Schnee - Faszinierende Flocken und ihre Geheimnisse
04.12.2023 · 23 Min.
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Schnee ist ein phänomenales Naturprodukt. Er beruhigt uns und lernt uns gleichzeitig das Fürchten. Doch bald wird er aus tiefen Lagen verschwinden. Dann haben wir nur noch ihn: Kunstschnee. (BR 2019) Autor: Georg Bayerle
Credits
Autor/in dieser Folge: Georg Bayerle
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Werner Härtl
Technik: Adele Kurdziel
Redaktion: Matthias Eggert
Im Interview:
Raik Schaab (Wetterberater, Deutscher Wetterdienst München);
Gudrun Mühlbacher (Klimaexpertin, Deutscher Wetterdienst München);
Grete Smedal (Professorin; Kunsthochschule Bergen, Norwegen);
Nils Faarlund (Bergführer, Norwegen);
Michael Gebhardt (Bergführer, Garmisch-Partenkirchen);
Thomas Feistl (Geologe, Lawinenwarndienst Bayern);
Michael Manhart (Diplomingenieur, Lech am Arlberg);
Patrizia Pircher (Marketingleiterin Techno Alpin, Bozen)
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
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- Die Geschichte des Mikroskops - Als die Welt vergrößert wurde ...
04.12.2023 · 22 Min.
Ein Floh tanzt vor einer staunenden Gesellschaft und ein Tuchhändler sieht ein Bakterium: Als in der Renaissance das Mikroskop erfunden wird, eröffnen sich neue Welten. (BR 2021) Autorin: Credits Autor/in dieser Folge: Inga Pflug Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Andreas Neumann, Hemma Michel, Michael Atzinger Technik: Regina Staerke Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Erdmann Spiecker, Lehrstuhl für Mikro- und Nanostrukturforschung & Center für Nanoanalysis and Electron Microscopy (CENEM), Universität Erlangen-Nürnberg, Werkstoffwissenschaftler; Julia Böttcher, Zentralinstitut für Wissenschaftsreflexion und Schlüsselqualifikationen (ZiWis) der Universität Erlangen-Nürnberg, Wissenschaftshistorikerin; Marion Maria Ruisinger, Direktorin des Deutschen Medizinhistorischen Museums Ingolstadt, Medizinerin, Medizinhistorikerin Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecher/in 1: Ein Haar erscheint wie ein armdickes Seil, Blütenpollen wirken wie exotische Früchte mit Stacheln und in einem klarer Wassertropfen tummeln sich Myriaden kleiner Monster: Unter dem Mikroskop offenbart die Natur, was dem reinen Auge verborgen bleibt – und eröffnet ungeahnte Dimensionen: Seit der Mensch die Welt um sich herum vergrößert, zeigt sie ihm ein immer detaillierteres Bild von sich selbst. MUSIK M02 Sprecher/in 2: Den ersten Blick auf diesen Mikrokosmos erhaschen Gelehrte am Anfang des 17. Jahrhunderts. Kaum vorstellbar, wie es sich angefühlt haben muss, mit eigenen Augen auf eine vollkommen unbekannte – weil bislang unsichtbare – Welt zu schauen. 01 Ruisinger: Angefangen hat das mit etwas, was ganz Viele – ich auch – auf der Nase tragen, nämlich mit der Brille. Sprecher/in 1: … beschreibt Marion Maria Ruisinger [Aussprache wie geschrieben]. Sie ist Direktorin des Deutschen Medizinhistorischen Museums in Ingolstadt. Sprecher/in 2: Dass durchsichtige Linsen oder auch Wassertropfen vergrößernd wirken, ist damals schon lange bekannt. Ab dem Mittelalter gleichen sogenannte Lesesteine aus geschliffenem Beryll – einem durchsichtigen, glasähnlichen Mineral – Sehschwächen aus. Aus ihnen entwickeln sich Monokel und Brillen, vom Beryll leitet sich auch das Wort "Brille" ab. Dementsprechend sind die Brillenmacher im 17. Jahrhundert die Fachleute für gläserne Linsen, sagt die Medizinhistorikerin: 02 Ruisinger: Brillenmacher waren tatsächlich auch die ersten, die es mal ausprobiert haben, was passiert, wenn man mehrere Linsen in einem Sehstrahl hintereinander anordnet. Dafür braucht man so eine Röhre, wo man diese Linsen dann fixieren kann und wenn man durchguckt – je nachdem wie die Linse geschliffen war, wie die Röhre gestaltet ist – konnte man plötzlich sehr Fernes deutlich näher sehen, das war dann das was wir heute Teleskop nennen. Oder man konnte ganz kleine Dinge sehr viel größer sehen. Das ist das, was wir heute Mikroskop nennen. Man kann also sagen, der Blick in die Ferne und die Entdeckung dieser kleinen Welt haben eine gemeinsame Geburtsstunde und einen gemeinsamen Geburtsort. Nämlich die Werkstatt des Brillenmachers, so um 1610/1620. Sprecher/in 1: Geburtshelfer für beide Instrumente ist das im ausgehenden Mittelalter allmählich erwachende Interesse, im Buch der Natur zu lesen. 03 Ruisinger: Im Buch der Natur lesen, das heißt nicht nur die alten Schriften eines Dioskurides zum Beispiel untersuchen, sondern rausgehen und die Pflanzen vor Ort ansehen. Nicht nur die Anatomie des Galen studieren, sondern den Leichnam selbst öffnen und nachschauen. Dieses Lesen im Buch der Natur, das beginnt im Spätmittelalter in Norditalien, ist der Blick der Gelehrten in der Renaissance, und der wird immer weiter vorangetrieben. Man schaut immer genauer, erforscht den Menschen – zum Beispiel jetzt in der Medizin – immer mehr im Detail, bis die ganze makroskopische Anatomie erschlossen ist, also alles, was ich mich unbewehrtem Auge sehen kann, und dann, um es dann noch weiter vorantreiben zu können, da muss man eine Vergrößerung ansetzen. Sprecher/in 1: Zunächst mit der Lupe, später dann mit dem Mikroskop. MUSIK M03 Sprecher/in 2: Im Grunde entspricht das Prinzip des Mikroskops einer doppelten Lupe: Das von der ersten Linse – dem Objektiv – vergrößerte Bild wird von einer zweiten Linse – dem Okular – nochmals vergrößert. Die Werte beider Linsen vervielfachen sich dabei: Schafft das Objektiv beispielsweise eine 20-fache Vergrößerung und das Okular eine 10-fache, ergibt sich insgesamt eine 200-fache Gesamtvergrößerung des betrachteten Objekts. Sprecher/in 1: Und die Natur bietet reichhaltigen Lesestoff für das optisch unterstützte Auge der Forscher: menschliche Exkremente oder Säfte wie Blut, Speichel, Urin oder die Samenflüssigkeit lassen sich genauso unter die Lupe nehmen wie Pflanzen oder Naturphänomene wie etwa Schneeflocken. Den Anfang machen allerdings wohl Insekten: Sprecher/in 2: Als quasi "erste mikroskopische Abbildung" gilt eine Bienen-Zeichnung des italienischen Naturforschers Francesco Stelluti: Er zeichnet das gesamte Insekt überlebensgroß in unterschiedlichen Perspektiven, aber auch einzelne Details wie den Kopf, die Beine oder die Fühler. MUSIK M05 Sprecher/in 1: Und auch andere Insekten beschäftigen die Gelehrten – stellen sie doch ein geradezu ideales Untersuchungsmaterial dar: Sie sind verfügbar und relativ robust, klein, aber auch nicht zu klein. Der englische Wissenschaftler Robert Hooke etwa stellt in seinem Werk "Micrographia" unter anderem mikroskopische Beobachtungen über den Floh an und schwärmt: Zitator: "Er ist über und über mit einer wunderbar polierten dunklen Rüstung geschmückt, deren Platten fein gefügt sind und viele scharfe Nadeln tragen. Diese ähneln den Stacheln des Stachelschweins oder blanken, spitz zulaufen den Stahlnadeln [...]