Heimweh - Sehnsucht oder Krankheit?
27.06.2025 · 24 Min.
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Heimweh, diese bohrende Sehnsucht nach Wohlvertrautem, die einen in der Fremde packen kann. Viele zwickt es nur ein wenig, andere sind so arg gebeutelt, dass es sie regelrecht krank macht und einschränkt: Kinder kann es genauso treffen, wie Erwachsene oder Alte. Gut zu wissen, wie Heimweh sich lindern lässt. Von Anja Mösing (BR 2024)
Credits
Autorin dieser Folge: Anja Mösing
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Stefan Wilkening, Florian Schwarz
Technik: Regina Staerke
Redaktion: Susanne Poelchau
Im Interview:
Dr. Gerd Schuster, Psychologe, Pflegewissenschaftler, Nürnberg
Brigitte Reysen-Kostudis, Psychologin und Psychotherapeutin der psychologischen Beratung der Freien Universität Berlin
Josefina, Studentin, Wien
Nostalgie – Der Traum vom besseren Gestern Nostalgische Gefühle verklären vergangene Ereignisse und Zustände. Bei aller Wehmut verbessern sie deshalb die Stimmung und können über aktuelle Notlagen hinwegtrösten. So birgt die gute, alte Zeit auch ein zukunftsweisendes Potential - bei aller Gefahr, die im rückwärtsgewandten Denken liegt. Autorin: Justina Schreiber JETZT ENTDECKEN
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ZITATOR
Fortwährende Traurigkeit, häufige Seufzer, fortwährendes Denken an die Heimat, unruhiger Schlaf, Abnahme der Kräfte, geringerer Appetit, Herzensängste und unregelmäßiger Herzschlag, Fieber, Störung der Verdauung, Abmagerung und Schwächung und schließlich: Tod.
ERZÄHLER
So wurden im 18. Jahrhundert die typischen Symptome von Heimwehkranken beschrieben.
Heimweh - ein Krankheitsbild, das zuerst der junge Elsässer Medizinstudent Johannes Hofer im Jahr 1688 erforscht hat.
MUSIK 2 Kuhreihen für Alphorn solo 0’30
ERZÄHLER
Schweizer Krankheit wurde es auch genannt, nach Schweizer Söldnern, oft arme Bauernsöhne aus den Bergen, die in der Fremde an dieser rätselhaften Todesursache starben.
Traditionelle Hirtenlieder wie den Schweizer Kuhreihen zu singen, wurde angeblich verboten, um Heimweh nicht ausbrechen zu lassen. Als einzige Kur gegen die Krankheit galt damals: die Leidenden umgehend nachhause zu schicken.
ZSP 1 Reysen
Ich würde sagen, 20 bis 30 Prozent der Neuankömmlinge haben doch sehr große Probleme und entwickeln dann eben auch Heimweh.
MUSIK 3 Kings Of Convenience – Homesick 0’21
ERZÄHLER
Für Neuankömmlinge in einer Stadt, Studierende zum Beispiel, ist Heimweh auch heute noch ein großes Thema. Das weiß Brigitte Reysen-Kostudis aus 30 Jahren Erfahrung in der psychologischen Beratung der Freien Universität Berlin. Die Studierenden, die zu ihr in die Beratung kommen, sind zwischen 20 und 27 Jahre alt:
ZSP 2 Reysen
In der Regel kommen die jungen Menschen nicht zu mir und sagen gleich zu Beginn: Ich habe Heimweh. Es fällt gerade den jungen Leuten in dieser Schwellensituation zwischen Kindsein und Erwachsensein oft schwer, das von sich selbst zu sagen. Weil das oft als nicht passend zum Erwachsensein angesehen wird. Aber im Verlauf des Gespräches kommen wir darauf: Warum hast du diese Symptome? Ist es vielleicht tatsächlich deshalb, weil Du ganz oft an Dein altes Zuhause denkst?
MUSIK 4 Kings Of Convenience – Homesick 0’47
ERZÄHLER
Im Englischen sagt man homesickness, im Französischen mal du pays und immer noch mal du Suisse. Das Wort Krankheit steckt in jedem dieser Begriffe. Auch das deutsche Heimweh klingt wie Bauchweh und Zahnweh nach körperlichem Schmerz. Als tödliche Krankheit wird Heimweh aber nicht mehr gefürchtet:
ZSP 3 A Reysen
Weil da ja keine körperliche Erkrankung im Hintergrund ist, die behandelt werden müsste. Es ist schon ein seelisches Leiden und das kann Schmerzen verursachen, das kann Magenprobleme verursachen, Kopfschmerzen verursachen, die dann allerdings psychische Ursachen haben.
ZSP 3 B Josefina
Bei mir hat es immer im Bauch angefangen, wie wenn man so einen Klumpen im Bauch hat. Und dann kommt es oft auf Herzhöhe. Und dann hat man so eine Enge ums Herz. Und man ist ganz-ganz vorsichtig und starr in so einer Habacht-Haltung. Ich bin ganz, ganz still geworden und habe alles beobachtet, als ob jetzt gleich was Schlimmes passieren könnte. Und irgendwann ist es dann so hoch im Kopf gestiegen, dass man gar nicht mehr an anderes denken konnte als: Da kommt jetzt gleich was. Und ich muss Heim! Und ich will in Sicherheit sein! Und Sicherheit war halt daheim sein.
MUSIK 5 Regina Spektor – Open 0‘28
ERZÄHLER
Josefina ist Mitte 20 und unfreiwillig Heimweh-Expertin, sie kennt das Gefühl seit frühester Kindheit. Einen allerersten Auslöser, ein traumatisches Erlebnis, so etwas gab es für ihr Heimweh nicht:
ZSP 4 Josefina
Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es irgendwann angefangen hat, sondern es war halt immer schon da.
ERZÄHLER
Zur Zeit des Interviews studiert Josefina im vierten Semester Psychologie in Wien. Aufgewachsen ist sie in München. Ihr letztes großes Heimweh, das hatte sie zu Beginn ihres Studiums:
ZSP 5 Josefina
Da war ich 22 und bin nach Wien gezogen. Das Heimweh war da zum ersten Mal dieses Gefühl: Okay, du kannst traurig sein! Du darfst das vermissen! Du darfst Sehnsucht haben! Und du darfst weinen deshalb, das ist okay, das ist ein Grund! Und vom Gefühl her Heimweh, aber in dem Fall positive Sehnsucht eher.
MUSIK 6 Jonathan Jeremiah – Happiness 0’50
ERZÄHLER
Der Entwicklungsschritt vom Heimweh hin zur bloßen „Sehnsucht nach zuhause“ war für Josefina groß. Denn Heimweh hatte sie oft komplett besetzt. Dass sie jetzt so selbständig und fröhlich in Wien studieren kann, hat sich Josefina hart erarbeitet, sagt sie. Mit zwei Jahren Psychotherapie.
Kandidatinnen oder Kandidaten für starke Heimwehsymptome sind vor allem Menschen, die Angst vor unvorhergesehenen Ereignissen haben, egal ob als Kind oder als Erwachsene. Das erklärt die Psychologin Brigitte Reysen-Kostudis,:
ZSP 6A Reysen
Das gehört schon zusammen: Dieses Bedürfnis nach Kontrolle und die Angst, die Kontrolle zu verlieren. Und in einer neuen Umgebung habe ich natürlich nicht die Kontrolle über das, was passieren kann. Also alles ist noch neu. Es können Dinge passieren, die ich vorher noch nie erlebt habe. Und das ist für manche eine große Herausforderung. Für andere ist es toll, dass ständig neue Sachen passieren, neue Begegnungen möglich sind. Für andere ist es totaler Stress.
MUSIK 3 Gerd Baumann – Martha 0‘47
ZSP 6 B Josefina
Schullandheim zum Beispiel: Da war nicht unbedingt ein Auslöser. Also, das stapelt sich dann so: Das Essen ist doof. Und dann bin ich mit jemandem im Zimmer, mit der ich mich davor gestritten habe. Oder es ist ein sehr-sehr großes Zimmer, wo viel Trubel ist und ich mich nicht mal eine Minute zurückziehen kann und sagen: Okay, tief durchatmen, das wird wieder. Und das waren dann alles Faktoren, wo ich gesagt habe: ich fühle mich hier ganz-ganz unwohl. Und ich habe keine Kontrolle mehr über diese Situation, von meiner Sicht aus. Und anstatt zu sagen: Ja gut, jetzt ist die Bettdecke ungemütlich, meine Güte! Es gibt nicht mein Lieblingsessen, okay kann man ne Woche mit leben! Das ist dann viel-viel größer geworden als es eigentlich war.
ERZÄHLER
Für Außenstehende wirkt es oft, als wolle ein Kind plötzlich nach Hause, nur weil das Essen nicht schmeckt wie gewohnt. Der Grund fürs Nachhause wollen liegt aber viel tiefer:
ZSP 6 C Reysen
Auf dieser diagnostischen Ebene fällt Heimweh unter eine Anpassungsstörung. Das ist so der medizinische Terminus. Wenn jemand Schwierigkeiten hat, sich an neue Umgebungen und neue Bedingungen anzupassen.
MUSIK 8 Deine Freunde – Heimweh 0’47
ZSP 6 D Josefina
Heimweh war für mich immer ein bisschen wie so eine Überforderung, weil ich mich so unwohl in der Situation gefühlt habe, wo ich quasi dann alleine war und keinen Anker hatte, wo ich wusste, da kann ich einfach ganz entspannt sein. Sondern ich war immer komplett angespannt. Und diese Anspannung war da natürlich irgendwann zu viel.
ERZÄHLER
Heimweh kann so dominierend werden, dass es sich wie ein grauer Schleier auf Dinge legt, auf die man sich eigentlich gefreut hätte: Eine Einladung zum Wochenendausflug, eine Geburtstagsübernachtung oder eine Fackelwanderung im schneeverwehten Wald. Allein schon die Angst davor, Heimweh zu bekommen, schränkt die Betroffenen ein:
ZSP 7 Josefina
Weil dir einfach ganz viele schöne Momente von dem Gefühl kaputt geschossen werden. Weil du dann in deinem kleinen pessimistischen Kokon sitzt und eigentlich hättest du den Spaß des Lebens.
