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RadiowissenBayerischer Rundfunk

Staatenlosigkeit - Ohne Schutz und Rechte?

03.09.2025 · 21 Min.

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Über diese Folge

Die meisten haben sie ohne darüber nachzudenken: Eine Staatsangehörigkeit. Wer sie dagegen verliert oder nie hatte, kommt immer wieder in Schwierigkeiten - zum Beispiel beim Reisen.

Autor/in dieser Folge: Linus Lüring
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Christian Baumann, Andreas Neumann
Technik: Andreas Lucke
Redaktion: Thomas Morawetz

Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

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Literaturtipps:
Arendt, Hannah (1955): Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Frankfurt/Main: Europäische Verlagsanstalt.
Beyer, Judith (2022): The common sense of expert activists: practitioners, scholars, and the problem of statelessness in Europe. In: Dialectical Anthropology (2022).
Gosewinkel, Dieter (2021): Struggles for Belonging. Citizenship in Europe, 1900-2020. Oxford: Oxford University Press.

Interviewpartner/innen dieser Folge:
Dr. Judith Beyer, Professorin für Ethnologie, Universität Konstanz;
Dr. Roland Bank, Leiter Rechtsabteilung UNHCR Deutschland;
Christiana Bukalo, Staatenlose und Gründerin von „Staatefree e.V.“;
Dr. Dieter Gosewinkel, Professor für neuere Geschichte an der FU Berlin, Wissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

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O-Ton 1: Ulfert Focken "Wir sind hier in der Aquakultur Forschungsanlage des Thünen-Instituts für Fischereiökologie in Bremerhaven." ATMO: Thünen-Institut / Sicherheitsschleuse Sprecherin: Sagt Professor Ulfert Focken. Wir stehen mit dem Spezialisten für Aquakultur und Fischernährung hinter der Sicherheitsschleuse im Erdgeschoss. Ein leicht muffiger Geruch liegt in der Luft – wegen der Feuchtigkeit, erklärt der Wissenschaftler. In gut einem Dutzend Wasserbassins schwimmen verschiedene Fischarten unterschiedlicher Größe: O-Ton 2: Ulfert Focken "Hier sind verschiedene Becken von zahlreichen Aquarien mit circa 50 Litern bis hin zu Becken mit zwei Meter 50 Durchmesser, wo wir Tiere des warmen Bereiches halten. Das sind hier bei uns in erster Linie Karpfen und daneben auch tropische Garnelen, die sogenannte Pazifische Weißwein-Garnele. Wir machen hier Forschung in erster Linie zur Haltung und Fütterung dieser Arten." MUSIK 1 ( SINE - Lost And Never Found 0’37) Sprecherin: Seit gut 30 Jahren beschäftigt sich Focken mit Aquakulturen, also der Erzeugung von Organismen, die im Wasser leben. Im Gegensatz zur Fangfischerei werden in der Aquakultur Fische wie zum Beispiel Lachse, Karpfen oder Doraden, aber auch Krebstiere, Muscheln und Algen unter kontrollierten Bedingungen aufgezogen. Aquakultur ist sozusagen Landwirtschaft unter Wasser. Für Focken wie auch für seinen Kollegen Professor Reinhold Hanel sind Aquakulturen für die Welternährung unverzichtbar: O-Ton 3: Reinhold Hanel "Wir werden sehr oft gefragt: Aquakultur - ja oder nein? Diese Frage wird immer nur in Deutschland gestellt. Weltweit würde die niemand stellen, weil man müsste, um sozusagen dieselbe Frage auf die Landwirtschaft umzumünzen, zu sagen, Landwirtschaft ja oder nein. Und die Frage würde niemand ernsthaft stellen. Sondern man redet dann über Schweinezucht oder über Geflügel oder irgendwelche Ackerfrüchte. Aber man stellt nicht grundsätzlich die Ernährungsproduktion des Menschen infrage. Und die Aquakultur hat in vielen Kontinenten, gerade in Asien, einen Stellenwert, der dem der Agrikultur, der Landwirtschaft, entspricht." MUSIK 2 ( SINE - Lost And Never Found 0’36) Sprecherin: Reinhold Hanel leitet das Thünen-Instituts für Fischereiökologie; es ist eines von drei Instituten, die im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft die Fischerei erforschen. Er ist Experte für den europäischen Aal, für Biodiversität, Populationsgenetik und Aquakultur: O-Ton 4: Reinhold Hanel "Und ohne Aquakultur hätten wir keine Chance, den Menschen zu ernähren. Und eine steigende Weltbevölkerung, also die Zunahme an Nahrungsmitteln, sieht die Welternährungsorganisation fast ausschließlich über eine Zunahme der Aquakultur. Wir müssen also Wasser, Meeresflächen, aber auch Binnengewässer teilweise noch stärker als bisher für die Nahrungsmittelproduktion nutzen, wenn wir eine steigende Weltbevölkerung in ausreichendem Maße mit Nahrung beliefern wollen." ATMO Thünen Institut / Aquakulturanlage Sprecherin: Aber ist die Produktion jeder Fischart sinnvoll und nachhaltig, um alle Menschen satt zu bekommen? Was ist etwa mit dem in Deutschland und vielen anderen Ländern beliebtesten Speisefisch, dem Lachs? O-Ton 5: Reinhold Hanel "Der Lachs hat nun mal ein relativ hohes Grundbedürfnis an Nahrungsqualität als Fleischfresser. Aber dasselbe gilt natürlich auch für den Thunfisch - vor allem der aus dem Farming kommt, also der sozusagen gemästet wird. Und dasselbe gilt natürlich auch für die Dorade und für den Wolfsbarsch. Das sind alles Fische, die nicht für die Welternährung gezüchtet werden, sondern um einen Nischenmarkt zu bedienen." ATMO Thünen Institut / Aquakulturanlage Sprecherin: Das Futter ist das mit Abstand wichtigste Instrument, mit dem die Fischfarmen Wachstum und Gesundheit der Tiere steuern können. Auch deswegen erforscht das Thünen-Institut hier in Bremerhaven vor allem das Futter und seine Auswirkungen auf Zuchtfische: O-Ton 6: Ulfert Focken "Das Erkenntnisinteresse aktuell liegt nicht in der Züchtung. Das sind zwar die Ursprünge dieser