. Er hat auch zwei Beißwerkzeuge, ein wenig wie die der Ameise, aber ich konnte keine Zähne entdecken. Sprecher/in 1: Folgerichtig werden die frühen Mikroskope auch Flohgläser genannt. Sprecher/in 2: Während das Teleskop dazu führt, dass das geozentrische, also erdzentrierte Weltbild ins Wanken gerät und der Erde und damit dem Menschen allmählich seine zentrale Position im Universum nimmt, verursachen die Studien mit dem Mikroskop übrigens keine Konflikte mit der Kirche. Die Untersuchung der Natur wird als Untersuchung der Schöpfung Gottes verstanden: 04 Ruisinger: Man kann sagen Naturforschung, so betrachtet, ist eine Art von Gottesbeweis und damit ganz unproblematisch für die kirchliche Lehre. Sprecher/in 1: In der Praxis ist das Mikroskopieren allerdings ganz und gar nicht unproblematisch. Durch die Linse tatsächlich etwas zu sehen – eine Herausforderung, beschreibt Wissenschaftshistorikerin Julia Böttcher vom Erlanger Zentralinstitut für Wissenschaftsreflexion und Schlüsselqualifikationen: 05 Böttcher: Man kann zum Beispiel für die Mikroskope des 17. Jahrhunderts anhand von Nachbauten sehr schön sehen, dass das Bild beispielsweise auf dem Kopf stand, wenn man da hindurchgeschaut hat. Das heißt, allein schon die Probe vor der Linse zu verschieben, war etwas, was man mit Erfahrung meistern musste, weil man sie intuitiv in die falsche Richtung geschoben hätte. Sprecher/in 1: Die größte Herausforderung der Zeit ist es allerdings, überhaupt erst einmal qualitativ hochwertige Linsen herzustellen. Das Ziel: ein scharfes, farbreines, unverzerrtes, stark vergrößertes Bild. Die Realität aber sieht meist anders aus: 06 Böttcher: Linsen von Mikroskopen, die aus der Entwicklungszeit stammen, hatten zahlreiche Farbfehler beispielsweise, weil man nicht n der Lage war, die unterschiedliche Brechung verschiedener Farben in den Griff zu bekommen. (Das gelang erst im 19. Jahrhundert.) MUSIK M03 Sprecher/in 2: Denn Licht besteht aus unterschiedlichen Wellenlängen, also mehreren Farben – was beispielsweise sichtbar wird, wenn aus einem angeleuchteten Prisma das Licht in einer Art Regenbogen-Strahl wieder farbig austritt. 07 Böttcher: Man sieht ein hochgradig künstliches Bild, etwas, das der normalen, alltäglichen Wahrnehmung teilweise richtiggehend entgegensteht. Und das man dann mehr oder weniger erst mal interpretieren muss oder deuten muss, um es dann entweder beschreibend oder als Zeichnung an andere zu vermitteln. Sprecher/in 1: Tüfteln ist also angesagt. MUSIK M06 Sprecher/in 2: Und das gelingt wohl keinem so gut, wie dem Niederländer Antonie van Leeuwenhoek [ˈantoːnɛɪ̯ ˈvɑn ˈleːwənhuk]. Als Tuchhändler hat er gelernt, mit starken Lupen die Qualität von Stoffen zu untersuchen. Und er treibt das Lupenprinzip zur Perfektion, löst das Problem der Farbfehler bei mehrlinsigen Mikroskopen auf seine ganz eigene Weise: Mit einer einzigen Linse. Medizinhistorikerin Marion Maria Ruisinger: 08 Ruisinger: Der hat sich nicht bemüht, ein möglichst klares Glas zu finden, das dann möglichst gut geschliffen wird von einem Linsenschleifer, sondern der hat das selbst gemacht, in seinem Hinterstübchen, im Geheimen – er hat das Geheimnis auch mit ins Grab genommen – hat eine große Zahl von Mikroskopen produziert. Und vermutlich hat er diese winzig kleine Linse, so groß wie der Kopf von einer Glas-Stecknadel, wahrscheinlich hat er die dadurch produzieren können, dass er einen feinen Glasstab erhitzt hat, dass der vorne flüssig wurde und mit so einer drehenden Bewegung sich dann so eine kleine Kugel geformt hat. Und diese winzige Kugel an dieser Glasschmelze, die wurde dann seine Linse. Sprecher/in 2: Eine bis zu 270-fache Vergrößerung schafft Leeuwenhoek mit seiner Apparatur, die insgesamt nicht größer ist als eine Streichholzschachtel und die er sich ganz dicht vors Auge halten muss. Sprecher/in 1: Damit sieht er mehr als alle anderen zuvor – ohne zu wissen, was er da eigentlich sieht. 09 Ruisinger: Er hat sich seinen eigenen Zahnbelag abgekratzt und angekuckt – gesehen, dass da irgendwas drinnen ist. Würmchen, Tierchen, was Schwarzes, was Dunkles, aber er hat das nicht weiter benennen können, er hat's nicht verstanden, nicht verstehen können, was das ist. Sprecher/in 1: … erläutert die Medizinerin und Medizinhistorikerin. 10 Ruisinger: Es waren Bakterien. Aber um Bakterien sehen zu können, muss ich Bakterien kennen. Das heißt, hier wurde die Mikroskopie ganz wichtig für die Bakteriologie, aber zuerst musste das Konzept der Bakterien erdacht werden. Durch ganz andere Methoden. Und erst, nachdem man das Konzept auf dem Tisch lag, konnte man das, was man gesehen hat auch entsprechend einordnen. Sprecher/in 1: Sind diese Konzepte aber schon vorhanden, hilft das Mikroskop nun, sie auch zu beweisen. Auch dafür nennt Marion Maria Ruisinger ein Beispiel: 11 Ruisinger: Als 1628 William Harvey seine Schrift publiziert in Frankfurt, in der er behauptet, dass das Blut im Kreis fließt. Da hat er ganz starken Gegenwind bekommen von seinen Kollegen, weil er damit das System der antiken Medizin, das fast 2.000 Jahre lang Gültigkeit gehabt hat, umgekippt hat. Das war eine Revolution. Das konnte man so nicht glauben. Und sie hatten ein starkes Argument, er konnte nämlich nicht wirklich schlüssig beweisen, nicht nachweisen, dass das Blut im Kreis fließt. Ihm hat die Verbindung zwischen den Arterien und den Venen gefehlt, die konnte er nicht sehen mit bloßem Auge. Und das hat dann erst eine Generation später ein Anatom aus Italien leisten können, mit dem Mikroskop. An den Lungen des Frosches hat er nachweisen können, dass es tatsächlich Blutgefäße gibt, die so klein sind, so haarfein, dass sie die Arterien und die Venen verbinden ohne dass man sie mit bloßem Auge sehen kann: die Kapillaren, wie sie heute in der Medizin heißen, die Haargefäße. MUSIK M07 Sprecher/in 1: Insbesondere in der Medizin etabliert sich das Mikroskop relativ zügig zum anerkannten Arbeitsgerät. Sprecher/in 2: Spätestens im 18. Jahrhundert werden mikroskopische Bilder auch für eine breitere Masse populär: Die barocke Gesellschaft amüsiert sich kollektiv an der vergrößerten Natur. Mit Hilfe des "Beamers des 18. Jahrhunderts", dem sogenannten Sonnenmikroskop. 12 Ruisinger: Es ist ein bisschen wie ein Diaprojektor. Die Lichtquelle ist die Sonne. Und dann muss das Sonnenlicht durch das Fenster fallen, das Fenster wird entsprechend mit einem schwarzen Tuch, mit einer schwarzen Platte verstellt, dass nur noch durch ein kleines Loch das Sonnenlicht reinfällt und dieser Lichtstrahl wird in einem dunklen Raum in dieses Sonnenmikroskop geleitet, fällt dort durch eine Linse und fällt dann durch das Objekt und wird vergrößert, so dass es wie bei einer Beamer-Projektion auf einer weißen Wand landet … Sprecher/in 1: … beschreibt Ruisinger den Aufbau. Und dann muss es atemberaubend gewesen sein. 13 Ruisinger: Und stellen Sie sich jetzt vor, wenn da nicht irgendein langweiliger Objektträger eingeklemmt ist, sondern auf einer kleinen Nadelspitze sondern ein lebender Floh. Der wird groß wie ein Kalb auf die Wand projiziert, strampelt, bewegt sich. Das muss ein unglaublicher Effekt gewesen sein. In einer Zeit, die noch nicht so verwöhnt war von bewegten Bildern, wie wir es heute sind. Sprecher/in 1: Eine andere Art der Mikroskopie – irgendwo im Grenzgebiet zwischen Wissenschaft und gesellschaftlichem Amüsement. MUSIK M08 Sprecher/in 2: Im 19. Jahrhundert schließlich verbessert sich das mikroskopische Bild durch unterschiedliche Glassorten und Linsen-Schliffe immer weiter. Optiker wie Carl Zeiss fertigen Mikroskope von bis dahin ungeahnter Präzision – und Robert Koch, einer der Begründer der modernen Bakteriologie, dürfte nicht zuletzt dem Mikroskop seinen Nobelpreis für Medizin verdanken. Sprecher/in 1: Inzwischen gleichen bei modernen Licht-Mikroskopen zusätzliche Linsen Abbildungsfehler aus. Hochwertige Objektive etwa bestehen aus mehr als einem Dutzend Linsen. Spezielle Beleuchtungssysteme sorgen dafür, dass das Licht optimal auf das zu mikroskopierende Objekt konzentriert werden kann. Sprecher/in 2: Und heutzutage sind es nicht mehr nur Lichtwellen, die für den genauen Blick auf die Natur genutzt werden. Auch Elektronen oder Röntgenstrahlen erlauben in der modernen Mikroskopie immer detailliertere Einblicke. ATMO Sprecher/in 1: Universität Erlangen, Institut für Mikro- und Nanostrukturforschung: In einem fensterlosen Raum steht ein großer weißer Kasten, im Inneren ausgekleidet mit silberner Folie und mit allerlei technischem Gerät bestückt. Es