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Melancholie in der Philosophie - Zwischen Genialität und Wahnsinn

13.12.2023 · 24 Min.

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Über diese Folge

Melancholie wird mal als genialisch, mal als krankhaft beschrieben. So auch in zentralen philosophischen Betrachtungen: Von der Antike bis zur Moderne wird der Melancholiker bewundert und verehrt, beklagt und verurteilt. Doch was ist "Melancholie" überhaupt? Ein Blick in die Geistesgeschichte der Melancholie. (BR 2022) Autorin: Susanne Brandl

Credits
Autor/in dieser Folge: Susanne Brandl
Regie: Eva Demmelhuber
Es sprachen: Irina Wanka, René Dumont
Technik: Regina Staerke
Redaktion: Bernhard Kastner

Im Interview:
Mariela Sartorius (Autorin und Fotografin);
Andreas Bähr (Professor Dr.; Kulturwissenschaftler);
László F. Földényi (Autor und Essayist)

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Literaturtipps:

Mariela Sartorius: Die hohe Kunst der Melancholie: Die Autorin holt die Melancholie aus ihrer dunklen Ecke. Auf der Suche nach einem positiven.

Lászlo Földényi: Melancholie: Matthes & Seitz, Berlin. Streifzug durch die Kultur- und Philosophiegeschichte der Melancholie. Ausführliche Studie.

Peter Sillem: Melancholie oder vom Glück, unglücklich zu sein. Dtv. Die wesentlichsten Schriften zum Thema Melancholie, Theophrast, Ficino, Kierkegaard uvm.

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

ZITATOR SHAKESPEARE: „Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind und unser kleines Leben ist von einem Schlaf umringt.“ 

01 O-TON Sartorius: 

„Oh ja, ja, sehr schön, genau auf den Punkt gebracht. Shakespeare … Bob Dylan mit seinen Texten, Handke, ganz wunderbar.“

SPRECHERIN:

Die Münchner Autorin und Fotografin Mariela Sartorius kennt Melancholie aus eigenem Erleben. Sie hat ein Buch über diese Stimmung verfasst, mit der Absicht, die Melancholie aus ihrer düsteren Ecke zu holen. 

02 O-TON Sartorius: 

„Mir ist es immer ganz wichtig, den Unterschied zur Depression rauszustellen. Melancholie ist ein Genuss, keine Krankheit, man sollte sie sich gönnen, ab und zu. Und ich finde, Depression engt ein, und Melancholie macht genau das Gegenteil, sie weitet, zeitlich, räumlich. Es ist so ne Gradwanderung. Man muss darauf achten, nicht in die Depression abzurutschen und auf der anderen Seite nicht in den Kitsch und die Sentimentalität.“

SPRECHERIN:

Man spürt sie oder eben nicht, die Melancholie. Wenn sie kommt, dann weiß der Betroffene, sofern er in sich hineinhört, ziemlich genau: ah ja, da ist sie wieder. So beschreibt Mariela Sartorius die Melancholie. Ihr mit Worten gerecht zu werden oder sprachlich zu definieren ist allerdings äußerst kompliziert. (So schwierig wie es zum Beispiel ist, Musik zu beschreiben.)

SPRECHERIN:

Noch schwieriger wird es, wenn es darum geht, Melancholie wissenschaftlich oder historisch zu erfassen. Denn die heutige Wissenschaft weicht ihr weitestgehend aus und jede Epoche hat ein jeweils anderes Bild von Melancholie. 

Seit ca. 2.500 Jahren werden so viele unterschiedliche Kriterien auf den Tisch gelegt, dass die Suche nach einer ganzheitlichen Beschreibung der Melancholie einer Mammutaufgabe gleicht.

Der ungarische Autor Lazlo Földenyi hat es gewagt. In zwei enormen Studien geht er der Melancholie auf den Grund. Sein Ergebnis:

03 O-TON Földenyi:

„Ich würde schon sagen, Melancholie ist wie ein schwarzes Loch. Man kann um die Melancholie herumspazieren, viel schreiben, man kann sich immer wieder annähern. Sie selbst kann man nicht anfassen, sondern nur durchleben.“

SPRECHERIN:

Das Wort Melancholie stammt aus dem Altgriechischen und heißt so viel wie „Schwarze Galle“. Zum ersten Mal findet sie sich bei Homer, der über das finstere Herz von Agamemnon schreibt, das von schwarzer Galle umströmt sei. Der antike Arzt Hippokrates, der etwa 460 Jahre vor Christus lebte, entwickelte das Konzept der Viersäftelehre. Danach ist der Mensch dann gesund, wenn seine vier Säfte, das Blut, der Schleim, die gelbe und die schwarze Galle in Balance seien.

SPRECHERIN:

(Aber was genau hatte es mit schwarzer Galle auf sich? War sie gut oder schlecht?) Bei Aristoteles durfte sich die Melancholie mit positiven Attributen schmücken. Wobei sich nicht Aristoteles selbst darüber geäußert hat, sondern wohl einer seiner wichtigsten Schüler: Theophrast. Aus dessen Feder stammt die Sentenz:

ZITATOR Aristoteles: „Warum erweisen sich alle außergewöhnlichen Männer in Philosophie oder Politik oder Dichtung oder in den Künsten als Melancholiker?“

04 O-TON Földenyi: 

„Und das ist eigentlich der Beginn des Melancholie-Bewusstseins. Zuerst wird hier auf Melancholie reflektiert und das ist bis zum heutigen Tag ein sehr berühmter und oft zitierter Satz. So fängt Melancholie in der abendländischen Geschichte an.“ 24s

SPRECHERIN:

Was der Philosoph mit „außergewöhnlich“ meint, wird deutlicher, wenn er bestimmte Melancholiker beim Namen nennt. 

05 O-TON Földenyi: 

„Das waren einerseits Heroen aus der Mythologie, er nennt Aias, Bellerophontes und Herakles und dann nennt er auch Philosophen wie Empedokles, Platon, Sokrates, ein Politiker: Lysander. Also lauter Figuren, die eine außergewöhnliche Leistung hinter sich hatten. Das ist eine Grenzerfahrung, was die alle geleistet haben und alle haben auch die Grenzen überschritten und deswegen wurden sie melancholisch.“

SPRECHERIN:

Außerdem heißt es bei Theophrast, dass Melancholiker zum Wahnsinn neigen, was in der Antike als eine schöne, göttliche Gabe verstanden wird. Denn wie Wahrsager vermögen sie es, aus der Zeit zu treten, die Zusammenhänge des Seins zu erkennen. 

Diese Erkenntnisfähigkeit, das Künstlerische oder auch das Fallen aus der Zeit sind Dinge, die sich bis in das heutige Melancholie-Verständnis hineingehalten haben.

06 O-TON Sartorius: 

„Natürlich ist das mit Erkenntnis verbunden. Wenn Sie denn nachdenken und das sollte immer mit der Melancholie verbunden sein: warum hat mich das jetzt so, wie sehe ich es denn jetzt, wie sah ich es gestern das Thema oder die Umstände. Es ist vor allem ein sich bewusst machen des Vergänglichen. Es macht aber nicht traurig, sondern es versöhnt. Und wenn man ne melancholische Phase hat, ist man ja direkt ein bisschen wund an dieser dünnen Haut, die es hereingelassen hat und um kreativ zu sein, muss das, was in mich eingedrungen ist, wieder raus. Und das ist dann ne Basis für kreatives Tun.“

SPRECHERIN:

Für Lazlo Földenyi ist Melancholie verbunden mit dem Gefühl von Unlösbarkeit. (Unlösbare Aufgaben und große Momente, wie sie auch die Heroen der Antike durchlebten, machen melancholisch.) 

07 O-TON Földenyi:

„Wir alle erleben Momente, wo wir meinen, diese Situation ist unlösbar und trotzdem etwas sehr Wichtiges geschieht, das kann eine übergroße Freude sein oder eine große Trauer oder verliebt sein oder ein kathartischer Kunstgenuss sein. Und man spürt, hier passiert irgendwas, aber was, das kann ich nicht genau in Worte fassen.“

SPRECHERIN:

(Der Welt für einen Moment abhanden zu kommen), in einer unlösbaren Sphäre zu versinken, die mit der Zeitlichkeit konfrontiert, die Grenzen des eigenen Seins aufzeigt, ist in der Antike noch mit Faszination verbunden. 

Ganz anders sehen es die Philosophen und Kirchenväter des Mittelalters. Der durchlässige Zustand, dem Erkenntnis nähersteht als Glaube, kann nur eines sein: Teufelswerk. Melancholisch zu sein bedeutet, Gott in Zweifel zu ziehen.

08 O-TON Földenyi:

„Der Melancholiker sehnt sich in das Jenseits, aber das ist nicht religiös gemeint, sondern eher das Unbekannte. Und im Mittelalter gibt es das nicht, sondern es muss alles erklärt werden, alles muss in der großen Kette des Seins eingefügt werden, unbekannt kann nichts bleiben, denn da erscheint der Teufel.“ 22s

SPRECHERIN:

Im klösterlichen Mikrokosmos, geprägt von Entsagung, Gebet und Arbeit gilt die der Melancholiker als faul. So jedenfalls sieht es der Theologe und Philosoph Thomas von Aquin:

ZITATOR Thomas von Aquin: 

„Bisweilen dringt sie bis zur Vernunft durch, die in die Flucht einstimmt und in den Schauer und in den Abscheu vor dem göttlichen Gut, wobei das Fleisch gegen den Geist die volle Überhand hat.“

10 O-TON Földenyi: 

„Thomas von Aquin empfiehlt viele unterschiedliche Heilmittel. Z.B. die Suche nach Freude, viel weinen, da Tränen die seelische Spannung lindern, Schlaf, Bäder, sehr viel Beten.“

SPRECHERIN: 

Auch heute noch gilt die Trägheit als eine der sieben Todsünden.

11 O-TON Sartorius: 

„Die Melancholie, die emanzipiert sich natürlich ein bisschen gegenüber dem Glauben. Melancholie sieht ja immer auch das Ende und die andere Seite und die Kirche sieht ja kein Ende, es geht ja immer ganz toll weiter, oder sehr heiß in der Hölle.“ 

SPRECHERIN:

Die Rettung der Melancholie ist die Renaissance, die von Italien ausgeht. Man besinnt sich wieder auf die Werte der Antike und zum ersten Mal steht der Mensch mit all seinen Widersprüchen im Mittelpunkt des Denkens. Damit hat auch die Melancholie wieder eine Daseinsberechtigung. 

Einer, der sich intensiv mit dem Melancholie Konzept der Antike befasst, ist der Philosoph Marsilio Ficino, der führende Kopf der Florentiner Akademie. In seinem Werk „Libri de vita triplici“ von 1482 zeichnet er ein dynamisches Melancholie-Bild.

12 O-Ton Földenyi: 

„Melancholie ist für ihn schon ein dynamischer Begriff. Also Melancholie ist keine Krankheit, meint er, aber auch nicht der Gesundheit zuzuordnen, sondern eine Art von Zwischenstadium, ein ständiges Gefährdetsein. Er selbst litt an Melancholie. Und mal beklagt er sich - er meint: Ich bin unglücklich, weil ich so melancholisch bin und anderswo schreibt er: Ich bin glücklich, dass ich so melancholisch bin, denn das ist die Vorbedingung für Philosophie und für große Taten.“ 20s

ZITATOR Marsilio Ficino: 

„Wegen meiner allzu großen Furchtsamkeit klage ich mein melancholisches Temperament an und das ich nur durch häufiges Lautenspiel ein wenig lindern und versüßen kann. dann will ich dem Aristoteles beistimmen, der gerade sie für eine göttliche Gabe hält.“

SPRECHERIN:

Ficino sucht nach dem Auslöser seiner eigenen melancholischen Auswüchse und wird in der Astrologie fündig. (Er selbst sei ein Kind des Saturn), schreibt er und alle Melancholiker seien im Zeichen des Saturn geboren. Ein für die heutigen Begriffe eigentümlicher Zusammenhang. 

