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Jakob Wassermann - Der fast vergessene „Weltstar des Romans“

25.02.2025 · 23 Min.

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Über diese Folge

Mit Romanen wie "Caspar Hauser" oder "Der Fall Mauritius" schuf Jakob Wassermann internationale Bestseller. Der deutsche Erzähler jüdischer Herkunft war einer der populärsten Autoren seiner Zeit. Doch dann verbrannten die Nazis seine Bücher. Von Dirk Kruse (BR 2023)

Credits
Autor dieser Folge: Dirk Kruse
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Annette Wunsch, Heiko Ruprecht, Florian Schwarz, Jenny Güzel
Technik: Fabian Zweck
Redaktion: Thomas Morawetz

Im Interview:

Professor Dr. Gunnar Och (Literaturwissenschaftler, Nürnberg);
Dr. Alexander Mayer (ehemaliger Stadtheimatpfleger, Fürth); 
Dr. Dierk Rodewald (Literaturwissenschaftler, Berlin)

Literaturtipps:

Beatrix Müller-Kampel, „Jakob Wassermann. Eine biographische Collage“ – Der Grundstein für die noch zu schreibende große literaturwissenschaftliche Wassermann-Biographie mit vielen Zitaten aus Wassermanns Umfeld.

Dierk Niefanger, Gunnar Och und Daniela F. Eisenstein, „Jakob Wassermann. Deutscher, Jude, Literat“ – reich bebilderte Sammlung mit Aufsätzen und Essays zu Leben und Werk Wassermanns.

Jakob Wassermann, „Mein Weg als Deutscher und Jude“ – die noch erhältliche Ausgabe im Jüdischen Verlag hat ein kluges Nachwort von Marcel Reich-Ranicki. Wassermann maßgebliches autobiographisches Werk.

Jakob Wassermann, „Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens“ – dieser schöne Roman, der auch historische Quellen auswertet, die aber im Wassermann-Erzählton präsentiert werden, ist noch im Cadolzburger Ars Vivendi Verlag erhältlich mit einem erhellenden Nachwort von Gunnar och lieferbar.

Jakob Wassermann, „Der Fall Maurizius“ – Wassermanns größter Erfolg von 1928. Die Geschichte eines Justizirrtums, die sich spannend wie ein Krimi liest.

Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

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Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

Zitator

Jakob Wassermann ist der Romancier von Geblüt. Hätte es vor ihm den Roman nicht gegeben, er wäre der Mann gewesen, ihn zu erfinden…

Sprecherin

Diese Eloge veröffentlichte Heinrich Mann anlässlich des 60. Geburtstags von Jakob Wassermann am 10. März 1933 in der „Neuen Rundschau“.

Zitator

… Für seinesgleichen setzt das Leben sich in Bewegung, um wunderbare Verwicklungen hervorzubringen. Der Roman behauptet bei ihm seinen volkstümlichen Sinn, Spannung, Geheimnis, Enthüllung, großer Aufbau, die Befriedigung durch deutliche Handlungen…

Sprecherin

Auch die Freunde und Kollegen Thomas Mann, Stefan Zweig, Hermann Hesse und Alfred Döblin gratulierten dort feierlich.

Zitator

… - und in dem allen schlägt fortwährend ein Herz, wacht immer ein menschlich bemühter Geist und offenbart sich ein herrlicher Dichter.

Sprecherin

Nur zwei Monate später wurden die Bücher Jakob Wassermanns, und die der meisten Glückwünschenden, von den Nationalsozialisten auf öffentlichen Scheiterhaufen verbrannt. Doch während viele der damals verfemten und verfolgten Autoren heute immer noch gelesen werden, ist das Werk Jakob Wassermanns trotz einiger Wiederbelebungsversuche kaum noch präsent. Dabei war Wassermann im ausgehenden Kaiserreich und in der Weimarer Republik einer der meistgelesenen, deutschsprachigen Erzähler. Ein internationaler Bestsellerautor, der unterhaltsam schrieb, ohne ein Unterhaltungsschriftsteller zu sein. Mit dem Schlachtruf "Der neue Wassermann ist eingetroffen!" stürzten die Leser damals in die Buchhandlungen und schnappten sich den neusten Roman des fränkischen Autors gegenseitig aus den Händen, versicherte ein Rezensent 1931. Sein Freund Thomas Mann bezeichnete ihn sogar als „Weltstar des Romans“. 

Wer war dieser Autor, der sich in die Herzen seiner Leserinnen und Leser schrieb, und der heute nur noch wenigen etwas sagt?

MUSIK 2 ( Fiona Brice: And You Know I Care 0‘55)

Sprecherin

Jakob Wassermann wird am 10. März 1873 in Fürth geboren.

Zitator Wassermann

Erstickend in ihrer Engigkeit und Öde die gartenlose Stadt, Stadt des Rußes, der tausend Schlöte, des Maschinen- und Hammergestampfes, der Bierwirtschaften, der verbissenen Betriebs- und Erwerbsgier, des Dichtbeieinander kleiner und kleinlicher Leute, der Luft der Armut und Lieblosigkeit im väterlichen Haus. 

(Jakob Wassermann: Mein Weg als Deutscher und Jude)

Sprecherin

Wassermann wächst in kleinbürgerlichen, ärmlichen Verhältnissen auf. Sein kühler Vater, ein jüdischer Kurzwarenhändler, hat geschäftlich Pech, so dass die Familie innerhalb Fürths mehrfach die Wohnung wechseln muss. Am längsten lebt der kleine Jakob in der Theaterstraße 17, in der jetzt der ehemalige Fürther Stadtheimatpfleger Alexander Mayer wohnt. Heute ein schmuckes Gründerzeithaus mit renovierter Sandsteinfassade. Damals steht es inmitten rußgeschwärzter Häuser im Herzen der fränkischen Industrie- und Handwerksstadt, so Mayer.

O-Ton 1 Alexander Mayer

Er hat über Fürth ja meistens sehr negativ geredet. Fürth war die „Stadt der tausend Schlöte“, so wie er es beschrieben hat. In jedem Hinterhof war ein Schlot. Hier war ein Gehämmer und Gestampfe und die Häuser waren schwarz. Das war für ihn nichts als sensiblen Jungen, vor allem auch, weil hier in der Wohnung seine Mutter mit 32 Jahren an Mittelohreiterung tragisch starb. Und er beschreibt auch den Leichenzug rüber zum jüdischen Friedhof, wie also die Goldschläger und Messingschläger vor die Tür treten und den Leichenzug begleitet haben mit Tränen in den Augen. Das beschreibt er in seinem Roman „Engelbert Rathgeber“ und in seiner ersten Novelle „Schläfst du Mutter?“.