ist ein hochauflösendes Röntgenmikroskop, das optisch zunächst einmal nichts mehr mit einem Lichtmikroskop zu tun hat. Der Aufbau ist aber im Grunde genommen ähnlich, beschreibt Materialforscher Prof. Erdmann Spiecker: Statt Licht kommen hier eben Röntgenstrahlen zum Einsatz 14 Spiecker: Wir haben links eine Röntgenquelle, da werden also Elektronen auf ein Metall beschleunigt – hier ist das ein Chrom-Material – und das erzeugt ganz spezielle Röntgenstrahlung einer Wellenlänge. Und diese Röntgenstrahlung wird dann hier in einem Kondensor-System gebündelt und auf die Probe gebracht. Die Probe sitzt hier auf einem ganz feinen Pin, also auf einer Spitze. Dann hat man hinten eben auch Linsen, man braucht spezielle Linsen, und dann wird das auf eine Kamera gelenkt. MUSIK M02 Sprecher/in 2: Auf dem feinen Pin sitzt – scheinbar nichts. Doch die Probe, die hier untersucht wird, ist einfach selbst schon so klein, dass sie nur unter dem Mikroskop auf die kleine Spitze übertragen werden kann. Sprecher/in 1: Neben dem Röntgenmikroskop hat der Werkstoffwissenschaftler ein Beispiel vorbereitet, wie es auch die frühen Mikroskop-Forscher auf dem Tisch gehabt haben können: Einen Schmetterling, einen grünen Zipfelfalter. Mit bloßem Auge wirkt der Flügel des kleinen Falters leicht pudrig. Unter dem starken Lichtmikroskop dann zeigen sich schon kleine längliche Schuppen, die dachziegelartig übereinanderliegen und schillern. Im Röntgenmikroskop schließlich offenbart eine einzige dieser winzigen Flügelschuppen das ganzes Geheimnis ihrer Farbpracht: 15 Spiecker: Wenn man genauer hinguckt in diese Flügelschuppen, besteht diese Schuppen aus ganz, ganz vielen ganz kleinen regulären Strukturen aus Chitin und die haben eine hochperiodische Struktur. Und diese Periodizität dieses 'Kristalls', kann man auch sagen, ist ungefähr im Bereich der Wellenlänge des grünen Lichts. MUSIK M03 Sprecher/in 1: Die grüne Farbe des Zipfelfalters kommt also nicht durch Pigmente zustande, sondern weil das mit bloßem Auge unsichtbare Muster in der Oberflächenstruktur hunderter einzelner Flügelschuppen bestimmte Wellenlängen des Lichts reflektiert – ohne extreme Vergrößerung nicht einmal zu erahnen. Sprecher/in 2: Ohne Hilfsmittel kann das menschliche Auge ein bis zwei Zehntelmillimeter große Strukturen erkennen und voneinander unterscheiden. Das genügt, um etwa am Blatt einer Pflanze noch Adern und Äderchen zu erkennen. Sprecher/in 1: Mit einem leistungsstarken Lichtmikroskop dagegen lassen sich schon Dinge im Mikrometer-Bereich darstellen – zum Beispiel die Zellen und Spaltöffnungen eines Blatts. Eine noch bessere Auflösung gelingt aber nicht, egal, wie viele und welche guten gute Linsen man einsetzen würde. Sprecher/in 2: Das liegt an der Wellenlänge des Lichts: Ist die größer als das, was man unter dem Mikroskop erkennen will, funktioniert es schlichtweg nicht. Der Grund: die sogenannte Beugungsbegrenzung. 16 Spiecker: Diese Beugungsphänomene führen dazu, dass man einen Punkt nicht auf einen Punkt abbilden kann. Das heißt, wenn ich ein punktförmiges Objekt habe und ich habe eine Linse und bilde diesen Punkt ab auf eine Bildebene, dann ist das kein Punkt mehr, sondern ein verbreitertes Scheibchen. Und dieses Scheibchen hat eine Breite, die eben auf keinen Fall viel, viel kleiner als die Wellenlänge sein kann. MUSIK M01 Sprecher/in 1: Der Trick: kürzere Wellen benutzen. Und hier kommt das Röntgenmikroskop ins Spiel. Sprecher/in 2: Auch Röntgenstrahlen sind Wellen. Da sie aber eine deutlich kürzere Wellenlänge haben, können sie deutlich mehr Details abbilden. Eine Auflösung von etwa 50 Nanometern erreicht das Röntgenmikroskop in Erlangen . Sprecher/in 1: Zusätzlicher Vorteil: Die Röntgenstrahlen können das Objekt auch von allen Seiten durchleuchten wie in der Computertomographie beim Arzt. In der 3D-Animation bestehend aus den zahlreichen Einzelbildern kann man so dann durch die kleine Schmetterlingsflügel-Schuppe gleichsam hindurchfliegen. Kringel, Hohlräume und die gesamte Feinstruktur sind zu erkennen – und könnten etwa Rückschlüsse auf die komplexe Bildung der Flügel während der Verpuppung liefern. Sprecher/in 2: Schmetterlingsflügel sind aber freilich nicht die Standard-Materialien, die hier am Lehrstuhl für Mikro- und Nanostrukturforschung untersucht werden. Normalerweise be- und durchleuchten Erdmann Spiecker und sein Team Hochleistungsmaterialien, etwa für Flugzeugturbinen oder Solarmodule. Auch mit dem sogenannten Transmissions-Elektronenmikroskop, bei dem Elektronen die Funktion des Lichts übernehmen. Das Gerät leistet eine millionenfache Auflösung. Sogar Atome lassen sich hier identifizieren und verfolgen. Das Ziel: Verstehen, wie die innere Struktur und die Eigenschaften eines Materials zusammenhängen. 17 Spiecker: Fast alle Metalle, die wir im täglichen Gebrauch nutzen, sind kristalline Materialien. Und da kann man dann die einzelnen Netzebenen des Kristalls auflösen, man kann nach Fehlern kucken, man kann kucken, wie sich solche Materialien auch verhalten unter äußeren Einwirkungen. Das ist auch ein Schwerpunkt hier bei uns. Wir betreiben sogenannte In-situ-Mikroskopie. Das heißt, wir kucken zu, während ein Material sich verändert als Folge einer mechanischen Verformung oder eines Wärmeeintrags. Und so können wir dann verstehen, wie Materialien auf dieser kleinen Längenskala funktionieren. Sprecher/in 1: Entsteht der sichtbare Riss in einer Flugzeugturbine vielleicht schon lange vorher auf atomarer Ebene? Und verändert eine Solarzelle beim Stromerzeugen ihre Eigenschaften? Sprecher/in 2: Die Mikroskope, die den Einblick zur Beantwortung solcher Fragen liefern, sind hochempfindliche Gerätschaften. Schon der Aufenthalt im Mikroskopie-Raum kann dabei stören, weil die Forschenden selbst Wärme, Schallwellen oder Erschütterungen einbringen. Sprecher/in 1: Grundsätzlich aber entstehen auch diese ultra-detaillierten Bilder nach dem Konzept, das schon die Pioniere der Mikroskopie genutzt haben: Ein Objekt wird beleuchtet – nur eben mit anderen Wellenlängen. Sprecher/in 2: Eine andere Art des modernen Mikroskopierens ist das Rastern. Hier wird mit einer Art Sonde, also etwa einem feien Elektronenstrahl, die Oberfläche eines Objekts Punkt für Punkt abgetastet. Ein Computer setzt die einzelnen Informationspunkte dann zu einem Bild zusammen. Sprecher/in 1: Den Anblick dieser spannenden, fast landschaftsähnlichen Oberflächen-Strukturen kennen wir etwa aus der Darstellung von Viren. Sprecher/in 2: Aber auch auf dem Gebiet der Lichtmikroskopie gab es zuletzt wieder bahnbrechende Entwicklungen: So ist es den Mikroskopikern nach mehr als 300 Jahren endlich gelungen, die Beugungsbegrenzung des Lichtmikroskops auszuhebeln und noch wesentlich feinere Details sichtbar zu machen. 18 Spiecker: Das geht aber nicht mit jedem Mikroskop, man braucht sogenannte Fluoreszenz-Mikroskopie. Fluoreszenz-Mikroskopie heißt, man regt die Probe zur Fluoreszenz an, das heißt, sie leuchtet selber. Und mit dieser Fluoreszenzmikroskopie und neuen Techniken kann man dann eben diese hohen Auflösungen erreichen. Sprecher/in 1: Was ihren Entwicklern wiederum den Nobelpreis eingebracht hat. Sprecher/in 2: Die gesamte Stärke der modernen Mikroskopie liegt letztlich in der Kombination der verschiedenen Mikroskope. Das eine zeigt, dass es an einer bestimmten Stelle etwas zu sehen gibt, das nächste zeigt, was es dort gibt und ein weiteres durchleuchtet das Objekt bis zum kleinsten Atom oder Orbital. Sprecher/in 1: Das Gesehene dann zu interpretieren und einzuordnen – das obliegt dann wieder der Kunst des Forschers. Genauso wie im 17. Jahrhundert, als das Mikroskop erfunden wurde.
- Das alte Russland und Japan - Imperium trifft Märchenland
01.12.2023 · 24 Min.
