Das alte Russland und Japan - Imperium trifft Märchenland
01.12.2023 · 24 Min.
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Ein blühendes Märchenland voller Reichtümer, so wird Japan seit dem Mittelalter gesehen. Doch der Inselstaat isoliert sich von der Außenwelt und bleibt für das Ausland unerreichbar. Das will das Zarenreich jedoch nicht akzeptieren und lässt nichts unversucht, die Isolation des geheimnisvollen Landes zu durchbrechen. Autorin: Fiona Rachel Fischer
Credits
Autor/in dieser Folge: Fiona Rachel Fischer
Regie: Frank Halbach, Fiona Rachel Fischer
Es sprachen: Laura Maire, Christoph Jablonka, Henriette Schmidt, Andreas Neumann
Technik: Andreas Lucke
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview:
David Wells, Curtin University in Perth, Australien
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ZUM PODCAST
Literaturtipps:
Wells, David N.: Russian Views of Japan 1792-1913. An Anthology of Travel Writing. London/New York 2004.
Lim, Susanna Soojung: China and Japan in the Russian Imagination. 1685-1922. To the Ends of the Orient. Abingdon 2013.
Wells, David N.: The Russian Discovery of Japan, 1670-1800. New York 2020.
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK
ERZÄHLER:
Hinter kristallklaren blauen Wassern ganz weit im Osten liegt eine wunderbare Inselgruppe. Die Sonne scheint warm über diesem fernen Land, seine Hügel sind von einem satten Grün, die Wälder üppig und unberührt. Es gibt Gold im Überfluss und Perlen so viele, wie man sich nur wünschen kann.
SPRECHERIN 1:
Japan.
ERZÄHLER:
Ein fernes Land von unermesslicher Schönheit. Ein reiches Land voller Wunder.
SPRECHER 2:
Am Anfang steht ein Märchen.
O-Ton 1: [Japan was invented] /
OV männlich.
Japan wurde erfunden, bevor es entdeckt worden ist.
MUSIK ENDE
MUSIK
SPRECHERIN 1:
So der Historiker David Wells von der Curtin Universität in Perth in Australien. Die Legende von dem unendlichen Reichtum Japans, die seit dem Mittelalter in Europa kursiert, stammt von Marco Polo. Zwar reiste dieser nie selbst nach Japan, dennoch schrieb er in seinen Berichten von riesigen Edelsteinen, Perlen und Goldvorkommen, die dort zu finden seien.
SPRECHER 2:
Das war im 13. Jahrhundert. Erst 3 Jahrhunderte später kommen die europäischen Mächte mit Japan in Kontakt. Doch das Bild von einem märchenhaft wohlhabenden Inselreich im fernen Osten hält sich noch immer.
SPRECHERIN 1:
Zuerst die Portugiesen, dann die Spanier, Engländer und Holländer bauen Mitte des 16. Jahrhunderts Handelsbeziehungen zu Japan auf. Auch ein kultureller Austausch entsteht: Vor allem Portugal und Spanien schicken Missionare, die den Katholizismus unter den Inselbewohnern verbreiten sollen. Mit Erfolg. Bis zu 500.000 Japaner nehmen den christlichen Glauben an.
SPRECHER 2:
Russland hat in dieser Zeit noch kein Interesse an dem Inselstaat. Doch ausgerechnet durch diese Christianisierung kommt ein früher Kontakt zustande. Ende des 16. Jahrhunderts reist ein japanischer Augustinermönch in Mission des Papstes durch das Zarenreich, wird festgenommen wegen Spionageverdachts und verlebt seine letzten Jahre in Russland. Doch Interesse an dem Inselstaat weckt ein einzelner japanischer Einwohner doch noch nicht.
SPRECHER 2:
Die japanischen Machthaber stoßen sich allerdings zunehmend am großen Erfolg der europäischen Missionare in ihrem Land.
MUSIK ENDE
O-Ton 2: [The Tokugawa Japanese government was not comfortable]
OV männlich.
Die japanische Regierung von Tokugawa fühlte sich mit dieser Situation nicht wohl und empfand sie als eine Herausforderung ihrer Macht, da die japanischen Christen eine Art Loyalität gegenüber einer ausländischen Macht hatten. Und obwohl einige der örtlichen Daimo, die örtlichen Adeligen, zum Christentum konvertierten, versuchte die Zentralregierung etwa in den 1630er Jahren, es auszurotten. Daher wurden die sogenannten Abschottungsgesetze verhängt.
Zunächst begannen sie mit der Verfolgung von Christen, so dass viele hingerichtet oder gemartert wurden. Und dann verhinderten sie schrittweise die Ankunft fremder Schiffe. Und sie machten es ausländischen Menschen unmöglich, dort Handel zu treiben und zu existieren.
SPRECHER 2:
Die Botschaft kommt im Westen an. Für den langen und gefährlichen Seeweg von Europa nach Japan ist das keine lohnende Aussicht. Und so bleiben die europäischen Mächte der verheißungsvollen Inselgruppe erst einmal fern.
MUSIK
ERZÄHLER:
Japan ist nun verschlossen wie eine Schatztruhe, zu der man den Schlüssel verloren hat.
SPRECHERIN 1:
Auch japanische Untertanen dürfen das Land nicht mehr verlassen. Tun sie es doch, so dürfen sie nicht mehr zurückkommen. Seit dem Jahr 1638 ist die Isolation gegen Westen allumfassend. – Mit einer Ausnahme:
Die Holländer. Da sie nie versucht haben, die Japaner zu missionieren, dürfen sie einen Handelsposten in Nagasaki behalten. Das ist jedoch alles, was sie die meiste Zeit von dem Land mitbekommen. Nur einmal alle fünf Jahre reist eine holländische Delegation in die Hauptstadt Edo. Auf dieser Hofreise huldigen sie den Shoguns, und berichten über die „westlichen Barbaren“, wie es die Japaner sehen.
SPRECHER 2:
Andersherum fließen die Informationen weitaus schlechter.
SPRECHERIN 1:
Viele Berichte schreiben die Holländer nicht über Japan und die wenigen, die es gibt, sind ungenau und werden oft erst viel später veröffentlicht.
SPRECHER 2:
So bleiben die Ambitionen in Bezug auf den isolierten Inselstaat erst einmal gedämpft. Wie gut die Informationssperre funktioniert, belegt eine wichtige Quelle, die überhaupt nichts mehr Offizielles hat – aber nun Russland ins Spiel bringt: Schiffbrüchige.
SPRECHERIN 1:
Immer wieder geraten Seeleute mit ihren Schiffen an der japanischen Küste in einen der vielen Stürme und werde abgetrieben. An der sibirischen Ostküste werden solche Matrosen oft von der Bevölkerung aus dem Meer gefischt. So kommt das Zarenreich, das sich gerade den gesamten asiatischen Kontinent entlang in Sibirien ausbreitet, immer mehr in Kontakt mit Bewohnern der mythisierten Inseln.
SPRECHER 2:
Einer von ihnen ist Denbei, ein wahrer Glücksfall für das Zarenreich, das gerade unter Peter dem Großen zu expandieren beginnt.
ERZÄHLER:
Denbeis Handelsschiff wird in den späten 1690ern nach Kamtschatka abgetrieben. Er ist der einzige Überlebende und wohnt eine ganze Weile bei den Einheimischen. Das Klima ist kalt, die Lebensweise einfach und die Kost aus fermentiertem Fisch bekommt Denbei schlecht. Da wird er ein zweites Mal gerettet: von Wladimir Atlassow, dem Entdecker und Unterwerfer Kamtschatkas.
SPRECHERIN 1:
Atlassow bringt Denbei 1702 nach St. Petersburg, wo Zar Peter der Große den Japaner begierig nach seiner Heimat befragt. Die russischen Ambitionen sind geweckt. Während Denbei den Rest seines Lebens in St. Petersburg und Sibirien verbringt, plant die zarische Regierung die nächsten Schritte Richtung Japan.
SPRECHER 2:
Einige Russen sollen in Japanisch ausgebildet werden.
MUSIK ENDE
O-TON 3: [Peter the Great had this idea that it would be useful]
OV männlich.