Sprecherin

Der Tod der geliebten Mutter bedeutet für den Neunjährigen das Ende der behüteten Kindheit. Der Vater heiratet schnell wieder, doch Jakobs Stiefmutter benimmt sich ähnlich böse wie die im Märchen. 

Zitator Wassermann

Die zweite Frau meines Vaters war uns Kindern aus erster Ehe nicht wohlgesinnt und ließ uns ihre Abneigung auf jede Weise spüren. Abgesehen von ungerechten und überharten Züchtigungen, steten Klagen, die sie vor dem Vater führte, schränkte sie die Nahrung aufs äußerste ein, versah die Brotlaibe mit Zeichen, so dass sie erkennen konnte, wenn einer von uns sich zu Unrecht ein Stück abgeschnitten hatte, und trug Sorge, dass das Vergehen schwer bestraft wurde.

(Jakob Wassermann: Mein Weg als Deutscher und Jude)

Sprecherin

Der phantasiebegabte Junge erzählt und schreibt gerne Geschichten. Doch statt ihn zu fördern, wird sein Talent mit Gewalt unterdrückt.

O-Ton 2 Alexander Mayer

Er ging ja um die Ecke in die Schule, in die Königliche Realschule, später Hardenberg-Gymnasium. Da hat er ja sein erstes literarisches Werk in einer Zeitung veröffentlicht. Dafür hat er aber gleich Karzer bekommen, weil das für einen Schüler ungehörig war. Und auch der Vater war, wie Wassermann schreibt, im ersten Moment stolz auf ihn und dann zuckt er und sagt das ist ungehörig. Und ab da gab es nur Ärger. Und er hat immer Angst gehabt, dass eine Stiefmutter ihm seine Manuskripte verbrennt. Angeblich hat er deshalb so klein geschrieben, damit er sie gut verstecken kann überall.

MUSIK 3 (Fie Schouten: Press Release 0‘50)

Sprecherin

Mit 17 Jahren entflieht Jakob Wassermann seiner Heimatstadt Fürth, bricht eine Kaufmannslehre in Wien ab und träumt davon Schriftsteller zu werden. Er erlebt üblen Antisemitismus beim Militärdienst in Würzburg und vagabundiert, verstoßen von der Familie, in Hunger und Armut als Bohemien durch Süddeutschland, bis er schließlich Sekretär des Münchener Autors Ernst von Wolzogen wird. Dem legt er schließlich schüchtern das Manuskript eines Romans zur Begutachtung vor.

Zitator

Ein echter Dichter sprach daraus. Merken Sie sich den Namen: Jakob Wassermann! Er wird berühmt. Und ist er es, dann denken Sie daran, dass ich es Ihnen heute sagte.

Sprecherin

Ernst von Wolzogen fördert den Jungautor und stellt ihn seinem Verleger Albert Langen vor, wo 1896 Wassermanns erster, noch unbedeutender Roman „Melusine“ erscheint. Aber Wassermann hat Talent, so der Nürnberger Germanist Gunnar Och.

O-Ton 3 Gunnar Och

Er ist ein Erzähler von Geblüt. Das sagt auch Thomas Mann. Er ist tatsächlich einer, sagt Thomas Mann, der könnte auf dem Markt sitzen und die Leute würden ihm zuhören. Da liegt sein Talent. Er selber sagt ja, er hätte schon seinen Geschwistern die Ängste vertrieben. Da wäre das Scheherazade-Motiv. Er hat immer aufgehört und am nächsten Tag weitererzählt. Er ist schon einer, der gerne fabuliert. 

MUSIK 4 ( Gustav Mahler / Chimaera Trio: Ablösung im Sommer 1‘10)

Sprecherin

Wassermann veröffentlicht Novellen, Theaterstücke und mit „Die Juden von Zirndorf“ einen beeindruckenden zweiten Roman. Wegen einer unglücklichen Liebegeschichte verlässt er München und geht nach Wien. Dort stößt er in die Literatenkreise vor und befreundet sich eng mit Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler. Über die neuen Freunde lernt er Samuel Fischer, den berühmtesten und erfolgreichsten Verleger der damaligen Zeit kennen. Natürlich hat Wassermann ein fertiges Manuskript dabei, wie sich die Verlegergattin Hedwig Fischer erinnert.

Zitatorin

Der dunkle Jüngling, der aussah wie ein Savoyardenknabe, war ein Franke aus Fürth. Seine früh verstorbene Mutter muss eine besondere Schönheit gewesen sein, und sicher hatte Wassermann seine funkelnden schwarzen Augen und sein zigeunerhaftes Wesen von ihr. Das Buch gefiel uns so gut wie sein Autor, mein Mann nahm das Werk an, und das bedeutete bei ihm immer die Gesamtveröffentlichung des Verfassers. Jakob Wassermann wurde einer unserer erfolgreichsten Schriftsteller.

Sprecherin

Dieser erste Roman bei S. Fischer „Die Geschichte der jungen Renate Fuchs“ erscheint 1901 und wird ein schöner Verkaufserfolg. Endlich geht es für den ewig klammen Autor auch finanziell bergauf, was mehr noch an der stattlichen Mitgift liegt, die Fabrikantentochter Julie Speyer mit in die Ehe bringt. Doch mit Geld umgehen können beide nicht. Sie leben über ihre Verhältnisse und werfen sich gegenseitig Verschwendung vor, so der Literaturwissenschaftler Dierk Rodewald, der seit Jahren an einer kommentierten Edition der Tagebücher Wassermanns arbeitet.

O-Ton 4 Dierk Rodewald

Wenn Wassermann wandern ging, was er sehr gerne tat, weil er dann die Romane, wie er immer wieder betonte, träumte, dann bemisst sie das Reisegeld. Und er muss dann Rechenschaft ablegen, dass er die teure Fahrkarte genommen hat. Nein, schreibt er, er habe die billige Fahrkarte genommen. Und dass er ganz karg lebt. Also sie hält ihn kurz. Sie ist der Finanzminister.

Sprecherin

Es ist keine einfache Ehe mit der fordernden und kontrollwütigen Julie. Doch ist sie nicht ohne Grund misstrauisch. Der sensible Autor mit dem melancholischen Blick wird von Leserinnen umschwärmt.

O-Ton 5 Dierk Rodewald

Er verliebte sich dauernd. Und die Frauen verliebten sich in ihn. Und die sind auch alle irgendwie in einem Roman vorgekommen. Er hatte ziemlich viele Beziehungen zu Frauen nebenher neben der Ehe. Dass hat seine Ehefrau Julie aber gefördert, damit er bei ihr bleibe. Sie hat damit sogar angegeben hin und wieder. Gegenüber Schnitzler hat sie mal gesagt: Und er hat jetzt sogar eine Gräfin.