Ein blühendes Märchenland voller Reichtümer, so wird Japan seit dem Mittelalter gesehen. Doch der Inselstaat isoliert sich von der Außenwelt und bleibt für das Ausland unerreichbar. Das will das Zarenreich jedoch nicht akzeptieren und lässt nichts unversucht, die Isolation des geheimnisvollen Landes zu durchbrechen. Autorin: Fiona Rachel Fischer Credits Autor/in dieser Folge: Fiona Rachel Fischer Regie: Frank Halbach, Fiona Rachel Fischer Es sprachen: Laura Maire, Christoph Jablonka, Henriette Schmidt, Andreas Neumann Technik: Andreas Lucke Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: David Wells, Curtin University in Perth, Australien Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Füchse, Zobel und der Zar - Sibiriens Pelze und ein neues Weltreich JETZT ANHÖREN Podcast-Empfehlung: Klassik für Klugscheißer Mit ihrem Musikwissen prahlen - das können Laury und Uli ganz hervorragend: Welche Drogen werden im Orchestergraben eingeschmissen? Was verbindet Pokémon und Tschaikowsky? Welche Strukturen verhindern Diversität in der Branche? Und warum hatte Wagner einen Fetisch für Samtunterhosen? Bei uns bekommt ihr längst vergessenen Gossip und überraschende Fakten zur Musik. ZUM PODCAST Literaturtipps: Wells, David N.: Russian Views of Japan 1792-1913. An Anthology of Travel Writing. London/New York 2004. Lim, Susanna Soojung: China and Japan in the Russian Imagination. 1685-1922. To the Ends of the Orient. Abingdon 2013. Wells, David N.: The Russian Discovery of Japan, 1670-1800. New York 2020. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK ERZÄHLER: Hinter kristallklaren blauen Wassern ganz weit im Osten liegt eine wunderbare Inselgruppe. Die Sonne scheint warm über diesem fernen Land, seine Hügel sind von einem satten Grün, die Wälder üppig und unberührt. Es gibt Gold im Überfluss und Perlen so viele, wie man sich nur wünschen kann. SPRECHERIN 1: Japan. ERZÄHLER: Ein fernes Land von unermesslicher Schönheit. Ein reiches Land voller Wunder. SPRECHER 2: Am Anfang steht ein Märchen. O-Ton 1: [Japan was invented] / OV männlich. Japan wurde erfunden, bevor es entdeckt worden ist. MUSIK ENDE MUSIK SPRECHERIN 1: So der Historiker David Wells von der Curtin Universität in Perth in Australien. Die Legende von dem unendlichen Reichtum Japans, die seit dem Mittelalter in Europa kursiert, stammt von Marco Polo. Zwar reiste dieser nie selbst nach Japan, dennoch schrieb er in seinen Berichten von riesigen Edelsteinen, Perlen und Goldvorkommen, die dort zu finden seien. SPRECHER 2: Das war im 13. Jahrhundert. Erst 3 Jahrhunderte später kommen die europäischen Mächte mit Japan in Kontakt. Doch das Bild von einem märchenhaft wohlhabenden Inselreich im fernen Osten hält sich noch immer. SPRECHERIN 1: Zuerst die Portugiesen, dann die Spanier, Engländer und Holländer bauen Mitte des 16. Jahrhunderts Handelsbeziehungen zu Japan auf. Auch ein kultureller Austausch entsteht: Vor allem Portugal und Spanien schicken Missionare, die den Katholizismus unter den Inselbewohnern verbreiten sollen. Mit Erfolg. Bis zu 500.000 Japaner nehmen den christlichen Glauben an. SPRECHER 2: Russland hat in dieser Zeit noch kein Interesse an dem Inselstaat. Doch ausgerechnet durch diese Christianisierung kommt ein früher Kontakt zustande. Ende des 16. Jahrhunderts reist ein japanischer Augustinermönch in Mission des Papstes durch das Zarenreich, wird festgenommen wegen Spionageverdachts und verlebt seine letzten Jahre in Russland. Doch Interesse an dem Inselstaat weckt ein einzelner japanischer Einwohner doch noch nicht. SPRECHER 2: Die japanischen Machthaber stoßen sich allerdings zunehmend am großen Erfolg der europäischen Missionare in ihrem Land. MUSIK ENDE O-Ton 2: [The Tokugawa Japanese government was not comfortable] OV männlich. Die japanische Regierung von Tokugawa fühlte sich mit dieser Situation nicht wohl und empfand sie als eine Herausforderung ihrer Macht, da die japanischen Christen eine Art Loyalität gegenüber einer ausländischen Macht hatten. Und obwohl einige der örtlichen Daimo, die örtlichen Adeligen, zum Christentum konvertierten, versuchte die Zentralregierung etwa in den 1630er Jahren, es auszurotten. Daher wurden die sogenannten Abschottungsgesetze verhängt. Zunächst begannen sie mit der Verfolgung von Christen, so dass viele hingerichtet oder gemartert wurden. Und dann verhinderten sie schrittweise die Ankunft fremder Schiffe. Und sie machten es ausländischen Menschen unmöglich, dort Handel zu treiben und zu existieren. SPRECHER 2: Die Botschaft kommt im Westen an. Für den langen und gefährlichen Seeweg von Europa nach Japan ist das keine lohnende Aussicht. Und so bleiben die europäischen Mächte der verheißungsvollen Inselgruppe erst einmal fern. MUSIK ERZÄHLER: Japan ist nun verschlossen wie eine Schatztruhe, zu der man den Schlüssel verloren hat. SPRECHERIN 1: Auch japanische Untertanen dürfen das Land nicht mehr verlassen. Tun sie es doch, so dürfen sie nicht mehr zurückkommen. Seit dem Jahr 1638 ist die Isolation gegen Westen allumfassend. – Mit einer Ausnahme: Die Holländer. Da sie nie versucht haben, die Japaner zu missionieren, dürfen sie einen Handelsposten in Nagasaki behalten. Das ist jedoch alles, was sie die meiste Zeit von dem Land mitbekommen. Nur einmal alle fünf Jahre reist eine holländische Delegation in die Hauptstadt Edo. Auf dieser Hofreise huldigen sie den Shoguns, und berichten über die „westlichen Barbaren“, wie es die Japaner sehen. SPRECHER 2: Andersherum fließen die Informationen weitaus schlechter. SPRECHERIN 1: Viele Berichte schreiben die Holländer nicht über Japan und die wenigen, die es gibt, sind ungenau und werden oft erst viel später veröffentlicht. SPRECHER 2: So bleiben die Ambitionen in Bezug auf den isolierten Inselstaat erst einmal gedämpft. Wie gut die Informationssperre funktioniert, belegt eine wichtige Quelle, die überhaupt nichts mehr Offizielles hat – aber nun Russland ins Spiel bringt: Schiffbrüchige. SPRECHERIN 1: Immer wieder geraten Seeleute mit ihren Schiffen an der japanischen Küste in einen der vielen Stürme und werde abgetrieben. An der sibirischen Ostküste werden solche Matrosen oft von der Bevölkerung aus dem Meer gefischt. So kommt das Zarenreich, das sich gerade den gesamten asiatischen Kontinent entlang in Sibirien ausbreitet, immer mehr in Kontakt mit Bewohnern der mythisierten Inseln. SPRECHER 2: Einer von ihnen ist Denbei, ein wahrer Glücksfall für das Zarenreich, das gerade unter Peter dem Großen zu expandieren beginnt. ERZÄHLER: Denbeis Handelsschiff wird in den späten 1690ern nach Kamtschatka abgetrieben. Er ist der einzige Überlebende und wohnt eine ganze Weile bei den Einheimischen. Das Klima ist kalt, die Lebensweise einfach und die Kost aus fermentiertem Fisch bekommt Denbei schlecht. Da wird er ein zweites Mal gerettet: von Wladimir Atlassow, dem Entdecker und Unterwerfer Kamtschatkas. SPRECHERIN 1: Atlassow bringt Denbei 1702 nach St. Petersburg, wo Zar Peter der Große den Japaner begierig nach seiner Heimat befragt. Die russischen Ambitionen sind geweckt. Während Denbei den Rest seines Lebens in St. Petersburg und Sibirien verbringt, plant die zarische Regierung die nächsten Schritte Richtung Japan. SPRECHER 2: Einige Russen sollen in Japanisch ausgebildet werden. MUSIK ENDE O-TON 3: [Peter the Great had this idea that it would be useful] OV männlich. Allerdings hatte das aus mehreren Gründen einen schwankenden Erfolg: Erstens waren die Lehrer notwendigerweise schiffsbrüchige Japaner, es handelte sich also größtenteils um Seeleute, die nicht über ein sehr hohes Bildungsniveau verfügten und nicht unbedingt Standardjapanisch sprachen. Und sie waren sicherlich nicht an die Art von Japanisch gewöhnt, die in diplomatischen Verhandlungen verwendet wurde, und viele von ihnen konnten kein Japanisch schreiben. Das andere Problem bestand darin, dass niemand Japanisch lernen wollte, keiner der Russen wollte das, sodass die meisten Schüler dazu gezwungen werden mussten. SPRECHER 2: Ein paar Dolmetscher und Wörterbücher waren das Ergebnis. Also ein Projekt ohne großen Durchschlag. SPRECHERIN 1: Und es dauert auch noch bis 1739, bis Russen endlich japanischen Boden betreten. Eine Nebenmission der Großen Nordischen Expedition unter Vitus Bering, die Sibirien erforscht, soll nach Japan segeln. Martin Spanberg und William Walton erreichen tatsächlich die gesuchten Ufer. Doch: O-TON 4: [In St. Petersburg nobody believed they had actually