MUSIK 9 Gerd Baumann – Sophies Thema 0‘37
ERZÄHLER
Schon mit sechs Jahren hat Josefina zusammen mit den Eltern Strategien entwickelt, um Heimwehsituationen durchzustehen: Alles, was neu sein könnte, haben sie vorher besprochen. Und Josefina hat immer einen Talisman von daheim mitgenommen, eine Halskette ihrer Mutter. Solche so genannten Übergangsobjekte sind tröstende Klassiker für Heimwehkinder! Auch ein heimliches Not-Handy kann mit, falls die Sehnsucht nach zu Hause zu groß wird.
ZSP 8 Reysen
Was ich eine ganz schöne Strategie finde, ist, wenn so ein kleines Klassenfahrt-Tagebuch geführt wird. Wenn dann die Begleitpersonen sagen: Ach, mal doch mal ein Bild für deine Mutter oder deinen Vater. Und wenn du wiederkommst, kannst du das zeigen, damit sie auch sehen, wie es hier ausgesehen hat. Das ist auch eine Art und Weise dem Kind zu signalisieren: Ja, du wirst wieder zurückkommen! Das gibt Sicherheit. Das kommt bei Kindern oft total gut an, weil die sich dann auch ernst genommen fühlen als Handelnde. Solche Strategien helfen dabei, dass das Kind sich aktiv mit der Situation auseinandersetzen kann.
ERZÄHLER
Aktiv sein, ist wichtig! Wenn Studierende in Berlin zu Brigitte Reysen-Kostudis in die Psychologische Beratung der Universität kommen, haben sie oft schon viel Heimweh und Ängste durchlitten. Die jungen Leute haben sich darauf gefreut, endlich in der großen Stadt zu studieren. Und irgendwann stehen sie vor lauter ungeahnten Problemen:
ZSP 9 Reysen
Entweder: Ich kann die Aufgaben nicht erledigen, die ich eigentlich machen sollte. Ich habe Antriebsstörungen, Schlaflosigkeit, merke, dass ich mich auf bestimmte Dinge gar nicht mehr konzentrieren kann. Ich kann Texte nicht lesen. Ich sitze zu Hause und bin traurig. Oder aber es sind extreme Ängste da. Ich traue mich nicht, mit der U-Bahn zu fahren, mit Straßenbahn zu fahren, das sind mir alles viel zu viele Leute. Und ich habe vielleicht sogar auch schon mal eine Panikattacke gehabt. Und jetzt habe ich so enorme Ängste, dass so etwas wieder passieren könnte.
MUSIK 10 Gerd Baumann – Vom Ende 1‘07
ERZÄHLER
Heimweh kann theoretisch jeden treffen. Aber ängstliche Menschen trifft es häufiger als andere, so die Psychologin:
ZSP 10 A Reysen
Ja, ich denke, dass Angst ein wesentlicher Faktor ist. Heimweh in einem Maße, wo es wirklich beunruhigend ist und stark einschränkend ist, vor allem für Menschen, die eben Probleme haben, auf andere zuzugehen, die in Situationen, die neu sind, sich oft nicht wohlfühlen. Also alles, was in dies Spektrum von ängstlichen Persönlichkeiten hineingehört.
ZSP 10 B Josefina
Ich habe sehr-sehr viel nachgedacht immer über Situationen. War sehr vorsichtig und bin nie einfach ins Wasser gesprungen, sondern habe mir das alles immer erst mal angeschaut. Und habe andere Leute beobachtet, wie die ins Wasser gesprungen sind. Und dann bin ich auch reingesprungen. Und ich glaube, das kann überhandnehmen, dass man sich dann so reinsteigert, dass das einfach der Mechanismus ist, wie man so durch die Welt geht.
ERZÄHLER
Die konträre Haltung wäre: Was soll schon passieren? Mache ich halt einfachmal, das wird dann schon!
ZSP 11 Reysen
Ich finde es immer sehr bewundernswert, wenn Leute zu mir sagen: Ah, ich habe wirklich eine schöne Kindheit gehabt und Jugend und da haben wir das und das gemacht. Und ich fühlte mich wohl. Das ist ein Schatz, den sie bewahren können. Aber es geht weiter. Weil gerade dieses Gefühl verbunden zu sein, auch mit einer Landschaft verbunden zu sein, mit Menschen verbunden zu sein, kann ja auch Kraft geben, noch einmal neu zu starten, für neue Herausforderungen, die ich bestehen muss. Weil ich ja weiß, es gibt Menschen und Orte, die mir vertraut sind. Und warum sollte es mir nicht gelingen, das woanders auch aufzubauen?
ERZÄHLER
Heimweh ist Teil der Suche nach sich selbst, glaubt Reysen-Kostudis. Wer Heimweh hat, ist auf der Suche nach der eigenen Heimat, nach einem Ort, wo man glücklich werden kann. Manchmal hilft es sogar, Verbindung zur alten Heimat aufzunehmen.
ZSP 12 Reysen
Das kann sein, dass ich mein Lieblingsgericht zubereite, was aus einer bestimmten Region kommt. Das kann sein, dass ich sage, ich telefoniere regelmäßig, Skype regelmäßig mit Menschen, die mir wichtig sind. Aber nicht ständig! Dass ich versuche, das ein bisschen zu regeln, dass ich dann bestimme, an welchen Tagen, zu welchen Zeiten ich mich diesem Gefühl auch überantworten kann und das auch genießen kann. Die Verbundenheit mit diesem Ort hört ja nicht auf.
MUSIK 11 Gerd Baumann – Flimmern 1‘10
ERZÄHLER
Um schneller heimisch zu werden hilft vor allem eins: Neu geknüpfte Beziehungen!
ZSP 13 Reysen
Was in allen Forschungen über Glück oder auch Zufriedenheit immer drin ist, ist dieses Eingebundensein. Das kann Eingebundensein in Bezug auf zwischenmenschliche Kontakte, aber auch so eingebunden zu sein in ein Wertesystem. Wenn ich mich zugehörig fühle einer bestimmten Gruppierung, das kann eine religiöse Gemeinschaft sein, das kann eine politische Gemeinschaft sein, dann hilft das auch, um in ungewohnten neuen Situationen auch gleich so andocken zu können, zu einem bestimmten Thema. Wo dann diese direkten menschlichen, persönlichen Kontakte nachträglich kommen können, aber erst einmal auch ein Gefühl von Eingebundensein entstehen kann.
ERZÄHLER
Ob es der Skaterpark ist, wo man Gleichgesinnte findet oder das Studentenradio, der Arbeitskreis für eine vegane Lebensweise oder die Tangogruppe: Heimwehkranke, die freiwillig in eine fremde Umgebung gezogen sind, haben gute Chancen ihr Leiden mit solchen Strategien zu überwinden.
Wie hartnäckig Heimweh in der Fremde auftritt, hängt aber immer auch von den Gründen ab, aus denen das alte Zuhause verlassen wurde:
ZSP 14 Reysen
Ganz extrem bei Geflüchteten, die wir auch in der Studierendenschaft haben, die eben nicht freiwillig ihre Heimat verlassen haben. Sondern gegangen sind, weil Krieg, Notzustände, Verfolgung da war. Weil dann die Gedanken da sind: Was passiert jetzt eigentlich in meiner Heimat? Ich bin jetzt hier. Aber irgendwie komme ich gar nicht an, weil ich in Gedanken immer noch woanders bin.
MUSIK 12 Sting – Shape Of My Heart 0‘23
ERZÄHLER
Wer nicht freiwillig am Ort ist, der die neue Heimat werden soll, braucht besonders gute Strategien, um heimisch zu werden. Das konnte auch der Psychologe und Gerontologe Gerd Schuster feststellen. Für seine Dissertation Heim und Heimweh befragte Schuster alte Menschen nach ihrem Umzug ins Pflegeheim:
ZSP 15 Schuster
Und das sind natürlich besonders krasse Umstände des Umzugs!
ERZÄHLER
So unterschiedlich die Biographien der Hochbetagten waren, so häufig hörte Schuster von den Befragten, dass es besonders die Art des Umzugs war, die Heimweh ausgelöst hatte:
ZSP 16 Schuster
Der Eintritt in ein Pflegeheim war für die allerallermeisten eine sehr traumatische Situation. Vor allen Dingen deshalb, weil sehr viele ältere Menschen nicht aus einer vorbereiteten Situation von daheim ins Pflegeheim übersiedeln, sondern schnell: Nach Schlaganfällen zum Beispiel, nach Aufenthalten im Krankenhaus, wo dann im Krankenhaus festgestellt wird: dieser Mensch kann nicht mehr daheim in die eigene Wohnung. Das heißt, sie können von dieser Wohnung überhaupt kein Abschied mehr nehmen.
ERZÄHLER
Alle Befragten hatten unter Heimweh gelitten. Dabei galt Heimweh bei alten Menschen bisher als wenig verbreitet. Weil es nur bei Kindern und jungen Leuten erforscht wurde, sagt Schuster. Inzwischen ist die Lebenserwartung gestiegen, und viele Menschen müssen nun im letzten Lebensabschnitt noch einmal an einen fremden Ort umziehen:
ZSP 17 Schuster
Beispielsweise ein älterer Mann, der war ein Kunstschreiner gewesen, der sehr schöne Möbel selber hergestellt hat, ein sehr selbstbewusster Mensch. Der fand sich jetzt, nach einer solchen Situation, in einem Pflegeheim. Und am nächsten Tag kam sein Schwiegersohn und brachte ihm - das muss man sich mal geben - in Müllsäcken ein bisschen Kleidung vorbei und ein bisschen Habseligkeiten.
