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Schwaben- und Hütekinder - Schwerstarbeit statt Schule

26.06.2025 · 22 Min.

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Über diese Folge

Über 300 Jahre lang machen sich Scharen von Kindern im Frühjahr aus den Alpengebieten nach Oberschwaben auf, um sich dort als saisonale Arbeitskräfte zu verdingen. Sie sind zwischen sechs und 14 Jahren alt und leisten als so genannte Schwaben- oder Hütekinder Schwerstarbeit, statt zur Schule zu gehen. Das Phänomen des "Schwabengehens" endet erst Mitte des 20. Jahrhunderts. Autorin: Ulrike Beck (BR 2024)

Credits

Autorin dieser Folge: Ulrike Beck
Regie: Frank Halbach
Es sprachen: Rahel Comtesse, Christian Baumann, Julia Fischer
Technik: Andreas Lucke
Redaktion: Andrea Bräu

Im Interview:
Sabine Mücke, Historikerin, Leiterin des Museums Humpis Quartier in Ravensburg
Dr. Tanja Kreutzer, Kunsthistorikerin, Leiterin des Bauernhaus Museums Wolfegg

Literaturtipps:

Regina Lampert, „Die Schwabengängerin - Erinnerungen einer jungen Magd aus dem Vorarlberg 1864-1874“. Ein anschaulicher und lebendiger Einblick in Regina Lamperts Leben und Alltag als Schwabenkind. Diese Memoiren hat Lampert 1929 im Alter von 75 Jahren in Heften für ihre Familie niedergeschrieben.

Elmar Bereuter, „Die Geschichte des Kaspanaze - Die Schwabenkinder“. Der Roman erschien 2002 und diente Jo Baier als Vorlage für seinen Film „Schwabenkinder“. Eine sehr berührende und anschauliche Darstellung der Erfahrungen des Schwabenkindes Kaspar.

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

Zitatorin (Lampert Die Schwabengängerin S. 66)

Eines Tages sagte der Bauer etwa Ende Juli: “Die Gäns verlieren schon viel Federn, die müssen gerupft werden, bevor die Ernte angeht, denn dann hat man keine Zeit mehr, die Viecher zu rupfen. So zehn Stück solltest rupfen können im Tag.“ …Zuerst ging es nicht gut; an der ersten hatte ich fast ein halben Tag, bittere Tränen hab ich geweint dabei, bis ichs endlich gemerkt habe, wie das geht.“

Erzähler

Das schreibt Regina Lampert in ihren autobiografischen Memoiren „Die Schwabengängerin - Erinnerungen einer jungen Magd aus Vorarlberg“. 

Erzählerin

Sie ist zehn Jahre alt, als sie im Frühjahr 1864 zum ersten Mal aus ihrem Heimatdorf Schnifis aufbrechen muss, um bis zum Herbst auf einem Bauernhof in Berg am Bodensee zu arbeiten. 

MUSIK ENDE

Erzähler

Sie ist eine von zigtausenden so genannten Schwabenkindern, die sich über 300 Jahre lang in der Fremde verdingt haben. Aber sie ist die Einzige, deren Erlebnisse 1996 als Buch erscheinen, das eine Welle der Erinnerung auslöst.

Erzählerin

Und mit den Impuls gibt für grenzüberschreitende Projekte in Europa, für die sich Historiker und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein und Italien ab 2006 auf die Spuren der Schwabenkinder machen.

Erzähler

Im Bodenseekreis und im Landkreis Ravensburg durchforsten sie Dienstbotenverzeichnisse und werden fündig. Dort sind die Namen aufgelistet, genau wie das Alter, der Herkunftsort und der jeweilige Dienstherr.

Erzählerin

Zusammen mit den Informationen aus den Schulakten, sowie Zeitzeugenberichten, die die Nachfahren der ehemaligen Schwabenkinder und Archive beisteuern, setzt sich ein Puzzle zusammen, wie das Leben der bis dahin meist Unbekannten ausgesehen haben könnte. 

Erzähler

Am Ende sind es 14.000 Biografien, die in die Schwabenkinderdatenbank aufgenommen und abgerufen werden können.

MUSIK privat Take 001 „Gute Nacht“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 01:05

Erzähler

Die Geschichte des Schwabengehens beginnt bereits Ende des 16., Anfang des 17.Jahrhunderts. Als die ersten Bergbauernkinder aus Vorarlberg, Tirol, Südtirol, der Schweiz und Liechtenstein sich nach Oberschwaben aufmachen – so nannte man damals die Gegend im südöstlichen Baden-Württemberg und im südwestlichen Bayern. 

Erzählerin

Eine Gegend, die durch den Getreideanbau und auch den Getreideexport in die Schweiz und nach Österreich längst als  Kornkammer im Alpenraum bekannt ist. Eine Gegend, in der auch Kinder als Arbeitskräfte an den großen Höfen gebraucht werden.

Erzähler

Die Historikerin Sabine Mücke leitet das Museum Humpis Quartier in Ravensburg und hat sich im Rahmen der EU-geförderten Projekte intensiv mit der Geschichte des besonderen Phänomens des Schwabengehens beschäftigt.

MUSIK ENDE

1.O-Ton (Mücke Ausstellung Humpis Museum ab 5:46)

Der Grund (…) dass sehr viele Menschen aus den Alpenregionen, vor allen Dingen Tirol, auch Graubünden bis hin nach Südtirol, Vorarlberg natürlich auch nach Oberschwaben kamen, war die Tatsache, dass es schon nach dem Dreißigjährigen Krieg ja hier ein Bevölkerungsvakuum gab. Die Bevölkerung war durch Kriegseinwirkungen, durch Seuchen, Pest und so weiter stark reduziert worden in einem ohnehin schon dünn besiedelten Gebiet. 

Hier gab es eben große Höfe, die einfach auch Arbeitskräfte benötigten. (…) Und deswegen war es eigentlich fast natürlich, dass es diese Arbeitsmigration gab. Das waren auch Erwachsene, die saisonal sich dann hier Arbeit gesucht haben und diesen Migrationsbewegungen folgten dann letztlich auch die Kinder. 

Erzähler

Im Laufe der Jahrhunderte etabliert es sich, dass die Kinder allein geschickt werden und die Eltern daheim bleiben. Anfang bis Mitte des 19.Jahrhunderts erreichen die Kinderwanderungen ihren Höhepunkt. 

Erzählerin

Laut Schätzungen sind es pro Jahr 5000 Buben und Mädchen, die aus dem nördlichen Alpenraum ins Schwabenland ziehen, um auf den Höfen als Hütejungen, Mägde oder Knechte zu arbeiten. Kinder, die zwischen sechs und 14 Jahre alt sind.

2.O-Ton (Mücke Ausstellung ab ca. 9:11)

Man muss aber sagen, dass die Zahlen so hoch waren, weil das eine Zeit war, die durch Hungerkrisen also gerade 1816/ 17 und die folgenden Jahre auch hier durch hohe Auswanderung, also auch im Königreich Württemberg oder in Baden gab es viel Armut und Auswanderung nach Amerika, was aber gleichzeitig dann wieder Arbeitskräftemangel hier evoziert hat und so lag also dieser Höhepunkt dieser Wanderung dann in diesen Jahrzehnten.

MUSIK privat Take 001 „Gute Nacht“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:55

Erzählerin

Es ist die Armut, die ihre Eltern dazu bringt, eines oder mehrere ihrer zahlreichen Kinder in die Fremde zu schicken. Die die beschwerliche Wanderung aber nicht allein bewältigen müssen, sondern sich als Gruppe mit anderen Kindern aus dem Dorf aufmachen.

Erzähler

Sie sind nicht ganz ohne Schutz unterwegs, sondern immer in Begleitung eines Erwachsenen. Wie notwendig diese Begleitung ist, das geht aus der nachgestellten Erzählung des ehemaligen Schwabenkindes Katharina hervor. Die so im Bauernhaus-Museum Wolfegg zu hören ist. Katharina ist 11 Jahre alt, als sie sich 1836 von Graubünden aus auf den Weg macht:

MUSIK ENDE

3.O-Ton [0:00:09] (Katharina) :

Wie wir aufbrechen am frühen Morgen ist wie gsagt überall noch Schnee. Acht Kinder sind wir und die Frau, die uns begleitet. Der Vater sagt: die bringt euch ins Schwabenland und holt euch wieder ab im Herbst. Tut, was sie sagt. Der Weg ist steil von Samnaun hinunter ins Inntal. Wir laufen hintereinander, ich bin hinten und habe Mühe im Schnee. Vor mir ist mein Bruder und hinter mir noch die kleine Anna. Aber plötzlich, als ich zurückschaue, ist sie nicht mehr da. Die Anna schrie ich. Die Führerin hält sofort an, schaut, kommt zurück und geht eilig den Berg hinauf. Ich gehe mit, und wir finden sie. Anna hockt im Schnee. Sie ruft nach ihrer Mutter und weint. Und auch bei mir kommen die Tränen. Unsere Führerin kniet bei der Anna, hält sie fest, redet ihr leise zu und beide stehen auf. Sie führt sie an der Hand. Ich folge den beiden stumm.

