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Schuld sind immer die anderen! Warum wir einen Sündenbock brauchen

24.09.2024 · 23 Min.

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Über diese Folge

Sind Menschen frustriert oder unglücklich, richten sie ihre Aggression oft auf Personen oder Gruppen, die unbeliebt, leicht identifizierbar und machtlos sind: Man sucht - und findet - Sündenböcke. Die haben zwar oft gar nichts mit der konkreten Bedrohung zu tun, stärken aber scheinbar die Gemeinschaft. Von Frank Halbach

Credits
Autor und Regie dieser Folge: Frank Halbach
Es sprach: Katja Bürkle
Technik: Simon Lobenhofer
Redaktion: Susanne Poelchau

Im Interview:
Dr. Helga Schachinger, Sozialpsychologin
Prof. Dr. Claus Leggewie, Politikwissenschaftler

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Literatur:

-Christian Bartolf: Das Opfer und der Sündenbock: Gedanken zur Ethik der Gewaltfreiheit. Eine kulturanthropologische Untersuchung zweier Opfertheorien (unter besonderer Berücksichtigung des Zusammenhangs von Opfermythos und Sündenbockmechanismus). Berlin 2020.Umfangreiche Abhandlung über den Sündenbock in der Kulturtheorie.

Helga Elisabeth Schachinger: Wie Frieden schaffen? Eine Sozialpsychologie von Trauer- und Versöhnungsarbeit. In: Psychologie in Österreich 3 2023, S. 207-213. Geht der Frage nach, welche Identitätsentwicklung ohne Feindbilder möglich erscheint

Claus Leggewie: Anti-Europäer. Breivik, Dugin, al-Suri & Co. Berlin 2016. Präzise Analyse, wie Populisten die mythischen Muster von Sündenbock und Opfer-Kult für ihre Zwecke nutzen.

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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

MUSIK  „Mad Rush“; ZEIT: 01:19

Wieder zu spät? Ja, natürlich, Sie sind nicht schuld, sondern - wie immer!- die Bahn! Dann eben mit dem Auto. Schon wieder zu spät? Wegen der rücksichtslos und ohne Umsicht fahrenden Machos? Oder wegen dieser bummelnden Frauen am Steuer?

Wieso müssen wir überhaupt so hetzen? Warum sind wir so im Stress? Wir müssen immer mehr leisten. Die Jugend kümmert sich nur noch um Work-Life-Balance, anpacken will von denen keinen mehr. Nein? Schuld sind doch die viel zu vielen Alten, deren Rente wir bezahlen müssen, während wir wahrscheinlich gar keine mehr kriegen?

Wir sind echt arm dran. Und wir können nichts dafür. Schuld sind die anderen: der hochbezahlte, aber unfähige Trainer, die Ausländer, die ignoranten Lehrer, die die Begabung  meines Kindes nicht erkennen, die Sozialschmarotzer, die Politiker, die Klimakleber – Schuld sind: die anderen! 

Bevorzugt natürlich die, gegen die wir Vorurteile hegen. Und die traurige Wahrheit ist: 

Alle Menschen – und zwar wirklich ALLE - haben Vorurteile, doch nur 40% erkennen sie bei sich.

MUSIK ENDE

O-Ton 1 Schachinger (15:11)

Schon kleine Kinder. Wenn die irgendetwas machen, was sie nicht machen dürfen, können die schon, sobald Sie reden können im Kindergarten, wenn sie irgendetwas machen, sagen sie: „Nein. Nein, ich bin nicht schuld. Die hat angefangen, oder der hat angefangen.“ Also Schuld bei anderen zu suchen, ist sozusagen etwas Urmenschliches, das kennen wahrscheinlich alle Menschen in der einen oder anderen Form. 

SPRECHERIN

Sagt die Sozialpsychologin und Buchautorin Dr. Helga Schachinger.

O-Ton 2 Schachinger (15:38)

Und deswegen funktioniert das auch auf der Gruppenebene so gut, weil es für einen selber angenehmer ist, wenn man dann als braver und unschuldiger Mensch dasteht und man sagen kann: „Nein, er hat angefangen.“

MUSIK  „In your head now“; ZEIT: 00:55

SPRECHERIN

Eine verlorene Ernte, an einer Krankheit eingegangenes Vieh: In der frühen Neuzeit war schnell klar, wer schuld war: Die, die abseits des Dorfes wohnte, die mit den roten Haaren: die Hexe. 

Man möchte meinen die Hexenverfolgung sei ein Relikt der Vergangenheit. Aber die Jagd auf Minderheiten, auf Außenseiter oder Schwächere in unserer Gesellschaft ist keineswegs verschwunden. Sie 

ist allgegenwärtig in der Politik, im Sport und im Privatleben: die Suche nach Sündenböcken.

Früher wurden die, die man für schuldig befand, öffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Heute fegt meist „ganz zivilisiert“ der Shitstorm der „sozialen“ Medien über die Sündenböcke hinweg.

Aber warum brauchen wir überhaupt Sündenböcke? Und wie werden sie erzeugt?

MUSIK ENDE

O-Ton 3 Schachinger (01:06)

Wir haben in der experimentellen Sozialpsychologie die Begrifflichkeiten „Fremdgruppen“ im Gegensatz zu „Eigengruppen“ beziehungsweise Fremdbilder im Gegensatz zu Selbstbildern. Und aus diesem Fremdgruppen und Fremdbildern werben eben auch unter Umständen, wenn bestimmte Bedingungen eintreten, Feindgruppen und Feindbilder.

SPRECHERIN

Zunächst aber ist die Einteilung in Fremdbilder und Selbstbilder ein Prozess, der einfach nur dazu dient, die vielschichte Wirklichkeit so zu vereinfachen, dass sie verarbeitet werden kann. 