13 O-TON Földenyi: 

„Das kommt noch aus dem Hellenismus. Da hat man sich sehr viel mit Astrologie beschäftigt. Und da erschien es zum ersten Mal: Der Saturn ist der Planet der Melancholie und alle, die im Zeichen von Saturn geboren sind, sind Melancholiker. Und später in der Renaissance, die Astrologie kommt zu einem neuen Leben und alle beschäftigen sich damit.“ 5s

ZITATOR Ficino: 

„Der Saturn trennt den Menschen von den anderen, macht ihn zu göttlicher Einsicht fähig, glückselig, aber auch von äußerem Elend bedrückt. Es scheint, dass mir der Saturn von Anfang an das Siegel der Melancholie aufgedrückt hat.“

SPRECHERIN: 

Zwar ist der Einfluss des Saturn nicht zu ignorieren, aber letzten Endes ist die melancholische Persönlichkeit für ihr eigenes Schicksal selbst verantwortlich. Typisch Renaissance also. (Der Melancholiker kann sein Seelenheil selbst herausfordern und beeinflussen.)

14 O-TON Földenyi: 

Und was seine große Neuerung ist: durch entsprechende Betätigung kann jeder Mensch unter den Einfluss des Saturn gelangen, also das heißt: Melancholie ist mit Kreativität verbunden. Und jeder soll danach streben, kreativ und auch melancholisch zu sein.

SPRECHERIN:

Wie aber strebt man danach? Mariela Sartorius meint, um melancholisch zu sein braucht es (eine Begabung), eine hohe Sensibilität. Aber es gibt auch sowas wie Melancholie-Trigger.

15 O-TON Sartorius:

„Bewusste und auch unbewusste. Bei den meisten Melancholikern ist es Musik. Bei mir sind es Texte. Wenn ich irgendwo eine sehr schöne Formulierung lese, dann stellen sich mir die Haare auf vor Genuss. Man kann sie sich nicht reinziehen, wie: ach heute Nachmittag mal bisschen Melancholie. Man muss die Fähigkeit zur Nachdenklichkeit haben.“ 10s

SPRECHERIN:

Geradezu zelebriert wird Melancholie im Zeitalter des Barock, vor allem von denjenigen, die in Prunk und Fülle leben. Melancholie ist weniger ein zu analysierendes Phänomen als ein Gefühl des Morbiden. Sich sehnsüchtig und auch etwas selbstmitleidig in tiefe Abgründe gleiten zu lassen, das ist in der adeligen Gesellschaft damals en vogue. 

16 O-TON Sartorius:

„Am Hof des Ludwig des 14., des 15. und vielleicht auch des 16. Ludwig, ja da malten sich die Höflinge Tränen auf die Wangen, damit es so aussieht als hätten sie geweint vor lauter Sensibilität und Melancholie, oh mein Gott! Da war es ein bisschen Usus und auch Mode“. 3s

17 O-TON Bähr 

„sie war eben auch ein Zustand, der die Dichtung inspiriert und der die Nähe zum Göttlichen herstellen und auch Ausdruck von Gelehrsamkeit sein konnte.“ 

So Andreas Bähr von der Europa Universität in Frankfurt.

SPRECHERIN:

Von den dunklen Gemälden des Barock schauen Totenköpfe und verwelkte Blumen, Vanitas und Memento-Mori-Motivik zieht sich durch die Lyrik. Der schlesische Dichter Andreas Gryphius um 1640:

ZITATOR Gryphius: 

„Mir ist, ich weiß nicht wie, ich seufze für und für.

Ich weine Tag und Nacht; ich sitz′ in tausend Schmerzen;

Und tausend fürcht′ ich noch; die Kraft in meinem Herzen

Verschwindt, der Geist verschmacht′, die Hände sinken mir.“

SPRECHERIN:

Gut 100 Jahre später wird wieder von außen draufgeblickt: Immanuel Kant schreibt in seinen Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen: Der Melancholiker:

ZITATOR Kant: 

„hat vorzüglich ein Gefühl für das Erhabene. Selbst die Schönheit, für welche er ebenso Empfindung hat, muss ihn, indem sie ihm Bewunderung einflößt, rühren. Der Mensch von melancholischer Gemütsverfassung bekümmert sich wenig darum, was andere urteilen, was sie für gut oder für wahr halten, er stützt sich deshalb bloß auf seine eigene Einsicht. Er sieht den Wechsel der Moden mit Gleichgültigkeit und ihren Schimmer mit Verachtung an. Er erduldet keine verworfene Untertänigkeit und atmet Freiheit in einem edlen Busen. (Alle Ketten, von den vergoldeten an bis zu dem schweren Eisen der Galeerensklaven sind ihm abscheulich.)“

SPRECHERIN:

Aber Kant ändert seine Einstellung zur Melancholie 30 Jahre später im grundlegend. Im Licht der Aufklärung wird die Melancholie zum Gravitationszentrum vieler moralphilosophischer Debatten. Das Melancholische als lichtscheue, unberechenbare Größe, die nicht nur im Gegensatz zur Vernunft steht, sondern auch mittels Verstand schwer begriffen werden kann, gilt es zu bezwingen und zu verurteilen. Kants Haltung zur Melancholie wird ambivalent:

18 O-TON Bähr: 

„Dieser melancholische Charakter kann sozusagen ausarten. Und dann kommen Zustände dabei heraus, Schwermut, Schwärmerei, in Rachbegierde und dann kann eine melancholische Person durchaus furchterregend werden und kann negative Züge bekommen. Und dann wird Melancholie mit Phantasterei in Verbindung gebracht. Da haben wir eine Melancholie, die umkippen kann in einen pathologischen Zustand.“

SPRECHERIN:

Genauer gesagt: (in trübsinnige Selbstquälerei.) In einen Wahn von Elend, der zur Gemütskrankheit führen kann. Allerdings ist diese Art von Melancholie zu überwinden:

19 O-TON Bähr: 

„Durch eine Form von Selbstkontrolle, die letztlich über die Vernunft geleistet werden muss. Gleichzeitig ist sich Kant darüber bewusst, dass der Mensch nunmal nicht nur ein Vernunftwesen ist, sondern auch ein körperliches Wesen, ein empfindendes Wesen und dass diesen Versuchen vor dem Hintergrund auch Grenzen gesetzt sind.“

SPRECHERIN:

Die Dialektik von Geist und Körper, von Licht und Schatten lässt sich nicht auflösen: Während die Vertreter der Aufklärung die Melancholie als grundlose und krankhafte Traurigkeit denunzieren, gibt es auch immer mehr Anhänger der Empfindsamkeit, die im melancholischen Befinden ein höher inspiriertes Leben sehen. (Die Haltung gegenüber der Melancholie wird zur Gretchenfrage.)

Die Melancholie ???? K  ist (mit den Anfängen psychologischer Betrachtungen) während der Aufklärung in den Bereich der Krankheit verbannt. Damit ist sie gebrandmarkt. Als geschriebenes Wort taucht sie immer seltener auf. Aber als Empfindung bahnt sie sich im Reich der Künste ihren Weg.

SPRECHERIN:

In Malerei und Musik schwingt sie immer mit, als Nebelmeer oder Mondnacht. Die Melancholie als Membran, die das Jenseits durchscheinen lässt. 

20 O-TON Földenyi: 

„Der französische Dichter Charles Baudelaire schrieb einmal über irritierende Melancholie und er meinte, die entströmt der Dichtung und der Musik, denn sie zeigt uns eine Welt jenseits des Grabes. Aber er meint, dieses Jenseits des Grabes, das erscheint noch hier im Diesseits. (Musik und Dichtung ist für ihn eine Jenseitserfahrung, aber noch in diesem Leben.) Aber das hat nichts mit Glaube oder mit der Religion zu tun.“

SPRECHERIN:

Dieses melancholische Erleben suchen die Romantiker auch häufig in der Natur. 

ATMO (Vogelgezwitscher)

Ein Ort, in dem sich die Melancholie gut finden lässt, so die Autorin und Fotografin Mariela Sartorius:

21 O-TON Sartorius:

„Wenn ich allein so durch die Wälder stromere, da beginnt tatsächlich ein Gefühl, als ob ich verwandt wäre mit dieser Natur, mit nem Grashalm, mit nem Baum, mit ner Wolke, mit nem Lichteinfall und das macht mich ungeheuer durchlässig und da entstehen phantastische Gefühle, die immer mit Melancholie verbunden sind. Denn natürlich weiß man: der Baum stirbt langsam ab, was nicht traurig ist, es ist ein normaler, guter Rhythmus in der Natur.“

SPRECHERIN:

Die Melancholie als Wissen um das Ende.

Diese Ausrichtung auf die Zukunft, ist besonders für einen Melancholiker die Haupt-Quelle seines Leidens. Es ist der Philosoph Sören Kierkegaard.

ZITATOR Kierkegaard: 

„Was ist meine Krankheit? Schwermut. Wo hat diese Krankheit ihren Sitz? In der Einbildungskraft; und ihre Nahrung ist die Möglichkeit.“

SPRECHERIN:

Das Einbilden, also das Hoffen auf eine noch nicht eingetretene Zukunft oder das Versinken in eine vergangene Zeit, ist für Kierkegaards Melancholie-Verständnis zentral. Der Melancholiker empfindet eine Art Gegenwartsverlust. 

22 O-TON Bähr: 

„Das, was beschrieben wird, ist eine Befindlichkeit der Abwesenheit, wenn man so will. Also die Gegenwart wird als unerfüllt wahrgenommen. Daraus resultiert eine doppelte Fluchtbewegung. In die Vergangenheit und eine Hoffnung auf zukünftige Zustände. Das spezifisch Melancholische daran, ist dass diese Fluchtbewegung keinen Erfolg hat, weil das Vergangene selbst im Grunde ein Zustand des Unerfülltseins ist und das Künftige ein Zustand der Unerfüllbarkeit.“ 

(SPRECHERIN:

Der Mensch, meint Kierkegaard, sei: 

ZITATOR Kierkegaard: 

„das unglücklichste und melancholischste Tier“.)

SPRECHERIN:

Wer sich als unglücklich beschreibt, beschreibt die anderen als glücklich, die es aber nur deswegen sind, weil sie bestimmte leidbringende Dimensionen nicht erkennen. Hier ist die Melancholie wieder mit Erkenntnis verbunden. Gar nicht so schlimm also? Kierkegaard schreibt jedenfalls auch:

ZITATOR Kierkegaard: 

„Doch was sage ich: „der Unglücklichste“? „Der Glücklichste“ sollte ich sagen.“

23 O-TON Bähr: 

„Hier spitzt Kierkegaard das im Grunde dahingehend zu, dass man nur im Zustand von Unglücklichsein wahrhaft glücklich sein kann. Also kann man sich fragen, wie weit will Kierkegaard hinaus aus diesem Zustand…jedenfalls stellt er es am Ende so dar, also dass im Grunde in diesem Zustand des Unglücklichseins das eigentliche Glück liegt. 

