R
RadiowissenBayerischer Rundfunk

Philosophie der Schönheit - Was den Menschen "schön" macht

25.02.2025 · 23 Min.

Folgen-Webseite

Über diese Folge

Es sind nicht nur äußere Körpermerkmale, die Menschen schön machen, sondern auch Charakter und Sensibilität. Doch wie hängen Äußeres und Inneres zusammen? Und was macht schöne Menschen so anziehend? Zeigen sie eine 'schöne Seele‘? Die Antwort fällt in verschiedenen Kulturen und Zeiten unterschiedlich aus. Von Beate Meierfrankenfeld (BR 2021)

Credits
Autorin dieser Folge: Beate Meierfrankenfeld
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Katja Bürkle, Andreas Neumann, Friedrich Schloffer
Technik: Peter Preuß
Redaktion: Bernhard Kastner

Im Interview:
Lisa Katharin Schmalzried (PD Dr.; Universität Halle-Wittenberg / Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik);
Lia Darjes (Fotografin, Berlin)

Literaturtipps:

Lia Darjes, „Tempora Morte. A Documentary Still-Life Study of Kaliningrad’s Informal Street Markets”, Hartmann Books 2019.

Friedrich Nietzsche, „Aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre“, Werke in sechs Bänden, herausgegeben von Karl Schlechta, Carl Hanser Verlag 1980.

Friedrich Schiller, „Über Anmut und Würde“, in: „Über das Schöne und die Kunst. Schriften zur Ästhetik“, dtv/Carl Hanser Verlag 1975/1984, S. 44-93.

Lisa Katharin Schmalzried, „Menschliche Schönheit“, mentis Verlag (Herbst 2021).

Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:
ARD Audiothek | RadioWissen
JETZT ENTDECKEN

Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

MUSIK 1

"Icefloe" - Komponistin und Ausführende: Zoë Keating - Album: Snowmelt - Länge: 0'40

ERZÄHLERIN:

Tiefschwarzer Hintergrund, davor – den Blick fest auf den Betrachter gerichtet – eine Frau. Nicht mehr jung, in braungrüner Winterjacke wohl auf einem Hocker sitzend. Ein pinkfarbenes Tuch, im Nacken zusammengebunden, auf dem Kopf, eine Tasche im Schoß, auf der ihre Hände liegen. Hände, die Arbeit gewohnt sind.

ERZÄHLER:

„Bildnis einer Marktverkäuferin“, Fotografie von Lia Darjes.

ERZÄHLERIN:

Ein klares, kraftvolles, intensives, ein schönes Bild. Von einem Menschen, den man beim ersten Hinsehen – und nach den gewohnten Maßstäben – vielleicht nicht unbedingt ‚schön‘ nennen würde.

ERZÄHLER:

Das Porträt gehört zur Serie „Tempora Morte“, die Lia Darjes, Fotografin aus Berlin, zwischen 2014 und 2016 in Kaliningrad aufgenommen hat. Am Straßenrand entdeckte sie dort während einer Künstlerresidenz kleine improvisierte Marktstände, an denen Obst, Gemüse und Blumen aus privaten Gärten verkauft wurde. Es brauchte einige Überzeugungsarbeit und mehrere Reisen, bis Darjes die Tische fotografieren durfte – und irgendwann auch die Menschen dahinter.

O-TON 1, LIA DARJES, Projekt Kaliningrad:

Das Misstrauen war da, dass ich das arme, verwahrloste Russland zeigen möchte, sozusagen diesen ganz westlichen, wohlhabenden Blick darauf werfen will, was Voyeuristisches. Und dann wurde es mit jeder Reise – also ich war insgesamt viermal dort in dem einen Jahr – wurde es mit jeder Reise leichter, weil ich immer Fotos mitgebracht habe und schon zeigen konnte: So möchte ich das fotografieren. Und mit jeder Reise wurde das leichter, dass sie verstanden haben, dass es eigentlich eher so eine Art kleine Huldigung ist.

ERZÄHLER:

Lia Darjes fotografierte die improvisierten Warentische wie barocke Stillleben: sattrote Früchte, helle Blüten, Fische auf Papier. Und die Verkäuferinnen und Verkäufer als herausgehobene Individuen in dunklem Umraum. Das erinnert an Porträts der Kunstgeschichte etwa in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts.

ERZÄHLERIN:

An Bildformate also, die das, was sie zeigen, „schön“ zeigen. Aber was ist das eigentlich, Schönheit? Und zeichnet die Schönheit des Menschen etwas Anderes aus als die von Dingen?

MUSIK 2

"Put off" - Künstler und Komponist: Rei Harakami - Album: Red Curb - Länge: 0'32

ERZÄHLER:

Schönheit liege, sagt ein Sprichwort, im Auge des Betrachters. Was erst einmal bedeuten kann, dass jeder nun einmal anderes schön finde. Richtig daran ist: Schönheit ist eine subjektive Erfahrung. Und das, obwohl Studien zeigen, dass bestimmte Merkmale für Schönheit im Sinne körperlicher Attraktivität immer wieder genannt werden – von unterschiedlichen Personen und sogar in unterschiedlichen Kulturen.

O-TON 2, LISA SCHMALZRIED, körperliche Merkmale:

Symmetrie scheint eine Rolle zu spielen, eine reine Haut scheint eine Rolle zu spielen, gewisse Körperproportionen sind entscheidend.

ERZÄHLER:

Erklärt die Philosophin Lisa Schmalzried vom Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik, die zur menschlichen Schönheit forscht. Bei Frauen gilt außerdem ein Gesicht nach dem Kindchenschema mit großen Augen durchschnittlich als schön, ebenso wie ein Taille-Hüft-Quotient von 0,7.

ERZÄHLERIN:

Doch auch wenn sich das so beziffern lässt – ein einfaches Rechenspiel mit Maßen und Proportionen ist Schönheit nicht.

O-TON 3, LISA SCHMALZRIED, Schönheitskriterien:

Was es nicht gibt, ist so ein Kriterienkatalog, den wir abarbeiten können. Also starre Schönheitsideale, Schönheitsregeln, wo ich sage, ich nehme jetzt irgendwie diese Maske, lege sie auf mein Gesicht und sehe meine Nase ist so und so viel Millimeter zu lang. Ich lasse sie korrigieren, dann bin ich schön. So funktioniert es nicht. Das heißt, es gibt gewisse Faktoren, also physische, körperliche Faktoren, die wir verändern können. Aber das gibt uns keine Garantie, dass wir tatsächlich schön werden.

ERZÄHLERIN:

Zu sagen, Schönheit sei nichts „Objektives“, bedeutet auch: Sie ist keine rein „objektiv“ gegebene Eigenschaft von etwas, so wie zum Beispiel Wasser eben die Eigenschaft hat, flüssig zu sein, oder ein Koffer fünfeinhalb Kilo wiegen kann. „Schön“ ist eher eine Beziehungsvokabel als ein einfaches Eigenschaftswort, und wer einen anderen Menschen „schön“ nennt, sagt damit ebenso viel über sich selbst.

ERZÄHLER:

Auch die Fotografin Lia Darjes antwortet auf die Frage, ob es ihr in der Arbeit mit Menschen um Schönheit gehe, sehr persönlich:

O-TON 4, LIA DARJES, Gesichter, die etwas erzählen:

Ich fühle mich hingezogen zu manchen Gesichtern oder zu manchen Gestalten. So ist es vielleicht eher, ein Impuls von: Den oder diejenige möchte ich gerne fotografieren, weil mich das fasziniert. Und ich glaube, es geht dann viel auch darum, dass man das Gefühl hat, Gesichter sprechen mich irgendwie an. Ich glaube, das klassische Schönheitsideal empfinde ich dann häufig vielleicht auch eher als langweilig.

ERZÄHLER:

Auch deshalb, weil dieses Ideal nicht selten simpel an Alter geknüpft wird – oder besser gesagt an Jugend.

O-TON 5, LIA DARJES, Jugend und Alter:

Und ich glaube, das ist für mich, wenn ich jetzt fotografiere, keine Kategorie. Also es ist für mich vollkommen unrelevant, ob jemand alt oder jung ist. Es geht da, glaube ich, eher darum, dass Gesichter irgendwie Geschichten erzählen. 

ERZÄHLER:

Und vielleicht können das ältere Gesichter sogar besser als junge, blanke, glatte.

ERZÄHLERIN:

Jedenfalls aber ist die Suche nach menschlicher Schönheit eine komplexe Sehnsucht: im Sichtbaren, Sinnlichen dem auf die Spur zu kommen, was gerade nicht an der Oberfläche liegt – und ganz sicher nicht einfach zu vermessen ist.

MUSIK 3:

"Put off" - Künstler und Komponist: Rei Harakami - Album: Red Curb - Länge: 1'24

ZITATOR:

„Die Schönheit ist […] als die Bürgerin zweier Welten anzusehen“ …

ERZÄHLER:

… schrieb Friedrich Schiller 1793 in seinem Aufsatz „Über Anmut und Würde“.

ZITATOR: 

„Ein glückliches Verhältnis der Glieder, fließende Umrisse, ein lieblicher Teint, eine zarte Haut, ein feiner und freier Wuchs, eine wohlklingende Stimme usf. sind Vorzüge, die man bloß der Natur und dem Glück zu verdanken hat.“

ERZÄHLER:

Die „Schönheit des Baus“ oder die „architektonische Schönheit des Menschen“ nennt Schiller das. Doch der Mensch ist eben nicht nur ein Naturwesen, sondern zugleich eine Person:

ZITATOR:

„Die Art seines Erscheinens ist abhängig von der Art seines Empfindens und Wollens, also von Zuständen, die er selbst in seiner Freiheit und nicht die Natur nach ihrer Notwendigkeit bestimmt.“

ERZÄHLERIN:

Was in der „Erscheinung“ des Menschen schön ist, soll also nicht nur der Körper sein, sondern auch die „schöne Seele“. Wer sie besitzt, ist auf eine freie, selbstverständliche, mühelose Weise er selbst – und strahlt genau das auch körperlich aus. 

