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Mobiles Arbeiten - Welche Fallstricke lauern im Homeoffice?

17.01.2024 · 21 Min.

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Über diese Folge

Viele Berufstätige machen die eigenen vier Wände zum Büro; ersetzen persönliche Kontakte durch virtuelle Meetings. Aber sorgt das für selbstbestimmtes Arbeiten? Oder isoliert es uns und macht uns krank und unzufrieden? Von Martin Schramm (BR 2023)

Credits
Autor dieser Folge: Martin Schramm
Regie: Frank Halbach
Es sprachen: Rahel Comtesse, Johannes Hitzelberger
Technik: Robin Auld
Redaktion: Susanne Poelchau

Im Interview:
Prof. Bettina Kubicek, Arbeits- und Organisationspsychologie, Uni Graz;
Martin Zeschke, Arbeits- und Organisationspsychologie, TU Chemnitz;
Prof. Michael Kastner, Arbeitspsychologe und Arbeitsmediziner

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

MUSIK „Radar“; ZEIT: 01:07

SPRECHER

„Homeoffice sorgt für ungestörtes, konzentriertes Arbeiten...“

SPRECHERIN

„Homeoffice führt zu Überlastung und macht einsam...“

SPRECHER

„Dank Homeoffice lassen sich Job und Familie besser vereinbaren...“

SPRECHERIN

„Homeoffice führt zur Selbstausbeutung und Stress durch Dauer-Erreichbarkeit...“

SPRECHER

Im Homeoffice zu arbeiten, die eigenen vier Wände zum Büro zu machen, persönliche Kontakte durch virtuelle Meetings, Chats und Emails zu ersetzen, kann offenbar vieles bewirken: Es kann uns entlasten und für Wohlbefinden sorgen.

SPRECHERIN

…. aber auch belasten, isolieren und krank machen.

SPRECHER

Vor allem während der Corona - Pandemie fielen die Bilanzen in Sachen Homeoffice recht durchwachsen aus.

SPRECHERIN

Arbeitspsychologen wie Martin Zeschke warnen allerdings vor voreiligen Schlüssen:

MUSIK ENDE

01-O-TON Zeschke Pandemie und heute

„Also Homeoffice heute ist was anderes als Homeoffice zu Beginn der Pandemie. Zu Beginn der Pandemie wurden die Beschäftigten und die Führungskräfte gezwungen, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, und die meisten mussten fünf Tage die Woche von zuhause aus arbeiten. Freiwillig und unfreiwillig war eigentlich egal. Es gab Verordnungen, die kamen nicht von den Unternehmen oder den Organisationen, sondern die kamen vom Staat. Und dann hatten sich da alle daran zu halten. Und Organisationen, die das nicht wollten, die hatten es sehr schwer.“

SPRECHER

Vieles von dem, was Menschen während der Pandemie im Homeoffice erlebt haben, hatte außerdem nichts mit dem Homeoffice selbst zu tun.

SPRECHERIN

Es war vielmehr der Ausnahmesituation in der Pandemie geschuldet: Wir konnten unsere Freunde, Verwandte und Bekannte nicht mehr treffen. Hatten krasse Zusatzbelastungen, weil Kinder parallel zuhause versorgt werden mussten, weil Kitas und Schulen geschlossen waren usw.

SPRECHER

Homeoffice war also keine Abwechslung mehr zum Arbeiten im Büro, es wurde vielmehr zur „Zwangsveranstaltung“:

02-O-TON Zeschke Zwang

„Ein gezwungenes „Ich-muss-von-Zuhause-aus-arbeiten“, teilweise mit einer technischen Ausstattung oder mit einer völlig inadäquaten, ergonomischen Ausstattung, die dazu führt, dass ich körperlich und psychisch mich schlechter fühle als vorher, das heißt, wenn ich dazu gezwungen bin, an fünf Tagen die Woche in der Küche zu arbeiten, wo ich vielleicht an einem kleinen Tisch gemeinsam mit meinen zwei Kindern mich irgendwie dran quetsche, weil mir sonst die Möglichkeiten fehlen, brauche ich mich nicht wundern, dass es mir dann nicht besser geht, als wenn ich ins Büro gehen dürfte, während meine Kinder im Kindergarten oder in der Schule sind.“

SPRECHERIN

Ganz anders in Zeiten ohne Pandemie. Hier beobachten Arbeitspsychologen durchaus positive Effekte:

SPRECHER

Menschen, die freiwillig ein bis zwei Tage von zuhause aus arbeiten, haben beispielsweise häufig weniger Krankheitstage, sind leistungsfähiger, zeigen subjektiv höheres Wohlbefinden - und berichten davon, Familie und Beruf besser unter einen Hut zu bringen:

03-O-TON Zeschke Nachpandemisch

„Wenn ich zum Beispiel eine Fahrt von über 45 Minuten ins Büro habe, mit Zug oder mit Auto im Fernverkehr oder im Stau stehe und so weiter, dann fällt das weg. Und dann ist es natürlich positiv. Wenn ich im Homeoffice arbeite, dass ich mir diesen Stress nicht antun muss, dann sind es teilweise zwei Stunden am Tag, die ich für andere Sachen verwenden kann. - Wenn allerdings mein Fahrradweg zur Arbeit wegfällt, der mich jeden Morgen und jeden Abend eine halbe Stunde aktiviert, und stattdessen bleibe ich zu Hause und mache gar nichts, sondern falle aus dem Bett an den Schreibtisch. Dann ist es wieder etwas negatives. Das heißt, hier kommt es, klassische Psychologen-Antwort, ganz klar darauf an was mach ich draus? Wie gestalte ich das? - Und da gibt es nicht die eine Antwort.“

MUSIK privat Take 009 „Dusty Rain“; Album: The Mind of Tesla; Label: B00P4D49MS – CD Baby; Interpret: Kim Merlino; Komponist: Kim Merlino: ZEIT: 00:34

SPRECHER

Natürlich lässt sich nicht jeder Job im Homeoffice erledigen: Dachdecker und Maschinenbauer, Pflegepersonal und Kassenkräfte - eher schwierig.

SPRECHERIN

Versicherungsangestellte und Banker - Designer, Architekten und Journalisten - schon eher.

SPRECHER

Doch Routinen konzentriert abzuarbeiten ist das eine. Wie aber sieht es aus, wenn es darum geht innovative Lösungen im Team zu entwickeln?

MUSIK ENDE

04-O-TON Zeschke Kreativität

„Was wichtig ist, ist, dass es verschiedene Studien gibt, die sich angeschaut haben, dass Menschen, die in Präsenz miteinander zusammenarbeiten, zum Beispiel deutlich kreativer sind. Wenn es um Kreativität geht, neue Ideen zu generieren oder auch zügig miteinander zu kommunizieren, Ideen hin und her zu werfen und sofort auf das zu reagieren, was die anderen sagen, dann haben wir eigentlich ein einheitliches Studienbild was da sagt: Trefft euch in Person!

SPRECHER

Denn produktive, kreative Zusammenarbeit setzt Vertrauen voraus. - Egal ob im Büro oder im Homeoffice.

SPRECHERIN

Aufbauen lässt sich Vertrauen aber meist nur im direkten Kontakt - nicht über digitale Medien.

MUSIK C1546820 101 „Radar“; ZEIT: 01:17

SPRECHER

Klar sind Videokonferenzen praktisch: Sie bringen im Extremfall Mitarbeitende verstreut über den ganzen Erdball an einen gemeinsamen, virtuellen Tisch - und machen so Konferenzen möglich, die aus rein organisatorischen Gründen sonst nicht oder nur sehr schwer stattfinden würden.

SPRECHERIN

Doch wer sich über digitale Medien austauscht, egal ob per Email, Chat oder via Headset und Videokamera - kommuniziert durch eine Art „Filter“. Entscheidende Informationen gehen verloren - selbst bei Videocalls.

SPRECHER

Ich sehe die anderen zwar - aber eben nur ausschnittsweise - vielleicht nur ihre Gesichter - nicht aber ihre Körperhaltung.

SPRECHERIN

Die gezückte Augenbraue, der minimal nach unten gezogene Mundwinkel - auf Spielkarten-großen Kacheln auf dem Bildschirm geht all das schnell unter.