been] OV männlich. In St. Petersburg glaubte niemand, dass sie tatsächlich in Japan gewesen waren, weil die Koordinaten, an denen sie angeblich waren, nicht mit denen übereinstimmten, wo Japan auf den Karten liegen sollte, und so brauchten sie einige Zeit, um die Behörden davon zu überzeugen, dass sie tatsächlich überhaupt in Japan gewesen waren. MUSIK SPRECHER 2: So kurz der Kontakt war, so gering war der Eindruck, den die Russen hinterlassen hatten. Japan hat, wenn überhaupt eines, dann ein negatives Bild vom Zarenreich. Ihre einzigen Quellen: die Holländer. Und diesen berichtet ausgerechnet ein ungarischer Abenteurer namens Moritz Benjowski von feindlichen Absichten Russlands. SPRECHERIN 1: Benjowski war wegen aufständischer Aktivitäten gegen den russischen Einfluss in Polen gefangen genommen worden. Im Exil in Sibirien und Kamtschatka schafft er es jedoch, mit anderen politischen Gefangenen des Zarenreichs ein Schiff zu stehlen. Seine Flucht führt ihn 1771 auch nach Japan. MUSIK ENDE Ein paar kleinere, ergebnislose Expeditionen schickt das Zarenreich noch nach Japan, dann lenken die Kriege gegen das Osmanische Reich und Schweden die Aufmerksamkeit erst einmal auf andere Angelegenheiten. MUSIK SPRECHER 2: Dann endlich - die entscheidende Wende: im Jahr 1792, sendet Zarin Katharina die Große Adam Laxman nach Japan, einen 26 Jahre jungen Leutnant finnisch-schwedischer Herkunft. Er soll eine Gruppe japanischer Schiffsbrüchiger nachhause bringen und unter diesem Vorwand Verhandlungen über Handelsverträge einleiten. ERZÄHLER: In feierlicher Prozession ziehen die Russen durch die Straßen von Matsumae, Leutnant Laxman getragen von acht feingekleideten Japanern. Auf dem Weg zu dem Botschaftsgebäude sehen sie die neugierigen Bewohner an den Fenstern ihrer Häuser stehen. Doch die Straßen sind wie leergefegt, nur Gardisten in offizieller Uniform stehen mit ihren Speeren an den Kreuzungen Spalier. MUSIK ENDE MUSIK privat Take 003 “Ivar Captured by Russian Riders”; Album: Vikings (Music From Season Six); Label: Sony Classical – 19439711182; Interpret: Trevor Morris; Komponist; Trevor Morris; ZEIT: 01:20 SPRECHERIN 1: Die Gesandtschaft aus Edo hat eine klare Antwort für Laxman. Hier und jetzt wird es keinen Vertrag geben. Doch sie geben ihm die Erlaubnis, ein einziges Schiff nach Nagasaki zu schicken, wo sie über Handelsbeziehungen sprechen können. SPRECHER 2: Mehr hat er nicht erwartet. SPRECHERIN 1: Mit diesem Ergebnis, einigen Karten und japanischen Waren kehrt Laxman ins Zarenreich zurück. Doch die russische Regierung hat gerade andere Probleme: Das revolutionäre Gedankengut der französischen Revolution breitet sich in Europa zunehmend bedrohlich aus und Katharina die Große stirbt. Erst 10 Jahre später nimmt der neue Zar das Verhandlungsangebot der Japaner an und schickt eine Gesandtschaft unter Nikolai Resanow nach Nagasaki. Resanow ist der Vorsitzende der Russländisch-Amerikanischen Handelskompagnie und hat ein explizites Interesse an Japan als Zwischenstopp für seine Handelsschiffe. SPRECHER 2: Doch Resanow erhält mitnichten den Empfang, den er erwartet hat. MUSIK ENDE O-TON 6: [Rezanov certainly was kept very restrictive] OV männlich. Rezanov wurde sicherlich sehr restriktiv behandelt, er durfte sein Schiff eine Zeit lang nicht verlassen und als er sein Schiff verlassen durfte, wurde den Russen ein bestimmter Bereich im Hafen von Nagasaki zugewiesen, der von einer Art Barriere umgeben war, damit sie die Stadt nicht betreten konnten und es wurde ihnen auch jeglicher Kontakt mit der niederländischen Siedlung verwehrt. Die Japaner verteidigten also jede Information sehr eifersüchtig, das kann man meiner Meinung nach sagen. SPRECHER 2: Und die Gespräche über Handel? Ergeben, dass Japan keine solchen Verträge mit dem Zarenreich schließen wird. Resanow kehrt unverrichteter Dinge zurück. Fast. MUSIK SPRECHERIN 1: Denn unterwegs schickt er noch zwei Marineoffiziere, Nikolai Chwostow und Gawriil Dawydow, nach Japan. Im Auftrag der russländisch-amerikanischen Handelskompanie überfallen die beiden mit ihren Schiffen japanische Siedlungen auf Sachalin. ERZÄHLER: Sie plündern, nehmen Gefangene und stecken Häuser in Brand. In Sachalin hinterlassen sie eine Botschaft: Weitere Überfälle werden folgen, drohen sie, wenn die Japaner weiter Handelsbeziehungen verweigern. Ein paar Monate später reiben sie die Garrison in Iturup auf und wenden sich wieder den japanischen Inseln zu. Kein Schiff ist vor ihnen sicher. SPRECHERIN 1: Auf dem Heimweg werden die beiden von einem Kommandanten des Zaren festgenommen und in St. Peterburg vor Gericht gestellt. Sie entgehen einer Strafe nur knapp. Der diplomatische Schaden ist jedoch angerichtet. Japan steht dem Zarenreich so misstrauisch gegenüber wie nie zuvor. MUSIK ENDE SPRECHER 2: Aus japanischer Sicht ist es höchste Zeit, selbst Informationen über Russland einzuholen. Die Gelegenheit bekommen sie im September 1811 in Form einer russischen Expedition auf die Kurilen; eine Inselkette, an der sowohl Japan als auch Russland interessiert ist. MUSIK Kommandant Wassili Michailowitsch Golownin gerät mit einem Teil seiner Crew auf der Insel Kunaschir in einen japanischen Hinterhalt und wird festgenommen. Sein zweiter Mann, Rikord, der auf dem Schiff Diana zurückgeblieben ist, muss hilflos dabei zusehen. Gefesselt wird der verhaftete Trupp nach Hakodate gebracht und verhört. ERZÄHLER: In einem Käfig aus Rundhölzern sitzen die russischen Gefangenen. Den eisigkalten japanischen Winternächten sind sie schutzlos ausgeliefert. Stundenlang dauern oft die Verhöre. Die Japaner wollen alles über das Zarenreich und die Menschen dort erfahren. SPRECHERIN 1: Das Misstrauen der Japaner in ihre Gefangenen schwindet, doch eine Freilassung ist noch lange nicht in Sicht. Immerhin werden sie nach Matsumae verlegt, wo sich die Bedingungen ihrer Gefangenschaft deutlich verbessern. MUSIK ENDE Zeitgleich bemüht sich Rikord um die Befreiung Golownins. Im Oktober 1813 kann er schließlich die verlangten Dokumente der Zarenregierung vorlegen, die versichern, dass die Überfälle von Chwostow und Dawydow nicht vom russischen Staat befohlen worden sind. Daraufhin sind Golownin und seine Leute frei. MUSIK privat Take 003 “Ivar Captured by Russian Riders”; Album: Vikings (Music From Season Six); Label: Sony Classical – 19439711182; Interpret: Trevor Morris; Komponist; Trevor Morris; ZEIT: 00:42 SPRECHER 2: Doch für die ganzen nächsten 40 Jahre muss der russische Plan, mit Japan Handelsbeziehungen einzugehen, hintenanstehen. SPRECHERIN 1: Die Napoleonischen Kriege und die darauffolgende Neuordnung Europas lenken die Aufmerksamkeit der russischen Regierung zunächst nach Westen. Als der Blick zurück nach Osten geht, hat sich die Lage dort verändert: Die südasiatischen Gewässer sind nun endgültig zum Spielfeld des westlichen Imperialismus geworden. Und von diesem Schauplatz liegt Japan nicht weit entfernt. MUSIK ENDE O-TON 8: [It was not just Russia] OV männlich. Japan war auch einfach da und hatte keinen Kontakt mit dem Rest der Welt und in gewisser Weise war das meiner Meinung nach eine Art Herausforderung. Es war ein Gebiet, das es zu erforschen und in die Welt der Wissenschaft und die moderne Welt zu bringen galt, sie mochten keine Außenseiter, jemanden, der sich nicht an die gleichen Regeln hielt. MUSIK SPRECHERIN 1: Japan, seine Häfen und seine Ressourcen sind begehrt. Das große Mysterium, das mit seiner Isolation Hand in Hand geht, macht es zu einem faszinierenden Ort. Im Zarenreich wird der Inselstaat auch jetzt noch stark romantisiert als ein reiches, geradezu paradiesisches Land, in dem auch barbarische Grausamkeit herrschen soll. SPRECHER 2: Japan auf der anderen Seite spürt, wie sich die Schlinge immer weiter zuzieht. MUSIK ENDE MUSIK SPRECHERIN 1: Der Opium-Krieg von 1838 bis ´42 zwischen Großbritannien und Japans Nachbar China öffnet gewaltsam die chinesischen Märkte für den europäischen Handel und entzieht dem Reich der Mitte die Souveränität über den eigenen Außenhandel. Die Angst vor einer ähnlichen Öffnung wächst in Japan. SPRECHER 2: Berechtigterweise. Denn im Oktober 1852 entsendet Zar Nikolaus I. eine große Expedition unter dem Kommando von Admiral Jewfimi Wassiljewitsch Putjatin nach Japan. MUSIK ENDE O-TON 9: [It looks like the Putjatin was partly sent] OV männlich. Es sieht so aus, als wäre Putjatin zum Teil deshalb geschickt worden, weil die Russen wussten, dass die Amerikaner und die Europäer