MUSIK 13 Moon Over Bourbon Street 0’27
ERZÄHLER
Sich nach einem langen Leben in einer Wohnung oder sogar im selbstgebauten Haus plötzlich in einem Zimmer von 16 Quadratmetern wieder zu finden, wo gerade noch Platz ist für eine kleine Kommode und einen kleinen Schrank, in denen die Habseligkeiten verstaut werden können, das ist oft schlimm für Neuankömmlinge im Pflegeheim, sagt Schuster:
ZSP 18 A Schuster
Das ist natürlich ein schockhafter Zustand. Und dann spielt sich das ab, was wir so unter Heimweh-Symptomatik verstehen: Appetitlosigkeit, man denkt nur noch an zu Hause, man weint, man kann nicht schlafen. Man kann an nichts anderes denken als an zu Hause. Man verweigert sich sozialen Kontakten, man igelt sich in seinem Zimmer ein. Man will nicht reden, man will niemanden sehen.
ZSP 18 B Reysen
Heimweh ist ja auch so ein Gefühl von Ausgeliefertsein, wie auch bei anderen Schmerzen, die ich habe. Da fühle ich mich immer als jemand, der eine Wunde hat, einen inneren Schmerz hat und darunter leidet. Und je mehr ich erkennen kann: Ich kann was dagegen tun! Es gibt aktive Möglichkeiten, etwas zu verändern! Oder ich kann meine Umgebung verändern, desto weniger tut es auch weh.
ERZÄHLER
Diese Art von Aktivität können Hochbetagte oft nicht mehr leisten. Umso wichtiger, dass Pflegende die alten Menschen in ihrem neuen Zuhause gut empfangen, sagt Gerd Schuster, der inzwischen mehr als 20 Pflegeheime geleitet hat:
ZSP 19 Schuster
Darauf sind die Interviewpartnerinnen immer wieder zurückgekommen: Es hat mir sehr geholfen, dass ich so herzlich begrüßt worden bin vom Pflegepersonal. Dass man mir mein Zimmer gezeigt hat, dass man ein Gespräch mit mir geführt hat, dass man mich willkommen geheißen hat, mich anderen Bewohnerinnen und Bewohnern vorgestellt hat, mir das Haus gezeigt hat, vielleicht sogar manchmal ein bisschen gedrückt, also umarmt, also diese menschlichen Zeichen.
MUSIK 14 Kings Of Convenience – Homesick 0’047
ERZÄHLER
Sich angenommen zu fühlen am neuen Ort und vertraute Dinge um sich zu haben: vielleicht den Lesesessel, das Lieblingsbild für die Wand und ein kleines Schränkchen. All das hilft, heimisch zu werden. Wichtig ist auch, zu spüren, ich bin nicht ausgeliefert, sondern kann noch handeln und selbst entscheiden! Ich wähle zum Beispiel meine Kleidung selbst aus und meine Mahlzeiten.
Die Studentin Josefina empfiehlt noch einen Trick, den sie als Kind in Heimwehsituationen angewendet hat: Rückbesinnung auf schöne Situationen im Leben! Vielleicht unterstützt durch Fotos von geliebten Menschen oder Orten:
ZSP 20 A Josefina
Es funktioniert wahnsinnig gut, wenn man sich denkt: Okay, ich beschwöre mir jetzt eine glückliche Erinnerung rauf und fühl einfach die, anstatt dem Heimweh. Und das funktioniert, glaube ich, auch gegen Angst und gegen alles.
ZSP 20 B Schuster
Aber ich würde davon abraten, die alten Menschen nur noch unter dieser musealen Perspektive wahrzunehmen! Nach der Devise: alles, was möglichst früh gewesen ist, ist gerade richtig und gut als Erinnerungs-Gegenstand mit ins Pflegeheim zu geben. Wir nageln ja dann den älteren Menschen in seiner ganz-ganz frühen Vergangenheit fest und nehmen ihn nur noch unter dieser Perspektive war. Anstatt das wir mal sagen: Mensch, du hast so schöne Augen! Dieser Mensch ist jetzt präsent in dem Pflegeheim!
ERZÄHLER
Wie aber hilft man einem Hochbetagten, wenn er das Heimweh immer wieder überdeutlich äußert mit dem Satz: Ich will nach Hause!
ZSP 21 Schuster
Die Fragestellung, die ist für die Psychologen natürlich sehr interessant, was verbirgt sich denn hinter diesem: Man will nach Hause! Wie es oft von dementen Menschen geäußert wird. Dann ist es gar nicht das Elternhaus. Ich habe ja selber einen Großvater gehabt, der an Demenz erkrankt war, und der redete auch immer davon, er will nach Hause. Und mein Vater ist ganz verrückt gewesen, weil er diesen Wunsch vor allen Dingen nachts geäußert hat, also war sehr anstrengend. Und dann hat mein Vater einfach mal gesagt: So ich setz dich jetzt ins Auto. Ich fahre dich jetzt, dorthin, wo du als Kind aufgewachsen bist. Und dann hat er ihn tatsächlich ein paar Kilometer gefahren, an sein Elternhaus. Das erkannte mein Großvater gar nicht. Also, das zeigt auch, dass in dieser Metapher des nach Hause Wollens anderes steckt als tatsächlich das physische Elternhaus. Sondern es hat sehr viel mit Sehnsüchten zu tun, mit dem Gefühl des sich Wohlbefindens, mit dem Gefühl der Geborgenheit auch.
MUSIK 15 Agnes Obel – Chord Left 1’05
ERZÄHLER
Wer sich ernstgenommen fühlt, wohl und geborgen, der will in der Regel gar nicht heim. Denn Heimweh zeigt immer ein Verlorenheitsgefühl an, ob bei Kindern, jungen oder alten Leuten. Und Hochbetagten steht eine zusätzliche Möglichkeit zur Verfügung, um diese Gefühlslage zu überwinden:
ZSP 22 Schuster
Ja, in der Tat. Es ist ein Verlorenheitsgefühl zunächst! Aber ein Verlorenheitsgefühl, wenn man das ein bisschen blumig ausdrücken mag, das Ausschau hält nach dem Rettenden. Und dieses Rettende findet sich eben oft in der eigenen Biografie, schon allein in der Erkenntnis, dass das ganze Leben irgendwo unbeständig ist.
ERZÄHLER
Gerade weil alte Menschen aus langer Erfahrung wissen, dass das Leben aus Schönem und aus Schwierigem, aus Verlusten und aus Neuanfängen besteht, können sie alle Arten von Erfahrungen in ihr Leben integrieren - auch die, dass es notwendig ist, an einem neuen Ort heimisch zu werden.
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- Wer hat die Hosen an? - Geschichte einer Bekleidung
27.06.2025 · 23 Min.
Von Männern in Strumpfhosen zu Frauen im Hosenanzug - jahrhundertelang war die Hose in Europa Symbol von Männlichkeit und Macht, Klassenkonflikten und Geschlechtsunterschieden. Und deshalb heiß umstritten, in der Französischen Revolution wie im Kampf um die Emanzipation und der Jugendrevolte des 20. Jahrhunderts. Autorin: Ulrike Rückert (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Ulrike Rückert Regie: Irene Schuck Es sprachen: Berenike Beschle, Stefan Wilkening, Katja Bürkle Technik: Susanne Herzig Redaktion: Nicole Ruchlak Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN Die Sängerin Esther Ofarim trug edlen schwarzen Samt und Perlenkette, als sie an einem Abend im September 1966 die Bar im Hamburger Grandhotel Atlantic betrat. Ein Angestellter forderte sie auf, die Bar zu verlassen und sich umzuziehen, wenn sie wiederkommen wolle. Der Grund für den Affront: das todschicke Outfit des Weltstars war – ein Hosenanzug. MUSIK 2 "48 Hours" - Album: Mark Felt: The Man Who Brought Down the White House (Original Motion Picture Soundtrack) - Künstler: James Horner / Daniel Pemberton - Komponist: Daniel Pemberton - Länge: 0'42 ERZÄHLERIN Die Sache schlug Wellen. Einer Reporterin erklärte der Hoteldirektor, man erwarte von den Gästen „vorschriftsmäßige Garderobe“, und sobald die Damenhosen „offiziell anerkannt“ seien, werde man sie selbstverständlich akzeptieren. Die Hamburger Hosenaffäre ist ein Beispiel für das Konfliktpotential in der Geschichte des zweigeteilten Beinkleids. ZITATOR Hosen. Sind eine bekannte Kleidung, womit die Manns-Personen den Unter-Leib bedecken. ERZÄHLERIN So definiert ein Lexikon aus dem 18. Jahrhundert und erläutert weiterhin: ZITATOR „Hosen ihres Mannes hat das Weib.