SPRECHER

Ich höre zwar Stimmen - aber eben oft technisch verzerrt - mal mehr, mal weniger verständlich. Und kann so oft keine feinen Nuancen und Schwankungen wahrnehmen, die aber bedeutsam sein können.

SPRECHERIN

Und ich kann mein Gegenüber nicht anfassen, nicht riechen, eben nicht mit allen Sinnen wahrnehmen.

05-O-TON Zeschke Überforderung

“Und selbst wenn ich einen Videocall habe, gibt es ja trotzdem Beschäftigte, die dann die Kamera ausstellen. Und dann kann ich die auch nicht sehen. Und oftmals ist ja auch das Zusammenspiel zwischen dem, was gesagt wird und wie es gesagt wird extrem entscheidend. (Wenn mir jemand schreibt ich kann die Aufgabe gern übernehmen, dann kann das heißen nee, eigentlich übernimmt die Aufgabe. Übernimmt die Person diese Aufgabe gerade überhaupt nicht gerne. Aber im Chat kommt es dann vielleicht nicht rüber, weil ich lese nur das, was da tatsächlich drinsteht.) Und das ist, glaube ich, auch für viele Führungskräfte ein Problem. Wenn Beschäftigte nicht proaktiv kommunizieren und sagen ich bin gerade überfordert, dann haben sie das früher vielleicht gesehen, weil die Person in ihrem Büro saß und auch überfordert aussah. Aber im Homeoffice kann ich das natürlich besser verstecken.“

SPRECHERIN

Sprich: All das, was wir ansonsten im Büro in der Firma sehen und beobachten, fällt beim mobilen Arbeiten zuhause weg.

SPRECHER

Wer komplett ins Home-Office abtaucht, fast nur noch virtuell kommuniziert, kappt also eine entscheidende Ader zur Außenwelt, erläutert die Arbeits- und Organisationspsychologin Bettina Kubicek:

06-TON Kubitschek Beobachtung!

„Wir wissen aus Studien, dass Wissensaustausch vor allem mit Personen stattfindet, die uns körperlich physisch nahe sind. Das heißt mit der Kollegin, die neben mir sitzt, weil ich schnell eine Rückfrage stellen kann, weil sie vielleicht auch sieht, wie ich eine Aufgabe erledige. Sozusagen die Wissensvermittlung oder Wissensweitergabe erfolgt nicht immer nur explizit verbal, sondern zum Teil auch implizit über Beobachtung. Und das ist im Homeoffice und bei virtueller Kommunikation erschwert, beziehungsweise scheinen wir so eine Tendenz zu haben, unser Wissen lieber mit Personen teilen zu wollen, die uns auch physisch nahe sind. Und das ist dann im Homeoffice ebenfalls erschwert.“

SPRECHERIN

Doch all das sind natürlich keine Argumente gegen Homeoffice an sich, gegen digitale Medien an sich. Die Herausforderung liegt vielmehr darin, ein Gespür, ein kritisches Bewusstsein dafür zu entwickeln, wann welches Medium, und wann Präsenz angemessen ist.

SPRECHER

Da gibt es u.a. den schönen Spruch „Dieses Meeting hätte eine E-Mail sein können.“ Sprich: Eine E-Mail, die völlig ausreicht, sollte eben auch eine E-Mail bleiben - und nicht zu einem Präsenz-Meeting aufgeblasen werden, bei dem Mitarbeitende dann das Gefühl bekommen, ihre Zeit zu verschwenden.

MUSIK C151496 003 „The splendour“; ZEIT: 0:15

SPRECHERIN

Wann schreibe ich eine E-Mail? Wann reicht eine Nachricht im Chat? Wann sollte ich jemanden anrufen? 

SPRECHER

Wann ist eine Videokonferenz sinnvoll - und wann sollte es eben wirklich ein Präsenz-Meeting sein?

MUSIK ENDE

SPRECHERIN

Als Faustformel gilt: Je sachlicher und unkritischer eine Botschaft ist, desto reduzierter und weniger „reichhaltig “ kann der gewählte Kanal sein.

SPRECHER

Geht es um persönliche, kritische oder eben auch bedeutsame Nachrichten, ist hingegen ein „reichhaltiges“ Medium angebracht. - Martin Zeschke:

07-O-TON Zeschke

„Was will ich denn mit einem Lob beispielsweise bezwecken? Will ich es einfach nur gesagt haben, dann reicht es, wenn ich das in den Firmen-Chat schreibe. Wenn ich allerdings ein Meeting einberufe und sage: Hey, wir haben heute etwas zu feiern. Hier gibt es ein neues Projekt, was wir an Land gezogen haben, und diese beiden Personen, die hier neben mir stehen, die haben das bewirkt, und ich möchte jetzt eine große Runde Applaus. Und jetzt kriegt ihr dann noch einen alkoholfreien Sekt und Orangensaft. Und das macht natürlich was damit. Das heißt, ich sollte mir Gedanken darüber machen: Nicht nur was will ich kommunizieren, sondern auch wie will ich's kommunizieren?“

MUSIK privat Take 009 „Dusty Rain“; Album: The Mind of Tesla; Label: B00P4D49MS – CD Baby; Interpret: Kim Merlino; Komponist: Kim Merlino: ZEIT: 01:09

SPRECHERIN

Wenn Mitarbeiter nur noch im Homeoffice sitzen, geht meist eine weitere ganz entscheidende Zutat für ein erfolgreiches Unternehmen verloren: „informelle Kommunikation.“

SPRECHER

Zufällige Begegnungen als „Geburtshelfer“ für neue Ideen, für „soziale Lösungen“.

SPRECHERIN

Der spontane Plausch vor der Kaffeemaschine oder in der Teeküche, - ein reger Umschlagplatz für den neusten Tritsch und Tratsch.

SPRECHER

Zuhause im Homeoffice fehlt meist die Antenne, um diesen „betrieblichen Flurfunk“ zu empfangen.

SPRECHERIN

Geht dieser informelle Austausch aber verloren, geht auch der „sozialer Kitt“ eines Unternehmens verloren, - und damit der Zusammenhalt eines Teams: das soziale Klima leidet.

SPRECHER

Und noch etwas geht verloren: kleine, gemeinsame Regelbrüche, also verschwörerische Verstöße gegen die Regeln einer Organisation, die sich dem Kontrollblick der Vorgesetzten entziehen.

SPRECHERIN

Brüche, die in der Praxis dem Unternehmen nicht schaden - sondern, ganz im Gegenteil, dessen Existenz sichern.

MUSIK ENDE

08-O-TON Zeschke Regelnverletzen

“Es gibt die schöne Beobachtung oder die schöne Theorie, dass wenn alle Beschäftigten Dienst nach Vorschrift machen würden, dass jede Organisation zusammenbricht, weil Arbeit eigentlich nur funktioniert, indem Personen ihren gesunden Menschenverstand verwenden, der oftmals eben gegen Vorschriften verstößt. Im Homeoffice fällt es schwerer. Im Homeoffice haben wir einen größeren Grad an Formalität. Zum Beispiel eben die Videocalls, die deutlich zielgerichteter sind, sehr sachorientierter und eben weniger informell.“

SPRECHERIN

Videocalls sind daher denkbar ungeeignet für „Regelbrüche“. Dafür braucht es geschützte informelle Freiräume, eben z.B. Teeküchen und Kantinen mit entsprechendem Flurfunk. 

SPRECHER

Dort sorgt auch gemeinsames „Auskotzen“ und „Ablästern“ für Druckausgleich - und schweißt Teams ungemein zusammen.

09-O-TON Zeschke Auskotzen

„Beim sich Auskotzen kommt es darauf an, was der Inhalt des Auskotzens ist. Also es gibt das sogenannte Venting Behaviour, also, dass ich einfach mal alles rauslasse, was mich gerade beschäftigt. Das werde ich nicht im Firmenchat machen, wo alle mitlesen können. Die Online-Kommunikation fördert eine gewisse Seite von uns, die eben ein professionelles Gesicht wahrt. Das heißt, dieses Auskotzen fällt relativ stark weg, und auch Konflikte werden selten offener ausgetragen, als das zum Beispiel in einem Meeting wäre, wo ich weiß, das wird jetzt auch nicht alles mitgeschrieben, was ich hier sage und es ist nicht für die Nachwelt oder für einen Screenshot verfügbar, sondern das ist mündlich geäußert in einem definierten Rahmen, in dem eine gewisse Anzahl an Personen ist, wo ich vielleicht auch eher mal sagen kann: Boah, das geht mir gerade gegen den Strich. Ich mache da nicht mit. Folgende Meinung habe ich dazu.“

SPRECHERIN

Es wurden auch bereits Versuche unternommen, solche informellen Freiräume ersatzweise rein virtuell bereitzustellen, um „unbeobachtete Momente“ zu ermöglichen.