ebenfalls Botschaften nach Japan entsandten und sie zuerst dort ankommen wollten. Und sie wollten nicht im Nachteil sein, wenn ein kommerzieller Durchbruch gelang. SPRECHER 2: Relativ zeitgleich mit den schwarzen Kriegsschiffen des US-amerikanischen Commodore Matthew Perry macht sich die russische Gesandtschaft auf den Weg in das verheißene Land. SPRECHERIN 1: Dafür segeln sie einmal um die halbe Welt: von Kronstadt vor St. Petersburg über London, einmal um Afrika herum nach Kapstadt und an der südlichen Küste Asiens zuerst nach China und dann nach Japan. MUSIK SPRECHER 2: Der Homer dieser Reise, wie er sich selbst empfindet, soll Iwan Gontscharow sein. Heute gilt er als einer der großen Namen unter den russischen Autoren, auf einer Linie mit Tolstoi und Dostojewski. Damals ist er gerade einmal im Zarenreich als Schriftsteller etabliert und hauptberuflich Beamter. Diese große Fahrt holt ihn aus seinem eher biederen Alltag und wird das Abenteuer seines Lebens. ERZÄHLER: Eine verschlossene Schatulle, zu der man den Schlüssel verloren hat. So empfindet Gontscharow das märchenhafte Land, zu dem er sich aufmacht. Die Schönheit der Landschaft entzückt ihn, sie sei wie die malerische Kulisse eines Zauberballetts. SPRECHERIN 1: In seinem Reisebericht, der sein meistgelesenes Werk werden soll, gibt er sich nicht nur schwärmerischen Landschaftsbeschreibungen hin, sondern auch gierigen Kolonialisierungsfantasien. ERZÄHLER: Wie eifrige Kinder eilen die Japaner den Russen voraus, als sie zu Verhandlungen an Land gehen. Oft genug ein Grund für Gontscharow und seine Gesellschaft, lauthals zu lachen. In seinen Augen ist es Zeit, dass sich Europäer der reichen Ressourcen und fruchtbaren Böden der Insel annehmen. MUSIK ENDE SPRECHERIN 1: Am 31. März 1854 geben die Japaner dem immensen Druck des US-Amerikaners Perry nach und unterzeichnen den Vertrag von Kanagawa, der die Häfen Hakodate und Shimoda für amerikanische Schiffe öffnet. Genau dorthin segelt Putjatin nun, voller Ungeduld und ohne Genehmigung. SPRECHER 2: Er war das Warten leid und rückt nun der Regierung in Shimoda auf den Pelz. Doch ein Erdbeben zerstört seine Schiffe und den Großteil des Hafens. Nun müssen Russen und Japaner zusammenarbeiten, um der Katastrophe Herr zu werden. Das Ergebnis der freundschaftlichen Kooperation ist ein Handelsvertrag, der den der US-Amerikaner weit übersteigt: Drei Häfen werden geöffnet und ein russisches Konsulat soll auch errichtet werden. O-TON 10: [It did give them access to ports] OV männlich. Es verschaffte ihnen Zugang zu Häfen für die Umrüstung von Schiffen […] Ob der Handel sich jemals auf das belief, was sie erhofft hatten, bin ich mir nicht sicher. SPRECHERIN 1: Ein Triumpf für das Zarenreich. Doch für die japanische Regierung sind diese ungleichen Verträge eine Blamage, eine Unterwerfung unter die Russen, die in ihren Augen Barbaren sind. Die Folge sind gravierend: eine umfassende politische Erneuerung und eine forcierte Entwicklung der Industrie und Kultur nach westlichem Vorbild. Für Japan bricht damit eine neue Ära an. Denn der Inselstaat schlägt nun einen völlig entgegengesetzten Weg ein. Von jetzt an wird er alle möglichen Mittel dafür aufbringen, mit den westlichen Mächten gleichzuziehen. MUSIK SPRECHER 2: In Westeuropa und in Russland bricht die Faszination von Japan mit seiner Öffnung allerdings nicht ab. Im Gegenteil, alles reißt sich um Gegenstände aus dem Inselstaat, japanische Kunst wird gesammelt und in die europäische Malerei, Literatur und Musik integriert. Japonismus heißt diese Strömung, die die Sehnsucht nach dem märchenhaften Japan Kult werden lässt. ERZÄHLER: Fächer, Puppen, Holzdrucke, Porzellan und Kimonos. Das reiche Land der aufgehenden Sonne hat sich endlich geöffnet. SPRECHER 2: Ein Stück Märchenland für alle. Ein Märchenland, das nun alles daransetzen wird, um vom Mythos – selbst zu einer Weltmacht zu werden.
- Tierversuche - Immer noch unverzichtbar?
30.11.2023 · 23 Min.
Tierversuche sind ein Grundpfeiler medizinischer Forschung, Labore die Lebenswelt zahlreicher Tierarten. Als Gesellschaft akzeptieren wir diese Tiernutzung, auch wenn sich dagegen immer wieder Proteste regen. Wie wird dem Wohlergehen dieser Tiere Rechnung getragen? Und gibt es vielleicht doch Alternativen? (BR 2021) Autorin: Christiane Seiler Credits Autor/in dieser Folge: Christiane Seiler Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Hemma Michel, Thomas Birnstiel, Rahel Comtesse Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Dr. med. Stefan Hippenstiel, Sprecher Charité 3R; Prof. Dr. med. vet. Christa Thöne-Reineke, FU-Berlin, Institut für Tierschutz, Tierverhalten und Versuchstierkunde; Prof. Dr. Sina Bartfeld, TU-Berlin, Institut für medizinische Biotechnologie Literaturtipp: Mai Thi Nguyen-Kim: Die kleinste Gemeinsame Wirklichkeit. München 2021, Kapitel 8: Sind Tierversuche ethisch vertretbar? Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecher Der Hamsterkauf — ein Phänomen, das zu Beginn der Corona-Pandemie zu absurden Szenen führte. Aber wer kennt das „Hamstermodell“? MUSIK 2: Hydroxy Lemon (a) - C1592790123 – 35 Sek Sprecherin Dieser Begriff meint den Goldhamster als Versuchstier. Denn ausgerechnet in den Atemwegen des Syrischen Goldhamsters wütet das Virus Sars Cov 2 ähnlich wie beim Menschen und führt zu ähnlichen Erkrankungen. Der Hamster ist, neben genveränderten Mäusen und Frettchen, ein „Tiermodell“ für menschliche Infektionskrankheiten. Professor Stefan Hippenstiel leitet an der Berliner Charité eine Gruppe zur Erforschung von Infektionskrankheiten der Lunge: O-Ton 1 Stefan Hippenstiel Wenn wir bei dem Beispiel Sars Cov 2 bleiben ist eine wichtige Frage, wenn das Virus den Körper erreicht hat, wo vermehrt es sich denn überhaupt, was sind denn die Zellen im Körper, in denen das Virus wächst und von denen aus es sich verbreitet? Und das kann man auf zwei Weisen untersuchen, indem man zum einen entsprechend Tiere infiziert und in diesen Tieren das genau untersucht, und zum zweiten ergänzen wir es hier an der Charité durch menschliche Modelle, wo wir humane Proben nehmen in denen wir, als Alternativmethode zum Tierversuch, Infektionen im menschlichen Gewebe machen und gucken, ist das da genauso und diese Kombination macht dann die Aussagen auch sehr wertvoll. Dann sieht man, wo spiegelt das Tiermodell die Realität wieder, und wo finde ich in meiner Alternativmethode dasselbe wie in einem in vivo Experiment. Sprecherin In Stefan Hippenstiels Antwort klingt es schon an: Die Wissenschaft ist an Alternativen zu Tierversuchen sehr interessiert. Und sicher wäre es auch den meisten Menschen hierzulande lieber, wenn keine Tierversuche mehr durchgeführt würden. Jeder kennt wohl die mitleiderregenden Fotos von Katzen, denen Drähte aus dem Kopf ragen und Kaninchen mit kahlen, entzündeten Hautstellen. Andererseits haben viele Jahre Erforschung des Sars Cov Virus, das bereits in den Jahren 2002 und 2003 eine Pandemie ausgelöst hatte, die schnellen Fortschritte im Lauf des Jahres 2020 erst ermöglicht. Und dass Hamster sich gut für Versuche mit dem Sars Cov 2 Virus eigneten wusste man, weil er in dieser früheren Forschung bereits eine große Rolle spielte. Mit Hilfe der Hamster lernte man viel darüber, wie sich der Erreger im Körper ausbreitet und wie schnell er von Tier zu Tier übertragen wird. Sprecher Bei den Hamsterversuchen handelt es sich um Experimente der angewandten Forschung, mit denen man versucht, Krankheiten besser zu verstehen und neue Therapien zu entwickeln. 