings besteht das große Problem des Freeriding, also des Trittbrettfahrertums. SPRECHERIN Trittbrettfahrer profitieren doppelt: Zum einen vom gestiegenen Ölpreis, der dadurch zustande kommt, dass die anderen Staaten ihre Ölförderung drosseln. Zum anderen können sich die trittbrettfahrenden Staaten aber auch Marktanteile der anderen Staaten sichern. Das machte es attraktiv, Förderkürzungen zwar zuzustimmen, sich dann aber nicht daran zu halten. Dass das System nicht völlig zusammenbrach, lag vor allem an Saudi-Arabien. Das Land fungierte als sogenannter Swing Producer, es fuhr seine eigene Ölförderung so weit zurück, dass sich der Ölpreis – trotz der Trittbrettfahrer – stabilisierte. Saudi-Arabien gehörte damals wie heute zu den größten Erdölproduzenten der Welt – und hat deshalb ein großes Interesse, den Ölmarkt langfristig zu stabilisieren. MUSIK: „Knocking“ (0:20) SPRECHERIN Aber Mitte der 1980er Jahre reichte es den Saudis. Ihre eigene Ölproduktion war mittlerweile so weit heruntergefahren, dass das Land finanzielle Probleme bekam. Es griff zu einer drastischen Maßnahme: Innerhalb kurzer Zeit förderte es sehr viel Öl – und flutete damit den Weltmarkt. 18 O-TON (Goldthau) Damit kam es zu einem sogenannten Counter-Shock 1986, und der Preis ging in den Keller. Viele Opec-Staaten gerieten in eine Schuldenspirale, was letzten Endes die Handlungsfähigkeit der Opec sehr stark einschränkte. Und dazu kam dann natürlich: Ab den 90er Jahren gab es neue unabhängige Produzenten in der Folge der Auflösung der Sowjetunion, und all das hat die Opec lange Jahre an Einfluss gekostet. SPRECHERIN Manche prophezeiten damals das Ende der Organisation. Dass es anders kam, lag weniger an der Opec selbst, sondern an den für sie günstigen Bedingungen. In den 1990er und 2000ern wuchsen Welthandel und Weltwirtschaft sehr stark, Stichwort Globalisierung. Auch der wirtschaftliche Aufstieg von China begann zu dieser Zeit. 19 O-TON (Goldthau) Seit den frühen 2000er Jahren ist China eines der größten Einfuhrländer (und heute der zweitgrößte Konsument von Erdöl). Und auf der Angebotsseite war ebenfalls einiges los. Die Förderkapazitäten der Opec waren begrenzt. Also das war die Zeit, als Saddam Husseins Irak unter Sanktionen war, später der Iran aufgrund des Atomprogramms. SPRECHERIN Auch das trieb den Ölpreis nach oben, weil schlicht weniger Öl auf dem Weltmarkt vorhanden war. In diesem Umfeld schafften es die Opec-Staaten, ihre Politik wieder zu koordinieren – und den Ölpreis weiter nach oben zu treiben. 20 O-TON (Goldthau) Und all das führte in der Gesamtschau zu einem steigenden Ölpreis 2008 mit über 140 Dollar. SPRECHERIN 2008 dann die Finanzkrise und ein weltweiter wirtschaftlicher Abschwung. Der Ölpreis sank, aber nur kurz, schon kurz darauf eilte er wieder von Rekord zu Rekord. MUSIK: „dark addiction“ (0:35) SPRECHERIN Aber zur gleichen Zeit zeichnete sich bereits eine neue Droh-Kulisse für die Opec ab. Denn die Industrienationen begannen allmählich, ihre Produktionsweisen umzubauen. Weg von fossilen Brennstoffen, hin zu erneuerbaren Energien. Der Prozess begann zwar schon in den 1970er Jahren, aber erst in den 2010ern wurde die sogenannte Peak Demand These diskutiert. 21 O-TON (Goldthau) Es geht um die Frage, ob die Weltwirtschaft nicht mittlerweile einen Punkt erreicht hat, in dem die Nachfrage auf einem Plateau angelangt ist und schon langsam anfängt zu sinken. Das hat damit zu tun, dass die Ölintensität der Produktion zurückgeht, wir effizienter geworden sind, dass wir das sogenannte Decoupling hinbekommen haben, also dass wir das Wirtschaftswachstum mittlerweile von der Ölnachfrage entkoppelt haben. SPRECHERIN Eine Welt, die immer weniger Erdöl braucht – für Petro-Staaten, deren Staatshaushalt sich aus den Öleinnahmen speist, ist das ein riesiges Problem. SPRECHERIN Hinzu kommt aus Sicht der Opec ein weiteres Problem: Die USA, lange Zeit einer der größten Importeure, fördern nun selber Öl im großen Stil. Die neue Ölschwemme sorgt auf dem Weltmarkt für einen sinkenden Ölpreis. Der Druck auf die Opec steigt. In dieser Situation gelingt der Organisation ein Meilenstein. Sie schmiedet ein neues Bündnis – die Opec Plus. 23 O-TON (Nützenadel) Die Opec Plus wurde im September 2016 mit einem Kooperationsvertrag zwischen den alten Opec-Staaten und weiteren ölproduzierenden Ländern gegründet. Es kamen eben neue ölproduzierende Staaten wie Russland, Kasachstan, Mexiko oder Oman, die sich eben nicht in der Opec direkt binden wollen, als Kooperationspartner hinzu. Und diese Staaten haben nun das Kartell wieder sehr viel effizienter gemacht, weil sie sozusagen sehr viel effizienter wieder Preisstrategien durchsetzen konnten. SPRECHERIN Das neue Bündnis birgt auch intern neue Machtverhältnisse. Während Saudi-Arabien die Opec lange Zeit als größter Produzent und Swing Producer dominierte, gibt es in der Opec Plus nun mit Russland einen weiteren einflussreichen Player. Denn Russland verfügt ebenfalls über riesige Mengen Erdöl. 