SPRECHER

Also die „geschlossene Tür“ oder den „Tratsch in der Teeküche“ beispielsweise durch ein virtuelles Meeting zu ersetzen, in dem sich dann alle Beteiligten ganz „spontan“ vor einem „virtuellen Wasserspender“ versammeln und austauschen.

SPRECHERIN

In der Praxis haben sich derartige Angebote nicht wirklich bewährt:

SPRECHER

Spontanität lässt sich eben nicht einfach „herstellen“ bzw. „verordnen.“

MUSIK C151496 003 „The splendour“; ZEIT: 00:17

SPRECHERIN

Wenn das Büro ins Zuhause wandert, verzeichnen Stressforscher wie Michael Kastner einen durchgängigen Effekt: die sogenannte „Entgrenzung.“ Und damit letztlich die Herausforderung, Privates und Berufliches klar zu trennen:

MUSIK ENDE

10-O-TON Kastner Entgrenzung

„Früher hatten wir die Arbeitsbereiche Privates und Zuhause voneinander abgegrenzt. Wir hatten zum Beispiel feste Arbeitszeiten von acht bis fünf oder so. Und dann ging ich nach Hause. Und dann war ich eben zu Hause und habe mich nicht mehr um den Job gekümmert. Hier geht das alles durcheinander. Man hat zwar die höhere Flexibilität, aber es entsteht ein stärkerer Wechsel zwischen Privat und Arbeit. Und es scheint auch ein Befund durchgängig zu sein, dass oft die Leute ein schlechtes Gewissen haben. Ich habe mich jetzt heute so und so oft ablenken lassen. Und dann kann ich nicht mehr abends in Ruhe noch ein Fernsehstück angucken oder so, sondern setze mich dann doch noch einmal dran“.

SPRECHER

Sprich: Gerade für sehr engagierte Arbeitnehmer ist es oft eine Herausforderung im Homeoffice noch klar zu trennen: Hier Job - dort Privatleben. Die Grenzen lösen sich auf.

SPRECHERIN

Vor allem wenn Arbeitnehmer dann noch das Gefühl haben, permanent erreichbar sein zu müssen - bzw. sich selbst unter Druck setzen:

SPRECHER

Also schon am Frühstückstisch den Laptop aufklappen und Mails schreiben, sich keine klaren Ruhepausen gönnen, und notfalls auch kurz vor Mitternacht noch aufgelaufene Anfragen abarbeiten - um zu zeigen: „Ich bin da!“ - Martin Zeschke:

11-O-TON Zeschke „interessierte Selbstgefährdung“

„Das liegt daran, dass das Homeoffice immer noch diesen Ruch hat, zur Faulheit zur verführen. Und dass die Menschen ja nicht arbeiten, die von Zuhause aus arbeiten. Dass dem nicht so ist, prinzipiell, wissen wir jetzt aus den Studien. Gleichzeitig haben die Beschäftigten im Homeoffice eine höhere Erreichbarkeits-Erwartung. Also sie gehen subjektiv davon aus, dass sie schneller auf Anrufe reagieren müssen, schneller auf E-Mails reagieren müssen, weil sonst die Kolleginnen und Kollegen oder die Führungskraft denkt: der oder die Person sitzt auf der faulen Haut.“

SPRECHERIN

Und dann fängt die Führungskraft womöglich an, ihr Personal aus der Ferne zu überwachen. Sichtet beispielsweise Spuren, die Mitarbeitende in Dokumenten hinterlassen - 

SPRECHER

- verletzt so aber nicht nur schnell Datenschutzbestimmungen, sondern setzt auch einen fatalen Kreislauf in Gang:

12-O-TON Zeschke Kreislauf

„Wenn ich das Gefühl habe, eine beschäftigte Person zieht sich zurück, und ich reagiere mit Überwachung. Dann wird es dazu führen, dass die Person sich überwacht fühlt, dass sie kein Vertrauen empfindet und es ist sich erst recht zurückzieht. Warum sollte ich noch Personen vertrauen, die mich überwacht? Und dann wird es dazu führen, dass die Organisation natürlich die selbsterfüllende Prophezeiung hat. Ah ja, ich wusste es. Doch die Person zieht sich zurück, die arbeitet nicht. Jetzt überwache ich noch mehr. Und dann kann ich eigentlich die Uhr danach stellen, dass diese Person irgendwann kündigen wird oder zumindest nur noch Dienst nach Vorschrift macht.“

SPRECHERIN

Statt eine „Mißtrauenskultur“ zu befördern, wären klare Absprachen und Transparenz in Sachen Erreichbarkeit gefragt.

SPRECHER

Und qualifiziertes Führungspersonal, das beispielsweise auf „Empowering Leadership“ setzt:

13-O-TON Zeschke Ziel statt Weg

„Was wichtig ist zu beachten im Homeoffice ist, dass man nicht den Weg kontrolliert, sondern das Ziel. Das braucht eine andere Führung als die Arbeit im Büro. Das heißt, ich befähige meine Beschäftigten dazu, die Ziele, die sie gesetzt haben oder die Organisation gesetzt haben oder die alle gemeinsam gesetzt haben, zu erreichen, indem ich ihnen die Fähigkeiten gebe oder sie frage, was sie brauchen, um diese Ziele zu erreichen. Und dann lasse ich Ihnen die Freiheit dazu. Also ich habe ja als Organisation diese Menschen angestellt, weil sie diese Tätigkeit ausführen können. Ich weiß, dass meine Beschäftigten das können. Also sollte ich sie dazu befähigen und nicht permanent dahinterstehen.“

MUSIK C1546820 101 „Radar“; ZEIT: 00:29

SPRECHERIN

Arbeiten im Homeoffice steckt also voller Chancen - aber auch voller Fallstricke.

SPRECHER

Es kann uns Freiheiten ermöglichen und entlasten - und uns doch zugleich belasten.

SPRECHERIN

Es kann ermöglichen, Beruf und Privatleben besser auszutarieren - und gleichzeitig Konflikte anheizen.

SPRECHER

Für den Arbeitspsychologen Michael Kastner steht daher fest: die Mischung macht's.

MUSIK ENDE

14-O-TON Kastner Balance 

„Es gilt, eine vernünftige Balance zu finden zwischen Face-to-Face-Kommunikation, wo man wirklich von Angesicht zu Angesicht gegenüber steht oder sitzt. Und dann eben Screen-to-Screen Kommunikation. Da muss man halt je nach Job, je nach Situation, je nach Organisation eine vernünftige Balance finden, die dann eben reicht von kompletter Zeit in der Firma bis zu kompletter Zeit zu Hause über verschiedene Mischungsverhältnisse. Wobei wir sagen im Schnitt nach unseren Erfahrungen, wir sind damit vielen Organisationen zu Gange, scheint sich so ganz gut herauszustellen, so zwei Tage zu Hause und drei Tage doch in der Firma.“

MUSIK C1546820 101 „Radar“; ZEIT: 01:06

SPRECHERIN

Dabei will beides gut gestaltet sein: das Arbeiten im Homeoffice, aber auch die Rückkehr ins Büro.

SPRECHER

Denn am Ende geht es um weit mehr, also nur um die Frage, ob Menschen zuhause oder in der Firma arbeiten.

SPRECHERIN

Es geht darum, ob es Unternehmen, Führungskräften und Teams gelingt eine Arbeitswelt zu gestalten, in der wir von den Vorteilen digitaler Medien profitieren - zugleich aber auch das „soziale Rauschen“ des Flurfunks kultivieren.

SPRECHER

Eine Arbeitswelt, in der Mitarbeitende nicht zu Befehlsempfängern degradiert werden, sondern die sie selbst mitgestalten, - weil Chefs ihnen vertrauen und sie wertschätzen.