Allerdings hatte das aus mehreren Gründen einen schwankenden Erfolg: Erstens waren die Lehrer notwendigerweise schiffsbrüchige Japaner, es handelte sich also größtenteils um Seeleute, die nicht über ein sehr hohes Bildungsniveau verfügten und nicht unbedingt Standardjapanisch sprachen. Und sie waren sicherlich nicht an die Art von Japanisch gewöhnt, die in diplomatischen Verhandlungen verwendet wurde, und viele von ihnen konnten kein Japanisch schreiben. Das andere Problem bestand darin, dass niemand Japanisch lernen wollte, keiner der Russen wollte das, sodass die meisten Schüler dazu gezwungen werden mussten.
SPRECHER 2:
Ein paar Dolmetscher und Wörterbücher waren das Ergebnis. Also ein Projekt ohne großen Durchschlag.
SPRECHERIN 1:
Und es dauert auch noch bis 1739, bis Russen endlich japanischen Boden betreten. Eine Nebenmission der Großen Nordischen Expedition unter Vitus Bering, die Sibirien erforscht, soll nach Japan segeln. Martin Spanberg und William Walton erreichen tatsächlich die gesuchten Ufer. Doch:
O-TON 4: [In St. Petersburg nobody believed they had actually been]
OV männlich.
In St. Petersburg glaubte niemand, dass sie tatsächlich in Japan gewesen waren, weil die Koordinaten, an denen sie angeblich waren, nicht mit denen übereinstimmten, wo Japan auf den Karten liegen sollte, und so brauchten sie einige Zeit, um die Behörden davon zu überzeugen, dass sie tatsächlich überhaupt in Japan gewesen waren.
MUSIK
SPRECHER 2:
So kurz der Kontakt war, so gering war der Eindruck, den die Russen hinterlassen hatten. Japan hat, wenn überhaupt eines, dann ein negatives Bild vom Zarenreich. Ihre einzigen Quellen: die Holländer. Und diesen berichtet ausgerechnet ein ungarischer Abenteurer namens Moritz Benjowski von feindlichen Absichten Russlands.
SPRECHERIN 1:
Benjowski war wegen aufständischer Aktivitäten gegen den russischen Einfluss in Polen gefangen genommen worden. Im Exil in Sibirien und Kamtschatka schafft er es jedoch, mit anderen politischen Gefangenen des Zarenreichs ein Schiff zu stehlen. Seine Flucht führt ihn 1771 auch nach Japan.
MUSIK ENDE
Ein paar kleinere, ergebnislose Expeditionen schickt das Zarenreich noch nach Japan, dann lenken die Kriege gegen das Osmanische Reich und Schweden die Aufmerksamkeit erst einmal auf andere Angelegenheiten.
MUSIK
SPRECHER 2:
Dann endlich - die entscheidende Wende: im Jahr 1792, sendet Zarin Katharina die Große Adam Laxman nach Japan, einen 26 Jahre jungen Leutnant finnisch-schwedischer Herkunft. Er soll eine Gruppe japanischer Schiffsbrüchiger nachhause bringen und unter diesem Vorwand Verhandlungen über Handelsverträge einleiten.
ERZÄHLER:
In feierlicher Prozession ziehen die Russen durch die Straßen von Matsumae, Leutnant Laxman getragen von acht feingekleideten Japanern. Auf dem Weg zu dem Botschaftsgebäude sehen sie die neugierigen Bewohner an den Fenstern ihrer Häuser stehen. Doch die Straßen sind wie leergefegt, nur Gardisten in offizieller Uniform stehen mit ihren Speeren an den Kreuzungen Spalier.
MUSIK ENDE
MUSIK privat Take 003 “Ivar Captured by Russian Riders”; Album: Vikings (Music From Season Six); Label: Sony Classical – 19439711182; Interpret: Trevor Morris; Komponist; Trevor Morris; ZEIT: 01:20
SPRECHERIN 1:
Die Gesandtschaft aus Edo hat eine klare Antwort für Laxman. Hier und jetzt wird es keinen Vertrag geben. Doch sie geben ihm die Erlaubnis, ein einziges Schiff nach Nagasaki zu schicken, wo sie über Handelsbeziehungen sprechen können.
SPRECHER 2:
Mehr hat er nicht erwartet.
SPRECHERIN 1:
Mit diesem Ergebnis, einigen Karten und japanischen Waren kehrt Laxman ins Zarenreich zurück. Doch die russische Regierung hat gerade andere Probleme: Das revolutionäre Gedankengut der französischen Revolution breitet sich in Europa zunehmend bedrohlich aus und Katharina die Große stirbt. Erst 10 Jahre später nimmt der neue Zar das Verhandlungsangebot der Japaner an und schickt eine Gesandtschaft unter Nikolai Resanow nach Nagasaki. Resanow ist der Vorsitzende der Russländisch-Amerikanischen Handelskompagnie und hat ein explizites Interesse an Japan als Zwischenstopp für seine Handelsschiffe.
SPRECHER 2:
Doch Resanow erhält mitnichten den Empfang, den er erwartet hat.
MUSIK ENDE
O-TON 6: [Rezanov certainly was kept very restrictive]
OV männlich.
Rezanov wurde sicherlich sehr restriktiv behandelt, er durfte sein Schiff eine Zeit lang nicht verlassen und als er sein Schiff verlassen durfte, wurde den Russen ein bestimmter Bereich im Hafen von Nagasaki zugewiesen, der von einer Art Barriere umgeben war, damit sie die Stadt nicht betreten konnten und es wurde ihnen auch jeglicher Kontakt mit der niederländischen Siedlung verwehrt. Die Japaner verteidigten also jede Information sehr eifersüchtig, das kann man meiner Meinung nach sagen.
SPRECHER 2:
Und die Gespräche über Handel? Ergeben, dass Japan keine solchen Verträge mit dem Zarenreich schließen wird. Resanow kehrt unverrichteter Dinge zurück. Fast.
MUSIK
SPRECHERIN 1:
Denn unterwegs schickt er noch zwei Marineoffiziere, Nikolai Chwostow und Gawriil Dawydow, nach Japan. Im Auftrag der russländisch-amerikanischen Handelskompanie überfallen die beiden mit ihren Schiffen japanische Siedlungen auf Sachalin.
ERZÄHLER:
Sie plündern, nehmen Gefangene und stecken Häuser in Brand. In Sachalin hinterlassen sie eine Botschaft: Weitere Überfälle werden folgen, drohen sie, wenn die Japaner weiter Handelsbeziehungen verweigern. Ein paar Monate später reiben sie die Garrison in Iturup auf und wenden sich wieder den japanischen Inseln zu. Kein Schiff ist vor ihnen sicher.
SPRECHERIN 1:
Auf dem Heimweg werden die beiden von einem Kommandanten des Zaren festgenommen und in St. Peterburg vor Gericht gestellt. Sie entgehen einer Strafe nur knapp. Der diplomatische Schaden ist jedoch angerichtet. Japan steht dem Zarenreich so misstrauisch gegenüber wie nie zuvor.
MUSIK ENDE
SPRECHER 2:
Aus japanischer Sicht ist es höchste Zeit, selbst Informationen über Russland einzuholen. Die Gelegenheit bekommen sie im September 1811 in Form einer russischen Expedition auf die Kurilen; eine Inselkette, an der sowohl Japan als auch Russland interessiert ist.
MUSIK
Kommandant Wassili Michailowitsch Golownin gerät mit einem Teil seiner Crew auf der Insel Kunaschir in einen japanischen Hinterhalt und wird festgenommen. Sein zweiter Mann, Rikord, der auf dem Schiff Diana zurückgeblieben ist, muss hilflos dabei zusehen. Gefesselt wird der verhaftete Trupp nach Hakodate gebracht und verhört.
ERZÄHLER:
In einem Käfig aus Rundhölzern sitzen die russischen Gefangenen. Den eisigkalten japanischen Winternächten sind sie schutzlos ausgeliefert. Stundenlang dauern oft die Verhöre. Die Japaner wollen alles über das Zarenreich und die Menschen dort erfahren.
SPRECHERIN 1:
Das Misstrauen der Japaner in ihre Gefangenen schwindet, doch eine Freilassung ist noch lange nicht in Sicht. Immerhin werden sie nach Matsumae verlegt, wo sich die Bedingungen ihrer Gefangenschaft deutlich verbessern.
MUSIK ENDE
Zeitgleich bemüht sich Rikord um die Befreiung Golownins. Im Oktober 1813 kann er schließlich die verlangten Dokumente der Zarenregierung vorlegen, die versichern, dass die Überfälle von Chwostow und Dawydow nicht vom russischen Staat befohlen worden sind. Daraufhin sind Golownin und seine Leute frei.