ERZÄHLER:

Die „schöne Seele“ ist ein Motiv, das im 18. Jahrhundert seine Blütezeit erlebte, kulturgeschichtlich jedoch bis in die Antike zurückreicht, so die Philosophin Lisa Schmalzried: 

O-TON 6, LISA SCHMALZRIED, schöne Seele Antike:

Bei Platon, in den platonischen Dialogen ist es so: Die schöne Seele steht über der physischen Schönheit. Platon hat so eine Stufenleiter des Schönen, und es beginnt eben mit der Schönheit einzelner Körper und steigt dann auf bis zur schönen Seele, die sehr nahe bei ihm an der Idee des Schönen ist. Und was wir eben in der Antike verwurzelt sehen, ist der Gedanke, dass wir den Charakter einer Person, die geistigen Fähigkeiten einer Person als schön bezeichnen können.

ERZÄHLERIN:

Dabei wird diese Schönheit, was von heute aus betrachtet nicht unbedingt naheliegend erscheint, eng mit Tugendhaftigkeit verbunden:

O-TON 7, LISA SCHMALZRIED, das Schöne und das Gute Antike:

Obwohl es  in der Antike die Unterscheidung zwischen dem Schönen und dem Guten gibt, verschwimmt diese Unterscheidung eben in Bezug auf die schöne Seele: Die gute, die tugendhafte Seele wird, grob gesprochen, zugleich auch zur schönen Seele.

ERZÄHLER:

Im 18. Jahrhundert dann ist die schöne Seele bei Jean-Jacques Rousseau die natürlich empfindende Seele, die sich nicht verstellt, von Konvention und Gesellschaft aber immer wieder zur Verstellung genötigt wird. Immanuel Kant beschreibt Schönheit als „Ausdruck des Sittlichen“, Goethe widmet ein ganzes Kapitel im „Wilhelm Meister“ unter dem Titel „Bekenntnisse einer schönen Seele“ der Selbst-Suche eine Frau zwischen Liebe, Intellekt und Spiritualität.

ERZÄHLERIN: 

Auch in all diesen Beschreibungen schwingt etwas Moralisches mit: Die schöne Seele als empfindsam, feinfühlig, in sich ruhend. Nicht abhängig vom Blick der Leute oder den Launen der Mode.

ERZÄHLER:

„Wahre Schönheit kommt von innen“, noch so ein geflügeltes Wort. Aber ist das nicht eigentlich eine Umdefinition der Schönheit? Ein schaler Trost gegenüber den Ungerechtigkeiten, die die Lotterie der Gene dem Körper auferlegt? So jedenfalls sah es Friedrich Nietzsche, der in einer bösen Kritik über die Theoretiker der „schönen Seele“ festhielt:

ZITATOR:

„Sie verachteten den Leib: sie ließen ihn außer Rechnung: mehr noch, sie behandelten ihn wie einen Feind. Ihr Wahnwitz war, zu glauben, man könne eine ‚schöne Seele‘ in einer Mißgeburt von Kadaver herumtragen […], bis endlich ein bleiches, krankhaftes, idiotisch-schwärmerisches Wesen als Vollkommenheit, […] als höherer Mensch empfunden wurde.“

ERZÄHLERIN:

Auf diesen Einwand ist zu antworten: Wenn man von „innerer Schönheit“ spricht, heißt das noch nicht, dass es auf das Äußere gar nicht ankäme. Sondern nur, dass das Äußere, unmittelbar Sichtbare eben nicht alles ist. Für Lisa Schmalzried macht gerade das menschliche Schönheit aus:

O-TON 8, LISA SCHMALZRIED, das Expressive:

Schönheit als ästhetische Eigenschaft hängt am Erscheinungsbild einer Person. Aber der zentrale Punkt ist zu sagen, dass das menschliche Erscheinungsbild nicht mit dem rein physischen Erscheinungsbild zusammenfällt, sondern wie eine andere Person uns auch rein sinnlich erscheint, hängt eben auch von expressiven Aspekten ab. Wir glauben in der Gestik, in der Mimik, teilweise vielleicht auch in den Mikro-Expressions, Hinweise auf den Charakter einer Person zu finden. Ich glaube, das können wir auch gar nicht ausblenden. Sobald wir eine Person als Person, als Menschen sehen, sind wir uns immer klar: Das Physische und das Expressive ist miteinander verschränkt, und dadurch spielt mehr in menschliche Schönheit rein als nur Körperlichkeit.

ERZÄHLERIN:

Das wäre dann auch ein Unterschied zwischen menschlicher Schönheit und der Schönheit von Dingen, für die diese Dopplung so nicht gilt. Oder allenfalls vermittelt: Wenn wir es etwa mit einem Kunstwerk zu tun haben, dann suchen wir darin vielleicht wieder nach dem Ausdruck menschlicher Erfahrung.

ERZÄHLER:

Schönheit als Individualität – das betont auch das Spiel mit kleinen Abweichungen von der Makellosigkeit: Schon im Rokoko klebte man sich künstliche Muttermale auf, die den Teint nur umso verführerischer strahlen lassen sollten. Und heute lächeln Models und Schauspielerinnen mit reizvollen Zahnlücken in die Kameras oder verzichten darauf, ihre zusammengewachsenen Augenbrauen zu korrigieren. Schönheit nicht als Perfektion, sondern als Persönlichkeit.

MUSIK 4:

"Icefloe" - Komponistin und Ausführende: Zoë Keating - Album: Snowmelt - Länge: 0'47

ERZÄHLERIN:

Ein schwules Paar auf einem eleganten Bett vor einer fliederfarbenen Wand. Der eine Mann trägt Hemd und Hose, der andere einen orientalischen Seidenanzug, beide blicken selbstbewusst in die Kamera. Zwei Katzen sind mit im Bild: eine schwarze, aufrecht im Vordergrund auf dem Laken sitzend, dem Paar zugewandt, eine graue rechts an das Bein des einen Mannes geschmiegt.

ERZÄHLER:

„El-Farouk und sein Ehemann Troy, Toronto“, Fotografie von Lia Darjes.

ERZÄHLERIN:

Ein stilisiertes, ästhetisch fein abgestimmtes Bild aus der Serie „Being Queer. Feeling Muslim“. Lia Darjes fotografierte queere Musliminnen und Muslime weltweit, in ganz unterschiedlichen Posen und Kompositionen, zu Hause, in der Moschee, in Nahaufnahmen der Figur oder zusammen mit sprechenden Attributen.

ERZÄHLER:

Die alte Idee, im Körper drücke sich die Seele aus, ist in der Fotografie noch immer lebendig. Denn Fotos zeigen das Äußere – und wollen mehr als das Äußere zeigen. Wie nähert sich Lia Darjes der Aufgabe, Menschen ins Bild zu setzen, ihnen Raum zu geben für ihre Geschichte und Persönlichkeit?

O-Ton 9, LIA DARJES, queere Muslime:

Von Projekt zu Projekt gehe ich da unterschiedlich vor. Bei den queeren Muslimen war das eine ziemliche Herausforderung für mich,  weil es da eigentlich nicht so eine visuelle Komponente gab, die sich durchzog, sondern weil es eher von der Diversität gelebt hat. Und dann musste ich mir überlegen: Okay, wie gehe ich damit um? Und hab mich dann eben auch für eine ganz diverse Bildsprache entschieden, wo ich wirklich an jedem Ort neu geguckt habe: Wie baue ich ein Bild auf? Das sind tatsächlich sehr konstruierte Porträts. Aber auch dort fühle ich mich der Dokumentarfotografie verhaftet in dem Sinne: Ich schlepp jetzt niemanden in einen Raum, wo er gar nicht hingehört oder ich gehe nicht mit jemanden in ein Studio, sondern ich gucke dann einfach, was vor Ort ist, und dann ist das eigentlich auch so ein Miteinander.

ERZÄHLER:

Einen Menschen zu zeigen, heißt immer, ihn zu inszenieren. Und Mittel und Möglichkeiten der Inszenierung haben längst nicht mehr nur Fotografinnen. Mit den neuen digitalen Medien führt jeder und jede Regie in einer alltäglichen Bilderpolitik der eigenen Person – und das vor den Augen der ganzen Welt.

ERZÄHLERIN:

Damit verändert sich auch unser Blick auf menschliche Schönheit. Philosophin Lisa Schmalzried:

O-TON 10, LISA SCHMALZRIED, Bilder:

Schönheit ist ein gesellschaftlich riesengroßes Thema. Das sieht man daran, dass schöne Menschen medial überrepräsentiert sind, das sehen wir an den sozialen Netzwerken. Gekoppelt daran die ganzen Filter, die uns dort zur Verfügung stehen, um uns selbst zu inszenieren und auch unser eigenes Aussehen zu verändern.

MUSIK 5:

"Put off" - Künstler und Komponist: Rei Harakami - Album: Red Curb - Länge: 1'02

ERZÄHLER:

Farbfilter, Photoshop, digitale Übermalung und Retusche als Korrekturen der Wirklichkeit: Das muss man nicht kritisieren, weil es „unechte“ Bilder erzeugt – denn „echte“ Bilder gibt es vermutlich gar nicht. Und selbst wenn es sie gäbe: Warum sollten wir uns nicht so zeigen, wie wir gesehen werden möchten, wenn Schönheit doch mit Persönlichkeit und Selbstentwurf zu tun haben soll?

ERZÄHLERIN:

Das Problem ist weniger die Inszenierung selbst als die Art, wie sie in der inflationären Bildermasse des Digitalen funktioniert. Dass sie nämlich zu Standardisierung und Einheitlichkeit tendiert: zu Jugend, Glätte, dem offensiven Flirt mit der Kamera. Bildformate wie Selfies oder Menschen in Landschaften ähneln sich bis in die Details, Gesichtsausdrücke, Körperhaltungen, Gestik und Mimik werden wiederholt und nachgeahmt.

O-TON 11, LISA SCHMALZRIED, Medien und Bilder:

Durch diese Standardisierung, durch die Filter, durch die Art, wie man sich aufnimmt da wird der expressive Aspekt weggenommen, also die Individualität, die mit reinkommt, die wird zurückgenommen. Teilweise wirkt hier die Schönheit wenig menschlich und mehr maskenhaft.

ERZÄHLER:

Und Maskenhaftigkeit kann schon in sehr einfachen und sehr gängigen Bildkonventionen liegen, sagt Lia Darjes:

O-TON 12, LIA DARJES, Lächeln:

In der Popkultur oder auch einfach im Mainstream werden ja eigentlich nur noch lächelnde und freundliche Bilder akzeptiert. Und das ist etwas, was für mich als Fotografin – und ich weiß auch für ganz viele meiner Kolleginnen – keine Option ist. Dass nämlich irgendwie das Lächeln auch häufig so einen Zugang zu den Personen wie versperrt, also in der Fotografie natürlich, nicht in der Realität. Was für mich das ist, was Porträtfotografie ausmacht, dass man den Zugang zu Personen bekommt, die man nicht kennt, mit denen man nicht gemeinsam an einem Tisch sitzt. Und wenn Menschen lächeln, ist das irgendwie wie unterbrochen.