Arbeitsgruppe von Anfang der 1960er-Jahre, wo man versucht hat, den grätenarmen Karpfen zu züchten. Bei uns geht es um die Untersuchung zur Fütterung und zur Umweltwirkung. Denn ein Futter, was schlecht verwertet ist, produziert natürlich mehr Ausscheidungen als ein hochwertiges Futter." MUSIK 3 ( SINE – Always 0’48) Sprecherin: Haben die Fischfarmen die Jungfische erst einmal von der Brutstation zum Mästen in die Käfige im Meer, Fluss oder in den Teich transportiert, können sie die Wassertemperatur nicht mehr regulieren, die Fische nicht mehr impfen – und: auch einzelne Tiere nicht mehr isolieren. In der Mäst-Phase bestimmen vor allem Wassertemperatur und -qualität das Wachstum der Tiere – aber eben auch und vor allem das Futter. Das hat heute eine ganz andere Zusammensetzung als noch vor einigen Jahren, erklärt Ulfert Focken: O-Ton 7: Ulfert Focken "In den 1980er-Jahren, als die industrielle Lachszucht in Norwegen begann, bestand das Lachsfutter noch zu circa 50 Prozent aus Fischmehl und 10 bis 15 Prozent Fischöl. Und zu dieser Zeit wurden, um ein Kilogramm Lachs zu produzieren, vier bis fünf Kilogramm Sardinen, Sardellen und ähnliche Fische gebraucht, die dann zu Fischmehl und Fischöl verarbeitet wurden. Inzwischen ist die Lachsproduktion weltweit aber größer als der Fang von Fischen zur Fischmehl-Erzeugung. Und im Laufe der Zeit ist der Fischmehl-Anteil im Futter auf unter zehn Prozent gesunken." MUSIK 4 ( SINE – Always 0’32) Sprecherin: Raubfische wie Thunfisch, Dorade, Wolfsbarsch oder Lachs ernähren sich in ihrem natürlichen Habitat von anderen Fischen und Krebsen. Wenn der Lachs aber in der Aquakultur nicht einmal mehr zehn Prozent Fischanteil im Futter bekommt, woraus bestehen die anderen 90 Prozent seiner Nahrung in der Mästung? Ulfert Focken: O-Ton 8: Ulfert Focken "Es sind einerseits in gewissen Mengen Tiermehle, aber der überwiegende Teil sind Pflanzenproteine. Und da in erster Linie eben Soja basierende Proteine. Das ist natürlich keine natürliche Nahrung für den Lachs. Und wenn wir den Lachsen wie auch vielen anderen Fischen einfach rohes Sojamehl geben, dann führt es zu chronischer Darmentzündung." ATMO Hafen / Möwen Sprecherin: Das bedeutet: Das pflanzliche Futter muss industriell aufbereitet werden, um die Proteine zu isolieren – und um das Sojafutter vom anderen Ende der Welt, aus Südamerika, in die Fischzuchtanlagen in Norwegen, Island oder dem Mittelmeer zu transportieren. Zur Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung sind Raubfische daher wenig nachhaltig. Gleichwohl haben die wissenschaftlichen Untersuchungen des Thünen-Instituts die Vorzüge von Fischzucht ganz grundsätzlich nachgewiesen – vor allem, was die Nachhaltigkeit betrifft, sagt Fischerei-Ökologe Hanel. Denn für Aquakulturen … O-Ton 9: Reinhold Hanel "… braucht man deutlich weniger Ressourcen als für terrestrische Organismen, also für Rind, Schwein, Huhn. Eine bessere Energiebilanz haben teilweise Insekten als Fisch. Aber Fisch eignet sich sehr gut, um mit relativ wenig Energie-Input relativ viel an Nahrung zu produzieren." ATMO: Musikakzent Sprecherin: Ortswechsel. Die Westfjorde im Nordwesten von Island: eine Halbinsel mit zerklüfteten Küsten, knapp 400 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Reykjavik. ATMO Meer + Verkehr Sprecherin: Jón Kaldal steht am Arnarfjörður Fjord. Der Isländer arbeitet für den Icelandic Wildlife Fund. Die Nicht-Regierungs-Organisation engagiert sich für den Umweltschutz, vor allem für Meer und Fische. Kaldal schaut besorgt auf die Fischfarm: 12 kreisrunde Netze, jedes 200 Meter im Durchmesser, die 400 Meter vom Ufer entfernt im Wasser liegen: O-Ton 10: Jón Kaldal "In this small location … whole Iceland wild population." VO 1.1: Allein an diesem kleinen Standort gibt es etwa 1,2 Millionen Zuchtlachse. Das ist 20-mal mehr als die gesamte isländische Wildpopulation. ATMO Fjord + Blubbern Sprecherin: Wie auf einer Perlenkette aneinandergereiht, schaukeln die nach oben offenen, kreisrunden Plastikgehege auf den Wellen. Von oben sieht das alles unspektakulär aus, doch das täuscht. ATMO Collage Musikakzent + Geräusche Fjord Sprecherin: Unter der Meeresoberfläche ist es eine unterseeische Industrie-Mastfarm. In jedem einzelnen der zwölf Netze schwimmen 100.000 Lachse. Jón Kaldal zeigt auf einen Ponton inmitten der Anlage. Darauf befindet sich ein containerartiges Gebäude: ein Futterautomat, der über Plastikrohre industriell produziertes Fischfutter in die riesigen Netze schießt: O-Ton 11: Jón Kaldal "They put the juveniles … this fast-growing rate." VO 1.2: Sie setzen die Jungtiere ins Netz, wenn sie zwischen 120 und 200 Gramm wiegen. Danach bleiben sie 18 Monate in der Zuchtanlage. Wenn die Lachse zwischen sechs und acht Kilo wiegen, werden sie geschlachtet. Davor werden sie unentwegt gefüttert. Die Zuchtlachse wachsen derart schnell, dass einige von ihnen missgebildet sind. Denn das Skelett kann mit dem schnellen Wachstum nicht mithalten. ATMO Vögel + Schritte Sprecherin: Umweltschützer Kaldal greift in seine Jackentasche und holt sein Smartphone heraus. Er zeigt uns Fotos von Lachsen in einer Fischtreppe, aufgenommen von einer Fotofalle. Auf dem ersten Bild kehrt ein ausgewachsener wilder Lachs aus dem Atlantik zur Paarung zurück – in genau den Fluss, in dem er selbst vor Jahren geboren wurde. Auf dem zweiten Foto schwimmt ein Zuchtlachs. Er ist noch nie über das Plastiknetz im Fjord hinausgekommen – bis er fliehen konnte und die Fotofalle auslöste: O-Ton 12: Jón Kaldal "The main thing is… as a healthy one." VO 1.3: Was man sofort erkennt: Der