MUSIK privat Take 003 “Ivar Captured by Russian Riders”; Album: Vikings (Music From Season Six); Label: Sony Classical – 19439711182; Interpret: Trevor Morris; Komponist; Trevor Morris; ZEIT: 00:42
SPRECHER 2:
Doch für die ganzen nächsten 40 Jahre muss der russische Plan, mit Japan Handelsbeziehungen einzugehen, hintenanstehen.
SPRECHERIN 1:
Die Napoleonischen Kriege und die darauffolgende Neuordnung Europas lenken die Aufmerksamkeit der russischen Regierung zunächst nach Westen. Als der Blick zurück nach Osten geht, hat sich die Lage dort verändert: Die südasiatischen Gewässer sind nun endgültig zum Spielfeld des westlichen Imperialismus geworden. Und von diesem Schauplatz liegt Japan nicht weit entfernt.
MUSIK ENDE
O-TON 8: [It was not just Russia]
OV männlich.
Japan war auch einfach da und hatte keinen Kontakt mit dem Rest der Welt und in gewisser Weise war das meiner Meinung nach eine Art Herausforderung. Es war ein Gebiet, das es zu erforschen und in die Welt der Wissenschaft und die moderne Welt zu bringen galt, sie mochten keine Außenseiter, jemanden, der sich nicht an die gleichen Regeln hielt.
MUSIK
SPRECHERIN 1:
Japan, seine Häfen und seine Ressourcen sind begehrt. Das große Mysterium, das mit seiner Isolation Hand in Hand geht, macht es zu einem faszinierenden Ort. Im Zarenreich wird der Inselstaat auch jetzt noch stark romantisiert als ein reiches, geradezu paradiesisches Land, in dem auch barbarische Grausamkeit herrschen soll.
SPRECHER 2:
Japan auf der anderen Seite spürt, wie sich die Schlinge immer weiter zuzieht.
MUSIK ENDE
MUSIK
SPRECHERIN 1:
Der Opium-Krieg von 1838 bis ´42 zwischen Großbritannien und Japans Nachbar China öffnet gewaltsam die chinesischen Märkte für den europäischen Handel und entzieht dem Reich der Mitte die Souveränität über den eigenen Außenhandel. Die Angst vor einer ähnlichen Öffnung wächst in Japan.
SPRECHER 2:
Berechtigterweise. Denn im Oktober 1852 entsendet Zar Nikolaus I. eine große Expedition unter dem Kommando von Admiral Jewfimi Wassiljewitsch Putjatin nach Japan.
MUSIK ENDE
O-TON 9: [It looks like the Putjatin was partly sent]
OV männlich.
Es sieht so aus, als wäre Putjatin zum Teil deshalb geschickt worden, weil die Russen wussten, dass die Amerikaner und die Europäer ebenfalls Botschaften nach Japan entsandten und sie zuerst dort ankommen wollten. Und sie wollten nicht im Nachteil sein, wenn ein kommerzieller Durchbruch gelang.
SPRECHER 2:
Relativ zeitgleich mit den schwarzen Kriegsschiffen des US-amerikanischen Commodore Matthew Perry macht sich die russische Gesandtschaft auf den Weg in das verheißene Land.
SPRECHERIN 1:
Dafür segeln sie einmal um die halbe Welt: von Kronstadt vor St. Petersburg über London, einmal um Afrika herum nach Kapstadt und an der südlichen Küste Asiens zuerst nach China und dann nach Japan.
MUSIK
SPRECHER 2:
Der Homer dieser Reise, wie er sich selbst empfindet, soll Iwan Gontscharow sein. Heute gilt er als einer der großen Namen unter den russischen Autoren, auf einer Linie mit Tolstoi und Dostojewski. Damals ist er gerade einmal im Zarenreich als Schriftsteller etabliert und hauptberuflich Beamter. Diese große Fahrt holt ihn aus seinem eher biederen Alltag und wird das Abenteuer seines Lebens.
ERZÄHLER:
Eine verschlossene Schatulle, zu der man den Schlüssel verloren hat. So empfindet Gontscharow das märchenhafte Land, zu dem er sich aufmacht. Die Schönheit der Landschaft entzückt ihn, sie sei wie die malerische Kulisse eines Zauberballetts.
SPRECHERIN 1:
In seinem Reisebericht, der sein meistgelesenes Werk werden soll, gibt er sich nicht nur schwärmerischen Landschaftsbeschreibungen hin, sondern auch gierigen Kolonialisierungsfantasien.
ERZÄHLER:
Wie eifrige Kinder eilen die Japaner den Russen voraus, als sie zu Verhandlungen an Land gehen. Oft genug ein Grund für Gontscharow und seine Gesellschaft, lauthals zu lachen. In seinen Augen ist es Zeit, dass sich Europäer der reichen Ressourcen und fruchtbaren Böden der Insel annehmen.
MUSIK ENDE
SPRECHERIN 1:
Am 31. März 1854 geben die Japaner dem immensen Druck des US-Amerikaners Perry nach und unterzeichnen den Vertrag von Kanagawa, der die Häfen Hakodate und Shimoda für amerikanische Schiffe öffnet. Genau dorthin segelt Putjatin nun, voller Ungeduld und ohne Genehmigung.
SPRECHER 2:
Er war das Warten leid und rückt nun der Regierung in Shimoda auf den Pelz. Doch ein Erdbeben zerstört seine Schiffe und den Großteil des Hafens. Nun müssen Russen und Japaner zusammenarbeiten, um der Katastrophe Herr zu werden. Das Ergebnis der freundschaftlichen Kooperation ist ein Handelsvertrag, der den der US-Amerikaner weit übersteigt: Drei Häfen werden geöffnet und ein russisches Konsulat soll auch errichtet werden.
O-TON 10: [It did give them access to ports]
OV männlich.
Es verschaffte ihnen Zugang zu Häfen für die Umrüstung von Schiffen […] Ob der Handel sich jemals auf das belief, was sie erhofft hatten, bin ich mir nicht sicher.
SPRECHERIN 1:
Ein Triumpf für das Zarenreich. Doch für die japanische Regierung sind diese ungleichen Verträge eine Blamage, eine Unterwerfung unter die Russen, die in ihren Augen Barbaren sind. Die Folge sind gravierend: eine umfassende politische Erneuerung und eine forcierte Entwicklung der Industrie und Kultur nach westlichem Vorbild. Für Japan bricht damit eine neue Ära an. Denn der Inselstaat schlägt nun einen völlig entgegengesetzten Weg ein. Von jetzt an wird er alle möglichen Mittel dafür aufbringen, mit den westlichen Mächten gleichzuziehen.
MUSIK
SPRECHER 2:
In Westeuropa und in Russland bricht die Faszination von Japan mit seiner Öffnung allerdings nicht ab. Im Gegenteil, alles reißt sich um Gegenstände aus dem Inselstaat, japanische Kunst wird gesammelt und in die europäische Malerei, Literatur und Musik integriert. Japonismus heißt diese Strömung, die die Sehnsucht nach dem märchenhaften Japan Kult werden lässt.
ERZÄHLER:
Fächer, Puppen, Holzdrucke, Porzellan und Kimonos. Das reiche Land der aufgehenden Sonne hat sich endlich geöffnet.
SPRECHER 2:
Ein Stück Märchenland für alle. Ein Märchenland, das nun alles daransetzen wird, um vom Mythos – selbst zu einer Weltmacht zu werden.