Sprecherin

Doch nicht die Frauen, sondern das Schreiben hat für Wassermann höchste Priorität. Mit einem Bein im 19. Jahrhundert stehend, aber die literarische Moderne begierig aufsaugend, sucht er seinen Erzählton. 

Zitator Wassermann

Kunst machen heißt: verzehrt werden. All mein Geschaffenes der letzten Jahre müsste verbrannt werden, - doch wer kann auf den Berg kommen, ohne von unten angefangen zu haben! Ich will erschüttert sein und Andere erschüttern!

MUSIK 5 (Django Reinhardt Trio: I’ll See You In My Dreams 1‘15)

Sprecherin

Literarisch ambitionierte Romane wie „Der Moloch“ oder „Alexander in Babylon“ floppen beim Publikum und Wassermann sorgt sich nicht zu Unrecht um seine Finanzen. Doch dann findet er in seiner fränkischen Heimat den Stoff zu einem neuen Erfolgsroman. Er recherchiert über das wohl berühmteste Findelkind Europas und schreibt 1908 mit „Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens“ einen echten Longseller. Spätestens mit dem Nürnberger Künstlerroman „Das Gänsemännchen“ von 1915 kommt die Wassermannsche Bestsellerproduktion dann so richtig in Fahrt. Dabei hilft ihm auch, dass er zu seiner eigenen großen Enttäuschung wehruntauglich ist. Die Jahre des Ersten Weltkriegs erlebt er nicht an der Front. Stattdessen publiziert Wassermann unermüdlich im Jahrestakt und schreibt einen gut verkauften Roman nach dem anderen: „Christian Wahnschaffe“, „Faber oder die verlorenen Jahre“, „Laudin und die Seinen“ bis hin zum größten seiner Erfolge „Der Fall Maurizius“ im Jahr 1928. Bücher, die auch heute noch zur Lektüre taugen, so Dierk Rodewald.

O-Ton 6 Dierk Rodewald

Weil er gut erzählen kann. Es ist so interessant, wenn ein Roman von Wassermann anfängt, dann fängt der mit etwas scheinbar ganz Nebensächlichem an, das aber direkt in die Mitte des Problems führt. Das ist technisch großartig gemacht. Und außerdem, das ist ja ein billiges Vergnügen von mir, sind die Sachen spannend. Und dann hat mich immer interessiert, dass er schriftstellerisch und stilistisch so wandelbar war. Der hat nicht einen eigenen Ton entwickelt. Er hat mit jedem neuen Buch eine neue Erzählform gefunden.

Sprecherin

Mit dem großen Erfolg kommt der Neid der Kollegen. Auch die Freunde sind nicht ganz frei davon. Selbst Thomas Mann schielte mitunter neidisch auf Wassermanns hohe Auflagen und witterte Konkurrenz, weiß der Germanist Gunnar Och.

O-Ton 7 Gunnar Och

Als der „Christian Wahnschaffe“ entstanden war, ist das ganz spannend in den Thomas Mann‘schen Tagebüchern nachzulesen. Thomas Mann arbeitet am Zauberberg und sieht dann den „Christian Wahnschaffe“ erscheinen und hat wirklich Angst, dass ihm jetzt das Wasser abgegraben wird. Das kommt einem völlig absurd vor, weil „Wahnschaffe“ kein guter Roman ist. Aber es sind verwandte Bestrebungen erkennbar. Und auf den ersten Seiten ist Thomas Mann ganz betroffen. Dann liest er weiter und steigert er sich rein: das taugt nichts. Am Schluss sagt er: was für ein Mist. Aber am Anfang ist die Angst groß, dass ihm da einer die Show stiehlt.

MUSIK 6 (Fiona Brice: Retreat 1‘10)

Sprecherin

Die Literatenfreunde nehmen den sozialen Aufsteiger aus der bayerischen Provinz nicht immer ganz für voll. Man mokiert sich über seine fränkische Aussprache, die Seitensprünge und Ehekräche, das ständige Notizenmachen auf der Suche nach neuen Erzählstoffen, die ewigen Geldsorgen. Im Grunde genommen bleibt Wassermann ein Außenseiter. Auch unterschwelliger Antisemitismus spielt da womöglich eine Rolle. Wassermann hat sensible Antennen dafür. In seinem autobiographischen Essay „Mein Weg als Deutscher und Jude“, seinem heute vielleicht wichtigsten Buch, beschreibt er schon Anfang der 20er Jahre sehr hellsichtig den täglichen Judenhass und die Unmöglichkeit trotz aller Integrationsanstrengungen als Deutscher akzeptiert zu werden.

Zitator Wassermann

Am Rand der Gesellschaft stehend, haarbreit neben dem Abgrund, galt ihr meine Sehnsucht. Das Verlangen, von ihr aufgenommen und anerkannt zu werden, als Gleicher unter Gleichen, überwog jedes andere.

Sprecherin

„Mein Weg als Deutscher und Jude“ ist ein ergreifendes Zeitdokument. Eine Anklage an die Gesellschaft und bekenntnishaft, weil der Autor sich selbst nicht schont.

O-Ton 8 Gunnar Och

Was ihn immer interessiert hat, ist die Psychologie des Antisemitismus, vor allem in der Rückwirkung auf Juden. Und dieses Thema schildert er an der eigenen Person. Wie es ihn etwa gekränkt hat als er in Würzburg beim Militär mit dem Antisemitismus der einfachen Leute in Kontakt gekommen ist. Oder im literarisch-kulturellen Bereich mit dem Antisemitismus der Literaturkritik konfrontiert wurde. Und dann hinterfragt er, was das für die eigene Psyche und Identität bedeutet. Und da fällt der schöne Ausdruck, das alles sind „Engramme des Leidens“. Dadurch ist buchstäblich etwas in den Körper eingeschrieben und er sieht da auch eine seelische Verkrüppelung.

Zitator Wassermann

Es ist vergeblich, das Volk der Dichter und Denker im Namen seiner Dichter und Denker zu beschwören, Jedes Vorurteil, das man abgetan glaubt, bringt, wie Aas die Würmer, tausend neue zutage.

Es ist vergeblich, in das tobsüchtige Geschrei Worte der Vernunft zu werfen. Sie sagen: was, er wagt es aufzumucken? Stopft ihm das Maul.

Es ist vergeblich, unter ihnen zu gehen und ihnen die Hand zu bieten. Sie sagen: was nimmt er sich heraus mit seiner jüdischen Aufdringlichkeit?

Es ist vergeblich, das Gift zu entgiften. Sie brauen frisches.

Es ist vergeblich für sie zu leben und für sie zu sterben. Sie sagen: er ist ein Jude.

