Krieg in den Bergen - Eingegraben in Fels und Eis
19.09.2024 · 23 Min.
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Im Mai 1915 entwickelte sich in den Alpen ein grausamer Stellungskrieg. Die beteiligten Soldaten Italiens und Österreich-Ungarns waren nicht nur von den unmittelbaren Kampfhandlungen betroffen, sondern auch auf zermürbende Weise den Naturgewalten ausgeliefert. An manchen Frontverläufen kamen mehr Soldaten durch Lawinen und Erfrierung ums Leben als in direkten Kämpfen. Von Markus Mähner
Credits
Autor dieser Folge: Markus Mähner
Regie: Kirsten Böttcher
Es sprachen: Rahel Comtesse, Sophie Rogall, Johannes Hitelberger
Technik: Monika Gsaenger
Redaktion: Thomas Morawetz
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Literatur:
Alexander Jordan: Krieg um die Alpen - Der Erste Weltkrieg im Alpenraum und der bayerische Grenzschutz in Tirol. Duncker & Humblot 2008. ISBN 978-3-428-12843-3
Alexander Jordan: Die deutschen Gebirgstruppen im Ersten Weltkrieg. Verlag Militaria 2023. ISBN 978-3-903341-32-6
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
SPRECHERIN 2
Februar 1917. In 2000 Metern Höhe auf dem Pasubio, einem Bergmassiv zwischen Rovereto und dem Flachland von Vicenza. Ein ganzes Dorf ist an den Fels gezimmert, Baracken in unterschiedlicher Form und Größe. Manche von Schnee begraben. Viele noch in Bau oder wieder im Aufbau nach einem Lawinenabgang.
GERÄUSCH Lawine
ZITATOR
20.März: Es ist eine Sisyphus-Arbeit hier. Der Sturm zerstört immer wieder alles, was wir aufgebaut haben. Du kannst Dir das nicht vorstellen!
SPRECHERIN 1
Achille Papa, diensthabender General auf dem Pasubio, in einem Brief an seine Familie.
SPRECHERIN 2
Ein Monat später: Immer noch Schnee überall, doch die Behausungen sind gewachsen, neue hinzugekommen.
SPRECHERIN 1
So zeigen es zwei Fotos eines italienischen Soldaten, der an diesen notdürftigen Unterkünften mitgehämmert hat - und Baumaterial dafür in diese Höhe raufgeschleppt hat:
SPRECHERIN 2
Ein weiteres Foto zeigt eine Kolonne von etlichen Männern – es mögen 50 oder auch 100 sein – die sich durch meterhohen Schnee bergaufwärts graben. Auf ihren Schultern tragen sie 5 Meter lange Holzbalken. Eine Schufterei!
ZITATOR
2. April: Der Schneesturm dauert jetzt schon vier Tage. Es scheint so, als wollte der Südwest-Wind den ganzen Berg schütteln. Der Sturm macht uns fertig. Ich habe alle Arbeiten verboten, damit kein Unglück geschieht. Alle Liebe Achille.
Musik 2: Monumental brass (c) –22 Sek
SPRECHERIN 1
Doch wozu diese Mühsal? Warum Schützenstellungen mitten auf dem Berggipfel bauen, wenn das tief eingeschnittene, breite Etschtal gleich daneben und 2000 Meter tiefer liegt?
SPRECHERIN 2
Die Antwort: Die Täler waren zu gut geschützt. Alexander Jordan, Direktor des Wehrgeschichtlichen Museums Rastatt:
Jordan 5
Im 19.Jahrhundert ist man verstärkt darangegangen vor allem die Täler in Tirol - also die geplanten oder potenziellen Einbruchswege - durch ständige Befestigungen zu sperren: also Fortifikationen unterschiedlicher Größe und Dimensionen, Sperrwerke, ganze Sperrgruppen, die einzelne Täler schließen.
SPRECHERIN 1
Doch nicht nur Festungen sind im 19.Jahrhundert verstärkt gebaut worden. Auch die touristische Erschließung der Alpen um 1900 spielte eine Rolle für den Krieg in den Bergen.
Jordan 4
Man hat immer leistungsfähigere Bahnen gebaut, nicht nur kleine Gebirgsbahnen, sondern auch Vollbahnen: die Semmeringbahn, die Brennerbahn, die Arlbergbahn, die Gotthardbahn. Und so waren Verschiebungen großer Truppenmassen, die für einen Krieg der Moderne unerlässlich waren, schnell und einfach möglich.
SPRECHERIN 1
Und so konnte man schnell die große Anzahl an Soldaten, Trägern, Material und Verpflegung, die man für ein ganzes Kriegsdorf wie auf dem Pasubio benötigte, herankarren. Denn eine Kriegsstellung auf einer Anhöhe hat auch strategische Vorteile. Nochmal Alexander Jordan, Autor der Bücher „Krieg um die Alpen“ und „Die deutschen Gebirgstruppen im 1.Weltkrieg“:
Jordan 3
Das Besondere ist ja, dass die Umweltbedingungen und das Terrain von jeher die Planung und den Ablauf von militärischen Aktionen beeinflusst haben. Also die Topografie des Gebirges steht hier ein bisschen im Fokus. Man hat im Lauf der Geschichte schon viele Schlachten im Gebirgsgelände gekämpft, weil eben die Überhöhung einmal der Verteidigung, andermal aber dem Angriff förderlich war. Und was sich auch zeigt in der Geschichte, dass schon kleine Erhebungen und Hügel oft taktische Vorteile bieten, ohne größere Risiken eingehen zu müssen.
Musik 3: Broken by nature (Part 5) – 20 Sek
+ Atmos Eiswind, Schritte…
SPRECHERIN 2
Allerdings verlagerte sich das Kampfgeschehen im Ersten Weltkrieg in bisher ungeahnte Höhen und Gegenden. Kriegshandlungen in Fels und Eis, im Hochgebirge bis auf 3800 Meter, stellten ganz besondere Herausforderungen dar.
Jordan 6
Prinzipiell ist ja der Zweck aller Kriegshandlungen das Erreichen bestimmter strategischer oder taktischer Ziele. Jedes Gebirge erschwert diese Zielerreichung. Die Gebirge zeichnen sich ja im Gegensatz zum Flachland dadurch aus, dass Faktoren verstärkt zu Tage treten. Faktoren wie Ressourcenlosigkeit, Wege-Armut, schwere Gangbarkeit und plötzlich auftretende Elementarereignisse. Die Ressourcenlosigkeit, die bezieht sich natürlich vor allem auf die Verpflegungs-Quellen für Mann und Tier. Man darf nicht vergessen, dass im Ersten Weltkrieg und insbesondere im Gebirgskrieg die Tiere eine ganz zentrale Rolle im Bereich Nachschub und Logistik ausmachen.