SPRECHERIN

Eine Welt, in der Platz für Spontanes und Kreatives bleibt - und in der Mitarbeitende auch Freiräume haben, vorausschauend, verantwortungsbewusst Regeln zu brechen - weil davon am Ende alle profitieren können.

MUSIK ENDE

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O-TON 1: (Birgit Scheps-Bretschneider) Die Amalie-Dietrich-Sammlung enthielt also auch ursprünglich acht Skelette und natürlich stellte sich auch da die Frage, wie ist sie dazu gekommen, warum war das so? Als Frau natürlich, das hat dann nochmal so einen besonderen Beigeschmack. ERZÄHLERIN: Dr. Birgit Scheps-Bretschneider betreut im Grassi Museum für Völkerkunde in Leipzig die Abteilung Ozeanien. Mit Amalie Dietrich beschäftigt sich die Kustodin seit 1978. Sie kennt ihre Sammlungen, ihre Reisen und alle Facetten ihres ungewöhnlichen Lebens. Musik: Dream time 0‘54 Auch den kurzen Absatz, den der englische Anthropologe Henry Ling Roth in einem Buch über „Die Entdeckung und Besiedelung von Port Mackay, Queensland“ geschrieben hat. ZITATOR: „Das berühmte Hamburger Godeffroy Museum hatte in der Jahren 1863 bis 1873 eine Sammlerin an der Küste, die diverse vergebliche Versuche unternahm, einheimische Siedler zu überreden, einen Aborigine zu erschießen, damit sie das Skelett nach Hamburg schicken kann.“ ERZÄHLERIN: Henry Ling Roth kam zwar erst fünf Jahre nach Amalie Dietrichs Abreise nach Australien und sein Buch erschien sogar fast vier Jahrzehnte nach den geschilderten Ereignissen, aber die Legende, dass die deutsche Naturforscherin über Leichen ging, war damit in der Welt. O-TON 2: Diese Geschichte ist einfach so grauselig, dass man sie also immer wieder auch gern kolportiert, aber auf der anderen Seite denke ich, wenn man historische Persönlichkeiten betrachtet, muss man immer auch ganzheitlich schauen, auf die Zeit und die Umstände, die die Menschen dazu gebracht haben, bestimmte Dinge zu tun, Dinge, die wir heute verurteilen und die wir nicht gutheißen, die aber unter Umständen in der Zeit üblich waren und auch nicht als schlimm empfunden wurden, und ich denke, wichtig ist auch immer, die Auftraggeber zu beschreiben. Die Menschen dazu gebracht haben, eben woanders Tote zu sammeln zum Beispiel. Musik: Drei Fantasiestücke für Klavier ERZÄHLERIN: Es war der reiche Hamburger Reeder Johan Cesar Godeffroy, der Amalie Dietrich beauftragte, die Flora und Fauna im australischen Queensland zu erkunden und Exponate für sein Privatmuseum zu sammeln, das er mit Tieren, Pflanzen, Waffen und Gebrauchsgegenständen aus aller Welt bestücken wollte. 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Über das Sammeln der Schmetterlinge möchten wir bemerken, dass Sie dieselben in Tüten schicken können. Selbst die größten Nachtfalter, wenn Sie ihnen die Flügel zusammenklappen, können Sie ruhig in dieser Weise absenden. MUSIK: Frühling red. 1‘12 ERZÄHLERIN: Dass Amalie Dietrich eines Tages die Natur im fernen Australien erforschen würde, war ihr nicht in die Wiege gelegt. Geboren wird sie am 26. Mai 1821 als Concordia Amalie Nelle im sächsischen Städtchen Siebenlehn. Der Vater ist Beutler von Beruf. Er stellt, wie der Name schon sagt, Beutel her: Taschen, Geldbörsen, Bälle und andere Dinge aus Leder, die die Familie auf Märkten in der Umgebung verkauft. Die Schule besucht Amalie nur vier Jahre lang, lernt aber fleißig und liest wissbegierig alles, was sie in die Finger bekommt. Schon bald lästern die Leute, sie rede wie ein Buch. Und schütteln verständnislos den Kopf, als sie erfahren, dass die arme Handwerkertochter den Heiratsantrag eines reichen Mehlhändlers abgelehnt hat. Doch Amalie und ihre beste Freundin haben sich geschworen, dass sie „niemals heiraten, es sei denn, es käme einer, der hoch über ihnen stände.“ Diesen Mann trifft die 24-jährige an einem schönen Herbsttag im Wald, in dem sie mit der Mutter Pilze sammelt. O-TON 5: (Hücking) Wilhelm Dietrich, ein Naturkundler, der ihr einfach das Einmaleins der Botanik beigebracht hat, mit dem ist sie durch die Wälder gezogen, mit dem hat sie gelernt, Pflanzen zu unterscheiden, an welchen Merkmalen unterscheidet man Pflanzen, von dem hat sie gelernt, wie pflege ich das, was ich da abpflücke, wie presse ich das, und wie behandele ich es, dass es nicht schimmelig wird. Also von ihm hat sie ungeheuer viel gelernt Musik: Organic fractures 0‘36 ERZÄHLERIN: Amalie, die sich laut ihrer Tochter Charitas direkt in den Mann mit dem vornehmen Gesicht und den klugen blauen Augen verliebt, setzt gegen den Willen der Eltern die Hochzeit durch. Die Aussteuer verwendet das junge Ehepaar für die Einrichtung einer botanischen Werkstatt. Tagsüber streifen sie gemeinsam durch die Natur und sammeln Blumen, Gräser, Kräuter, Farne und Moose, die abends gepresst und zum Trocknen ausgelegt werden. O-TON 6: (Scheps) Sie hat sich auch relativ wenig um Konventionen geschert, also die Kleinstadtgesellschaft ist ja auch immer so auf permanenter Lauer und Beobachtung, man hört also auch heute noch, wenn man in Siebenlehn fragt, ja, die war dann verheiratet und wohnte im Forsthof, und man soll es nicht glauben, sie hat dann im Wäscheschrank nicht die Wäsche aufbewahrt, sondern dort lagen die Herbarien und die Tierpräparate drin. ERZÄHLERIN: Im Winter wird die Ausbeute geordnet und zu Herbarien zusammengestellt, die die Eheleute an Apotheker, Lehranstalten und Privatpersonen verkaufen. Der Verdienst reicht gerade für das Nötigste, denn die Geschäfte laufen schleppend. 1848 kommt Tochter Charitas zur Welt. ZITATORIN: Jedes Mal, wenn ich Charitas in fremde Hände geben muss, frage ich mich wieder und wieder: Was ist meine erste Pflicht? Soll ich meinem Mann die Gehilfin oder soll ich dem Kind die Mutter sein? Wilhelm sagt - und das sehe ich auch ein – wir müssen reisen, das hängt notwendig mit dem Beruf zusammen. Musik: Morgentau 1‘03 ERZÄHLERIN: Oft ist das Ehepaar mehrere Wochen unterwegs, um Material für die Herbarien zu sammeln. Die schweren Körbe muss Amalie schleppen, denn Wilhelm Dietrich fühlt sich dafür zu schwach. Als die junge Ehefrau durch Zufall erfährt, dass ihr Mann eine Affäre mit dem Dienstmädchen hat, bricht für sie eine Welt zusammen. Enttäuscht und zutiefst gekränkt besorgt sie sich einen Reisepass und flieht mit Charitas zu ihrem Bruder Karl nach Bukarest. Aber das Leben in der Großstadt, der Luxus und die strengen Regeln im Haus der eleganten Schwägerin gefallen Amalie nicht. Sie findet eine Anstellung bei einem Ehepaar in den Karpaten und ist froh wieder in der Natur zu sein. Regelmäßig schickt sie dem treulosen Gatten das gesammelte Material und kehrt nach einem Jahr wieder nach Siebenlehn zurück. O-TON 7: (Hücking) Und dann fingen die Jahre an, wo ihr Mann, ich sag mal träge geworden ist und lieber zuhause saß, der Herr Naturforscher, als dass er selber noch in der Natur forschte, und das waren die Jahre, wo sie dann alleine durch halb Europa gezogen ist MUSIK: Chirping the forest und Föhnsturm 0‘42 ERZÄHLERIN: Ihre einsamen Wanderungen führen Amalie Dietrich bis in die Alpen und an die holländische Nordseeküste, wo sie Algen und Seetang sammeln soll. Immerhin hat sie mittlerweile einen Hund an ihrer Seite. Hektor ist nicht nur ein treuer Begleiter, sondern hilft ihr auch, den Wagen mit den Pflanzen zu ziehen. Trotzdem zehren die langen Fußmärsche bei Wind und Wetter an ihrer Gesundheit. Ausgelaugt und an Typhus erkrankt wird Amalie am Strand von Den Haag ohnmächtig und muss vier Wochen lang das Bett hüten. Als