Sprecherin

Thomas Mann findet diesen Klageschrei seines Freundes aus dem Jahr 1921 übersensibel und hypochondrisch und hält den Antisemitismus für ein schwaches Pflänzchen ohne tiefe Verwurzelung. Ein Irrtum, den er zwölf Jahre später, als die Nationalsozialisten die Macht ergreifen, beschämt eingesteht. „Mein Weg als Deutscher und Jude“ ist noch heute, hundert Jahre später, von einiger Aktualität. 

MUSIK 7 (Philip Glass: The Cockney Brothers 1‘10)

Sprecherin

Jakob Wassermann ist Ende der 20er Jahre auf dem Höhepunkt seines Ruhms, geht auf ausverkaufte Vortragsreisen nach Schweden, Holland und in die USA, doch innerlich fühlt er sich müde und verbraucht. Julie, von der er sich nach langen Jahren des zermürbenden Rosenkriegs endlich hat scheiden lassen, überzieht ihn auch danach mit überhöhten Geldforderungen und einer Flut von gerichtlichen Klagen. Sie akzeptiert Wassermanns zweite Ehe mit der Autorin Marta Karlweis nicht und verschleißt über 20 Rechtanwälte, die ihr Exmann ironischerweise auch noch zahlen muss. Trotz hoher Einkünfte bricht Wassermann unter der Last, die eigene Villa in Aussee und die seiner Exfrau Julie in Wien zu finanzieren, fast zusammen.

Zitator Wassermann

Marta will unser Leben auf eine schmalere Basis stellen. Aber wie? Leute entlassen, die dann brotlos werden? Sie spricht sogar vom Verkauf des Hauses. Unvorstellbarer Gedanke.

Sprecherin

Wassermann reibt sich auf vor lauter Schreibarbeit, um Geld ranzuschaffen. Seine Gesundheit ist zerrüttet, er hat Diabetes, ein Nieren- und ein Herzleiden und benötigt kostspielige Krankenhaus- und Kuraufenthalte. Dazu kommt die zunehmende Vereinsamung. Nacheinander sterben die Freunde, zuerst sein Lektor Moritz Heimann, dann Hugo von Hofmannsthal, schließlich Arthur Schnitzler. Und die politische Lage verdüstert sich zusehends. Der Aufstieg der Nationalsozialisten scheint unaufhaltsam. 

MUSIK 8 (Owen Devlin: Transcendence 1’00)

Als Hitler am 30. Januar 1933 Reichskanzler wird, und Deutschland binnen Monaten in eine Diktatur verwandelt, wird es finster für den Autor. Doch sein Verleger beschwichtigt Wassermann, obwohl der Absatz seiner Bücher drastisch zurückgeht und eine Lesereise durch Deutschland abgesagt wird.

Zitator Wassermann

Deine Mahnung, ich soll Ruhe bewahren, kommt mir so vor, wie wenn Du jemand, dessen Haus in Brand steht, zurufen würdest, er solle sich zunächst ins Bett legen und abwarten. Du schreibst, Du teilst nicht meine Besorgnis, dass durch neue Gesetze und dergleichen eine Beeinträchtigung der Vertragserfüllung erfolgen könnte. Ich wiederum kann hierin Deinen Optimismus nicht teilen.

Sprecherin

Natürlich hat Wassermann recht. Als jüdischer Autor werden seine Bücher in Deutschland verboten, aus den öffentlichen Bibliotheken entfernt und verbrannt. Ende November 1933 lässt S. Fischer seinen einstigen Bestsellerautor dann sang und klanglos fallen. Die Einkünfte versiegen, während gleichzeitig Exehefrau Julie die Wassermannsche Villa pfänden lassen will. Ausgelaugt und zutiefst deprimiert stirbt Jakob Wassermann in der Nacht zum 1. Januar 1934 an einem Herzanfall. 

MUSIK 9 (Ryuichi Sakamoto: disintegration 0’55)

Zitator

Wassermanns Tod ist ein Schreck und eine Trauer. Merkwürdigerweise ist das Erschreckende diesmal gerade, dass man es so deutlich kommen sah und so grausam voraussagte, er machte die letzten Male ja einen betrüblichen Eindruck. Schauerlich ist der sogenannte Lebensabend, den dieser Mann hatte, der sich mit seinem enormen Ehrgeiz sehr hoch heraufgearbeitet hatte, um schließlich wieder auf die gemeinste Art zu stürzen und wieder ganz arm zu sein – durch die Schuld einer verrückten Frau und eines verrückten Diktators.

Sprecherin

Das schreibt Klaus Mann dem Kollegen Hermann Kesten. Beide Schriftsteller waren da schon im Exil. Wenigstens das bleibt Jakob Wassermann durch seinen frühen Tod erspart. Den Mord an Millionen deutscher und europäischer Juden muss er nicht mehr erleben. Posthum erscheint 1934 noch der letzte große Roman „Joseph Kerkhovens dritte Existenz“ im Exilverlag Querido in Amsterdam, dann wird es still um Jakob Wassermann.

O-Ton 10 Gunnar Och

Es gab eine große Ungerechtigkeit nach 1945. Da sind viele andere allmählich wieder aufgetaucht, Feuchtwanger, Zweig, Werfel, Schnitzler und andere. Und das ist zunächst an Wassermann vorbeigegangen. Da hat wohl auch die Familie Anteil. Der Sohn hat die Rechte relativ billig an Buchclubs verramscht. Da gabs dann keine Kontinuität in der Veröffentlichung. Man hat auch nichts mehr aus dem Nachlass publiziert, was auch möglich gewesen wäre. Also, es ist kein Autor der ersten Reihe. Das muss man deutlich sagen. Aber ein sehr respektabler Autor der zweiten Reihe, der mit einzelnen Texten auf jeden Fall nochmal gelesen zu werden verdient. 

Sprecherin

An die Qualität von Schnitzler, Hofmannsthal, Rilke oder Thomas Mann reicht Wassermann nicht heran. Dazu hat sich zu viel Staub auf seiner Prosa abgesetzt. Aber mit Feuchtwanger, Werfel, Zweig oder Heinrich Mann kann er es durchaus aufnehmen. Alle Bemühungen Wassermann ab den 70er Jahren wieder für ein Lesepublikum zugänglich zu machen sind bislang gescheitert. 

MUSIK 10 (Hannes Hugo: Tramonto 0‘50)

Derzeit sind fast alle Bücher nur noch antiquarisch oder als Print-on-Demand in schlechten Druckfassungen erhältlich. Dabei lohnt sich eine Lektüre. „Caspar Hauser“, „Der Fall Maurizius“ und „Mein Weg als Deutscher und Jude“ sollte man unbedingt gelesen haben. Die Bedeutung Wassermanns, so Dierk Rodewald, liegt…

O-Ton 11 Dierk Rodewald

In der gekonnten Praktizierung der Lust, den Menschen etwas zu erzählen, was nicht ohne humanen Sinn ist. Er wollte schon, dass die Menschen etwas davon haben, wenn sie seine Romane lesen. Also dass es sie bereichert in irgendeiner Weise. Wobei er niemals wollte, dass man ihn als moralischen Autor betrachtet. Das ganz gewiss nicht. 