O-Ton 4 Schachinger (02:59)

Es werden Kategorien gebildet. Das sind abstrakte Gruppenbildungen. Umgangssprachlich könnte man sagen: Menschen verwenden gerne Schubladen, in die sie Menschen hineinstecken. 

Und durch diese Kategorienbildung entstehen eben dann diese Eigen- und diese Fremdgruppen, wobei die Eigengruppe die Gruppe ist, der ich selber angehöre, und die Fremdgruppe ist die Gruppe, der ich nicht angehöre. Und die Kategorien können jetzt ganz unterschiedlich und komplett beliebig sein.

SPRECHERIN

Das Denken in Bildern und Kategorien ist ein grundlegender psychischer Prozess: Alter, Geschlecht, Hautfarbe, Partei, Hobby, Religion… alles Kategorien, die Orientierung bieten und helfen sollen die eigene Identität in Abgrenzung von anderen zu bestimmen. Gruppenbildungen erfüllen das menschliche Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit. Eine positive soziale Zugehörigkeit schenkt ein positives Selbstwertgefühl. So weit so gut. Aber: 

O-Ton 5 Schachinger (05:43)

Es gehen damit bestimmte Denkfehler einher, die in vielen, vielen Studien schon in den 50er, 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts nachgewiesen wurden. Diese Denkfehler sind zum Beispiel, dass eine Fremdgruppe, egal ob das jetzt für mich als Frau, die Männer sind, oder für mich als ältere Frau die jungen Menschen sind. Diese Fremdgruppe wird homogener und gleichartiger wahrgenommen, als sie tatsächlich ist.

SPRECHERIN

Es wird also verallgemeinert, über einen Kamm geschoren: Typisch Mann! Typisch Frau! Die Jugend! Die Ausländer! Die Muslime!

O-Ton 6 Schachinger (07:05)

Also der eine Fehler ist: Fremdgruppen werden homogener und gleichartiger wahrgenommen, als sie tatsächlich sind.

Und der zweite Denkfehler - auch bestens nachgewiesen seit Jahrzehnten in Studien - ist, dass die Unterschiede zwischen der eigenen Gruppe und der Fremdgruppe, egal ob das jetzt jung-alt, Mann-Frau, was auch immer ist, diese Unterschiede werden größer wahrgenommen, als sie tatsächlich sind. 

SPRECHERIN

Zum Beispiel: Frauen können sich nicht durchsetzen. Männern fehlt das Einfühlungsvermögen. Oder: die Muslime passen einfach nicht zu „unserer“ Kultur.  

SPRECHERIN

So entsteht Parteilichkeit in sozialen Beziehungen: Beispielsweise werden Menschen derselben Hautfarbe, Kultur oder Sprache bevorzugt.

Wer fühlt sich nicht in „vertrauter“ Gesellschaft am wohlsten?

Aus Parteilichkeit werden schnell Vorurteile: Gegen das vorab Verurteilen haben Fakten oder Argumente bereits kaum noch eine Chance. 

Wird das Vorurteil zum Ausdruck gebracht, wird es zur Diskriminierung. 

Dazu rückt man oft Merkmale in den Vordergrund, die man für typische Merkmale einer bestimmten Gruppe hält, zum Beispiel Haar- oder Barttracht.

O-Ton 7 Schachinger (12:44)

Das heißt es wird der Selbstwert der eigenen Anhängerschaft

gehoben, in dem eine andere Gruppe abgewertet wird, als minderwertig oder wie es die Nazis gemacht haben, als Untermenschen, als lebensunwertes Leben, das eigentlich gar nicht verdient zu leben. Also, es kommt zu extremen Abwertungen, und gleichzeitig wird die eigene Gruppe unrealistisch idealisiert und erhöht. 

SPRECHERIN

Aus der Identitätsstiftung im Spannungsfeld von wir und die anderen wird: Wir gegen die anderen.

Am Ende der Spirale steht die Jagd nach Sündenböcken: verbale oder gar physische Angriffe. Und da bevorzugt Mitglieder von Minderheitsgruppen angegriffen werden, können sich die Opfer in der Regel schlecht bis gar nicht wehren.

MUSIK   „In Doubt“; ZEIT: 01:05

Diese Wehrlosigkeit des Opfers entspricht einem uralten Muster: Magisches Denken, also die Annahme, man könne die Götter, das Schicksal, die Götter oder das Schicksal durch bestimme Handlungen oder Rituale beeinflussen, die Außenwelt zum Positiven verändern, Unheil abwenden. 

Ein Blick in die Kulturgeschichte der Menschheit zeigt:

In Krisenzeiten befolgen Gemeinschaften seit Menschengedenken ein Patentrezept: das Ritual der Opferung.

In alten Kulturen waren die Opfer Menschenopfer. Sie wurden später durch Tieropfer ersetzt. Ein spezielles Opfer spielte im Judentum bis zur Zerstörung des Jerusalemer Tempels, im Jahr 70 nach Christus, eine besondere Rolle: In der Liturgie des Großen Versöhnungstages wurde ein Bock symbolisch mit den Sünden des Volkes Israel beladen und in die Wüste getrieben. Danach galt die Gemeinschaft gereinigt und Gott und Mensch versöhnt.

MUSIK ENDE mit GONG MUSIK  “The Temple of Doom”; ZEIT: 00:03

Diese Art von Opfer, das Sündenbockritual, nimmt auch eine zentrale Stellung in den Überlegungen des Kulturanthropologen, Religionsphilosophen und Literaturwissenschaftlers René Girard ein. Girards Thesen gelten als wegweisend hinsichtlich einer kulturgeschichtlichen Betrachtung des Sündenbockdenkens:

MUSIK 4  „Organics“; ZEIT: 00:57

Eine menschliche Gesellschaft, so René Girard, sei nur dann überlebensfähig, wenn sie in der Lage sei, die Ausbreitung von Gewalt innerhalb einer Gruppe erfolgreich entgegenzuwirken. 