“ Ist ein bekanntes Sprüchwort, so von denen herrschsüchtigen Weibern gesaget wird, welche ihren Männern in allen befehlen und das Regiment über selbige führen wollen. ERZÄHLERIN Die Geschichte der Hose ist lang. Ötzis Beinlinge aus Fell waren ein Vorläufer. Die ältesten richtigen Hosen, die Archäologen ausgegraben haben, gehörten asiatischen Reiten vor dreitausend Jahren. Germanen und Kelten trugen Hosen, Griechen und Römer allerdings fanden die Dinger barbarisch. Auch ist die Hose nicht von Natur aus männlich, zwischen Indien und Grönland finden sich in der Geschichte der Menschheit viele Völker mit behosten Frauen. Aber im Mittelalter wurde die Hose in Europa zum Symbol von Männlichkeit und von Macht im Verhältnis der Geschlechter zueinander. Die Redensart von der Frau, die die Hosen anhaben will, war schon im 13. Jahrhundert geläufig, jedoch ging es damals nicht um das Oberbekleidungsstück, das im Deutschen heute Hose heißt. Denn das war auch bei Männern aus der Mode. MUSIK 3 Tante belleçe in questa donna stanno- Künstler: La Reverdie - Album: Landini: L'Occhio del Cor - Komponist: Francesco Landini ZITATOR Der Gast schritt an das Bett, da war ein weißes Gewand für ihn bereitet. Einen Bruchgürtel von Gold und Seide zog man darunter. Rote Hosen aus Scharlach streifte man ihm über. ERZÄHLERIN So beschreibt Wolfram von Eschenbach in seinem Roman „Parzival“ um das Jahr 1200 das Outfit eines Ritters bei Hofe. Das Gewand war lang, und „Hosen“ ist das mittelhochdeutsche Wort für Strümpfe oder Beinlinge. Die trugen auch Frauen unterm Kleid. Der „Bruchgürtel“ hielt die Bruch – eine Unterhose. Musik 4 "Poiché partir convienmi, donna cara" - Künstler: La Reverdie - Album: Landini: L'Occhio del Cor - Komponist: Francesco Landini ERZÄHLERIN: In Heinrich Wittenwilers Satire „Der Ring“, verfasst rund zweihundert Jahre später, bekommt der Bräutigam bei einer Bauernhochzeit guten Rat: ZITATOR Das sag ich dir ganz grad heraus: Du bist der Herr in deinem Haus! Wiss’, und trägt dein Weib die Bruch, Sie wird dein Unglück und dein Fluch wider Gott und sein Gebot! Hierzu wirst du der Leute Spott. ERZÄHLERIN Die Unterhose machte den Mann. Und der Mann hatte dafür zu sorgen, dass er der Herr im Haus war, wie es auch die Bibel bestimmte. Frauen galten als launisch, eitel, gierig und herrschsüchtig, und hielt man sie nicht unter Kontrolle, geriet die Welt aus den Fugen. So waren französische Schwänke, italienische Novellen und deutsche Fastnachtsspiele bevölkert von Frauen, die – oft ganz handgreiflich – versuchten, ihrem Mann die Hose zu entreißen. Die Geschichten warnten unbotmäßige Frauen vor drastischen Strafen oder führten dem männlichen Publikum vor, welche Demütigungen ihm bei einer Niederlage drohten: Musik 5 "Hal with Reznor" - Komponist und Ausführender: Daniel Pemberton - Album: The Haunted Airman (Soundtrack) ZITATOR Die Betten machen, kehren, waschen, sudeln und prudeln in der Aschen. Eine Revolution in der Männermode nach der Großen Pest im 14. Jahrhundert brachte die Hose als Oberbekleidung zurück. In einer Chronik ist zu lesen: ZITATOR Nachdem das Sterben ein Ende hatte, da hob die Welt wieder an zu leben und fröhlich zu sein, und machten die Männer neue Kleidung. Die Röcke waren so eng, dass ein Mann nicht darin schreiten konnte, und waren eine Spanne über die Knie. Danach machten sie die Röcke ganz kurz, eine Spanne über den Gürtel. ERZÄHLERIN Die jungen Männer schnitten immer mehr von ihren Gewändern ab, bis nur ein Wams übrigblieb, das kaum noch den Po bedeckte. Das rückte wohlgeformte Beine – Gipfel männlicher Schönheit – in vorteilhaftes Licht, aber zwischen dem Wams und den langen Strümpfen blitzte die Bruch und womöglich blanke Haut hervor. Zur Abhilfe nähte man die Beinlinge hinten zusammen und setzte vorn einen Latz ein. Voilà, die Hose war wieder da, und im Deutschen trug sie nun auch diesen Namen. Von nun an war sie das männliche Kleidungsstück. Und bald in den wunderlichsten Erscheinungen zu sehen. MUSIK 6 "Rondes I & VII" - Album: Hirschfelder - Elizabeth (Original Motion Picture SoundTrack) - Komponist: Tielman Susato - Länge: 0'37 ZITATOR Mir kann keiner eine zu abenteuerliche Form eines Kleids aufbringen, denn je seltsamere Kleidung, nach Schnitt von Hosen, Wams und Schuhen, einer aufbringt, je lieber trag ich’s. ERZÄHLERIN … bekannte der Augsburger Konrad Schwarz im 16. Jahrhundert, durchaus typisch für den modebewussten Mann der Renaissance. Männer von Adel und nun auch die stolzen Bürger der Städte zeigten nicht nur Figur, sondern auch, wer sie waren und was sie sich leisten konnten. Wie ein Pfau spreizte man das schillernde Gefieder. Nach der Strumpfhosenphase waren Hosen für drei Jahrhunderte mehr oder weniger kurz und meist farbenfroh. Die Hosenwissenschaft kennt Dutzende von Namen für Modestile, die miteinander konkurrierten oder sich abwechselten - eng anliegend oder bauschig weit, kugelig rund ausgepolstert, geschlitzt mit kontrastfarbig herausquellendem Futter, bestickt, mit Bändern und Schleifen verziert. Und das Gemächt verpackt in protzig großen Schamkapseln. ZITATOR Und möchte mancher meinen, er sehe einen Kramladen aufgetan, so mit mancherley Farben von Nesteln, Bändeln, Schlüpffen sind sie an Haut und Haaren, an Hosen und Wambs, an Leib und Seel behenket, beschlencket, beknöpfet und beladen. ERZÄHLERIN … spottete der Satiriker Johann Michael Moscherosch zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Und dann kam die Rheingrafenhose – die ein Rock war. Ein knielanger, weiter Rock, üppig garniert mit Spitzen, Bänderbüscheln und Schleifen, und darunter schaute eine Pluderhose mit breiten Spitzenvolants heraus. Eine Zeitlang war das der Hit an Europas Fürstenhöfen. Zur selben Zeit sah Samuel Pepys in London Irritierendes: ZITATOR In den Gallerien finde ich die Hofdamen in ihrer Reitkleidung, mit Mänteln und Wämsern gerade wie meine, mit Perücken und mit Hüten, so dass, würde nicht ein langer Unterrock unter ihren Männermänteln schleifen, niemand sie für Frauen halten könnte, was ein seltsamer Anblick war und mir nicht gefiel. MUSIK 7 "Quanta Qualia" - Komponist: Michael Riessler - Album: Héloise - Länge: 1'06 ERZÄHLERIN Die Ordnung der Geschlechter verlangte auch sichtbare Verschiedenheit, was ebenfalls auf biblischem Gebot beruhte: ZITATOR Ein Weib soll nicht Mannsgewand tragen und ein Mann soll nicht Weiberkleider antun. ERZÄHLERIN Das Verbot galt für beide Geschlechter, doch es ist nicht für beide dasselbe, wenn die Frau dem Mann untergeordnet ist. Der Unterschied besteht darin, so der Schriftsteller Eugen Isolani, dass … ZITATOR … die erhabene und herrschende Stellung des Mannes nicht erniedrigt werden solle durch das Weib, das sich als Mann zeigt, und nicht durch die Selbsterniedrigung des sich als Weib gebärdenden Mannes. ERZÄHLERIN Wenn Frauen sich Männerkleider aneigneten, sah man die Männermacht bedroht. Das war nicht nur eine Frage der Optik - man hegte den Verdacht, dass die Kleidung Frauen auch ein anderes Selbstgefühl gebe. Im 16. Jahrhundert schrieb der englische Humanist Richard Hyrde: ZITATOR Eine Frau soll nicht Männerkleidung verwenden, denn es ließe sie denken, sie hätte den Stolz eines Mannes. ERZÄHLERIN Etwas prosaischer bemerkte das Journal des Luxus und der Moden 1802 über die damals aktuellen absatzlosen Frauenschuhe: ZITATOR Flache Sohlen geben Sicherheit und Bestimmtheit, der Gang wird selbständiger, und niemand kann läugnen, daß die hohen Hacken jedem Weibe ungesehene Fesseln anlegen, wodurch die Hülfe des Mannes ihm auf jedem Schritte nöthig wurde. ERZÄHLERIN Hutformen, Jackenschnitte und Absätze waren eine Sache, doch die Hose blieb ein Tabu. Aber auch dieses wurde oft gebrochen. Viele Frauen reisten in Hosen, weil es bequemer war. Englische Aristokratinnen gingen in Hosen auf die Jagd. Königin Christina von Schweden trug gern Männerkleider. Katharina die Große und Marie Antoinette ritten im Herrensitz in Hosen, Männerrock und Dreispitz, und ließen sich auch so malen. Und was ist mit dieser Anmerkung in einem Lexikon aus den Siebzehnhundertachtzigern gemeint? ZITATOR Bisweilen trägt auch das Frauenzimmer, besonders zur Winters=Zeit, Beinkleider, um sich desto besser vor der Kälte zu verwahren; und es wäre zu wünschen, daß sich das Frauenzimmer, der Gesundheit wegen, dieser Tracht mehr bediente. ERZÄHLERIN Um 1700 herum hatte die Männerhosenpracht ein Ende. Man trug nun schlichte Kniebundhosen, die fast völlig verschwanden unter langen Jacken mit weiten Schößen. Im Laufe des Jahrhunderts wurde die Silhouette schlanker, die Jacken offen getragen und die Schöße schräg zurückgeschnitten. Man zeigte wieder Bein, in knallengen Hosen. Wer keine muskulöse Adonis-Statur vorweisen konnte, packte gern Polster und Wachsprothesen unter die Hosen. MUSIK 8 "Marseillaise St Cyr Defile Avec Tambours Et Clairons..." Ausführende: "Garde Républicaine & Roger Boutry" - Album: Musiques Militaires Garde Republicaine - Länge: 0'26 ERZÄHLERIN Die Revolution in Frankreich war auch eine Revolution der Hosen. Die radikalsten Umstürzler erklärten die Kniebundhose, die „Culotte“, zum Symbol der aristokratischen Willkürherrschaft, weshalb man sie „Sansculotten“ nannte, „ohne Kniehosen“. Zeichen des republikanischen Geistes sollten die „Pantalons“ sein, lange Hosen. Musik 9 "Let that door open" - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play ERZÄHLERIN Mit diesen zeigten sich auch einige Revolutionärinnen. Frauen waren überall dabei, sie diskutierten in der Öffentlichkeit mit, gründeten politische Clubs und forderten gleiche Bürgerrechte für ihr Geschlecht. Das ging den Herren dann doch zu weit. Sie verboten den Frauen die Clubs und Versammlungen, und die Männerhosen auch. Da vermeldete