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Friedrich Schiller, „Über Anmut und Würde“, in: „Über das Schöne und die Kunst. Schriften zur Ästhetik“, dtv/Carl Hanser Verlag 1975/1984, S. 44-93. Lisa Katharin Schmalzried, „Menschliche Schönheit“, mentis Verlag (Herbst 2021). Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1 "Icefloe" - Komponistin und Ausführende: Zoë Keating - Album: Snowmelt - Länge: 0'40 ERZÄHLERIN: Tiefschwarzer Hintergrund, davor – den Blick fest auf den Betrachter gerichtet – eine Frau. Nicht mehr jung, in braungrüner Winterjacke wohl auf einem Hocker sitzend. Ein pinkfarbenes Tuch, im Nacken zusammengebunden, auf dem Kopf, eine Tasche im Schoß, auf der ihre Hände liegen. Hände, die Arbeit gewohnt sind. ERZÄHLER: „Bildnis einer Marktverkäuferin“, Fotografie von Lia Darjes. ERZÄHLERIN: Ein klares, kraftvolles, intensives, ein schönes Bild. Von einem Menschen, den man beim ersten Hinsehen – und nach den gewohnten Maßstäben – vielleicht nicht unbedingt ‚schön‘ nennen würde. ERZÄHLER: Das Porträt gehört zur Serie „Tempora Morte“, die Lia Darjes, Fotografin aus Berlin, zwischen 2014 und 2016 in Kaliningrad aufgenommen hat. Am Straßenrand entdeckte sie dort während einer Künstlerresidenz kleine improvisierte Marktstände, an denen Obst, Gemüse und Blumen aus privaten Gärten verkauft wurde. Es brauchte einige Überzeugungsarbeit und mehrere Reisen, bis Darjes die Tische fotografieren durfte – und irgendwann auch die Menschen dahinter. O-TON 1, LIA DARJES, Projekt Kaliningrad: Das Misstrauen war da, dass ich das arme, verwahrloste Russland zeigen möchte, sozusagen diesen ganz westlichen, wohlhabenden Blick darauf werfen will, was Voyeuristisches. Und dann wurde es mit jeder Reise – also ich war insgesamt viermal dort in dem einen Jahr – wurde es mit jeder Reise leichter, weil ich immer Fotos mitgebracht habe und schon zeigen konnte: So möchte ich das fotografieren. Und mit jeder Reise wurde das leichter, dass sie verstanden haben, dass es eigentlich eher so eine Art kleine Huldigung ist. ERZÄHLER: Lia Darjes fotografierte die improvisierten Warentische wie barocke Stillleben: sattrote Früchte, helle Blüten, Fische auf Papier. Und die Verkäuferinnen und Verkäufer als herausgehobene Individuen in dunklem Umraum. Das erinnert an Porträts der Kunstgeschichte etwa in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts. ERZÄHLERIN: An Bildformate also, die das, was sie zeigen, „schön“ zeigen. Aber was ist das eigentlich, Schönheit? Und zeichnet die Schönheit des Menschen etwas Anderes aus als die von Dingen? MUSIK 2 "Put off" - Künstler und Komponist: Rei Harakami - Album: Red Curb - Länge: 0'32 ERZÄHLER: Schönheit liege, sagt ein Sprichwort, im Auge des Betrachters. Was erst einmal bedeuten kann, dass jeder nun einmal anderes schön finde. Richtig daran ist: Schönheit ist eine subjektive Erfahrung. Und das, obwohl Studien zeigen, dass bestimmte Merkmale für Schönheit im Sinne körperlicher Attraktivität immer wieder genannt werden – von unterschiedlichen Personen und sogar in unterschiedlichen Kulturen. O-TON 2, LISA SCHMALZRIED, körperliche Merkmale: Symmetrie scheint eine Rolle zu spielen, eine reine Haut scheint eine Rolle zu spielen, gewisse Körperproportionen sind entscheidend. ERZÄHLER: Erklärt die Philosophin Lisa Schmalzried vom Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik, die zur menschlichen Schönheit forscht. Bei Frauen gilt außerdem ein Gesicht nach dem Kindchenschema mit großen Augen durchschnittlich als schön, ebenso wie ein Taille-Hüft-Quotient von 0,7. ERZÄHLERIN: Doch auch wenn sich das so beziffern lässt – ein einfaches Rechenspiel mit Maßen und Proportionen ist Schönheit nicht. O-TON 3, LISA SCHMALZRIED, Schönheitskriterien: Was es nicht gibt, ist so ein Kriterienkatalog, den wir abarbeiten können. Also starre Schönheitsideale, Schönheitsregeln, wo ich sage, ich nehme jetzt irgendwie diese Maske, lege sie auf mein Gesicht und sehe meine Nase ist so und so viel Millimeter zu lang. Ich lasse sie korrigieren, dann bin ich schön. So funktioniert es nicht. Das heißt, es gibt gewisse Faktoren, also physische, körperliche Faktoren, die wir verändern können. Aber das gibt uns keine Garantie, dass wir tatsächlich schön werden. 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Doch der Mensch ist eben nicht nur ein Naturwesen, sondern zugleich eine Person: ZITATOR: „Die Art seines Erscheinens ist abhängig von der Art seines Empfindens und Wollens, also von Zuständen, die er selbst in seiner Freiheit und nicht die Natur nach ihrer Notwendigkeit bestimmt.“ ERZÄHLERIN: Was in der „Erscheinung“ des Menschen schön ist, soll also nicht nur der Körper sein, sondern auch die „schöne Seele“. Wer sie besitzt, ist auf eine freie, selbstverständliche, mühelose Weise er selbst – und strahlt genau das auch körperlich aus. ERZÄHLER: Die „schöne Seele“ ist ein Motiv, das im 18. Jahrhundert seine Blütezeit erlebte, kulturgeschichtlich jedoch bis in die Antike zurückreicht, so die Philosophin Lisa Schmalzried: O-TON 6, LISA SCHMALZRIED, schöne Seele Antike: Bei Platon, in den platonischen Dialogen ist es so: Die schöne Seele steht über der physischen Schönheit. Platon hat so eine Stufenleiter des Schönen, und es beginnt eben mit der Schönheit einzelner Körper und steigt dann auf bis zur schönen Seele, die sehr nahe bei ihm an der Idee des Schönen ist. Und was wir eben in der Antike verwurzelt sehen, ist der Gedanke, dass wir den Charakter einer Person, die geistigen Fähigkeiten einer Person als schön bezeichnen können. ERZÄHLERIN: Dabei wird diese Schönheit, was von heute aus betrachtet nicht unbedingt naheliegend erscheint, eng mit Tugendhaftigkeit verbunden: O-TON 7, LISA SCHMALZRIED, das Schöne und das Gute Antike: Obwohl es in der Antike die Unterscheidung zwischen dem Schönen und dem Guten gibt, verschwimmt diese Unterscheidung eben in Bezug auf die schöne Seele: Die gute, die tugendhafte Seele wird, grob gesprochen, zugleich auch zur schönen Seele. ERZÄHLER: Im 18. Jahrhundert dann ist die schöne Seele bei Jean-Jacques Rousseau die natürlich empfindende Seele, die sich nicht verstellt, von Konvention und Gesellschaft aber immer wieder zur Verstellung genötigt wird. Immanuel Kant beschreibt Schönheit als „Ausdruck des Sittlichen“, Goethe widmet ein ganzes Kapitel im „Wilhelm Meister“ unter dem Titel „Bekenntnisse einer schönen Seele“ der Selbst-Suche