ERZÄHLERIN:

Eine interessante Beobachtung darüber, wie Bilder Individualität und Ausdruck einzufangen versuchen, das also, worauf es ankommt: Sie wollen keinen flüchtigen Moment erfassen, sondern – zugegeben, ein großes Wort – das Wesen eines Menschen. 

ERZÄHLER:

Und die eigentlich unmögliche Kunst der Fotografie besteht darin, etwas von diesem Wesen genau in einem Moment einzufangen. Dazu muss Schönheit nichts Gefälliges oder Verbindliches haben. Sie muss nicht lächeln, sie kann kühl, vielleicht sogar verschlossen sein – und dennoch etwas preisgeben.

ERZÄHLERIN:

Diese Magie des Augenblicks hat auch eine dunkle Seite: Menschliche Schönheit ist vergänglich. Ihre Wahrnehmung durchzieht immer ein melancholisches „Noch“, das nicht weniger ist als eine Erinnerung an die Sterblichkeit – gegen die dann wieder die Intensität der Schönheit gefeiert werden will.

MUSIK 6:

"Put off" - Künstler und Komponist: Rei Harakami - Album: Red Curb - Länge: 1'01

ERZÄHLER:

Wir inszenieren uns nicht nur auf Bildern, sondern auch im Leben. In den Dingen, mit denen wir uns umgeben, in Kleidung und Habitus, Sprache und Gestik. Und auch hier lässt sich die Natur korrigieren: Das Pendant zu Photoshop wäre dann das Skalpell der Schönheitschirurgie.

ERZÄHLERIN:

Dabei ist, wie für die Bilder auch, das Natürliche selbst oder das „Echte“ noch kein gutes Argument gegen jeden Eingriff. Ein paar Falten zu glätten, abstehende Ohren anzulegen oder Lider zu straffen – wer das prinzipiell verwerflich findet, der müsste eigentlich auch gegen Schminke und Make-Up sein.

ERZÄHLER:

Wie Friedrich Schiller, wenn er von der „Toiletten-Schönheit“ spricht …

ZITATOR:

… „die am Putztisch aus Karmin aus Karmin und Bleiweiß, falschen Locken […] und Walfischrippen hervorgeht“.

ERZÄHLER:

Eine Bemerkung allerdings aus der Zeit einer sehr „künstlichen“ Mode, die den Körper mit Korsetts und schwere Perücken traktierte. Vielleicht stellte Schiller auch deshalb für seine ein wenig schwärmerische Idee von Anmut fest, sie dürfe nie kalkuliert oder auch nur bewusst aussehen, um nicht zur „nachgeahmten“ oder „gelernten“ Anmut zu werden ...

ZITATOR:

… „die ich die theatralische und die Tanzmeistergrazie nennen möchte.“

ERZÄHLER:

Man kann der Schönheit vielleicht nachhelfen, heißt das, sie aber nie erzwingen. „Jag sie, sie hört auf – Jag sie nicht, und sie verweilt“, schrieb die US-amerikanische Dichterin Emily Dickinson im 19. Jahrhundert in knappen Versen. 

ERZÄHLERIN:

Und Dickinson hielt auch fest, es sei die Definition der Schönheit, sie nicht zu definieren.

Musik 7:

"Put off" - Künstler und Komponist: Rei Harakami - Album: Red Curb - Länge: 1'44

ERZÄHLER:

Was es also ist, was den Menschen schön macht, lässt sich so leicht nicht sagen. Schönheit entzieht sich – und zieht unwiderstehlich an. Anders als Kunstwerke betrachtet man schöne Menschen seltener mit „interesselosem Wohlgefallen“. Sie sind attraktiv und begehrenswert, vielleicht sogar dann, wenn ihnen niemals nahezukommen ist: Idole und Stars werden auch für ihre ferne Schönheit verehrt.

ERZÄHLERIN:

Tatsächlich ist die Schönheit, so hat sich gezeigt, in sehr unterschiedlichen Hinsichten „Bürgerin zweier Welten“, wie Schiller es formuliert hat: Schönheit entfaltet sich zwischen Subjekt und Objekt, einem Blick und einer angesehenen Person. Sie gehört zum Körper, ist aber auch der sinnliche Ausdruck von etwas Nicht-Körperlichem, das man Charakter, Inneres oder Seele nennen kann. Sie folgt einem allgemeinen Ideal, findet aber erst in der unverwechselbaren Individualität zu sich selbst. Sie ist sichtbar – und bleibt ein großes Geheimnis.

ERZÄHLER:

Und sie ist verletzlich, die Schönheit des Menschen, so wie der Mensch verletzlich ist.

MUSIK 8:

"Icefloe" - Komponistin und Ausführende: Zoë Keating - Album: Snowmelt - Länge: 0'32

ERZÄHLERIN:

Ein kleiner, sehr hellhäutiger Junge, eine Frau mit dunklen Haaren, ein mittelalter Mann: alle in Frontalporträts des Gesichts bis zur nackten Schulterpartie aufgenommen. 

ERZÄHLER:

Fotoserie „Eo ipso“ von Lia Darjes, eine frühe Arbeit aus dem Studium.

O-TON 13, LIA DARJES, Eo ipso:

Meine Idee damals war, dass ich den Hintergrund der Hautfarbe anpasse. Und das ist dann tatsächlich in zwei Porträt-Sitzungen entstanden, nämlich immer in der ersten, wo ich mit Acrylfarbe den Hautton angemischt habe der Person, und im zweiten das Porträt gemacht habe und dadurch eigentlich so ein bisschen versucht habe, die Begrenzung der Person aufzuheben, wenn man so will: dass man ein ganz neutrales Bild schafft, wo eigentlich nichts mehr Außermenschliches stattfindet.

MUSIK 9

"Icefloe" - Komponistin und Ausführende: Zoë Keating - Album: Snowmelt - Länge: 0' 45

ERZÄHLERIN:

Fotografien, die die Personen buchstäblich aller Attribute ihres Alltagslebens entkleiden – und dennoch als erstaunliche Steigerung der Subjektivität wirken. Pures, nacktes Menschsein. Keine erotische Attraktivität, zugleich aber eine seltsame Anziehungskraft und Nähe. Diese Bilder halten das, was menschliche Schönheit ausmacht, in fragender Schwebe – als blickte man wirklich in Gesichter und in Seelen hinein. 

ERZÄHLER:

Ein verheißungsvolles, ein unerfüllbares Versprechen.

Diesen Podcast durchsuchen

Finde Themen, Personen und Marken, über die in Radiowissen gesprochen wurde.

Weitere Folgen

  • Selbstsabotage - Warum wir uns selbst so oft ausbooten

    26.02.2025 · 23 Min.