sie schließlich wieder zuhause eintrifft, ist die Tür verschlossen und Wilhelm Dietrich verschwunden. O-TON 8: (Hücking) Nun war der Ehemann weg, sie allein erziehende Mutter ...und hat sich dann wohl zum ersten Mal in ihrem Leben eine Bahnfahrkarte gekauft und ist nach Hamburg gefahren ... und sie hatte einen Kontakt da und der hat sich die Sachen angeguckt und war begeistert von ihren Herbarien und hat gesagt, du ich kenn da jemand, der sich für Naturkunde interessiert ERZÄHLERIN: Johan Cesar Godeffroy, der Fürst der Südsee, wirft die ärmliche Frau aus Sachsen, die um eine Anstellung als Feldforscherin bittet, kurzerhand aus dem Büro. Aber Amalie Dietrich lässt nicht locker, und als sie mit zahlreichen Empfehlungsschreiben der namhaftesten Wissenschaftler ein zweites Mal bei ihm vorspricht, bekommt sie ihren Vertrag und hat zum ersten Mal ein festes Einkommen, mit dem sie die Ausbildung ihrer Tochter bezahlt. Dafür wird sie zehn Jahre lang in den Jahren 1863 bis 1873 die Nordostküste Australiens erforschen und Material für das Museum zusammentragen. ATMO 1: Feder auf Papier ZITATOR: Hamburg, den 20.1.1865. Unser Museum zieht immer mehr Beachtung auf sich, und es ist der wissenschaftlichen Welt wohl bekannt, wie viel Amalie Dietrich zu dessen steter Ausdehnung beiträgt. Wir freuen uns, dass Sie nördlicher gehen wollen und möchten Sie nochmals bitten, nicht nur Skelette von dort vorkommenden großen Säugetieren, sondern auch möglichst Skelette und Schädel von den Eingeborenen sowie auch deren Waffen und Geräte zu senden. Diese Sachen sind sehr wichtig für die Völkerkunde. MUSIK: Mundunkala the creator 0‘40 ERZÄHLERIN: Im 19. Jahrhundert begann man in der Anthropologie die Evolution zu erforschen. Wissenschaftler stellten sich die Frage, wie sich der Mensch aus dem Tier entwickelt hat und warum die Menschen in verschiedenen Teilen der Welt so unterschiedlich sind. Einige vermuteten, dass die Ureinwohner von Australien der sogenannte missing link sein könnten, der den Übergang vom Affen zum Menschen darstellen soll. Dr. Birgit Scheps-Bretschneider vom Völkerkundemuseum Leipzig: O-TON 9: (Scheps) Und so wurden also die Gebeine von Menschen aus aller Welt zu sehr gefragten Forschungsobjekten, in Deutschland gab es in Berlin den berühmten Mediziner Rudolf Virchow, der also sehr extensiv menschliche Gebeine gesammelt hat an der Charité, um dann solche Vergleiche vornehmen zu können, er kannte den Reeder Johan Cesar Godeffroy, und er hat dann über viele Jahre gedrängt, auch Gebeine aus Australien haben zu wollen. ERZÄHLERIN: Es gab damals einen weltweiten, lukrativen Handel mit menschlichen Gebeinen. Wissenschaftler wie Virchow konnten vom Schreibtisch aus, Skelette von Afrikanern, Asiaten und Australiern bestellen und wurden prompt beliefert. Wie man an die menschlichen Gebeine gelangt war, interessierte im 19. Jahrhundert niemanden. ATMO 4: Schreibmaschine ZITATOR: Angel of the black death ERZÄHLERIN: Titelte im November 1991 das Newsweek-Magazin “The Bulletin” mit einem Bild von Amalie Dietrich. ZITATOR: „Diese Frau stiftete im 19. Jahrhundert dazu an, Aborigines für wissenschaftliche Untersuchungen zu töten. Schockierende neue Beweise zeigen, sie war nicht die einzige.“ MUSIK: Kokopelli Dreaming 0‘36 ERZÄHLERIN: War Amalie Dietrich wirklich der Todesengel der Aborigines? Eine kaltblütige, skrupellose Frau, die den Auftrag erteilte, Menschen zu töten? Birgit Scheps-Bretschneider ist der Geschichte nachgegangen und hat vor Ort in Australien nach Beweisen gesucht. Unter anderem in der Familienchronik der Familie Archer. Auf deren Farm soll die Naturforscherin, so das Gerücht, nach einem Auftragskiller gesucht haben. O-TON 10: In dieser Chronik findet sich also gar kein Hinweis darauf, dass Amalie Dietrich auf dieser Farm gewesen ist, also dort ist alles Mögliche geschildert, wie viele Schafe man geschoren hat, was in der Familie geschehen ist, also so ein Besuch wäre auch dort mit Sicherheit festgehalten worden, und die Gebeine, die sie nach Europa geschickt hat, sind ja auch erst einige Jahre später an einem ganz anderen Ort gesammelt worden. ERZÄHLERIN: Wie Amalie Dietrich in den Besitz der acht Aborigines-Skelette kam, wird sich wohl nie mehr klären lassen. Aber egal, ob sie die Gebeine der Toten in der Wildnis gefunden oder durch Tauschhandel erworben hat, ob sie dafür Gräber geplündert oder sogar Menschen hat töten lassen - die Geschichte wirft auch ein Licht auf den umstrittenen Sammeleifer und zweifelhafte Anschaffungspraktiken europäischer Naturkundemuseen. Die Gebeine, die Amalie Dietrich von Australien nach Hamburg schickte, gelangten 1885 nach Leipzig und fielen dort im 2. Weltkrieg einem Museumsbrand zum Opfer. O-TON 11: (Scheps) Ich arbeite ja auch sehr intensiv an der Rückführung menschlicher Gebeine in ihre Herkunftsgemeinschaften, zu ihren Familien, und ich weiß also auch, welche emotionalen Schmerzen es für die Menschen bedeutet bis heute, wenn Tote verschwunden sind und nicht bestattet werden können in dem Land, wo sie hingehören MUSIK: Calm fluctuations 0‘50 ERZÄHLERIN: Birgit Scheps-Bretschneider plädiert trotzdem dafür, Amalie Dietrich nicht zu dämonisieren, sondern anzuerkennen, was sie geleistet hat. Denn heute helfen ihre Sammlungen den australischen Ureinwohnern dabei, ihre Geschichte und Kultur zu rekonstruieren. Mehr als 40.000 Herbarienblätter der Pflanzenjägerin geben Wissenschaftlern Auskunft darüber, welche Gewächse an bestimmten Orten heimisch waren, bevor die Siedler den Regenwald für große Zuckerrohrplantagen und Ananasfelder abholzten. O-TON 12: Und man weiß ja, dass heute auch viel renaturiert wird, und das hilft dann auch dabei, wenn man sich entschließt in einem Nationalpark z.B. wieder Pflanzen dort auszubringen, die ursprünglich mal dort gewesen sind. Also das sind sehr, sehr interessante Projekte, die ohne Amalie Dietrichs Arbeit sozusagen in dieser Form überhaupt nicht machbar wären. ATMO 2: Urwaldgeräusche ZITATORIN: Und doch all diese Sammlungen geben nur einen armseligen Begriff von dieser Märchenpracht. Es gehört eben eins zum anderen. Diese Pflanzenwelt ist belebt durch eine farben- und formenreiche Tierwelt. Wenn ich das herrliche Material einpacke, stelle ich mir immer vor, wie Herr Schmelz alles im Museum ausstellt. Schade, dass man den schönen Tieren und Pflanzen nicht etwas von ihrem Drum und Dran mitgeben kann. Losgelöst aus der märchenhaften Umgebung kann alles nicht so wirken, wie es sollte. MUSIK: Talking to my father 1‘23 ERZÄHLERIN: Nach zehn Jahren in der Fremde kehrt Amalie Dietrich 1873 nach Deutschland zurück und beginnt ihre Sammlungen zu ordnen. Sie ist 52 Jahre alt, ihr Gesicht von der Sonne gegerbt und faltig, umrahmt von dünnen, weißen Haaren. Sie bezieht im Museum ein Zimmerchen und besucht regelmäßig naturwissenschaftliche Vorlesungen an der Hamburger Universität. Als die Firma Godeffroy 1879 Konkurs anmeldet, wird das Museum verkauft, und Amalie Dietrich verbringt ihren Lebensabend im städtischen Altersheim. Sie stirbt im Alter von 69 Jahren an einer Lungenentzündung im Haus ihrer Tochter Charitas. O-TON 13: (Scheps) Sie hatte ja ein sehr schweres Leben, hat sich immer durchgekämpft durch die Widrigkeiten, die ihr natürlich auch die damals existierende Männergesellschaft gesetzt hat, und für Amalie Dietrich würde ich mir wünschen, dass man ihre wissenschaftliche Leistung würdigt und dass man sie vielleicht weniger benutzt, um Politik zu machen.

  • Manufakturen - Schritt in eine neue Arbeitswelt

    16.01.2024 · 22 Min.

    Der Begriff Manufaktur steht heutzutage für Handwerk und Wertarbeit. Aber Manufakturen waren eine Randerscheinung in der Wirtschaftsgeschichte - man könnte in ihnen die Tech-Startups des 18. Jahrhundert sehen. Autor: Christian Sachsinger (BR 2021) Credits Autor dieser Folge: Christian Sachsinger Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Irina Wanka, Stefan Wilkening, Florian Schwarz Technik: Roland Böhm Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Reinhold Reith, Historiker; Stefan Gorissen, Professor für Geschichtswissenschaft an der Universität Bielefeld Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo Versailles Sprecherin: Das französische Schloss Versailles ist ein Touristenmagnet ohnegleichen. Wer es aber schafft, am Morgen als einer der ersten in der langen Schlange vor den goldenen Toren zu stehen und sich beeilt, schnell in den ersten Stock zu gelangen, bevor alle anderen dort sind, dem bietet sich ein besonderes Schauspiel: der Spiegelsaal präsentiert sein Farbenspiel – so wie es der Hausherr Ludwig der 14., besser bekannt als der Sonnenkönig, vor über 300 Jahren genießen konnte. Musik 1: Sonata Nr. 1 von Marc-Antoine Charpentier – 1:13 Min. Sprecher 2: Der Spiegelsaal des Schlosses Versailles bei Paris ist noch heute ein beeindruckendes handwerkliches Meisterstück. Der Raum misst über 70 Meter in der Länge und gut 10 Meter in der Breite. Auf der einen Seite gewähren 17 Fenster einen einzigartigen Ausblick auf den prunkvollen Schloss-Park. Gegenüber an der Innenwand des Saals stehen 17 Spiegel – jeder zusammengesetzt aus über 350 Teilstücken. Die riesigen Spiegel holen den Park nun optisch in den Saal. Am Abend reflektierten die glatten Flächen den Schein von hunderten von Kerzen, die dort bei Bällen entzündet wurden. Sprecherin: Noch heute bringt der Spiegelsaal Besucher zum Staunen. Im ausgehenden 17. Jahrhundert führte er den Gästen des Sonnenkönigs beim Betreten dessen Reichtum und Macht schlagartig vor Augen. Es gab nichts Vergleichbares. Musik aus. Atmo Glaserei – Glas wird zerschnitten Sprecher 1: Spiegelglas war im 17. Jahrhundert ein teures Luxusprodukt. Es herzustellen war kompliziert und nur wenige Handwerker beherrschten die Technik. Diese Experten lebten fast alle in Venedig, die venezianische Republik hatte damals das Monopol für die Herstellung von Spiegeln. Versailles war jedoch das Zentrum Frankreichs und für die Dekoration des Schlosses kamen nur in Frankreich hergestellte Produkte in Frage. Also gründete Jean-Baptiste Colbert – der Finanzminister – eine eigene königliche Spiegel-Manufaktur und warb dafür in Venedig kurzerhand einige der Spezialisten ab. Es war ein Affront. Erzählungen zufolge sandte die Regierung der Venezianischen Republik Agenten nach Frankreich. Sie sollten jene Männer, die Colbert abgeworben hatte, vergiften, um das Spiegel-Monopol Venedigs zu verteidigen. Sprecherin: Der Plan misslang offenbar, denn sonst gäbe es den Spiegelsaal womöglich gar nicht. Und die Manufaktur arbeitete, lange nachdem der ursprüngliche Auftrag erledigt war, erfolgreich weiter. Das Unternehmen gibt es bis heute. Die damalige Compagnie des Grandes Glaces verlagerte die Produktion später in das nordfranzösische Dorf Saint-Gobain. Heute ist die Saint-Gobain-Gruppe ein internationaler Konzern mit zig Milliarden Euro Umsatz und weit über 100.000 Mitarbeitern – auch in Deutschland. Musik 2: „La Dauphine für Cembalo G-Dur/g-Moll“ von Rameau - M0005340009 – Länge: 33 Sekunden Sprecher 1: Saint Gobain und der Spiegelsaal - ein Beispiel für Manufakturen, wie sie in Europa im 17. und vor allem im 18. Jahrhundert immer häufiger vorkommen. Sprecherin: Doch was macht diese Betriebsform aus? Und warum entsteht sie überhaupt? Der Historiker Prof. Reinhold Reith versucht es anhand eine einfachen Beispiels zu erklären: O-Ton 1 (10:20) Wenn wir eine Kutsche produzieren, ist das möglich, indem mehrere Handwerker daran beteiligt sind und die Arbeit dazu in verschiedenen Werkstätten verrichtet wird. (…) Wenn wir jetzt diese Arbeitsprozesse in einem Raum oder in einem Gebäude zusammenfassen, dann spricht man von der kooperativen Arbeitsteilung und das Gebäude wird als Manufaktur bezeichnet. Sprecherin: Es ist produktiver, wenn sich etwa ein Radmacher, ein Schreiner und ein Sattler zusammentun und gemeinsam die Kutsche bauen, als wenn jeder für sich im eigenen Atelier vor sich hin werkelt und man am Ende feststellt, dass die Einzelteile nicht richtig zusammenpassen. Zumal die Karossen immer ausgefeiltere Konstruktionen werden. Sprecher 1 Es braucht also Experten, Spezialisten, die zudem in der Lage sind, an einem Ort gemeinsam aufeinander abgestimmt zu arbeiten. Manufakturen werden dabei zu Stätten, an denen High-Tech entsteht. Das gilt für die Herstellung riesiger Spiegel in Frankreich, das gilt aber auch für die Strumpfproduktion. O-Ton 2 (17:30) Durch den sogenannten Strumpfwirkerstuhl gewinnt die Strumpfwirkerei einen hohen Produktivitätsfortschritt. 19:20 Das sind mehrere Nadeln, die da bewegt werden können. Durch den Strumpfwirkerstuhl steigt die Produktivität. Was gelingt ist, dass diese Strümpfe gleichförmig hergestellt werden können. Und die Hugenotten sind in dieser Technologie sehr versiert und sie bringen diese Technologie mit in die deutschen Territorien, wo sie sich niederlassen. Sprecherin: Und damit sind wir wieder bei Ludwig dem 14. Der Sonnenkönig von Versailles hatte die Hugenotten, wie Frankreichs Protestanten genannt wurden, wegen ihres Glaubens aus dem Land gejagt. Viele von ihnen gingen nach Deutschland und mit ihnen kam viel wertvolles Know-How, auch nach Bayern, etwa nach Erlangen. O-Ton 3 Reith Vor allem in Erlangen ist dann bekannt für die Strumpfproduktion im 18. Jahrhundert und ist eine der wichtigsten Standorte überhaupt. ATMO Strumpfwirken / Handkulierstuhl Sprecher 1 Das Strumpfwirken ist eine viel effizientere Technik, als das Stricken der Strümpfe. Man braucht dazu aber nicht nur einen Satz Nadeln, sondern den bereits erwähnten Strumpfwirkerstuhl, eine hochkomplexe Maschine, bestehend aus mehreren tausend Einzelteilen. Er sieht ein wenig aus wie ein übergroßes Klavier, in das oben unzählige Fäden hineinlaufen, die dann zu einem feinmaschigen Strumpf verwoben werden. Kein Vergleich mit rauhen, kratzigen Wollsocken. Sprecherin: In Erlangen wird diese Technik in den Manufakturen immer weiter verfeinert, die Stadt widmet sich völlig diesem Wirtschaftszweig. … Zeitweise sind in Erlangen 3000 Menschen mit der Herstellung von Strümpfen beschäftigt, bei gerade einmal rund 9000 Einwohnern. Angeblich klappern in jeder Ecke der Stadt Strumpfwirkerstühle. Wie das damals geklungen haben muss, kann man heute noch im Esche-Museum im sächsischen Limbach-Oberfrohna hören. Atmo aus. Musik 3: „1. Satz aus: L'Omphale. Suite für Orchester e-Moll“ von Telemann, (take 001 Ouvertüre) Länge: 1:01 Min. Sprecher 1 Manufakturen entstehen meist da, wo es um hochwertige Waren geht, die kompliziert herzustellen sind. Häufig sind es Luxusprodukte, die sich nur die Fürsten und Könige leisten können und wollen. Das gilt in erster Linie für Porzellan, damals auch weißes Gold genannt. Die hauchdünnen Teller, Tassen und Kannen waren aufwändig bemalt; sie sind der Stolz vieler Herrscherhäuser. Man kann damit bei Banketten Stil und Reichtum demonstrieren. Denn die Herstellung ist teuer, sie geschieht in eigenen Manufakturen, also staatlich geförderten Unternehmen. So gründet 1710 August der Starke, Kurfürst von Sachsen, die erste europäische Porzellanmanufaktur. Ein Projekt, das dem Fürsten nur Verluste beschert. Ganz ähnlich die Ludwigsburg Porzellanmanufaktur, die ebenfalls ständig bezuschusst werden muss. Sprecherin: Andere Branchen sind dagegen deutlich rentabler, wie der Stoffdruck. Manche Betriebe schaffen hier einen steilen wirtschaftlichen Aufstieg. Der Historiker Reinhold Reith: O-Ton 4 Reith 4:30 Diese bedruckten Baumwolltuche sind der meistgehandelte Gegenstand im 18 Jhd. Da geht´s um das Drucken, da geht´s um die Farben, da geht´s um das Design. Da geht´s auch um die Technik, wie wird gedruckt, wie werden die Farben aufgebracht. Da geht´s um großen zentralisierten Betrieben mit mehreren hundert Arbeitskräften. Sprecher 1: Bedruckte Baumwolle, man nennt das damals Kattun - vom Englischen Cotton - übt eine große Faszination auf die Menschen aus. Sie wird zur bevorzugten Oberbekleidung von Frauen der unteren und mittleren Schichten der Gesellschaft. Die Stoffe zeigen wiederholende Muster, die an Blumen oder Blätter erinnern und etwas Leichtes, Spielerisches haben. Kein Wunder, dass diese Stoffe bald die aus dicken Maschen gestrickten, einfarbigen Wollkleider verdrängen. Angetrieben wird dieser Kattun-Boom von Unternehmerpersönlichkeiten, die mit ihren Manufakturen nun gute Geschäfte machen. Sprecherin: Einer von ihnen ist Johann Heinrich Schüle, ein ehrgeiziger Kaufmannsgehilfe, der das Potenzial des Baumwolldrucks früh erkennt. Er reist 1755 nach Hamburg, wo die Technik schon weiter fortgeschritten ist, und schaut sich alles genau an. Glanz und Raffinesse bekommen die Stoffe erst, wenn sie nach dem Druck noch per Hand an den richtigen Stellen nachkoloriert werden. Berichten zufolge sitzt Schüle mit seiner Frau und seiner Tochter oft bis in die Morgenstunden an den Stoffen, um sie „einzumalen“, wie diese Arbeit damals genannt wird. Aber die Mühe lohnt, Schüles Stoffe finden reißenden Absatz und bald kann er sich mehrere Einmalerinnen leisten, die ihm die mühselige Arbeit abnehmen. 1763 errichtet der findige Kattunexperte eine erste Fabrik. Seine Stoffe liefert er mittlerweile nach ganz Europa. Ein Augenzeuge, der Schüles Fabrik besichtigen durfte, schildert die Abläufe dort so: Musik 4: Fantasia Nr. 1 F-Dur von Bach, Carl Philipp Emanuel, Länge: 36 Sekunden Sprecher 2: „Die einfarbigen Muster werden mit großen Kupferplatten abgedruckt, wozu zwey besondere Kupferstecher gehalten werden. Die vielfarbigen Muster aber hat man noch nicht in Platten versucht, sondern man besinet sich hölzerner Formen, wozu eine besondere Innung von Modelschneidern ist, die zum Theile recht gut arbeiten. Es war mit Vergnügen anzusehen, mit welcher Fertig- und Genauigkeit die Drucker bey den verschiedenen aufeinanderfolgenden Formen die rechte Stelle wieder trafen.“ Sprecherin: Schüle engagiert in seiner Manufaktur viele Experten, er wirbt hochqualifizierte Drucker aus London ab und engagiert eine renommierte Zeichnerin aus Hamburg. Mit Geschick und Durchsetzungsvermögen schafft er es, als einfacher Bürger ein Firmenimperium aufzubauen. Sein wirtschaftlicher Einfluss wird so groß, dass ihn der Kaiser 1772 in den Adelsstand erhebt. Doch zu diesem Zeitpunkt geht die Phase der Manufakturen in Europa schon fast zu Ende. Musik 5: 5. Satz aus: Triosonate Nr. 3 a-Moll, BuxWV 254 von Buxtehude., take 109. Länge: 1:10 Minuten Sprecher 1: Drehen wir die Zeit noch einmal gut 100 Jahre zurück, um genauer zu beleuchten, warum Manufakturen als neue Betriebsform überhaupt aufkommen. Ein wesentlicher Grund ist, dass der Staat interessiert ist an der Entstehung von Manufakturen – und zwar nicht nur an solchen, die Porzellan oder Spiegel produzieren. Denn Mitte des 17. Jahrhunderts muss die Wirtschaft unbedingt wieder in Schwung kommen. Nach dem 30-jährigen Krieg gilt es im deutschen Reich Aufbauarbeit zu leisten. Weite Landstriche sind von den langen Kämpfen verwüstet und entvölkert. Die Gesellschaft soll, nun da wieder Frieden herrscht, wachsen. Um die Menschen in Lohn und Brot zu bringen, fördert der Staat eben auch Manufakturen. Privates Unternehmertum ist dabei zunächst gar nicht vorgesehen. Manufakturen wie die von Johann Heinrich Schüle, entstehen erst später. Doch auch sie passen den Herrschern ins Konzept. Denn der sogenannte „Kameralismus“ als Staatswirtschaftslehre dominiert das Denken und Planen deutscher Regierungen und vor allem ihrer Finanzminister. O-Ton 5 Reith (33:45) Man kann das mit dem Begriff aktive Handelsbilanz umreißen(…) 35:00 Dass man eben bestimmte Produkte nicht mehr einführen muss, sondern im eigenen Land produzieren kann, um möglicherweise sogar exportieren könne. Gedacht ist das Ganze von der Kamera, der fürstlichen Schatzkammer, die dann über die Steuern einen Überschuss erzielen kann. Sprecher 1: Wobei dieser Ehrgeiz, Export-Weltmeister zu werden, damals noch keine deutsche Eigenschaft ist, sondern eine zutiefst französische. Musik 6: „Sonata Nr. 1“ (vgl. Musik Nr. 1) , Länge: 1:26 Min Sprecherin: Ludwig der 14. hat einen immensen Finanzbedarf. Um den Adel des Landes an sich zu binden, baut er das kleine Versailler Jagdschloss seines Vaters zum pompösen Machtzentrum aus. Der Glanz und die Anziehungskraft des Hofes sollen so groß werden, dass sich dem kein Fürst und kein Kardinal mehr entziehen kann. Es gibt viele Posten und Titel in Versailles, der Beamtenapparat wird dabei immer gewaltiger und teurer. Außerdem führt der Sonnenkönig eine Reihe von kostspieligen Kriegen, um die Grenzen zu festigen oder auszudehnen, die sogenannten Reunionskriege. Das alles muss finanziert werden. Finanzminister Colbert betreibt deshalb die Wirtschaftspolitik des Merkantilismus. Im Lateinischen ist der „mercator“ der Kaufmann oder Händler, also einer der etwas anzubieten und zu verkaufen hat. Und so geht es Colbert darum, die produktiven Kräfte im Inland zu fördern. Staatliche Manufakturen sollen Porzellan, Spiegel, Seide oder feines Tuch herstellen und zwar mehr als im Inland gebraucht wird, um es möglichst in andere Länder verkaufen zu können. Die Gewinne und die Steuern sollen dem König wieder mehr Spielraum bei seinen Projekten verschaffen. Musik aus Sprecher 1: Ob die neuen Produktionsbetriebe indes für die Menschen immer ein Segen sind, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Die Arbeitsbedingungen jedenfalls sind es oft genug nicht. Zwar werden die Spezialisten, von deren Wissen und Können die Produktion abhängt, meist sehr gut entlohnt. Doch in den Manufakturen arbeiten mit zunehmender Größe auch immer mehr einfache Arbeiter und Arbeiterinnen. Und die beziehen ein klägliches Gehalt für eine Kräfte zehrende Tätigkeit, wie zum Beispiel in der Schülschen Manufaktur in Augsburg. Musik 7: „Unwucht für 4 Klarinetten“ – Länge: 20 Sek Sprecher 2: „Es arbeiteten damals daselbst ohngefähr 350 Personen, und unter denselben viel Weiber und Kinder. Die Arbeiter kommen im Sommer täglich früh um 6 Uhr und arbeiten bis abends um 8 Uhr, doch werden sie nicht nach der Zeit, sondern nach den Stücken bezahlt.“ Sprecherin: Es sieht so aus, als würden solche Betriebe das Zeitalter der Industrialisierung einläuten. Ist die Manufaktur also eine Übergangserscheinung zwischen einer rein handwerklich geprägten Zeit und der kapitalistisch geprägten Wirtschaft des 19. Jahrhunderts … mit Fabriken, in denen Menschen nur noch einzelne stupide Handgriffe verrichten? Lange Zeit wurde das in der Wissenschaft so gesehen, gestützt auch von der Theorie Karl Marx. Im Band 1 des „Kapital“ heißt es: Musik 8: „Unwucht für 4 Klarinetten“ – Länge: 23 Sek Sprecher 2: „Die auf Teilung der Arbeit beruhende Kooperation schafft sich ihre klassische Form in der Manufaktur. Als charakteristische Form des kapitalistischen Produktionsprozesses herrscht sie vor während der eigentlichen Manufakturperiode, die rau angeschlagen von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum letzten Drittel des 18. Jahrhunderts währt.“ Sprecher 1: Doch ganz so eindeutig ist die Entwicklung nicht. Die weit verbreitete Vorstellung, dass Manufakturen die Vorläufer der modernen Fabriken waren, wird von mehreren Historikern inzwischen bezweifelt, so etwa vom Historiker Prof. Stefan Gorissen. Er lehrt an der Universität Bielefeld. O-Ton 6 Gorißen (10:00) Von der Qualifikation her ist die Manufaktur. deutlich näher am Handwerk. Der Maschineneinsatz und das Vorgeben eines Arbeitsrhythmus durch Maschinen spielt in der Manufaktur keine Rolle. Das ist geradezu das Charakteristikum der Manufaktur im Unterschied zur Fabrik. Häufig gibt es qualifizierte Arbeitskräfte, die den Teilprozess selbständig durchführen müssen. Sprecherin: … wie eben jene Handwerker, die die Räder oder den Innenraum einer Kutsche herstellen – und zwar jeweils als Ganzes. Es geht also häufig gerade nicht um Arbeitsteilung, wie später in den Fabriken, wo die Arbeitsprozesse so aufgeteilt werden, dass nur noch einzelne Handgriffe übrigbleiben, die man ohne große Kenntnisse ausführen kann. Auch wenn große Manufakturen, wie jene in Augsburg oder in Saint Gobain viele ungelernte Kräfte beschäftigen, stehen im Zentrum die Experten, ohne die die Baumwolldrucke nicht schön und die Spiegel nicht richtig glatt werden. Manufakturen drehten sich um Know-How, um Präzision und um Qualität. O-Ton 7 Gorißen (11:15) Ein entscheidender Grund, eine Manufaktur zu gründen, ist, dass man sehr genaue Kontrolle über den Arbeitsprozess und über die Arbeitskräfte haben möchte. Da wo es darauf ankommt, den Produktionsprozess genau zu steuern, da lohnt es sich eine Manufaktur zu gründen. (11:45) Ein berühmtes Beispiel ist die Seidenproduktion, also das Abhaspeln der Seidenfäden aus diesem Kokon der Seidenraupe, ist ein Prozess, bei dem man festgestellt hat, dass die Qualität des gewonnenen Garns sehr stark davon abhängt wie genau im Detail dieser Prozess durchgeführt wird. Sprecherin: Womöglich spielt eine andere Betriebsform als Wegbereiter für arbeitsteilige Fabriken eine viel wichtigere Rolle: die Verlage. Was heute nur noch aus dem Buchgeschäft bekannt ist, war vor gut 200 Jahren eine weit verbreitete betriebliche Organisationsform. Stefan Gorißen: O-Ton 8 Gorißen (2:30) Das heißt, man hat einen Kaufmann – einen Verleger –, der die Arbeitsprozesse anleitet und eine Vielzahl von Gewerbetreibenden meist auf dem platten Lande anleitet, Produkte herzustellen. Oft arbeitsteilig und meist im Nebenerwerb. Die nutzen arbeitsarme Zeiten, z.B. den Winter, um Gewerbeprodukte herzustellen. Musik 9: „Bachmachine für 4 Klarinetten“ – 48 Sek. Sprecher 1: So werden zu Hause Wollfäden gesponnen oder einfache Stoffe gewoben, die fertigen Waren dann eingesammelt, womöglich noch weiterverarbeitet, etwa zu Kleidung und dann als Massenware verkauft. Die Serienproduktion, wie sie später in den Fabriken läuft, hat ihren Vorläufer also eher in den Verlagen, als in den Manufakturen. Die Verleger sorgen dafür, dass die Teilarbeitsschritte am Ende zusammenlaufen, und sie übernehmen die Vermarktung im großen Stil. Während die Manufaktur oft auf Qualität ausgerichtet ist, geht es bei den Verlagen dagegen oft um Quantität. Die Bedeutung der Verlage für die Wirtschaft ist dabei schon von den reinen Zahlen her viel größer, als die der Manufakturen: O-Ton 9 Gorißen Man kann schätzen so um 1800 in Deutschland. vor Beginn des Industriezeitalters gibt es im Handwerk 1,3 Mio. Beschäftigte, im Verlagswesen etwa 1 Mio. und in Manufakturen 100.000. Sprecher 1: Die Manufakturen sind also eher eine Randerscheinung in der Wirtschaftsgeschichte Deutschlands und Europas. Musik 10: „Unwucht für 4 Klarinetten“ – Länge: 1:07 Min Sprecherin: Auch von Johann Heinrich Schüles riesigem Kattun-Betrieb ist nicht mehr viel übrig. Nur noch der historische Hauptbau, der ein wenig an ein kleines Barockschlösschen erinnert, steht noch. An den Seiten sind für die Hochschule Augsburg neue Seitenflügel aus Glas angebaut worden. Aber obwohl die Manufakturen im Prinzip völlig verschwunden sind und als Betriebsform bald gar keine Rolle mehr spielen - als Begriff haben sie das 18. Jahrhundert überdauert. Sie gelten bis heute als Markenzeichen und das zu Recht, wie Reinhold Reith findet. O-Ton 10 Reith: 39:45 Wir sehen häufig in der Werbung, dass da von Manufaktur gesprochen wird. (…) Es ist ein sehr positiv besetzter Begriff. Er steht für Qualitätsarbeit, für hohe Präzision, er steht für das Design der Produkte. Ich glaube es trifft diese Produktionsform schon. Musik aus.

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