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MUSIK 3: Hydroxy Lemon (a) - C1592790123 – 1:17 Min Sprecher Tierversuche sollen also garantieren, dass Chemikalien und Arzneimittel sicher sind, sie tragen dazu bei, uns vor ansteckenden Krankheiten zu schützen und führen zu Erkenntnissen, die unser Leben verlängern und verbessern. Dennoch ist gesellschaftlich kaum etwas so umstritten wie Tierversuche. Das ethische Dilemma, dass wir einerseits Tierleid ablehnen, aber andererseits eine sichere Umwelt und wirksame Arzneimittel haben möchten, scheint unauflöslich. Zudem sind viele falsche Informationen im Umlauf, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Tierversuche durchführen, werden immer wieder unter den Generalverdacht der Tierquälerei gestellt und nicht selten sogar zum Ziel von Hasskampagnen. 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MUSIK 4: „past behaviour“ – Z8001312105 - 1:06 Min Sprecher Von allen Tieren, die Menschen für ihre eigenen Zwecke nutzen und ausbeuten, machen die Versuchstiere nur einen verschwindend kleinen Prozentsatz aus. 2019 wurden in Deutschland 2,8 Millionen Tiere in Versuchen eingesetzt. Dem stehen allein 620 Millionen Hühner und 57 Millionen Schweine gegenüber, die in Deutschland jährlich geschlachtet und verspeist werden. Die allermeisten Versuchstiere in Deutschland sind Mäuse, gefolgt von Fischen, Ratten und Kaninchen. EU-weit gilt seit September 2010 die RICHTLINIE 2010/63/EU zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere. Laut Artikel 4 dieser Richtlinie sind jegliche Tierversuche innerhalb der EU dem Grundsatz der Vermeidung, Verminderung und Verbesserung verpflichtet, sprich: dem sogenannten 3R-Prinzip. Stefan Hippenstiel hat mit einigen Kollegen „Charité 3R“ ins Leben gerufen: O-Ton 4 Hippenstiel Und eigentlich handelt es sich um eine ethische Handlungsanweisung für die Forschung mit Tieren. Und dieses 3R steht für die ersten Buchstaben von replace, reduce und refine. Refine heißt, dass ich einen Tierversuch im Sinne des Tierleids reduziere, ein Beispiel wäre hier bessere Tierhaltung, mit weniger Stress für die Tiere beim Umsetzen der Tiere, oder verbesserte Gabe eines schmerzstillenden Medikamentes. Reduce, verringern, bedeutet, ich mache einen Tierversuch, wo ich vorher 100 Tiere brauchte, jetzt mit 70 Tieren, bei der gleichen Aussagekraft oder besser noch einer besseren Aussagekraft, indem ich das Versuchsdesign ändere, andere Statistiken nutze oder was auch immer. Also Reduktion von Tieren in einem gegebenen Versuch. Und das einfachste zu verstehen ist replace, das heißt einfach Vermeiden oder Ersatz. Ich hatte einen Tierversuch, jetzt habe ich eine Alternativmethode und ich mache den Tierversuch nicht mehr. MUSIK 5: „Playful explanation“ - Z8035998102 – 25 Sek Sprecher Was Alternativen zu Tierversuchen angeht, hat sich in den vergangenen Jahren sehr viel getan. Viele gesetzlich vorgeschriebene pharmakologische oder toxikologische Tests werden nicht mehr an Tieren, sondern an Zellkulturen durchgeführt. Und auch in der angewandten Forschung kommen mehr und mehr Alternativmethoden zum Einsatz: O-Ton 5 Hippenstiel Nehmen wir noch mal das Beispiel Covid: Wir haben bei uns ein ex vivo, also außerhalb des Körpers Infektions-Modell von menschlichem Lungengewebe aufgebaut. Das flankieren wir mit Organoiden, diesen kleinen Mini-Organen, menschlicher Lunge. Und daneben legen wir Proben von Verstorbenen an Covid. Und in diesen Modellen sind wir in der Lage, die Verbreitung des Virus, die Effekte auf die Körper außerhalb des menschlichen Körpers aber in menschlichem Gewebe nachzuvollziehen. Und das hilft uns dabei, auf bestimmte Tierversuche mit genau dieser Frage zu verzichten. Sprecherin In die Entwicklung von Organoiden setzt die Forschung große Hoffnungen. Einerseits, um Tieren Leid zu ersparen, andererseits sollen mit den kaum senfkorngroßen Miniorganen bessere Modelle des menschlichen Körpers entwickelt werden. O-Ton 6 Bartfeld Organoide sind definiert als dreidimensionale Zellkulturen, die aus Stammzellen generiert werden, aus jeder Stammzelle kann ein Organoid werden … Sprecherin Professorin Dr. Sina Bartfeld ist Zellbiologin. Von der Universität Würzburg wurde sie im September 2021 an die Technischen Universität Berlin an das Institut für medizinische Biotechnologie berufen. Dort will sie die Erforschung und Entwicklung der Miniorgane weiter vorantreiben: O-Ton 7 Bartfeld Ein Organoid ist gekennzeichnet dadurch, dass es aus verschiedenen Zelltypen besteht, also nicht nur ein Zelltyp, sondern verschiedene Zelltypen, und diese verschiedenen Zelltypen organisieren sich in einem Organoid ein bisschen ähnlich, wie es in einem echten Organ der Fall wäre. Und durch diese dreidimensionale Selbstorganisation bekommt so ein Organoid eine organähnliche Struktur. Sprecherin Organoide sind also wesentlich komplexer als einfache Zellkulturen und werden aus pluripotenten oder adulten Stammzellen gezüchtet. Pluripotente Stammzellen können virtuell zu jedem beliebigen Organ werden und finden bisher vor allem in der Grundlagenforschung Verwendung, weil sie wertvolle Einblicke in die Entwicklungsbiologie liefern. Für ihre Magenorganoide verwendet Sina Bartfeld sogenannte ‚adulte Stammzellen‘ aus dem menschlichen Magenepithel, also der äußeren Magenschleimhaut: O-Ton 8 Bartfeld Denen müssen wir nur ihre Umgebung nachbilden. Wie sie das im Körper auch hätten und kennen. Wir brauchen also eine Umgebung, in der sie sich wohlfühlen, in der sie die Signalstoffe bekommen, die sie auch im echten Organ bekommen würden. Und wenn wir das nachstellen, dann teilen die sich von ganz alleine und bauen von ganz alleine das, was sie aus im echten Leben tun würden, nämlich z.B. jetzt nur die Magenschleimhaut. MUSIK 6: „Playful explanation“ - Z8035998102 – 12 Sek Sprecherin Kann man also heute schon mit Hilfe von Organoiden auf Tierversuche verzichten? O-Ton 9 Bartfeld Sobald ein Organoid die menschliche Physiologie entweder gleichwertig oder doch besser abbilden kann als ein Tierversuch, in dem Moment ist es sofort dem Tierversuch vorzuziehen, weil es aus ethischen Gründen eben dann vorzuziehen ist. Dennoch wird es in naher Zukunft und sicherlich auch in ferner Zukunft noch viele Tierversuche geben, die nicht so einfach ersetzbar sind. Aber, da Organoide aus humanen Stammzellen entstehen, handelt es sich hier eben um humane Zellen, also menschliche Zellen. Und menschliche Zellen können eben gerade in diesem 3d komplexen Miniaturorganmodellen viel besser abbilden, was in einem menschlichen Körper, in menschlichen Zellen passiert, als eine Maus das könnte. Deswegen besteht hier in bestimmten Aspekten sehr begründete Hoffnung, dass es hier Tierversuche ersetzen kann. Sprecher Ein Problem der Miniorgane liegt auf der Hand: Organoide aus adulten Stammzellen bilden nur einen Teil eines menschlichen Organs nach. Aber Organe sind in sich sehr vielschichtig und stehen mit allen anderen Organen des Körpers in ständigem Austausch. Auch darauf sucht die Forschung derzeit eine Antwort. Mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Charité baut die Technische Universität in den nächsten Jahren das Forschungszentrum „Der simulierte Mensch“ auf. Dort soll unter anderem das Problem der Vernetzung verschiedener Organoide untereinander gelöst werden. Schritte in diese Richtung wurden bereits getan, mit