24 O-TON (Goldthau) Jetzt hat man Russland eingebunden, der Disziplin quasi des Clubs unterworfen, und sofern Russland mitspielt, ist das durchaus ein Gewinn für die Opec. MUSIK: „Main capacity reduced “ (0:15) SPRECHERIN Was bedeutet das für die Industriestaaten? Wäre eine neue Ölpreiskrise ausgelöst durch die Opec denkbar? Alexander Nützenadel hält das für wenig wahrscheinlich. Das habe auch der Krieg in Nahost gezeigt. 25 O-TON (Nützenadel) Viele Staaten haben sich doch eher zurückgehalten und haben gesagt: Wir wollen jetzt nicht noch mal eine Ölpreiskrise. Man hat zwar die Ölpreise erhöht und man versucht sozusagen hier auch weiterhin eigene wirtschaftliche Interessen durchzusetzen, aber es gibt keine so starke Zuspitzung des internationalen Konfliktes über den Ölpreis. Das ist doch ein deutlicher Unterschied verglichen mit den frühen 70er Jahren. SPRECHERIN Öl als Waffe – diese Zeiten sind mit Blick auf die Opec vorbei, meint auch Andreas Goldthau. 26 O-TON (Goldthau) Ich glaube, dass spätestens mit den 80er Jahren und dem Counter-Shock, also dem fallenden Ölpreis, die großen internationalen politischen Ambitionen der Opec begraben waren. Die Opec versteht sich heute schlicht als ein Ölmarkt-Akteur, aber nicht mehr als Akteur, der die Entwicklungsagenda des globalen Südens befördert. SPRECHERIN Der also Interessen gegen die Industrienationen auf der Nordhalbkugel durchsetzen will. 27 O-TON (Goldthau) Dafür ist die Opec ist mittlerweile nicht nur zu heterogen, sondern einfach schlicht auch in einem Einkommensniveau angelangt, was den Großteil ihrer Mitglieder angeht, die es auch de facto schwer machen, die Karte des globalen Südens zu spielen. MUSIK: „dark addiction“ (1:05) SPRECHERIN Bleibt die Frage, welche Rolle die Opec Plus, also das erweiterte Bündnis, künftig spielen könnte. Denn dass Russland seine Energielieferungen für politische Ziele nutzt – daran gibt es spätestens seit dem russischen Angriff auf die Ukraine keinen Zweifel. Wie viel Einfluss die Opec Plus auf den Ölpreis haben wird, wird insbesondere davon abhängen, wie einig sich die beiden großen Player sind, also Saudi-Arabien und Russland. Und da zeigte sich bereits, dass Russland vor allem seine eigenen Interessen verfolgt. So auch zu Beginn des Ukraine-Kriegs, als die Opec Plus Kürzungen beschloss – Russland aber nicht mitzog, auch weil es auf die Einnahmen aus seinen Öl- und Erdgasgeschäften angewiesen ist. 28 O-TON (Goldthau) Russland steht unter Sanktionen, was zumindest teilweise die Einnahmen gedämpft hat. Es hat daher erst verspätet verabredete Kürzungen umgesetzt, im Gegenteil zunächst seine Produktion gesteigert. SPRECHERIN Und in Folge die Einnahmen aus Öl und Gas zeitweise sogar massiv gesteigert. 28 O-Ton Fortsetzung Goldthau Insofern ist die Opec plus im Moment zwar einig im Ziel, aber in der Umsetzung weniger stringent, wie es eventuell nötig wäre, um den Ölmarkt erfolgreich zu managen. MUSIK: „Main capacity reduced “ (1:15) SPRECHERIN Dass die Opec oder Opec Plus in absehbarer Zeit die westlichen Industrienationen erneut in die Zange nehmen können wie Anfang der 1970er, ist deshalb wenig wahrscheinlich. Zu unterschiedlich sind die Interessen, zu heterogen die Mitglieder. Hinzu kommt, dass neue große Erdölproduzenten, wie die USA, entstehende Lücken zumindest ein Stück weit füllen können. Und mit dem Ausbau erneuerbarer Energien sinkt langsam, aber sicher die Abhängigkeit der Industriestaaten von den fossilen Brennstoffen. Und dennoch: Die Unsicherheit bleibt. Die Abhängigkeit von Erdöl birgt eben ein Risiko. Andreas Goldthau meint deshalb: 29 O-TON (Goldthau) Lasst uns möglichst schnell de-karbonisieren und das Ölzeitalter hinter uns lassen. Denn damit sind wir dann auch das Opec-Problem los.

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