MUSIK privat Take 012 „Einsamkeit“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:20

Erzählerin

Neben dem Heimweh und der Ungewissheit, was sie im Schwabenland erwartet, ist auch der Weg für die Jungen und Mädchen eine Tortur. Sabine Mücke:

4.O-Ton (Mücke Int. ab 1:07)

Da die Kinder um Mitte März herum schon in Oberschwaben sein mussten, weil da beginnt einfach dann so das bäuerliche Arbeitsjahr mit Aussaatarbeiten, mussten sie sich eben dann auch auf den Weg machen. Und Mitte März lag eben in den Alpen in den höheren Regionen auf jeden Fall immer noch Schnee. 

Das heißt vor allen Dingen für die Kinder (1:31), die aus Südtirol, auch aus Tirol kamen, stand der Arlberg im Weg. (…) Und man muss sich eben vorstellen, wenn dann diese Kinder sich zu Fuß durch den noch meterhohen, schweren Schnee auf den Weg machen mussten (ab 02:09…) Also da gibt es wirklich auch beeindruckende Schilderungen, wie gefährlich und auch wie unheimlich und wie anstrengend das war. (…)

Erzähler

Die Kinder sind mit sehr wenig Proviant, zu dünner Kleidung und  schlechtem Schuhwerk unterwegs.Mit dem Bau der Arlbergbahn 1884 wird der Weg zumindest für diejenigen aus Tirol deutlich unbeschwerter.

5.O-Ton (Mücke Int. ab ca. 4:00)

Und dann sind auch die Kinder aus Südtirol, die ja sowieso auch noch erst einmal über den Reschenpass kommen mussten und dann hat man sich eben in Landeck in den Zug setzen können, konnte bis Bregenz mit dem Zug fahren. Und dann eben teilweise sind die Kinder dann mit dem Schiff nach Friedrichshafen oder eben zu Fuß weiter nach Oberschwaben oder auch ins oberschwäbische Allgäu.

Erzähler

Je jünger die Kinder sind, desto größer ist das Heimweh. Je älter sie sind, desto häufiger sind sie auch stolz, im Schwabenland ein paar Gulden für ihre Familie daheim dazu zu verdienen. Und sich hoffentlich satt essen zu können.

6.O-Ton (Mücke Int. ca. 6:00)

Weil sie wussten auch zuhause wird das Essen eben knapp gerade am Ende vom Winter. Man muss, glaube ich immer sich vor Augen halten, dass sie nicht so viele Wahlmöglichkeiten hatten, nun das dann einfach mehr oder weniger so auf sich genommen haben.

MUSIK privat Take 001 „Gute Nacht“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:25

Erzählerin

Kaum in Friedrichshafen oder Lindau angekommen, geht es auf einen der Hütekindermärkte, die bis ins Zwanzigste Jahrhundert hinein regelmäßig um Josephi, also am 19.März stattfinden. Es ist der Ort, wo die Arbeitsstellen vergeben werden.

Erzähler

Kindergesindemärkte gibt es in Ravensburg, Friedrichshafen, Kempten und - je nach Bedarf auch in Wangen, Weingarten, Tettnang und Bad Waldsee. Die zentrale Anlaufstelle ist Mitte des 19.Jahrhunderts der in Ravensburg.

MUSIK ENDE

7.O-Ton (Mücke Int. ab 9:51 Humpis Quartier)

(9:51) Der Treffpunkt war in der unteren Bachstraße im Bereich des damaligen Gasthaus Krone (…) Und eben vor diesem Gasthaus war der Kindergesindemarkt, Hütekindermarkt, Schwabenkindermarkt. 

(weiter ab 10:18) Dort trafen sowohl die Kinder ein (…) 11:04 Und dann kamen (…) die Bauern, sprachen verschiedene Kinder oder auch deren Begleiter an, je nachdem, was sie halt suchten. Die einen suchten eine Gänsemagd wie das Regina Lampert ja auch schön erzählt oder vielleicht jemand, der in der Küche im Haushalt hilft. 

Erzählerin

Andere suchen nach einem Knecht, der das Vieh hüten, sich um die Kühe kümmern und bei der Ernte mithelfen kann. 

Erzähler

Die Bauern begutachten die Kinder, fragen wie alt sie sind und sobald die Wahl getroffen ist, geht es um den Lohn, den die Buben und Mädchen für ihre Arbeit bekommen sollen. Der meist höher ausfällt, wenn die Person die Verhandlungen übernimmt, die sie auf dem Weg begleitet hat:

8.O-Ton (Mücke Int. ab 12:01)

Da gab es natürlich so übliche Bedingungen, wieviel Lohn für so einen Schwabenkind sein sollte. Von fünf bis zehn Gulden ist oft die Rede. Aber ganz wichtig war natürlich auch die Zusatzleistung wie das berühmte doppelte Häs, also ein doppeltes Gewand Kleidung mit Schuhen am besten noch und das eben in zweifacher Ausführung. Kost und Logis natürlich mit dabei. Manchmal wurde auch so was - sie hat am Sonntag frei noch mit verhandelt. Aber es gibt auch Aussagen von Kindern, die sagen, sie haben eigentlich gar keinen Geldlohn bekommen, sondern wirklich nur dieses Essen. Und wurden am Schluss in Naturalien ausbezahlt, also durch Kleidung.

MUSIK privat Take 011 „Frühlingstraum“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:22

Erzählerin

Um die Kinder vor der Willkür ihrer Dienstherren zu schützen, gründen Venerand Schöpf und Josef Anton Geiger 1891 den Tiroler Hütekinderverein. Schöpf ist damals Pfarrer und war als Kind selbst ein Schwabengänger. 

MUSIK ENDE

Geiger ist Gemeindevorsteher aus Pettneu am Arlberg. 

Erzähler

Sie erstellen nicht nur Muster-Dienstverträge und versuchen damit, einen gerechteren Lohn für die Kinder festzulegen. Sondern besuchen auch die jungen Mägde und Knechte während des Sommers  auf den Höfen.

Erzählerin

Um nachzusehen, ob es den Kindern gut geht, wie die Kunsthistorikerin Tanja Kreutzer ausführt. Sie ist Leiterin des Bauernhaus-Museums in Wolfegg.

9.O-Ton (ab 1:44 Kreutzer Nachgestellte Stimmen - zum Verein)

Es sind (…) Geistliche, die sich um das Wohl dieser Kinder sorgen und sagen: Nein, da muss man was tun. Und dann muss man reglementieren. Vor allem auch hier in Oberschwaben. Pfarrer, die sagen, sie fahren mit dem Fahrrad jeden einzelnen Hof auch ab. Deswegen ist auch hier das Fahrrad noch einmal ausgestellt. Um eben zu gucken: Wird dieser Vertrag auch eingehalten, der jetzt erstmals eben auch schriftlich fixiert wird? Und geht es den Kindern gut in ihrer jeweiligen Arbeitsstätte?

Erzähler

Der Hütekinderverein kümmert sich auch um die Bildung der Schwabenkinder. Denn auch wenn im Königreich Württemberg seit 1836 die Schulpflicht besteht, gilt sie bis 1921 nicht für ausländische Kinder. 

Erzählerin

Bis dahin sind die Jungen und Mädchen in ihren Heimatregionen jedes Jahr für die Zeit des Schwabengehens von der Schulpflicht befreit. Ihnen bleiben damit nur die vier Wintermonate, in denen sie zu Hause sind, um ein bisschen Stoff nachzuholen.

10.O-Ton: (Kreutzer Int. ab ca. 12:00)

Das ist natürlich auch etwas, dass diese Kinder prägt. Wobei es durch den Tirolerhüte Kinderverein die Bemühungen gab, dass man wenigstens den sonntäglichen Kirchgang und die anschließende Betschule auch für diese Kinder öffnete. Und dass die tatsächlich dann auch vom hiesigen Pfarrer in Oberschwaben eine Bestätigung brauchten, dass sie da teilgenommen haben, was sie dann wiederum in ihren Heimatorten abgeben mussten.

MUSIK privat Take 010 „Rast“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:30

Erzähler

Die Kinder werden sehr unterschiedlich behandelt, wie aus den Quellen hervorgeht, die Tanja Kreutzer durchforstet hat. Je nachdem, ob sie auf einem reichen oder armen Bauernhof arbeiten. Dabei  es kommt es sehr auf den Dienstherren an, für den sie arbeiten.

MUSIK ENDE

11.O-Ton (Kreutzer Int. ab ca. 7:30)

So unterschiedlich wie die Menschen sind, so unterschiedlich ist dann auch die Behandlung, die diese Kinder erfahren haben. Also zum Teil gibt es eben auch Berichte von Misshandlungen. Das wissen wir auch aus einigen Gerichtsakten oder amtlichen Zeugnissen, dass eben auch Anzeige erstattet wurde, weil ein Kind wieder nach Hause gehen musste, weil es so verhauen wurde und misshandelt wurde, dass es Verletzungen hatte, die erst Monate später geheilt sind.