    Die Angst davor in der Prüfung zu versagen, ist so groß, dass man sich zig Termine in den Kalender packt und keine Zeit mehr zum Lernen hat. Ein typischer Fall von Selbstsabotage. Was steckt dahinter - und wie kann man aufhören, sein größtes eigenes Hindernis zu sein? Von Susi Weichselbaumer Credits Autorin dieser Folge: Susi Weichselbaumer Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Berenike Beschle, Thomas Birnstiel, Marlen Reichert, Peter Weiß Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Prof. Malte Schwinger, Kinder und Jugendpsychologe Universität Marburg Dr. Ulrich Goldmann, Leitung Ausbildungsgang Psychotherapie (MUNIP) Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Prokrastination - Wann Aufschieben schadet und wann es nützt JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATORIN Am Abend vor der Klausur war die Geburtstagsparty meiner besten Freundin. ZITATOR Es war null Zeit, die Präsentation für die Führungskräfte vorzubereiten. Für auf den letzten Drücker lief es puh: Okay. ZITATORIN Dieser Fahrprüfer lässt Frauen grundsätzlich durchfallen. Auch wenn ich dem protzigen SUV nicht die Vorfahrt genommen hätte… MUSIK ENDE SPRECHER Die Klausur gerade mal knapp bestanden? SPRECHERIN Der Job Großraumbüro statt Chefetage? SPRECHER Die Fahrerlaubnis nicht erteilt? Der Pfad zum Erfolg ist gepflastert mit Hindernissen. MUSIK ZITATOR Das Schicksal arbeitet gegen mich. ZITATORIN Heute ist nicht mein Tag. ZITATOR Die ganze Woche ist nicht meine Woche – ZITATORIN Mein ganzes Leben ist nicht mein Leben. MUSIK ENDE SPRECHER Das Wetter, der öffentliche Nahverkehr, die grantige Nachbarin – SPRECHERIN Möglicherweise steht man sich aber auch selbst im Weg. Durch die Art und Weise wie man Dinge angeht oder versucht, bestimmte Situationen zu vermeiden. MUSIK SPRECHER Jedenfalls sicher gilt: Allein ist man als Sich-Selbst-Blockierender nicht. Die Ratgeberregale in den Buchhandlungen stehen voll mit Literatur zum Thema „Selbstsabotage“. In Social Media wird das Phänomen in diversen Facetten diskutiert. Das Internet bietet zig Fragebogen: ZITATOR Wann sabotierst Du Dich selbst? ZITATORIN Warum sabotierst Du Dich? ZITATOR Weswegen solltest Du das lassen? ZITATORIN Wie änderst Du Dich – und damit alles? MUSIK ENDE SPRECHER Das Problem ist bloß: Was in bunten Bänden und auf knalligen Lifestyle-Webseiten angeboten wird, fällt aus wissenschaftlicher Sicht größtenteils in die Kategorie „Küchenpsychologie“. Und: Der Begriff „Selbstsabotage“ für jedwedes, was man sich selbst so in die Bahn werfen oder als Ausrede anführen könnte? Wohl eher ein Modewort: 1 ZU Goldmann 0.00 Wenn ich jetzt an Sabotage denke, da denke ich an Gleise, an Züge, an jemand, der Kabel in Brand steckt. Es ist ein bewusster Akt. Sabotage ist auch in gewisser Weise, ein gewalttätiger Akt. SPRECHERIN Erklärt Dr. Ulrich Goldmann. Er leitet den Bereich Psychotherapie am MUNIP, dem Münchner Universitären Ausbildungsinstitut für Psychologische Psychotherapie. 2 ZU Goldmann 0.00 In der Psychologie wird mehr im Englischen der Begriff „Self-Handicapping“ hergenommen, also „Selbstbehinderung“ übersetzt. Das ist etwas milder. SPRECHERIN Selbstbehinderung gilt nicht als klinische Diagnose, Krankheit oder Persönlichkeitsstörung. Die Wissenschaft sammelt unter dem Begriff eine ganze Reihe an Verhaltensmustern. SPRECHER Verhaltensweisen, mit denen Menschen ihre Erfolgschancen bewusst oder unbewusst selbst vermindern. Generell. Oder lediglich in speziellen Zusammenhängen. Das Ziel dabei ist stets – und das klingt auf den ersten Blick paradox: Auf Biegen und Brechen den Selbstwert erhalten. SPRECHERIN Sich keine Blöße geben, das Gesicht wahren – anderen und sich selbst gegenüber. MUSIK SPRECHER Die Gründe dafür und Strategien dabei faszinieren Forscher wie Malte Schwinger. Er ist Professor für Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Marburg. Studien zum Thema Selbstbehinderung gibt es inzwischen vor allem im Segment „Lernen und Ausbildung“. 3 ZU Schwinger (0.09) Der Grundgedanke dahinter ist immer der, jemand hat Angst vor einer bestimmten Situation, einer bestimmten Bewertung. Das ist bei Studierenden, wo wir das viel untersuchen, häufig irgendeine Art Prüfung, eine Art Klausur. Und da ist die Sorge, dass das schiefgehen kann. Und wenn das schiefgeht, hat man Angst, dass das den Selbstwert bedrohen könnte, dass man sich danach als Person nicht gut fühlt als wertlos fühlt. MUSIK ENDE SPRECHERIN Die Lösung: SPRECHER Eine eventuelle negative Bewertung unbedingt ausschließen. SPRECHERIN Und zwar schon im Vorfeld. 4 ZU Schwinger (0.09) Wenn ich Angst habe, in der Klausur zu versagen, dann sollte ich mir irgendeine Ausrede zurechtlegen, die hinterher erklärt, warum ich nicht so gut war in der Klausur, das ist die Idee. MUSIK ZITATORIN Das Radl hatte auf dem Weg einen Platten. ZITATOR Im Prüfungsraum war es wahnsinnig stickig. ZITATORIN Der Hund hat meine Vorbereitungsunterlagen gefressen. MUSIK ENDE SPRECHER Spannend dabei: Erklärungen dafür, warum es mit einer besseren Note in der Klausur nicht geklappt hat, suchen Selbst-Handicapper eher selten im Außen. Solche Rechtfertigungen gibt es schon auch. Aber: In der Regel sucht man die Erklärung bei sich: Darum wir ich nicht so toll. Oder konnte nicht so toll sein. Halskratzen und leichter Husten – plötzlich fühlt man sich damit richtig krank. Genauso erklärt man es den Studienkollegen. Der wesentliche Punkt bei alldem: Trotz schwerer Grippe tritt man zur Prüfung an. SPRECHERIN Unter derlei Bedingungen muss man dann ja mehr als froh sein über ein gerade noch „bestanden“. MUSIK SPRECHERIN Es kann aber auch das ganz große Programm von „Ich-reite-mich-wo-richtig-rein“ sein, erzählt der Münchner Psychotherapeut Ulrich Goldmann aus dem Praxisalltag. 5 ZU Goldmann 2.44 Das sind so Situationen, die häufig genannt werden, wenn man zu spät ins Bett geht, viel Alkohol trinkt oder ausgeht und am nächsten Tag ausgesprochen müde ist, die Prüfung schreibt. Und wenn es dann schiefgeht, hat man eine fertige und stichhaltige Erklärung, warum es denn schiefgegangen ist und in der Psychologie, und da gibt es einige Experimente dazu, wird angenommen, dass das im Dienste dessen steht, dass es situativ, also auf die Situation bezogen, nicht geklappt hat, weil ich zu lange aus war. MUSIK ENDE SPRECHER Der Grund des Scheiterns ist so nicht ehrenrührig und kratzt am Selbstwert. Man ist nicht etwa zu wenig intelligent, fachlich nicht geeignet – Nein! Die Partyeinladung ging einfach vor. Ehrensache. Lange ausgemacht. Freundschaftsdienst. Man ist eben ein Hecht. SPRECHERIN Allerdings ein ziemlicher „Kurzfrist-Hecht“. 6 ZU Schwinger 2.06 Ja, das ist der Haken da dran, man bleibt tatsächlich eigentlich eher unzufrieden. SPRECHERIN Bilanziert der Marburger Kinder- und Jugendpsychologe Malte Schwinger. Für den Moment nach der Klausur nimmt so eine Ausflucht – da war diese Party - womöglich den Druck aus der akuten Situation. SPRECHER Auf lange Sicht ist nichts gewonnen in Sachen angeknackster Selbstwert. Denn: Das ist der wunde Punkt. Die verletzliche Stelle. 7 ZU Schwinger 2.06 Die Angst resultierte ja vorher schon aus einer Erwartung, dass man das nicht kann. Und die wird natürlich durch dieses Schauspiel, was man da abgezogen hat, nicht anders. Also man ist weiterhin der Meinung, dass man es nicht kann. Und es hat ja, auch wenn man eine Ausrede hatte, keinerlei gegenteiliger Beweis stattgefunden. Das heißt wenn die nächste Prüfung ansteht, geht eigentlich alles von vorne los. MUSIK SPRECHERIN Ein Kreislauf, der einen irgendwann gefangen nimmt und den man mitunter gar nicht als solchen begreift, erinnert sich Rita. Sie will anonym bleiben. Nach Coaching und Therapie ist Rita inzwischen überzeugt: 8 ZU Rita 8.40 Es ist sicher gut sich zu überlegen, will ich das oder nicht. Oder was will ich überhaupt? So. Das führt ja auch zu mehr Zufriedenheit. SPRECHER Jahrelang war für Rita klar: Im Beruf will sie sich keine Patzer leisten, sondern perfekt sein und auch so wahrgenommen werden von ihrem Kollegenkreis, dem Chef. SPRECHERIN Um mögliche Fehler im Vorfeld abzupuffern, überfrachtet sie sich mit Projekten. Springt überall ein. Hebt die Hand. Und ist im Team bald abonniert auf Zusatzaufgaben. Ein Verhalten, das Psychotherapeut Goldmann von einigen Klienten kennt. 9 ZU Goldmann 04:10 Jemand muss einen Vortrag halten und auf PowerPoint etwas machen. Und es gibt eine neue Version, und man hat noch nicht Zeit gehabt aufgrund der vielen, vielen anderen Aufgaben, die man hat, sich in die neue einzuarbeiten, weil noch diese Besprechung gestern war und man noch in dem Projekt XY engagiert ist. Das wären auch selbstwertdienliche Aussagen. SPRECHERIN Auf den ersten Blick positive selbstwertdienliche Aussagen: Man ist vielbeschäftigt, hält alle Bälle in der Luft, auch die der Kollegen, deren Aufgaben man netterweise mit wuppt. Allein holt man die Kohlen aus dem Feuer und macht das Beste daraus. Auch wenn das dann nicht perfekt ist: Unter den gegebenen Umständen ist man über sich selbst hinausgewachsen. Für alle. SPRECHER Aber halt auch ohne alle. MUSIK ENDE 10 ZU Goldmann 04:10 Wenn man sich überlegt, wie man sich dann präsentiert vor anderen, kann man sich auch vorstellen, auf die Dauer erzeugt das jetzt auch nicht unbedingt ein günstiges Bild von sich selbst. SPRECHERIN Studien zeigen: Je nach Situation sind die Strategien mannigfach, wer sich wann wie selbst manipuliert. MUSIK SPRECHERIN Ein häufiges Beispiel: Man legt die Latte erst hoch und bekommt anschließend Bammel, den Mund zu voll genommen zu haben. ZITATOR Klar promoviere ich. ZITATORIN Klappt die Stelle in Frankreich nicht, wechsle ich die Firma. ZITATOR Diese Frau wird mich heiraten. MUSIK ENDE 11 ZU Goldmann 5.52 Wenn ich so ein Ziel konkret gegenüber anderen kommuniziere, bin ich auch eine Art Selbstverpflichtung eingegangen. Dann kann ich ohne Gesichtsverlust oder ohne Erklärung nicht mehr hinter mein Vorhaben zurück. SPRECHERIN Irgendwann erkennt das auch Rita: Sie kommt – aus ihrer damaligen Perspektive – beruflich nicht vom Fleck. Trotz ihres Engagements an allen Ecken und Enden und obschon das Familie und Freunde von ihr zu erwarten scheinen. Im Team hat sie keinen Rückhalt, dabei reibt sich sich auf, um es den Kollegen und dem Chef recht zu machen, zuvorkommend und perfekt zu sein. SPRECHER Perfektion ist ihre Richtschnur. SPRECHERIN Elternhaus und Schule wünschten sich das Vorzeigekind. In späteren Beziehungen müht sich Rita, eine Musterpartnerin zu sein: Um jeden Preis perfekte Harmonie, totale Symbiose. Bloß: 12 ZU Rita 2:04 Auf längere Sicht sieht man auch, dass es sich nicht unbedingt auszahlt, also von wegen, dass man Respekt dadurch bekommt. SPRECHERIN Rita fängt an, genauer hinzuschauen: Was tut sie wann, um was damit zu erreichen? Und was ist tatsächlich das Resultat? MUSIK SPRECHERIN Für viele kann eine ehrliche Selbstbeobachtung ein guter erster Schritt sein weg von den gewohnten selbstbehindernden Verhaltensmustern, empfehlen Therapeuten. Eine Paradelösung dafür, sich von heute auf morgen mal endlich nicht mehr selbst im eigenen Lebensweg zu stehen, gibt es nicht. Manchmal genügen offene Gespräche im engen Familien- oder Freundeskreis: Warum komme ich nicht ans Ziel, was meint ihr? SPRECHER Oft braucht es professionelle Untersützung: Veränderungscoaching. Gesprächstherapie, bei der man aufschlüsselt: Woher kommt mein innerer Druck, die häufige Unzufriedenheit und das Gefühl der Selbstunwirksamkeit, des Ausgeliefertseins? SPRECHERIN Hierin liegt eine Crux. Denn: In gewisser Weise handelt man ja aktiv. Sucht und konstruiert Ausflüchte, Erklärungen. Dennoch bleibt da der Eindruck von: Ich muss noch mehr tun, mehr vorbeugen, weitere Vorkehrungen schaffen – falls es schlecht ausgehen sollte. SPRECHER Dabei gilt: Selbstschädigendes Verhalten kann durchaus auf einen Bereich im Leben beschränkt sein und zieht sich nicht durch wie ein roter Faden. Wer in Prüfungssituationen den eigenen Erfolg torpediert, macht das nicht unbedingt auch bei Rendezvous oder ersten Dates. Wer sich im Job immer auf Festanstellungen bewirbt, für die er nicht geeignet ist, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass er viel lieber Freiheit lebt als Karriere zu machen – wie alle erwarten: Der weiß vielleicht beim Fußball sehr wohl, dass er linkes Mittelfeld spielen will und sonst nichts. MUSIK ENDE SPRECHERIN Studien zeigen: Je nach Situation sind die Strategien mannigfach, wer sich wann wie selbst manipuliert. SPRECHER Nach dem Motto: Schöner Scheitern. In der Sicht von außen auf mich, aber auch in der Innenperspektive. MUSIK SPRECHERIN Die Innenperspektive austricksen und zugleich nach außen positiv wirken – nicht wenige versuchen das über die Taktik: Sich nie festlegen. Spannende Zukunftspläne oder Beziehungsabsichten werden durchaus angedeutet. Doch konsequent bleibt man im Ungefähren. Anderen gegenüber und sich selbst. 