Wildlachs ist lang, sieht ein bisschen wie ein Torpedo aus. Am selben Tag wurde der entkommene Zuchtlachs aufgenommen. Und Sie können ganz deutlich sehen, wie er sich unterscheidet: Er ist viel gedrungener. Die Schwanzflosse des Zuchtlachses ist missgebildet und klein; dieses Tier sieht einfach nicht gesund aus. MUSIK 5 ( Slagr – First Frost 0’50) Sprecherin: Der wilde Lachs ist lang und muskulös: ein Raubfisch mit kräftiger, breiter Schwanzflosse, die er auf den vielen tausend Kilometern Reise durch Islands Flüsse und den Atlantik herausgebildet hat. Die braucht er auch, um die isländischen Flüsse hinauf ins Brutgebiet schwimmen zu können. Ganz anders der von Menschenhand gezüchtete Lachs auf dem zweiten Foto: Seine Schwanzflosse ist viel kleiner und nicht sehr ausgeprägt. Er hat sein gesamtes Leben in Gefangenschaft verbracht: erst in der Aufzuchtstation an Land, später in dem Plastiknetz der Zuchtlachsfirma. Gejagt hat dieser Raubfisch nie. Für Jón Kaldal sind Zucht- und Wildlachs zwei komplett verschiedene Fische, die auf keinen Fall Nachfahren zeugen sollten: ATMO Bach O-Ton 13: Jón Kaldal "You have an offspring … of the salmon industry." VO 1.4: Du hast dann Nachkommen, die nicht an ein Leben in der Wildnis angepasst sind. Ähnlich wie die Nachkommen eines Pudels und eines Wolfs: Die wären auch nicht in der Lage, in der freien Wildbahn zu leben. Und das würde auch mit den Lachsen passieren: Es handelt sich ja um ein domestiziertes Tier mit domestizierten Genen, das sich trotzdem fortpflanzen und mit dem Wildtier vermischen kann. Das ist die schreckliche Seite der Lachsindustrie. ATMO Bach Sprecherin: Was die Isländerinnen und Isländer vor allem beunruhigt: Dass die aus den Unterwassergehegen entkommenen Zuchtlachse sich in den Flüssen Islands mit dem wilden Lachs paaren – mit der Folge, dass die Zuchtlachse sich in die Population der freilebenden Island-Lachse einkreuzen. Die genetischen Eigenschaften der Zuchtfische sind zwar für die Massenproduktion geeignet, reichen aber nicht für das Überleben in der Natur. Denn es sind unterschiedliche Lachsarten: Der Zuchtfisch stammt aus Norwegen, die Lachsfarmen befruchten und vermehren ihn seit vielen Jahren künstlich - in Brutstationen an Land. Etwa 3.500 geschlechtsreife norwegische Zuchtlachse sollen entkommen sein. ATMO Auto + Kirchenglocken Sprecherin: Ísafjörður, ganz im Norden der Westfjorde: Hier ist das Büro von Arctic Fish. Das Unternehmen gehört mehrheitlich dem norwegischen Mowi-Konzern – es ist der Betrieb, aus dem die Zuchtlachse entkommen sind. Vor 50 Jahren gelang es dem größten Zuchtlachskonzern der Welt, Lachsbrut künstlich zu befruchten und sie in Meeresnetzen aufzuziehen. Seitdem ziehen die Norweger mit ihrem lukrativen Geschäftsmodell durch die Lachsreviere der Welt. Doch wie konnten die Zuchtlachse überhaupt aus den Gehegen entweichen – und wie schädigt das den Wildbestand? Geschäftsführer Daniel Jakobsson antwortet ausweichend: O-Ton 14: Daníel Jakobsson "I am not a biologist … sea pens." VO 2.1: Ich bin kein Biologe, aber das isländische Meeresforschungsinstitut sagt uns: 3.500 entkommene Zuchtlachse würden dem Wildlachs auf Island nicht schaden. Das heißt aber nicht, dass es in Ordnung ist, wenn unsere Lachse entweichen. Unser Ziel ist es, die Tiere sicher in den Gehegen zu halten. Das tun wir nun schon seit zehn Jahren mit guten Ergebnissen. Natürlich sind wir nicht stolz darauf, dass Lachse entkommen konnten. Es gab Unzulänglichkeiten – und ein Risiko, das mit den Unterwassernetzen aus Plastik verbunden ist. ATMO Collage Musikakzent "Iceland" + Atmo Sprecherin: Arctic Fish habe alles im Griff, das zumindest suggeriert Daníel Jakobsson. Naturschutzorganisationen sehen das anders – und weisen auch auf die Lachslaus hin. Dieser kleine, acht bis 12 Millimeter lange Parasit breitet sich in Norwegens Zuchtlachsgehegen aus, lebt von Schleim, Haut, Muskeln und Blut der Lachse. ATMO Auto innen Sprecherin: Zwei Autostunden von Ísafjörður entfernt: Wir treffen Elvar Friðriksson am Ufer des Langadalsá. Ein paar Meter neben dem Fluss steht eine Anglerhütte mitten in der Wildnis. Vor der Tür zeigt uns Friðriksson ein Dutzend toter Lachse: O-Ton 15: Elvar Friðriksson "This is lice … rivers." VO 3.1: Das sind Lachsläuse; seht Ihr, wie sie sich bis in den Schädel gefressen haben? Und schaut euch die Flosse an, die ist ganz zerrissen. Das ist ein untrügliches Zeichen für einen Zuchtlachs. Und wenn ihr euch die Flosse genauer anschaut: Bei einem Wildlachs wäre diese erheblich größer und spitzer. Schließlich ist sie für das Schwimmen gegen starke Strömung und in Flüssen gemacht. ATMO Leute Sprecherin: Elvar Friðriksson ist Geschäftsführer des North Atlantic Salmon Fund, einer Nicht-Regierungs-Organisation. Der Naturschützer erklärt uns, was es mit den Tierkadavern auf sich hat: Es handelt sich um die entflohenen Zuchtlachse aus den Netzen von Arctic Fish. Das Unternehmen hat extra norwegische Taucher einfliegen lassen, die diese Zuchtlachse aufspüren und töten sollen. So will man verhindern, dass sich Zucht- und Wildlachs paaren. Sigurdur Thorvsalds steht neben Elvar Friðriksson vor der Anglerhütte. Er betreut Angeltouristen, die viel Geld bezahlen, um wilde Lachse zu fangen. Sigurdur Thorvsalds hat Angst, dass erst der wilde Lachs und dann die Touristen ausbleiben könnten: O-Ton 16: Sigurdur Thorvsalds "We took a picture … we have to stop it now." VO 4.1: Wir haben ein Foto gemacht. Darauf kann man erkennen, dass ein Wild- und ein Zuchtlachs sich paaren. Das ist schrecklich. Versteht Ihr? So könnte uns der Wildlachs verloren