SPRECHERIN:

Melancholie in Zusammenhang mit Glück zu denken, scheint allerdings im Zuge der Moderne immer abwegiger. Im Laufe des 19./20. Jahrhunderts entwickelt sich eine Pathologisierung der Melancholie, die dann im 20. Jhdt. in die Prägung des Begriffs der Depression mündet. Bis heute wird Melancholie oft in die dunkle Ecke gestellt. Der Duden erklärt Melancholie zu einem:

ZITATOR Duden: 

„von großer Niedergeschlagenheit, Traurigkeit oder Depressivität gekennzeichneten Gemütszustand.“

SPRECHERIN:

Nach all seinen Untersuchungen hat Lazlo Földenyi doch noch einen gemeinsamen Nenner aller Melancholie-Begriffe gefunden. Es ist die Offenheit für das Unbekannte. 

24 O-TON Földenyi:

 „Was ich feststellte, egal in welchem Zeitalter, die Melancholie war immer eine Art von Verlust des Weltvertrauens, und man wollte immer wieder über die Horizonte gehen, alltägliche Horizonte, Richtung etwas Unbekannten. Das Unbekannte im Bekannten zu erkennen und das irgendwie wahrzunehmen. 

SPRECHERIN:

Als Melancholiker erfährt man also immer wieder den Moment des Scheiterns angesichts unlösbarer Phänomene wie den Verlust, die Vergänglichkeit, den Tod, das Leben nach dem Tod. Schwierig, in der heutigen Wissensgesellschaft, die zudem einem gewissen Machbarkeitswahn nicht abgeneigt ist:

25 O-TON Földenyi:

 „Unsere ganze jetzige Welt scheint uns zu überzeugen, dass alles irgendwie gemacht werden kann. Und die Melancholie mahnt uns: Es gibt sehr viele unlösbare Dinge, angefangen von unserem Tod bis zu den unterschiedlichsten Erfahrungen im Leben. fehlt nicht Also die, die melancholisch sind, sind nicht unbedingt schwermütig oder traurig, es kann auch mit Glückseligkeit verbunden sein. Aber Melacnholie ist eine Offenheit für Fragen, die anachronistisch klingen.“ 14s

SPRECHERIN:

Mariela Sartorius ist überzeugt davon, dass mehr Melancholie gesellschaftlich von Vorteil wäre. Sie glaubt an ihre kraftspendende Wirkung des Innehaltens, des zu sich selbst Kommens.

26 O-TON Sartorius:

„Dieser Fitnesswahn, diese Selbstoptimierung, dieses Effizientsein auf Teufel komm raus, ja - da bleibt jetzt nicht viel Zeit für Melancholie. Und wenn sie dann kommt, muss sie ja ganz schnell in ihre Schranken gewiesen werden, denn dann könnte man ja nicht die Karriere machen, die man machen möchte. Oder das Geld verdienen, das man dringend braucht. Deswegen hat die Melancholie schon was Luxuriöses an sich.“

SPRECHERIN:

Die kritischsten Philosophen fanden etwas Gutes in ihr. Künstler, Dichter und Denker haben sie beschworen, ihr gehuldigt, sie verewigt. Vielleicht gerade deswegen, weil sie sich nicht definieren lässt. Eines aber ist sie ganz bestimmt: zutiefst menschlich. Und wäre sie eine Person, sie ließe sich so beschreiben:

27 O-TON Sartorius:

„Die Melancholie ist weiblich. Nun, gut, das Wort: DIE Melancholie. Hieße es DER Melancholie, wer weiß. Aber hmm, ich weiß nicht...also sie ist wohl weiblich. Sie ist schwer greifbar, ist eigensinnig, kommt und geht wann sie will und wenn sie ein unter Anführungszeichen „Opfer“ gefunden hat, dann ist sie gleich da. Und dann muss man ihr sagen: Ich bin gar kein Opfer, komm nur her, liebe Melancholie.“