Musik 4: Broken by nature (Part 5) – siehe vorn – 55 Sek
+ Atmos Eiswind
SPRECHERIN 1
Und manchmal, wenn die „plötzlich auftretenden Elementarereignisse“, also Stürme, Schneefall, Lawinenabgänge, Temperaturabfälle auf weit unter Null Grad auftraten, dann blieb dieser Nachschub oft aus – gerne auch mal mehrere Tage.
ZITATOR
Gewaltige Schneemassen bedeckten die Bergflanken, die Temperatur sank oft bis unter 20 Grad Celsius. Um die Truppen zu verpflegen, musste man erst Gassen durch den Schnee brechen und überdies die Fuhrwerke in Schlitten verwandeln. Auf die Höhenstellungen konnte man die Feldküchen nicht hinaufbringen, die Nahrungsmittel mussten unter furchtbarsten Mühsalen täglich hinaufgeschleppt werden. Es kam vor, dass die Truppen lieber ohne Nahrung blieben, als schichtenweise durch metertiefen Schnee bergab und wieder bergauf zu wandern.
SPRECHERIN 2
Aus einem österreichisch-ungarischen Feldpostbrief.
SPRECHERIN 1
Zwar gab es unter den Soldaten, die das ertragen mussten, einige, die eine besondere Ausbildung für den Krieg im Gebirge erhielten. Oder sie hatten bereits selbst Bergerfahrung...
SPRECHERIN 2
Was allerdings manchmal zu absurden Szenen führte: So trafen sich zum Beispiel im Gebiet der Sextner Dolomiten ehemalige Kletterpartner an der Front wieder – auf gegnerischen Seiten!
SPRECHERIN 1
Die meisten Soldaten jedoch, die in den Alpen kämpfen mussten, waren alles andere als ausgebildete Alpinisten.
Jordan 8
[…] da waren Landwehrverbände dabei, die beispielsweise aus Ungarn kamen, aus der ungarischen Puszta, die dann wenn es blöd lief, irgendwo rund um den Ortler in unwirtlichen Gegenden auf fast 4000 Metern kämpfen mussten: in einem Terrain, das ihnen völlig fremd war. Genauso italienische Bauern beispielsweise aus Sizilien oder Süditalien, die mit Gebirge überhaupt nichts am Hut hatten.
SPRECHERIN 2
Auch war die Ausrüstung meist mangelhaft und keineswegs ausgelegt für einen längeren Aufenthalt im Hochgebirge - und für Kampfhandlungen dort schon gleich gar nicht: Zu Beginn des Krieges hatten die meisten Soldaten nur Mützen und keine Helme. Was im Fels ein besonderes Risiko darstellt, da Geschosse gerne mal am Stein abprallen oder Steinstücke losschlagen, die dann wiederum selbst wie kleine Geschosse wirken.
Musik 5: Herr und Frau Iskue – 55 SEk
SPRECHERIN 1
Doch wie kam es überhaupt zu dem Krieg im Gebiet zwischen Ortler, Gardasee, Dolomiten bis hin zum Fluss Isonzo kurz vor der Bucht von Triest?
SPRECHERIN 2
Heute ist der Isonzo auch unter seiner slowenischen Bezeichnung Soca bekannt
SPRECHERIN 1
Italien war eigentlich bei Kriegsausbruch mit Deutschland und Österreich-Ungarn verbündet. Grundlage hierfür war der sogenannte Dreibund.
SPRECHERIN 2
Der Dreibund war ein Defensivbündnis zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und Italien, das seit dem 20.Mai 1882 bestand. Doch mit der Kriegserklärung von Kaiser Franz Josef an Serbien am 28.Juli 1914 beginnt das Bündnis zu wackeln:
Jordan 1 + Jordan 2
1914/15 beginnt fast schon so etwas wie ein Geschacher hinter den Kulissen: Italien fordert immer unverhohlener im Gegenzug für die Neutralität österreichische Gebiete. Da gehört vor allem Tirol bis zum Brenner dazu, auch Teile von Dalmatien. Und als unabdingbare Voraussetzung für das Zustandekommen eines Abkommens war die sofortige Abtretung dieser genannten Gebiete. Deutschland hat versucht das zu unterstützen und drängt Österreich auf die Forderungen einzugehen. Es gibt ein schönes Zitat des preußischen Kriegsministers Wild von Hohenborn, der das weit verbreitete Denken in einem Brief an seine Frau schildert. Zitat: “An sich könnte es uns ja wurscht sein, ob Italien von dem sterbenden Kamel Österreich ein Stück Schwanz mehr abhackt oder nicht. Aber die militärische Lage verschärft sich durch das Eingreifen Italiens doch bedenklich.“
Parallel hat eben Italien sehr erfolgreich mit den Entente-Mächten verhandelt und im Londoner Vertrag vom April 1915 kriegt Italien für den später angedachten Friedensschluss große Gebietsgewinne zugesichert. Genau das, was Italien auch gefordert hat: Tirol bis zum Brenner, Triest und Istrien, das nördliche und mittlere Dalmatien. Und so erklärt Italien formell am Pfingstsonntag, im Mai 1915 der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn den Krieg.
Musik 6: Night fires – siehe vorn – 35 Sek
+ Atmo marschierende Soldaten
SPRECHERIN 2
Um genau zu sein: Am 23.Mai 1915.
SPRECHERIN 1
Kurz darauf schickte Italien seine ersten Soldaten auf die Berghöhen, die die Grenze zwischen Österreich-Ungarn und dem Königreich Italien darstellen. Dasselbe machte das Kaiserreich Österreich-Ungarn, unterstützt von Deutschen Gebirgstruppen
SPRECHERIN 2
- die anfangs allerdings noch gar nicht angreifen, sondern lediglich den Verbündeten bei der Verteidigung helfen durften.
SPRECHERIN 1
Beide Seiten hatten große Pläne.