gehen, durch das Meer wandern und vielleicht nie mehr hierherkommen. Das müssen wir jetzt stoppen! Sprecherin: Nicht nur Sigurdur Thorvsalds, auch Wissenschaftler und Naturschützer sind überzeugt: Wenn sich der norwegische Zuchtlachs immer weiter mit dem isländischen Wildlachs kreuzt, dann verliert der heimische Lachs Teile seiner Eigenschaften als kräftige, wilde Fischart. Und der Wildlachs würde es dann womöglich irgendwann nicht mehr durch den Atlantik zurück in die isländischen Flüsse schaffen. ATMO Musikakzent "Permafrost" Sprecherin Auch wenn die Lachszucht mit ihren Absatzmärkten in Europa und den USA ein äußerst profitables Geschäft ist: Zur Welternährung trägt sie vergleichsweise wenig bei. Seit Mitte der 1980er-Jahre hat sich der weltweite Fischkonsum mehr als verdoppelt. Das liegt ausschließlich an der Aquakultur: Vor 40 Jahren hatte Aquakultur einen Anteil von nicht einmal zehn Prozent am weltweiten Fischkonsum. 2020 stammte bereits jeder zweite weltweit konsumierte Fisch aus Aquakultur. Vor allem in Asien boomt sie: 2020 produzierte Asien neunzehn Mal mehr Fisch aus Aquakultur als Europa. China züchtete mit etwa 37 Millionen Tonnen mit Abstand den meisten Fisch aus Aquakultur. Und während in Europa die Fischzucht im Meer deutlich größer ist als die inländische Fischproduktion, ist es in Asien genau andersrum: Hier dominiert die inländische Fischzucht, vor allem von Graskarpfen, auch Weißer Amur, Grasfisch oder Chinakrapfen genannt: ein Pflanzenfresser, der in China schon seit dem zehnten Jahrhundert gezüchtet wird. ATMO Fischerei-Hafen Bremerhaven / Thünen Institut Sprecherin: Zurück in Bremerhaven im Thünen-Institut für Fischereiökologie: Wir wollen wissen, was die Forschung darüber weiß, wie sich Lachse in der Aquakultur fühlen. Für die Fischindustrie ist es hoch profitabel, wenn 100.000 Exemplare einer Art monatelang dicht zusammengedrängt in einem kleinen Netz leben und dann geschlachtet werden. Doch wie geht es den Fischen selbst? Institutsleiter Reinhold Hanel: O-Ton 17: Reinhold Hanel "Das Thema Tierwohl wird immer bedeutender und ist auch ein Hauptgegenstand unserer Forschung. Das Fühlen ist ein schwieriger Begriff in der biologischen Forschung. Es ging sehr lange darum, ob Fische Schmerz empfinden können, beispielsweise. Auch ein sehr, sehr schwieriger Begriff in der Biologie, weil Schmerz über lange Zeit nur dem Menschen zugestanden wurde. Aber mittlerweile hat sich doch bei vielen Wissenschaftlern zumindest der Gedanke durchgesetzt, dass Tiere sehr wohl zu Schmerzempfinden fähig sind. Und dann ging es darum, ob das auch Fischen zugestanden wird. Und mittlerweile geht die Diskussion doch oder die weitläufige Meinung doch eher dahin, dass auch Fischen ein Schmerzempfinden nachgesagt wird." MUSIK 6 ( Slagr – Quiet Rain 0’50) Sprecherin: Allerdings, schränkt Wissenschaftler Hanel ein, gebe es in der Science-Community Stimmen, die der Meinung sind: Bei Reaktionen, die Fische auf Verletzungen zeigen, handele es sich nicht um Schmerz im menschlichen Sinne, sondern eher um eine Reaktion des Körpers. Und von daher gehe die Diskussion: Schmerz Ja oder Nein eher in die philosophische Richtung. Weil Schmerz oder Stress setze eigentlich Bewusstsein voraus. Und Bewusstsein gestehen manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Tieren nicht zu, so Hanel. Andere sehen das anders und forschen inzwischen sogar zur Individualität unter Fischen und der Frage, ob es in einem Fischschwarm unterschiedliche Charaktere gäbe. O-Ton 18: Reinhold Hanel "Aber das andere ist die Konsumentenwahrnehmung. Das hat nicht immer nur etwas mit Rationalität zu tun, sondern auch viel mit Psychologie. Das heißt, es werden dann Dinge, die man von anderen Nutztieren kennt, zum Beispiel aus der Hühnerhaltung, also Haltungsdichte, werden sehr häufig auf Fische projiziert. Da kommen auch sehr häufig falsche Wahrnehmungen dazu - in dem Glauben, dass je weniger dicht zum Beispiel Fische gehalten werden, umso besser geht es ihnen, was nicht immer der Fall ist, sondern das hängt sehr, sehr stark von der Art ab und der speziellen Biologie einer Art. Es geht nicht um das Wohlfühlverhalten von einzelnen Fischen. Wobei das auch vielen Menschen ein Anliegen ist. Sondern es geht auch darum: Die Einhaltung des Tierwohls führt zu einer Verbesserung der Tiergesundheit, unter Umständen zu einer Reduktion von Arzneimitteln und ähnlichem und damit auch direkt in die Produktqualität und damit auch für wirklich etwas Messbares und Verständliches auch für den Konsumenten." ATMO Collage Atmo Aquakulturanlage + Musikzent Sprecherin: Und wenn man das alles bedenkt: Welcher Fisch ist tatsächlich nachhaltig – wenn man als Konsument die Auswirkungen auf Natur und Fische berücksichtigen will? O-Ton 19: Reinhold Hanel "Wer ihn unter ökologischen Gesichtspunkten konsumiert, der landet dann beim Karpfen, der auch nicht modrig sein muss. Oder eben auch bei importierten Fischarten wie der Tilapia. Die kann ich genauso gut auf den Grill tun wie eine Dorade. Aber der ökologische Fußabdruck von einer Tilapia, die im Süßwasser, in Teichen produziert worden ist, ist deutlich geringer als von einer Dorade aus der Netz-Käfighaltung im Mittelmeer." Sprecherin: Auch Karpfen und Tilapia können in der Massenhaltung Krankheiten bekommen und müssen dann medikamentös oder mit Impfstoffen behandelt werden. Aber generell, sagt Wissenschaftler Reinhold Hanel, essen Verbraucher mit diesen beiden Süßwasserfischen aus der Teichhaltung gesund und schonen obendrein die Umwelt.

  • Bergbauern - Nachhaltig aus Tradition

    03.09.2025 · 23 Min.