13 ZU Goldmann 5.52 Wenn ich den Schluss fest fasse, dann kann ich auch scheitern. Wenn ich ihn nicht fasse, dann kann ich ja immer sozusagen mich drum herummogeln ein Scheitern einzugestehen. MUSIK ENDE SPRECHERIN Ein Scheitern weniger schmerzhaft machen. Den Gesichtsverlust weniger groß. Das sind oft genannte Gründe für Selbstbehinderung. Ein ebenfalls bekannter Faktor, der jedoch weit schwerer dingfest zu machen ist: Ambivalente Motivation. MUSIK SPRECHER Das heißt: Man möchte mehrere Dinge gleichzeitig erreichen, die sich aber gegenseitig ausschließen. Oder man meint, jenes eine zu wollen, weil man es seit jeher wollte. Oder weil einen andere an der Stelle, in der Rolle etc. sehen. Oder weil jede Logik diesen nächsten Schritt - nun ja - logisch macht. SPRECHERIN Innendrin würde eine leise Stimme etwas anderes sagen. Doch die umher sind lauter, überzeugender. SPRECHER Logischer. ZITATORIN Jetzt hat er so lange studiert! ZITATOR Im Freundeskreis sind inzwischen alle verheiratet. Man muss auch erwachsen werden! ZITATORIN Nach all den Jahren in der Firma gehört sie doch mal ins Management! MUSIK ENDE 14 ZU Goldmann 7.03 Führungsposition. Naja, das bringt Verschiedenes mit sich. Ich muss mehr arbeiten. Ich werde mehr Verantwortung haben. Ich werde auch nicht umhinkommen, unangenehme Gespräche zu führen, Leute vielleicht mal einzugrenzen, schlimmstenfalls vielleicht mal sogar disziplinarische Maßnahmen oder Ähnliches auszusprechen. Und es gibt Leute, die einfach Scheu davor haben. Und wenn das nicht bis ins Detail bewusst durchdacht ist, dann können das gegenteilige Motivationen sein, die so ein angebliches Ziel immer wieder ausbremsen, sodass die Ambivalenz, die unter der Oberfläche da ist, eigentlich von der Verwirklichung eines Zieles dann uns immer wieder abbringen kann. SPRECHER Eigene Ambivalenzen zu erkennen und zuzugeben – das kann ein schwieriger Prozess sein, weiß Psychotherapeut Ulrich Goldmann. Zunächst hilft eine persönliche Kosten-Nutzen-Aufstellung: Was gefällt mir an diesem Job, diesem Lebensziel, an dieser Beziehung? Was nicht? Was traue ich mir im Bezug darauf zu? Was weniger? SPRECHERIN Dafür muss man reichlich ehrlich mit sich sein. SPRECHER Und: Überhaupt bemerkt haben, dass man in so einer Ambivalenz feststeckt. MUSIK SPRECHERIN Rita stellt irgendwann fest: Die Angst davor, nicht perfekt zu sein oder nicht als perfekt wahrgenommen zu werden, reibt sie auf. Es tut ihr nicht gut, sich mit Arbeit zu überhäufen, ständig Zusatzprojekte anzunehmen, nur um zum Chef sagen zu können: „Es war drumherum noch derart viel anderes– 1000-prozentig ist es jetzt nicht geworden, aber unter den Umständen…“ SPRECHER Jedoch: Ihr fehlt die eigene Mitte, aus der sie für sich Selbstwert schöpfen könnte. Den sucht sie in der Bestätigung von außen. 15 ZU Schwinger (4.44) Natürlich sind Personen, die etwas unsicherer sind, etwas neurotischer sind, etwas geringeren Selbstwert haben gefährdeter, sich auch in ihrem Selbstwert bedroht zu fühlen. SPRECHER Bestätigt der Marburger Kinder- und Jugendpsychologe Malte Schwinger. 16 ZU Schwinger (4.44) Und da reichen schon Kleinigkeiten in der Umwelt, die dann so ein Verhalten auslösen. SPRECHERIN Rita erkennt: Sie ist oft so damit beschäftigt, vorzubeugen und abzupuffern, dass jemand sie oder sie selbst sich nicht als „perfekt“ empfinden könnte, dass sie gar nicht weiß, was dieses „perfekt“ im Grunde meint und wohin es führen soll. Für sie ganz persönlich. 17 ZU Rita (9.36) Was will ich? Mensch, alle wissen, was sie wollen. Aber wie finde ich denn raus, was ich will? Was sind meine Wünsche, meine Bedürfnisse, meine Ziele. Da habe ich gedacht, okay, wie möchte ich sein? SPRECHER Rita hilft es, regelmäßig Tagebuch zu schreiben. Was hat heute gut geklappt, was fühlte sich komisch an? Im Coaching nimmt sie sich wöchentlich neue Aufgaben vor: Ich traue mich „Nein“ zu sagen zu Zusatzaufgaben, konzentriere mich auf meine Arbeit. In diesem Rahmen werden für sie auch Fehler besprechbar. SPRECHERIN Und siehe da: Manches, was sie als Fehler fürchtet oder als „nicht perfekt“ wertet, beurteilen andere weit weniger drastisch. Das Coaching macht Perspektiven auf. SPRECHER Aber Achtung: Das klingt nach simpler Lösung für ein auf den ersten Blick vielleicht eh eher merkwürdig daherkommendes Selbstsabotage-Programm. So einfach ist es nicht. SPRECHERIN Meist steckt da ein zäher und auch schmerzhafter Kampf dahinter. Ein dauernd wieder neues Austarieren des eigenen Selbstwerts. Den man – und das ist die Herausforderung – nicht aus sich selbst schöpft. SPRECHER Sondern abhängig ist davon: Was schreiben andere mir zu? 18 ZU Schwinger (6.21) Personen mit geringem Selbstwert, geringem Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, wählen dann meistens auch Aufgaben, die entweder sehr einfach sind, wo sie nicht scheitern können, oder Aufgaben, die viel zu schwer sind. Dann haben sie wieder einen Grund, warum sie gescheitert sind. Und diese Aufgaben, die eigentlich uns im Leben weiterbringen, die immer so einen Ticken schwerer sind, als dass wir glauben, das schaffen zu können, die uns dann eben zu unseren besten Leistungen anspornen, diese Aufgaben wählen solche Personen nicht. SPRECHERIN Eine Entwicklung findet nicht statt. SPRECHER Man bleibt in der Selbstbehinderungsspirale stecken. Ein weiterer typischer Mechanismus dabei: Chronische Aufschieberitis. Stets alles auf den letzten Drücker. Was immer unter solchen Umständen noch geschafft wird, muss als Erfolg verbucht werden, weil: Zumindest besser als nichts. SPRECHERIN Der Fachbegriff für dieses ständige Hinausschieben ist Prokrastination. Und so Kavaliersdelikt-ig, wie es sich eben anhörte, ist das nicht unbedingt. Tatsächlich lassen solche Verhaltensweisen, sobald sie chronisch werden, Leben durchaus aus dem Ruder laufen. Das gilt für jegliche Art der Selbstbehinderung – wer sich über lange Zeit jeden Erfolg selbst verbaut, läuft etwa Gefahr in eine Depression zu geraten. 19 ZU Goldmann (13:23) Natürlich kommen zu uns auch Leute, die schon länger Probleme mit der Zielverwirklichung haben. Und wenn mir das über Jahre nicht gelingt und da gibt es auch ein bisschen Forschung dazu, dann kann auch so etwas wie eine depressive Entwicklung stattfinden, weil es ist ja schließlich wirklich auch eine ganz wichtige Variable: Selbstwirksamkeit nennen wir die, dass wir etwas vorhaben, das versuchen zu gestalten. Und wenn das gelingt, dann ist es für unsere Psyche gut. Und wenn das permanent misslingt, dann ist es für unsere Psyche riskant. Und das wäre ein Faktor, der zur Entstehung von Depressionen beiträgt. MUSIK SPRECHERIN Deshalb rät der Münchner Psychotherapeut Ulrich Goldmann dazu, vorsichtig zu sein, mit schnellen Urteilen und Ratschlägen mal eben aus der Hüfte: ZITATOR Sei Dir nicht im Weg! ZITATORIN Trau Dich einfach! ZITATOR Fang halt früher mit dem Lernen an! MUSIK ENDE SPRECHERIN Gewohnte und für sich wenigstens phasenweise als hilfreich empfundene Strategien wirft niemand so schnell über Bord. SPRECHER Vor allem dann nicht, wenn sie darauf abzielen, den Selbstwert positiv aufzuladen. 20 ZU Goldmann (19:11) Manche sind auch so cool, dass sie mit ganz wenig Lernen nicht nur Vierer abstauben, sondern bessere Noten. Das habe ich mehrmals in der Praxis gehabt, dass dies in der Schule gut ging. Dann geht jemand in das Studium. Aber es geht im Studium überhaupt nicht mehr rundum, weil die Anforderungen wesentlich höher sind, wenn man sich für eine Prüfungsphase mit fünf Prüfungen am Ende des Semesters wirklich strukturiert vorbereiten muss und planen muss. Das geht dann nicht mehr mit aus dem Ärmel schütteln. Und dann wird es manchmal wirklich ziemlich eng. SPRECHERIN Und frustrierend. Denn: Ausrede ist in dem neuen Umfeld nicht mehr. Ab da fordert das Leben ernsthafte Entscheidungen. SPRECHER Wobei das nicht bedeuten muss: Ab jetzt nur noch Selbstgeißelung, Selbstabrechnung, gnadenlose Analyse des eigenen Ichs. Der Marburger Kinder- und Jugendpsychologe Malte Schwinger ist überzeugt: In Maßen betrieben darf man durchaus auch mal das Wetter, den Professor mit seinen unverständlichen Fragen, die Welt oder das Universum an sich dafür verantwortlich machen, dass es die Klausur verhagelt hat. In der Psychologie spricht man von Self Serving Bias, auf Deutsch: Selbstwertdienliche Verzerrung. 21 ZU Schwinger 07:29 Das kann man tun, dass man eben versucht, nicht überall selber sich verantwortlich für zu fühlen. Und eben wenn es nicht gut gelaufen ist, auch gerne mal anderen die Schuld zu geben. Das ist total in Ordnung. Man darf es halt nicht übertreiben und sollte ein bisschen realistisch bleiben. Aber ansonsten ist darin erst einmal nichts Schlimmes. SPRECHERIN Trotzdem: Rita hat für sich beschlossen, um rauszukommen aus der jahrelangen Selbstbehinderung, bleibt sie doppelt wachsam. Augen auf – bei sich und bei anderen. 22 ZU Rita (3.13) Seitdem ich das bei mir entdeckt habe, sehe ich einige, die das haben. Und manchmal geht dann der Schuss nach hinten los, weil es too much ist. Und (4.40) es kommt irgendwann der Moment, da merkt man, das tut einem nicht gut und man merkt, dass man seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse nicht verfolgen kann. MUSIK SPRECHER Genau darum sollte es aber gehen: Eigene Wünsche erkennen. SPRECHERIN Sich ausprobieren, ohne die Sicherheitsausrede schon parat zu haben, um was immer passiert anderen und sich selbst ein positives Bild zu garantieren. SPRECHER Statt sich im Weg zu stehen, sich selbst zu behindert, auch mal aktiv den Kurs ändern, wenn der Pfad sich nicht mehr richtig anfühlt – SPRECHERIN Unterm Strich gilt schließlich: Nur wenn man alte Träume loslässt – SPRECHER Können neue wachsen.