das Journal des Luxus und der Moden eine neue Revolution: Musik 10 "48 Hours" - Album: Mark Felt: The Man Who Brought Down the White House (Original Motion Picture Soundtrack) - Künstler: James Horner / Daniel Pemberton - Komponist: Daniel Pemberton - Länge: 0'20 ZITATOR Der Anzug der Damen ist ganz ohne Beyspiel. Sie tragen nemlich, wie die Männer, Pantalons von fleischfarben seidnem Zeuche, und darüber einen Rock von feinstem Mousseline, der an der Seite bis aufs Knie aufgeschürzt, und mit einer Agraffe befestigt wird. ERZÄHLERIN Tatsächlich hatten diese Pantalons mit denen der Männer nichts gemein, es waren Leggings aus Trikotstoff - so ziemlich das einzige, was die Pariserinnen noch unter hauchdünnen Kleidern trugen, nachdem sie Korsetts und Unterröcke beiseite geworfen hatten. Dennoch hielt man sie offensichtlich für gewagter als die sogenannte „Nuditäten-Mode“ der durchsichtigen Chemisenkleider. Diese Welle überrollte Europa, doch die Pantalons machten nur wenige mit. Die spätere Schriftstellerin Bettina Brentano schrieb an Goethes Mutter: ZITATORIN Jetzt raten Sie einmal, was der Schneider für mich macht! Ein paar Hosen? Ja! Vivat! jetzt kommen andre Zeiten angerückt. ERZÄHLERIN Andere Zeiten kamen in der Tat, allerdings brachten sie keine größeren Freiheiten, nicht einmal modische. In der auf göttliches Gebot gegründeten Weltordnung war jedem sein Platz zugewiesen, bestimmt durch Stand und Geschlecht, und man hatte sich dementsprechend zu verhalten. Mit der Aufklärung und der Erschütterung des Ständesystems war diese Ordnung obsolet geworden. Die Unterordnung der Frauen war damit nicht abgeschafft, aber sie brauchte eine neue Begründung. Sie fand sich im Geschlechtscharakter. Frauen und Männer seien, so Wilhelm von Humboldt, von Natur aus völlig verschieden, mit ganz gegensätzlichen Eigenschaften, so dass … ZITATOR … vernünftiger Weise auch nicht einmal der Gedanke entstehen kann, den Charakter des einen mit dem des anderen zu vertauschen. ERZÄHLERIN Bislang waren Sanftmut, Geduld und Fügsamkeit Verhaltensweisen, die von Frauen erwartet wurden. Nun war es ihre Natur. Benahmen sie sich anders, galten sie nicht mehr als widerspenstig, sondern als unnatürlich, krankhaft. Eine richtige Frau war der liebevolle Engel im Haus und verlangte weder in der Ehe noch in der Gesellschaft gleiche Rechte. Damit war das Thema des Zanks um die Hosen keineswegs aus der künstlerischen Welt geschafft. Die Frau, die die Hosen anhaben will, war im 19. Jahrhundert ein höchst beliebtes Sujet für Karikaturisten. Eine Zeichnung allein wurde über Jahrzehnte in mehreren Ländern mit kleinen Veränderungen immer wieder kopiert: ein Mann und ein Frau zerren an einer Hose, angefeuert von einem anderen Paar, bei dem er schon der Hose beraubt ist, die sie unter ihrem Rock trägt. Aus den Bildtexten der deutschen Version: Musik 11 "Winners" - Album: Tommy's Honour (Original Score) - Komponist und Ausführende: Christian Henson ZITATORIN Grosser Zank, Zwischen einem Mann und seiner Frau: wer von beyden die Hosen tragen und im Haus die Ober-Herrschaft haben soll. ZITATOR Lieber sterbe ich, als meiner Frau die Hosen zu lassen; der Mann soll immer der Herrscher seyn. ERZÄHLERIN Dabei lassen sich in den verschiedenen Versionen dieser Karikatur auch die Hosenmoden der Zeit verfolgen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts zeigten sich die Männer in engen Pantalons zu Frack und Weste noch figurbetont und gedämpft farbenfreudig, am Ende steckten sie in der Uniform des dunklen Anzugs. Industrialisierung und Gründerboom verlangten Effizienz statt eitler Selbstpräsentation. Mit den Worten des Ästhetikprofessors Friedrich Theodor Vischer aus dem Jahr 1879: ZITATOR Das männliche Kleid soll überhaupt nicht für sich schon etwas sagen, nur der Mann selbst, der darin steckt, mag durch seine Züge, Haltung, Gesicht, Worte und Thaten seine Persönlichkeit geltend machen. MUSIK 12 "Excellent Notion" Ausführender und Komponist: Patrick Doyle - Album: Sense and Sensibility - Länge: ERZÄHLERIN Zur Ausstellung des männlichen Erfolgs war die Ehefrau da, in dekorativen Kleidern, in denen man schwerlich arbeiten konnte, selbst wenn man das musste. Um 1850 waren Frauen wieder fest ins Korsett geschnürt und schleppten unter ihren weiten Röcken ein halbes Dutzend steife Unterröcke mit sich herum. Zu dieser Zeit lebte Elizabeth Cady Stanton in einer Kleinstadt im US-Bundesstaat New York. Einige Jahre zuvor hatte sie hier die erste Frauenrechtsversammlung in den Vereinigten Staaten organisiert und radikale Forderungen nach Gleichberechtigung gestellt. ZITATORIN Mrs. Miller kam mich besuchen, gekleidet im türkischen Stil – kurzer Rock, weite Hosen aus feinem schwarzem Tuch, ein spanischer Umhang, der bis zum Knie reichte, ein sehr kleidsames Kostüm und überaus geeignet zum Gehen bei jedem Wetter. Meine Kusine zu sehen, wie sie, mit einer Laterne in einer Hand und einem Baby in der andern, mit Leichtigkeit und Anmut die Treppe hinaufstieg, während ich, mit wallenden Gewändern, mich mit Mühe hinaufzog, von Laterne und Baby gar nicht zu reden, überzeugte mich sogleich, dass eine Reform der Frauenkleidung sehr nötig war, und ich legte umgehend einen ähnlichen Anzug an. ERZÄHLERIN Ähnliche Kostüme hatten schon andere ausprobiert. Aber Stanton und ihre Freundin Amelia Bloomer, die eine kleine Frauenzeitschrift herausgab, rührten die Trommel dafür. Es wurde bekannt als „Bloomer-Kostüm“, schlug Wellen in den USA und in Europa und löste eine Flut von Karikaturen, bissigen Pressekommentaren und Spottliedern aus. Vermutlich verstanden die Lästermäuler durchaus, dass es Elizabeth Cady Stanton und Amelia Bloomer keineswegs nur um praktischere Kleidung ging. ZITATORIN Mir scheint, wenn die Frau völlige Freiheit genösse, würde sie sich genau wie ein Mann anziehen. In männlicher Kleidung könnten wir reisen, durch alle Straßen unserer Städte gehen ohne einen Beschützer, siebenhundert Dollar im Jahr fürs Unterrichten bekommen statt dreihundert und zehn Dollar fürs Nähen eines Mantels statt zwei oder drei, wie wir es jetzt haben. ERZÄHLERIN … schrieb Stanton an einen Freund. Einige hundert Frauen in Amerika, über mehrere Staaten verteilt, trugen das Bloomer-Kostüm. Dafür wurden sie auf der Straße begafft, von johlenden Kindern verfolgt und mit Hohn übergossen. Nach zwei, drei Jahren hatten fast alle Frauen entnervt aufgegeben. Die radikalen Suffragetten der Jahrhundertwende vermieden solche Experimente. Sie wollten nicht schrullig wirken und damit andere Frauen abschrecken. Die Hosenfrage war damit nicht gestorben, allerdings tauchte sie nun in einem anderen Bereich wieder auf: als Frauen sich den Sport eroberten. ZITATORIN Man redet der Frau ein, daß sie kränklich sei und schwach und daher des männlichen Schutzes bedürfe; denn ahnte sie die ihr angeborne Kraft und Gesundheit, so könnte der souveräne Mensch in ihr erwachen ERZÄHLERIN … schrieb die Schriftstellerin Hedwig Dohm 1874. Mediziner warnten eindringlich, dass Sport Frauen zu Mannweibern mache und die Gebärfähigkeit beeinträchtige. Sie sollten sich auf maßvolle Gymnastik und Reigentanz beschränken. Sportbegeisterte Frauen ließen sich damit aber nicht von Hockey, Schwimmen, Skifahren, Rudern, Bergsteigen und Boxen abhalten und mussten dabei Lösungen für die Kleiderfrage finden. In der Turnhalle setzten sich knielange Pluderhosen als Sportdress durch. Ansonsten verwandten Frauen viel Erfindungsgabe darauf, um selbst auf Alpengipfeln nicht in einer Hose gesehen zu werden. Lieber konstruierten sie textile Verwandlungsapparate, wie die Rockhose dieser Bergtouristin: ZITATORIN Über der Wäsche trage ich eine Hose, am Knie seitlich geknöpft und durch einige Falten so erweitert, dass ich frei ausschreiten kann. Der fußfreie Rock ist sehr faltig. Ich kann ihn entweder rings mit einem Riemen schürzen, oder ich ziehe ihn an der Stelle empor, welche durch den An- und Abstieg freie Bewegung fordert. ERZÄHLERIN Mit dem Fahrrad-Hype um 1900 wurden Frauenbeine in Hosen dann auch öffentlichkeitstauglich. Die Knickerbocker-Trägerinnen riskierten dennoch, von aufgebrachten Passanten mit Matsch beworfen oder in Ausflugslokale nicht eingelassen zu werden. MUSIK 13 "O wie praktisch ist die Berlinerin" - Album: Perlen der Kleinkunst - Ausführende: Claire Waldoff - Komponist: Hollaender - Länge: 0'13 Musik 14 "48 Hours" - Album: Mark Felt: The Man Who Brought Down the White House (Original Motion Picture Soundtrack) - Künstler: James Horner / Daniel Pemberton - Komponist: Daniel Pemberton - Länge: 0'36 ERZÄHLERIN 1907 wollte die Sängerin Claire Waldoff in einem Berliner Kabarett kess in Herrenanzug und Zylinder auftreten, doch da griff die Obrigkeit ein. Sie durfte nur im Kleid auf die Bühne. Ein paar Jahre später später kreierten Pariser Modeschöpfer „Hosenkleider“. Wagemutige Damen flanierten damit durch europäische Metropolen und ernteten Hohn und Spott. In München allerdings blieb man gelassen. ZITATOR Die neuen Kostüme, die man bei der Parademusik vor der Residenz, des Nachmittags im Englischen Garten und des Abends im Hoftheater sah, fanden ein aufmerksames Interesse, das sich aber in schicklichen Formen kundgab. ERZÄHLERIN Im Ersten Weltkrieg übernahmen Frauen viele bisherige Männerjobs, aber nicht die männlichen Arbeitshosen. Wenn ein Rock ganz unbrauchbar war, wurden von der Männerkleidung verschiedene Modelle eingeführt. So bekamen Streckenläuferinnen bei der Eisenbahn und Arbeiterinnen in der Schwerindustrie des Ruhrgebiets Kniebundhosen. In den Zwanzigerjahren schnitten sich Frauen die Haare und die Röcke ab und Fliegerinnen in Hosen und Lederjacke waren die Idole junger Mädchen. Trotzdem hieß es auch in den Dreißigern kategorisch: ZITATORIN Hosen? Nur im Heim, für den Strand und den Sport! ERZÄHLERIN Als Marlene Dietrich sich in einem Hosenanzug im Herrenschnitt sehen ließ, verbot ihr Filmstudio ihr das prompt, doch sie hatte schon eine neue Mode gestartet. In den USA brachte Levi’s „Lady Levi“ auf den Markt, die erste Jeans speziell für Frauen. In der Schweiz trat Nelly Diener, Europas erste Stewardess, ihren Dienst an. Ihre selbstkreierte Uniform bestand aus Sakko und Hosenrock. Nach drei Monaten kam sie bei einem Absturz ums Leben. Erst vierzig Jahre später durften die ersten Flugbegleiterinnen wieder Hosen tragen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Keilhose und die Capri-Hose erfunden. Als Audrey Hepburn in dem Film “Sabrina” eine schwarze Capri-Hose trug, prophezeite eine Zeitschrift: Musik 15 "48 Hours" - Album: Mark Felt: The Man Who Brought Down the White House (Original Motion Picture Soundtrack) - Künstler: James Horner / Daniel Pemberton - Komponist: Daniel Pemberton - Länge: 0'14 ZITATOR Mehr Frauen als je zuvor werden in diesem Sommer „die Hosen anhaben“, daran besteht kein Zweifel! Glücklicherweise nur im modischen Sinn. ERZÄHLERIN In den Sechzigern und Siebzigern waren Hosen aus der Mode für Frauen schon nicht mehr wegzudenken, von den jungen Jeansträgerinnen bis zur Pariser Haute Couture. In der Bundesrepublik kauften Frauen schon mehr Hosen als Röcke. Aber in Büros waren Hosen immer noch tabu, bei offiziellen Anlässen galten sie als unpassend, und Esther Ofarim war nicht die einzige Frau, die wegen ihrer Hose aus einem Restaurant oder Hotel verwiesen wurde. Heute sind Hosen für Frauen kein Thema mehr. Und Männer experimentieren mit Röcken, wenn auch nur eine winzige Minderheit.
- Schwaben- und Hütekinder - Schwerstarbeit statt Schule
26.06.2025 · 22 Min.
Über 300 Jahre lang machen sich Scharen von Kindern im Frühjahr aus den Alpengebieten nach Oberschwaben auf, um sich dort als saisonale Arbeitskräfte zu verdingen. Sie sind zwischen sechs und 14 Jahren alt und leisten als so genannte Schwaben- oder Hütekinder Schwerstarbeit, statt zur Schule zu gehen. Das Phänomen des "Schwabengehens" endet erst Mitte des 20. Jahrhunderts. Autorin: Ulrike Beck (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Ulrike Beck Regie: Frank Halbach Es sprachen: Rahel Comtesse, Christian Baumann, Julia Fischer Technik: Andreas Lucke Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Sabine Mücke, Historikerin, Leiterin des Museums Humpis Quartier in Ravensburg Dr. Tanja Kreutzer, Kunsthistorikerin, Leiterin des Bauernhaus Museums Wolfegg Literaturtipps: Regina Lampert, „Die Schwabengängerin - Erinnerungen einer jungen Magd aus dem Vorarlberg 1864-1874“. Ein anschaulicher und lebendiger Einblick in Regina Lamperts Leben und Alltag als Schwabenkind. Diese Memoiren hat Lampert 1929 im Alter von 75 Jahren in Heften für ihre Familie niedergeschrieben. Elmar Bereuter, „Die Geschichte des Kaspanaze - Die Schwabenkinder“. Der Roman erschien 2002 und diente Jo Baier als Vorlage für seinen Film „Schwabenkinder“. Eine sehr berührende und anschauliche Darstellung der Erfahrungen des Schwabenkindes Kaspar. Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Zitatorin (Lampert Die Schwabengängerin S. 66) Eines Tages sagte der Bauer etwa Ende Juli: “Die Gäns verlieren schon viel Federn, die müssen gerupft werden, bevor die Ernte angeht, denn dann hat man keine Zeit mehr, die Viecher zu rupfen. So zehn Stück solltest rupfen können im Tag.“ …Zuerst ging es nicht gut; an der ersten hatte ich fast ein halben Tag, bittere Tränen hab ich geweint dabei, bis ichs endlich gemerkt habe, wie das geht.“ Erzähler Das schreibt Regina Lampert in ihren autobiografischen Memoiren „Die Schwabengängerin - Erinnerungen einer jungen Magd aus Vorarlberg“. Erzählerin Sie ist zehn Jahre alt, als sie im Frühjahr 1864 zum ersten Mal aus ihrem Heimatdorf Schnifis aufbrechen muss, um bis zum Herbst auf einem Bauernhof in Berg am Bodensee zu arbeiten. MUSIK ENDE Erzähler Sie ist eine von zigtausenden so genannten Schwabenkindern, die sich über 300 Jahre lang in der Fremde verdingt haben. Aber sie ist die Einzige, deren Erlebnisse 1996 als Buch erscheinen, das eine Welle der Erinnerung auslöst. Erzählerin Und mit den Impuls gibt für grenzüberschreitende Projekte in Europa, für die sich Historiker und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein und Italien ab 2006 auf die Spuren der Schwabenkinder machen. Erzähler Im Bodenseekreis und im Landkreis Ravensburg durchforsten sie Dienstbotenverzeichnisse und werden fündig. Dort sind die Namen aufgelistet, genau wie das Alter, der Herkunftsort und der jeweilige Dienstherr. Erzählerin Zusammen mit den Informationen aus den Schulakten, sowie Zeitzeugenberichten, die die Nachfahren der ehemaligen Schwabenkinder und Archive beisteuern, setzt sich ein Puzzle zusammen, wie das Leben der bis dahin meist Unbekannten ausgesehen haben könnte. Erzähler Am Ende sind es 14.000 Biografien, die in die Schwabenkinderdatenbank aufgenommen und abgerufen werden können. MUSIK privat Take 001 „Gute Nacht“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 01:05 Erzähler Die Geschichte des Schwabengehens beginnt bereits Ende des 16., Anfang des 17.Jahrhunderts. Als die ersten Bergbauernkinder aus Vorarlberg, Tirol, Südtirol, der Schweiz und Liechtenstein sich nach Oberschwaben aufmachen – so nannte man damals die Gegend im südöstlichen Baden-Württemberg und im südwestlichen Bayern. Erzählerin Eine Gegend, die durch den Getreideanbau und auch den Getreideexport in die Schweiz und nach Österreich längst als Kornkammer im Alpenraum bekannt ist. Eine Gegend, in der auch Kinder als Arbeitskräfte an den großen Höfen gebraucht werden. Erzähler Die Historikerin Sabine Mücke leitet das Museum Humpis Quartier in Ravensburg und hat sich im Rahmen der EU-geförderten Projekte intensiv mit der Geschichte des besonderen Phänomens des Schwabengehens beschäftigt. MUSIK ENDE 1.O-Ton (Mücke Ausstellung Humpis Museum ab 5:46) Der Grund (…) dass sehr viele Menschen aus den Alpenregionen, vor allen Dingen Tirol, auch Graubünden bis hin nach Südtirol, Vorarlberg natürlich auch nach Oberschwaben kamen, war die Tatsache, dass es schon nach dem Dreißigjährigen Krieg ja hier ein Bevölkerungsvakuum gab. Die Bevölkerung war durch Kriegseinwirkungen, durch Seuchen, Pest und so weiter stark reduziert worden in einem ohnehin schon dünn besiedelten Gebiet. Hier gab es eben große Höfe, die einfach auch Arbeitskräfte benötigten. (…) Und deswegen war es eigentlich fast natürlich, dass es diese Arbeitsmigration gab. Das waren auch Erwachsene, die saisonal sich dann hier Arbeit gesucht haben und diesen Migrationsbewegungen folgten dann letztlich auch die Kinder. Erzähler Im Laufe der Jahrhunderte etabliert es sich, dass die Kinder allein geschickt werden und die Eltern daheim bleiben. Anfang bis Mitte des 19.Jahrhunderts erreichen die Kinderwanderungen ihren Höhepunkt. Erzählerin Laut Schätzungen sind es pro Jahr 5000 Buben und Mädchen, die aus dem nördlichen Alpenraum ins Schwabenland ziehen, um auf den Höfen als Hütejungen, Mägde oder Knechte zu arbeiten. Kinder, die zwischen sechs und 14 Jahre alt sind. 2.O-Ton (Mücke Ausstellung ab ca. 9:11) Man muss aber sagen, dass die Zahlen so hoch