Jordan 9
Für Italien war das eben der Versuch, über den Isonzo Richtung Wien vorzustoßen und sich dann als entferntes strategisches Ziel mit den Verbündeten über den Balkan zu treffen. Auf Seiten Österreich-Ungarns war die strategische Komponente die Überlegung: Südtirol, das ja wie ein Splitter ins Fleisch Italiens nach Süden hineinschneidet als Ausgangspunkt für eine Offensive zu nehmen in Richtung Venedig und Adria, also am engsten Punkt zwischen der Reichsgrenze und dem Mittelmeer, Italien sozusagen, das Friaul abzudrücken und die Truppen zu isolieren.
Musik 7: Promenade of stolen Children 1:30 Min
SPRECHERIN 1
Um diese Ziele zu erreichen, schien beiden Kriegsparteien jede Methode recht.
Berühmtestes Beispiel des Alpenkriegswahnsinns ist wohl der Col di Lana, ein 2462 Meter hoher Berg in der Dolomitengruppe Fanes.
ATMO Sprengung
SPRECHERIN 2
Es ist der 17. April 1916. Ein italienischer Alpino zündet um 23:35 Uhr mehr als 5000 Kilogramm Sprengstoff, der vorher in zwei in den Fels gegrabene Minenstollen geschafft wurde. Über diesen Stollen sitzen österreichische Soldaten.
SPRECHERIN 1
Noch heute liegen über 100 Österreicher unter dem Schutt, der durch die gewaltige Explosion entstanden ist. Der Minen-Krater ist gut 25 Meter breit, 35 Meter lang und 12 Meter tief.
SPRECHERIN 2
Seitdem heißt der Col di Lana auch “Col di Sangue” – zu Deutsch “Blutberg”.
SPRECHERIN 1
Doch auch die andere Seite schreckte nicht vor dieser Methode zurück. So sprengten österreichische Truppen ein gutes Jahr später, am 22.Mai 1917 ein Felsband am Kleinen Lagazuoi, keine 15 Kilometer vom Col di Lana entfernt. Um 200.000 Kubikmeter Schutt die Felswand herabstürzen zu lassen, wurden über 30.000 Kilogramm Sprengstoff in diese Höhe geschafft.
SPRECHERIN 2
Unvorstellbar, wenn man bedenkt, dass manche Truppen tagelang ohne Munition, Wasser oder Essen ausharren mussten!
Musik aus, ATMO Eiswind
SPRECHERIN 1
So zum Beispiel einige Kilometer weiter südwestlich, an der Marmolata, mit über 3300 Metern der höchste Dolomitengipfel.
SPRECHERIN 2
Aus dem Gipfelbuch:
ZITATOR
6.November 1916: Furchtbarer Schneesturm, Träger nicht gekommen
SPRECHERIN 2
Darunter:
ZITATOR
Träger wieder nicht gekommen, greifen die Reserveportionen an
SPRECHERIN 2
Wieder darunter:
ZITATOR
Heute die letzte Konserve verzehrt! Wie wird es morgen? Haben nur Bohnen hier ohne alles Zubehör, sehr traurig! Haben nichts mehr zum Heizen und kein Licht, sitzen völlig im Dunkeln.
SPRECHERIN 1
Die Marmolata war zusammen mit der Ortler- und der Adamellogruppe eine besondere Herausforderung für Soldaten des Ersten Weltkriegs. Denn auf den großen Gletschern, die diese Berge beherrschen, gab es keinerlei Möglichkeiten sich vor dem Feind zu verstecken. Deswegen kam der Tiroler Ingenieur Leo Handl auf eine unfassbare Idee: Man könne doch ein Tunnelsystem in den Gletscher bohren – ähnlich wie ein Bergwerk.
Musik 8: Broken by nature (Part 5) – siehe vorn – 20 Sek
SPRECHERIN 2
Und so entstand im Gletscher der Marmolata die erste Stadt im Eis, in der die Soldaten wohnten und durch Stollen mit Höhenunterschieden bis zu 1000 Metern versorgt wurden.
Jordan 13
Das ist ja auch ein unglaubliches Vorgehen, dass man aufgrund der immensen Kälte, der man ausgesetzt war, aufgrund von Stürmen und Schnee und Regen und vor allem auch aufgrund des feindlichen Beschusses beschließt: Man baut als Unterkunft für die Soldaten, aber auch als potenzielles Angriffsgelände eine Art Stadt im Eis, im ewigen Eis der Gletscher. Da kann man heute leider nichts mehr sehen, das ist, denke ich, trotz allem ein Gelände, wo man es vielleicht so ein bisschen erahnen kann, vor welchen Schwierigkeiten und Herausforderungen die Soldaten beider Seiten standen.
SPRECHERIN 1
Auch wenn man in den Stollen der Witterung deutlich weniger ausgesetzt war als an der Oberfläche, so war das Leben in der Gletscherstollenstadt keineswegs so gemütlich, rein und weiß, wie man es sich vielleicht vorstellt.
Musik 7: Into the open 40 Sek
ZITATOR
Beim Eingang hat das Eis ein grünliches Aussehen, je weiter man in den Stollen kommt, desto dunkler wird es, bis es dann ganz schwarz und finster ist. Ein Gehen ohne Licht war fast unmöglich. Zur Beleuchtung dienten größtenteils Fackeln, die aber so viel Rauch entwickelten, dass man vom Ruß ganz schwarz wurde. Bei Abzweigungen waren Orientierungstafeln angebracht, da ein Zurechtfinden sonst ziemlich ausgeschlossen gewesen wäre.
SPRECHERIN 2
Tagebuch eines unbekannten k.u.k.-Soldaten
SPRECHERIN 1
Trotz der Orientierungstafeln verliefen sich immer wieder Soldaten in dem Stollengewirr. Manche verschwanden sogar für immer. Denn ein Gletscher ist kein starres Gebilde, sondern bewegt sich unentwegt. Und so entstanden immer wieder neue Spalten und Klüfte, die kurz zuvor noch gar nicht vorhanden waren.
SPRECHERIN 2
Überhaupt waren die Naturgewalten für viele Opfer im Gebirgskrieg 1915-1918 verantwortlich. So kamen allein in der Nacht vom 12. auf den 13.Dezember 1916 um die 6000 österreichische Soldaten in Lawinen um. Woanders verhungerten oder erfroren Soldaten, ohne jemals ihr Gewehr benutzt zu haben.
SPRECHERIN 1
Auch kam es immer wieder zu absurden Vorfällen wie zu dem am 17.März 1917 in der Ortlergruppe.