  • Jakob Wassermann - Der fast vergessene „Weltstar des Romans“

    25.02.2025 · 23 Min.

    Mit Romanen wie "Caspar Hauser" oder "Der Fall Mauritius" schuf Jakob Wassermann internationale Bestseller. Der deutsche Erzähler jüdischer Herkunft war einer der populärsten Autoren seiner Zeit. Doch dann verbrannten die Nazis seine Bücher. Von Dirk Kruse (BR 2023) Credits Autor dieser Folge: Dirk Kruse Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Annette Wunsch, Heiko Ruprecht, Florian Schwarz, Jenny Güzel Technik: Fabian Zweck Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Professor Dr. Gunnar Och (Literaturwissenschaftler, Nürnberg); Dr. Alexander Mayer (ehemaliger Stadtheimatpfleger, Fürth); Dr. Dierk Rodewald (Literaturwissenschaftler, Berlin) Literaturtipps: Beatrix Müller-Kampel, „Jakob Wassermann. Eine biographische Collage“ – Der Grundstein für die noch zu schreibende große literaturwissenschaftliche Wassermann-Biographie mit vielen Zitaten aus Wassermanns Umfeld. Dierk Niefanger, Gunnar Och und Daniela F. Eisenstein, „Jakob Wassermann. Deutscher, Jude, Literat“ – reich bebilderte Sammlung mit Aufsätzen und Essays zu Leben und Werk Wassermanns. Jakob Wassermann, „Mein Weg als Deutscher und Jude“ – die noch erhältliche Ausgabe im Jüdischen Verlag hat ein kluges Nachwort von Marcel Reich-Ranicki. Wassermann maßgebliches autobiographisches Werk. Jakob Wassermann, „Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens“ – dieser schöne Roman, der auch historische Quellen auswertet, die aber im Wassermann-Erzählton präsentiert werden, ist noch im Cadolzburger Ars Vivendi Verlag erhältlich mit einem erhellenden Nachwort von Gunnar och lieferbar. Jakob Wassermann, „Der Fall Maurizius“ – Wassermanns größter Erfolg von 1928. Die Geschichte eines Justizirrtums, die sich spannend wie ein Krimi liest. Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wild Wild Web - Geschichten aus dem Internet Wild Wild Web erzählt Geschichten aus dem Internet. Mal Wissenschaft, mal Tech, mal Investigativ-Recherche und mal Tier-Doku. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Zitator Jakob Wassermann ist der Romancier von Geblüt. Hätte es vor ihm den Roman nicht gegeben, er wäre der Mann gewesen, ihn zu erfinden… Sprecherin Diese Eloge veröffentlichte Heinrich Mann anlässlich des 60. Geburtstags von Jakob Wassermann am 10. März 1933 in der „Neuen Rundschau“. Zitator … Für seinesgleichen setzt das Leben sich in Bewegung, um wunderbare Verwicklungen hervorzubringen. Der Roman behauptet bei ihm seinen volkstümlichen Sinn, Spannung, Geheimnis, Enthüllung, großer Aufbau, die Befriedigung durch deutliche Handlungen… Sprecherin Auch die Freunde und Kollegen Thomas Mann, Stefan Zweig, Hermann Hesse und Alfred Döblin gratulierten dort feierlich. Zitator … - und in dem allen schlägt fortwährend ein Herz, wacht immer ein menschlich bemühter Geist und offenbart sich ein herrlicher Dichter. Sprecherin Nur zwei Monate später wurden die Bücher Jakob Wassermanns, und die der meisten Glückwünschenden, von den Nationalsozialisten auf öffentlichen Scheiterhaufen verbrannt. Doch während viele der damals verfemten und verfolgten Autoren heute immer noch gelesen werden, ist das Werk Jakob Wassermanns trotz einiger Wiederbelebungsversuche kaum noch präsent. Dabei war Wassermann im ausgehenden Kaiserreich und in der Weimarer Republik einer der meistgelesenen, deutschsprachigen Erzähler. Ein internationaler Bestsellerautor, der unterhaltsam schrieb, ohne ein Unterhaltungsschriftsteller zu sein. Mit dem Schlachtruf "Der neue Wassermann ist eingetroffen!" stürzten die Leser damals in die Buchhandlungen und schnappten sich den neusten Roman des fränkischen Autors gegenseitig aus den Händen, versicherte ein Rezensent 1931. Sein Freund Thomas Mann bezeichnete ihn sogar als „Weltstar des Romans“. Wer war dieser Autor, der sich in die Herzen seiner Leserinnen und Leser schrieb, und der heute nur noch wenigen etwas sagt? MUSIK 2 ( Fiona Brice: And You Know I Care 0‘55) Sprecherin Jakob Wassermann wird am 10. März 1873 in Fürth geboren. Zitator Wassermann Erstickend in ihrer Engigkeit und Öde die gartenlose Stadt, Stadt des Rußes, der tausend Schlöte, des Maschinen- und Hammergestampfes, der Bierwirtschaften, der verbissenen Betriebs- und Erwerbsgier, des Dichtbeieinander kleiner und kleinlicher Leute, der Luft der Armut und Lieblosigkeit im väterlichen Haus. (Jakob Wassermann: Mein Weg als Deutscher und Jude) Sprecherin Wassermann wächst in kleinbürgerlichen, ärmlichen Verhältnissen auf. Sein kühler Vater, ein jüdischer Kurzwarenhändler, hat geschäftlich Pech, so dass die Familie innerhalb Fürths mehrfach die Wohnung wechseln muss. Am längsten lebt der kleine Jakob in der Theaterstraße 17, in der jetzt der ehemalige Fürther Stadtheimatpfleger Alexander Mayer wohnt. Heute ein schmuckes Gründerzeithaus mit renovierter Sandsteinfassade. Damals steht es inmitten rußgeschwärzter Häuser im Herzen der fränkischen Industrie- und Handwerksstadt, so Mayer. O-Ton 1 Alexander Mayer Er hat über Fürth ja meistens sehr negativ geredet. Fürth war die „Stadt der tausend Schlöte“, so wie er es beschrieben hat. In jedem Hinterhof war ein Schlot. Hier war ein Gehämmer und Gestampfe und die Häuser waren schwarz. Das war für ihn nichts als sensiblen Jungen, vor allem auch, weil hier in der Wohnung seine Mutter mit 32 Jahren an Mittelohreiterung tragisch starb. Und er beschreibt auch den Leichenzug rüber zum jüdischen Friedhof, wie also die Goldschläger und Messingschläger vor die Tür treten und den Leichenzug begleitet haben mit Tränen in den Augen. Das beschreibt er in seinem Roman „Engelbert Rathgeber“ und in seiner ersten Novelle „Schläfst du Mutter?“. Sprecherin Der Tod der geliebten Mutter bedeutet für den Neunjährigen das Ende der behüteten Kindheit. Der Vater heiratet schnell wieder, doch Jakobs Stiefmutter benimmt sich ähnlich böse wie die im Märchen. Zitator Wassermann Die zweite Frau meines Vaters war uns Kindern aus erster Ehe nicht wohlgesinnt und ließ uns ihre Abneigung auf jede Weise spüren. Abgesehen von ungerechten und überharten Züchtigungen, steten Klagen, die sie vor dem Vater führte, schränkte sie die Nahrung aufs äußerste ein, versah die Brotlaibe mit Zeichen, so dass sie erkennen konnte, wenn einer von uns sich zu Unrecht ein Stück abgeschnitten hatte, und trug Sorge, dass das Vergehen schwer bestraft wurde. (Jakob Wassermann: Mein Weg als Deutscher und Jude) Sprecherin Der phantasiebegabte Junge erzählt und schreibt gerne Geschichten. Doch statt ihn zu fördern, wird sein Talent mit Gewalt unterdrückt. O-Ton 2 Alexander Mayer Er ging ja um die Ecke in die Schule, in die Königliche Realschule, später Hardenberg-Gymnasium. Da hat er ja sein erstes literarisches Werk in einer Zeitung veröffentlicht. Dafür hat er aber gleich Karzer bekommen, weil das für einen Schüler ungehörig war. Und auch der Vater war, wie Wassermann schreibt, im ersten Moment stolz auf ihn und dann zuckt er und sagt das ist ungehörig. Und ab da gab es nur Ärger. Und er hat immer Angst gehabt, dass eine Stiefmutter ihm seine Manuskripte verbrennt. Angeblich hat er deshalb so klein geschrieben, damit er sie gut verstecken kann überall. MUSIK 3 (Fie Schouten: Press Release 0‘50) Sprecherin Mit 17 Jahren entflieht Jakob Wassermann seiner Heimatstadt Fürth, bricht eine Kaufmannslehre in Wien ab und träumt davon Schriftsteller zu werden. Er erlebt üblen Antisemitismus beim Militärdienst in Würzburg und vagabundiert, verstoßen von der Familie, in Hunger und Armut als Bohemien durch Süddeutschland, bis er schließlich Sekretär des Münchener Autors Ernst von Wolzogen wird. Dem legt er schließlich schüchtern das Manuskript eines Romans zur Begutachtung vor. Zitator Ein echter Dichter sprach daraus. Merken Sie sich den Namen: Jakob Wassermann! Er wird berühmt. Und ist er es, dann denken Sie daran, dass ich es Ihnen heute sagte. Sprecherin Ernst von Wolzogen fördert den Jungautor und stellt ihn seinem Verleger Albert Langen vor, wo 1896 Wassermanns erster, noch unbedeutender Roman „Melusine“ erscheint. Aber Wassermann hat Talent, so der Nürnberger Germanist Gunnar Och. O-Ton 3 Gunnar Och Er ist ein Erzähler von Geblüt. Das sagt auch Thomas Mann. Er ist tatsächlich einer, sagt Thomas Mann, der könnte auf dem Markt sitzen und die Leute würden ihm zuhören. Da liegt sein Talent. Er selber sagt ja, er hätte schon seinen Geschwistern die Ängste vertrieben. Da wäre das Scheherazade-Motiv. Er hat immer aufgehört und am nächsten Tag weitererzählt. Er ist schon einer, der gerne fabuliert. MUSIK 4 ( Gustav Mahler / Chimaera Trio: Ablösung im Sommer 1‘10) Sprecherin Wassermann veröffentlicht Novellen, Theaterstücke und mit „Die Juden von Zirndorf“ einen beeindruckenden zweiten Roman. Wegen einer unglücklichen Liebegeschichte verlässt er München und geht nach Wien. Dort stößt er in die Literatenkreise vor und befreundet sich eng mit Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler. Über die neuen Freunde lernt er Samuel Fischer, den berühmtesten und erfolgreichsten Verleger der damaligen Zeit kennen. Natürlich hat Wassermann ein fertiges Manuskript dabei, wie sich die Verlegergattin Hedwig Fischer erinnert. Zitatorin Der dunkle Jüngling, der aussah wie ein Savoyardenknabe, war ein Franke aus Fürth. Seine früh verstorbene Mutter muss eine besondere Schönheit gewesen sein, und sicher hatte Wassermann seine funkelnden schwarzen Augen und sein zigeunerhaftes Wesen von ihr. Das Buch gefiel uns so gut wie sein Autor, mein Mann nahm das Werk an, und das bedeutete bei ihm immer die Gesamtveröffentlichung des Verfassers. Jakob Wassermann wurde einer unserer erfolgreichsten Schriftsteller. Sprecherin Dieser erste Roman bei S. Fischer „Die Geschichte der jungen Renate Fuchs“ erscheint 1901 und wird ein schöner Verkaufserfolg. Endlich geht es für den ewig klammen Autor auch finanziell bergauf, was mehr noch an der stattlichen Mitgift liegt, die Fabrikantentochter Julie Speyer mit in die Ehe bringt. Doch mit Geld umgehen können beide nicht. Sie leben über ihre Verhältnisse und werfen sich gegenseitig Verschwendung vor, so der Literaturwissenschaftler Dierk Rodewald, der seit Jahren an einer kommentierten Edition der Tagebücher Wassermanns arbeitet. O-Ton 4 Dierk Rodewald Wenn Wassermann wandern ging, was er sehr gerne tat, weil er dann die Romane, wie er immer wieder betonte, träumte, dann bemisst sie das Reisegeld. Und er muss dann Rechenschaft ablegen, dass er die teure Fahrkarte genommen hat. Nein, schreibt er, er habe die billige Fahrkarte genommen. Und dass er ganz karg lebt. Also sie hält ihn kurz. Sie ist der Finanzminister. Sprecherin Es ist keine einfache Ehe mit der fordernden und kontrollwütigen Julie. Doch ist sie nicht ohne Grund misstrauisch. Der sensible Autor mit dem melancholischen Blick wird von Leserinnen umschwärmt. O-Ton 5 Dierk Rodewald Er verliebte sich dauernd. Und die Frauen verliebten sich in ihn. Und die sind auch alle irgendwie in einem Roman vorgekommen. Er hatte ziemlich viele Beziehungen zu Frauen nebenher neben der Ehe. Dass hat seine Ehefrau Julie aber gefördert, damit er bei ihr bleibe. Sie hat damit sogar angegeben hin und wieder. Gegenüber Schnitzler hat sie mal gesagt: Und er hat jetzt sogar eine Gräfin. Sprecherin Doch nicht die Frauen, sondern das