Indem die Gruppe ein Objekt oder Kollektiv als schuldig ausmacht, polarisiert sie die Gewalt einheitsstiftend.

Eigene Schuld und Aggression wird auf einen Sündenbock projiziert.

Das geschieht vermehrt in Krisenzeiten. Die Hexenverfolgung des 16. Jahrhunderts zum Beispiel, der 40.000 bis 60.000 Menschen, zumeist Frauen, zum Opfer fielen, sie lässt sich auf die klimatische Abkühlung der Kleinen Eiszeit zurückführen, die Ernteausfälle und Hunger zur Folge hatte. 

MUSIK ENDE

O-Ton 8 Schachinger (14:07)

Krisen sind natürlich der perfekte Zeitpunkt, um Sündenböcke zu generieren. Sündenböcke haben den Vorteil: Das ist leicht zu kommunizieren, wenn man sagt: die sind die Bösen. Und komplexe Gemengelagen und komplizierte Ursachenfaktoren sind viel schwieriger zu kommunizieren, sind schwer verstehbar. Und meistens gibt es ja auch eigene Fehler und hausgemachte Probleme. Von diesen eigenen Fehlern und hausgemachten Problemen kann ich bestens ablenken, indem ich eben ein Feindbild und einen Sündenbock habe, auf den nicht alles Negative abschieben kann.

SPRECHERIN

Den Schuldigen auszustoßen, ihn zu opfern, stabilisiert die Gruppe. Das „Eigene“, das sich als eine Gruppe von Opfern interpretiert, macht den Sündenbock im „Fremden“ aus. Dem Sündenbock werden möglichst sichtbare Merkmale zugeordnet, beispielsweise Hakenasen, Schläfenlocken, dunkler Teint, lange Bärte oder Kopftücher.

Diese alten Muster prägen uns nicht nur bis heute, sondern bergen auch das Potential, uns zu manipulieren: Populisten machen sich zunutze, wie wir ticken: Sie erklären uns zu Opfern und sich selbst zu unseren Anwälten. 

MUSIK  „Mad Rush“; ZEIT: 00:29

O-Ton 9 Trump (06.25)

The forgotten men and women of our country will be forgotten no longer…

SPRECHERIN

Populisten teilen großzügig die Unschuld des Opfers. Denn Schuld sind – wie wir wissen – immer die anderen.

O-Ton 10 Weidel W0461466

Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse werden unseren Wohlstand, das Wirtschaftswachstum und vor allem den Sozialstaat nicht sichern.

MUSIK ENDE mit MUSIK  “The Temple of Doom”; ZEIT: 00:03

O-Ton 11 Leggewie (01.22)

Im Grunde genommen appellieren die Populisten, die ich autoritäre Nationalisten nenne, an den Täterinstinkt derjenigen, die sie ansprechen. 

SPRECHERIN

Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie beschäftigt sich seit langem eingehend mit den Narrativen des Populismus und der damit verbundenen Übertragung von Frust und Wut auf Sündenböcke.

O-Ton 12 Leggewie (01:33)

Das heißt, hier hat sich über Jahrzehnte hinweg ein großes Rachebedürfnis, ein großes Ressentiment, eine große Wut gegenüber der etablierten Politik, gegenüber anderen Eliten aufgestaut. Und was Trump, Putin, Erdoğan  und europäische Nationalisten tun ist im Grunde genommen, den Täterinstinkt der Revanche gegen diese Eliten zu steigern. Das wird allerdings in der Tat mit einer Opferrhetorik unterlegt, kein Täter würde gerne Täter sein; es ist attraktiver ein Opfer zu sein und aus einer Art Notwehrsituation heraus zu reagieren. 

SPRECHERIN

Der individuellen Sehnsucht des Einzelnen nach Identität wird also eine gemeinsame Identität als Opfer angeboten.

O-Ton 13 Leggewie (01:33)

Das Problematische an so einer Konstruktion ist natürlich, von vorneherein, dass Täter und Opfer immer Einzelpersonen sind, immer Individuen. D.h., sobald eine Gruppe sich als Gruppe in den Opferstatus hinein fantasiert, einen Opfermythos entwickelt, der gewissermaßen diese Gruppe begründet, wird es schon problematisch.

SPRECHERIN

Präsentiert wird dieser gemeinschaftsstifte Opfermythos allzu gerne von einem auserwählten Anführer. Angeblich ist der einer von uns – und der Retter der Unzufriedenen, Wütenden und angeblich Abgehängten.

O-Ton 14 Leggewie (18.34)

Sie haben sich einen Volkstribun ausgesucht, sie haben sich eine Führerpersönlichkeit ausgesucht, die so ist wie sie selbst - das betrifft z.B. die Vulgarität der Sprache, das betrifft die Schlichtheit des Denkens, das betrifft die Unverschämtheit und Respektlosigkeit gegenüber Leuten, die was von der Sache verstehen. All diese Dinge erkennen sie in ihm, es ist einer von ihnen, aber es ist jemand der Macht hat, deswegen gerne ein Milliardär, wie Trump oder Berlusconi, deswegen gerne jemand aus dem Geheimdienst wie Putin, deswegen gerne jemand, der sich ein Vermögen zusammengeklaut hat wie Viktor Orban oder Erdoğan.

MUSIK „In your head now“; ZEIT: 00:32

SPRECHERN

Jemand, der offen die Schuldigen benennt und heilige Wahrheiten ausspricht, die nicht hinterfragbar sind. 