Musik 8: Herr und Frau Iskue – siehe vorn – 38 Sek
SPRECHERIN 2
Da verschwindet auf einmal ein Soldat der italienischen Alpini von der Bildfläche. Wie vom Erdboden – oder besser gesagt Eisboden – verschluckt. Denn unter ihm haben Österreicher einen Stollen bis auf 3500 Meter hoch gegraben. Nur ist die Eisdecke über Ihnen so dünn, dass der italienische Soldat ganz unvermittelt eingebrochen ist.
SPRECHERIN 1
Die gerade mit Graben beschäftigten Österreicher fanden sich so unvermittelt in einem Nahkampf wieder. Ebenso die völlig überraschten Italiener.
MUSIK 9: Mountain brass (c ) - siehe vorn – 38 Sek
SPRECHERIN 1
Zurück zum italienischen Dorf auf dem Pasubio.
SPRECHERIN 2
Die gleiche Szenerie wie zu Beginn, ein halbes Jahr später: Es ist Oktober 1917. Der Ort am Fels ist gewachsen, die zusammengeschusterten Häuser sind inzwischen durch Wege und Steinmauern verbunden, auf Dächern, Mauern und Leinen zwischen den Unterkünften ist überall Wäsche zum Trocknen aufgehängt. Die Sonne scheint, alles ist trocken, kein Schnee weit und breit. Überall sind Soldaten zu sehen, die Wäsche aufhängen. Ein fast schon idyllisches Bild!
Musik 10: Night fires – siehe vorn – 1:25 Min
SPRECHRIN 1
Doch der Schein trügt. In jenem Oktober begann am Pasubio ein grausames Gefecht: Der Minenkampf.
SPRECHERIN 2
Bereits am 2.Oktober 1917 sprengten italienische Truppen mit sage und schreibe 16.000 Kilo Sprengstoff einen noch heute erkennbaren Trichter von 40m Durchmesser und 20 Meter Tiefe in den Berg. In einen österreichischen Stollen drangen dabei Gase ein und töteten 12 Soldaten.
SPRECHERIN 1
Drei Wochen später begann ein wahrer Reigen der Minensprengungen. Am 29.Oktober starben dabei über 30 Italiener.
SPRECHERIN 2
Am Heilgen Abend luden die Österreicher erneut unter die italienische Platte über 6000 Kilogramm Sprengstoff und sprengten mehr als 50 Italiener in die Luft.
SPRECHERIN 1
Nachdem am 13. März 1918 die mit 50.000 Kilogramm Sprengstoff größte Mine des gesamten Gebirgskriegs die ganze Frontseite der italienischen Platte am Pasubio zum Einsturz brachte, beendeten beide Seiten ihre Minentätigkeiten.
SPRECHERIN 2
Geländegewinne hatte all dies nicht gebracht.
SPRECHERIN 1
Knapp 8 Monate später, am 4.November 1918, endete der Krieg zwischen Italien und Österreich-Ungarn und somit der Krieg in den Hochlagen der Alpen.
SPRECHERIN 2
Was hat das alles am Ende gebracht? War irgendetwas davon kriegsentscheidend?
SPRECHERIN 1
Die wirklich entscheidenden Schlachten wurden woanders gefochten.
Jordan 10
Ja, die Frage, ob der Krieg in den Alpen kriegsentscheidend war, oder ob man sich das nicht hätte sparen können, ist für einen Historiker etwas schwierig zu beantworten. Bei Kriegen ist es prinzipiell ja so, dass die nicht durch einzelne Schlachten gewonnen oder verloren werden, sei es jetzt durch diese oder jene Isonzoschlacht oder durch den Versuch der Mai-Offensive 1916 der Österreicher. Aber es werden manchmal an besonderen Orten die Weichen für den Ausgang eines Krieges gestellt. Letzten Endes war der ganze Krieg natürlich ein unglaubliches Morden und Schlachten in ganz Europa. Und die Sinnhaftigkeit des Ganzen sei dahingestellt.
SPRECHERIN 2
Was bleibt vom sinnlosen Sterben in einer der schönsten Landschaften Europas?
SPRECHERIN 1
Tatsächlich waren die Bauten und Befestigungen des Ersten Weltkriegs förderlich für den wachsenden Tourismus im Alpenraum, der bereits in den 1920er Jahren zu einer Massenbewegung wurde.
SPRECHERIN 2
So begann man bereits 1921 auf dem Pasubio aus einer noch gut erhaltenen Steinbaracke eine Unterkunftshütte für Bergwanderer zu bauen. Sie ist bequem über eine Straße zu erreichen, die von Februar 1917 bis Dezember 1917 gebaut wurde, die „Strada delle 52 Gallerie“, die „Straße der 52 Tunnel“.
Jordan 11
Ein ganz wichtiger Punkt ist meines Erachtens auch der Ausbau von Feldbahnen, von kleinen Eisenbahnen, die dann teils weiter genutzt wurden, aber noch viel stärker von Seilbahnen, die während des Ersten Weltkriegs an vielen Hochgebirgsabschnitten und Gebirgsabschnitten die Lebensadern zur Front waren. Das zeigt sich, wenn sie die Grenze entlang gehen, vom Stilfserjoch bis hinüber in die Dolomiten ein. Selbst auch am Isonzo wurden entsprechende Seilbahnen zur Versorgung der Truppen gebaut. Und diese Infrastruktur - Wege, Seilbahnen, auch Unterkünfte, die teilweise noch gebaut wurden. Die können natürlich nach dem Krieg weitergenutzt werden und sind Grundlage dann auch für ein quantitativ aufwachsendes Feld des Tourismus.
Musik 11: Broken by nature (Part 5) – siehe vorn – 55 Sek
SPRECHERIN 1
Ein weiteres Überbleibsel aus dem Ersten Weltkrieg sind die Denk- und Mahnmäler, wie zum Beispiel auf dem Monte Grappa. Und natürlich die zahlreichen Soldatenfriedhöfe.
Jordan 14
Überhaupt sind diese Friedhöfe, die Sie entlang der Fronten von damals finden, Zeugen des Krieges und Zeugen von Tod und Leid und insofern Punkte, die wir heute auch besuchen sollten, um uns dessen gewahr werden, wie schlimm der Krieg ist - egal, ob es der erste Weltkrieg ist oder aktuelle Kriege. Es ist immer mit Tod und Leid verbunden, und insofern sollten wir alles dransetzen, das auch für die Zukunft in einem Miteinander zu vermeiden.