50% aller Tierversuche werden im Bereich der Grundlagenforschung durchgeführt, wo es darum geht, dem Funktionieren des Organismus und den Prozessen, die im Körper ablaufen, auf den Grund zu gehen. Auch für den Artenschutz, die Verhaltensbiologie, die Tiermedizinische Forschung und die Aus- und Weiterbildung wird mit Tieren experimentiert. Bei rund 30% aller Tierversuche handelt es sich um gesetzlich vorgeschriebene Tests von Chemikalien und Arzneimitteln, bevor sie mit Menschen in Kontakt gebracht werden. Dabei soll deren Wirksamkeit überprüft und eventuelle Schädlichkeit ausgeschlossen werden, auch für die Sicherheit von Menschen, die am Arbeitsplatz mit solchen Chemikalien umgehen. Tierversuche für Kosmetika sind übrigens EU-weit seit 2013 verboten. Dennoch enthalten fast alle in den Drogerien erhältlichen Kosmetika Stoffe, die irgendwann einmal an Tieren getestet wurden. Sprecherin In der Corona-Forschung ging es im Laufe des Jahres 2020 sehr schnell darum, Impfstoffe zu entwickeln, die vor der Krankheit schützen sollten. Ehe aber überhaupt ein Impfstoff oder eine Arznei an Menschen erprobt werden darf, muss an Tieren getestet werden. Auch diese sogenannten ‚Präklinischen Studien‘ sind gesetzlich vorgeschrieben. Am Beispiel des Impfstoffs von BioNtech/Pfizer lässt sich nachvollziehen, welche Tierarten mit wie vielen Individuen hier zum Einsatz kamen, nämlich 96 Mäuse, 204 Ratten und 21 Rhesusaffen. Die Affenversuche für den Impfstoff wurden übrigens nicht in Deutschland, sondern in den USA durchgeführt. MUSIK 3: Hydroxy Lemon (a) - C1592790123 – 1:17 Min Sprecher Tierversuche sollen also garantieren, dass Chemikalien und Arzneimittel sicher sind, sie tragen dazu bei, uns vor ansteckenden Krankheiten zu schützen und führen zu Erkenntnissen, die unser Leben verlängern und verbessern. Dennoch ist gesellschaftlich kaum etwas so umstritten wie Tierversuche. Das ethische Dilemma, dass wir einerseits Tierleid ablehnen, aber andererseits eine sichere Umwelt und wirksame Arzneimittel haben möchten, scheint unauflöslich. Zudem sind viele falsche Informationen im Umlauf, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Tierversuche durchführen, werden immer wieder unter den Generalverdacht der Tierquälerei gestellt und nicht selten sogar zum Ziel von Hasskampagnen. Um mehr Fakten in die Diskussion zu bringen, ist die Allianz der Wissenschaftsorganisationen — dazu gehören unter anderen die Max-Planck-Gesellschaft und die Deutsche Forschungsgemeinschaft — in die Informationsoffensive gegangen: unter anderem mit der Plattform „Tierversuche verstehen“ stellt sie Informationen bereit und weicht auch unangenehmen Fragen nicht aus. Das Bundesinstitut für Risikobewertung informiert auf der Webseite „Animaltestinfo“ über Tierversuche, die in Deutschland stattfinden: O-Ton 2 Thöne-Reineke Ich glaube, dass wir gerade im Versuchstierbereich, weil wir so in der öffentlichen Kritik und Diskussion stehen, immer einen Schritt weiter sind, und aus meiner Sicht kann man tatsächlich aus dem Versuchstierbereich in den anderen Bereichen lernen. Sprecherin Professorin Christa Thöne-Reineke leitet an der Freien Universität Berlin das Institut für Tierschutz, Tierverhalten und Versuchstierkunde am Fachbereich Veterinärmedizin. Als Tierschutzbeauftragte hat sie das Wohlbefinden aller Tiere im Blick: O-Ton 3 Thöne-Reineke So bitter sich das jetzt vielleicht anhört, ganz viel sogenannte Qualzuchtrassen, in unserem Bereich der Versuchstiere, das wären genehmigungspflichtige Tierversuche, wenn man diese Tiere züchten wollte. Und da gibt es ganz klare Abbruchkriterien, wann die eingeschläfert gehörten. Da hat der Mensch Tiere gezüchtet, weil er das Kindchenschema schön findet, auch ohne Rücksicht auf das Tier, und das gibt es im Bereich Hund, Katze, bei Fischen, bei Vögeln, und wenn man ganz ehrlich hinschaut, ist es auch ein Problem bei den landwirtschaftlichen Nutztieren, wo wir natürlich nicht aus Schönheitsidealen, sondern auf Leistung selektiert haben, und wo dann auch die Tiere einfach überfordert werden. MUSIK 4: „past behaviour“ – Z8001312105 - 1:06 Min Sprecher Von allen Tieren, die Menschen für ihre eigenen Zwecke nutzen und ausbeuten, machen die Versuchstiere nur einen verschwindend kleinen Prozentsatz aus. 2019 wurden in Deutschland 2,8 Millionen Tiere in Versuchen eingesetzt. Dem stehen allein 620 Millionen Hühner und 57 Millionen Schweine gegenüber, die in Deutschland jährlich geschlachtet und verspeist werden. Die allermeisten Versuchstiere in Deutschland sind Mäuse, gefolgt von Fischen, Ratten und Kaninchen. EU-weit gilt seit September 2010 die RICHTLINIE 2010/63/EU zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere. Laut Artikel 4 dieser Richtlinie sind jegliche Tierversuche innerhalb der EU dem Grundsatz der Vermeidung, Verminderung und Verbesserung verpflichtet, sprich: dem sogenannten 3R-Prinzip. Stefan Hippenstiel hat mit einigen Kollegen „Charité 3R“ ins Leben gerufen: O-Ton 4 Hippenstiel Und eigentlich handelt es sich um eine ethische Handlungsanweisung für die Forschung mit Tieren. Und dieses 3R steht für die ersten Buchstaben von replace, reduce und refine. Refine heißt, dass ich einen Tierversuch im Sinne des Tierleids reduziere, ein Beispiel wäre hier bessere Tierhaltung, mit weniger Stress für die Tiere beim Umsetzen der Tiere, oder verbesserte Gabe eines schmerzstillenden Medikamentes. Reduce, verringern, bedeutet, ich mache einen Tierversuch, wo ich vorher 100 Tiere brauchte, jetzt mit 70 Tieren, bei der gleichen Aussagekraft oder besser noch einer besseren Aussagekraft, indem ich das Versuchsdesign ändere, andere Statistiken nutze oder was auch immer. Also Reduktion von Tieren in einem gegebenen Versuch. Und das einfachste zu verstehen ist replace, das heißt einfach Vermeiden oder Ersatz. Ich hatte einen Tierversuch, jetzt habe ich eine Alternativmethode und ich mache den Tierversuch nicht mehr. MUSIK 5: „Playful explanation“ - Z8035998102 – 25 Sek Sprecher Was Alternativen zu Tierversuchen angeht, hat sich in den vergangenen Jahren sehr viel getan. Viele gesetzlich vorgeschriebene pharmakologische oder toxikologische Tests werden nicht mehr an Tieren, sondern an Zellkulturen durchgeführt. Und auch in der angewandten Forschung kommen mehr und mehr Alternativmethoden zum Einsatz: O-Ton 5 Hippenstiel Nehmen wir noch mal das Beispiel Covid: Wir haben bei uns ein ex vivo, also außerhalb des Körpers Infektions-Modell von menschlichem Lungengewebe aufgebaut. Das flankieren wir mit Organoiden, diesen kleinen Mini-Organen, menschlicher Lunge. Und daneben legen wir Proben von Verstorbenen an Covid. Und in diesen Modellen sind wir in der Lage, die Verbreitung des Virus, die Effekte auf die Körper außerhalb des menschlichen Körpers aber in menschlichem Gewebe nachzuvollziehen. Und das hilft uns dabei, auf bestimmte Tierversuche mit genau dieser Frage zu verzichten. Sprecherin In die Entwicklung von Organoiden setzt die Forschung große Hoffnungen. Einerseits, um Tieren Leid zu ersparen, andererseits sollen mit den kaum senfkorngroßen Miniorganen bessere Modelle des menschlichen Körpers entwickelt werden. O-Ton 6 Bartfeld Organoide sind definiert als dreidimensionale Zellkulturen, die aus Stammzellen generiert werden, aus jeder Stammzelle kann ein Organoid werden … Sprecherin Professorin Dr. Sina Bartfeld ist Zellbiologin. Von der Universität Würzburg wurde sie im September 2021 an die Technischen Universität Berlin an das Institut für medizinische Biotechnologie berufen. Dort will sie die Erforschung und Entwicklung der Miniorgane weiter vorantreiben: O-Ton 7 Bartfeld Ein Organoid ist gekennzeichnet dadurch, dass es aus verschiedenen Zelltypen besteht, also nicht nur ein Zelltyp, sondern verschiedene Zelltypen, und diese verschiedenen Zelltypen organisieren sich in einem Organoid ein bisschen ähnlich, wie es in einem echten Organ der Fall wäre. Und durch diese dreidimensionale Selbstorganisation bekommt so ein Organoid eine organähnliche Struktur. Sprecherin Organoide sind also wesentlich komplexer als einfache Zellkulturen und werden aus pluripotenten oder adulten Stammzellen gezüchtet. Pluripotente Stammzellen können virtuell zu jedem beliebigen Organ werden und finden bisher vor allem in der Grundlagenforschung Verwendung, weil sie wertvolle Einblicke in die Entwicklungsbiologie liefern. Für ihre Magenorganoide verwendet Sina Bartfeld sogenannte ‚adulte Stammzellen‘ aus dem menschlichen Magenepithel, also der äußeren Magenschleimhaut: O-Ton 8 Bartfeld Denen müssen wir nur ihre Umgebung nachbilden. Wie sie das im Körper auch hätten und kennen. Wir brauchen also eine Umgebung, in der sie sich wohlfühlen, in der sie die Signalstoffe bekommen, die sie auch im echten Organ bekommen würden. Und wenn wir das nachstellen, dann teilen die sich von ganz alleine und bauen von ganz alleine das, was sie aus im echten Leben tun würden, nämlich z.B. jetzt nur die Magenschleimhaut. MUSIK 6: „Playful explanation“ - Z8035998102 – 12 Sek Sprecherin Kann man also heute schon mit Hilfe von Organoiden auf Tierversuche verzichten? O-Ton 9 Bartfeld Sobald ein Organoid die menschliche Physiologie entweder gleichwertig oder doch besser abbilden kann als ein Tierversuch, in dem Moment ist es sofort dem Tierversuch vorzuziehen, weil es aus ethischen Gründen eben dann vorzuziehen ist. Dennoch wird es in naher Zukunft und sicherlich auch in ferner