der sogenannten ‚Organ on a Chip-Technologie‘. So können auf einen Objektträger beispielsweise ein Leberorganoid und ein Hautorganoid appliziert werden: O-Ton 10 Bartfeld Und die beiden verbinde ich mit einem Minigefäßchen und dieses Gefäß kleide ich auch noch aus mit den Zellen, die das im echten Körper tun den Endothelzellen, und dann verbinde ich das Ganze noch mit einer Minipumpe, die dafür sorgt, dass da auch noch so ein Minikreislauf entsteht, und dann spült mein Minikreislauf die Substanzen, die mein Leberorganoid produziert, auf das Hautorganoid. Und dann kann ich hinterher mein Hautorganoid mikroskopisch analysieren, analysieren, was exponiert das für Gene, was macht denn das, wie stirbt das, lebt das, geht es dem gut oder nicht und so kann ich dann natürlich auch gucken, was passiert mit der Verstoffwechslung von Medikamenten, was ja eine zentrale Funktion der Leber ist und was passiert mit den Abbauprodukten und diese zwei-Organ-Chip Technologie, die ist tatsächlich schon Realität. Sprecherin Bei dieser Forschung geht es also einerseits darum, ethisch fragwürdige Tierversuche zu ersetzen und andererseits darum, Modelle zu entwickeln, die den menschlichen Organismus besser abbilden können, weil es sich um menschliche Zellen handelt. Doch bis es so weit ist, wird man sich in der Grundlagenforschung und angewandten Forschung weiterhin mit Tierversuchen behelfen müssen. Um zumindest das Tierleid zu mindern und unnötige Tierversuche zu vermeiden, kommen die beiden anderen ethischen Grundprinzipien Reduzieren und Verfeinern zum Tragen. MUSIK 7: „Hydroxy Lemon (a) - C1592790123 – 52 Sek Sprecher Wer auch immer in Deutschland und der übrigen EU Tierversuche durchführen möchte, muss bei der zuständigen Behörde einen Antrag stellen. Und darin genau darlegen, warum er welche Tierarten und wie viele Individuen davon benötigt und welche Belastungen das Tier während des Versuchs ertragen muss. Übrigens sind nur Tierversuche an Wirbeltieren sowie Kopffüßlern genehmigungspflichtig. Auch die Methoden, wie ein Tier getötet werden soll, sind je nach Tierart gesetzlich geregelt. Denn meistens wird das Versuchstier nach dem Ende des Experiments getötet und seziert. Immer mehr achtet man darauf, die Ergebnisse einer Sektion so umfassend wie möglich auszuwerten, die Ergebnisse in Datenbanken einzuspeisen und Gewebeproben in Biobanken zu konservieren. MUSIK 8 – „Small lab“ - C1490140001 – 34 Sek Sprecher Tiere, die für Tierversuche bestimmt sind, werden meist extra gezüchtet - ganz überwiegend handelt es sich um Mäuse. Alle Individuen werden in ein Zuchtbuch eingetragen, heute natürlich im Computer in eine Datenbank. So ist für jedes Tier nachvollziehbar, wer die Eltern sind und aus welcher Zuchtlinie es stammt. Sprecherin Bei Mäusen sind das häufig gentechnisch veränderte Zuchtlinien. Doch warum eignen sich Mäuse so besonders gut? Stefan Hippenstiel: O-Ton 12 Hippenstiel Mäuse erwiesen sich als Tiere, die man genetisch sehr gut verändern kann, sogenannte Knockout oder Knockin Mäuse. Man muss sich vorstellen, die Erbsubstanz ist ein Bauplan für den Körper und in diesem Bauplan hat man mit modernen Methoden die einzelnen Unterbaupläne, die einzelnen Gene identifizieren können. Und mit modernen Methoden kann man nun einzelne dieser Unterbaupläne ausschneiden, wegnehmen, man kann sie verändern oder man kann neue einfügen. Oder man kann etwas ganz Neues einbauen, z.B. ein menschliches Gen in eine Maus. Sprecherin Ob nun gentechnisch verändert oder nicht, diese Mäuse sollen ihr Leben im Labor so artgerecht wie möglich verbringen. In der Regel geschieht das in sogenannten IVCs - in individuell belüfteten Käfigen aus durchsichtigem Kunststoff, die an ein Belüftungssystem angeschlossen sind. So gelangt die Abluft nicht in den Raum, sondern über einen Filter nach draußen. Auch in den Laboren der Charité stehen viele dieser Käfige in Regalen übereinander, jeweils bewohnt von mehreren Tieren. An jedem Behälter hängt ein Zettel, der den Versuch beschreibt und die spezielle Maus-Zuchtlinie benennt. In den Käfigen liegen Pappröhren und Sägespäne, Futter und Wasser stehen rund um die Uhr zur Verfügung. Die Art, wie Mäuse im Labor gehalten werden, hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert, meint Christa Thöne-Reineke. Und auch der Umgang mit ihnen: O-Ton 13 Thöne Reineke Das nennt sich Cuphandling und Tunnelhandling. Gerade Mäuse wurden sonst früher häufig nur an der Schwanzwurzel hochgenommen, und jetzt kann man die eben so trainieren, dass sie in die Handfläche gehen oder man kann sie mit einem Tunnel transportieren und das kann man dadurch verbessern, dass man sie mit Klicker-Training trainiert, so wie viele ihre Hunde trainieren. Und dann gibt es aus verhaltensbiologischer Sicht noch weitergehende Untersuchungen, in wie weit man zum Beispiel ein seminaturalistisches Gehege bauen kann, wo man noch mal mehr versucht die wilde Lebensweise der Wildmaus für die Labormaus nachzuahmen, und wo man jetzt erst mal untersucht, was hat das für Effekte, bewährt sich das , ist das positiv, es ist auf jeden Fall deutlich schwerer mit dem Handling, weil die natürlich viel schwieriger einzufangen sind, und was das saubermachen angeht, also es ist sehr komplex, aber das ermöglicht uns, die Mäuse besser zu verstehen. Musik 9 – „Small Lab“ - C1490140001 – 37 Sek Sprecher Die Mäuse wirklich verstehen ist tatsächlich ein Ziel, das sich die Versuchstierkunde gesetzt hat. Und dazu ist es nötig, die Perspektive des Tieres einzunehmen. Eine Doktorandin von Christa Thöne-Reineke hat untersucht, ob Mehrfachnarkosen für Mäuse besonders belastend sind. Der Hintergrund ist, dass man bei Versuchen statt einer Autopsie immer öfter bildgebende Verfahren, also MRT oder CT nutzt und dieselbe Maus im Lauf eines Experiments mehrfach untersucht. Da aber eine Maus beim MRT nicht still hält, muss sie vorher narkotisiert werden. Die Fragestellung war: Ist nicht vielleicht eine solche Mehrfachnarkose in einer Versuchsreihe für die Maus belastender als ein schneller Tod? Sprecherin Die Befindlichkeit der Maus lässt sich unter anderem an ihrem Gesicht ablesen, deshalb machte die Doktorandin nach jeder Narkose Porträts der Mäuse: O-Ton 14 Thöne Reineke Es gibt sogenannte Facial Expression Units, die man sich anguckt, das ist einmal die Stellung der Ohren, der Augen, die Nasenmuskulatur, und die Wiskers … Sprecherin … die Schnurrbarthaare. Auch deren Stellung verrät viel über die Verfassung des Tieres. Die Fotos wurden von drei Personen unabhängig voneinander beurteilt und führten zu eindeutigen Ergebnissen. Das Wohlbefinden der Mäuse verschlechtert sich nicht durch mehrfache Narkosen, MRT und CT helfen also tatsächlich, Tiere einzusparen. MUSIK 10: „Circonflexe“ – Z8018372108 - 45 Sek Sprecher Experimente mit Tieren werden in absehbarer Zeit unverzichtbar bleiben - so lautet der wissenschaftliche Konsens. Obwohl Forschung und Medizin auf vielen Ebenen daran arbeiten, das Tiermodell zu ersetzen: mit Daten- und Biobanken, Zellkulturen und immer ausgereifteren Organoiden. Doch bis sich der menschliche Körper vollwertig simulieren lässt, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Solange sollte alles getan werden, damit Tiere in den Laboren so artgerecht und qualfrei wie möglich leben können. Musik aus. //
- Regenerationskünstler - Wie Tiere sich selbst heilen
30.11.2023 · 24 Min.