eine Frau zwischen Liebe, Intellekt und Spiritualität. ERZÄHLERIN: Auch in all diesen Beschreibungen schwingt etwas Moralisches mit: Die schöne Seele als empfindsam, feinfühlig, in sich ruhend. Nicht abhängig vom Blick der Leute oder den Launen der Mode. ERZÄHLER: „Wahre Schönheit kommt von innen“, noch so ein geflügeltes Wort. Aber ist das nicht eigentlich eine Umdefinition der Schönheit? Ein schaler Trost gegenüber den Ungerechtigkeiten, die die Lotterie der Gene dem Körper auferlegt? So jedenfalls sah es Friedrich Nietzsche, der in einer bösen Kritik über die Theoretiker der „schönen Seele“ festhielt: ZITATOR: „Sie verachteten den Leib: sie ließen ihn außer Rechnung: mehr noch, sie behandelten ihn wie einen Feind. Ihr Wahnwitz war, zu glauben, man könne eine ‚schöne Seele‘ in einer Mißgeburt von Kadaver herumtragen […], bis endlich ein bleiches, krankhaftes, idiotisch-schwärmerisches Wesen als Vollkommenheit, […] als höherer Mensch empfunden wurde.“ ERZÄHLERIN: Auf diesen Einwand ist zu antworten: Wenn man von „innerer Schönheit“ spricht, heißt das noch nicht, dass es auf das Äußere gar nicht ankäme. Sondern nur, dass das Äußere, unmittelbar Sichtbare eben nicht alles ist. Für Lisa Schmalzried macht gerade das menschliche Schönheit aus: O-TON 8, LISA SCHMALZRIED, das Expressive: Schönheit als ästhetische Eigenschaft hängt am Erscheinungsbild einer Person. Aber der zentrale Punkt ist zu sagen, dass das menschliche Erscheinungsbild nicht mit dem rein physischen Erscheinungsbild zusammenfällt, sondern wie eine andere Person uns auch rein sinnlich erscheint, hängt eben auch von expressiven Aspekten ab. Wir glauben in der Gestik, in der Mimik, teilweise vielleicht auch in den Mikro-Expressions, Hinweise auf den Charakter einer Person zu finden. Ich glaube, das können wir auch gar nicht ausblenden. Sobald wir eine Person als Person, als Menschen sehen, sind wir uns immer klar: Das Physische und das Expressive ist miteinander verschränkt, und dadurch spielt mehr in menschliche Schönheit rein als nur Körperlichkeit. ERZÄHLERIN: Das wäre dann auch ein Unterschied zwischen menschlicher Schönheit und der Schönheit von Dingen, für die diese Dopplung so nicht gilt. Oder allenfalls vermittelt: Wenn wir es etwa mit einem Kunstwerk zu tun haben, dann suchen wir darin vielleicht wieder nach dem Ausdruck menschlicher Erfahrung. ERZÄHLER: Schönheit als Individualität – das betont auch das Spiel mit kleinen Abweichungen von der Makellosigkeit: Schon im Rokoko klebte man sich künstliche Muttermale auf, die den Teint nur umso verführerischer strahlen lassen sollten. Und heute lächeln Models und Schauspielerinnen mit reizvollen Zahnlücken in die Kameras oder verzichten darauf, ihre zusammengewachsenen Augenbrauen zu korrigieren. Schönheit nicht als Perfektion, sondern als Persönlichkeit. MUSIK 4: "Icefloe" - Komponistin und Ausführende: Zoë Keating - Album: Snowmelt - Länge: 0'47 ERZÄHLERIN: Ein schwules Paar auf einem eleganten Bett vor einer fliederfarbenen Wand. Der eine Mann trägt Hemd und Hose, der andere einen orientalischen Seidenanzug, beide blicken selbstbewusst in die Kamera. Zwei Katzen sind mit im Bild: eine schwarze, aufrecht im Vordergrund auf dem Laken sitzend, dem Paar zugewandt, eine graue rechts an das Bein des einen Mannes geschmiegt. ERZÄHLER: „El-Farouk und sein Ehemann Troy, Toronto“, Fotografie von Lia Darjes. ERZÄHLERIN: Ein stilisiertes, ästhetisch fein abgestimmtes Bild aus der Serie „Being Queer. Feeling Muslim“. Lia Darjes fotografierte queere Musliminnen und Muslime weltweit, in ganz unterschiedlichen Posen und Kompositionen, zu Hause, in der Moschee, in Nahaufnahmen der Figur oder zusammen mit sprechenden Attributen. ERZÄHLER: Die alte Idee, im Körper drücke sich die Seele aus, ist in der Fotografie noch immer lebendig. Denn Fotos zeigen das Äußere – und wollen mehr als das Äußere zeigen. Wie nähert sich Lia Darjes der Aufgabe, Menschen ins Bild zu setzen, ihnen Raum zu geben für ihre Geschichte und Persönlichkeit? O-Ton 9, LIA DARJES, queere Muslime: Von Projekt zu Projekt gehe ich da unterschiedlich vor. Bei den queeren Muslimen war das eine ziemliche Herausforderung für mich, weil es da eigentlich nicht so eine visuelle Komponente gab, die sich durchzog, sondern weil es eher von der Diversität gelebt hat. Und dann musste ich mir überlegen: Okay, wie gehe ich damit um? Und hab mich dann eben auch für eine ganz diverse Bildsprache entschieden, wo ich wirklich an jedem Ort neu geguckt habe: Wie baue ich ein Bild auf? Das sind tatsächlich sehr konstruierte Porträts. Aber auch dort fühle ich mich der Dokumentarfotografie verhaftet in dem Sinne: Ich schlepp jetzt niemanden in einen Raum, wo er gar nicht hingehört oder ich gehe nicht mit jemanden in ein Studio, sondern ich gucke dann einfach, was vor Ort ist, und dann ist das eigentlich auch so ein Miteinander. ERZÄHLER: Einen Menschen zu zeigen, heißt immer, ihn zu inszenieren. Und Mittel und Möglichkeiten der Inszenierung haben längst nicht mehr nur Fotografinnen. Mit den neuen digitalen Medien führt jeder und jede Regie in einer alltäglichen Bilderpolitik der eigenen Person – und das vor den Augen der ganzen Welt. ERZÄHLERIN: Damit verändert sich auch unser Blick auf menschliche Schönheit. Philosophin Lisa Schmalzried: O-TON 10, LISA SCHMALZRIED, Bilder: Schönheit ist ein gesellschaftlich riesengroßes Thema. Das sieht man daran, dass schöne Menschen medial überrepräsentiert sind, das sehen wir an den sozialen Netzwerken. Gekoppelt daran die ganzen Filter, die uns dort zur Verfügung stehen, um uns selbst zu inszenieren und auch unser eigenes Aussehen zu verändern. MUSIK 5: "Put off" - Künstler und Komponist: Rei Harakami - Album: Red Curb - Länge: 1'02 ERZÄHLER: Farbfilter, Photoshop, digitale Übermalung und Retusche als Korrekturen der Wirklichkeit: Das muss man nicht kritisieren, weil es „unechte“ Bilder erzeugt – denn „echte“ Bilder gibt es vermutlich gar nicht. Und selbst wenn es sie gäbe: Warum sollten wir uns nicht so zeigen, wie wir gesehen werden möchten, wenn Schönheit doch mit Persönlichkeit und Selbstentwurf zu tun haben soll? ERZÄHLERIN: Das Problem ist weniger die Inszenierung selbst als die Art, wie sie in der inflationären Bildermasse des Digitalen funktioniert. Dass sie nämlich zu Standardisierung und Einheitlichkeit tendiert: zu Jugend, Glätte, dem offensiven Flirt mit der Kamera. Bildformate