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RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO 1 Stadion Zusp. 1 Thomas Müller: „Dadurch dass ich Dinge von mir selbst abverlange, verlange ich die auch von meinen Mitspielern. Denn am Ende des Tages will ich erfolgreich sein, dann gehe ich glücklich ins Bett und am Ende geht es nur um die Glückshormone.“ SPRECHERIN: Fußball-Star Thomas Müller ist glücklich, wenn er gewinnt. Trifft er selbst ins Tor, dann sprudeln die Glückshormone besonders üppig! Vor allem der Hormonspiegel von Dopamin und Serotonin, den wichtigsten Botenstoffen in Zusammenhang mit Glücksmomenten und Euphorie wie etwa beim Torjubel Tausender Fans. Insgesamt kennt die Forschung sechs Hormone, die uns glücklich machen. Aber noch weiß sie über sie noch lange nicht alles. ATMO 2 Reporter Zusp.2 Sieg: „Natürlich macht auch ein Sieg im Sport, ein Torschuss, ein Erfolg innerhalb des Sports erstmal glücklich. Es bedeutet eine erbrachte Leistung während der sportlichen Aktivität, auch das macht positive Stimmung. Und dadurch ist letztendlich das große Spektrum der unterschiedlichsten Sportarten in der Lage, positive Effekte auf unsere Glückshormone auszuüben.“ SPRECHER: Sagt Dr. Ingo Froböse, Professor für Rehabilitation und Prävention an der Deutschen Sporthochschule Köln: MUSIK: „White wherever you look“ – ARD-AROMA (0:17) Zitator: Dopamin SPRECHER: Dopamin ist körpereigenes Doping! Glückshormone - und natürlich auch ihre Gegenspieler, die Stresshormone – stellt der Körper selbst her. Sie sind nicht mal unter dem Mikroskop zu sehen. Winzig, aber wichtig! SPRECHERIN: Glückshormone bestehen aus Aminosäuren, also aus chemischen Verbindungen mit Stickstoff, Kohlenstoff und Sauerstoff. Prof. Dr. Henriette Uhlenhaut, Molekularbiologin an der TU München, erklärt, dass das System der Glückshormone ein bisschen wie früher die Rohrpost im Büro funktioniert: Zusp. 6 Brief: „Ein Glückshormon oder irgendein Hormon ist ein Botenstoff, d.h. Hormone werden irgendwo im Körper – da gibt`s z.B. bestimmte Drüsen – produziert und die werden dann über den Kreislauf, über die Blutbahn zu allen anderen Organen im Körper hin transportiert, um dort eine Botschaft zu übermitteln. D.h. zum Beispiel im Gehirn wird ein Signal losgeschickt, oh, wir müssen jetzt unbedingt den Muskeln was sagen, dann wird eine hormonproduzierende Drüse dieses Hormon ausschütten, das schwimmt sozusagen durch den Blutkreislauf zum Zielorgan hin, schwimmt tatsächlich wie ein Brief durch unsere Blutbahn und docken dann an einem Briefkasten, einem Rezeptor an.“ MUSIK: „Celloverse“ – Z8014390#113 (0:13) und: MUSIK: „There‘s somebody out“ – Z9382788#004 (0:21) ATMO 3 Schrei SPRECHER: Eine Mutprobe an der Skisprungschanze im slowenischen Planica (sprich: Planitza, Betonung auf erster Silbe). Im Sommer dürfen hier Laien, an einem Drahtseil gesichert, runterspringen. Hier kommt das Signal für die Hormonausschüttung von den Augen der jungen Frau, die oben steht und sich mutig in die Tiefe stürzt. SPRECHERIN: Die Augen nehmen also die potentielle Gefahr wahr und schicken diese Botschaft durch die Blutbahnen an die Rezeptoren: Zusp. 7 Rezeptoren: „Und diese Rezeptoren sitzen fast überall in unserem Körper, in unseren Zellen: Muskelzellen, Leberzellen, Hautzellen, im Gehirn usw. und reagieren dann auf diese Botschaft. Sie hören diese Botschaft sozusagen und schalten dann Prozesse im Inneren der Zelle an.“ SPRECHER: Botschaft angekommen: Achtung Abgrund! Vorsicht Gefahr! Jetzt geht der Körper in die Alarmhaltung über: Zusp. 8 Flucht: „Wenn jetzt ein Stresssignal den Körper erreicht, dann gibt es diese Hormondrüsen, das sind die Nebennieren, die produzieren dann auf ein Signal vom Gehirn hin das Cortisol und schütten es in die Blutbahn aus. D.h. unser ganzer Körper wird mit dem Cortisol überschwemmt und der Cortisol-Rezeptor geht dann in den Zellkern und schaltet Gen-Programme aus oder an, d.h. im Zellkern würden dann ganz viele Prozesse angesteuert, die wiederum Energie freisetzen z.B., wenn ich gestresst bin und ich muss mich wehren unter Umständen, fight or flight, Kampf oder Flucht, das würde als Antwort auf das Hormon passieren.“ SPRECHERIN: Bei der Frau an dem Drahtseil ist Flucht nicht angesagt...zumal sie den Sprung in die Tiefe ja frei gewählt und dafür bezahlt hat. Nun mischen sich ihre Stress- und Glückshormone: MUSIK: „Celloverse“ – Z8014390#113 (0:18) Zusp. 9 Kampf: „Diese Hormonrezeptoren setzen jeweils im Inneren der Zelle sogenannte Signal-Kaskaden in Gang, d.h. innerhalb der Zelle bewegen sich jetzt ganz viele kleine Proteine, schalten was an oder aus und schicken Signale hin und zurück und das wird alles in den Zellkern geleitet, wo dann der ganze Prozess integriert wird. Es kommt im Zellkern, auf dem Chromatin, das ist unser genetisches Material, da würde dieser Kampf sozusagen stattfinden. Und was am Ende dabei herauskommt, bestimmt dann, wer den Kampf gewonnen hat. Also wer schaltet mehr Programme ein oder aus?