Zukunft noch viele Tierversuche geben, die nicht so einfach ersetzbar sind. Aber, da Organoide aus humanen Stammzellen entstehen, handelt es sich hier eben um humane Zellen, also menschliche Zellen. Und menschliche Zellen können eben gerade in diesem 3d komplexen Miniaturorganmodellen viel besser abbilden, was in einem menschlichen Körper, in menschlichen Zellen passiert, als eine Maus das könnte. Deswegen besteht hier in bestimmten Aspekten sehr begründete Hoffnung, dass es hier Tierversuche ersetzen kann. Sprecher Ein Problem der Miniorgane liegt auf der Hand: Organoide aus adulten Stammzellen bilden nur einen Teil eines menschlichen Organs nach. Aber Organe sind in sich sehr vielschichtig und stehen mit allen anderen Organen des Körpers in ständigem Austausch. Auch darauf sucht die Forschung derzeit eine Antwort. Mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Charité baut die Technische Universität in den nächsten Jahren das Forschungszentrum „Der simulierte Mensch“ auf. Dort soll unter anderem das Problem der Vernetzung verschiedener Organoide untereinander gelöst werden. Schritte in diese Richtung wurden bereits getan, mit der sogenannten ‚Organ on a Chip-Technologie‘. So können auf einen Objektträger beispielsweise ein Leberorganoid und ein Hautorganoid appliziert werden: O-Ton 10 Bartfeld Und die beiden verbinde ich mit einem Minigefäßchen und dieses Gefäß kleide ich auch noch aus mit den Zellen, die das im echten Körper tun den Endothelzellen, und dann verbinde ich das Ganze noch mit einer Minipumpe, die dafür sorgt, dass da auch noch so ein Minikreislauf entsteht, und dann spült mein Minikreislauf die Substanzen, die mein Leberorganoid produziert, auf das Hautorganoid. Und dann kann ich hinterher mein Hautorganoid mikroskopisch analysieren, analysieren, was exponiert das für Gene, was macht denn das, wie stirbt das, lebt das, geht es dem gut oder nicht und so kann ich dann natürlich auch gucken, was passiert mit der Verstoffwechslung von Medikamenten, was ja eine zentrale Funktion der Leber ist und was passiert mit den Abbauprodukten und diese zwei-Organ-Chip Technologie, die ist tatsächlich schon Realität. Sprecherin Bei dieser Forschung geht es also einerseits darum, ethisch fragwürdige Tierversuche zu ersetzen und andererseits darum, Modelle zu entwickeln, die den menschlichen Organismus besser abbilden können, weil es sich um menschliche Zellen handelt. Doch bis es so weit ist, wird man sich in der Grundlagenforschung und angewandten Forschung weiterhin mit Tierversuchen behelfen müssen. Um zumindest das Tierleid zu mindern und unnötige Tierversuche zu vermeiden, kommen die beiden anderen ethischen Grundprinzipien Reduzieren und Verfeinern zum Tragen. MUSIK 7: „Hydroxy Lemon (a) - C1592790123 – 52 Sek Sprecher Wer auch immer in Deutschland und der übrigen EU Tierversuche durchführen möchte, muss bei der zuständigen Behörde einen Antrag stellen. Und darin genau darlegen, warum er welche Tierarten und wie viele Individuen davon benötigt und welche Belastungen das Tier während des Versuchs ertragen muss. Übrigens sind nur Tierversuche an Wirbeltieren sowie Kopffüßlern genehmigungspflichtig. Auch die Methoden, wie ein Tier getötet werden soll, sind je nach Tierart gesetzlich geregelt. Denn meistens wird das Versuchstier nach dem Ende des Experiments getötet und seziert. Immer mehr achtet man darauf, die Ergebnisse einer Sektion so umfassend wie möglich auszuwerten, die Ergebnisse in Datenbanken einzuspeisen und Gewebeproben in Biobanken zu konservieren. MUSIK 8 – „Small lab“ - C1490140001 – 34 Sek Sprecher Tiere, die für Tierversuche bestimmt sind, werden meist extra gezüchtet - ganz überwiegend handelt es sich um Mäuse. Alle Individuen werden in ein Zuchtbuch eingetragen, heute natürlich im Computer in eine Datenbank. So ist für jedes Tier nachvollziehbar, wer die Eltern sind und aus welcher Zuchtlinie es stammt. Sprecherin Bei Mäusen sind das häufig gentechnisch veränderte Zuchtlinien. Doch warum eignen sich Mäuse so besonders gut? Stefan Hippenstiel: O-Ton 12 Hippenstiel Mäuse erwiesen sich als Tiere, die man genetisch sehr gut verändern kann, sogenannte Knockout oder Knockin Mäuse. Man muss sich vorstellen, die Erbsubstanz ist ein Bauplan für den Körper und in diesem Bauplan hat man mit modernen Methoden die einzelnen Unterbaupläne, die einzelnen Gene identifizieren können. Und mit modernen Methoden kann man nun einzelne dieser Unterbaupläne ausschneiden, wegnehmen, man kann sie verändern oder man kann neue einfügen. Oder man kann etwas ganz Neues einbauen, z.B. ein menschliches Gen in eine Maus. Sprecherin Ob nun gentechnisch verändert oder nicht, diese Mäuse sollen ihr Leben im Labor so artgerecht wie möglich verbringen. In der Regel geschieht das in sogenannten IVCs - in individuell belüfteten Käfigen aus durchsichtigem Kunststoff, die an ein Belüftungssystem angeschlossen sind. So gelangt die Abluft nicht in den Raum, sondern über einen Filter nach draußen. Auch in den Laboren der Charité stehen viele dieser Käfige in Regalen übereinander, jeweils bewohnt von mehreren Tieren. An jedem Behälter hängt ein Zettel, der den Versuch beschreibt und die spezielle Maus-Zuchtlinie benennt. In den Käfigen liegen Pappröhren und Sägespäne, Futter und Wasser stehen rund um die Uhr zur Verfügung. Die Art, wie Mäuse im Labor gehalten werden, hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert, meint Christa Thöne-Reineke. Und auch der Umgang mit ihnen: O-Ton 13 Thöne Reineke Das nennt sich Cuphandling und Tunnelhandling. Gerade Mäuse wurden sonst früher häufig nur an der Schwanzwurzel hochgenommen, und jetzt kann man die eben so trainieren, dass sie in die Handfläche gehen oder man kann sie mit einem Tunnel transportieren und das kann man dadurch verbessern, dass man sie mit Klicker-Training trainiert, so wie viele ihre Hunde trainieren. Und dann gibt es aus verhaltensbiologischer Sicht noch weitergehende Untersuchungen, in wie weit man zum Beispiel ein seminaturalistisches Gehege bauen kann, wo man noch mal mehr versucht die wilde Lebensweise der Wildmaus für die Labormaus nachzuahmen, und wo man jetzt erst mal untersucht, was hat das für Effekte, bewährt sich das , ist das positiv, es ist auf jeden Fall deutlich schwerer mit dem Handling, weil die natürlich viel schwieriger einzufangen sind, und was das saubermachen angeht, also es ist sehr komplex, aber das ermöglicht uns, die Mäuse besser zu verstehen. Musik 9 – „Small Lab“ - C1490140001 – 37 Sek Sprecher Die Mäuse wirklich verstehen ist tatsächlich ein Ziel, das sich die Versuchstierkunde gesetzt hat. Und dazu ist es nötig, die Perspektive des Tieres einzunehmen. Eine Doktorandin von Christa Thöne-Reineke hat untersucht, ob Mehrfachnarkosen für Mäuse besonders belastend sind. Der Hintergrund ist, dass man bei Versuchen statt einer Autopsie immer öfter bildgebende Verfahren, also MRT oder CT nutzt und dieselbe Maus im Lauf eines Experiments mehrfach untersucht. Da aber eine Maus beim MRT nicht still hält, muss sie vorher narkotisiert werden. Die Fragestellung war: Ist nicht vielleicht eine solche Mehrfachnarkose in einer Versuchsreihe für die Maus belastender als ein schneller Tod? Sprecherin Die Befindlichkeit der Maus lässt sich unter anderem an ihrem Gesicht ablesen, deshalb machte die Doktorandin nach jeder Narkose Porträts der Mäuse: O-Ton 14 Thöne Reineke Es gibt sogenannte Facial Expression Units, die man sich anguckt, das ist einmal die Stellung der Ohren, der Augen, die Nasenmuskulatur, und die Wiskers … Sprecherin … die Schnurrbarthaare. Auch deren Stellung verrät viel über die Verfassung des Tieres. Die Fotos wurden von drei Personen unabhängig voneinander beurteilt und führten zu eindeutigen Ergebnissen. Das Wohlbefinden der Mäuse verschlechtert sich nicht durch mehrfache Narkosen, MRT und CT helfen also tatsächlich, Tiere einzusparen. MUSIK 10: „Circonflexe“ – Z8018372108 - 45 Sek Sprecher Experimente mit Tieren werden in absehbarer Zeit unverzichtbar bleiben - so lautet der wissenschaftliche Konsens. Obwohl Forschung und Medizin auf vielen Ebenen daran arbeiten, das Tiermodell zu ersetzen: mit Daten- und Biobanken, Zellkulturen und immer ausgereifteren Organoiden. Doch bis sich der menschliche Körper vollwertig simulieren lässt, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Solange sollte alles getan werden, damit Tiere in den Laboren so artgerecht und qualfrei wie möglich leben können. Musik aus. //