O-Ton 15 Kellyanne Conway

We have Alternative Facts!

SPECHERIN

Endlich trifft die gefühlte Wahrheit zu. Mythische statt faktische Wahrheit. Vom Propheten, der uns Opfern beisteht gegen „die da oben“, die uns doch „nur verarschen“, wie es so oft heißt.  

MUSIK ENDE

O-Ton 16 Leggewie (19.20)

Also der Widerspruch besteht nicht darin, dass Menschen glauben, ein Milliardär könnte die Armen retten, sondern der Widerspruch besteht darin, dass die Milliardäre sich einen Scheißdreck darum kümmern, was ihre Bevölkerung für Wünsche hat, sondern sie an der Nase herumführt. Es ist ganz eindeutig so, dass die genannten Autokraten alle ihr privates Interesse, das ihrer Familie, das ihres Clans, bedienen, und nicht im Mindesten irgendeine Hinwendung zu, Zuwendung, Fürsorge für das bedrückte Volk haben. Da hat Bertolt Brecht in den 30er Jahren gesagt: „Die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber.“ Das ist der Prozess, den wir im Moment haben, d.h., es gelingt diesen Superreichen, Supermächtigen tatsächlich, den Widerstand, den man eigentlich gegen die Macht erwartet von populistisch genährten Gruppen, also „gegen die da oben“, die können umgepolt werden, nicht auf sie selbst dort oben, sondern auf Minderheiten, Fremde, Einwanderer, Flüchtlinge, Schwächere. Das ist der Trick, der hier passiert.

SPRECHERIN

Es werden kollektive Sündenböcke angeboten: Feindbilder, gezielt entwickelt, um bestimmte Minderheiten zum Sündenbock für aktuelle Krisenerscheinungen zu machen oder von der eigenen mangelnden oder nachlassenden Legitimation abzulenken.

Eine solche Projektion auf einen Sündenbock kann für die Bevölkerungsmehrheit eine identitätsstiftende Funktion bekommen. Sagt der Politikwissenschaftler Claus Leggewie. 

O-Ton 17 Leggewie (21:25)

Der entscheidende Begriff ist natürlich der der Identität, das ist ja der Catch-all-Begriff, das Passepartout dafür, aller rechten autoritären Nationalisten. Die Vorstellung ist aus der Ich-Psychologie entlehnt und zwar fälschlicherweise. Auch das geht wieder nicht. Ich kann von mir sagen, wer ich bin. Und ich kann mir sagen, dass ich bestimmte Identitätsmerkmale habe, die teilweise übereinstimmen, teilweise auch miteinander im Konflikt sein können. Ob es eine Wir-Identität gibt, ob es so etwas gibt, wie völkische, nationale oder wie auch immer Identität, wage ich stark zu bezweifeln. Ganz einfach deswegen, weil eine solche Menge von Individuen, mit so vielen unterschiedlichen Lebensentwürfen auf keinen Fall eine verbindliche kollektive Identität bekommen kann. 

MUSIK   „In Doubt“; ZEIT: 01:05

SPRECHERIN

Um die Welt zu verstehen, teilt unser Gehirn sie von Kindheit an in Begriffe, Kategorien und Bilder ein: Das ist ein Hund, der bellt „Wau wau“, das ist eine Katze, die maunzt „Miau“. So kategorisieren wir nicht nur andere, sondern sortieren uns auch selbst in dieser Welt ein: 

„Ich bin ein Mädchen, blond, 7 Jahre alt, tanze gerne und möchte mal Schauspielerin werden.“

Dieser grundlegende psychische Prozess findet bei jedem automatisch und ständig statt. Denn diese Bilder haben für unser kognitives System entscheidende Vorteile, wie zum Beispiel schnelles Reagieren in kritischen Momenten. Sie reduzieren die Komplexität der sozialen Welt und tragen entscheidend dazu bei, unsere eigene Identität

zu formen. 

MUSIK ENDE

Die Einteilung der Welt in Schubladen macht es einerseits möglich, mit ihr zurechtzukommen. Andrerseits sollten wir uns vor Augen halten, dass eine verbindliche kollektive Identität gar nicht wirklich existiert. Die Psychologin Helga Schachinger:

O-Ton 18 Schachinger (09:28)

Keine Gruppe, von diesen vielen Gruppen, in die wir Menschen einteilen können, ist eine einheitliche, homogene Masse. Sondern jede Gruppe ist, wenn sie hinreichend groß ist, zerfällt sie in der Regel viele Untergruppen, (...) Und nicht nur gibt es viele Untergruppen in der Regel, sondern jede Gruppe ist de facto ein bunter Haufen aus unterschiedlichsten Individuen mit unterschiedlichen Zielen, die diese Individuen verfolgen, mit unterschiedlichen Eigenschaften, Merkmalen Denkmustern, Meinungen.

SPRECHERIN

„Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.“ Dieses Zitat des Münchner Komikers Karl Valentin ist ein Leitmotiv für die Erfahrungen, die

Migranten machen, jedoch ebenso für uns selbst.

Eine Studie der Krankenkasse IKK classic hat ergeben, dass die Mehrheit der Menschen von Vorurteilen betroffen ist oder war. 

Besonders oft sind LGBTIQ* und Menschen mit körperlichen Einschränkungen betroffen. Menschen mit Migrationshintergrund werden häufiger bei der Wohnungssuche benachteiligt, schlechter bewertet oder man unterstellt ihnen schlechtere Deutschkenntnisse. Die Studie hat außerdem festgestellt, dass ein sichtbarer Zusammenhang zwischen Diskriminierungserfahrungen und Erkrankungen besteht.

Wir alle können bei der Verschiebung negativer Gefühle oder Aufwertung einer Gruppe selbst zu Sündenböcken werden. 