“ SPRECHER: An der Skisprungschanze heißt die hormonelle Frage: hat es der Frau Spaß gemacht oder eher Stress bereitet? SPRECHERIN: Dopamin nur als oberflächlichen Glücklichmacher zu definieren, würde der Bedeutung dieses Transmitters aber nicht gerecht werden. Nervenzellen, in denen Dopamin gespeichert ist, heißen „dopaminerg“. Solche Neuronen kommen unter anderem im Zentralen Nervensystem vor und wandern etwa vom Mittelhirn ins Zwischenhirn und ins Endhirn. Ist der Dopaminhaushalt gestört, kann es zu schweren Erkrankungen wie Parkinson oder Schizophrenie kommen. SPRECHER: Auch im Vegetativen Nervensystem spielt Dopamin eine wichtige Rolle: es reguliert die Durchblutung der Bauch-Organe und wirkt bei der Steuerung der Nieren mit, hat also lebensnotwendige Funktionen. MUSIK: „White wherever you look“ – ARD-AROMA (0:17) Zitator: Serotonin SPRECHERIN: Auch das im Volksmund als Glückshormon bezeichnete Serotonin ist ein vielseitiger Akteur des menschlichen Körpers! Es beeinflusst die Spannung der Blutgefäße und somit den Blutdruck, auch den Augen-Innendruck, unterstützt die Magen-Darm-Tätigkeit und hilft bei der Blutgerinnung mit. Ohne Serotonin wäre unser Leben nicht möglich. Selbst Einzeller wie Amöben produzieren Serotonin. Sogar Pflanzen bauen auf das Gewebshormon. So kommt die brennende Wirkung der Haare auf den Brennnessel-Blättern von Serotonin. SPRECHER: Durch das Stimulieren von Regionen der Großhirnrinde, die unsere Emotionen stark beeinflussen, ist das Serotonin für die Stimmungslage zuständig. Eine ausreichende Konzentration des Neurotransmitters kann Ängste, Aggressionen, depressive Zustände lindern, wie Prof. Dr. Inga Neumann, Neurobiologin an der Universität Regensburg, erklärt: Zusp. 10 Serotonin: „Serotonin wird in vielen Regionen des limbischen Systems freigesetzt, es wird im Nukleus raphe produziert und z.B. wenn wir glücklich sind, wenn wir frohen Mutes sind und aktiv sind, dann spielt das eine wichtige Rolle. Im Umkehrschluss, bei Patienten, die Depressionen haben z.B., da geht man davon aus, dass das Serotoninsystem generell unterversorgt ist oder eher nicht so aktiv ist. Deshalb ist eine Behandlungs-Strategie bei klinisch manifester Depression, dass man hier das Serotoninsystem beeinflusst, indem man praktisch die Verfügbarkeit des Serotonins im Gehirn verlängert oder verstärkt.“ SPRECHERIN: Bei schweren Depressionen kann Serotonin medikamentös verabreicht werden. Die richtige Hormon-Einstellung im Krankheitsfall ist aber eine medizinische Kunst! Zumal die Wechselwirkungen der einzelnen Hormone bisher noch nicht klar erforscht sind. MUSIK: „White wherever you look“ – ARD-AROMA (0:09) Zitator: Oxytocin SPRECHER: Neben Serotonin und Dopamin ist auch das Hormon Oxytocin für das körperliche und seelische Wohlbefinden wichtig. Oxytocin ist ein Neuropeptid, also ein Botenstoff, der von Nervenzellen freigesetzt wird. Da es aus neun Aminosäuren aufgebaut ist, wird Oxytocin auch als Nonopeptid definiert. Inga Neumann beschäftigt sich intensiv mit den Wechselwirkungen der verschiedenen Hormone: Zusp. 11 Neuropeptide: „Im Zentrum unserer Forschung steht die Frage, wie Emotionen, also z.B. Angst, Furcht oder depressives Verhalten im gesunden Organismus, aber auch unter pathologischen Bedingungen, z.B. bei psychischer Erkrankung, reguliert werden. SPRECHERIN: Ihre Untersuchungen haben ergeben, dass ausreichend Glückshormone das seelische Gleichgewicht fördern, aber umgekehrt ein intaktes soziales Umfeld auch den Glückshormonspiegel steigern kann. Einsamkeit etwa wirkt negativ auf das Oxytocin-System, während ein glückliches Familienleben zusätzlich Oxytocin aktivieren kann: Zusp. 12 Berührung: „Oxytocin wird freigesetzt in bestimmten Situationen, z.B. sozialer Interaktion, aber auch bei Berührung oder auch bei Sex oder wenn man sich in die Augen schaut, also in bestimmten Situationen, und agiert da auch mit anderen Botenstoffen wie dem Dopamin oder dem Serotonin, die ja auch in die Kategorie Glückshormone gezählt werden.“ Zusp. 13 Kuschel: „Oxytocin wird in den Medien als Kuschelhormon bezeichnet und in der Tat: Oxytocin fördert Sozialverhalten, es fördert die Mutter-Kind-Bindung und das macht es für mich auch so spannend, dass es einmal die Wirkung als Hormon hat, dass das Muttertier oder die Mutter tatsächlich die Milch geben kann und auf der anderen Seite im Gehirn wirkt es, damit die Mutter sich auch um den Nachwuchs oder das Baby kümmern möchte, dass es die Motivation hat und die Motivation kommt aus dieser Mutter-Kind-Bindung.“ SPRECHER: Oxytocin ist für seine Wirkung während der Geburt bekannt: es bringt die Gebärmutter dazu, sich zusammenzuziehen, löst dadurch die Wehen aus und leitet den Geburtsvorgang ein. Bei der klinischen Geburtshilfe kann Oxytocin als Tablette, Nasenspray oder mit einer Spritze verabreicht werden. SPRECHERIN: Außerdem regt Oxytocin die Brustdrüsen der Mutter an, Milch abzugeben. Diese hormonell gesteuerte Mutter-Kind-Bindung bildet wohl die Grundlage für spätere soziale Beziehungen. Neurochemiker- und Biologen vermuten, dass die Fähigkeit zu Liebe, Zuneigung oder Vertrauen auch von diesem Konglomerat aus neun Aminosäuren abhängt. Zusp. 14 bewirken: „Und es geht sicher nicht nur um die Menge des verfügbaren Oxytocins, das beträfe die Synthese, die Bildung des Oxytocins in Nervenzellen, sondern es geht auch darum, wo ziehen diese Nervenzellen hin, welche Fasern gibt es in welchen Gehirnregionen und wie intensiv werden diese Fasern auch genutzt. Hier geht es also auch um Oxytocin-Transport. Dann geht es natürlich auch um Oxytocin-Freisetzung aus diesen Nervenzellen, also um die neuronale Freisetzung in den Gehirnregionen. Die kann unterschiedlich sein. Und last but not least sind es natürlich auch die Rezeptoren, d.h. die Erkennungsstrukturen in den Regionen. Also wir gehen vor allem davon aus, dass es die Rezeptoren sind oder Unterschiede in den Rezeptoren sind, die auch Unterschiede im Sozialverhalten, Unterschiede im emotionalen Verhalten bewirken können.