    Bergbauern haben die einzigartige alpine Landschaft entscheidend geprägt - und pflegen diese bis heute. Doch was auf den ersten Blick einfach und ursprünglich wirkt, ist ein komplexer und vielfältiger Job, der auf der Erfahrung vieler Generationen fußt. Credits Autor dieser Folge: Lukas Grasberger Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Katja Schild, Johannes Hitzelberger Technik: Simon Lobenhofer Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Regina Hölzl, Bergbäuerin und Sennerin auf der Schellenbergalm, Waakirchen Nikolaus Schreyer, Bergbauer, Fischbachau Klaus Einwanger, Fotograf und Autor des Bandes „Bergbauern“, Rosenheimem. Prof. Markus Schermer, Arbeitsgruppe Agrar- und Regionalsoziologie und früher stv. Leiter des Forschungszentrums Berglandwirtschaft Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Der Beginn der Landwirtschaft - Alles Natur HIER Berghütten früher und heute - Schutzhaus in luftiger Höhe HIER Nutztierställe im Wandel - Eine Frage der Haltung HIER Was bringt nachhaltige Ernährung? HIER Die Geschichte der Bergretter - Helden und Heldinnen der Alpen HIER Bergsturz - Bedrohte Berge HIER Der Berg - Abgründige Erhabenheit HIER Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: IQ Wissenschaft und Forschung - Alles Natur: Bergwelten HIER Linktipps: Berglandwirtschaft , Universität Innsbrung HIER Artenvielfalt dank Almbewirtschaftung, Höhere Bundeslehr- und Forschungsanstalt für Landwirtschaft Raumberg-Gumpenstein HIER Literaturtipp: Bergbauern - Fotografien von Klaus Maria Einwanger HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin: Es ist ein Samstag-Nachmittag wie gemalt im oberbayerischen Mangfallgebirge: Markant ragen Bergspitzen in den wolkenlosen Himmel, darunter Wald, dazwischen saftiggrüne Wiesen, auf denen gemächlich Braun- und Fleckvieh grast. Atmo Kuhglocken auf Alm, Wanderer unterhalten sich Sprecher: Mittendrin im Alpen-Panorama, auf der Schellenbergalm, hat serviert die Bergbäuerin Regina Hölzl einem halben Dutzend Wanderinnen und Wanderern ihre letzten Getränke. Von dem Kaffee, den Regina Hölzl frühmorgens aufgebrüht hat, sind nur noch ein paar Schluck in der alten Plastikkanne - die sich die Wanderer dennoch dankbar teilen. O-Ton 1 Regina Hölzl, Bergbäuerin, Sennerin auf der Schellenbergalm „Fließend heißes Wasser,ein Wasserkocher, Kaffeevollautomat, ist halt ned so! Auch wenn ich eine Tasse Tee will: Feuermachen! Der muss eine Stunde warten, bis ich wieder Feuer gemacht hab. Und dann denke ich mir: Das mache ich aber auch ned, weil: Dieser Energieaufwand! Dass ich für eine Tasse Kaffee - nur weil dieser Wanderer jetzt den Wunsch äußert…. Ich denke, das schadet gar net, wenn man sich mit den Ressourcen ein bisserl auseinandersetzt, und nicht immer in Hülle und Fülle lebt. Das ist auf 1500 Meter Höhe eine ganz andere Liga...ganz andere Gedanken, die man sich da machen muss“ Sprecher Der Blick der Bergbäuerin wandert über die Almlandschaft. Wie auch der der Urlauber, die sich kaum an der Natur sattsehen können. Und doch: Es ist kein schweigendes Einvernehmen, kein gemeinsames Genießen des Almweide-Idylls. Denn Regina Hölzl sieht die Kühe mit anderen Augen, nimmt deren Glockengeläut anders wahr als die Ausflügler neben ihr, auf der Holzbank des Almbauernhofs. O-Ton 2 Hölzl „Das Gebiet ist so groß und unübersichtlich, durch die Buckel und Leiten, du siehst sie ja nicht….Dann schau ich zuerst einmal mit dem Fernglas. Ich sehs ja zuerst einmal nur von der Farbe - oder der Glocke her. Die haben alle Glocken dran, das ist ohne Glocken dran da heroben absolut nicht zu bewältigen. Dann spitze ich die Ohren: „Wo ist das Geläut von den Kuhglocken?“ Sprecher Ein gutes Gehör, Voraussicht und Weitblick, die seien das A und O in der Almwirtschaft, sagt Regina Hölzl. Dazu komme ein Gespür für Gefahr. O-Ton 3 Hölzl „Das ist auch ein ganz wichtiger Job für den Senner – oder denjenigen, der da heroben die Tiere anvertraut kriegt, dass der im Blick hat: Ups, das könnte gefährlich werden, da muss ich einschreiten, die muss ich jetzt da herunterholen. Die jungen Viecher am Steilgelände...weil das schönste Graserl wächst am Stoa... da fangen die an, dass sie mehr steigen, dass sie sich verzetteln und noch höher wollen. Und dann kommt´s auch vor, dass die nimmer rauskommen. “ Sprecher: Es kommt vor, dass eine Kuh am Steilhang stolpert und abstürzt. Da Zufahrtswege zu hochgelegenen Almen selten sind, muss zuweilen ein Hubschrauber kommen, um das verletzte oder tote Tier zu bergen. M The good, the bad, the ugly 1 Länge: 1´00´´ Sprecherin: Um dies zu vermeiden, wird Jungvieh bereits im Tal in eine Art Weide-Schule geschickt, erklärt Klaus Schreyer. Der Bergbauer hat einen Hof in Fischbachau, bewirtschaftet gemeinsam mit einem Kollegen - aber auch eine Hochalm im Rotwandgebirge. O-Ton 4 Klaus Schreyer, Bergbauer, Fischbachau „Ich hab zur Leitzach hin eine Hanglage mit fünf Hektar, und da werden die zum Vortraining geschickt, für die Alm. Die Viecher müssen lernen, aus einem Wassergefäß zu trinken, oder, ich hab darunten einen Bach, dass sie auch mal aus einem Bach raustrinken. Und müssen sich rein in der Fläche fortbringen mit dem Fressen. Man muss sich Zeit nehmen, und sie zum richtigen Zeitpunkt rausbringen, dass sie das auch erlernen. Sprecherin Im September endet der Almsommer. Bis dahin müssen Bergbauern es schaffen, dass ihre Kühe die Weideflächen gleichmäßig abfressen. Doch auch zu früh dürfen sie die Tiere nicht auf die Alm treiben. O-Ton 5 Schreyer „Dann passiert das, dass ich eine Überbestoßung hab, das heißt, eine zu große Viehdichte. Dann wächst mir zu wenig nach, und dann mache ich meine Fläche kaputt. Das ist so schwierig, da muss man selber ein Fingerspitzengefühl dafür kriegen. Ich muss so viel raufkriegen, dass meine Fläche nicht kaputtgeht. Und so viel auch, dass kein Überbestand kommt, vom Grasbestand her. Weil wenn das nimmer abgefressen wird, dann kommen Unkräuter, und die dürfen ja nicht kommen.