waren, weil das eine Zeit war, die durch Hungerkrisen also gerade 1816/ 17 und die folgenden Jahre auch hier durch hohe Auswanderung, also auch im Königreich Württemberg oder in Baden gab es viel Armut und Auswanderung nach Amerika, was aber gleichzeitig dann wieder Arbeitskräftemangel hier evoziert hat und so lag also dieser Höhepunkt dieser Wanderung dann in diesen Jahrzehnten. MUSIK privat Take 001 „Gute Nacht“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:55 Erzählerin Es ist die Armut, die ihre Eltern dazu bringt, eines oder mehrere ihrer zahlreichen Kinder in die Fremde zu schicken. Die die beschwerliche Wanderung aber nicht allein bewältigen müssen, sondern sich als Gruppe mit anderen Kindern aus dem Dorf aufmachen. Erzähler Sie sind nicht ganz ohne Schutz unterwegs, sondern immer in Begleitung eines Erwachsenen. Wie notwendig diese Begleitung ist, das geht aus der nachgestellten Erzählung des ehemaligen Schwabenkindes Katharina hervor. Die so im Bauernhaus-Museum Wolfegg zu hören ist. Katharina ist 11 Jahre alt, als sie sich 1836 von Graubünden aus auf den Weg macht: MUSIK ENDE 3.O-Ton [0:00:09] (Katharina) : Wie wir aufbrechen am frühen Morgen ist wie gsagt überall noch Schnee. Acht Kinder sind wir und die Frau, die uns begleitet. Der Vater sagt: die bringt euch ins Schwabenland und holt euch wieder ab im Herbst. Tut, was sie sagt. Der Weg ist steil von Samnaun hinunter ins Inntal. Wir laufen hintereinander, ich bin hinten und habe Mühe im Schnee. Vor mir ist mein Bruder und hinter mir noch die kleine Anna. Aber plötzlich, als ich zurückschaue, ist sie nicht mehr da. Die Anna schrie ich. Die Führerin hält sofort an, schaut, kommt zurück und geht eilig den Berg hinauf. Ich gehe mit, und wir finden sie. Anna hockt im Schnee. Sie ruft nach ihrer Mutter und weint. Und auch bei mir kommen die Tränen. Unsere Führerin kniet bei der Anna, hält sie fest, redet ihr leise zu und beide stehen auf. Sie führt sie an der Hand. Ich folge den beiden stumm. MUSIK privat Take 012 „Einsamkeit“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:20 Erzählerin Neben dem Heimweh und der Ungewissheit, was sie im Schwabenland erwartet, ist auch der Weg für die Jungen und Mädchen eine Tortur. Sabine Mücke: 4.O-Ton (Mücke Int. ab 1:07) Da die Kinder um Mitte März herum schon in Oberschwaben sein mussten, weil da beginnt einfach dann so das bäuerliche Arbeitsjahr mit Aussaatarbeiten, mussten sie sich eben dann auch auf den Weg machen. Und Mitte März lag eben in den Alpen in den höheren Regionen auf jeden Fall immer noch Schnee. Das heißt vor allen Dingen für die Kinder (1:31), die aus Südtirol, auch aus Tirol kamen, stand der Arlberg im Weg. (…) Und man muss sich eben vorstellen, wenn dann diese Kinder sich zu Fuß durch den noch meterhohen, schweren Schnee auf den Weg machen mussten (ab 02:09…) Also da gibt es wirklich auch beeindruckende Schilderungen, wie gefährlich und auch wie unheimlich und wie anstrengend das war. (…) Erzähler Die Kinder sind mit sehr wenig Proviant, zu dünner Kleidung und schlechtem Schuhwerk unterwegs.Mit dem Bau der Arlbergbahn 1884 wird der Weg zumindest für diejenigen aus Tirol deutlich unbeschwerter. 5.O-Ton (Mücke Int. ab ca. 4:00) Und dann sind auch die Kinder aus Südtirol, die ja sowieso auch noch erst einmal über den Reschenpass kommen mussten und dann hat man sich eben in Landeck in den Zug setzen können, konnte bis Bregenz mit dem Zug fahren. Und dann eben teilweise sind die Kinder dann mit dem Schiff nach Friedrichshafen oder eben zu Fuß weiter nach Oberschwaben oder auch ins oberschwäbische Allgäu. Erzähler Je jünger die Kinder sind, desto größer ist das Heimweh. Je älter sie sind, desto häufiger sind sie auch stolz, im Schwabenland ein paar Gulden für ihre Familie daheim dazu zu verdienen. Und sich hoffentlich satt essen zu können. 6.O-Ton (Mücke Int. ca. 6:00) Weil sie wussten auch zuhause wird das Essen eben knapp gerade am Ende vom Winter. Man muss, glaube ich immer sich vor Augen halten, dass sie nicht so viele Wahlmöglichkeiten hatten, nun das dann einfach mehr oder weniger so auf sich genommen haben. MUSIK privat Take 001 „Gute Nacht“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:25 Erzählerin Kaum in Friedrichshafen oder Lindau angekommen, geht es auf einen der Hütekindermärkte, die bis ins Zwanzigste Jahrhundert hinein regelmäßig um Josephi, also am 19.März stattfinden. Es ist der Ort, wo die Arbeitsstellen vergeben werden. Erzähler Kindergesindemärkte gibt es in Ravensburg, Friedrichshafen, Kempten und - je nach Bedarf auch in Wangen, Weingarten, Tettnang und Bad Waldsee. Die zentrale Anlaufstelle ist Mitte des 19.Jahrhunderts der in Ravensburg. MUSIK ENDE 7.O-Ton (Mücke Int. ab 9:51 Humpis Quartier) (9:51) Der Treffpunkt war in der unteren Bachstraße im Bereich des damaligen Gasthaus Krone (…) Und eben vor diesem Gasthaus war der Kindergesindemarkt, Hütekindermarkt, Schwabenkindermarkt. (weiter ab 10:18) Dort trafen sowohl die Kinder ein (…) 11:04 Und dann kamen (…) die Bauern, sprachen verschiedene Kinder oder auch deren Begleiter an, je nachdem, was sie halt suchten. Die einen suchten eine Gänsemagd wie das Regina Lampert ja auch schön erzählt oder vielleicht jemand, der in der Küche im Haushalt hilft. Erzählerin Andere suchen nach einem Knecht, der das Vieh hüten, sich um die Kühe kümmern und bei der Ernte mithelfen kann. Erzähler Die Bauern begutachten die Kinder, fragen wie alt sie sind und sobald die Wahl getroffen ist, geht es um den Lohn, den die Buben und Mädchen für ihre Arbeit bekommen sollen. Der meist höher ausfällt, wenn die Person die Verhandlungen übernimmt, die sie auf dem Weg begleitet hat: 8.O-Ton (Mücke Int. ab 12:01) Da gab es natürlich so übliche Bedingungen, wieviel Lohn für so einen Schwabenkind sein sollte. Von fünf bis zehn Gulden ist oft die Rede. Aber ganz wichtig war natürlich auch die Zusatzleistung wie das berühmte doppelte Häs, also ein doppeltes Gewand Kleidung mit Schuhen am besten noch und das eben in zweifacher Ausführung. Kost und Logis natürlich mit dabei. Manchmal wurde auch so was - sie hat am Sonntag frei noch mit verhandelt. Aber es gibt auch Aussagen von Kindern, die sagen, sie haben eigentlich gar keinen Geldlohn bekommen, sondern wirklich nur dieses Essen. Und wurden am Schluss in Naturalien ausbezahlt, also durch Kleidung. MUSIK privat Take 011 „Frühlingstraum“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:22 Erzählerin Um die Kinder vor der Willkür ihrer Dienstherren zu schützen, gründen Venerand Schöpf und Josef Anton Geiger 1891 den Tiroler Hütekinderverein. Schöpf ist damals Pfarrer und war als Kind selbst ein Schwabengänger. MUSIK ENDE Geiger ist Gemeindevorsteher aus Pettneu am Arlberg. Erzähler Sie erstellen nicht nur Muster-Dienstverträge und versuchen damit, einen gerechteren Lohn für die Kinder festzulegen. Sondern besuchen auch die jungen Mägde und Knechte während des Sommers auf den Höfen. Erzählerin Um nachzusehen, ob es den Kindern gut geht, wie die Kunsthistorikerin Tanja Kreutzer ausführt. Sie ist Leiterin des Bauernhaus-Museums in Wolfegg. 9.O-Ton (ab 1:44 Kreutzer Nachgestellte Stimmen - zum Verein) Es sind (…) Geistliche, die sich um das Wohl dieser Kinder sorgen und sagen: Nein, da muss man was tun. Und dann muss man reglementieren. Vor allem auch hier in Oberschwaben. Pfarrer, die sagen, sie fahren mit dem Fahrrad jeden einzelnen Hof auch ab. Deswegen ist auch hier das Fahrrad noch einmal ausgestellt. Um eben zu gucken: Wird dieser Vertrag auch eingehalten, der jetzt erstmals eben auch schriftlich fixiert wird? Und geht es den Kindern gut in ihrer jeweiligen Arbeitsstätte? Erzähler Der Hütekinderverein kümmert sich auch um die Bildung der Schwabenkinder. Denn auch wenn im Königreich Württemberg seit 1836 die Schulpflicht besteht, gilt sie bis 1921 nicht für ausländische Kinder. Erzählerin Bis dahin sind die Jungen und Mädchen in ihren Heimatregionen jedes Jahr für die Zeit des Schwabengehens von der Schulpflicht befreit. Ihnen bleiben damit nur die vier Wintermonate, in denen sie zu Hause sind, um ein bisschen Stoff nachzuholen. 