Erzählerin

In den Berichten ist auch von sexuellen Übergriffen die Rede, die auch Regina Lampert in ihren Erinnerungen andeutet:

11.O-Ton (Kreutzer Int. ab 8:18)

Dass sie eben tatsächlich vom Bauern aufgefordert worden sei, einmal als sie da auf der Weide saß, ihren Rock zu lüften. Und erst als sie dann  den weggestoßen hat, hat sie gemerkt: das ist der Bauer, der sie hier angeht.

Aber wir haben aber eben auch Zeugnisse und das ist durchaus die Mehrheit, dass es diesen Kindern durchaus gar nicht schlecht ging auf den Höfen. Dass da ein recht gutes Verhältnis mit der Familie auch vorhanden war im Rahmen dessen, was man als Gesinde in der Zeit auch erwarten konnte, als relativ weit unten stehend in der Hierarchie und eben auch entsprechend den Anweisungen des Bauern verpflichtet.

Erzähler

Jacob Stoffel ist eines der Kinder, das gute Erfahrungen macht. Er geht 1896 zusammen mit 20 Kindern aus der Gemeinde Vals ins Schwabenland, um bis zum Herbst auf einem Hof im Niederwangen zu arbeiten.

Erzählerin

Jacob Stoffel ist damals 13 Jahre alt und schreibt später in einem Aufsatz:

MUSIK privat Take 013 „Die Post“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 01:17

Erzähler (als Zitator)

So flog die Zeit in strenger Arbeit vorüber. Das Essen war einfach, aber immer gut zubereitet. Auch die Behandlung war recht gut. 

Etwa um den 20.Oktober kam unsere Führerin, um uns wieder abzuholen. Mein Meister bezahlte mir den vereinbarten Lohn und gab mir einige Mark als Reisgeld mit. Dankbar verabschiedete ich mich von den Meistersleuten und seiner Familie, sowie von den Diensten und versprach, das nächste Jahr wiederzukommen.

Die Reise wurde bis Bregenz zu Fuß zurückgelegt. Auf der Heimreise aus der Fremde waren wir alle „Kapitalisten“. Somit erlaubten wir uns mit der Eisenbahn von Bregenz-Feldkirch-Buchs bis Chur zu fahren.

Erzählerin

Davon unabhängig ist es aber Schwerstarbeit, die die Kinder leisten. Zu den Aufgaben der Jungen zählt es nicht nur, Gänse, Schweine und Kühe zu hüten, sondern auch, bei der Stallarbeit und der Ernte zu helfen.

Erzähler

Zu den Aufgaben der Mädchen gehört es, auf die Kinder der Bauernfamilie aufzupassen und beim Kochen, Backen, Waschen mitzuhelfen. Was leichter klingt, als es noch bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein war. Sabine Mücke:

MUSIK ENDE

12.O-Ton (Mücke Int. ab 27:21)

Alles Mögliche musste erst noch geschält, gestampft, Gänse mussten gerupft werden. Eben Feuer musste gemacht, am Laufen gehalten werden, die Kessel waren groß und schwer, alles musste hinterher geschrubbt und von Hand wieder abgespült werden. (…) Dann kam dazu das ganze Wäschewaschen. (…weiter ab ca. 30:30)

Also sie wurden wirklich als kleine Arbeitskräfte eingesetzt, die aber eigentlich mehr oder weniger eine Magd oder einen Knecht ersetzt haben. Aber zu dann zu einem Drittel vom oder und Viertel vom Lohn.

Erzähler

Es sind lange Arbeitstage, die die sechs- bis 14-jährigen Kinder jeden Tag aufs Neue vor sich haben. Die früh morgens um vier oder fünf Uhr beginnen und im Sommer während der Ernte erst um zehn Uhr abends enden. Dann, wenn die Sonne untergeht. Nur unterbrochen von den Essenszeiten, wie Tanja Kreutzer ausführt:

13.O-Ton (Kreutzer Int. ab ca. 1:50)

Da gab es fünf Mahlzeiten am Tag, wo man dann auch zusammen mit der Familie gegessen hat. Das waren durchaus nahrhafte Gerichte, die es da gab, aber einfache Gerichte. Brenzmus zum Beispiel, dass ist so ein Haferbrei mit Butterschmalz obendrauf. (…ab ca. 2:28) Und eben auch Bratkartoffeln oder Speck. Zum Teil auch (…) Suppengemüse, also durchaus nahrhafte und vitaminreiche Kost, die man hier während der Sommermonate auch bekommen hat. 

Erzählerin

So etwas wie Freizeit gibt es für die Kinder nur selten. Nach dem harten Arbeitstag sinken sie auf ihr Bett, das meist aus einer mit Stroh gefüllten Matratze besteht. Oft teilen sie sich nicht nur das Zimmer mit einem Knecht oder einer Magd, sondern auch das Bett.

MUSIK privat Take 012 „Einsamkeit“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:10

Erzähler

Dabei ist auf vielen Höfen immer wieder Thema, dass viele der Kinder ins Bett machen.

MUSIK ENDE

14.O-Ton (Kreutzer  Int. ab 5:32)

Tatsächlich dieses Bettnässen scheint ein Phänomen gewesen zu sein, wo man einfach wirklich merken kann, dieser psychische Druck, der hier da war, das Heimweh, auch das in die Fremde gehen. Auch erst mal keine Schutzperson zu haben. Man ist jetzt vollkommen von der Familie und von allen, die man kennt und die für einen da sind erst einmal getrennt. (…) (6:11) Und man geht auch davon aus, dass durchaus auch der Schlafmangel da eine Rolle gespielt haben mag, dass die Kinder einfach wirklich reihenweise nachts ins Bett gemacht haben.

MUSIK privat Take 012 „Einsamkeit“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:25

Erzählerin

Mit Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts werden es immer weniger Kinder, die im Frühjahr aufbrechen. Aber es dauert noch bis in die 1950er Jahre, bis das Phänomen des Schwabengehens endgültig aufhört. Sabine Mücke:

MUSIK ENDE

15.O-Ton (Mücke Int. ab 24:41)

Also das, was man so wirklich als Schwabengängerei bezeichnet, hörte eigentlich schon mit dem Ersten Weltkrieg auf. (…) Die Grenzen waren zu, und damit kam das schon ganz stark zum Erliegen. (…) Es gab aber natürlich dann in den 20er-Jahren und in den 30er-Jahren (…) Kinder, die kamen. Vor allen Dingen waren es dann die Kinder aus Vorarlberg, (ab 25:35) die dann zur Arbeit noch ins Schwabenland gekommen sind. Aber (…) nach dem Zweiten Weltkrieg war das Thema zu Ende.

MUSIK privat Take 001 „Gute Nacht“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 01:10

Erzähler

Dass die Geschichte des „Schwabengehens“ nicht in Vergessenheit geraten ist, ist vor allem für die Nachkommen der Schwabenkinder von besonderer Bedeutung.

Erzählerin

Viele von ihnen haben nun die Gewissheit, dass es wirklich ihre Großmutter oder der Urgroßvater war, die sich als Schwabenkinder verdingen mussten.

Erzähler

Sie finden heute in Museen oder auf Wanderwegen Orte, die einen Teil ihrer eigenen Familiengeschichte veranschaulichen.

Erzählerin

Darüber hinaus bleibt das Schwabengehen als sozialgeschichtliches Phänomen der Arbeitsmigration von Kindern als Saisonarbeiter ein aktuelles Thema. Denn Kinderarbeit gibt es bis heute. 