Axolotl, Rippenqualle oder Stachelmaus - es gibt einige Tiere, die unfassbare Selbstheilungskräfte besitzen: Sie können Körperteile wieder nachwachsen lassen wie einen Fuß oder auch im Extremfall den Kopf. Wie funktioniert das? Was kann die Humanmedizin davon lernen? Autorin: Katharina Hübel Credits Autor/in dieser Folge: Katharina Hübel Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Stefan Wilkening, Karin Schumacher Technik: Susanne Harasim Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Kerstin Bartscherer, Biologie / Tierphysiologie, Universität Osnabrück, vormals Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster und Hubrecht Institut für Entwicklungsbiologie und Stammzellforschung, Utrecht; Dr. Max Yun, TU Dresden (Zentrum für Regenerative Therapien Dresden und Exzellenzcluster Physik des Lebens) und Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie und Genetik Dresden; Jamileh Javidpour, Meeresökologin an der Süddänischen Universität in Odense, vormals Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (GEOMAR) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Der Axolotl - Ein Leben im Larvenstadium JETZT ANHÖREN Tierversuche - Immer noch unverzichtbar? JETZT ANHÖREN Der Nacktmull - Wenn es auf die inneren Werte ankommt JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Podcast-Empfehlung der Redaktion: Paula sucht Paula Das Tagebuch der jungen Undercover-Journalistin Paula Schlier gibt uns heute, 100 Jahre später, einen seltenen Einblick in die Anfänge des Nationalsozialismus in München. Aber wer war diese Frau, was hat sie motiviert, war sie überhaupt eine Heldin? Die BR-Reporterin Paula Lochte begibt sich auf Spurensuche. Paula sucht Paula | Folge 1/3 | Alles Geschichte - History von radioWissen JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Kerstin Bartscherer: Wissenschaftliche Veröffentlichung in der „Nature“ aus dem Jahr 2021, nachdem das Team um Kerstin Bartscherer herausgefunden hat, dass sich Stachelmäuse sehr schnell und sehr gut von einem Herzinfarkt erholen können: EXTERNER LINK | https://www.nature.com/articles/s41536-021-00188-2.epdf?sharing_token=8LIER7br3zc8dsCoFmaj2NRgN0jAjWel9jnR3ZoTv0PJIIceyGvd5uBrx-akO-Ml6FjX3iGeE359PLB5o28alIOattqzCEPc03DXb5DSBAfYBwmLo38JIGbrivLa8LH2tOAHtmWVLqPFNpg-DN3IZgyDY01FjASaDxppHrpa7mA%3D Kerstin Bartscherer: Wissenschaftliche Veröffentlichung im „Science Advanced“ 2023, in der die Biologin mit ihrem Team die Mechanismen erklärt, die zur narbenlosen Wundheilung bei der afrikanischen Stachelmaus führt: EXTERNER LINK | https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.adf2331 Maximina Yun: Verschiedene wissenschaftliche Veröffentlichungen rund um die Forschung zum Axolotl und artverwandten Tieren und ihre Regenerationsfähigkeit: EXTERNER LINK | https://www.theyunlab.com/publications Jamileh Javidpour: Wissenschaftliche Veröffentlichung zur Ausbreitung der amerikanischen Rippenqualle und was ihre Fähigkeit der Regeneration damit zu tun hat: EXTERNER LINK | https://royalsocietypublishing.org/doi/10.1098/rsbl.2013.0864 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecher: Winkerkrabben können ihren Arm abwerfen und nachwachsen lassen. Süßwasserpolypen machen das sogar mit ihrem Kopf, wenn er ihnen abgerissen wird. Der kanadische Waldfrosch kann sich nach dem Tod wieder selbst beleben. Bei minus zehn Grad gefriert das Wasser in seinem Körper, die Atmung setzt aus, das Herz hört auf zu schlagen. Nach einigen Wochen taut er wieder auf, wird wieder lebendig. Und es geht noch extremer: Ein Plattwurm kann in 200 Teile zerlegt werden – um zu 200 neuen und gesunden Tieren heranzuwachsen. 01 OT Kerstin Bartscherer Da hab ich zufällig ein Video angeschaut von diesen Plattwürmen und hab gesehen, wie die den Kopf regenerieren, wenn man den abschneidet. Ich war so fasziniert davon, weil ich davor eigentlich noch nie was davon gehört hatte, und hab dann beschlossen, mit denen zu arbeiten als Postdoc, nach der Doktorarbeit. Das war eigentlich reine Faszination und das Interesse an diesem Regenerationsprozess. MUSIK 2 (Z8038054114 Daniel Backes: New Method Reduced 1 0‘50) Sprecher: Regeneration. Die Fähigkeit, abgerissene Körperteile, zerstörte Zellen und kaputte Organe aus sich selbst heraus zu heilen und zu erneuern. Gar nicht so wenige Tiere haben sie – in einem Ausmaß, wie es für den Menschen kaum vorstellbar ist. Wissenschaftler verstehen zunehmend besser, wie Tiere das schaffen. Und sie haben ein großes Ziel: Diese Erkenntnisse auf den Menschen zu übertragen. 02 OT Kerstin Bartscherer Unrealistisch ist das auf gar keinen Fall. Ich finde das sehr realistisch je mehr ich mich jetzt mit dieser Regenerationsfähigkeit beschäftige, umso mehr bin ich überzeugt, dass das wirklich in Zukunft gehen wird, dass wir solche Regeneration hinbekommen können. Sprecher: Professor Kerstin Bartscherer baut derzeit an der Universität Osnabrück ein Lab auf, um erstmals an menschlicher Haut ihre Erkenntnisse zu testen – und um das, was sie an Plattwürmen und Stachelmäusen beobachtet hat, auf den Menschen zu übertragen. Angefangen hat alles mit den Plattwürmern. 2007. 03 OT Kerstin Bartscherer Wir haben das erstmal so angefangen, dass wir erstmal verstehen wollten, welche Gene da aktiviert werden im Regenerationsprozess. Wir haben den Wurm in Stücke geschnitten und aus jedem Stück regeneriert dann wieder ein eigenes Tier. Sprecher: Die Molekularbiologin hat dann die DNA der zerschnittenen Plattwürmer – auch Planarien genannt – untersucht und mit der von unzerschnittenen verglichen und so Gene gefunden, die im Regenerationsprozess aktiviert sind. Damit konnte sie dann experimentieren. 04 OT Kerstin Bartscherer Wir haben uns angeguckt, in welchen Zellen werden die aktiviert und in Planarien, was man da so gut machen kann, man kann Gene gezielt ausschalten und dann schauen: Welchen Effekt hat jetzt dieser Knockdown von diesem Gen auf die Regeneration? Und so haben wir eben einige Gene gefunden, die an der Regeneration beteiligt sind. MUSIK 3 (Z8039716122 Louis Edlinger / Tony Delmonte: Spread The Idea (Reduced) 0‘55) Sprecher Plattwürmer sind recht einfach gebaute, wurmförmige Organismen – das macht sie für die Forscher so interessant. Denn ihre Einfachheit macht es möglich, einen so komplexen Prozess wie den der Regeneration gut untersuchen zu können. 30.000 verschiedene Arten von Plattwürmen gibt es. Es sind in der Regel Räuber und Parasiten – Bandwürmer fallen zum Beispiel darunter. Die Tiere sind asexuell, das heißt: Sie vermehren sich, indem sie einfach in der Mitte auseinanderbrechen. Dem hinteren Teil wächst dann ein Kopf, dem vorderen ein Schwanz. Dass sich Plattwürmer so gut selbst heilen können, wenn sie stark verletzt werden, könnte also ein „Nebenprodukt“ ihrer Fortpflanzungsstrategie sein, vermuten die Wissenschaftler. 05 OT Kerstin Bartscherer Was den Plattwurm besonders macht, dass er diese Stammzellen hat, die sich tatsächlich in sämtliche Körperzellen spezialisieren können. Solche Stammzellen haben wir nicht, das ist eine besondere Eigenschaft. Es reicht aber nicht, nur Stammzellen zu haben, es muss auch ein bestimmtes Koordinatensystem geben im Körper, weil die Stammzellen ja auch instruiert werden müssen, zu was sie sich entwickeln sollen. Sollen die eine Nervenzelle im Gehirn werden oder eine Darmzelle oder eine Hautzelle? Sprecher Für die Regeneration braucht der Plattwurm also Baumaterial, um etwas aufbauen zu können. Das sind die Stammzellen. Er braucht aber auch einen Bauplan. 