“ SPRECHER: Noch sind viele Fragen offen, wie genau dieses hochkomplexe System von hormonellen Mit - und Gegenspielern funktioniert. Eines ist aber erwiesen: ein guter, als glücklich empfundener Lebensstil ist auch gut für unsere Gesundheit, sagt Inga Neumann: Zusp. 15 Dopamin: „Also z.B. wenn wir ein gutes Essen zu uns nehmen oder uns schon darauf freuen, oder eine gute Flasche Wein trinken und noch in netter Gesellschaft sind, dann sind das alles Sachen, die uns gut tun und das Belohnungssystem uns signalisiert dann dem Körper: davon bitte mehr! Das ist natürlich eine Motivation zu all diesen Sachen, die wir gerne mögen. Dazu gehört natürlich auch Sozialverhalten, dazu gehört auch Sexualverhalten, da wird das Dopaminsystem hochaktiv im Nukleus accumbens und in den entsprechenden Zielregionen der dopaminergen Neuronen. Und hier kommt es dann auch zu einer engen Interaktion mit dem Oxytocinsystem, d.h. Paarung zum Beispiel, Sexualverhalten triggert nicht nur das Dopaminsystem, sondern auch das Oxytocinsystem, die sich dann auch noch gegenseitig ergänzen.“ MUSIK: „White wherever you look“ – ARD-AROMA (0:09) Zitator: Noradrenalin SPRECHERIN: Ein anderes Hormon, das manchmal als Stress – manchmal als Glückshormon bezeichnet wird, ist Noradrenalin, das im Nebennierenmark gebildet wird. Es wurde erst 1948 entdeckt und wird als Auslöser des Fluchtreflexes gesehen. In Gefahren – oder anderen Ausnahmesituationen - verengt es die Blutgefäße und treibt damit den Blutdruck nach oben. Das macht den Menschen sehr schnell wach und agil. Solch einen gesteigerten Tatendrang empfindet jeder etwas anders. MUSIK: „White wherever you look“ – ARD-AROMA (0:05) Zitator: Endorphine MUSIK: „There‘s somebody out“ – Z9382788#004 (0:51) und MUSIK: „Celloverse“ – Z8014390#113 (0:19) SPRECHER: Ähnliche Effekte haben auch Endorphine. Chemisch betrachtet sind das Opioid-Peptide. Wenn man so will: selbstproduziertes Opium. Endorphine entstehen im Hypothalamus und in der Hypophyse, also im Gehirn, und können ein Glücksempfinden hervorrufen, das im Extremfall an Drogeneinfluss erinnert. Bekanntes Beispiel aus dem Sport ist das Läufer-High, eine Euphorie, die zum Beispiel am Ende eines Marathons jedes Schmerzgefühl übertüncht. Der genaue Wirkmechanismus ist noch nicht geklärt, aber vermutlich verhindern die Endorphinrezeptoren im Rückenmark, dass ein Schmerzreiz ins Gehirn weitergeleitet wird. SPRECHERIN: Als wäre das Zusammenspiel der Glücks-Hormone nicht schon kompliziert genug, mischt sich auch noch unser Essen ein, z.B. Proteine, also Eiweiß! Zusp. 16 Teller: „Vom Teller kommt`s in den Mund, wird zerkaut, zerlegt und das Eiweiß ist quasi ein langes Wort und dieses Wort wird in seine Buchstaben zerlegt im Darm, nämlich in die Aminosäuren und diese Buchstaben werden dann wieder zu neuen Wörtern zusammengesetzt und aus diesen Wörtern macht unser Körper beispielsweise Muskelprotein, Organprotein oder eben diese Botenstoffe.“ SPRECHER: Caroline Rauscher aus dem niederbayerischen Kelheim ist Apothekerin und Ernährungsberaterin. Sie beschäftigt sich intensiv mit der Wirkung verschiedener Lebensmittel auf den Organismus und speziell auf die körperliche Leistungsfähigkeit von Sportlern. Diese hängt natürlich auch mit der emotionalen Verfassung des Athleten zusammen. Zusp. 17 Darm: „Die Ernährung liefert uns die Bausteine für unsere Glückshormone. Grundsätzlich ist der Ansatz natürlich richtig, dass unser Denken durch unsere Ernährung beeinflusst wird, aber das wäre einen Ticken zu einfach, wenn ich nur die richtige Suppe oder das richtig Gericht esse und schon bin ich auf Wolke sieben!“ SPRECHERIN: Sauer macht lustig, sagen die Einen. Schokolade macht glücklich, meinen die Anderen. Leider stimmen die Botschaften nur sehr bedingt: Zusp. 18 Schoki: „Natürlich hat die Schokolade auch Ausgangsstoffe drin, die sich positiv auf unser Glücksgefühl auswirken, aber um da wirklich pharmakologische Effekte zu erzielen, müsste man an die 100 Kilo Schokolade essen, am Tag! Das Serotonin wird zwar in der Darmschleimhaut aufgenommen, kann aber nicht in unser Gehirn gelangen, weil das Tryptophan, so heißt diese Aminosäure, um ins Gehirn zu gelangen und dort Serotonin produzieren zu können, die sogenannte Blut-Hirn-Schranke passieren muss.“ SPRECHER: Und diese Schranke hat einen lebensnotwendigen Schließmechanismus, wie Biologin Inga Neumann erläutert: Zusp. 19 Schranke: „Die wenigsten Neurotransmitter des Gehirns gelangen einfach so durch die Blut-Hirn-Schranke, das wäre auch schlimm, denn ansonsten würde es in Abhängigkeit von der Nahrungsaufnahme, wenn wir gerade ein dickes Steak gegessen haben das durch den Magen-Darm-Kanal in seine Einzelteile, sprich in seinen einzelnen Aminosäuren zerlegt werden. Und wenn wir gerade einen Cocktail an solchen Aminosäuren im Blut haben und die gelangten alle ins Gehirn, dann würden wir da ganz schön durcheinanderkommen. D.h. das Gehirn ist sehr gut geschützt vor solchen peripher zirkulierenden Substanzen, es bekommt deshalb solche Schwankungen, die nahrungsbedingt auftreten, nicht mit.