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Das erklärt die Psychologin Brigitte Reysen-Kostudis,: ZSP 6A Reysen Das gehört schon zusammen: Dieses Bedürfnis nach Kontrolle und die Angst, die Kontrolle zu verlieren. Und in einer neuen Umgebung habe ich natürlich nicht die Kontrolle über das, was passieren kann. Also alles ist noch neu. Es können Dinge passieren, die ich vorher noch nie erlebt habe. Und das ist für manche eine große Herausforderung. Für andere ist es toll, dass ständig neue Sachen passieren, neue Begegnungen möglich sind. Für andere ist es totaler Stress. MUSIK 3 Gerd Baumann – Martha 0‘47 ZSP 6 B Josefina Schullandheim zum Beispiel: Da war nicht unbedingt ein Auslöser. Also, das stapelt sich dann so: Das Essen ist doof. Und dann bin ich mit jemandem im Zimmer, mit der ich mich davor gestritten habe. Oder es ist ein sehr-sehr großes Zimmer, wo viel Trubel ist und ich mich nicht mal eine Minute zurückziehen kann und sagen: Okay, tief durchatmen, das wird wieder. Und das waren dann alles Faktoren, wo ich gesagt habe: ich fühle mich hier ganz-ganz unwohl. Und ich habe keine Kontrolle mehr über diese Situation, von meiner Sicht aus. Und anstatt zu sagen: Ja gut, jetzt ist die Bettdecke ungemütlich, meine Güte! Es gibt nicht mein Lieblingsessen, okay kann man ne Woche mit leben! Das ist dann viel-viel größer geworden als es eigentlich war. ERZÄHLER Für Außenstehende wirkt es oft, als wolle ein Kind plötzlich nach Hause, nur weil das Essen nicht schmeckt wie gewohnt. Der Grund fürs Nachhause wollen liegt aber viel tiefer: ZSP 6 C Reysen Auf dieser diagnostischen Ebene fällt Heimweh unter eine Anpassungsstörung. Das ist so der medizinische Terminus. Wenn jemand Schwierigkeiten hat, sich an neue Umgebungen und neue Bedingungen anzupassen. MUSIK 8 Deine Freunde – Heimweh 0’47 ZSP 6 D Josefina Heimweh war für mich immer ein bisschen wie so eine Überforderung, weil ich mich so unwohl in der Situation gefühlt habe, wo ich quasi dann alleine war und keinen Anker hatte, wo ich wusste, da kann ich einfach ganz entspannt sein. Sondern ich war immer komplett angespannt. Und diese Anspannung war da natürlich irgendwann zu viel. ERZÄHLER Heimweh kann so dominierend werden, dass es sich wie ein grauer Schleier auf Dinge legt, auf die man sich eigentlich gefreut hätte: Eine Einladung zum Wochenendausflug, eine Geburtstagsübernachtung oder eine Fackelwanderung im schneeverwehten Wald. Allein schon die Angst davor, Heimweh zu bekommen, schränkt die Betroffenen ein: ZSP 7 Josefina Weil dir einfach ganz viele schöne Momente von dem Gefühl kaputt geschossen werden. Weil du dann in deinem kleinen pessimistischen Kokon sitzt und eigentlich hättest du den Spaß des Lebens. MUSIK 9 Gerd Baumann – Sophies Thema 0‘37 ERZÄHLER Schon mit sechs Jahren hat Josefina zusammen mit den Eltern Strategien entwickelt, um Heimwehsituationen durchzustehen: Alles, was neu sein könnte, haben sie vorher besprochen. Und Josefina hat immer einen Talisman von daheim mitgenommen, eine Halskette ihrer Mutter. Solche so genannten Übergangsobjekte sind tröstende Klassiker für Heimwehkinder! Auch ein heimliches Not-Handy kann mit, falls die Sehnsucht nach zu Hause zu groß wird. ZSP 8 Reysen Was ich eine ganz schöne Strategie finde, ist, wenn so ein kleines Klassenfahrt-Tagebuch geführt wird. Wenn dann die Begleitpersonen sagen: Ach, mal doch mal ein Bild für deine Mutter oder deinen Vater. Und wenn du wiederkommst, kannst du das zeigen, damit sie auch sehen, wie es hier ausgesehen hat. Das ist auch eine Art und Weise dem Kind zu signalisieren: Ja, du wirst wieder zurückkommen! Das gibt Sicherheit. Das kommt bei Kindern oft total gut an, weil die sich dann auch ernst genommen fühlen als Handelnde. Solche Strategien helfen dabei, dass das Kind sich aktiv mit der Situation auseinandersetzen kann. ERZÄHLER Aktiv sein, ist wichtig! Wenn Studierende in Berlin zu Brigitte Reysen-Kostudis in die Psychologische Beratung der Universität kommen, haben sie oft schon viel Heimweh und Ängste durchlitten. Die jungen Leute haben sich darauf gefreut, endlich in der großen Stadt zu studieren. Und irgendwann stehen sie vor lauter ungeahnten Problemen: ZSP 9 Reysen Entweder: Ich kann die Aufgaben nicht erledigen, die ich eigentlich machen sollte. Ich habe Antriebsstörungen, Schlaflosigkeit, merke, dass ich mich auf bestimmte Dinge gar nicht mehr konzentrieren kann. Ich kann Texte nicht lesen. Ich sitze zu Hause und bin traurig. Oder aber es sind extreme Ängste da. Ich traue mich nicht, mit der U-Bahn zu fahren, mit Straßenbahn zu fahren, das sind mir alles viel zu viele Leute. Und ich habe vielleicht sogar auch schon mal eine Panikattacke gehabt. Und jetzt habe ich so enorme Ängste, dass so etwas wieder passieren könnte. MUSIK 10 Gerd Baumann – Vom Ende 1‘07 ERZÄHLER Heimweh kann theoretisch jeden treffen. Aber ängstliche Menschen trifft es häufiger als andere, so die Psychologin: ZSP 10 A Reysen Ja, ich denke, dass Angst ein wesentlicher Faktor ist. Heimweh in einem Maße, wo es wirklich beunruhigend ist und stark einschränkend ist, vor allem für Menschen, die eben Probleme haben, auf andere zuzugehen, die in Situationen, die neu sind, sich oft nicht wohlfühlen. Also alles, was in dies Spektrum von ängstlichen Persönlichkeiten hineingehört. ZSP 10 B Josefina Ich habe sehr-sehr viel nachgedacht immer über Situationen. War sehr vorsichtig und bin nie einfach ins Wasser gesprungen, sondern habe mir das alles immer erst mal angeschaut. Und habe andere Leute beobachtet, wie die ins Wasser gesprungen sind. Und dann bin ich auch reingesprungen. Und ich glaube, das kann überhandnehmen, dass man sich dann so reinsteigert, dass das einfach der Mechanismus ist, wie man so durch die Welt geht. ERZÄHLER Die konträre Haltung wäre: Was soll schon passieren? Mache ich halt einfachmal, das wird dann schon! ZSP 11 Reysen Ich finde es immer sehr bewundernswert, wenn Leute zu mir sagen: Ah, ich habe wirklich eine schöne Kindheit gehabt und Jugend und da haben wir das und das gemacht. Und ich fühlte mich wohl. Das ist ein Schatz, den sie bewahren können. Aber es geht weiter. Weil gerade dieses Gefühl verbunden zu sein, auch mit einer Landschaft verbunden zu sein, mit Menschen verbunden zu sein, kann ja auch Kraft geben, noch einmal neu zu starten, für neue Herausforderungen, die ich bestehen muss. Weil ich ja weiß, es gibt Menschen und Orte, die mir vertraut sind. Und warum sollte es mir nicht gelingen, das woanders auch aufzubauen? ERZÄHLER Heimweh ist Teil der Suche nach sich selbst, glaubt Reysen-Kostudis. Wer Heimweh hat, ist auf der Suche nach der eigenen Heimat, nach einem Ort, wo man glücklich werden kann. Manchmal hilft es sogar, Verbindung zur alten Heimat aufzunehmen. ZSP 12 Reysen Das kann sein, dass ich mein Lieblingsgericht zubereite, was aus einer bestimmten Region kommt. Das kann sein, dass ich sage, ich telefoniere regelmäßig, Skype regelmäßig mit Menschen, die mir wichtig sind. Aber nicht ständig! Dass ich versuche, das ein bisschen zu regeln, dass ich dann bestimme, an welchen Tagen, zu welchen Zeiten ich mich diesem Gefühl auch überantworten kann und das auch genießen kann. Die Verbundenheit mit diesem Ort hört ja nicht auf. MUSIK 11 Gerd Baumann – Flimmern 1‘10 ERZÄHLER Um schneller heimisch zu werden hilft vor allem eins: Neu geknüpfte Beziehungen! ZSP 13 Reysen Was in allen Forschungen über Glück oder auch Zufriedenheit immer drin ist, ist dieses Eingebundensein. Das kann Eingebundensein in Bezug auf zwischenmenschliche Kontakte, aber auch so eingebunden zu sein in ein Wertesystem. Wenn ich mich zugehörig fühle einer bestimmten Gruppierung, das kann eine religiöse Gemeinschaft sein, das kann eine politische Gemeinschaft sein, dann hilft das auch, um in ungewohnten neuen Situationen auch gleich so andocken zu können, zu einem bestimmten Thema. Wo dann diese direkten menschlichen, persönlichen Kontakte nachträglich kommen können, aber erst einmal auch ein Gefühl von Eingebundensein entstehen kann. ERZÄHLER Ob es der Skaterpark ist, wo man Gleichgesinnte