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Erst kollabiert der österreichische Kapitalmarkt, dann wackelt die Berliner Börse. Angst geht um, Geld wird knapp und teuer. Mit dem Konsum sinkt die Produktion, Entlassungen und Lohnkürzungen folgen, Firmen gehen Pleite, zahllose Haushalte sind überschuldet, Offenbarungseide, Selbstmorde, Tragödien häufen sich. MUSIK „Paraphrasen“ – R0016380W03 (0:22) ERZÄHLERIN Wie konnte es so weit kommen? ZITATOR "Die Juden sind unser Unglück!" ERZÄHLER Davon ist nicht nur der Geschichtsprofessor Heinrich von Treitschke überzeugt, diese Ansicht teilen jetzt immer mehr Wutbürger des Kaiserreichs. Antisemitismus gibt es in Deutschland seit Jahrhunderten. Doch was nun passiert, entfesselt rasenden Hass und hysterische Schuldzuweisungen. Den Anfang machen akademische Hetzer wie Treitschke oder der Orientalist Paul de Lagarde. Beide verschmelzen antisemitische Affekte, Krisenängste, Germanenmystik und Rassentheorie. In ihrem Gefolge entsteht ab den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts eine Weltanschauung, die den Volksbegriff grundlegend neu interpretiert - unter Berufung auf Darwins Evolutionstheorie und die Vererbungslehren anderer Forscher. Was diese Sichtweise so folgenschwer macht, erläutert der Historiker Jörn Retterath vom Institut für Zeitgeschichte München: 01 O-Ton Retterath 1 Jetzt kommt hinzu, dass mit den Erkenntnissen der Biologie, mit dem aufkommenden Rassismus, dieses „Volk“ zunehmend biologistisch, rassistisch gedeutet wird. Rassen- und Erblehre sind Anknüpfungspunkte an wissenschaftliche Erkenntnisse, die radikal weitergedacht werden im Sinne einer biologischen Konstruktion von Volk und Nation. ERZÄHLERIN Volk meint jetzt zunehmend Blutgemeinschaft. Weil im Blut die Geistesart, das Wesen und die uralte, ewige Volkseele der Rasse angelegt sei, erzwinge es eine arteigene Organisation des „Volkskörpers“. Diesem zugleich mystischen und konkreten Volk gehört man nicht per Rechtsakt, sondern durch Abstammung an. Werde dieses Bluterbe geschwächt, sei das Verderben des ganzen Volks unausweichlich. MUSIK „Paraphrasen“ – R0016380W03 (0:22) ERZÄHLER Genau das geschehe seit Jahrtausenden, behaupten rassistische Pamphlete: Blutfremde Aggressoren würden das Mark des deutschen Volks zersetzen und seine Vernichtung planen. ZITATOR "Die Juden sind unser Unglück!" ERZÄHLERIN Als blutfremd gelten alle Strömungen der Moderne: Demokratie, Sozialismus, Frauen- und Juden-Emanzipation. All diese vermeintlich undeutschen Tendenzen haben für antisemitische Meinungsmacher nur ein Ziel: die Vernichtung der Volksseele durch einen kalten hebräischen Intellektualismus, artfremde Glaubensformen und den Kult des Hässlichen in der Kunst. ERZÄHLER Rettung liegt für die selbsternannten Bewahrer eines wahrhaft germanischen Volkstums allein im Arteigenen: Deutsche Kunst, Deutsche Wissenschaft, Deutsche Politik, Deutsche Bildung, Deutsches Christentum! ZITATOR Zurück zu den heidnischen Germanen durch Reinigung des Volkskörpers von artfremden Menschen und eine Reinigung der Volksseele von artfremder Religion und Kultur… ERZÄHLERIN …fordert um 1900 der völkische Autor Julius Langbehn und ist damit nicht allein. Die Jahrhundertwende bringt ein unüberschaubares Gefilz von Gruppierungen hervor, die sich als völkisch begreifen und bezeichnen. Die meisten sind kurzlebig, agieren sektenhaft, befehden und spalten sich oder fusionieren. Manche erneuern die Religion, manche nur Kleidung und Kost. Einige verehren Freyja und Wodan, einige wollen Jesus arisieren, andere streben zurück zur gesunden Lebensweise der Ahnen und gründen völkische Siedlungen. Alles, um die germanische Seele aus ihrer zweitausendjährigen Knechtschaft zu lösen. ERZÄHLER Obwohl sie durch Fluten von Zeitschriften, Broschüren, Flugblättern lautstark auf sich aufmerksam machen, eine Massenbewegung sind die Völkischen nicht. Ihr harter Kern wird auf gut 10.000 Aktivisten und etliche zehntausend Anhänger geschätzt. Aber die Strömung ist hoch aktiv, im protestantischen Bürgertum fest verankert und hat ein missionarisches Sendungsbewusstsein. ERZÄHLERIN So widersprüchlich und zersplittert die Streubewegung auch ist, eine Grundüberzeugung teilen alle Gruppen: eine rassistische Volksidee als Kern einer alarmistischen Kultur- und Gesellschaftsanalyse. Die Erzählung vom genetisch angegriffenen Volk liefert Erklärungen und Begründungszusammenhänge für die Krisen und Zerfallssymptome der Gegenwart. Plötzlich scheint diesen Gruppen eine unverständlich gewordene Welt klar durchschaubar, plötzlich macht alles Sinn. Solche völkisch-antisemitischen Deutungsmuster machen das Chaos der Moderne vordergründig beherrschbar, meint Jörg Retterath. 02 O-TON RETTERATH 2 Die Juden werden schon seit dem Mittelalter immer wieder dann zu Sündenböcken gemacht, wenn es zu Krisen kommt, zu gesellschaftlichen Krisen. Und das ist im 19. Jahrhundert nicht anders. Juden werden verantwortlich gemacht für die Wirtschaftskrisen. Dahinter ist auch schon im 19. Jahrhundert eine Verschwörungstheorie zu sehen. Man stellt sich vor, dass die Juden überall dahinterstecken, dass die Juden die Arier, das deutsche Volk, übermannen wollen. ERZÄHLER Um die Jahrhundertwende holen die Völkischen aus zum Rundumschlag gegen den "demokratisierenden, nivellierenden Ungeist des Jahrhunderts", wie sie es nennen. Sie stürmen gegen alles, was der bürgerlichen Kultur das Behagliche und Vertraute austreibt. ZITATOR Die janze Richtung passt uns nicht. ERZÄHLERIN ….poltert Berlins Polizeipräsident Bernhard von Richthofen. Der Kaiser pflichtet bei, das Bürgertum applaudiert. 03 O-TON RETTERATH 3 Diese völkische Bewegung ist eine Bewegung, die sich gegen die Moderne richtet. Es ist eine Rückbesinnung auf das Volk, geht einher mit einer Abschottung, mit einer Abgrenzung und vor allem auch mit einer Unzufriedenheit mit dem Status quo. ERZÄHLER …sagt Jörn Retterath vom Institut für Zeitgeschichte München. ERZÄHLERIN Aus der Menge völkischer Organisationen ragen zwei etwa zeitgleiche Gründungen hervor. 1894 ruft der Journalist Friedrich Lange in Berlin den "Deutschbund" ins Leben, eine entschieden rassistische, vehement antisemitische, antidemokratische und sozialistenfeindliche Bewegung, die rasch Ableger sät. Das Aggressionspotential der Gruppe entlarvt ein Plan, der bereits vor dem Ersten Weltkrieg fordert, was im NS-Staat grausame Wirklichkeit wird: Rassenzucht und Rassensäuberung. ERZÄHLER Die weitaus größte, lauteste und wirksamste völkische Gruppierung des Kaiserreichs ist der 1891 in Berlin gegründete Alldeutsche Verband. Mit dem Kampfruf "Deutschland den Deutschen“ blasen die Radikalnationalisten zur Abwehr der vorgeblichen "jüdischen Gefahr", fordern ein Verbot jüdischer Zuwanderung und den Ausschluss ansässiger Juden von Ämtern und Bürgerrechten. Trotz ihrer zeitweise 50.000 Mitglieder bleiben die Alldeutschen ein elitärer Honoratiorenbund, aber sie nehmen starken Einfluss auf öffentliche Meinungsbildner und politische Entscheidungsträger. ERZÄHLERIN Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts ist die völkische Bewegung vor allem in protestantischen, früh industrialisierten Reichsgebieten aktiv, in den mehrheitlich katholisch und agrarisch geprägten Regionen gewinnt sie zunächst kaum Boden. Das gilt auch für Bayern. Obwohl die Alldeutschen hier bereits vor der Jahrhundertwende vier Ortsgruppen gründen, bleiben sie ein städtisches Phänomen und sind auf dem Land lange als kriegstreibende Stänkerer verschrien. ERZÄHLER Trotzdem ist judenfeindliches Denken auch im Königreich verbreitet. Ende 1891 entsteht in München als erste antisemitische politische Gruppierung der "Deutsch-Soziale Verein“, der sich zwei Jahre später "Antisemitische Volkspartei" nennt. In Franken versucht der "Deutsch-soziale Reform-Verein Nürnberg" judenfeindliche Händler und Handwerker anzusprechen. Noch aber sind die Völkischen in Bayern und vor allem in München eine Randerscheinung, wie Jörg Retterath erklärt: 04 O-TON RETTERATH 4 München ist eine stark katholisch geprägte Stadt, es gibt eine starke Sozialdemokratie, es gibt eine Frauenbewegung, es gibt liberales Denken, das ist wesentlich heterogener als wir vielleicht annehmen können. MUSIK „Isarmärchen“ CD780000 008 (0:55) ERZÄHLERIN Um die Jahrhundertwende gibt sich die Kunstmetropole gemütlich und "leschär". Die Biergärten sind voll, die Ausstellungen üppig, die Konzerte schwungvoll. Der Prinzregent lächelt, Maler- und Dichterfürsten halten Hof, das Bürgertum flaniert und die Avantgardisten der Schwabinger Bohème proben die Zukunft. „Schwabing ist kein Ort, sondern ein Zustand“, …meint die Szene-Literatin Franziska Gräfin zu Reventlow, die sich im Sommer gern nackt in der Isar vergnügt. ERZÄHLER Die guade oide Zeit! Doch unter dem weißblauen Honoratiorenhimmel gärt es. Die Industrialisierung krempelt das Agrarland um, München lockt mit Arbeitsplätzen und verdoppelt zwischen 1883 und 1901 seine Einwohnerzahl von 250.000 auf 500.000 Menschen. In schäbigen Mietskasernen haust dicht gepackt das Elend, der Geldadel residiert in immer prächtigeren Villen. Das soziale Gefüge des Königreichs zerfällt, der Ton wird rauer. 1906 gibt es den ersten Toten bei Arbeiterunruhen. ERZÄHLERIN Selbst im sorglosen Schwabing wachsen Spannungen und Gegensätze: Viele Literaten radikalisieren sich ultralinks, gleichzeitig schwadronieren rechtselitäre Caféhaus-Philosophen von Germanentum und jüdischer Verschwörung. MUSIK „Defiliermarsch“ – Z9366578002 – (0:22) ERZÄHLER Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs vereint die Bayern ein letztes Mal. Am ersten Mobilmachungstag, dem 2. August 1914, jubeln euphorische Massen vor der Münchner Feldherrnhalle. Die Ernüchterung kommt schnell: An den Fronten beginnt das große Sterben, die Heimat leidet unter der von Berlin gesteuerten Kriegswirtschaft. Während Arbeiter und Bauern zunehmend kriegsmüde werden. geben Weltmachtsfantasten aus Adel und Bürgertum schneidige Durchhalteparolen aus. ATMO: MASSENDEMO ERZÄHLERIN Im Herbst 1918 ist der Krieg verloren, rollen Wellen des Aufruhrs durch Deutschland. Demokratie! Frieden! Jetzt! – fordern Demonstranten auch in Bayern. Eine Parlamentsreform soll den Druck aus dem Kessel nehmen. Aber zu spät, mit einer unblutigen Revolution reißt der Linkssozialist Kurt Eisner am 7. November die Macht an sich. Bayern wird Republik, die Monarchie gibt kampflos auf. ERZÄHLER Eisners Coup versetzt die bürgerlichen Kreise in Schockstarre. Damit haben sie nicht gerechnet. ERZÄHLERIN Als eine der ersten Rechtsgruppierungen erwacht die im August 1918 vom Okkultisten Rudolf von Sobottendorf gegründete völkisch-antisemitische Thule-Gesellschaft aus der nachrevolutionären Betäubung. Der militante Orden erklärt der Eisner-Republik den Krieg, er betreibt Propaganda, späht linke Organisationen aus und beteiligt sich an der Gründung paramilitärischer Freikorps. MUSIK 7: STRAWINSKY, GESCHICHTE VOM SOLDATEN, TANZ DES TEUFELS ERZÄHLER Ministerpräsident Eisner, der Sohn eines jüdischen Fabrikanten, gerät unter Druck. Linksradikale Anhänger des Rätesystems und Befürworter der parlamentarischen Demokratie wollen ihre politische Organisationsform durchsetzen. Eisner entscheidet sich für Parlamentswahlen. Am 12. Januar 1919 ist seine USPD der große Verlierer, er entschließt sich zum Rücktritt. Auf dem Weg in den Landtag wird er am 21. Februar von Anton Graf von Arco-Valley erschossen, einem Antisemiten aus dem Dunstkreis der Thule-Gesellschaft. ATMO: SCHUSS, UNRUHE, STIMMENGEWIRR ERZÄHLERIN Eisners Tod hinterlässt ein Machtvakuum. Anarchisten um die Schriftsteller Ernst Toller und Erich Mühsam nutzen die Umstände und rufen am 6. April eine "Räterepublik der Dichter" ins Leben. Nach nur einer Woche werden sie von Kommunisten verdrängt. Angeführt von Eugen Leviné, einem in St. Petersburg geborenen Juden, stellen die neuen Machthaber eine Rote Armee auf und versetzen das Münchner Bürgertum mit willkürlichen Verhaftungen, Hausdurchsuchungen, Plünderungen, Enteignungen und Geiselnahmen in Angst und Schrecken. MUSIK 8: FREIKORPSLIED, STROPHE 2, IN MÜNCHEN ANARCHIE ERZÄHLER Levinés Räterepublik ist chancenlos. Bald erobern Freikorps und Reichswehrtruppen die bayerische Hauptstadt. Dem blutigen Terror der Sieger fallen in den ersten Maitagen Hunderte Menschen zum Opfer. SPRECHERIN Das ist die Stunde der Völkischen! Sie entfesseln einen Propagandasturm gegen Juden und Linke. Umstürzler wie Eisner, Mühsam, Leviné hätten Bayern verraten - jetzt müsse aufgeräumt werden! ERZÄHLER Die Tiraden finden fruchtbaren Boden. Kriegsniederlage, Revolution, und Zwangsmaßnahmen der Roten haben das Bürgertum erbarmungslos gemacht. Eine unverhohlen rechtslastige Justiz verurteilt mehr als 2.000 Frauen und Männer, die revolutionärer Umtriebe beschuldigt werden, zu Haftstrafen. Standgerichte verhängen Todesurteile. Gräueltaten der weißen Truppen bleiben dagegen ungesühnt. sie werden als Retter der Ordnung gefeiert. 05 O-TON RETTERATH 5 Diese Angst im Bürgertum vor dem Kommunismus ist etwas, was vielen in den Knochen steckt und was nun von Seiten der Völkischen für ihre Zwecke verwendet wird. ERZÄHLERIN Waren die Völkischen vor der Revolution kaum breitenwirksam, laufen ihnen nun die Anhänger in Scharen zu: gewaltbereite Ex-Soldaten, zornige Intellektuelle, unzufriedene Beamte und Angestellte, Arbeitslose. Jetzt ist auch Schluss mit dem reinen Theoretisieren, jetzt wird gehandelt – auch mit der Waffe in der Hand. Völkische sickern in Freikorps, Kampfbünde und Einwohnerwehren ein. ERZÄHLER Nach dem Ende der Räterepublik rückt Bayern immer weiter nach rechts. Ministerpräsident Gustav von Kahr ruft 1920 die „Ordnungszelle“ aus und hat keine Skrupel, mit rechten Milizen zusammenzuarbeiten. ((Die von der - eigentlich prodemokratischen - Bayerischen Volkspartei getragenen Staatsregierungen schaffen in den frühen 20er Jahren aus purer Kommunismusangst ein Klima, in dem völkische Bünde gedeihen. Rechtsradikale aus ganz Deutschland, darunter die Mordkommandos der „Organisation Consul“, entdecken München als Aufmarschraum und werden vom Polizeipräsidenten Ernst Pöhner, einem Alldeutschen, gedeckt. )) ERZÄHLERIN Die zunächst bedeutendste ultrarechte Organisation ist der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund. 1919 in Bamberg gegründet, schürt er mit antisemitischen Massenauftritten den Kampf gegen Juden und Republik. Unter dem Hakenkreuz als Vereinsabzeichen sammelt der Bund anfangs der 1920er Jahre rund 180.000 Mitglieder. ERZÄHLER Zum neuen, bald unumstrittenen Star der völkischen Bewegung steigt jedoch die NSDAP auf. Adolf Hitler, Vorsitzender seit 1920, versteht es, den Nationalsozialismus als einzig aussichtsreiche Organisation der radikalen Rechten zu etablieren. Mit Erfolg: Ab Mitte der 1920er Jahre ordnen sich die völkischen Gruppierungen nach und nach den Nationalsozialisten unter. 06 O-TON RETTERATH 6 Die NSDAP ist entscheidend dafür, dass aus dieser zersplitterten völkischen Bewegung eine einheitliche, politische Kraft wird. Die NSDAP ist die erfolgreichste Partei innerhalb dieses völkischen Spektrums und dadurch, dass sie zu einer Massenbewegung wird, ist diese Partei sehr schlagkräftig. ERZÄHLERIN Völkisches Denken ist die Essenz des Nationalsozialismus, sein rassistischer Marken- und Wesenskern: Führerkult, Judenhass, Nationalismus, die Heiligung der Volksgemeinschaft, alles lag bereit. Hitler musste nur zugreifen, um die Apokalypse zu entfesseln. ERZÄHLER 70 Millionen Tote, Zerstörung, Elend, Narben bis heute. Was Hitler an die Macht brachte, erzählt Brechts Parabel vom "Aufstieg des Arturo Ui". Sie schließt mit einer noch immer und schon wieder aktuellen Warnung an die Nachgeborenen: ZITATOR/IN So was hätt' einmal fast die Welt regiert! Die Völker wurden seiner Herr, jedoch Dass keiner uns zu früh da triumphiert – Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.

  • Endometriose - Wenn die Menstruation zur Qual wird

    13.12.2023 · 21 Min.