O-Ton 19 Schachinger (16:30)

Und daher ist es so einfach dann mit guter Propaganda sozusagen auch ganze Gruppen zu Sündenböcken und Feindbildern zu machen. Weil dann sind wir die Braven, die eh alles richtig machen, aber die anderen sind die Bösen und da werden wir uns ja bitte wohl verteidigen dürfen. 

SPRECHERIN

Aber unsere Welt ist nicht einfach, sie ist nicht schwarz-weiß. Wenn wir Anderes, Neues, Abweichendes ausblenden, wenn wir unsere Bilder und Kategorien nicht weiterentwickeln können, werden unsere Auffassungen zu Vorurteilen gerinnen: Was nicht in unser Bild passt, „übersehen“ wir, andere einzelne Merkmale werden überbetont, aus vielen unterschiedlichen einzelnen Menschen kann ein kollektiver Sündenbock werden. 

Das wirksamste Mittel gegen Vorurteile ist und bleibt: Kontakt. Wir sollten unsere Identität besser mit als gegen die Anderen entwickeln. 

O-Ton 20 Schachinger (17:25)

Es ist für mich unglaublich: wir haben seit der Steinzeit als Menschheit einen unglaublichen Fortschritt gemacht (…) 17:54 Aber wir haben es nicht geschafft, diese grundlegenden psychologischen Mechanismen von Gut und Böse zu überwinden. Und da sind die Bösen, und wir sind die Guten - und dabei schlagen wir uns jetzt wechselseitig die Schädel ein. 

MUSIK  „Readytoconect“; ZEIT: 01:15

SPRECHERIN

Zur Entwicklung von Vielfalt und Veränderungsfähigkeit nennt Helga Schachinger drei Identitätsebenen:

1. Die individuelle Identität: Wer bin ich und was macht mich einzigartig?

2. Die soziale Identität: Wir sind soziale Wesen und gehören unterschiedlichsten Gruppen an, doch die subjektive Wichtigkeit von sozialen Zugehörigkeiten ist flexibel.

3. Die Globale oder universelle Identität: Wie wäre es, wenn Sie sich als Teil der Menschheitsfamilie sehen?  Eine solche globale Identität fußt auf universellen Gemeinsamkeiten, die wir alle miteinander teilen, wie Gefühle oder Lernfähigkeit.

Umfassende Verbundenheit und Verantwortung statt Abgrenzung und Schuldabwälzung auf Sündenböcke?

Geeint sein in größter Vielfalt und Kooperation - eine unrealistische Utopie? Oder überlebensnotwendig für die Menschheit?