findet oder das Studentenradio, der Arbeitskreis für eine vegane Lebensweise oder die Tangogruppe: Heimwehkranke, die freiwillig in eine fremde Umgebung gezogen sind, haben gute Chancen ihr Leiden mit solchen Strategien zu überwinden. Wie hartnäckig Heimweh in der Fremde auftritt, hängt aber immer auch von den Gründen ab, aus denen das alte Zuhause verlassen wurde: ZSP 14 Reysen Ganz extrem bei Geflüchteten, die wir auch in der Studierendenschaft haben, die eben nicht freiwillig ihre Heimat verlassen haben. Sondern gegangen sind, weil Krieg, Notzustände, Verfolgung da war. Weil dann die Gedanken da sind: Was passiert jetzt eigentlich in meiner Heimat? Ich bin jetzt hier. Aber irgendwie komme ich gar nicht an, weil ich in Gedanken immer noch woanders bin. MUSIK 12 Sting – Shape Of My Heart 0‘23 ERZÄHLER Wer nicht freiwillig am Ort ist, der die neue Heimat werden soll, braucht besonders gute Strategien, um heimisch zu werden. Das konnte auch der Psychologe und Gerontologe Gerd Schuster feststellen. Für seine Dissertation Heim und Heimweh befragte Schuster alte Menschen nach ihrem Umzug ins Pflegeheim: ZSP 15 Schuster Und das sind natürlich besonders krasse Umstände des Umzugs! ERZÄHLER So unterschiedlich die Biographien der Hochbetagten waren, so häufig hörte Schuster von den Befragten, dass es besonders die Art des Umzugs war, die Heimweh ausgelöst hatte: ZSP 16 Schuster Der Eintritt in ein Pflegeheim war für die allerallermeisten eine sehr traumatische Situation. Vor allen Dingen deshalb, weil sehr viele ältere Menschen nicht aus einer vorbereiteten Situation von daheim ins Pflegeheim übersiedeln, sondern schnell: Nach Schlaganfällen zum Beispiel, nach Aufenthalten im Krankenhaus, wo dann im Krankenhaus festgestellt wird: dieser Mensch kann nicht mehr daheim in die eigene Wohnung. Das heißt, sie können von dieser Wohnung überhaupt kein Abschied mehr nehmen. ERZÄHLER Alle Befragten hatten unter Heimweh gelitten. Dabei galt Heimweh bei alten Menschen bisher als wenig verbreitet. Weil es nur bei Kindern und jungen Leuten erforscht wurde, sagt Schuster. Inzwischen ist die Lebenserwartung gestiegen, und viele Menschen müssen nun im letzten Lebensabschnitt noch einmal an einen fremden Ort umziehen: ZSP 17 Schuster Beispielsweise ein älterer Mann, der war ein Kunstschreiner gewesen, der sehr schöne Möbel selber hergestellt hat, ein sehr selbstbewusster Mensch. Der fand sich jetzt, nach einer solchen Situation, in einem Pflegeheim. Und am nächsten Tag kam sein Schwiegersohn und brachte ihm - das muss man sich mal geben - in Müllsäcken ein bisschen Kleidung vorbei und ein bisschen Habseligkeiten. MUSIK 13 Moon Over Bourbon Street 0’27 ERZÄHLER Sich nach einem langen Leben in einer Wohnung oder sogar im selbstgebauten Haus plötzlich in einem Zimmer von 16 Quadratmetern wieder zu finden, wo gerade noch Platz ist für eine kleine Kommode und einen kleinen Schrank, in denen die Habseligkeiten verstaut werden können, das ist oft schlimm für Neuankömmlinge im Pflegeheim, sagt Schuster: ZSP 18 A Schuster Das ist natürlich ein schockhafter Zustand. Und dann spielt sich das ab, was wir so unter Heimweh-Symptomatik verstehen: Appetitlosigkeit, man denkt nur noch an zu Hause, man weint, man kann nicht schlafen. Man kann an nichts anderes denken als an zu Hause. Man verweigert sich sozialen Kontakten, man igelt sich in seinem Zimmer ein. Man will nicht reden, man will niemanden sehen. ZSP 18 B Reysen Heimweh ist ja auch so ein Gefühl von Ausgeliefertsein, wie auch bei anderen Schmerzen, die ich habe. Da fühle ich mich immer als jemand, der eine Wunde hat, einen inneren Schmerz hat und darunter leidet. Und je mehr ich erkennen kann: Ich kann was dagegen tun! Es gibt aktive Möglichkeiten, etwas zu verändern! Oder ich kann meine Umgebung verändern, desto weniger tut es auch weh. ERZÄHLER Diese Art von Aktivität können Hochbetagte oft nicht mehr leisten. Umso wichtiger, dass Pflegende die alten Menschen in ihrem neuen Zuhause gut empfangen, sagt Gerd Schuster, der inzwischen mehr als 20 Pflegeheime geleitet hat: ZSP 19 Schuster Darauf sind die Interviewpartnerinnen immer wieder zurückgekommen: Es hat mir sehr geholfen, dass ich so herzlich begrüßt worden bin vom Pflegepersonal. Dass man mir mein Zimmer gezeigt hat, dass man ein Gespräch mit mir geführt hat, dass man mich willkommen geheißen hat, mich anderen Bewohnerinnen und Bewohnern vorgestellt hat, mir das Haus gezeigt hat, vielleicht sogar manchmal ein bisschen gedrückt, also umarmt, also diese menschlichen Zeichen. MUSIK 14 Kings Of Convenience – Homesick 0’047 ERZÄHLER Sich angenommen zu fühlen am neuen Ort und vertraute Dinge um sich zu haben: vielleicht den Lesesessel, das Lieblingsbild für die Wand und ein kleines Schränkchen. All das hilft, heimisch zu werden. Wichtig ist auch, zu spüren, ich bin nicht ausgeliefert, sondern kann noch handeln und selbst entscheiden! Ich wähle zum Beispiel meine Kleidung selbst aus und meine Mahlzeiten. Die Studentin Josefina empfiehlt noch einen Trick, den sie als Kind in Heimwehsituationen angewendet hat: Rückbesinnung auf schöne Situationen im Leben! Vielleicht unterstützt durch Fotos von geliebten Menschen oder Orten: ZSP 20 A Josefina Es funktioniert wahnsinnig gut, wenn man sich denkt: Okay, ich beschwöre mir jetzt eine glückliche Erinnerung rauf und fühl einfach die, anstatt dem Heimweh. Und das funktioniert, glaube ich, auch gegen Angst und gegen alles. ZSP 20 B Schuster Aber ich würde davon abraten, die alten Menschen nur noch unter dieser musealen Perspektive wahrzunehmen! Nach der Devise: alles, was möglichst früh gewesen ist, ist gerade richtig und gut als Erinnerungs-Gegenstand mit ins Pflegeheim zu geben. Wir nageln ja dann den älteren Menschen in seiner ganz-ganz frühen Vergangenheit fest und nehmen ihn nur noch unter dieser Perspektive war. Anstatt das wir mal sagen: Mensch, du hast so schöne Augen! Dieser Mensch ist jetzt präsent in dem Pflegeheim! ERZÄHLER Wie aber hilft man einem Hochbetagten, wenn er das Heimweh immer wieder überdeutlich äußert mit dem Satz: Ich will nach Hause! ZSP 21 Schuster Die Fragestellung, die ist für die Psychologen natürlich sehr interessant, was verbirgt sich denn hinter diesem: Man will nach Hause! Wie es oft von dementen Menschen geäußert wird. Dann ist es gar nicht das Elternhaus. Ich habe ja selber einen Großvater gehabt, der an Demenz erkrankt war, und der redete auch immer davon, er will nach Hause. Und mein Vater ist ganz verrückt gewesen, weil er diesen Wunsch vor allen Dingen nachts geäußert hat, also war sehr anstrengend. Und dann hat mein Vater einfach mal gesagt: So ich setz dich jetzt ins Auto. Ich fahre dich jetzt, dorthin, wo du als Kind aufgewachsen bist. Und dann hat er ihn tatsächlich ein paar Kilometer gefahren, an sein Elternhaus. Das erkannte mein Großvater gar nicht. Also, das zeigt auch, dass in dieser Metapher des nach Hause Wollens anderes steckt als tatsächlich das physische Elternhaus. Sondern es hat sehr viel mit Sehnsüchten zu tun, mit dem Gefühl des sich Wohlbefindens, mit dem Gefühl der Geborgenheit auch. MUSIK 15 Agnes Obel – Chord Left 1’05 ERZÄHLER Wer sich ernstgenommen fühlt, wohl und geborgen, der will in der Regel gar nicht heim. Denn Heimweh zeigt immer ein Verlorenheitsgefühl an, ob bei Kindern, jungen oder alten Leuten. Und Hochbetagten steht eine zusätzliche Möglichkeit zur Verfügung, um diese Gefühlslage zu überwinden: ZSP 22 Schuster Ja, in der Tat. Es ist ein Verlorenheitsgefühl zunächst! Aber ein Verlorenheitsgefühl, wenn man das ein bisschen blumig ausdrücken mag, das Ausschau hält nach dem Rettenden. Und dieses Rettende findet sich eben oft in der eigenen Biografie, schon allein in der Erkenntnis, dass das ganze Leben irgendwo unbeständig ist. ERZÄHLER Gerade weil alte Menschen aus langer Erfahrung wissen, dass das Leben aus Schönem und aus Schwierigem, aus Verlusten und aus Neuanfängen besteht, können sie alle Arten von Erfahrungen in ihr Leben integrieren - auch die, dass es notwendig ist, an einem neuen Ort heimisch zu werden.