    Wenn sich Gebärmutterschleimhautzellen außerhalb des Uterus im Körper ansiedeln, dann kann das bei Menstruierenden zu höllischen Schmerzen führen. Nur wissen viele nicht, dass das bei ihnen der Fall ist. Endometriose - wenn die Menstruation zur Qual wird. Autorin: Caro Matzko Credits Autor/in dieser Folge: Caro Matzko Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Thomas Birnstiel, Xenia Tiling Technik: Susanne Herzig Redaktion: Yvonne Maier Im Interview: Prof. Dr. med. Vanadin Seiffert-Klaus (Gynäkologische Endokrinologie und Kinderwunsch; Leiterin des Interdisziplinären Endometriose-Zentrums (IEZ); Leiterin des interdisziplinären Osteoporose-Zentrums (IOZ); Oberärztin der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde im Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München); Prof. Dr. med. Brigitte Leeners (Klinikdirektorin Klinik und Leitung Klinische Forschung für Reproduktions-Endokrinologie am Universitätsspital Zürich); Dr. Matthias Matzko (Chefarzt der Radiologie in der Helios-Amper-Klinik Dachau, Leiter des FUS-Centers für fokussierten Ultraschall) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Tage vor den Tagen - PMS, das prämenstruelle Syndrom JETZT ANHÖREN Der weibliche Zyklus - Lebenskreislauf im Verborgenen JETZT ANHÖREN Glückshormone - Komplexe Botenstoffe mit viel Wirkung JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Megbel, Esther: „Jeden Monat eine Geburt“, in: Spektrum der Wissenschaft kompakt“ (10/23), S. 48 -55 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1: Resourceful criminals MUSIK 2: Light Reflex ZSP 2 Marietta Leist: Geburtenkontraktionen „Es kommt Geburtenkontraktionen gleich. Da möchte ich mal jemand sehen, der da arbeiten kann. In Gesprächen musste ich mich hinsetzen, weil ich das nicht mehr gepackt habe.“ MUSIK HOCH ZSP 1 Vanadin Seifert-Klauss: Was ist Endometriose KURZ „Endometriose bezeichnet Endometriumzellen, also Zellen der Gebärmutterschleimhaut, die nicht an dem Ort wo sie normalerweise sind, wachsen.“ MUSIK 3: Glas SPRECHER Marietta Leist ist heute 30 und hat seit ihrer Jugend sehr starke Blutungen. ZSP 2b Marietta Leist: Beginn der Endometriose „Meine Reise mit meiner Periode hat sehr früh begonnen. Ich glaub ich war elf und dann hat die Mami so kleine Mini-Obs und kleine Binden gekauft. Und dann hatte ich meine erste Periode. In der Schule hat sie bekommen. Mir war kotzübel und ich musste sofort auf die Toilette rennen, weil es war – ich red jetzt einfach frei raus – sintflutartig. Ich hatte so stark meine Tage gleich beim ersten Mal und relativ starke Schmerzen, dass ich mir gedacht habe: Um Gottes Willen! Das ist dann so weitergegangen. Wie ich dann 14, 15 war, ist es immer stärker geworden. So richtig angefangen, dass ich gemerkt habe: Da stimmt was nicht, war beim Geschlechtsverkehr. Von einem Tag auf den anderen hatten ich starke Schmerzen dabei, auch dass ich abbrechen musste. Und ich wusste nicht, was da los ist. Dann bin ich auch zu Gynäkologen verschiedenen, die haben aber nie das Wort Endometriose benutzt.“ SPRECHER Durch die enormen Schmerzen beim Geschlechtsverkehr wird für sie Sex und auch die Benutzung von Tampons unmöglich, weil sie zu hart sind und das Einführen zu schmerzhaft. Und Marietta sieht, dass die Monatsblutung bei vielen Freundinnen nicht so eine Einschränkung ist und ahnt, dass da etwas nicht normal ist. Sie sucht Hilfe bei mehreren Gynäkologen - ihre Beschwerden werden aber nicht ernst genommen. Wie viele Frauen bekommt auch sie zu hören, sie habe nun mal ihre Tage und solle Schmerztabletten schlucken oder die Anti-Baby-Pille durchgehend nehmen, damit es gar nicht erst zur Monatsblutung komme. Doch Marietta fühlt sich mit der Dauereinnahme von Hormonen nicht wohl. Mit Anfang 20 hat sie Glück. Eine Freundin empfiehlt ihr einen Frauenarzt, der zufällig auch Spezialist für Endometriose ist. Eine Krankheit, von der Marietta noch nie gehört hat. ZSP 3 Marietta Leist: Diagnose „Privatarzt, der hat mich abgetastet. Auch bei der Untersuchung habe ich weinen müssen. Der hat dann die Diagnose Endometriose in den Raum gestellt. Damals war die Krankheit noch null publik. Das Problem ist, wenn Endometriose im Körper verstreut ist, kann man die nicht sehen.“ MUSIK 4: Inner sanctum SPRECHERIN Und damit: schwer feststellen. Was passiert dabei? Bei Frauen mit Endometriose siedeln sich bestimmte Zellen, nämlich die der Gebärmutterschleimhautaußerhalb der Gebärmutter an. Die Gebärmutterschleimhaut trägt den medizinischen Namen Endometrium – daher der Name für diese Krankheit: Endometriose. Wenn diese Zellen sich im Körper ansiedeln, bilden sie so genannte Endometrioseherde – also Gebärmutterschleimhaut, wo sie gar nicht sein soll. ZSP 4 Vanadin Seifert-Klauss: Was ist Endometriose Normalerweise sind sie nur in der Gebärmutterhöhle, die außerhalb der Schwangerschaft keine Höhle ist, sondern ein ganz schmaler Raum in dem sich die Schleimhaut aufbaut und während der Menstruation abblutet. SPRECHERIN Sagt Vanadin Seifert-Klauss. Die Professorin ist Leiterin des Interdisziplinären Endometriose-Zentrums (IEZ) am Klinikum „Rechts der Isar“ in München. Wenn die Zellen außerhalb der Gebärmutter liegen, führt das zu mitunter starken Beschwerden, denn diese Zellen reagieren weiterhin wie ganz normale Zellen der Gebärmutterschleimhaut – auf den Hormon-Zyklus. ZSP 4.1 Vanadin Seifert-Klauss: Was ist Endometriose „Egal wo die Endometriosezellen sitzen, im Gebärmuttermuskel, kann außerhalb der Gebärmutter sein, meistens im kleinen Becken, geht aber auch am Zwerchfell, in der Lunge, sogar im Ohr, kann es sein, dass sie den Hormonen gehorchend zur Zeit der Periode bluten und dadurch Schmerzen verursachen.“ SPRECHER Jährlich bekommen 40.000 Frauen in Deutschland den Befund Endometriose. Doch es gibt eine hohe Dunkelziffer, da die Diagnose streng genommen nur unter dem Mikroskop erfolgen kann. Das bedeutet: Zellen müssen entnommen und als Endometriumszellen identifiziert werden. Doch um sie entnehmen zu können, braucht es in der Regel eine Operation – die viele Patientinnen erst einmal scheuen. Die Schmerzen nehmen während der Regelblutung enorm zu, weil die Zellen der Endometrioseherde – ganz egal, wo sie sich angesiedelt haben - wie die Gebärmutterschleimhaut im Uterus auf das Auf- und Ab der Hormone während des Zyklus reagieren. MUSIK 5: Well built SPRECHERIN In der ersten Zyklushälfte stößt zunächst das follikelstimulierende Hormon FSH die Reifung der Eibläschen, auch Follikel genannt, im Eierstock an. Jeden Monat reift ein Follikel mit einer Eizelle im Inneren heran. Parallel dazu regen Östrogene über mehrere Tage hinweg den Aufbau der Gebärmutterschleimhaut an. Ab einer gewissen Östrogenkonzentration wird das Kommando für das luteinisierende Hormon LH und den Eisprung ausgelöst. Dann löst sich die Eizelle aus dem Follikel und macht sich auf die Reise durch den Eileiter bis zur Gebärmutter. Im Eierstock bleibt der geplatzte Follikel zurück- um ihn herum bildet sich nun der so genannte Gelbkörper. Dort entstehen Östrogen und Progesteron, auch bekannt als Gelbkörperhormon. Progesteron unterstützt den weiteren Aufbau der Gebärmutterschleimhaut. Kommt es zu keiner Befruchtung der Eizelle durch ein Spermium geht der Gelbkörper zugrunde. Die Progesteron- und Östrogenspiegel im Blut sinken wieder, die Gefäße innerhalb eines Teils der Gebärmutterschleimhaut ziehen sich zusammen und das abgestorbene Gewebe wird mit etwas Blut abgestoßen. So kommt es zur Monatsblutung. MUSIK aus SPRECHER Auch die Zellen der Endometrioseherde wachsen mit jedem Zyklus und bluten, wenn es zur Periode kommt. Die Folgen sind immens: Es kann zu lokalen Entzündungen oder sogar Organschäden kommen. Einige Patientinnen werden nicht schwanger aufgrund von Verwachsungen rund um Eileiter und Gebärmutter und die meisten leiden unter großen und ganz unterschiedlichen Schmerzen. Je nachdem, wo sich die Zellen angesiedelt haben, können noch weitere Symptome dazukommen, darum wird die Endometriose auch als das Chamäleon der Gynäkologie bezeichnet, erklärt Gynäkologin Vanadin Seifert-Klauss: ZSP 5 Vanadin Seifert-Klauss: Hinweise „Es gibt typische Symptome: Sehr starke Unterbauchschmerzen während der Periode, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Blut im Urin während der Periode, auf dem Stuhl, starke Schmerzen im Darm während der Periode. Viele bemerken Darmveränderungen, Durchfälle, Verstopfungen, Vorwölbung des Bauches, der „Endo-Belly“. Also es gibt verschiedene Anzeichen, wenn sie alle vier Wochen aus dem Ohr bluten oder Blut husten, dann ist das auch ein Hinweis.“ SPRECHERIN Wie die Endometriumszellen an andere Orte des Körpers gelangen können, dafür gibt es mittlerweile einen Erklärungsansatz: Ein Grund könnte sein, dass Menstruationsblut teilweise durch die Eileiter in den Bauchraum abfließt. Das bezeichnen Medizinerinnen wie Vanadin Seifert-Klauss als retrograde Menstruation. ZSP 6 Vanadin Seifert-Klauss: Warum tauchen die Zellen woanders auf? „Nicht alle Schleimhautzellen, die mit der Menstruation abgestoßen werden, werden nach unten durch die Scheide abgestoßen, sondern ein Teil davon geht durch die Eileiter in den Bauchraum. Wahrscheinlich ist das sogar häufiger als wir denken, aber es erklärt natürlich nicht, warum sich bei manchen Frauen diese Zellen zu Endometrioseherden entwickeln, dort wuchern und bei anderen Frauen nicht.