06 OT Kerstin Bartscherer Da wissen wir mittlerweile, dass dieser Bauplan in den Muskelzellen unter der Haut liegt, also praktisch jede Muskelzelle entlang der Körperachse hat ein unterschiedliches Set von Genen aktiviert. Und so können die Muskelzellen dann den Stammzellen sagen, wo im Gewebe sie sich gerade befinden. Sprecher Das heißt: Nur wenn der Signalweg stimmt, wenn die Information über den Ort der Verletzung korrekt weitergeleitet wird, „versteht“ auch die Stammzelle, in welche Art von Gewebe, Organ oder Körperteil sie sich umwandeln soll. Diese Signalwege hat Kerstin Bartscherer näher untersucht und erstmals verstanden. Um ihre Theorie vom Signalweg zu überprüfen, hat sie in einem Laborversuch die Plattwürmer etwas manipuliert. MUSIK 4 (Z8046179104 Hauschka: Detached 0’50) 07 OT Kerstin Bartscherer Wenn man zum Beispiel diesen Signalweg ausschaltet, dann bildet sich an jeder Wunde ein Kopf – also, die Stammzellen denken dann: hier muss ein Kopf gebildet werden, weil eben diese positionale Information schiefläuft. Sprecher Und es wachsen Köpfe, wo eigentlich gar keine hingehören. Die Molekularbiologin konnte schlussendlich dann auch mit ihrem Team herausfinden, was im Plattwurm der Auslöser für die Regeneration ist: die Wundsignale. Also die Signale, die bei einer Hautverletzung im Körper ausgelöst werden. Diese so genannten pluripotenten Stammzellen klingen wie eine Zauberwaffe im Kampf gegen den Tod. Aber so einfach ist das nicht, zumindest nicht, wenn man an den Menschen denkt. 09 OT Kerstin Bartscherer Es ist die Frage, ob das so ein Riesenfortschritt wäre. Wenn wir jetzt Zellen haben, die sich ständig im Körper teilen, dann kann das natürlich auch was kosten. Und da meine ich jetzt zum Beispiel, dass wir dann auch vielleicht Krebs bilden können, weil sich die Zellen unkontrolliert teilen können. Also es ist nicht so, dass das einfach for free kommt, diese Regeneration. Sprecher Jetzt ist der Wurm aber ein Wurm – und kein Mensch. Bis sich die Erkenntnisse über Regeneration auf Säugetiere übertragen lassen, ist es ein langer Weg in der Wissenschaft. Der erste Schritt in diese Richtung war für Kerstin Bartscherer eine Kooperation mit Forschern aus Ulm, bei der sie ihr Wissen über Plattwürmer bei Fischen anwenden konnte. 11 OT Kerstin Bartscherer Also konnten wir diese Ergebnisse praktisch auf Wirbeltiere übertragen. Das war ein ziemlich guter Erfolg für uns, um das mal zu zeigen, dass man tatsächlich auch Ergebnisse aus Plattwürmern weitertragen kann in Wirbeltiere. Und ich hatte irgendwie das Bedürfnis, jetzt einen Schritt weiterzugehen und an einem Tier zu arbeiten, wo ich dann auch tatsächlich was für den Menschen finden kann. Das ist mir in den letzten Jahren immer wichtiger geworden. MUSIK 5 (Z8046179105 Hauschka: Limitation Of Lifetime 0’58) Sprecher Kerstin Bartscherer wechselte von den Plattwürmern zur Stachelmaus. Und Experimente, die an Mäusen gelingen, lassen sich oft in weiterer Forschung dann auch irgendwann auf den Menschen übertragen. Ein Mensch oder eine Maus – das sind Lebensformen, die es noch nicht so lange auf der Welt gibt – denkt man in den Zeitspannen der Evolution. Die allerersten Wirbeltiere sind vor rund 480 Millionen Jahren entstanden. Süßwasserfische oder auch Amphibien beispielsweise. Diese Arten gibt es nach wie vor. Das bedeutet: Sie haben sich über hunderte von Millionen Jahren weiterentwickelt. Recht auffällig ist, dass unter den Meerestieren und auch Amphibien etliche Arten existieren, die erstaunliche Fähigkeiten haben, sich zu regenerieren. Ein Zufall? 12 OT Javidpour Viele Meeresbewohner zeigen diese Fähigkeit, weil sie sehr alt sind und sich daher sehr gut angepasst haben. Sprecher Jamileh Javidpour ist Meeresökologin; sie hat 17 Jahre lang am GEOMAR in Kiel geforscht, unter anderem zu den Rippenquallen. 13 OT Javidpour Die Rippenqualle ist ein besonderes Tier, weil – wenn man die Rippenqualle in Hälften schneidet, aber auch zu einem Viertel – dann können sie alle Teile regenerieren, inklusive Schirm, Körperteile, aber auch Organe und Magenteile. Und sie sind auch sehr schnell. Innerhalb von maximum zwei Wochen von einer Hälfte des Körpers kann ein komplettes Tier stattfinden. Sprecher Für den Lebensraum der Rippenqualle entscheidend zum Überleben. 14 OT Javidpour Besonders im Meer, wo die Bedingungen rau und rough sind, können viele Verletzungen stattfinden. Es gibt viele Raubtiere, in dem die Fähigkeit, ein Teil des Körpers zu opfern, um den Jägern zu entkommen, präsent ist. MUSIK 6 (Z8046179107 Hauschka: Science 1’28) Sprecher Über Quallen ist bis vor wenigen Jahren gar nicht viel geforscht worden. Sie wurden für recht simpel und uninteressant gehalten. Doch seit der Klimawandel einige Arten sich über die Maßen hat ausbreiten lassen, so sehr, dass diese Vermehrung ökologisch an manchen Orten sogar zum Problem geworden ist, ist das Interesse der Forschung geweckt. 15 OT Javidpour Wir haben die Rippenqualle Mnemiopsis leidyi untersucht. Wir haben uns gefragt, wie kann es sein, dass ein so einfaches Tier wie die Rippenqualle einen Weg von der amerikanischen Ostküste nach Europa findet und dazu sehr erfolgreich sich ausbreitet. Sprecher Mnemiopsis leidyi. Die amerikanische Rippen-Qualle, auch ‚Meer-Walnuss‘ genannt wegen ihrer bräunlichen Färbung. Dabei war für die Kieler Forscher vor allem interessant, ob es der Rippenqualle bei ihrer invasiven Ausbreitung hilft, dass sie sich so gut regenerieren kann. Denn die Reise in andere Meere ist beschwerlich – sie erfolgt oft über Schiffstanks. Die Quallen hungern, müssen eine Zeit unter sehr widrigen Bedingungen ausharren, und viele von ihnen werden durch die Pumpen in den Schiffen verletzt. Das Überleben zwar nicht alle Tiere, aber für die Art insgesamt ist das kein Hindernis. 16 OT Javidpour Wir haben herausgefunden, dass gute Bedingungen, zum Beispiel vorhandenes Futter, sehr wichtig sind, um die Regeneration weiter zu treiben oder schneller zu haben. Aber auch unter schlechten Bedingungen ist ein Teil der Population wieder fähig, sich zu regenerieren und als komplettes Tier rauszugehen. Sprecher Die Regeneration bei der Qualle zu verstehen, bedeutet für die Wissenschaft jedoch noch mehr als nur ihre Ausbreitung zu erklären. Für Jamileh Javidpour hat die Rippen-Qualle eine interessante Stellung in der Evolution: 17 OT Jamileh Javidpour 13s Durch genetische Untersuchungen hat man festgestellt, dass die Rippenquallen eine Schlüsselposition innehaben in unserem „tree of life“, unserem tierischen Stammbaum. Sprecher Anders als lange vermutet, ist die Qualle mitnichten eine evolutionäre „Sackgasse“. Im Gegenteil: Die Qualle könnte sogar ein Schlüsseltier in unserem Stammbaum sein, das ist derzeit die Annahme. 18 OT Jamileh Javidpour 16s Daher stehen wir am Anfang einer großen Forschungsära, um von der Qualle zu lernen, und einen Heilungsprozess für andere Tiere, inklusive Menschen anbieten. MUSIK 7 (Z8046179110 Hauschka: Magnanimity 1’15) 19 OT Max Yun OVERVOICE Weiblich Ich war fasziniert von der außerordentlichen Fähigkeit zur Regeneration und noch etwas ist sehr bemerkenswert: Dass diese Wirbeltiere einfach nicht altern. Es war für mich wirklich ein großes Rätsel, das ich lösen wollte. Sprecher Der Axolotl. Ein mexikanischer Schwanzlurch, der Zeit seines Lebens im Wasser bleibt. Weil er die Metamorphose von der Larvengestalt hin zum Salamander nicht vollzieht. Er wird nur größer – und schaut dann aus wie ein kleiner Wasserdrache. Oder eben: Wie eine Mega Larve. Optisch altert er also nicht, aber auch seine Körperfunktionen bleiben ewig jung: 20 OT Max Yun Typical signs of aging that occur is erosion of bones, for example…. Sprecher Seine Knochen bleiben stabil und seine Muskeln bauen nicht ab. Selbst als Greis ist der Axolotl weiter fortpflanzungsfähig und die Organe funktionieren. Abnutzung: Kennt diese Amphibie nicht. 