  • Kühltechnik - Wie künstliche Kälte unser Leben beeinflusst

    26.06.2025 · 22 Min.

    Eis im Sommer, Kirschen im Winter und Tiefkühlkost, wann immer wir wollen: Die Gefriertruhe hat unseren Speisezettel revolutioniert - und Klima- und Kältetechnik unseren Alltag. Aber: wie funktioniert künstliche Kälte eigentlich? (BR 2018) Autorin: Inga Pflug Credits Autor/in dieser Folge: Inga Pflug Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Xenia Tilling, Jerzy May, Rahel Comtesse Technik: Roland Böhm Redaktion: Nicole Ruchlak Interviewpartner/innen: Matthias Murko (langjähriger Mitarbeiter und Leiter Museum Industriekultur, Nürnberg); Thomas Röber (Deutsches Museum München, Kurator für Kraftmaschinen); Reinhard Hüßner (Kirchenburgmuseum Mönchsondheim, Museumsleiter); Günter Wolf (Kirchenburgmuseum Mönchsondheim, Museumsvorstand); Jonas Bollmann (Lehrstuhl für Technische Thermodynamik, Universität Erlangen-Nürnberg, wissenschaftlicher Mitarbeiter); Stefan Will (Universität Erlangen-Nürnberg, Leiter Lehrstuhl für Technische Thermodynamik) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Hitze in der Stadt - Kühlbringende Ideen und Lösungen JETZT ANHÖREN Mikrochips - Halbleiter als Global Player JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  • Clausewitz reloaded - Die Philosophie und der Krieg

    25.06.2025 · 24 Min.