“ SPRECHERIN Die Größe des Herdes sagt übrigens nichts über die Intensität der Beschwerden aus. ZSP 7 Vanadin Seifert-Klauss: Endo im Bauchfell „Wenn es zum Beispiel aufs Bauchfell blutet, das ist ein sehr starker Schmerzreiz, das kann bei Frauen auch mit kleinen Herden zu Ohnmachten führen und großes Leid verursachen.“ MUSIK 6: „Glas“ – siehe vorn – 18 Sek SPRECHER Auch Marietta Leist hat Endometriosezellen im Bauchfell, aber nicht nur dort. Um die vielen Herde zu lokalisieren und zu entfernen, wird ihr zu einer Operation geraten. ZSP 8 Marietta Leist: Operation „Die Operation war schon recht aufwendig. Das Ganze wurde mit einer Laparoskopie gemacht: Ein großer Schnitt auf Gebärmutterhöhe, zwei kleine Schnitte für die Zangen auf Blasenhöhe und noch ein Schnitt unterhalb des Bauchnabels.… sehr viele Bereich betroffen, das Bauchfell, die Blase, an der Scheidenaußenwand und Gebärmutteraußenwand war recht viel. Das schaut aus wie ein weißes Gewebenetz im Körper.“ SPRECHERIN Die Operation ist nur ein Versuch, die Endometriose in den Griff zu bekommen. Die andere Behandlungsmöglichkeit ist ein Gestagen-Präparat wie die Antibabypille zu nehmen, da die Hormone der Pille den Zyklus stabilisieren und das Wachstum der Endometrioseherde hemmen und damit die Schmerzen weniger werden. Manche Patientinnen nehmen die Medikamente gegen die Endometriose auch durchgehend, damit es gar nicht erst zum Eisprung und zur Blutung kommt. Doch wer schwanger werden will, muss die Pille wieder absetzen - und darüber hinaus sind die Nebenwirkungen von Gestagen-haltigen Tabletten für viele Frauen nicht zu unterschätzen, sagt Dr. Matthias Matzko. Er ist Leiter der Radiologie und Spezialist für Gebärmuttermyome und Adenomyosen an der Helios Amper Klinik in Dachau. ZSP 9 Dr. Matthias Matzko: Gestagenpräparate „Meist bleibt nur der Weg einer dauerhaften Hormonbehandlung mit Gestagen-Präparaten, welche primär dazu führen, dass die Symptome der Patientin unterdrückt werden, und dabei kommt es zu langanhaltenden Nebenwirkungen, die durch die Einnahme hervorgerufen werden: Gewichtszunahme, Wassereinlagerungen, schlechte Laune wird häufig von den Patientinnen beschrieben.“ SPRECHER Auch Marietta Leist hat mit den Nebenwirkungen der Antibabypille zu kämpfen, kann sie aber absetzen, nachdem ihre vielen Endometrioseherde entfernt worden sind. Doch die Operation ist ein Eingriff, der nicht zu unterschätzen ist: ZSP 10 Marietta: Nach der OP „Nach der Operation habe ich lang gebraucht, bis ich wieder ganz fit war. Hat ein Jahr gedauert, bis die Narben verheilt waren und ich eine Besserung gemerkt habe. Ich habe jetzt weniger Schmerzen beim Sex. Das funktioniert gut. Meine Periode ist immer noch sehr stark.“ SPRECHER .. und darum versucht Marietta auch heute noch für die ersten zwei Tage der Monatsblutung, die sie mit Hilfe einer App kalkuliert, sich nicht zu viel vorzunehmen. Denn die Schmerzen und Blutungen sind noch immer stark. Ein Grund für ihre anhaltenden Beschwerden könnte Mariettas Adenomyose sein - also die Endometriumszellen in der Gebärmutterwand. Die konnten bei der Operation nicht entfernt werden, da das Risiko einer Beschädigung des Uterus zu groß gewesen wäre. SPRECHERIN Dies ist bei den meisten Patientinnen so - häufig können nur vergleichsweise kleine und klar einzugrenzenden Herde, in der Sprache der Medizin fokal genannt, aus der Uteruswand entfernt werden. MUSIK 7: Resourceful criminals SPRECHER Doch die meisten Adenomyosen, also Endometriumszellen in der Gebärmutterwand, werden – genau wie bei Marietta - erst nach acht oder mehr Jahren diagnostiziert. SPRECHERIN Bis dahin haben die Zellen viel Zeit sich zu vermehren und die betroffenen Frauen leiden jahrelang unter Schmerzen, die sie als nadelstichartig oder metallisch beschreiben, die oft schon eine Woche vor der Regelblutung beginnen. Die Blutungen selbst sind deutlich verstärkt und oft unregelmäßig. Der Radiologe Matthias Matzko findet, dass viele Gynäkologen und Gynäkologinnen das MRT - die Magnetresonanztomographie - bei ihren Patientinnen zur Weichteildiagnosik einsetzen sollten. Mit einem MRT-Bild könnten sehr viele Adenomyosen schneller entdeckt werden- und sogar behandelt werden. Matthias Matzko konnte viele Adenomyosen mit gebündeltem Ultraschall entfernen. ZSP 11a Matthias Matzko, fokussierter Ultraschall „Der fokussierte Ultraschall, der in der Frauenmedizin mittlerweile sehr häufig benutzt wird, um Gebärmuttermyome mit Hitze zu veröden, schafft es zum Teil auch die Adenomyosen erfolgreich zu behandeln. Oftmals ist hierzu eine Hormonvorbehandlung der Patientin über etwa sechs Monate mit einem Anti-Endometriose-Hormon nötig, um die starke Durchblutung der Schleimhautmassen in der Gewebewand der Gebärmutter herabzusetzen. SPRECHERIN Wenn das Endometriosegewebe nur noch schwach durchblutet ist, kann es sehr gut vom fokussierten Ultraschall erhitzt werden. Der Körper trägt das abgestorbene Gewebe dann selbständig ab. Die Behandlung mit fokussiertem Ultraschall eignet sich also für Endometrioseherde, die klar lokalisierbar sind. Ist die gesamte Gebärmutterwand mit Endometriosegewebe durchwuchert, ist die Patientin für die Therapie leider nicht geeignet. ZSP 11b Matthias Matzko, Das heißt man muss im Grunde genommen jeden einzelnen Fall, den man behandeln möchte vorher mit einer MRT-Untersuchung genau verifizieren, man muss mit der Patientin sprechen über die Ziele, die man erreichen möchte bei der Behandlung. Geht es um Kinderwunsch, Schmerzherabsetzung und mit der Patientin gemeinsam die Ziele festlegen und Therapiestrategie erstellen.“ MUSIK 8: Glas SPRECHER Marietta Leist hat wie viele Patientinnen erst vor kurzem von der Möglichkeit einer Behandlung mit fokussiertem Ultraschall erfahren. Sie wünscht sich mehr und bessere Aufklärung rund um Endometriose. Und nicht nur das. ZSP 12 Marietta Leist – Schlusston mehr Forschung „Ich hoffe einfach wahnsinnig, dass mehr geforscht wird und dass mehr drüber geredet wird. Einfach mehr über das Thema reden und mehr über Periode reden und über Hormone. Jede Frau hat das. Und das ist so abartig, wenn sich Frauen immer noch nicht trauen, darüber zu reden oder sagen, dass ist ein Tabuthema. Überhaupt nicht meiner Meinung nach. Ich steh auf der Arbeit und ich rede vor Männern, es ist mir wurscht wer das ist. Ich sage: Leute ich bin heut nicht auf der Höhe, ich habe gestern meine Tage bekommen. Habt Nachsicht mit mir. Manche schauen mich ganz erschrocken an, manche lachen, manche finden es cool. Es ist mir mittlerweile scheißegal. Ich hoffe, dass es eventuell bald eine bessere Lösung gibt als nur die Pille durchzunehmen oder zu operieren.“ MUSIK 9: Verführung SPRECHER Und die könnte es vielleicht tatsächlich bald geben. Am Universitätsspital Zürich forscht Professorin Brigitte Leeners daran. Die Klinikdirektorin sucht gemeinsam mit ihrem Team seit einigen Jahren nach einem Medikament, mit dem man Endometriose heilen könnte. ZSP 13 Leeners Forschung zu Antikörper Medikament „Aktuell arbeiten wir an einer heilenden Therapie gegen Endometriose, die auf einem immunologischen Ansatz beruht. Das heißt, wir haben eine Vielzahl von Endometriose Gewebeproben untersucht und haben so ein Antikörper entwickeln können und entwickeln das im Moment so weiter, dass man diesen Antikörper in näherer Zukunft in den Körper einbringen kann und dass der gezielt an diese Endometrioseherde im Körper bindet und damit dem Körper das Signal gibt diese abzubauen. Bisher hat man Endometriose nur entweder Operationen zur Verfügung oder hormonelle Therapien, die im besten Fall die Herde stabil halten. Aber man gar keine heilende Therapie. Und dieser Ansatz, an dem wir arbeiten, würde uns zum ersten Mal ein Medikament an die Hand geben mit dem wir die Herde schrumpfen lassen können. MUSIK 10: Verführung dann Wechsel in MUSIK 11: Resourceful Criminals SPRECHERIN Wichtig dabei: Der Antikörper erkennt die Charaktereigenschaften von Endometriosezellen und bindet sich an sie. Die Endometriumszellen innerhalb der Gebärmutter werden von ihm nicht angegangen. Ein solches heilendes Medikament würde für tausende von Endometriosepatientinnen eine große Hilfe sein, da die heutigen Behandlungsmethoden oft nur Symptome unterdrücken können– und häufig mit relevanten Nebenwirkungen verbunden sind. Die Gynäkologin Brigitte Leeners sieht jedoch, dass frauenmedizinische Themen in der Forschung noch immer nicht gleichberechtigt finanziert werden. ZSP 14 Leeners: Wunsch nach mehr Geld für Frauenthemenforschung „Wenn man guckt, wohin Forschungsgelder gehen, dann würde ich mir sehr wünschen, dass bei der Vergabe von Fördermittel die frauenspezifischen Themen da deutlich mehr Beachtung finden würden.“ Musik hoch und aus. ENDE