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Auch die touristische Erschließung der Alpen um 1900 spielte eine Rolle für den Krieg in den Bergen. Jordan 4 Man hat immer leistungsfähigere Bahnen gebaut, nicht nur kleine Gebirgsbahnen, sondern auch Vollbahnen: die Semmeringbahn, die Brennerbahn, die Arlbergbahn, die Gotthardbahn. Und so waren Verschiebungen großer Truppenmassen, die für einen Krieg der Moderne unerlässlich waren, schnell und einfach möglich. SPRECHERIN 1 Und so konnte man schnell die große Anzahl an Soldaten, Trägern, Material und Verpflegung, die man für ein ganzes Kriegsdorf wie auf dem Pasubio benötigte, herankarren. Denn eine Kriegsstellung auf einer Anhöhe hat auch strategische Vorteile. Nochmal Alexander Jordan, Autor der Bücher „Krieg um die Alpen“ und „Die deutschen Gebirgstruppen im 1.Weltkrieg“: Jordan 3 Das Besondere ist ja, dass die Umweltbedingungen und das Terrain von jeher die Planung und den Ablauf von militärischen Aktionen beeinflusst haben. 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Faktoren wie Ressourcenlosigkeit, Wege-Armut, schwere Gangbarkeit und plötzlich auftretende Elementarereignisse. Die Ressourcenlosigkeit, die bezieht sich natürlich vor allem auf die Verpflegungs-Quellen für Mann und Tier. Man darf nicht vergessen, dass im Ersten Weltkrieg und insbesondere im Gebirgskrieg die Tiere eine ganz zentrale Rolle im Bereich Nachschub und Logistik ausmachen. Musik 4: Broken by nature (Part 5) – siehe vorn – 55 Sek + Atmos Eiswind SPRECHERIN 1 Und manchmal, wenn die „plötzlich auftretenden Elementarereignisse“, also Stürme, Schneefall, Lawinenabgänge, Temperaturabfälle auf weit unter Null Grad auftraten, dann blieb dieser Nachschub oft aus – gerne auch mal mehrere Tage. ZITATOR Gewaltige Schneemassen bedeckten die Bergflanken, die Temperatur sank oft bis unter 20 Grad Celsius. Um die Truppen zu verpflegen, musste man erst Gassen durch den Schnee brechen und überdies die Fuhrwerke in Schlitten verwandeln. Auf die Höhenstellungen konnte man die Feldküchen nicht hinaufbringen, die Nahrungsmittel mussten unter furchtbarsten Mühsalen täglich hinaufgeschleppt werden. Es kam vor, dass die Truppen lieber ohne Nahrung blieben, als schichtenweise durch metertiefen Schnee bergab und wieder bergauf zu wandern. SPRECHERIN 2 Aus einem österreichisch-ungarischen Feldpostbrief. SPRECHERIN 1 Zwar gab es unter den Soldaten, die das ertragen mussten, einige, die eine besondere Ausbildung für den Krieg im Gebirge erhielten. Oder sie hatten bereits selbst Bergerfahrung... SPRECHERIN 2 Was allerdings manchmal zu absurden Szenen führte: So trafen sich zum Beispiel im Gebiet der Sextner Dolomiten ehemalige Kletterpartner an der Front wieder – auf gegnerischen Seiten! SPRECHERIN 1 Die meisten Soldaten jedoch, die in den Alpen kämpfen mussten, waren alles andere als ausgebildete Alpinisten. Jordan 8 […] da waren Landwehrverbände dabei, die beispielsweise aus Ungarn kamen, aus der ungarischen Puszta, die dann wenn es blöd lief, irgendwo rund um den Ortler in unwirtlichen Gegenden auf fast 4000 Metern kämpfen mussten: in einem Terrain, das ihnen völlig fremd war. Genauso italienische Bauern beispielsweise aus Sizilien oder Süditalien, die mit Gebirge überhaupt nichts am Hut hatten. SPRECHERIN 2 Auch war die Ausrüstung meist mangelhaft und keineswegs ausgelegt für einen längeren Aufenthalt im Hochgebirge - und für Kampfhandlungen dort schon gleich gar nicht: Zu Beginn des Krieges hatten die meisten Soldaten nur Mützen und keine Helme. Was im Fels ein besonderes Risiko darstellt, da Geschosse gerne mal am Stein abprallen oder Steinstücke losschlagen, die dann wiederum selbst wie kleine Geschosse wirken. Musik 5: Herr und Frau Iskue – 55 SEk SPRECHERIN 1 Doch wie kam es überhaupt zu dem Krieg im Gebiet zwischen Ortler, Gardasee, Dolomiten bis hin zum Fluss Isonzo kurz vor der Bucht von Triest? SPRECHERIN 2 Heute ist der Isonzo auch unter seiner slowenischen Bezeichnung Soca bekannt SPRECHERIN 1 Italien war eigentlich bei Kriegsausbruch mit Deutschland und Österreich-Ungarn verbündet. Grundlage hierfür war der sogenannte Dreibund. SPRECHERIN 2 Der Dreibund war ein Defensivbündnis zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und Italien, das seit dem 20.Mai 1882 bestand. Doch mit der Kriegserklärung von Kaiser Franz Josef an Serbien am 28.Juli 1914 beginnt das Bündnis zu wackeln: Jordan 1 + Jordan 2 1914/15 beginnt fast schon so etwas wie ein Geschacher hinter den Kulissen: Italien fordert immer unverhohlener im Gegenzug für die Neutralität österreichische Gebiete. Da gehört vor allem Tirol bis zum Brenner dazu, auch Teile von Dalmatien. Und als unabdingbare Voraussetzung für das Zustandekommen eines Abkommens war die sofortige Abtretung dieser genannten Gebiete. Deutschland hat versucht das zu unterstützen und drängt Österreich auf die Forderungen einzugehen. Es gibt ein schönes Zitat des preußischen Kriegsministers Wild von Hohenborn, der das weit verbreitete Denken in einem Brief an seine Frau schildert. Zitat: “An sich könnte es uns ja wurscht sein, ob Italien von dem sterbenden Kamel Österreich ein Stück Schwanz mehr abhackt oder nicht. Aber die militärische Lage verschärft sich durch das Eingreifen Italiens doch bedenklich.