Schreiben hat für Wassermann höchste Priorität. Mit einem Bein im 19. Jahrhundert stehend, aber die literarische Moderne begierig aufsaugend, sucht er seinen Erzählton. Zitator Wassermann Kunst machen heißt: verzehrt werden. All mein Geschaffenes der letzten Jahre müsste verbrannt werden, - doch wer kann auf den Berg kommen, ohne von unten angefangen zu haben! Ich will erschüttert sein und Andere erschüttern! MUSIK 5 (Django Reinhardt Trio: I’ll See You In My Dreams 1‘15) Sprecherin Literarisch ambitionierte Romane wie „Der Moloch“ oder „Alexander in Babylon“ floppen beim Publikum und Wassermann sorgt sich nicht zu Unrecht um seine Finanzen. Doch dann findet er in seiner fränkischen Heimat den Stoff zu einem neuen Erfolgsroman. Er recherchiert über das wohl berühmteste Findelkind Europas und schreibt 1908 mit „Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens“ einen echten Longseller. Spätestens mit dem Nürnberger Künstlerroman „Das Gänsemännchen“ von 1915 kommt die Wassermannsche Bestsellerproduktion dann so richtig in Fahrt. Dabei hilft ihm auch, dass er zu seiner eigenen großen Enttäuschung wehruntauglich ist. Die Jahre des Ersten Weltkriegs erlebt er nicht an der Front. Stattdessen publiziert Wassermann unermüdlich im Jahrestakt und schreibt einen gut verkauften Roman nach dem anderen: „Christian Wahnschaffe“, „Faber oder die verlorenen Jahre“, „Laudin und die Seinen“ bis hin zum größten seiner Erfolge „Der Fall Maurizius“ im Jahr 1928. Bücher, die auch heute noch zur Lektüre taugen, so Dierk Rodewald. O-Ton 6 Dierk Rodewald Weil er gut erzählen kann. Es ist so interessant, wenn ein Roman von Wassermann anfängt, dann fängt der mit etwas scheinbar ganz Nebensächlichem an, das aber direkt in die Mitte des Problems führt. Das ist technisch großartig gemacht. Und außerdem, das ist ja ein billiges Vergnügen von mir, sind die Sachen spannend. Und dann hat mich immer interessiert, dass er schriftstellerisch und stilistisch so wandelbar war. Der hat nicht einen eigenen Ton entwickelt. Er hat mit jedem neuen Buch eine neue Erzählform gefunden. Sprecherin Mit dem großen Erfolg kommt der Neid der Kollegen. Auch die Freunde sind nicht ganz frei davon. Selbst Thomas Mann schielte mitunter neidisch auf Wassermanns hohe Auflagen und witterte Konkurrenz, weiß der Germanist Gunnar Och. O-Ton 7 Gunnar Och Als der „Christian Wahnschaffe“ entstanden war, ist das ganz spannend in den Thomas Mann‘schen Tagebüchern nachzulesen. Thomas Mann arbeitet am Zauberberg und sieht dann den „Christian Wahnschaffe“ erscheinen und hat wirklich Angst, dass ihm jetzt das Wasser abgegraben wird. Das kommt einem völlig absurd vor, weil „Wahnschaffe“ kein guter Roman ist. Aber es sind verwandte Bestrebungen erkennbar. Und auf den ersten Seiten ist Thomas Mann ganz betroffen. Dann liest er weiter und steigert er sich rein: das taugt nichts. Am Schluss sagt er: was für ein Mist. Aber am Anfang ist die Angst groß, dass ihm da einer die Show stiehlt. MUSIK 6 (Fiona Brice: Retreat 1‘10) Sprecherin Die Literatenfreunde nehmen den sozialen Aufsteiger aus der bayerischen Provinz nicht immer ganz für voll. Man mokiert sich über seine fränkische Aussprache, die Seitensprünge und Ehekräche, das ständige Notizenmachen auf der Suche nach neuen Erzählstoffen, die ewigen Geldsorgen. Im Grunde genommen bleibt Wassermann ein Außenseiter. Auch unterschwelliger Antisemitismus spielt da womöglich eine Rolle. Wassermann hat sensible Antennen dafür. In seinem autobiographischen Essay „Mein Weg als Deutscher und Jude“, seinem heute vielleicht wichtigsten Buch, beschreibt er schon Anfang der 20er Jahre sehr hellsichtig den täglichen Judenhass und die Unmöglichkeit trotz aller Integrationsanstrengungen als Deutscher akzeptiert zu werden. Zitator Wassermann Am Rand der Gesellschaft stehend, haarbreit neben dem Abgrund, galt ihr meine Sehnsucht. Das Verlangen, von ihr aufgenommen und anerkannt zu werden, als Gleicher unter Gleichen, überwog jedes andere. Sprecherin „Mein Weg als Deutscher und Jude“ ist ein ergreifendes Zeitdokument. Eine Anklage an die Gesellschaft und bekenntnishaft, weil der Autor sich selbst nicht schont. O-Ton 8 Gunnar Och Was ihn immer interessiert hat, ist die Psychologie des Antisemitismus, vor allem in der Rückwirkung auf Juden. Und dieses Thema schildert er an der eigenen Person. Wie es ihn etwa gekränkt hat als er in Würzburg beim Militär mit dem Antisemitismus der einfachen Leute in Kontakt gekommen ist. Oder im literarisch-kulturellen Bereich mit dem Antisemitismus der Literaturkritik konfrontiert wurde. Und dann hinterfragt er, was das für die eigene Psyche und Identität bedeutet. Und da fällt der schöne Ausdruck, das alles sind „Engramme des Leidens“. Dadurch ist buchstäblich etwas in den Körper eingeschrieben und er sieht da auch eine seelische Verkrüppelung. Zitator Wassermann Es ist vergeblich, das Volk der Dichter und Denker im Namen seiner Dichter und Denker zu beschwören, Jedes Vorurteil, das man abgetan glaubt, bringt, wie Aas die Würmer, tausend neue zutage. Es ist vergeblich, in das tobsüchtige Geschrei Worte der Vernunft zu werfen. Sie sagen: was, er wagt es aufzumucken? Stopft ihm das Maul. Es ist vergeblich, unter ihnen zu gehen und ihnen die Hand zu bieten. Sie sagen: was nimmt er sich heraus mit seiner jüdischen Aufdringlichkeit? Es ist vergeblich, das Gift zu entgiften. Sie brauen frisches. Es ist vergeblich für sie zu leben und für sie zu sterben. Sie sagen: er ist ein Jude. Sprecherin Thomas Mann findet diesen Klageschrei seines Freundes aus dem Jahr 1921 übersensibel und hypochondrisch und hält den Antisemitismus für ein schwaches Pflänzchen ohne tiefe Verwurzelung. Ein Irrtum, den er zwölf Jahre später, als die Nationalsozialisten die Macht ergreifen, beschämt eingesteht. „Mein Weg als Deutscher und Jude“ ist noch heute, hundert Jahre später, von einiger Aktualität. MUSIK 7 (Philip Glass: The Cockney Brothers 1‘10) Sprecherin Jakob Wassermann ist Ende der 20er Jahre auf dem Höhepunkt seines Ruhms, geht auf ausverkaufte Vortragsreisen nach Schweden, Holland und in die USA, doch innerlich fühlt er sich müde und verbraucht. Julie, von der er sich nach langen Jahren des zermürbenden Rosenkriegs endlich hat scheiden lassen, überzieht ihn auch danach mit überhöhten Geldforderungen und einer Flut von gerichtlichen Klagen. Sie akzeptiert Wassermanns zweite Ehe mit der Autorin Marta Karlweis nicht und verschleißt über 20 Rechtanwälte, die ihr Exmann ironischerweise auch noch zahlen muss. Trotz hoher Einkünfte bricht Wassermann unter der Last, die eigene Villa in Aussee und die seiner Exfrau Julie in Wien zu finanzieren, fast zusammen. Zitator Wassermann Marta will unser Leben auf eine schmalere Basis stellen. Aber wie? Leute entlassen, die dann brotlos werden? Sie spricht sogar vom Verkauf des Hauses. Unvorstellbarer Gedanke. Sprecherin Wassermann reibt sich auf vor lauter Schreibarbeit, um Geld ranzuschaffen. Seine Gesundheit ist zerrüttet, er hat Diabetes, ein Nieren- und ein Herzleiden und benötigt kostspielige Krankenhaus- und Kuraufenthalte. Dazu kommt die zunehmende Vereinsamung. Nacheinander sterben die Freunde, zuerst sein Lektor Moritz Heimann, dann Hugo von Hofmannsthal, schließlich Arthur Schnitzler. Und die politische Lage verdüstert sich zusehends. Der Aufstieg der Nationalsozialisten scheint unaufhaltsam. MUSIK 8 (Owen Devlin: Transcendence 1’00) Als Hitler am 30. Januar 1933 Reichskanzler wird, und Deutschland binnen Monaten in eine Diktatur verwandelt, wird es finster für den Autor. Doch sein Verleger beschwichtigt Wassermann, obwohl der Absatz seiner Bücher drastisch zurückgeht und eine Lesereise durch Deutschland abgesagt wird. Zitator Wassermann Deine Mahnung, ich soll Ruhe bewahren, kommt mir so vor, wie wenn Du jemand, dessen Haus in Brand steht, zurufen würdest, er solle sich zunächst ins Bett legen und abwarten. Du schreibst, Du teilst nicht meine Besorgnis, dass durch neue Gesetze und dergleichen eine Beeinträchtigung der Vertragserfüllung erfolgen könnte. Ich wiederum kann hierin Deinen Optimismus nicht teilen. Sprecherin Natürlich hat Wassermann recht. Als jüdischer Autor werden seine Bücher in Deutschland verboten, aus den öffentlichen Bibliotheken entfernt und verbrannt. Ende November 1933 lässt S. Fischer seinen einstigen Bestsellerautor dann sang und klanglos fallen. Die Einkünfte versiegen, während gleichzeitig Exehefrau Julie die Wassermannsche Villa pfänden lassen will. Ausgelaugt und zutiefst deprimiert stirbt Jakob Wassermann in der Nacht zum 1. Januar 1934 an einem Herzanfall. MUSIK 9 (Ryuichi Sakamoto: disintegration 0’55) Zitator Wassermanns Tod ist ein Schreck und eine Trauer. Merkwürdigerweise ist das Erschreckende diesmal gerade, dass man es so deutlich kommen sah und so grausam voraussagte, er machte die letzten Male ja einen betrüblichen Eindruck. Schauerlich ist der sogenannte Lebensabend, den dieser Mann hatte, der sich mit seinem enormen Ehrgeiz sehr hoch heraufgearbeitet hatte, um schließlich wieder auf die gemeinste Art zu stürzen und wieder ganz arm zu sein – durch die Schuld einer verrückten Frau und eines verrückten Diktators. Sprecherin Das schreibt Klaus Mann dem Kollegen Hermann Kesten. Beide Schriftsteller waren da schon im Exil. Wenigstens das bleibt Jakob Wassermann durch seinen frühen Tod erspart. Den Mord an Millionen deutscher und europäischer Juden muss er nicht mehr erleben. Posthum erscheint 1934 noch der letzte große Roman „Joseph Kerkhovens dritte Existenz“ im Exilverlag Querido in Amsterdam, dann wird es still um Jakob Wassermann. O-Ton 10 Gunnar Och Es gab eine große Ungerechtigkeit nach 1945. Da sind viele andere allmählich wieder aufgetaucht, Feuchtwanger, Zweig, Werfel, Schnitzler und andere. Und das ist zunächst an Wassermann vorbeigegangen. Da hat wohl auch die Familie Anteil. Der Sohn hat die Rechte relativ billig an Buchclubs verramscht. Da gabs dann keine Kontinuität in der Veröffentlichung. Man hat auch nichts mehr aus dem Nachlass publiziert, was auch möglich gewesen wäre. Also, es ist kein Autor der ersten Reihe. Das muss man deutlich sagen. Aber ein sehr respektabler Autor der zweiten Reihe, der mit einzelnen Texten auf jeden Fall nochmal gelesen zu werden verdient. Sprecherin An die Qualität von Schnitzler, Hofmannsthal, Rilke oder Thomas Mann reicht Wassermann nicht heran. Dazu hat sich zu viel Staub auf seiner Prosa abgesetzt. Aber mit Feuchtwanger, Werfel, Zweig oder Heinrich Mann kann er es durchaus aufnehmen. Alle Bemühungen Wassermann ab den 70er Jahren wieder für ein Lesepublikum zugänglich zu machen sind bislang gescheitert. MUSIK 10 (Hannes Hugo: Tramonto 0‘50) Derzeit sind fast alle Bücher nur noch antiquarisch oder als Print-on-Demand in schlechten Druckfassungen erhältlich. Dabei lohnt sich eine Lektüre. „Caspar Hauser“, „Der Fall Maurizius“ und „Mein Weg als Deutscher und Jude“ sollte man unbedingt gelesen haben. Die Bedeutung Wassermanns, so Dierk Rodewald, liegt… O-Ton 11 Dierk Rodewald In der gekonnten Praktizierung der Lust, den Menschen etwas zu erzählen, was nicht ohne humanen Sinn ist. Er wollte schon, dass die Menschen etwas davon haben, wenn sie seine Romane lesen. Also dass es sie bereichert in irgendeiner Weise. Wobei er niemals wollte, dass man ihn als moralischen Autor betrachtet. Das ganz gewiss nicht.