  • Schmerz - Wenn der Körper Alarm schlägt

    13.12.2023 · 23 Min.

    Schmerz ist eine lebenswichtige und zentrale Sinneswahrnehmung. Neben Nervenzellen sind auch Gehirn und Psyche daran beteiligt. Schmerz ist ein Symptom, kann aber auch selbst zur Krankheit werden. (BR 2021) Autorin: Daniela Remus Credits Autorin dieser Folge: Daniela Remus Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Peter Veit Technik: Christiane Schmidbauer-Huber Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Johannes Horleman (Dr.; Schmerzmediziner, Kevelaar); Dominik Irnich (Professor; Schmerzmediziner, Ludwig-Maximilians-Universität, München); Regine Klinger (Dr.; PD; Psychologin; Universitätskrankenhaus Eppendorf, Hamburg) Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Rheuma - ein Begriff, viele Krankheiten JETZT ANHÖREN Linktipps: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik (Stimmen einer Violine o.ä. unangenehm) Atmo (Zahnarzt-Bohrer) Atmo (Stimmengemisch Au, das tut aber richtig weh etc.) Sprecherin Dumpf und schwer, pochend, quälend, brennend oder stechend: Schmerz vermittelt sich auf viele, sehr unterschiedliche Weisen. MUSIK: C1443990016 Light reflex 0‘40 Sprecherin Schmerz ist ein Phänomen, das die Menschen seit mindestens zweitausend Jahren zu verstehen versuchen. Heute definieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Schmerz als elementare Sinneswahrnehmung, ohne die menschliches Leben kaum möglich ist, erklärt der Schmerzmediziner Prof. Dominik Irnich. Er leitet die Schmerzambulanz an der Ludwig-Maximilians-Universität in München: TAKE 1 (O-Ton Irnich) L: 0, 30 Das ist eine der ganz wichtigen Sinnesfunktion und wahrscheinlich kann man aus anthropologischer Sicht sagen, dass die Differenzierung des Schmerzes und die genaue Lokalisierung des Schmerzes - wo ist der Angreifer, an meinem Körper, wer will die Unversehrtheit meines Organismus angreifen? -, dass diese ganz differenzierte Wahrnehmung möglicherweise ein Evolutionsvorteil ist, der auch dazu beigetragen hat, dass wir uns als Menschen auch ganz speziell schützen können. Also das hat zunächst mal eine Schutz- und Warnfunktion. Sprecherin Und die ist existentiell weitaus bedeutsamer als es den meisten Menschen bewusst ist: Schmerz ist überlebenswichtig, sagt der Schmerzmediziner Dr. Johannes Horlemann. Er leitet das Schmerzzentrum in Kevelaer: TAKE 2 (O-Ton Horlemann) L. 0, 30 Es gibt Menschen die durch einen genetischen Defekt schmerzfrei geboren werden, das ist ein furchtbarer Zustand, der dazu führt, dass diese Menschen niemals alt werden können, weil sie keine Lernfunktion haben, durch die Entstehung von Schmerzen z.B., dass man hinfällt, dass man besser die Schritte setzen muss, wenn man laufen lernt usw. Geräusch Bohrer: 0‘15 MUSIK: Z8024281112 Only the brave 0‘55 Sprecherin Schmerz ist zuallererst eine körperlich-biologische Reaktion auf eine Gewebeschädigung. Die Schmerzsensoren melden, dass etwas nicht stimmt. Deshalb gilt akuter Schmerz als Alarmsignal des Körpers. Aber Schmerz ist gleichzeitig auch immer mehr als die sensorische Meldung und Weiterleitung eines Schadens, einer Verletzung oder einer Funktionsstörung. Mindestens genauso wichtig für das menschliche Schmerzerleben sind psychische, emotionale und soziale Faktoren. Ob jemand in Trance durchs Feuer laufen kann oder bei einem kleinen Mückenstich in Tränen ausbricht, liegt nicht immer an der Intensität des physiologisch messbaren Schmerzreizes, sondern an einem Bündel von Faktoren. Deshalb bezeichnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Schmerz heutzutage als bio-psycho-soziales Empfinden. Geräusch: schrillende Alarmanlage 0‘12 Sprecherin Blicken wir zunächst auf die Biologie des Schmerzes, auf seine physiologische Grundlage: Voraussetzung dafür ist die neuronale Sinneswahrnehmung einer Gewebeschädigung. Sie findet in den Schmerzrezeptoren statt, erklärt Schmerzmediziner Johannes Horlemann. TAKE 3 (O-Ton Horlemann) L: 0, 20 Das sind sogenannte Nervenspindeln, die aufgedreht werden, und die entweder durch chemische oder thermische Reize oder aber durch Schnitt z.B. aktiviert werden. D.h. wenn die konfrontiert werden mit einem Außenreiz, der unangenehm ist, dann senden sie Signale in das Hinterhorn des Rückenmarks. Musik: Z8030896110 Testing procedure 0‘47 Sprecherin Diese Nervenspindeln heißen in der Wissenschaft Nozizeptoren. Sie sitzen am Ende der Nerven, die sich vom Rückenmark aus in die Peripherie des Körpers erstrecken. Diese Schmerzsensoren sind also überall dort, wo wir Schmerzen wahrnehmen: An Hand und Fingern sind besonders viele vorhanden, weniger davon auf dem Fußrücken und gar keine Schmerzrezeptoren haben Menschen in einzelnen Organen wie dem Gehirn, der Lunge oder der Leber. Werden die Nozizeptoren geschädigt, beispielsweise durch Schnitt, Druck, Hitze oder Kälte, dann erzeugen sie elektrische Signale, die das Schmerz-empfinden weiterleiten und zwar über das Rückenmark ins Gehirn. TAKE 4 (O-Ton Horlemann) L: 0, 20 Von dort geht die Nachricht weiter (…) in den Thalamus-Kern. Der Thalamus-Kern ist quasi auf Hirnbasis das Organ, das wie ein Vorfilter wirkt und der die meisten Schmerzen, die gesendet werden zum Gehirn, abfiltert. Musik: Z8030731117 Onslaught 0‘31 Sprecherin Alle Sinneswahrnehmungen des Körpers, einzige Ausnahme ist das Riechen, landen im Gehirn und dort zunächst im Thalamus. Das ist ein kleiner, nur wenige Zentimeter großer Teil des Zwischenhirns. Der Thalamus filtert die eingehenden Sinnesinformationen, bevor er sie an die Großhirnrinde weiterleitet. Sehr vereinfacht formuliert kann man sich das so vorstellen: Er sortiert die eingehenden Sinneswahrnehmungen und gleicht sie mit bereits gemachten Erfahrungen ab. Der Thalamus kann Schmerzreize verstärken oder auch hemmen. Zur Verfügung stehen dafür verschiedene körpereigene Botenstoffe wie beispielsweise Endorphine. TAKE 5 (O-Ton Klinger) L. 0, 20 Jedes Schmerzerleben ist eben etwas, was eben auch zentral verarbeitet ist. Deswegen kann man sagen, jeder akute Schmerz ist auch ein psychischer Schmerz, weil er einmal durch das Gehirn gewandert ist und dort auch bewertet und bearbeitet wurde. Sprecherin Deshalb wird der Thalamus auch das Tor zum Bewusstsein genannt, sagt die Psychologin Dr. Regine Klinger. Denn das ist das Besondere bei Schmerzen: Sie sind kein ausschließlich körperlicher Vorgang, wie andere lebenswichtige Prozesse im Organismus. Im Gehirn wird aus der physiologischen Schmerz¬wahr¬nehmung, aus der Nozizeption, das Schmerzerleben. Die psychologische Leiterin der Schmerzambulanz am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg erklärt das an einem Beispiel: Take 6 (O-Ton Klinger) L: 0, 30 Wenn man sich jetzt z.B. an einer Herdplatte verbrennt, dann wird man sofort die Hand zurückziehen, das tut man schon aufgrund des ersten Schmerzerlebens, ein heller, stechender Schmerz, der nicht durch die zentrale Verarbeitung gelaufen ist, sondern der direkt als reflexartiger Schmerz abläuft und der dazu führt, dass die Muskeln aktiviert werden, um sofort den Organismus zu schützen. Sprecherin Die Hand wird zurückgezogen, schnell unter kaltes Wasser gehalten, gekühlt oder was auch immer, um der Situation zu entkommen und damit den akuten Schmerz zu lindern. TAKE 7 (O-Ton Klinger) L: 0, 20 Bruchteile von Sekunden danach setzt der 2. Schmerz ein, das ist dann ein dumpfer drückender Schmerz, der eben einmal durch das Gehirn gewandert ist und der jetzt eben eine Schmerzbewertung in Gang setzt. Musik: C1568800106 Glistening stars 0‘17 Sprecherin Ein ganzes Netzwerk von Gehirnregionen ist nach gegenwärtigem Kenntnisstand für diese komplexe Schmerzbewertung zuständig, sagt Schmerzmediziner Dominik Irnich aus München: Take 8 (O-Ton Irnich) L: 0, 20 Es geht darum, dass dieser rein körperliche Schmerzreiz zentral im Gehirn moduliert, verändert wird. Er bekommt eine Bedeutung, er bekommt eine Bewertung, (…) er wird in diesen Zusammenhang gesetzt und moduliert. Und am Schluss, das, was wir empfinden, ist das Ergebnis dieser Verarbeitungen im Gehirn. Sprecherin Die Konsequenz kann sein: Den Notarzt zu rufen, die Stelle zu kühlen oder auch, den kleinen Schmerz zu ignorieren. Entscheidend für diese Schmerzbewertung, die das Verhalten prägt, ist die zentrale Schmerzverarbeitung im Gehirn, die von den unterschiedlichsten Faktoren beeinflusst wird: Von äußeren Aspekten wie kulturellen Normen oder familiären Angewohnheiten ebenso, wie von der inneren Verfassung des jeweiligen Individuums, betont Regine Klinger: TAKE 9 (O-Ton Klinger) L: 0, 25 Also z.B. auch von der Stimmung, die ich habe, von emotionalen Faktoren wie Depressivität, von Traurigkeit oder dergleichen. Und kann eben dann, je nachdem, verstärkt oder abgeschwächt werden. Akutes Schmerzerleben wird immer auch von dem Kontext, in dem ich mich bewege, abhängig erlebt. Sprecherin Das kennt jede und jeder: Je nach Stimmung erhalten Verletzungen oder kleinere Unfälle eine andere Bedeutung. Wer frisch verliebt ist, spürt einen umgeknickten Fuß längst nicht so intensiv, wie eine Person, bei der an diesem Tag schon vorher richtig viel schief gelaufen ist und bei der die Laune ohnehin schon schlecht ist: TAKE 10 (O-Ton Klinger) L: 0, 30 Man kann sich das so vorstellen, dass das Gehirn sozusagen schon ein gewisses Vorzeichen hat, nämlich ein Vorzeichen dieser negativen Allgemeinverfassung hat, so und jetzt kommt auch noch dieser Schmerz aus der Peripherie des Körpers, der in den gleichen Gehirnzentren verarbeitet wird, weil er dort ankommt. Und man kann sich das so vorstellen, dass die allgemeine Stimmung, in der ich da bin, dann erstmal auf dieses Signal, was da neu ins Gehirn kommt, abfärbt. Sprecherin Und deshalb negativ erlebt wird. Aber es gibt auch den umgekehrten Mechanismus: Schmerzreize können vom Gehirn aktiv unterdrückt werden, beispielsweise durch Ablenkung. TAKE 11 (O-Ton Klinger) L: 0, 20 Das würde dann tatsächlich diesen Mechanismus in Gang setzen, der dann auf absteigenden neuronalen Bahnen das Schmerzerleben so unterdrückt, dass die nachfolgenden Reize aus der Peripherie eben gar nicht mehr durchkommen und deswegen eben das Schmerzerleben deutlich geringer wird. Musik: C1576660120 Criminal synapsis red 0‘27 Sprecherin So gibt es immer wieder aufsehenerregende Beispiele von Menschen, die sich selbst mit abgetrennten Fingern noch ins Krankenhaus gefahren haben oder mit gebrochenem Bein noch kilometerweit gelaufen sind. Dass der Körper Schmerzen in einer Krisensituation effektiv unter¬drücken kann, ist bei Soldaten während des Zweiten Weltkriegs beobachtet und berichtet worden, so Regine Klinger: TAKE 12 (O-Ton Klinger) L: 0, 20 Die z.B. ein Bein abgeschossen bekommen haben, da lagen, blutender Weise, gefragt wurden, ob sie Schmerzen haben und sie die Schmerzen gar nicht erlebt haben. Und gesagt haben, neee, Schmerzen seien nicht