10.O-Ton: (Kreutzer Int. ab ca. 12:00) Das ist natürlich auch etwas, dass diese Kinder prägt. Wobei es durch den Tirolerhüte Kinderverein die Bemühungen gab, dass man wenigstens den sonntäglichen Kirchgang und die anschließende Betschule auch für diese Kinder öffnete. Und dass die tatsächlich dann auch vom hiesigen Pfarrer in Oberschwaben eine Bestätigung brauchten, dass sie da teilgenommen haben, was sie dann wiederum in ihren Heimatorten abgeben mussten. MUSIK privat Take 010 „Rast“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:30 Erzähler Die Kinder werden sehr unterschiedlich behandelt, wie aus den Quellen hervorgeht, die Tanja Kreutzer durchforstet hat. Je nachdem, ob sie auf einem reichen oder armen Bauernhof arbeiten. Dabei es kommt es sehr auf den Dienstherren an, für den sie arbeiten. MUSIK ENDE 11.O-Ton (Kreutzer Int. ab ca. 7:30) So unterschiedlich wie die Menschen sind, so unterschiedlich ist dann auch die Behandlung, die diese Kinder erfahren haben. Also zum Teil gibt es eben auch Berichte von Misshandlungen. Das wissen wir auch aus einigen Gerichtsakten oder amtlichen Zeugnissen, dass eben auch Anzeige erstattet wurde, weil ein Kind wieder nach Hause gehen musste, weil es so verhauen wurde und misshandelt wurde, dass es Verletzungen hatte, die erst Monate später geheilt sind. Erzählerin In den Berichten ist auch von sexuellen Übergriffen die Rede, die auch Regina Lampert in ihren Erinnerungen andeutet: 11.O-Ton (Kreutzer Int. ab 8:18) Dass sie eben tatsächlich vom Bauern aufgefordert worden sei, einmal als sie da auf der Weide saß, ihren Rock zu lüften. Und erst als sie dann den weggestoßen hat, hat sie gemerkt: das ist der Bauer, der sie hier angeht. Aber wir haben aber eben auch Zeugnisse und das ist durchaus die Mehrheit, dass es diesen Kindern durchaus gar nicht schlecht ging auf den Höfen. Dass da ein recht gutes Verhältnis mit der Familie auch vorhanden war im Rahmen dessen, was man als Gesinde in der Zeit auch erwarten konnte, als relativ weit unten stehend in der Hierarchie und eben auch entsprechend den Anweisungen des Bauern verpflichtet. Erzähler Jacob Stoffel ist eines der Kinder, das gute Erfahrungen macht. Er geht 1896 zusammen mit 20 Kindern aus der Gemeinde Vals ins Schwabenland, um bis zum Herbst auf einem Hof im Niederwangen zu arbeiten. Erzählerin Jacob Stoffel ist damals 13 Jahre alt und schreibt später in einem Aufsatz: MUSIK privat Take 013 „Die Post“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 01:17 Erzähler (als Zitator) So flog die Zeit in strenger Arbeit vorüber. Das Essen war einfach, aber immer gut zubereitet. Auch die Behandlung war recht gut. Etwa um den 20.Oktober kam unsere Führerin, um uns wieder abzuholen. Mein Meister bezahlte mir den vereinbarten Lohn und gab mir einige Mark als Reisgeld mit. Dankbar verabschiedete ich mich von den Meistersleuten und seiner Familie, sowie von den Diensten und versprach, das nächste Jahr wiederzukommen. Die Reise wurde bis Bregenz zu Fuß zurückgelegt. Auf der Heimreise aus der Fremde waren wir alle „Kapitalisten“. Somit erlaubten wir uns mit der Eisenbahn von Bregenz-Feldkirch-Buchs bis Chur zu fahren. Erzählerin Davon unabhängig ist es aber Schwerstarbeit, die die Kinder leisten. Zu den Aufgaben der Jungen zählt es nicht nur, Gänse, Schweine und Kühe zu hüten, sondern auch, bei der Stallarbeit und der Ernte zu helfen. Erzähler Zu den Aufgaben der Mädchen gehört es, auf die Kinder der Bauernfamilie aufzupassen und beim Kochen, Backen, Waschen mitzuhelfen. Was leichter klingt, als es noch bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein war. Sabine Mücke: MUSIK ENDE 12.O-Ton (Mücke Int. ab 27:21) Alles Mögliche musste erst noch geschält, gestampft, Gänse mussten gerupft werden. Eben Feuer musste gemacht, am Laufen gehalten werden, die Kessel waren groß und schwer, alles musste hinterher geschrubbt und von Hand wieder abgespült werden. (…) Dann kam dazu das ganze Wäschewaschen. (…weiter ab ca. 30:30) Also sie wurden wirklich als kleine Arbeitskräfte eingesetzt, die aber eigentlich mehr oder weniger eine Magd oder einen Knecht ersetzt haben. Aber zu dann zu einem Drittel vom oder und Viertel vom Lohn. Erzähler Es sind lange Arbeitstage, die die sechs- bis 14-jährigen Kinder jeden Tag aufs Neue vor sich haben. Die früh morgens um vier oder fünf Uhr beginnen und im Sommer während der Ernte erst um zehn Uhr abends enden. Dann, wenn die Sonne untergeht. Nur unterbrochen von den Essenszeiten, wie Tanja Kreutzer ausführt: 13.O-Ton (Kreutzer Int. ab ca. 1:50) Da gab es fünf Mahlzeiten am Tag, wo man dann auch zusammen mit der Familie gegessen hat. Das waren durchaus nahrhafte Gerichte, die es da gab, aber einfache Gerichte. Brenzmus zum Beispiel, dass ist so ein Haferbrei mit Butterschmalz obendrauf. (…ab ca. 2:28) Und eben auch Bratkartoffeln oder Speck. Zum Teil auch (…) Suppengemüse, also durchaus nahrhafte und vitaminreiche Kost, die man hier während der Sommermonate auch bekommen hat. Erzählerin So etwas wie Freizeit gibt es für die Kinder nur selten. Nach dem harten Arbeitstag sinken sie auf ihr Bett, das meist aus einer mit Stroh gefüllten Matratze besteht. Oft teilen sie sich nicht nur das Zimmer mit einem Knecht oder einer Magd, sondern auch das Bett. MUSIK privat Take 012 „Einsamkeit“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:10 Erzähler Dabei ist auf vielen Höfen immer wieder Thema, dass viele der Kinder ins Bett machen. MUSIK ENDE 14.O-Ton (Kreutzer Int. ab 5:32) Tatsächlich dieses Bettnässen scheint ein Phänomen gewesen zu sein, wo man einfach wirklich merken kann, dieser psychische Druck, der hier da war, das Heimweh, auch das in die Fremde gehen. Auch erst mal keine Schutzperson zu haben. Man ist jetzt vollkommen von der Familie und von allen, die man kennt und die für einen da sind erst einmal getrennt. (…) (6:11) Und man geht auch davon aus, dass durchaus auch der Schlafmangel da eine Rolle gespielt haben mag, dass die Kinder einfach wirklich reihenweise nachts ins Bett gemacht haben. MUSIK privat Take 012 „Einsamkeit“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:25 Erzählerin Mit Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts werden es immer weniger Kinder, die im Frühjahr aufbrechen. Aber es dauert noch bis in die 1950er Jahre, bis das Phänomen des Schwabengehens endgültig aufhört. Sabine Mücke: MUSIK ENDE 15.O-Ton (Mücke Int. ab 24:41) Also das, was man so wirklich als Schwabengängerei bezeichnet, hörte eigentlich schon mit dem Ersten Weltkrieg auf. (…) Die Grenzen waren zu, und damit kam das schon ganz stark zum Erliegen. (…) Es gab aber natürlich dann in den 20er-Jahren und in den 30er-Jahren (…) Kinder, die kamen. Vor allen Dingen waren es dann die Kinder aus Vorarlberg, (ab 25:35) die dann zur Arbeit noch ins Schwabenland gekommen sind. Aber (…) nach dem Zweiten Weltkrieg war das Thema zu Ende. MUSIK privat Take 001 „Gute Nacht“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 01:10 Erzähler Dass die Geschichte des „Schwabengehens“ nicht in Vergessenheit geraten ist, ist vor allem für die Nachkommen der Schwabenkinder von besonderer Bedeutung. Erzählerin Viele von ihnen haben nun die Gewissheit, dass es wirklich ihre Großmutter oder der Urgroßvater war, die sich als Schwabenkinder verdingen mussten. Erzähler Sie finden heute in Museen oder auf Wanderwegen Orte, die einen Teil ihrer eigenen Familiengeschichte veranschaulichen. Erzählerin Darüber hinaus bleibt das Schwabengehen als sozialgeschichtliches Phänomen der Arbeitsmigration von Kindern als Saisonarbeiter ein aktuelles Thema. Denn Kinderarbeit gibt es bis heute.
- Kühltechnik - Wie künstliche Kälte unser Leben beeinflusst
26.06.2025 · 22 Min.
Eis im Sommer, Kirschen im Winter und Tiefkühlkost, wann immer wir wollen: Die Gefriertruhe hat unseren Speisezettel revolutioniert - und Klima- und Kältetechnik unseren Alltag. Aber: wie funktioniert künstliche Kälte eigentlich? (BR 2018) Autorin: Inga Pflug Credits Autor/in dieser Folge: Inga Pflug Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Xenia Tilling, Jerzy May, Rahel Comtesse Technik: Roland Böhm Redaktion: Nicole Ruchlak Interviewpartner/innen: Matthias Murko (langjähriger Mitarbeiter und Leiter Museum Industriekultur, Nürnberg); Thomas Röber (Deutsches Museum München, Kurator für Kraftmaschinen); Reinhard Hüßner (Kirchenburgmuseum Mönchsondheim, Museumsleiter); Günter Wolf (Kirchenburgmuseum Mönchsondheim, Museumsvorstand); Jonas Bollmann (Lehrstuhl für Technische Thermodynamik, Universität Erlangen-Nürnberg, wissenschaftlicher Mitarbeiter); Stefan Will (Universität Erlangen-Nürnberg, Leiter Lehrstuhl für Technische Thermodynamik) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Hitze in der Stadt - Kühlbringende Ideen und Lösungen JETZT ANHÖREN Mikrochips - Halbleiter als Global Player JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN