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Otto Lilienthal - Die Eroberung der Luft

28.02.2024 · 22 Min.

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Über diese Folge

Otto Lilienthal steht im Sommer 1891 auf einer Sanddüne nahe Potsdam mit einem selbstgebauten Hängegleiter, nimmt Anlauf - und gleitet 20 Meter durch die Luft, bevor er sicher landet. Ein Meilenstein in der Technikgeschichte. Autorin: Brigitte Kohn (BR 2013)

Credits
Autorin dieser Folge: Brigitte Kohn
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Beate Himmelstoß, Martin Umbach, Rahel Comtesse
Redaktion: Brigitte Reimer

Im Interview:
Dr. Bernd Lukasch, Physiker;
Leiter des Otto-Lilienthal-Museums;
Mitautor der Lilienthal-Biographie „Erfinderleben“;
Fritz Lilienthal (Sohn);
Paul Beylich (Assistent);
Ella Storbeck (Zuschauerin)

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

MUSIK: CD83313 009 (00‘25‘‘)

ERZÄHLERIN:

Sonntag, 9. August 1896. Eine Droschke ist unterwegs zu den Rhinower Bergen. Sie befördert einen Herrn mit blondem Vollbart und ein sonderbares, zusammenklappbares Gestell aus Weidenruten und Baumwollstoff. Damit will er gleich vom Berg springen, der bärtige Herr. Man kennt ihn hier gut, den Otto Lilienthal. Er kommt aus Berlin und ist fast jedes Wochenende hier. 

O-TON FRITZ LILIENTHAL:

„Ich weiß, er war ein sehr lebensfroher Mensch. Kerngesund. Er hätte ja auch seine Flugversuche gar nicht mit 48 Jahren noch machen können, wenn er nicht gesund und gewandt und ein guter Turner gewesen wäre.“

MUSIK: CD83313 009 (00‘55‘‘)

ERZÄHLERIN:

Fritz Lilienthal, Ottos Sohn, spricht in einer historischen Rundfunkaufnahme über den letzten Tag im Leben seines Vaters. Am Fuß des Gollenbergs wartet Paul Beylich, Lilienthals Assistent. Er hilft beim Aufklappen des so genannten "Normal-Segelapparats", ein oft erprobtes Fluggerät mit zwei leicht gewölbten Flügeln von 6 Meter 70 Spannweite und waagrechten und senkrechten Schwanzflossen zur Lagestabilisierung. Der Pilot schlüpft durch eine Aussparung im Zentrum des Geräts. Er ist nicht angeschnallt, die Unterarme liegen auf gepolsterten Verstrebungen, die in zwei Griffen für die Hände münden. Die Beine baumeln nach unten, durch Bewegungen nach links oder rechts kann Otto Lilienthal das Gerät in der Luft etwas ausbalancieren. Der erste Flug klappt wunderbar. Trotzdem hat Paul Beylich kein gutes Gefühl. Sagt er - Jahrzehnte später im Gespräch mit Reportern. 

O-TON PAUL BEYLICH:

„Weil das nun so windböig war, da hatte ich ihm abgeraten. Aber er sagte zu mir: Beylich, wir machen einen Flug, und dann fahren wir nach Hause.“

ERZÄHLERIN:

Am Fuße des Gollenbergs haben sich ein paar Zuschauer eingefunden, die gespannt zuschauen, wie Lillienthal zum zweiten Mal abspringt. Unter ihnen ist das Bauernmädchen Ella Storbeck.

O-TON ELLA STORBECK:

„Da sah ich denn, wie er eben hochging. Ob es nun durch eine Windböe kam oder was es nun, nun war, na, der Apparat überschlug sich und er stürzte nun senkrecht ins Tal."

MUSIK: CD83313 007 (00‘20‘‘)

ERZÄHLERIN:

Lilienthal liegt mit gebrochener Wirbelsäule im Gras. Er schlägt die Augen auf und spürt seine Beine nicht mehr. Das wird schon wieder gut, glaubt er und scherzt mit dem herbeigeeilten Arzt. Doch als der Schwerverletzte am nächsten Tag in Berlin ankommt, ist er nicht mehr ansprechbar. Am Bahnhof wartet Agnes, Ottos Frau, Als sie ihren Mann sieht, wird sie ohnmächtig. Sie hat vier Kinder, Fritz ist gerade elf.

O-TON FRITZ LILIENTHAL:

„Ich weiß, dass wir durch den Bruder meines Vaters erfahren haben, dass er abgestürzt wäre in Stölln, aus – glaube ich – 40 Metern Höhe. Er ist dann in die Bergmann‘sche Klinik gekommen, und meine Mutter ist dann hingefahren, aber wie sie hinkam, war er schon tot. // Seine letzten Worte sollen gewesen sein: // Opfer müssen gebracht werden."

ERZÄHLERIN:

Diese Worte, obwohl nicht sicher verbürgt, zieren Lilienthals Grabplatte auf dem Berliner Friedhof Lankwitz, sind Teil seiner Legende. 

War er wirklich der erste fliegende Mensch? Andere haben vor ihm Fluggeräte konstruiert und ausprobiert. Doch er ging als erster sehr systematisch vor, erzielte nachvollziehbarer Erfolge und hinterließ wissenschaftliche Versuchsreihen und Messergebnisse. Seine wichtigste Erkenntnis überhaupt, die Grundlage seines Erfolges, war ...

O-TON DR. BERND LUKASCH:

„... die Tragfläche, oder das Geheimnis der Tragfläche dem Weißstorch abgeschaut, wenn man’s mal so vergröbern will.“

ERZÄHLERIN:

Der Physiker Dr. Bernd Lukasch ist Mitautor der Lilienthal-Biographie "Erfinderleben" und Leiter des Otto-Lilienthal-Museums in dessen Geburtsstadt Anklam. Das liegt in einer weiten Flusslandschaft, in der viele Störche leben. Störche faszinieren Lilienthal sein ganzes Leben lang. Vor allem ihre Fähigkeit, mit ausgebreiteten Flügeln scheinbar mühelos durch die Luft zu gleiten. Er erkennt als Erster, dass sie das nur deshalb können, weil ihre Flügel leicht gewölbt sind.

O-TON DR. BERND LUKASCH:

„Die Wölbung, in der steckte so ein bisschen das Geheimnis. Ganz vernünftiger Weise haben die Physiker seiner Zeit gesagt, also ja, das fällt schon auf, diese Wölbung, aber wir müssen erst mal das Prinzip von der Fliegerei überhaupt verstehen, dann können wir uns mit den Feinheiten beschäftigen. Das ist eben ein so ein von der Natur recht gut gehütetes Geheimnis. Wir sind ja fast im Zeitalter von Atomphysik und Quantenphysik, wenn man so schaut, und da hat die Natur sich doch so lange so ein kleines Geheimnis, was ganz klassische Newton‘sche Mechanik ist, bewahrt. Und dass die gewölbte Fläche so eklatant andere Eigenschaften hat als eine Ebene, das war sicher für alle, die sich mit beschäftigt haben, eine Überraschung. Und der Otto Lilienthal hat das den Vögeln durchaus abgeschaut, hat aber dann die ersten tatsächlich verfügbaren Messwerte veröffentlicht.“

MUSIK: CD83313 026 (00‘55‘‘)

ERZÄHLERIN:

Otto Lilienthal, geboren 1848, begeistert sich von klein auf fürs Fliegen. Sein jüngerer Bruder Gustav auch. Die Mutter liest ihren Kindern Geschichten von mutigen Ballonfahrern vor. So ein Ballon funktioniert nach dem Prinzip "Leichter als Luft", weil er mit Gas oder Heißluft gefüllt ist, beides leichter als die normale Luft. Das zieht den Ballon nach oben. Der Ballon ist eine Erfindung des 18. Jahrhunderts. Im 19. bemüht man sich darum, sie lenkbar zu machen, mit mäßigem Erfolg allerdings. Otto und Gustav wollen richtig fliegen, selbst bestimmt und mit Körpereinsatz, nach dem Prinzip "Schwerer als Luft", wie die Vögel eben. Sie basteln sich künstliche Flügel aus Holz und laufen damit die Hügel rauf und runter. Klappt nicht? Macht nichts. Otto und Gustav halten fest zusammen und ermutigen sich gegenseitig.

ZITATOR OTTO LILIENTHAL:

„Mein Bruder Gustav war und ist mein zweites Ich. Nicht nur, dass wir von früher Jugend an alle Freuden und alles Leid teilen, alle dummen Streiche und vernünftigen Ideen gemeinsam ausführten, nicht nur, dass wir in gleicher Weise des segensreichen Einflusses unserer vorzüglichen Mutter teilhaftig wurden; auch unsere weitere Selbsterziehung steuerte der gleichen Weltanschauung zu. Viele größere Unternehmungen wurden von uns gemeinsam betrieben.“

ERZÄHLERIN:

Als der Vater starb, war Otto 13, Gustav 12, die Schwester Marie noch ein Kleinkind. Die drei hatten noch fünf weitere Geschwister, aber die leben nicht lange. 

ZITATOR OTTO LILIENTHAL:

„Nichts ist geeigneter, eine ernste Lebensauffassung zu wecken, als wenn man seine Geschwister kalt und bleich in weißen Gewändern und von Blumen umgeben im Kindersarge liegen sieht.“

ERZÄHLERIN.

Vielleicht hat Ottos tiefe Sehnsucht, fliegen zu können, auch etwas mit seiner kindlichen Erfahrung des Todes zu tun. Und mit der Erinnerung an den Vater.

O-TON DR. BERND LUKASCH:

„Er war ein ganz Umtriebiger, vielleicht das hatte er dem Otto vererbt, also an allem was um ihn herum passierte, sehr interessiert, vielleicht im falschen Beruf als Kaufmann, also er hat ja angeblich ein Mathematikbuch geschrieben, was nie veröffentlicht wurde, so zum Spaß, hat sich also um technische Neuerungen gekümmert zum Torfabbau in seiner Stadt, und hat sich dann engagiert in der Revolution, was ihn also den Großteil seiner Kundschaft gekostet hat ...“

ERZÄHLERIN:

…  und die Familie in Armut und Not stürzte. Mutter Caroline Lilienthal, eine ausgebildete Sängerin, intelligent, vielseitig interessiert und musisch begabt, tut nach dem Tod des Vaters alles für ihre Kinder. Sie lässt sie basteln und experimentieren, träumen und umherschweifen, so viel sie wollen. Sie trägt die Kosten, ohne zu murren. Sie ist stolz, als Otto nach der Schule nach Berlin geht. Dort gibt es die Gewerbeakademie, eine hochmoderne Ausbildungsstätte für Maschinenbau-Ingenieure, die im beginnenden Technik-Zeitalter dringend gebraucht werden. Die Anfänge sind hart, denn Otto hat kein Geld. 

ZITATOR OTTO LILIENTHAL:

„Ich mietete mir eine Schlafstelle, zusammen mit einem Droschken- und einem Rollkutscher. Der Droschkenkutscher fuhr nachts aus, so dass ich das Bett nur mit dem Rollkutscher zu teilen brauchte."

MUSIK: CD83313 012 (00‘45‘‘)

ERZÄHLERIN:

Berlin um 1866, eine quirlige, überfüllte Großstadt, ein Moloch mit einem ständig wachsenden Industriegebiet. Es ist die große Zeit der Erfinder-Unternehmer, die mit Patenten auf neu entwickelte Geräte viel Geld verdienen. 

So ein Erfinder-Unternehmer will Otto Lilienthal auch werden. Er bekommt ein Stipendium und kann seinen Bruder Gustav zum Architekturstudium nach Berlin holen. Die beiden wohnen zusammen und konstruieren in ihrer Freizeit einen Flügelschlagapparat, dessen Flügel man in Bewegung setzen kann, indem man zwei Pedale betätigt. Fliegen kann man damit nicht. Deshalb beschließt Otto, das Problem des Flügelschlags erst mal ruhen zu lassen und sich mit dem Gleiten zu befassen.

O-TON DR. BERND LUKASCH:

„Als Zwischenschritt. Also er hat gemerkt, dass das mit dem Flügelschlag sicher ne schwierige Sache ist. Und dann hat er sich gesagt: na ja, der erste Schritt ist das, was die Störche ja auch so schön können, die flattern ja auch nicht pausenlos, die halten ihre Flügel ganz still. Das ist der erste Schritt in der Erkenntnis zum Menschenflug. Aber dann war also seine Flugleistungen, die er dann 1893 so erreichte, die waren für ihn eigentlich der Abschluss dieses Gebiets, und dann hat er sich wieder dem Flügelschlag zugewandt. Also die meiste Zeit seiner Forschung hatte er sich eigentlich mit Flügelschlag beschäftigt, kann man sagen, ohne dass er dabei den Durchbruch erreicht hätte.“

ERZÄHLERIN: 

Gustav interessiert sich auch für die Entwicklung von Spielzeug und für Kunsthandwerk, für Architektur und sozialreformerische Lebens- und Wohnmodelle. Er geht seinen eigenen Weg. An den praktischen Flugübungen des Bruders in späteren Jahren ist er nicht beteiligt. Vom Berg springen, das ist ihm zu gefährlich. Aber in den frühen Phasen ist er immer dabei.

O-TON DR. BERND LUKASCH:

„Gustav hat sich dann zurückgezogen, aber z. B. dieses berühmte Buch, das wir heute als Wiegenbuch der Flugzeuggeschichte bezeichnen, also "Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst", das ist sicher ein von Otto geschriebenes Buch, aber es steht im Untertitel: Aufgrund zahlreicher von mir und meinem Bruder ausgeführter Versuche.“

ERZÄHLERIN:

Nach dem Studium und Einsatz im Deutsch-Französischen Krieg sammelt Otto Lilienthal erste berufliche Erfahrungen als Angestellter, unter anderem im Bergbau bei Krakau. Sein Traum ist eine eigene Fabrik. Und eine eigene Familie. Otto hat sich verliebt. In Agnes, die Tochter eines Bergmanns.

O-TON FRITZ LILIENTHAL:

„Er hat ja meine Mutter kennen gelernt auf einem Wohltätigkeitskonzert, wo sie Tenor und Sopran zusammen sangen.“

ERZÄHLERIN:

Die Musik verbindet die beiden ein Leben lang und tröstet Agnes oft, wenn sie sich allein gelassen fühlt. Ständig stecken die Brüder zusammen und brüten über gemeinsamen Projekten. Nicht immer geht es ums Fliegen. Gustav hat die Idee, Spielsteine für Kinder zu entwickeln, die nicht aus Holz sind, sondern aus Stein und zum Bauen von Miniaturhäusern gut geeignet. Der Anker-Steinbaukasten wird sehr schön, es gibt ihn heute noch. Nur mit der Vermarktung, da haben die Brüder kein Glück, erinnert sich Ottos Sohn Fritz:

O-TON FRITZ LILIENTHAL:

„Er war damals noch ein kleiner Angestellter anfangs bei einer Firma, wie er den erfunden hatte, und da fehlte ihm nur das Geld, Reklame zu machen, das hätte er selber auch gewusst, aber wenn Geld nicht ist, kann man das nicht machen. Richter hat sie ihm abgekauft, und der hat dann die großen Geschäfte gemacht."

ERZÄHLERIN:

Mehr Glück hat Otto Lilienthal mit der Erfindung des "gefahrlosen Dampfkessels aus Schlangenrohr-Elementen". Ursprünglich ist der Kessel dazu gedacht, einen Flügelschlagapparat in die Höhe zu treiben. 

Das funktioniert nicht, aber für normale Produktionsprozesse in mittelständischen Unternehmen ist die Maschine durchaus zu gebrauchen. Sie wird patentiert und geht in seiner eigenen, neu gegründeten Fabrik in der Köpenicker Straße 110 dauerhaft in Produktion. Er hat es geschafft. Die Arbeiter schätzen ihren immer freundlichen und fröhlichen Chef. Und sie staunen nicht schlecht, als eines Morgens ein Aushang am Schwarzen Brett eine unerhört hohe Gewinnbeteiligung verspricht.

ZITATOR OTTO LILIENTHAL:

„Um das Interesse meiner Arbeiter an dem Geschäftsbetriebe zu heben und ihnen Gelegenheit zu bieten, ihr Einkommen durch eigenes Zuthun entsprechend ihren Leistungen zu vermehren, beabsichtige ich, unter Fortfall der Akkordarbeiten, Beibehaltung der jetzigen Lohnsätze und der bisherigen Fabrik-Ordnung eine Beteiligung derselben am Reingewissen des Geschäftes und zwar zunächst in Höhe von 25 Prozent desselben einzuführen.“

O-TON DR. BERND LUKASCH:

„Angeblich soll es bis zu seinem Tod mit großem Erfolg funktioniert haben. Also diese – auch sein Fachpersonal – denn er hatte ja natürlich, Maschinenbau im boomenden Berlin, da große Konkurrenz, und das war natürlich also nicht nur als soziale Wohltat gedacht, sondern das war natürlich auch Unternehmenspolitik, also seine Facharbeiter an seine Firma zu binden und ihr Interesse an der Qualität seiner Erzeugnisse zu befördern. Das war sicher der Hintergrund. Aber es war natürlich auch ne klar eine soziale Maßnahme, in der er ja ganz vorne stand im Berlin der damaligen Zeit.“

ERZÄHLERIN:

Otto Lilienthal engagiert sich auch fürs Theater: Er wird Teilhaber einer kleinen Bühne und sorgt dafür, dass der Eintritt nur zehn Pfennige kostet, damit sich auch Arbeiter das Vergnügen leisten können. Er schreibt eine sozialkritische Posse und schauspielert auch selbst. Anna, die Frau seines Bruders Gustav, ist nicht begeistert.

ZITATORIN ANNA LILIENTHAL:

„Wer betritt da im Kostüm des Herold die Bühne? Es war unser Otto selbst, der Mann der unbegrenzten Möglichkeiten! Aber hier, als Schauspieler, war er fast unmöglich. Selbst das anspruchslose Publikum lachte ihn aus; wir, seine Angehörigen, saßen wie auf Kohlen. Der einzige, den das Fiasko nicht störte, war er selbst. Frohgemut trat er nach der Vorstellung zu uns und beruhigte uns mit den Worten: ‚Ich werde von nun an öfters spielen, um mich zu üben.‘"

MUSIK: CD83313 009 (00‘38‘‘)

ERZÄHLERIN:

Üben, das gilt auch für die Fliegerei, die Lilienthal Anfang der 1890er Jahre wieder intensiviert. Jetzt beginnt er mit aktiven Flugversuchen. 

ZITATOR OTTO LILIENTHAL:

„Was uns bei der Lösung der Flugfrage am meisten fördern kann, das sind zahlreiche und mit Verständnis und Geschick ausgeführte Versuche. Auf dem Papier allein kann überhaupt das Flugproblem nicht reifen. Strenge Wissenschaftlichkeit, gepaart mit hervorragender praktischer Erfahrung, kann allein uns Schritt für Schritt dem Ziele näher bringen."

ERZÄHLERIN:

Er übt in verschiedenen Gegenden in der Nähe Berlins und steigert seine Flugleistungen von 25 auf 80, schließlich sogar auf 250 Meter. Nicht weit von seinem Wohnhaus hat er sich einen eigenen Übungsberg errichten lassen. 

O-TON FRITZ LILIENTHAL:

„Ich weiß noch, wie wir immer rausgefahren sind zum so genannten Fliegeberg, den er hat aufschütten lassen. Das ist vielleicht drei bis vier Kilometer von Lichterfelde bei Berlin, wo wir wohnten. Da sind wir mit dem Rad rausgefahren, als Kinder mit ihm und haben da oft zugesehen, haben da gesessen und haben in der Sonne da beobachtet, wie er oben absprang und dann runter, den Berg runterflog.“ 

ERZÄHLERIN:

Zwischen 1891 und 1896 entwirft Lilienthal 16 verschiedene Gleiter, Eindecker und Doppeldecker. Schon auf Zeitgenossen wirken sie rührend altmodisch, so ganz ohne Motor. Im Gegensatz zur öffentlichen Meinung, die in puncto Fliegen alle Hoffnungen auf die Weiterentwicklung des Ballons setzt, glaubt er fest an das Fliegen nach dem Prinzip "Schwerer als Luft" und konzentriert sich dabei auf die Form der Flügel und aerodynamische Fragen. Die meisten seiner Zeitgenossen halten ihn für einen Spinner.

O-TON DR. BERND LUKASCH:

„Er war ja sogar im doppelten Sinne Außenseiter. Also nicht nur, dass er immer noch mit Flügeln also die Vögel nachahmen wollte, obwohl die Wissenschaft längst also das künstliche Produkt Ballon erfunden hatte, sondern unter den wenigen, die sich mit Luftfahrt schwerer als Luft beschäftigten, war er noch mal der Außenseiter, weil er ja gesagt hat: Und das mit dem Motor machen wir später. Also die anderen haben natürlich die Dampfmaschine, dieses moderne Produkt der Technik, versucht an Flügel zu hängen und daraus das Flugzeug zu machen. Und dann kommt der Lilienthal, selbst Kleindampfmaschinenbauer, also genau aus der Richtung kommend, und der sagt dann: Na, das lassen wir erst mal weg, wir springen erst mal vom Berg.“

MUSIK: CD83313 009 (00‘27‘‘)

ERZÄHLERIN:

Doch zum Glück ist die Momentfotografie gerade erfunden worden. Fotografen pilgern gern zu Lilienthals Flugstätten und schießen spektakuläre Fotos vom fliegenden Menschen. Ihre Fotos gehen um die Welt und zeigen, dass seine Fluggeräte funktionieren. Das verschafft ihm Respekt und bringt ihn seinem Ziel näher, das Fliegen weltweit zu einem populären Sport zu machen. In seiner Fabrik werden Fluggeräte für interessierte Kunden in aller Welt hergestellt. 

O-TON DR. BERND LUKASCH:

„Man kann sagen, die Flugzeugproduktion, und da war er ja der Erste. Wenn man immer so über den Ersten die Superlative sucht, wenn man einen finden will für den Lilienthal, dann kann man sagen, die erste Serienproduktion eines Flugzeuges in der Geschichte. Wir kennen also neun Käufer, es gibt also ne Aussaget, zwölf Käufer gab es - also vielleicht zwölf Exemplare gebaut und in die Welt geschickt, also durchaus zwischen Moskau und Washington. Also im Hinterzimmer seiner Maschinenfabrik ist also das erste Mal in der Welt ein Flugzeug in Serie gebaut worden, Berlin ist die Stadt, aus der das Flugzeug kommt, und die Berliner wissen’s nicht.“

ERZÄHLERIN:

Lilienthal liebt das Fliegen. Er schwärmt vom sanften Dahingleiten über weit ausgedehnte sonnige Bergabhänge. Fliegen wäre gut für alle Menschen, glaubt er. Es würde sie freier machen und menschlicher.

MUSIK: CD83313 026 (00‘34‘‘)

ZITATOR OTTO LILIENTHAL:

„Der Fortschritt der Kultur ist in hohem Maße davon abhängig, ob es dem Menschen jemals gelingen wird, das Reich der Lüfte in eine allgemeine, viel benutzte Verkehrsstraße zu verwandeln. Die Grenzen der Völker würden dann ganz ihre Bedeutung verlieren, weil man sie bis in den Himmel nicht absperren kann. Man kann sich kaum vorstellen, dass Zölle und Kriege dann noch möglich sind. Der ungeheure Aufschwung, den der Verkehr der Völker untereinander nehmen wird, müsste schließlich die Sprachen zu einer Weltsprache mischen.“

O-TON Dr. BERND LUKASCH:

„Der Welt umspannende Luftverkehr, den wir heute kennen, das war ne Sache von nicht mal einem halben Jahrhundert, dann war das verwirklicht. Und  wie weit wir heute von dem ewigen Frieden gerade mit den Mitteln der Luftfahrt entfernt sind! Da gab es mehrere Revolutionen des Krieges, die gerade mti Hilfe der Luftfahrt stattgefunden haben.“

ERZÄHLERIN:

Die Erfindung des Motorfluges geht nach seinem Tod dramatisch schnell. Das Militär investierte enorme Summen in die Entwicklung. Nicht einmal vier Jahrzehnte später sorgten Flugzeuge im Zweiten Weltkrieg für flächendeckende Bombardements mit Tausenden von Toten. Ein Szenario, das sich Otto Lilienthal nicht vorstellen konnte.

O-TON FRITZ LILIENTHAL: 

„Was ihn umtrieb, war ja auch nicht der Gesellschaftsflug, wie er sagte, sondern der persönliche Kunstflug. Also das, was man mit dem Fahrrad macht, was ja auch eine Erfindung aus derselben Zeit ist, nicht, also jedermann kann sich Flügel anbinden und kann damit am Wochenende sich in die Luft begeben. Und ja und eine Armee macht sich eben lächerlich, wenn sie um die Verschiebung einer Grenze kämpft, wenn gleichzeitig jeder Mensch frei wie ein Vogel über die Grenze hinweg fliegen kann. So war seine Vorstellung.“

MUSIK: CD83313 009 (00‘37‘‘)

ERZÄHLERIN:

Noch einen Traum träumte Lilienthal sein Leben lang, dessen Verwirklichung lange Zeit als unmöglich galt: den Flügelschlag der Vögel technisch nachzuahmen. Erst auf der Hannover Messe 2011 wurde der Smartbird vorgestellt - ein Gerät, das wie eine Möwe aussieht und auch genauso fliegt.

O-TON DR. BERND LUKASCH:

„Sensationell – also das Publikum erhob sich von den Plätzen. Also ein High-Tech-Erzeugnis, zwei Meter Spannweite, eine ganz große Möwe, die also in perfekter Steuerung in der Lage war, ferngesteuert also im Küstenwind, aber auch im Saal über die Köpfe des Publikums hinweg zu fliegen.“ 

ERZÄHLERIN:

Es gibt also immer noch Überraschungen. Der alte Traum vom Fliegen ist noch nicht zu Ende geträumt…

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Auf dem Pullachhof wohnt der Schlittenhundsportler Jürgen Stolz mit seinen 18 Sibirian Huskies. Mit ihnen hat er schon viele Rennen bestritten, ist mehrfacher Europa- und Weltmeister. Jürgen Stolz liebt seinen Sport auch deswegen, weil die Hunde so begeistert mitmachen. MUSIK ENDE 1 O-TON JÜRGEN STOLZ BAND Band 11/0.56 Dem Sibirian Husky ist das voll angeboren. Also, ich hab jetzt noch keinen Hund gehabt, den ich zu irgend etwas hätte auffordern müssen. Wir haben das große Glück, wir haben einen wunderschönen Hof, wir können von Haus aus trainieren, und da sehen die jungen Hunde, wie das geht. Die sind die ersten zwei drei Mal recht schüchtern. Aber wenn du mit einem Hund gut umgehst, gut mit ihm redest, ihn jetzt nicht tadelst irgendwie, und ihm danach noch Leckerlis gibst und ihm sagst, hey, das hast du gut gemacht, dann wird der mit der Zeit so mutig, dass der sich freut. Die Hunde explodieren in der Früh. Die freuen sich, wenn die eingespannt werden. Das Geschirr an, die wissen, es geht los, das ist für den Hund das Allerallergrößte. Da kommt lange nichts danach. ERZÄHLERIN: Jürgen Stolz bietet auf seiner Homepage Workshops und Erlebnistage für alle an, die sich für seine Hunde und seinen Sport interessieren. Die Hunde freuen sich, wenn Besuch kommt, sie sind Menschen gegenüber aufgeschlossen, verspielt und verschmust. Diese Kombination aus Temperament, Kraft und Freundlichkeit fasziniert Jürgen Stolz schon seit 20 Jahren. 2 O-TON STOLZ BAND 11/2.40 Das Aussehen vom Hund. Er ist sehr wolfsähnlich. Er ist ein sehr stolzer Hund, der einen starken Willen hat. Die Art von ihm. Wie er mit einem schmust, wie er einen anschaut, er wird ja auch viel als Therapiehund eingesetzt. Das stolze, natürliche Wesen, es ist einfach nicht so ein untertäniger Hund. Geräusch HUSKY BELLT ERZÄHLERIN: Obwohl er so aussieht: Der Husky ist kein Wolf. Wäre er einer, wäre er zum Schlittenziehen ungeeignet. Dazu braucht es Eigenschaften, die durch Zuchtauswahl verstärkt werden: Zugkraft, Freude an der Arbeit, Freude am Fressen - Rennen verbraucht ja viel Energie -, ein verträgliches Wesen. Alle Schlittenhundrassen, Huskies, Samojeden, Malamutes und Grönlandhunde, stammen von den Arbeitshunden der arktischen Völker ab, die bis heute in Grönland, Nordkanada, Alaska und Sibirien leben. Schon vor 5.000 Jahren, als die Eskimos aus Sibirien nach Alaska einwanderten, waren Schlittenhunde dabei. Bis zur Erfindung von Motorschlitten und Flugzeug sicherte der Hund das Überleben des Menschen in den Regionen nördlich des Polarkreises; ohne Hund hätte der Mensch viele Gebiete überhaupt nicht besiedeln können. In den Geschichten der Eskimos hat die enge Beziehung zwischen Mensch und Hund eine übernatürliche Dimension. MUSIK ZITATOR: "Zwei Männer gingen mit ihrer Hündin auf Eisbärenjagd. Hinter ihnen brach das Eis, und sie trieben lange auf dem Ozean. Beide wurden Ehemänner der Hündin. 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Dann ist es auf der Meeresoberfläche relativ glatt, und man hat eine gute Grundlage. Was ein bisschen schwierig ist, wenn noch kein Schnee draufliegt, weil das Meereseis bildet so scharfe Kristalle, und da können sich die Hundepfoten sozusagen verletzen. Das heißt, man wartet, bis eine Schneeschicht drauf ist, und dann kann man auf Reisen gehen. HUSKY jault ERZÄHLERIN: Die dichte Unterwolle ihres Fells schützt sie auch bei Minustemperaturen bis zu 40, 50 Grad Celsius vor dem Erfrieren. 9 O-TON GRAHAMMER 15.45 Bei all meinen Reisen nach Alaska hab ich das gesehen, die Hunde bleiben draußen, da kommt nicht einmal eine Pfote in irgendein Wohnzimmer. Das ist irgendwie nicht vorstellbar, das macht für die Eskimos keinen Sinn, dass sie das tun. Einzige Ausnahme ist die Hündin, die gerade geworfen hat, die kommen ins Haus. Und die Welpen, die werden auch sehr geschützt, die werden oft in der Kapuze getragen wie ein Baby, die Kinder schleppen sie natürlich rum, und oft ist es so, wenn der Welpe ein gewisses Alter hat, dass ein Kind diesen Welpen bekommt und ihm dann sofort ein Geschirrchen macht und ihn anspannt. Die Hunde lernen von klein auf, etwas zu ziehen, und sehen das natürlich auch, dass die anderen das machen. ERZÄHLERIN: Bei aller Liebe: Hunde, die nicht spuren, haben meist kein langes Leben. Heute nicht, da die Schlittenhunde in der Arktis hauptsächlich für touristische Zwecke und den populären Rennsport benötigt werden, und früher erst recht nicht. Starke Gespanne waren in der traditionalen Eskimo-Gesellschaft überlebensnotwendig und teuer im Unterhalt; Rücksicht auf schwächere Tiere war da nicht möglich. Ein guter Hund zeichnet sich dadurch aus, dass man ihn auch zum Jagen brauchen kann. Am Atemloch einer Robbe stehen, Witterung aufnehmen, herausfinden, ob die Robbe noch in der Nähe ist oder nicht; so etwas kann nur ein Hund. 10 O-TON GRAHAMMER 11. 49 Und was der Jäger dann tut, wenn er verstanden hat, das ist jetzt eines, das vor kurzem noch in Gebrauch war: Er bringt den Hund also zurück, der muss weit weg sein, und stellt sich vor dieses Atemloch und wartet. Und wenn die Nahrungssituation eng ist, dann auch mal 24 Stunden. Das muss er dann aushalten. MUSIK ERZÄHLERIN: Eskimos wissen, wie man in Eis und Schnee überlebt. Die europäischen Polarfahrer der frühen Neuzeit nicht. Die rechneten mit paradiesischen Zuständen, mit Fabelwesen und Reichtümern am Ende der Welt, fanden eine Eiswüste vor und waren zu hochmütig, um von den verachteten Ureinwohnern zu lernen. So manche Expedition in die Arktis begann mit hochgerüsteten Schiffen und nahm ein grausames Ende in Kannibalismus und Hungertod. MUSIK ENDE 11 O-TON LÜDECKE 4.20 Man sagt eigentlich, dass erst Ende des 19. Jahrhunderts Expeditionen aufgetreten sind, die bewusst von der dort lebenden Urbevölkerung gelernt haben zu überleben und zu reisen, allein damit sie auch weniger Ressourcen mitnehmen mussten, sie mussten auch lernen zu jagen, überhaupt essbare Tiere zu finden ... ERZÄHLERIN: ... sagt die Meteorologin Cornelia Lüdecke, Privatdozentin an der Universität Hamburg mit dem Schwerpunkt Geschichte der Polarforschung. Was die Polarfahrer am meisten faszinierte, waren die Eskimohunde, und bald hatten sie selber welche und stellten Eskimos in ihre Dienste, die mit ihnen umzugehen wussten. Viele Erfolge, die sich die Nordpolfahrer stolz an ihre Brust hefteten, sind eigentlich dem Sachverstand der Eskimos zu verdanken. Die Hunde hatten für alle Beteiligten nur Vorteile. 11 a O-TON LÜDECKE18:00 Wenn man Hunde dabei hat, hat man auch Freunde dabei. Ein Hund ist einfach immer ein netter Kamerad. Unterwegs bekommen sie Nachwuchs. Das ist ein psychologisches Moment, wenn man überwintert und dann auch seine Freude an den Hunden haben kann. Hunde können fantastisch gut in diesem Schnee laufen, sie haben natürlich auch den Vorteil, dass wenn ein Hund stirbt, wenn er getötet wird, kann er als Futter für die anderen Hunde verwendet werden. Wenn aus irgendeinem Grund die Nahrung für die Hunde ausfällt, können sie auch Hundefleisch essen. MUSIK ERZÄHLERIN: Am Südpol gab es keine Unterstützung durch Einheimische, denn die Antarktis ist menschenleer. Der Norweger Roald Amundsen gewann den Wettlauf zum Südpol, weil er Hunde dabei hatte, als Zugtiere und als Nahrungsreserve. Immer dann, wenn ein Vorratsschlitten leer geworden war und zurückgelassen werden konnte, wurden überzählige Hunde geschlachtet und verfüttert. Amundsen und sein Team erreichten den Südpol am 14. Dezember 1911; alle kamen wohlbehalten zurück. Sein Konkurrent, der Brite Robert Falcon Scott, setzte auf mandschurische Ponys und Motorschlitten, erreichte den Pol 35 Tage später und starb mit seinen Männern auf dem Rückweg einen qualvollen Tod. Alle Ponys waren zugrunde gegangen, die Motorschlitten längst kaputt, und die halb verhungerten Männer mussten ihre Schlitten bis zur völligen Entkräftung selber ziehen. Cornelia Lüdecke beschreibt die Hintergründe dieses dramatischen Wettlaufs in ihrer spannenden Amundsen-Biografie. MUSIK Ende 12 O-TON LÜDECKE 7:05 Amundsen hat ja nichts anderes gelernt als Polarforschung, und er wusste, wie extrem wichtig Hunde sind, denn nur mit Hunden konnte man sich gut auf Schnee vorwärtsbewegen, das hat er selbst auf der Durchquerung der Nordwestpassage mitgekriegt, weil er dort engen Kontakt mit Inuit hatte, sodass er sein Fortbewegungssystem ganz auf Hunde gebaut hat. Und sie entsprechend wie ein Hochleistungsmotor von Rennautos sehr gut gepflegt hat, gute Nahrung gegeben hat, dass sie stark sind und gut trainiert sind. Scott war ja ein Marineoffizier. Er hat das Bewusstsein für Hunde als Fortbewegungsmittel nicht gehabt, er hat es nicht gelernt, er ist ja von England aus in die Antarktis gefahren, ohne jegliche Polarerfahrung. ERZÄHLERIN: Es gab noch einen Grund, warum Scott sich gegen Hunde entschied: Der britische Tierschutz machte sich in der Zeit vor seiner Abfahrt gerade gegen die Verwendung von Hunden bei Tierversuchen stark. Scott wollte Hundeleid vermeiden, um sein Image nicht zu beschädigen. 12 a O-TON LÜDECKE 9:09 Genau zwischen seiner ersten und zweiten Expedition gab es riesige Revolten in London, weil bei einer Vivisektion ein Hund gestorben ist, dem man dann ein Denkmal gesetzt hat. Und dieses Denkmal musste dann auch abgebaut werden, weil die Proteste zu groß waren. Es war zu diesem Zeitpunkt politically völlig incorrect, Hunde gezielt zu töten. Und so konnte er ein System wie Amundsen nicht aufbauen, mit vielen Hunden starten und dann gezielt auch Hunde zu töten, um sie als Futter an die anderen Hunde weiterzugeben. Das konnte Scott überhaupt nicht machen. ERZÄHLERIN: Amundsen hatte diesen öffentlichen Druck nicht. Das Fleisch geschlachteter Hunde hielt sein Team stark und leistungsfähig, auch die Menschen, die sich gerne mal ein Stück Hundelende gönnten. Die Hunde waren da weniger wählerisch, schreibt Amundsen in seinem Buch "Die Eroberung des Südpols". MUSIK ZITATOR AMUNDSEN: "Das Einzige, was von so einer Hundemahlzeit übrig blieb, waren die Zähne des Opfers, und wenn die Hunde einen anstrengenden Tag hinter sich hatten, verschwanden auch diese." MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Anstrengende Tage gab es viele. Die überlebenden Hunde waren nicht zu beneiden. Rückblickend gibt Amundsen zu, dass er ihnen viel zu viel zugemutet hat. MUSIK ENDE ZITATOR AMUNDSEN: ["Ich glaube auch sagen zu dürfen, dass ich meine Hunde unter normalen Verhältnissen herzlich lieb hatte, und dieses Gefühl war ganz gewiss gegenseitig. Aber die Verhältnisse hatten eben allmählich aufgehört, normal zu sein. Oder war ich selbst vielleicht nicht mehr normal? Ich habe später oft gedacht, es sei wirklich so gewesen.] Die tägliche Mühe und Arbeit und das Ziel, das ich nicht aufgeben wollte, hatten mich roh gemacht. Denn roh war ich, als ich diese fünf Skelette zwang, den allzu schwer beladenen Schlitten zu ziehen. Noch geht mir ein Stich durchs Herz, wenn ich an die Klagelaute denke, die Thor, ein feiner, glatthaariger Hund, während des Marsches ausstieß, was ein Hund sonst bei der Arbeit nie tut. Aber ich verstand seine Sprache nicht, wollte sie vielleicht nicht verstehen. Vorwärts wurde er getrieben - vorwärts, bis er umfiel. Als wir ihn zerlegten, fanden wir, dass seine Brust ein einziges großes Geschwür war." ERZÄHLERIN: Die Vorstellung vom begeistert dahinstürmenden Schlittenhund, der Seite an Seite mit dem Menschen seiner inneren Berufung folgen darf, ist ein Idealbild, das selten zutrifft. Wie alle Arbeitstiere mussten auch Schlittenhunde sich dem Ehrgeiz der Menschen unterwerfen und einen hohen Preis zahlen. An der Wende zum 20. Jahrhundert standen sie im Dienst der Goldsucher, die in der Zeit des Goldrausches nach Alaska und Kanada strömten. Jack London hat der Kraft und Ausdauer dieser Hunde, aber auch ihren Leiden, in seinen Romanen ein Denkmal gesetzt. Aus "Ruf der Wildnis": MUSIKAKZENT MUSIK ZITATOR LONDON: "Ihr Elend war so groß, dass sie die Schläge, die auf sie niederfielen, nicht mehr spürten. Der Schmerz kam ihnen nur mehr schwach und verschwommen zum Bewusstsein. Alles, was sie sahen und hörten, schien sehr weit weg von ihnen zu sein. Sie waren nur mehr ein Haufen Knochen, in denen ein schwacher Lebensfunke zuckte. Wenn sie angehalten wurden, dann fielen sie wie tot hin, bis die Hiebe sie auf kurze Zeit wieder auf die Beine brachten." MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Einen gewaltigen Popularitätsschub erfuhren die Schlittenhunde im Jahre 1925, als im kleinen Ort Nome im Westen Alaskas die Diphterie ausgebrochen war. Das rettende Serum befand sich 1.000 Meilen entfernt in Anchorage. Straßen gab es nicht, in einem Flugzeug wäre das Benzin gefroren. Schlittenhunde waren die letzte Rettung für die Menschen von Nome. Das ganze Land, die ganze Welt verfolgte die Berichterstattung im Radio über den Verlauf des Rennens. Das Unternehmen gelang, trotz schlechten Wetters und widriger Umstände. Am 2. Februar 1925 kam die letzte Staffel mit Leithund Balto an der Spitze in Nome an. Balto ist bis heute ein amerikanischer Held, und im Central Park in New York erinnert ein Denkmal an ihn mit der Inschrift: HUNDEGEBELL & MUSIK ZITATOR: "Gewidmet dem unbeugsamen Geist der Schlittenhunde, der diese über rauhe Eisflächen, tückische Gewässer und durch arktische Schneestürme trug, um dem gepeinigten Nome im Winter 1925 durch ein Gegengift zu helfen. Ausdauer - Treue - Intelligenz." ERZÄHLERIN: Schlittenhundrennen sind bis heute der Nationalsport Alaskas. Wenn das Iditarod stattfindet, das über weite Strecken der Route des Serum-Rennens folgt, sitzt die Bevölkerung vor den Bildschirmen und fiebert mit. Das Iditarod gilt als das längste und härteste Schlittenhundrennen der Welt, über 1800 Kilometer durch kaum berührte Natur. Erfolgreiche Musher - das ist der Fachausdruck für Schlittenhundführer - sind Hochleistungssportler und Perfektionisten in der Betreuung ihrer Hunde, Akrobaten auf den Schlittenkufen, die während des Rennens nächtelang kein Auge schließen und, wenn‘s sein muss, stehend auf den Kufen schlafen. MUSIK ENDE Der Lohn der Mühe sind Ruhm und ein hohes Preisgeld, das einen Ehrgeiz beflügelt, der das Leistungsvermögen der Hunde oft genug überstrapaziert. MUSIK Jürgen Stolz, der bayerische Musher aus Penzing, betreibt den Sport als Hobby und hat nicht die Möglichkeit und auch nicht den Ehrgeiz, in diese Dimensionen vorzustoßen. MUSIK C1480480036 ENDE 13 O-TON STOLZ 11/9:09 Das ist halt ganz was anderes. Das ist halt dann ein Fulltime-Job. Die sind ja nur am Trainieren, die trainieren ja fast das ganze Jahr durch. Die sind im Sommer teilweise am Gletscher und fahren da Kreuzfahrtgäste und sind beim Lachsfischen, damit sie Geld verdienen. Das ist eine ganz andere Hausnummer. ERZÄHLERIN: In Europa ist das höchste der Gefühle der Alpentrail in Italien, der sich über 300 Kilometer erstreckt. Den hat Jürgen Stolz auch schon gewonnen. Aber es macht seiner Meinung nach Sinn, sich auf Sprintrennen zu konzentrieren. 14 O-TON STOLZ 9:40 Letztes Jahr sind wir den Alpentrail gefahren und waren danach auf einer Sprint-Europaschaft und haben da eins auf den Deckel bekommen, weil die Hunde einfach noch zu müde waren. Sie haben nicht gewusst, wie lange fährt der jetzt mit uns, fährt der wieder 60 Kilometer oder fährt der jetzt nur 18. Und da hat der Hund sich immer ein Päuschen im Hinterkopf gehalten und hat nicht hundert Prozent Vollgas gegeben, und da sind wir dann bloß sechster geworden. Das möchte ich wiedergutmachen. Meiner Meinung nach zählt man am meisten im Sprint, gerade auf Weltmeisterschaften. Da hat man den besten Namen, da ist die meiste Konkurrenz. ERZÄHLERIN: Wer den Schlittenhundsport aktiv betreiben will, braucht viel Zeit, Platz und Geld. So mancher hat sich da schon überschätzt. Die Hunde leiden, wenn sie zu wenig Bewegung und Zuwendung bekommen, sie leiden, wenn sie weiterverkauft werden. Bei Jürgen Stolz genießen alte Hunde ein behagliches Rentnerdasein auf dem großen, sicher umzäunten Grundstück, und die Aktiven freuen sich, wenn der langweilige Sommer endlich vorbei ist und die Rennsaison beginnt. 15 O-TON STOLZ 11. 43 Das ist das Größte für die Hunde, das ist unglaublich. Die flippen total aus, die Hunde. Die springen in die Seile, die springen einen Meter hoch, obwohl sie angebunden sind vorne und hinten, also am Schlitten schon. Das ist ihr Leben. HUNDEGEBELL ERZÄHLERIN: Ein liebevoll betreuter Wettkampfhund ist besser dran als ein unausgelasteter Familienhusky, der seinen Bewegungsdrang nicht ausleben kann. 16 O-TON STOLZ 13.29 Wenn du mit dem Hund nichts machst, ist der Sibirian Husky der voll falsche Hund. MUSIK ERZÄHLERIN: Bleibt nur zu hoffen, dass sich der organisierte Schlittenhundsport seiner Verantwortung gegenüber diesen liebenswerten Tieren bewusst bleiben. 17 O-TON STOLZ 10.34 Wir müssen uns alle denken, wir arbeiten ja nicht mit Motoren oder mit Maschinen, die man dann wegwerfen kann. Es sind Hunde, es sind Lebewesen. Es sind meine Freunde, ohne die ich nicht leben kann. MUSIK ENDE

  • Der Deutsche Herbst - Zwischen RAF und Rasterfahndung

    27.02.2024 · 24 Min.

    Mit dem sogenannten "Deutschen Herbst" sollte die terroristische RAF im Jahr 1977 eine der schwersten Krisen der Bundesrepublik Deutschland auslösen. Das Drama endete blutig. Von Thomas Grasberger (BR 2017) Autor dieser Folge: Thomas Grasberger Regie: Martin Trauner Es sprachen: Christoph Jablonka, Rahel Comtesse Technik: Christiane Gerheuser-Kamp Redaktion: Thomas Morawetz Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN

  • Die Schutzheilige des Jazz - Pannonica de Koenigswarter

    27.02.2024 · 22 Min.

    Die Jazz-Baroness - ein Leben für die Musik. Pannonica de Koenigswarter war eine wichtige Mentorin und Schutzpatronin für zahlreiche Jazz-Musiker der 1950er und 1960er Jahre. Für ihre Leidenschaft brach sie, eine geborene Rothschild, mit allen Konventionen. Autor: Georg Gruber Credits Autor dieser Folge: Georg Gruber Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Katja Bürkle, Johannes Hitzelberger, Julia Cortis, Gudrun Skupin Technik: Roland Böhm Redaktion: Nicole Ruchlak Literaturtipps: Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness. Das Leben der Nica Rothschild, Berlin Verlag 2013. David Kastin, Nica’s Dream: The Life and Legend of the Jazz Baroness, Norton & Company 2011. Pannonica de Koenigswarter, Die Jazzmusiker und ihre drei Wünsche, Reclam Verlag 2007. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik 1: „Pannonica“ / Monk, aus Film „Straight no chaser“ Thelonious Monk: Hi everybody! I would like to play a little tune, I composed not so long ago, entitled “Panonnica”. Zitator OV: Ich möchte jetzt ein Stück spielen, das ich vor kurzem erst komponiert habe, mit dem Titel: „Pannonica“. Benannt nach dieser wunderschönen Lady hier. TM: It was named after this beautiful lady here. I think her father gave her that name, after a butterfly, Zitator OV: Ich glaube, ihr Vater gab ihr den Namen nach einem Schmetterling, den er fangen wollte – was ihm, glaube ich, nicht gelang. TM: that he tried to catch. I don’t think he caught the butterfly. Erzählerin Der Pianist Thelonious Monk ist einer der Väter des Bebop, ein brillanter Musiker - und ein Exzentriker. Panonnica de Koenigswarter stammt aus einem wohlhabenden britischen Elternhaus und ist eine geborene Rothschild. Und für sie ist Monk ein Genie. Musik / Pannonica hoch Erzählerin Zwei Welten treffen hier aufeinander, die Welt des Jazz und die des alten Europa. Für ihre Liebe zum Jazz bricht die Baroness in den 1950er Jahren mit allen Konventionen, auch mit ihrer Familie. In ihrer Suite in einem New Yorker Nobelhotel treffen sich die wichtigsten Jazzmusiker jener Zeit zu gemeinsamen Jam-Sessions. Sie ist Schutzpatronin, Förderin und Mäzenin vieler Jazz-Musiker jener Zeit. Musik 2: Etude-Caprice für Violine und Klavier Erzählerin Geboren wurde Kathleen Annie Pannonica am 10. Dezember 1913 in einem Londoner Stadthaus der Familie Rothschild. Ihr Vater Charles ist Bankier, doch seine wahre Leidenschaft gilt der Natur, besonders den Insekten. Schon in seiner Jugendzeit hatte er begonnen, Schmetterlinge zu fangen und zu archivieren. In seiner Sammlung befindet sich auch ein auf den ersten Blick unscheinbarer Nachtfalter, den er in Ungarn entdeckt hatte. Sein Name: Pannonica. Erst wenn er die Flügel öffnet, sind seine zitronengelben Flächen zu sehen. Ein passender Name, so als hätte der Vater schon bei Geburt seiner Tochter gewusst, dass sie besonders nachts aktiv ist und sich erst dann zu ganzer Schönheit entfaltet. Musik hoch Erzählerin Nica und ihre drei Geschwister verbringen die meiste Zeit ihrer Kindheit auf den herrschaftlichen Landsitzen, Tag und Nacht sind sie dabei umgeben von einer Heerschar von Kinderfrauen, Hauslehrern, Dienern, Chauffeuren, Gärtnern und Stallburschen. Die Mädchen werden von Privatlehrern unterrichtet, ihr Bruder Victor geht auf ein Internat. Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness. Das Leben der Nica Rothschild, Berlin Verlag 2013, S. 51 „Zu Mittag aßen die Mädchen im Kinderzimmer und durften erst im Alter von sechzehn Jahren das Abendessen gemeinsam mit den Eltern einnehmen.“ Erzählerin Schreibt Hannah Rothschild in ihrer Biografie „Die Jazz Baroness. Das Leben der Nica Rothschild“ über den Tagesablauf, der einer strengen Routine folgt. Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 51 „Jeden Morgen zu genau der gleichen Zeit wurden die Kinder zu einem Spaziergang durch den Park geführt. Rennen und Versteck spielen waren verboten, damit die Kinder nicht ihre weißen Kleider schmutzig machten oder sich verliefen.“ Musik 3: Blumine. Polka Erzählerin Die Rothschilds sind damals überaus wohlhabend und Teil der besseren Gesellschaft. Sie veranstalten prächtige Feste, Bälle, Mittag- und Abendessen für mehrere Hundert geladene Gäste, darunter Politiker, wie Winston Churchill, Wissenschaftler, Künstler und Könige, sogar die Königin Viktoria und der Schah von Persien sind zu Gast. Auch Albert Einstein soll zu Besuch gewesen sein und die Kinder mit Zauberkunststücken unterhalten haben. Doch es ist keine ungetrübte Kindheit: Nicas Vater leidet an Depressionen, woran auch lange Kuraufenthalte nichts ändern können, immer wieder zieht er sich zurück, ist nicht ansprechbar. Die Eltern verbringen viel Zeit in London, während die Kinder auf dem Lande bleiben. Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 60 „Wenn Nica später sagte: „Meine einzigen Freunde waren Pferde“, so war das die Wahrheit. Ihre Kindheit war materieller Luxus in Verbindung mit seelischer Vernachlässigung. Eine Rothschild-Cousine, die Nica als Kind kannte, sagte, dass sie immer wilder wurde. Wenn es einen besonders hohen Baum zu erklettern galt, tat es Nica; war ein besonders hoher Zaun zu überspringen, lenkte Nica unweigerlich ihr Pferd in dessen Richtung.“ Erzählerin 1923 nimmt sich der Vater das Leben. Nica und ihre Schwestern sind mit ihrer Trauer alleine, eine prägende Erfahrung, denn sie haben niemanden, dem sie ihren Kummer mitteilen können, wie Hannah Rothschild schreibt. Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 98 „Nica fand schon in früher Jugend heraus, dass die Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse und der natürlichen Vitalität zu schrecklichen Formen der Selbstzerstörung führt. Das war einer der Gründe, warum sie als Erwachsene später unter keinen Umständen in einem Leben gefangen sein wollte, das sie unglücklich machte.“ Musik 4: Strawinsky „ Sonate für 2 Klaviere“ 3. Satz - SC011520 010 – 1:03 Min Erzählerin Mit 16 Jahren entkommt Nica zum ersten Mal der abgeschotteten Enge der herrschaftlichen Landsitze, als sie mit ihrer älteren Schwester auf ein Internat in Paris geschickt wird. Danach reisen die beiden ein Jahr lang durch Europa, begleitet von einer Gouvernante, einem Chauffeur und einem Dienstmädchen. In dieser Zeit besucht Nica auch für kurze Zeit die Kunstakademie in München. Zurück in London tanzt sie auf Debütantinnenbällen, lernt von ihrem Bruder Autofahren und stürzt sich ins vornehme Nachtleben. Mit 21 Jahren bringt ihr ein befreundeter Musiker sogar das Fliegen bei. Im Sommer 1935 lernt sie den zehn Jahre älteren Baron Jules de Koenigswarter kennen, auch er ein begeisterter Flieger. Ein paar Monate später heiraten sie in New York, worüber sogar die New York Times berichtet: Sprecher, Zitat aus New York Times „Miss Rothchild Marries Here“ Erzählerin Danach begibt sich das frischvermählte Brautpaar auf Weltreise, inklusive einer Bruchlandung mit dem Flugzeug in der Wüste Gobi. Seit der Hochzeit hat Nica auch selbst ein Flugzeug, ein Geschenk ihres Bruders Victor. Das Paar zieht nach Frankreich, in ein Schloss in der Normandie, palastartig und weitläufig, umgeben von 80 Hektar künstlich angelegter Landschaft, mit Wäldchen und Fahrwegen. Doch das herrschaftliche Leben hat mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges ein Ende. Jules meldet sich beim französischen Militär, Nica bleibt auf dem Schloss. Und flieht im letzten Moment mit ihren Kindern vor den einmarschierenden deutschen Truppen zuerst nach England, dann in die USA, wo sie von der Familie Guggenheim aufgenommen werden. Musik 5: Hindemith: Sonate für Violoncello solo Erzählerin Doch Nica hält es nicht lange in den USA. Sie kehrt zurück nach Europa und schließt sich den Freien Französischen Streitkräften an, die an verschiedenen Fronten gegen Deutschland kämpfen. Die Baroness schlägt sich auf eigene Faust zu ihrem Mann durch, der in Afrika stationiert ist. Sie wird als Übersetzerin, Entschlüsslerin, Rundfunksprecherin und Fahrerin eingesetzt - und soll sogar selbst Lancasterbomber geflogen haben. Nach Kriegsende werden beide, Jules und Nica, für ihre Verdienste um die Befreiung Frankreichs ausgezeichnet. Aber der Krieg hat das alte Europa zerstört, auch vom Landsitz in der Normandie ist nicht mehr viel übrig. Das herrschaftliche Leben und seine vorgegebenen Regeln sind Vergangenheit. Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz-Baroness, S. 163 „Für Nica war der Krieg ein persönlicher Wendepunkt“ Erzählerin Glaubt Hannah Rothschild, ihre Biographin. Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz-Baroness, S. 163 „Mit zweiunddreissig Jahren war sie endlich frei und hatte ein anderes Leben kennengelernt.“ Musik 6: Duke Ellington, Black, Brown and Beige Erzählerin Ihr Interesse für Musik beginnt schon in der Kindheit. Ihr Bruder Victor nimmt Klavierunterricht bei Teddy Wilson, einem der wichtigsten Jazz-Pianisten der 30er und 40er Jahre – und Nica lässt sich von seiner Jazzbegeisterung anstecken. Und dann passiert es: Sie hört zwei Stücke und ihr Leben wird nicht mehr sein wie davor. Musik hoch Erzählerin Das eine ist Duke Ellingtons Sinfonie „Black, Brown and Beige“, die 1943 in New York uraufgeführt wird. Nica hört eine Plattenaufnahme in Mexiko, wo sie zu jener Zeit lebt, weil ihr Mann dort nach dem Zweiten Weltkrieg als Diplomat arbeitet. Zitatorin 1, Pannonica de Koenigswarter, nach Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 177 „Ich empfing die Botschaft, dass ich dort hingehörte, wo diese Musik gemacht wurde.“ Erzählerin Erinnert sich Nica später an diesen Moment. Zitatorin 1, Pannonica de Koenigswarter, nach Hannah Rothschild, Jazz Baroness, S. 177 „Da war etwas, was ich einfach tun musste. In irgendeiner Form musste ich daran teilhaben. Das war eine vollkommen unmissverständliche Botschaft. Wenig später packte ich meine Koffer. Es war eine echte Berufung. Sehr seltsam.“ Musik 7: Thelonious Monk: „Round Midnight“ Erzählerin 1948 oder 49 reist Nica nach New York. Dort besucht sie, schon auf dem Rückweg zum Flughafen Teddy Wilson, jenen Jazzmusiker, der Klavierlehrer ihres Bruders gewesen war. Er fragt sie, ob sie schon „Round Midnight“ gehört habe, die erste Platte eines jungen Pianisten, sein Name: Thelonious Monk. Zitatorin 1, Pannonica de Koenigswarter, nach Hannah Rothschild, Die Jazz-Baroness, S. 177 „Ich mochte meinen Ohren nicht trauen. Ich hatte noch nie etwas Ähnliches gehört. Ich muss das Stück zwanzigmal hintereinander abgespielt haben. Verpasste meinen Flieger.“ Erzählerin Der endgültige Wendepunkt in ihrem Leben. Sie beschließt, nach New York zu ziehen – und sie beschließt, dass sie jenen Ausnahmemusiker unbedingt kennen lernen muss. Von ihrem Mann hatte sie sich zu diesem Zeitpunkt schon länger entfremdet. Zitatorin 1, Pannonica de Koenigswarter, nach Hannah Rothschild, Die Jazz-Baroness, S 166 „Unsere Ehe ist gescheitert (…) weil mein Mann Marschmusik mochte und meine Schallplatten zerbrach, wenn ich zu spät zum Dinner kam. Und ich kam oft zu spät zum Dinner.“ Erzählerin Ihre Tochter Janka, ein Teenager, geht mit ihr, sie beziehen eine großzügige Suite im vornehmen Stanhope Hotel am Rand des Central Park, mitten in der Stadt. Die anderen vier Kinder bleiben beim Vater - Nica ist bereit, sehr viel aufzugeben, um ihren Traum zu leben. Musik 8: „Bloomdido“ Erzählerin New York ist in den 40er und 50er Jahren die Jazzmetropole, hier treffen sich die kreativsten und innovativsten Musiker. Thelonious Monk gehört damals neben dem Saxophonisten Charlie Parker und dem Trompeter Dizzy Gillespie zu den wichtigen Erneuerern des Jazz. Doch als Nica nach New York zieht, hat Monk ein Auftrittsverbot in der Stadt, wegen eines Drogendelikts. Deswegen lernt sie ihn erst 1954 in Paris kennen, nach einem Konzert, für das sie extra nach Frankreich reist. Sie mögen sich von Anfang an, so erzählt es Nica später. Musik 9: Monk’s Point, Thelonious Monk, von der CD Solo Monk Erzählerin Die beiden haben bis zu seinem Tod 1982 eine sehr enge und besondere Beziehung. Sie sind kein Liebespaar, sondern Freunde, auch Monks Frau Nellie sieht in ihr keine Rivalin, so erzählt es zumindest Monks Sohn Toot: Zitator Toot Monk, nach Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S 221 “Ich weiß nicht, ob sie darüber gesprochen haben oder nicht, aber sie beschlossen für ihn zu sorgen. Sie teilten sich die Aufgabe.“ Erzählerin Thelonious Monk leidet an Stimmungsschwankungen und an Depressionen. Nimmt Drogen und Alkohol. Immer wieder ist er im Laufe seines Lebens zur Behandlung im Krankenhaus oder in der Psychiatrie und bekommt Medikamente. Nellie und Nica kümmern sich gemeinsam um ihn, um seinen Alltag, um seine Ernährung, begleiten ihn auch auf seinen Tourneen. Zitator Toot Monk, nach Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 221 “Seit ich acht oder neun war, hatte ich eine Familie, die aus mir, meiner Mutter, meinem Vater, meiner Schwester und Nica bestand.