da. Und das konnte 1-2 Tage anhalten, bis der Schmerz da war. Sprecherin Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erklären sich dieses Phänomen damit, dass das Gehirn die unterschiedlichen Emotionen gewichtet und deshalb die Schmerzen aktiv mit Stresshormonen unterdrückt, um zu überleben. MUSIK: Z8030896115 Spreading virus 0‘28 Denn in einer solchen Situation, nämlich schwer verletzt auf dem Schlachtfeld zu liegen, ist die Überlegung, wie komme ich hier weg, wie komme ich in Sicherheit? wichtiger für das Überleben, als die Warnfunktion des Körpers durch den Schmerz. MUSIK: Z8030896115 Spreading virus 0’28 hoch Sprecherin Neben der inneren Verfassung eines Individuums prägen aber auch verschiedene äußere Einflüsse die Schmerzbewertung, betont Johannes Horlemann: TAKE 13 (O-Ton Horlemann) L: 0, 25 Eindeutig gibt es kulturelle Aspekte, es gibt auch Lernaspekte beim Schmerz, man würde unterscheiden, ist es wirklich die Schmerzempfindung, die ich physiologisch messen kann, oder ist es das, was wir daraus machen? Wenn ich das so sagen darf, der Schmerz als Nachricht im sozialen Kontext. Sprecherin In manchen Kulturkreisen gehört es beispielsweise dazu, bei Trauer laut zu schreien und zu klagen. In anderen Kulturkreisen dagegen gilt emotionale Kontrolle auch in Ausnahmesituationen als erstrebenswert. Bei manchen indigenen Völkern stärken schmerzhafte Initiationsrituale den sozialen Zusammenhalt, bei den meisten Menschen in Westeuropa dagegen gilt die Abwesenheit von Schmerz als Idealzustand. MUSIK: Z8030896128 New discovery (reduced) 0‘28 Sprecherin Und auch der Umgang mit Schmerzen in der Familie prägt das spätere Schmerzverhalten: Wer als Kind bei jedem Ratscher, jedem aufgeschürften Knie mit viel Aufmerksamkeit rechnen kann, der wird in den meisten Fällen auch als Erwachsener seinen Schmerz so äußern, dass er nicht zu ignorieren ist. Andere dagegen haben gelernt, Schmerzen auszuhalten, sagt Schmerzmediziner Johannes Horlemann: TAKE 14 (O-Ton Horlemann) L: 0, 20 Auffällig ist, dass viele Patienten sehr starke Schmerzen sehr gut aushalten können, während bei der gleichen läsionellen Ursache andere Patienten stark sich beschweren. Denken Sie an indische Fakire, die durch Feuer laufen können, die haben das vorher trainiert. Also es gibt einen Trainingsaspekt daran, ganz bestimmt. Sprecherin Dass es einen Trainingsaspekt gibt, der es Menschen ermöglicht, Schmerzen in bestimmten Situationen besser auszuhalten, bedeutet aber nicht, dass Schmerzen immer und um jeden Preis durchgestanden werden sollten. Das Zähne zusammen beissen und durch, was der Volksmund empfiehlt, um unangenehme Situationen und auch Schmerzen bewältigen zu können, dieser Ansatz, der im 20. Jahrhundert auch von Medizinerinnen und Medizinern vertreten wurde, hat sich als fatale Sackgasse im Umgang mit Schmerzen erwiesen, erklärt Dominik Irnich: TAKE 15 (O-Ton Irnich) L: 0, 30 Der akute Schmerz ist ein Risikofaktor für die Chronifizierung und zwar bezüglich der Art und und der Intensität, also der Stärke der Schmerzwahrnehmung. Das heißt, wenn ich einen Notfall habe, ich komme ins Krankenhaus in die Notaufnahme, oder ich hab eine OP und es tut weh hinterher, ist es die allerwichtigste Aufgabe, den Schmerz zu lindern, und zwar so gut wie es geht! Sprecherin Denn heute wissen Medizinerinnen und Mediziner, dass der Organismus in der Lage ist, ein Schmerzgedächtnis auszubilden. Und dass das dazu beiträgt, chronische Schmerzen zu entwickeln, so Psychologin Regine Klinger aus Hamburg: TAKE 16 (O-Ton Klinger) L: 0, 35 Das Gehirn ist ja in der Lage zu lernen, und dieses Lernen passiert eben, indem bestimmte neuronale Informationen abgespeichert werden. Man kann sich das Gehirn wie eine Festplatte vorstellen, auf die Informationen geschrieben werden und wenn immer wieder im Gehirn neue Schmerzinformationen ankommen, (…) dann wird diese Spur, diese neuronalen Spuren, die da geschrieben werden, immer größer, immer intensiver. Sprecherin Und das bedeutet für die betreffende Person, dass dieser Schmerz im Gehirn abgespeichert und erlebt wird, allerdings unabhängig von der eigentlichen Schmerz-Ursache. Also ohne äußeren Auslöser und damit auch ohne biologische Warnfunktion. Johannes Horlemann: TAKE 17 (O-Ton Horlemann) L: 0, 35 Das können Sie sehr gut erkennen am Beispiel des Phantomschmerzes, dass ein Mensch Schmerzen haben kann in einem Fuß, den er gar nicht mehr besitzt. Das macht deutlich, dass Schmerzen, die aus der Peripherie Nachrichten in das Gehirn senden, eine Eigenständigkeit entwickeln können. Und zwar sagen wir, in einem Zeitraum von 3-6 Monaten, so dass in dieser Zeit im Gehirn Schmerzzentren so alarmiert werden, dass die periphere Schmerzschwelle sinkt und dass die Schmerzen chronifiziert entscheidende Veränderungen im Gehirn machen. Musik: Z8035459113 Artificial developments 0‘32 Sprecherin In Deutschland leben nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin knapp 4 Millionen Menschen mit schwersten chronischen Schmerzen. Rund fünf Prozent der Bevölkerung sind von solchen dauerhaften Schmerzen massiv eingeschränkt. Sie müssen Medikamente nehmen, lassen sich operieren, und verlieren durch die Schmerzen nach und nach ihr früheres Leben, einschließlich Arbeit, Hobbies, Kino- oder Theaterbesuchen. TAKE 18 (O-Ton Horlemann) L: 0, 25 Das sind die schwerstgradig Chronifizierten, leichte oder mittelgradig, da sind wir bei über 20 Millionen. Stellen Sie sich vor, einige Millionen Menschen allein mit Migräne in Deutschland, das ist eine chronische Schmerzerkrankung, Rückenschmerz ist der häufigste Berentungsgrund in Deutschland… Sprecherin Rückenschmerzen, Kopfschmerzen und Nervenschmerzen, das sind die häufigsten chronischen Schmerzen in Deutschland. Sie stellen nicht nur für die Betroffenen ein ernstzunehmendes Problem dar, sondern auch für deren Angehörige und auch für die Sozialkassen. Mittlerweile sind rund ein Viertel der Deutschen davon betroffen,Tendenz steigend. MUSIK: Z8028915109 Coming closer Chronische Schmerzen sind weltweit verbreitet, nicht nur eine Erkrankung in den wohlhabenden Industrieländern. Allerdings überwiegen in den Industrieländern psychosomatisch bedingte Schmerzen, während die dauerhaften Schmerzen in den ärmeren Ländern vielfach durch unzureichende medizinische Versorgung zu erklären sind. MUSIK: Z8028915109 Coming closer hoch 0‘36 Sprecherin Eine klassische Chronifizierung von Rückenschmerzen läuft, körperlich betrachtet, folgendermaßen ab, erklärt Schmerzmediziner Johannes Horlemann: TAKE 19 (O-Ton Horlemann) L: 0, 30 Es ist ja offensichtlich so, wenn ich Schmerzen habe, nehmen wir den Rücken, dann versuche ich ihn zu vermeiden, indem ich inaktiver werde. Inaktivität führt zu Muskelabbau, der Muskelabbau führt zu pathologischen Bewegungsmustern, die pathologischen Bewegungsmuster machen wieder Schmerz, den ich wieder vermeide usw. und dadurch bin ich dann ganz am Ende ein Mensch, und das ist typisch für den chronischen Schmerz, der wesentliche Haltemuskeln verloren hat. Sprecherin Aber für die Chronifizierung der Schmerzen sind eben nicht nur die körperlichen Vermeidungshaltungen und die daraus entstehenden Abbauprozesse verantwortlich. Sondern mindestens genauso entscheidend ist die dahinterliegende psycho-soziale Ebene, die das Schmerzgedächtnis prägt und beeinflusst. TAKE 20 (O-Ton Irnich) L: 0, 10 Was nützt es, Schmerzen zu lernen, dass sie sich automatisieren? Dass die Nervenbahnen nicht mehr kleine Straßen sind, sondern zu Autobahnen werden? Sprecherin Schmerzmediziner Dominik Irnich ist davon überzeugt, dass es nicht zufällig ist, wann und unter welchen Umständen Menschen chronische Schmerzen entwickeln. Für ihn ist dieses Phänomen weit mehr als eine Fehlfunktion bei der Verarbeitung akuter Schmerzen. TAKE 21 (O-Ton Irnich) L: 0, 30 Unsere Untersuchungen zeigen, dass dieser Lernprozess eben durch die zusätzlichen psychologischen und sozialen Faktoren eine andere Bedeutung bekommt. (…) Der Sinn und die Funktion ändert sich, (…) in den meisten Fällen im Unterbewusstsein. Und deswegen ist es so schwierig, wenn man mit chronischen Schmerzen umgeht, weil man müsste sich eigentlich fragen, was könnte den eigentlich die Funktion des Schmerzes sein? Außer, dass er am Anfang einen Schutz und eine Warnung darstellt. Musik: C1601500133 Contagious 2 0‘31 Sprecherin Die heutige Schmerzmedizin versteht chronische Schmerzen deshalb auch als Ausdruck von Belastungssituationen oder von ungelösten Konflikten. Dafür spricht vor allen Dingen, dass dem Schmerzerlebnis häufig keine körperliche Entsprechung zugeordnet werden kann, aber auch umgekehrt: Nicht jede und jeder mit körperlichen Abnutzungserscheinungen wie beispielsweise einer Arthrose im Knie oder einem leichten Bandscheibenvorfall hat dauerhafte und quälende Beschwerden. TAKE 22 (O-Ton Irnich) L: 0, 15 Wir wissen, aus ganz vielen Untersuchungen, dass der Befund z.B. im Kernspin der Wirbelsäule, nicht korreliert, d.h. kein direkter Zusammenhang besteht zwischen dem Ausmaß der Schädigung an der Wirbelsäule und dem tatsächlichen Erleben. Sprecherin Mit Millionen von orthopädischen Operationen liegt Deutschland nach Angaben der OECD weltweit an der Spitze. Aber die Anzahl derer, die unter chronischen Schmerzen leiden, wird damit nicht geringer. Das ist wenig verwunderlich, denn nach allem, was bisher bekannt ist, sind chronische Schmerzen in der Regel eben multifaktoriell zu erklären, das heißt, sie gehen selten nur auf eine Ursache zurück. TAKE 23 (O-Ton Irnich) L: 0, 20 Deswegen muss man heute einfach komplett umdenken, weil wir wissenschaftlich mittlerweile wissen, Schmerz ist ein persönliches Unterfangen, ich muss schlimme Dinge ausschließen: Tumoren, Fraktur Entzündungen, aber das geht ganz einfach. Aber den Schmerz zu suchen mit der Bildgebung macht keinen Sinn. Sprecherin Schmerzen gehören zum Leben dazu. Bei der Geburt, beim Heranwachsen, bei Krankheiten und häufig auch beim Sterben. Deshalb suchen die Menschen seit Tausenden von Jahren nach Erklärungen dafür. Aristoteles verortete das Schmerzempfinden im menschlichen Herzen. Hippokrates dagegen vermutete, dass Schmerzen durch ein Ungleichgewicht in den Körpersäften entstehen. Und für die katholische Kirche waren Schmerzen durch die Vertreibung aus dem Paradies zu erklären. MUSIK: C1576660111 Working brain red. 0‘45 Die Erkenntnis, dass Schmerz ein hochgradig komplexes Phänomen ist, das abhängig von emotionalen, psychischen und auch kulturellen Faktoren erlebt wird, ist, medizinhistorisch betrachtet, noch jung, denn sie ist erst rund zwei Jahrzehnte alt. Und erst seit 2012 ist die Schmerzmedizin Pflichtfach für die angehenden Medizinerinnen und Mediziner. Das ist sicher ein weiterer Schritt, um den vielen Arten von Schmerzen in Zukunft effektiver zu begegnen. STOPP

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