“ SPRECHERIN: Ernährungs-Expertin Caroline Rauscher unterstützt Profisportler bei ihrer athletengerechten Ernährung. Einigen von ihnen musste sie den Trend zu eiweißreicher und kohlenhydratarmer Ernährung ausreden. Manche Lifestyle-Magazine empfehlen sogar, Kohlenhydrate komplett wegzulassen. Davor warnt die Pharmazeutin, auch in Hinblick auf Glückshormone: Zusp. 20 Tür: „Wenn ich jetzt dominant in der Eiweiß-Zufuhr bin, dann habe ich ein hohes Aufkommen von Aminosäuren im Blut und dann haben wir genau diese Konkurrenz-Situation mit dieser Tür, die ins Gehirn hineingeht. Jetzt stehen ganz viele andere Kandidaten noch an, die eben durch diese Tür wollen.“ SPRECHER: Damit das Gehirn Serotonin bilden kann, braucht es dessen Vorstufe Tryptophan. Die Aminosäure Tryptophan wiederum ist auf Insulin angewiesen und das bildet der Körper aus Kohlenhydraten. Zusp. 21 Insulin: „Insulin ist ein Türöffner für das Tryptophan ins Gehirn. Wenn ich Kohlenhydrate esse, dann steigt der Blutzuckerspiegel an und Insulin wird ausgeschüttet. Man kann diesen physiologisch leichten Anstieg von Insulin auch dadurch bewirken, dass man sich mit gesunden, komplexen Kohlenhydraten ernährt, sprich Vollkornbrot, Hülsenfrüchte etc. und damit den Punkt hat, dass ein gewisses Insulinspiegel-Niveau da ist.“ MUSIK: „White wherever you look“ – ARD-AROMA (0:18) SPRECHERIN: Neben Nahrungsmitteln können auch Genussmittel oder Drogen die Glückshormone in Gang bringen. Nur führt das früher oder später in eine Abhängigkeit. Dr. Inga Neumann: Zusp. 22 Droge: „Das fängt mit Alkohol an, das können aber auch andere Drogen sein, Nikotin natürlich genauso, d.h. das Dopaminsystem wird auch dadurch aktiviert und das Problem ist, dass es dann immer mehr von der Droge braucht, dass das Dopamin auf das hohe Level gepusht wird. Dann ist die Konsequenz, dass die Einnahme der Droge steigt oder steigen muss, damit derjenige dasselbe Glücksgefühl intern erlebt.“ MUSIK: „Celloverse“ – Z8014390#113 (1:01) SPRECHER: Dann doch lieber ein anregender Sprung ins eisige Wasser beim Canyoning, um Dopamin oder Noradrenalin freizusetzen. Oder – wie Sportwissenschaftler Ingo Froböse empfiehlt – mäßiger, aber regelmäßiger Sport: Zusp. 23 entstresst: „Nach zwei bis drei Monaten bin ich durchaus in der Lage, und das bedeutet ungefähr 20 bis 30 Trainingseinheiten, um diese Glückshormone bewusster wahrzunehmen und entsprechende biochemische Prozesse ausgelöst zu haben. Und das verändert langfristig unseren Lebensstil und auch unser Verhalten. Und da muss man sagen: das ist doch gar nicht so viel! Das dauert zwar einige Wochen, aber dann bin ich genau da, wo ich nämlich sein wollte, entspannt, entstresst und glücklich.“ SPRECHERIN: Denn die Muskulatur, die bei Bewegung aktiviert wird, ist das größte Stoffwechselorgan des Menschen. Wird sie regelmäßig und über einen längeren Zeitraum benutzt, beeinflusst das den Hormonspiegel erheblich. Der Körper macht dabei einen Lernprozess durch. Deshalb wird Sport auch in Psycho-Therapien wirkungsvoll eingesetzt. SPRECHER: Auch Lachen oder Singen kann Glückshormone aufwecken. In entsprechenden Lach – oder Sing-Seminaren wird das zelebriert. MUSIK: „White wherever you look“ – ARD-AROMA (1:00) SPRECHERIN: Egal, ob sich die Forscher aus psychologischer, chemischer, ernährungs-oder sportwissenschaftlicher Perspektive mit dem Phänomen Glückshormone befassen: das System der glücklich machenden Aminosäuren ist faszinierend und noch weitgehend unerforscht, resümiert Molekularbiologin Henriette Uhlenhaut: Zusp. 24 faszinierend: „Generell finde ich es wahnsinnig spannend, wie komplex das ist. Wir haben das immer noch nicht verstanden, was Hormone alles bewirken können, was die alles draufhaben! Die regulieren gleichzeitig Zehntausende von Genen und kontrollieren so unterschiedliche Prozesse gleichzeitig: Stoffwechsel, Immunreaktionen, unser Verhalten. Jeder von uns ist den ganzen Tag über hormongesteuert. Wenn man sich das mal verdeutlicht, ist es unglaublich, was in unserem Zellinneren abgeht.“
- Daphnis und Chloe - Antike Erotik
18.09.2024 · 23 Min.
Boy meets girl - diesen Plot gab es bereits bei den alten Griechen. Der antike Autor Longos lässt in seinem Roman "Daphnis und Chloe" zwei ausgesetzte Königskinder aufeinandertreffen. Ende des 2. Jahrhunderts nach Christus entstand die Liebesgeschichte, die uns Astrid Mayerle vorstellt. (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Astrid Mayerle Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Rahel Comtesse, Anne-Isabelle Zils Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Ondrej Cikan, Altphilologe und Verleger Georg Danek, Altphilologe Literatur: Longos, Daphnis und Chloe. Ein poetischer Liebesroman Übersetzung Ondrej Cikan und Georg Danek 385 Seiten, Ketos Verlag, 2018 # Diese Ausgabe ist sehr zu empfehlen, weil sie die rhythmisierte Prosa und damit die Melodik des Romans nachahmt. Auch die Parallelismen und Reime sind ins Deutsche übertragen. # hervorragend für die Schullektüre geeignet, da ein umfangreiches Nachwort und viele erhellende Anmerkungen das Textverständnis fördern Longos Daphnis und Chloe. Ein Liebesroman Übersetzung Kurt Steinmann 190 Seiten, Manesse Verlag, 2019 # eine der klassischen Übersetzungen Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.