“ M Im stillen Tal Länge: 0´34´´ Sprecher Klaus Schreyer hält auf dem Sunnara-Hof und seiner Alm 50 Kühe, seine Kollegin Regina Hölzl ist auf der Schellenbergalm verantwortlich für zwei ausgewachsene Milchkühe, 16 Stück Jungvieh und zwei Kälbchen. Dazu kommen fünf Ziegen, zwei Hennen und ein Hahn. Doch als Sennerin hilft Hölzl nur aus. Sonst bewirtschaftet die sehnige, temperamentvolle Frau mit ihrer Familie einen Bergbauernhof im nahen Waakirchen, mit 30 Milchkühen und kleinen Kälbern. Sprecherin Damit ist der Hölzl-Hof einer von gut 14.000 Bauernhöfen mit „Betriebssitz in den Alpenlandkreisen und Flächen innerhalb der Berggebietskulisse“, wie es das bayerische Landwirtschaftsministerium in seinem Agrarbericht 2024 formuliert. Die Zahl der Bergbauern im engeren Sinn dürfte indes deutlich geringer ausfallen, sagt Klaus Maria Einwanger. Der Fotograf aus Rosenheim hat acht Bergbauernfamilien über mehrere Jahre begleitet – und dazu ein Buch veröffentlicht. O-Ton 6 Klaus Maria Einwanger, Fotograf und Herausgeber Bildband „Bergbauern“ „Es gibt ja diesen EU-Begriff...Also Bergbauer ist entweder über 700 Meter oder über 500 Höhenmeter mit einer gewissen Hangneigung. Manche sind wirklich so, dass sie einfach ihren Hof am Hang haben. Das heißt, die haben natürlich ganz andere Voraussetzungen wie jemand in der Ebene drin und ergänzen ihren Betrieb dann nochmal mit Almbetrieb. Das ist einmal der offizielle Begriff. Trotzdem hat natürlich jeder Landwirt eine gewachsene Struktur, und lebt das auch komplett unterschiedlich. Jeder Landwirt ist komplett anders sozialisiert, aufgestellt von der Alm, von dem Hof und von der Familienstruktur.“ Sprecher Die Geschichte des Hofs von Klaus Schreyer, den Klaus Einwanger in seinem Buch porträtiert hat, ist bis zum Jahr 1452 dokumentiert. M Little adventures Länge: 0´34´´ Sprecherin Einzelne Bauern indes wagten sich bereits vor 4000 Jahren in die Berge. Doch erst die wachsende Bevölkerung vom 13. bis zum 16. Jahrhundert führte dazu, dass landwirtschaftliche Flächen im Tal knapp wurden – und Bauern in größerer Zahl ihr Heil in den Bergen suchten. Dazu forschte der Professor für Agrar- und Regionalsoziologie Markus Schermer, früher am Forschungszentrum Berglandwirtschaft der Universität Innsbruck: O-Ton 7 em. Prof. Markus Schermer, Forschungszentrum Berglandwirtschaft, Uni Innsbruck „Der Mensch hat mit den Almen die natürliche Waldgrenze ungefähr um 100 Meter heruntergesetzt. Und hat da eben gerodet. Und hat da oben eben möglichst viel Fläche freigemacht, damit möglichst viele Tiere im Sommer da oben ihr Futter finden“ O-Ton 8 Einwanger „Und dann ging es wirklich darum, dass man jetzt nicht mehr aufhören darf, die Berge zu pflegen. Weil das sonst letztendlich sehr, sehr schnell und sehr, sehr stark in Murenabgängen, in Lawinenabgängen münden wird. Weil selbst Wiesenflächen, die nicht benutzt werden, müssen gepflegt werden, damit das Gras nicht zu lang wird - und das nicht zu einer Rutschpartie für den Schnee wird.“ Atmo Kühe Sprecherin Die Almweiden der Schellenbergalm sind keine monotonen, robusten Wiesen, die für den Landwirt leicht zu pflegen sind. Die Weideflächen ziehen sich über steile Hänge, werden immer wieder durchbrochen von Wanderwegen oder Trampelpfaden der Kühe. Der Almboden ist wie eine dünne, sensible Haut der Erde, die sich durch Wind, Wetter und Steinschlag im alpinen Gelände ständig verändert. Und den ein Bergbauer – oder eine Sennerin wie Regina Hölzl - zum Wohl der Weide wie zum Schutz seines Viehs ebenso ständig im Blick haben muss. M Little adventures Länge: 0´39´´ Sprecher Dazu gehören auch regelmäßige Kontrollgänge entlang der Zäune und zu den Wasserstellen. Ist nach einem Regen Geröll hineingeraten, sind sie verschlammt, oder durch den Kot von Wild verschmutzt? Dann muss Regina Hölzl sie sauber machen. Oft sind Zäune durch Wind und Wetter oder übermütiges Vieh beschädigt – und müssen repariert werden. Doch die mühevolle Kleinarbeit, die die Almbauern täglich vollbringen, um die Weiden frei und sicher zu halten – sie allein reicht nicht aus. Um die Berglandschaft zu pflegen, bedarf es zusätzlich einer ganz speziellen Kulturtechnik. O-Ton 9 Hölzl „Schwenden sagt man da, was gemacht wird auf den Almen. Das ist ein richtig schöner Ausdruck, ((gibt gar keinen Ersatzausdruck für „Schwenden“.)) Schwenden heißt, dass diese Latschen, Büsche, Fichten, die diese Weiden verwuchern, weil man´s einfach nicht geschafft hat an der Größe, an der Weite der Flächen – macht man so Aktionen...und die werden wieder freigelegt, Almflächen meistens verbrannt!“ M Alptraumpanorama Länge: 0´45´´ Sprecher Gleich Fackeln ragen die Feuer zur Zeit des Schwendens aus den Berghängen. Rauchschwaden durchwabern den Wald, und tauchen die Almlandschaft in unwirkliches Licht. Der Fotograf Klaus Einwanger war beim Schwenden dabei – und beeindruckt davon, mit wie viel Aufwand und Know-How die Almbauern die Urgewalt des Feuers zähmen. O-Ton 10 Einwanger „Das ist unglaublich aufwendig. Da gehen zehn, zwölf, 15 Mann los in dem Fall und machen einen Tag das „Schwenden“. Also die fällen Bäume. Diese Stämme, wir waren ungefähr 40 Minuten von der Hütte weg, müssten alle per Hubschrauber ausgeflogen werden. Und das ist natürlich ökologisch ein gleicher Wahnsinn. Sie müssen aber auch verbrannt werden, weil wenn sie zum Verrotten dagelassen werden würden, dann würde das genauso wieder zuwuchern. Wir hätten Käferbefall und wir hätten einfach Oasen des Verfaulens. Und dann gehen die vier, fünf Wochen später hoch und brennen diese Holzhaufen, die sie gebildet haben, ab, um eben diesen Recyclingprozess, dass das Holz wieder zu Asche wird, somit auch wieder zurückgeführt werden kann in die Natur.