  • Urgetreide - Dinkel, Emmer, Einkorn

    25.02.2025 · 24 Min.

    Dinkel liegt schon länger im Trend, auch Emmer und Einkorn machen Karriere - alle drei sind nahe Verwandte des Weizens. "Urgetreide" sorgt für mehr Vielfalt auf dem Acker und auf dem Tisch. Von Renate Ell (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Renate Ell Regie: Sabine Kienhöfer Es sprach: Christian Schuler Technik: Roland Böhm Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Prof. Dr. Friedrich Longin, Leiter der Arbeits¬gruppe Weizen, Landessaatzuchtanstalt, Universität Hohenheim, Stuttgart Susanne Geisenhofer, Bio-Landwirtin, Reichertshausen an der Ilm Andreas Karl, Backstubenleiter, Bäckerei Breitner, Pfaffenhofen an der Ilm Prof. Dr. Dr. Detlef Schuppan, Direktor des Insti¬tuts für Translationale Immunologie und Leiter der Ambulanz für Zöliakie, Dünndarmerkrankun¬gen und Autoimmunität, Universität Mainz Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Die wundersame Welt der Gräser - Alles Natur! JETZT ENTDECKEN Wie Bayerns Mühlen mahlen - Das älteste Kraftwerk der Menschheit JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Die Blaue Couch - mit Rosina Ostler, Küchenchefin im Restaurant "Alois - Dallmayr Fine Dining " in München JETZT ENTDECKEN Linktipps: Prof. Friedrich Longin hat Backrezepte für Dinkel, Emmer und Einkorn veröffentlicht, kostenlos im Internet. Friedrich Longin, Charlotte Grill: "Mein Brot. Einfach. Gut." HIER Link zur Uni Hohenheim HIER Link zum Institut für Translationale Immunologie HIER Urgetreide in der Weihnachtsbäckerei HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Alle Folgen von Radiowissen