“ Erzählerin Nica hilft Monk auch, seine „Cabaret Card“ wieder zu bekommen, die er braucht, um in New York auftreten zu können. Und sie unterstützt den Pianisten finanziell, denn von der Musik kann Monk seine Familie lange nicht ernähren. Als seine Wohnung abbrennt, nimmt sie sogar die ganze Familie vorübergehend bei sich auf. Doch Monk und Pannonica, der Exzentriker und die vornehme Dame aus der besseren Gesellschaft, verbindet weit mehr als ihr Geld. 2. O-Ton aus Kalenderblatt, DLF, 10.12.2013, Jazzmäzenin Pannonica de Koenigswarter geboren, Autor: Karl Lippegaus Englisch (T. Monk nicht genau zu verstehen) Overvoice (schon vorhanden): „Sie ist eine Rothschild. Ja, ihre Familie hat den englischen König mit Kohle versorgt, damit er Napoleon schlagen konnte. Ich sage allen wer Du bist! Ich bin stolz auf Dich.“ Monk: “She is a billionair” Erzählerin Für Monk sei es entscheidend gewesen, dass sie seine Musik liebte, sagt sein Sohn: Zitator Toot Monk, nach Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 224 “Nica war da, als die Kritiker seine Musik nicht verstanden und als die Hälfte der Musiker sie nicht verstanden. Aber sie verstand sie, und das war sehr wichtig für ihn. Deshalb liebte er sie.“ Musik 10: Monk: „Ba-lue Bolivar Ba-lues“ Erzählerin In New York taucht Nica in das Nachtleben ein, besucht jeden Abend die angesagten Jazz-Clubs der Stadt. Zitatorin 2 Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S 195 „Während der nächsten 30 Jahre veränderte sich Nicas Lebensweise kaum.“ Erzählerin Schreibt ihre Biografin Hannah Rothschild. Zitatorin 2, Hannah Rothschild, Jazz Baroness, S 195 „Sie hörte den Jazz nicht, sie lebte ihn. Sie stand erst auf, wenn es dunkel wurde. Sie ignorierte das Tageslicht, behandelte es mit äußerster Verachtung. Wie die Motte, nach der sie benannt worden war, erwachte sie erst in der Dämmerung zum Leben.“ Erzählerin Ihre Suite im Stanhope Hotel wird zum Treffpunkt der Jazzszene, nach den Konzerten in den Clubs geht es dort weiter bis in die frühen Morgenstunden. Zum wachsenden Missfallen der Geschäftsführung. Im März 1955 gerät die Jazz-Baroness dann ungewollt in die Schlagzeilen. Zitator Daily Mirror „Bop King Dies in Heiress‘ Flat“ - König des Bebop stirbt in Appartement von reicher Erbin Erzählerin Charlie Parker hatte bei ihr Zuflucht gesucht, körperlich am Ende, ausgezehrt von Drogen und Alkohol. Der Saxophonist war auf der Suche nach einem Ort, um sich auszuruhen. Und stirbt vor dem Fernseher in ihrer Suite. Ein tragischer Tod, der ihrem Ruf schadet und für Entsetzen nicht nur bei der Familie in Europa sorgt, sondern auch bei der Geschäftsleitung des Hotels. Pannonica de Koenigswarter in einem ihrer seltenen Interviews: 3. O-Ton Pannonica de Koenigswarter, aus Zeitzeichen, WDR, 17. Februar 1982 – Todestag des Jazzmusikers Thelonious Monk, Autor: Niklas Rudoph Pannonica: I have been living in the Stanhope Overvoice (schon vorhanden): „Ich habe in einem Hotel gelebt, aber als Charlie Parker dort gestorben war, haben sie mich rausgeschmissen. Also bin ich an den Boulevard gezogen, wo ich mir ein Klavier zugelegt habe. Das war der Punkt, an dem Thelonious und die anderen Musiker ständig bei mir waren und großartige Jam-Sessions spielten. Bis acht Uhr morgens.“ Pannonica: Til eight or nine the next morning MUSIK 11: “Nutty” von Thelonious Monk Erzählerin Über den damals alltäglichen Rassismus setzt sie sich hinweg. Manche Jazzmusiker begegnen ihr anfangs mit Skepsis. Auch der Lyriker, Autor und Aktivist Amiri Baraka äußert sich kritisch: Zitator Amiri Baraka, nach Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S 279 „Sie war eine wohlhabende Dilettantin, ein Groupie. Das Freundlichste, was ich über sie sagen kann, ist: Sie war eine Frau, die das nötige Kleingeld hatte, um dort zu sein, wo sie sein wollte, und das zu tun, was sie tun wollte.“ Musik 12: Art Blakey: „Weehawken mad pad“ Erzählerin Doch für viele Musiker, die oft in prekären Verhältnissen leben, ist sie der unerwartet auftauchende gute Engel: Sie zahlt dem einen die Miete, als er knapp bei Kasse ist, füllt einem anderen den Kühlschrank, als er krank ist, und holt für einen Dritten sein Instrument aus dem Pfandhaus. Sie übernimmt sogar die Kosten für würdige Begräbnisse. Geld spielt für sie keine Rolle. Monk kauft sie einen Buick, sein erstes Auto überhaupt, dem Schlagzeuger Art Blakey einen Cadillac und Anzüge für die Musiker seiner Band. Und sie versucht sich sogar kurzzeitig als seine Managerin. Musik hoch Erzählerin Nica selbst malt und fotografiert, macht Aufnahmen von den wichtigsten Jazzmusikern jener Zeit, die bei ihr ein und ausgehen. Aufnahmen, die sie als Buch veröffentlichen möchte, zusammen mit den Antworten der Musiker auf die Frage, was sie sich wünschen würden, wenn sie drei Wünsche frei hätten. Ein Plan, den erst ihre Nichte Nadine de Koenigswarter umsetzen kann, Jahre nach Nicas Tod. MUSIK hoch ERZÄHLERIN Nica kauft sich sogar ein Tonbandgerät, um Konzerte und Jam-Sessions zu dokumentieren. Die Fotos, die die Jazz Baroness macht, zeigen die große Nähe zwischen ihr und den Musikern. Um keinen Ärger mehr in Luxushotels zu haben, kauft sie sich schließlich ein Haus, das sich der Filmregisseur Josef von Sternberg zehn Jahre zuvor hatte bauen lassen. Ein kreativer Ort für sie und ihre Musikerfreunde, zum Ausruhen, Üben, Jammen – und Tischtennis-Spielen. Thelonious Monk tauft es „Catsville“ und später „Cathouse“. „Cats“ so nennen sich damals Jazz-Musiker gegenseitig, der Name passt aber auch wegen der großen Anzahl von Katzen, die dort mit Nica leben und sich stetig vermehren, über 120 sollen es gewesen sein. Musik 13: Thelonica, Tommy Flanagan (Piano Solo) Erzählerin Anfang der 70er Jahre nimmt sie Thelonious Monk, der sich aus der Öffentlichkeit zurückzieht, ganz bei sich im Cathouse auf – in Sorge um seine körperliche und psychische Gesundheit. Er hat dort ein eigenes Zimmer und seine Frau Nellie kommt ihn fast täglich besuchen. Es gibt Tage, an denen er überhaupt nicht spricht und auch an den Flügel setzt er sich nur noch selten. 1982 stirbt er mit 64 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. 1986 erinnert Nica in einem Zeitungsartikel an ihren langjährigen Freund und schreibt dabei indirekt auch über sich selbst: Thelonious Monk habe Lebenswege verändern und wunderbarerweise nach allen Seiten hin öffnen können. Und er habe, so schreibt sie, die Kraft gehabt, dich ins Herz der Unendlichkeit der Musik hineinzuversetzen. Musik 14 „Round Midnight“, Thelonious Monk Erzählerin Pannonica de Koenigswarter, die Jazz Baroness, stirbt am 30. November 1988 in New York in einem Krankenhaus an Herzversagen, wenige Tage vor ihrem 75. Geburtstag. Ihr letzter Wunsch: Ihre Asche solle in der Nähe ihres Hauses gegen Mitternacht – also Round Midnight - in den Hudson River gestreut werden. Musik aus.

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