21 OT Max Yun – frei stehen lassen None of theses things have ever been seen in our salamanders. Sprecher Seit 2009 arbeitet Dr. Max Yun daran, Stück für Stück dieses Rätsel zu knacken: Was im Axolotl ist dafür verantwortlich, dass sein Körper nicht altert? Max Yun forscht dazu an der TU Dresden am Zentrum für Regenerative Therapien und für das Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie und Genetik. Sie steht mit ihrer Forschungsfrage in einer langen Tradition, was die Salamander angeht. Seit dem 18. Jahrhundert wollen Wissenschaftler das herausfinden, was auch Max Yun umtreibt. 22 OT Max Yun OVERVOICE Weiblich Jedoch: Erst seit einem guten Jahrzehnt ist es möglich geworden, wirklich herauszufinden, was auf Zellebene und auf molekularer Ebene abläuft in den Tieren. Denn: Jetzt erst haben wir die Fähigkeit, uns das Genom der Salamander anzuschauen, wir können herausfinden, welche Gene im Axolotl für seine Fähigkeiten verantwortlich sind. Und das war in der Vergangenheit natürlich nicht möglich. Sprecher Max Yun hat in ihrem Labor eine Axolotl-Kolonie, die Tiere in allen Altersphasen umfasst. 23 OT Max Yun OVERVOICE weiblich Wir haben einige interessante Dinge herausgefunden, was die so genannten seneszenten Zellen angeht. Das sind gealterte Zellen, Zombie-Zellen, die großen Schaden und Stress im Körper verursachen. Eigentlich werden sie eliminiert, aber wenn wir altern, häufen sie sich im Körper an. In der Haut, im Herz, in der Leber. Und die sind dann Treiber von vielen Alters-Krankheiten. Bei den Salamandern haben wir herausgefunden, dass sie eben gerade nicht solche Zombie-Zellen anhäufen. Das ist sehr speziell. Wie geht das? Nun, sie haben eine sehr effiziente Methode, sie aus dem Weg zu räumen. Das hat mit Fress-Zellen zu tun, die Teil des Immunsystems sind. Sprecher Da Axolotl in ihrer ersten Lebensphase halb durchsichtig sind, kann Max Yun bestimmte innere Vorgänge im Tier ganz einfach beobachten, indem sie die Zellen so markiert, dass sie unter UV-Licht sichtbar werden. Doch der Axolotl eliminiert nicht nur einfach das Alter. 24 OT Max Yun OVERVOICE weiblich Salamander sind sehr berühmt dafür, ihre Körperteile wieder nachwachsen zu lassen. Auch innere Organe wie die Niere oder auch die Augenlinse. Und am beeindruckendsten finde ich, dass sie große Teile ihres Gehirns regenerieren können. Wir haben erst kürzlich herausgefunden, dass die Tiere ihren kompletten Thalamus neu bilden können – also einen großen Teil des Zwischenhirns, den man fürs Immunsystem braucht. MUSIK 8 (Z8046179105 Hauschka: Limitation Of Lifetime 0’35) Sprecher Warum kann der Salamander das? Normalerweise sind im Körper ausgereifte Zellen spezialisierte Zellen. Zum Beispiel in der Lunge haben sie ganz bestimmte Aufgaben. Für eine Muskelfaser haben sich die Zellen ganz anders spezialisiert. Zell-Differenzierung nennt sich das. Normalerweise können sich spezialisierte Zellen auch nicht mehr zurückverwandeln. Anders beim Axolotl. 25 OT Max Yun OVERVOICE weiblich In einer Sache ist er wirklich gut: in der Zelldifferenzierung. Die Zellen können zurückfallen in ein früheres Stadium und sich dann wieder vermehren – und auch zu einer anderen spezialisierten Zelle dann werden. Trans-Differenzierung heißt das. Wir glauben, das ist vermutlich einer der Gründe, weshalb Salamander so gut regenerieren können und wir nicht. Sprecher Um diese Prozesse besser verstehen zu können, sind Max Yun und ihre Kollegen dabei, Moleküle aufzudecken, die dabei eine Rolle zu spielen. 26 OT Max Yun OVERVOICE weiblich Das ist wie ein großes Puzzle. Wir haben einige Teile schon, aber noch längst nicht das ganze Bild. Aber darauf arbeiten wir hin. MUSIK 9 (Z8039716102 Louis Edlinger / Tony Delmonte: Tech Questions (Reduced) 0‘20) Sprecher Auch mit der Idee, die Erkenntnisse womöglich auf den Menschen übertragen zu können. Kerstin Bartscherer will diesen Schritt jetzt an der Uni Osnabrück gehen. Ihr Wissen über die Regeneration beim Plattwurm und der Stachelmaus übertragen auf den Menschen. 27 OT Kerstin Bartscherer Die Stachelmäuse sind da eben sehr geeignet, weil sie Haut narbenfrei regenerieren können, richtig große Regionen von Haut. Ich kenn kein anderes Tier, das das kann, zum Beispiel 70 Prozent des Rückenfells komplett regenerieren zu können. Das war eigentlich dann der Grund mit den Stachelmäusen zu arbeiten, weil ich was finden wollte, was den Menschen am Ende auch hilft. Sprecher Ihre Vision: Menschen, die beispielsweise schwere Verbrennungen haben und große Teile der Haut verloren haben, helfen. Die transplantierte Haut soll möglichst narbenfrei verheilen. Seit 2019 untersucht Kerstin Bartscherer daher die afrikanische Stachelmaus. Sie sieht unserer Hausmaus ähnlich, nur, dass sie hellbraun ist und borstig. Wenn eine Schlange sie verspeisen will und zubeißt, hat sie die Fähigkeit, ihre Haut am Rücken abzuwerfen. Danach regeneriert sie vollständig, sieht wieder aus wie vorher. Wie das gehen kann, interessiert Kerstin Bartscherer. Hat die Stachelmaus eine Wunde, kann die Biologin folgenden Prozess beobachten: 28 OT Kerstin Bartscherer Wir haben eine Zelle, die schüttet ein Signal aus und dieses Signal bindet dann an die anderen Zellen und löst dort eine Reaktion aus, dann wird da so eine Signalkaskade in Gang gesetzt aus verschiedenen Proteinen, bis dann am Ende im Zellkern bestimmte Gene aktiviert werden. Der Unterschied, wenn wir das jetzt vergleichen mit einer normalen Hausmaus, die nicht regenerieren kann, dann konnten wir zeigen, dass dieser Signalweg auch in der Maus angeschaltet wird durch eine Wunde. Er wird aber relativ schnell wieder ausgeschaltet. Und in der Stachelmaus bleibt dieser Signalweg über längere Zeit an – eigentlich über den ganzen Regenerationszeitraum. Sprecher In einem Experiment hat Kerstin Bartscherer dann in der normalen Hausmaus den Signalweg so aktiviert, dass er nicht gleich wieder zu Ende war – und: die normale Hausmaus hatte tatsächlich eine bessere Wundheilung und vor allem: eine flexiblere Narbe. Die Proteine, die diese Narbe bilden, sind anders als sonst. Kerstin Bartscherer schaut sich das Genom der Stachelmaus genauer an, um den großen Unterschied zu finden. Wieso geht das bei der Stachelmaus so gut? 29 OT Kerstin Bartscherer Wir haben auch schon einige Dinge gefunden, die eventuell wichtig sein könnten, dass wir bestimmte Proteine, die jetzt nur in den Stachelmäusen aktiviert werden, dass wir die dann eben auch benutzen können, um narbenfreie Regeneration im Menschen anzukurbeln. Und das ist das Hauptziel unserer Forschung. MUSIK 10 (Z8038054114 Daniel Backes: Hauschka: Detached 1’05) Sprecher Doch die Stachelmaus kann noch mehr: sie kann nach einer Verletzung das Rückenmark regenerieren – und Herzinfarkte sehr gut überleben. Denn auch nach einem Infarkt entstehen Narben am Herzmuskel. Beim Menschen verursacht das große Probleme. Bei der Stachelmaus ist das nicht so. Denn ihre Narbe ist anders zusammengesetzt. 30 OT Kerstin Bartscherer Das ist jetzt noch nicht publiziert, aber wir können zeigen, dass die Narbe in den Stachelmäusen ganz andere Eigenschaften hat, die ist viel weicher, viel flexibler. Wir glauben, dass das eventuell das Geheimnis ist, warum Stachelmäuse damit so gut zurechtkommen, sodass eben das Herz immer noch funktionieren kann. Das ist ein super neuer Ansatz. Sprecher Den Kerstin Bartscherer weiterverfolgen möchte. Sie ist sich sicher: Die Humanmedizin wird eines Tages davon profitieren können. Und zwar in naher Zukunft. MUSIK Ende