    Was ist der Krieg? Und wieso tendiert er in der Moderne oft zur äußersten Gewalt? Antworten darauf gibt es bei einem Klassiker der Militärtheorie: Carl von Clausewitz. Ein Denker, der das Verhältnis von Krieg und Politik auslotet und dessen Theorie heute wieder erschreckend aktuell geworden ist. Von Jerzy Sobotta (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Jerzy Sobota Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Thomas Loibl, Hemma Michel, Florian Schwarz Technik: Lorenz Kersten Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Herfried Münkler, Politikwissenschaftler, Berlin; Prof. Gunnar Hindrichs, Philosoph, Basel Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Frieden - Persönliche Sehnsucht - Politische Utopie Frieden ist ein großes Ideal, ein alter Menschheitstraum - und mehr als die Abwesenheit von Krieg. Er schafft die Konflikte nicht aus der Welt, sondern hegt sie ein. Und vielleicht bedeutet nicht einmal der innere Frieden die absolute Stille aller Wünsche. Was macht Frieden aus? (BR 2022) Von Beate Meierfrankenfeld JETZT ENTDECKEN Vergebung als Chance - Ein Prozess der inneren Aussöhnung Wenn Beziehungswunden nicht heilen, können sie unser ganzes Leben verdunkeln. Die Verwundungen des Lebens holen uns immer wieder ein. Ein Plädoyer für echte Vergebung. (BR 2015) Von Elke Worg JETZT ENTDECKEN Kriegsenkel - Das besondere Erbe dieser Generation Transgenerationale Weitergabe nennen Psychologen das Phänomen der emotionalen Weitergabe von Kriegserlebnissen während des Zweiten Weltkriegs, von dem wohl rund ein Drittel der Kriegsenkel betroffen ist. (BR 2017) Von Daniela Remus JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Literaturtipps: Carl von Clausewitz, „Vom Kriege“: Das Hauptwerk des Kriegstheoretikers, erstmals 1832 posthum veröffentlicht. Auch als günstige und gekürzte Reclam-Ausgabe erhältlich. Dietmar Schlösser, „Carl von Clausewitz“: Eine kurze Einführung in sein Denken und Leben. Gibt einen guten Überblick zur Erstbeschäftigung. Gunnar Hindrichs, „Abseits des Krieges“: Ein nachdenklicher philosophischer Essay, der die aktuelle Rückkehr des Krieges aus dem Blick bedeutender Philosophen – u.a. Clausewitz – verstehen und historisch fassen will. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Es gibt Stunden, in denen die Geschichte plötzlich über das Leben der Menschen hereinbricht und alles verändert. Einer dieser Momente war die Nacht zum 24. Februar 2022. ATMO: Luftalarm-Kiew 01 OT: ARD-Nachrichtensprecher: Der russische Präsident Putin hat eine Militäroperation auf ukrainischem Gebiet angekündigt. Er habe die Entscheidung getroffen, sagte er in der Nacht in einer Fernseheransprache. 02 OT: Putin: … (russisch, 6 Sek. – Ohne OV) Overvoice männlich: Wir haben eine militärische Spezialoperation eingeleitet 03 OT: Wolodimir Selenskyj: Russland hat unser Land am frühen morgen brutal angegriffen, so wie es Nazi-Deutschland während des zweiten Weltkriegs tat. (OT ist overvoiced) SPRECHERIN Für die Ukraine hat Russlands militärischer Großangriff unermessliches menschliches Leid gebracht. Für Europa hat er eine Idee zerstört: Die Idee einer Europäischen Friedensordnung. Der Krieg ist zurück und er scheint die Welt in sich hineinzuziehen … Musik 2: The war rooms - 29 Sek SPRECHER Doch was ist Krieg? Wie bricht er aus? Und wieso führt er immer wieder in die äußerste Gewalt? Das sind Fragen, die sich auch Carl von Clausewitz gestellt hat: Der wohl wichtigste moderne Theoretiker des Krieges. Ein preußischer Offizier, der viele Kriege gesehen und sein ganzes Leben über sie nachgedacht hat. 04 OT Münkler: Intellektueller der das Wesen… „Also im Prinzip würde ich sagen: Clausewitz ist ein verkleideter Intellektueller, der versucht, ja im buchstäblichen Sinne das Wesen des Krieges – nicht seine Erscheinungen – sondern das Wesen des Krieges gedanklich zu erfassen.“ SPRECHER Das sagt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit Clausewitz. „Vom Kriege“ heißt das dicke Buch, in dem der Preuße posthum seine Gedanken über den Ursprung und die Natur des Krieges hinterlassen hat. Ein fast 200 Jahre alter Wälzer, den man heute wieder lesen muss, sagt Herfried Münkler. 05 OT Münkler: Clausewitz als politische Erkundungsfahrt „Ein intellektuelles Abenteuer ist er in Zeiten, in denen allgemein Frieden herrscht. Eine politische Erkundungsfahrt ist es hingegen in Zeiten, in denen wir das Gefühl haben, der Krieg drängt von vielen Seiten auf uns herein. Und wir kommen nicht weiter, wenn wir sagen: Und du bleibst draußen.“ Musik 3: The war rooms – siehe oben – 58 Sek 06 OT Münkler: Gefährliche Welt mit Gedanken durchdringen „Also Clausewitz gibt uns Kategorien in die Hand, mit denen wir auch in eine bedrohliche und gefährliche Welt hineinschauen können. Und sie überwältigt uns nicht, sondern wir durchdringen sie mit der Kraft des Gedankens.“ ATMO: Luftalarm: Ukraine 07 OT Von der Leyen: It is president Putin who is bringing war back to Europe. 08 OT Baerbock: Wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht. 09 OT Steinmeier: Ja dies ist eine Zäsur, eine tiefe Zäsur und wir spüren das bis ins Mark. Sie, Ihre Familien und auch ich selbst. SPRECHERIN Der Krieg als Zäsur. Er hat in ganz Europa den Glauben erschüttert, dass mit dem Fortschritt der Frieden kommt. Plötzlich ist sie zurück, die Angst vor einem Zustand der nackten Gewalt. Wie umgehen mit ihr? Was offenbart der Krieg über unsere Gesellschaft? (Musik aus) Um einige Antworten zu bekommen, können wir zurückgehen, zum Ursprung des modernen Krieges: Zurück in die Zeit von Carl von Clausewitz. MUSIK 4 – Old and new – 59 Sek SPRECHER Auch er erlebt eine Welt im Aufruhr: Geboren 1780, zu Beginn der Französischen Revolution ist er 9 Jahre alt. Mit zwölf tritt Clausewitz in die preußische Armee ein, um Offizier zu werden. In diesem Jahr beginnt der Revolutionskrieg Frankreichs gegen die europäischen Königtümer – und mit ihm ein über zwei Jahrzehnte andauernder Europäischer Großkrieg um die Zukunft des Kontinents. SPRECHERIN Clausewitz sieht diesen Krieg schon mit Dreizehn in den Schützengräben von Mainz. Er sieht ihn als junger Offizier in der großen Schlacht vor Jena und Auerstedt, als Preußen verheerend geschlagen wird. Und er sieht ihn 1812, als er im Dienste Russlands gegen Napoleon kämpft. Er sieht, wie dessen 600.000 Mann starke Armee im russischen Winter von Hunger, Frost und Kanonen aufgerieben wird. SPRECHER Über zwanzig Jahre Krieg und die Umwälzung der politischen Ordnung in ganz Europa. Etwas an diesem Krieg hat sich fundamental verändert: Was genau es ist, darauf sucht Clausewitz sein Leben lang nach einer Antwort. Es hat etwas mit der Natur des Krieges in der Moderne zu tun. SPRECHERIN Auf dem Schlachtfeld beobachtet er bei den französischen Soldaten eine noch nie dagewesene Energie und Kampfbereitschaft. Es ist die Hingabe für die Sache der Revolution, die sie von einem Sieg zum nächsten eilen lässt. Musik 5: Lashed tot he Mast – 13 Sek ZITATOR CLAUSEWITZ Der Krieg war urplötzlich wieder eine Sache des Volkes geworden, und zwar eines Volkes von 30 Millionen, die sich alle als Staatsbürger betrachteten. SPRECHERIN Im Kampf ums Überleben erlässt die junge Republik 1793 eine Wehrpflicht – die Levée en masse. Es ist die erste Wehrpflicht in Europa, die hunderttausende begeisterte junge Männer zu Soldaten macht. Statt Diplomatie und den Kabinettstischen der Monarchen, ist es nun Propaganda für Millionen, die über Sieg und Niederlage entscheidet: Im entfesselten Krieg der politischen Ideologien kämpfen ganze politische Systeme ums Überleben, um Sein oder Nichtsein. SPRECHER Diese Erfahrungen lassen Clausewitz völlig neu über den Krieg nachdenken. Dabei leitet ihn eine wichtige Einsicht, sagt Herfried Münkler: 10 OT Münkler: Nicht Waffen sondern Ideen entscheiden Kriege Nicht waffentechnische Innovation, nicht technologische Neuerungen sind entscheidend dafür, dass eine Seite überlegen und die andere Seite unterlegen. Sondern der politische Wille: Die Opferbereitschaft und Leidensbereitschaft einer Bevölkerung und letzten Endes die politischen Konstellationen, die Durchhaltefähigkeit, die Opferbereitschaft entscheidet einen Krieg. Das ist schon ein gewichtiger Punkt, den er damals gesehen hat und der im weiteren Sinne bis heute Gültigkeit hat. Musik 6: Penny taken to the hospital – 1 Min. 11 OT Selenskyj: Mut der Ukrainer Overvoice männlich Die Ukrainer und ihr Mut haben die ganze Welt beseelt. Sie haben der Menschheit eine neue Hoffnung gegeben: Dass die Gerechtigkeit unsere zynische Welt nicht endgültig verlassen hat. Dass nicht die Gewalt siegt, sondern die Wahrheit, nicht das Geld, sondern die Werte, nicht Öl, sondern Menschen. SPRECHER Den Kampf um die Emotionen seines Volkes und die seiner Verbündeten, hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj schon in den ersten Wochen des Krieges gewonnen. Ein wichtiger Sieg. Denn wenn Emotionen und Ideen das ganze Volk ergreifen, dann wirken sie wie „blinder Naturtrieb“ – schreibt Clausewitz. Sie setzen die Energie des Kampfes frei – und die Energie der Gewalt. Für ihn eine durch und durch ambivalente Größe: Unverzichtbar im Krieg aber mitunter auch unkontrollierbar und unsteuerbar, mit einem Hang zum Anarchischen. MUSIK aus SPRECHERIN: Doch es ist nicht nur politische Propaganda, die in der Moderne ganze Nationen in einen Strudel der Gewalt hineinreißt. Es ist die Logik des Krieges selbst. Clausewitz versucht diese Dynamik der Enthemmung bereits in seiner Definition des Krieges zu erfassen. Dafür entwirft er folgendes Bild: Man stelle sich zwei Ringende vor, die sich im Zweikampf befinden. ZITATOR CLAUSEWITZ Jeder sucht den anderen durch physische Gewalt zur Erfüllung seines Willens zu zwingen; sein nächster Zweck ist, den Gegner niederzuwerfen und dadurch zu jedem ferneren Widerstand unfähig zu machen. Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen. SPRECHERIN Diese Definition ist das Herzstück der Theorie des Krieges von Clausewitz: Im Krieg geht es darum, dem Gegner seinen Willen aufzuzwingen – mit nackter Gewalt. Weiter heißt es: ZITATOR CLAUSEWITZ Die physische Gewalt (..), ist also das Mittel, dem Feinde unseren Willen aufzudringen, der Zweck. Um diesen Zweck sicher zu erreichen, müssen wir den Feind wehrlos machen, und dies ist dem Begriff nach das eigentliche Ziel der kriegerischen Handlung. ATMO: Explosionen von Bomben + Musik 7: Escape from the train – 48 Sek SPRECHERIN Vom Krieg erfasst, kann sich keiner der Gegner mehr aus ihm herausziehen – ohne den anderen zu unterwerfen. Hieraus ergibt sich eine eigentümliche Tendenz zur Eskalation der Gewalt, zur Verlängerung des Blutvergießens. ATMO: Explosionen, Düsenflieger ZITATOR CLAUSEWITZ Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, und es gibt in der Anwendung derselben keine Grenzen; so gibt jeder dem anderen das Gesetz, es entsteht eine Wechselwirkung, die dem Begriff nach zum äußersten führen muss. ATMO: Bomben SPRECHERIN Es ist die berühmte Gewaltspirale: Das Wettrüsten, das schnelle Auflodern von bewaffneten Konflikten. Einmal in Gang gesetzt – ist sie nur noch schwer zu stoppen. (Musik aus) Clausewitz findet drei eskalierende Faktoren, die diese verhängnisvolle Wechselwirkung antreiben: SPRECHER Erstens: Wer mehr Gewalt anwendet, der ist im Vorteil – das gilt für beide. Zweitens: Man muss den Gegner wehrlos machen und ihn dauerhaft schwächen. Andernfalls schlägt er zurück. Damit zwingen sich beide gegenseitig aufs Ganze zu gehen. Das Maß der Enthemmung bestimmen nicht sie selbst, sondern jeweils der Gegner. Und Drittens: Die Feinde schätzen die Widerstandskraft des anderen ab. Und jeder will sie übertreffen. SPRECHERIN Diese Logik der Gewalteskalation kann bis zur völligen Vernichtung der Gegenseite führen. Clausewitz nennt das den „absoluten Krieg.