“ (sehr abgerissen!) M Alptraumpanorama Länge: 0´28´´ Sprecherin Die Almwirtschaft erfordert spezielle Kenntnisse, dem fragilen kleinteiligen alpinen Lebensraum angepasst, oder ihm abgerungen. Einem Wissen, das auf den Erfahrungen der Vorfahren beruht. Sprecher Ein Wissen, das angehende Bergbauern in Schule oder landwirtschaftlichem Studium oft nicht lernten, sagt Klaus Schreyer. Ein Wissen, das man über Generationen bewahrt habe - und das sich bewährt hat, ergänzt Regina Hölzl: Die Bewirtschaftung von Alm und Alp zwängen Bergbauern seit Jahrhunderten dazu, innovativ zu denken. Wie etwa schafften es frühere Generationen auf der Schellenbergalm, dass ihnen die Milch auch ohne Kühlschrank nicht schlecht wurde? Die Sennerin führt eine steile Holztreppe hinab, in den Keller der Almhütte. Atmo Schritte, gehen auf hölzerner Kellertreppe O-Ton 11 Hölzl „Ich hab einen Keller mit Wasserfall. (lacht) Des hoast so: Der Keller hat keinen Boden ned. Der hat nur einen Kiesboden drin, da kommt vom Berg her zu 90 Prozent immer natürliches Wasser eina. Und je höher die Luftfeuchtigkeit, um so kühler das Ganze... Sehr schlau gedacht, sehr innovativ, mitdenkt. Wie bringe ich das hin, dass ich auch auf 1500 Meter ohne Strom Lebensmittel haltbar machen kann?“ Sprecher Dass es sich bei „ihrer“ Milch um ein besonders kostbares Lebensmittel handelt – das steht für die Bäuerin außer Frage. Nach Analysen der Forschungsanstalt Raumberg-Gumpenstein, einer Einrichtung des österreichischen Landwirtschaftsministeriums, enthält die Milch von Kühen, die auf Bergwiesen und Almen weiden, tatsächlich einen besonders hohen Anteil an gesunden Omega-3-Fettsäuren sowie an Vitaminen und Mineralstoffen. M Im stillen Tal 0´52´´ Sprecherin: Die Art und Weise, wie Almkühe fressen, befördert Forschern zufolge auch die Artenvielfalt. Demnach halten die grasenden Kühe, Schafe und Ziegen den Pflanzenbestand niedrig. Das Gros der lichtbedürftigen Blumen und Kräuter bekommt dadurch genug Sonne, um zu wachsen und zu gedeihen. Werden diese von Kühen gefressen und wieder ausgeschieden, so versorgt dies den Almboden mit wichtigen Nährstoffen. Treten Kühe Löcher in diesen Boden, so können darin eingetragene Pflanzensamen keimen. Schließlich transportieren die Tiere Samen in ihrem Fell bis in die entlegensten Winkel der Alm, an Raine, in Übergänge zu Wald und Fels, die unwegsam sind, aber ein wahres Refugium der Biodiversität. Der Innsbrucker Professor Markus Schermer: O-Ton 12 Schermer „Wir wissen, dass in den Rändern von bestimmten Landschaftsteilen die höchste Biodiversität ist. Also am Waldrand, oder den Feldrändern...diese Randbereiche sind ganz besonders wichtig. Und deswegen auch diese Flurgeholzstreifen und solche Dinge die eben wichtige Lebensräume darstellen. Dass diese offenen Flächen ganz wichtig für das Wasserregime sind, dass da mehr Wasser in den Boden hineinsickern kann, als wenn das Waldflächen sind, weil in den Waldflächen die Verdunstung auch höher ist.“ Sprecher Markus Schermer, der lange am Forschungszentrum Berglandwirtschaft der Universität Innsbruck geforscht hat, spricht es aus, dieses: „Was wäre wenn?“ Sprecherin Was wäre, wenn die Almgegenden nicht mehr von Bauern bewirtschaftet würden: Wie würden sie aussehen? Welche Folgen hätte dies für Fauna und Flora von Alpen und Voralpenland, welche für diese gewachsene Kulturlandschaft von und mit der Menschen seit hunderten von Jahren leben? Atmo Hof/Alm Sprecher Klaus Schreyer steht vor seinem Hof, auf einer leichten Anhöhe, so dass er seine Streuobstwiesen überblickt, dahinter sanft-hügelige, voralpine Landschaft wie aus dem Fremdenverkehrsprospekt. Ganz zufrieden ist er dennoch nicht. O-Ton 13 Schreyer „Es ist halt dann ein enormer Strukturwandel in der Gegend, weil die ganze Landschaftsprägung ändert sich dann. (…) Vor mir ist der Schwarzenberg. Wo ich jetzt Wald sehe bei mir, bis rauf zum Gipfel war das Weidelandschaft. Ich unterhalt mich ja auch oft mit norddeutschen Touristen, wenn die bei uns da sind, also Gäste, und die sagen: Das einmalige an der Gegend ist halt, weil der Übergang so ist. Man hat eigentlich schon relativ kleinstrukturierte Flächen, und hat auch die Waldränder. Haglandschaft heißt das bei uns. Und das gibt’s ja da oben fast nicht“ Sprecherin Dass einzigartige Berg-Landschaften nach und nach verschwinden – es ist ein nicht weit hergeholtes Szenario. Ihr Rückgang begann Markus Schermer zufolge, als die Almwirtschaft, vor gut 50 Jahren, unter Druck geriet. O-Ton 14 Schermer „Das war an und für sich schon etwas, was man in den frühen 70er Jahren beobachten konnte, dass die Bergbetriebe die Modernisierungsverlierer sind. Dass sie also nicht so mit der Mechanisierung, Intensivierung, Spezialisierung mithalten konnten, die man also nach dem Zweiten Weltkrieg allgemein in der Landwirtschaft durchgeführt hat.“ Sprecher Klaus Schreyer hat das Sterben der Höfe in seiner Nachbarschaft hautnah miterlebt. O-Ton 15 Schreyer „Brunnfeld heißt der ganze Ort, und das waren einmal acht Bauern in Brunnfeld. Und jetzt sind wir noch der Einzige.