wie Selfies oder Menschen in Landschaften ähneln sich bis in die Details, Gesichtsausdrücke, Körperhaltungen, Gestik und Mimik werden wiederholt und nachgeahmt. O-TON 11, LISA SCHMALZRIED, Medien und Bilder: Durch diese Standardisierung, durch die Filter, durch die Art, wie man sich aufnimmt da wird der expressive Aspekt weggenommen, also die Individualität, die mit reinkommt, die wird zurückgenommen. Teilweise wirkt hier die Schönheit wenig menschlich und mehr maskenhaft. ERZÄHLER: Und Maskenhaftigkeit kann schon in sehr einfachen und sehr gängigen Bildkonventionen liegen, sagt Lia Darjes: O-TON 12, LIA DARJES, Lächeln: In der Popkultur oder auch einfach im Mainstream werden ja eigentlich nur noch lächelnde und freundliche Bilder akzeptiert. Und das ist etwas, was für mich als Fotografin – und ich weiß auch für ganz viele meiner Kolleginnen – keine Option ist. Dass nämlich irgendwie das Lächeln auch häufig so einen Zugang zu den Personen wie versperrt, also in der Fotografie natürlich, nicht in der Realität. Was für mich das ist, was Porträtfotografie ausmacht, dass man den Zugang zu Personen bekommt, die man nicht kennt, mit denen man nicht gemeinsam an einem Tisch sitzt. Und wenn Menschen lächeln, ist das irgendwie wie unterbrochen. ERZÄHLERIN: Eine interessante Beobachtung darüber, wie Bilder Individualität und Ausdruck einzufangen versuchen, das also, worauf es ankommt: Sie wollen keinen flüchtigen Moment erfassen, sondern – zugegeben, ein großes Wort – das Wesen eines Menschen. ERZÄHLER: Und die eigentlich unmögliche Kunst der Fotografie besteht darin, etwas von diesem Wesen genau in einem Moment einzufangen. Dazu muss Schönheit nichts Gefälliges oder Verbindliches haben. Sie muss nicht lächeln, sie kann kühl, vielleicht sogar verschlossen sein – und dennoch etwas preisgeben. ERZÄHLERIN: Diese Magie des Augenblicks hat auch eine dunkle Seite: Menschliche Schönheit ist vergänglich. Ihre Wahrnehmung durchzieht immer ein melancholisches „Noch“, das nicht weniger ist als eine Erinnerung an die Sterblichkeit – gegen die dann wieder die Intensität der Schönheit gefeiert werden will. MUSIK 6: "Put off" - Künstler und Komponist: Rei Harakami - Album: Red Curb - Länge: 1'01 ERZÄHLER: Wir inszenieren uns nicht nur auf Bildern, sondern auch im Leben. In den Dingen, mit denen wir uns umgeben, in Kleidung und Habitus, Sprache und Gestik. Und auch hier lässt sich die Natur korrigieren: Das Pendant zu Photoshop wäre dann das Skalpell der Schönheitschirurgie. ERZÄHLERIN: Dabei ist, wie für die Bilder auch, das Natürliche selbst oder das „Echte“ noch kein gutes Argument gegen jeden Eingriff. Ein paar Falten zu glätten, abstehende Ohren anzulegen oder Lider zu straffen – wer das prinzipiell verwerflich findet, der müsste eigentlich auch gegen Schminke und Make-Up sein. ERZÄHLER: Wie Friedrich Schiller, wenn er von der „Toiletten-Schönheit“ spricht … ZITATOR: … „die am Putztisch aus Karmin aus Karmin und Bleiweiß, falschen Locken […] und Walfischrippen hervorgeht“. ERZÄHLER: Eine Bemerkung allerdings aus der Zeit einer sehr „künstlichen“ Mode, die den Körper mit Korsetts und schwere Perücken traktierte. Vielleicht stellte Schiller auch deshalb für seine ein wenig schwärmerische Idee von Anmut fest, sie dürfe nie kalkuliert oder auch nur bewusst aussehen, um nicht zur „nachgeahmten“ oder „gelernten“ Anmut zu werden ... ZITATOR: … „die ich die theatralische und die Tanzmeistergrazie nennen möchte.“ ERZÄHLER: Man kann der Schönheit vielleicht nachhelfen, heißt das, sie aber nie erzwingen. „Jag sie, sie hört auf – Jag sie nicht, und sie verweilt“, schrieb die US-amerikanische Dichterin Emily Dickinson im 19. Jahrhundert in knappen Versen. ERZÄHLERIN: Und Dickinson hielt auch fest, es sei die Definition der Schönheit, sie nicht zu definieren. Musik 7: "Put off" - Künstler und Komponist: Rei Harakami - Album: Red Curb - Länge: 1'44 ERZÄHLER: Was es also ist, was den Menschen schön macht, lässt sich so leicht nicht sagen. Schönheit entzieht sich – und zieht unwiderstehlich an. Anders als Kunstwerke betrachtet man schöne Menschen seltener mit „interesselosem Wohlgefallen“. Sie sind attraktiv und begehrenswert, vielleicht sogar dann, wenn ihnen niemals nahezukommen ist: Idole und Stars werden auch für ihre ferne Schönheit verehrt. ERZÄHLERIN: Tatsächlich ist die Schönheit, so hat sich gezeigt, in sehr unterschiedlichen Hinsichten „Bürgerin zweier Welten“, wie Schiller es formuliert hat: Schönheit entfaltet sich zwischen Subjekt und Objekt, einem Blick und einer angesehenen Person. Sie gehört zum Körper, ist aber auch der sinnliche Ausdruck von etwas Nicht-Körperlichem, das man Charakter, Inneres oder Seele nennen kann. Sie folgt einem allgemeinen Ideal, findet aber erst in der unverwechselbaren Individualität zu sich selbst. Sie ist sichtbar – und bleibt ein großes Geheimnis. ERZÄHLER: Und sie ist verletzlich, die Schönheit des Menschen, so wie der Mensch verletzlich ist. MUSIK 8: "Icefloe" - Komponistin und Ausführende: Zoë Keating - Album: Snowmelt - Länge: 0'32 ERZÄHLERIN: Ein kleiner, sehr hellhäutiger Junge, eine Frau mit dunklen Haaren, ein mittelalter Mann: alle in Frontalporträts des Gesichts bis zur nackten Schulterpartie aufgenommen. ERZÄHLER: Fotoserie „Eo ipso“ von Lia Darjes, eine frühe Arbeit aus dem Studium. O-TON 13, LIA DARJES, Eo ipso: Meine Idee damals war, dass ich den Hintergrund der Hautfarbe anpasse. Und das ist dann tatsächlich in zwei Porträt-Sitzungen entstanden, nämlich immer in der ersten, wo ich mit Acrylfarbe den Hautton angemischt habe der Person, und im zweiten das Porträt gemacht habe und dadurch eigentlich so ein bisschen versucht habe, die Begrenzung der Person aufzuheben, wenn man so will: dass man ein ganz neutrales Bild schafft, wo eigentlich nichts mehr Außermenschliches stattfindet. MUSIK 9 "Icefloe" - Komponistin und Ausführende: Zoë Keating - Album: Snowmelt - Länge: 0' 45 ERZÄHLERIN: Fotografien, die die Personen buchstäblich aller Attribute ihres Alltagslebens entkleiden – und dennoch als erstaunliche Steigerung der Subjektivität wirken. Pures, nacktes Menschsein. Keine erotische Attraktivität, zugleich aber eine seltsame Anziehungskraft und Nähe. Diese Bilder halten das, was menschliche Schönheit ausmacht, in fragender Schwebe – als blickte man wirklich in Gesichter und in Seelen hinein. ERZÄHLER: Ein verheißungsvolles, ein unerfüllbares Versprechen.