“ Parallel hat eben Italien sehr erfolgreich mit den Entente-Mächten verhandelt und im Londoner Vertrag vom April 1915 kriegt Italien für den später angedachten Friedensschluss große Gebietsgewinne zugesichert. Genau das, was Italien auch gefordert hat: Tirol bis zum Brenner, Triest und Istrien, das nördliche und mittlere Dalmatien. Und so erklärt Italien formell am Pfingstsonntag, im Mai 1915 der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn den Krieg. Musik 6: Night fires – siehe vorn – 35 Sek + Atmo marschierende Soldaten SPRECHERIN 2 Um genau zu sein: Am 23.Mai 1915. SPRECHERIN 1 Kurz darauf schickte Italien seine ersten Soldaten auf die Berghöhen, die die Grenze zwischen Österreich-Ungarn und dem Königreich Italien darstellen. Dasselbe machte das Kaiserreich Österreich-Ungarn, unterstützt von Deutschen Gebirgstruppen SPRECHERIN 2 - die anfangs allerdings noch gar nicht angreifen, sondern lediglich den Verbündeten bei der Verteidigung helfen durften. SPRECHERIN 1 Beide Seiten hatten große Pläne. Jordan 9 Für Italien war das eben der Versuch, über den Isonzo Richtung Wien vorzustoßen und sich dann als entferntes strategisches Ziel mit den Verbündeten über den Balkan zu treffen. Auf Seiten Österreich-Ungarns war die strategische Komponente die Überlegung: Südtirol, das ja wie ein Splitter ins Fleisch Italiens nach Süden hineinschneidet als Ausgangspunkt für eine Offensive zu nehmen in Richtung Venedig und Adria, also am engsten Punkt zwischen der Reichsgrenze und dem Mittelmeer, Italien sozusagen, das Friaul abzudrücken und die Truppen zu isolieren. Musik 7: Promenade of stolen Children 1:30 Min SPRECHERIN 1 Um diese Ziele zu erreichen, schien beiden Kriegsparteien jede Methode recht. Berühmtestes Beispiel des Alpenkriegswahnsinns ist wohl der Col di Lana, ein 2462 Meter hoher Berg in der Dolomitengruppe Fanes. ATMO Sprengung SPRECHERIN 2 Es ist der 17. April 1916. Ein italienischer Alpino zündet um 23:35 Uhr mehr als 5000 Kilogramm Sprengstoff, der vorher in zwei in den Fels gegrabene Minenstollen geschafft wurde. Über diesen Stollen sitzen österreichische Soldaten. SPRECHERIN 1 Noch heute liegen über 100 Österreicher unter dem Schutt, der durch die gewaltige Explosion entstanden ist. Der Minen-Krater ist gut 25 Meter breit, 35 Meter lang und 12 Meter tief. SPRECHERIN 2 Seitdem heißt der Col di Lana auch “Col di Sangue” – zu Deutsch “Blutberg”. SPRECHERIN 1 Doch auch die andere Seite schreckte nicht vor dieser Methode zurück. So sprengten österreichische Truppen ein gutes Jahr später, am 22.Mai 1917 ein Felsband am Kleinen Lagazuoi, keine 15 Kilometer vom Col di Lana entfernt. Um 200.000 Kubikmeter Schutt die Felswand herabstürzen zu lassen, wurden über 30.000 Kilogramm Sprengstoff in diese Höhe geschafft. SPRECHERIN 2 Unvorstellbar, wenn man bedenkt, dass manche Truppen tagelang ohne Munition, Wasser oder Essen ausharren mussten! Musik aus, ATMO Eiswind SPRECHERIN 1 So zum Beispiel einige Kilometer weiter südwestlich, an der Marmolata, mit über 3300 Metern der höchste Dolomitengipfel. SPRECHERIN 2 Aus dem Gipfelbuch: ZITATOR 6.November 1916: Furchtbarer Schneesturm, Träger nicht gekommen SPRECHERIN 2 Darunter: ZITATOR Träger wieder nicht gekommen, greifen die Reserveportionen an SPRECHERIN 2 Wieder darunter: ZITATOR Heute die letzte Konserve verzehrt! Wie wird es morgen? Haben nur Bohnen hier ohne alles Zubehör, sehr traurig! Haben nichts mehr zum Heizen und kein Licht, sitzen völlig im Dunkeln. SPRECHERIN 1 Die Marmolata war zusammen mit der Ortler- und der Adamellogruppe eine besondere Herausforderung für Soldaten des Ersten Weltkriegs. Denn auf den großen Gletschern, die diese Berge beherrschen, gab es keinerlei Möglichkeiten sich vor dem Feind zu verstecken. Deswegen kam der Tiroler Ingenieur Leo Handl auf eine unfassbare Idee: Man könne doch ein Tunnelsystem in den Gletscher bohren – ähnlich wie ein Bergwerk. Musik 8: Broken by nature (Part 5) – siehe vorn – 20 Sek SPRECHERIN 2 Und so entstand im Gletscher der Marmolata die erste Stadt im Eis, in der die Soldaten wohnten und durch Stollen mit Höhenunterschieden bis zu 1000 Metern versorgt wurden. Jordan 13 Das ist ja auch ein unglaubliches Vorgehen, dass man aufgrund der immensen Kälte, der man ausgesetzt war, aufgrund von Stürmen und Schnee und Regen und vor allem auch aufgrund des feindlichen Beschusses beschließt: Man baut als Unterkunft für die Soldaten, aber auch als potenzielles Angriffsgelände eine Art Stadt im Eis, im ewigen Eis der Gletscher. Da kann man heute leider nichts mehr sehen, das ist, denke ich, trotz allem ein Gelände, wo man es vielleicht so ein bisschen erahnen kann, vor welchen Schwierigkeiten und Herausforderungen die Soldaten beider Seiten standen. SPRECHERIN 1 Auch wenn man in den Stollen der Witterung deutlich weniger ausgesetzt war als an der Oberfläche, so war das Leben in der Gletscherstollenstadt keineswegs so gemütlich, rein und weiß, wie man es sich vielleicht vorstellt. Musik 7: Into the open 40 Sek ZITATOR Beim Eingang hat das Eis ein grünliches Aussehen, je weiter man in den Stollen kommt, desto dunkler wird es, bis es dann ganz schwarz und finster ist. Ein Gehen ohne Licht war fast unmöglich. Zur Beleuchtung dienten größtenteils Fackeln, die aber so viel Rauch entwickelten, dass man vom Ruß ganz schwarz wurde. Bei Abzweigungen waren Orientierungstafeln angebracht, da ein Zurechtfinden sonst ziemlich ausgeschlossen gewesen wäre. SPRECHERIN 2 Tagebuch eines unbekannten k.u.k.