“ 12 OT Münkler: absoluter Krieg Er führt den Begriff des ‚absoluten Krieges‘ ein, um die zumindest zunächst mal Denkmöglichkeit einer Steigerung bis zum Äußersten einzuführen. Und dann hinzuzufügen: Dass das auch Wirklichkeit wird – oder in die Wirklichkeit hereinspielt, davon müssen wir ausgehen. SPRECHERIN Erläutert der Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Aus Clausewitz Begriff heraus kennt der Krieg also keine Mäßigung. Doch der „absolute Krieg“ beschreibt mehr die logische Tendenz des Krieges – die Richtung, die er seinem Begriff nach nimmt. Tritt der Krieg aber in die Wirklichkeit, so wird er sogleich ausgebremst und abgeschwächt. Denn dort wirken drei moderierende Tendenzen: SPRECHER Erstens: Feinde kennen und beobachten sich. Sie wissen um die Schwächen und Ressourcen des Gegners und können abschätzen, wie weit er gehen kann. Das mäßigt auch die Gegenseite. Zweitens: An die Stelle der Furcht vor einem Totalangriff tritt die Wahrscheinlichkeitsrechnung, was der Gegner wo und wie einsetzen wird. Und Drittens: Eskalationen können unterlassen werden, als politisches Zeichen an die Gegenseite, dass man nicht aufs Äußerste geht. MUSIK 8: Old and New – siehe oben – 41 Sek SPRECHER Trotz aller mäßigenden Tendenzen der Wirklichkeit – der fast zwanzigjährige Krieg Frankreichs gegen den Rest Europas ist für Clausewitz besonders: Hier hat sich der wirkliche Krieg dem absoluten Krieg in beunruhigender Weise angenähert. Es ist ein Krieg aufs Äußerste, in dem sich bereits düster das Millionensterben der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts ankündigt. In ihnen trifft die politische Massenmobilisierung dann auf industrielle Massenproduktion: Hinterlader, Maschinengewehre, Giftgas, Panzer, Bomber … und letztlich die Atombombe. SPRECHERIN Clausewitz hat diese verhängnisvolle Dialektik des Fortschritts bereits mitgedacht. Er schreibt: ZITATOR CLAUSEWITZ Da der Gebrauch der physischen Gewalt in ihrem ganzen Umfange die Mitwirkung der Intelligenz auf keine Weise ausschließt, so muß der, welcher sich dieser Gewalt rücksichtslos, ohne Schonung des Blutes bedient, ein Übergewicht bekommen, wenn der Gegner es nicht tut. SPRECHERIN Der Fortschritt der Intelligenz und der Gebrauch der Gewalt stehen also nicht im Widerspruch zueinander. Das ist auch ein Urteil über die Aufklärung. Für Clausewitz wäre es falsch zu denken, dass der Prozess der Zivilisierung zu einer Abmilderung der Gewalt führt. Das nennt er sogar den „Irrtum der Gutmütigkeit“. Der Fortschritt geht vielmehr mit einer immer raffinierteren Entwicklung der Waffen einher. Damit setzt Clausewitz sich ab vom Philosophen Immanuel Kant, dessen eifriger Leser er ist. Gunnar Hindrichs, Philosophie-Professor an der Universität Basel, erläutert: 13 OT Hindrichs: Kant und der Friede Die Kantische Geschichtsphilosophie ist unter der Idee des Friedens gefasst. Friede als letzter Gesichtspunkt, unter dem menschliche Geschichte begriffen werden kann - auf den hinzulaufend menschliche Geschichte gedeutet werden muss. Und das bedeutet für Kant die zunehmende Verrechtlichung menschlicher Verhältnisse. SPRECHERIN Über das Recht und den Frieden macht Clausewitz sich nur wenig Gedanken. Für den Theoretiker des Krieges wäre Frieden vermutlich nur eine zeitweise und brüchige Abwesenheit von Krieg. Krieg ist für ihn vielmehr ein menschliches Faktum, das es zu verstehen und zu meistern gilt. 14 HINDR Clausewitz kennt keinen Frieden Und da könnte man sagen, dass Clausewitz diese Art von Versöhnung in der starken Emphase nicht kennt. SPRECHERIN Zwar ist Clausewitz ein Zeitgenosse Goethes und Hegels, doch sein Denken ist eigentlich bereits nach-klassisch, sagt Gunnar Hindrichs. Clausewitz ist ein politischer Realist: Die Gewalt des Faktischen hat alle geschichtsphilosophische Spekulation auf einen versöhnten Menschheitszustand verdrängt. Und trotzdem kann man bei Clausewitz erfahren, wie der Krieg eingehegt werden könnte. Der wichtige Begriff dabei ist aber nicht der Friede – sondern die Politik. MUSIK 9: Old and New – s.o. – 35 Sek ZITATOR CLAUSEWITZ „Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln“. SPRECHER Das ist der zentrale Satz, der von Clausewitz bis heute in Erinnerung geblieben ist. Mit anderen Worten: Den Krieg versteht man nur, wenn man ihn von der Politik her denkt. ZITATOR CLAUSEWITZ Der Krieg (…) ganzer Völker (…) geht immer von einem politischen Zustande aus und wird nur durch ein politisches Motiv hervorgerufen. Er ist also ein politischer Akt. SPRECHER Krieg ist also kein ewiger Zustand des Seins, keine Naturgewalt, die plötzlich über den Menschen hereinbricht. Sondern: Er ist eine bewusst herbeigeführte politische Entscheidung. Gunnar Hindrichs greift diesen Gedanken auf. In seinem Buch „Abseits des Krieges“ schaut er aus der Perspektive der Philosophie auf die neue Aktualität des Kriegs in Europa. Und auch der berühmte Clausewitz-Satz taucht darin auf: Dass der Krieg eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei. 15 OT Hindrichs: Clausewitz-Satz erklärt Das heißt: Fortsetzung heißt nicht „Absage von“, „brechen mit“, sondern heißt: Weiterführen. Und dieses Weiterführen erfolgt natürlich mit anderen Mitteln, das heißt: Es kommt etwas Neues hinzu. Da werden schon andere Mittel eingemischt. Aber gleichzeitig wird eben das Politische fortgesetzt. Das heißt, wir gehen nicht aus dem politischen Raum raus, sondern er bleibt der Horizont, in dem der Krieg zu verstehen ist und von daher begriffen werden muss. SPRECHER Die Politik setzt den Zweck des Krieges. Sie durchzieht ihn und übt fortwährend Einfluss auf ihn aus. Und der Krieg selbst ist bloß ein „politisches Instrument“. Für Gunnar Hindrichs steckt hier der Schlüssel für das moderne Verständnis des Militarismus und seiner Gefahren. 16 OT Hindrichs: Zwei Interpretationen Das ist für mich das Interessante, dass wir tatsächlich die beiden gesellschafts-philosophischen Interpretationen unserer bürgerlichen Welt von diesem Satz her unterschiedlich lesen können. Also lesen wir ihn einmal von rechts nach links oder von links nach rechts. SPRECHERIN: Da wäre zum einen das Verständnis, das Liberale und Konservative miteinander teilen: Militarismus entsteht dann, wenn sich das Gewaltmittel des Krieges über das politische Denken ausbreitet und es erdrückt. Wenn Krieg zum Selbstzweck wird. „Totalen Krieg“ nannte das Erich Ludendorff, ein wichtiger General im Ersten Weltkrieg. Und wenige Jahre später Nazi-Propagandist Joseph Goebbels. Alle Teile der Gesellschaft werden hier in den Bann des Krieges hineingezogen: Landwirtschaft, Industrie, Finanzen, Wissenschaft, Kirche – und die Politik. SPRECHER: Die Lehre aus der Katastrophe der beiden Weltkriege heißt: Der Krieg ist ein Handwerk; er muss von der Staatskunst eingehegt und eingegrenzt werden. Deswegen hat die Bundesrepublik eine Parlaments-Armee und bezeichnet ihre Soldaten als „Bürger in Uniform“. Das nennt Gunnar Hindrichs die liberal-konservative Militarismus-Kritik. In ihr kommt Staatskunst prinzipiell auch ohne Krieg aus. 17 OT Hindrichs: Linke Militarismus-Kritik Und die andere Seite würde sagen: Das ist genau die Illusion. Die bürgerliche Gesellschaft ist so verfasst, dass sie gar nicht ohne Krieg auskommen kann. Dass die bürgerliche Staatskunst immer schon an die Durchführung und Aufrechterhaltung jener sozio-ökonomischen Zusammenhänge gebunden ist, die gar nicht ohne Gewalt auskommen. Das heißt, sie birgt selbst bereits Gewalt und damit die Gefahr des Krieges in sich. SPRECHERIN Das nennt Hindrichs die „linke“ oder sozialistische Kritik am Militarismus. Diesem Verständnis nach ist Gewalt nicht ein Mittel, das zur Politik äußerlich hinzukommt. Sondern, die ökonomische Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft ist selbst latent gewaltförmig: durch wirtschaftliche Ausbeutung und die Unterdrückung von Klassen und Völkern zur Steigerung des Profits. SPRECHER In einer ähnlichen Weise hatte auch der französische Philosoph Michel Foucault den Satz von Clausewitz umgedreht: Die Politik sei die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Demnach ist es die latente Gewalt der Verhältnisse, die im Krieg augenscheinlich wird und den Schein der alltäglichen Zivilität zerreißt. Musik 10: Lashed to the mast – siehe oben – 33 Sek SPRECHERIN Aus dieser Perspektive lässt sich auch die Theorie von Clausewitz verstehen. Sie führt Folgendes vor Augen: Menschliches Handeln, das auf Konflikt und Konfrontation ausgelegt ist, führt in letzter Konsequenz in den Krieg. – Bis zur totalen Unterwerfung und Vernichtung des Gegners. Doch damit birgt die Theorie auch ihr Gegenteil, sagt der Philosoph Gunnar Hindrichs. Die Möglichkeit des Friedens: 18 OT Hindrichs: Über Clausewitz hinaus Durch die Betonung des Extremal-Prinzips Gegenhandeln ermöglicht Clausewitz uns zu verstehen, was die Überwindung des Krieges und der kriegerischen Grundstruktur der bürgerlichen Gesellschaft darstellt. Nämlich: Menschliches Miteinander-Handeln und von diesem Miteinander-Handeln die Gesellschaft zu verstehen. Das steht zwar nicht in Clausewitz drin. Aber das ist dasjenige, was er uns ermöglicht zu begreifen. SPRECHERIN Derart gegen den Strich gebürstet, lässt sich also auch in Clausewitz ein utopischer Kern freilegen. SPRECHER Allerdings nur, wenn Clausewitz in seinem radikalen Realismus ernst genommen wird. Denn Miteinander-Handeln darf nicht in dem „Irrtum der Gutmütigkeit“ münden, warnt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Mit anderen Worten: Der Verzicht auf Gewalt ist historisch nicht verbürgt: 19 OT Münkler: Einziger genügt Und selbst wenn alle darauf verzichten, dieses Mittel einzusetzen. Es genügt ein einziger unter ganz vielen, der es gebraucht, um die anderen zu zwingen es auch zu gebrauchen, wenn sie nicht von ihm unterworfen werden wollen. ATMO: Luftalarm + Musik 11: Passing the point - 1:35 Min 20 OT Putin Abschreckungswaffen Overvoice männlich Ich befehle dem Verteidigungsminister, die Abschreckungskräfte der russischen Armee in einen besonderen Kampfmodus zu versetzen. SPRECHER Der Russische Angriff auf die Ukraine hat zwei große Illusionen zerstört, sagt Herfried Münkler: Erstens, dass ein großer Krieg in Europa der Vergangenheit angehört. Dass der historische Fortschritt eine bleibende Friedensordnung auf dem Kontinent errichtet hat und der Krieg dem Handel gewichen ist. Und Zweitens: Dass im Zeitalter der Atombombe ein großer Landkrieg nicht mehr möglich ist. Damit hat dieser Krieg Grundsätzliches in Frage gestellt. Und Clausewitz kann dabei helfen, sich in dieser neuen – eigentlich ganz alten – Realität zu orientieren. 21 OT Münkler: Berlin und Kiew Wenn die verantwortlichen Politiker in Berlin Clausewitz gelesen hätten. Dann hätten sie nicht so gezögert und herumlaviert, erstens: Der Ukraine Waffen zur Verfügung zu stellen, die sie braucht, um sich zu verteidigen. Und zweitens: Die Rüstungsproduktion hochzufahren. Weil relativ früh klar war, das ist kein Niederwerfungskrieg, das ist ein Abnutzungskrieg.

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