  • Urgetreide - Dinkel, Emmer, Einkorn

    25.02.2025 · 24 Min.

    Dinkel liegt schon länger im Trend, auch Emmer und Einkorn machen Karriere - alle drei sind nahe Verwandte des Weizens. "Urgetreide" sorgt für mehr Vielfalt auf dem Acker und auf dem Tisch. Von Renate Ell (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Renate Ell Regie: Sabine Kienhöfer Es sprach: Christian Schuler Technik: Roland Böhm Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Prof. Dr. Friedrich Longin, Leiter der Arbeits¬gruppe Weizen, Landessaatzuchtanstalt, Universität Hohenheim, Stuttgart Susanne Geisenhofer, Bio-Landwirtin, Reichertshausen an der Ilm Andreas Karl, Backstubenleiter, Bäckerei Breitner, Pfaffenhofen an der Ilm Prof. Dr. Dr. Detlef Schuppan, Direktor des Insti¬tuts für Translationale Immunologie und Leiter der Ambulanz für Zöliakie, Dünndarmerkrankun¬gen und Autoimmunität, Universität Mainz Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Die wundersame Welt der Gräser - Alles Natur! JETZT ENTDECKEN Wie Bayerns Mühlen mahlen - Das älteste Kraftwerk der Menschheit JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Die Blaue Couch - mit Rosina Ostler, Küchenchefin im Restaurant "Alois - Dallmayr Fine Dining " in München JETZT ENTDECKEN Linktipps: Prof. Friedrich Longin hat Backrezepte für Dinkel, Emmer und Einkorn veröffentlicht, kostenlos im Internet. Friedrich Longin, Charlotte Grill: "Mein Brot. Einfach. Gut." HIER Link zur Uni Hohenheim HIER Link zum Institut für Translationale Immunologie HIER Urgetreide in der Weihnachtsbäckerei HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  • Streik! Arbeitskampf für mehr Geld

    24.02.2025 · 24 Min.

    Der historisch erste Streik ereignete sich im alten Ägypten. Doch in welchen Epochen wurde am härtesten um Verbesserungen der Arbeitsbedingungen gekämpft? In welchen Ländern wird besonders viel gestreikt? Und welche Streiks waren am erfolgreichsten? Klar ist: Streiks sind ein wichtiger Faktor des sozialen Fortschritts. Von Georg Gruber (BR 2023) Credits Autor dieser Folge: Georg Gruber Regie: Irene Schuck Es sprachen: Berenike Beschle, Inka Kübel, Andreas Neumann Technik: Tim Höfer Redaktion: Nicole Ruchlak Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Linktipps: Zu den Streikkosten von Lufthansa September 2022: tagesschau.de | BEITRAG JETZT LESEN Streikkosten gesamtwirtschaftlich pro Streiktag sind schwer zu errechnen: mdr.de | BEITRAG JETZT LESEN Literaturtipps: Michael Kittner, Arbeitskampf. Geschichte, Recht, Gegenwart, Verlag C.H.Beck, 2005 Umfangreiches Buch, eine Gesamtdarstellung über Arbeitskämpfe und Streikgeschehen, vom alten Ägypten bis zur Gegenwart. Streik. Realität und Mythos, herausgegeben im Auftrag des Deutschen Historischen Museums von Agnete von Specht, Argon Verlag, 1992. Nur noch antiquarisch, interessant wegen der Darstellung von Streiks und Arbeitskonflikte in Gemälden und Zeugnissen aus verschiedenen Jahrhunderten. Alexander Gallas, Exiting the Factory. Strikes and Class Formation Beyond the Industrial Sector, Bristol University Press 2024. Habilitationsschrift von Alexander Gallas über Streiks in postindustriellen Gesellschaften. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

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