-Soldaten SPRECHERIN 1 Trotz der Orientierungstafeln verliefen sich immer wieder Soldaten in dem Stollengewirr. Manche verschwanden sogar für immer. Denn ein Gletscher ist kein starres Gebilde, sondern bewegt sich unentwegt. Und so entstanden immer wieder neue Spalten und Klüfte, die kurz zuvor noch gar nicht vorhanden waren. SPRECHERIN 2 Überhaupt waren die Naturgewalten für viele Opfer im Gebirgskrieg 1915-1918 verantwortlich. So kamen allein in der Nacht vom 12. auf den 13.Dezember 1916 um die 6000 österreichische Soldaten in Lawinen um. Woanders verhungerten oder erfroren Soldaten, ohne jemals ihr Gewehr benutzt zu haben. SPRECHERIN 1 Auch kam es immer wieder zu absurden Vorfällen wie zu dem am 17.März 1917 in der Ortlergruppe. Musik 8: Herr und Frau Iskue – siehe vorn – 38 Sek SPRECHERIN 2 Da verschwindet auf einmal ein Soldat der italienischen Alpini von der Bildfläche. Wie vom Erdboden – oder besser gesagt Eisboden – verschluckt. Denn unter ihm haben Österreicher einen Stollen bis auf 3500 Meter hoch gegraben. Nur ist die Eisdecke über Ihnen so dünn, dass der italienische Soldat ganz unvermittelt eingebrochen ist. SPRECHERIN 1 Die gerade mit Graben beschäftigten Österreicher fanden sich so unvermittelt in einem Nahkampf wieder. Ebenso die völlig überraschten Italiener. MUSIK 9: Mountain brass (c ) - siehe vorn – 38 Sek SPRECHERIN 1 Zurück zum italienischen Dorf auf dem Pasubio. SPRECHERIN 2 Die gleiche Szenerie wie zu Beginn, ein halbes Jahr später: Es ist Oktober 1917. Der Ort am Fels ist gewachsen, die zusammengeschusterten Häuser sind inzwischen durch Wege und Steinmauern verbunden, auf Dächern, Mauern und Leinen zwischen den Unterkünften ist überall Wäsche zum Trocknen aufgehängt. Die Sonne scheint, alles ist trocken, kein Schnee weit und breit. Überall sind Soldaten zu sehen, die Wäsche aufhängen. Ein fast schon idyllisches Bild! Musik 10: Night fires – siehe vorn – 1:25 Min SPRECHRIN 1 Doch der Schein trügt. In jenem Oktober begann am Pasubio ein grausames Gefecht: Der Minenkampf. SPRECHERIN 2 Bereits am 2.Oktober 1917 sprengten italienische Truppen mit sage und schreibe 16.000 Kilo Sprengstoff einen noch heute erkennbaren Trichter von 40m Durchmesser und 20 Meter Tiefe in den Berg. In einen österreichischen Stollen drangen dabei Gase ein und töteten 12 Soldaten. SPRECHERIN 1 Drei Wochen später begann ein wahrer Reigen der Minensprengungen. Am 29.Oktober starben dabei über 30 Italiener. SPRECHERIN 2 Am Heilgen Abend luden die Österreicher erneut unter die italienische Platte über 6000 Kilogramm Sprengstoff und sprengten mehr als 50 Italiener in die Luft. SPRECHERIN 1 Nachdem am 13. März 1918 die mit 50.000 Kilogramm Sprengstoff größte Mine des gesamten Gebirgskriegs die ganze Frontseite der italienischen Platte am Pasubio zum Einsturz brachte, beendeten beide Seiten ihre Minentätigkeiten. SPRECHERIN 2 Geländegewinne hatte all dies nicht gebracht. SPRECHERIN 1 Knapp 8 Monate später, am 4.November 1918, endete der Krieg zwischen Italien und Österreich-Ungarn und somit der Krieg in den Hochlagen der Alpen. SPRECHERIN 2 Was hat das alles am Ende gebracht? War irgendetwas davon kriegsentscheidend? SPRECHERIN 1 Die wirklich entscheidenden Schlachten wurden woanders gefochten. Jordan 10 Ja, die Frage, ob der Krieg in den Alpen kriegsentscheidend war, oder ob man sich das nicht hätte sparen können, ist für einen Historiker etwas schwierig zu beantworten. Bei Kriegen ist es prinzipiell ja so, dass die nicht durch einzelne Schlachten gewonnen oder verloren werden, sei es jetzt durch diese oder jene Isonzoschlacht oder durch den Versuch der Mai-Offensive 1916 der Österreicher. Aber es werden manchmal an besonderen Orten die Weichen für den Ausgang eines Krieges gestellt. Letzten Endes war der ganze Krieg natürlich ein unglaubliches Morden und Schlachten in ganz Europa. Und die Sinnhaftigkeit des Ganzen sei dahingestellt. SPRECHERIN 2 Was bleibt vom sinnlosen Sterben in einer der schönsten Landschaften Europas? SPRECHERIN 1 Tatsächlich waren die Bauten und Befestigungen des Ersten Weltkriegs förderlich für den wachsenden Tourismus im Alpenraum, der bereits in den 1920er Jahren zu einer Massenbewegung wurde. SPRECHERIN 2 So begann man bereits 1921 auf dem Pasubio aus einer noch gut erhaltenen Steinbaracke eine Unterkunftshütte für Bergwanderer zu bauen. Sie ist bequem über eine Straße zu erreichen, die von Februar 1917 bis Dezember 1917 gebaut wurde, die „Strada delle 52 Gallerie“, die „Straße der 52 Tunnel“. Jordan 11 Ein ganz wichtiger Punkt ist meines Erachtens auch der Ausbau von Feldbahnen, von kleinen Eisenbahnen, die dann teils weiter genutzt wurden, aber noch viel stärker von Seilbahnen, die während des Ersten Weltkriegs an vielen Hochgebirgsabschnitten und Gebirgsabschnitten die Lebensadern zur Front waren. Das zeigt sich, wenn sie die Grenze entlang gehen, vom Stilfserjoch bis hinüber in die Dolomiten ein. Selbst auch am Isonzo wurden entsprechende Seilbahnen zur Versorgung der Truppen gebaut. Und diese Infrastruktur - Wege, Seilbahnen, auch Unterkünfte, die teilweise noch gebaut wurden. Die können natürlich nach dem Krieg weitergenutzt werden und sind Grundlage dann auch für ein quantitativ aufwachsendes Feld des Tourismus. Musik 11: Broken by nature (Part 5) – siehe vorn – 55 Sek SPRECHERIN 1 Ein weiteres Überbleibsel aus dem Ersten Weltkrieg sind die Denk- und Mahnmäler, wie zum Beispiel auf dem Monte Grappa. Und natürlich die zahlreichen Soldatenfriedhöfe. Jordan 14 Überhaupt sind diese Friedhöfe, die Sie entlang der Fronten von damals finden, Zeugen des Krieges und Zeugen von Tod und Leid und insofern Punkte, die wir heute auch besuchen sollten, um uns dessen gewahr werden, wie schlimm der Krieg ist - egal, ob es der erste Weltkrieg ist oder aktuelle Kriege. Es ist immer mit Tod und Leid verbunden, und insofern sollten wir alles dransetzen, das auch für die Zukunft in einem Miteinander zu vermeiden.

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