“ Sprecher Dass es seinen „Sunnara“-Hof noch gibt: Das hat Schreyer der Um- und Weitsicht seiner Vorfahren zu verdanken, die das Anwesen nach und nach bis zu einer überlebensfähigen Größe erweiterten: Von 5 Kühen in der Frühzeit des Hofs auf heute fast 50. Klaus Schreyer schließlich investierte weniger in Quantität - sondern in die Qualität der Tierhaltung. O-Ton 16 Schreyer „Wir haben dann einen neuen Stall gebaut, der ist auch jetzt wieder 34 Jahre all. Und dortmals habe ich natürlich schon eine riesige Revolution gebrochen, da im Leitzachtal, weil ich hab den ersten Laufstall gebaut. Also bei mir laufen die Kühe schon frei. Weil ich hab kein Anbindehaltesystem gefunden, wo sich eine Kuh richtig wohlfühlt.“ Sprecherin Die Anbindehaltung, bei der Vieh das ganze Jahr über im Stall angebunden bleibt, soll aus Tierschutzgründen in einigen Jahren nicht mehr erlaubt sein. Dies schreckte zunächst auch Bergbauern auf, die Kombihaltung betreiben. Dabei haben die Kühe im Sommer – wie bei Regina Hölzl auf der Schellenbergalm – Weidegang. Im Winter im Tal, oder abends und nachts, werden sie im Stall angebunden. Atmo Jungkuh kommt in Stall der Schellenbergalm getrottet O-Ton 17 Hölzl „Da kommt die Guggi, die will in den Stall… Das ist eins von den Kälbern, die am Spätnachmittag selber heimgeht...“ Sprecher Eine junge Kuh kommt in den niedrigen Stall getrottet, stellt sich an ihren Platz – und wartet darauf, von Regina Hölzl angebunden zu werden. O-Ton 18 Hölzl „Das ist ein Braunvieh, und die weiß auch, dass sie schön ist. Die ist sehr eitel, ja. Die wird jetzt über Nacht in dem Stall angehängt, damit sie ihren festen Platz hat, damit sie ihre Ruhe hat, damit sie die großen Kühe einfach in Ruhe lassen. (…) Des sind Alphatiere, das sind Herdentiere. Die große Kuh neben dem kleinen Kaibal: die schafft da drin an. Das Kälbchen kann nicht aus. Und so hat sie ihren Platz, darf da bleiben über Nacht, und kriegt ihre Portion Heu.“ Sprecherin Eine solche Kombihaltung soll auch nach einer Neufassung des Tierschutzgesetzes möglich sein. Unmut gab es zuletzt darüber, den Winterauslauf von Rindern verpflichtend zu regeln. Für Almbauern, die ihr Vieh ohnehin wann und wo möglich ins Freie ließen, noch eine Regulierung mehr, klagt Regina Hölzl. Sie berät mittlerweile Kolleginnen und Kollegen im komplizierten Klein-Klein der Düngeverordnung. O-Ton 19 Hölzl „Es sind diese Vorschriften, die´s einem so leidig machen. Es ist enger geworden, es sind viel mehr Vorschriften geworden. Oder dieser Bleistift, die Subventionen, es wird immer wieder minimalisiert: Dabei muss ich ja investieren, Rücklagen bilden. Die allermeisten Betriebe haben noch irgendein Standbein: Ein Schankrecht, eine Ferienwohnung im Tal, damit man „Urlaub auf dem Bauernhof“ noch mitnehmen kann.“ Sprecherin Sich breiter aufstellen, etwa durch touristische Angebote: Dies sei eine Möglichkeit für Bergbauern, das Überleben zu sichern, sagt Agrarsoziologe Markus Schermer. Eine andere liege in mehr Spezialisierung. Durch Direktvermarktung oder ökologisches Wirtschaften könnten sie höhere Preise erzielen. Schließlich könnten sie ihre Betriebskosten geringer halten: Etwa durch Zusammenschlüsse wie Maschinenringe oder Genossenschaften. Doch so gut sich ein Bergbauer neu aufstellt - ohne einen weiteren Faktor würde es laut Schermer wohl nicht gehen: Ohne Subventionen, mit denen die EU - wie auch das Land Bayern mit einem speziellen Bergbauernprogramm – die Almwirtschaft fördern. Sprecher Der Wert der Subventionen für die Bergbauern: Er lasse sich nicht in Heller und Pfennig berechnen, sagt Markus Schermer. Denn die kleinbäuerliche Landwirtschaft in Alpen und Voralpen sei vernetzt, bilde eine bäuerliche Subkultur, einen Kitt auch für die Gemeinschaft, und eine gemeinsame Identität in den Dörfern. O-Ton 20 Schermer „Ich komme immer mehr zu dem Schluss, dass wir neben einer Biodiversitätsförderung auch eine Soziodiversitätsförderung brauchen. Das heißt, wir sollten gesellschaftliche Organisationsformen und Lebensformen erhalten und deren Habitat erhalten, die eine Alternative zu unserem Leben und Wirtschaftsweisen, zu unserer kapitalistischen Lebens- und Wirtschaftsweise bieten. Ob das jetzt regional ist, wie die Bergbauern und Bergbauerninnen, oder ob das global ist. Aber im Prinzip ist es etwas, was mich in den letzten Jahren etwas mehr beschäftigt, dass wir mit unserer Wirtschaftsweise eigentlich die letzten Bereiche, die Alternativen dazu böten, kaputt machen. Dass unsere dominante Wirtschaftsweise eigentlich die Alternativen ausradiert, die wir so sehr brauchen würden für eine Transformation in Richtung sozial-ökologischer Nachhaltigkeit.“ M Weltverdruss 1´27´´ Sprecher Sie verspüre den Auftrag, das Wissen und die Erfahrung der Ahnen weiterzugeben, sagt die Bergbäuerin Regina Hölzl: Nicht nur an die nächste Generation der Bergbauern, sondern auch an die Gesellschaft. Als „Erlebnisbäuerin“ bringt sie Schülerinnen und Schülern das Leben der alpinen Landwirtschaft näher. Aber auch Wanderern auf der Schellenbergalm, die bei der Bergbäuerin Regina Hölzl Nachhaltigkeit hautnah erleben können. O-Ton 21 Hölzl „Das, was gottseidank wieder moderner geworden ist: Dass man sich wieder bewusster mit den Ressourcen auseinandersetzt, umgeht und die auch schätzt. Das erlebe ich da oben immer wieder: wenn ich die Butter jetzt rühre in diesem Butterfass, und es sind zufällig Wanderer da, und die sagen: Was machst du den Da? Ja ich mach einen Butter. Woah, dürfen wir zuschauen? Woah schmeckt die gut! Und es geht einem selber auch so, dass man das leider ein bisschen vergessen hat: Dass das von einer gesunden Kuh ist, die frisches Wasser braucht. Und wie viel Energie, wie viel Liebe, wie viel Handarbeit da dahintersteckt. Wie gern man das macht, und mit was für einem souveränen Wissen das auch gemacht wird. Es wird einem schon bewusst, was das für ein bereichernder Aufwand ist, bis man das Stückerl Butter dann da hat. Und das kriegt dann einen ganz anderen Stellenwert.

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